Keanu Reeves ist „BRZRKR“

Mai 18, 2022

Er lebt seit achtzigtausend Jahren auf der Erde. Sein Name ist „B“ und er will endlich sterben können. Bisher überlebte er jeden Kampf. Egal wie tödlich verletzt er nach einem Kampf ist, kurz darauf kann er sich in den nächsten tödlichen Kampf stürzen.

Jetzt hat er mit der US-Regierung ein Arrangement getroffen. Er erledigt für sie Aufträge, die kein normaler Mensch überlebt. Sie erforscht seine Vergangenheit und erfüllt seinen größten Wunsch: Sterblichkeit. Wenn die Forscher seine DNA und das Geheimnis seiner Unsterblichkeit enthüllen können.

Wir lernen B bei einem seiner Aufträge kennen. In einer namenlosen Operetterepublik schlachtet er die den Präsidentepalast bewachenden Soldaten und alle, die ihm begegnen, ab. Den flüchtigen Präsident erledigt er kurz darauf auf dem Flughafen. Es ist eine weiteres Selbstmordkommando, bei dem es nur darauf ankommt, die geischtslosen Gegner zu töten.

Durch eine Regierungsärztin erinnert er sich an seine Vergangenheit, seine Geburt und auch, warum er geboren wurde. Sein Vater flehte Gott an, ihnen einen unbesiegbaren Beschützer zu schicken. Der Wunsch wurde ihm erfüllt. B kam auf die Welt. Schon kurz nach seiner Geburt wurde er von der einen Schlacht in die nächste geschickt. Denn sein Vater wollte nicht mehr nur seinen Stamm vor Feinden beschützen.

B ist der Protagonist in dem Keanu Reeves erfundenem Comic „BRZRKR“ (Wo sind nur all die ‚E’s hin?). Geschrieben wurde er von ihm und Matt Kindt, gezeichnet von Ron Garney und koloriert von Bill Grabtree.

In den USA ist die auf zwölf Hefte ausgelegte Miniserie für Boom! Studios ein überwältigender Verkaufserfolg. Vom ersten Heft wurden 650.000 Exemplare verkauft. Damit ist es der meistverkaufte Originaltitel dieses Jahrhunderts. Wobei, wie wir von anderen Bestsellerlisten und Kinocharts wissen, sagt ein Verkaufserfolg nichts über die Qualität des Werkes aus.

Und so ist es auch in diesem Fall. Denn der Comic ist eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht weil er schlecht ist, sondern weil er so überwältigend gewöhnlich ist. Seitenlange ultrabrutale Kampfszenen in der Gegenwart und der Steinzeit wechseln sich mit kurzen Erklärteilen ab. Dabei wirkt B wie der Abklatsch zahlloser anderer unsterblicher Superhelden. Vor allem Wolverine scheint das Vorbild gewesen zu sein.

In diesem Umfeld ist die beste Idee des Comics, B wie einen muskelbepackten Zwillingsbruder von ‚John Wick‘ Keanu Reeves aussehen zu lassen.

Bei uns ist jetzt, mit einer exzessiven Covergalerie, der erste Sammelband erschienen. Er enthält die ersten vier „BRZRKR“-Hefte. Der zweite Sammelband erscheint demnächst.

Netflix hat sich schon im März 2021 die Verfilmungsrechte gesichert und arbeitet an einem Spielfilm und einer Animeserie. Beide Male soll Keanu Reeves die Hauptrolle übernehmen.

Keanu Reeves/Matt Kindt/Ron Garney/Bill Crabtree: BRZRKR – Band Eins

(übersetzt von Stephanie Pannen)

Cross Cult, 2022

144 Seiten

16 Euro (Taschenbuch)

25 Euro (gebunden Ausgabe)

99 Euro (limitierte Edition)

Originalausgabe

BZRKR Volume One

Boom! Studios, 2021

Hinweise

Boom! Studios über „BRZKR“

Cross Cult über „BZRKR“

Wikipedia über „BZRKR“


Wieder da, der Gratis-Comic-Tag

Mai 13, 2022

Am Samstag ist es wieder so weit: der Gratis-Comic-Tag lässt enthemmte Comic-Fans auf der Suche nach Lesestoff die Buchgeschäfte und Bibliotheken stürmen.

Letztes Jahr fiel der Gratis-Comic-Tag aus. Das Jahr davor war er wegen der Pandemie in den Spätsommer verschoben worden. Dieses Jahr findet er am 14. Mai 2022 im gewohnten Rahmen statt. In über siebenhundert Buchhandlungen und Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden 35 Comics verteilt, die extra für diesen Tag produziert wurden. Insgesamt wurden über 750.000 Comics gedruckt. Und wie in den vergangenen Jahren geben die Hefte einen guten Überblick über die aktuelle Comicszene.

Die Hefte bieten einen Einblick in das Programm von neunzehn Verlagen. Carlsen, Cross Cult, Egmont, Panini Comics, Reprodukt, Schreiber & Leser und der Splitter Verlag sind seit dem ersten Gratis-Comic-Tag 2010 dabei. Die anderen Verlage stießen später dazu. Neben den bereits genannten Verlagen sind dieses Jahr, oft zum wiederholten Mal, der All Verlag, Altaverse, Bröseline (Home of „Werner“), Chinabooks, Community Editions, Dantes, dani books, KAZE, Kult Comics, Rotopol, Tokyopop und Weissblech Comics dabei.

Die Verlage arbeiten zusammen, weil sie ein Ziel haben. Nein, nicht kostenlose Bilderbücher zu verteilen (ja, die Aktion ist auch ein anfixen. Und der Dealer besorgt den Rest.), sondern zu zeigen, dass Comics inzwischen eine lange Geschichte haben (Micky Maus‘ erster Comicauftritt war 1930, Lucky Lukes erster war 1946, Asterix‘ erster war 1959 – und dann gibt es noch die ganzen Superheldencomics). Comics sind inzwischen nicht nur die Kindergeschichten, die wir alle aus unserer Kindheit kennen, und DC/Marvel-Superheldengeschichten, sondern viel mehr. Heute sind Comics auch Geschichten für Erwachsene. Es gibt viele neue Autoren und Zeichner. Und es gibt die immer beliebter werdenden Mangas.

Es gibt also viel zu entdecken.

Goofy“ und „Fantasy Entenhausen“ sind beides sind Geschichten mit Disney-Figuren, die wir seit unserer Kindheit kennen und die immer noch sehr unterhaltsam sind. Auch wenn Goofy heute keinen Tag älter als bei seinem ersten Auftritt ist. Der war 1932 in dem Kurzfilm „Mickey’s Revue“.

Ein weiterer, hierzulande deutlich unbekannterer Klassiker ist „Spaghetti“. Im Rahmen der Gesamtausgabe im All Verlag gibt es die witzige „Spaghetti“-Geschichte „Spaghetti und der rote Smaragd“. In dieser von Dino Attanasio und René Goscinny, dem Vater von Asterix, in den Fünfzigern geschriebenen Geschichte hat unser herzensguter und etwas tollpatschige Held einen Smaragden, der den Menschen, denen er begegnet, Unglück bringen sollen.

Köstlich sind die schwarzhumorigen kurzen Geschichten von „Die schreckliche Adele“. Sie mag niemanden und liest, als Karriereratgeber, das „Lexikon der größten Verbrecher“. Ein herziges Mädchen.

Ein zünftiges Science-Fiction-Abenteuer, eine waschechte Space-Opera, erzählt „Colony: Die Schffbrüchigen des Alls“. Für einige Kadetten wird aus einer Übung ihre erste Mission.

Für Fans von Privatdetektiv-Krimis ist André Taymans „Caroline Baldwin“. Der Fall „Der Tote im Pool“ ist zwar spannend und auch vollständig abgedruckt. Aber es ist auch nur der erste Teil des Falles und Caroline Baldwin ist noch weit davon entfernt, den Täter zu überführen.

Das gelingt Enid Blytons Fünf Freunden in „Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel“. Es handelt sich um die gelungene Comicversion ihres Buches von 1942.

Drew Weings Geschichte aus „Die geheimnisvollen Akten von Marco Maloo“ erzählt eines der ersten gemeinsamen Abenteuer von Charles, der neu in Echo City ist, und der Monstervermittlerin Margo Maloo. Denn es gibt Wichte, Echsenleute und Oger, große gutmütige, etwas dumme Monster. Ein Kindercomic, der auch Erwachsenen gefallen kann.

Bei „Zöliakie“ von Michael Mikolajczak und Jurek Malottke ist es umgekehrt. In der erstem Geschichte wird erklärt, was Zöliakie ist. In der zweiten Geschichte, „Vater-Sohn-Tag“, geht es um die Beziehung zwischen einem Sohn und seinem Vater im Wandel der Zeit.

Über „Werner“ muss nichts mehr gesagt werden. Außer dass das Heft einen Einblick in die ersten (?) beiden Extrawurst-Bücher gibt, die einen umfassenden Einblick in die Welt von Werner geben. Im Comic und in der realen Welt.

Danger Girl: Viva Las Danger“ erzählt ein mit Action und Mystik voll gestopftes Abenteuer. Die schlagkräftige und gutaussehende Agententruppe muss in Las Vegas verhindern, dass ein historisches Artefakt in die falschen Hände gerät.

In „Nika, Lotte, Mangold!“ lässt Thomas Wellmann die titelgebenden Figuren kindlich-unbekümmert Abenteuer erleben.

Nicht immer, auch weil die Geschichte teilweise mehrere Bücher umfasst, wird in dem Gratis-Comic die ganze Geschichte erzählt.

Sehr vielversprechend ist der Beginn „Wonderwall“, einem 1983 in San Francisco spielendem Krimi. Bei der Jagd nach einem Scharfschützen stellt Ermittler Spadaccini schnell eine Verbindung zum Mord an John F. Kennedy her.

Ein weiterer Appetitanreger sind die ersten Seiten von Frank Schmolkes grandioser Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“.

Enola Holmes“ basiert auf dem Roman von Nancy Springer und weil die vierzehnjährige Enola Holmes mit Sherlock Holmes verwandt ist, beginnt sie auf eigene Faust ihre verschwundene Mutter zu suchen. Der Gratis-Comic enthält nur die ersten Seiten von „Der Fall des verschwundenen Lords“

Von Marvel gibt es, pünktlich zum Start des zweiten „Doctor Strange“-Spielfilms, ein „Doctor Strange“-Heft mit zwei kompletten Storys und einer Leseprobe.

Bei DC Infinite Frontier gibt es zwei Leseproben und eine komplette Batman-Story. Die Batman-Story „Entbehrlich“ überzeugt. Die Leseproben sind zu sehr zusammenhangloses Stückwerk.

Superheldisch, aber nicht von DC oder Marvel, ist der francobelgische Comic „Superpage“, In dem Heft sind zwei „Spirou und Fantasia“-Geschichten (u. a. ein Besuch bei Batguy, der sehr an Batman erinnert) und die ersten Seiten des Spin-offs „Superpage: Rächer wieder Willen“.

Es gibt mehrere Fantasy-Geschichten, wie „Donjon Antipoden“, „Head Lopper“ (die ersten Seiten einer Wikingergeschichte), „Bermuda“ (den Prolog eines von „Chew“ John Layman erfundenen Abenteuers, in dem es im Bermuda Dreieck eine auf keiner Karte verzeichnete Insel gibt, auf der Dinosaurier leben), „Luba Wolfschwanz“ (zwei komplette, nicht jugendfreie Geschichten aus dem Weissblech Verlag) und, für Kinder, „Die Abenteuer von Nilson Groundthumper und Hermy“, die fast wie Goofy in und durch ihre Abenteuer stolpern.

Bei den Mangas gibt es selbstverständlich immer nur die ersten Seiten. Gelungen und damit vielversprechend sind „Blue Lock“ (über die Auswahl der japanischen Fussballnationalmannschaft, die ausschließlich aus jungen Talenten bestehen und sie zur Meisterschaft führen soll) und „Das dunkelgraue Chamäleon“ (in dem, ebenfalls in Japan, ein androgyner Antiheld Bösewichter massakriert.). „Komi can’t communicate“ (über eine Schülerin, die vor Menschen nicht sprechen kann) und „Fangirl“ (über eine junge Studentin, die Fanfiction schreibt) und „Solo Leveling“ (über einen erfolglosen Jäger, dem sich jetzt die Chance bietet, sein Level zu steigern) beginnen ebenfalls vielversprechend.

Weitere Informationen zu den Comics, den Verteilorten und den Aktionen gibt es hier.


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zu einem marxistischen Besuch bei einem „Blutsauger“

Mai 12, 2022

Marx, Eisenstein, Vampire, die zwanziger Jahre, betont bühnenhaft agierende Schauspieler sind einige der Schlagworte mit denen Julian Radlmaiers neuer Film beschrieben werden kann. Mit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (ausgezeichnet vom Verband der deutschen Filmkritik als Bestes Spielfilmdebüt) und seinen davor entstandenen kürzeren Filmen „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Ein proletarisches Wintermärchen“ wurde er bei der Kritik und dem eingefleischtem Arthaus- und Festival-Publikum bekannt. Und für sie ist „Blutsauger“ dann auch.

Im Mittelpunkt von „Blutsauger“ steht der Fabrikarbeiter Anton Inokentewitsch Petuschkin, der von allen Ljowuschka genannt wird. Er spielte in Sergei Eisensteins „Oktober“ den Revolutionshelden Leo Trotzki. Weil Trotzki vor der Premiere des Films in Ungnade gefallen war, wurde er aus dem Film entfernt. Und so verschwand Ljowuschkas in der großartigen Sowjetunion geplante Filmkarriere im Mülleimer des Schnittraums. Jetzt will Ljowuschka sein Glück im kapitalistischen Hollywood versuchen.

Auf dem Weg in die USA strandet er im August 1928 in einem noblen Ostseebad. In dem Kurort Bad Dämmerow trifft er die standesbewusste, hochnäsig-schnippische junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen und ihren servilen Diener Jakob. Sie ist von Ljowuschka, der sich als verfolgter, aus der Sowjetunion kommender Aristokrat ausgibt, fasziniert und lädt ihn zu sich ein. Schnell durchschaut sie seine Charade. Trotzdem darf er weiter bei ihr wohnen.

Sie verbringen einige Tage zusammen. Er erzählt ihr von seiner gescheiterten Filmkarriere. Das führt dazu, dass sie im strahlenden Sonnenschein gemeinsam einen Vampirfilm improvisieren. Bei all dem fröhlichen Treiben ahnt Ljowuschka nicht, dass Flambow-Jansen eine Vampirin ist.

Dieses historische Setting wird immer wieder bewusst durchbrochen. Cola-Dosen, Containerschiffe und Motorräder sind im Bild. Diese Anachronismen schlagen natürlich auch eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart – und sie zeigen, wie künstlich filmische Nachstellungen der Vergangenheit sind. Gleichzeitig taucht mehrmals ein Marx-Lesezirkel auf, der sich Texte von Karl Marx vorliest und versucht, darüber zu diskutieren. Das wirkt, auch wenn sie in den Dünen sitzen, wie ein studentisches Seminar aus den siebziger Jahren.

So ist alles fein säuberlich arrangiert für einen intellektuellen Spaß, der sich dann nicht einstellen will. Die Texte von Marx sind nicht zum Vorlesen gedacht. Die langsam vorgetragenen Dialoge werden wie in einem Theaterstück deklamiert. Entsprechend künstlich klingen sie. Die Schauspieler und Laien agieren immer betont manieriert. Die Story, eher eine Abfolge disparater Episoden, plätschert in teilweise enervierender Langsamkeit vor sich hin. Die Diskussionen des Marx-Lesekreises drehen sich ergebnislos im Kreis. Überraschungen gibt es nicht. Damit verstärkt sich das Gefühl, dass nichts passiert.

