„Wir haben nicht genug Leichen.“ – Der Science-Fiction-Rätselthriller „Fern vom Licht des Himmels“

Januar 18, 2023

Hier spricht Captain Michelle ‚Shell‘ Campion vom Raumschiff Ragtime. Ich habe hier einen Code 4717, wiederhole: 4717. Kontamination an Bord, mögliche Ansteckung. Passagiere befinden sich noch im Ragtime-Traumzustand. Schicken Sie keine Fähren für die Passagiere, bevor sie von mir hören. Campion Ende.“ Das ist der erste Funkspruch, den Shell nach einem zehnjährigem Tiefschlaf losschickt. In der Zeit wurde die Ragtime auf ihrem Weg von der Erde zu dem Kolonieplaneten Bloodroot von einer Künstlichen Intelligenz gelenkt. An Bord befinden sich, im Tiefschlaf, tausend Siedler.

4717 ist der Code für mehrere vorzeitige Todesfälle. Insgesamt sind 31 Passagiere tot. Shell hat sie zerstückelt in der Entsorgungsanlage des Schiffes gefunden. Die Künstliche Intelligenz, die das Schiff fliegt und die aufpassen sollte, dass nichts passiert, ist ausgefallen. Informationen über das, was während Shells Tiefschlaf geschah, sind nicht verfügbar. Obwohl alles, was auf dem Schiff geschieht, aufgezeichnet wird.

Um herauszufinden, wie es zu diesen Todesfällen kommen konnte, wird der Ermittler Rasheed Fin von Bloodroot zur Ragtime geschickt.

Er beginnt seine Ermittlungen mit dem Zusammensetzen der Leichenteile. Dabei entdeckt er, dass ungefähr zweieinhalb Menschen fehlen.

Kurz darauf taucht, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und ohne dass die das Schiff überwachende KI sie davor warnte, ein Wolf auf dem Raumschiff auf.

Das ist nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal, dass die KI Fins Arbeit behindert und sie möglicherweise umbringen will.

Bekannt wurde Tade Thompson bei Science-Fiction-Fan mit seiner Wormwood-Trilogie (manchmal auch „Rosewater“-Trilogie genannt). Mit „Fern vom Licht des Himmels“ legt er einen Einzelroman vor. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen, die auf der Erde spielen, spielt diese Geschichte im Weltraum in einem Raumschiff, das sich in der Nähe eines weit, weit entfernten Planeten befindet. Während der Ermittlungen von Fin zeichnet Thompson eine reichhaltige Welt, über die hier nicht mehr verraten werden soll. Das würde nämlich auch allzu deutliche Hinweise auf die Lösung des Falles geben.

Zum klassischen Ermitteln kommt Fin und sein nicht-menschlicher Partner Salvo, ein Lamber, kaum. Denn immer wieder durchkreuzen lebensbedrohende Gefahren seine Ermittlungen. Sie sind auch für Shell, den später hinzu gekommenen Lawrence Biz, der früher mit Shells Vater den Weltraum erkundete, und ihre nicht-humanoiden Begleiter lebensbedrohlich.

Insofern ist „Fern vom Licht des Himmels“ formal zwar ein Locked-Room-Mystery im Weltraum, aber kein Rätselkrimi, in dem der Ermittler geduldig die Verdächtigen befragt und am Ende den Mörder präsentiert. Diese Verdächtigen gibt es auf dem Schiff nicht. Aber irgendjemand hat die Master-KI manipuliert. Wie und warum ist unklar. Ebenso ob dieses Wesen (es könnte ja auch ein Alien oder eine KI sein) noch an Bord ist.

Als Thriller mit überraschenden Wendungen und einer wunderschön skizzierten fremden Welt unterhält „Fern vom Licht des Himmels“ prächtig.

Mit Autoren wie Tade Thompson habe ich keine Angst um die Zukunft des Science-Fiction-Genres.

Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2022

384 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Far from the Light of Heaven

Orbit/Little, Brown Book Group, London, 2021

Mehr von Tade Thompson

Ebenfalls bei Golkonda sind bereits die ersten beiden Bände von Tade Thompsons hochgelobter und, unter anderem, mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichneter Wormwood-Trilogie erschienen. In den in Nigeria in der Stadt Rosewater spielenden Science-Fiction-Romanen „Rosewater“ und „Rosewater: Der Aufstand“ geht es um die Begegnung der Menschheit mit Außerirdischen, die für die Menschheit immer bedrohlicher wird.

Der abschließende dritte Band „Rosewater: Die Erlösung“ soll im Herbst, wahrscheinlich im Oktober, erscheinen.

Tade Thompson: Rosewater

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2020

440 Seiten

20 Euro

Tade Thompson: Rosewater: Der Aufstand

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2022

424 Seiten

22 Euro

Hinweise

Bookmarks über „Fern vom Licht des Himmels“

Perlentaucher über „Fern vom Licht des Himmels“

Golkonda über Tade Thompson

Wikipedia über Tade Thompson


DVD-Kritik: Kinder und Drogen: „Platzspitzbaby“ und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

April 13, 2022

Nein, die Coolness von „Trainspotting“ haben „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Platzspitzbaby“ nicht. Aber „Christiane F.“ ist schon ziemlich cool; – was immer das auch genau bedeuten mag. Beide Filme basieren auf wahren Geschichten. Einmal ist es die Geschichte einer dreizehnjährigen Süchtigen in West-Berlin, einmal die eines elfjährigen Kindes einer drogensüchtigen Mutter in der Schweiz.

1978 erzählte Christiane Felscherinow, die damals nur als ‚Christiane F.‘ bekannt war, den stern-Reportern Kai Hermann und Horst Rieck ihre Geschichte. Sie erschien zuerst in dem Magazin und später als Buch. Der Bestseller ist, im Gegensatz zu unzähligen anderen Sachbüchern, die nach einer Verkaufssaison in Antiquariaten verschwinden, immer noch regulär im Buchhandel erhältlich. Schnell war eine Verfilmung geplant, die dann von Bernd Eichinger und Uli Edel umgesetzt wurde. Beide standen damals am Anfang ihrer erfolgreichen Karrieren. Eichinger produzierte bis zu seinem Tod etliche Kassenhits. Edel dreht in Hollywood und Deutschland. Er war für einen Primetime Emmy und, mehrmals, den DGA Award der Directors Guild of America nominiert. Zu ihren gemeinsamen Filmen gehört auch 2008 „Der Baader Meinhof Komplex“.

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war in Deutschland ein Kinohit, der auch international erfolgreich lief. David Bowie hat einen Auftritt als David Bowie. Edel verwandte mehrere Bowie-Songs, die wirken, als seien sie für den Film geschrieben worden. Bowie veröffentlichte anschließend die sich sehr gut verkaufende Soundtrack-LP. Das war, zur Erinnerung, 1981. Damals war Bowie zwar schon bekannt, aber noch nicht der „Let’s dance“-Superstar.

Jetzt wurde Edels Film in 4K restauriert und mit Bonusmaterial als DVD, Blu-ray, 4K UHD und, selbstverständlich, digital veröffentlicht. Das ist die Gelegenheit, sich den Film, der einen legendären Ruf hat, anzusehen und aus heutiger Sicht zu beurteilen. Denn er wird fast nie im Fernsehen gezeigt. Arte zeigte ihn am 9. Februar 2022; davor lief er jahrzehntelang nicht im TV. Die bisherige DVD-Veröffentlichung war eine dieser lieblosen bonusfreien Veröffentlichung, die mich seit Jahren auf eine dem Film und seinem Status als Klassiker angemessene Veröffentlichung warten ließ.

Edel erzählt die wahre Geschichte von Christiane F., einem dreizehnjährigem Mädchen, das in West-Berllin in der Gropiusstadt bei einer allein erziehenden Mutter aufwächst und, wie Teenager nun mal sind, unbedingt in die angesagteste Discothek der Stadt möchte. Im „Sound“ trifft sie den etwas älteren Detlef. Sie bewundert ihn, befreundet sich mit ihm und seinen Freunden und rutscht schnell in die Drogenszene ab. Es ist ein Leben, in dem sich alles nur noch um den nächsten Schuss dreht. Um an das dafür nötige Geld – täglich 100 DM (das war damals viel Geld) – zu kommen, prostituieren sie sich. Er und seine Kumpels auf dem Schwulenstrich. Christiane auf dem Babystrich.

Als erstes fällt auf, wie fantastisch das Bild ist. Vor allem in der ersten Hälfte erinnern die Bilder vom nächtlichen Berlin an den ungefähr zeitgleich entstandenen Noir-Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ und an die in den Neunzigern in Hongkong entstandenen fiebrigen Noir-Großstadtdramen von Regisseuren wie Wong Kar-Wai. Später, wenn Christiane zur Rauschgiftsüchtigen wird, spielt die Geschichte vor allem tagsüber oder in schmucklosen, teils sehr versifften Wohnungen. Das Bild wird dokumentarischer. Der Blick auf die damals real existierende offene Drogenszene, den Schwulen- und den Babystrich war damals erschreckend. So etwas hatte es im deutschen Film, trotz etlicher Jugenddramen, noch nicht gegeben. Auch heute sind die Bilder immer noch schockierend. Edel ließ, die Realtität nachbildend, seine Drogensüchtigen von Kindern spielen. So spielte Natja Bruckhorst die gleichaltrige Christiane F..

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist ein grandioser, erfrischend undeutscher und heute immer noch packender Film. Ein fehlerfreier Film ist es nicht. Das Spiel der Kinder, in ihrer ersten und oft auch ihrer letzten Rolle (die meisten strebten einfach keine Filmkarriere an), ist vor allem am Filmanfang etwas hölzern. Die Dialoge, vor allem am Anfang, etwas zu didaktisch. So werden die Drogensüchtigen nicht müde, die Gefahren von Heroin zu betonen. Schon bevor Christiane zum ersten Mal die angesagte Droge konsumieren will, warnen Detlef und seine Freunde sie davor.

Auch erzählt Edel teils zu sprunghaft. So ist Christiane nach dem ersten Konsum sofort abhängig und knietief mit dem Beschaffen von Geld für ihren Konsum verstrickt.

Störend ist auch, dass er sich nur auf Christiane und ihre Freunde konzentriert und dabei die gesellschaftliche Dimension vollkommen ignoriert. Er liefert keine Gründe, warum sie abhängig werden. Sie tun es einfach. Der gesamte Film spielt in einer von der Gesellschaft vollkommen abgekapselten Blase.

Einige dieser Fehler liegen an den Drehbedingungen. Die dem Film zugrunde liegende Drehbuchfassung wurde erst kurz vor dem Film geschrieben und während des Drehs umgeschrieben. Die Schauspielerin, die Christianes Mutter spielt, durfte während des Drehs die DDR nicht mehr verlassen. Das erklärt ihr plötzliches Verschwinden aus dem Film. Im Audiokommentar vermutet Edel, dass das eine Strafe für ihren nicht genehmigten Dreh im Bahnhof Zoo war. Damals stand das Bahnhofsgebäude unter DDR-Aufsicht. Sie erhielten keine Drehgenehmigung. Aber Edel meinte während des Drehs, sie könnten unmöglich einen Film drehen, der „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ heißt und der keine Bilder vom Bahnhof Zoo hat. Die Außendrehs und die Drehs auf den U-Bahnsteigen waren kein Problem. Dort hatten sie eher Probleme mit den Junkies, die sich unter die Komparsen mischten.

Als Bonusmaterial gibt es in der aktuellen Ausgabe des Films ein gut halbstündiges Interview mit Christiane-F.-Darstellerin Natja Brunckhorst, einige Aufnahmen von den Screentests und einen sehr informativen Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel, der von Stefan Jung und Marcus Stiglegger befragt wird.

