„Ihr Fall, Inspector Morse“ sagt Colin Dexter

Oktober 13, 2021

Nachdem der Unionsverlag alle dreizehn Inspector-Morse-Romane in überarbeiteten Übersetzungen neu veröffentlichte, schließt der Verlag seine verdienstvolle Colin-Dexter-Werkausgabe mit einer vollständigen Neuausgabe von „Ihr Fall, Inspector Morse“ ab. Denn in der ersten deutschen Ausgabe fehlte eine Kurzgeschichte. Nach der Veröffentlichung dieser Kurzgeschichtensammlung 1993 schrieb Dexter, hauptsächlich nach der Jahrtausendwende, noch sieben weitere Kurzgeschichten. Diese wurden bis jetzt nicht gesammelt in einem Buch veröffentlicht und sie wurden, soweit ich weiß, auch nicht übersetzt.

Wer also das gesamte Werk von Colin Dexter, dem Erfinder von Inspector Endeavour Morse und seinem Gehilfen Sergeant Robert Lewis, haben möchte, muss sich auf eine kleine Suchtour begeben. Und Englisch können.

Für die weniger eifrigen Komplettisten dürften die elf in „Ihr Fall, Inspector Morse“ gesammelten Kurzgeschichten reichen. Denn die Geschichten, sechs mit Inspector Morse, fünf ohne ihn, erreichen nie die Qualität seiner Romane. Teils wirken sie wie spontane Ideen oder Szenen, die es nicht in einen der Morse-Romane, geschafft haben. Teils wie Skizzen für einen Roman, die dann doch nicht weiter verfolgt wurden. Das gilt vor allem für die Geschichten, in denen Morse einen Mord aufklären muss. Die Schlußpointen sind vor allem deshalb überraschend, weil sie fast immer aus dem heiterem Oxford-Himmel kommen.

Sehr gelungen ist seine Sherlock-Holmes-Geschichte „Eine falsche Identität“. Sie liefert nämlich hintereinander mehrere überzeugende Erklärungen für das seltsame Verhalten eines potentiellen Bräutigams und zeigt damit, wie eine gute Rätselgeschichte funktioniert.

Ihr Fall, Inspector Morse“ ist vor allem ein Buch, für die Gesamtleser von Colin Dexter. Für sie ist der Sammelband ein schöner Abschluss. Neueinsteiger sollten dagegen mit einem von seinen Inspector-Morse-Kriminalromanen anfangen; – allerdings besser nicht mit seinem letzten, sondern mit irgendeinem früheren Fall.

Colin Dexter: Ihr Fall, Inspector Morse

(übersetzt von Peter Torberg, Almut Carstens, Christa Früh, Ute Tanner, Elfi Hartenstein, Elke Bahr, Karin Polz, Wolfram Hämmerling, Thomas Weidemann)

Unionsverlag, 2021

256 Seiten

12,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1995

Die Geschichte „So gut wie Gold“ wurde erstmals ins Deutsche übersetzt.

Originalausgabe

Morse’s Greatest Mystery and other Stories

Macmillan, London, 1993

Der letzte Inspector-Morse-Roman

Colin Dexter: Der letzte Tag

(übersetzt von Ute Tanner)

Unionsverlag, 2021

352 Seiten

13,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Und kurz ist unser Leben

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000

Originalausgabe

The Remorseful Day

Macmillan, London, 1999

Hinweise

Unionsverlag über Colin Dexter

Wikipedia über Colin Dexter (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

Meine Besprechung von Colin Dexters „Gott sei ihrer Seele gnädig“ (The Wench Is dead, 1989)

Mein Geburtstagsgruß an Colin Dexters

Meine Hinweis auf Colin Dexters „Das Geheimnis von Zimmer 3 – Ein Fall für Inspector Morse“ (The Secret of Annexe 3, 1986) (und weitere Weihnachtskrimis. Wer also schon jetzt ein Geschenk für Weihnachten sucht.)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Aus Colin Niels „Nur die Tiere“ wird Dominik Molls „Die Verschwundene“

Oktober 8, 2021

Am 19. Januar verschwindet Évelyne Ducat, die Frau eines aus der Gegend stammenden vermögenden Geschäftsmanns. Ihr Wagen steht an einer Landstraße im Schnee. Die Suche der Polizei verläuft ergebnislos.

Dagegen erfahren wir in Colin Niels Noir „Nur die Tiere“ und in Dominik Molls kongenialer Verfilmung des Romans, die bei uns unter dem Titel „Die Verschwundene“ in den Kinos läuft, was passierte. Dabei entfaltet die Geschichte sich nicht chronologisch, sondern aus verschiedenen, nacheinander erzählten Perspektiven. Diese Erzählungen überlappen sich zeitlich teilweise. Und sie ergeben ein düsteres Porträt des französischen Landlebens im Zentralmassiv. Die Höfe liegen weit auseinander. Das Einkommen der Landwirte ist kärglich. Jedenfalls bei den Landwirten, die Alice als Sozialarbeiterin besucht. Auch ihr gehört ein Hof. Er wird von ihrem Mann Michel betrieben. Ihre Ehe – beide sind Mttvierziger – ist im Alltag erstarrt.

Einer ihrer Kunden ist der allein lebende Joseph. Er ist auch ihr Geliebter; wobei die Initiative dafür von ihr ausging. Er hat – soviel kann verraten werden – Évelyne nicht ermordet. Allerdings entdeckt er Évelynes auf seinem Hof hingelegte Leiche, versteckt sie spontan in seiner Scheune und baut eine Beziehung zu der langsam verwesenden Leiche auf.

Eine andere Person, die eine Beziehung zur verschwundenen Évelyne hat, ist Marion. Die Mittzwanzigerin verliebt sich in die Endvierzigerin und zieht wegen ihr ins Zentralmassiv. Évelyne ist über das plötzliche Auftauchen ihrer Geliebten nicht begeistert. Sie möchte die Beziehung sofort beenden.

Niel wählte für seinen Noir eine ungewöhnliche Struktur. Er lässt seine Figuren ihre Geschichte erzählen und ordnet sie so an, dass sie auch immer mehr Hintergründe über Évelynes Verschwinden enthüllen. In einem Roman, der sich wie eine Sammlung von lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten liest, funktioniert das ganz gut. Immerhin hängen die Erzählungen miteinander zusammen und jede Figur sucht nach Liebe. Es ist allerdings auch eine Struktur, die nur schwer in einen Film übertragen werden kann. So wird Alice, die Erzählerin der ersten Geschichte, zunehmend unwichtiger. Und Marions Geschichte spielt vor Èvelynes Verschwinden. Sie hat nur sehr wenige Berührungspunkte mit den anderen Geschichten. Sie ist allerdings sehr wichtig, um Évelynes Verschwinden zu verstehen.

Die aus den unterschiedlichen Perspektiven entstehende Geschichte von Èvelynes Ermordung ist auch eine Abhandlung über die Macht des Zufalls. Denn die verschiedenen Handlungen haben hier immer wieder Konsequenzen, die die handelnden Personen nicht wollten oder von denen sie nichts wissen. So hat Marion keine Ahnung, was ihr Auftauchen in der Provinz auslöst.

Wie in dem ebenfalls diese Woche im Kino angelaufenem Horrorfilm und Cannes-Gewinner „Titane“, geht es in „Nur die Tiere“/“Die Verschwunden“, wie gesagt, um die Suche nach Liebe und den seltsamen Wegen, die sie geht. Dabei akzeptieren die Macher vorbehaltlos jede Form von Liebe zu anderen ‚Menschen‘. Aber während das in „Titane“ nur eine lose, fast schon bemühte Interpretionsklammer ist, wird dieses Thema in „Nur die Tiere“/“Die Verschwundene“ erzählerisch stringenter, geschlossener und mit stärker in der Realität verhafteten Personen und Ereignissen erzählt. Umso verstörender sind dann die von Joseph und Michel gewählten Objekte der Begierde.

Dominik Moll („Lemming“, „Der Mönch“) übertragt den Roman und seine eigentlich unverfilmbare Struktur und Erzählweise gelungen auf die Leinwand. Dabei verändert er einiges, aber er bleibt bei seiner Interpretation immer nah an der Vorlage.

Am Ende haben wir einen sehenswerten Film und einen lesenswerten Roman.

Die Verschwundene (Seules les bêtes, Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Dominik Moll

Drehbuch: Dominik Moll, Gilles Marchand

LV: Colin Niel: Seules les bêtes, 2017 (Nur die Tiere)

mit Denis Ménochet, Valeria Bruni Tedeschi, Laure Calamy, Damien Bonnard, Nadia Tereszkiewicz, Bastien Bouillon, Guy Roger ‚Bibisse‘ N’drin

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Colin Niel: Nur die Tiere

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

288 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Seules les bêtes

Éditions du Rourgue, 2017

Demnächst

Colin Niel: Unter Raubtieren

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

360 Seiten

24 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Verschwundene“

Filmportal über „Die Verschwundene“

Moviepilot über „Die Verschwundene“

Rotten Tomatoes über „Die Verschwundene“

Wikipedia über „Die Verschwundene“ (deutsch, englisch, französisch) und Colin Niel 

Perlentaucher über „Nur die Tiere“


Superman ist Zaungast, wenn „Lois Lane – Reporterin im Fadenkreuz“ ist

Oktober 6, 2021

Lois Lane ist die Freundin von „Superman“ Clark Kent, Reporterin beim „Daily Planet“ in Metropolis und viel mehr dürfte der 08/15-Leser nicht über sie wissen. Schließlich ist ihr Superheldenfreund für die Rettung der Welt zuständig.

Das mit ihrer Bekanntheit könnte sich mit Greg Ruckas „Lois Lane: Reporterin im Fadenkreuz“ ändern. Denn in der zwölfteiligen Miniserie steht ihre Arbeit als investigative Journalistin im Mittelpunkt. Superman bzw. Clark Kent hat nur einige Miniauftritte als der Mann an ihrer Seite. Zunächst weil Lois Lane ohne seine Superkräfte arbeiten will. Später weil es auch um okkulte Dinge geht und Supermans Fähigkeiten in diesem Zusammenhang unbrauchbar sind.

Die Miniserie beginnt mit der Recherche im Todesfall Mariska Voronova. Die Journalistin soll sich in Moskau angeblich umgebracht haben. Lois Lane bittet Renee Montoya um Hilfe. Montoya war in Gotham City Polizistin. Jetzt ist sie als mit einer identitätsverschleiernden Maske arbeitetender Detektiv Question unterwegs. In Moskau soll sie Voronovas gut versteckte Rechercheergebnis aus dem Versteck holen und zu Lane zu bringen.

Währenddessen wird Lane die Akkreditierung für das Weiße Haus entzogen. Sie hatte nachgefragt, ob Mitglieder der Regierung an der Trennung von Familien zu ihren Kindern in Flüchtlingslagern Geld verdienen.

Ihre investigativen Recherchen und die damit verbundenen Enthüllungsreportagen führen schließlich zu einem mit großem Aufwand geplanten Bombenattentat auf sie. Danach ist ihre Wohnung ein Trümmerfeld. Die Täterin kann entkommen. Es handelt sich um Kiss of Death und sie plant schon ihren nächsten Anschlag auf Lane.

