Neu im Kino (naja, mit den Vorpremieren, weil der Kinostart erst am 22. September ist)/Filmkritik: Tim Fehlbaums „Hell“ oder der Versuch einen deutschen Science-Fiction-Film zu drehen

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Sie müssen sich keine Sorge um ihre Rente machen. Auch nicht, ob Sie im Alter gut gepflegt werden.

Und nun die schlechte: Wie eine Texttafel am Anfang des deutsch-schweizerischen Science-Fiction-Films „Hell“ (schön doppeldeutiger Titel) informiert, geht 2016 sowieso alles den Bach runter, die Sonne verwandelt Europa in eine Steppenlandschaft, die die Sahara wie das blühende Leben aussehen lässt, die meisten Menschen sind tot und an die Sozialsysteme denkt sowieso niemand mehr. Bankenkrise und Griechenland-Rettung sind auch Schnee von gestern. Schließlich ist unsere heißgeliebte Zivilisation zusammengebrochen und es herrscht das Recht des Stärkeren.

Im Mittelpunkt des Films steht eine Gruppe von jungen Menschen: Marie (Hannah Herzsprung), die ihre zwölfjährige Schwester Leonie (Lisa Vicari) beschützt, deren Fahrer Phillip (Lars Eidinger) und Tom (Stipe Erceg), den sie an einer verlassenen Tankstelle treffen.

Gemeinsam wollen sie in die Berge. Denn dort soll es Wasser geben.

Auf ihrem Weg treffen sie eine Bäuerin (Angela Winkler). Die nimmt Marie, die nach einem Zusammenstoß mit einer Verbrecherbande, allein ist, auf. Die große Bauernfamilie auf dem einsam gelegenen Hof gibt sich betont freundlich, bis Marie das Geheimnis des Clans entdeckt und sie sich gegen die ihr zugedachte Rolle wehrt.

Tim Fehlbaum hat in seinem Debütfilm so vieles richtig gemacht, dass man eigentlich nur noch an einigen Kleinigkeiten, wie der arg knappen Charakterisierung der Protagonisten, dem manchmal nicht stringentem Verhalten der Protagonisten gegenüber den Sonnenstrahlen und dem letzten Drittel, das tief, aber spannend, in die Kiste des Backwood- und Survival-Horrors greift, herummäkeln kann.

Dagegen steht Fehlbaums kluge Entscheidung, sich wirklich auf das Genre einzulassen und, wenn auch wenig überraschend entlang den Konventionen des postapocalyptischen Science-Fiction-Films, eine stringente Geschichte über eine Gruppe von Menschen in einer Extremsituation zu erzählen.

Er hat ein Gespür für Stimmungen. Der Bildaufbau überzeugt. Die Vision der heißen Zukunft, in der in Europa alles verdorrt ist, wird mit bedrückend-eindrücklichen, meist überbelichteten Bildern (ein einfacher, aber effektvoller Trick) gezeichnet. Die wenigen Dialoge sind nicht zum Weglaufen. Sowieso erzählt Fehlbaum seine Geschichte, wie es sich für einen Kinofilm gehört, in erster Linie über die Bilder.

So wirkt „Hell“ öfters wie der Bastard-Bruder des in philosophischer Sicht beeindruckenderen SF-Films „The Road“. Aber John Hillcoat hatte für seinen Film auch eine Vorlage von Cormac McCarthy.

Dafür hat Fehlbaum Angela Winkler, die als tiefgläubige Bäuerin wie die Wiedergeburt von Hannibal Lecter im Rock erscheint.

Insgesamt ist „Hell“ ein beeindruckendes Debüt, das zeigt, dass auch in Deutschland Science-Fiction-Filme gedreht werden können, die ihr schmales Budget (im Vergleich zu einer Hollywood-Produktion) mit guten Ideen ausgleichen. Nach Südafrika („District 9“) und England („Moon“) zeigt jetzt Deutschland, dass im Moment die interessantesten Science-Fiction-Filme von den Rändern kommen und, wenn es für uns dumm läuft, dreht Fehlbaum, wie einige andere hoffnungsvolle deutsche Nachwuchsregisseure, die hier kein Geld für ihre Filme erhielten, seinen nächsten Film in Hollywood.

Kurz gesagt: „Hell“ ist ein absolut sehenswerter Science-Fiction-Film. Auch ohne den patriotischen Bonus.

Hell (Deutschland/Schweiz 2011)

Regie: Tim Fehlbaum

Drehbuch: Tim Fehlbaum, Oliver Kahl, Thomas Woebke

Buch zum Film: Tim Moecks: Hell, 2011

mit Hannah Herzsprung, Lisa Vicari, Lars Eidinger, Stipe Erceg, Angela Winkler,Yoann Blanc, Christoph Gaugler, Lilo Baur, Marco Calamandrei

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Tour zum Film

Hamburg: Freitag, 16. September – 17.30 Uhr – Abaton

Hannover: Freitag, 16. September – 20.15 Uhr – Cinemaxx, Raschplatz

Göttingen: Freitag, 16. September – 22.15 Uhr – Cinemaxx

In Anwesenheit von Tim Fehlbaum und Stipe Erceg

Münster: Samstag, 17. September – 18.00 Uhr – Cineplex

Essen: Samstag, 17. September – 20.15 Uhr – Astra

Bochum: Samstag, 17. September – 21.45 Uhr – Union

In Anwesenheit von Tim Fehlbaum, Hannah Herzsprung und Stipe Erceg

Mannheim: Sonntag, 18. September – 18.00 Uhr -Cineplex

Stuttgart: Sonntag, 18. September – 21.00 Uhr – Metropol

In Anwesenheit von Tim Fehlbaum und Hannah Herzsprung

München: Montag, 19. September – 19.30 Uhr – Mathäser

In Anwesenheit von Tim Fehlbaum, Hannah Herzsprung und Lisa Vicari

(Uff, das nenne ich ein anstrengendes Programm.)


Hinweise

Homepage zum Film

Tim Fehlbaum bloggt über den Film und die Tour

Film-Zeit über „Hell“

One Response to Neu im Kino (naja, mit den Vorpremieren, weil der Kinostart erst am 22. September ist)/Filmkritik: Tim Fehlbaums „Hell“ oder der Versuch einen deutschen Science-Fiction-Film zu drehen

  1. jupiterexpress sagt:

    Eine lesenswerte Kritik. Einzig dieser Satz irritiert mich:

    „Tim Fehlbaum hat in seinem Debütfilm so vieles richtig gemacht, dass man eigentlich nur noch an einigen Kleinigkeiten, wie der arg knappen Charakterisierung der Protagonisten (…)“

    Fakt ist: Eine „arg knappe“ Charakterisierung ist keine Kleinigkeit, sondern für sich genommen erst einmal ein wahrscheinlicher Totalausfall. Da das allerdings nicht der Haltung des restlichen Texts entspricht, empfinde ich das als missverständlich.

    Nun: Ich habe den Film nicht gesehen – jetzt bin ich dafür umso neugieriger. Daher: top!

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