Neu im Kino/Filmkritik: Paul Giamatti erzählt „Barney’s Version“

Nein, auf den ersten Blick ist Barney Panofsky (gewohnt grandios: Paul Giamatti) kein netter Mensch. Er ist Filmproduzent. Seine Firma heißt „Totally Unneccessary Productions“ und das produziert er auch. Am erfolgreichsten ist eine langlebige TV-Soap. Gegenüber seinen Angestellten benimmt er sich ziemlich rücksichtslos. Er ist ein Choleriker. Ein Egozentriker. Ein reicher Mann. Und dann wird er noch von einem Polizisten gejagt, der ihn für einen Mörder hält. In einem breit beworbenem Hardcover-Buch beschreibt er ausführlich, wie Barney seinen besten Freund Boogie, umbrachte, nachdem er ihn mit der zweiten Frau Panofsky im Bett erwischte und warum es keine Leiche gibt.

In einem normalen Film würden wir natürlich auf der Seite des Polizisten stehen und hoffen, dass dieser Panofsky überführt wird.

Aber als Barney Panofsky in dem Buch blättert, beginnt er sich an sein Leben zu erinnern. Von den fröhlichen Boheme-Tagen in den Siebzigern in Rom. Seiner selbstlosen Freundschaft zu dem erfolglosen Künstler Boogie. Seiner ersten Frau, die von ihm ein Kind erwartete und dem Schock, als er das Baby zum ersten Mal sah. Von seiner zweiten Frau, einer ständig plappernden reichen Jüdin und wie er auf ihrer Hochzeit seine Traumfrau erblickte und sie sofort heiraten wollte. Wie er seine zweite Frau mit Boogie im Bett erwischte, er sich mit ihm stritt und Boogie dann spurlos verschwand. Und wie er mit seiner dritten Frau glücklich zusammenlebte, bis sie Blair kennenlernte und wieder als Radiomoderatorin zu arbeiten anfing.

In diesen Momenten wird deutlich, dass Barney auch andere Seiten hat. Er ist treu und er kümmert sich liebevoll-selbstlos um seine Freunde. Aber er sieht nicht wie Adonis aus. Also muss er um seinen Platz kämpfen. Mal mehr, mal weniger rücksichtsvoll, aber immer mit seiner ganzen Energie. Und er weigert sich erwachsen zu werden.

Paul Giamatti legt die Rolle von Barney Panofsky wie die des Gangsters Hertz in dem Actionkracher „Shoot ‚Em Up“ an: cholerisch, egomanisch, wie ein kleines Kind, das nur seine eigenen Bedürfnisse kennt und keine Rücksicht auf Verluste nimmt.

Aber in die Komödie schleichen sich dunkle Töne. Denn Barney verliert sein Gedächtnis und das ist jetzt die letzte Gelegenheit, seine Version seines Lebens zu erzählen. Und daher sehen wir in dem anekdotischem, sich über vier Jahrzehnte erstreckendem Film auch nur Barneys Version von sich und der Welt. Das ist ein Blick, der geprägt ist vom jüdischen Humor, einem tiefen Verständnis für menschliche Schwächen und einem genauen Blick auf das Absurde in jeder Situation. Dieser Blick ist aber auch eher der der Anekdote und der kunstvollen Abschweifung und nicht der der großen, mit einer klaren Botschaft endenden Erzählung. „Barney’s Version“ endet mit einem Grabstein.

Barney’s Version“ ist aber nicht „Die wahre Geschichte meines verschwendeten Lebens“, wie Barney Panofsky sagt, sondern eher eine „Totally Unneccessary Productions“: nicht unbedingt der historischen Wahrheit verpflichtet, wahrscheinlich ohne eine tiefere Botschaft, aber sehr kurzweilig und voller Weisheiten und Bonmots.

Ob es Regisseur Richard J. Lewis (der inzwischen vor allem als Regisseur und Produzent von „C. S. I. – Den Tätern auf der Spur“ bekannt ist) und Drehbuchautor Michael Konyves (Nun, unter anderem „Solar Attack – Der Himmel brennt“ und „Wenn der Mond auf die Erde stürzt“.) gelungen ist, Mordecai Richlers Roman angemessen zu modernisieren (immerhin erschien der Roman 1997 und der Film endet in der Gegenwart) und adäquat zu verfilmen, weiß ich nicht. Denn noch kenne ich den Roman, der bei uns im Moment nur antiquarisch erhältlich ist, nicht.

Barney’s Version (Barney’s Version, Kanada/Italien 2010)

Regie: Richard J. Lewis

Drehbuch: Michael Konyves

LV: Mordecai Richler: Barney’s Version, 1997 (Wie Barney es sieht)

mit Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike, Minnie Driver, Rachelle Lefevre, Scott Speedman, Bruce Greenwood, Jake Hoffman, Saul Rubinek, Paul Gross, David Cronenberg, Atom Egoyan, Ted Kotcheff, Denys Arcand, Richard J. Lewis (die fünf letztgenannten sind alles Regisseure und haben nur Cameos, zum Beispiel als Regisseur)

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Barney’s Version“

Wikipedia über Mordecai Richler (deutsch, englisch)

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