Wer von der Miniserie „Lois Lane – Reporterin im Fadenkreuz“ eine in sich hundertprozentig geschlossene Geschichte über eine Reporterin, die einen großen Skandal, den wir bis ins allerletzte Detail verstehen, erwartet, wird enttäuscht sein. Die von ihr aufgedeckten Skandale und die Reaktionen darauf werden nur nebenbei angesprochen. Und es gibt nicht den einen großen Skandal. Stattdessen gibt die Miniserie einen gelungenen Einblick in das Leben einer furchtlosen investigativen Journalistin, die mächtige Gegner im Wochentakt herausfordert. Einige von ihnen schicken dann Killer los. Lanes Kampf um die Wahrheit ist ein niemals endender Kampf. Greg Rucka und Mike Perkins schildern ihn in spannungsgeladenen Episoden.

Hardboiled-Autor Greg Rucka ist bekannt für seine starken Frauenfiguren. Zu nennen sind hier, wenn wir seine Romane ignorieren, die mit Ed Brubaker geschriebene Serie „Gotham Central“ (in der die frustrierende Arbeit der Polizei geschildert wird, während Batman die Lorbeeren einsammelt; Renee Montoya ist eine der Hauptfiguren), „Stumptown“ (über die bisexuelle, in Portland, Oregon, arbeitende toughe Privatdetektivin Dex Parios), die Geheimagentinnenserie „Queen & Country“ und selbstverständlich die in der Antarktis spielenden „Whiteout“-Geschichten mit US-Marshal Carrie Stetko.

Mike Perkins zeichnete u. a. eine von Ed Brubaker erfundene „Captain America“-Geschichte, die Comic-Adaption von Stephen Kings „The Stand“ und „Der Fluch von Rowans Rise“.

Greg Rucka/Mike Perkins: Lois Lane – Reporterin im Fadenkreuz

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2021

324 Seiten

32 Euro

Originalausgabe

Lois Lane: Enemy of the People, Part One – Part Twelve

DC Comics, September 2019 – September 2020

Hinweise

Wikipedia über Lois Lane (deutsch, englisch)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas “Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)” (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Vor dem Erwachen“ (Star Wars: Before the Awakening, 2015)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Michael Larks „Gotham Central: Doppeltes Spiel (Band 2)“ (Gotham Central #6 – 12, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22, DC Comics)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Nicola Scott/Bilquis Evely (Zeichner) „Wonder Woman: Das erste Jahr (Rebirth – Die Wiedergeburt des DC-Univerums)“ (Wonder Woman: Year One, Part One – Finale (# 2, 4, 6, 8, 10, 12, 14), 2016/2017)

Meine Besprechung vonGreg Rucka (Autor)/J. G. Jones (Zeichner) „Wonder Woman/Batman: Hiketeia“ (Wonder Woman/Batman: The Hiketeia, 2002)

Meine Besprechung von Greg Rucka/J. G. Jones‘ „Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern“ (Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider; Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown; Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider)

Greg Rucka in der Kriminalakte

 


Über Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“

September 15, 2021

Anläßlich der neuen Verfilmung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ habe ich jetzt den Roman gelesen. Als Teenager wer er mit achthundert Seiten eindeutig zu lang. In der gleichen Zeit konnte ich mindestens vier spannende Kriminalromane und ein Jerry-Cotton-Abenteuer lesen. Außerdem interessierten mich irgendwelche Streitigkeiten von Erbmonarchien auf irgendwelchen abgelegenen Wüstenplaneten nicht weiter. Das ging mir schon nach dem Klappentext zu sehr in Richtung Fantasy.

Trotzdem wird dieser Roman immer als Science-Fiction-Roman bezeichnet. 1966 erhielt er den Hugo Award als bester Roman. Schon seit Jahrzehnten gilt er als Science-Fiction-Klassiker und er ist ein niemals vergriffener Bestseller, der in den Sechzigern den Zeitgeist traf.

Die Geschichte dürfte allgemein bekannt sein. Jedenfalls die von dem ersten, inzwischen mehrfach verfilmten Dune-Roman dürfte bekannt sein. Denn „Dune – Der Wüstenplanet“ war der Auftakt für weitere Romane. In fünf dicken Büchern erzählte Frank Herbert die Geschichte weiter. Nach seinem Tod schrieben sein Sohn Brian und Kevin J. Anderson weitere in der Welt von Dune spielende Romane. In meiner Besprechung von „Dune – Der Wüstenplanet“ und von Denis Villeneuves Verfilmung (demnächst) ignoriere ich die weiteren Werke und damit auch die weiteren Ereignisse und Entwicklungen.

In „Dune – Der Wüstenplanet“ erzählt Frank Herbert die Geschichte von Paul Atreides, der auf dem Wüstenplaneten Arrakis zu Paul Muad’Dib, dem Anführer der Fremen, wird. Die Fremen sind das auf dem Planeten lebende Wüstenvolk. Er führt sie in einen erfolgreichen Aufstand gegen das Haus der Harkonnen, die seinen Vater ermordet und anschließend wieder die Macht über den Planeten über nommen haben. Die Harkonnen sind, kurz gesagt, böse Machthaber. Despoten halt. Arrakis ist ein wichtiger Planet, weil es nur dort das für die Raumfahrt wichtige Gewürz gibt.

Dune – Der Wüstenplanet“ erzählt eine Geschichte von zwei Herrscherhäusern, die sich bekämpfen und einem Messias. Dieser Messias ist aufgrund seiner Zeugung und Zugehörigkeit zu einem Herrscherhaus schon von Geburt an auserwählt. Durch die Art seiner Zeugung wurde er noch auserwählter. Die Geschichte spielt in einer mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Es ist eine streng hierarchische Kastengesellschaft, in der jeder von Geburt an eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft hat, die er nicht verlassen kann.

Und damit wären wir schon bei einem Problem des Romans. „Dune – Der Wüstenplanet“ ist kein Mittelater-Roman, kein Fantasy-Roman und auch kein in einem Paralleluniversum spielender Roman, sondern ein im elften Jahrhundert spielender Science-Fiction-Roman. Damit wirkt diese Rückkehr in eine Feudalgesellschaft mit Herzögen, Lehnswesen, einflussreichen Bünden (wie den Bene Gesserit, in der Frauen zu so etwas wie kirchliche Superkriegerinnen ausgebildet werden [nicht zu verwechseln mit der katholischen Kirch]) und einer mächtigen Handelsallianz, der MAFEA (Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All [nicht zu verwechseln mit der Hanse]) doch etwas merkwürdig. In jedem Fall ist es eine Rückkehr ins Mittelalter, garniert mit einigen modernen Einsprengseln, die sich vor allem darin erschöpfen, dass hier Lehnswesen immer ganze Planeten sind und es Raumschiffe gibt.

Gleichzeitig ist „Dune – Der Wüstenplanet“, wie jeder in fremden Welten und Zukünften spielender Science-Fiction-Roman ein Kind seiner Zeit. Und das waren, als Herbert den ersten Dune-Roman schrieb, die frühen sechziger Jahre. Es ist die Welt vor „Raumschiff Enterprise“ (das startete erst 1966), vor ‚1968‘, vor der Friedensbewegung, vor der Frauenbewegung und vor der Ölkrise. Es ist die Welt zwischen Dekolonialisierung – der Algerienkrieg endete 1962 – und dem Aufstieg der 1960 gegründeten OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) zu einer mächtigen Organisation, die in den nächsten Jahren den Ölpreis festlegte. Es erfordert wenig Fantasie, Arrakis mit dem Nahen Osten, das auf ihm gefundene für Gewürz (aka Melange aka Spice aka der für die Raumfahrt sehr wichtige Rohstoff, der nur auf Arrakis gefunden wird) mit Öl, die auf Arrakis lebenden Fremen mit Beduinen, die wechselnden, Arrakis ausbeutenden Herzogtümer mit Kolonialmächten und den 15-jährigen Paul Atreides mit dem aus dem Westen kommendem Befreier (als Kreuzung aus Jesus Christus und Lawrence von Arabien) gleichzusetzen.

Das ist per se kein Problem, weil jedes Buch ein Kind seiner Zeit ist. Allerdings wirkt die in „Dune – Der Wüstenplanet“ erfundene Welt mit ihren Ansichten und Regeln heute äußerst gestrig, um nicht zu sagen vorgestrig.

Ein weiteres Problem von „Dune – Der Wüstenplanet“ ist, dass Frank Herbert kein begnadeter Erzähler ist. Die ganze, doch sehr einfache Geschichte, entwickelt sich sehr zäh, humorfrei und elliptisch. Anstatt die verschiedenen Kämpfe zu zeigen, lässt Herbert lieber Menschen darüber berichten. In einem Roman, in dem auch eingefügte Zeitungsartikel, Berichte und Protokolle, wie James Ellroy in seinen Büchern zeigt, eine ganz eigene Dynamik entfalten können, kann das funktionieren. In einem Film führt das zu einer endlosen Abfolge von Monologen.

Für mich war „Dune – Der Wüstenplanet“ eine arg dröge Lektüre.

Für eine gelungene Verfilmung müsste die Geschichte umfassend umgearbeitet werden. Das geht. Immerhin ist die Geschichte von Paul Atreides nicht so wendungsreich und komplex wie eine James-Ellroy-Geschichte (ich sage nur „L. A. Confidential“). David Lynch scheitert mit seiner Verfilmung des Romans. Denis Villeneuves Verfilmung ist gelungener, aber immer noch viel zu nah an der Vorlage.

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020 (die Filmausgabe)

800 Seiten

12,99 Euro

Zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover.

Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen.

Originalausgabe

Dune

Chilton Books, 1965

Der erste Kinofilm

Der Wüstenplanet (Dune, USA 1984)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

Mit Kyle MacLachlan, José Ferrer, Francesca Annis, Jürgen Prochnow, Kenneth McMillan, Silvana Mangano, Dean Stockwell, Max von Sydow, Linda Hunt, Brad Dourif, Sting, Sean Young, Richard Jordan, Sean Phillips, Freddie Jones, Patrick Stewart, Virginia Madsen

Der zweite Kinofilm

Dune (Dune, USA 2021)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts, Eric Roth

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Jason Momoa, Stellan Skarsgård, Stephen McKinley Henderson, Josh Brolin, Javier Bardem, Sharon Duncan-Brewster, Chang Chen, Dave Bautista, David Dastmalchian, Zendaya, Charlotte Rampling, Babs Olusanmokun, Benjamin Clementine

Hinweise

Homepage der Dune-Bücher

Wikipedia über Frank Herbert (deutsch, englisch), „Dune – Der Wüstenplanet“ (Roman) und das Dune-Franchise (deutsch, englisch)

 


Tillie Walden dreht(e) „Pirouetten“

September 8, 2021

Bevor Tillie Walden „Auf einem Sonnenstrahl“ durch das Weltall flog, erzählte sie in „Pirouetten“ von ihrer damals nur wenige Tage zurückliegenden Jugend. Die äußerst produktive Walden wurde 1996 geboren. Nach der fünften Klasse zogen ihre Eltern mit ihr von New Jersey nach Austin, Texas. Auch dort trainiert sie weiter Eiskunstlauf und nimmt weiter an Wettbewerben im Einzel- und Synchronlauf teil.

Walden erzählt von der Tortur des Trainings auf dem Eis, den Schwierigkeiten, neue Freundinnen zu finden, der Erkenntnis, dass sie zwar gerne Eiskunstläuferin ist, aber nicht gut genug für die Spitze und wie sie ihre Sexualität entdeckt. Dabei entdeckt sie, dass sie Frauen liebt.

Als Siebzehnjährige hört sie, wie sie schon im ersten Satz von „Pirouetten“ verrät, mit dem Eislaufen auf. Kurz darauf beendet sie ihre Schule und kann auf ein College gehen. Nur welches? Und was soll sie studieren?

