Neu im Kino/Filmkritik: Zum Glück, „The Music never stopped“

Wahrscheinlich gab es seit „Easy Rider“ in einem Spielfilm nicht mehr so viel Musik aus den Sechzigern, wie in Jim Kohlbergs gelungenem Debütfilm. In „The Music never stopped“ gibt es ausführlich angespielte Songs von den Beatles, Cream, Donovan, Bob Dylan, Buffalo Springfield, Steppenwolf, Crosby, Stills & Nash und Grateful Dead. Der Höhepunkt des Films ist sogar der Besuch eines Konzertes von Grateful Dead in den späten Achtzigern. Für den Film wurden Aufnahmen von den 1989er-„Grateful Dead“-Konzerten in Noblesville, Indiana, und East Rutherford, New Jersey, verwandt und auf dem Soundtrack gibt es drei bislang unveröffentlichte „Grateful Dead“-Songs.

Die Filmemacher konnten für ihren Independent-Film nur deshalb so viele bekannte Songs verwenden, weil den Musikern und Bands die Filmgeschichte, in der die Musik ein fester Bestandteil der Geschichte ist, so gut gefiel.

Das locker auf einer Fallstudie von Dr. Oliver Sacks basierende, gefühlsbetonte Drama „The Music never stopped“ spielt in den Achtzigern. Als Henry (J. K. Simmons) und Helen Sawyer (Cara Seymour) erfahren, dass ihr vor fast zwanzig Jahren nach einem Streit weggelaufener Sohn Gabriel (Lou Taylor Pucci) noch lebt. Er ist in einem Krankenhaus und er hat einen Gehirntumor, der sich als gutartig erweist. Allerdings verliert er bei der Operation einen großen Teil seines Gedächtnisses. Durch Dr. Dianne Daly (Julia Ormond), eine Musiktherapeutin, gelingt es ihnen, Gabriels verschütteten Erinnerungen anzusprechen. Bei der Musik der Beatles, von Bob Dylan und seiner Lieblingsband Grateful Dead erinnert er sich an seine Jugend und er wird wieder zu dem Jungen, den die Sawyers vor zwanzig Jahren verloren haben.

Für Henry, der selbst ein großer Musikliebhaber ist, vor allem von Big-Band-Jazz, und der mit Gabriel in den Fünfzigern immer Gedächtnisübungen machte, indem er nach den Hintergründen von bestimmten Aufnahmen und was sie für ihn bedeuten, fragte, ist diese Musiktherapie eine große Herausforderung. Denn die Musik, an die Gabriel sich erinnert, die er mit für ihn einschneidenden Erlebnissen verbindet, ist genau die Musik, die Gabriel von Henry trennte. Es ist die Musik, die ihre gute Beziehung zerstörte. Deshalb hasst Henry diese Musik.

Doch als Ingenieur stellt er sich dieser Aufgabe und während er sich seinem Sohn über die Musik nähert, lernt er auch viel darüber, wie Gabriel ihn damals wahrgenommen hat und was ihn bewegte. Jetzt erzählt Gabriel ihm die Dinge, über die sie damals nicht sprechen konnten.

J. K. Simmons, der inzwischen dank den TV-Serien „Law & Order“ und „The Closer“ und verschiedener einprägsamer Gastauftritte in Blockbustern, wie den „Spider Man“-Filmen, mehreren Filmen der Coen-Brüder und zuletzt als Schiffskapitän in „Contraband“, bekannt ist, zeigt mit kleinen Nuancen, wie aus dem prinzipientreu-biederem Ingenieur Henry Sawyer, der in den Fünfzigern entspannt mit seinem Sohn Musik hört, über den in den Sechziger überforderten Vater der versteinerte Mittsechziger, der noch einmal ein großes Projekt beginnen muss, wird. Er verleiht diesem Charakter eine Kantigkeit und auch Ehrlichkeit, die locker jede Kitschfalle umschifft. Allein schon deshalb würde sich der Film lohnen.

Dazu kommt noch ein kluges Script, das seine Geschichte, mit vielen Rückblenden, auf drei Zeitebenen erzählt und die Geschichte zwar mit viel Sentiment, aber angenehm unkitschig erzählt.

Und dann ist da ja noch die Musik.

The Music never stopped (The Music never stopped, USA 2011)

Regie: Jim Kohlberg

Drehbuch: Gwyn Lurie, Gary Marks

LV: Oliver Sacks: The last Hippie, 1995 (Fallstudie, erschienen in „An Anthropologist in Mars“)

mit J. K. Simmons, Lou Taylor Pucci, Cara Seymour, Julia Ormond, Mia Maestro, Tammy Blanchard, Scott Adsit, James Urbaniak

Länge: 105 Minuten

FSK: Ohne Altersbeschränkung

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Music never stopped“

Rotten Tomatoes über „The Music never stopped“

Wikipedia über „The Music never stopped“

Making of: Interview mit Jim Kohlberg

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