Tillie Walden schickt uns „Auf einen Sonnenstrahl“

April 19, 2021

Eine leichte Lektüre ist Tillie Waldens „Auf einem Sonnenstrahl“ nicht. Das liegt vor allem am Gewicht des Buches, Mit 544 Seiten liegt der Comic wirklich schwer in den Händen. Die von Walden erzählte Geschichte ist dann leichter, aber nicht leichtgewichtig. Im Mittelpunkt steht Mia. Sie ist das neueste Mannschaftsmitglied auf einem Raumschiff, das durch den Weltraum fliegt und alte Gebäude restauriert. Und erkundet. Manchmal auch abseits der erlaubten Pfade.

Mia freundet sich schnell mit den Gleichaltrigen an. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre zurückliegende Zeit in einem Internat. Dort verliebte sie sich vor fünf Jahren in Grace. Kurz darauf wurde Grace von ihrer Familie wieder in ihrer alten Heimat, der Großen Treppe, dem gefährlichsten und abgelegensten Ort der Galaxis, zurückgeholt. Mia ist immer noch in sie verliebt. Allerdings hat sie seit Graces Verschwinden nichts mehr von ihr gehört.

Als ihre neuen Freunde davon erfahren, wollen sie ihr helfen. Sie meutern gegen ihre neue Schiffskapitänin, die sie nicht mögen, weil sie sie respektlos behandelt. Danach fliegen sie zur Großen Treppe, um Mia dort wieder mit Grace zusammenzubringen. Falls sie das Abenteuer überleben.

Tillie Waldens im Weltraum spielende queere Coming-of-Age-Geschichte „Auf einem Sonnenstrahl“ erschien zuerst als Webcomic. Anschließend erstellte sie eine überarbeitete Buchversion. 2018 erhielt „Auf einem Sonnenstrahl“ den Los Angeles Times Book Prize und war für den Eisner Award for Best Digital Comic nominiert.

Walden erzählt Mias Geschichte oft ohne Dialoge und in seitenfüllenden Panels. Das führt dazu, dass die Geschichte trotz der über fünfhundert Seiten überschaubar bleibt. Stattdessen konzentriert sie sich auf Stimmungen und die durchgehend freundschaftlichen Interaktionen der fast ausschließlich weiblichen Figuren. Ein Besatzungsmitglied definiert sich als nicht-binär. In diesen Momenten entwirft sie das Bild einer sehr freundlichen Zukunft, in der Jugendliche für uns sehr vertraute Probleme haben.

Die erst fünfundzwanzigjährige US-amerikanische Künstlerin hat bereits sechs Comics veröffentlicht. Zwei davon, „Pirouetten“ und „West, West Texas“, erschienen ebenfalls bei Reprodukt. Ihre Werke wurden, mehrmals, mit dem Ignatz Award, dem Eisner Award und dem Rudolph-Dirks-Award ausgezeichnet.

Tillie Walden: Auf einem Sonnenstrahl

(übersetzt von Barbara König)

Reprodukt, 2021

544 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

On a Sunbeam

First Second/Roaring Book Press, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Auf einem Sonnenstrahl“

Reprodukt über Tillie Walden

Homepage von Tillie Walden

Wikipedia über „Auf einem Sonnenstrahl“ und Tillie Walden (deutsch, englisch)


Das „Filmjahr 2020/2021“ mit dem Lexikon des internationalen Films analysiert

April 16, 2021

2020 war für die Filmbranche eine Katastrophe. Mit 1,8 Millionen Zuschauer war „Bad Boys for Life“ der erfolgreichste Film des Jahres. „Tenet“ folgt mit 1,6 Millionen auf dem zweiten Platz. 2019 sah es anders aus. Auf dem ersten Platz stand „Die Eiskönigin II“ mit 6,4 Millionen Zuschauern. Auf den nächsten Plätzen stehen „Der König der Löwen“ (5,5 Millionen), „Avengers – Endgame“ (5,1 Millionen), „Das perfekte Geheimnis“ (5 Millionen) und „Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers“ (4,96 Millionen). Der Umsatz brach um über sechzig Prozent ein. Angesichts der wenigen Monate, in denen die Kinos ohne Beschränkungen auf waren (eigentlich nur bis Mitte März) und den teils großen Beschränkungen in den wenigen Öffnungsmonaten im Sommer und Frühherbst, hätte ich mit einem größeren Einbruch gerechnet. Für dieses Jahr sehe ich allerdings ziemlich schwarz. Vor dem Sommer dürfte es keine Öffnungen geben. Im Sommer wird in den Kinos vielleicht ein Notprogramm gefahren und es gibt Sommerkinos. Im Herbst dürfte es dann besser werden.

Für Filmfans war das letzte Jahr ähnlich schlecht. Die Zahl der im Lexikon besprochenen Fime hat sich zwischen den Filmjahren 2019 und 2020 kaum geändert. Es sind jeweils um die 1400 Filme. Besprochen werden Spielfilme, spielfilmlange TV-Filme (wozu auch der „Tatort“ gehört), TV-Serien und spielfilmlange Dokumentarfilme, die 2019 in Deutschland anliefen. Allerdings nur selten im Kino, wo ein Film seine maximale Wirkung entfalten kann. Meistens erlebten die Werke ihre Premiere auf DVD, im Fernsehen und auf verschiedenen Streaming-Plattformen, die dann nicht für alle zugänglich sind.

Diese Kurzbesprechungen sind natürlich immer noch das Herzstück des vom Filmdienst und der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegebenem „Lexikons des internationalen Films“.

Ab dem vorletzten Filmlexikon wurde der Berichtsteil des Filmjahrs massiv ausgebaut. Während es sich früher um einige Seiten handelt, umfasst der Berichtsteil jetzt über zweihundert Seiten des 544-seitigen Buches.

In ihm gibt es Interviews mit Moritz Bleibtreu, Julia von Heinz, Burhan Qurbani, Sam Mandes, Ken Loach und Ladj Ly, Porträts von Filmschaffenden wie Jean-Luc Godard, Ben Wheatley, Wim Wenders, Clint Eastwood und Ruben Östlund, längere Nachrufe auf, u. a. Sean Connery, Olivia de Havilland, Kirk Douglas und Michael Gwisdek, Analysen zur Filmbranche und bestimmter Themen und Motive, wie dem Verräter im Film und wie er sich zum geschätzten Whistleblower wandelte, dem New Black Cinema und dem Road Movie (Reden wir von Film als Flucht aus der tristen Realität.) und einem konzentriertem Rückblick auf wichtige Ereignisse des zurückliegenden Filmjahres.

Es gibt, ebenfalls wie in den letzten Jahren (Hey, warum soll eine gute Struktur geändert werden?), längere Besprechungen von fünfzehn bemerkenswerten Serien und den zwanzig besten Kinofilmen des Jahres 2020. Das sind, nach Meinung der filmdienst-Kritiker:innen:

Der schwarze Diamant

Bohnenstange

I’m thinking of ending things

Die Wütenden – Les Misérables

Undine

Berlin Alexanderplatz

Niemals selten manchmal immer

Little Women

Der See der wilden Gänse

Tenet

Kajillionaire

Ein verborgenes Leben

Zombi Child

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Über die Unendlichkeit

The King of Staten Island

What you gonna do when the world’s on fire?

Milla meets Moses

Ema

Auch wenn ich nicht alle Filme gesehen habe und mir einige Filme nicht so gefallen haben, ist das eine in jedem Fall überzeugende Liste sehenswerter Filme für die nächsten Abende im Heimkino.

Und das Lexikon selbst ist ebenso empfehlenswert. Als jährlich erscheinendes Lexikon bündelt es noch einmal die Ereignisse eines Jahres und zeigt Entwicklungen und Perspektiven auf, die sonst im Alltagsgewusel und einer unüberschaubaren Zahl verschieden schlecht sortierter Lesezeichen und Ordner untergehen.

Außerdem liefert das Blättern durch die gewohnt treffenden Kurzkritiken viele Anregungen für noch nicht gesehene Filme.

P. S.: Schönes Cover. Kristen Stewart als Jean Seberg. Könnte auch ein Plakat für meine Wohnzimmerwand sein.

Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2020/2021

Schüren, 2021

544 Seiten

28,00 Euro

Hinweise

Homepage der Zeitschrift „Filmdienst“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2013“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2014“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2016“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2019/2020“


Neues und älteres aus der Schreibstube von Warren Ellis: „Trees – Ein Feind“ und „Batmans Grab“

April 14, 2021

Vor zehn Jahren landeten sie. Rund um den Globus. Und sie taten nichts. Sie standen auf der Erdoberfläche wie gigantische Bäume. Übten still Druck auf die Welt aus, als sei niemand hier und stünde nichts im Weg. Vor zehn Jahren erfuhren wir, dass es intelligentes Leben im Universum gibt, und dass sie uns nicht als intelligent oder lebend anerkennen.“

Aber was folgt daraus für uns Menschen? In seinem Comic „Trees – Ein Feind“ gehen Autor Warren Ellis („Transmetroolitan“, „Red“) und Zeichner Jason Howard der Frage nach, wie sich unser Leben und unsere Psyche durch die Anwesenheit riesiger außerirdischer Gegenstände verändert. Denn auch wenn diese Bäume nichts tun, verändert sich unser Leben allein durch ihre Anwesenheit. Außerdem, und das entdecken einige Menschen zehn Jahre nach der Landung der Bäume, von denen unklar ist, ob diese Bäume Lebewesen oder Erkundungssonden sind, tun die Bäume doch etwas.

Im ersten von insgesamt drei „Trees“-Sammelbänden (der im Original 2015 erschien) verfolgen Ellis und Howard rund um den Globus mehrere Menschen, deren Leben nichts miteinander zu tun haben.

Es geht um den Forscher Marsh, der auf einer einsam gelegenen Forschungsstation nordwestlich von Spitzbergen lebt. Er ist von den Bäumen fasziniert. Auch als er entdeckt, dass mohnähnliche Pflanzen aus ihnen herauswachsen und diese Gewächse das Ende der Welt herbeiführen könnten.

Dieser Erzählstrang ist am nächsten an einer traditionellen Invasions-Science-Fiction-Geschichte. Folglich setzt er sich am deutlichsten und direktesten mit den außerirdischen Bäumen auseinander.

In den anderen, verschieden langen Geschichten geht es vor allem um die psychischen Auswirkungen.

In Afrika gibt es an der Grenze von Somalia Ärger, weil Präsident Caleb Rahim es nicht länger hinnehmen will, dass nur das Nachbarland Puntland, wo einer der Bäume steht, ökonomisch von ihm profitiert.

In Cefalù, Sizilien lernt Elegia Gatti, die Freundin eines neofaschistischen Kleingangsters mit großen Plänen, den deutlich älteren, allein in einem einsam Haus lebenden Gelehrten Luca Bongiorno kennen. Der zeigt ihr den Weg in ein anderes Leben.

Und in China begibt sich der junge Tian Chenglei nach Shu. In dieser von der Welt abgeschlossenen Sonderkulturzone möchte er zeichnen. In dieser Großstadt lernt er weitere Künstler kennen und hat gleichgeschlechtliche und andere sexuelle Erfahrungen.

Auch wenn nach dem ersten „Trees“-Band noch ziemlich unklar ist, in welche Richtung die Geschichte sich weiter entwickelt und vollkommen unklar ist, wie die verschiedenen Geschichten zusammenhängen, ist „Trees“ eine lohnenswerte Lektüre.

Die Macher zeigen, wie sehr die Anwesenheit eines Gegenstandes seine Umwelt verändert. Oder konkreter gesagt: Auch wenn die Bäume nichts tun, tun sie allein schon durch ihre Anwesenheit etwas. Vor allem erinnern sie die Menschen täglich daran, dass es Außerirdische gibt, die uns Menschen nicht mehr Aufmerksamkeit schenken als wir Menschen gegenüber einer Fliege.