Pirouetten“ beschäftigt sich mit den zwölf Jahre, in denen Tillie Walden Eisläuferin war, in Austin die Schule besuchte und erwachsen wurde, mit all den Selbstzweifeln, positiven und negativen Erfahrungen, die die Pubertät begleiten. Sie fasst dabei ihr bisheriges Leben und wichtige Erlebnisse äußerst konzentriert zusammen. Eine plakative Botschaft oder ein alles beherrschendes Thema hat „Pirouetten“ nicht. So steht das Eiskunstlaufen als wichtiger Teil ihres Lebens nicht unbedingt im Mittelpunkt des Buches. Die Entdeckung ihrer Homosexualität und wie sie damit in Texas (!) umgeht, ist nur ein Nebenthema; fast schon ein Nicht-Thema. Und das ist gut so.

Ihre schnell gezeichneten Panels erinnern an sich auf das wesentliche konzentrierende Cartoons. Sie heben die für die Geschichte wichtige Dinge hervor. Die Hintergründe bleiben oft abstrakt oder werden, weil sie nicht wichtig sind, ganz weggelassen.

Pirouetten“ erhielt 2018 den Eisner Award in der Kategorie Best Reality-Based Work.

Tillie Walden: Pirouetten

(übersetzt von Sven Scheer)

Reprodukt 2021

400 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Spinning

First Second/Roaring Brook Press, 2017

Hinweise

Perlentaucher über „Pirouetten“

Reprodukt über Tillie Walden

Homepage von Tillie Walden

Wikipedia über „Pirouetten“ und Tillie Walden (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tillie Waldens „ Auf einem Sonnenstrahl“ (On a Sunbeam, 2018)


Alte Bekannte, neue Werke: David Peace und „Tokio, neue Stadt“

August 18, 2021

Damit hat wahrscheinlich niemand mehr gerechnet. Vierzehn Jahre nach dem Auftakt seiner Tokio-Trilogie, zwölf Jahre nach dem zweiten Band und nachdem er zwei, bislang nicht übersetzte Einzelromane (Keine Kriminalromane!) veröffentlichte, erschien jetzt mit „Tokio, neue Stadt“ der Abschluss seiner Tokio-Trilogie. Die drei Romane sind ein beklemmendes Porträt Tokios und Japans, das sich vor allem auf die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg konzentriert. In jedem dieser Noirs steht ein wahres Verbrechen im Mittelpunkt. Und jeder dieser Kriminalromane kann für sich allein gelesen werden.

In „Tokio, neue Stadt“ geht es um den Tod von Sadanori Shimoyama. Der Präsident der Nationalen Japanischen Eisenbahngesellschaft verschwindet am 5. Juli 1949. Kurz darauf wird seine Leiche gefunden. Er wurde von einem Zug überfahren. Laut der Obuktion war Shimoyama, als er überfahren wurde, bereits seit längerem tot. Aber er wurde nach seinem Tod von mehreren Menschen noch quicklebendig gesehen.

Bis heute ist der Tod von Shimoyama nicht aufgeklärt.

In seinem Roman stellt David Peace die verschiedenen Theorien vor: Selbstmord, Mord, mal von dieser, mal von jener Gruppe verübt, mal mehr, mal weniger politisch, mal waren die Besatzungsmächte mehr, mal weniger involviert. Beim Vertuschen haben dann alle geholfen.

Peace erzählt die Geschichte in drei Kapiteln. Das erste spielt 1949. Im Zentrum steht der ermittelnde Polizist Harry Sweeney. Er ist der typische Hardboiled-Ermittler in der Fremde. Sweeneys Ermittlungen schildert Peace strikt chronologisch.

Im zweiten, 1964 spielendem Teil, steht der Ex-Polizist und Privatdetektiv Murota Hideki im Mittelpunkt. Er soll, innerhalb weniger Tage, den spurlos verschwundenen Schriftsteller Kuroda Roman finden. Vor seinem Verschwinden schrieb Roman an einem Buch über den Fall Shimoyama.

Während Hideko Roman sucht, erfahren wir in Rückblenden mehr über Romans Roman, sein Leben und seinen Wahn bezüglich dem Fall Shimoyama.

Im dritten, 1988 und 1949 spielendem Teil steht Donald Reichenbach im Mittelpunkt. Reichenbach war 1949 Chief of Station, selbstverständlich Geheimdienstler und in den Fall Shimoyama verwickelt.

Dieser auf mehreren Zeit- und Bewusstseinsebenen spielende, munter collagierte Teil ist dann am nächsten an dem David Peace, den wir aus seinen früheren Romanen kennen. In „Tokio, neue Stadt“ wird die Noir-Geschichte, beginnend mit einem fast schon konventionellem Hardboiled-Auftakt zunehmend wahnsinnig, weil ihre verschiedenen Hauptfiguren den Verstand verlieren.

In dem Moment wird auch die politische Dimension des Falles immer offensichtlicher. Denn die westlichen und östlichen Geheimdienste suchten nach einer Möglichkeit, wie sie von Shimoyamas Tod profitieren könnten. Vierzig Jahre später sind ihre damaligen Irrtümer und die Folgen ihrer Taten offensichtlich. Wer Shimoyama getötet hat, ist dagegen weiterhin rätselhaft. Dafür interessiert Peace sich nicht. Ihm geht es nämlich nicht um ein Mördersuchspiel oder das Aufdecken eines Komplotts, sondern um ein Stimmungsbild.

Wer also nur einen konventionellen Kriminalroman lesen möchte, sollte „Tokio, neue Stadt“ besser nicht lesen. Es ist zwar, vor allem in der ersten Hälfte, konventioneller und sprachlich ruhiger als David Peaces vorherige Romane, die sich teilweise wie ein stundenlanger Maschinengewehr-Rap lesen (das wird besonders deutlich, wenn David Peace seine Romane vorliest). Aber der fulminante Abschluss seiner Tokio-Trilogie ist immer noch meilenweit von einem konventionellem Kriminalroman entfernt. Wer es gerne etwas literarischer hat, sollte hier zugreifen – und dann mit seinen anderen Romanen fortfahren.

David Peace: Tokio, neue Stadt

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2021

432 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Tokyo Redux

Faber & Faber, London, 2021

Alfred A. Knopf, New York, 2021

Die Tokio-Trilogie

Tokio im Jahr Null (Tokyo Year Zero, 2007)

Tokio, besetzte Stadt (Occupied City, 2009)

Tokio, neue Stadt (Tokyo Redux, 2021)

Hinweise

Wikipedia über David Peace (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio im Jahr Null“ (Tokyo Year Zero, 2007)

Meine Besprechung von David Peaces „Tokio, besetzte Stadt“ (Occupied City, 2009)

Meine Besprechung der „Red Riding Trilogy“ (der grandiosen Verfilmung der entsprechenden Romane von David Peace)

David Peace in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

August 6, 2021

Im Moment glaubt Dominik Graf, dass eine Verfilmung genauso so lange sein soll, wie die Lektüre des Buches dauert. Bei einem kurzen Roman, also eigentlich eher einer Novelle, geht das. Trotzdem ist die Idee Unfug. Konsequent exekutiert würden dann Romanverfilmungen zehn bis zwanzig Stunden dauern. Solche Epen könnten dann nur noch im Fernsehen laufen. Dabei gibt es etliche Romanverfilmungen, die ausgezeichnete eigenständige Interpretionen von Romanen sind und deutlich kürzer als die Vorlage sind.

Das sage ich, weil die Länge von drei Stunden das Problem von Dominik Grafs ansonsten sehr gelungener, werktreuer und gleichzeitig eigenständiger Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ist.

Kästners Roman erschien 1931 in einer leicht gekürzten Fassung als „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“. Er wurde von den Nazis als entartete Kunst angesehen und gehörte zu den Büchern, die während der Bücherverbrennung verbrannt wurden. 2013 erschien unter dem ursprünglich geplanten Titel „Der Gang vor die Hunde“ Kästners Originalfassung. Diese liegt Dominik Grafs Verfilmung zugrunde.

Fabians Geschichte ist eine bestenfalls lose verknüpfte Abfolge von Episoden, die ein Bild von Deutschland vor neunzig Jahren, also von den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, ergeben. In einem Roman, vor allen in einem etwas über zweihundertseitigem Roman, der eine Satire ist, zur Avantgarde gehört und der ein Sittenbild ist, ist diese episodische Struktur kein Problem. Bei einem Film, der dann drei Stunden lang Episoden ohne eine erkennbare Geschichte aneinanderreiht, wird das zu einem Problem. Es wird redundant. Es wird langweilig.

Auch wenn ich jetzt nicht genau sagen kann, wo Graf hätte schneiden sollen, hätte er doch um ein Drittel kürzen sollen.

Das gesagt ist „Fabian“ ein absolut sehenswerter Film, der die Stimmung der zwanziger Jahre, das pulsierende Großstadt-, Künstler- und Bohèmeleben, ohne erkennbare Kompromisse und souverän mit allen filmischen Stilmitteln hantierend, auf die Leinwand bringt.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht – überzeugend von „Oh Boy“ Tom Schilling gespielt – Jakob Fabian, ein promovierter Germanist, der im Berlin der frühen dreißiger Jahre tagsüber als schlecht verdienender Werbetexter für eine Zigarettenfabrik arbeitet, in einem Zimmer zur Miete wohnt und nach Sonnenuntergang durch die Berliner Clubs und Bordelle zieht. Dabei lehnt der Flaneur und Beobachter nie einen Drink oder eine Affäre ab. Begleitet wird er meistens von seinem Studienfreund Stephan Labude. Der Sohn des vermögenden Justizrat Labude schreibt schon seit Jahren an seiner Habilitation und er ist bekennender und agitierender Kommunist. Er hat eine feste, in einer anderen Stadt lebende Freundin, die er heiraten will. Aber sie betrügt ihn.

Bei einem seiner nächtlichen Sauftouren trifft Fabian auf Irene Moll. Die verheiratete Frau hat mit ihrem Mann ein Arrangement getroffen, nach dem sie ihm ihre Liebhaber vorstellen muss, die Liebhaber einen Vertrag unterschreiben müssen und sie dann Sex haben dürfen. Dieses Angebot lehnt Fabian bei ihrer ersten Begegnung empört ab.

Kurz darauf trifft er in einem Kabarett Cornelia Battenberg. Zufällig haben sie in der gleichen Wohnung ein Zimmer gemietet. Sie verlieben sich ineinander. Cornelia will als Schauspielerin Karriere machen. Sie beginnt eine Affäre mit einem Filmproduzenten.

Aus diesen und zahlreichen weiteren Episoden, aber noch mehr aus der Inszenierung, ergibt sich ein Bild des damaligen Berlins und der damaligen Gefühlslage, die in bestimmten Aspekten immer noch oder wieder aktuell ist. Während in Kästners Roman die Warnung vor dem Nationalsozialismus zwischen den Zeilen steht – schließlich kannte Kästner als er den Roman schrieb, die Zukunft nicht – deutet Graf den beginnenden Nazi-Terror deutlich an. Er zeigt Stolpersteine, die es in Berlin erst seit einigen Jahren gibt. Auf ihnen stehen die Namen von Opfern der Nationalsozialisten. Wir sehen Nazi-Uniformen. Bei einer Konfrontation von Fabian mit einem von Labudes Studienkollegen ist der heraufziehende Faschismus deutlich spür- und sichtbar.

