TV-Tipp für den 27. Januar: Das Tagebuch der Anne Frank

Januar 26, 2023

3sat, 20.15

Das Tagebuch der Anne Frank (Deutschland 2016)

Regie: Hans Steinbichler

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.

Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.

Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki

Die Vorlage

Anne Frank - Gesamtausgabe TB - 4

Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich die Ausgabe ihres Tagebuchs.

Anne Frank: Gesamtausgabe
(herausgegeben vom Anne Frank Fonds)
(übersetzt von Mirjam Pressler)
Fischer, 2015
816 Seiten
12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013

Hinweise

Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“

Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“

Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch, englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch)
Der Anne Frank Fonds

Anne-Frank-Seite des Fischer Verlags

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Deutschland 2016)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“ in Kirill Serebrennikovs Alexei-Salnikow-Verfilmung

Januar 26, 2023

Erstens: Kirill Serebrennikovs neuer Film beginnt mit dem Hinweis, in dem Film seinen Szenen, in denen geraucht und Alkohol getrunken werde. Nun, ob diese zutreffende Warnung für Sechzehnjährige (der Film ist hier „frei ab 16 Jahre“) wirklich nötig ist, bezweifle ich ernsthaft. Außerdem, wenn es schon gut gemeinte Warnungen gibt, hätten die Macher auch gleich auf die teils sehr graphisch gezeigte Gewalt, längere Nacktszenen, vulgäre Sprache und die konstante Reizüberflutung hinweisen können. Und da sind wir noch lange nicht beim Inhalt angelangt. Vor dem könnte auch noch gewarnt werden. Denn dieser ist ziemlich verstörend. Jedenfalls für alle, die glauben, Russland sei ein Paradies, in dem jeder gerne leben möchte.

Aber wahrscheinlich ist die Warnung nur ein Witz über idiotische Triggerwarnungen – oder bei russischen Filmen eine Auflage, die erfüllt werden muss, um den Film dort im Kino zeigen zu dürfen.

Zweitens: Kirill Serebrennikov ist Russe und einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Regisseure.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor einem knappen Jahr wird ja darüber diskutiert, ob deswegen auch russische Künstler und Kunst boykottiert werden sollten. Wer dies etwas differenzierter tut, muss zur Kenntnis nehmen, dass Serebrennikov kein Putin-Freund, sondern schon seit Jahren ein wortstarker Putin-Kritiker ist. Mit offensichtlich fingierten Beschuldigungen wurde er angeklagt und verurteilt. Er stand jahrelang unter Hausarrest und er durfte das Land nicht verlassen. Seine Arbeiten wurden, wenig überraschend, von der Regierung als systemkritisch eingestuft.

Selbstverständlich kritisiert Serebrennikov den völkerrechswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Seit April 2022 lebt er in Berlin.

In dem Moment hatte er seinen neuen Film bereits abgedreht. In Cannes wurde „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“ bereits 2021 im Wettbewerb gezeigt.

Im Mittelpunkt der schwarzhumorigen Satire steht, naja eher taumelt und schneuzt Petrow sich in den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester durch Jekaterinburg. Er fährt Bus. Er trifft seinen alten Freund Igor und gemeinsam begeben sie sich in einem Leichenwagen, in dem gerade in einem Sarg eine Leiche befördert wird, auf eine ausgedehnte Sauftour.

Währenddessen schlägt sich Petrows Frau, eine Bibliothekarin, mit einem Lesekreis herum, kocht und verletzt ihren Sohn. Auch sie erkrankt und fantasiert.

Ihrem Sohn ergeht es nicht besser. Aber er will unbedingt ins Theater zum Jolkafest, dem sowjetischen und jetzt russischen Äquivalent zu einer hiesigen Weihnatsshow.

Petrov’s Flu“ ist wie ein Fiebertraum, in dem die Figuren sich immer wieder an vergangene Ereignisse erinnern, fantasieren und durch die Stadt stolpern. Im Film und in Alexei Salnikows Roman „Petrow hat Fieber“, den Serebrennikov verfilmte, bewegen Petrow und Petrowa sich zwar ständig durch die Stadt, aber eine konventionelle Geschichte ergibt sich daraus nicht. Ihre Bewegungen sind eher ziellos und immer wieder verändern Zufälle ihren ursprünglich geplanten Weg. Es wird munter vor sich hin assoziiert. Einige Figuren und Themen tauchen öfter auf. Einige Ereignisse werden zu einem späteren Zeitpunkt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Dabei folgt Serebrennikov Salnikows Roman ziemlich präzise. Auch wenn er einiges weglässt und einige Episoden verschiebt. Der größte Unterschied ergibt sich aus seiner Erzählweise. Der sehr russische Roman ist doch etwas langsam und fast schon langweilig realistisch erzählt. Obwohl die Geschichte in der Gegenwart spielt und es zahlreiche Anspielungen auf die US-Popkultur gibt (so werden „Matrix“ und „Fight Club“ erwähnt), könnte sie genausogut vor vierzig, fünfzig oder sogar hundert Jahren spielen. Der trinkfreudige Petrow und seine ebenso trinkfreudigen Freunde verkörpern genau das Bild, das wir von Russland haben. Die unhöfliche, die Fahrgäste beleidigende Schaffnerin und die abgeranzten Wohnungen strahlen genau den autoritätshörigen Mief aus, den wir mir der untergegangenen Sowjetunion und ihrer konstanten Mangelwirtschaft verbinden.

Im Film wird daraus eine Dystopie, die ein Land lange nach seinem Zerfall in einem Zustand hysterischer Ohnmacht zeigt. Serebrennikov zeigt diesen rasenden Stillstand in oft extrem langen Takes als eine konstante Reizüberflutung. Das gilt sogar für die wenigen ruhigen Szenen.

Das ist ein ziemlich furioser und die Sinne überwältigender Trip. Auch ohne Alkohol und Rauschwaren. Mit zweieinhalb Stunden ist diese kaum verhüllte Zustandsbeschreibung eines im Chaos vor sich hin taumelnden Reiches aber deutlich zu lang geraten. Eine halbe Stunde weniger wäre mehr gewesen.

Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber (Petrovy v grippe, Russland/Frankreich/Deutschland/Schweiz 2021)

Regie: Kirill Serebrennikov

Drehbuch: Kirill Serebrennikov

LV: Alexei Salnikow: Petrovy v grippe i vokrug nego, 2016 (Petrow hat Fieber)

mit Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, Yulia Peresild, Yuri Kolokolnikov, Yuriy Borisov, Ivan Dorn, Aleksandr Ilyin, Sergey Dreyden, Olga Voronina, Timofey Tribuntsev, Semyon Steinberg, Georgiy Kudrenko

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Alexei Salnikow: Petrow hat Fieber – Gripperoman

(übersetzt von Bettina Kaibach)

Suhrkamp, 2022

368 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Petrovy v grippe i vokrug nego

AST/Redakcija Elena Subina, 2016

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“

Moviepilot über „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“

Metacritic über „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“

Rotten Tomatoes über „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“

Wikipedia über „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über den Roman „Petrow hat Fieber“

Meine Besprechung von Kirill Serebrennikovs „Leto“ (Leto, Russland/Frankreich 2018)


Mick Herron erklärt die „London Rules“

Januar 25, 2023

Ungefähr überall werden die Jackson-Lamb- oder Slough-House-Romane von Mick Herron abgefeiert und mit wichtigen Preisen, wie dem Gold Dagger und dem Steel Dagger, ausgezeichnet. Acht Romane und fünf kürzere Geschichten, die zuletzt in dem Sammelband „Standing by the Wall“ veröffentlicht wurden, hat Herron seit 2010 geschrieben. Seit April 2022 gibt es die auf den Romanen basierende Streaming-Serie „Slow Horses“ mit Gary Oldman als Jackson Lamb. Die zweite Staffel wurde vor wenigen Wochen veröffentlicht. Und die nächsten beiden Staffeln sind bereits bestellt.