Vor wenigen Tagen erschien auch der Abschlussband von „Batmans Grab“. In dieser von Bryan Hitch gezeichneten Batman-Geschichte erzählt Warren Ellis von Batmans Jagd nach einem geheimnisvollem, seine Spuren sehr gut tarnendem, nach einem unklarem Plan mordendem Serienmörder. Zum Glück verfügt Bruce Wayne über eine Technik, mit der es ihm gelingt, sich in die Ermordeten hineinzuversetzen. So kann er an Informationen kommen, an die sonst niemand käme. Am Ende des ersten Bandes wurde der Leiter der Spurensicherung der Polizei von Gotham ermordet.

In seinem Dateien findet ‚Batman‘ Bruce Wayne die entscheidende Spur, die ihm zu dem Täter führt. Es ist Colonel Sulphur, ein Söldner, der diesen Mord im Auftrag von Robert Anthony, dem Sohn eines Mob-Killers, begang. Anscheinend wil Anthony mit seiner Scorn-Armee Gotham City destabilisieren und die Herrschaft über die Stadt erlangen.

Die Idee aus dem ersten Band, dass Wayne sich in die Opfer von Verbrechen hineinvesetzt und der prominent platzierte Hinweis auf seinen Grabstein, spielen im Abschlussband von „Batmans Grab“ keine nennenswerte Rolle. Stattdessen gibt es, wie im ersten Band, viel seitenfüllende Action. So ist „Batmans Grab“ am Ende ein weiteres spannendes „Batman“-Abenteuer, das lange nicht so innovativ ist, wie man nach dem Klappentext vermuten könnte.

Warren Ellis/Jason Howard: Trees – Ein Feind

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult, 2020

168 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Trees, Volume One: In Shadow

Image Comics, 2015

Warren Ellis/Bryan Hitch: Batmans Grab – Band 2 (von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2021

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The Batman’s Grave # 7 – 12

DC Comics, August – Dezember 2020

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über „Trees“ und Batman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Warren Ellis/Cully Hamners „Red“ (Red, 2003)

Meine Besprechung von Warren Ellis/Bryan Hitchs „Batmans Grab – Band 1 (von 2)“ (The Batman’s Grave – Chapter 1 – 6, 2019/2020)


„Später“, Mr. Stephen King, „Später“

April 12, 2021

Jamie Conklin ist kein normaler Junge. Er sieht tote Menschen und er kann sich mit ihnen, bevor sie verschwinden, unterhalten. Dabei müssen sie ihm die Wahrheit sagen. Das sorgt selbstverständlich irgendwann für lebensbedrohliche Probleme. Aber zuerst sichert diese Gabe den Lebensstandard für ihn und seine Mutter Tia.

Sie ist in New York Literaturagentin. Dort ist das Leben teuer. Auch die Schule für Jamie und das Pflegeheim für seinen dementen Onkel Harry kosten Geld. Ihr Lebensstil wird vor allem durch die unglaublich erfolgreichen Bücher von Regis Thomas bezahlt. Dummerweise stirbt der Bestseller-Autor, bevor er den letzten Band seines enorm erfolgreiches Fantasy-Epos Roanoke geschrieben. Weil er sich keine Notizen macht, gibt es keine Möglichkeit, den Roman posthum zu veröffentlichen. Wenn es nicht Jamie gäbe, der, wie gesagt, mit Toten, die ihm die Wahrheit sagen müssen, reden kann. Also verlangt sie von Jamie, dass er Regis nach der Story von seinem letzten Roman fragt. Jamie tut es und Regis erzählt sie ihm. Seine Mutter schreibt anschließend den Roman, der sich gewohnt gut verkauft. Niemand erfährt von ihrem Betrug.

Jahre später will die korrupte New Yorker Polizistin Liz Dutton von Jamies Fähigkeit profitieren und so ihre Karriere retten. Liz und Tia waren miteinander befreundet, bis sie Tias Wohnung als Zwischenlager für Drogen benutzte.

Das ungewöhnlichste an „Später“ ist nicht die Geschichte. Ich-Erzähler Jamie Conklin erzählt chronologisch sein Leben von seiner Kindheit bis zu seinen jungen Erwachsenenjahren. In schönster Biopic-Tradition reiht er dabei Ereignis an Ereignis. Eine Geschichte, also eine Abfolge von aufeinander aufbauenden Ereignissen, ergibt sich daraus nur langsam und fast zufällig. Auch wenn Jamies Lebensbeichte auf einigen Seiten zu einer blutigen Kriminalgeschichte und einer furchterregenden Horrorgeschichte mutiert, ist sie eine weitgehend sanfte Horrorgeschichte. Sicher, einige der Toten, die Jamie sieht, sehen, je nachdem, wie sie gestorben sind, furchterregend aus. Aber sie sind nicht besonders angsteinflößend. Sie stehen eher wie nette Geister herum und unterhalten sich mit Jamie.

Das ungewöhnlichste an „Später“ ist die Sprache. Am Anfang erzählt der sechsjährige Jamie in der sich auf wenige Worte beschränkenden Sprache eines Kindes. Als er älter wird, wird seine Sprache abwechslungsreicher. Er klingt mehr und mehr wie der Stephen King, den wir aus unzähligen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten kennen.

Mit dreihundert Seiten ist der sanfte Horroroman für King-Verhältnisse sogar sehr kurz geraten. Für einen Hard-Case-Crime-Roman, wo der Roman im Original erschien, hat er allerdings die ideale Länge. Der Verlag pflegt mit Wiederveröffentlichungen, Entdeckungen aus den Archiven verschiedener Schriftsteller und neuen Romane die Tradition der klassischen Hardboiled- und Pulp-Krimis. Zu den Autoren gehören Lawrence Block, Ken Bruen/Jason Starr, Max Allan Collins, Michael Crichton, Mickey Spillane, Donald Westlake und Charles Willeford. Stephen King schrieb für Hard Case Crime bereits die kurzen Romane „Colorado Kid“ und „Joyland“.

Stephen King: Später

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Heyne, 2021

304 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Later

Hard Case Crime/Titan Books, 2021

Hinweise

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis Stephen-King-Verfilmung „Es“ (It, USA 2017)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, 1983) und Kevin Kölsch/Dennis Widmyers Romanverfilmung „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pet Sematary, USA 2019)

Meine Besprechung von Andy Muschietti Stephen-King-Verfilmung „Es Kapitel 2″ (It Chapter 2, USA 2019)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Mike Flanagans „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ (Doctor Sleep, USA 2019) (wahrscheinlich einer der Filmtitel, die kein Mensch an der Kinokasse vollständig ausgesprochen hat)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Doctor Sleep“ (Doctor Sleep, 2013)


Kurzkritik: „Factory Town“ von Jon Bassoff

April 8, 2021

Auf dem Umschlag steht „Kriminalroman“. „Horrorroman“ wäre allerdings treffender. Denn in „Factory Town“ erzählt Jon Bassoff, auch wenn man die Genreregeln sehr weit dehnt, keine Kriminalgeschichte, sondern einen surrealen Alptraum. Ich-Erzähler Russell Carver sucht in Factory Town die spurlos verschwundene Alana. Dabei begegnet er seltsamen Gestalten in seltsamen Räumen in einer Ruinenstadt, in der die Gesetze von Raum und Zeit nicht gelten und die für Carver zugleich fremd und vertraut ist.

Die Geschichte ist ein Blick in den Kopf eines Mannes, seiner Seele und seiner Dämonen, bei dem unklar ist, ob er jemals wieder aufwachen wird. Und jedes weitere Wort würde zu viel von dem Alptraum verraten.

Den erzählt Bassoff mit großer Klarheit. So surreal, verrückt und wahnsinnig die Ereignisse auch sind, als Leser verliert man nie den Überblick über die Handlung und die verschiedenen Ebenen der Geschichte.

Das lesenswerte Nachwort sollte allerdings erst nach Beendigung der Lektüre gelesen werden. Denn Marcus Müntefering verrät die gesamte Geschichte und die Pointe.

Von Jon Bassoff erschien auf Deutsch, ebenfalls im Polar Verlag, bis jetzt nur sein Debüt „Zerrütung“ (Corrosion, 2013) In den USA erschienen bereits sechs weitere Bücher. Für Nachschub wäre also gesorgt.

Factory Town“ ist ein feines, aber auch brutales, verstörendes und während der Lektüre einige Rätsel (die am Ende gelöst werden) aufgebendes Buch. Also nicht für jedermann. Das sieht Bassoff ähnlich. In einem Interview mit Alf Mayer, das in „Zerrüttung“ abgedruckt ist, sagt er: „Ich habe ein Buch namens ‚Factory Town‘ geschrieben, das unglaublich surreal und fremdartig ist. Es ist mein Lieblingsbuch, obwohl manche Leute es für unverständlich halten. Das war nicht mein Ziel, ehrlich, und ich verstehe es, dass nicht alle ihre Mußestunden damit verbringen wollen, tausende Puzzleteile zusammenzufügen. Andererseits, einige Leute mochten es wirklich, so auch einer einer Horror-Helden, nämlich Ramsey Campbell.“

Jon Bassoff: Factory Town

(übersetzt von Sven Koch)

Polar, 2021

256 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Factory Town

DarkFuse, 2014

Hinweise

Homepage von Gothic-Noir-Writer Jon Bassoff

Perlentaucher über Jon Bassoff

Wikipedia über Jon Bassoff (nur die Noir-Franzosen haben einen Eintrag)


TV-Tipp für den 5. April (+ Buchkritik): Der Schnüffler

April 4, 2021

Arte, 21.40

Der Schnüffler (Tony Rome, USA 1967)

Regie. Gordon Douglas

Drehbuch: Richard Breen

LV: Marvin H. Albert: Miami Mayhem, 1960 (später wegen der Verfilmung „Tony Rome“, Der Schnüffler)

Der auf einem Boot in Florida lebende Privatdetektiv Tony Rome (Frank Sinatra) soll eine wertvolle Diamantbrosche finden, die Diana Pines auf einer nächtlichen Sauftour verloren hat. Sie ist die Tochter des vermögenden Bauunternehmers Kosterman. Der hat ihn mit der Suche beauftragt. Bei seinen Ermittlungen, hey, wir sind in einem PI-Krimi!, findet Rome einiges über die Kostermans heraus, die Leichen stapeln sich, er wird mehrmals zusammengeschlagen (der unerfreuliche Teil der PI-Arbeit) und er erhält reihenweise eindeutige Angebote von gutaussehenden Frauen (der erfreuliche Teil der PI-Arbeit).

Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigter durchwachsener Privatdetektiv-Krimi; kein Klassiker, aber ein Film, der irgendwie immer da ist und erfolgreich genug für eine Fortsetzung (Die Lady im Zement, USA 1968, Regie: Gordon Douglas) war. Aus heutiger Sicht gibt es wohl wohlige Erinnerungen an die Sixties und Bilder von Miami, bevor „Miami Vice“ Verbrecher jagte.

mit Frank Sinatra, Jill St. John, Richard Conte, Gena Rowlands, Simon Oakland, Jeffrey Lynn, Sue Lyon

auch bekannt als „Tony Rome – Der Schnüffler“

Die Vorlage

Wer schon alle Abenteuer von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer und Travis McGee kennt, sie jetzt nicht noch einmal lesen will und auf Entzug ist, für den ist „Der Schnüffler“ geschrieben. Marvin H. Albert erfand 1960 mit Tony Rome einen typischen Hardboiled-PI, schlecht verdienend, illusionslos, spielsüchtig, auf einem Boot lebend (Hey, wir sind in Florida!) und der Schwarm aller Frauen (die natürlich alle verdammt gut aussehend sind). Das ist in jeder Beziehung typisch für die damalige Zeit, flott geschrieben und ein nostalgisches Lesevergnügen. Wenn ihr den Roman also in irgendeiner Ramschkiste entdeckt und diese Art von Krimis mögt, solltet ihr unbedingt zuschlagen.

Albert schrieb drei Tony-Rome-Krimis.