Sowieso interessiert Graf sich in seinem Sittengemälde wenig für historische Faktenkorrektheit. Ihm geht es darum, die damalige Stimmung, die von einem Gefühl eines nahenden Weltuntergangs geprägt war, begreifbar zu machen und tief in Fabians Psyche, die Psyche eines alles distanziert beobachtenden Moralisten, einzutauchen. Dieser Fabian ist kein Mitläufer. Er will nicht, während er sich durch das pulsierende Nachtleben treiben lässt, mit der Masse mitschwimmen.

Dazu lässt Graf die Kamera fiebrig durch die engen, dunklen Räume tanzen. Er schneidet teils im Sekundentakt. Später, wenn Fabian sich verliebt und seine Eltern besucht, wird die Kamera und der Anfangs atemlose Erzählrhythmus ruhiger. Graf wechselt munter die Kameras, das Filmmaterial und das Bildformat. Er schneidet historische Aufnahmen hinein. Dazu kommt ein konstanter Fluss von Dialogen und Voice-Over. Auch wenn nicht alle Texte von Kästner sind, haben sie immer einen deutlichen Kästner-Einfluss. So ergibt sich eine souveräne, sehr eigenständige Interpretation des Romans, die immer wie eine wortwörtliche Übertragung wirkt, es aber nicht ist. Graf und sein Co-Drehbuchautor Constantin Lieb haben den Geist des lesenswerten Buches vorzüglich eingefangen.

Nach diesem „Fabian“ kann man Wolf Gremms „Fabian“ von 1979 getrost vergessen. Denn der ist nur hochbudgetiertes, letztendlich billiges Ausstattungskino. Genau das kann von dem „Gang vor die Hunde“ nicht gesagt werden.

Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Deutschland 2021)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Constantin Lieb, Dominik Graf

LV: Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde, 1931/2013

mit Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Michael Wittenborn, Petra Kalkutschke, Elmar Gutmann, Aljoscha Stadelmann, Anne Bennent, Meret Becker

Länge: 186 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(zum Kinostart mit Filmcover und einigen Filmbildern)

Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Atrium, 2021

248 Seiten

12 Euro

Erstausgabe dieser Ausgabe

Atrium Verlag, 2013

Erstausgabe

Fabian – Die Geschichte eines Moralisten

Deutsche Verlags-Anstalt, 1931

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Moviepilot über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Metacritic über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Rotten Tomatoes über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“

Wikipedia über „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte

 

 


„Ich, der Verrückte“ bin nicht wahnsinnig. Oder doch?

August 4, 2021

In der Firma ist Angel Molinos der Exot. Von ihm wurden vor über zwanzig Jahren zwei Theaterstücke inszeniert. In einem Stück vertrat er die Ansicht, dass die Gesellschaft Vincent van Goghs Kreativität als krankhaft angesehen und ihn deshalb zum Verrückten erklärt habe. Angels Theaterstücke führten dazu, dass Otrament ihm seine jetzige Stelle anbot. Abgesehen von dieser Vergangenheit fällt der Psychologe neben seinen Kollegen nicht weiter auf. Sie entdecken (Spötter würden sagen ‚erfinden‘) für ein internationales Pharmaunternehmen neue psychische Krankheiten, die dann mit Medikamenten behandelt werden. Dabei achten er und seine Kollegen darauf, dass möglichst viele Menschen diese Krankheit haben oder haben könnten und dass sie möglichst erstrebenswert klingt. Denn bestimmte Krankheiten will kein Mensch haben, aber die Begierde nach körperlicher Perfektion klingt doch gar nicht so schlimm, fast schon erstrebenswert. Und wer ist nicht neophil (Hang zu Neuem) oder neophob (Ablehnung des Neuen)?

Als ein Kollege von Angel, der Informationen über illegale Forschungen ihrer Arbeitgeber veröffentlichten wollte, spurlos verschwindet, fragt Angel sich, ob die Vorwürfe seines Kollegen wahr sind. Er beginnt selbst zu recherchieren.

Selbstverständlich findet er genug Informationen, die seinen Verdacht bestätigen. Sein Arbeitgeber scheint illegale Experimente durchzuführen und dabei den Tod der Versuchsteilnehmer in Kauf zu nehmen.

Gleichzeitig zweifelt Angel an seinem Verstand. Er fragt sich, ob er paranoid, verrückt und somit ein Fall für eine medikamentöse Behandlung wird.

Ich, der Verrückte“ ist, nach „iIch, der Mörder“, die neue Zusammenarbeit von Autor Antonio Altarriba und Zeichner Keko. Er zeichnete die Geschichte in meist realistischen SW-Panels mit einigen gelben Farbspritzern. Diesen Zeichenstil behält er auch in Angels Alpträumen bei. Sie hat Angel seit kurzem.

Die Geschichte ist ein feiner Noir mit einem unzuverlässigem Erzähler und etlichen Informationen über die unmoralischen Geschäfte von Pharmaunternehmen, die damit Geld verdienen, dass wir nicht gesund werden.

Antonio Altarriba/Keko: Ich, der Verrückte

(übersetzt von André Höchemer)

Avant Verlag, 2021

136 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Éditions DENOÉL

Hinweise

Homepage von Antonio Altarriba

Avant Verlag über Antonio Altarriba und Keko

Wikipedia über Antonio Altarriba und Keko


„Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“, unternommen von Mathieu Sapin

August 2, 2021

Wahrscheinlich ist auch Mathieu Sapin etwas von der Politik berauscht. Sapin ist kein Politiker, sondern Comicautor. In Frankreich hat er auch Zeitschriften illustriert, Dokumentarfilme und die Polit-Komödie „Le poulain“ (nach seinem Drehbuch) inszeniert. Zu seinen Arbeiten gehört eine umfangreicher Comicreportage über François Hollande.

Quasi als Epilog dazu – immerhin trat Hollande 2017 nicht wieder an und das Duell zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron elektrisierte die ganze Welt – erklärte Sapin sich bereit, für die Libération eine wenige Seiten umfassende gezeichnete Reportage über das finale TV-Duell zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten anzufertigen.

Aber er findet den Politikneuling Macron faszinierend. Das beginnt schon mit ihrer ersten Begegnung. Vor dem TV-Duell begrüßt Macron Sapin persönlich und sagt, er lese einen seiner Comics. Nach dem Duell – Sapin darf über den Abend aus dem Team Macron berichten – ist er im Backstage-Raum und Macron erklärt, dass er Sapins Comic „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ für genial hält. Dieses Werk wird auch später immer wieder das Werk sein, das ihm bei Depardieu-Fan Macron Türen öffnet. So darf er, wie wir aus „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“erfahren, für „Le poulain“ einige Szenen im Élysée-Palast drehen.

Dieser kurze Comic und dieser Abend sollten der Abschluss von Sapins künstlerischer Beschäftigung mit der Politik sein. Aber nach der Wahl von Macron überlegt er dann doch, wie er zu ihm Kontakt aufnehmen und ihre Begegnungen als Grundlage für ein weiteres Werk machen könnte.

In seinem neuen Comic „Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht“ schildert er, äußerst selbstironisch seine Versuche und verbindet sie mit der Geschichte von Jean Racine, der im 17. Jahrhundert ein erfolgreicher Bühnenautor werden wollte, es wurde und später der Hofschreiber von Sonnenkönig Ludwig, Sapins Geschichte. Denn er selbst zeichnet sich immer, äußerst unvorteilhaft, als kleines, dickliches Männchen mit viel zu großem Kopf und Halbglatze, das atemlos hinter Macron und seinem Gefolge hinterherhetzt. Gleichzeitig zeichnet er seine Kontaktversuche auf und kommentiert selbstironisch die Ereignisse und seine damit verbundenen Selbstzweifel.

Sapins naive Zeichnungen täuschen nicht lange darüber hinweg, wie dicht und komplex er „Comedie Française“ erzählt. Er liefert nämlich gleichzeitig eine kondensierte Version eigener Erlebnisse, eine Interpretion seiner Erlebnisse, der jüngsten französischen Geschichte und die Lebensgeschichte eines schon lange verstorbenen Künstlers, der den Kontakt zur Macht sucht.

Deshalb hat man am Ende dieses witzigen Comics viel über Frankreich und der Faszination von politischer Macht gelernt.

Mathieu Sapin: Comédie Française – Reisen ins Vorzimmer der Macht

(übersetzt von Silv Bannenberg)

Reprodukt, 2021

168 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Comedie Française

Dargaud, 2020

Hinweise

Wikiepdia über Mathieu Sapin (deutsch, französisch)


Cover der Woche

Juli 13, 2021

Das ist das Cover einer 2008 bei Harper erschienenen, geldbeutelschonenden Sammlung von Kurzgeschichten, die Lawrence Block ganz am Anfang seiner Karriere schrieb und die um 1960 herum in „Manhunt“, „Trapped“, „Man’s Magazine“ und „Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine“ veröffentlicht wurden. Erstmals erschienenen diese Geschichten in Buchform 1999 und 2001 bei Crippen & Landru als „One Night Stand“ (die Kurzgeschichten) und „The Lost Cases of Ed London“, drei Kurzromane mit dem New Yorker Privatdetektiv, der genau das ist, was man von einem damals arbeitendem Privatdetektiv erwartete. Er ist Single, wird ungefähr einmal während seiner Ermittlungen zusammengeschlagen, schlägt öfter zu, ist extrem trinkfest und hat normalerweise mit den Frauen, die er während seiner Ermittlungen trifft, Sex. Ach ja, die Frauen sind selbstverständlich alle jung und sie sehen verdammt gut aus.

Block selbst hält nicht wahnsinnig viel von diesen Geschichten, aber für Fans, vor allem für die Fans, die alles haben müssen, sind sie ein interessanter Einblick in seine Anfänge. Sie sind auch ein Rückblick auf die damals populären, heute kultigen Krimi-Magazine.


„Geheimagent Deadpool“ ist auch nur ein Deadpool

Juli 7, 2021

Als „Deadpool“ Wade Wilson den Geheimagenten Jace Burns (bzw. „Burns. Jace Burns.“) umbringen will, geht einiges schief. Zunächst einmal, wusste Deadpool nicht, dass er einen Spion ermorden soll. Dann wehrt dieser sich, der Tatort (ein Nobelhotel) geht in Flammen auf, Burns und Wilson sterben. Aber während Burns verbrennt, wird Wilsons Körper geborgen und, weil die Ärzte keine Ahnung von Deadpools Selbstheilungskräften haben, halten sie den entstellten Körper, den sie aus den Flammen bergen konnten, für Burns.

Leicht verdattert fühlt Deadpool sich in die neue Rolle ein. Immerhin war Jace Burns ein James-Bond-Verschnitt und die Annehmlichkeiten dieses Geheimagentenlebens gefallen ihm. Es sind Geld, Waffen, Gadgets und Frauen.

Außerdem will er erfahren, wer ihn mit dem Mord an Burns beauftragt hat.

Deadpool, der Söldner mit der großen Klappe, als Geheimagent. Das klingt vielversprechend. Und dass er keinen unauffälligen Geheimagenten, sondern einen James-Bond-Geheimagenten verkörpert, ist naheliegend.

Allerdings ist „Geheimagent Deadpool“ nur ein gebremstes Vergnügen. Die größte Überraschung der von Autor Christopher Hastings und Zeichner Salva Espin erfundenen Geschichte ist, dass Wilson bei Burns‘ Kollegen – der Sekretärin, dem Waffenentwickler – beliebt ist, weil er sie nicht herablassend behandelt. Und sie natürlich deshalb ahnen, dass der neue Burns nicht der alte Burns ist.

Die Probleme sind dagegen zahlreich. So agiert Wilson äußerst gebremst. Es gibt zwar die Deadpool-Momente voll infantilem Humor. Aber es sind, abseits der Kämpfe, wenige.