Auf Deutsch erschien zuletzt „London Rules“, der fünfte Roman der Serie. Er erhielt den Capital Crime Best Thriller Award und stand auf den Nominierungslisten für den CWA Gold Dagger for Best Crime Novel, den Ian Fleming Steel Dagger Award, den Last Laugh Award, den Barry Award und den Theakston’s Old Peculier Crime Novel of the Year Award.

Herrons Held Jackson Lamb ist ein abgehalfteter MI-5-Agent, der in London im Slough House residiert. Das ist die Endstation für Geheimagenten, die irgendwann wirklich Mist gebaut haben. Sie sind alle etwas dumm und ambitioniert. Eben deswegen mischen sie sich ungefragt in Angelegenheiten ein, die dann zu Ereignissen führen, die schnell hoffnungslos aus dem Ruder laufen. So führt in „London Rules“ eine simple Überwachung zum Tod eines Politikers. Eine Terrorgruppe wird verdächtigt – und diese fragt sich, wer den Politiker so hinterhältig ermordete, während sie nur mit ihm reden wollten.

Angefangen hat die Sache mit unzusammenhängenden Anschlägen auf ein Dorf in Derbyshire und einen Zoo in London. Während die richtigen Ermittler eifrig nach den Tätern suchen, muss Lambs Team Däumchen drehen. Nur so können sie die Ermittlungen nicht gefährden.

Da erinnert J. K. Coe, einer von Lambs Untergebenen, sich an einen alten Plan zur Destabilisierung von Dritte-Welt-Staaten. Er hatte ihn, als er in einer anderen Abteilung des Geheimdienstes arbeitete, gelesen. Jetzt glaubt er, dass dieser uralte Plan möglicherweise in die falschen Hände geraten ist und von Terroristen umgesetzt wird. Roderick Ho, Lambs IT-Mann, könnte den Bösewichtern dabei unwissentlich geholfen haben. Und schon versuchen Lamb und seine Mannschaft den möglichen Schaden zu begrenzen. Für sich und für Großbritannien.

Herron wechselt, wie in einer Mini-TV-Serie, ständig und gekonnt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und den in das Geschehen involvierten Figuren. Es handelt sich dabei um Lamb, seine Untergebenen, seine Vorgesetzten, verschiedene Gruppen von Bösewichtern und von den Bösewichtern bedrohten Figuren. Das sind eine Menge Figuren und Handlungsstränge, die dann dazu führen, dass aus einem potentiellem flotten Zweihundert-Seiten-Krimi schnell ein doch etwas bräsiger Fünfhundert-Seiten-Roman wird. Denn die in jeder Szene immer zwischen mindestens zwei Perspektiven wechselnde Geschichte entwickelt sich arg langsam, um nicht zu sagen zäh.

Der vielbeschworene Humor der Romane – „humorvollster englischsprachiger Autor von Spionage-Thrillern, vielleicht sogar von Kriminalliteratur überhaupt“ (The Times) – erschließt sich mir nicht. Sicher, die Verwicklungen und die teils chaotischen Situationen, die sich in unvorhersehbare Richtungen entwickeln, sind witzig in ihrem fatalen „was schiefgehen kann, wird schiefgehen“-Tenor. Es gibt auch einige Wortwitze. Aber allzu oft musste ich nicht lachen. Die Tiraden von Jackson Lamb sind sicher witzig gemeint, aber letztendlich sind sie nur eine Suada unflätiger, pubertärer Beleidigungen, wie: „Hat einer von euch Witzbolden ein Furzkissen auf meinen Stuhl gelegt? Nein? Na, wenn das so ist, habe ich wohl gerade gefurzt.“

Bei den Beschreibungen der Hauptfiguren geht Herron davon aus, dass seine vorherigen Spionageromane bekannt sind. Das erschwert Neueinsteigern etwas die Orientierung. Aber auch ohne längliche Hintergrundinformationen über die einzelnen Figuren sind sie plastisch und gut unterscheidbar. Das gelingt nicht jedem Autor.

Letztendlich findet Herrons neueste Agentenkomödie irgendwo zwischen „ganz okay“ und „nett“ seinen Platz. Und lässt mich rätseln, woher die überschwängliche Begeisterung für „London Rules“ und die Serie kommt.

Mick Herron: London Rules – Ein Fall für Jackson Lamb

(übersetzt von Stefanie Schäfer)

Diogenes, 2022

496 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

London Rules

John Murray Publishers Ltd./Hachette UK Company, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „London Rules“

Book Marks über „London Rules“

Homepage von Mick Herron

Wikipedia über Mick Herron (deutsch, englisch)

P. S.: In seinem schwarzhumorigem Thriller „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) bedient Thomas Perry sich einer ähnlichen Prämisse. In seinem Thriller wird aus einer universitären Forschungseinrichtung eine CIA-Studie zur psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika geklaut. Die Studie darf nicht in die falschen Hände fallen. Und schon beginnt eine grandios-groteske Jagd.

Die deutsche Ausgabe des Thrillers ist nur noch antiquarisch erhältlich.


„Wir haben nicht genug Leichen.“ – Der Science-Fiction-Rätselthriller „Fern vom Licht des Himmels“

Januar 18, 2023

Hier spricht Captain Michelle ‚Shell‘ Campion vom Raumschiff Ragtime. Ich habe hier einen Code 4717, wiederhole: 4717. Kontamination an Bord, mögliche Ansteckung. Passagiere befinden sich noch im Ragtime-Traumzustand. Schicken Sie keine Fähren für die Passagiere, bevor sie von mir hören. Campion Ende.“ Das ist der erste Funkspruch, den Shell nach einem zehnjährigem Tiefschlaf losschickt. In der Zeit wurde die Ragtime auf ihrem Weg von der Erde zu dem Kolonieplaneten Bloodroot von einer Künstlichen Intelligenz gelenkt. An Bord befinden sich, im Tiefschlaf, tausend Siedler.

4717 ist der Code für mehrere vorzeitige Todesfälle. Insgesamt sind 31 Passagiere tot. Shell hat sie zerstückelt in der Entsorgungsanlage des Schiffes gefunden. Die Künstliche Intelligenz, die das Schiff fliegt und die aufpassen sollte, dass nichts passiert, ist ausgefallen. Informationen über das, was während Shells Tiefschlaf geschah, sind nicht verfügbar. Obwohl alles, was auf dem Schiff geschieht, aufgezeichnet wird.

Um herauszufinden, wie es zu diesen Todesfällen kommen konnte, wird der Ermittler Rasheed Fin von Bloodroot zur Ragtime geschickt.

