Neu im Kino/Filmkritik: „Waren einmal Revoluzzer“, sind jetzt A…

Als Helene erfährt, dass Volker nach Moskau fliegt, steckt sie ihm spontan einen Brief mit Geld zu. Er soll ihn Pavel, einem alten Studienfreund, geben. Pavel wird in Russland als Oppositioneller verfolgt. Er ist bereits untergetaucht. Aber seine Verhaftung ist nur eine Frage der Zeit.
Volker trifft Pavel und beschließt nach einer durchzechten Nacht, dass sie Pavel nach Wien in Sicherheit bringen. Schließlich waren sie einmal Revoluzzer gewesen und jetzt könnten sie mit einer guten Tat wieder an ihre politisch bewegte Studentenzeit anknüpfen.
Als Pavel in Wien eintrifft, beginnen die Probleme für Helene und ihre Revoluzzer-Freunde erst. Denn Pavel ist nicht allein gekommen. Er wird, vollkommen überraschend für Helene, von seiner Frau Eugenina und ihrem Baby bekleidet. Außerdem werden sie mit einem internationalem Haftbefehl, nach dem sie gefährliche Terroristen sind, gesucht.
Jetzt beginnen für Helene, ihren Mann Jakob, Volker und seine Freundin Tina die Probleme. Denn selbstverständlich sind sie gute Menschen und sie wollen das Richtige tun. Aber die Vierzigjährigen wollen auch keinen Ärger und sie wollen ihr wohlsituiertes bürgerliches Leben nicht gefährden. Helene ist Richterin. Da passt die Aufnahme eines Illegalen nicht in ihren makellosen Lebenslauf. Ihr Mann Jakob ist ein liebevoller Vater für ihre beiden Kinder und ein Musiker, der vor Jahren einen Hit hatte. Jetzt möchte der Liedermacher in der ländlichen Ruhe ihres Wochenendhauses seine neue CD mit eigenen Songs komponieren. Diese Ruhe ist vorbei, als Pavel und seine Familie bei ihm ratzfatz einquartiert werden. Volker profiliert sich durchgehend als zynisches, egomanisches Arschloch, das niemals Verantwortung übernehmen möchte. Als Therapeut ist er vollkommen ungeeignet. Trotzdem hat er eine Praxis und hält Vorträge. Und wird auch einmal von seinem Vater (Josef Hader in einer Nebenrolle) bei einem Spaziergang therapiert. Unter diesen Heuchlern erscheint Volkers jüngere Freundin Tina wie ein menschlicher Lichtblick. Immerhin kümmert sie sich durchgehend liebevoll um die russische Familie. Oder lebt die junge, arme und arbeitslose Künstlerin gerade ihr Helfersyndrom in einem neuen Projekt aus?
„Waren einmal Revoluzzer“ seziert präzise und gnadenlos die Lebenslügen studierter, linksliberaler Mittvierziger, die groß ihre Vergangenheit als studentische Revoluzzer verklären (wahrscheinlich war ihre größte revolutionäre Tat die Unterzeichnung eines Flugblatts) und sich jetzt gut in einem bürgerlichen Leben eingerichtet haben. Deshalb denken sie auch nur daran, wie sie die russische Familie möglichst schnell aus ihrer Wohnung bekommen können, ohne dabei schlecht auszusehen. Sie versuchen also jede Abschiebung als eine edelmütige, moralisch einwandfreie Großtat zu verkaufen. Dabei schieben sie nur jede Verantwortung so schnell wie möglich von sich ab. Dass Pavel und Eugenina das Spiel durchschauen, stört sie kaum.
Regisseurin und Autorin Johanna Moder serviert dieses in jeder Beziehung sehr präzise Generationenporträt als eine ätzend schwarzhumorige Komödie, abgeschmeckt mit großartigem österreichischem Humor, wie wir ihn auch von Josef Hader kennen. Deshalb ist keiner dieser sich selbst belügenden, sich selbst denunzierenden Möchtegernrevoluzzer vollkommen unsympathisch. Auch weil sie sich so wenig von uns unterscheiden.
In Österreich wurde „Waren einmal Revoluzzer“ von der Kritik abgefeiert. Die Schwarze Komödie erhielt 2019 beim Zurich Film Festival den ökumenischen Preis der Zürcher Kirchen. 2020 erhielt Johanna Moder beim Filmfestival Max Ophüls Preis den Preis für die beste Regie. Dieses Jahr war der Film in fünf Kategorien für den Österreichischen Filmpreis nominiert und er war in der Vorauswahl für die Golden Globe Awards 2021 als Bester fremdsprachiger Film.
„Waren einmal Revoluzzer“ ist ein Film, der viele Zuschauer verdient hat. In Deutschland läuft er aktuell in 26 Kinos. In Berlin läuft er in keinem Kino.

Waren einmal Revoluzzer (Österreich 2019)

Regie: Johanna Moder

Drehbuch: Johanna Moder, Marcel Mohab (Mitarbeit), Manuel Rubey (Mitarbeit)

mit Julia Jentsch, Manuel Rubey, Aenne Schwarz, Marcel Mohab, Lena Tronina, Tambet Tuisk, Josef Hader

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Waren einmal Revoluzzer“

Wikipedia über „Waren einmal Revoluzzer“

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