Die Story hat nicht die Naivität und klare Struktur einer alten Bond-Geschichte. Ziemlich konfus geht es um den Zugang zu einem paradoxem Parallel-Universum, Betrug und Doppelbetrug, Verrat und falsches Spiel, bis die Motive der verschiedenen Gruppen kaum noch nachvollziehbar sind.

Das größte Problem von „Geheimagent Deadpool“ ist allerdings, dass Garth Ennis zusammen mit Zeichner Russ Braun mit „Jimmys Bastarde“ bereits eine rotzfreche Bond-Parodie vorlegte, die auch einige Fragen an die Figur, ihr Verhalten gegenüber Frauen und ihr Wertesystem stellte.

In „Geheimagent Deadpool“ wird dagegen nur ein wenig herumgespielt. Garantiert jugendfrei.

Christopher Hastings/Salva Espin: Geheimagent Deadpool

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2021

140 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Secret Agent Deadpool (2018) # 1 – 6

Marvel, September – November 2018

Hinweise

Wikipedia über Christopher Hastings und Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbells „Deadpool Pulp“ (Deadpool Pulp 1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)


„Undiscovered Country“ USA, aber anders als Du denkst

Juli 6, 2021

Die Vereinigten Staaten von Amerika in einigen Jahren (oder nach der benutzten Technik in einem Paralleluniversum): Vor dreißig Jahren hat die USA sich von der restlichen Welt abgeschottet. Warum sie das tat, ist unklar. Was seitdem im „dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen“ geschah ist noch unklarer. Kein Signal, keine Botschaft, nichts, absolut nichts gelangte aus den USA in die restliche Welt.

Bis jetzt.

Eine Einladung dringt nach draußen.

Die Euro-afrikanische Allianz und die sie bekämpfende Panasiatische Prosperitätszone stellen eine Erkundungsgruppe zusammen, die der Einladung folgen und die lebensrettenden Informationen über den Sky-Virus erhalten soll. Ohne das Heilmittel wird es in einem halben Jahr keine Menschen mehr geben.

Die auf den ersten Blick und angesichts ihrer Vergangenheit etwas seltsam zusammengewürfelte Gruppe besteht aus Dr. Charlotte Graves, Epidemiologin mit besonderem Wissen über den tödlichen Sky-Virus, Major Daniel Graves, ihr Bruder, der vor einigen Jahren schon einmal versuchte, in die Zone einzudringen und es fast geschafft hätte, Colonel Pavel ‚Pole‘ Bukowski, Mitglied einer Spezialeinheit der Allianz, Dr. Ace Kenyatta, Experte für die US-Gesellschaft, Valentia Sandoval, Journalistin, Janet Worthington, diplomatische Abgesandte der Euro-Afrikanischen Allianz, und Chang Enlou, Abgesandter der Panasiatischen Prosperitätszone.

Während des Grenzübertritts werden sie abgeschossen. Kurz nach der Bruchlandung will der Warlord Destiny Man sie gefangen nehmen.

Ihnen hilft ein plötzlich auftauchender Krieger, der zu Sam Elgins Gruppe gehört. Elgin sagt ihnen, dass er eine Prophezeihung erhalten habe, nach der Daniel Graves und seine Schwester Charlotte die USA retten werden, und dass er sie dafür durch die Spirale ins Landesinnere führen müsse. Auf dem Weg dorthin müssen sie mit verschiedenen Schlüsseln verborgene Türen öffnen.

Dieser Weg ist ein Weg durch eine in einen seltsamen Urzustand zurückgefallene Zivilisation, die viele vertraute Elemente aus anderen Endzeit-Dystopien (Ich sage nur „Mad Max“ und die Folgen. Oder Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“) enthält und als Reiseerzählung endlos gestreckt werden kann.

Der erste Band von „Undiscoverd Country“ stellt vor allem die Figuren und die Welt, in der die Geschichte spielt, vor. Er wirft viele Fragen auf, beantwortet aber noch keine. Eine dieser Fragen ist, warum gerade diese Menschen für die Expedition in die USA ausgewählt wurden. Denn sie sind, wie sie selbst feststellen, die ungeeignetesten Menschen für die Mission.

Erfunden wurde die Geschichte von Scott Snyder und Charles Soule.

Snyder erfand die Comicserie „American Vampire“ (Stephen King arbeitete bei den ersten Bänden mit) und schrieb zahlreiche „Batman“-, „Justice League“- und „Swamp Thing“-Comics. Er erhielt mehrere Eisner und Stan Lee Awards.

Soule schrieb „Star Wars“-, „Daredevil“-, „Wolverine“-, „Swamp Thing“-Comics und veröffentlichte Romane, wie den Thriller „ Oracle Year – Tödliche Wahrheit“ (Goldmann) und den „Star Wars“-Roman „Die Hohe Republik – Das Licht der Jedi (Die Zeit der Hohen Republik 1)“ (Blanvalet, angekündigt für Mitte August).

Sie lernten sich um 2011 bei einer Comicmesse in Chicago kennen. Soule hatte gerade die Autorenschaft bei „Swamp Thing“ übernommen. Sie verstanden sich gut, tauschten Ideen aus und wollten irgendwann zusammen eine Geschichte erzählen. Daraus entstand „Undiscovered Country“.

So richtig begeisterte mich der Auftakt dieser für den Eisner Award in der Kategorie „Best New Series“ nominierten Serie nicht. Zu viele Elemente sind sattsam vertraut, zu hypothetisch ist die Ausgangslage, die in der Geschichte nicht erklärt wird (im Anhang wird anhand einer Zeitleiste der Weg der USA zur totalen Abschottung von der Welt erklärt) und zu wenige Fragen werden beantwortet.

Der zweite „Undiscovered Coutry“-Band ist für August angekündigt.

Scott Snyder/Charles Soule/Giuseppe Camuncoli/Daniele Orlandini/Leonardo Marcello Grassi/Matt Wilson: Undiscovered Country – Band Eins: Schicksal

(übersetzt von Christian Heiss)

Cross Cult, 2021

176 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Undiscovered Country # 1 – 6

Image Comics 2020/2021

Hinweise

Wikipedia über Scott Snyder (deutsch, englisch) und Charles Soule

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)“ (Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24), August – Dezember 2013)

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Jock/Francesco Francavillas „Batman: Der schwarze Spiegel“ (Detective Comics # 871 – 881, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Kyle Higgins/Trevor McCarthys „Batman: Die Pforten von Gotham“ (Batman: Gates of Gotham # 1 – 5, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Der letzte Ritter auf Erden“ (Batman: Last Knight on Earth # 1 – 3, Juli 2019 – Februar 2020)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Der Tod der Familie“ (Batman: Death of the Family (Batman 13 – 17), Dezember 2012 – April 2013)


„Die Ballade von Halo Jones“ geht weiter

Juli 2, 2021

Am Ende des ersten Sammelbandes verließ Halo Jones ihre Welt, den Ring. Die in diesem Moment in jeder Hinsicht unbedeutende, junge Frau wollte das Weltall kennen lernen. Dort konnte es nur besser sein. Denn der Ring ist, in den Worten eines Jahrhunderte nach ihrem Tod lebenden Wissenschaftlers, „eine riesige Müllkippe, auf der Amerika seine Arbeitslosen ablud. Der Ring war eine vom Verbrechen verseuchte Welt mit einer ineffizienten Polizei.“

Im zweiten „Die Ballade von Halo Jones“-Sammelband erzählen Alan Moore (Text), Ian Gibson (Zeichnungen) und Barbara Nosenzo (Farben) ihre Geschichte weiter. In der Clara Pandy, einem Raumschiff, arbeitet Halo Jones als Stewardess. Sie umsorgt die reichen Passagiere, redet mit einem Delphin, trifft Geiselnehmer, bringt Essen vor die Präsidentensuite, wird von dem Bewohner der Suite, dem Rattenkönig, beauftragt, eine Ratte zu finden und muss sich gegen einen liebestollen Robothund wehren. Ihr ständiger Begleiter ist dabei ein Mensch, der so oft sein Geschlecht wechselte, dass er von niemand mehr wahrgenommen wird. Auch Halo übersieht Wiehiessienoch fast immer.

Nach einem Jahr in der Clara Pandy landet sie auf Charlemagne, Dort will sie sich mit ihrer Ring-Freundin Rodice treffen. Rodice versetzt sie.

Im dritten „Halo Jones“-Sammelband heuert sie beim Militär an. Als kleiner Soldat wird sie, mit denkbar geringen Überlebenschancen, quer durch die Kriegsgebiete geschickt. Schon bei ihrem ersten Einsatz auf einem Dschungelplaneten sterben viele ihrer Kameradinnen. Bei ihren nächsten Einsätzen sieht es nicht viel anders aus. Weil sie nicht auch sterben will, verlässt sie das Militär. Allerdings findet sie keine andere Arbeit und ist kurz darauf wieder in der Armee in einem selbstmörderischen Einsatz auf einem Planeten mit einer extremen Schwerkraft.

Halo Jones ist eine frühe Erfindung von Alan Moore, der inzwischen auch weit über die Comicszene hinaus als Autor von „Watchmen“, „From Hell“, „V wie Vendetta“ und der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ bekannt ist. Das sind backsteindicke Werke voller Anspielungen und Verweise, die Moore dann auch mal in langen Anhängen erklärt.

Dagegen ist „Die Ballade von Halo Jones“ ein episodisches Abenteuer, das einfach Erlebnisse aus dem Leben einer jungen, normalen Frau in einer unnormalen Welt schildert. Es ist eine düstere Cyberpunk-Welt, die selbstverständlich eine grotesk übersteigerte, in die ferne Zukunft verlegte Vision der britischen Klassengesellschaft, des Thatcherismus und des Kalten Kriegs mit seinen Stellvertreterkriegen in verschiedenen Dritte-Welt-Ländern ist.

Die schwarzhumorigen Geschichten erschienen nämlich erstmals zwischen 1984 und 1986 in dem britischen Comicmagazin „2000 AD“ als einer Serie fünf- bis sechsseitiger Episoden. Danach brachen Alan Moore, Ian Gibson und Barbara Nosenzo die auf neun Bände angelegte Serie wegen eines Rechtestreits ab. Bis jetzt wurde sie, trotz des Wunsches der Fans, nicht fortgesetzt. Damit bleibt auch unklar, wie Halo Jones zu einer wichtigen Person wurde. In den ersten drei „Halo Jones“-Bänden steht sie noch vor dem Anfang ihrer Karriere. Sie hat noch nicht einmal die erste Sprosse der Leiter erklommen, die sie bekannt machen soll.

Aber sie hat einige sehr interessante Welten kennen gelernt.

Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzo: Die Ballade von Halo Jones – Band 2

(übersetzt von Timothy Stahl)

Panini Comics, 2021

64 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Ballad of Halo Jones

2000 AD Progs 376 – 385, 1984

Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzo: Die Ballade von Halo Jones – Band 3

(übersetzt von Timothy Stahl)

Panini Comics, 2021

96 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

The Ballad of Halo Jones

2000 AD Progs 452 – 466, 1986

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch) und über „Die Ballade von Halo Jones“ 

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows’ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century“ (The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009; 2009/2011/2012)

Meine Besprechung von Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrads „Spawn: Bloodfeud – Blutfehde“ (Spawn: Blood Feud, 1995)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister“ (Nemo: River of Ghosts, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Providence – Band 1“ (Providence, #1 – 4, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzos „Die Ballade von Halo Jones – Band 1“ (The Ballad of Halo Jones, 1984)


Ohne Cixin Liu wäre das nicht passiert: Der Comic „Die wandernde Erde“, der Trisolaris-Roman „Botschafter der Sterne“

Juni 25, 2021

Wahrscheinlich kann die Bedeutung von Cixin Liu für den aktuellen Boom chinesischer Science-Fiction-Geschichten in China und weltweit nicht überschätzt werden. Zahlreiche wichtige Preise, überschwängliches Lob, auch außerhalb der Science-Fiction-Community, und viele begeisterte Leser verraten einiges. Es gibt auch schon Fan-Fiction, Verfilmungen, Comics und T-Shirts.

