R. i. P. Claude Chabrol

September 13, 2010

R. i. P.: Claude Chabrol (24. Juni 1930 – 12. September 2010)

Wenige Tage nach seinem achtzigsten Geburtstag starb der Kritiker der Bourgeoisie in Paris. Er drehte zwar auch einige Nicht-Krimis, aber im Genre fühlte er sich am wohlsten und mit Inspektor Lavardin (grandios verkörpert von Jean Poiret) schuf er auch einen Polizisten, gegen den Dirty Harry ein Weichei ist. In seiner über fünfzigjährigen Karriere drehte Chabrol über siebzig Filme. Nicht alle sind gut, aber viele wurden zu Klassikern (wie „Der Frauenmörder von Paris“, „Die untreue Frau“, „Das Biest muss sterben“, „Der Schlachter“, „Der Riß“, „Doktor Popaul“, „Violette Nozière“, „Die Fantome des Hutmachers“, „Masken“, „Der Schrei der Eule“, „Eine Frauensache“ undsoweiter) und seine letzten Filme, die er im Jahresturnus inszenierte, zeigen, trotz aller Fehler, ein gleichbleibend hohes Niveau. Sein letzter großartiger Film war „Geheime Staatsaffären“ (2006) mit der grandiosen Isabelle Huppert. Sein letzter Film, „Kommissar Bellamy“ (2009) mit Gerard Depardieu, ist ein durchwachsenes Werk, aber in jeder Sekunde ein typischer Chabrol.

Nachrufe gibt es bereits in Spiegel Online, Die Zeit, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Filmspaicher (SWR), FAZ und taz.

Außerdem, wie der Blick über den heimischen Tellerrand zeigt, im Guardian, IndieWireThe Washington Post,Chicago Sun Times (Roger Ebert) und der New York Times.

Mehr Infos über Claude Chabrol.

Und wer jetzt ein, zwei Chabrol-Filme sehen will:

Die fünfteilige Chabrol-Reihe auf TELE 5:

Montag, 13.09., 00.05 Uhr: Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen (1975)

Dienstag, 14.09., 00.45 Uhr: Hühnchen in Essig (1985)

Mittwoch, 15.09., 00.15 Uhr: Masken (1986)

Donnerstag, 16.09., 00.10 Uhr: Hölle (1994)

Freitag, 17.09., 02.10 Uhr: Das Leben ist ein Spiel (1997)

Eine feine Auswahl.

Nachtrag (wenige Stunden später):


TV-Tipp für den 19. April: Hühnchen in Essig

April 18, 2021

Arte, 21.50

Hühnchen in Essig (Poulet au vinaigre, Frankreich 1985)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Dominique Roulet, Claude Chabrol

LV: Dominique Roulet: Un mort en trop, 1982 (Gegenmaßnahmen)

Inspektor Lavardin soll in einem kleinen Dorf einen Mord aufklären. Dabei ist er nicht besonders zimperlich.

Zynisches Porträt einer Provinzstadt und ihrer honorigen Bewohner, die alle mindestens ein Geheimnis haben. Aufgrund des Erfolges drehte Chabrol einen weiteren Lavardin-Spielfilm und es entstand eine kleine Fernsehreihe, die nicht mehr den gemeinen Humor des Originals hatte.

„Inspektor Lavardin ist (…) ein sorgfältiger Beobachter bourgeoiser Dekadenz, steht den Figuren mit galligem Sarkasmus gegenüber und scheint geradezu eine Schadenfreude daran zu haben, den ehrbaren Bürger eines Verbrechens zu überführen.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

„Dass alle Personen ihre Ziele mit radikalen Mitteln verfolgen (selbst die gutmütige Hélène stiehlt ungeniert Geld aus der Portokasse), schafft eine Art moralisches Niemandsland, und wie in dieser verkehrten Welt schließlich doch das Gute heranwächst, das verleiht ‚Hühnchen in Essig’ (Poulet au vinaigre) trotz des burlesken Grundtons märchenhafte Züge, darin vergleichbar mit ‚Der Riss’ (La rupture).“ (Claude Chabrol, Hanser Reihe Film 5)

Mit Jean Poiret, Stéphane Audran, Michel Bouquet, Caroline Cellier

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Hühnchen in Essig”

Wikipedia über “Hühnchen in Essig” (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ macht jetzt Hausbesuche

Februar 25, 2021

Zum Kinostart am 8. Oktober (und damit ungefähr drei Wochen vor dem aktuellen Lockdown) schrieb ich ziemlich begeistert:

Auf diesen Film freue ich mich seit einigen Monaten. Als ich für meine Besprechung von Hannelore Cayres Krimi „Die Alte“ Hintergrundmaterial sammelte, erfuhr ich, dass Cayres Noir von Jean-Paul Salomé mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt wird.

Über Isabelle Huppert muss wohl nichts mehr gesagt werden.

Jean-Paul Salomé ist deutlich unbekannter. Einige dürften immerhin seine ab und zu im Fernsehen laufenden, vor historischer Kulisse spielenden Abenteuerfilme/Thriller „Arsène Lupin“ und „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“ kennen.

In Salomés neuem Film spielt Huppert Patience Portefeux, die titelgebende ‚Frau mit berauschenden Talenten‘. Auch wenn Madame Portefeux auf den ersten Blick wie eine taffe Mittfünfzigerin, die nichts erschüttern kann, wirkt, ist ihr Leben gar nicht so rosig. Die Pariserin lebt allein – ihr Mann starb vor zwanzig Jahren und sie hat erst jetzt seine Schulden abbezahlt -, die beiden erwachsenen Töchter leben ihr Leben und ihre Mutter liegt in einem Pflegeheim, das sie jeden Monat 3200 Euro kostet. Eine Menge Geld.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Übersetzerin. Freiberuflich und ohne Altersvorsorge. Für das Drogendezernat belauscht und übersetzt sie die auf arabisch geführten Gespräche der Drogenhändler und ihrer Familien.

Als ihre Mutter wegen unbezahlter Rechnungen in ein anderes Heim verlegt werden soll und sie aus einem abgehörtem Telefonat erfährt, dass der junge Drogenhändler, der verhaftet werden soll, der Sohn von Khadidja, einer Pflegerin ihrer Mutter, ist, greift sie spontan in die geplante Verhaftung ein. Sie informiert Khadidja. Die informiert ihren Sohn. Der kann vor seiner Verhaftung die Drogen verstecken.

Patience ergreift die sich ihr bietende Chance. Wenn sie die Drogen vor der Polizei und den Cherkaoui-Brüdern, die auf ihre Lieferung warten, findet, kann sie sich finanziell sanieren. Mit Geduld, detektivischem Gespür und dem pensionierten Drogenhund DNA findet sie vor allen anderen die Drogen. Sie versteckt sie im Keller des Mietshaus, in dem sie wohnt und beginnt sie an arabische Drogenhändler zu verkaufen. Immerhin kennt sie von ihrer Arbeit als Übersetzerin die potentiellen Großeinkäufer, ihre Nöte und die aktuellen Preise.

Und weil die Polizei schnell versucht, die neu in der Szene aufgetauchte geheimnisvolle Drogenhändlerin zu verhaften, muss sie weiter die Ermittlungen der Polizisten, mit denen sie seit längerem vertrauensvoll zusammenarbeitet, sabotieren. Ihr aktueller Freund Philippe ist sogar der Leiter der Drogenfahnder und er ist grundehrlich.

Jean-Paul Salomé macht aus Hannelore Cayres schwarzhumoriger Romanvorlage einen ebenso schwarzhumorigen, niemals moralisierenden, angenehm respektlosen Film, der genau deshalb Claude Chabrol in jeder Beziehung gefallen hätte. Auch dass die Frauen gegenüber den doch meist arg tumben Männern ein besseres Bild abgeben, hätte ihm gefallen. Sie wissen, wie Probleme ohne Gewalt gelöst werden können. Beispielsweise mit einem kleinen Geschäft, von dem beide Seiten profitieren. So versteht Patiences Hausverwalterin sofort Patiences Vorschlag für ein Geschäft. Denn irgendwie muss das Drogengeld gewaschen werden. Davor und danach bringt die kleine Patience den deutlich größeren und ihr körperlich überlegenen arabischstämmigen Macho-Drogenhändlern Manieren und Disziplin bei.