Bei einer neuen Auflage, die dann gerne Deluxe-Edition heißen kann, sollten unbedingt die am 9. Februar 2022 auf Arte gezeigten, jeweils gut einstündigen Dokus „Im Rausch – Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Lost Generation“ zum Bonusmaterial gehören. Es sind informative Dokus über den Film und die damalige Drogenszene, die sich fundamental von der heutigen Drogenszene unterscheidet. „Lost Generation“ kann noch bis zum 14. August 2022 in der Arte-Mediathek angesehen werden

Auch in der Schweiz gab es eine offene Drogenszene. In Zürich wurden die sich am Platzspitz und im Letten befindenden Drogenszenen 1995 aufgelöst. Die Süchtigen wurden in ihre Heimatstädte geschickt.

In „Platzspitzbaby“ erzählt Pierre Monnard die Geschichte von der elfjährigen Mia und ihrer drogensüchtigen, alleinerziehenden Mutter Sandrine. Er zeichnet präzise und aus Mias Perspektive das komplizierte Verhältnis von Mutter und Tochter nach. Er zeigt auch, wie Sandrine in ihrer neuen Heimat, einem Dorf im Zürcher Oberland, wieder Heroin nimmt.

Im Gegensatz zu „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ fehlt in Monnards Film der grobe didaktische Hammer. Trotzdem ist die Warnung vor dem Drogenkonsum unübersehbar. Im Zentrum steht allerdings Mias Geschichte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Vater, zu ihren Mitschülerinnen und zu einem nur in ihrer Fantasie existierendem Folksänger.

Insgesamt ist „Platspitzbay“ ein gut gemachter und gut gespielter TV-Film, der nie auch nur halbwegs so energisch wie „Christiane F.“ nach der großen Kinoleinwand strebt und Kinder (und das sind sie trotz ihres von der Nacht bestimmenten Lebensstil und ohne Eltern) die Nacht erobern lässt. Mit der Musik von David Bowie.

Auf der DVD ist, immerhin, neben der deutschen Fassung die schweizer Originalfassung vorhanden. Weiteres Bonusmaterial fehlt.

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Deutschland 1981)

Regie: Ulrich Edel (aka Uli Edel)

Drehbuch: Herman Weigel

LV: Kai Hermann/Horst Rieck: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978

mit Natja Brunkhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Reiner Wölk, Jan Georg Effler, Chrstiane Reichelt, David Bowie, Christiane Lechle

Blu-ray

EuroVideo

Bild: 1080p24 (1,78:1)

Ton: Deutsch (DTS-HD MA 5.1)

Untertitel: Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte; Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Uli Edel und den Interviewern Stefan Jung und Marcus Stiglegger, Interview mit Natja Brunckhorst, Casting-Ausschnitte

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Moviepilot über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Rotten Tomatoes über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Wikipedia über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (deutsch, englisch)

Platzspitzbaby (Schweiz 2020)

Regie: Pierre Monnard

Drehbuch: André Küttel

LV: Michelle Halbheer/Franziska K. Müller: Platzspitzbaby, 2013

mit Luna Mwezi, Sarah Spale, Anouk Petri, Delio Malär, Jerry Hoffmann

DVD

EuroVideo

Bild: 1.67.1 (16:9)

Ton: Deutsch, Schweizerdeutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Platzspitzbaby“

Wikipedia über „Platzspitzbaby“


TV-Tipp für den 9. Februar: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Februar 8, 2022

Arte, 20.15

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Deutschland 1981)

Regie: Ulrich Edel

Drehbuch: Herman Weigel

LV: Kai Hermann/Horst Rieck: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1978

Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigte, an der Kinokasse erfolgreiche Verfilmung des immer noch erhältlichen gleichnamigen Sachbuch-Bestsellers der „stern“-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck über die titelgebende drogensüchtige dreizehnjährige Christiane F. und ihre drogensüchtigen Freunde am Bahnhof Zoo in den Siebzigern.

Auf ein Problem von diesem und anderen, ähnlich gelagerten Filmen wies damals der Fischer Film Almanach hin: „So paradox es klingt: Glaubwürdig hätten sie wohl nur dadurch bleiben können, dass sie diesen Film nicht gemacht hätten, sie alle, die an ihm beteiligt sind, die anonyme Christiane, die vor einigen Jahren die traurige Geschichte ihrer Sucht den beiden ’stern‘-Reportern Kai Hermann und Horst Rieck auf Band gesprochen und zusammen mit ihnen die Verfilmungsrechte verkauft hat; der ehrgeizige junge Produzent Bernd Eichinger, der das Projekt – vom kaufmännischen Standpunkt aus – perfekt durchgehogen hat; der Autor Herman Weigel und der Regisseur Ulrich Edel, der sich gleich bei seinem ersten Spielfilm an solch einen Stoff wagen durfte – und mit ihm, zwangsweise, scheitern musste. Ihnen allen sollen die Redlichkeit und Ehrlichkeit ihrer Absichten gar nicht bestritten werden, nämlich unter weitgehendem Verzicht auf Spekulation einen ungeschminkten Report über die Szene der jugendlichen Fixer und Prostituierten abzuliefern (…) Sie wollen niemandem weh tun; deshalb ist aus ihrem Film nichts Richtiges geworden. Sie hätten den Mut haben müssen, Wut auszulösen, Betroffenheit. Sie begnügen sich mit dem beifällig gemurmelten: ‚So ist’s‘ – und das ist zu wenig.“ (Fischer Film Almanach 1982)

Vor Edel sollte Roland Klick das Buch verfilmen. Er hatte einen anderen Film geplant. Ob es ein besserer Film geworden wäre, werden wir nie erfahren.

Nach dem Film zeigt Arte um 22.20 Uhr die neuen Dokus „Kino im Rausch – Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (über die Dreharbeiten) und um 23.15 Uhr „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Lost Generation“ (über die beim Dreh noch aktuellen, heute historischen Hintergründe der Filmgeschichte).

Und um 00.10 Uhr gibt es, als TV-Premiere, die isländische Komödie „Milchkrieg in Dalsmynni“. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

mit Natja Brunkhorst, Thomas Haustei, Jens Kuphal, Reiner Wölk, David Bowie

Hinweise

Arte über den Spielfilm, das Making of und den Hintergrundbericht

Filmportal über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Rotten Tomatoes über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Wikipedia über „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (deutsch, englisch)

Eine Radio-Bremen-Doku von 1983 über Christiane Felscherinow (aka Christiane F.) und ihren damaligen Mitbewohner/Freund Alexander von Borsig (bzw. Alexander Hacke [Einstürzende Neubauten])


Neu im Kino/Filmkritik: „Candyman“, „Coup“, „Killer’s Bodyguard 2“, „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“, „Martin Eden“ – die Neustarts vom 26. August 2021, Teil 1

August 26, 2021

Zehn Film werde ich jetzt besprechen. Dabei starten heute sogar siebzehn Filme. Und nur einem Film wünsche ich eine möglichst kurze Zeit in den Kinos. Die anderen sind vielleicht nicht alle kommende Klassiker, manche sind auch zwiespältig oder nur für ein bestimmtes Publikum geeignet (Ja, Killer’s Bodyguard, du bist gemeint), aber doch, in dem Fall für die Zielgruppe, mindestens einen Blick wert.

Im ersten Teil bespreche ich „Candyman“, „Coup“, „Killer’s Bodyguard 2“, „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“ und „Martin Eden“; im zweiten Teil „Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie“, „Die Rote Kapelle“, „Sky Sharks“, „Tides“ und „Die Unbeugsamen“.

Beginnen wir in alphabetischer Reihenfolge mit dem Mann, der Süßigkeiten an kleine Kinder verteilt.

Candyman“ ist irgendetwas zwischen Remake, Reboot, Prequel und Weitererzählung von „Candyman’s Fluch“ (Candyman, USA 1992). In den ersten Minuten wird nämlich von einem Auftauchen des titelgebenden Candymans im Sommer 1977 in Chicago in der real existierenden Sozialwohnungssiedlung Cabrini-Green erzählt. Dann springt die Filmgeschichte in die Gegenwart. Cabrini-Green ist inzwischen gentrifiziert. In einem der neuen Nobelapartments wohnt der schwarze Künstler Anthony McCoy. Als er die Geschichte von Candyman hört, ist er fasziniert. Schnell beschließt er, dass er sich in seinem neuen Projekt mit diesem Candyman und seinen Taten in Cabrini-Green beschäftigen will. In dem Moment ahnt er noch nicht, dass er dabei auch dem titelgebenden Mann mit den Süßigkeiten begegnen wird. Denn er taucht immer dann auf, wenn man seinen Namen fünfmal in einen Spiegel sagt (Nein! Nicht ausprobieren!).

Jordan Peele („Get out“) produzierte und schrieb das Drehbuch für diese Neuinterpretation einer Großstadtlegende. Die Regie übernahm die 1989 in Brooklyn geborene Nia DaCosta. Ihr Spielfilmdebüt war „Little Woods“. Ihr nächster Film ist der Marvel-Film „The Marvels“.

Candyman“ überzeugt vor allem als fast schon hypnotisch langsam erzählter, ätzender Kommentar zu Gentrifizierung, Rassismus und männlichen Selbstzweifeln. Weil der Protagonist ein Künstler ist, sind diese Sellbstzweifel monströs und die Macher können auch einen sarkastischen Blick auf die Kunstszene werfen. In den Städten ist sie ein Treiber der Gentrifizierung und Anthonys neues Projekt lebt genau von diesem Zwiespalt: einerseits will er in seinem neuen Werk auf die Geschichte bekannter machen, andererseits beutet er sie für seine Karriere aus. Vor allem nachdem nach der Präsentation seiner Werke in einer Galerie ein bestialischer Doppelmord geschieht, steigt der Preis für seine Bilder rapide.

Die üblichen Horrormomente, also vor allem die brutalen und blutige Morde, werden meistens nicht gezeigt. Die Opfer schon. Traditionelle Jumpscares werden auch größtenteils vermieden. Stattdessen wird die Vergangenheit von Candyman im Stil eines Schattenspiels erzählt.

Insofern kann „Candyman“ als gelungene Wiederbelebung eines schon toten Horrorfilm-Franchises aus dezidiert afroamerikanischer Perspektive gesehen werden. Denn selbstverständlich gab es nach dem überraschenden Erfolg des ersten „Candyman“-Films weitere, schlechtere und unbekanntere „Candyman“-Filme.

Allerdings hatte ich auch den Eindruck, dass der „Candyman“-Mythos die Macher beim Erzählen ihrer Geschichte etwas hinderte. Schließlich mussten sie immer wieder auf die aus den vorherigen Filmen bekannte Großstadtlegende von dem Killer mit der Hakenhand, sein Schicksal und seine Taten verweisen, anstatt eine eigene urban legend zu erfinden.

Candyman (Candyman, USA 2021)

Regie: Nia DaCosta

Drehbuch: Jordan Peele, Win Rosenfeld, Nia DaCosta

mit Yahya Abdul-Mateen II, Teyonah Parris, Nathan Stewart-Jarrett, Colman Comingo, Kyle Kaminsky, Vanessa Williams, Brian King, Rebecca Spence, Tony Todd

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Candyman“

Metacritic über „Candyman“

Rotten Tomatoes über „Candyman“

Wikipedia über „Candyman“ (deutsch, englisch)

Auf den ersten Blick wirkt „Coup“ wie der nächste Versuch eines deutschen Genrefilms. Im Mittelpunkt der wahren Geschichte steht ein 22-jähriger Bankangestellter. Obwohl er nur lustlos arbeitet, hat er eine feste Anstellung und finanziell eigentlich ausgesorgt. Da entdeckt er eine Sicherheitslücke. Er nutzt sie aus und hat plötzlich mehrere Millionen Deutsche Mark. Zusammen mit seinem besten Freund, wie er ein Rocker, flüchtet er nach Australien. Dort geben sie das erbeutete Geld mit vollen Händen aus. Er möchte auch, dass seine große Liebe und ihr gemeinsames Kind nachkommen. Aber sie will nicht.

In seinem Regiedebüt erzählt Sven O. Hill diese Geschichte mit einem minimalen Budget und einem Mix aus Real- und Animationsfilm. Erzählt wird die Geschichte von dem Bankräuber, der sie Hill erzählte und der immer noch etwas fassungslos über seinen 1988 erfolgten Bankraub ist.