Er beginnt seine Ermittlungen mit dem Zusammensetzen der Leichenteile. Dabei entdeckt er, dass ungefähr zweieinhalb Menschen fehlen.

Kurz darauf taucht, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und ohne dass die das Schiff überwachende KI sie davor warnte, ein Wolf auf dem Raumschiff auf.

Das ist nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal, dass die KI Fins Arbeit behindert und sie möglicherweise umbringen will.

Bekannt wurde Tade Thompson bei Science-Fiction-Fan mit seiner Wormwood-Trilogie (manchmal auch „Rosewater“-Trilogie genannt). Mit „Fern vom Licht des Himmels“ legt er einen Einzelroman vor. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen, die auf der Erde spielen, spielt diese Geschichte im Weltraum in einem Raumschiff, das sich in der Nähe eines weit, weit entfernten Planeten befindet. Während der Ermittlungen von Fin zeichnet Thompson eine reichhaltige Welt, über die hier nicht mehr verraten werden soll. Das würde nämlich auch allzu deutliche Hinweise auf die Lösung des Falles geben.

Zum klassischen Ermitteln kommt Fin und sein nicht-menschlicher Partner Salvo, ein Lamber, kaum. Denn immer wieder durchkreuzen lebensbedrohende Gefahren seine Ermittlungen. Sie sind auch für Shell, den später hinzu gekommenen Lawrence Biz, der früher mit Shells Vater den Weltraum erkundete, und ihre nicht-humanoiden Begleiter lebensbedrohlich.

Insofern ist „Fern vom Licht des Himmels“ formal zwar ein Locked-Room-Mystery im Weltraum, aber kein Rätselkrimi, in dem der Ermittler geduldig die Verdächtigen befragt und am Ende den Mörder präsentiert. Diese Verdächtigen gibt es auf dem Schiff nicht. Aber irgendjemand hat die Master-KI manipuliert. Wie und warum ist unklar. Ebenso ob dieses Wesen (es könnte ja auch ein Alien oder eine KI sein) noch an Bord ist.

Als Thriller mit überraschenden Wendungen und einer wunderschön skizzierten fremden Welt unterhält „Fern vom Licht des Himmels“ prächtig.

Mit Autoren wie Tade Thompson habe ich keine Angst um die Zukunft des Science-Fiction-Genres.

Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2022

384 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Far from the Light of Heaven

Orbit/Little, Brown Book Group, London, 2021

Mehr von Tade Thompson

Ebenfalls bei Golkonda sind bereits die ersten beiden Bände von Tade Thompsons hochgelobter und, unter anderem, mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichneter Wormwood-Trilogie erschienen. In den in Nigeria in der Stadt Rosewater spielenden Science-Fiction-Romanen „Rosewater“ und „Rosewater: Der Aufstand“ geht es um die Begegnung der Menschheit mit Außerirdischen, die für die Menschheit immer bedrohlicher wird.

Der abschließende dritte Band „Rosewater: Die Erlösung“ soll im Herbst, wahrscheinlich im Oktober, erscheinen.

Tade Thompson: Rosewater

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2020

440 Seiten

20 Euro

Tade Thompson: Rosewater: Der Aufstand

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Golkonda, 2022

424 Seiten

22 Euro

Hinweise

Bookmarks über „Fern vom Licht des Himmels“

Perlentaucher über „Fern vom Licht des Himmels“

Golkonda über Tade Thompson

Wikipedia über Tade Thompson


Das „Geheimnis am Weihnachtsabend“ ist ein Mord – und Mrs. Bradley ermittelt

Januar 2, 2023

Ein typisches Weihnachtsfest in der englischen Provinz: die Familie kommt zusammen, ein Mord geschieht und schon beginnt die Mördersuche. Am Ende, nachdem viel durch den Schnee gestampft wurde (es schneit immer), sich am Kaminfeuer gewärmt und viel gegessen wurde, überführt der geniale Ermittler den Mörder. Davor erklärt er ausführlich den in einem Raum versammelten Verdächtigen wer die Tat begangen haben könnte, warum er es nicht tat und warum und wie der Mörder es tat.

Das Rezept ist bewährt und kommt bei Krimifans immer noch gut an. Vor allem wenn sie Rätselkrimis oder Cozys mögen. Für die ist, auf den ersten Blick, Gladys Mitchells „Geheimnis am Weihnachtsabend“ geschrieben.

Gladys Maude Winifred Mitchell, so ihr vollständiger Name, den wir gleich wieder vergessen können, wurde 1901 in Oxfordshire geboren. Nach einem Geschichtsstudium in London arbeitete sie als Lehrerin. Abgesehen von einer dreijährigen Unterbrechung unterrichtete sie bis zu ihrer Pensionierung an verschiedenen Schulen. Und schrieb gleichzeitig Kriminalromane. Ihr Debüt erschien 1929. Es ist gleichzeitig der erste Auftritt von Beatrice Adela Lestrange Bradley. Die Ermittlerin, die normalerweise nur Mrs. Bradley genannt wird, ist eine ältere, kleine, dünne, hexenhafte Dame. Sie arbeitet in einer geschlossenen Anstalt als Pschoanalytikerin. Ihre Arbeit und ihr damit verbundenes Wissen ist, jedenfalls in „Geheimis am Weihnachtsabend“, für die Ermittlungen und die Enttarnung des Täters erstaunlich unwichtig.

In insgesamt 66 Romanen suchte die Amateurdetektivin Mörder. Der letzte Fall mit Mrs. Bradley als Ermittlerin erschien 1984, kurz nach Mitchells Tod. Neben den Mrs.-Bradley-Romane schrieb sie unter verschiedenen Pseudonymen weitere Kriminal- und Abenteuerromane.

Nach ihrem Tod verschwanden ihre Bücher, im Gegensatz zu den Büchern von Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, vom englischen Buchmarkt. In einschlägigen Lexika wird sie normalerweise nicht erwähnt. In Deutschland ist sie unbekannt. Das liegt daran, dass laut dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nur zwei ihrer Romane auf Deutsch erschienen. Und das war 1953 im Drei-Raben-Verlag.

Nach der Lektüre ihres 1936 im Original erschienenen Krimis, der inzwischen etwas irreführend als Weihnachtskrimi etikettiert wird, scheinen wir nichts verpasst zu haben.

Zu Weihnachten fährt Mrs. Bradley nach Oxfordshire. Ihr Neffe hat sie und einige Freunde über die Feiertage auf seinen Hof eingeladen.

Das beschauliche weihnachtliche Treiben wird schnell gestört. Am Weihnachtsabend wird die Leiche von Fossder, dem für alle rechtliche Geschäfte kompetenten Dorfanwalt, entdeckt. Mrs. Bradley vermutet sofort, dass er ermordet wurde. Trotzdem scheint sein Tod ein natürlicher Tod oder bestenfalls ein dummer Unfall gewesen zu sein. Denn Fossder hatte eine Herzschwäche und er war vermutlich draußen, um eine Mutprobe zu bestehen. Denn nach einer alten Gruselgeschichte sollte in dieser Nacht ein Geist auftauchen.

Der zweite Tote – es handelt sich um Simith –, wird kurz darauf gefunden. Er wurde zweifelsfrei ermordet. Auch wenn ein Eber die Tat ausführte. Simith ist der Besitzer einer Schweinefarm. Er ist ein Choleriker und streitet sich immer wieder handgreiflich mit Tombley, der eine andere Auffassung von der Zukunft des Hofes hat.

