DVD-Kritik: Lee Marvin und Ernest Borgnine sind im „Zug für zwei Halunken“

Ein Zug für zwei Halunken“ gehört zu den unbekannten und unterschätzen Werken von Robert Aldrich („Das dreckige Dutzend“, „Wiegenlied für eine Leiche“, „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, „Rattennest“, „Vera Cruz“).

Dabei erzählt er eine für Robert Aldrich durchaus typische Geschichte: In den dreißiger Jahren fahren Landstreicher und Arbeitslose illegal auf Zügen mit. Die Zugführer versuchten dabei, mehr oder weniger erfolgreich, die Hobos am Mitfahren zu hindern (für Deutsche: es geht um das Delikt der Beförderungserschleichung). Am erfolgreichsten und auch brutalsten ist Shack (Ernest Borgnine), der Zugführer des Zugs Nummer 19. Er diskutiert nicht, sondern er schlägt gleich mit dem Hammer zu und wirft die Hobos gern vom fahrenden Zug.

Eines Tages beschließt Ass Nr. 1 (Lee Marvin), der ungekrönte König der Tramps, im Zug Nummer 19 mitzufahren. Und als ob das noch nicht gefährlich genug sei, verkündet er sein Vorhaben groß auf einem Wasserturm. Ab da wird bei den Landstreichern und dem Bahnpersonal gewettet, ob Ass Nr. 1 auf dem Zug von Shack mitfahren kann.

Das archetypische und hochgradig gekünstelte in dem archaischen Kampf zwischen dem abgrundtief bösem Shack und dem freiheitsliebendem Ass Nr. 1 unterstreichen Robert Aldrich und Drehbuchautor Christopher Knopf noch, indem Shack und Ass Nr. 1 keinen richtigen Namen und keine Back-Story haben. Wir wissen also nicht, wie sie zu den Männern wurden, die sie sind. Es wird auch nicht nach dem Sinn des Kampfes gefragt. Denn keiner von beiden verfolgt ein höheres Ziel. Stattdessen streiten sie sich wie kleine Kinder, die beide unbedingt dieses Legomobil haben müssen.

Gleichzeitig, auch weil Robert Aldrich in vielen kleinen Szenen und Geschichten immer wieder den Kapitalismus und die Conditio Humana (bzw. seinen zynischen Blick auf sie) spiegelt und sich nicht wirklich um eine Rekonstruktion der dreißiger Jahre kümmert, wird das Fabel-hafte der Geschichte deutlich und der Kampf der beiden Männer kann leicht auf andere Kämpfe übertragen werden und dann stehen Shack und Ass Nr. 1 für absolut konträre und unvereinbare Prinzipien.

Dann ist „Ein Zug für zwei Halunken“ auch ein Kommentar zu den frühen Siebzigern, als die Gesellschaft und Hollywood sich veränderten. Aber Aldrich setzt in dem Kampf von Establishment (Shack) und Anti-Establishment (Ass Nr. 1) nicht auf die Jugend. Denn Ass Nr. 1 hat zwar einen jugendlichen Begleiter (Keith Carradine), den er eher notgedrungen mitnimmt, und der bei dem Kampf von Kultur und Gegenkultur nicht für eine Seite Partei ergreift, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Das hat den damaligen Jugendlichen (die eifrige Kinogänger sind) selbstverständlich nicht gefallen.

Die älteren Kinozuschauer dürften sich dagegen an den Gewalttätigkeiten stören. Schon in den ersten Minuten wird ein Hobo von Shack handgreiflich aus seinem Zug geworfen und von einem anderem Zug überfahren. Auch der Schlusskampf zwischen Shack und Ass Nr. 1 wurde von Aldrich gewohnt hart und kompromisslos inszeniert.

Und natürlich stellt sich die Frage, was Ass Nr. 1 erreichen wollte. Er darf sich „Emperor of the North Pole“ nennen, was man mit „Besitzer eines Königreiches“ übersetzen könnte und einfach nur die höfliche Umschreibung für einen komplett bedeutungslosen Titel ist.

Die DVD

Die DVD-Ausgabe von Koch Media ist wirklich ein Geschenk für den Filmfan. Das beginnt mit dem schönen Cover (Wendecover!), geht über die tolle Bild- und Tonqualität des Films bis hin zum Bonusmaterial. Neben dem deutschen und englischem Trailer und einer Bildergalerie gibt es ein kurzes, in den Archiven gefundenes „Making of“. Das ist sozusagen die Pflicht. Die Kür ist ein informatives 28-seitiges Booklet und ein ebenfalls sehr informativer Audiokommentar von Dana Polan, Professor für Cinema Studies an der Tisch School of the Arts der New York University.

Ein Zug für zwei Halunken (Emperor of the North Pole/Emperor of the North, USA 1973)

Regie: Robert Aldrich

Drehbuch: Christopher Knopf

mit Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Simon Oakland, Harry Caesar, Hal Baylor, Matt Clark, Elisha Cook Jr., Sid Haig, Lance Henriksen

DVD

Koch Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Italienisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Prof. Dana Polan, Making of, Deutscher Kinotrailer, Englische Teaser und Trailer, Bildergalerie, 28-seitiges Booklet, Wendecover

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Ein Zug für zwei Halunken“

TCM über „Ein Zug für zwei Halunke“

Noirwelten über „Ein Zug für zwei Halunken“

DVD Heimat über „Ein Zug für zwei Halunken“

Ikonen Magazin: Ein kleines Robert-Aldrich-Porträt von Marcus Stiglegger

Senses of Cinema: Alain Silver über Robert Aldrich

5 Responses to DVD-Kritik: Lee Marvin und Ernest Borgnine sind im „Zug für zwei Halunken“

  1. Kims Pencil sagt:

    Nur italienische Untertiteln? 😦

  2. AxelB sagt:

    Ja; wahrscheinlich wegen der Lizenzen.

  3. Kims Pencil sagt:

    Ach, das ist ärgerlich. Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn die englischen Untertiteln fehlen 😦
    Und das ist leider sehr oft der Fall!

  4. Linder sagt:

    wie alt muessen Zuschauer sein, die sich heute an Aldrichs Gewalt stoeren? Und woher wissen Sie, was den damals jugendlichen Zuschauern mißfallen hat? Verwundert gruessend … als Silver Surfer wohl.

  5. AxelB sagt:

    Hallo Joachim,
    nun, welcher Zwanzigjährige lässt sich, aufgepuscht von „Easy Rider“ und beseelt davon, die Welt in einer Revolution zu ändern, schon sagen, dass die Alten es machen werden?
    Und welcher Angehörige des Establishments (aka „über 30“) lässt sich gerne sagen, dass er zu den Bösen gehört?
    Und, im Gegensatz zu der James-Bond-Cartoon-Gewalt, spürt man in „Ein Zug für zwei Halunken“, welche Schmerzen ein Schlag mit einem Hammer hinterlässt. Jedenfalls kann man sich das, nachdem man mit einem Hammer seinen kleinen Finger touchiert hat, verdammt gut vorstellen.
    Friedliche-österliche Grüße
    Axel

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