DVD-Kritik: Von der Hand an der Wiege zum „Mother’s Day“

Offiziell ist „Mother’s Day“ von Darren Lynn Bousman (Saw II, III, IV) ein Remake von Charles Kaufmans Troma-Film „Muttertag“, der in Deutschland auf dem Index steht, und einen gewissen Kultstatus genießt. Aber Scott Milams Drehbuch hat mit Kaufmans Film nichts mehr zu tun.

Der neue Film erzählt, wie die drei kriminellen Koffin-Brüder, von denen einer schwer verletzt ist, in einem Vorstadthaus mehrere Geisel nehmen. Sie haben geglaubt, dass das Haus noch immer ihrer Mutter Natalie Koffin gehört. Aber es wurde bereits vor zwei Monaten von einem Großstadtpaar gekauft, das an diesem Abend im Keller Dannys Geburtstag feiern will. Die Koffin-Brüder rufen verzweifelt und hoffnungslos überfordert von der Situation, über ihre Schwester, ihre Mutter zu Hilfe. Sie ist das Gehirn der Familie und, hinter ihrer höflichen Fassade, verbirgt sich ein Monster, das gnadenlos ihre Ziele durchsetzt. Besonders nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn Ike in den vergangenen Monaten Geld, das sie bei Überfällen erbeuteten, an diese Adresse schickte. Die neuen Besitzer, Danny und Beth Sohapi leugnen, dass sie das Geld bekommen haben. Aber eine Mutter erkennt, wenn sie belogen wird und Lügen werden, wie einige andere Sachen, im Hause Koffin nicht geduldet.

Mother’s Day“ ist ein kleiner, effektiver Schocker mit einigen blutigen Sequenzen und einer höchst banalen Moral. Denn die Macher gehen davon aus, dass wir uns gegenseitig sofort an die Gurgel gehen, wenn wir nur mit einer Waffe bedroht werden. Dieser Zivilisationsverfall geht immer arg schnell und alle Geisel machen, auch wenn einige kurz zögern, mit. Das ist psychologisch dann doch ziemlich banal.

Entsprechend eindimensional sind die Charaktere geraten. Die Brüder sind böse. Die Geisel hilflos, egoistisch und gewaltbereit. Jedenfalls gegeneinander. Alle verhalten sich immer wieder arg bescheuert. So darf, um nur ein Beispiel zu nennen, der schwerverletzte, im Sterben liegende Bruder ständig mit seiner Pistole herumfuchteln, was immerhin zur spannenden Frage führt „Wann erschießt er wen zufällig mit seiner Waffe?“, und – hach, sind wir heute wieder pervers – eine Geisel soll mit ihm Sex haben. Als gäbe es nichts wichtigeres zu tun.

Außerdem haben die Koffin-Brüder einfach zu viele Geiseln genommen. Hier verwechseln Debütant Milam und Regisseur Bousman Masse mit Klasse. Denn keiner der acht ungefähr gleichaltrigen Erwachsenen hat individuelle Charakterzüge und uns ist daher letztendlich egal, wer überlebt oder ermordet oder gefoltert wird.

Diese Szenen hat Bousman nach der „Saw“-Schule mit einer ordentlichen Portion Splatter und Gore (irgendwie muss ja die FSK-18 gerechtfertigt werden), hysterischen Schreien und lauter Musik inszeniert. Sowieso gönnt Bousman den Zuschauern keine Atempausen und, wie ein schlechter DJ, nur einen Takt. Alles ist bei ihm immer etwas zu hektisch, zu hysterisch, zu sehr auf Schocks und zu wenig auf Psychologie und, manchmal vorhandene, Suspense bedacht.

Mother’s Day“ wäre daher nur ein durchaus spannender, aber durchschnittlicher Thriller; – wenn da nicht die titelgebende Mutter wäre.

Sie ist ein echter Charakter und dank Rebecca De Mornay, die fast zwanzig Jahr nach der „Hand an der Wiege“ wieder den Bösewicht spielt; ein Monster, das Hannibal Lector zu einem Schulbub degradiert. Wenn sie, ausgesucht höflich und etwas zu bieder gekleidet, wie die nette Mutter von nebenan, die am Wochenende immer Kuchen für die halbe Straße backt, ihren Kindern, die hoffnungslos unter ihrer Fuchtel stehen, Befehle erteilt, wenn sie die Geisel nach dem verschwundenen Geld fragt und ihnen die Regeln erklärt, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Da muss sie gar nicht mehr zu einer Waffe greifen.

Dank Rebecca De Mornay (Wo war Sie nur die letzten Jahre?) ist „Mother’s Day“ ein atemberaubender Thriller. Jedenfalls wenn sie auf der Leinwand ist. Und sie hat ziemlich viele Szenen.

Mother’s Day – Mutter ist wieder da (Mother’s Day, USA 2010)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Scott Milam (nach dem Drehbuch „Mother’s Day“ von Charles Kaufman und Warren Leight)

mit Rebecca De Mornay, Jaime King, Shawn Ashmore, Briana Evigan, Patrick Flueger, Warren Kole, Deborah Ann Woll, Frank Grillo, Matt O’Leary, Jessie Rusu, Lyriq Bent, Lisa Marcos, Tony Nappo, Kandyse McClure

DVD

Kinowelt

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Dolby Surround, Dolby Digital 5.1 DD), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch), Wendecover

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“

Homepage von Darren Lynn Bousman

Und hier der Trailer zum Original

 

One Response to DVD-Kritik: Von der Hand an der Wiege zum „Mother’s Day“

  1. […] Meine Besprechung von Darren Lynn Bousmans „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“ (Mother’s… […]

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