Das ist von Julian Radlmaier, der an der Freien Universität Berlin Filmwissenschaft und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Regie studierte, so gewollt. Bei den Kritiken, die ich gelesen habe, kommt dieser Stil sehr gut an. Bei mir überwiegt allerdings die Enttäuschung darüber, wie wenig aus der vielversprechenden Idee einer marxistischen Vampirkomödie gemacht wird. 

„Blutsauger“ knüpft an kapitalismuskritische Filme aus den Siebzigern an, den denen das richtige Bewusstsein unbestreitbar vorhandene erzählerische Defizite kaschiert. Auch in Radlmaiers Film kommt die Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer – Kapitalisten als Blutsauger – und es wird mit der abendländischen Bildung geprotzt und etwas gespielt. Aber ohne überraschende Einsichten und ohne Humor. Schließlich wird auch im Proseminar nicht gelacht, sondern gegen den Schlaf gekämpft. 

Blutsauger (Deutschland 2021)

Regie: Julian Radlmaier

Drehbuch: Julian Radlmaier

mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler, Daniel Hoesl, Mareike Beykirch, Kyung-Taek Lie, Darja Lewin Chalem

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Das Buch zum Film

Drehbücher werden selten veröffentlicht. Spontan fallen mir Chris Kraus‘ „Die Blumen von gestern“ (2017) und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ (2018) ein. Schließlich sind Drehbücher in erster Linie Baupläne für diesen einen Film und wenn der Film fertig ist, ist das Drehbuch nur noch Altpapier. Das unterscheidet ein Drehbuch von einem Theaterstück, das nach seiner Premiere mit anderen Schauspielern auf anderen Bühnen gespielt werden kann. Einen eigenständigen literarischen Wert haben Drehbücher  normalerweise auch nicht. Außerdem beschränkt sich das interessierte Publikum für diese Bücher auf einen sehr engen Kreis von Cineasten.

In diesen kleinen Kreis reiht sich jetzt Julian Radlmaiers „Blutsauger“ ein. In dem Buch sind, für den Druck leicht überarbeitet, das Drehbuch von Julian Radlmaier in der Fassung, die die Grundlage für die Dreharbeiten war, ein Essay von Sulgi Lie über den Film und über fünfzig Zeichnungen von Jan Bachmann enthalten. Zu Bachmanns früheren Werken gehört der Comic „Mühsam, Anarchisten in Anführungsstrichen“.

Für die Fans des Films ist das Buch eine gelungene Ergänzung.

Julian Radlmaier/Jan Bachmann: Blutsauger

August Verlag, 2022

256 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Blutsauger“

Moviepilot über „Blutsauger“

Wikipedia über Julian Radlmaier


Unverzichtbar: Das „Lexikon des internationalen Films“ blickt auf das Filmjahr 2021 zurück

Mai 6, 2022

Die neue Ausgabe des Lexikon des internationalen Films ist draußen. Am bewährten Aufbau haben die Herausgeber, der Filmdienst und die Katholische Filmkommission für Deutschland nichts geändert. Es gibt kundige Kurzkritiken zu allen Filmen, die 2021 in Deutschland im Kino gelaufen oder anderweitig veröffentlicht wurden. Neben Spielfilmen und längeren Dokumentarfilmen gibt es auch Besprechungen von TV-Spielfilmen, wie dem „Tatort“. Es gibt einen inzwischen über zweihundertseitigen Teil, der aus mehrseitigen Berichten, Analysen, Interviews und Nachrufen besteht. In diesen Texten geht es um die Filmbranche (die während der Coronavirus-Pandemie immer noch vor großen Herausforderungen und Umbrüchen steht), um das junge französische Genrekino, eine Fassbinder-Austellung, James Bond, Indiana Jones, Denis Villeneuve, Kelly Reichardt, Maren Eggert und Simone Signoret. Es gibt Interviews mit Dominik Graf, Alexander Kluge, Maria Speth (Herr Bachmann und seine Klasse), Ildikó Enyedi (Die Geschichte meiner Frau) und Thomas Vinterberg (Der Rausch). Es gibt Nachrufe auf Jean-Paul Belmondo (danach wollte ich wieder einen seiner Filme sehen), Richard Donner und Monte Hellman.

Und es gibt, mit ausführlichen Besprechungen, die Liste der fünfzehn besten Serien und der zwanzig besten Kinofilme des letzten Jahres. Diese sind nach Ansicht der Filmdienst-Autoren:

First Cow

Fabian oder Der Gang vor die Hunde

Titane

Nomadland

Herr Bachmann und seine Klasse

The Power of the Dog

Der Rausch

Annette

Dune

The Green Knight

Drive My Car

Große Freiheit

The French Dispatch

Benedetta

The Father

Minari

The Trouble with being born

Die Zähmung der Bäume

Lieber Thomas

Martin Eden

Wie in den vergangenen Jahren schreibe ich jetzt wieder, dass ich nicht jeden Film kenne und einige nicht so grandios fand. Das ändert aber nichts daran, dass diese zwanzig Filme wichtige und sehenswerte Filme sind. Wer also am Wochenende überlegt, was er sich ansehen soll, hat hier eine gute Liste um seine cineastische Bildung auszubauen.

Und wer noch mehr Anregungen braucht, kann dann ja auf seiner Couch durch das Filmlexikon blättern, einen Blick auf die Liste der im Filmdienst mit „sehenswert“ ausgezeichneten Filme oder die Silberlinge (das sind jetzt, weil es sich um besonders gelungene DVD/Blu-ray-Ausgaben von meist älteren Filmen handelt, eher Geschenkideen) werfen und, nach dem Lesen eines der Porträts oder Nachrufe, Lust vespüren, einen ihrer Filme anzusehen.

Ein feines Buch.

Und jetzt freue ich mich schon auf die nächste, selbstverständlich unverzichtbare Ausgabe des Lexikons des internationalen Films. Denn, wie Markus Leniger, der Vorsitzende der Katholischen Filmkommission für Deutschland, im Vorwort schreibt: „vieles verschwindet zu schnell aus unserer Timeline. Das Jahrbuch (…) ist so etwas wie eine Insel, ein sicherer Hafen im stetigen Fluss der Nachrichten. Hier kann man in Ruhe nachlesen, was aus dem Blick geraten ist, hier finden sich Beiträge, die man in der Hektik des Tages auf den digitalen Endgeräten als flüchtige Schatten hat vorüberrauschen sehen.“

P. S.: Weil ich es in der Vergangenheit immer wieder monierte: es gibt auch Listen der besucherstärksten Filme 2021 (das war James Bond, der behauptete, „Keine Zeit zu sterben“ zu haben), der besucherstärksten Arthaus-, Dokumentar-, deutschen Kinderfilme und deutschen Filme. Dieses Publikumsvotum ist eine gute Ergänzung zum Kritikervotum.

P. P. S.: Der Filmdienst wird dieses Jahr 75. Da sage ich nur: Auf die nächsten 75 Jahre!

Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2021/2022

Schüren, 2022

544 Seiten

28,00 Euro

(als E-Book 14,99 Euro)

Hinweise

Homepage der Zeitschrift „Filmdienst“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2013“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2014“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2016“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2019/2020“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2020/2021“


Neu im Kino/Filmkritik (+ Buchhinweis): ‚Meister des mystischen Mächte‘ Sam Raimi schickt „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Mai 4, 2022

Wie üblich ist auch bei dem neuesten Marvel-Film vorher nichts bekannt über den Plot und wer alles mitspielt. Neben dem Hauptcast – Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams und Neuzugang Xochitl Gomez -, der zu einem großen Teil aus dem ersten „Dr. Strange“-Film bekannt ist, soll es auch einige Überraschungen geben. Laut der Gerüchteküche soll Bruce Campbell dabei sein. Aber der ist in jedem guten Film von Sam Raimi dabei. Raimi hat, nach einer neunjährigen Spielfilmpause, die er mit einigen TV-Serienepisoden und vielen Tätigkeiten als Produzent füllte, endlich wieder die Regie bei einem Spielfilm übernommen. Ältere kennen Sam Raimi vom „Tanz der Teufel“, Jüngere als den Regisseur von drei „Spider-Man“-Filmen mit Tobey Maguire als Peter Parker.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kann Raimi seine beiden Leidenschaften, nämlich „Horror“ und „Comic-Verfilmungen“ miteinander verbinden. Deshalb wird das Werk von Marvel auch schon als deren Horrorfilm angekündigt. Geworden ist es dann ein Marvel-Film mit einigen Horrorelementen.

Es geht um Doctor Strange, der – ähem, also die offizielle Synopse ist ziemlich irreführend, der Verleih bittet um spoilerfreie Besprechungen und die Story ist, nun, ähem, bestenfalls durchwachsen. In jedem Fall gibt es einen Bösewicht, der im Gedächtnis bleibt, ein sehr nachvollziehbares Motiv hat, das gleich am Anfang erklärt wird und ihre Handlungen antreibt. Außerdem hat sie ordentlich Screentime. Nachdem in den vorherigen Marvel-Filmen der Bösewicht oft die uninteressanteste Figur im ganzen Film war, ist das hier besser.

Davon abgesehen will Doctor Stephen Strange die junge America Chavez retten. Sie ist aus einem anderen Universum in sein Universum gestolpert, sagt ihm, dass es das Multiverse gibt (Hatten wir das nicht schon in „Spider-Man: No Way Home“ erfahren?) und um alles wieder in Ordnung zu bringen, müssen die beiden durch das Multiverse reisen. Das sind verschiedene Universen, die sich in Details unterscheiden. So ist Doctor Strange in einem Universum nett, in dem anderen weniger und im nächsten Universum kann er sogar ein Bösewicht sein. Für Benedict Cumberbatch, der hier wieder Doctor Strange spielt, ist das eine gute Gelegenheit, die Figur verschieden zu spielen.

Die Idee des Multiverse führt dann dazu, dass, wie in einem schlechten Fantasy-Film, plötzlich alles möglich ist. Es wird einfach in die nächste Welt gewechselt und schon geht’s. Und wenn in einem Film ein Fehler gemacht wurde, wird er im nächsten Film einfach in ein anderes Universum verbannt.

In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ wird durch verschiedene Universen gesprungen und in jedem gibt es etwas zu entdecken. Sam Raimi kann so gleichzeitig ungefähr ein halbes Dutzend Filme inszenieren. Einmal natürlich eine Fortführung des ersten „Doctor Strange“-Films, der jetzt auch schon sechs Jahre alt ist. Dazwischen trat Cumberbatch in mehreren Marvel-Filmen als Dr. Strange auf. Einmal ein quitschbuntes CGI-Psychelic-Abenteuer, in dem Dinge durch eine schwerelose (Alb)Traumwelt schweben. Einmal einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, in dem tibetanische Mönche ihr Kloster, das Kamar-Taj, mit Zauberkräften gegen eine Hexe verteidigen. Und, im Finale, einen Horrorfilm, der auch die Tradition des Horrorfilms huldigt. Es gibt natürlich eine gute Portion Fanservice für die Raimi-Fans und, vor allem, für die MCU-Fans.

Das ist durchaus vergnüglich, aber nie so vergnüglich wie seine „Evil Dead“-Filme, und wird mit der Zeit, trotz seiner kurzen Laufzeit von zwei Stunden, sogar etwas langweilig. Es gibt einfach zu viel CGI. Es gibt zu viele banale Erklärdialoge. Viel zu oft ist Dr. Strange mit einem anderen Dr. Strange beschäftigt, während der Bösewicht und auch die Freunde von Dr. Strange sich vollkommen aus dem Film verabschieden. Dann spielt Cumberbatch mit sich in einem Raum. Das bringt die Story nicht voran. Denn die Welt(en) wie wir sie (nicht) kennen, will jemand anderes vernichten. Außerdem verlässt die Story sich zu sehr auf Zauberei und das Betreten von anderen Universen. So können unsere Helden immer wieder einer tödlichen Gefahr entkommen, indem sie die Tür zu einer anderen Welt öffnen und in Sicherheit sind.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist nie so bahnbrechend wie Sam Raimis erster „Spider-Man“-Film oder so hemmungslos abgedreht wie seine „Evil Dead“-Filme. Als Marvel-Film, der auch gut ohne die Kenntnis der anderen Filme und Fernsehserien angesehen werden kann, ist er okay. Trotzdem will sich bei mir die Begeisterung, die ich bei den älteren MCU-Filmen empfunden hatte, auch dieses Mal nicht einstellen.

Im Abspann gibt es zwei Szenen. Die erste ist ein Ausblick auf möglicherweise kommende Ereignisse. Die zweite, ganz am Ende des Abspanns, ist mit Bruce Campbell, der im Film lediglich ein für den Film und das Marvel-Universum folgenloses, aber vergnügliches Cameo hat. So wie Stan Lee bis zu seinem Tod in den Marvel-Filmen kurze Auftritte hatte.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Michael Waldron (basierend auf Marvel-Figuren von Stan Lee und Steve Ditko)

mit Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Xochitl Gomez, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams, Patrick Stewart , Bruce Campbell, Julian Hilliard, Jett Klyne

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Metacritic über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Rotten Tomatoes über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“

Wikipedia über „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)

Meine Besprechung von Scott Derricksons „Doctor Strange“ (Doctor Strange, USA 2016)

Das war’s mit den bewegten Bildern. Werfen wir einen Blick auf die unbewegten Bilder und damit auf die Ursprünge von Doctor Strange. Der Panini Verlag hat pünktlich zum Filmstart eine dicke Anthologie über „Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte“ veröffentlicht.

Die „Doctor Strange“-Anthologie ist wie die anderen Anthologien, die zu bekannten Marvel- und DC-Figuren, wie Black Widow, Deadpool und Batman, erschienen sind, aufgebaut. Es gibt, geschrieben von Christian Endres, Thomas Witzler und Arnulf Woock, kurze Texte zu wichtigen Aspekten der Figur und seiner Welt und einführende Texte zu seinen wichtigsten Comic-Abenteuern. Diese werden, von seinem ersten Auftritt bis zur Gegenwart, chronologisch abgehandelt und nachgedruckt.

Wie die anderen Anthologien ist auch die Anthologie über den Obersten Zauberer des Marvel-Universum ein schwer in der Hand liegender informativer Lesegenuss, der auch zeigt, wie sehr sich die Comics in den vergangenen sechzig Jahren veränderten. Seinen ersten Auftritt hatte der Zauberer im Juli 1963 in Strange Tales als „Dr. Strange, Meister der Schwarzen Magie“. Die fünfseitige Geschichte war als Füller gedacht. Den Lesern gefiel der Comic und der Rest ist Geschichte.

Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte – Die Doctor Strange-Anthologie

Panini, 2022

320 Seiten

29 Euro

Zum Gratis-Comic-Tag, der dieses Jahr endlich wieder an seinem regulärem Termin, dem zweiten Samstag im Mai, stattfindet, gibt es ein „Doctor Strange“-Heft. In ihm sind drei Geschichten enthalten. In „Der Zauberlehrling“ (Mystic Apprentice, 2016) ist Stephen Strange noch ein Novize der mystischen Künste, dem die Astralformprojektion seines Körpers noch nicht gelingen will. „Der Tod von Doctor Strange, Kapitel 1“ (Death of Doctor Strange, 2021) enthält die ersten Seiten der Geschichte und endet mit einem Gast an seiner Haustür. In „Venom“ (Marvel Action: Origins, 2021) ist Doctor Strange nicht dabei. In dieser Geschichte erfahren wir, wie ein außerirdischer Symbiont zuerst Spider-Man Peter Parker und dann Eddie Brock als Wirt aussuchte.