Mrs. Bradley beginnt sich umzuhören. Es gibt nur eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und einen Hauptverdächtigen, den sie für unschuldig hält.

Wenn Rätselkrimifans jetzt auf eine spannende Mörderjagd mit vielen falschen Spuren hoffen, sollten sie lieber (wieder) einen Agatha-Christie-Krimi lesen. Die sind in jeder Beziehung besser als dieser langweilige Pseudokrimi.

In Mitchells siebtem Mrs.-Bradley-Krimi plätschert die Story vor sich hin. Von Ermittlungen kann kaum gesprochen werden. Stattdessen wird munter vor sich hin palavert und vermutet, aber es werden keine Spuren verfolgt oder Verdächtige verhört. Die wenigen Verdächtigen bleiben blass. Sie haben nicht mehr Persönlichkeit als eine Spielkarte.

Der Fall selbst wird, nachdem die Story schon in der Mitte des Buches (und wenige Seiten nachdem der zweite Mord verübt wurde) einen Zeitsprung in die ersten Januarwochen macht, erst an Pfingsten geklärt. Indem dem Täter eine Falle gestellt wird und die Amateurdetektivin den Täter enttarnen kann. Diese Selbstenttarnung ist das Gegenteil der in Rätselkrimis üblichen Auflösung. Dort enttarnt nach der am Buchende üblichen Versammlung der Verdächtigen der geniale Detektiv den Mörder.

Gladys Mitchell: Geheimnis am Weihnachtsabend

(übersetzt von Dorothee Merkel)

Klett-Cotta, 2022

432 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Dead Men’s Morris

Michael Joseph Ltd, London, 1936

später auch (und inzwischen bekannter) als „Death Comes at Christmas“ veröffentlicht

Hinweise

Fanpage über Gladys Mitchell und ihre Ermittlerin

Wikipedia über Gladys Mitchell


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Honoré de Balzacs „Verlorene Illusionen“

Dezember 24, 2022

Verlorene Illusionen“ ist ein guter, nämlich ein Erwartungen weckender Titel. Honoré de Balzac nannte so seine in den frühen zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts spielende Chronik des Lebens in der Provinz und in der Hauptstadt Paris.

Der Roman ist ein Klassiker, der trotz seiner filmtauglichen Handlung, bisher nur zweimal verfilmt wurde. Einmal 1966 als TV-Miniserie. Und jetzt als Spielfilm. Regisseur und Drehbuchautor Xavier Giannoli veränderte für seine Verfilmung selbstverständlich einiges an der Vorlage, die in der aktuellen Ausgabe deutlich über achthundert engbedruckte Seiten umfasst. Die größten Unterschiede sind, dass Giannoli von den drei Büchern des Romans das letzte Buch, „Die Leiden des Erfinders“, nicht verfilmte und das erste, „Die zwei Dichter“, in der ersten viertel Stunde seines Films, stark gekürzt, erzählt. Das führt dazu, dass aus der Geschichte von Lucien Chardon bzw. Lucien de Rubempré und seinem Schwager David Séchard die Geschichte von Lucien de Rubempré wird und sich der Film auf sein Leben in Paris konzentriert. Dort ist er, wie das zweite Buch ironisch betitelt ist, „Ein großer Mann vom Land in Paris“.

Es gibt durch diese Kürzung einige teils notwendige, teils die Filmgeschichte runder machende Änderungen. Und Nathan d’Anastazio erzählt Luciens Geschichte. Nathan ist ein Schriftsteller, der Luciens Auf- und Abstieg in Paris beobachtet.

In der Provinzstadt Angoulême arbeitet Lucien in der kleinen Druckerei von David. In seiner Freizeit dichtet er. Seine Gedichte trägt er bei Empfängen von Louise de Bargeton vor. Dabei verliebt der junge Schöngeist sich in die Hausherrin. Beide leiden sie an der provinziellen Enge. Sie flüchten nach Paris, der Stadt in der alles viel besser sein soll. Kurz nach ihrer Ankunft trennen sie sich. Die Standes- und Altersunterschiede zwischen dem jungen, bürgerlichem Dichter und der älteren Adligen Louise de Bargeton sind zu groß.

Danach stürzt Lucien sich in das Pariser Leben. Als sein ursprünglicher Plan, seine Gedichte zu veröffentlichten und der neue Star der Literatur zu werden, scheitert, wird er zum Kulturkritiker. Der Journalist Étienne Lousteau weist ihn in das Handwerk ein. Lucien lernt Bücher und Aufführunge hoch- und niederzuschreiben; je nachdem, wie es gerade gefordert ist. Er verdient viel Geld. Er wird gefeiert. Er verliebt sich in die gleichaltrige Schauspielerin Coralie.

Dass dieses Glück nicht lange halten wird und Lucien wieder absteigen wird, verrät schon der Titel „Verlorene Illusionen“.

Honoré de Balzac schrieb „Verlorene Illusionen“ zwischen 1837 und 1843 und veröffentlichte den Roman ursprünglich in drei voneinander getrennten Büchern, die auch getrennt gelesen werden können. Zusammen mit de Balzacs anderen Romanen ergeben sie in seinem Großwerk „Die menschliche Komödie“ ein breites Sittengemälde des damaligen Frankreichs. In „Verlorene Illusionen“ beschäftigt er sich, wenn David und die von ihm betriebene Druckerei im Mittelpunkt stehen, das ist vor allem in „Die Leiden des Erfinders“ der Fall, intensiv mit dem Druckereigewerbe und dem Handel mit Schuldscheinen, an denen Anwälte und Banken prächtig verdienen. Im zweiten Band „Ein großer Mann vom Land in Paris“ steht dann das damalige Zeitungsgewerbe im Vordergrund. Beides kannte de Balzac aus eigener Erfahrung und beide Male rechnet er gnadenlos mit den damaligen Gepflogenheiten ab. Der Roman selbst ist im damaligen, heute nur noch schwer lesbarem Stil geschrieben. Die Handlung selbst wird immer wieder von teils seitenlangen Beschreibungen unterbrochen, in denen de Balzac sich über den damaligen Journalismus, das Druckerhandwerk und den Handel mit Schuldscheinen auslässt. Das ist dann ziemlich länglich. Deutlich interessanter sind die Beschreibungen der Sitten und liebevoll gepflegten Standesunterschieden in der Provinz und der Hauptstadt. Sie erklären auch, warum Lucien unbedingt den adligen Namen seiner Mutter annehmen möchte.

Xavier Giannoli kann vieles von de Balzacs ausführlichen Beschreibungen schnell in Bilder übersetzen. Anstatt langer Beschreibungen verschiedener Zimmer und was welche Kleidung über einen aussagt, zeigt er es einfach. Da verrät ein skeptischer Blick alles notwenige. Anderes lässt er, wie gesagt, weg. Die Darstellung des damaligen Journalismus und wie Zeitungen und Bücher gemacht wurden, die im zweiten Buch der „Verlorenen Illusionen“ einen großen Teil der Lesezeit einnimmt, nimmt auch einen großen Teil der Filmzeit ein. Das damalige Gebaren der Zeitungsmacher, die skrupellos Meinungen und Stimmungen manipulierten, und alles als Geschäft betrachteten, ist erschreckend aktuell. 