Marvin H. Albert: Der Schnüffler

(übersetzt von Wolfgang Crass)

Heyne, 1984

224 Seiten

5,80 DM

(nur noch antiquarisch erhältlich – und, ja, nach dem Cover ist das die Deutsche Erstausgabe)

Originalausgabe

Miami Mayhem

Fawcett Gold Medal, 1960

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Schnüffler“

Wikipedia über „Der Schnüffler“ (deutsch, englisch)

Thrilling Detectives über Tony Rome

Meine Besprechung von Gordon Douglas‘ „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“ (In like Flint, USA 1966)


Martha C. Nussbaum betrachtet das „Königreich der Angst“

März 26, 2021

Martha C. Nussbaum ist Professorin für Rechtswissenschaft und Ethik an der Universität von Chicago. Zu ihren Werken zählen „The Fragility of Goodness“ (1986), „Sex and Social Justice“ (1998, teilweise übersetzt in „Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge“). „Hiding from Humanity: Disgust, Shame, and the Law“ (2004), „From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law“ (2010), „Creating Capabilities. The Human Development Approach“ (2011, Fähigkeiten schaffen: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität) und „Political Emotions: Why Love matters for Justice“ (2013, Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist). In den vergangenen Jahren erhielt die Philosophin zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.

Sie sieht sich als Aristotelikerin und ist überzeugt, dass die Ethik die Ebene der Emotionen in ihr Denken einbeziehen muss. Dabei verwendet sie den von ihr zusammen mit Amartya Sen entwickelten Fähigkeitenansatz (Capability Approach). Der Ansatz nennt die ‚Fähigkeiten‘, über die jeder Bürger einer Gesellschaft verfügen können muss, um diese Gesellschaft dann als minimal gerecht zu bezeichnen. Es geht ihr dabei um ‚Fähigkeiten‘ und nicht unbedingt um deren Ausübung. ‚Fähigkeiten‘ sind unter anderem ‚Emotionen‘ („In der Lage sein, Beziehungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben, diejenigen zu lieben, die uns lieben und sich um sie zu sorgen, ihre Abwesenheit zu betrauern…keine Beeinträchtigung der eigenen emotionalen Entwicklung durch Furcht und Angst erleiden zu müssen.“) und ‚Praktische Vernunft‘ („In der Lage sein, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und die Planung des eingen Lebens kritisch zu hinterfragen.“).

Sie sieht ihre Theorie als einen guten Ausgangspunkt für Verfassungsgrundsätze, die dann nicht nur für die USA, sondern für alle Gesellschaften gelten sollten. Entsprechend abstrakt sind sie. Und das ist auch ein Problem von ihrem neuesten Buch „Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise“.

Der Anlass für ihr Buch war die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der USA. Sie fragte sich, wie es zu seiner Wahl kommen konnte. Oder anders gesagt: wie Emotionen Demokratien destabilisieren können. Als das Buch 2018 in den USA erschien, war es eine direkte Intervention.

Jetzt, nach Trumps Abwahl, könnte es die Aktualität der Tageszeitung von letzter Woche besitzen. Allerdings versuchen Philosophen immer, ihre Gedanken in einen größeren Zusammenhang zu stellen und Trumps Wahl war das Ergebnis einer langen Entwicklung, die natürlich jetzt nicht zu Ende ist. Durch die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten hat das Buch sogar eine zusätzliche Dimension gewonnen.

Ihre Kernthese ist, „dass Angst ein Gefühl ist, das die Demokratie mehr als jedes andere bedroht. Die Angst ist eine in evolutionärer Hinsicht primitive Emotion, und sie spielt bereits in der frühen Entwicklung des Einzelnen eine Rolle. Sie behält ihre mächtige archaische Struktur bis in das Erwachsenenalter hinein bei und wird noch mächtiger, wenn sie durch das wachsende Bewusstsein unserer Sterblichkeit verstärkt wird. Angst ist kein Gefühl, das wir unterdrücken sollten, da sie uns zu vielen sinnvollen Entscheidungen führen kann. Sie ist jedoch durch politische Rhetorik sehr leicht manipulierba und neigt dau, Verhältnisse, in denen es um Vertrauen und Gegenseitigkeit geht – und diese machen den Kern demokratischer Selbstverwaltung aus – zu destabilisieren. Ich behaupte, dass Angst zu einem Königreich passt, in dem ein absoluter Herrscher sie wach halten muss. Für die Demokratie stellt sie jedoch eine große Gefahr dar.

Außerdem durchdringt und verdirbt die Angst auch andere Gefühle wie Zorn, Ekel und Neid und macht sie zu einem politischen Gift.“

Als Gründe für den Wahlerfolg von Donald Trump sieht sie starke Gefühle. Vor allem Angst, Zorn, Ekel und Neid waren wichtig. Und sie macht Vorschläge, was zur Überwindung dieser zerstörerischen Gefühle getan werden kann.

Nach dem überwältigendem Wahlsieg von Joe Biden stellen sich zwei weitere Fragen: Kann Bidens Wahlsieg mit Nussbaums Politikvorschlägen erklärt werden? Und wie sollen sich die Wahlgewinner, die Demokraten, gegenüber den Republikanern und den Wählern der Republikaner verhalten? Vor allem nachdem Trump und die Republikaner eine beispiellose Lügenkampagne über die Wahl begannen, der im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 seinen vorläufigen Höhepunkt hatte, und die jetzt eine reine Obstruktionspolitik verfolgen.

Diese Frage führt zum Kern von Nussbaums Buch und zu einem großen Problem ihrer „Gedanken zur politischen Krise“. Sie führt die Handlungen von Trump, seinen Unterstützern und Wählern nicht auf politische Ziele, sondern auf Gefühle zurück. Angst, Zorn, Ekel und Neid sind nach ihrer Ansicht die Emotionen, die die aktuelle politische Krise erklären können. In ihrer übersteigerten Form sind diese Emotionen sehr destruktiv. Sie sind allerdings nicht angeboren, sondern anerzogen in den ersten Monaten unseres Lebens.

Damit ist ein Teil der Lösung eine Therapie bei einem Psychiater.

In der Politik also der parlamentarischen Politik, in der es nach Wahlen Mehrheiten gibt und diese ihre Politikvorstellungen durchsezten können, ist das anders. Da geht es immer um Macht, Verfahren und Lösungen. Hier den politischen Gegner zu einer Therapiesitzung einzuladen, ist dann einigermaßen abstrus. Die logische Frage wäre dann nicht „Was wollen Sie mit ihrem Vorschlag erreichen?“ sondern „Welche Gefühle wurden in ihrer Kindheit verletzt?“ oder „Warum hassen Sie Frauen?“.

Diese Fragen, die in einem Parlament oder Öffentlichkeit vollkommen unangemessen wären, führen zu einem weiteren Problem vom „Königreich der Angst“. Nussbaums Analyse geschieht auf einem so hohen Abstraktionslevel, dass jeder hineinintrepetieren kann, was er mag. Unmittelbare, auch nur halbwegs konktrete Handlungsempfehlungen folgen nicht aus ihrer Analyse. Schließlich sind Emotionen subjektive Empfidungen.

Diese Emotionen sind niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ in irgendeinem objektiven Sinn. Und damit bleibt als Antwort auf das „Königreich der Angst“ in Nussbaums Welt nur ein „Königreich der Liebe (und des Verständnisses und der freundlich-hilfsbereit ausgestreckten Hand)“. Bei eine Kneipenschlägerei, in der sich die republikanische Seite in einem Wahngebilde eingerichtet hat, und das ist die US-amerikanische Politik im Moment, hilft der Ratschlag kaum weiter. Auch wenn die Demokraten im Moment die Hand zur Kooperation ausgestreckt haben, den Menschen helfende Politkkonzepte präsentieren, durchsetzen und sich ansonsten nicht von dem Lärm der Republikaner irritieren lassen.

Martha C. Nussbaum: Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise

(übersetzt von Manfred Weltecke)

btb, 2020

304 Seiten

14 Euro

Deutsche Erstausgabe

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2019

Originalausgabe

Monarchy of Fear. A Philosopher looks at our political Crisis

Simon & Schuster, New York, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Königreich der Angst“

Wikipedia über Martha C. Nussbaum (deutsch, englisch)


Michael Kraske erklärt „Tatworte“

März 19, 2021

Das ist jetzt wieder eines meiner Klobücher. Nicht wegen des Inhalts. Sondern weil es sich um kurze Texte handelt, meistens so um die zwei Seiten, und man sie nicht wirklich in einem Rutsch lesen kann und soll. Schließlich liest auch kein Mensch eine Sammlung von Max-Goldt-Kolumnen in einem Rutsch durch.

Witzig sind die von Michael Kraske geschriebenen Texte allerdings nicht. Der Journalist nimmt sich in seinem neuen Sachbuch „Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen“ einschlägige Aussagen von hochrangigen AfD-Politikern, wie Alexander Gauland, Björn Höcke un Andreas Kalbitz, und prominenten Sprechern aus dem Pegida- und verschwörungstheoretischem Umfeld, wie Michael Ballweg (Querdenken 711), Attila Hildman, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling (beide Pegida), vor. In kurzen Texten erklärt Kraske, warum deren Aussagen menschen- und demokratieverachtend sind, warum sie rassistisch, faschistisch und nationalistisch sind.

Die Texte sind thematisch etwas sortiert in die Kapitel „Verrohung der politischen Kultur und offener Hass“, „Rassistische Feindbilder, Anti-Islam und Antisemitismus“, „Die Revision deutscher Geschichte“, „Zwischen rechter Verschwörungsideologie und völkischem Denken“, „NS-Sprache reloaded“ und „Ermächtigungsphantasien und unverhohlene Drohungen“. In „Bürgerlicher Rassimus und populistische Trittbrettfahrer“ analysiert Kraske dann Statements von Markus Söder, Alexander Dobrindt, Horst Seehofer, Andreas Scheuer (als die CSU versuchte, die AfD rechts zu überhohlen), Christian Lindner (FDP), Thilo Sarrazin (SPD) und Hans-Georg Maaßen (CDU, die beide von ihrer vorherigen Karriere profitieren) . Beim Lesen dieser Zitate, die damals für heftige Diskussionen sorgten, fällt auf, wie sehr die AfD und ihr Umfeld in den vergangenen Jahren den Diskurs verschoben haben. Im Vergleich zu den oft vulgären AfD-Aussagen („Entsiffung des Kulturbetriebs“, „Altparteien-Diarrhö“, „Messermänner“, „Bevölkerungsaustausch“) wirken sie harmlos.

Die kommentierte Zusammenstellung der meistens sattsam bekannten Zitate liest sich wie die handliche Kurzfassung des tausendseitigen, aus öffentlich zugänglichem Material zusammengestellten Dossiers des Verfassungsschutzes zur Beobachtung der Partei. Kraskes Buch ist deutlich kürzer, konzentriert sich auf die bekannten Fälle (was kein Nachteil ist, denn es sind Äußerungen von Meinungsführern in der Partei) und ist pointierter. Im Gegensatz zu einem amtlichen Bericht kann Kraske Aussagen einordnen und dabei auch pointiert zuspitzen. Er zeigt auch, dass einige sich nach außen harmlos gebende AfDler, wie Alexander Gauland und Alice Weidel, sich nicht vom rechten AfD-Flügel unterscheiden. Sie formulieren es nur manchmal etwas netter und, und das ist der Hauptunterschied, sie geben sich eine honorig-bürgerliche Fassade. Gauland mit seiner langjährigen CDU-Mitgliedschaft und Herausgeberschaft der „Märkischen Allgemeinen“; Weidel mit ihrer Karriere bei Allianz Global Investors. Jörg Meuthen mit seiner Professur. Andere Mitglieder tragen ihre frühere Arbeit in der Bundeswehr, der Polizei und der Justiz wie eine gegen jegliche Kritik immunisierende Monstranz vor sich her.

Und sie meinen, was sie sagen. Ihre manchmal, immer unwillig und nach vielen abstrusen Ausflüchten erfolgten Entschuldigungen können wir getrost ignorieren. Schließlich muss ein Politiker klar sagen, was er will. Wenn er dann öfter missverstanden wird, liegt die Schuld nicht beim Publikum, sondern beim Sprecher, der sich nicht klar ausdrücken kann. Und sie haben diese Gedanken öfter wiederholt. Of vor einem mit den einschlägigen Codes vertrautem Publikum. Daher meinen sie genau das, was sie sagen, was darunter verstanden wird und was Michael Kraske klar in „Tatworte“ analysiert.

