Ein Gespräch mit „Submarino“-Autor Jonas T. Bengtsson

Noch bevor ich meine erste Frage stellen kann, erzählt Jonas T. Bengtsson mir in der Lobby des Grand Hotel Esplanade von der vor wenigen Stunden erfolgten Premiere von „Submarino“ auf der Berlinale im Wettbewerb.

Der Roman „Submarino“

In dem Noir „Submarino“ erzählt Bengtsson von zwei jungen Männern, die nach ihrer Adoption zu Brüdern erklärt wurden. Ihre Jugend verbrachten sie in Pflegeheimen und -familien. Jetzt ist der eine ein Junkie, der versucht seinem Sohn ein normales Leben zu geben. Dafür wird er zum Drogenhändler. Der andere verbringt seine Zeit, nach einer Haftstrafe, in einem Fitness-Studio, übernimmt Prügeljobs und begeht kleinere Verbrechen. Eines Tages fällt ihm ein Obdachloser auf, den er von früher als den Bruder seiner großen Liebe kennt. Er will ihm helfen.

Als Bengtsson mit dem Schreiben von „Submarino“ begann, wusste er nicht, wie die Geschichte endet. Er begann mit einigen Charakteren und Themen.

Doch schon schnell entwarf er die Struktur des Romans und damit auch das Ende. In der ersten Hälfte „Ivan“ steht Nick und sein Versuch dem Obdachlosen Ivan zu helfen, im Mittelpunkt. In der zweiten, längeren Hälfte, „Martin“, erzählt er die Geschichte von Nicks Bruder und seinem Sohn Martin.

Ich wollte zwei nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen. Sie sollten sich aber beeinflussen“, erklärt Bengtsson. „Sie sind verbunden durch das schlimme Ereignis in ihrer Kindheit und die Themen Vaterschaft und Liebe. Ich erzähle eine griechische Trägodie im heutigen Kopenhagen.“

Für beide Brüder ist die Vergangenheit sehr lebendig und sie unterbricht immer wieder den Fluss der Erzählung, ohne dass „Submarino“ zu einem sich aus bedeutungslosen Splittern zusammensetzendem Werk wird. In ihrem Leben gibt es zwischen der Gegenwart und den Traumata der Vergangenheit keinen Bruch. Das liegt weniger daran, dass für sie die Vergangenheit noch lebendig ist, sondern mehr daran, dass sie kein Ziel habe. Ihr Leben ist statisch.

Sie haben vielleicht, wie Nick, viele Bekannte, aber keine Freunde. Bengtsson erzählt von Menschen, denen wir täglich in der Großstadt auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen, die aber nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen: „Es sind Menschen, die am Rand unseres Bewusstseins leben.“

Insofern könne „Submarino“, so Bengtsson, auch in einer anderen nordeuropäischen Großstadt spielen. Aber in Marokko würde die Geschichte der beiden Brüder nicht funktionieren, weil sie dann mit vollkommen anderen Problemen zu kämpfen hätten. Dort müssten sie um ihr überleben kämpfen, aber in Kopenhagen (wo „Submarino“ spielt) gäbe es ein soziales Netz mit Übergangswohnheimen und Familienbetreuern. Die beiden Brüder haben ihr Leben als Verbrecher und Süchtige selbst gewählt. Aber sie versuchen, aus dem Leben auszubrechen. Denn, so Bengtsson: „Niemand ist eine Insel.“

Allerdings haben sie in ihrer hoffnungslos verkorksten Erziehung kein Instrumentarium zum Bewältigen von Problemen erlernt. Daher enden all ihre Bemühungen unglücklich.

Sie versuchen das Beste zu tun. Aber es führt sie, auf verschiedenen Wegen, ins Gefängnis. Dabei haben sie durchaus edle Motive. Der eine will einem Freund helfen, der als Penner auf der Straße lebt. Der andere will seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Dafür wird der Junkie zum Drogenhändler.

In „Submarino“ zeichnet Bengtsson einen Zirkel von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, der durch den Titel und die Erklärung des Titels noch verstärkt wird. „Submarino“ (U-Boot) ist eine in Chile während der Pinochet-Diktatur angewandte Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. In den vergangenen Jahren erlangte das sehr ähnliche „Waterboarding“ wieder traurige Berühmtheit.

Weil die Geschichten der Brüder schlecht ausgehen, zeigt Bengtsson in „Submarino“ einen fast schon deterministischen, sich von Generation zu Generation fortpflanzenden Zyklus von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Diese fatalistische Lesart gefällt Bengtsson nicht.

Denn, so Bengtsson: „Ich wollte nicht generalisieren. Der Roman ist keine Aussage über die Welt. Ich war an den beiden Brüdern und ihrem individuellem Kampf interessiert. Denn in ‚Submarino‘ gibt niemand auf.“

Sie sind am Anfang isoliert und versuchen wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. So will Nick das Richtige tun, aber das Ergebnis ist fatal und sogar die von ihm gewünschte Buße wird ihm vom Staat verwehrt.