Zur Fan-Fiction gehört Baoshus „Botschafter der Sterne“. Unmittelbar nach der Lektüre von „Jenseits der Zeit“, dem Abschluss von Cixin Lius Trisolaris-Trilogie, schrieb Baoshu die Geschichte. Damals studierte er in Belgien Philosophie. Weil dort unmittelbar nach der Veröffentlchung kein Exemplar des in der deutschen Übersetzung fast tausendseitigen Romans erhältlich war, hatte ein Freund ihm den Roman abfotografiert und in E-Mails zugeschickt. Baoshu diskutierte sofort mit anderen Fans über verschiedene Aspekte des Romans und der Figuren. Er wollte noch länger in der von Liu geschaffenen Welt bleiben. Also schrieb er die Geschichte von Yun Tianming, einer von Cixin Liu erfundenen Figur, auf und versuchte so einige Lücken in seiner Biographie zu stopfen. Deshalb geht er davon aus, dass alle, wie er, vorher Lius Trisolaris-Romane gelesen haben und jetzt noch länger in dieser Welt bleiben wollen.

Der Fan-Fiction-Roman – das sagt auch Baoshu in seinem Vorwort über sein Werk – wurde schnell von vielen Trisolaris-Fans gelesen, gelobt und diskutiert. Er wurde von einem Verlag gedruckt, war für Preise nominiert und Cixin Liu akzeptierte ihn als Teil des Trisolaris-Universum.

Seitdem schrieb Baoshu vier Romane und über dreißig Kurzgeschichten. Für „Ruins of Time“ erhielt er den chinesischen Nebula Award. Damit war das 2010 in wenigen Wochen geschriebene Buch über Yun Tianming auch der Beginn einer Schriftstellerkarriere.

Als eigenständiges Werk überzeugt „Botschafter der Sterne“ nur halb. Baoshu geht, wie gesagt, davon aus, dass man die Trisolaris-Trilogie kennt. Entsprechend munter wird gespoilert und Teile der Handlung der Trisolaris-Romane diskutiert. Damit ist der Science-Fiction-Roman primär das Werk eines Fans für andere Fans.

Gleichzeitig erzählt Baoshu die Geschichte über lange Gespräche. Es sind Gespräche, in denen Yun Tianming von seinem Leben auf der Erde und bei den Trisolariern erzählt. Er spricht auch über seine Rolle bei dem Kampf zwischen den Menschen und Trisolariern, die mit einer überraschenden Enthüllung über seine Absichten und Motive enden. Es werden auch verschiedene Grundlagen der Trisolaris-Welt, zum Beispiel die vielen Dimensionen und wie sich die Zeit in einer Welt mit mehr als drei Dimensionen verändert, diskutiert. Das hat dann den Reiz eines Universitätsseminars.

Botschafter der Sterne“ ist für Fans der Trisolaris-Trilogie eine lohnenswerte Ergänzung zu den drei Romanen von Cixin Liu. Wer sie noch nicht kennt, sollte das schnell ändern. Und danach die Lektüre von Baoshus Werk ernsthaft in Erwägung ziehen.

Keine Fan-Fiction ist der Comic „Die wandernde Erde“. Liu schrieb die gleichnamige Kurzgeschichte über ein gewaltiges Experiment. Forscher sagen voraus, dass die Sonne in vierhundert Jahren explodieren und dabei die Erde zerstören wird. Es muss also ein Ort gefunden werden, an dem die Menschheit überleben kann und ein Weg, die Menschheit an diese Ort zu bringen. Dabei sind die Wissenschaftler und die Politiker sich schnell einig, dass knapp acht Milliarden Menschen (Stand: ungefähr heute) nicht in Raumschiffen durch das All befördert werden können. Das geht noch nicht einmal in utopischen US-amerikanischen Geschichten, in denen tapfere Astronauten das Weltall erobern und fremde Welten besiedeln.

Liu hat in seiner Kurzgeschichte eine andere Idee. Er verwandelt die Erde in ein Raumschiff. Also anstatt sich darüber Gedanken zu machen, welche paar tausend Menschen wie und warum gerettet werden, werden einfach alle Menschen gerettet, indem man die Erde aus ihrer Umlaufbahn sprengt und, einige Jahre bevor die Sonne explodiert, in Richtung Proxima Centauri schickt. Nach hundert Generationen soll die Reise enden.

In seiner Kurzgeschichte erzählt Cixin Liu diese Reise vom Start über die Schwierigkeiten der ersten Jahre mit glühender Hitze, unglaublicher Kälte, langer Dunkelheit und den Ängstern der Menschheit, dass die Wissenschaftler die gesamte Bevölkerung der Erde in den Tod geschickt haben.

Christophe Bec und Stefano Raffaele haben die in der deutschen Ausgabe sechzigseitige Geschichte kongenial in einen Comic umgewandelt. Ihr Werk gehört zur „Cixin Liu Graphic Novel Collection“, für die 26 Künstler aus China und Europa fünfzehn Kurzgeschichten des Science-Fiction-Autors adaptierten

Für Juli, Oktober und November sind im Splitter Verlag mit „Yuanyuans Blasen“, „Meer der Träume“ und „Der Dorflehrer“ schon die nächsten Werke der Kollektion angekündigt. Wenn ich mich nicht irre, sind die den Comics zugrunde liegenden Kurzgeschichten noch nicht ins Deutsche übersetzt. Die Betonung liegt auf „noch nicht“.

Baoshu: Botschafter der Sterne – Ein Trisolaris-Roman

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2021

400 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

三体X:观想之宙

Chongqing Press, Chongqing, 2011

Christophe Bec/Stefano Raffaele: Die wandernde Erde

(übersetzt von Maximilian Schlegel)

Splitter, 2021

128 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

Citic Press Corporation, Beijing, 2020

Das Kurzgeschichte „Die wandernde Erde“ ist in diesem Sammelband enthalten

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

Kurzgeschichten von Baoshu wurden in den Sammelbänden „Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz“ (2020) und „Zerbrochene Sterne – Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction“ (2020) veröffentlicht.

Hinweise

Homepage von Stefano Raffaele

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch) und Baoshu, Christophe Bec und Stefano Raffaele

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die wandernde Erde“ (Liulang diqiu, 2008)


Kate Fansler und „Der James Joyce-Mord“

Juni 21, 2021

Im Moment habe ich wirklich Pech mit meiner Krimiwahl. Zwei Krimis von deutschen Autoren, deren Klappentexte vielversprechend waren, brach ich enttäuscht ab. Das war zu sehr auf dem Niveau eines schlechten deutschen TV-Krimis. Das war zu desinteressiert am Plotting. Das wurde in einem Stil erzählt, der mir nicht gefiel.

Und nun „Der James Joyce-Mord“ von Amanda Cross. Zwischen 1964 und 2002 schrieb sie fünfzehn Rätselkrimis mit Amateurdetektivin Kate Fansler. Ihr erster Krimi „In the Last Analysis“ (Gefährliche Praxis; Die letzte Analyse) war für den Edgar als bestes Debüt nominiert. „Death in a Tenured Position“ (Die Tote von Harvard, 1981) erhielt den Nero Award. In ihren Büchern verfolgte sie auch immer eine feministische Agenda.

Nach den negativen Erfahrungen mit zwei neuen Krimis könnte doch die Lektüre eines alten Krimis von überschaubarer Länge ein Vergnügen sein.

War es nicht.

Die Literaturprofessorin und hundertfüfnzigprozentige Großstädterin Kate Fansler verbringt den Sommer auf dem Land. In Araby, einem Dorf in den Berkshires, soll sie den Nachlass des amerikanischen Verlegers von James Joyce sortieren. Sie interessiert sich vor allem für die Briefe von James Joyce. Ihr hilft ein Student. Und sie soll, zusammen mit einem extra dafür engagiertem Hauslehrer, auf ihren verhaltensauffälligen Neffen Leo aufpassen.

Als der Hauslehrer mit einem Gewehr, das nicht geladen sein sollte, herumspielt, löst sich ein Schuss. Der tötet die Nachbarin Mary Bradford, eine von allen gehasste Klatschtante.

Fansler und ihr Freund Reed Amhearst beginnen den Täter, also, die Person, die die Kugel in das Gewehr schob, zu suchen. Verdächtige gibt es genug.

Aber anstatt jetz im Stil eines Rätselkrimis die Amateurdetektivin ermitteln zu lassen, liefert Amanda Cross Dialog nach Dialog über Banalitäten, Feindseligkeiten im akademischen Lehrbetrieb und unter Fachkollegen, etwas Hintergrund zu James Joyce (bei dem Titel nicht überraschend) und, manchmal, wird auch besprochen, was vorher geschehen ist oder jemand erlebt hat. Nur eine Handlung, also in diesem Fall eine Suche nach Hinweisen auf den wahren Täter und eine Parade der Verdächtigen und ihrer Motive, ergibt sich daraus nicht. Das ist dann eher Warten auf Godot (Hach, eine literarische Anspielung!) mit einem überwältigendem Desinteresse an der Mördersuche.

Die Dialoge sind, auch wenn im Klappentext von Screwball-Comedy-Dialogen gesprochen wird, nicht witzig und nicht pointiert.

Entsprechend lieblos wird am Ende der Täter aus dem Hut gezaubert.

Da bleibe ich, wenn es ein Klassiker sein soll (Klassiker ist einfach ein Synonym für „vor Jahzehnten erschienenes Werk“; den Zusatz „wiederentdeckt“ gibt es bei einer Neuauflage; den Zusatz „zu Unrecht vergessen“ wenn es keine Neuauflage gibt, aber der Rezensent gerne eine hätte), bei Nero Wolfe.

Aber jetzt lese ich erst einmal Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Den Roman hat Dominik Graf kongenial mit „Oh Boy“ Tom Schilling als Fabian verfilmt.

Amanda Cross: Der James Joyce-Mord – Ein neuer Fall für Kate Fansler

(übersetzt von Monika Blaich und Klaus Kamberger)

Dörlemann, 2021

288 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The James Joyce Murder

Macmillan, New York, 1967

Der Roman erschien im Deutsche Taschenbuch Verlag als „In besten Kreisen“.

Hinweise

Krimi-Couch über Amanda Cross

Wikipedia über Amanda Cross (deutsch, englisch) und Kate Fansler (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. Juni: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

Juni 12, 2021

Sat.1, 20.15

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures, USA 2016)

Regie: Theodore Melfi

Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi

LV: Margot Lee Shetterly: Hidden Figures, 2016 (Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen)

Auf Tatsachen basierendes Drama über die Mathematikerinnen, die im Raketenprogramm der NASA arbeiteten und die Astronauten zuerst in die Erdumlaufbahn und später noch weiter weg schickten.

„Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.