Salomé schrieb das Drehbuch zusammen mit Cayre. Gemeinsam machten sie die Romangeschichte filmischer und verzichteten auf einige Hintergrundinformationen zu Patiences Familiengeschichte.

 

Jetzt erschien die Komödie auf DVD in einer schicken Pappverpackung und mit überschaubarem Bonusmaterial. Es gibt einige Screentests und untertitelte Interviews mit Jean-Paul Salomé (auf französisch) und Isabelle Huppert (auf englisch), die einige Hintergründe vermitteln, aber weitgehend werblichen Charakter haben. Das wird besonders deutlich, wenn Patience („50 % Polizistin, 50 % Dealerin, 100 % glaubwürdig“) beschrieben wird, ohne etwas Wichtiges über die Filmgeschichte zu verraten.

Ansonsten: ein sehenswerter Film nach einem lesenswerten Roman.

Das eine kann man jetzt auf der heimischen Couch erledigen. Das andere auch an anderen Orten. Das andere andere auch.

Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)

Regie: Jean-Paul Salomé

Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)

LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)

mit Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Liliane Rovère, Iris Bry, Nadja Nguyen, Rebecca Marder, Rachid Guellaz, Mourad Boudaoud, Youssef Sahraoui, Kamel Guenfoud

DVD

good!movies

Bild:2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Jean-Paul Salomé und Isabelle Huppert, Casting Tests, Audiodeskription Untertitel für Hörgeschädigte

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Hannelore Cayre: Die Alte

(übersetzt von Iris Konopik)

Argument Verlag, 2019

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La daronne

Éditions Métailié, Paris 2017

Hinweise

AlloCiné über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Moviepilot über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Wikipedia über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020)


DVD-Kritik: „Drei Tage und ein Leben“ – ein Weihnachtsfilm?

Dezember 18, 2020

Drei Tage und ein Leben“ beginnt am 25. Dezember 1999. Aber weihnachtlich sieht in Ollay, einem Dorf in den belgischen Ardennen, nichts aus. Das Wetter ist novembertrüb. Es liegt kein Schnee. Auch der übliche Weihnachtskitsch ist nicht zu sehen. Und die auf dem Dorfplatz versammelten Bewohner blicken ernst in Richtung einer improvisierten Bühne. Dort erklärt ein Polizist, wie die Suche nach Rémi Desmedt ablaufen soll. Der sechsjährige Junge verschwand spurlos vor zwei Tagen.

In der Gruppe steht der zwölfjährige Antoine Courtin. Er ist noch zu jung, um sich an der Suche zu beteiligen. Er hat, wie wir in der nun folgenden langen Rückblende erfahren, Rémi in einer Verkettung dummer Zufälle und unglücklicher Umstände im Wald getötet. Anschließend versteckte er die Leiche in einer Erdgrube und schweigt.

Die Suche endet ohne Erfolg.

Fünfzehn Jahre später, ungefähr in der Filmmitte, kehrt Antoine zurück in das Dorf. Seine Mutter lebt noch dort. Die Nachbarn von damals auch. Auf einem Dorffest trifft er seine erste große Liebe, das Nachbarmädchen Émilie, wieder. Sie ist Rémis ältere Schwester. Damals hatte er sie mit einem anderen Jungen knutschen gesehen. Jetzt frischen sie ihre Beziehung auf und sie ist auch bereit, mit ihm zu schlafen. Im beiderseitigen Einvernehmen soll es eine einmalige Angelegenheit sein. Sie lebt mit einem anderen Mann zusammen und er will in wenigen Tagen, nach dem Abschluss seines Medizinstudiums, in den Nahen Osten. Letztendlich ist dieser Sehnsuchtsort in der Wüste nur eine Chiffre für ‚möglichst weit weg von Ollay‘.

Aber dann bemerkt er, dass der Wald, in dem Rémis Leiche liegt, gerodet wird. Außerdem wurde Émilie schwanger von ihm. Sie will das Kind behalten und er soll seine Vaterschaft anerkennen. Wenn er es nicht freiwillig tut, wird sie ihn zu einem Vaterschaftstest zwingen.

Spätestens jetzt sind wir in der Hölle des französischen Bürgertums, in der kleine Regelverstöße und Geheimnisse ungeahnte Folgen haben. Denn selbstverständlich wird die Leiche von Rémi entdeckt, es gibt Spuren und Antoine fragt sich, was er tun muss, um nicht für seine damalige Tat bestraft zu werden.

Nicolas Boukhrief inszenierte Antoines Geschichte nach einem Drehbuch von Pierre Lemaitre, der auch die Romanvorlage schrieb, als ruhigen Thriller. Die Figuren stehen eindeutig im Mittelpunkt. Ihre Taten, ihre Geheimnisse (wobei in einem Dorf nichts wirklich geheim ist) und wie hier eine Handlung zur nächsten führt, erinnert an die Filme von Claude Chabrol und seine oft äußerst schwarzhumorigen Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum, in dem ein Ehebruch das Vorspiel für einen Mord sein kann und, solange der Schein gewahrt wird, auch ein Mord vor keinem weltlichen Gericht verhandelt werden muss. Manchmal sind alle bereit, als sei nichts geschehen, den Mord einfach zu vergessen. Boukhrief hat einen ähnlich klaren Blick auf seine Figuren und die feinen Unterschiede der französischen Gesellschaft (auch wenn „Drei Tage und ein Leben im belgischen Teil der Ardennen spielt). Er beobachtet geduldig ihre Handlungen. Er bringt vor allem gegenüber Antoine viel Verständnis auf. Ob das gerechtfertigt ist, muss man als Zuschauer selbst beurteilen in diesem sehr gelungenem Film Noir, der an Weihnachten spielt und auf die üblichen Weihnachts-Insignien verzichtet. Immerhin schneit es am Ende.

Drei Tage und ein Leben (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)

Regie: Nicolas Boukhrief

Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine

LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)

mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Jeremy Senez, Dimitri Storoge, Arben Bajraktaraj

DVD/Blu-ray

Atlas Film

Bild: 2.35:1 (16:9)/1080p

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1/5.1 DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 115 Minuten/119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Drei Tage und ein Leben“

Moviepilot über „Drei Tage und ein Leben“

Wikipedia über „Drei Tage und ein Leben“ 


„Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ hat Geburtstag – und Bert Rebhandl schenkt ihm ein Buch

Dezember 3, 2020

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Filmkritiker Bert Rebhandl zeichnet in seinem pünktlich zu Godards neunzigstem Geburtstag erschienenen Biographie „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ Godards Leben und Schaffen chronologisch nach. Dabei gibt es drei Schwerpunkte: sein noch heute einflussreiches Werk in den sechziger Jahren, seine zwischen 1988 und 1998 entstandene mehrteilige Serie „Geschichte(n) des Kinos“ (Histoire(s) du cinéma) und sein Spätwerk; also die wenigen Filme, die er in den letzten zwanzig , dreißig Jahren veröffentlichte.

Er streift Godards Umgang mit seinen Schauspielern (oft sehr schwierig), das Zeigen nackter Frauen (ähem, das könnte, neben der intellektuellen Brillanz der Monologe und Dialoge, ein Grund für seine Beliebtheit bei jüngeren Zuschauern sein; davon abgesehen ebenfalls sehr schwierig, mit einer Tendenz zur Pornographie), seine Beziehungen zu jungen Frauen (man könnte sie übergriffig nennen) und seine, höflich formuliert, unklare Haltung zum Antisemitismus. Das alles nennt Rebhandl ohne ein Urteil zu fällen.