Das Problem dieser verfilmten wahren Geschichte ist dann die wahre Geschichte, die halt nicht den Hollywood-Drehbuchregeln folgt und deshalb etwas spannungs- und konfliktfrei ist. Denn brenzlig oder gefährlich wird es für für ihn nie.

Coup“ ist kein pulstreibendes Krimidrama, sondern eine Schnurre mit nett-verpeilten Hamburger Jungs und ein Blick in die bundesdeutsche Vergangenheit als eine Anstellung bei einer Bank eine krisensichere Arbeit bis zur Rente war.

Coup (Deutschland 2019)

Regie: Sven O. Hill

Drehbuch: Sven O. Hill

mit Daniel Michel, Rocko Schamoni, Tomasz Robak, Paula Kalenberg

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Coup“

Die Story von „Killers’s Bodyguard 2“, bzw. im Original mit „The Hitman’s Wife Bodyguard“ treffender betitelt, ist Unfug, der nur existiert, um exzessive Gewalt, Brachialhumor und ein gutgelauntes Ensemble im konstanten Overacting-Modus zusammem zu führen.

Diese Fortsetzung knüpft an „Killer’s Bodyguard“ an. In dem Überraschungserfolg musste der Top-Bodyguard Michael Bryce (Ryan Reynolds) den erfolgreichen Profikiller Darius Kincaid (Samuel L. Jackson) lebendig von Coventry nach Den Haag bringen. Bei der Mission gab es Verletzte, Tote und erhebliche Schäden an Fahrzeugen und Gebäuden.

Jetzt ist Bryce immer noch todunglücklich über den Verlust seines Top-Ratings als Bodyguard (das gibt es in dieser Welt) und seiner Lizenz (auch das gibt es in dieser Welt). Als er sich auf Anraten seiner Therapeutin, die ihren therapieunfähigen Patienten unbedingt loswerden will, in einen Erholungsurlaub begibt, wird er von Sonia Kincaid (Salma Hayek), der Frau von Darius Kincaid, gefunden und sofort in ein riesiges Gefecht mit einer Hundertschaft schieß- und gewalttätiger Männer verwickelt. Während er unter keinen Umständen eine Waffe anrühren möchte, ballert sie wild drauflos.

Sie entkommen und stolpern gleich in die nächste Schlacht. Denn Sonia will unbedingt ihren von einem Mafiosi entführten Mann befreien und sie möchte Mutter werden (dabei ist sie die ungeeignetste Person dafür). Außerdem werden sie von dem echt harten, immer schlecht gelauntem Interpol-Agenten Bobby O’Neill (Frank Grillo), der unbedingt wieder zurück in die USA will, erpresst, den größenwahnsinnigen griechischen Cyberterroristen Aristoteles Papadopolous (Antonio Banderas) auszuschalten.

Die James-Bond-würdige Geschichte erhebt sich bei ihrer europäischen Sightseeing-Tour nie über das Niveau der Rollennamen. Da werden die Klischees munter aneinandergereiht und zitiert; in dem vollen Bewusstsein, dass jeder im Saal die Anspielungen versteht.

Und dann tritt auch noch Morgan Freeman als Quasi-Gott auf. Im Film ist das einer der wirklich überraschenden Momente. Wer allerdings einen Blick auf das Plakat geworfen hat, weiß, dass Morgan Freeman mitspielt.

In der richtigen Stimmung ist Buddy-Movie (oder Buddy-Buddy-Movie) „Killer’s Bodyguard 2“ ein spaßiger Film, sozusagen der räudige, sich schlecht benehmende, sein schlechtes Benehmen geniesende Bruder von „Free Guy“, ebenfalls mit Ryan Reynolds.

Killer’s Bodyguard 2 (The Hitman’s Wife Bodyguard, USA 2021)

Regie: Patrick Hughes

Drehbuch: Tom O’Connor

mit Ryan Reynolds, Samuel L. Jackson, Salma Hayek, Antonio Banderas, Morgan Freeman, Frank Grillo, Caroline Goodall, Rebecca Front, Gabriella Wright, Alice McMillan,

Kristofer Kamiyasu, Tom Hopper

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Killer’s Bodyguard 2“

Metacritic über „Killer’s Bodyguard 2“

Rotten Tomatoes über „Killer’s Bodyguard 2“

Wikipedia über „Killer’s Bodyguard 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Patrick Hughes‘ „The Expendables 3“ (The Expendables, USA 2014)

Meine Besprechung von Patrick Hughes‘ „Killer’s Bodyguard“ (Hitman’s Bodyguard, USA 2017)

Bleiben wir in Italien. Aber während „Killer’s Bodyguard 2“ Italien nur für den Klischeetrip US-amerikanischer Prägung benutzt, taucht Franco Maresco in seinem neuen Film „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“ tief in den sizilianischen Alltag ein.

Am 23. Mai 1992 und am 19. Juli 1992 verübte die Mafia Bombenattentate auf die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Die Attentate, bei denen auch mehrere Unbeteiligte starben, waren letztendlich auch das Ende der Mafia, wie wir sie aus unzähligen Filmen kennen.

25 Jahre später will Maresco in Palermo die Feiern zu ihrem Todestag aufnehmen. Dafür begleitet er die Fotografin Letizia Battaglia. Sie dokumentierte ab den Siebzigern die Morde der Mafiosi. Sein zweiter Protagonist ist der Party-Veranstalter Ciccio Mira, der mit vielen Künstlern eine Feier zu Ehren der beiden ermordeten Mafiajäger durchführen will. Seine an Peinlichkeit kaum zu überbietende Dorfkirmes-Veranstaltung mit untalentierten Amateurkünstlern lebt von dem Gegensatz zwischen der erklärten Absicht, Borsellino und Falcone zu ehren, und der Realität, in der die Veranstalter und die Künstler wortreich nicht erklären können, warum sie an der Veranstaltung teilnehmen wollen und sie sich nicht von der Mafia distanzieren wollen.

In seinem Dokumentarfilm bedient Maresco sich eines satirischen Ansatzes, bei dem immer unklar ist, wie sehr die einzelnen Szenen inszeniert sind. Denn er ist ein ausgesucht respektloser und penetranter Fragensteller. Trotzdem ertragen seine Interviewpartner ihn klaglos und höflich. Auch wernn er zum x-ten Mal von ihnen ein Bekenntnis gegen die Mafia hören will. Oder er den immer freundlichen, aber auch sehr halbseidenen Festivalveranstalter Mira ins Kreuzverhör nimmt und dieser wort- und gestenreich ausweicht.

Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“ ist eine sehr italienische satirische Doku, die perfekt in kleine, schummerige Arthauskinos passt. Die Studentenkinos sind ja noch geschlossen.

Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war (La mafia non è più quella di una volta, Italien 2019)

Regie: Franco Maresco

Drehbuch: Franco Maresco, Claudia Uzzo, Francesco Guttuso, Giuliano La Franca, Uliano Greca

mit Letizia Battaglia, Ciccio Mira, Matteo Mannino, Christian Miscel, Franco Zecchin

Länge: 105 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Verleihseite zum Film

Moviepilot über „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“

Rotten Tomatoes über „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“

Wikipedia über „Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war“ (englisch, italienisch)

Wir bleiben in Italien. „Martin Eden“ ist die freie Verfilmung von Jack Londons gleichamigem, autobiographisch inspiriertem Roman. Pietro Marcello verlegte die Geschichte in seinem Spielfilmdebüt in das Nachkriegsitalien des Neorealismus.

Wie Dominik Graf in seiner Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ erstarrt Marcello nicht in Ehrfurcht vor der Vorlage. Er bebildert sie nicht, sondern eignet sie sich an, interpretiert und verändert sie; dabei benutzt er die filmischen Mittel, die ihm passen. Die Geschichte gewinnt eine zeitlose Qualität, die immer an eine unspezifische Vergangenheit und die große Zeit des italienischen Kinos erinnert.

Martin Eden ist ein ungebildeter Seemann und Landarbeiter. Er gehört zum Subproletariat. Als er im Hafen von Neapel die großbürgerliche Elena Orsini vor einigen Schlägern rettet, öffnet sich für ihn eine Tür in eine andere Welt. Er verliebt sich in sie und sie scheint auch etwas für ihn zu empfinden. Um sie zu beeindrucken, beginnt er hochliterarische Werke zu lesen und er möchte Schriftsteller werden.

Einer der wenigen Menschen, die an ihn glaubt ist der Bohemien und Sozalist Russ Brissenden. Er fragt sich aber auch, ob Eden erfolgreich sein kann, ohne sich zu verraten. Falls er überhaupt einen Text verkaufen kann.

Martin Eden (Martin Eden, Italien/Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Pietro Marcello

Drehbuch: Maurizio Braucci, Pietro Marcello

LV: Jack London: Martin Eden, 1909 (Martin Eden)

mit Luca Marinelli, Jessica Cressy, Denise Sardisco, Vincenzo Nemolato, Carmen Pommella, Elisabetta Volagoi, Marco Leonardi, Autilia Ranieri, Pietro Raguso, Carlo Cecchi

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Martin Eden“

Moviepilot über „Martin Eden“

Metacritic über „Martin Eden“

Rotten Tomatoes über „Martin Eden“

Wikipedia über „Martin Eden“ (deutsch, englisch, italienisch)


TV-Tipp für den 6. Januar: Die Damen vom Bois de Boulogne

Januar 6, 2020

Arte, 21.50

Die Damen vom Bois de Boulogne (Les dames du Bois de Boulogne, Frankreich 1945)

Regie: Robert Bresson

Drehbuch: Robert Bresson, Jean Cocteau (Dialoge)

LV: Denis Diderot: Jacques le fataliste et son maitre, 1796 (geschrieben zwischen 1773 – 1775) (Jacques der Fatalist und sein Herr)

Die Adlige Hélène will sich an ihrem ehemaligen Liebhaber rächen. Dafür verkuppelt sie ihn mit einer Prostituierten und die beiden verlieben sich ineinander. Geht Hélènes Racheplan trotzdem auf?

Zweiter Spielfilm von Robert Bresson (1907 – 1999), einem der Großen des französischen Kinos. „einer der markantesten, stilistisch rigidesten, ästhetisch und geistig kompromisslosesten Regisseure der Gegenwart“ und „neben Carl Theodor Dreyer als den am stärksten religiös motivierten Regisseur des Jahrhunderts“ (Klappentext von „Robert Bresson“, Hanser Reihe Film Band 15, 1978)

Damit war Bresson in Cineastenkreisen anerkannt. Das große Publikum ignorierte ihn weitgehend. Ab seinem dritten Film arbeitete er mit Laien. Die Finanzierung wurde dadurch nicht einfacher. Zu seinen späteren Filmen gehören „Tagebuch eines Landpfarrers“, „Ein zum Tod Verurteilter ist entflohen“, „Pickpocket“, „Zum Beispiel Balthasar“ und „Das Geld“, sein letzter Film. Seine Filme werden nur alle Jubeljahre im Fernsehen gezeigt.

mit Maria Casarès, Paul Bernard, Elina Labourdette, Lucienne Bogaert, Jean Marchat

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Damen vom Bois de Boulogne“

Wikipedia über „Die Damen vom Bois de Boulogne“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nico, 1988“ – am Ende ihres Lebens, immer noch vom Ruhm ihrer ersten Aufnahmen zehrend

Juli 18, 2018

Schon zu Lebzeiten hatte Nico eine treue Fangemeinde, deren Verhältnis zur Hitparade ganz einfach war: wenn der Song in den Charts ist, ist er Mist.

Neben der Fangemeinde, die sie kultisch verehrt – was ein höflicher Ausdruck für kaum vorhandene Plattenverkäufe und Auftritte in kleinen Locations ist -, kennt die breitere Öffentlichkeit Nico vor allem als Sängerin von Velvet Underground. So auch die Ein-Satz-Biographie bei AllMusic: „Model, actress, chanteuse, and former Velvet Underground frontwoman known for her sultry voice and ice-goddess presence.“ Dabei ist sie auf der ersten Platte von „Velvet Underground“ (die mit dem Bananen-Cover) nur bei den Songs „Femme Fatale“, „All tomorrow’s parties“ und „I’ll be your mirror“ zu hören. Und das auch nur, weil Produzent Andy Warhol das unbedingt wollte. Die Band – Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen ‚Moe‘ Tucker – hätte schon damals gerne auf das Model verzichtet.