Der Film war unter anderem für den Oscar als bester Film des Jahres nominiert. „Moonlight“ erhielt den Preis.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechun.

mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa

Wiederholung: Montag, 14. Juni, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage (Buchbesprechung bei der Filmbesprechung)

Margot Lee Shetterly: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

(übersetzt von Michael Windgassen und Sandra Ritters)

HarperCollins, 2017

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Hidden Figures

William Morrow, 2016

Hinweise

Moviepilot über „Hidden Figures“

Metacritic über „Hidden Figures“

Rotten Tomatoes über „Hidden Figures“

Wikipedia über „Hidden Figures“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Hidden Figures“

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, 2014)

Meine Besprechung von Theodore Melfis „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ (Hidden Figures, USA 2016)


Einmal Filmgeschichte bitte. Komplett und mit allem!

Juni 12, 2021

Der jüngst erschienene, lang erwartete und lang angekündigte dritte Teil der „Einführung in die Filmgeschichte“ ist jetzt doch nicht der Abschluss. Denn es ist schon ein vierter Teil angekündigt, der sich mit dem „Kino der Gegenwart“ (so der aktuelle Buchtitel) beschäftigt und die Jahre zwischen den späten neunziger Jahren und, nun, ich sage mal dem ersten Post-Pandemie-Jahr abdeckt.

Wie alles begann wird in dem numerisch erstem Band (es handelt sich um den chronologisch zuletzt erschienenen Band) „Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ geschildert.

Neben erwartbaren Texten zum Weimarer Kino, zum Nazi-Kino, zu Hollywood, u. a. über David Ward Griffith, Alan Croslands „The Jazz Singer“ (dem ersten Tonfilm) und zum frühen Film Noir, gibt es auch Texte zum französischen, russischen, skandinavischen und japanischem Stummfilm.

In „Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968“ geht es um die Phase des Kinos, die für viele heute noch tätige und einflussreiche Regisseure und Filmkritiker stilprägend war.

Es ist die die Zeit des Film Noir (seine stilprägende Hochphase), des Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague, des Jungen Deutschen Films (der sich von Opas Kino und Alpträumen wie „Schwarzwaldmädel“ emanzipieren wollte) und des filmischen Aufbruchs im Ostblock. Es ist auch die Zeit, in der James Bond seine ersten Kinoabenteuer erlebte – und die hier ebenfalls behandelt werden. Verbunden mit der Frage, warum ein ‚Relikt des Kalten Krieges‘ heute immer noch so beliebt ist.

Im dritten Band „New Hollywood bis Dogma 95“ geht es dann um das Kino nach „1968“. Auch hier gibt es die Mischung aus erwartbaren und überraschenderen Themen. Selbstverständlich wird sich mit New Hollywood, dem Neuen Deutschen Film, dem New British Cinema, dem jungen französischem Kino, dem US-Independent-Kino und, wie schon der Titel verrät, Dogma 95 beschäftigt. Es geht auch, ebenso selbstverständlich, um das politische, das feministische und das schwullesbische Kino. Das waren damals sehr wichtige Diskurse. Überraschender sind dagegen die Texte zu Bollywood, dem schwarzafrikanischem und dem lateinamerikanischem Kino. Dieses Kino ist, nach einer Hochphase, inzwischen fast vollkommen aus der öffentlichen Wahrnahme verschwunden. Gerade das macht diese Texte so lohnenswert,

Alle drei Bücher sind gleich aufgebaut. Sie basieren auf der Vorlesungsreihe „Einführung in die Filmgeschichte“, die seit Mitte der Neunziger im Studiengang Filmwissenschaft an der Universität Zürich den Studierenden als Teil des Grundstudiums angeboten wird. Die Bücher richten sich dementsprechend an Studierende, die eine Einführung in die Filmgeschichte benötigen, an filmhistorisch Interessierte, die einen knappen Überblick brauchen und Cineasten, die eine Mischung aus Auffrischung bekannten Wissens und Hinweisen auf gute Filme, die sie noch nicht gesehen haben, brauchen.

Vom Aufbau her ist die Sammlung von Aufsätzen mit einem Lexikon vergleichbar. Das liest auch niemand in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durch, sondern es wird herumgeblättert, gelesen, geblättert und wieder gelesen.

Wer nicht nur Lesen möchte, kann die Komplettausgabe des Lexikons kaufen (oder sich schenken lassen). Sie enthält neben den drei Büchern die sieben DVDs umfassende DVD-Box „Filmgeschichte weltweit“. Sie enthält die sechzehn Filme, die die BBC zum hundertsten Geburtstag des Kinos bei bekannten Regisseuren, wie Martin Scorsese, Jean-Luc Godard und Edgar Reitz, in Auftrag gab. Das sind dann zusätzlich zu den Büchern zwanzig Stunden Filmgeschichte.

Thomas Christen (Hrsg.): Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Der internationale Film von 1895 bis 1945 (Einführung in die Filmgeschichte 1)

Schüren, 2020

432 Seiten

38 Euro

Thomas Christen (Hrsg): Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968 (Einführung in die Filmgeschichte 2)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Thomas Christen, Robert Blanchet (Hrsg.): New Hollywood bis Dogma 95 (Einführung in die Filmgeschichte 3)

(2. Auflage mit aktualisierten Bibliografien und Filmografien)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Hinweise

Schüren über die „Einführung in die Filmgeschichte“

absolut medien über die „Filmgeschichte weltweit“


„Neues Glück“ für die Fans von Black Widow

Juni 7, 2021

Zuerst: Es gibt einen Starttermin für den „Black Widow“-Film mit Scarlett Johansson. Es ist der 8. Juli – und angesichts der aktuellen Entwicklung dürfte es dann ein ziemlich spektakuläres Abenteuer im Kino geben.

Bis dahin

können die Fans von Natasha Romanoff den Comic „Neues Glück“ lesen, der, soweit wir das in Unkenntnis der bei dem Marvel-Filmen gewohnt geheimnisumwitterten Filmgeschichte sagen können, nichts mit dem Film zu tun hat.

In der von Autorin Kelly Thompson und Zeichnerin Elena Casagrande erzählten Geschichte hat Natasha Romanoff in San Francisco ein neues Leben begonnen. Sie ist glücklich verheiratet, hat einen kleinen Sohn, einen bürgerlichen Beruf, einen neuen Namen und sie ist glücklich. Von ihren Freunden hat sie sich nicht verabschiedet. Sie ist einfach verschwunden.

Als ihre Freunde Hawkeye Clint Barton und Winter Soldier Bucky Barnes sie zufällig im Fernsehen sehen, wollen sie herausfinden, warum sie seit drei Monaten nichts mehr von ihr gehört haben. Sie entdecken, dass Natasha keinen ‚Nikita‘ gemacht hat. Sie erinnert sich nicht mehr an ihre Vergangenheit. Sie erkennt ihre alten Freunde nicht mehr.

Zusammen mit Yelena Belova wollen Clint und Bucky herausfinden, warum und von wem Natashas Gedächtnis gelöscht wurde.

Die in sich abgeschlossene Geschichte „Neues Glück“ ist ein spannender Thriller mit einer ordentlichen Verschwörung und viel Action. Vor allem wenn am Ende Natasha und ihre Freunde gegen die Bösewichter, die zuerst Natashas Gedächtnis manipulierten und sie jetzt umbringen wollen, kämpfen. Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, welches Leben Natasha leben möchte: ein braves, unauffälliges bürgerliches Leben mit liebendem Ehemann und Kind oder ein ungebundenes, abenteuerliches Leben, das jederzeit für sie und ihre wenigen Freunde mit dem Tod enden kann. Kelly Thompson und Elena Casagrande behandeln diese Frage immer anhand der Entscheidungen, die Natasha trifft. So geht sie eines Abends, als sie Hilfeschreie aus einer dunklen Gasse hört, in diese Gasse, sieht eine Gruppe Halbstarker, die eine Frau vergewaltigen wollen und kämpft, ohne Nachzudenken, gegen sie.

Kelly Thompson schrieb Geschichten für Captain Marvel, Deadpool, Jessica Jones, Nancy Drew und Star Wars. Elena Casagrande zeichnete Geschichten für Doctor Who, Catwoman und Angel.

In den USA erschienen bereits weitere von ihnen erzählte Abenteuer von Natasha Romanoff. In Deutschland ist der zweite von ihnen geschriebene „Black Widow“-Band für Dezember angekündigt.

Kelly Thompson/Elena Casagrande: Black Widow: Neues Glück

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini Comics, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Black Widow (2020): The Ties that bind # 1 – 5

Marvel, November 2020 – April 2021

Zur weiteren Vorbereitung gibt es die umfangreiche Black-Widow-Anthologie, die einen Überblick über ihre wichtigsten Comicabenteuer gibt

Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie

Panini, 2020

324 Seiten

29 Euro

Hinweise

Marvel über Black Widow

Wikipedia über Black Widow 

Meine Besprechung von Greg Rucka/J. G. Jones‘ „Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern“ (Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider; Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown; Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider)

Meine Besprechung von „Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie“ (2020)


George Orwells Klassiker „1984“ und „Farm der Tiere“ neu übersetzt – und als Graphic Novel

Juni 1, 2021

Das nennt man wohl Nachruhm: auch wer „Farm der Tiere“ und „1984“ nicht gelesen hat, dürfte beide Geschichten und ihre Aussage halbwegs kennen. In „Farm der Tiere“ übernehmen die Tiere eine Farm. Die Utopie, dass alle Tiere gleich sind verändert sich immer mehr zu einer Gesellschaft, in der einige Tiere gleicher sind und die Schweine über den Hof und die anderen Tiere herrschen. In „1984“ beschreibt George Orwell eine Negativutopie, in der der Große Bruder über alles wacht, Neusprech unsere Sprache abgelöst hat, die Wahrheit endlos manipuliert wird und es keine Beziehungen mehr gibt. Da verliebt sich Winston Smith, Mitarbeitr im Miniterium der Wahrheit und für die Berichtigung der Vergangenheit zuständig, in seine Arbeitskollegin Julia. Gemeinsam beginnen sie gegen das ihr Leben und ihre Gedanken kontrollierende Terrorregime zu rebellieren. Es ist eine von Anfang an aussichtslose, rein private Revolte.

In beiden Büchern spricht George Orwell sich gegen den Totalirismus aus. Damals war unüberlesbar, dass er mit dem Stalinismus abrechnete. Heute, auch weil beide Bücher als „Märchen“ und „Dystopie“, nicht ein bestimmtes totalitäres System, sondern das Funktionieren totalitärer Systeme beschreiben, drängen sich andere Vergleiche auf. So dachte ich bei der wiederholten Lektüre von „Farm der Tiere“ immer wieder an die DDR. Obwohl, als Orwell den Roman während des Zweiten Weltkriegs schrieb, es die DDR noch nicht gab und er nicht wissen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Er wusste allerdings aus eigener Erfahrung, wie sehr sich kommunistische Bewegungen von ihren Idealen entfernen. Einige Worte und Slogans aus „1984“, wie „Big Brother is watching you“, sind Teil unserer Alltagssprache. Es gibt auch einen Big-Brother-Preis, der jährlich die größten Datenkraken auszeichnet.

Eine andere Form von Nachruhm, die auch zeigt, wie relevant diese beiden Romanen von George Orwell für die Gegenwart sind, sind die zahlreichen Neuauflagen, Übersetzungen und Interpretationen; – wobei eine Übersetzung selbstverständlich auch eine Interpretation ist. Diese sollte allerdings möglichst nahe beim Originaltext bleiben und ihn in möglichst allen Facetten und Bedeutungsebenen in eine andere Sprache übertragen. Jüngst erschienen bei Manesse und Anaconda neue Übersetzungen (es ist möglich, dass fast zeitgleich noch weitere Neuüberetzungen erschienen sind) und bei Panini und Splitter Comicversionen von „Farm der Tiere“ und „1984“.

