Der „Tatort“, der Mord, der Geschlechtsverkehr und – die schlimmste aller Sünden – die nackten Männer

Zum vierzigjährigem „Tatort“-Jubiläum wurde wieder einmal überall gemurmelt, der „Tatort“ sei auch eine Kultur- und Sittengeschichte der Bundesrepublik. Dennis Gräf, der erst vor kurzem seine Dissertation „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“ veröffentlicht hat, und sein Doktorvater Hans Krah versuchen in dem Bändchen „Sex & Crime“ nachzuzeichnen, wie im „Tatort“ in den vergangenen Jahrzehnten Sexualität gezeigt wurde und wie sich verändernde Moralvorstellungen im „Tatort“ auswirkten.

Es geht von den freizügigen Siebzigern und dem damals noch existierendem Bürgertum über die Schimanski-Jahre hin zur derzeitigen Prüderie. Die oft allein lebenden Ermittler haben heute ein sehr überschaubares Sexualleben. Und wenn sie sich doch einmal verlieben, übersteht die Beziehung die Episode nicht.

Und die anderen? Die Mörder? Die Opfer?

Nun, so Gräf und Krah: „Sex funktioniert als Maßstab, an dem moralische Kompetenz gemessen werden kann.“ Ergo: viel Sex = gleich niedrige soziale Kompetenz = Täter oder Opfer.

Dabei werden von den „Tatort“-Machern auch Sexualpraktiken und Delikte als Begründung für spätere Morde herangezogen, die nicht im Strafgesetzbuch stehen. In „Delikt: Nackter Mann“ zeigen die beiden Autoren, wozu diese „Tatort“-Praxis führen kann: danach mindert Nacktheit bei Männern, vor allem in der Post-Schimanski-Ära (der durfte sich noch nackt zeigen), deren Überlebenschancen rapide. Absurd, aber wahr.

Entsprechend wenig überraschend ist das von Gräf und Krah am Schluss von „Sex & Crime – Ein Streifzug durch die ‚Sittengeschichte‘ des TATORT“ gezogene Fazit, wonach der „Tatort“ „eine grundlegende Nähe zu konservativen Weltmodellen aufweist“.

Als Grund dafür vermuten sie „die Verortung des ‚Tatort‘ in den Massenmedien (…), die in der Regel lediglich konsensuale Weltentwürfe zulassen und Extreme vermeiden. Der ‚Tatort‘ ist demnach immer auch eine (moralische) Kompromissbildung, eine Schnittmenge dessen, was gesellschaftlich an Abweichung existiert und was davon medial vermittelbar und akzeptabel ist – bzw., was von den Machern dafür gehalten wird.“

Und da scheinen die „Tatort“-Macher heute den Zuschauern immer weniger zuzumuten.

Links oder aufklärerisch, zwei ebenfalls im Zusammenhang mit dem „Tatort“ gerne benutzte Floskeln, ist dieses Bestätigen der herrschenden Moral nicht. Jedenfalls nicht in den von Gräf und Krah für ihre Argumentation herangezogenen „Tatorten“. Denn auch wenn man das Fazit intuitiv einleuchtend findet, bleibt immer auch der Eindruck bestehen, dass einfach die, teils eher unbekannten, „Tatorte“ genommen wurden, die in die Argumentation hineinpassen.

Aber da bleibt ja immer noch Dennis Gräfs umfangreiches Werk „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“, das auch die Frage von „Sex & Crime“ behandelt, obwohl in der Dissertation das sich seit den sechziger Jahren wandelnde und zerfallende Bürgertum und die damit zusammenhängende Diskurse über Gesellschaft und die sie zusammenhaltenden Werte wichtiger sind.

Dennis Gräf/Hans Krah: Sex & Crime – Ein Streifzug durch die „Sittengeschichte“ des TATORT (Ermittlungen in Sachen TATORT I)

Bertz + Fischer, 2010

128 Seiten

9,90 Euro

Dennis Gräf: Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Band 1)

Schüren, 2010

332 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Homepage von Dennis Gräf

Homepage von Hans Krah

ARD über den „Tatort“

Tatort-Fundus (umfangreiche Fan-Seite)

Wikipedia über den „Tatort“

 

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