Die am 16. Oktober 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Sängerin „stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusen-Talent zum Mysterium. Mit einer Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung.“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Das neue Rock-Lexikon, 1998)

Ihre ersten beiden Solo-LPs „Chelsea Girl“ (1967) und „The Marble Index“ (1968, produziert von John Cale) haben einen gewissen allgemein akzeptierten Klassikerstatus. Die beiden nachfolgenden, ebenfalls von Cale produzierten LPs „Desertshore“(1970) und „The End“ (1974) schließen an „The Marble Index“ an und sind fast unbekannt. Danach versandete die Karriere der Chanteuse. In den frühen Achtzigern wurde sie vom Gothic-Publikum wiederentdeckt und fortan kultisch verehrt.

Jetzt, dreißig Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza läuft „Nico, 1988“ in unseren Kinos an und der Film, der letztes Jahr auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Premiere hatte, ist ein Denkmal der besonderen Art. Es ist eine Liebeserklärung an eine Sängerin, die letztendlich am Tiefpunkt ihres Lebens gezeigt wird; – was dann doch eine etwas seltsame, verquere und fast schon feindselige Liebeserklärung ist, die Nico wahrscheinlich genau deshalb gefallen hätte. Immerhin wird sie als eine Frau porträtiert, die kompromisslos ihre künstlerische Vision verfolgt und an ihrer aktuellen Arbeit gemessen werden will. Auch wenn die niemand hören will.

Susanna Nicchiarellis im heute ungewöhnlichen, hier sehr passendem 1.37:1 „Academy“-Filmformat gedrehtes Biopic „Nico, 1988“ beginnt mit einer Wohnungsbesichtigung einer etwas renovierungsbedürftigen Arbeiterwohnung in Greater Manchester, wo sie ihre letzten Jahre lebte. Während der Besichtigung zieht sie sich auf die Toilette zurück: um Geräusche aufzunehmen und Drogen zu konsumieren. Damit sind in den ersten Minuten die Themen des Films schon umrissen. Während Nico mit ihrer Band quer durch Europa und hinter den damals noch vorhandenen Eisernen Vorhang tourt, muss sie in Interviews immer wieder Fragen zu Velvet Underground und Andy Warhol beantworten. Dabei würde die launenhafte Diva, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Schönheit ist, lieber über ihre aktuellen Klangexperimente reden.

Nico-Darstellerin Trine Dyrholm interpretiert bei den zahlreichen Auftritten von Nico und ihrer Band die Songs selbst. Die im Film ausführlich präsentierten Songs sind ein Best-of-Nico, inclusive der mit ihr verbundenen Velvet-Underground-Songs, in gemäßigt experimentellen, rockig mitreisenden Arrangements. Die Soundtrack-CD scheint es nur als Stream bzw. Download zu geben.

Zwischen den Konzerten konsumiert Nico Heroin. Sie, die in ihren jungen Jahren die Geliebte und Muse von ungefähr jedem angesagten Künstler war (von Alain Delon hat sie einen von ihm nie anerkannten Sohn), hat jüngere Liebhaber und erinnert sich schlaglichtartig an ihre Vergangenheit. Vor allem an ihre Zeit im Umfeld von Andy Warhol und ihre Kindheit in Berlin, das von den Alliierten bombardiert wird. Diese alptraumartigen Erinnerungen sind, so der Film, der Nukleus ihres künstlerischen Schaffens.

Aus diesen Episoden ergibt sich ein faszinierendes Porträt einer drogenabhängigen Künstlerin, die stur bis zu ihrem überraschenden, durch einen Fahrradsturz verursachten Tod, ihren Weg verfolgt.

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico


Neu im Kino/Filmkritik: „Den Sternen so nah“, der Liebe so fern

Februar 10, 2017

Zugegeben, besonders plausibel ist die Geschichte nicht. Da sollen wir zuerst glauben, dass bei der ersten bemannten Mission zum Mars eine schwangere Frau mitfliegen darf, weil bei all den Untersuchungen vor dem Abflug genau das nicht bemerkt wurde. Dann sollen wir glauben, dass in einer Marsstation ein Junge aufwächst, ohne dass das über sechzehn Jahre herauskommt. Er wird von Wissenschaftlern, die auf verschiedenen Missionen auf der Station eine mehr oder weniger lange Zeit verbringen, erzogen. Und niemand, absolut niemand, von den Astronauten und dem Personal auf der Erde redet darüber. Das ist absolut unrealistisch. Wem es nicht gelingt, über diese Punkte hinwegzusehen, der wird „Den Sternen so nah“, den neuen Film von Peter Chelsom („Funny Bones“), hassen. Dabei ist die Frage, wie sich eine Schwangerschaft und Geburt im Weltraum und ein Leben auf dem Mars auf den menschlichen Körper auswirken, durchaus faszinierend. In dem Film bleibt es dann dabei, dass der Junge ein zu schwaches Herz für die Erde hat.

Gardner Elliot (Asa Butterfield), der Marsjunge, genießt auf dem Mars zwar eine gute Ausbildung mit Wissenschaftlern, seinem Roboter Centaur und Computern, aber er sehnt sich auch nach dem Kontakt zu Gleichaltrigen. Im Internet lernt er Tulsa (Brit Robertson) kennen. Sie lebt in einer Kleinstadt in Colorado, wurde in den vergangenen Jahren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und freut sich auf ihren achtzehnten Geburtstag. Dann ist die Outsiderin endlich frei und kann tun und lassen, was sie will. Sie skypen ohne Zeitverzögerung (scheint in knapp zwanzig Jahren zu gehen), aber sonst trennen sie Welten.

Als die Mediziner der privaten Gesellschaft Genesis Space Technologies, die für die Marsmission verantwortlich ist, eine Methode entdecken, Gardners Körper so zu verändern, dass er auf der Erde überleben kann, ist eine Rückkehr möglich.

Auf der Erde gelingt ihm schnell die Flucht aus dem Kennedy Space Center in Florida. Er will zu Tulsa und mit ihr zu seinem Vater, von dem er nur ein Bild hat. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Dabei entdeckt Gardner eine für ihn fremde Welt, durch die er wie David Bowie in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ stakst und sich über den Regen freut.

Allerdings werden er und seine ‚Maude‚ Tulsa von Nathaniel Shepherd (Gary Oldman, der mehr als eine Nebenrolle hat), dem herzschwachen Gründer von Genesis Space Technologies, und seiner Marsmutter Kendra Wyndham (Carla Gugino), einer kinderlosen Ingenieurin, verfolgt. Beide haben, aus unterschiedlichen Gründen, Angst um Gardner und dass er von der Polizei und der Öffentlichkeit entdeckt wird, während er von Florida über Colorado, New Mexico, Arizona und Nevada in Richtung Kalifornien reist.

In diesen Momenten ist dann die Science-Fiction-Welt ganz weit weg. Man muss sich nicht mehr mit den Unglaubwürdigkeiten der Ausgangslage beschäftigen, sondern kann (und sollte) „Den Sternen so nah“ als eine Geschichte von zwei Outsidern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die zusammen finden, sehen. Es ist eine Geschichte zweier Jugendlicher, die sich nach dem Sinn ihres Leben fragen und dabei ein wildes Abenteuer erleben. Gewürzt mit etwas Humor, einem zutiefst freundlichen Blick auf die Menschen, ihre Fehler, Bedürfnisse und Wünsche, schönen Bildern aus dem Hinterland (gedreht wurde vor allem in der Gegend von Albuquerque, New Mexico) und Schauspielern, die man immer gerne sieht, wie Gary Oldman, der sich in den vergangenen Jahren etwas rar machte und vor allem Nebenrollen übernahm.

Das ist immer etwas banal, nicht allzu tiefschürfend und eher für Teenager, aber mit der begrüßenswerten Botschaft.

den-sternen-so-nah-plakat

Den Sternen so nah (The Space between us, USA 2017)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Allan Loeb (nach einer Geschichte von Stewart Schill, Richart Barton Lewis und Allan Loeb)

mit Britt Robertson, Asa Butterfield, Gary Oldman, Carla Gugino, BD Wong, Janet Montgomery

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Den Sternen so nah“

Metacritic über „Den Sternen so nah“

Rotten Tomatoes über „Den Sternen so nah“

Wikipedia über „Den Sternen so nah“

Meine Besprechung von Peter Chelsoms „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

 


Blu-ray-Kritik: Auch in China brennen Hochhäuser – Der Katastrophenfilm „Out of Inferno“

August 24, 2016

Ein Hochhaus in der südchinesischen Millionenstadt Guangzhou, ein heißer Tag, eine achtlos weggeworfene Zigarette und schneller als der Pizza-Service liefern kann, steht das Haus in Flammen. Diese Katastrophe gibt nun den Regisseuren Danny und Oxide Pang die Gelegenheit, tapfere Feuerwehrleute gegen das Feuer kämpfen zu lassen und dabei möglichst viele der vom Feuer bedrohten Menschen zu retten, während eine Explosion nach der nächsten, ein plötzlich auftauchender Brandherd nach dem nächsten und ein versperrter Fluchtweg nach dem nächsten die Rettung erschweren. Und diese vor den Flammen flüchtenden Menschen sind ein repräsentativer Querschnitt durch die Gesellschaft, die in der Not ihre Tapferkeit oder ihre Feigheit beweisen können. Im Mittelpunkt stehen ein Feuerwehrmann, dessen schwangere Frau in dem Gebäude ist und der den Einsatz leitet; sein Bruder, mit dem er seit vier Jahren nicht mehr gesprochen hat und der für den Brandschutz in dem Gebäude verantwortlich ist; ein Ehepaar mit einer kleinen Tochter; zwei Juwelendiebe, die die sich durch das Feuer bietende Chance genutzt haben, und ein Arzt, der kein Held sein will.

Nein, einen Innovationspokal wird es für den Katastrophenfilm „Out of Inferno“ der Pang-Brüder nicht geben. Logikfans werden, auch wenn sie nichts über die chinesischen Brandschutzvorschriften wissen, sicher mehr als einmal die Stirn runzeln. Und einige der Tricks sind auch, nach unzähligen CGI-gesättigten Action-Thrillern, sehr offensichtlich.

Trotzdem gefällt das Drama mit etlichen spektakulären Szenen, Explosionen und viel Feuer als flott erzählter, entsprechend kurzweiliger und eher unpathetischer Katastrophenfilm in der Tradition von „Flammendes Inferno“ mit weniger Stars (jedenfalls für uns Westler) und mit hundert Minuten deutlich kürzer als das Hollywood-Dreistundenepos.

Als Bonusmaterial gibt es ein unspektakuläres 16-minütiges „Making of“, das auch zeigt, wie bei einigen Szenen getrickst wurde.

Danny Pang und sein Zwillingsbruder Oxide Pang (manchmal auch Oxide Chung Pang), die auch als „The Pang Brothers“ firmieren, inszenierten bereits „The Eye – Mit den Augen einer Toten“, „Bangkok Dangerous“ und das gleichnamige Hollywood-Remake mit Nicolas Cage.