Lohnenswert!

(Vor dem 14. Mai, dem Gratis-Comic-Tag gibt es einen längeren Text dazu.)


Literarischer Frühjahrsputz: ein gutes Dutzend Buchempfehlungen

April 27, 2022

Ich muss unbedingt meinen Schreibtisch aufräumen. Deshalb gibt es jetzt einen Schwung  kurzer Besprechungen von Büchern, die ich teilweise schon vor Monaten gelesen habe. Aus verschiedenen Gründen kam ich nicht dazu, sie zu besprechen; wobei der Hauptgrund ein aus vier Buchstaben bestehendes, mit „Z“ beginnendes Wort ist.

Also dann, ohne weitere Vorbemerkungen:

Ursula López lernten wir in „Falsche Ursula“ kennen. In dem Roman verwechselten einige dusselige Entführer sie mit einer anderen Ursula. Ursula nahm die Gelegenheit wahr. Sie mischte sich in die Pläne der Entführer ein und entdeckte dabei ungeahnte kriminelle Talente. Das erkleckliche Lösegeld konnte sie auch gut gebrauchen.

In „Krokodilstränen“ und „Der Ursula-Effekt“ erzähl Mercedes Rosende die in Montevideo spielende Geschichte von Ursula weiter. Sie gerät in neue kriminelle Abenteuer, wir erfahren einiges über ihre Vergangenheit und vor allem, dass sie gar nicht so unschuldig ist, wie wir in „Falsche Ursula“ geglaubt haben.

Die drei schwarzhumorigen Krimis sollten chronologisch gelesen werden. Im Gegensatz zu anderen Trilogien bauen sie wirklich aufeinander auf. Der eine Roman schließt unmittelbar an den vorherigen Roman an und die Ereignisse und Verwicklungen werden konsequent weitererzählt bis zum großen Finale. Eigentlich sind die drei Bücher ein einziger großer Roman.

Mercedes Rosende: Krokodilstränen

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2020

224 Seiten

12,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Unionsverlag, 2018

Originalausgabe

El Miserere des los Cocodrilos

Estuario Editora, 2016

Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2021

288 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Qué ganas de no verte nunca más

Editorial Planeta, 2019

Hinweise

Unionsverlag über Mercedes Rosende

Wikipedia über Mercedes Rosende

Meine Besprechung von Mercedes Rosendes „Falsche Ursula“ (Mujer equivocada, 2011/2017)

In einer neuen Übersetzung ist jetzt Neal Stephensons grandioser Cyberpunk-Roman „Snow Crash“ wieder erschienen.

Im Mittelpunkt des Pageturners steht der Hacker Hiro Protagonist. In der Realität schlägt er sich schlechtbezahlt als Pizza-Ausliefer für den Mafiosi Onkel Enzo und als Freier Informant der Central Intelligence Corporation durch. In der virtuellen Realität, dem Metaverse, ist er der beste Schwertkämpfer dieser Welt. Dort entdeckt er den Computervirus Snow Crash. Dieser Virus kann nicht nur Computer, sondern auch Menschen befallen und töten. Nachdem einer seiner Freunde durch ihn stirbt, nimmt er den Kampf gegen den tödlichen Virus auf.

Als „Snow Crash“ 1992 im Original und 1994 auf Deutsch erschien, wurde der Roman in der Science-Fiction-Gemeinschaft sofort als bahnbrechendes Werk anerkannt und zum Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Für seinen nächsten Roman „Diamond Age“ erhielt Neal Stephenson den Hugo und Locus Award. Der Rest ist Geschichte.

Snow Crash“ ist ein abgefahrenes Lese-Vergnügen, das uns damals Dinge erklärte, die es noch nicht gab. Denn in den frühen Neunzigern war das Internet nur etwas für ganz wenige Nerds, Cyberspace etwas für Science-Fiction-Romane und die „Matrix“ gab es noch nicht.

Ein Trip, zu dem Sie nicht Nein sagen können.

Neal Stephenson: Snow Crash

(übersetzt von Alexander Weber)

FISCHER Tor, 2021

576 Seiten

16,99 Euro

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Joachim Körber)

Goldmann Verlag, 1994

Originalausgabe

Snow Crash

Bantam Books, 1992

Hinweise

Homepage von Neal Stephenson

Wikipedia über „Snow Crash“ (deutsch, englisch) und Neal Stephenson (deutsch, englisch)

Fratelli“ ist keine Verherrlichung vom Drogenkonsum und auch keine Philippika dagegen, sondern ein nostalgisches ‚So ist es‘. Alessandro Tota erzählt vom Leben der beiden Brüder Cosimo und Nerone und ihren Freunden in der süditalienischen Hafenstadt Bari in den Neunzigern. Sie leben in den Tag hinein, nehmen Drogen und wollen (erfolglos) mit Betrügereien zu Geld kommen. Denn ihre Pläne misslingen mit fast hunderprozentiger Sicherheit.

So ist das Leben von Möchtegern-Kleingangstern halt. Auch wenn einer von ihnen ein begnadeter Zeichner ist.

Alessandro Tota: Fratelli

(übersetzt von Myriam Alfano)

Reprodukt, 2021

160 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Fratelli

Coconino Press, Bologna, 2011

Hinweis

Reprodukt über Alessandro Tota

Die!Die!Die!“ ist eine neue Serie von „The Walking Dead“-Erfinder Robert Kirkman, die er zusammen mit Scott M. Gimple (u. a. Showrunner und mehrere Drehbücher für die TV-Serie „The Walking Dead“) und Zeichner Chris Burnham schreibt. Bei Cross Cult sind die beiden in den USA erhältlichen Sammelbände erschienen. In den Comics geht es um eine geheime Killertruppe der Regierung der USA, die skrupellos, chaotisch und mit einem drastischen Vokabular mordet.

Das ist in seiner unbändigen Lust auf Vulgärvokabular und garantiert nicht-jugendfreie Gewaltexzesse hoffnungslos übertrieben. Die Story schwankt zwischen ’nicht vorhanden‘ und ’nicht nachvollziehbar‘. Das ist aber egal, wenn am Ende des zweiten Sammelbandes Barack Obama in den Boxring steigt.

Trotz des Cliffhanger-Endes am Ende des zweiten „Die!Die!Die!“-Sammelbandes sind seitdem in den USA keine weiteren Hefte erschienen.

Robert Kirkman/Scott M. Gimple/Chris Burnham/Nathan Fairbairn: Die!Die!Die! (Band 1)

(übersetzt von Franz He)

Cross Cult, 2019

200 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Die!Die!Die! – Volume 1

Skybound/Image Comics 2019

enthält

Die!Die!Die! # 1 – 8

Robert Kirkman/Scott M. Gimple/Chris Burnham/Nathan Fairbairn: Die!Die!Die! (Band 2)

(übersetzt von Franz He)

Cross Cult, 2021

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Die!Die!Die! – Volume 2

Skybound/Image Comics 2021

enthält

Die!Die!Die! # 9 – 14

Hinweise

Wikipedia über Robert Kirkman (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns “The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe” (The Walking Dead Vol. 15: We find ourselves, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Eine größere Welt (Band 16)“ (The Walking Dead, Vol. 16: A larger world, 2012)

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Fürchte dich nicht (Band 17)“ (The Walking Dead, Vol. 17: Something to Fear, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Grenzen (Band 18)“ (The Walking Dead, Vol. 18: What comes after, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Auf dem Kriegspfad (Band 19)“ (The Walking Dead, Vol. 19: March to War, 2013)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Stefano Gaudiano/Cliff Rathburns „The Walking Dead: Krieg – Teil 1 (Band 20)“ (The Walking Dead, Vol. 20: All Out War, Part One, 2014)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 2“ (USA 2011/2012)

Meine Besprechung der TV-Serie “The Walking Dead – Staffel 3″ (USA 2013)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Nick Spencer (Autoren)/Shawn Martinbroughs (Zeichner) „Dieb der Diebe: „Ich steige aus“ (Band 1)“ (Thief of Thieves # 1 – 7, 2012)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Phil Hester/Cory Walker/Khary Randolphs „Ant-Man Megaband “ (The Irredeemable Ant-Man, 2006/2007)

Lange, eigentlich so lange, dass niemand mehr mit einer dritten „Batman: Erde Eins“-Geschichte gerechnet hat, hat es gedauert, bis Autor Geoff Johns und Zeichner Gary Frank jetzt ihre Batman-Geschichte weitererzählen. Denn Volume 1 erschien 2012, Volume 2 2015 und dann gab es nur noch Ankündigungen, dass auch ein dritter Band erscheinen soll.

Erde Eins ist im DC-Kosmos eine Parallelwelt, in der bekannte Superhelden, unabhängig von ihren anderen Abenteuern, neu interpretiert werden. Auch in dieser Welt wacht Batman über Gotham City. Inzwischen wird die Stadt von Jessica Dent, der Zwillingsschwester von Harvey Dent, regiert. Sie ist mit Bruce Wayne liiert. Ihr Bruder starb am Ende des zweiten Bandes.

Jetzt scheint er zurückgekehrt zu sein und er beginnt die Bösewichter von Gotham unter seiner Führung zu vereinen.

Mehr soll über das feine Batman-Abenteuer nicht verraten werden.

Geoff Johns/Gary Frank: Batman: Erde Eins – Band 3

(übersetzt von Ralph Kruhm)

Panini, 2021

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

Batman: Earth One – Volume Three

DC, 2021

Hinweise

Homepage von Geoff Jones

DC Comics über „Batman: Earth One“

Meine Besprechung von Geoff Johns/Gary Franks „Batman: Erde eins“ (Batman: Earth One, 2012)

Bleiben wir noch einen Moment in Gotham City.

Panini veröffentlichte jetzt Alan Moores erstmals 1988 erschienene, mit dem Eisner Award ausgezeichnete Batman-Geschichte „Killing Joke- Ein tödlicher Witz“ in Schwarz-Weiß und in einem größeren Format.

In dieser Geschichte mietet der Joker einen verlassenen Rummelplatz. Dort versteckt er den von ihm entführten Polizeichef von Gotham City, James Gordon. Er verlangt allerdings kein Lösegeld. Er will, dass Gordon verrückt wird.

Zusätzlich zu dieser Joker-Geschichte gibt es die jeweils nur wenige Seiten umfassenden Geschichten „Die Entstehung des Jokers“ (The Origin of the Joker, September 2007) und „Ein ganz normaler Typ“ (An innocent Guy, September 1996) und eine fast fünfzigseitigen Cover-Galerie.

Alan Moore/Brian Bolland: Batman Noir: Killling Joke – Ein tödlicher Witz

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2022

112 Seiten

23 Euro

Originalausgabe/enthält

Batman: The Killing Joke

DC, Juli 1988

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows’ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century“ (The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009; 2009/2011/2012)

Meine Besprechung von Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrads „Spawn: Bloodfeud – Blutfehde“ (Spawn: Blood Feud, 1995)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister“ (Nemo: River of Ghosts, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Providence – Band 1“ (Providence, #1 – 4, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzos „Die Ballade von Halo Jones – Band 1“ (The Ballad of Halo Jones, 1984)

Meine Besprechung von Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzos „Die Ballade von Halo Jones – Band 2“ (The Ballad of Halo Jones, 1984)

Meine Besprechung von Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzos „Die Ballade von Halo Jones – Band 3“ (The Ballad of Halo Jones, 1986)

In zwei Bänden liegen jetzt (lies: schon länger) alle von Simon Spurrier geschriebenen „John Constantine: Hellblazer“-Geschichten vor. Alan Moore hat John Constantine als einen kettenrauchenden, Trenchcoat tragenden Okkultisten und Privatdetektiv erfunden. Zu den späteren Autoren gehören Garth Ennis, Warren Ellis, Brian Azzarello, Denise Mina, und Neil Gaiman.

15 Jahre nach dem magischen Krieg kehrt John Constatine zurück nach London. Die letzten Jahre verbrachte er, abgeschirmt von der Welt, in der Ravenscar-Klinik. In London muss er sich erst einmal an die neue Realität gewöhnen. London ist sauber, in den Pubs wird nicht mehr geraucht, Telefonzellen gibt es nicht mehr und er muss sich ein Smartphone besorgen. Er macht neue Bekanntschaften und trifft alte Bekannte, wie den Zauberer Timothy Hutton, wieder.

Noch während er versucht, sich anzupassen, ist er wieder in Schwierigkeiten.

Für Neueinsteiger ist dieser Neustart natürlich ein guter Beginn, um in die Welt von Constantine einzutauchen. Allerdings schwanken die einzelnen Geschichten für mein Empfinden zu unentschlossen zwischen Einzelgeschichten und einer ab und zu angedeuteten größeren Geschichte. Einige Figuren erfahren auch einen etwas lieblosen Umgang. So sind die beiden im DC Black Label erschienenen Bände dann doch eine etwas enttäuschende Lektüre.

Die Serie wurde nach dem zwölften Heft wegen der Coronavirus-Pandemie eingestellt.

Simon Spurrier/Aaron Campbell: John Constantine: Hellblazer – Band 1 (DC Black Label)

(übersetzt von Josef Rother)

Panini, 2020

220 Seiten

23 Euro

Originalausgabe/enthält

The Sandman Universe presents Hellblazer 1

John Constantine: Hellblazer # 1 – 6

Books of Magic 14

DC, 2019/2020

Simon Spurrier/Aaron Campbell/Matías Bergara: John Constantine: Hellblazer – Band 2 (DC Black Label)

(übersetzt von Joseph Rother)

Panini, 2021

172 Seiten

19 Euro

Originalausgabe/enthält

John Constantine: Hellblazer # 7 – 12

DC, 2020

Hinweise

Homepage von Simon Spurrier

Wikipedia über John Constantine (deutsch, englisch), und Simon Spurrier

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Fernando Heinz/Fafael Ortiz‘ „Crossed + Einhundert: Band 2“ (Crossed plus one hundert # 7 – 12, 2016)

Meine Besprechung von Simon Spurrier/Rafael Ortiz/Martin Tunica‘ „Crossed + Einhundert: Band 3“ (Crossed plus one hundert # 13 – 18, 2016)

Zum Abschluss noch ein Buch, das vor allem etwas für historisch interessierte Comicfans ist. „Die Eiserne Hand – Der Unsichtbare“ von Autor Ken Bulmer und Zeichner Jesús Blasco ist ein Serial, das im Original im britischen Comic-Magazin „Valiant“ von 1962 bis 1973 in 472 Episoden erschien. Jede Folge bestand aus zwei Seiten. Entsprechend atemlos, wendungsreich und auch sinnfrei schreitet die Handlung voran. Aufgrund des Formats musste jede Woche eine kleine Story erzählt werden.

In Deutschland erschienen die Geschichten im „Kobra“-Magazin. Für die Buchausgabe wurde eine neue Übersetzung erstellt und auch einige Anpassungen vorgenommen, die teils wieder näher beim Original sind, teils nicht. So wurden die Namen der Protagonisten nicht verändert (damals wurde Louis Crandell zu Bert Crandell). Der Verweis auf „die kommende Woche“, also auf das nächste Heft, und die Zusammenfassung am Textanfang (also alle zwei Seiten) wurde verändert. Letztendlich ging es um das Schaffen eines Leseerlebnisses, das die Serialität des Originals beibehält und heute als Sammelband lesbar ist.