Auf Godards Privatleben geht er nur ein, wenn es für sein Werk und seine Selbstinszenierung eine Rolle spielt. Auf einen intellektuellen Überbau, der Godards offenes Werk in eine bestimmte Lesart zwängen würde, verzichtet Rebhandl bewusst.

So ist „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ eine informative Biographie, die einmal chronologisch durch Godards Werk geht und die Neugierde auf eine wiederholte (?) Sichtung von Godards unbekannteren Werken weckt. Soweit sie allgemein verfügbar sind.

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär

Paul Zsolnay Verlag, 2020

288 Seiten

25 Euro

 

 

Die Filme von Jean-Luc Godard (vor allem seine Spielfilme und wichtigen längeren Werke, daneben drehte er Kurzfilme, kurze und lange TV-Filme und Werbefilme unterschiedlicher Länge)

Außer Atem (À bout de souffle, 1960)

Der kleine Soldat (Le petit soldat. 1960)

Eine Frau ist eine Frau (Une femme est une femme, 1961)

Die Geschichte der Nana S. (Vivre sa vie, 1962)

Die Karabinieri (Les Carabiniers, 1962)

Die Verachtung (Le Mépris, 1963)

Die Außenseiterbande (Bande à part, 1964)

Eine verheiratete Frau (Une femme mariée, 1964)

Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution, 1965)

Elf Uhr nachts (Pierrot le fou, 1965)

Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola (Masculin – féminin: 15 faits précis, 1966)

Made in U.S.A. (Made in U.S.A, 1966)

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß (Deux ou trois choses que je sais d’elle, 1967)

Die Chinesin (La Chinoise, 1967)

Weekend (Week-end, 1967)

Eins plus Eins (One plus One/Sympathy for the Devil, 1968)

Die fröhliche Wissenschaft (Le Gai Savoir, 1969, TV-Film)

Alles in Butter (Tout va bien, 1972, mit Jean-Pierre Gorin)

Nummer zwei (Numéro 2, mit Anne-Marie Miéville)

Rette sich, wer kann (das Leben) (Sauve qui peut [la vie], 1980)

Passion (Passion, 1982)

Vorname Carmen (Prénom Carmen, 1983)

Maria und Joseph (Je vous salue, Marie, 1985)

Détective (Détective, 1985)

King Lear (King Lear, 1987)

Schütze deine Rechte (Soigne ta droite, 1987)

Nouvelle Vague (Nouvelle Vague, 1990)

Deutschland Neu(n) Null (Allemagne neuf zéro, 1991)

Weh mir (Hélas pour moi, 1993)

JLG/JLG – Godard über Godard (JLG/JLG – Godard par Godard, 1995)

For Ever Mozart (1996)

Geschichte(n) des Kinos (Histoire(s) du cinéma, 1988 – 1998)

Auf die Liebe (Eloge de l’amour, 2001)

Unsere Musik (Notre musique, 2004)

Film Socialisme (2010)

Adieu au langage (2014)

Bildbuch (Le Livre d’image, 2018) (bis 15. Dezember 2020 in der Arte-Mediathek)

Hinweise

Homepage von Bert Rebhandl

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


Verbrechen, Straftaten und Morde, Morde, Morde an, zu, um und wegen Weihnachten – Ein unvollständiger Überblick über die diesjährige Saison an Weihnachtskrimis

Dezember 1, 2020

Während in den Buchhandlungen die Tische mit den Weihnachtsbüchern aufgestellt werden, ist Weihnachten für mich alten Weihnachtsignoraten jetzt größtenteils erledigt. Jedenfalls literarisch. Dafür habe ich „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ anders gelesen, als es von Herausgeberin Monika Beck geplant war. Das Buch enthält „24 Weihnachtskrimi von Heiligenhafen bis Zermatt“ und ist damit das literarische Äquivalent zu einem Adventskalender. Die Kurzkrimis sind von Regine Kölpin, Gert Anhalt, Till Raether, Andreas Gößling, Jan Jacobs, Judith Merchant, Dina El-Nawab/Markus Stromiedel, Thomas Kastura, Nicola Förg, Wolfgang Burger/Hilde Artmeier, Alexander Oetker, Stefan Haenni, Gisa Pauly, Romy Fölck, Christiane Franke/Cornelia Kuhnert, Katja Bohnet, Christian Kraus, Marc Hofmann, Hanni Münzer, Wolfram Fleischhauer, Iny Lorentz, Angela Svensson, Michaela Kastel und Susanne Mischke. Sie sind erfolgreiche deutsche Autoren, die, jedenfalls gehe ich von dieser Annahme aus, für diesen Sammelband im Frühjahr/Sommer eine Geschichten geschrieben haben. In einigen treten ihre bekannten Seriencharaktere auf. Zwei Geschichten – Gert Anhalts „Der King muss sterben“ mit einem Auftritt von Elvis Presley und Iny Lorentz‘ im Königreich Bayern spielende „Weihnachtslist“ – spielen in der Vergangenheit. Alle anderen spielen in einer unspezifischen Gegenwart, in der die Coronavirus-Pandemie egal ist. Die Pandemie wird nur einmal, in Nicola Förgs „Ein frostiger Boomerang“ in einem Halbsatz, erwähnt. Aber auch diese Geschichte könnte in jedem anderen Jahr spielen. Sowieso könnten fast alle Geschichten, manchmal mit kleinen Änderungen, irgendwann in den vergangenen Jahren und sogar Jahrzehnten spielen. Auch Weihnachten und die Weihnachtszeit sind oft nur ein beliebig austauschbarer, für die Handlung unwichtiger Hintergrund. Alexander Oetkers „Schneegestöber am Matterhorn“ ist hier die lesenswerte Ausnahme. Und selbstverständlich wird in den meisten Kurzgeschichten der in deutschen Krimi-Kurzgeschichten beliebte schwarzhumorig-schnurrige Ton gepflegt.

Insgesamt ist „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ eine seltsam von allen Zeitläufen entkoppelte Sammlung von wenig überraschenden Geschichten. Einige Ausnahmen, wie Dina El-Nawab/Markus Stromiedels „Tote halten keine Vorträge“, bestätigen diesen Eindruck.

Monika Beck (Hrsg.): Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel – 24 Weihnachtskrimis von Heiligenhafen bis Zermatt

Knaur, 2020

416 Seiten

10,99 Euro

Neben Kurzgeschichten gibt es auch an Weihnachten spielende Kriminalromane. Diese spielen gerne in einem einsam gelegenem, von Schneebergen umgebenem Anwesen. Die Verwandtschaft versammelt sich, in herzlich abgrundtiefer Abneigung gegeneinander vereinigt, um das Kaminfeuer. Einer wird ermordet. Jeder hat ein Motiv. Keiner hat ein Alibi, das einer genaueren Überprüfung standhält. Und weil niemand in der Mordnacht zum Anwesen kommen und es wieder verlassen konnte, ist einer der Anwesenden der Mörder.

Diese immer noch sehr beliebte und sehr variable Formel benutzt Anne Meredith in ihrem Krimi „Das Geheimnis der Grays“. In dem 1933 im Original erschienenem Cozy versammelt sich am Heiligabend 1931 die Verwandtschaft im abgelegenem Landhaus King’s Poplars und einer von ihnen bringt in der Nacht das greise und geizige Familienoberhaupt um.

Für die aktuelle Ausgabe schrieb Martin Edwards, selbst erfolgreicher Krimiautor und Cozy-Fan, ein Nachwort und erwähnt dabei auch Dorothy L. Sayers Buchkritik mit ihrem Urteil: „Ein starkes, beeindruckendes Buch mit einer überzeugenden Zwangsläufigkeit des Handlungsablaufs, die dem Werk etwas wahrhaft Tragisches verleiht.“

Anne Meredith ist ein Pseudonym von Lucy Beatrice Malleson. Sie schrieb auch als Anthony Gilbert.