Deshalt ist „Tatworte“ eine lohnenswerte Lektüre voller teils schon vergessener Äußerungen. Krakse erklärt die oft nur innerhalb der Szene bekannten Bedeutungen einzelner Worte und Gedanken. Er zeigt gleichzeitig, warum die AfD eine rechtsextreme, verfassungsfeindliche Partei ist.

Weil auf ein Glossar und eine Auflistung der Zitate und der Zitatgeber verzichtet wurde, ist „Tatworte“ kein Arbeits- und Nachschlagewerk. Aber auf dem Klo…

Michael Kraske: Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen

Ullstein, 2021

160 Seiten

14 Euro

Hinweise

Michael Kraske beim Mediendienst Ost

Michael Kraske twittert

Ullstein über Michael Kraske

Meine Besprechung von Michael Kraskes „Der Riss“ (2020)


Horst Eckert empfindet „Die Stunde der Wut“

März 17, 2021

Horst Eckert schrieb seinen neuen Roman zwar während der Coronavirus-Pandemie, aber in seinem Roman spielt sie keine Rolle. Und das ist kein Problem. Denn vieles in unserem Alltag läuft ungestört weiter, es wäre dumm ständig darauf hinzuweisen, dass die Ermittler dauernd ihre Masken auf- und absetzen (es wird ja auch nicht verraten, was sie anziehen und, wenn sie einen Tatort betreten, wird vorher auch nicht detailliert beschrieben, welche Schutzkleidung sie wie anziehen. Oft wird noch nicht einmal erwähnt, dass sie vorher die Schutzkleidung anzogen haben.) und, das ist der wichtigste Punkt, in „Die Stunde der Wut“ geht es um andere Dinge. Vor allem um Mietwucher, Entmietungen, Drogenhandel, Korruption, rechtsextreme Umtriebe und einen darin involvierten Verfassungsschutz.

Alles beginnt mit einem Notruf. In einer Wohnung wurde eine junge Frau lebensgefährlich verletzt. Kurz darauf ist Klara Dorau tot. Ihr Freund Miran Alver ist spurlos verschwunden. Der aus Eckerts vorherigen Romanen bekannte Kriminalhauptkommissar Vincent Veih, Leiter des Kommissariat 11 der Polizei Düsseldorf, nimmt die Ermittlungen auf.

Zur gleichen Zeit sucht Melia Adan (aka Melia Khalid), Ex-Verfassungsschutz und jetzt Vorgesetzte von Vincent Veih, immer noch nach Solveig Fischer. Fischer arbeitete ebenfalls beim Verfassungsschutz. Sie wurde in Horst Eckerts vorherigem Roman „Im Namen der Lüge“ erschossen. Bis jetzt wurde ihre Leiche nicht gefunden. Die Suche auf dem Gelände eines ehemaligen Nazi-Schulungszentrums, das in „Im Namen der Lüge“ ein wichtiger Handlungsort war, verlief ergebnislos. Trotzdem muss man zum Verständnis von „Die Stunde der Wut“ „Im Namen der Lüge“ nicht gelesen haben.

Während ihrer Ermittlungen entdecken Veih und Adan, wie man es von Eckert kennt, Verbindungen zwischen den Fällen. Die Ermittlungen im Fall Dorau nehmen schnell ungeahnte Ausmaße an. Es gibt einige korrupte Polizisten und mehr soll nicht verraten werden.

Selbstverständlich gibt es viele kurze Auftritte von Figuren, die aus Eckerts vorherigen Romanen bekannt sind. Nur das Boulevardblatt „Blitz“ und der inzwischen zum Herausgeber aufgestiegene Lokalreporter Alex Vogel sind dieses Mal nicht dabei.

Die Geschichte selbst ist ein wahrer Pageturner. In kurzen Szenen und souverän zwischen über einem halben Dutzend Handlungssträngen wechselnd wird die Geschichte vorangetrieben. Dabei bleibt sie immer nah an der Wirklichkeit, den aktuellen Problemen und den aktuellen Schlagzeilen.

Die Stunde der Wurt“ ist ein weiterer grandioser Hardboiled-Polizeithriller von Horst Eckert. Eine unbedingte Leseempfehlung; – gegeben von einem Horst-Eckert-Gesamtleser.

Aktuell schreibt Eckert an einem weiteren Roman mit Melia Adan und Vincent Veih. Bei seinem aktuellen Schreibtempo könnte er nächstes Frühjahr erscheinen.

Horst Eckert: Die Stunde der Wut

Heyne, 2021

448 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Wolfsspinne“ (2016)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Im Namen der Lüge“ (2020)


Marc-Uwe Kling erzählt Geschichten aus dem Qualityland

März 10, 2021

Hardcore-Science-Fiction-Fans, die ihren William Gibson neben Cixin Liu neben Ted Chiang (um nicht noch einmal die alten Recken zu bemühen) fein säuberlich im Regal stehen haben, dürften von „Qualityland“ und „Qualityland 2.0“ enttäuscht sein. Zu episodisch sind die beiden Bücher, zu vertraut die Gedanken zur Überwachung, Computern und Algorithmen und zu didaktisch die Dialoge. So in Richtung „Die Sendung mit der Maus“ gehend. Auch gestandene Überwachungsgegner, die ihre Bücher von und über Edward Snowden neben die Sachbücher über Facebook, die globale Überwachung und den Cyberwar stehen haben, dürften in den „Qualityland“-Büchern vor allem vertraute Befürchtungen in neuen Formulierungen finden.

Aber sie sind auch nicht wirklich das Zielpublikum. Das sind primär die Fans der vier Känguru-Bücher, in denen Marc-Uwe Kling von sich und seinem Mitbewohner, einem kommunistischem Känguru, erzählt. Die Känguru-Geschichten waren zunächst kurze Betrachtungen aus dem Leben des in Kreuzberg (Wo sonst?) ambitionslos vor sich hin lebenden Kleinkünstlers, die in jeder beliebigen Reihenfolge genossen werden können. Später verband Kling einige der immer nur wenige Seiten umfassenden Geschichten miteinander, indem er in neueren Geschichten frühere Gedanken und Ereignisse wieder ansprach, variierte und weiter erzählte. Mit viel Wohlwollen kann man das dann als buchfüllende Geschichte beschreiben. Aber letztendlich bleiben die Känguru-Geschichten episodische Betrachtungen über Gott und die Welt. Sie sind witzig. Der allgemeinverträgliche Humor ist perfekt für kurze Beiträge im Radio und Lesebühnen geeignet. Denn niemand wird in den zwei-, dreiminütigen Stücken intellektuell überfordert. Die Anspielungen setzen ein vulgär-bildungsbürgerliches und rudimentärstes popkulturelles Wissen (mit Bud Spencer und Terence Hill sind Sie auf der sicheren Seite) voraus. Es ist also wichtig, zu wissen, dass Kant ein wichtiger Philosoph war, aber es ist unwichtig zu wissen, was er genau gesagt hat.

Seine beiden „Qualityland“-Büchern wirken wie eine mild satirische Fortsetzung der Känguru-Geschichten im Science-Fiction-Gewand und mit geänderten Namen. Qualityland ist eine Zukunft, in der alle glücklich sind, weil Algorithmen uns alle Entscheidungen abnehmen und Roboter lästige Aufgaben übernehmen. Der Nachname eines Jungen ist jetzt der Beruf seines Vaters, der Nachname eines Mädchens der Beruf ihrer Mutter während der Zeugung. Der gesellschaftliche Status wird über Punkte definiert. Je nachdem, was man tut, ändert sich der Punktestand und damit die gesellschaftliche Position. Letztendlich ist Qualityland eine Fortschreibung der Gegenwart, die mehr Dystopie als Utopie ist.

Der Protagonist der beiden Bücher ist Peter Arbeitsloser, ein Verschrotter von psyschich kranken Robotern. Weil der gelernte Maschinentherapeut es nicht übers Herz bringt, die Maschinen zu verschrotten, lässt er sie in seinem Junggesellenkeller leben. Es sind eine E-Poetin mit Schreibblockade, ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung, eine Drohne mit Flugangst und ein Sexdroide mit Erektionsproblemen.

Dazu kommen, als seine menschlichen Freunde, Kiki Unbekannt, eine Hackerin (und mindestens so gesetzesverachtend und systemkritisch wie das schlaue Känguru), seine Ex-Freundin Sandra Admin und, als eremitärer Warner in einer alten Fabrik lebend, der Alte. Er ist ein belesener Computerfreak, der das Internet löschen will.

Im ersten „Qualityland“-Buch erhält Arbeitsloser ungewollt von dem Versandhändler TheShop einen Delfinvibrator. TheShop behauptet, aufgrund einer Algorithmen-Prognose will er einen Delfinvibrator haben. Arbeitsloser sieht das anders und will das Ding zurückgeben. Aber das ist schwieriger als gedacht, weil Algorithmen keine Fehler machen. Und wenn doch, geben sie es nicht zu.

Im zweiten Band erzählt Kling von weiteren Abenteuer von Peter Arbeitsloser. Seine Freundin Kiki Unbekannt will jetzt herausfinden, wer ihre Eltern sind. Außerdem wird sie von dem Puppenspieler gejagt.

In einem zweiten Erzählstrang geht es in beiden Büchern um die Politik. So tritt im ersten Band der superschlaue Androide John of Us im Kampf um die Präsidentschaft gegen den hemmungslos an niederste Instinkte appellierende Conrad Koch an. Im zweiten Band, nachdem John of Us bei einem Attentat starb, erzählt Kling, was nach dem Attentat geschieht.

Das liest sich in seiner episodischen, jede Ablenkung dankbar aufnehmenden Struktur durchgehend flott weg, ist auch für einige Lacher gut und bestätigt die eigene Weltsicht. Jedenfalls regte mich nichts zum Nachdenken, zum Widerspruch oder zum Überdenken meiner Meinung an.

Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis

Ullstein, 2020

432 Seiten

19 Euro

Marc-Uwe Kling: Qualityland

Ullstein, 2019

384 Seiten

11 Euro

Gebundene Ausgabe

Ullstein, 2017

Hinweise

Perlentaucher über „Qualityland“ und „Qualityland 2.0“

Homepage von Marc-Uwe Kling

Wikipedia über Marc-Uwe Kling

Meine Besprechung von Dani Levys Marc-Uwe-Kling-Verfilmung „Die Känguru-Chroniken“ (Deutschland 2020) und der Vorlage(n)


„Fürchte die Schatten“, Cyrus Haven, denn Michael Robotham schickt dich in ein neues Abenteuer

März 4, 2021

Cyrus Haven, Psychologe und polizeilicher Berater, will herausfinden, vor wem Evie Cormac sich versteckt. Die Minderjährige lebt inzwischen in Langford Hall, einem sicheren Kinderheim, was eine Umschreibung für Geschlossene Anstalt für Kinder und Jugendliche ist. Vor sieben Jahren wurde sie von der Polizistin Sacha Hopewell in London in einem Haus in einer Geheimkammer entdeckt. Sieben Jahre später ist ihr richtiger Namen immer noch ist unbekannt. Auch über ihre Herkunft weiß man nichts. Man weiß noch nicht einmal, ob sie eine Engländerin oder eine Ausländerin ist. Niemand vermisst sie. Und sie schweigt eisern über ihre Vergangenheit.

Als ein pensionierter Polizist ermordet aufgefunden wird, hat Cyrus einen ersten handfesten Ermittlungsansatz. Denn der tote Polizist hatte einen seiner alten Fälle, in dem es um einen geständigen, inzwischen im Gefängnis getöteten Pädophilen und mehrfachen Kindermörder geht, wieder aufgerollt. Dabei entdeckte er eine bislang unbekannte Verbindung zwischen dem Kindermörder, der möglicherweise die Taten, die er gestanden hat, nicht begangen hat, und Evie Cormac. Es könnte also sein, dass der wahre Täter noch frei ist und von einflussreichen Menschen geschützt wird.

Das ist die Prämisse von Michael Robothams zweitem Cyrus-Haven-Roman. Sein erster Cyrus-Haven-Roman „Schweige still“ (Good Girl, Bad Girl) wurde im November mit dem Gold Dagger ausgezeichnet.