Out of Inferno - Blu-ray-Cover - 4

Out of Inferno (Táo Chūshēng Tiān, China/Hongkong 2013)

Regie: Danny Pang, Oxide Pang

Drehbuch: Tang Nicholl, Danny Pang, Oxide Chun Pang, Szeto Kam-Yuen, Tang Nicholl, Wu Meng Zhang

mit Louis Koo, Sean Lau, Chen Si Cheng, Crystal Lee, Marc Ma, Jin Qiao Qiao, Crystal Lee, Zang Jin Sheng

Blu-ray (DVD identisch)

Edel:Motion Film

Bild 1090i25 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Chinesisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch (nur beim Bonusmaterial)

Bonusmaterial: Making of

Bild 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Out of Inferno“

Wikipedia über „Out of Inferno“


TV-Tipp für den 27. August: Heimat – Eine deutsche Chronik: Fernweh/Die Mitte der Welt

August 27, 2015

Arte, 22.15
Heimat – Eine deutsche Chronik: Fernweh (1919 – 1928), Die Mitte der Welt (1929 – 1933) (Deutschland 1984)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Peter Steinbach
Toll, dass „Heimat“, das Werk, mit dem Edgar Reitz seinen Durchbruch hatte, das damals wirklich ein TV-Ereignis war und das eindrucksvoll zeigt, was im Fernsehen möglich war, bevor es diese langen „Fernsehen ist der neue Roman“-Elogen gab, wieder im Fernsehen läuft.
Schade, dass Arte das Opus in einer von Reitz selbst von 924 Minuten auf 888 Minuten gekürzten Fassung in Doppelfolgen heute und an den kommenden Donnerstagen zeigt. D. h., dass um 01.45 Uhr der Abspann läuft und das Aufnahmegerät seine Arbeit beendet, während einige Nachteulen den Fernseher ausschalten.
In „Heimat“ erzählt Reitz anhand der in dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach lebenden Maria Simon (1900 – 1982) die wechselvolle Geschichte Deutschlands vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Marias Tod aus der Perspektive der kleinen Leute, die nicht in einer Metropole leben.
Großes Kino! Auch in der Mediathek.
Mit Marita Breuer, Gertrud Bredel, Willi Burger, Michael Lesch, Rüdiger Weigang, Karin Rasenack

Hinweise

Arte über „Heimat – Eine deutsche Chronik“

Wikipedia über „Heimat – Eine deutsche Chronik“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)


Manu Larcenet erzählt sehr noir vom „Blast“

Juli 21, 2014

Larcenet - Blast 3 - 2

Zwei Polizisten verhören einen dicken Mann. Ein Monstrum, das eine so unvorstellbare Tat begangen hat, dass die Beamten bis zum Äußersten gefordert sind und das Verhör mehrmals unterbrechen müssen. Dabei wissen wir in Manu Larcenets Comic „Blast“, dessen dritter Band „Augen zu und durch“ (von vier) kürzlich erschien, lange nicht, was Polza Mancini, 38 Jahre, ohne festen Wohnsitz, Alkoholiker, mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrie, vorgeworfen wird. Denn er besteht darauf, dass er die Geschichte in seinem eigenen Tempo erzählt. Er erzählt von seiner Jugend, seiner Karriere als geachteter Gastrokritiker, wie er dann plötzlich sein Leben aufgab, in den Wald zog, eine neue Freiheit spürte und mit anderen gesellschaftlichen Außenseitern zusammenlebte. Er erzählt auch, wie er Carole Oudinot, die er später versuchte zu töten (sie liegt in einem künstlichem Koma), kennen lernte. Und er erzählt von seiner Drogensucht. Seinen geistigen Aussetzern, die er „Blast“ nennt und die von Manu Larcenet wie ein überirdischer Drogenrausch, bei dem alle Synapsen im Gehirn explodieren, in farbigen Panels gezeichnet wurde.
Allerdings nimmt Mancini es – wie die Polizisten öfter sagen – mit der Wahrheit nicht so genau. Daher könnte seine gesamte Geschichte auch das Hirngespinst eines Wahnsinnigen sein.
Manu Larcenet erzählt die Geschichte vor allem über die atmosphärischen SW-Panels, in denen die Menschen immer wieder grotesk überzeichnet sind und so einen Blick in Mancinis derangierte Psyche liefern. Das fasziniert von der ersten Seite an und weil „Blast“, trotz der Aufteilung in vier Bände (der vierte Band soll nächstes Jahr erscheinen), eine zusammenhängende, düstere Geschichte, nämlich die Biographie Mancinis in seiner Interpretation mit Korrekturen der Beamten, erzählt, sollte man sie unbedingt chronologisch lesen.

Manu Larcenet: Blast: Augen zu und durch (Band 3)
(übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Reprodukt, 2014
208 Seiten
29 Euro

Orignalausgabe
Blast 3 – La Tête la première
Dargaud, 2012

Das Geständnis des Herrn Mancini
Blast: Masse (Band 1) (Blast 1 – Grasse Carcasse, 2009)
Blast: Die Apokalypse des Heiligen Jacky (Band 2) (Blast 2 – L’Apocalypse selon Saint Jacky, 2011)
Blast: Augen zu und durch (Band 3) (Blast 3 – La Tête la premieère, 2012)
Blast 4 – Pourvu que les bouddhistes se trompent, 2014

Hinweise
Homepage über Manu Larcenet
Reprodukt über Manu Larcenet
Wikipedia über Manu Larcenet (deutsch, französisch) und „Blast“


Ivo Ritzer sucht das „Fernsehen wider die Tabus“

August 29, 2011

Lange Zeit war das Fernsehen das ungeliebte Schmuddelkind. Dumme Unterhaltung für die Massen, und vom Feuilleton genau deshalb weitgehend ignoriert. Das hat sich in den vergangenen Jahren mit Serien wie den „Sopranos“, „The Wire“, „Sex and the City“, „24“ und den „Desperate Housewives“, geändert. Fernsehen ist jetzt, wenn man den Kulturkritikern glauben will, der moderne Gesellschaftsroman und mit ihren Grenzüberschreitungen (Sex! Gewalt! Sprache!! Amoralische Helden.) auch subversiv. Es ist Unterhaltung für gebildete Menschen, während gleichzeitig das Kino immer mehr zum lärmend-infantilen Kindergarten verkommt.

Doch ist das US-Fernsehen, auf den sich der Diskurs über die Qualität des Fernsehens konzentriert und, was angesichts der Marktmacht und weltweiten Verbreitung auch nachvollziehbar ist, wirklich so tabubrechend, wie es sich gerne gibt?

In dem reichhaltig bebilderten Essay „Fernsehen wider die Tabus – Sex, Gewalt, Zensur und die neuen US-Serien“ geht Ivo Ritzer dieser Frage, gerüstet mit dem kulturwissenschaftlichen Analyseapparat, nach.

Außerdem erklärt er den rechtlichen Rahmen, in dem in den USA Serien produziert und im Fernsehen verwertet werden. Kurz gesagt gibt es ein frei empfangbares Fernsehen, in dem bestimmte Jugendschutzrichtlinien gelten (die sich vor allem an nackter Haut [ich sage nur Nipplegate] und obszöner Sprache [„Fuck“ geht gar nicht. Aber „Frack“ geht] orientieren) und dem Bezahlfernsehen, das sich nicht darum kümmern muss. Allerdings wurden einige Serien, die zuerst im Bezahlfernsehen und später im freien Fernsehen gezeigt wurden, für die Zweitverwertung bearbeitet. So wurde bei „Sex and the City“ jedes „fucking“ durch ein „freaking“ ersetzt und damit natürlich auch die gesamte Tonlage der Serie verändert.

Ebenso wurde auf DVD, einer weiteren Verwertungsmöglichkeit, dann die „unzensierte“ Fassung genommen. Wobei „Zensur“ hier locker gebraucht wird, denn natürlich waren die Folgen nicht zensiert, sondern die Produzenten hatten beschlossen, eine harmlosere Fassung zu zeigen. Das zeigte sich in den vergangenen Jahren besonders deutlich bei Spielfilmen, die für die Kinoauswertung in den USA für die PG-13-Freigabe um profane Sprache, nackte Haut und auch Gewaltdarstellungen erleichtert werden, die anschließend auf der unzensierten DVD, manchmal auch als „Director’s Cut“ beworben, finden und im schlimmsten Fall nur im Zeigen eines nackten Busens (was uns Deutsche nicht weiter aufregt) und eines Schimpfwortes besteht (siehe „Zwölf Runden“, „Stirb langsam 4.0“ oder John Waters‘ „A Dirty Shame“, der beim Erstellen der harmlosen Version sichtlich seinen Spaß hatte).

Das relativiert den tabubrechenden Gestus der von den Feuilleton-Kritikern so hochgelobten Serien, die in den USA auch beachtliche Quoten erreichen und in Deutschland fast alle mehr oder weniger grandios gefloppt sind, erheblich, ohne deren erzählerischen, schauspielerischen und inszenatorischen Qualitäten zu mindern.

Über Ritzer Schlußpointe, dass in Wirklichkeit Serien wie „Human Target“ (das mir gefiel) und „Hawaii 5-0“ (das ich für grottenschlecht halte) subversiv seien, muss ich noch einmal nachdenken:

Es ginge demnach weder darum, im Sinne einer nostalgischen Altlinken mit dem Pathos der Transgression vermeintlich Tabuisiertes zu attackieren noch im Sinne einer reaktionären Neurechten in der Rückkehr zu vormodernen Tabus den eigentlichen Tabubruch zu lokalisieren. Vielmehr wäre die Ohnmacht gegenüber der (Simulations-)Macht zu akzeptieren und zum Schein an ihrem Spiel zu partizipieren. Genau dadurch könnte sie zu überlisten sein: im Durchschauen der Systemlogik, das keine Utopie als Horizont mehr reklamiert.

In diesem Sinne wären eher ‚harmlose‘, das heißt jugendfreie und ‚unterkomplexe‘, pseudo-narrative Network-Serien wie ‚Hawaii Five-0 (2010f.; CBS), ‚Human Target‘ (2010f,; Fox) oder ‚Nikita‘ (2010f; CWT) progressiv; in ihrer narzisstischen Fetischisierung der Oberfläche.“

Insgesamt ist „Fernsehen wider die Tabus“ eine gelungene Zusammenfassung des derzeitigen Standes des US-Fernsehens und er liefert auch eine gute Interpretationsfolie.

Ivo Ritzer: Fernsehen wider die Tabus – Sex, Gewalt, Zensur und die neuen US-Serien (Kultur & Kritik 3)

Bertz + Fischer, 2011

136 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Seite von Ivo Ritzer

Jungle World: Ivo Ritzer über „Tabus schauen“ (ein gekürzter Auszug aus „Fernsehen wider die Tabus“)

 

 


DVD-Kritik: Der brutale Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Juni 27, 2011

Als „härtester Western der Geschichte“ ging Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Filmgeschichte ein. Damals konnte und sollte das Massaker am Filmende nur als Allegorie auf das Wüten der amerikanischen Soldaten in Vietnam gesehen werden und, ebenfalls konform zum Zeitgeist, als Abrechnung mit der amerikanischen Geschichte, ihrem Umgang mit den Ureinwohnern und auch, wenn auch in geringerem Umfang, als Verklärung des Lebens der Indianer als edle, friedliebende Wilde in der freien, schönen Natur (Sehen Sie sich nur die ersten Minuten an: während Buffy Sainte-Marie „Soldier Blue“ singt, gibt es atmosphärische Landschaftsbilder und, mit dem Ende des Songs, das Bild von einer Horde verdreckter, müder und schwitzender Soldaten, die ohne Uniform Filmschurken wären).

Heute sind die Vietnam-Referenzen weniger deutlich, aber dafür können wir an Afghanistan denken.

Außerdem fällt aus heutiger Sicht die Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen auf. Candice Bergen („Boston Legal“ für die Jüngeren; die Älteren kennen sie ja noch von früher) spielt Cresta Lee, eine New Yorkerin, die zwei Jahre Gefangene der Cheyenne und auch die Frau des Häuptlings Gefleckter Wolf war, und jetzt wieder zu den Weißen (und ihrem neuen Mann, einem Soldaten) zurückkehren will. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter der US-Army überleben nur sie und Honus Gant (Peter Strauss in seinem zweiten Film und seiner ersten Hauptrolle), ein wahres Greenhorn vor dem Herrn und überheblicher Hasenfuß, der selbstverständlich alles besser weiß, aber in der Wildnis keinen halben Tag überleben würde. Lee kennt sich dagegen in der Wildnis aus und sie übernimmt ohne zu zögern die Initiative. Gant stolpert dagegen von einem Ungeschick ins nächste und er ist extrem schüchtern und verklemmt.