Anne Meredith: Das Geheimnis der Grays – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Barbara Heller)

Klett-Cotta, 2020

304 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Portrait of a Murderer. A Christmas Crime Story

Victor Gollanz, London, 1933

Hinweise

Wikipedia über Anne Meredith (deutsch, englisch)

Auch „Das Geheimnis von Dower House“ folgt dieser Formel. In dem im Original 1936 erschienenem Kriminalroman erhält der legendäre Flieger Ferguson O’Brien mehrere Morddrohungen, nach denen er an Weihnachten sterben wird. Der Absender ist einer seiner Weihnachtsgäste und, auch wenn O’Brien die Drohungen nicht ganz ernst nimmt, bittet er Amateurdetektiv Nigel Strangeways um Hilfe. Noch während Strangeways mit den Weihnachtsgästen redet, wird O’Brien ermordet.

Der bekannteste Roman von Nicholas Blake ist, ebenfalls mit Nigel Strangeways, „Mein Verbrechen“ (The Beast must die, 1938). Claude Chabrol verfilmte das Buch als „Das Biest muss sterben“ (Que la bête meure, Frankreich 1969).

Nicholas Blake: Das Geheimnis von Dower House – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Jobst-Christian Rojahn)

Klett-Cotta, 2020

336 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Thou Shell of Death

Collins Crime Club, Glasgow, 1936

Diese Übersetzung erschien bereits 1996 im Diogenes Verlag als „Eine vertrackte Geschichte“.

Hinweise

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kaum ist der Weihnachtsbraten verzehrt, wird Inspector Morse zu einem Mord gerufen. Im Zimmer 3 des noblen Haworth Hotels wird eine Leiche gefunden. Der Tote gehörte zu den Gästen, die ein dreitägiges Pauschalangebot mit Rundführung durch Oxford und Kostümball gebucht haben.

Mit dem Mord ist die Stimmung ruiniert und Inspector Morse darf den Januar mit einer Mordermittlung beginnen. Wie immer begleitet von Sergeant Lewis.

Das Geheimnis von Zimmer 3“ ist ein weiterer gelungener Rätselkrimi von Colin Dexter.

Colin Dexter: Das Geheimnis von Zimmer 3 – Ein Fall für Inspector Morse

(übersetzt von Marie S. Hammer)

Unionsverlag, 2020

272 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Secret of Annexe 3

Macmillan, London, 1986

Deutsche Erstausgabe

Hüte dich vor Maskeraden

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1988

Hinweise

Unionsverlag über Colin Dexter

Wikipedia über Colin Dexter (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

Meine Besprechung von Colin Dexters „Gott sei ihrer Seele gnädig“ (The Wench Is dead, 1989)

Mein Geburtstagsgruß an Colin Dexters

Das war’s mit den Geheimnissen im Buchtitel. Fortan gibt es weihnachtliche Geheimnisse nur noch zwischen den Buchtiteln.

Wobei Denis Mina, die Queen of Tartan Noir, in ihrem ’neuesten‘ Alex-Morrow-Krimi auch gleich die ganze Cozy-Heimeligkeit links liegen lässt. Kurz vor Weihnachten spaziert ein Maskierter mit einer AK-47 in eine Glasgower Postfiliale und richtet, als ein älterer Mann gegen seine Anweisungen verstößt, ein Massaker an. Und das ist nicht der einzige Fall, mit dem Morrow, die nach der Geburt von Zwillingen wieder im Dienst ist, sich herumschlagen muss, während die Glocken nie süßer klingen.

Mit der Übersetzung von „Götter und Tiere“, dem dritten von fünf Alex-Morrow-Krimis, liegen Minas Morrow-Krimis jetzt komplett auf Deutsch vor.

Der Verlag nennt den Krimi „einen rasanten, harten und philosophischen Noir“. Aktuell steht er auf dem ersten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Viel wichtiger ist allerdings, dass „Götter und Tiere“ 2013 den renommierten Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award gewann.

Denise Mina: Götter und Tiere

(übersetzt von Karen Gerwig)

Ariadne, 2020

352 Seiten

21 Euro

Originalausgabe

Gods and Beasts

Orion, 2012

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Etwas cozy wird es wieder in Lucy Foleys Thriller „Neuschnee“.

Neun Freunde treffen sich um den Jahreswechsel in den schottischen Highlands in einer einsamen Berghütte, um dort zu tun, was Freunde halt so tun. Heftiger Schneefall schneidet sie von der Außenwelt ab. Ein Serienmörder (so etwas gab es zu Agatha Christies Zeiten noch nicht) macht die Gegend unsicher.

Als einer aus der neunköpfigen Feiergruppe vor dem Haus ermordet wird, fragen die Überlebenden sich, ob der Serienmörder sie belagert oder ob einer ihrer Freunde der Mörder ist.

Lucy Foley: Neuschnee

(übersetzt von Ivana Marinovic)

Penguin Verlag, 2020

432 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

The Hunting Party

HarperCollins, London, 2018

Schon etwas älter, aber nicht uninteressant sind „Jul-Morde“ und „Eine Leiche zum Advent“.

Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis“ ist etwas für die Freunde des Mordens im Norden. Die Geschichten sind von Åke Edwardson, Johan Theorin, Leena Lehtolainen, Mons Kallentoft, Thomas Enger, Kristina Ohlsson, Hans Koppel, Arne Dahl, Viveca Sten, Olle Lönnaeus, Kari F. Brænne, Robert Kviby und Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Bis auf drei Geschichten handelt es sich um Originalbeiträge.

Das dürfte für die Fans skandinavischer Kriminalgeschichten als Empfehlung ausreichen.

Sibylle Klöcker (Hrsg.): Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis

(übersetzt von: Anne Helene Bubenzer, Antje Rieck-Blankenburg, Günther Frauenlob, Angelika Kutsch, Ursel Allenstein, Christel Hildebrandt, Holger Wolandt, Lotta Rüegger, Gabriele Schrey-Vasara, Sibylle Klöcker, Susanne Dahmann, Dagmar Lendt, Kerstin Schöps, Maike Dörries)

rororo, 2014

272 Seiten

9,99 Euro

Erstausgabe 2013 bei Wunderlich.

Und dann gibt es noch den von Otto Penzler herausgegebene und hier schon mehrmals empfohlenen Sammelband „Eine Leiche zum Advent“. Mit 708 eng bedruckten Seiten ist das genug Stoff für einige mörderisch lange Abende. Trotzdem hat der Lübbe-Verlag es geschafft, den großen Sammelband (fester Einband, 19 x 5 x 23,4 cm, also so in Richtung Bildband gehend) so zu drucken, dass er angenehm leicht in der Hand liegt. Damit eignet er sich nicht als Schlagwaffe (diese Verwendung schlägt der Klappentexter, wahrscheinlich ein echter Scrooge, vor). Otto Penzler schlägt in seinem Vorwort vor, die Geschichten im trauten Kreis von Freunden und Verwandten vorzulesen. „Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß…Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.“

Über die Geschichten sagt Penzler: „viele Geschichten in dieser Anthologie [sind] nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar.“ Und was für die USA gilt, gilt für Deutschland noch mehr.

Für den Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ suchte Penzler 49 Geschichten aus (im Original 59; der Verlust einiger Geschichten, u. a. von Agatha Christie, liegt wohl an der Rechtesituation), die er thematisch sortierte. Unter anderem in „Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, „Ein Sherlockianisches Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“ „Moderne Weihnachten“ und „Klassische Weihnachten“. Es sind teils bekannte, teils ziemlich unbekannte Geschichten von, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Lovesey, Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Thomas Hardy, Edward D. Hoch, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Andrew Klavan, Max Allan Collins, Peter Robinson, Ed McBain, John Lutz, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, Isaac Asimov, Ed Gorman, G. K. Chesteron, Rex Stout, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson, O. Henry, Edgar Wallace, undsoweiter. Teilweise mit vertraut-beliebten Charakteren, wie Sherlock Holmes, Father Brown und Nero Wolfe.

Allein schon die Namen verraten Krimifans, dass Krimikenner Penzler eine schöne, undogmatische Auswahl zwischen Tradition und Moderne zusammenstellte. Zu jeder Geschichte verfasste er, wie bei seinen anderen Anthologien, eine kurze Einführung über den Autor und sein Werk.