Fürchte die Schatten“ schließt an den ersten Band an. Und, auch wenn der gestandene Krimileser schnell einen großen Teil, um nicht zu sagen die gesamte Handlung vorhersagen kann, könnte „Fürchte die Schatten“ ein vergnüglicher Thriller sein, in dem ein Psychologe und seine Freunde gegen einen scheinbar übermächtigen Pädo-Ring, der über Leichen geht, kämpfen.

Dazwischen könnte Robotham einige Informationen über wahre Fälle, die ihm sicher als Inspiration dienten, einstreuen und so die Geschichte realistischer wirken lassen. In Großbritannien gab es einige Vorfälle mit bekannten Persönlichkeiten, wie dem BBC-Moderator Jimmy Savile, über die vor allem die dortigen Medien ausführlich berichteten. Robotham könnte auch den Fall Jeffrey Epstein, der für weltweites Aufsehen sorgte, erwähnen.

Aber der Psychothriller ist, auch sprachlich, eine ziemlich dröge Angelegenheit. Robotham bedient sich beim Erzählen der Geschichte zweier Ich-Erzähler, Cyrus Haven und Evie Cormac, die von ihrer Sprache nicht zu unterscheiden sind. Er erzählt parallel von Havens Ermittlungen und seinem Leben (Wollen wir das wirklich wissen? Muss heute jeder Held eine ach so interessante Biographie und seltsame Schrullen haben? So hat der 31-jährige Single Haven kein Smartphone, sondern benutzt einen Pager und Telefonzellen, die in Großbritannien anscheinend immer noch an jeder Ecke stehen.) und von Evies Leben und, nachdem in Langford Hall ein Mordanschlag auf sie verübt wird, ihrer Flucht quer durch England. In Rückblenden erzählt Evie auch von ihrer Kindheit und ihrem damaligem Beschützer.

Am Ende des Thrillers gibt es genügend lose Enden für einen weiteren Roman mit Cyrus Haven, Evie Cormac (die jede Lüge sofort erkennt) und ihren Freunden, wozu dann auch Havens Freundin Sacha Hopewell, die ihm ein Mobiltelefon schenkt, gehört.

Wahrscheinlich werden sie dieses Abenteuer ohne mich erleben.

Michael Robotham: Fürchte die Schatten

(übersetzt von Kristian Lutze)

Goldmann, 2020

480 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

When she was good

Sphere (Little, Brown Book Group, London), 2020

Hinweise

Homepage von Michael Robotham

Deutsche Homepage von Michael Robotham

Wikipedia über Michael Robotham (deutsch, englisch)


„Der erste Tote“, der erste Treffer von Tim MacGabhann

März 3, 2021

Andrew und der mit ihm befreundete Fotoreporter Carlos sind gerade auf dem Rückweg von einem Routineauftrag, als sie bei Poza Rica eine besonders grausam zugerichtete Leiche entdecken. Carlos will einige Fotos machen. Sie werden von der Guardia Civil erwischt und nach Hause geschickt. Weil die Polizisten anschließend die Leiche vom Tatort entfernen, möchte Carlos mehr erfahren.

Kurz darauf ist er tot. Gefoltert und bestialisch ermordet.

Andrew, der seit Ende 2012 als freier Journalist in Mexiko arbeitet und um seinen Freund trauert (ja, sie waren ein Paar), beginnt mit Recherchen in der Ölhauptstadt Poza Rica. Er stochert in dem dortigen Geflecht von Polizei, Organisiertem Verbrechen, Wirtschaft und Söldnern, die als Angestellte von Sicherheitsfirmen den dortigen internationalen Unternehmen helfen, herum. Denn der Tote, Julián Gallardo, war Student und Umweltaktivist. Mit seinen öffentlichkeitswirksamen Aktionen war er eine Bedrohung für die umweltverschmutzende, vom Drogenhandel profitierende und die Umwelt verschmutzende Wirtschaft.

Der erste Tote“ ist ein überzeugendes Debüt, das von Tim MacGabhanns schnörkelloser Hardboiled-Sprache, seiner Ortskenntnis und seinem Wissen über die Situation in Mexiko profitiert. Mac Gabhann ist, wie sein Ich-Erzähler Andrew, Ire und in Mexico City lebender Journalist.

Der Kriminalfall selbst bietet wenige Überraschungen. Einerseits, weil wir dank zahlreicher Reportagen, Bücher (unter anderem von Don Winslow und Sam Hawken), Spielfilme (zum Beispiel „Sicario“) und Serien (zum Beispiel „Narcos“) einen halbwegs guten Überblick über die Situation in Mexiko und den in den vergangenen Jahren blutig eskalierenden Drogenkrieg haben. Andererseits weil vieles von Andrew schnell aufgedeckt wird. Eigentlich alle Menschen, mit denen er während seiner Recherche redet, erzählen ihm ausführlich von ihrem kriminellem Leben und sie haben nichts dagegen, dass der Journalist, den sie nicht kennen, ihre Gespräche aufnimmt und später in einer Reportage verwendet. Das erscheint mir etwas unglaubwürdig. Aber so gelingt es Tim MacGabhann, schnell viele Informationen zu vermitteln. Er zeigt auch, wie die Verbrechensökonomie funktioniert und wie die USA seit Jahrzehnten darin involviert ist.

Nach schlanken zweihundertfünfzig Seiten (ein weiterer Pluspunkt von „Der erste Tote“) ist Andrews erstes Abenteuer vorbei. Sein nächstes Abenteuer „How to be Nowhere“ erschien im Original bereits im Sommer 2020. Ein deutscher Erscheinungstermin steht noch nicht fest.

Tim MacGabhann: Der erste Tote

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2020

288 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

Call him mine

Weidenfeld & Nicolson, 2019

Hinweise

Twitter-Kanal von Tim MacGabhann

Perlentaucher über den Roman


Über die ersten drei „Hill House Comics“-Horrorgeschichten: „Ein Korb voller Köpfe“, „Das Puppenhaus“, „Im tiefen, tiefen Wald“

März 1, 2021

Joe Hill, Sohn eines durchaus bekannten Schriftstellers und inzwischen auch selbst ein bekannter und mehrfach verfilmter Horrorautor, veröffentlichte seinen letzten Roman „The Fireman“ (Fireman) 2016. Seitdem konzentrierte er sich auf andere Dinge, wie die Comic-Anthologie-Reihe „Hill House Comics“. In ihr erscheinen seit Dezember 2019 in sich abgeschlossene Horrorgeschichten von ihm und anderen Autoren. Auch die Zeichner wechseln mit jeder Geschichte.

Den Auftakt machte „Ein Korb voller Köpfe“, geschrieben von Joe Hill, gezeichnet von Leomacs und Riccardo la Bella. In diesem 1983 spielendem Thriller mit einem übernatürlichem Element sind vier verurteilte Straftäter auf der in Maine liegende Insel Brody Island flüchtig. Sofort beginnt die vom örtlichen Sheriff angeführte Jagd.

Für Liam Ellsworth, der während des Sommers als Praktikant für die Inselpolizei arbeitete, ist es der letzte Arbeitstag. Seine Freundin June Branch besucht ihn und gemeinsam sollen sie, während der Sheriff und seine Männer die Flüchtlinge jagen, das Haus des Sheriffs bewachen. Dort, so glaubt der Sheriff, seien sie sicher.

Da brechen die Flüchtlinge in das Haus ein und verwüsten es. Sie foltern Liam und verschleppen ihn in den Wald. Als June aus ihrem Versteck kommt, trifft sie auf einen der Flüchtlinge, der das Haus bewachen soll. Er greift sie an. Sie schnappt sich eine historische Wikinger-Axt und schlägt ihm den Kopf ab. Und entgegen aller Erwartungen ist der Verbrecher danach nicht tot. Sein Kopf ist weiterhin quicklebendig und redselig.

Auf der Suche nach ihrem Freund trifft June in der stürmischen Nacht auf weitere Männer, die sie angreifen, von ihr geköpft werden und in dem titelgebenden „Korb voller Köpfe“ landen.

Im Grunde ist „Ein Korb voller Köpfe“ ein klassischer Survival-Thriller mit Noir-Elementen. Denn Hill zeichnet eine Welt, in der jeder jeden betrügt und alle hinter einem belastenden Tonband her sind. Auf dem Tonband soll Liam als Undercover-Agent seine Gespräche mit seinen Kollegen aufgezeichnet haben. Dazu kommen als Horrorelement die sprechenden Männerköpfe mit teilweise äußerst witzigen Dialogen. Das ergibt einen spannenden Thriller mit feministischen Untertönen und einer gelungenen Schlußpointe.

Auch in den anderen auf deutsch veröffentlichten „Hill House Comics“ haben Frauen eine zentrale Rolle und es gibt eine feministische Botschaft.

In „Das Puppenhaus“, geschrieben von M. R. Carey (aka Mike Carey), gezeichnet von Peter Gross, die bereits bei „Lucifer und „The Unwritten“ zusammen gearbeitet haben, erhält die kleine Alice 1979 von ihrer verstorbenen Großtante ein 1828 angefertigtes Puppenhaus mit besonders echt aussehenden Bewohnern.

Alice beginnt mit den Puppen zu spielen. Und erfährt von ihnen einen Zauberspruch, der es ihr ermöglicht zu schrumpfen und im Puppenhaus mit den Bewohnern Zeit zu verbringen. Dummerweise hat das Puppenhaus ein düsteres Geheimnis. Und das Haus hat einen mörderischen Einfluss auf Alice.

Carey und Gross erzählen die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner über mehrere Jahrhunderte. Dieser komplexe Aufbau führt dazu, dass die Geheimnisse des Hauses, die hier noch nicht einmal angedeutet werden sollen, nur langsam enthüllt werden.

Von den drei „Hill House Comics“-Geschichten ist „Das Puppenhaus“, auch weil große Teile der Geschichte im 19. Jahrhundert in England spielen, am nächsten an einer traditionellen Gothic-Horror-Story.

Im bislang letzten Band der „Hill House Comics“-Reihe „Im tiefen, tiefen Wald“ geht es in das Kaff Shudder-to-Think in Pennsylvania. Shudder-to-Think war eine prosperierende Kohlestadt. Die gesamte Gegend atmete Kohle und schwitzte sie aus. Heute ist das nur noch eine Erinnerung zwischen dampfenden Erdspalten, leer stehenden und verfallenen Häusern und Anwesen, die als Party-Location für die wenigen Jugendlichen dienen. Die meisten Menschen sind weg gezogen.

Die Teenager Octavia und Eldora sind beste Freundinnen. Kennen lernten sie sich vor Jahren im Wald, in den sie nicht allein gehen sollten. Als Octavia von einem Wesen, das wie ein enthäuteter Mensch aussieht, angefallen wird, kann Eldora ihr helfen. Seitdem sind sie beste Freundinnen, die viel Zeit miteinander verbringen.

Jahre nach der Begegnung mit dem Waldwesen gehen sie als Teenager zusammen ins Kino und verschlafen den Film. Sie glauben, dass in dieser Zeit etwas mit ihnen geschehen ist. Sie wollen herausfinden, was mit ihnen geschehen ist.

Auf ihrer Suche nach Antworten müssen sie sich mit der Geschichte der Stadt, Mythen, Aberglaube und verdrängten Erinnerungen.

Im tiefen, tiefen Wald“ wurde von Carmen Maria Machado (die Autorin gibt hier ihr Comicdebüt) geschrieben und von Dani gezeichnet. Sie erzählen eine Coming-of-Age-Geschichte, die auch von Stephen King stammen könnte; – der hätte sie natürlich vollkommen anders erzählt.

Die ersten drei in der „Hill House Comics“-Reihe veröffentlichten Geschichten sind, bei allen Unterschieden gelungene Horrorgeschichten mit überraschenden Wendungen und starken Heldinnen.

So fürchterlich kann es weitergehen.