Der Film selbst überzeugt als Mediensatire und prächtig ausgestattetes Sittengemälde.

Erzählerisch wird das arg konventionell und brav präsentiert.

In Venedig hatte das satirische Drama 2021 seine Premiere. Danach hatte es in Frankreich eine knappe Million Kinozuschauer und erhielt sieben Césars. Unter anderem als Bester Film, für das beste Drehbuch, die beste Kamera, die besten Köstüme und Lucien-Darsteller Benjamin Voisin wurde als vielsprechendster Schauspieler ausgezeichnet. Nominiert war das Werk in acht weiteren Kategorien, unter anderem für die Regie.

Verlorene Illusionen (Illusions perdues, Frankreich 2021)

Regie: Xavier Giannoli

Drehbuch: Xavier Giannoli, Jacques Fieschi

LV: Honoré de Balzac: Illusions perdues, 1843 (Verlorene Illusionen)

mit Benjamin Voisin, Cécile de France, Vincent Lacoste, Xavier Dolan, Salomé Dewaels, Jeanne Balibar, Gérard Depardieu, André Marcon, Louis-Do Lencquesaing, Jean-Francois Stévenin

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (in der Neuübersetzung)

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen – Roman aus der Provinz

(übersetzt von Melanie Walz)

dtv, 2017

960 Seiten

18,90 Euro

Erstausgabe dieser Übesetzung

Carl Hanser Verlag, 2014

Originalausgabe

Illusions perdues

1843

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Verlorene Illusionen“

Moviepilot über „Verlorene Illusionen“

Metacritic über „Verlorene Illusionen“

Rotten Tomatoes über „Verlorene Illusionen“

Wikipedia über „Verlorene Illusionen“ (deutsch, englisch, französisch) und die Vorlage (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Honoré de Balzacs „Verlorene Illusionen“ (in der aktuellen Übersetzung)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „She said“ – Maria Schraders Spielfilm-Making-of zum Sachbuch von Jodi Kantor und Megan Twohey über Harvey Weinstein

Dezember 9, 2022

Als die „New York Times“-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey im Mai 2017 begannen, über von Harvey Weinstein begangene sexuelle Übergriffe zu recherchieren, ahnten sie nicht, welche Wirkung ihre Arbeit entfalten sollte. Oft folgte auf entsprechende Enthüllungen nichts. Immer können die Betroffenen gegen die Geschichte klagen.

Vor der Veröffentlichung einer solchen Enthüllungsgeschichte müssen deshalb stichhaltige und überzeugende Beweise gesammelt werden. Und das war in diesem Fall schwierig. In ihrem Buch „She said“ erzählen die beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey ausführlich von diesen Schwierigkeiten. Maria Schrader erzählt in ihrer Verfilmung des Buches noch ausführlicher davon.

Mit seinem Bruder gründete Harvey Weinstein Miramax. 2005 verließen sie die in dem Moment zu Disney gehörende Firma und gründeten The Weinstein Company. Vor allem in den Neunzigern krempelten sie den US-Independent-Filmmarkt vollkommen um. Ihre Filme waren Kassenhits. Sie machten Stars und erhielten alle wichtigen Filmpreise. Zu den von den Weinsteins teils produzierten, teils verliehenen Filmen gehören die Filme von Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „Jackie Brown“ undsoweiter), „Sex, Lügen und Video“, „Das Piano“, „Clerks“, „Der englische Patient“, „Good Will Hunting“, „Shakespeare in Love“, „„Gangs of New York“ und auch „Scream“.

Um ihre Filme ans Publikum zu bringen waren sie nicht zimperlich. Harvey Weinstein war, wenn man ältere Berichte durchliest, wohl schon immer ein Choleriker, den man lieber zum Freund als zum Feind hatte. Gerüchte über sexuelle Übergriffe gab es schon lange. Aber das waren letztendlich nur Gerüchte.

Die beiden Reporterinnen mussten also betroffene Frauen finden, sie zum Reden bringen und Beweise finden. Viele Frauen schwiegen. Sie hatten Geld erhalten und exorbitant weitreichende Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben. Andere wollten nicht darüber reden oder nicht namentlich genannt werden. Und es war schwierig, Beweise, wie Geldzahlungen, Verträge, Anzeigen oder DNA-Spuren, zu finden, die Harvey Weinstein eindeutig belasteten.

Deshalb wussten Kantor und Twohey auch nach einer wochenlangen intensiven Recherche immer noch nicht, ob sie überhaupt eine Story hatten, die sie veröffentlichen konnten. Das änderte sich mit der Zeit.

Am 5. Oktober 2017 veröffentlichten sie einen 3300 Worte langen Artikel über ihre Recherche.

In ihrem Film erzählt Maria Schrader, nach einem Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz („Ida“), diesen Weg vom Beginn ihrer Recherche bis hin zur Veröffentlichung einer Reportage, die einen Dammbruch-Effekt hatte. Danach sprachen immer mehr Frauen über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz. #MeToo wurde zu einer weltweiten Bewegung. Und Harvey Weinstein wurde angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Welche Beweise die beiden Journalistinnen hatten, erzählen Kantor und Twohey in ihrem Sachbuch „She said“. Sie schreiben auch ausführlich über Auswirkungen ihrer ersten Reportage über Harvey Weinstein. Sie erzählen, was Weinstein tat, wie er und sein Umfeld ihn schützten und seine Verfehlungen über Jahrzehnte vertuschten. Ihr glänzend geschriebenes und auch bedrückendes Sachbuch ist ein auf jeder Seite überzeugendes journalistisches Werk. Sie präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherche, die sie in einen größeren Kontext einfügen, immer nachvollziehbar, gut strukturiert und gut geschrieben.

(Ronan Farrow, der damals ebenfalls zur gleichen Zeit über Weinstein recherchierte und anschließend sein Buch „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ veröffentlichte, ist dagegen nur ein vernachlässigbares, oft nervig ich-bezogenes Werk.)

Maria Schraders Film ist das Making-of zum Buch. Sie zeigt die zähe Arbeit und den Ethos investigativer Journalisten. Ihr Filmdrama „She said“ steht unübersehbar in der Tradition von Reporter-Filmen wie „Die Unbestechlichen“ und „Spotlight“. Die Qualität dieser Meisterwerke erreicht ihr Film allerdings nie. Das liegt an einer Inszenierung, die einfach zu klein für die Kinoleinwand ist. Immer sehen die sprechenden Köpfe nach Fernsehen aus.

Schrader folgt der Recherche von Kantor und Twohey. Aber während die Journalistinnen sich im Buch nur dann namentlich erwähnen, wenn es unbedingt nötig ist, sind sie im Film jederzeit im Bild. Durch die Entscheidung, auch das Privatleben von Kantor und Twohey zu zeigen, verschiebt sich der Fokus des Films noch stärker von den Opfern hin zu den beiden Journalistinnen. Sie sind Mütter von kleinen Mädchen, verheiratet und sie werden viel zu oft in ihrer Freizeit von ihren Quellen angerufen. Das wirkt schnell so, als sei die Recherche größtenteils in ihrer Freizeit erfolgt. Oder als ob sie nicht zwischen Beruf- und Privatleben trennen könnten.