Der gesamte Mittelteil des Films schildert dann die beschwerliche Reise von Cresta Lee und Honus Gant durch die Wildnis zum Lager der Soldaten und wie die beiden sich auf dem Marsch durch die Wildnis näherkommen und – Überraschung! – auch ineinander verlieben.

Das erzählt der TV-Routinier Nelson in seinem bekanntestem Film energisch, ohne Durchhänger und mit einer ordentlichen Portion Humor, der manchmal etwas von einer Screwball-Comedy hat.

Diese vergnügliche Liebesgeschichte hängt aber dramaturgisch in der Luft, weil sie mit dem Massaker am Anfang wenig und dem am Ende nichts zu tun hat. In ihr geht es halt nicht um das Verhältnis von Weißen zu Indianern, sondern von Frauen zu Männern und um die Beziehung von einem Greenhorn zu einer Person, die den Wilden Westen wie ihre Westentasche kennt und das Greenhorn durch die Wildnis schleppen muss. Dass sie außerdem eine Frau ist, steigert nur – zu unserem Vergnügen – die Minderwertigkeitskomplexe des Greenhorns.

In den letzten zwanzig Minuten des Western zeigt Nelson dann seine Version des historisch verbürgten Massakers am Sand Creek, Colorado. Am 29. November 1864 schlachtete eine 700 Mann starke Einheit der US-Kavallerie über 500 Indianer, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, und skalpierte über 100 Männer, die sich vor dem Kampf ergeben hatten, bestialisch ab. Die Bilder von Soldaten, die Frauen vergewaltigen und erschießen, Kinder erschießen, Arme abhacken, Wehrlose köpfen, aufschlitzen, erschießen, pfählen und zum Ausbluten aufhängen, beunruhigen immer noch. Nicht weil sie so drastisch sind. Da haben moderne Horrorfilme mehr zu bieten. Es ist die in den Bildern spürbare Wut, Empörung und Hilflosigkeit über das barbarische Verhalten der Soldaten die wehrlose, friedfertige Menschen töten und die Beiläufigkeit, in der es gezeigt wird. Fast als habe ein Reporter einfach mit seiner Kamera draufgehalten und die besten Bilder ausgewählt. In diesen Minuten ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ gar nicht so weit von damals zeitgenössischen Horrorfilmen, wie „Die Nacht der lebenden Toten“ und „The Texas Chainsaw Massacre“, die ebenfalls Allegorien auf den Vietnam-Krieg sind, Jedes Bild fragt, warum wir die Weißen für die Guten halten sollen.

Allerdings werden die Indianer erst am Ende des Films als hilflose Unschuldslämmer gezeigt. Am Anfang, wenn sie aus heiterem Himmel den gut geschützten Geldtransport überfallen und alle Soldaten töten und skalpieren, sind sie die Bösewichter und man kann die Empörung von Gant über das Ermorden seiner Kompanie verstehen. Dass die Indianer den Transport, wie ihm Cresta Lee erklärt, nur überfallen haben, um sich Geld für Waffen zu besorgen und sie das Skalpieren vom weißen Mann gelernt haben, ist in diesem Moment nur die Behauptung einer Frau, die aus der Sicht von Gant, viel zu lange unter Indianern lebte und eine Verräterin ist. Dennoch sind die Indianer jetzt als Bösewichter eingeführt, gegen die Lee und Gant sich auf ihrem Fußmarsch durch die Wildnis verteidigen müssen.

Und ohne das Massaker am Ende, das wie angeklebt wirkt, um dem Film eine sofort erkennbare gesellschaftspolitische Relevanz zu verschaffen, wäre „Das Wiegenlied vom Totschlag“ nur ein weiterer 08/15-Western. Vergnüglich, unterhaltsam, aber nicht weiter aufregend und wahrscheinlich schon lange ebenso vergessen wie die anderen Filme von Ralph Nelson.

Insofern ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ sehenswert als historisches Dokument, wegen des drastischen Massakers (das, obwohl die Soldaten in Wirklichkeit viel schlimmer gewütet haben sollen, allerdings einen stark spekulativen Charakter hat und sicher haben die Macher beim Dreh auch die Kinokasse im Blick gehabt) und der schön erzählten Liebesgeschichte. Aber „Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist kein Klassiker. Dafür klaffen die formale Gestaltung, die erzählte Geschichte, der implizit formulierte Anspruch eine Anklage gegen die US-Regierung zu sein und die Durchführung zu weit auseinander.

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

Blu-ray

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (1080/24p Full HD)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch (Mono DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Cinema Retro über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Ikonen über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Nothing is written mag „Das Wiegenlied vom Totschlag“ überhaupt nicht

DVD Talk: Paul Mavis über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Bonus (das bekanntere Plakat/DVD-Cover)


Die Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis 2009

September 3, 2009

Jetzt sind Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis draußen und die Liste ist – tja, nun, man muss halt mit dem vorhandenen Material arbeiten.

Eine Zumutung.“ schreibt Peer Schader absolut zutreffend im FAZ-Fernsehblog.

Also im Bereich „Beste Serie“ haben wir „Franzi“ (noch nie gehört), „Der Lehrer“ (schon gehört, aber nicht gesehen; soll auch nicht so toll sein) und „Lasko – Die Faust Gottes“ (gesehen; fand’s sogar vorm Einschlafen ganz unterhaltsam, aber: BESTE SERIE?).

Vom Rest kenne ich auch vieles nicht, „Die Patin“ habe ich nach wenigen Minuten gelangweilt ausgeschaltet, aber „Mogadischu“ gebe ich jeden Preis. Axel Prahl hat auch jeden Preis verdient (Aber warum ausgerecht für seine Rolle in „Die Patin“?).  Josef Hader wäre wahrscheinlich sogar grandios, wenn er neunzig Minuten nur auf ein Bierglas starren würde (daher nominiert Bester Schauspieler, aber nicht für den Brenner).

Und wo bleibt das Positive?

Hm, wie wär’s damit?

Die ARD wehrt sich gegen den Vorwurf, dass in der Affäre um die gefeuerte Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Doris Heinze, interne Kontrollmechanismen versagt hätten. Heinze sei „mit hoher krimineller Energie vorgegangen“, sagte der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust. (…)

„Man muss realistisch davon ausgehen, dass solche Fälle immer wieder auftreten“, sagte Boudgoust mit Blick auf den Drehbuchskandal. Anlass für eine Verschärfung der internen Kontrollen sehe er aber nicht.

Also auf zum nächsten Skandal nach Marienhof, Emig, diversen Nebenjobs von Moderatoren.

Oder doch mal bei Transparency International nachfragen.


Vom Film zum Comic: M

Juli 23, 2009

Muth - M

Neben dem Buch zum Film gibt es auch den Comic zum Film. Sie erscheinen parallel zum Filmstart und verschwinden danach, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ziemlich schnell vom Markt. Wenn Jahrzehnte nach dem Filmstart ein Zeichner den Comic zu einem Film zeichnet, dann stellt sich natürlich die Frage, warum er das tut. Die nächste ist, was er Neues zu dem Werk beitragen kann. Denn Jon J. Muth nahm sich nicht irgendeinen Film, sondern einen wahren Klassiker vor: Fritz Langs „M“.

M“ erzählt, inspiriert von mehreren wahren Fällen, die Geschichte eines von der Polizei und Verbrechern im Berlin der frühen dreißiger Jahre gejagten mehrfachen Kindermörders. Bei der Jagd nach dem Mörder zeigt Fritz Lang in seinem ersten Tonfilm einen auch heute noch beeindruckend souveränen Umgang mit den Möglichkeiten des Tonfilms. Dennoch bleiben vor allem die Bilder im Gedächtnis. Wenn der mit einem „M“ aus Kreide gekennzeichnete Mörder verfolgt wird. Wenn er sich auf einem Speicher versteckt. Wenn die Verbrecher ihn in dem leeren Bürogebäude suchen. Oft ist es auch die Kombination aus Schnitten, Geräuschen und Dialogen. Da werden plötzlich die Erzfeinde, Polizisten und Verbrecher, vor unseren Augen zu Verbündeten. Fritz Lang schneidet zwischen einer Besprechung der Polizisten und einer der Verbrecher bruchlos hin und her. Die Botschaft ist so klar, wie erschreckend: Sie stehen zwar auf verschiedenen Seiten des Gesetzes, aber bei der Jagd nach dem Mörder haben sie, wenn auch teilweise aufgrund verschiedener Motive, das gleiche Ziel.

Lang wiederholt diese Parallelität zwischen Polizisten und Verbrechern bei der Entdeckung des Mörders. Während die Polizei die Wohnung des Mörders entdeckt und die Fahndung einleitet, hat ein blinder Luftballonverkäufer den Mörder an seinem Pfeifen wiedererkannt und er lässt ihn mit einem Kreide-“M“ am Mantel kennzeichnen. So kann der Kindermörder von den Verbrechern einfacher verfolgt werden.

Auch das Ende des Films hat nichts von seiner Kraft verloren. In einem riesigen Saal stehen hunderte Verbrecher und Huren. Es ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung und ein lynchwütiger Mob. Denn nach einer Pro-Forma-Gerichtsverhandlung wollen sie den Kindermörder zum Tode verurteilen und so ihrer Lynchjustiz einen rechtstaatlichen Anschein geben. Da beginnt der Mörder um sein Leben zu betteln. Er erzählt, dass er morden muss, während sie die Wahl hätten.

Peter Lorre verlieh in seiner ersten Hauptrolle dem Mörder und seinen Ängsten ein einprägsames Gesicht. Damit empfahl er sich, bis auf die „Mr. Moto“-Serie, für die nächsten Jahrzehnte für die Rolle des Bösewichtes.

Bereits in den ersten Minuten des Films und fast bildgleich in Muths Comic wird die Stimmung in der Großstadt greifbar. In einem Hinterhof spielen Kinder. Sie singen einen Abzählreim über den Angst und Schrecken verbreitenden Kindermörder. Eine Mutter deckt den Mittagstisch, ruft ihre Tochter und, anstatt ihr erschrockenes Gesicht zu zeigen, als sie begreift, dass der Mörder ihre Tochter hat, sehen wir nur den Tisch und hören die Rufe der Mutter. Muth verband dabei in einem ganzseitigem Panel, in dem wir die Dächer der Stadt sehen, den letzten Ruf der Mutter („Elsie!!!) mit dem ersten Ruf des Zeitungsjungen („Extraausgabe!“).

Muth gelingt es bereits auf den ersten Seiten, die Stimmung des Films in den Comic zu transportieren. Auch wenn die Skyline in seinem Comic nicht die von Berlin ist. Er hat sowieso seine Version von „M“ um den spezifischen historischen Kontext (das Berliner der Weimarer Jahre), der die meisten zeitgenössischen Leser auch nicht interessieren dürfte, erleichtert. Ebenso fehlt der detaillierte, fast dokumentarischen Blick auf die Polizeiarbeit, die Verhöre bei einer Polizeirazzia (eine wunderschöne Ansammlung schauspielerischer Kabinettstücke) und die Gefühle des Volkes. Lang wechselt hier zwischen detaillierten Einzelporträts und der Darstellung einer lynchwütigen Masse, aus der er immer wieder, besonders am Ende bei der Gerichtsverhandlung, einzelne Gesichter hervorhebt.

Muth beschäftigt sich stattdessen genauer mit der Psychologie des Mörders. Das wird besonders deutlich als der Mörder im Traum von seinen Opfern besucht wird.

Aber – und hier zeigt sich, wie prägend ein Schauspieler für eine Geschichte sein kann – Muths Mörder sieht nicht wie Peter Lorre, der im Film erstaunlich selten zu sehen ist, aus. Er sieht weniger bedrohlich aus. Er erinnert an ein ängstliches Kind und am Ende, wenn er sich vor dem Verbrechergericht verteidigt, an einen jungen, wild gestikulierenden Strafverteidiger, der vor einer Jury seinen großen Auftritt hat. Peter Lorre ist in diesem Moment nur noch ein bedauernswertes, um Gnade winselndes Häufchen Elend.