Die titelgebende Eiserne Hand (im Original: Steel Claw) ist der Forscher Louis Crandell. Bei einem Laborunfall wird er einer Strahlung ausgesetzt, die ihn unsichtbar macht. Man sieht nur noch seine künstliche Metallhand. Außerdem veränderte der Unfall seinen Charakter zum Schlechten.

Crandell beginnt ein Leben als Verbrecher. Nicht irgendein Verbrecher, sondern der Verbrecher, vor dem die ganze Welt Angst hat. Er überfällt eine Bank. Wenige Seiten später verübt er Anschläge auf Flugzeuge und Schiffe und er will in New York eine Megabombe zünden. Verfolgt wird er von seinem früheren Chef, Professor Barringer, und Inspector Lynch.

Die Eiserne Hand – Der Unsichtbare“ erschien jetzt in einer schönen großformatige Ausgabe mit informativen Vorbemerkungen von Steffen Volkmer, Joachim Guhde und Übersetzer Peter Mennigen.

Ken Bulmer/Jesús Blasco: Die Eiserne Hand – Der Unsichtbare

(übersetzt von Peter Mennigen)

Panini, 2021

116 Seiten

30 Euro

Originalausgabe/enthält

The Steel Claw

Valiant, 6. Oktober 1962 – 21. September 1963

Hinweis

Wikipedia über „Die Eiserne Hand“


Ausgezeichnete Bücher: Über David Heska Wanbli Weidens „Winter Counts“

April 25, 2022

Virgil Wounded Horse ist ein privater Vollstrecker. Immer wenn die Reservatspolizei nicht zuständig ist und das eigentlich zuständige FBI nichts tun will, was ziemlich oft geschieht, wird er gebeten, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das klingt jetzt vielleicht honorig, aber letztendlich ist er ein bezahlter Schläger.

Jetzt bittet ihn Ben Short Bear, Mitglied der Stammesregierung im Rosebud-Indianerreservat in South Dakota, etwas gegen Rick Crow zu unternehmen. Crow soll Heroin in das Reservat schmuggeln und die Jugendlichen abhängig machen. Rauschgifthandel ist so ein Verbrechen, bei dem eigentlich das FBI zuständig ist. Aber weil in diesem Fall nur Native Americans abhängig werden und sterben, interessieren sie sich nicht dafür.

Noch während Virgil überlegt, ob er den Auftrag annehmen soll, wird sein vierzehnjähriger Neffe Nathan ins Krankenhaus eingeliefert. Er wäre fast an einer Überdosis gestorben.

Das ist der Moment, in dem Virgil beschließt, gegen Crow vorzugehen.

Das ist auch der Moment, in dem David Heska Wanbli Weidens Kriminalromandebüt „Winter Counts“ die vertrauten Krimipfade verlässt. Bis dahin war es nur ein gut geschriebener, gut geplotteter Hardboiled-Krimi mit einem ungewöhnlichen Schauplatz. Schließlich spielen nur wenige Krimis in einem Indianerreservat und noch weniger Krimis benutzen das Reservat nicht nur als pittoreske Kulisse.

Die bekanntesten Indianerkrimis sind immer noch die Romane von Tony Hillerman. Zwischen 1970 und 2006 schrieb er achtzehn in Arizona im Navajo Reservat spielende Romane. Über die Jahre entstand durch die mit dem Land und den Menschen eng verknüpften Fälle auch eine Chronik des sich verändernden Lebens im Reservat. Besonders die sich über viele Seiten erstreckenden, sehr präzisen, eigentlich schon ethnographischen Schilderungen indianischer Riten trugen zum Erfolg der Bücher bei. Aktuell sind sie bei uns nur noch antiquarisch erhältlich.

Zu den neueren, auch bei uns erschienenen lesenswerten Krimiautoren, die sich mit dem heutigen Leben der Native Americans beschäftigen, gehören Marcie Rendon und jetzt auch David Heska Wanbli Weiden. Beide sind, im Gegensatz zu Hillerman und anderen Autoren, die ‚Native crime fiction‘ schreiben, Native Americans. Weil sie über ihre Erfahrungen und ihre Kultur schreiben, haben sie einen anderen Blick auf das Leben im Reservat.

Weidens Roman „Winter Counts“ ist ein überzeugender Hardboiled-Krimi mit glaubhaften Figuren, realistischen Verwicklungen (gut, wenn Virgil Nathan im Reservat sucht und er glaubt, ihn zufällig zu finden, ist das allein schon aufgrund der Größe des Reservats etwas unrealistisch) und einem ungeschöntem Einblick in das heutige Leben im Rosebud-Indianerreservat. Die Probleme, mit denen Virgil sich herumschlagen muss, sind so ähnlich auch in anderen Reservaten zu finden.

In den USA war der Noir in der Krimigemeinde ein Erfolg. Als erster Native erhielt Weiden den Anthony- und Thriller Award. Und er ist der zweite Native American, der für den renommierten Edgar Award nominiert wurde. Der Edgar wird seit 1946 verliehen.

Außerdem erhielt „Winter Counts“, normalerweise für das beste Debüt, den Barry Award, den Lefty Award, den Macavity Award und zwei Spur Awards. Dieser Preis wird seit 1953 von den Western Writers of America verliehen.

Winter Counts“ war außerdem, um noch schnell zwei Krimi-Preise zu nennen, nominiert für den Dashiell Hammett Prize und den Shamus Award und stand, wenig verwunderlich angesichts des Preisregens, auch auf einigen Jahresbestenliste.

Diese Preise zeigen vor allem, dass ich mit meiner Begeisterung nicht allein bin und dass inzwischen etliche Menschen auf das nächste Abenteuer von Virgil Woundet Horse warten.

David Heska Wanbli Weiden: Winter Counts

(übersetzt von Harriet Fricke) (mit Nachbemerkungen von James Anderson und Thomas Jeier)

polar Verlag, 2022

464 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Winter Counts

Ecco, 2020

Hinweise

Homepage von David Heska Wanbli Weiden

Zum Weiterlesen: David Heska Wanbli Weiden empfiehlt einige Krimis

Marcie Rendon unterhält sich mit David Heska Wanbli Weiden über seinen Roman

Stephen Graham Jones unterhält sich mit seinem Kollegen Weiden über Weidens Roman

Weiden im AWP Buchclub

und bei PowWows ist er ab Minute 14.30 dabei

 


Hannelore Cayre glaubt „Reichtum verpflichtet“

April 12, 2022

Hannelore Cayre hat ihre sehr sympathische Nische gefunden: Frauen als Hauptperson (aufgrund ihres moralischen Kostüms sind sie nicht wirklich traditionelle ‚Heldinnen‘), schnoddriger Tonfall, eine heilsame Respektlosigkeit vor Recht und Gesetz; vor allem wenn es die Wohlhabenden schützt – und damit eine dezidiert linke, kapitalismuskritische Sicht. Oh, und einen illusionslosen, eigentlich schon verzweifelt komischen Blick auf die französische Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre Probleme. Als Vehikel benutzt sie dafür die Kriminalliteratur.

In „Reichtum verpflichtet“ verzichtet sie auf das Krimi-Sicherheitsnetz. Ihr neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart und den Jahren 1870/1871.

1870 bekriegten Frankreich und Deutschland sich. In Frankreich werden junge Männer nach einem Zufallsprinzip eingezogen. Das ist eine egalitäre Auswahl. Schließlich unterscheidet das Los nicht zwischen Arm und Reich. Allerdings können reiche Männer danach einen Einstandsmann kaufen. Der übernimmt dann den neunjährigen Militärdienst für den vom Los gezogenen kampfunwilligen Unglücksraben.

Auguste de Rigny, der in Paris ziellos vor sich hin studiert und sich in revolutionären Kreisen aufhält, wird vom Los gezogen. Allerdings möchte er den Militärdienst nicht ableisten. Das Geld und die Beziehungen seiner Eltern sollen ihn freikaufen. Dummerweise gestaltet sich die Suche nach dem Einstandsmann schwieriger als gedacht.

In der Gegenwart beginnt die nach einem Autounfall gehbehinderte Blanche de Rigny in der Familiengeschichte herumzustöbern. Sie möchte erfahren, wie sie mit der vermögenden Familie de Rigny verwandt ist.

Währenddessen arbeitet sie als Gerichtsreprografin. Sie scannt alle Akten, die in die Zuständigkeit der Pariser Gerichtsbarkeit fallen. Manchmal liest sie sie. Manchmal gibt sie Kopien an Journalisten weiter. Manchmal verkauft sie Adressen von Drogenkonsumenten an Dealer weiter.

Das ist durchaus vergnüglich zu lesen und vor allem Augustes Geschichte ist ziemlich spannend. Dagegen ist bei Blanches Geschichte unklar, worauf sie hinausläuft. Es ist, und das ist auch das große Problem des Romans, eine Geschichte, die erst und nur durch ihre ziemlich grandiose Pointe einen Sinn ergibt.

Für mich ist „Reichtum verpflichtet“ Hannelore Cayres bislang schwächster Roman. Das gesagt, freue ich mich selbstverständlich auf ihren nächsten Roman.

Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne/Argument Verlag, 2021

256 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Richesse oblige

Éditions Métailié, Paris, 2020

Hinweise

Wikipedia über Hannerlore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés Hannelore-Cayre-Verfilmung „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020) und der DVD


Der Brenner wühlt im „Müll“

April 11, 2022

Jetzt hat die Lektüre doch länger gedauert als geplant. Frage nicht. Schließlich ist der Brenner zurück. Weil die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit spielt, beginnt Wolf Haas‘ neuer Brenner-Roman nicht mit dem bekannt-lakonischen Eingangssatz „Jetzt ist schon wieder was passiert“, sondern, nach einem Prolog, so: „Jetzt, wo es verjährt ist, muss man wenigstens keine Angst mehr haben, dass man was Falsches sagt.“

Es beginnt mit dem Fund einer zerstückelten Leiche auf dem städtische Müllplatz, der in Wien inzwischen ein Recyclinghof mit einem ausdifferenziertem System von Sammelwannen ist. Bis die Polizei auftaucht, haben die Müllmänner die einzelnen Leichenteile aus den verschiedenen Wannen herausgesucht und fein säuberlich zusammengelegt. Es ist alles vorhanden, bis auf das Herz des Verstorbenen. Das wird später bei seiner Geliebten Roswitha im Tiefkühlschrank gefunden. Ein Einbrecher hat es dorthin gelegt. In dem Moment ist der Brenner schon knietief in den Fall, in dem es um illegalen Organhandel gehen soll, verwickelt. Einerseits weil er inzwischen bei der Müllabfuhr arbeitet (Frage nicht. Der Wolf Haas erklärt auch nicht genauer, wie Brenner zu dem besten Job, den er jemals hatte, gekommen ist), andererseits weil Brenner früher Polizist und dann Privatdetektiv war. Kopf und Savic, die Ermittler in diesem Fall, kennt er noch von früher.

Und jetzt ist ein kleiner Einschub für die Jüngeren angesagt. 1996 veröffentlichte Wolf Haas, damals noch in der rororo-Krimireihe, seinen ersten Brenner-Roman „Auferstehung der Toten“. Der Roman war wegen seiner Sprache (sie ist so markant, dass sie zur Nachahmung und Parodie einlädt) und seinem Humor ein sofortiger Erfolg. Der Fall war auch nicht schlecht. Haas schrieb weitere erfolgreiche Brenner-Romane. Bis 2003 folgten schnell hintereinander fünf weitere Romane, 2009 „Der Brenner und der Liebe Gott“, 2014 „Brennerova“ und jetzt – endlich! – „Müll“.

2000 verfilmte Wolfgang Murnberger den dritten Brenner-Roman „Komm, süßer Tod“. Josef Hader spielte Brenner. Der Film war ein Hit. Drei weitere erfolgreiche Brenner-Verfilmungen folgten. Sie übertrugen den eigentlich unverfilmbaren Stil der Brenner-Romane kongenial auf die Leinwand.

Entsprechend groß ist natürlich die Freude, dass Wolf Haas jetzt wieder einen Brenner-Roman geschrieben hat und mit 288 Seiten ist er sogar der bislang längste Brenner-Roman. Wobei 288 Seiten nach heutigem Standard nicht besonders lang sind.

Nach der Lektüre kann ich beruhigt schreiben, dass sie sich lohnt. Der Kriminalfall entwickelt sich eher bedächtig. Das liegt auch daran, dass Haas erst einmal viele Personen vorstellen muss. Sie alle sind irgendwie in den Fall (über den hier nichts verraten wird) verwickelt. Es gibt den gewohnt lakonischen Haas-Humor. Außerdem erfahren wir einiges über Brenners aktuelle, ähm, Schlafgewohnheiten, die Philosophie des Mülltrennens und des Paketzustellens und warum der Praktikant auf dem Müllplatz Praktikant heißt. Das alles macht „Müll“ zu einem gelungenem weiteren Brenner-Roman.

Wolf Haas: Müll

Hoffmann und Campe, 2022

288 Seiten

24 Euro

Hinweise

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)

Meine Besprechung von Wolfgang Murnberges Wolf-Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“ (Österreich 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Cohenmania: „Death of a Ladies‘ Man“ mit vielen Leonard-Cohen-Songs – und einige Worte zu Philippe Girards Comic-Biographie „Leonard Cohen: Lika a Bird on a Wire“

April 8, 2022

Samuel O’Shea ist Leonard-Cohen-Fan. Das macht ihn schon einmal grundsympathisch. Allerdings ist der Literaturprofessor auch ein alter Sack, Schürzenjäger und Trinker. Das macht ihn schon deutlich unsympathischer.

In letzter Zeit hat O’Shea zunehmend Wahnvorstellungen. Seine Ärztin diagnostiziert einen riesigen Tumor in seinem Gehirn. Bevor er sich darum kümmert, macht er sich von Montreal auf den Weg nach Irland zu einer einsam am Meer gelegenen Hütte und Matt Bissonettes Film beginnt zunehmend zu zerfasern. Das Spiel zwischen Realität und Halluzinationen wird immer chaotischer und willkürlicher. Die Geschichte immer beliebiger und auch egaler. O’Shea führt lange Gespräche mit seinem schon lange totem Vater. Er verliebt sich in eine jüngere Frau. Er wird, selbstverständlich wegen dieser Frau, zu einem Mörder. Oder auch nicht.

Der anfängliche Spaß über einen Lehrer, der mit der Wirklichkeit und seinem Leben hadert, weicht zunehmend dem Gefühl eines gelangweilten anything goes. Garniert und grundiert wird das mit sieben Songs von Leonard Cohen. Unter anderem „Heart with no Companion“, „Did I ever love you“, „Bird on the Wire“ und, selbstverständlich „Hallelujah“. Diese ausführlich ausgespielten Songs sind ein Pluspunkt des Films. Der andere ist Gabriel Byrne, der Samuel O’Shea spielt.

Aber auch er kann nichts daran ändern, dass am Ende die Enttäuschung überwiegt.

Death of a Ladies‘ Man (Death of a Ladies‘ Man, Kanada/Irland 2020)

Regie: Matt Bissonnette

Drehbuch: Matt Bissonnette

mit Gabriel Byrne, Jessica Paré, Brian Gleeson, Suzanne Clément, Antoine Olivier Pilon

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Death of a Ladies‘ Man“

Metacritic über „Death of a Ladies‘ Man“

Rotten Tomatoes über „Death of a Ladies‘ Man“

Wikipedia über „Death of a Ladies‘ Man“

Erheblich näher an der Realität ist Philippe Girards Comic „Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire“. Er rast auf nicht einmal hundertzehn Seiten durch Leonard Cohens Leben. Alle paar Seiten wird in ein neues Jahr gesprungen. Bekannte Musiker haben Kurzauftritte. Cohens Frauen ebenso. Aber ein roter Faden ist nicht erkennbar. Am Ende bleibt nur eine Abfolge von Episoden, die ohne ein Wissen über Cohens Leben und das Rockmusikbusiness fast unverständlich sind.