In „Spotlight“ erfuhren wir nichts das Privatleben der „Boston Globe“-Journalisten, die über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese berichten wollten. Und das war gut so.

Die Entscheidung, Weinsteins Taten nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Auch wenn in den Momenten im Film immer ein Hauch von „er sagte, sie sagte“ bleibt und es nur Hörensagen ist, ist das verschmerzbar. Die Berichte, vor allem die Berichte in Kantor/Twoheys Buch, sind allein für sich genommen überzeugend und in ihrer Menge erdrückend. Sie brauchen keine weiteren Dramatisierungen.

Auch die Entscheidung, Harvey Weinstein nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Ihm soll im Film kein Podium gegeben werden. In der Originalfassung ist einmal seine Stimme zu hören. Am Ende, wenn er das Gebäude der New York Times betritt, wird er schemenhaft von hinten gezeigt.

Weil die Macher gleichzeitig darauf verzichten, weitere Informationen über Weinstein zu geben, wird nie deutlich, wie mächtig und einflussreich er war. Er war nicht irgendein Hollywood-Produzent, sondern ein sehr mächtiger, einflussreicher und auch abseits der Traumfabrik gut vernetzter Hollywood-Produzent. Cineasten muss das nicht erklärt werden, aber welcher normale Kinobesucher interessiert sich für Produktionsfirmen und Produzenten? Die meisten interessieren sich noch nicht einmal für die Namen der Regisseure.

Maria Schraders Film ist eine seriöse, filmisch biedere Aufarbeitung der Recherche. Ein Making-of eben.

Das Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey erzählt die Geschichte des seit den frühen neunziger Jahren bestehenden Systems Weinstein. Sie schreiben auch über die Auswirkungen ihrer Zeitungsartikel. Ihre Reportagen (und die zeitgleich von Ronan Farrow erschienenen Reportagen) waren der Beginn einer weltweiten Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und an anderen Orten und der Beginn der weltweiten #MeToo-Bewegung. Ihr Buch sollte unbedingt gelesen werden. Der Film ist dann das optionale Bonusmaterial.

She said (She said, USA 2022)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)

LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)

mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Andre Braugher, Jennifer Ehle, Samantha Morton, Angela Yeoh, Ashley Judd, Sean Cullen

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (jetzt als Taschenbuch mit dem Filmcover)

Jodi Kantor/Megan Twohey: She said – Wie das Schweigen gebrochen wurde und eie ‚MeToo-Bewegung begann

(übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass)

Tropen, 2022

448 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

#Me Too – Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

Tropen, 2020

Originalausgabe

She said. Breaking the Sexual Harassment Story that helped ignite a Movement

Penguin Press, New York, 2019

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „She said“

Metacritic über „She said“

Rotten Tomatoes über „She said“

Wikipedia über „She said“ (deutsch, englisch), die Buchvorlage und den Weinstein-Skandal (deutsch, englisch)

Perlentaucher über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Bookmarks über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Meine Besprechung von Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ (Deutschland 2021)


Ein gutes Weihnachtsgeschenk: John Walshs „Die Klapperschlange – Escape from New York: Die Entstehungsgeschichte des Kultfilms“

Dezember 5, 2022

Als der Film vor über vierzig Jahren in die Kinos kam, spielte er in der Zukunft. Heute spielt er in einer Vergangenheit, die so niemals Realität wurde.

In dem Film-1997 ist Manhattan ein Gefängnis, in dem die Verbrecher herrschen. Die Polizei bewacht die Ausgänge. Als das Flugzeug des US-Präsidenten über der Insel abstürzt, muss eine Rettungsmission losgeschickt werden. Diese besteht aus einem Mann: dem rauhbeinigen Häftling und hochdekoriertem Ex-Soldaten Snake Plissken. Wenn er den US-Präsidenten und eine für den Weltfrieden wichtige Tonbandkassette aus Manhattan herausholt, wird ihm seine restliche Strafe erlassen. Damit Plissken den Selbstmordauftrag erledigt, werden ihm zwei Sprengkapseln in seine Halsschlagader implantiert.

Regisseur John Carpenter schrieb die Geschichte in den siebziger Jahren während der Watergate-Affäre. Verfilmen konnte er sein Drehbuch erst einige Jahre später. In dem Moment hatte er sich mit den Kinofilmen „Assault – Anschlag bei Nacht“, „Halloween – Die Nacht des Grauens“ und „The Fog – Nebel des Grauens“ einen glänzenden Ruf bei Genrefans und auch dem breiteren Publikum erarbeitet.

Der düstere Science-Fiction-Thriller „Die Klapperschlange“ war bei der Kritik und dem Publikum ein Erfolg. Schnell wurde er zu einem immer wieder gern gesehenem Kultfilm, der 1996 die überflüssige Fortsetzung „Escape from L. A.“ erhielt. In den vergangenen Jahren gab es selbstverständlich einige Analysen und Texte zum Film. Aber im Vergleich zu Ridley Scotts ein Jahr später im Kino angelaufenem „Blade Runner“ erstaunlich wenige.

Insofern füllt John Walshs „Die Klapperschlange – Escape from New York: Die Entstehungsgeschichte des Kultfilms“ zwei Lücken und formuliert einen Auftrag an einen unbekannten Schreiber. Nämlich ein dickes Buch über die Dreharbeiten und Auswirkungen des Films auf das Genre und eine tiefgründige Analyse des Films zu schreiben. Walsh hat mit seinen Werk eine erste ziemlich umfassende Darstellung des Films geschrieben und ein wunderschönes Bilderbuch zusammengestellt. Genaugenommen handelt es sich um ein Bilderbuch mit ergänzenden, informativen Texten. In den Texten stellt Walsh die Macher und Schauspieler und die Drehorte kurz vor und er geht auf die Herstellung der visuellen Effekte ein. Dafür sprach er mit einigen Menschen, die damals in die Entstehung des Films involviert waren. Das Herzstück des Buches und damit auch die Begründung für das große Format von 26×33 cm sind die vielen, teils doppelseitigen Bilder. Es sind vor allem von der Setfotografin Kim Gottlieb-Walker gemachte Standfotos und Aufnahmen von den Dreharbeiten. Außerdem gibt es eine Galerie von in verschiedenen Ländern verwendeten und nicht verwendeten Filmplakaten. Das Originalplakat von Barry E. Jackson, das auch auf dem Buchcover zu sehen ist, ist das gelungenste und auch zeitloseste Plakat.

Für Fans des Films, des Regisseurs und des Science-Fiction-Films ist Walshs Buch ein gutes Weihnachtsgeschenk.