Joe Hill/Leomacs/Dave Stewart: Ein Korb voller Köpfe

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2020

188 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Basketful of Heads # 1 – 7

DC Black Label/Hill House Comics, Dezember 2019 – Juli 2020

M. R. Carey/Peter Gross: Das Puppenhaus

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2020

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The Dollhouse Family # 1 – 6

DC Black Label/Hill House Comics, Januar – Juni 2020

Carmen Maria Machado/Dani: Im tiefen, tiefen Wald

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2020

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The low, low Woods # 1 – 6

DC Black Label/Hill House Comics, Februar – August 2020

Hinweise

DC über Hill House Comics

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung von Joe Hill/Gabriel Rodriguez‘ „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“ (Tales from the Darkside # 1 – 4, 2016)

Meine Besprechung von Colm McCarthy M.-R.-Carey-Verfilmung „The Girl with All the Gifts“ (The Girls with All the Gifts, Großbritannien/USA 2016)


„Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ berichten von mörderischen Geistern

Februar 10, 2021

Als FBI-Agentin Odessa Hardwicke und ihr älterer Partner Walt Leppo den Tatort betreten, sieht das Familienhaus wie nach einem Schlachtfest aus. Überall sind Blut und Leichen. Der Täter ist der ehemalige Stabschef des Gouverneurs von New Jersey. Er kämpft gerade gegen eine seine Existenz bedrohende Korruptionsklage. Jetzt ist er ausgerastet. Als sie ihn verhaften wollen, gibt es ein Getümmel, in dem Odessa ihren Partner erschießt. Er hat, ohne einen ersichtlichen Grund, versucht, die Tochter des Stabschefs zu töten. Anschließend sieht Odessa einen Schatten aus Leppos totem Körper aufsteigen.

Selbstverständlich wird Odessa danach in den Innendienst versetzt. Sie wird beauftragt, das Büro ihres schon seit Ewigkeiten pensionierten Kollegen Earl Solomon auszuräumen. Solomon liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Als sie ihn besucht, kann er mit ihrer Beobachtung etwas anfangen. Er empfiehlt ihr, Hugo Blackwood zu kontaktieren. Mit einem in einer besonderen Weise gefaltetem Brief, den sie in den Briefkasten eines scheinbar verlassenen Hauses in Manhattan werfen soll.

Solomon lernte Blackwood 1962 im Mississippi-Delta bei seinem ersten bedeutenden Fall als FBI-Agent kennen. Solomon sollte in den Südstaaten den Lynchmord an einem Weißen aufklären.

Blackwood reagiert umgehend, um nicht zu sagen mit beängstigender Schnelligkeit, auf Odessas Brief. Er sieht wie ein aus einem anderen Jahrhundert kommender Mann aus. Und, das kann verraten werden, er kommt aus dem 16. Jahrhundert. Er ist ein Geisterjäger, der den Schatten jagt, der aus Leppos Körper entwichen ist. Dieser Geist spring von Körper zu Körper und es gefällt ihm, wenn sein Wirtskörper möglichst spektakulär stirbt.

Der Untertitel „Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ verrät die Absicht von Guillermo del Toro und Chuck Hogan neuem Roman. „Die Schatten“ soll der Auftakt für eine neue Serie sein.

Bereits zwischen 2009 und 2011 schrieben sie gemeinsam die Trilogie „Die Saat – The Strain“. Die Vampirhorrorromane waren die Vorlage für eine Comic- und TV-Serie, in die del Toro und Hogan involviert waren. Ursprünglich hatte del Toro die „The Strain“-Geschichte als TV-Serie geplant.

Diesen Eindruck, also dass auch in diesem Fall die Idee und das Script für eine TV-Serie zu einem Roman umgeschrieben wurden, hatte ich auch bei „Die Schatten“. Der ganze Horrorroman liest sich wie ein Roman zum Film. Es gibt viele kurze Szenen und schnelle Wechsel zwischen Schauplätzen und Zeitebenen. Der Roman spielt gleichzeitig 1582 in Mortlake bei London, 1962 im Mississippi-Delta und, größtenteils, 2019 in Newark, New Jersey. Und, ja, es wäre besser gewesen, zuerst die Ereignisse von 1582, dann die von 1962 und dann die von 2019 zu schildern. Dann wäre allerdings sofort aufgefallen, wie wenig sie miteinander zu tun haben. So hofft man immer noch auf ein großes Finale, das das alte England mit den rassistischen Südstaaten mit den heutigen USA verbindet.

Die Personen sind nur oberflächlich skizziert. Keine hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck oder gewinnt eine größere Individualität. Die Geschichte selbst folgt, wenn wir die umständliche Konstruktion mit den drei parallel geführten Zeitebenen ignorieren, ohne große Überraschungen oder Vertiefungen, der Struktur, die man aus unzähligen TV-Serien kennt. Wobei „Die Schatten“ hier die Funktion eines Pilotepisode hat, in der die Figuren ausführlich vorgestellt werden und das Team für die nächsten Episoden zusammengestellt wird. Dann vielleicht mit einem überzeugenderem ‚Fall der Woche‘.

P. S.: Schönes Cover!

Guilermo del Toro/Chuck Hogan: Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1

(übersetzt von Kristof Kurz)

Heyne, 2021

416 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

The Hollow Ones

Grand Central Publishing, 2020

Hinweise

The Big Thrill: Interview mit Chuck Hogan über „Die Schatten“

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)


Der „Fear Agent“ besucht die „Deadly Class“ – nicht

Januar 29, 2021

Heath Huston ist ein Fear Agent. Sie waren eine texanische Kämpfertruppe gegen Aliens. Jetzt ist er der letzte von ihnen und er ist wahrlich keine Zierde für die Gilde. Er ist ein versoffener, großmäuliger Haudegen, der als Kopfgeldjäger Aliens jagt und immer wieder in lebensgefährliche Situationen stolpert. So begegnet er am Anfang von „Fear Agent – Band 1“ auf Frazterga einen Rudel Menschenaffen, die seit Kurzem die schon länger ansässigen Planetenpilger belästigen. Der ziemlich harmlose Auftrag läuft schnell komplett aus dem Ruder; auch weil in der Höhle der Primaten eine quallenartige hochentwickelte und sehr fiese Lebensform ist, die die Gedanken von anderen Lebensformen beeinflussen kann.

Auf dem Rückflug landet Huston auf einem Tank- und Handelspavillon, zu dem die Kommunikation abgebrochen ist. Als er landet, entdeckt er kein Lebewesen. Naja, fast. Denn bis auf Mara, der er in der Schiffskanalisation begegnet und die seine Begleiterin wird, wurden alle Menschen und sonstigen Lebewesen von fleischfressenden Monstern, Schlemmer genannt, verschlungen. Sie verschlingen nämlich alles, was ihnen über den Weg läuft. Jetzt sind sie auf dem Weg zur Erde.

Heath will die Vernichtung seiner alten Heimat verhindern. Dummerweise landet er auf dem Flug Richtung Erde in der Vergangenheit und im nächsten lebensgefährlichem Abenteuer.

Fear Agent“ von Autor Rick Remender und den Zeichnern Tony Moore („The Walking Dead“) und Jerome Opeña („Seven to Eternity“) ist ein Comic für die Fans von actionreichen Weltraumabenteuern in der Tradition von „Flash Gordon“ und, um auch modernere Brüder im Geist zu nennen, Han Solo, „Firefly“ und „Guardians of the Galaxy“. Und für die Fans solcher Abenteuergeschichten ist „Fear Agent“ ein wahres Fest.

Im Original erschien „Fear Agent“ von 2005 bis 2011. Insgesamt erschienen bei Dark Horse Comics und Image Comics 32 Hefte. Jetzt erschien bei Cross Cult der erste „Fear Agent“-Sammelband, der die ersten zehn Hefte enthält. In zwei weiteren Sammelbänden werden dann die weiteren Abenteuer von Heath Huston erscheinen. Sie sollen noch in diesem Jahr erscheinen.

Chronologisch nach „Fear Agent“ erfand Rick Remender 2014 die Serie „Deadly Class“, die 2018 zu einer kurzlebigen TV-Serie wurde.

Deadly Class“ spielt in den achtziger Jahren in San Francisco im Internat King’s Dominion. Das Internat ist keine normale Schule, sondern die renommierte Ausbildungsanstalt für künftige Profikiller. Die aus der ganzen Welt kommenden Schüler sind normalerweise die Kinder von Verbrechern, von Killern und Bandenchefs. Ab und zu wird auch ein Stipendium vergeben.

Nachdem Panini 2015 und 2016 die ersten beiden „Deadly Class“-Sammelbände veröffentlichte, wanderte die Serie zu Cross Cult, die 2019 die ersten beiden Sammelbände in einer neuen Übersetzung wieder herausbrachte und die nächsten Sammelbände veröffentlichte. Zuletzt erschienen der fünfte und sechste Sammelband, die die Geschichte nahtlos fortsetzen.

Der vierte Band endete mit dem Ende des ersten Schuljahrs und der Erstsemesterprüfung, die darin bestand, Klassenkameraden umzubringen. Am Ende der Prüfung waren die Reihen massiv gelichtet.

Saya gehört zu denen, die in das nächste Schuljahr gekommen ist. Im fünften „Deadly Class“-Sammelband erhält sie von Master Lin die Aufgabe, sich um die neue, aus einem afrikanischem Bürgerkriegsland kommende Schülerin Zenzele zu kümmern. Gleichzeitig stellen Rick Remender und Zeichner Wes Craig und Kolorist Jordan Boyd etliche der neuen Schüler vor, etablieren neue Konflikte unter den Schülern und führen einige alte Feindschaften fort. Natürlich wieder mit zahlreichen popkulturellen Anspielungen, schwarzem Humor und viel Gewalt.

Insgesamt sind der fünfte und sechste Sammelband eine Vorbereitung für kommende Ereignisse. Das ist in seiner Episodenhaftigkeit durchaus kurzweilig, aber bis zum Ende des sechsten Sammelbandes zeichnet sich kein heftübergreifender Plot ab.

Der siebte „Deadly Class“-Band ist für Mitte Februar angekündigt.

Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeña: Fear Agent – Band 1

(übersetzt von Christof Bango)

Cross Cult, 2020

256 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Fear Agent: Final Edition, Volume 1

Image Comics, 2018

Rick Remder/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: 1988 – Karussell (Band 5)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2020

176 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class Volume 5: Carousel

Image Comics, 2017

enthält

Deadly Class # 22 – 26

Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyd: Deadly Class: 1988 – Nicht das Ende (Band 6)

(übersetzt von Michael Schuster)

Cross Cult, 2020

136 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class Volume 6: This is not the end

Image Comics, 2017

enthält

Deadly Class # 27 – 31

Hinweise

Homepage von Rick Remender

Wikipedia über Fear Agent“ und „Deadly Class“ (Comic) (TV-Serie: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rick Remenders „Punisher 4: Frankencastle 2“ (FrankenCastle # 17 – 19, 2010)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)“ (Deadly Class Volume 1: Reagan Youth, 2014)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)“ (Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole, 2015)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)“ (Deadly Class Volume 3: The Snake Pit, 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)“ (Deadly Class Volume 4: Die for me, 2020)


„Der Flammenwall“ – turbulente Weihnacht mit der Sigma Force

Januar 27, 2021

Flughafenlektüre oder Strandkorblektüre nannte man solche Bücher früher, als man stundenlang auf Flughäfen herumlungerte (wegen der Verspätungen) oder im Sommerurlaub das Wasser mied (wegen dem Weißen Hai) und dicke Bücher voller Action, Liebe und Verschwörungen, aber ohne erkennbaren Tiefgang las. Pageturner halt. Weil man ja unbedingt wissen will, wie es weiter geht und wie der Held am Ende des Buches die Welt rettet.

In den „Sigma Force“-Romanen von James Rollins ist der Held gleich eine ganz Gruppe. Die Sigma Force ist eine geheime Geheimabteilung der USA, in der Supergeheimagenten und Superwissenschaftler – halt die Besten der Besten – die Welt vor durchgeknallten Bösewichtern, Fanatikern und weltumspannenden Verschwörungen retten. Jetzt müssen sie es wieder tun. Und weil eine zunächst unbekannte Gruppe ein „Sigma Force“-Mitglied mitten bei den Vorbereitungen für eine Weihnachtsfeier tödlich verletzt, ein weiteres „Sigma Force“-Mitglied (eine Hochschwangere!) und die anwesenden beiden Kinder entführt, ist es dieses Mal sogar persönlich.