Beginnen wir mit den Comics und kommen dann zu den Übersetzungen von Ulrich Blumenbach, Heike Holtsch (beide „Farm der Tiere“), Gisbert Haefs und Jan Strümpel (beide „1984“).

Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane haben „1984“ äußerst überzeugend in das Comicformat übertragen.

Es ist eine eigenständige Interpretation, die vom Respekt vor der Vorlage getragen ist, aber nie wie eine mit Zeichnungen aufgepeppte Zusammenfassung des in den aktuellen deutschsprachigen Ausgaben ungefähr vierhundertseitigen Romans wirkt. Sie visualisieren die Welt von „1984“, ein London, das immer noch wie das im Zweiten Weltkrieg zerbombte London mit einigen modernistischen Betongebäuden aussieht, in einem atemberaubenden Mix unterschiedlicher Zeichenstilen, ständig variierenden Panelgrößen und -anordnungen und einer unübersehbaren Tendenz zu wenigen, auf einzelnen Seiten und Doppelseiten fast schon durchgehend monochromen Farbgebung. Die Textanordnung ist ähnlich variabel. Dazwischen gibt es immer wieder Plakate, die die Regierungspoltik verkünden. Das ist, in jeder Beziehung, gleichzeitig äußerst modern und retro. Ein Meisterwerk.

Odyrs Interpretation der „Farm der Tiere“ liest sich eher wie die Reader’s-Digest-Version der kurzen Geschichte. Die Bilder, schöne meist naturalistische, seltener mild satirisch überspitzte Aquarelle, wirken wie Buchillustrationen. Die Texte wie eine gekürzte Version des Romantextes. Durch die Kürzungen entfallen dann einige Schattierungen des Romans und einige Entwicklungen erfolgen überraschend schnell. Das ist nicht wirklich schlecht, auch weil der Respekt gegenüber und die Bewunderung für die Vorlage auf jeder Seite spürbar ist, aber im Gegensatz zur überragenden „1984“-Interpretation von Sybille Titeux de la Croic und Amazing Ameziane enttäuschend.

Bei den Neuübersetzungen stellt sich natürlich die Frage, welche Ausgabe empfehlenswerter ist.

Schon auf den ersten Blick sind einige Unterschiede offensichtlich. Die Manesse—Ausgaben sind teurer, haben die bekannteren Übersetzer (Ulrich Blumenbach und Gisbert Haefs) und teils umfangreiches Bonusmaterial. Bei „1984“ handelt es sich um ein ausführliches Nachwort von Mirko Bonné und eine editorische Notiz, die auch einiges zur Übersetzung verrät. Bei „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls eine editorische Notiz und ein Nachwort. Dieses Mal geschrieben von Eva Menasse. Außerdem gibt es das von George Orwell 1947 geschriebene Vorwort zur ukrainischen Ausgabe von „Farm der Tiere“ und sein Essay „Die Pressefreiheit“ (The Freedom of the Press“), das ursprünglich als Vorwort des Märchens erscheinen sollte. Als das Buch wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, hatte der Inhalt des Essays erledigt. Es verschwand im Archiv. Erst 1972 wurde der Text im „Times Literary Supplement“ erstmals veröffentlicht. In beiden Texten schreibt Orwell über die Hintergründe der Geschichte und die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte.

Die Anaconda-Ausgabe beschränkt sich dagegen in beiden Fällen auf den Text. D. h. wer nur die Romane von Orwell lesen und keine weiteren Informationen haben will, sollte die billigeren Anaconda-Ausgaben kaufen.

Die Übersetzungen unterscheiden sich in Details. Trotzdem gefallen mir die Manesse-Übersetzungen im direkten Vergleich und im Vergleich mit dem Original etwas besser. Vor allem die Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist sehr gelungen. Er bleibt nah am Originaltext und überträgt ihn und Orwells Intentionen äußerst elegant ins Deutsche. Das zeigt sich beispielsweise an den Namen der drei, den Hof führenden Schweine Napoleon, Snowball und Squealer. Er hat sie eingedeutscht in Napoleon, Schneeball und Petzwutz, dessen Name „Squealer“ schon im Original eine Kritik am Denunziantentum ist.

Heike Holtsch entfernt sich dagegen in ihrer Übersetzung etwas mehr vom Originaltext. Die Namen der Tiere übersetzt sie nicht, was gerade bei Petzwutz (der in früheren Übersetzungen Quiekschnauz und Schwatzwutz hieß) schade ist.

Bei „1984“ ist es ähnlich und oft nur eine Frage, welche Interpretation man bevorzugt. Also ob man lieber „Freiheit ist Knechtschaft“ (Haefs) oder „Freiheit ist Sklaverei“ (Strümpel) oder ob man lieber „Der Große Bruder beobachtet Dich“ (Haefs) oder, doch etwas verharmlosend im Neusprech, „Der Große Bruder wacht über Dich“ (Strümpel) liest. Persönlich würde ich im direkten Vergleich die Übersetzung von Haefs bevorzugen, weil er etwas näher an der Nachkriegssprache und dem damaligen Denken ist. Aber in einigen Stunden könnte ich mich für die Strümpel-Übersetzung entscheiden.

Aber letztendlich sind alle Übersetzungen gelungen. Trotzdem würde ich bei der „Farm der Tiere“, allein schon wegen des Bonusmaterials, die Manesse-Ausgabe empfehlen.

Die verschiedene Akzente setzenden Covers sind ebenfalls alle äußerst gelungen.

Odyr: Farm der Tiere – Die Graphic Novel

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini Comics, 2021

176 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

A revolucao dos bichos

2018

Sybille Titeux de la Croix/Amazing Ameziane: 1984

(übersetzt von Harald Sachse)

Splitter, 2021

232 Seiten

29,80 Euro

Originalausgabe

1984

Editions du Rocher, 2021

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

Manesse, 2021

192 Seiten

18 Euro

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Heike Holtsch)

Anaconda, 2021

144 Seiten

4,95 Euro

Originalausgabe

Animal Farm. A Fairy Story

Martin Secker & Warburg Ltd., 1945

George Orwell: 1984

(übersetzt von Gisbert Haefs)

Manesse, 2021

448 Seiten

22 Euro

George Orwell: 1984

(übersetzt von Jan Strümpel)

Anaconda, 2021

400 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Nineteen Eighty-Four

Martin Secker & Warburg Ltd., 1949

Hinweise

Homepage von Amazing Ameziane

Wikipedia über George Orwell (deutsch, englisch), „Farm der Tiere“ (deutsch, englisch) und „1984“ (deutsch, englisch)

Die Zukunft redet mit den Übersetzern


Ausgezeichnete Bücher: der Wolfe- und Hammett-Gewinner „Der gekaufte Tod“ von Stephen Mack Jones

Mai 26, 2021

Ausgezeichnet mit dem Wolfe- und dem Hammett-Award. Für den Shamus-Award war „Der gekaufte Tod“ als bestes Krimidebüt nominiert. Diese Preise verraten Krimifans, dass Stephen Mack Jones einen Privatdetektivkrimi geschrieben hat und angesichts der vorherigen mit dem Shamus-, Hammett- und Wolfe-Award ausgezeichneten Krimis dürfte es sich um ein gutes Buch handeln.

Die Story selbst erinnert auf den ersten Blick an unzählige andere Privatdetektivkrimis: Ich-Erzähler August Snow wird von der vermögenden Privatbankbesitzerin Eleanore Paget gebeten, herauszufinden, wer ihr Leben und ihre Bank bedroht. Kurz darauf ist sie tot. Snow, von Schuldgefühlen geplagt, weil er ihre Ängste für unbegründet hielt, beginnt herumzuschnüffeln. Und er entdeckt, was der gestandene Krimifan erwartet: etliche Familiengeheimnisse, einige davon tödlich, illegale Geschäfte, Verbindungen zum Organisierten Verbrechen und ein FBI, das sich für Paget und ihre Bank interessiert.

Aber wie Stephen Mack Jones diese Geschichte erzählt und wie er dabei die Regeln des Genres achtet, die Klassiker zitiert und in die Gegenwart überträgt, ist dann überaus gelungen. Natürlich ist August Snow als Privatdetektiv (auch wenn er in „Der gekaufte Tod“ ohne Lizenz als Amateurdetektiv ermittelt) ein Kind von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer, etwas Mike Hammer und Spenser. Er ist Anfang Dreißig, Kriegsveteran, Ex-Polizist (weil seine Entlassung problematisch war, wurde ihm der Abschied mit 12 Millionen Dollar versüßt), Single, hat einige hilfreiche Freunde (teils bei der Polizei, teils nicht) und, jetzt kommen wir zum modernen Teil, er ist tief in seiner Community verwurzelt. Bei Snow ist es Mexicantown, der Teil von Detroit, in dem Mexikaner und Afroamerikaner leben. Sein Vater, ein Polizist, war Afroamerikaner,. Seine Mutter, eine Malerin, war Mexikanerin. Nach seiner Entlassung und einer einjährigen Weltreise lebt Snow jetzt wieder in seinem Elternhaus. Mit seinem Entlassunggeld hat er in der Straße schon einige Häuser gekauft und renoviert. Er ist ein Teil dieser Gemeinschaft und er passt auf sie auf.

Snows Erfinder, Stephen Mack Jones, hat seinen Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Ross MacDonald, Mickey Spillane und Robert B. Parker gelesen; um nur einige zu nennen, um nur die zu nennen, die allgemeim bekannt sein dürften und um ein elend langes nur den Rezensenten befriedigendes Name-Dropping zu vermeiden. Jones hat auch George Pelecanos gelesen. Genau wie Pelecanos taucht er tief in die Stadt, in der die Geschichte spielt, ein. Oft hatte ich den Eindruck, eine Mischung aus Reiseführer in die schmuddeligen Ecken Detroits und Sozialreportage zu lesen. Wie Pelecanos thematisiert Jones die sozioökonomischen Verwerfungen in den USA, die Armut, den Rassismus, die alltägliche Gewalt (schon vor dem Tod von Paget verlässt Snow seine Wohnung normalerweise mit einer Pistole in der Hand) und den Alltag der Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen.

Im Gegensatz zu Pelecanos entwirft Jones allerdings viel stärker die Utopie einer Gesellschaft, in der Menschen sich helfen und über Klassen-, Rassen- und Gendergrenzen hinwegblicken. In den Momenten wird Snow zu einem helfendem Engel, der eine Gemeinschaft aufbaut, die niemanden ausgrenzt. Das ist einerseits ein uralter US-Mythos, andererseits – der Roman wurde im Original 2017 veröffentlicht – ein Gegenentwurft zum Trump-Amerika.

Der gekaufte Tod“ ist ein Privatdetektivkrimi, der seine Vorbilder kennt, die Tradition behutsam weiterentwickelt und dabei dem Alltag und den Beziehungen des Helden viel Raum gibt. Das geht dann, zugegeben, etwas auf Kosten des Krimiplots. Für etwas Nachbarschaftsarbeit lässt Snow den Mordfall Paget immer wieder links liegen.

In den USA erschien Anfang Mai der dritte Kriminalroman mit August Snow. Für Nachschub ist also gesorgt.

Stephen Mack Jones: Der gekaufte Tod – Ein Detroit-Krimi

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Tropen/J. G. Cotta’sche Buchhandlung 2021

368 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

August Snow

Soho Press, New York 2017

Hinweise

Homepage von Stephen Mack Jones

Thrilling Detective über August Snow


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