Eine verpasste Chance.

Philippe Girard: Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire

(übersetzt von Anne Bergen)

Cross Cult, 2021

120 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Leonard Cohen – Sur un fil

Casterman, 2021

Hinweise

Wikipedia über Philippe Girard und über Leonard Cohen (deutsch, englisch)

AllMusic über Leonard Cohen

Homepage von Leonard Cohen

Meine Besprechung von Nick Broomfields Leonard-Cohen-Doku „Marianne & Leonard: Words of Love“ (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)


Neues aus der „Watchmen“-Welt: „Rorschach“ von Tom King und Jorge Fornés

April 6, 2022

Zuerst gab es „Watchmen“, diese in der Buchausgabe backsteingroße Superheldengeschichte, die zwischen September 1986 und Oktober 1987 erschien, mehrere Eisner Awards erhielt, mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde, vom Time Magazine in die Liste der hundert besten englischsprachigen Romane seit 1923 aufgenommen wurde und immer noch, wenn der Comic irgendwo besprochen oder in einer Bestenliste erwähnt wird, abgefeiert wird. Außerdem wurde die ungewöhnliche Superheldengeschichte von Zack Snyder bildgetreu verfilmt. Den Fans gefiel der Film. Alan Moore, dem Autor von „Watchmen“, nicht. Aber ihm gefällt keine Verfilmung seiner Werke und er will nichts mit ihnen zu tun haben. Dave Gibbons, der Zeichner, sieht das entspannter.

Später wurde die Geschichte in einer kurzlebigen HBO-TV-Serie weitererzählt. Und, angesichts der normalerweise prächtig funktionierenden Verwertungsmaschinerie von DC und Marvel, die ihre Comichelden in unzählige Comicabenteuer schicken, extrem wenigen Comics, die im „Watchmen“-Universum spielen oder mit ihm spielen. Es gab die durchgehend gelungenen, unter anderem von Brian Azzarello und Darwyn Cooke geschriebenen „Before Watchmen“-Comics und jetzt eine „Rorschach“-Geschichte. Tom King erzählt sie für das DC Black Label in zwölf Heften (bei uns gesammelt in vier Bänden). Sie kann unabhängig von „Watchmen“ gelesen werden.

Auch Kings Geschichte spielt Jahre nach den Ereignissen von „Watchmen“. 35 Jahre nach dem Tod von Rorschach, dem an einen Hardboiled-Detektiv erinnernden Verbrecherjäger im Trenchcoat, Hut und mit einer sich ständig verändernden Maske, taucht ein neuer Rorschach auf. Er und seine Komplizin ‚The Kid‘ sterben bei einem Anschlag auf den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Turley. Er ist der Herausforderer des seit Ewigkeiten regiererenden, unglaublich beliebten, liberalen Präsidenten Robert Redford. Er tut als Präsident genau das, was wir von ihm nach seinen Filmen und Interviews erwarten würden.

Ein namenloser Detektiv soll herausfinden, ob Rorschach und The Kid auf eigene Faust handelten oder Teil einer Verschwörung sind, in die sogar Redford involviert sein könnte. Bei seinen Ermittlungen stößt er auf die Comic-Zeichner Willliam Myerson, den Erfinder des Piraten-Comics Pontius Pirate, Otto Binder (u. a. die Comics Supergirl, Superman und Shazam) und Frank Miller, den ich wohl nicht vorstellen muss.

Rorschach“ ist eine spannende und, ganz in der Tradition von Moore/Gibbons stehende, komplexe Geschichte, die munter mit der Realität, Comics (für viele Anspielungen) und Verschwörungstheorien spielt. Das liest sich wie ein guter Siebziger-Jahre-Verschwörungsthriller und sieht auch so aus.

Aktuell ist „Rorschach“ in vier Einzelbänden erhältlich. Weil Autor Tom King, Zeichner Jorge Fornés und Kolorist Dave Stewart eine zusammenhängende Geschichte erzählen, bietet sich eine spätere Veröffentlichung in einem Band natürlich an.

Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 1 (DC Black Label)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2021

76 Seiten

15 Euro

enthält

Rorschach # 1 – 3

DC Black Label, 2020

Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 2 (DC Black Label)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2021

76 Seiten

15 Euro

enthält

Rorschach # 4 – 6

DC Black Label, 2021

Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 3 (DC Black Label)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2021

76 Seiten

15 Euro

enthält

Rorschach # 7 – 9

DC Black Label, 2021

Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 4 (DC Black Label)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2022

76 Seiten

15 Euro

enthält

Rorschach # 10 – 12

DC Black Label, 2021

Hinweise

Wikipedia über „Rorschach“

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes „Before Watchmen: Minutemen“ (Before Watchmen: Minutemen (Chapter One – Six), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/April 2013)

 


Neu übersetzt: Arkadi & Boris Strugatzki: Stalker

März 31, 2022

Als Teenager habe ich mir Andrej Tarkowskis „Stalker“ zweimal angesehen. Im TV zu Uhrzeiten, zu denen ich nicht mit meinem Eltern darüber diskutieren musste, ob ich etwas länger aufbleiben könne. Aber ich kam damals aus mir unbekannten Gründen nicht dazu, die Vorlage, den von Arkadi und Boris Strugatzki geschriebenen Science-Fiction-Roman „Picknick am Wegesrand“, zu lesen. Bis jetzt.

Denn der Heyne-Verlag veröffentllichte jetzt den Roman, mit umfangreichem Bonusmaterial, in einer neuen Übersetzung. Die alte Suhrkamp-Übersetzung ist auch noch regulär erhältlich.

Die Story ist denkbar einfach. Vor Jahren landeten Außerirdische auf der Erde. Sie verschwanden kurz darauf wieder. In bestimmten Zonen hinterließen sie Dinge. Es sind Zonen, in denen nichts mehr lebt und die nur auf bestimmten Wegen betreten werden können. Ein Schritt ab von diesen Wegen bedeutet den Tod. Sogenannte Stalker kennen die Wege. Redrick Shewhart ist einer von ihnen. Er führt, illegal, andere Menschen immer wieder in die Zone. Und er entwendet Gegenstände aus dieser Zone, die er später gewinnbringend verkauft. Besonders begehrt ist die „Goldene Kugel“. Dieser sagenumwobene Gegenstand soll die geheimsten Wünsche erfüllen köenne. Falls es diese Kugel überhaupt gibt.

In ihrem Roman erzählen die Strugatzki-Brüder von mehreren Besuchen Redricks in der Zone.

Während der erste Besuch in der Zone sich noch wie ein Thriller liest, immerhin kann jeder falsche Schritt den Tod bedeuten, nimmt dieser Thrill bei den nächsten Besuchen etwas ab. Der Roman wird mehr zu einer Zustandsbeschreibung, die, weil jeder Besuch in der Zone gefährlich ist und Redrick in kriminelle und zunehmend gefährliche Machenschaften verwickelt ist, spannend bleibt. Mit jeder Zeile erfahren wir mehr über die Zone, die Gesellschaft und was die Hinterlassenschaften der Außerirdischen mit uns anstellen. Die für die Menschheit schlimmste Erklärung für die in den Zonen herumliegenden Hinterlassenschaften der Außerirdischen wäre, dass deren Besuch auf der Erde für sie nur ein ‚Picknick am Wegesrand‘ war. Eine Rast halt. Dann hätten sie uns nicht wahrgenommen und einfach nur ihren Müll liegen gelassen. Es könnte allerdings auch sein, dass diese Gegenstände bewusst in den Zonen platziert wurden und diese Zonen von ihnen bewusst errichtet wurden.

Stalker“ liest sich wie ein Thriller, bei dem man selbstverständlich unwillkürlich auch darüber rätselt, was diese Geschichte über die damalige Sowjetunion aussagt. In den in der Heyne-Ausgabe abgedruckten Nachbemerkungen verneinen die Arkadi und Boris Strugatzki diese durchaus naheliegende Interpretation. Sie legen eher eine kapitalismuskritische Interpretation nahe. Schließlich spiele die Geschichte nicht in der Sowjetunion, sondern in einer nicht näher bezeichneten kapitalistischen Gegend.

Sie schrieben den kurzen Roman 1971. Für die 1972 erschienene Zeitschriftenfassung mussten die Strugatzkis das Manuskript kaum verändern. Für die Buchausgabe gab es Papierprobleme (angeblich war das Papierkontingent erschöpft), zahlreiche Änderungsvorschläge und damit verbundene Briefwechsel. Der Streit endete nach acht Jahren.

Das Bonusmaterial der Heyne-Ausgabe besteht aus einem Vorwort von Wladimir Kaminer (wenn’s dem Verkaufserfolg dient), einem Kommentar von Boris Strugatzki, Auszügen aus dem Arbeitstagebuch der Brüder Strugatzki, der Geschichte „Die Wunschmaschine“ (es handelt sich um die erstmals übersetzte, sich wie eine Kurzgeschichte lesende, im Januar 1976 geschriebene erste Fassung ihres Exposés für Tarkowskis „Stalker“) und dem Essay „Stalker: Ein multimediales Phänomen“ (über die Nachwirkungen des Romans, also die Verfilmung, die erfolgreiche Computerspielreihe und ebenso erfolgreiche literarische Nachfolger). Dieses Material macht ungefähr ein Drittel des Buches aus. Daher könnte für die, die das „Picknick am Wegesrand“ schon im Regal stehen haben, das umfangreiche und sehr informative Bonusmaterial ein Kaufargument. Alle anderen sollten sowieso zuschlagen. Immerhin ist „Stalker“ ein einflussreicher Science-Fiction-Klassiker.

Ich habe dieses Buch als Kind von meinem Onkel bekommen und es in einer Nacht verschlungen.“ (Wladimir Kaminer: Vorwort)

Und ich sollte mir mal wieder den hundertsechzigminütigen Film ansehen. Mosfilm, die den Film produzierte, stellte eine gut aussehende Fassung online. Über die Qualität der Untertitel kann ich nichts sagen:

 

Arkadi & Boris Strugatzki: Stalker

(übersetzt von David Drevs)

Heyne, 2021

400 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Пикник на обочине (Piknik na obotschinje)

1971

Hinweise

Wikipedia über Arkadi und Boris Strugatzki (deutsch, englisch), den Roman „Stalker“ (deutsch, englisch) und die Verfilmung „Stalker“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Aleksei Germans Strugatzki-Verfilmung „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ (Trudno Byt‘ Bogom, Russland 2013)


Black Widow ist jetzt eine „Spionin mit gebrochenem Herzen“

März 23, 2022

Nach den in „Neues Glück“ erzählten Ereignissen lebt ‚Black Widow‘ Natalie Romanova (aka Natasha Romanoff) in San Francisco. Sie will ihr vorheriges Leben als Killerin und Spionin hinter sich lassen und ihre Fähigkeiten zum Guten einsetzen. Allerdings nicht allein, sondern mit ‚White Widow‘ Yelena Belova und neuen Vertrauten, wie der Taschendiebin Lucy.

Ihr erster Gegner ist Apogee, ein in der Stadt neu aufgetauchter Bösewicht, der über eine treue Gefolgschaft und viel Feuerkraft verfügt. Nur: was will der Sektenführer? Und was hat er Lucy, die kurze Zeit in Apogees Sekte war, angetan?

Als Black Widow und ihre Mitkämpferinnen kurz darauf einen von Apogees Gefolgsleuten gefangen nehmen, verflüssigt er sich vor ihren Augen. Am Ende ist er eine Pfütze. Das Gift, das dazu führt, sollte selbstverständlich nicht in die falschen Hände geraten.

Die zweite „Wonder Woman“-Geschichte von Kelly Thompson (Text), Elena Casagrande und Rafael de Laforee (Zeichnungen) ist, auch wegen ihrer Kürze, flott erzählt und es gibt viel Action. Allerdings bleiben alle Figuren etwas blass. Bei Black Widows Team ist das kein großes Problem. Immerhin können die einzelnen Mitglieder, ihre Marotten und Beziehungen untereinander in den kommenden Heften ausführlich vorgestellt werden. Bei ihrem Gegner Apogee ist das schon problematischer. Letztendlich ist er der austauschbare ‚größenwahnsinnige Bösewicht der Woche‘, der schnell auf den ihm zustehenden Platz befördert wird.

Der erste „Black Widow“-Band dieser Serie wurde mit dem Eisner-Award in der Kategorie „Beste neue Serie“ ausgezeichnet.

Der dritte „Black Widow“-Band soll im Juni 2022 erscheinen.

Kelly Thompson/Elena Casagrande/Rafael de Latoree: Black Widow: Spionin mit gebrochenem Herzen (Band 2)

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe/enthält

Widows

(Widows, Part 1 of 1, Black Widow (2020) # 6, Juni 2021)

Ich bin Black Widow, Teil 1 – Finale

(I am the Black Widow, Part 1 – 4, Black Widow (2020) #7 – 10, Juli – Oktober 2021)

Hinweise

Marvel über Black Widow

Wikipedia über Black Widow 

Meine Besprechung von Greg Rucka/J. G. Jones‘ „Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern“ (Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider; Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown; Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider)

Meine Besprechung von „Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie“ (2020)

Meine Besprechung von Kelly Thompson/Elena Casagrandes „Black Widow: Neues Glück“ (Black Widow (2020): The Ties that bind # 1 – 5, November 2020 – April 2021)


George Orwells „1984“, dieses Mal adaptiert und gezeichnet von Fido Nesti

März 16, 2022

Die Geschichte von George Orwells „1984“ dürfte bekannt sein. Winston Smith verliebt sich in die Arbeitskollegin Julia. Der Große Bruder, das Regierungsoberhaupt von Ozeanien, ist gegen diese Beziehung. Sie werden verhaftet, gefoltert und, nachdem ihr Wille gebrochen ist, entlassen. Sie ist banal und dient Orwell dazu, eine eindrückliche Warnung vor totalitärem Denken und Regimen zu zeichnen. Seine Dystopie beschreibt eine Diktatur, die ihre Untertanen ständig beobachtet, kontrolliert, drangsaliert und die Vergangenheit ständig fälscht. Der Roman ist ein Klassiker.

In seiner Comicinterpretation konzentriet der Brasilianer Fido Nesti sich auf die Welt, in der Winston Smith lebt. Über viele Seiten zeichnet er die Strukturen und Regeln dieser Welt nach. Dabei dominiert der Text eindeutig über die Bilder.

Die Liebesgeschichte wird notgedrungen mitgeschleppt, ohne jemals im Mittelpunkt zu stehen. Das ist nicht schlecht gemacht, aber deutlich konventioneller als Sybille Titeux de la Croix/Amazing Amezianes überragende Interpretation des Romans.

Gegen ihr Werk ist Nestis Interpretation nur eine farblose Nacherzählung des Romans.

(Diese Kurzbesprechung ergänzt meine längere Besprechung von George Orwells „1984“ und „Farm der Tiere“ und zweier Comicinterpretationen.)