Die Entführerin, die teuflische Schneekönigin Valya Mikhailov, will so an die junge Programmiererin Mara Silviera und ihr Programm über eine Künstliche Intelligenz herankommen. An dem Programm sind noch weitere böse und sehr böse Gruppen interessiert.

Und schon geht die wilde Hatz los, in der verschiedene Geheimbünde, Sekten (besonders prominent ist eine Sekte, deren Ursprünge in der Zeit der Hexenverfolgung liegen) und ein geheimer Geheimdienst des Vatikans mit- und gegeneinander kämpfen, während die Bösewichter die Künstliche Intelligenz Paris demolieren lassen. So wollen sie ausprobieren, ob das Programm funktioniert und die nötige Aufmerksamkeit für ihre nächsten Schritte erhalten.

Gejagt werden die Bösewichter in Europa von den „Sigma Force“-Mitgliedern Gray Pierce, Kowalski, Jason und Monk. In den USA kämpft Kat im Krankenhaus um ihr Leben und kann ihren Kollegen, trotz Locked-in-Syndrom, hilfreiche Hinweise zu den Entführern geben. Gleichzeitig, ebenfalls in den USA, versucht die schwangere Seichan mit den mit ihr entführten Kindern Penelope und Harriet aus ihrer Geiselhaft zu entkommen.

Der Flammenwall“ ist der vierzehnte „Sigma Force“-Roman von James Rollins und es ist genau der Eskapismus, den man sich vom Klappentext verspricht: viel Action, viele Verschwörungen, wenig Logik und eine Armee dürftig gezeichneter Figuren. Es ist ein Thriller, den man schnell durchliest und ebenso schnell vergisst.

Also die perfekte Lektüre für einen langen Nachmittag auf der Couch. Mit etwas Glühwein in Reichweite.

James Rollins: Der Flammenwall

(übersetzt von Norbert Stöbe)

Blanvalet, 2021

640 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Crucible (Sigma Force 14)

William Morrow, New York, 2019

Hinweise

Homepage von James Rollins

Meine Besprechung von James Rollins’ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)

Meine Besprechung von James Rollins/Rebecca Cantrells „Das Evangelium des Blutes“ ( The Blood Gospel, 2013)

Mein Gespräch mit Rebecca Cantrell über ihre Zusammenarbeit mit James Rollins


„Wilderer“ – das ausgezeichnete Debüt von Tom Franklin

Januar 22, 2021

Endlich, nachdem seine Solo-Romane „Die Gefürchteten“ (momentan nur antiquarisch), „Smonk“ und „Krumme Type, krumme Type“ (erhielt u. a. den Gold Dagger) bereits vor längerem auf Deutsch erschienen, ist jetzt auch Tom Franklins Buchdebüt „Wildeter“ auf Deutsch erhältlich. Die Sammlung von zehn Kurzgeschichten und einer zwischen Autobiographie und Erzählung pendelnden Einleitung erschien in den USA bereits 1999.

In den Geschichten zeichnet Tom Franklin ein düsteres Bild des US-amerikanischen Hinterlandes. Der Glaube an den amerikanischen Traum existiert in Franklins Alabama weder als hohle Fassade für die Gegenwart, noch als Erinnerung an eine einstmals bessere Vergangenheit. Das liegt auch daran, dass die in den Geschichten auftauchenden Figuren keiner Wildwest-Romantik anhängen und nicht nach einem besseren Leben streben. Deshalb können sie nicht scheitern.

Es sind vom Leben gebeutelte Menschen wie der alkohol- und spielsüchtige Geschäftsführer eines Kieswerks, der sich bei einem seiner Angestellten so sehr verschuldete, dass er immer weniger Herr über die Firma ist.

Oder ein Tankstellenbetreiber, der vor Jahrzehnten einmal ein Nashorn neben den Zapfsäulen aufstellte, um Kunden anzulocken. Inzwischen sind die Zapfsäulen museumsreif und die Kundschaft tankt an anderen Tankstellen.

Es sind Männer, die immer eine Schusswaffe in Reichweite haben und zum Angeln Dynamit benutzen. Es sind Männer, die, wenn sie Glück haben, in schlechten Jobs als etwas bessere Tagelöhner arbeiten. Sie sind Alkoholiker (oder kurz davor). Sie sind mit Frauen verheiratet, die sie nicht lieben, aber von ihnen geschwängert wurden.

Tom Franklin gibt in seinen grandiosen, die Schwüle der Südstaaten kongenial einfangenden Kurzgeschichten einen Einblick in ihr Leben.

Mit fast achzig Seiten ist „Wilderer“ die längste Geschichte des Buches. Die mit dem Edgar als beste Kurzgeschichte ausgezeichnete Geschichte ist eine der wenigen Geschichten, die mühelos als Kriminalgeschichte bezeichnet werden kann. In ihr bringen die jungen, geistig nicht besonders hellen Gates-Brüder im Wald den neuen Wildhüter um. Er hat sie beim Wildern erwischt. Kurz darauf sterben sie nacheinander bei seltsamen Unfällen. Ihr Ersatzvater, Betreiber einer Tankstelle und eines Ladens ohne Kundschaft, glaubt, dass der Vorgesetzte und designierte Nachfolger des ermordeten Wildhüters für die tödlichen Anschläge auf die Gates-Brüder verantwortlich ist. Diese enorm dicht erzählte Geschichte gäbe eine prächtige Vorlage für einen Country-Noir-Film ab.

Tom Franklin: Wilderer

(übersetzt von Nikolaus Stingl)

pulp master, 2020

256 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Poachers

Harper Collins, 1999

Hinweise

Wikipedia über Tom Franklin (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Franklins „Smonk“ (Smonk, 2006)


„Die große Stille“, „Geteilt durch Null“ – das fantastische Gesamtwerk von Ted Chiang

Januar 15, 2021

Wie man Ted Chiang nicht lesen sollte: das Buch nehmen, auf die Couch fläzen und es in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen.

Das liegt nicht daran, dass man die jeweils knapp vierhundert Seiten von „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ nicht an ein, zwei ruhigen Tag lesen könnte, sondern daran, dass jede Geschichte von Ted Chiang viel Stoff zum Nachdenken bietet und man auch darüber nachdenken will.

Ein breites Publikum dürfte Ted Chiang als den Mann kennen, der die Vorlage für Denis Villeneuves philosophischen Science-Fiction-Film „Arrival“ schrieb. „Geschichte deines Lebens“ erhielt den Nebula und den Sturgeon Award.

Science-Fiction-Fans, vor allem natürlich Science-Fiction-Fans aus dem angloamerikanischen Raum oder Science-Fiction-Fans, die englische Bücher lesen, kennen Ted Chiang schon viel länger. Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte, „Der Turmbau zu Babel“, erschien 1990. Sie erhielt den Nebula Award und war für den Hugo Award nominiert. Seitdem veröffentlichte er keine zwanzig Kurzgeschichten. Diese Geschichten erhielten 27 wichtige Science-Fiction-Preise. Dazu kommen noch gut dreißig Nominierungen. Romane veröffentlichte er bislang nicht.

Jetzt liegen in den beiden erwähnten Büchern „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ erstmals alle seine Geschichte auf Deutsch vor, ergänzt um Anmerkungen von ihm zu seinen Geschichten.

In „Die große Stille“ sind:

Der Kaufmann am Portal des Alchemisten (The Merchant and the Alchemist’s Gate, FANTASY AND, September 2007, ausgezeichnet mit dem Nebula und Hugo Award)

Ausatmung (Exhalation, Exlipse 2, 2008, ausgezeichent mit dem Hugo und Locus Award)

Was von uns erwartet wird (What’s Expected of Us, Nature Volume 436 Issue 7047, Juli 2005)

Der Lebenszyklus von Software-Objekten (The Lifecycle of Software Objects, Subterranean Press, 2010, ausgezeichnet mit dem Hugo und Locus Award)

Daceys vollautomatisches Kindermädchen (Dacey’s Patent Automatic Nanny, in Jeff VanderMeer/Ann VanderMeer, Hrsg.: The Thackery T. Lambshead Cabinett of Curiosities, 2011)

Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens (The Truth of Fact, the Truth of Feeling, Subterranean Press Magazine, August 2013)

Die große Stille (The Great Silence, e-flux journal, 2015)

Omphalos (Omphalos, Exhalation, 2019)

Angst ist der Taumel der Freiheit (Anxiety Is the Dizziness of Freedom, Exhalation, 2019, Finalist für den Nebula Award für die beste Erzählung)

In „Geteilt durch Null“ sind seine älteren Geschichte. Nämlich:

Der Turmbau zu Babel (Tower of Babylon, OMNI, November 1990, ausgezeichnet mit dem Nebula Award)

Verstehen (Understand, ASIMOV’S, August 1991)

Geteilt durch null (Division by Zero, Full Spectrum 3, Doubleday, 1991)

Geschichte deines Lebens (Story of Your Life, Starlight 2, November 1998, ausgezeichnet mit dem Nebula und Sturgeon Award)

Zweiundsiebzig Buchstaben (Seventy-Two Letters, Vanishing Acts, TOR 2000)

Die Evolution menschlicher Wissenschaft (The Evolution of Human Science, erschien erstmals unter dem Titel „Catching Crumbs from the Table“, Nature 405, Juni 2000)

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Hell Is the Absence of God, Starlight 3, 2001, ausgezeichnet mit den Nebula, Hugo und Locus Award)

Die Wahrheit vor Augen (Liking What You See: A Documentary, in „Story of your Life and Others, TOR 2002)

Natürlich ist nicht jede Geschichte ein Meisterwerk. Aber jede Geschichte ist eine lohnenswerte Lektüre. Persönlich halte ich „Die große Stille“ für etwas besser als „Geteilt durch Null“; aber das kann auch daran liegen, dass ich zuerst „Die große Stille“ gelesen habe.

Weil bei Kurzgeschichten die Pointe ein wichtiger Teil der Geschichte ist und schon eine kurze Zusammenfassung zu viel verraten kann, werde ich nur auf einige seiner Geschichten etwas näher eingehen.

In der vierseitigen Geschichte „Was von uns erwartet wird“ gibt es ein Gerät, Prognostiker genannt, bei dem ein Licht blinkt, bevor man den Knopf drückt. Das Gerät weiß also, was in der Zukunft geschieht und diese Zukunft ist bereits vorherbestimmt. Aber was bedeutet es, wenn wir Menschen wissen, dass wir keinen freien Willen haben? Chiang gelingt es auf vier Seiten die Diskussion über die Willensfreiheit abzubilden und dem Leser die wichtigen damit verbundenen Fragen so nahezubringen, dass man sie und die damit verbundenen Probleme versteht und sofort beginnt, darüber nachzudenken.

In „Angst ist der Taumel der Freiheit“ können die Menschen mit Hilfe eines Geräts in Parallelwelten blicken und sehen, wie ihr Leben verlaufen würde, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten. Aber hätten diese Entscheidungen und Zufälle ihr Leben im großen und ganzen wirklich verändert? Oder ist nicht doch alles vorherbestimmt?

In „Geteilt durch Null“ entdeckt eine Mathematikerin den Beweis, dass die gesamte Mathematik auf einer falschen Annahme beruht. Was bedeutet diese Entdeckung für sie? In „Der Lebenszyklus von Software-Objekten“, mit knapp hundertzwanzig Seiten seine längste Geschichte, schildert Chiang, den Aufstieg und Niedergang eines Computerspiels und einiger seiner begeisterten Fans, die das Spiel, nachdem es von der Firma nicht mehr weiterentwickelt wird, weiter am Leben erhalten wollen, weil es ein Teil ihres Lebens ist.

Es geht, in „Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens“, um unsere Erinnerung und was es bedeutet, wenn wir für jede unserer Taten einen unwiderlegbaren Videobeweis haben. Was macht das mit unseren, dann eigentlich überflüssigen, Erinnerungen? Ist dieses Leben ein Paradies (endlich keine Streitereien mehr darüber, wer vor fünf Jahren nach der Geburtstagsfeier den Abwasch erledigt hat) oder die Hölle? Wobei Chiang diese Frage schon im grandiosen Titel einer anderen Geschichte beantwortet hat: „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In seinen Geschichten beschäftigt er sich mit philosophischen Fragen, die uns schon lange beschäftigen und auch zukünftig beschäftigen werden, wie die Frage der Willensfreiheit oder des Determinismus. Chiang nimmt sie allerdings aus dem philosophischen Universitätsseminar. Er behandelt sie in SF-Geschichten, die zum Nachdenken anregen und gerade genug in die Zukunft blicken, um uns wirklich zu ängstigen. Oder hoffnungsfroh zu stimmen. Denn was wäre so schlecht an einem Gerät, das uns dazu bringt, unseren Gegenüber nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen?