Da werden auch „die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind“ (Penzler), um eine kleine Verlängerung der Weihnachtstage bitten. Immerhin müssen über siebenhundert, zweispaltig bedruckte Seiten (also viel Lesestoff) durchgearbeitet werden.

Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis

(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)

Lübbe, 2016

708 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

The Big Book of Chistmas Mysteries

Vintage Books, 2013

Und was lernen wir aus all diesen Weihnachtsmorden? Erstens: Weihnachten ist mörderisch. Zweitens: vielleicht besser eine Kreuzfahrt unternehmen…

… „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek!…


Neu im Kino/Filmkritik: Isabelle Huppert ist „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Oktober 8, 2020

Auf diesen Film freue ich mich seit einigen Monaten. Als ich für meine Besprechung von Hannelore Cayres Krimi „Die Alte“ Hintergrundmaterial sammelte, erfuhr ich, dass Cayres Noir von Jean-Paul Salomé mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt wird.

Über Isabelle Huppert muss wohl nichts mehr gesagt werden.

Jean-Paul Salomé ist deutlich unbekannter. Einige dürften immerhin seine ab und zu im Fernsehen laufenden, vor historischer Kulisse spielenden Abenteuerfilme/Thriller „Arsène Lupin“ und „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“ kennen.

In Salomés neuem Film spielt Huppert Patience Portefeux, die titelgebende ‚Frau mit berauschenden Talenten‘. Auch wenn Madame Portefeux auf den ersten Blick wie eine taffe Mittfünfzigerin, die nichts erschüttern kann, wirkt, ist ihr Leben gar nicht so rosig. Die Pariserin lebt allein – ihr Mann starb vor zwanzig Jahren und sie hat erst jetzt seine Schulden abbezahlt -, die beiden erwachsenen Töchter leben ihr Leben und ihre Mutter liegt in einem Pflegeheim, das sie jeden Monat 3200 Euro kostet. Eine Menge Geld.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Übersetzerin. Freiberuflich und ohne Altersvorsorge. Für das Drogendezernat belauscht und übersetzt sie die auf arabisch geführten Gespräche der Drogenhändler und ihrer Familien.

Als ihre Mutter wegen unbezahlter Rechnungen in ein anderes Heim verlegt werden soll und sie aus einem abgehörtem Telefonat erfährt, dass der junge Drogenhändler, der verhaftet werden soll, der Sohn von Khadidja, einer Pflegerin ihrer Mutter, ist, greift sie spontan in die geplante Verhaftung ein. Sie informiert Khadidja. Die informiert ihren Sohn. Der kann vor seiner Verhaftung die Drogen verstecken.

Patience ergreift die sich ihr bietende Chance. Wenn sie die Drogen vor der Polizei und den Cherkaoui-Brüdern, die auf ihre Lieferung warten, findet, kann sie sich finanziell sanieren. Mit Geduld, detektivischem Gespür und dem pensionierten Drogenhund DNA findet sie vor allen anderen die Drogen. Sie versteckt sie im Keller des Mietshaus, in dem sie wohnt und beginnt sie an arabische Drogenhändler zu verkaufen. Immerhin kennt sie von ihrer Arbeit als Übersetzerin die potentiellen Großeinkäufer, ihre Nöte und die aktuellen Preise.

Und weil die Polizei schnell versucht, die neu in der Szene aufgetauchte geheimnisvolle Drogenhändlerin zu verhaften, muss sie weiter die Ermittlungen der Polizisten, mit denen sie seit längerem vertrauensvoll zusammenarbeitet, sabotieren. Ihr aktueller Freund Philippe ist sogar der Leiter der Drogenfahnder und er ist grundehrlich.

Jean-Paul Salomé macht aus Hannelore Cayres schwarzhumoriger Romanvorlage einen ebenso schwarzhumorigen, niemals moralisierenden, angenehm respektlosen Film, der genau deshalb Claude Chabrol in jeder Beziehung gefallen hätte. Auch dass die Frauen gegenüber den doch meist arg tumben Männern ein besseres Bild abgeben, hätte ihm gefallen. Sie wissen, wie Probleme ohne Gewalt gelöst werden können. Beispielsweise mit einem kleinen Geschäft, von dem beide Seiten profitieren. So versteht Patiences Hausverwalterin sofort Patiences Vorschlag für ein Geschäft. Denn irgendwie muss das Drogengeld gewaschen werden. Davor und danach bringt die kleine Patience den deutlich größeren und ihr körperlich überlegenen arabischstämmigen Macho-Drogenhändlern Manieren und Disziplin bei.

Salomé schrieb das Drehbuch zusammen mit Cayre. Gemeinsam machten sie die Romangeschichte filmischer und verzichteten auf einige Hintergrundinformationen zu Patiences Familiengeschichte.

Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)

Regie: Jean-Paul Salomé

Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)

LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)

mit Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Liliane Rovère, Iris Bry, Nadja Nguyen, Rebecca Marder, Rachid Guellaz, Mourad Boudaoud, Youssef Sahraoui, Kamel Guenfoud

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Hannelore Cayre: Die Alte

(übersetzt von Iris Konopik)

Argument Verlag, 2019

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La daronne

Éditions Métailié, Paris 2017

Hinweise

AlloCiné über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Moviepilot über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Wikipedia über „Eine Frau mit berauschenden Talenten

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)


TV-Tipp für den 30. September: Eva

September 29, 2020

Arte, 20.15

Eva (Eva, Frankreich/Belgien 2018)

Regie: Benoît Jacquot

Drehbuch: Benoît Jacquot, Gilles Taurand

LV: James Hadley Chase: Eve, 1945 (Eva)

Callboy Betrand gibt ein geklautes Manuskript für sein Werk aus. Das Stück wird ein Erfolg. Jetzt soll Bertrand ein neues Stück veröffentlichen. Er zieht sich zum Schreiben auf eine Berghütte zurück. Dort trifft er die alte Edelprostituierte Eva, in die er sich verliebt, – was keine gute Idee ist.

Auf der Berlinale, wo der Film 2018 im Wettbewerb lief, kam der Film nicht so gut an. Einen deutschen Kinostart gab es nicht. Und so ist das heute die Gelegenheit, Jacquots Erotic-Thriller zu entdecken.

Denn ein Film mit Isabelle Huppert kann nicht ganz schlecht sein.

Joseph Losey verfilmte den Roman 1962 mit Jeanne Moreau und Stanley Baker.

mit Isabelle Huppert, Gaspard Ulliel, Julia Roy, Marc Barbé, Richard Berry

Wiederholung: Freitag, 9. Oktober, 00.30 Uhr (Taggenau! – anschließend läuft Claude Chabrols „Geheime Staatsaffären“, ebenfalls mit Isabelle Huppert)

Hinweise

AlloCiné über „Eva“

Moviepilot über „Eva“

Metacritic über „Eva“

Rotten Tomatoes über „Eva“

Wikipedia über „Eva“ (deutsch, englisch, französisch)

Mordlust über James Hadley Chase

Crimetime über James Hadley Chase

Kirjasto über James Hadley Chase

Wikipedia über James Hadley Chase (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Manfred R. Köhlers James-Hadley-Chase-Verfilmung „Ein Sarg aus Hongkong“ (Schweiz/Deutschland/Frankreich 1964)


TV-Tipp für den 20. September: Geheime Staatsaffären

September 19, 2020

Arte, 20.15

Geheime Staatsaffären (L’Iveresse du Pouvoir, Frankreich 2006)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol, Odile Barski

Die taffe Pariser Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (was für ein Name für Madame Huppert) ermittelt in einem Korruptionsfall zwischen hochrangigen Politikern und einem Industriekonzern. Die versuchen ihre Ermittlungen zu beenden.