Sowieso sehen in Muths Comic alle Charaktere anders aus als in Langs Film. Denn Muth stellte den gesamten Film mit Freunden nach, fotografierte sie und bearbeitete dann die Fotografien. Dabei stellt sich beim Betrachten seiner Schwarzweiß-Zeichnungen (die ganz selten um einige Farbtupfer ergänzt werden) ein eigentümlicher Effekt ein. Denn sie erscheinen viel flüchtiger als die gestochen scharfen Bilder aus dem Film.

Mit diesen kleinen Änderungen beweist Muths Interpretation des klassischen Films genug Eigenständigkeit, um auch den Kennern des Films zu gefallen.

Wie eigentlich immer bei CrossCult ist die Ausstattung vorzüglich. Neben einem Nachwort von Jon J. Muth gibt es auch zwei sehr informative Texte von Georg Seeßlen und Jochen Ecke zum Film, zum Comic, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Sie runden „M“ perfekt ab.

Und warum hat Jon J. Muth ausgerechnet „M“ als Comic inszeniert? „’M‘ gehört zu der Sorte Film, deren Summe gehaltvoller ist als ihre Teile. Ich habe mich immer schon zu einfachen Geschichten mit komplexen Implikationen hingezogen gefühlt. Solche Geschichten finden sich selten in der Literatur, wohl, weil man sie am Leichtesten missverstehen kann. Moral ist ein konstanter Prozess in uns allen. Alle großen Werke der Literatur dramatisieren diesen Prozess, und er hat mich auch dazu gebracht, ‚M‘ als Graphic Novel umzusetzen.“ schreibt Muth in seinem Nachwort zu „M“.

Jon J. Muth – M

CrossCult, 2009

208 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Abrams, 2008 (erste Ausgabe in gebundener Form)

Erstausgabe

Eclipse, 1990 (4 Hefte, out of print)

Der Film

M – Mörder unter uns (D 1931)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang

mit Peter Lorre, Ellen Widmann, Inge Landgut, Gustav Gründgens, Otto Wernicke, Theo Lingen

Hinweise

Quasi-Homepage von Jon J. Muth

Wikipedia über Jon J. Muth

Wikipedia über den Spielfilm „M“

Internet Archive: „M“ (mit englischen Untertiteln; die wir natürlich nicht brauchen – und wenn Sie den Film bis jetzt nicht gesehen haben, dann tun Sie es jetzt. Ich habe ihn mir für diese Besprechung wieder angesehen und ich war wieder begeistert. „M“ ist immer noch ein spannender Thriller.)


Kurzes vom „Tatort Deutsche Weinstraße“

Juni 25, 2007

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Neunzehn Kurzgeschichten sind in dem mehr oder weniger offiziellen Begleitband zur diesjährigen Criminale. „Tatort Deutsche Weinstraße“ heißt das von Angela Eßer herausgegebene Buch. Die Autoren sind teils bekannter, teils weniger bekannt. Die Qualität der Geschichten ist unterschiedlich und jeder wird seine eigene Lieblingsgeschichte finden. Gut ist es, wenn man als Leser kein eingefleischter Krimifan ist. Denn in dieser bestenfalls durchwachsenen Sammlung haben sich die Autoren in stiller Eintracht darauf verständigt, schwarzhumorige Schnurren abzuliefern, die sich in erster Linie an Nicht-Krimifans richten, die bei einem Glas Wein nett unterhalten werden wollen.

Wirklich überzeugend ist nur die zweiseitige Geschichte (genauso genommen eine Druckseite) „Ohne Kohle in der Südpfalz“ von Wolfgang Burger. Setting, Aufbau der Spannung, überraschende Pointe. Chapeau.

Aber die anderen? Nun, die beiden Gaunerkomödien „Oleg, die Navis und ich“ von Niklaus Schmied und „Des Kanzlers Kreditkarte“ von Jürgen Ehlers sind ebenfalls gut. Beide Male versucht ein Verbrecher seinen Schnitt zu machen. Auch Peter Dells „Familienbande“ mit seinem Privatdetektiv Philipp Sturm ist als traditionelle PI-Story okay.

Doch die anderen Geschichten sind entweder Ideen ohne eine Pointe oder letztendlich sehr ähnliche Geschichten mit einer ebenfalls sehr ähnlichen Pointe. So sind die von den gar nicht so alten Autoren erfundenen Charaktere oft ältere oder früh vergreiste Menschen. Sie sind Rentner, Witwer, auf Kur oder haben zwanzig Jahre nach der Schule die Gelegenheit sich zu rächen (Yeah, liebe Schulkameraden, die Zeit der Rache nähert sich!). Oft werden sie als verschrobene Einzelgänger gezeichnet, die sich selbst im Weg stehen. Das führt zu dem nächsten Problem: Kein Mensch sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein komischer Kauz.’. Nein. Jeder sieht in den Spiegel und sagt ‚Ich bin ein grundvernünftiger Mensch.’. Entsprechend unklar sind sie gezeichnet. Oft sind ihre Handlungen schlichtweg unglaubwürdig. Verstärkt wird dies in vielen Geschichten durch die Sprache. So haben wir eloquente Ich-Erzähler, die allerdings, das zeigen ihre Aktionen und die Reaktionen ihrer Mitmenschen, Trottel sind.

Weil dann in der Geschichte der Aufbau von Spannung, also dem Schüren einer Erwartung und der Auflösung, nicht funktioniert, ist das Ende im negativen Sinn überraschend. Es interessiert nicht. Es ergibt sich nicht aus den vorherigen Handlungen. Es ist, eine andere Erklärung fällt mir nicht ein, der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte und dann zu einer plötzlichen Aktion führt. Halt ein Schock. Doch Geschichten ohne Suspense (Denken Sie an Hitchcock!) sind langweilig.

Angela Eßer (Hrsg.): Tatort Deutsche Weinstraße

Grafit, 2007

240 Seiten

9,50 Euro

Enthält folgende Kurzgeschichten:

Wolfgang Burger: Ohne Kohle in der Südpfalz

Peter Dell: Familienbande

Klaus Dewes: Herxi II

Jürgen Ehlers: Des Kanzlers Kreditkarte

Angela Eßer: Schweigen in Schweigen

Kathrin Heinrichs: Paradiesisch tot

Carsten Sebastian Henn: Tod in der Mandelblüte

Andreas Izquierdo: In Schleusen

Ralf Kramp: Der Nachtmahr von Neustadt

Tatjana Kruse: Killer-Kerwe in Klingenmünster

Paul Lascaux: Die Eselei auf der Madenburg

Richard Lifka: Es war einmal in Wachenheim

Sandra Lüpkes: Gehörnt in Lambrecht

Udo Marquardt: Ciconia Ciconia

Olaf Paust: Der richtige Mann

Niklaus Schmied: Oleg, die Navis und ich

Jürgen Siegmann: Das Lama von Bockenheim

Ingeborg Struckmeyer: Letzte Kur?

Sabine Thomas: Löwenherz-Serenade

Die Criminale: http://www.die-criminale.de/

Tatort Deutsche Weinstraße: http://tatort-deutscheweinstrasse.de/

Meine Besprechung von Wolfgang Burgers „Ausgelöscht“:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html


Die Krimibestenliste Februar 2023

Februar 6, 2023

Auch im närrischen Monat präsentiert Deutschlandfunk Kultur seine monatliche Krimibestenliste:

1) Megan Abbott: Aus der Balance

(übersetzt von Karen Gerwig und Angelika Müller)

416 Seiten

16,00 Euro

Pulp Master

2) Johannes Groschupf: Die Stunde der Hyänen

265 Seiten

16,00 Euro

Suhrkamp

3) Kenneth Fearing: Die große Uhr

(übersetzt von Jakob Vandenberg)

200 Seiten

20,00 Euro

Elsinor

4) Attica Locke: Pleasantville

(übersetzt von Andrea Stumpf)

452 Seiten

26,00 Euro

Polar

5) Tom Lin: Die tausend Verbrechen des Ming Tsu

(übersetzt von Volker Oldenburg)

304 Seiten

16,00 Euro

Suhrkamp

6) Sally McGrane: Die Hand von Odessa

(übersetzt von Diana Feuerbach)

416 Seiten

24,00 Euro

Voland & Quist

7) Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels

(übersetzt von Jakob Schmidt)

384 Seiten

20,00 Euro

Golkonda

8) Joe R. Lansdale: Moon Lake

(übersetzt von Patrick Baumann)

464 Seiten

26,99 Euro

Festa

9) Antoine Volodine: Einige Einzelheiten über die Seele der Fälscher

(übersetzt von Holger Fock)

320 Seiten

25,00 Euro

Edition Converso

10) Iben Albinus: Damaskus

(übersetzt von Kerstin Schöps)

512 Seiten

24,00 Euro

Hoffmann und Campe

Die ersten fünf Bücher stehen auch ganz oben auf meiner Zu-lesen-Liste.

Aktuell hat sich Johannes Groschupfs „Die Stunde der Hyänen“ vorgedrängelt. Der Grund: Auf Einladung der Krimibuchhandlung Hammett (meine liebste Kreuzberger Buchhandlung) stellt Johannes Groschupf am Mittwoch, den 15. Februar 2023, ab 19.00 Uhr im Mühlenhauptmuseum (Fidicinstraße 40, Nähe U-Bahnhof Platz der Luftbrücke, Karten: karten@muehlenhaupt.de) „Die Stunde der Hyänen“ vor. Und damit ich die Lesung pompös ankündigen kann, muss ich vorher den Krimi lesen.

Die große Uhr“ ist ein uralter, zweimal grandios verfilmter Noir. Einmal 1948 von John Farrow als „The big clock“ (mit Ray Milland und Charles Laughton). Einmal 1987 von Roger Donaldson als „No Way Out“ (mit Kevin Costner, Gene Hackman und Sean Young). Das ist die aktuell bekanntere Verfilmung. Sie läuft auch regelmäßig im Fernsehen. Erstaunlicherweise wurde Kenneth Fearings 1946 erschienener Noir-Klassiker bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Das hat sich jetzt geändert.

Und dann will ich noch auf den „Tanzplatz der Toten“ hinweisen. Dieser jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung wieder erschienene Krimi wird nicht auf der Bestenliste erscheinen, weil es sich um eine Neuauflage handelt und Neuauflagen nicht für die Liste empfohlen werden dürfen. Das ändert nichts daran, dass „Tanzplatz der Toten – Ein Fall für die Navajo-Police“ (Dancehall of the Dead, 1973) von Tony Hillerman ein grandioser Krimi ist. Er gehört zu einer grandiosen Serie, die in den kommenden Jahren im Unionsverlag hoffentlich vollständig erscheint.


