Respektlose Reportagen über Pop und Kultur

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„Muddy Waters isst selten Fisch“ erfahren wir in einem über dreißig Jahre alten Interview von Nick Tosches mit dem 1983 verstorbenen Bluesmusiker. Dieser kurze Text (der mich an eigene Gespräche mit Musikern erinnert) ist mit elf längeren Reportagen in dem gleichnamigen Sammelband enthalten. In ihnen examiniert Tosches mit scharfer Feder die amerikanische Popkultur, den amerikanischen Traum und sein eigenes Leben.

Dieses begann 1949 in New Jersey in einer Gegend mit wenigen Büchern und vielen Buchmachern. In den Siebzigern wurde Tosches zusammen mit Lester Bangs und Richard Meltzer zur Speerspitze eines neuen Rock-Journalismus. Sie nahmen die Ideen von Truman Capote, Tom Wolfe und Hunter S. Thompson auf und ließen sie auf die Rockmusik los. Sie beobachteten genau, recherchierten gründlich, bedienten sich literarischer Stilmittel, brachten die eigene Person in die Reportagen ein und schrieben in einer pointiert-klaren Sprache über ihre Erlebnisse. Bei Nick Tosches, der neben den Reportagen auch Biographien und Romane schrieb, kommt neben seiner Faszination für die Pop-Kultur auch eine Faszination für die Mafia hinzu. In seiner Biographie über Dean „Dino“ Martin konnte er beides verbinden.

In den in „Muddy Waters isst selten Fisch“ abgedruckten Reportagen schreibt Nick Tosches mit wenigen Worten treffende Porträts über Elvis Presley, der nach seinem Tod mehr Platten als zu Lebzeiten verkauft; den stilbewussten Miles Davis; Screamin’ Jay Hawkins, seinen Hit „I put a spell on you“ und die Särge bei seinen Auftritten; Blondie, die es überhaupt nicht charmant findet, von Tosches nach ihrem Alter gefragt zu werden und er trifft Robert de Niro, der als Mensch immer hinter seinen Rollen verschwindet.

Er vergleicht die schriftstellerischen Phantasien von William Burroughs mit dem Leben von J. Edgar Hoover. Er nennt Las Vegas „die heilige Stadt“. Er begibt sich auf die Suche nach der letzten Opiumhöhle von New York über Hongkong nach Kambodscha. In einem abgelegenen Sumpfgebiet findet er die letzte Opiumhöhle. Er macht Vorschläge für die von Readers Digest geplante „stromlinienförmig zurechtgestutzte Bibel“ und empfiehlt dann einigen anderen Klassikern die gleiche Behandlung.

Er lässt das klinisch reine Kino seiner Jugend in „Lust in der Loge“ Revue passieren. Damals gab es „verführerische Jungfrauen, Schlampen und schöne Geschöpfe, die mit 007 schliefen“.

Begonnen wird der vor allem aus dem „Nick Tosches Reader“ zusammengestellte Reigen mit „Ödipus Tex“, der schreiend komischen Reportage über ein Wochenende in einer Männergruppe, die dem Ruf der Wildnis folgt. Tosches macht aus seiner Abneigung gegen diese Gruppentherapie keinen Hehl – und veröffentlichte seine Erlebnisse im „Penthouse“.

„Muddy Waters isst selten Fisch“ ist eine gelungene Einführung in das vielfältige Werk von Nick Tosches. Jetzt ist zu hoffen, dass Liebeskind in den nächsten Jahren einige weitere Bücher von Tosches erstmals oder wieder auf Deutsch veröffentlicht. Denn, so Franz Dobler in seinem Nachwort: „Es ist doch allgemein bekannt, dass Deutschland seit Jahren geradezu fieberhaft auf Texte von Nick Tosches wartet, weil die mit zum Besten gehören, was Schreibkunst und moderner Journalismus zu bieten haben.“ Die zweite Hälfte von Dobler Satz unterstreiche ich gerne mehrfach.

 

Nick Tosches: Muddy Waters isst selten Fisch

(übersetzt von Silvia Morawetz und Werner Schmitz)

(mit einem Nachwort von Franz Dobler)

Liebeskind, 2007

208 Seiten

18,90 Euro

 

Originalausgabe

– (Bis auf „The last Opium Den“ wurden die Texte dem „Nick Tosches Reader“, Da Capo Press, 2000, entnommen.)

 

Weitere Informationen

Mordlust (mit einem Text von Martin Compart) über Nick Tosches

Exit Wounds – die offizielle Webseite von Hubert Selby jr. und Nick Tosches

Nick Tosches bei My Space

Robert Birnbaum interviewt Nick Tosches

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