Claude Chabrols letztes Meisterwerk: ein von dem Skandal um den Ölkonzern Elf Aquitaine inspirierter Politthriller/Farce, grandios gespielt, süffig präsentiert. Halt ein echter Chabrol.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die brandneue, einstündige Doku „Isabelle Huppert – Leben für den Film“ (Frankreich 2020).

P. S.: Eigentlich hätte Arte, wie ein Blick auf das Geburts- und Todesdatum von Claude Chabrol (24. Juni 1930 – 12. September 2010) zeigt, dieses Jahr eine kleine Claude-Chabrol-Reihe präsentieren müssen.

mit Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel, Marilyne Canto, Robin Renucci, Thomas Chabrol, Jean-François Balmer, Pierre Vernier, Jacques Boudet, Philippe Duclos, Roger Dumas

Wiederholung: Montag, 21. September, 13.45 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Geheime Staatsaffären“

Rotten Tomatoes über „Geheime Staatsaffären“

Wikipedia über „Geheime Staatsaffären“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 10. Juni: Das Leben ist ein Spiel

Juni 9, 2020

Arte, 20.15

Das Leben ist ein Spiel (Rien ne va plus, Frankreich/Schweiz 1997)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol

Ein ungleiches Gaunerpärchen erleichtert reiche Herren. Als sie auf einen Geschäftsmann mit fünf Millionen Schweizer Franken im Reisegepäck stoßen, wird ihre Loyalität auf eine harte Probe gestellt. Denn das Geld gehört der Mafia.

Chabrols nach offizieller Zählung fünfzigster Film ist eine witzige Gaunerkomödie, die vor allem Dank dem Ganovenduo Huppert/Serrault Spaß macht.

Ein unfeierliches Jubiläum, so ganz in der Manier des Meisters. Der alte Zyniker stellt dem Publikum darin wie eh und je hinterlistige Fallen in einem Vexierspiel zwischen Schein und Sein. Ein frivoles Spiel sowohl mit Identitäten und Identifikationen als auch mit den Normen und Genres des Mediums Film.“ (Fischer Film Almanach 1999)

D. h.: „Sehenswert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Isabelle Huppert, Michel Serrault, François Cluzet, Jean-François Balmer

Hinweise

AlloCiné über „Das Leben ist ein Spiel“

Rotten Tomatoes über „Das Leben ist ein Spiel“

Wikipedia über „Das Leben ist ein Spiel“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 24. Juni: Violette Nozière

Juni 23, 2019

Arte, 20.15

Violette Nozière (Violette Nozière, Frankreich/Kanada 1978)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Odile Barski, Hervé Bromberger, Frédéric Grendel

LV: Jean-Marie Fitère: Violette Nozière, 1975 (Violette Nozière)

Paris 1933: Die siebzehnjährige Violette Nozière führt ein Doppelleben. Sie will aus ihrer kleinbürgerlichen Existenz ausbrechen. Das scheint nur zu gehen, indem sie ihre Eltern umbringt. Sie wird verhaftet und zum Tod verurteilt.

Damals erregte der Fall in Frankreich großes Aufsehen. Surrealistische Dichter verklärten die Angeklagte zu einer Heldin gegen die bürgerliche Familie. Aragon, Magritte, Simone de Beauvoir und Piere Brasseur waren von Violette Nozière und ihrer widersprüchlichen Persönlichkeit gefesselt. Chabrol zeigt diese Widersprüche mit zahlreichen Rückblenden. Fast allen Handlungen von Violette Nozière können mehrere, einander widersprechende Motive zugeordnet werden.

Einer von Chabrols besten Filmen, inszeniert mit seinen bewährten Schauspielern Isabelle Huppert, Stéphane Audran und Jean Carmet

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Violette Nozière

Wikipedia über „Violette Nozière“ (deutsch, englisch) und über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Juni: Süßes Gift

Juni 18, 2019

Arte, 20.15

Süßes Gift (Merci pur le chocolat, Frankreich/Schweiz 2000)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff

LV: Charlotte Armstrong: The Chocolate Cobweb, 1948

Die Direktorin eine Schokoladendynastie am Genfer See führt nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch die Familie mit teils drastischen Mitteln.

Claude Chabrol (24. Juni 1930 – 12. September 2010) bei seinem Lieblingsobjekt: dem Bürgertum und ihrem sorgenfreien Leben. „Ein kühles, unaufgeregtes, im besten Sinne sprödes Meisterstück über die Lügen und Geheimnisse der Großbürger.“ (Tip 1/2001)

Mit Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Anna Mouglalis, Rodolphe Pauly, Michel Robin

Wiederholung: Donnerstag, 20. Juni, 13.45 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Süßes Gift“

Rotten Tomatoes über „Süßes Gift“

Wikipedia über „Süßes Gift“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 3. Juni: Das Biest muß sterben

Juni 3, 2019

Arte, 20.15

Das Biest muß sterben (Que la bête meure, Frankreich/Italien 1969)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol

LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)

Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.

Ein schon lange nicht mehr gezeigter Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.

Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”

mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat

Wiederholung: Dienstag, 4. Juni, 14.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Biest muß sterben“

Wikipedia über „Das Biest muß sterben“ (deutsch, englisch, französisch) und über Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kirjasto über Nicholas Blake


TV-Tipp für den 18. Februar: Der Schlachter/Vor Einbruch der Nacht

Februar 18, 2019

Heute: Ein Claude-Chabrol-Double-Feature

Arte, 20.15

Der Schlachter (Le boucher, Frankreich/Italien 1969)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol

In der Provinz verliebt sich eine Lehrerin in einen Schlachter. Dieser ist allerdings auch der in der Gegend gesuchte Kindermörder.

Ein Chabrol-Klassiker über zwei beschädigte Menschen, die nicht zueinander finden können.

Mit Stéphane Audran, Jean Yanne, Roger Rudel

Hinweise

AlloCiné über „Der Schlachter“

Rotten Tomatoes über „Der Schlachter“

Wikipedia über „Der Schlachter“ (deutsch, englisch, französisch)

Arte, 21.45

Vor Einbruch der Nacht (Juste avant la nuit, Frankreich 1971)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol

LV: Edward Atiyah: The thin line, 1951 (später Murder, my Love)

Bei einem SM-Spiel tötet Charles Masson seine Geliebte. Er gesteht die Tat seiner Frau und dem Mann seiner Geliebten. Der ist zugleich sein bester Freund. Beide raten ihm davon ab, zur Polizei zu gehen. Aber kann Masson mit seiner Schuld leben?

Chabrol rechnet mal wieder mit der Moral der Bourgeoisie ab. Ein mehr als selten gezeigter Chabrol-Klassiker.

Masson „ist ein Gefangener seiner eigenen Welt, der er letztlich zum Opfer fällt. Chabrol inszeniert dies mit der analytisch-sezierenden Brillanz eines Chirurgen, er nutzt die Kamera und ihre Bewegungen über ihren ästhetischen Aspekt hinaus zur psychologischen Beweisführung. Darin ist er seinem Vorbild Alfred Hitchcock sehr nahe.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

mit Michel Bouquet, Stéphane Audran, Jean Carmet, Francois Périer, Henri Attal

Hinweise

AlloCiné über „Vor Einbruch der Nacht“

Rotten Tomatoes über „Vor Einbruch der Nacht“

Wikipedia über „Vor Einbruch der Nacht“ (deutsch, englisch, französisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 17. Februar: Biester

Februar 16, 2019

Arte, 20.15

Biester (La cérémonie, Frankreich/Deutschland 1995)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff

LV: Ruth Rendell: A Judgment in Stone, 1977 (Urteil in Stein)

Die wohlhabenden Lelièvres schätzen Sophie als Hausmädchen. Dabei wissen sie nichts über ihre Perle. Ganz im Gegensatz zur Postbeamtin Jeanne.

Chabrols ruhiger Thriller blickt einmal mehr hinter die Kulissen der Provinz-Bourgeoisie. Der Ausgang seines „marxistischen Thrillers“ (Chabrol über Biester) ist letal. „Der sozialen Hinrichtung der Repräsentanten der Unterschicht folgt die körperliche Hinrichtung der Bourgeoisie. Das ist der totale Krieg zwischen den Klassen. Und Chabrol setzt ihn unverhüllt in Szene.“ (Fischer Film Almanach 1996)

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Claude Chabrol, Filmemacher des stillen Skandals“ (Frankreich 2018).