Fido Nesti: 1984

(übersetzt von Michael Walter)

Ullstein, 2021

224 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

1984

Companhia das Letras, 2020

Hinweise

Homepage von Fido Nesti

Wikipedia über George Orwell (deutsch, englisch), „Farm der Tiere“ (deutsch, englisch) und „1984“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Orwells „Farm der Tiere – Ein Märchen“ (Animal Farm. A Fairy Story, 1945) und „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949), Odyrs Comic-Adaption „Farm der Tiere – Die Graphic Novel“ (A revolucao dos bichos, 2018), Sybille Titeux de la Croix/Amazing Amezianes Comic-Adaption „1984“ (1984, 2021)


Schön gesammelt: die ersten „Catwoman“-Geschichten von Ed Brubaker und Darwyn Cooke – und Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“ ist wieder erhältlich

März 15, 2022

Es ist schon zwanzig Jahre her, als Ed Brubaker und Darwyn Cooke ‚Catwoman‘ Selina Kyle neu definierten. Aus der Meisterdiebin und Freundin von Batman wurde eine Beschützerin der Frauen im East End von Gotham City.

Ed Brubaker und Darwyn Cooke sind zwei Meister des Noir-Krimis, die in ihren Hardboiled-Geschichten nie einen Hehl aus ihrer Bewunderung für Donald E. Westlake machen. Besonders seine als Richard Stark geschriebenen Parker-Gangsterromane gefallen ihnen. Der viel zu früh und zu jung verstorbene Darwyn Cooke adaptierte ab 2009 sogar vier Parker-Romane. Ins Deutsche übersetzt wurden lediglich „Parker“ (The Hunter) und „Das Syndikat“ (The Outfit).

Selinas großer Coup“, die erste Geschichte in dem jetzt veröffentlichtem Sammelband „Catwoman – Band 1“, kann als Vorstudie oder gleich als Parker-Geschichte gelesen werden. Selina will 24 Millionen aus einem fahrendem Zug rauben. Das Geld gehört der Mafia. Für diesen Diebstahl stellt sie ein Team zusammen. Zu dem Team gehört auch ein alter Profigangster namens Stark. Er ist eindeutig Parker unter einem anderen Namen. Aussehen tut er wie Lee Marvin, der Parker als Walker in dem Klassiker „Point Blank“ spielte. Die gut hundertseitige Geschichte „Selinas großer Coup“ ist auch aufgebaut wie ein Parker-Roman und die Verwicklungen (Merke: kein Plan ist so gut, dass er nicht doch schiefgehen kann) könnten aus einem Parker-Roman stammen.

Selinas großer Coup“ gehört zu Cookes Lieblingsgeschichten – und allein diese knapp hundertseitige Geschichte würde den Kauf des dicken Sammelbandes rechtfertigen.

Auch die zweite Geschichte – „Slam Bradley: Spur der Katzenfrau“ – ist eine waschechte Hardboiled-Geschichte. In ihr beauftragt der Bürgermeister von Gotham City den Privatdetektiv Slam Bradley Catwoman zu suchen. Es gibt nur zwei Probleme. Catwoman will nicht gefunden werden und sie soll seit einigen Wochen tot sein.

Die nächsten drei Geschichten erschienen zwischen Januar 2002 und September 2002 als Hefte # 1 – 9 der monatlichen „Catwoman“-Comics. Es handelt sich dabei um die jeweils vier Hefte umfassenden Geschichten „Kraftlos“ und „Verkleidungen“ und „Die Sandkorn-Theorie“.

In „Kraftlos“, der letzten von Cooke gezeichneten „Catwoman“-Geschichte, jagt Catwoman einen Mann, der im East End Prostituierte ermordet. Die Polizei interessiert sich nicht für diese Fälle. Außerdem hat bis jetzt niemand das Gesicht des Mörders gesehen.

Mit dieser Geschichte beginnen Brubaker und Cooke Catwoman neu zu definieren. Die Diebin will nämlich den Menschen in ihrem Viertel helfen. Sie beginnt Verbrecher zu jagen. Weil sie das nicht allein tun kann, baut sie in den folgenden Heften ein Netz von Vertrauten auf. Auch Bradley gehört dazu.

In „Die Sandkorn-Theorie“ (gezeichnet von Brad Rader und Cameron Stewart) wird Brendan Skinner, ein zwölfjähriger Junge aus der Nachbarschaft, als Drogenmuli benutzt. Die Drogenpäckchen öffnen sich während des Transport in seinem Magen. Jetzt liegt er im Koma im Krankenhaus und Catwoman will den Urheber des Schmuggels bestrafen.

In „Verkleidungen“ (gezeichnet von Brad Rader) sucht Holly, die Selina Kyle hilft, einen aufstrebenden Dealer, der über gute Beziehungen verfügen soll. Als Holly ihn das erste Mal sieht, weiß sie sofort, dass er ein Undercover-Polizist ist. Sie verfolgt ihn und beobachtet, wie er ermordet wird. Von anderen Polizisten, die ihn kannten. Sie bemerken die Zeugin und wollen sie umbringen.

Catwoman kann Holly in letzter Sekunde retten. Danach will sie die Mörder überführen, die währenddessen Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um Holly aus dem Weg zu schaffen.

Die fünf im ersten „Catwoman“-Sammelband enthaltenen Geschichten sind alle spannende und rundum empfehlenswerte Hardboiled-Geschichten.

Der zweite, über vierhundert Seiten dicke „Catwoman“-Sammelband soll diese Woche erscheinen. Er enthält Catwoman (2002) # 10 – 24 und Catwoman Secret Files 1.

Ebenfalls schon etwas älter, aber vor kurzem wieder in der Reihe „Marvel Must-Have“ erschienen ist Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“. Es handelt sich dabei genaugenommen um „Der Tod eines Traums“ (The Death of a Dream), dem ersten Teil der längeren Geschichte „Der Tod von Captain America“, die ursprünglich von April 2007 bis November 2008 in den „Captain America (2005)“-Heften 25 bis 42 erschien und anschließend in drei Sammelbänden veröffentllicht wurde. Insofern dürfte verständlich sein, warum „Der Tod von Captain America“ (ich beziehe mich jetzt auf die Must-Have-Ausgabe) mitten in der Geschichte endet.

Nachdem Superhelden bei einer ihrer die Welt vor Bösewichtern rettenden Aktionen über sechshundert Menschen, darunter auch Schulkinder, töteten, erließ die Regierung ein Gesetz, das Superhelden zu einer Regstrierung mit ihrer bürgerlichen Identität zwang. Über das Gesetz kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen den Superhelden. ‚Captain America‘ Steve Rogers, der gegen das Gesetz war, führte den Widerstand an und ergab sich letztendlich.

Ed Brubakers „Der Tod von Captain America“ beginnt in diesem Moment. Als der bei der Bevölkerung immer noch überaus beliebte Steve Rogers zur Verhandlung vor das Bundesgericht gebracht wird, wird er auf der Treppe des Gerichtsgebäudes erschossen.

Danach zeichnet Ed Brubaker die Reaktionen seiner Freunde nach. Dabei bemerkt sein Freund ‚Winter Soldier‘ Bucky Barnes, dass die Welt Hoffnung braucht und Captain America eben diese Hoffnung verkörperte. Er stiehlt Captain Americas Schild aus einer Ausstellung und übernimmt die Rolle von Captain America.

Im Gegensatz zu seinen „Catwoman“-Geschichten ist Ed Brubakers „Captain America“-Geschichte tief im Marvel-Kosmos verwurzelt. Deshalb dürften Menschen, die eine ordentliche Dosis Marvel genossen haben (ob als Film oder Comic ist egal), mit „Der Tod von Captain America“ mehr anfangen können als Neulinge.

Davon abgesehen, eine vorzügliche Lektüre über Trauer und die Bedeutung von Helden.

Für Krimifans ist „Catwoman“ natürlich die erste und bessere Wahl.

Ed Brubaker/Darwyn Cooke/Mike Allred/Cameron Stewart: Catwoman – Band 1

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2021

336 Seiten

34 Euro

Originalausgabe

Catwoman Vol. 1: Trail of the Catwoman

DC Comics, 2012

enthält

Catwoman: Selinas großer Coup (Catwoman: Selina’s big score, September 2002)

Slam Bradley: Spur der Katzenfrau – Teil 1 – 4 (Slam Bradley: Trail of the Catwoman – Part 1 – 4, Detective Comics # 759 – 762, August 2001 – November 2001)

Kraftlos – Teil 1 – 4 (Catwoman: Anodyne – Part 1 – 4, Catwoman # 1 – 4, Januar 2002 – April 2002)

Die Sandkorn-Theorie (Trickle Down Theory, Catwoman # 5, Mai 2002)

Verkleidungen – Teil 1 – 4 (Disguises – Part 1 – 4, Catwoman # 6 – 9, Juni 2002 – September 2002)

Ed Brubaker/Steve Epting/Mike Perkins: Marvel-Must-Have: Captain America: Der Tod von Captain America

(übersetzt von Reinhard Schweizer und Michael Strittmatter)

Panini, 2021

172 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The Death of a Dream – Part 1 – Part 6 (Captain America (2005) 25-30)

Marvel, April 2007 – November 2007

Hinweise

Wikipedia über Catwoman (deutsch, englisch), Captain America (deutsch, englisch), Darwyn Cooke (deutsch, englisch) und Ed Brubaker (deutsch, englisch)

Homepage von Ed Brubaker

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)“ (Fatale # 6 – 10, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)“ (Fatale # 11 – 15, 2013)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins‘ „Der Tod von Captain America (Band 2)“ (Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36), 2007/2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross“ „Der Tod von Captain America (Band 3)“ (Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42), 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5 , 2003)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22)

Meine Besprechung von Ed Brubakers „Batman/Joker: Der Mann, der lacht“ (Batman: The Man who laughs, 2005; Made of Wood, 2003)

Ed Brubaker in der Kriminalakte

Almost Blog von Darwyn Cooke

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The Spirit, No. 1 – 6, 2007)

Meine Besprechung von Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiottis “Will Eisner’s The Spirit – 2” (The Spirit, No. 7 – 12, 2007/2008)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes Richard-Stark-Comic „Parker“ (Richard Stark’s Parker – The Hunter, 2009)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes „Before Watchmen: Minutemen“ (Before Watchmen: Minutemen (Chapter One – Six), 2012/2013)

 


Mark Benecke ist im „Viral. Blutrausch“

März 9, 2022

Ich kann zwar nicht sagen, welches Buch ich genau erwartet hätte, aber ich kann sagen, dass ich dieses Buch von Mark Benecke nicht erwartet hätte. Benecke ist bekannt als Kriminalbiologe. Er schreibt Bestseller über seine Arbeit. Er tritt im Fernsehen auf. Er kandidierte in mehreren Wahlen für „Die Partei“ (yep, die Satireveranstaltung). Er ist, um diesen altmodischen Begriff zu gebrauchen, ein bunter Vogel. Seine Lesungen – ich war vor Jahren bei einer dabei – sind kurzweilige, informative Veranstaltungen. „Viral. Blutrausch“ ist sein jetzt erschienenes Romandebüt. Es ist ein Kriminalroman, der vom Verleih als „mitreisende moderne Crime-Noir-Geschichte“ angekündigt wird.

Sie beginnt mit einer Frauenleiche, die mitten auf einer viel befahrenen Hauptstraße hingelegt wurde. Die zweite ermordete Frau wird auf dem Dach eines Parkhauses gefunden. Beide Frauen sind jung, tragen einen weißen Bademantel, haben einen Totenkopf und eine verwelkte Blume in der Hand und sie wurden ausgepumpt. In ihrem Körper befindet sich kein Blut mehr. Es wurde ihnen mit der Hilfe fachkundig benutzter chirurgischer Instrumente entnommen. Die Zeitungen sprechen schnell von Vampir-Morden.

Das Ermittlerteam, das den perversen Serienmörder sucht, besteht aus der fünfundfünfzigjährigen Hauptkommissarin Christine Peterson, ihrer ehrgeizigen jüngeren Kollegin Alina Brinkmeier, ihrem jetzt als Privatermittler arbeitendem, selbstverständlich legendärem Ex-Kollegen Bastian Becker und seiner Partnerin Janina Funke.

Im Zug ihrer Ermittlungen verhaften sie Dulac. Er hält sich für einen Vampir und er veranstaltet entsprechende Motto-Partys. Auf einer dieser Partys arbeitete eine der Toten als Kellnerin. Aber Becker ist überzeugt, dass Dulac, ohne uns irgendeinen Grund zu nennen, nicht der Täter ist.

Wer glaubt, dass Benecke die Morde nimmt, um uns viel über den Zustand von Leichen, Verwesungen und Obduktionen zu erzählen, wird enttäuscht sein. Im Gegensatz zu anderen Fachleuten, die ihr Belletristik-Debüt benutzen, um von ihrer Arbeit zu erzählen, tut Benecke das nicht. Alles, was irgendwie kriminalbiologisch oder forensisch wichtig sein könnte, wird konsequent ignoriert. Und wer, ausgehend von Beneckes Biographie und seinen zahlreichen Mitgliedschaften (die ja auch etwas über Interessen verraten), einen irgendwie ‚ungewöhnlichen Krimi‘ erwartet, wird ebenso enttäuscht sein.

Denn „Viral. Blutrausch“ ist ein typischer deutschsprachiger Krimi, der beliebig Plotelemente aneinderreiht ohne dass daraus eine Story entsteht oder glaubwürdige Figuren miteinander interagieren. Stattdessen wird behauptet („Dulac ist nicht der Täter“, aber warum das so ist, wird einem nicht verraten) und Ermittlungsergebnisse werden uns mitgeteilt. Dabei wäre es viel interessanter, mitzuerleben, wie die Ermittler zu ihren Kenntnissen gelangen. Sowieso finden die entscheidenden Ermittlungen und Ereignisse zwischen den einzelnen Kapiteln des Romans statt. Am Ende wird der Täter aus dem Hut gezaubert. Ein Motiv hat er nicht. Es wird über wichtige Erlebnisse in der Vergangenheit von Becker geraunt, weil heutzutage jeder Kriminaler eine problematische Vergangenheit hat. Auch wenn sie mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hat. Das liest sich wie das angewandte Produktionshandbuch für den nächsten TV-Krimi, irgendwo zwischen dem allwöchentlichem „Tatort“ und einer beliebigen „Soko“-Folge.

Schon bei der Lektüre fragte ich mich, warum Benecke ein so langweiliges Buch schreibt, das, wenn es in einer irgendwann einmal namentlich genannten oder erkennbaren Stadt spielen würde, ein bestenfalls durchschnittlicher Regiokrimi wäre.

Ach ja, und Noir ist an dem Werk nichts.

Mark Benecke (mit Dennis Sand): Viral. Blutrausch

Benevento, 2022

232 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Mark Benecke

Wikipedia über Mark Benecke


Ash trifft in „Blade Runner 2029“ auf „Alte Bekannte“

Februar 21, 2022

Zehn Jahre nach den Ereignissen von „Blade Runner 2019“ erzählen Autor Mike Johnson und Zeichner Andrés Guinaldo eine weitere Geschichte aus dem Leben der Replikantenjägerin Ash. Die Kopfgeldjägerin ist eine der ersten und besten Blade Runner.

2029 soll Ash in Los Angeles einen untergetauchten Replikanten finden, der auf einer städtischen Baustelle arbeitet. Bevor er sich in den Tod stürzt, sagt der Replikant noch „Yotun erlöst“.

Diesen Yotun hat Ash vor zwölf Jahren schon einmal getroffen. Danach verschwand der Replikant und jetzt sollte er, angesichts der Lebenserwartung eines Replikanten, schon lange tot sein. Aber er wurde zum Anführer einer Replikanten-Sekte. Er schafft neue Replikanten und er hat einen die Stadt bedrohenden Plan.

