Neu im Kino/Filmkritik: „Ein nasser Hund“ im Wedding; – ein verdammt schöner Anblick

Bei „Ein nasser Hund“ hätte viel schief gehen können. Zuerst einmal handelt es sich um eine Literaturverfilmung. Genaugenommen eine Autobiographie. Damir Lukačević verlegte die Geschichte von der Mitte der neunziger Jahre in die Gegenwart und er erarbeitete in Theaterworkshops mit Jugendlichen das Drehbuch. Gedreht wurde dann vor Ort im Wedding mit Laiendarstellern, die vorher in Workshops improvisierend ihre Rollen erarbeiteten. Damit wurde Arye Sharuz Shalicars Geschichte immer mehr zu ihrer Geschichte, die tief in ihrem Leben und damit in der Gegenwart verwurzelt ist.

Im Film kommt der 16-jährige Soheil (Doguhan Kabadayi) mit seiner Familie aus Göttingen nach Berlin. Sie ziehen in den Wedding, der früher der rote Wedding war und heute immer noch ein besonderes Stadtviertel ist. Dort nehmen die türkischen Jugendlichen den iranischstämmigen Soheil schnell in ihre Gang auf. Schließlich sei er, wie sie, ein Muslem. Das stimmt nicht.

Soheil ist Jude. Allerdings einer, für den die Religion nicht wichtig ist. Aber angesichts des alltäglichen Antisemitismus, verbunden mit jugendlichem Mackertum, verschweigt er es und lässt seine neuen Freunde, vor allem den ihn bedingungslos aufnehmenden Gangleader Husseyn (Mohammad Eliraqui), im Glauben, er sei auch ein Muslim.

Außerdem ist Soheil ein sich in der Szene schnell etablierender Graffiti-Künstler, der, natürlich illegal, im Wedding Wände verschönert.

Mit seinen neuen Freunden entwickelt er sich, zum Entsetzen seiner liebevollen, ein Geschäft führenden Eltern, auch in Richtung eines Problemjugendlichen zwischen Kleinkriminalität, Drogendelikten und Schlägereien. Außerdem verliebt Soheil sich in die in die Parallelklasse gehende Selma (Derya Dilber).

Ein nasser Hund“ ist eine Ghettogeschichte, die zum Glück auf überflüssige Dramatisierungen verzichtet. Während beispielsweise in Detlev Bucks „Knallhart“ (das, ebenfalls in Berlin spielend, eine ähnliche Geschicht erzählt) alles immer eine Spur zu übertrieben wirkte, wirkt in „Ein nasser Hund“ alles äußerst realistisch. Ein Grund sind sicher die Laienschauspieler, die ihre Rollen lange probten und auch zusammen erarbeiteten. Ein anderer Grund ist Autor und Regisseur Damir Lukačević, dem es vorzüglich gelingt mit eben diesen Laienschauspielern richtig saftiges Kino zu machen, das frei von übermäßigen didaktischen Erklärungen und erhobenen moralischen Zeigefinger einfach gut unterhalten möchte.

Das ist ihm gelungen. „Ein nasser Hund“ überzeugt – in jeder Beziehung. Dabei ist ihm die Atmosphäre, das stimmige Zusammenspiel des jungen Ensembles und die Nachvollziehbarkeit ihrer Motive und Sehnsüchte wichtiger als eine stringend nach Hollywood-Drehbuchschema vorangetriebene Geschichte. „Ein nasser Hund“ ist halt eine Charakter- und Milieustudie, die, falls ich eine Jahresbestenliste mache, sehr gute Chancen auf einen Listenplatz hat.

Ein nasser Hund (Deutschland 2021)

Regie: Damir Lukačević

Drehbuch: Damir Lukačević

LV: Arye Sharuz Shalicar: Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude, 2010

mit Doguhan Kabadayi, Mohammad Eliraqui, Derya Dilber, Omar Antabli, Samy Abdel-Fattah, Emircan Yildirim, Dorka Gryllus, Christoph Letkowski, Maradona Akkouch, Kida Khodr Ramadan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Ein nasser Hund“

Moviepilot über „Ein nasser Hund“

Wikipedia über „Ein nasser Hund“

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: „Ein nasser Hund“ im Wedding; – ein verdammt schöner Anblick

  1. […] wird. Im Gegensatz zu dem tonal anders gelagertem, ansonsten ebenso überzeugendem Ghettodrama „Ein nasser Hund“ basiert „Toubab“ nicht auf einer wahren Geschichte. Die Inspiration waren Theater- und […]

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