Mit Isabelle Huppert, Sandrine Bonnaire, Jean-Pierre Cassel, Jacqueline Bisset

Wiederholung: Freitag, 1. März, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Biester”

Wikipedia über “Biester” (deutsch, englisch, französisch), Ruth Rendell (deutsch, englisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 11. Februar: Blutige Hochzeit

Februar 11, 2019

Arte, 21.45

Blutige Hochzeit (Les noces rouges, Frankreich/Italien 1972)

Regie: Claude Chabrol

Drehbuch: Claude Chabrol

Pierre und Lucienne sind verliebt. Dummerweise sind beide unglücklich verheiratet und, ebenfalls dummerweise, ist er in der Loire-Kleinstadt ein sozialistischer Stadtrat und Luciennes Mann der Bürgermeister und ein Gaullist. Oh, und dummerweise kennt hier jeder jeden. Trotzdem will Pierre seine Frau umbringen.

Ein schon ewig nicht mehr gezeigter, auf einer wahren Begebenheit beruhender Chabrol-Klassiker, in dem er das französische Bürgertum attackiert.

Demnächst zeigt Arte einige weitere Chabrol-Fime. Nämlich „Biester“ (Sonntag, 17. Februar, 20.15 Uhr), „Der Schlachter“ (Montag, 18. Februar, 20.15 Uhr) und „Vor Einbruch der Nacht“ (Montag, 18. Februar, 21.45 Uhr).

mit Stéphane Audran, Michel Piccoli, Claude Piépiu, Clotilde Joano, Elinia De Santis, Francois Robert

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Blutige Hochzeit“

Wikipedia über „Blutige Hochzeit“ (deutsch, englisch, französisch)

Claude Chabrol in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Vorname“ sorgt für Ärger

Oktober 20, 2018

Wie soll euer Kind denn heißen?

Diese scheinbar harmlose Frage sorgt in der Komödie „Der Vorname“ für viel Ärger. Denn Thomas Böttcher, ein Immobilienmakler, antwortet auf die von seinem Schwager gestellte Frage: „Adolf.“

Und weil Stephan Berger, der Fragesteller, ein richtiger Bildungsbürger ist, ein Literaturprofessor, der Kraft seines Berufs immer Recht hat, erklärt er Böttcher in seinem schönsten Dozententonfall sofort, warum Adolf kein guter Name für ein Kind ist.

Böttcher antwortet und sofort sind Böttcher und Berger in einen Streit über den Namen verwickelt. Die anderen Gäste mischen sich ein und schnell geht es nicht nur um den Vornamen des Ungeborenen.

Nur Bergers Ehefrau, eine Gymnasiallehrerin, hält sich ziemlich aus der hitzigen Diskussion heraus. Sie ist vor allem mit dem Kochen und Servieren des Abendessens beschäftigt.

Die Vorlage für Sönke Wortmanns neuen Film „Der Vorname“ ist ein bereits 2012 als „Der Vorname“ (Le Prénom) von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte verfilmtes Boulevardstück. Ihr Theaterstück hatte 2010 in Paris seine Premiere.

Wortmann passte für seine Verfilmung das Stück an die deutsche Wirklichkeit an. Denn die feinen Unterschiede der Bourgeoisie sind in Deutschland, auch nach dem Genuss des Gesamtwerks von Claude Chabrol, ziemlich unbekannt. Für die Befindlichkeiten und feinen Unterschiede des deutschen Bildungsbürgertums gilt das nicht.

Für die Zuschauer ist die Schlacht der Argumente während eines Abendessens unter Verwandten und Freunden ein kurzweiliges boulevardeskes Fest. Die Schauspieler – Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi und Janina Uhse – sind gut aufgelegt. Die Pointen kommen schnell. Die Trefferquote ist hoch. Die Dialoge sind deutlich spritziger und pointierter, als man es im deutschen Film gewohnt ist. Ein Vergnügen.

Und: Augen auf bei der Namenswahl!

Der Vorname (Deutschland 2018)

Regie: Sönke Wortmann

Drehbuch: Claudius Pläging, Alexander Dydyna (Drehbuchbearbeitung) (basierend auf „Le Prénom“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte)

mit Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben (körperlich abwesend beim Abendessen)

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Der Vorname“

Moviepilot über „Der Vorname“

Wikipedia über „Der Vorname“

Meine Besprechung von Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nach dem Urteil“ ist der Kampf um das Kind nicht vorbei

August 25, 2018

Xavier Legrand beginnt sein genau beobachtendes Drama „Nach dem Urteil“ mit einem Ende. In Echtzeit zeigt er eine Sorgerechtsverhandlung. Nach der Scheidung muss eine Richterin darüber entscheiden, wer von den Eltern das Sorgerecht erhält und wie das Besuchsrecht geregelt wird. Dafür hat sie wenige Minuten, einige Schriftstücke und, vor allem, die Argumente der Anwälte von Antoine (Denis Ménochet) und Miriam Besson (Léa Drucker). Miriam möchte nicht, dass ihr Ex-Mann ihren Sohn Julien (Thomas Gioria) besuchen darf. Er sei übergriffig und stalke sie. Auch Julien möchte, so ein vor der Richterin verlesener Brief, seinen Vater nicht sehen. Ebenso wie seine volljährige Schwester. Antoine möchte Zeit mit seinem Sohn verbringen. Außerdem habe er alles, was seine Ex-Frau ihm vorwirft, nur aus Sorge um Julien getan. Mit ihren ständigen Umzügen und Wechseln ihrer Telefonnummer verhindere sie, dass er den Kontakt zu ihr und seinen beiden Kindern aufrecht erhalten könne.

Es ist eine typische „er sagt“/“sie sagt“-Situation, in der die Richterin danach entscheidet, wer seine Argumente schlüssiger vorträgt. Am Ende urteilt sie, dass Julien bei seiner Mutter lebt. Jedes zweite Wochenende soll der Elfjährige bei seinem Vater verbringen.

Schon am ersten gemeinsamen Wochenende würde Julien, der panische Angst vor seinem Vater hat, am liebsten bei seiner Mutter bleiben. Sie weigert sich, mit ihrem Ex-Mann zu sprechen. An den folgenden Wochenenden spitzt sich die Situation zu.

Legrand konzentriert sich in seinem Spielfilmdebüt auf Antoine, Miriam und Julien. Er liefert keine Hintergründe, sondern er zeigt nur, wie die drei nach dem Urteil miteinander umgehen. Alleine oder im Gespräch oder einer Interaktion mit einer anderen Person sehen wir sie fast nie. Wir erfahren auch nichts über ihre Vorgeschichte. Jedenfalls nichts, was über Hörensagen hinaus geht. Entsprechend schwer fällt es einem, sich spontan mit einem der drei zentralen Charaktere zu identifizieren.

Gerade weil Legrand den Zuschauer so auf Distanz hält, sucht man nach den kleinsten Hinweisen, die einem verraten, wer hier der Gute und wer der Böse (bzw. die Gute und die Böse) ist. Man identifiziert sich während des gesamten Films nie wirklich mit einem der Charaktere, sondern beobachtet sie wie ein Forscher, der keine Empathie oder Mitleid empfindet. Legrands Erzählhaltung ähnelt der von Claude Chabrol oder Michael Haneke.

Erst am Ende wird hundertprozentig deutlich, dass es um schwere häusliche Gewalt geht und wer der Täter ist. Weil bis zu diesem Moment, teils in quälend langen Szenen, in denen Menschen in unangenehmen Situationen ununterbrochen beobachtet werden und jede einfache Zuspitzung oder platte Dramatisierung vermieden wird, ist das Ende etwas enttäuschend. Es ist zu spektakulär und zu eindeutig geraten. In dem Moment wischt Legrand alle Zweifel weg zugunsten einer gewalttätigen Katharsis, die keine Befreiung ist und aus der Antoine, Miriam und Julien seelisch und körperlich verletzt hervorgehen.