Die Krimibestenliste Januar 2023

Januar 8, 2023

Neues Jahr, neuer Monat, neue Krimibestenliste, wie gewohnt präsentiert vom Deutschlandfunk Kultur. Und dieses Mal sogar mit einer kleinen Sensation. Denn mit Tade Thompsons „Fern vom Licht des Himmels“ steht sogar ein vorzüglicher Science-Fiction-Roman auf der blutigen Liste:

1) Johannes Groschupf: Die Stunde der Hyänen

Suhrkamp, 265 Seiten, 16,00 Euro

2) Attica Locke: Pleasantville

(Übersetzt von Andrea Stumpf)

Polar, 452 Seiten, 26,00 Euro

3) Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels

(Übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 384 Seiten, 20,00 Euro

4) Tom Lin: Die tausend Verbrechen des Ming Tsu

(Übersetzt von Volker Oldenburg)

Suhrkamp, 304 Seiten, 16,00 Euro

5) Sara Paretsky: Schiebung

(Übersetzt von Else Laudan)

Ariadne im Argument-Verlag, 509 Seiten, 25,00 Euro

6) Jamey Bradbury: Wild

(Übersetzt von Lydia Dimitrow)

Lenos, 390 Seiten, 26,00 Euro

7) Iben Albinus: Damaskus

(Übersetzt von Kerstin Schöps)

Hoffman und Campe, 512 Seiten, 24,00 Euro

8) Gu Byeong-mo: Frau mit Messer

(Übersetzt von Wibke Kuhn)

Ullstein, 286 Seiten, 22,99 Euro

9) Matthias Wittekindt: Die rote Jawa

Kampa, 221 Seiten, 19,90 Euro

10) Sally McGrane: Die Hand von Odessa

(Übersetzt von Diana Feuerbach)

Voland und Quist, 416 Seiten, 24,00 Euro


Doppelpack: Krimibestenliste November 2022 und Krimibestenliste Dezember 2022

Dezember 6, 2022

Wieder einmal ging sie bei mir unter: die monatliche Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur. Deshalb gibt es heute zwei Krimibestenlisten. Beginnen wir chronologisch mit der November-Liste:

1) Yves Ravey: Die Abfindung

Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

110 Seiten

20,00 Euro

Liebeskind

2) Oliver Bottini: Einmal noch sterben

432 Seiten

25,00 Euro

Dumont

3) Cherie Jones: Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Aus dem Englischen übersetzt von Karen Gerwig

325 Seiten

25,00 Euro

CulturBooks

4) Friedrich Ani: Bullauge

267 Seiten

23,00 Euro

Suhrkamp

5) Garry Disher: Stunde der Flut

Übersetzt von Peter Torberg

333 Seiten

24,00 Euro

Unionsverlag

6) Michael Mann, Meg Gardiner: Heat 2

Aus dem Englischen von WolfgangThon

688 Seiten

14,00 Euro

HarperCollins

7) Chuah Guat Eng: Echos der Stille

Aus dem Englischen von Michael Kleeberg

463 Seiten

28,00 Euro

Wunderhorn

8) Mick Herron: London Rules

Übersetzt von Stefanie Schäfer

485 Seiten

18,00 Euro

Diogenes

9) Frauke Buchholz: Blutrodeo

263 Seiten

18,00 Euro

Pendragon

10) Matthias Wittekindt: Die rote Jawa

221 Seiten

19,90 Euro

Kampa

Das war der November. Der Dezember bringt diese Empfehlungen:

1) Matthias Wittekindt: Die rote Jawa

221 Seiten

19,90 Euro

Kampa

2) Gu Byeong-mo: Frau mit Messer

Übersetzt von Wibke Kuhn

286 Seiten

22,99 Euro

Ullstein

3) Attica Locke: Pleasantville

Übersetzt von Andrea Stumpf

452 Seiten

26,00 Euro

Polar

4) Johannes Groschup: Die Stunde der Hyänen

265 Seiten

16,00 Euro

Suhrkamp

5) Frauke Buchholz: Blutrodeo

264 Seiten

18,00 Euro

Pendragon

6) Oliver Bottini: Einmal noch sterben

432 Seiten

25,00 Euro

Dumont

7) Yves Ravey: Die Abfindung

Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

110 Seiten

20,00 Euro

Liebeskind

8) Friedrich Ani: Bullauge

267 Seiten

23,00 Euro

Suhrkamp

9) Sara Paretsky: Schiebung

Übersetzt von Else Laudan

509 Seiten

25,00 Euro

Ariadne im Argument-Verlag

10) Garry Disher: Stunde der Flut

Übersetzt von Peter Torberg

333 Seiten

24,00 Euro

Unionsverlag

Mick Herrons „London Rules“ und Garry Dishers „Stunde der Flut“ liege noch unbesprochen bei mir herum. Mit Garry Disher habe ich vor einigen Wochen interviewt. Das wird also eine etwas andere Besprechung werden.

Die neuen Werke von Sara Paretsky und Attica Locke liegen noch ungelesen bei mir herum.

Gleiches gilt für Tade Thompsons neuen Roman. Er ist vor allem als Science-Fiction-Autor bekannt. Mit „Fern vom Licht des Himmels“ hat er einen im Weltall spielenden Rätselkrimi geschrieben.

Und Anthony Horowitz hat einen neuen James-Bond-Roman geschrieben. „Mit der Absicht zu Töten“ heißt das Werk und Horowitz sagt, es sei sein letzter Bond-Roman.

Aber zunächst bin ich noch mit Honoré de Balzacs „Verlorene Illusionen“ beschäftigt. Gut tausend Seiten, kein Mord, sondern ein Sittengemälde des Lebens in der Provinz und in Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die sehenswerte Verfilmung startet am 22. Dezember.


TV-Tipp für den 16. Januar: Das Leben ist eine Baustelle

Januar 15, 2023

One, 20.15

Das Leben ist eine Baustelle (Deutschland 1996)

Regie: Wolfgang Becker

Drehbuch: Wolfgang Becker, Tom Tykwer

Einen großen Plan vom Rest seines Lebens hat niemand von Wolfgang Beckers jungen und überaus sympathischen Protagonisten. Denn das Leben ist eine Baustelle und immer passiert irgendetwas. Zum Beispiel Jans folgenreiche Begegnung mit der Demonstrantin Vera, die gerade vor zwei Zivilpolizisten wegrennt. Danach ist er seinen Job los und schwer verliebt in Vera, die er später zufällig wieder trifft

Wunderschöne Tragikomödie, der Berlin zum unperfekten Sehnsuchtsort machte (Es muss ja nicht immer Seattle, New York, London oder Paris sein.), zum Kultfilm wurde und zuletzt 2014 im Fernsehen lief.

Wolfgang Becker sagte danach „Good bye, Lenin!“ (Uh, wann lief der zuletzt?), Tom Tykwer ließ Lola durch Berlin rennen und X Filme Creative Pool wurde schnell zu der angesagten deutschen Produktionsgesellschaft.

mit Jürgen Vogel, Christiane Paul, Ricky Tomlinson, Christiana Papamichou, Rebecca Hessing, Armin Rohde, Martina Gedeck, Meret Becker, Andrea Sawatzki

Wiederholung: Donnerstag, 19. Januar, 22.50 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Das Leben ist eine Baustelle“

Wikipedia über „Das Leben ist eine Baustelle“

Meine Besprechung von Wolfgang Beckers Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (Deutschland/Belgien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ennio Morricone – Der Maestro“ erzählt und seine Musik erklingt

Dezember 21, 2022

Bei aktuellen Hollywood-Blockbustern ist die Musik oft – langweilig. Im Film blubbert sie unauffällig als rhythmische Geräuschkulisse vor sich hin. Nach dem Film, wenn man sich den Soundtrack ohne den Film anhört, blubbert sie ebenso unauffällig vor sich hin.

Bei der Musik von Ennio Morricone passiert das nicht. Sie ist auffällig. Die Melodien bleiben im Gedächtnis haften und sie funktionieren auch ohne den Film ausgezeichnet. Der am 6. Juli 2020 verstorbene Komponist ist unbestritten einer der wichtigsten Filmkomponisten. Dabei wollte der am 10. November 1928 in Rom geborene Musikersohn klassischer Komponist werden. Er studierte, mit Abschluss, am Konservatorium von Santa Cecilia Trompete und Chormusik. Eine ebenfalls erfolgreiche abgeschlossene Ausbildung bei Goffredo Petrassi als Komponist schloss sich an. Er besuchte Kurse für Neue Musik. Und er schrieb Arrangements für Popsongs.

Die Filmsachen – seine erste Filmmusik war 1961 für Luciano Salces Komödie „Zwei in einem Stiefel“ – machte er Anfangs zum Geldverdienen. Es dauerte, wie Morricone in Giuseppe Tornatores Dokumentarfilm „Ennio Morricone – Der Maestro“ freimütig erzählt, sehr lange, bis er akzeptierte, dass er Filmkomponist ist und dass eine gute Filmmusik sich nicht vor einem für eine Bühnenaufführung geschriebenem Orchsterstück verstecken muss. In dem Moment hatte er schon viele, sehr viele Filmmusiken geschrieben. Unter anderem für die stilprägenden Italo-Western von Sergio Leone. Letztendlich schrieb er für alle wichtigen Leone-Filme, nämlich „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“, „Zwei glorreiche Halunken“, „Spiel mir das Lied vom Tod“„Todesmelodie“ und „Es war einmal in Amerika“, die Filmmusik.

Daneben schrieb er die Musik für viele italienische, französische und amerikanische Filme. Unter anderem für „Leichen pflastern seinen Weg“, „1900“, „In der Glut des Südens“, „Der Profi“, „Mission“, „Die Unbestechlichen“ und, nach Jahrzehnten wieder für einen Film von Dario Argento, „Das Stendhal-Syndrom“. Insgesamt komponierte er für über fünfhundert Filme die Musik.

Er unterschied dabei, sofern das überhaupt schon während der Produktion absehbar war, nicht zwischen Genres, Arthaus- und Kommerzfilmen. Aber jeder Film, vor allem die Kommerzfilme, gewannen durch seine Musik. Einige Soundtrack-LPs wurden zu gesuchten Sammlerstücken und die Musik war bekannter als der in Vergessenheit geratene Film.

Zu seinen letzten Werken gehört der Soundtrack für Quentin Tarantinos Schneewestern „The Hateful 8“. Dafür erhielt Morricone den längst überfälligen Oscar für die beste Filmmusik. Davor war er bereits fünfmal nominiert. Als Trostpreis erhielt er 2007 den Ehrenoscar. Aber Preise waren Morricone nicht so wichtig. Er wollte komponieren. Und das tat er.

Mit Giuseppe Tornatore verband Ennio Morricone eine ähnlich lange Freundschaft und Arbeitsbeziehung wie zu Sergio Leone. Ihre erste Zusammenarbeit war 1988 „Cinema Paradiso“. Danach schrieb Morricone zu allen Filmen von Tornatore, unter anderem „Allen geht’s gut“, „Die Legende vom Ozeanpianisten“ und „Der Zauber von Malèna“, die Musik. Diese Freundschaft ist auch in Tornatores Morricone-Doku spürbar.

„Ennio Morricone – Der Maestro“ ist kein kritischer Dokumentarfilm, sondern eine fast dreistündige, formal klassisch aufgebaute, informative Liebeserklärung. Chronologisch erzäht Tornatore Ennio Morricones Leben in einer bewährten Mischung aus Statements von Morricone, von Wegbegleitern und Bewunderern, illustriert mit Fotografien, TV-Ausschnitten (aus dem italienischen Fernsehen und von den Oscar-Verleihungen) und Filmausschnitten nach. Die ausführlichen Ausschnitte aus bekannten Filmen wecken dabei sofort den Wunsch, diese Filme endlich wieder auf der großen Leinwand zu sehen.

Die Statements sind einerseits sehr gut geschnitten, andererseits darf nur Ennio Morricone mehrere Sätze hintereinander sagen. Alle anderen Gesprächspartner, die teilweise mehrmals auftreten, werden, wie wir es von zahlreichen neueren US-Dokumentarfilmen kennen, auf Halbsatz- und Ein-Satz-Statements heruntergekürzt.

„Ennio Morricone – Der Maestro“ ist einer der schönsten Dokumentarfilme des Jahres. Mit der besten Musik sowieso.

Ennio Morricone – Der Maestro (Ennio, Italien 2021)

Regie: Giuseppe Tornatore

Drehbuch: Giuseppe Tornatore

mit Ennio Morricone, Clint Eastwood, Terrence Malick, Quentin Tarantino, Dario Argento, Wong Kar-Wai, Barry Levinson, Hans Zimmer, John Williams, Bruce Springsteen, Joan Baez, James Hetfield, Quincy Jones, Zucchero, Lina Wertmüller, Bernardo Bertolucci, Roland Joffé, Mychael Danna, Mike Patton, Oliver Stone, Marco Bellocchio, Phil Joanou, Enzo G. Castellari, Liliana Cavani, Paolo Taviani, Vittorio Taviani, Pat Metheny (und viele mehr)

Länge: 163 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Metacritic über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Rotten Tomatoes über „Ennio Morricone – Der Maestro“

Wikipedia über „Ennio Morrcone – Der Maestro“ (englich, italienisch) und Ennio Morricone (deutsch, englisch, italienisch)

Und jetzt MUSIK!!!


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