Ted Chiang: Die große Stille

(übersetzt von molosovsky, Jacob Schmidt und Karin Will)

Golkonda, 2020

392 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Exhalation

Alfred A. Knopf, 2019

Ted Chiang: Geteilt durch Null

(übersetzt von molosovsky und Karin Will)

Golkonda, 2020

360 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Story of your life and others

Vintage Books, 2016

Hinweise

Wikipedia über Ted Chiang (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ted Chiangs „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ (2011)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Ted-Chiang-Verfilmung „Arrival“ (Arrival, USA 2016)


„Faithless“ – Brian Azzarello macht jetzt Dark Fantasy

Januar 14, 2021

Faithless“ ist die Hardcore-Version von „Fifty Shades of Grey“. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber so dürfte das Interesse an „Faithless“, dem neuesten Werk von Brian Azzarello, geweckt sein. Azzarello ist vor allem für seine grandiosen Noir-Comics bekannt. Das sind eigene Serien, wie „100 Bullets“, „Jonny Double“ und „Moonshine“, und Neuinterpretationen bekannter Charaktere, wie seine zahlreichen „Batman“-Comics. Für „Faithless“ arbeitete er erstmals mit Maria Llovet zusammen. Zu den bisherigen Werken der Spanierin gehören „Loud!“, „Heartbeat“ und die Bilder für das Sex-Sachbuch „Ceci n’est pas un livre de sexe“. Soweit ich es überblicke, ist „Faithless“ ihr erstes in Deutschland veröffentlichtes Werk.

Im Mittelpunkt von „Faithless“ steht Faith, eine junge, an Magie glaubende Künstlerin, die sich mehr als schlecht durchschlägt und viel Zeit mit ihren Freunden in abgewrackten Spelunken verbringt. Eines Tages lernt sie Poppy kennen. Sie haben Sex. Für Faith ist es sogar wortwörtlich tierisch-teuflischer Sex. Tabulos gezeihnet von Llovet.

Wenige Stunden später gehen Poppy und Faith auf eine Vernissage. Dort trifft Faith den bekannten, charismatischen und überaus egozentrischen Künstler Louis Thorn.

Kurz darauf stirbt Poppy. Ihr kurzzeitig trauernder Vater Louis Thorn beginnt eine Beziehung mit Faith. Er nimmt sie auch als Muse und junges Talent in seine Schule auf. Sie wird ein Teil seiner Entourage. Gleichzeitig verführt er sie. Als sie Sex haben, glaubt Faith, dass auch Poppy dabei ist. Sowieso ist Poppy für Faith inzwischen eine feste, durchaus lebendige Begleiterin geworden.

Faithless“ wird als „Dark Fantasy Serie“ beworben. Der Untertitel ist „Eine erotische Darstellung von Glauben, Sex und dem Teufel in der Tradition der ‚Göttlichen Komödie’“. Damit dürfte klar sein, dass in der von Brian Azzarello und Maria Llovet erzählten Geschichte die Grenzen zwischen der normalen und einer magischen Welt brüchig sind und der Teufel eine junge Frau verführt. Unklar ist allerdings, wie gefährlich diese Welt ist, in die Faith hineingeführt wird und wie gefährlich sie für Faith wird.

In dem ersten „Faithless“-Sammelband (der die ersten sechs „Faithless“-Hefte enthält) geht es auch um die Selbstinszenierungen von Künstlern, ihrer Suche nach Wahrheit und Echtheit in ihrem Werk und dem Verhältnis vom Meister zu seinen von ihm verzauberten, ihm zu Füßen liegenden Lehrlingen.

Der erste „Faithless“-Sammelband ist ein gelungener, vielschichtiger Serienauftakt. In den USA erscheint in wenigen Wochen der zweite Sammelband.

Brian Azzarello/Maria Llovet: Faithless – Band 1

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2020

164 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Faithless # 1 – 6

Boom Studios, 2020

Hinweise

Homepage von Maria Llovet

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer“ (Batman: Gotham Knights #8, 2000; Batman # 620 – 625, 2003/2004; Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011; Wednesday Comics # 1 – 12, 2009)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 1“ (Batman: Damned # 1, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 2“ (Batman: Damned # 2, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 3“ (Batman: Damned 3, 2019)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine – Band 1“ (Moonshine, Volume 1, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine: Band 2“ (Moonshine, Volume #2, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman/Deathblow: Nach dem Feuer“ (Batman/Deathblow: After the Fire #1 – 3, 2002)


„Schwarzes Gold“, „Marseille.73“ – Die ersten Fälle von Dominque Manottis Commisaire Théo Daquin

Januar 13, 2021

Am 11. März 1973 trifft Commisaire Théodore ‚Théo‘ Daquin in Marseille ein. Vorher war der Siebenundzwanigjährige, nach seinem mit Bravour bestandenem Studium und der Polizeihochschule, die er als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen hat, ein Jahr in Beirut beim Sicherheitsdienst der Botschaft. Jetzt leitet er erstmals eine Einheit bei der Kriminalpolizei. Und diese Zusammenarbeit wird, das kann jetzt schon gesagt werden, erfreulich reibungslos und professionell verlaufen. Außerdem sind die drei Ermittler erfreulich unbelastet von persönlichen psychischen Problemen.

Daquin hat an seinen neuen Arbeitsplatz noch nicht die überlebenswichtige Expressomaschine angeschlossen, da haben er und sein Team, Inspecteur Grimbert und Inspecteur Delmas, ihren ersten Fall. Sie sollen den Mordfall Belle de Mai bearbeiten. Der Mord ist ein weiterer Mord in einem gerade stattfindendem Gangsterkrieg um die Nachfolge im Guérini-Clan. Für Daquin sind die Ermittlungen eine gute Gelegenheit, seinen neuen Einsatzort und die örtliche Verbrecherszene kennen zu lernen.

Wenige Stunden später wird der Unternehmer Maxime Pieri vor einem Casino auf offener Straße erschossen. Der Mörder kann auf einem Motorrad entkommen. Die Tat ist so inszeniert, dass sie eine eine Botschaft senden soll. Der Ermordete wurde von Emily Frickx begleitet. Sie wurde nicht verletzt. Ihr Ehemann Michael Frickx ist der Leiter des europäischen Büros einer großen amerikanischen Handelsfirma für Erze. Er machte öfter Geschäfte mit Pieri.

Pieri leitete das Seefrachtunternehmen Somar, das zuletzt Erdöl über das Mittelmeer transportierte und dabei die großen Ölkonzerne, die den Markt aufgeteilt haben, umgeht. Er hoffte auf große Gewinne am sich wandelnden Ölmarkt. Bevor Pieri bürgerlich wurde, organisierte er für die Guérinis den Heroinschmuggel. Auch seine aktuellen Geschäfte sind, wie die Ermittler schnell erfahren, nicht hunderprozentig legal.

Aufgrund einer rechtstechnischen Formalie haben Daquin, Grimbert und Delmas im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens ein Zeitfenster von vierzehn Tagen, in denen sie bei ihren Ermittlungen freie Hand haben. Diese Freiheit nutzen sie bei ihren Ermittlungen weidlich aus.

In „Schwarzes Gold“ erzählt Dominque Manotti den ersten großen Fall von Théo Daquin, der bereits in mehreren ihrer Romane (die chronologisch nach „Schwarzes Gold“ spielen) auftrat. 1973 ist er noch jung an Lebensjahren, aber er hat schon die Ruhe und Lakonik eines alten Mannes. Schnell erkennt der unbestechliche Ermittler, welche Rolle er spielen soll und wo seine Position in diesem Spiel ist. Er füllt sie aus und nutzt die Chancen, die sich ihm bieten.

Die von Manotti in ihrem gewohnt schnörkellosen Ton erzählte Noir-Geschichte ist dann ein Wirtschaftskrimi à la Eric Ambler.

Wenige Monate später haben Daquin und sein Team von der Brigade Criminelle ihren nächsten großen Fall. Es beginnt mit einer Amtshilfe für die Kollegen in Toulon. Die haben einige Mitglieder der rechtsterroristischen UFRA, der „Vereinigung französischer Algerienheimkehrer“, verhaftet. Bei ihnen wurden Adressen aus Marseille gefunden. Einige UFRA-Mitglieder sind Polizisten oder mit Polizisten befreundet. Daquin, Grimbert und Delmas sollen die Anfrage benutzen, um unauffällig ein Bild der Marseiller UFRA zu erstellen. Dass ihr Lagebild nicht zur Bekämpfung der UFRA benutzt werden soll, ahnt Daquin schnell.

Ihre langsam beginnenden Ermittlungen spielen vor dem Hintergrund mehrerer, sich gegenseitig hochschaukelnder rassistischer Taten und einer rassistisch motivierten Mordserie. So wird der sechzehnjährige Malek Khider in seinem Viertel erschossen. Während die Police Urbaine extrem schlampig die Beweise am Tatort sammelt und dabei (und danach) Beweise vernichtet, beginnt Daquin mit ernsthaften Ermittlungen. Schnell sind er und sein Team überzeugt, dass dieser Mord und ihre Ermittlungen gegen die regionale UFRA-Zweigstelle miteinander zusammen hängen.

Es ist auch die Zeit, als der Korpsgeist und ein gut etabliertes korruptes System von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten in Marseille und in der dortigen Polizei herrschte. Das ist jetzt von innen und außen gefährtet. Denn der Dicke Marcel, ein Brigadier, ohne dessen Wissen und Zustimmung nichts bei der Police Urbaine geschieht, wird alt. Seine Macht bröckelt. Gleichzeitig initiert ein rühriger junger Anwalt eine Protestbewegung und eine Klage, die zu einem Prozess gegen den Mörder von Malek Khider führen soll. Und der Mörder ist ein Polizist.

Diese Proteste gegen eine rassistische Polizei und eine untätige Justiz stehen im Zentrum von „Marseille.73“. Daquin und sein Team stehen da weitgehend am Spielfeldrand einer historisch verbürgten rassistischen Mordserie. Während den Ermittlugen fragt Daquin sich, wie lange er in Marseille bleiben kann und will. Denn er möchte nicht Mitglied eines Systems werden, in dem rassistische Polizisten ungestraft Ausländer, wozu auch aus den ehemaligen Kolonien, wie Algerien, kommende Menschen gehören, ermorden können.

Marseille.73“ ist das fast wie eine Reportage geschriebene Porträt einer korrupten Polizei und das damals alltäglichen Rassismus. Der Noir ist dann ein Copthriller à la James Ellroy, bevor er in Verschwörungstheorien abtauchte.

Schwarzes Gold“ und „Marseille.73“ sind zwei gewohnt lesenswerte und aufklärerische Noirs von Dominique Manotti, die vollkommen unabhängig voneinander gelesen werden können. Beide Noirs sind erhellende und aufklärerische Blicke in die Vergangenheit; wobei gerade bei „Marseille.73“ die Verbindungen zur Gegenwart leicht zu ziehen sind.

Am 7. Oktober 1973, wieder ein Sonntag, verläßt Daquin Marseille. Sein Urteil über die Hafenstadt ist wenig schmeichelhaft, aber nachvollziehbar: „Die Stadt stinkt vor Straflosigkeit und Gewalt. Straflosigkeit gebiert Gewalt.“

Dominique Manotte: Schwarzes Gold

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2016

384 Seiten

19 Euro

Die Taschenbuchausgabe erschien im Juli und kostet 14 Euro.

Originalausgabe

Or noir

Éditions Gallimard, Paris, 2015

Dominique Manotti: Marseille.73

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2020

400 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

Marseille 73

Éditions Les Arènes, Paris, 2020

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Abpfiff“ (Kop, 1988)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Kesseltreiben“ (Racket, 2018)


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