Ich wollte, dass es etwas anonym und zeitlos ist“ erklärt Bengtsson die auf den ersten Blick vorhandene Austauschbarkeit der Orte. Denn Straßen, Fitnessstudios und MacDonalds gibt es in jeder größeren Stadt. „Dennoch sind die Orte für mich und meine Freunde gut erkennbar.“

Das Schreiben als alleinerziehender Vater

Am liebsten würde er nachts schreiben. Aber mit einem vierjährigem Sohn gehe das nicht, erklärt der alleinerziehende Vater. Nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, müsse erst einmal ein, zwei Stunden ausspannen und wenn er danach mit dem Schreiben begönne, wäre er am nächsten Tag zu müde.

Deshalb schreibt er seinen dritten Roman vor allem tagsüber. Er ist strukturell an ein Märchen (vor allem aus dem slavischen und deutschen Sprachraum) angelehnt, wird umfangreicher als „Submarino“ sein und soll in Dänemark gegen Jahresende erscheinen.

Viel Zeit verwende er wieder auf die Struktur. Die Geschichte als eine Abfolge von Plottwists, Wendepunkten, Set-ups und Pay-offs, interessiert ihn weniger. Das wirke auf ihn beim Lesen von Romanen oft zu mechanisch und zu sophisticated. Er versuche dagegen möglichst natürlich zu erzählen.

Für Bengtsson ist ein Kind der beste reality check den es gibt. Im Moment liebt sein Sohn Superhelden und Bengtsson bekennt freimütig: „Ich könnte wahrscheinlich mehr über Superhelden als über meine Bücher reden.“

Und wir unterhalten uns dann einige Minuten über Superman, Spiderman und Batman, der Bengtsson immer besser als die braveren Superhelden gefallen hat. Entsprechend gut gefällt ihm auch Frank Millers Reinterpretation von Batman und – Bengtsson ist ein großer Robert-Downey-jr.-Fan – Iron-Man.

‚Der Pate“ und „25 Stunden‘ waren gute Romanverfilmungen“, sagt Bengtsson. David Benioffs gleichnamiger Roman habe ihm auch gefallen. Dessen zweiter Roman „Stadt der Diebe“ erinnerte ihn dann zu sehr an eine Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch. Er ist ein Freund von kürzeren Romanen, gerne unter zweihundert Seiten, und der Kurzgeschichten von Heinrich Böll.

Die Verfilmung von „Submarino“

Thomas Vinterberg war an den Charakteren und den Themen von ‚Submarino‘ interessiert. Ich hatte das starke Gefühl, dass er wirklich an dem Buch interessiert war“, sagt Bengtsson. Vinterberg ist bei uns als Mitbegründer der „Dogma“-Bewegung bekannt. Zusammen mit anderen Filmemachern, wie Lars von Trier, stellten sie Mitte der Neunziger ein Reinheitsgebot für Filme auf, gegen das sie dann mehr oder weniger bewusst verstießen. Vinterberg drehte den auch kommerziell erfolgreichen „Dogma“-Film „Das Fest“, „It’s all about Love“ und „Dear Wendy“.

Bengtssons erster positiver Eindruck bestätigte sich. Er war für den Autor einer Vorlage ungewöhnlich stark in die Produktion involviert. Er zeigte Vinterberg die Schauplätze von seinem Roman. Er las mehrere Drehbuchfassungen und er war auch öfters bei den Dreharbeiten.

Wenn die Dreharbeiten nicht im Januar gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich jeden Tag am Set gewesen“, bekennt er freimütig und auch der so entstandene Film gefällt ihm sehr gut.

Die Premiere von „Submarino“ war wenige Stunden vor unserem Gespräch auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. „Die Leute waren während der Vorstellung ganz still.“ Danach wurde gefeiert.

Die ersten Kritiken für das düstere Drama fallen positiv aus. „Submarino“ wird frühestens im Herbst in den deutschen Kinos laufen. Ein Starttermin steht noch nicht fest.

Jonas T. Bengtsson: Submarino

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Tropen Verlag, 2009

384 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Submarino

People’s Press, Kopenhagen 2007

Verfilmung

Submarino (Dänemark 2010)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg

mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Marten Rose, Gustav Fischer Kjærulff

Hinweise

Homepage von Jonas T. Bengtsson

Dänische Homepage zum Film

Berlinale: Programminformationen zu „Submarino“

Match Factory: Homepage und Presseheft zu „Submarino“

One Response to Ein Gespräch mit „Submarino“-Autor Jonas T. Bengtsson

  1. […] Während der Berlinale hatte ich den Jonas T. Bengtsson getroffen und mit ihm über “Submarino”, die Verfilmung von Thomas V… […]

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