Neu im Kino/Filmkritik: „High Society“, Plattenbau und zwei vertauschte Kinder

Die Prämisse von „High Society – Gegensätze ziehen sich an“ ist altbekannt und, auch wenn Regisseurin Anika Decker im Presseheft sagt, sie sei vor zweieinhalb Jahren durch die Lektüre eines Zeitungsartikels über vertauschte Babys in Frankreich darauf gekommen, schon in zahlreichen Spielfilmen durchgespielt worden. Denn sie ist ein wundervolles „was wäre wenn“-Gedankenexperiment: Was wäre, wenn du nach deiner Geburt vertauscht worden wärst? Üblicherweise sind die Familien vollkommen gegensätzlich. Üblicherweise ist eine Familie sehr arm und die andere sehr reich. Die Fragen und Konflikte ergeben sich aus dieser Prämisse fast von selbst: Was ist Erziehung? Was Vererbung? Wer sind deine Eltern? Die biologischen oder die, die dich erzogen haben? Soll der Tausch wieder rückgängig gemacht werden? Oder wäre das ein noch größeres Unrecht? Undsoweiter, undsofort. Eigentlich ist es kaum möglich, eine solche Verwechslungsgeschichte zu vergeigen.

Anika Decker gelingt das in ihrem neuen Film „High Society“, den sie eine Familien- und Gesellschaftskomödie nennt, mit einer fast schon beeindruckenden Konsequenz.

In „High Society“ werden Anabel und Aura in der Geburtsklinik vertauscht. 25 Jahre später wird der Tausch entdeckt und, schwuppdiwupp, ist die reiche Anabel (Emilia Schüle) in der Familie von Carmen Schlonz (Katja Riemann) im Plattenbau (mit importiertem Ghetto-Feeling) und die arme Aura (Caro Cult) in der Familie von Trixie von Schlacht (Iris Berben) in der noblen Industrieellenvilla, in der Menschen mit offensichtlichen Geschmacksverirrungen leben dürfen. Wie im Plattenbau am anderen Ende von Berlin.

Beginnen wir mit dem Positiven: Iris Berben und Katja Riemann werfen sich mit einer Verve in ihre Rollen, dass man sich schnell fragt, warum sie das tun. Vielleicht wollten sie einfach ihren Spaß haben. Denn, und schon sind wir beim Negativen, das Drehbuch ist eine willkürliche Aneinanderreihung von Szenen, die höchstens für einen unlustigen Sketchabend taugen. Die gezeigten Milieus und Konflikte stammen dann auch aus genau dieser wirklichkeitsfernen TV-Soap- und Sketch-Welt mit ihren billigen Kulissen und unglaubwürdigen Charakteren. Stringenz in der Geschichte und Figurenzeichnung sind hier Fremdworte. Der Film ist ein einziger Kladderadatsch, der wirkt, als habe man einfach Szenen aus verschiedenen Drehbüchern zusammengeworfen und danach nicht einmal geprüft, ob das irgendwie auch nur halbwegs stimmig ist. Dass keine einzige Pointe zündet, verwundert in dieser kopflosen Fremdschäm-Veranstaltung, nicht. Wegen des Timings, wegen der Qualität der Pointen und wegen der Abwesenheit irgendeiner Idee, wie das Material sinnvoll angeordnet werden kann.

Dass es Anika Decker nicht gelingt, aus der Prämisse eine Geschichte zu entwickeln, verwundert dann doch. Denn bei der Prämisse schreibt sich die Geschichte wie von selbst. Wenn man denn ein Thema hat.

Anika Decker schrieb die Drehbücher für „Keinohrhasen“, „Zweiohrhasen“, „Rubbeldiekatz“ und „Traumfrauen“, ihrem Regiedebüt.

High Society – Gegensätze ziehen sich an (Deutschland 2017)

Regie: Anika Decker

Drehbuch: Anika Decker

mit Emilia Schüle, Jannis Niewöhner, Iris Berben, Katja Riemann, Caro Cult,Jannik Schümann, Manuel Rubey, Marc Benjamin, Rick Kavanian

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „High Society“

Moviepilot über „High Society“

 

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