Alte Bekannte“ enthält die ersten vier Hefte der neuen „Blade Runner 2029“-Geschichte. In den USA erschien jetzt das zwölfte Heft dieser Geschichte, die damit anscheinend noch nicht zu Ende erzählt ist. Entsprechend schwierig ist es über „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte“ zu sprechen. Schließlich ist das nur der vielversprechende, mit einem Cliffhanger endende Auftakt einer Geschichte, die von Mike Johnson gut erfunden und von Andrés Guinaldo sehr atmosphärisch im Stil des bekannten „Blade Runner“-Spielfilms gezeichnet ist.

Zum Schluss noch eine aktuelle Meldung aus dem „Blade Runner“-Universum: Vor wenigen Tagen wurde die Planung einer zehnteiligen Amazon-Prime-Video-Serie bestätigt. „Blade Runner 2099“ soll fünfzig Jahre nach „Blade Runner 2049“ spielen – und viel mehr ist nicht bekannt. Auch nicht, wann die Serie veröffentlicht wird und wie sehr Ridley Scott involviert sein wird. Also ob er nur als Produzent oder auch als Regisseur von einer oder oder mehrerer Episoden dabei ist.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo: Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2021

116 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2029 # 1 – 4

Titan Comics/Alcon Entertainment, 2020/2021

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)


Über Rick Remenders „Deadly Class“ und „Fear Agent“

Februar 16, 2022

Werfen wir schnell einen weitgehend spoilerfreien Blick auf zwei Serien von Rick Remender. Die eine spielt im Weltraum und ist abgeschlossen. Die andere in einer Schulklasse. In den USA steuert sie langsam auf ihr Ende zu und sie inspirierte eine kurzlebige TV-Serie. Das ist nachvollziehbar. Denn die Prämisse von „Deadly Class“ liest sich wie ein archetypischer Pitch für eine erfolgreiche Streaming-Serie. „Deadly Class“ spielt in den achtziger Jahren. Marcus Lopez, die Hauptfigur, wird in das King’s Dominion aufgenommen. Das ist ein nobles Internat, in das er überhaupt nicht hinein passt. Seine Mitschüler sind die Kinder von Verbrecherbossen, Killern, Terroristen und Agenten. Neben den normalen Teenagerproblemen (die erste Liebe, der erste Rausch) und dem normalen Unterricht, werden sie auch umfassend als Profikiller ausgebildet. Sie sollen, ohne Spuren zu hinterlassen, Menschen auf tausend Arten töten können. Diese Fähigkeit wenden sie auch außerhalb des Unterrichts an.

Nach einem furiosen Start und einer idiotischen Versetzungsprüfung, in der sie sich gegenseitig umbringen müssen, plätschert die von Autor Rick Remender, Zeichner Wes Craig und Colorist Jordan Boyd erzählte Geschichte zunehmend vor sich hin. Es gibt zwar immer wieder Kämpfe und Morde, aber die normalen libidösen Teenagerprobleme nehmen zunehmend Zeit in Anspruch. Wie sie die Geschichte voranbringen könnten, ist dagegen nicht erkennbar. Denn ein Finale, das lediglich die Versetzungsprüfung wiederholt, wäre doch etwas enttäuschend.

Mit dem 52. Heft soll „Deadly Class“ enden. Bei uns sind, gesammelt in neun Bänden, die ersten vierundvierzig Hefte übersetzt. Der zehnte Band ist für Mai angekündigt.

Fear Agent“ heißt eine von Rick Remender geschriebene, von Tony Moore (Hauptzeichner), Jerome Opeña und Mike Hawthorne gezeichnete Weltraumserie, die ursprünglich zwischen 2005 und 2011 erschien und 2018 in einer „Final Edition“ wieder veröffentlicht wurde. Diese Ausgabe wurde für die deutsche Veröffentlichung genommen.

Fear Agent“ kann als Mix aus brutaler Science-Fiction-Abenteuergeschichte und schwarzhumoriger Klamotte beschrieben werden kann. Heath Huston ist der letzte Fear Agent. Die Fear Agents waren eine aus Texas stammende Gruppe von Kämpfern, die vor einigen Jahren gegen Aliens kämpften.

Jetzt treibt Heath mit seinem Raumschiff durch das All, trinkt zu viel, erinnert sich an seine große Liebe und erlebt abstruse Abenteuer, die eben genau deswegen so witzig und gelungen sind. Es handelt sich sozusagen um die Deadpool-Ausgabe der „Guardians of the Galaxy“.

Im zweiten und dritten Sammelband der Serie gibt es jeweils zwei Geschichten, die weitgehend unabhängig voneinander gelesen werden können und bei denen unklar ist, ob es den Machern eher um spaßige Weltraumabenteuer oder um eine zusammenhängende Geschichte geht, die mit einigen langen Abschweifungen Themen von Schuld und Sühne behandelt.

Denn in „Der Abschied“ (in Fear Agent, Band 2) erinnert Heath sich an die Zeit, als mehrere Alienrassen die Erde zu ihrem Kampfplatz auswählen. Heath war damals ein glücklich mit Charlotte verheirateter Redneck-Trucker. Er schließt sich mit anderen Texanern zusammen, um gegen die Aliens zu kämpfen. Dabei tötet er eine gesamte Alienrasse.

In den darauf folgenden drei Geschichten – „Alle gegen einen“, „Ich gegen mich“ und „Aus dem Schritt“ – erlebt Heath, unter anderem auf einem Western-Planeten, wilde Abenteuer mit anderen Menschen, Aliens, Tieren und Robotern.

Mitte April erscheint der vierte „Fear Agent“-Sammelband. Er enthält Geschichten von Chris Burnham, Rafael Albuquerque, Kieron Dwyer, Francesco Francavilla, Ivan Brandon und Eric Nguyen erzählte Geschichten aus dem „Fear Agent“-Kosmos.

Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: Blutige Liebe – 1988 (Band 7)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2021

136 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class – Volume 7: Love like blood (# 32 – 35)

Image Comics, 2018

Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: Kein Zurück – 1988 (Band 8)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2021

136 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe/enthält

Deadly Class – Volume 8: Never go back ( # 36 – 39)

Image Comics, 2019

Deadly Class: Killer Set, FCBD Special (Free Comic Book Day Special)

Image Comics, 2019

Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: Knochenmaschine – 1989 (Band 9)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2021

136 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class – Volume 9: Bone Machine (# 40 – 44)

Image Comics, 2020

Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeña: Fear Agent – Band 2

(übersetzt von Christof Bango)

Cross Cult, 2021

250 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Fear Agent: Final Edition, Volume 2

Image Comics, 2018

Rick Remender/Tony Moore/Mike Hawthorne: Fear Agent – Band 3

(übersetzt von Christof Bango)

Cross Cult, 2021

250 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Fear Agent: Final Edition, Volume 3

Image Comics, 2018

Hinweise

Homepage von Rick Remender

Wikipedia über Fear Agent“ und „Deadly Class“ (Comic) (TV-Serie: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rick Remenders „Punisher 4: Frankencastle 2“ (FrankenCastle # 17 – 19, 2010)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)“ (Deadly Class Volume 1: Reagan Youth, 2014)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)“ (Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole, 2015)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)“ (Deadly Class Volume 3: The Snake Pit, 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)“ (Deadly Class Volume 4: Die for me, 2020)

Meine Besprechung von Rick Remder/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Karussell (Band 5)“ (Deadly Class Volume 5: Carousel, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Nicht das Ende (Band 6)“ (Deadly Class Volume 6: This is not the end, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeñas „Fear Agent – Band 1“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 1, 2018)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Kenneth Branagh ist wieder Hercule Poirot in Agatha Christies „Tod auf dem Nil“

Februar 10, 2022

Als Hercule Poirot in Ägypten vor einer Pyramide meditiert, wird er von einem alten Bekannten gestört. Der bringt den belgischen Privatdetektiv mit der sehr reichen, sehr schönen und überaus jungen Erbin Linnet Ridgeway zusammen. Sie ist, mit ihrer Entourage, unzähligen Koffern und einer Tanzband gerade auf ihrer mondänen Hochzeitsreise. Alles könnte perfekt sein, wenn sie und ihr Mann Simon Doyle nicht von Jacqueline De Bellefort, der vorherigen Freundin ihres Ehemannes, verfolgt würden. De Bellefort machte sie miteinander bekannt. Jetzt ist sie eine vom Hass auf das glückliche Paar zerfressene Stalkerin.

Linnet Ridgeway (bzw. nach der Heirat Doyle) lädt den berühmten Detektiv Poirot ein, sie und ihre Hochzeitsgesellschaft auf den von ihr gemieteten Luxus-Schaufelraddampfer S. S. Karnak zu begleiten. Die Millionenerbin hofft, dass sie so De Bellefort entkommen kann.

Aber kurz darauf ist De Bellefort trotzdem auf dem Dampfer. Etwas später liegt Linnet Ridgeway erschossen in ihrer Kabine im Bett.

Hercule Poirot beginnt den Täter zu suchen. Denn er ist noch auf dem Schiff und er mordet munter weiter; – was natürlich auch eine Methode ist, um die Zahl der Tatverdächtigen zu verkleinern. Denn jeder Schiffspassagier hat ein gutes Mordmotiv.

Angekündigt wurde diese Nilfahrt bereits 2017 am Ende von „Mord im Orientexpress“, dem ersten Auftritt von Kenneth Branagh als Hercule Poirot. Sein zweiter Auftritt sollte bereits im Oktober 2020 im Kino starten. Ein dritter Film ist bereits geplant. Seit dem ursprünglich geplantem Kinostart sorgte die Coronavirus-Pandemie und andere Probleme für mehrere Verschiebungen des Starttermins. Doch jetzt ist es soweit.

Michael Green schrieb wieder das Drehbuch. Kenneth Branagh übernahm wieder die Regie und er spielt wieder Hercule Poirot. Dieses Mal allerdings mit einem deutlich gestutztem Oberlippenbart. In einem vollkommen überflüssigem Prolog wird erzählt, wie er zu seinem Bart kam. Danach soll der Oberlippenbart eine hässliche Kriegsverletzung auf seiner rechten Gesichtshälfte verdecken. Das würde mit diesem Bart allerdings nicht gehen. Und bis jetzt hat wohl kein Poirot-Fan darüber gerätselt, warum Poirot einen Bart hat. Denn der belgische Ermittler hat einfach einen Oberlippenbart. Er hat, wie es damals üblich war, auch keine nennenswerte Vergangenheit, keine ausformulierte Biographie und damit auch kein eindeutig bestimmbares Alter. So hielt Agatha Christie ihn bei seinem ersten Auftritt 1920 schon für eine älteren Mann. 1975 erschien ihre letzte Poirot-Geschichte. Insgesamt ließ sie ihn in 33 Romanen, über fünfzig Kurzgeschichten und zwei Theatestücken ermitteln. Seit 2014 schrieb Sophie Hannah, im Auftrag der Erben von Agatha Christie, vier Poirot-Romane. Für seinen dritten Poirot-Film könnte Branagh also mühelos eine Geschichte verfilmen, die, im Gegensatz zu seinen ersten beiden Poirot-Filmen, noch nicht für das Kino verfilmt wurden.

Das Opfer und die Verdächtigen werden, wie schon in „Mord im Orientexpress“, von bekannten Schauspielern gespielt. Gal Gadot spielt Linnet Ridgeway (bzw. in dem Moment, wegen der Heirat, Doyle), Armie Hammer spielt ihren Mann Simon Doyle und Emma Mackey spielt Jacqueline De Bellefort als Doyles frühere Freundin. Außerdem spielen, in keiner bestimmten Ordnung, Annette Beining, Tom Bateman, Russell Brand, Ali Fazal, Rose Leslie, Jennifr Saunders, Dawn French, Sophie Okonedo und Letitia Wright mit.

Die Pyramiden, das Schiff und die Kostüme sind überaus fotogen. Wobei die meisten Aufnahmen von den Pyramiden, dem Hotel, dem Dampfer und somit Ägypten im Studio entstanden.

Das folgt dem Rezept der bekannten Agatha-Christie-Kinoverfilmungen, in denen viele bekannte Schauspieler an einem fotogenem Ort versammelt werden und jeder Schauspieler irgendwann seinen großen Auftritt als Verdächtiger hat. Das Erzähltempo ist betulich und alles ist beruhigend altmodisch.

In diesem Fall ist auch die Geschichte bekannt. Agatha Christie veröffentlichte den Poirot-Roman „Der Tod auf dem Nil“ 1937. Er wurde seitdem mehrmals verfilmt. Die bekannteste Verfilmung ist John Guillermins Verfilmung von 1978 mit Peter Ustinov als Hercule Poirot. Sie läuft regelmäßig im Fernsehen und sie wurde vor wenigen Tagen wieder im Kino gezeigt.

Genau wie Guillermins Verfilmung ist Branaghs Verfilmung kulinarisches Kino, verschwenderisch in seiner Pracht, schön anzusehen und in Nostalgie badend. Wie der Roman und wie eigentlich alle Rätselkrimis spielt die Geschichte in einer Parallelwelt, in der der Mord als intellektuelles Puzzle betrachtet wird und in dem aktuelle politische Probleme ignoriert werden. So ist in dem Roman nichts vom heraufziehenden Zweiten Weltkrieg zu spüren. Der Kolonialismus ist auch kein Problem. Ägypten ist einfach nur die austauschbare Kulisse. Eine Fototapete eben, vor der weiße, vermögende Engländer sich gegenseitig umbringen. Die Einheimischen kommen höchstens als namenlose Kofferträger vor. Die Tanzband ist im Film eine großzügig gezeigte Jazzband mit zwei schwarzen Sängerinnen. Aber ob der Film 1937 oder dreißig Jahre früher oder später spielt, ist egal.

Somit ist alles angerichtet für einen traditionellen Rätselkrimi.

Allerdings haben Drehbuchautor Michael Green und Branagh erstaunliche Probleme, die Geschichte zu erzählen. „Tod auf dem Nil“ ist, wie gesagt, ein Rätselkrimi mit den entsprechenden Konventionen. So geschieht der Mord ungefähr in der Filmmitte. Bis dahin macht sich jeder der Passagiere hinreichend verdächtig. Und De Bellefort ist von Anfang an schon so verdächtig, dass sie als Mörderin ausscheidet; – wenn das nicht eine von ihr gelegte falsche Spur ist. Nach dem Mord beginnt Poirot mit seinen Ermittlungen, in denen jedes Mitglied der Reisegruppe noch verdächtiger wird. Sie haben selbstverständlich bombenfeste Alibis, die sich wenige Minuten später als Lügengebilde herausstellen. Und am Ende, das normalerweise ungefähr das letzte Viertel bis Drittel der Geschichte einnimmt, versammelt der Detektiv alle in einem Raum und erklärt ihnen nacheinander, welches Motiv jeder von ihnen gehabt hätte, wie er den Mord hätte begehen können und warum er doch nicht der Täter ist. Es werden also mehrere mögliche Tatabläufe präsentiert, ehe am Ende der Täter enttarnt wird.

Diesem Plot folgt Branagh auch. Aber es gelingt ihm nie, Poirots Ermittlungen nachvollziehbar zu gestalten. Dafür bleiben alle Tatverdächtigen und ihre Motive viel zu diffus. Keiner von ihnen wird zu einer erinnerungswürdigen Figur. Die meisten haben noch nicht einmal erinnerungswürdige Auftritte.