Insgesamt ist „Nach dem Urteil“ ein starker, nicht auf vordergründige Emotionen setzender Film, der einen sehr alltäglichen Fall schildert. Keine leichte Kost.

Schauspieler Xavier Legrand erhielt in Venedig für sein Regiedebüt „Nach dem Urteil“ den Silbernen Löwen für die beste Regie.

Nach dem Urteil (Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)

Regie: Xavier Legrand

Drehbuch: Xavier Legrand

mit Léa Drucker, Denis Ménochet, Thomas Gioria, Mathilde Auneveux, Mathieu Saikaly, Saadia Bentaieb, Émilie Incerti-Formentini, Sophie Pincemaille

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Nach dem Urteil“

AlloCiné über „Nach dem Urteil“

Rotten Tomatoes über „Nach dem Urteil“

Wikipedia über „Nach dem Urteil“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 18. Juni: Ein schönes Mädchen wie ich

Juni 18, 2018

Arte, 20.15

Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi, Frankreich 1972)

Regie: Francois Truffaut

Drehbuch: Francois Truffaut, Jean-Loup Dabadie

LV: Henry Farrell: Such a gorgeous kid like me, 1967

Alle Männer verlieben sich in die junge Camille Bliss. Aber nicht alle überleben die Begegnung mit der Schönheit.

Selten gezeigte burleske Komödie von Francois Truffaut. In „Ein schönes Mädchen wie ich“ fischt Truffaut, der ja einige grandiose Krimis inszenierte, in den Gewässern von Claude Chabrol, ohne jemals wirklich zu überzeugen. Der Film ist bestenfalls ein Sommerspaß, der plakativ die bürgerlichen Wertvorstellungen auf den Kopf stellt, die Selbstbilder der Männer (ein Haufen dummer, eitler, impotenter Gockel, für die niemand auch nur einen Funken Mitleid empfinden kann) als Selbstbetrug entlarvt und eine unschuldige Mörderin zur Sympathieträgerin macht.

mit Bernadette Lafont, Claude Brasseur, Charles Denner, Guy Marchand, André Dussolier, Philippe Léotard, Anne Kreis

Wiederholung: Mittwoch, 20. Juni, 13.55 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein schönes Mädchen wie ich“

TCM über „Ein schönes Mädchen wie ich“

Wikipedia über „Ein schönes Mädchen wie ich“ (deutsch, englisch, französisch) und Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Zweiter Teil meines Francois-Truffaut-Porträts: Die Antoine-Doinel-Filme

Kriminalakte über Francois Truffaut


Neu im Kino/Filmkritik: „Nach einer wahren Geschichte“ ist keine wahre Geschichte

Mai 18, 2018

Delphine (Emmanuelle Seigner) ist eine erfolgreiche Autorin, die von dem Rummel um ihr neues Buch, in dem sie ihre Beziehung zu ihrer Mutter schildert, zunehmend geschlaucht ist. Während einer Signierstunde und einem anschließenden Empfang trifft sie auf Elle (Eva Green). Sie ist ebenfalls Autorin. Ghostwriterin. Und sie sieht schon bei ihrer ersten Begegnung wie Glenn Close im Finale von „Eine verhängnisvolle Affäre“ aus. Elle ist die schon auf den ersten Blick leicht durchgeknallte Person, zu der man im realen Leben einen wohltuenden Abstand hält. Nicht so Delphine. Sie freut sich, in ihrem größten Fan endlich eine verständnisvolle Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Elle versteht sie besser, als sie sich selbst versteht. Elle will ihr auch bei ihrem neuem Buch, das nach Elles Ansicht noch persönlicher und radikaler als ihr letztes Buch werden sollte, helfen und sie sei bereit einen beratenden Blick auf das Manuskript zu werfen.

Schnell wird Elle für Delphine zu der Freundin, die auch die Aufgaben einer persönlichen Sekretärin und Beraterin übernimmt. Delphine verlässt sich immer mehr auf Elle, während wir Zuschauer das für einen gewaltigen Fehler halten. Denn Elle wirkt immer, als spiele sie nur die gute Freundin, während sie einen ganz anderen Plan verfolgt.

Roman Polanskis neuer Film „Nach einer wahren Geschichte“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan. Als das Buch vor drei Jahren in Frankreich erschien, wurde heftig darüber diskutiert, wie autobiographisch de Vigans Geschichte ist. Denn es gibt frappierende Parallelen zwischen ihrem Leben und dem Romangeschehen. Und der Buchtitel heizte die Spekulationen an. Sie selbst sagt dazu: „Es ist ein Buch, das sich liest, wie ein Buch nach wahren Begebenheiten, ein Roman, der sich an wirkliche Begebenheiten anlehnt, aber in dem doch fast alles ausgedacht ist.“

Es geht, wie im Film, um die Beziehung zwischen einer Erfolgsautorin und ihrer Freundin, die von einer Vertrauten zur Fanatikerin wird. Als Leser soll man auch an die Romanverfilmungen „Weiblich, ledig, jung sucht…“, „Shining“ und „Misery“ denken.

Im Film denkt man mehr an die Filme von Claude Chabrol und seine kalten Bestandsaufnahme der Bourgeoisie. Auch wenn „Nach einer wahren Geschichte“ weniger ein Psychothriller und mehr eine langsam erzählte Studie über eine ausgewachsene Schreibblockade und den Schaffensprozess des Künstlers ist. Im Presseheft sagt Polanski: „Ich leide sehr, wenn ich schreibe. Ich weiß aus Erfahrung, dass es nichts Schrecklicheres gibt als eine leere Seite. Man fühlt sich dann schon besser, wenn man irgendetwas zu Papier gebracht hat.“

Sein Co-Drehbuchautor Olivier Assayas beschäftigte sich in seinen letzten beiden Spielfilmen „Die Wolken von Sils Maria“ und „Personal Shopper“ mit der Arbeit einer Künstlerin und der für seine Protagonistinnen verschwimmenden Grenze zwischen Realität und, wertfrei und sehr breit verstanden, Fantasie und Wahn.

Und Delphines Geschichte ist, wie öfter bei Polanski, vor allem in „Ekel“ und „Der Mieter“, die Geschichte einer Reise in den Wahnsinn. Denn Delphine wird immer abhängiger von Elle. Die Ghostwriterin bestimmt immer mehr über das Leben der Schriftstellerin, die sogar Elles Geschichte erzählen will.

Das funktioniert als langsam erzähltes Kammerspiel ganz gut. Auch wenn die Beschränkung auf zwei Personen arg reduziert ist und eine verzweifelt auf einen leeren Bildschirm (vulgo „das leere Blatt“) starrende Schriftstellerin doch eher ein Arthaus-Publikum anspricht, das von langen statischen Bildern auf bewegungslose Menschen angesprochen wird.

Nach einer wahren Geschichte“ ist ein guter und, wenn man beginnt ihn zu analysieren, komplexer Film, der allerdings nie wirklich packt. Dafür ist die Geschichte etwas zu künstlich und Delphine verhält sich, für eine erfolgreiche Autorin, doch zu unvorsichtig und vertrauensselig.

Nach einer wahren Geschichte (D’après une histoire vraie, Frankreich 2017)

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Olivier Assayas, Roman Polanski

LV: Delphine de Vigan: D’après une histoire vraie, 2015 (Nach einer wahren Geschichte)

mit Emmanuelle Seigner, Eva Green, Vincent Perez, Josée Dayan, Camille Chamoux, Brigitte Roüan, Dominique Pinon

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Nach einer wahren Geschichte“

Metacritic über „Nach einer wahren Geschichte“

Rotten Tomatoes über „Nach einer wahren Geschichte“

AlloCiné über „Nach einer wahren Geschichte“

Wikipedia über „Nach einer wahren Geschichte“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


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