Das Finale, die groß angelegte Enttarnung des Bösewichts, ist eine hastig hingeschluderte Enttarnung, die kaum im Gedächtnis bleibt. Dabei sollte sie der mit vielen Wendungen und Einzeilern gestaltete Höhepunkt des Rätselkrimis sein.

So ist „Tod auf dem Nil“, auch in den engen Konventionen des Rätselkrimis betrachtet, ein enttäuschendes und oft langweiliges Werk. Darüber kann der ins Leere laufende Bombast der Inszenierung nicht hinwegtäuschen.

Tod auf dem Nil (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)

mit Kenneth Branagh, Gal Gadot, Armie Hammer, Rose Leslie, Emma Mackey, Letitia Wright, Annette Bening, Russell Brand, Tom Bateman, Jennifer Saunders, Dawn French, Ali Fazal, Sophie Okonedo

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (zum Kinostart mit neuem Cover – in der Übersetzung von Pieke Biermann liest sich die Geschichte überaus flott mit einem angenehm humorvollem Unterton. So hatte ich den „Tod auf dem Nil“ nicht in Erinnerung.)

Agatha Christíe: Der Tod auf dem Nil – Ein Fall für Poirot

(übersetzt von Pieke Biermann)

Atlantik Verlag, 2022

320 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Death on the Nile

HarperCollins, London 1937

Zahlreiche frühere Übersetzungen und Ausgaben.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Metacritic über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Rotten Tomatoes über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Wikipedia über „Tod auf dem Nil“ (2022) (deutsch, engllisch)

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)


Buch- und Filmkritik: Über Lee Childs „Reacher“, die Serie, die Vorlage „Größenwahn“ und Jack Reachers neuestes Abenteuer „Der Spezialist“

Februar 4, 2022

Ich wurde in Eno’s Diner verhaftet. Um zwölf Uhr. Ich aß gerade Rühreier und trank Kaffee. Kein Mittagessen, ein spätes Frühstück. Ich war durchnässt und müde nach einem langen Marsch im strömenden Regen. Die ganze Strecke vom Highway bis zum Stadtrand.“

So beginnt Lee Childs erster Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“. Es war auch sein Romandebüt und, obwohl er von Anfang an auf den Bestsellererfolg hoffte, hätte er sich diesen Erfolg nicht vorstellen können. Seit 1997 veröffentlichte er jedes Jahr einen Jack-Reacher-Roman. 2010 sogar zwei. Bei uns erschien zuletzt „Der Spezialist“, sein 23. Reacher-Roman (dazu später mehr). In England erschien bereits „Blue Moon“, der letzte von ihm allein geschriebene Reacher-Roman.

Seitdem schreibt er zusammen mit seinem Bruder Andrew Grant, der ebenfalls Thriller schreibt, unter dem Pseudonym Andrew Child weitere Reacher-Romane. Langfristig soll Andrew Grant die Serie allein weiterschreiben. – Ach ja: Lee Child ist ein Pseudonym von James Dover Grant.

Größenwahn“ wurde jetzt eine Amazon-Prime-Serie (auch dazu später mehr). Der Blanvalet-Verlag, in dem die Reacher-Romane erscheinen, spendierte dem Roman deswegen ein neues Cover.

In „Größenwahn“ besucht Jack Reacher in Georgia die Kleinstadt Margrave. Dort starb vor Ewigkeiten der von ihm bewunderte Blues-Musiker Blind Blake und Reacher will sich jetzt den Ort einmal ansehen.

Jack Reacher ist ein ehemaliger Militärpolizist. Er ist 1,96 Meter groß, muskulös, superschlau, T-Shirt-Träger und Kaffee-Trinker. Sein ganzes bisheriges Leben verbrachte er im Militär. Geboren wurde er 1960 in Westberlin. Danach wurden seine Eltern von Stützpunkt zu Stützpunkt versetzt. Er wurde Soldat, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist jetzt, mit 36 Jahren, zum ersten Mal ohne Verpflichtungen. Seit einem halben Jahr erkundet er das Land, das er im Ausland verteidigte und das er noch nicht kennt.

In Margrave wird ihm vorgeworfen, einen Mann ermordet zu haben. Allerdings hat er ein überzeugendes Alibi. Kurz darauf gesteht der Banker Paul Hubble den Mord. Der ist zwar auch nicht der Täter, aber das interessiert Reacher nicht weiter. Er will, sobald die Polizei sein Alibi überprüft hat, weiterziehen.

Aber dann wird der erste Tote identifiziert und für Reacher wird die Angelegenheit persönlich. Es ist sein zwei Jahre älterer Bruder Joe. Reacher hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Inzwischen arbeitet Joe im Finanzministerium. Dort beschäftigt er sich mit der Verfolgung von Geldfälschern.

Reacher will jetzt die Mörder seines Bruders finden und töten. Zusammen mit den örtlichen Polizisten Finlay, dem Chef des Ermittlungsbüros, und Elizabeth Roscoe, ermittelt er in Margrave, schlägt währenddessen einige Männer zusammen und bringt etliche Männer um.

Trotzdem ist dieses Rachemotiv für die Geschichte unerheblich. Es ist letztendlich nur der aus einem Schreibratgeber übernommene Grund, Reacher daran zu hindern, Margrave zu verlassen. Denn im Gegensatz zu den späteren Reacher-Romanen zögert Reacher hier viel länger, bis er sich einmischt und die Bösewichter verfolgt.

Von diesem kleinen Punkt abgesehen steckt Lee Child in „Größenwahn“ bereits den Rahmen ab, in dem die Figur Reacher und die Geschichten sich seitdem bewegen. Es sind Western-Topoi, die in die Gegenwart übertragen werden. Jack Reacher ist der archetypische mythologische Held. Er ist die moderne Ausgabe von ‚mein großer Freund Shane‘. Die Plots folgen, vor allem wenn sie im Hinterland spielen, Western-Geschichten. So gibt es in „Größenwahn“, der immer wieder an einen klassischen Western erinnert, einen bösen Landbesitzer, der die Stadt beherrscht, und einen Durchreisenden, der für Recht und Ordnung sorgt – und anschließend weiterzieht. Je nach den Erfordernissen der Geschichte erzählt Child sie mal in der ersten, mal in der dritten Person. In einigen Reacher-Romanen taucht er in die Militärvergangenheit seines Helden ein und manchmal lässt er ihn in einer Großstadt in Schwierigkeiten geraten.

Außerdem sind alle Reacher-Romane Einzelabenteuer, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Er besucht immer wieder verschiedene Orte und es gibt keine von Roman zu Roman wachsende Schar von Freunden und Gehilfen. Auch seine Familie spielt keine Rolle in Reachers Leben. In „Der Spezialist“ erwähnt er im Gespräch zwar seinen Bruder, aber er sagt nie, dass er vor über zwanzig Jahren ermordet wurde oder dass er tot ist. Reacher ist einfach der Wanderer, der für Gerechtigkeit sorgt, keine Bindungen hat, keine Bindungen eingehen will und mit seinem rastlosen Leben rundum zufrieden ist.

In „Der Spezialist“ besucht Reacher in New Hampshire Laconia. Es ist der Ort, den sein Vater Stan Reacher mit siebzehn Jahren verließ und den er seitdem nie wieder besuchte. Das führte auch dazu, dass Reacher seine Großeltern oder andere Verwandte nicht kennt. In Laconia stößt er dann gleich auf ein Problem. Ein Stan Reacher oder eine Familie Reacher wohnte niemals in dem Ort. Erst als Reacher den Suchradius auf die umlegenden Orte, wobei Häuser mit Postanschrift treffender ist, erweitert, entdeckt er den Ort, in dem die Reachers damals lebten.

In dem Moment hat Reacher schon eine Frau gegen einen Vergewaltiger verteidigt und, gleichzeitig, eine in Laconia einflussreiche Unternehmerfamilie verärgert. Der Patriarch will sich dafür an Reacher rächen. Mit der Aufgabe beauftragt er einige Schläger.

In dem Moment weiß Reacher noch nicht, dass ein Mark Reacher (anderer Zweig der Familie) im Wald ein Motel betreibt. Dort gastiert ein junges Pärchen, das aus Kanada kommend auf der Durchreise ist und Probleme mit ihrem Auto hat. Während die beiden Mittzwanziger noch auf den Mechaniker warten, ahnen wir bereits, dass sie das Motel niemals wieder verlassen werden. Immmerhin erinnert das Motel sofort an das „Psycho“-Motel und „Der Spezialist“ ist ein Thriller. Was Mark und seine Freunde mit Patty Sundstrom und Shorty Fleck vorhaben, verrät Lee Child erst ziemlich spät; genaugenommen am Ende des dritten Viertel des Romans. Trotzdem können wir uns denken, welches Spiel mit ihnen gespielt werden soll und wie Reacher als nicht eingeladener Teilnehmer den geplanten Spielablauf durcheinanderbringt.

Der Spezialist“ ist ein durchwachsener Thriller. Einerseits entwickelt die Geschichte sich ziemlich überraschungsfrei und sie ist so kontruiert, dass Reacher im letzten Viertel des Romans zufällig in Marks Spiel stolpert. Bis dahin hat er keine Ahnung davon. Andererseits wechselt Child spannungssteigernd zwischen den beiden Erzählsträngen, auf jeder Seite passiert etwas und die Lesezeit vergeht flott. Letztendlich ist „Der Spezialist“ ein guter Thriller, aber er gehört nicht zu den besten Reacher-Thrillern, – von denen bereits zwei zu Spielfilmen wurden.

2012 und 2016 spielte Tom Cruise in „Jack Reacher“ und „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ sehr überzeugend Jack Reacher. Die Fans der Romane meckerten allerdings von Anfang an über Cruises Körpergröße. Cruise ist 1,7 Meter. Reacher ist in den Büchern 1,96 Meter und damit ein Riese. Aus Sicht der Fans kann Reacher daher auch nur von einem Riesen gespielt werden; was natürlich Unfug ist. Trotzdem wurde der immer wieder lautstark vorgetragene Wunsch der Fans erhört. Für die Amazon-Prime-Serie „Reacher“, die seit dem 4. Februar 2022 online ist, wurde Alan Ritchson engagiert. Er ist 1,88 Meter groß und er hat viele, also wirklich viele Muskeln. Viel mehr spricht nicht für ihn als Jack Reacher.

Das war meine Meinung vor dem Ansehen der Serie und ist meine Meinung nach dem Ansehen der Serie.

Ironischerweise versuchen die Regisseure in der Streamingserie immer wieder, Reacher kleiner erscheinen zu lassen. Selten überragt Ritchson die anderen Schauspieler um ein, zwei Köpfe. Seine Gegner in den zahlreichen Faustkämpfen sind alle groß und muskulös. Das macht die Kämpfe auf den ersten Blick etwas weniger ungleich. Trotzdem werden hier immer wieder renitente Kleinstadtjugendliche oder Häftlinge von einem Mann zusammengeschlagen, der so groß ist, dass allein schon seine Körpergröße jede Schlägerei verhindern sollte.

Die erste, aus acht, jeweils um die fünfzig Minuten langen Episoden bestehende Staffel basiert auf dem ersten Reacher-Roman „Größenwahn“. Für die Streamingserie wurde die Handlung aus den Neunzigern in die Gegenwart verlegt. Es wird mit Smartphones telefoniert. Und Reacher, der eigentlich ein begnadeter Schweiger und Denker ist, muss viel reden.

Ansonsten folgt Showrunner Nick Santora mit wechselnden Episodenautoren und Regisseuren sehr genau, fast schon sklavisch dem Roman. Zu den größeren Änderungen gehören, dass in der Serie, im Gegensatz zum Roman, der eine Ich-Erzählung ist, auch Ereignisse gezeigt werden, bei denen Reacher nicht dabei ist. Im Buch erfährt er später davon. Es gibt mehrere Rückblenden in Reachers Vergangenheit und Jugend, die es so im Roman nicht gibt. Und Frances Neagley, die im Buch überhaupt nicht auftaucht, hat eine wichtige Rolle. Sie arbeitete mit Reacher während seiner Militärzeit zusammen und hilft ihm jetzt wieder. Wahrscheinlich wird sie in künftigen Staffeln als wiederkehrende Figur immer wieder dabei sein.

Die gut vierhundert Minuten der absolut okayen, niemals irgendwie außergewöhnlichen Streamingserie vergehen flott. Schließlich gibt es in jeder Folge einige neue Ermittlungserfolge, Schlägereien und Tote. Teils verüben die Bösewichter die Morde. Teils verübt Reacher sie. Ebenfalls ohne erkennbare Skrupel. Und das explosive Finale ist mit seinen zahlreichen Kampfszenen ziemlich lang geraten. Gleichzeitig ist immer deutlich, dass die Serie als in sich abgeschlossene Geschichte für den kleinen Bildschirm geschrieben und inszeniert wurde.

Reacher blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann marschierte er in diesselbe Richtung los. Die Sonne schien ihm in die Augen. Er erreichte die von Norden nach Süden führende Nebenstraße, suchte sich eine gute Stelle auf dem Bankett und reckte einen Daumen in die Höhe.“

(die letzten Zeilen von „Der Spezialist“)

Lee Child: Der Spezialist

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2021

448 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Past Tense (Reacher 23)

Bantam Press, London 2018

Lee Child: Größenwahn

(übersetzt von Marie Rahn)

Blanvalet, 2022 (Filmausgabe)

544 Seiten

11,00 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 1998

anschließend bei Blanvalet mehrere Ausgaben

Originalausgabe

Killing Floor

Bantam Press, London 1997

Amazon-Prime-Video-Serie

 

Reacher (Reacher, USA 2022)

Regie: Norberto Barba, M.J. Bassett, Sam Hill, Omar Madha, Christine Moore, Lin Oeding, Stephen Surjik, Thomas Vincent

Drehbuch: Cait Duffy, Aadrita Mukerji, Scott Sullivan, Nick Santora

LV: Lee Child: Killing Floor, 1997 (Größenwahn)

mit Alan Ritchson, Malcolm Goodwin, Willa Fitzgerald, Hugh Thompson, Chris Webster, Bruce McGill, Maxwell Jenkins, Gavin White, Maria Sten, Kristin Kreuk, Marc Bendavid, Patrick Garrow, Lee Child (Cameo)

Länge: ~ 390 Minuten (8 Episoden)

FSK: ab 16 Jahre (Amazon-Freigabe ist ab 18 Jahre; in jedem Fall gibt es nackte Haut, Sex und Gewalt; wie in den Romanen)

Hinweise

Amazon über „Reacher“

Moviepilot über „Reacher“

Metacritic über „Reacher“

Rotten Tomatoes über „Reacher“

Wikipedia über „Reacher“ (Amazon-Prime-Serie), Jack Reacher (deutsch, englisch) und Lee Child (deutsch, englisch)

Homepage von Lee Child

Meine Besprechung von Lee Childs „Tödliche Absicht“ (Without fail, 2002)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Abschussliste“ (The Enemy, 2004)

Meine Besprechung von Lee Childs „Sniper“ (One Shot, 2005)

Meine Besprechung von Lee Childs “Outlaw” (Nothing to Loose, 2008)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Gejagten“ (Never go back, 2013)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Ermittler – Ein Jack-Reacher-Roman“ (Night School (21 Reacher), 2016)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Held“ (The Hero, 2019)

Meine Besprechung von Lee Childs (Herausgeber) „Killer Year – Stories to die for…from the hottest new crime writers“ (2008)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Edward Zwicks „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ (Jack Reacher: Never go back, USA 2016)

Kriminalakte über Lee Child und „Jack Reacher“


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