John Walsh: Die Klapperschlange – Escape from New York: Die Entstehungsgeschichte des Kultfilms

(übersetzt von Thorsten Walch)

Cross Cult, 2022

160 Seiten

40 Euro

Originalausgabe

Escape From New York: The Official Story of the Film

Titan Books, 2021

Der Film

Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)

Regie: John Carpenter

Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle

mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Klapperschlange“

Wikipedia über „Die Klapperschlange“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precinct 13, USA 1976)

John Carpenter in der Kriminalakte

Homepage von John Walsh


„Making of“: Cinema präsentiert weitere Hollywood-Filmklassiker

November 14, 2022

Jetzt ist er draußen. Der zweite von Cinema herausgegebene „Making of“-Band, in dem es Hintergrundinformationen zu einigen bekannten Filmen gibt. Auf dem Cover steht „Von ‚Pulp Fiction‘ bis ‚Avatar‘: so entstanden 30 geniale Hollywood-Hits“ und neben den auf dem Cover erwähnten Filmen von Quentin Tarantino und James Cameron werden

Braveheart

Der Zauberer von Oz

Der Soldat James Ryan

The Big Lebowski

Bullitt

Die Klapperschlange (John Carpenter zum Ersten)

Der weiße Hai

Das fünfte Element (Hey, der ist nicht Hollywood, sondern Frankreich und Besson!)

Zurück in die Zukunft

Gladiator

French Connection – Brennpunkt Brooklyn

Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes (der dritte Film von Steven Spielberg in diesem Buch)

Karate Kid (Ein Klassiker?)

Spartacus

The Untouchables – Die Unbestechlichen

Terminator 2 – Tag der Abrechnung (noch ein Film von „Avatar“-Cameron)

Tote schlafen fest

Vom Winde verweht

Halloween – Die Nacht des Grauens (John Carpenter zum Zweiten)

Der mit dem Wolf tanzt

Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis

Jurassic Park (und noch ein Film von Steven Spielberg)

Star Trek II: Der Zorn des Khan (Ein klassiker?)

Heat

Die sieben Samurai (kein Hollywood-Film, aber ein Klassiker der Filmgeschichte. Es gibt auch einige Hollywood-Remakes)

Mulholland Drive

Der Herr der Ringe: Die Gefährten

Fight Club

vorgestellt. Es sind, wie beim ersten Band, vor allem sehenswerte Mainstream-Film, die Filmfans sicher fast alle gesehen haben und gerne wiedersehen. Für alle anderen ist es eine gute Liste sehenswerter Filme.

Am Konzept des ersten „Making of“-Bandes wurde nichts geändert: Jeder Film wird auf sechs bis zehn Seiten kurz vorgestellt. Es gibt einen informativen Text, Filmbilder und Bilder von den Dreharbeiten. Dank des großen Bildband-Formats sind die meist bekannten Bilder groß. Das Layout ist unauffällig. Insgesamt lädt es zum Blättern und Schwelgen in Erinnerungen ein.

Making of – Band 2“ ist überzeugt und ist eine gelungene Ergänzung zum ersten Band und den dort vorgestellten 25 Filmen.

Auch wenn das Filmmagazin Cinema irgendwann einen dritten „Making of“-Band herausgibt – genug sehenswerte Hollywood-Filme dafür gibt es -, könnte ein anderer Verlag einen ähnliches Buch herausgeben, das sich mehr auf Arthaus- oder Nicht-Hollywood-Filme konzentriert.

Cinema (Hrsg.): Making of – Hinter den Kulissen der größten Klassiker aller Zeiten: Band 2

Panini, 2022

224 Seiten

30 Euro

Hinweise

Homepage von Cinema

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ (2019)

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg.) „Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ (2021)


Jürgen Kehrer erzählt von „Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall“

November 10, 2022

In einem Kaufhaus gerät Wilsberg in eine Geiselnahme. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von Frank Knieriem. Er gründete er auf einem Bauernhof einen eigenen Staat, zahlte keine Steuern, hortete Schusswaffen und verletzte bei einer Razzia einen Polizisten schwer.

Georg Wilsberg kennt ihn von früher, Im Oktober 1989 übernahm er als junger Anwalt seine Pflichtverteidigung. Knieriem war angeklagt, seine Freundin erschlagen zu haben. Nachdem er zunächst die Tat gestand, behauptet er jetzt, unschuldig zu sein. Er will, dass Wilsberg einen Freispruch erreicht. Allerdings sind die Beweise für seine Schuld überwältigend.

In seinem neuen Wilsberg-Krimi „Sein erster und sein letzter Fall“ erzählt Jürgen Kehrer parallel von den damaligen und heutigen Ereignissen. Und wie der Buchtitel verrät, soll der 21. Wilsberg-Krimi auch der letzte Wilsberg-Roman sein.

Dabei ist der Titel etwas irreführend. Denn genaugenommen arbeitet Wilsberg bei der Verteidigung von Knieriem als Anwalt. Erst danach wird er Privatdetektiv, Briefmarken- und Münzhändler. Seinen ersten literarischen Auftritt hat er 1990 in „Und die Toten läßt man ruhen“. In schneller Folge schreibt Jürgen Kehrer bis 2007 weitere Romane mit dem sympathischen Privatdetektiv, die alle bei seinen zahlreichen Lesern gut ankommen. Seitdem erschienen nur drei weitere Wilsberg-Romane. Insgesamt hat Kehrer in 32 Jahren 21 Wilsberg-Romane (zwei zusammen mit Petra Würth) und einen Sammelband mit Wilsberg-Kurzgeschichten veröffentlicht.

1995 wird der erste Wilsberg-Roman vom ZDF mit Joachim Król als Wilsberg verfilmt. Drei Jahre später entsteht, ebenfalls für das ZDF, der zweite Wilsberg-TV-Film. Leonard Lansink spielt jetzt den Privatdetektiv. Es ist sein erster von bislang insgesamt 75 im Fernsehen ausgestrahlten Auftritten als Wilsberg. Denn die nächsten TV-Krimis sind schon in Arbeit und ein Ende ist nicht abzusehen. Einige dieser Wilsberg-TV-Krimis basieren auf Wilsberg-Romanen; für einige schrieb Jürgen Kehrer das Drehbuch. Doch insgesamt haben die erfolgreichen TV-Krimis sich von der literarischen Vorlage gelöst. Genau wie die verschiedenen James-Bond-Romane, abgesehen von den wenigen Filmromanen, schon seit Ewigkeiten nichts mehr mit den James-Bond-Filmen zu tun haben.

Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall“ ist ein von Jürgen Kehrer gewohnt flott und unterhaltsam geschriebener Krimi, der uns dieses Mal mit einer ordentlichen Portion End-Achtziger-Zeitkolorit und einem Ausflug nach Westberlin erfreut. Denn Wilsberg muss sich als Anwalt auch um seine anderen Mandanten kümmern. Dies sind Tierschützer, die Hunde aus Forschungslaboren befreien, Punks, die Polizisten mit Mehl bewerfen und beleidigen, und ein Konzertclubbetreiber, der ein Stadtmagazin wegen eines Artikels verklagen möchte. Und dann ist da noch die nette, überaus gut aussehende Studentin, die Wilsberg bei der Suche nach einer Zeugin hilft, die Knieriems Unschuld beweisen könnte.

Das war jetzt vielleicht wirklich Wilsbergs letzter Fall. Aber Jürgen Kehrer kann ja immer noch über all die Fälle schreiben, die Wilsberg in Münster zwischen seinem ersten und seinem letzten Fall lösen musste.

Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall

grafit, 2022

240 Seiten

13 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (2015)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Sag niemals Nein“ (2020)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 


Impressionen aus Berlin: Chris Carter in Berlin

November 6, 2022

Das war am Freitagabend im Kriminaltheater keine Werbeveranstaltung für Chris Carters neuen Roman. Denn als die Moderatorin fragte, wer die Bücher mit Chris Carters Serienkillerjäger Robert Hunter gelesen habe, gingen fast alle Hände hoch. Als sie fragte, wer „Blutige Stufen“, den neuesten Hunter-Thriller, gelesen habe, gingen wieder fast alle Hände hoch. Die größtenteils weiblichen Fans mussten nicht mehr überzeugt werden von Carters blutigen Thrillern. Sie sind so blutig, dass sie deswegen, so Carter, in den USA nicht verlegt würden. Dabei spielen sie in Los Angeles.

Seinen ersten Auftritt hatte Robert Hunter 2009 in „Der Kruzifix-Killer“. Seinen zwölften Auftritt (wenn wir eine längere Kurzgeschichte ignorieren) hat er in „Blutige Stufen“.

Robert Hunter ist Detective in der Ultra Violent Crimes Unit des Los Angeles Police Department (LAPD). Er ist, knapp gesagt, ein Genie. Mehrere Abschlüsse in Stanford, eine Dissertation, die zur Pflichtlektüre beim FBI wurde, eine steile Karriere im LAPD, eine grandiose Aufklärungsquote, eine überragende Beobachtungs- und Kombinationsgabe, belesen, an Schlaflosigkeit leidend und alleinstehend. Sein Partner ist Carlos Garcia. Sie ermitteln nur in Fällen von Serienmördern und bei besonders perversen Taten. Eine normale Gangschießerei, eine Abrechnung unter Drogenhändlern oder ein Mord im Affekt fallen nicht in ihren Arbeitsbereich.

In dem neuesten Hunter-Thriller „Blutige Stufen“ will der Mörder seine Opfer als Teil einer blutigen Lektion ängstigen und quälen. Sein erste Opfer hängte er an einem Angelhaken, den er durch ihren Unterkiefer führte, auf. Sie erstickte und ertrank an ihrem eigenen Blut. Bei der Obduktion entdecken die Ermittler in ihrer Vagina eine Plastikbeutel. In ihm ist ein Papierstück mit dem Satz „In diesen Augen wird nie ein Mensch so schön sein wie Du.“.

Im Gespräch erzählte Chris Carter, dass er bis jetzt wohl so fünfzig, sechzig Menschen ermordet habe. Aber als er in „Blutrausch – Er muss töten“ eine Katze in einem Gefrierschrank erfrieren ließ, gab es viele empörte Briefe. Seitdem beschränkt er sich auf Gewalttaten gegen Menschen. Vor allem die Tatorte und die Obduktionen beschreibt er detailliert.

Der 1965 in Brasilien geborene Carter kennt das von seiner Arbeit als Kriminalpsychologe. Als er Mitte der achtziger Jahre bei der Polizei anfing, besuchten sie auch die Tatorte. Diese Eindrücke verarbeitet er in seinen Romanen. Dabei gibt es zwischen der Realität und seinen Geschichten einen großen Unterschied. Während in der Realität die Täter manchmal nicht wüssten, warum sie mordeten oder abstruse Gründe angaben, muss ein Mörder in einem Roman immer einen gut nachvollziehbaren Grund für seine Taten haben.

Mit Mitte Zwanzig versuchte Carter seinen Traum als Rockmusiker zu verwirklichen. In Los Angeles arbeitete der Gitarrist als Sessionmusiker für, unter anderem, Björk, Ricky Martin, Shania Twain und Tom Jones. Mit einigen ging er auch auf Tournee.

2009 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Es ist gleichzeitig der erste Roman mit Robert Hunter und Carlos Garcia, die seitdem höchst erfolgreich Serienkiller jagen und die Konventionen des Genres bedienen. Es sind Schmöker, die flott gelesen werden können. Auch weil jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet.

Dabei, und das betonte Carter auch während der Lesung, können seine Romane unabhängig voneinder gelesen werden. Es gebe keine Subplots, die sich über mehrere Bücher entwickeln. Eine Freundin, die Hunter hatte, verschwand nach zwei Büchern wieder aus seinem Leben. Hunter und Garcia haben kein nennenswertes Privatleben. Sie jagen Mörder. Daher sei es egal, mit welchem Roman man beginne.

Während der Lesung kündigte er den nächsten Hunter-Thriller für 2024 an. Er wird keine Fortsetzung von „Blutige Stufen“. Der Fall ist für Hunter und Garcia erledigt.

Nach der Lesung signierte er seine Bücher. Das kann dann schon einmal zwei Stunden oder länger dauern.

Chris Carter: Blutige Stufen

(übersetzt von Sybille Uplegger)

Ullstein, 2022

496 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

Genesis

Simon & Schuster, 2022

Die Robert-Hunter-Thriller

The Crucifix Killer, 2009 (Der Kruzifix-Killer)

The Executioner, 2010 (Der Vollstrecker)

The Night Stalker, 2011 (Der Knochenbrecher)

The Death Sculptor, 2012 (Totenkünstler)

One by One, 2013 (Der Totschläger)

An evil Mind, 2014 (Die stille Bestie)

I am Death, 2015 (I am Death – Der Totmacher)

The Caller, 2017 (Death Call – Er bringt den Tod)

Gallery of the Dead, 2018 (Blutrausch – Er muss töten)

Hunting Evil, 2019 (Jagd auf die Bestie)

Written in Blood, 2020 (Bluthölle)

Genesis, 2022 (Blutige Stufen)

Hinweise

Englische Homepage von Chris Carter

Facebook-Seite von Chris Carter

Deutsche Homepage von Chris Carter

Wikipedia über Chris Carter


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Der Dokumentarfilm „Werner Herzog – Radical Dreamer“ und Werner Herzogs Biographie „Jeder für sich und Gott gegen alle“

Oktober 28, 2022

Im Umfeld von Werner Herzogs achtzigstem Geburtstag gibt es so etwas wie Herzog-Festspiele. Neben einer Ausstellung in der Deutschen Kinemathek gibt es einen im Kino laufenden Dokumentarfilm über sein Leben und seine Autobiographie „Jeder für sich und Gott gegen alle“

Außerdem verzeichnet die IMDb für dieses Jahr zwei von Herzog inszenierte Dokumentarfilme („Theatre of Thought“ und „The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft“). Für nächstes Jahr ist bereits ein weiterer Film („Fordlandia“) amgekündigt.

In seiner Dokumentation „Werner Herzog – Radical Dreamer“ zeichnet Thomas von Steinaecker Herzogs Leben chronologisch nach. Dafür unterhielt er sich ausführlich mit Herzog und besuchte mit ihm für ihn wichtige Orte, wie das Haus in Sachrang, einem oberbayerischem Dorf nahe der Grenze zu Österreich, in dem er seine Kindheit verbrachte. Dazu gibt es Statements von Freunden und Menschen, mit denen er arbeitete. Wim Wenders und Volker Schlöndorff, die wie er zum Jungen Deutschen Film (aka dem Neuem Deutschen Film) gehören, sind dabei. Ebenso einige Schauspieler, mit denen er zusammen arbeitete, wie Christian Bale, Nicole Kidman und Robert Pattinson, und Bewunderer, wie Chloé Zhao (sie erhielt 2017 für „The Rider“ den Werner-Herzog-Filmpreis). Dazu gibt es Ausschnitte aus einigen Filmen von Werner Herzogs.

Entstanden ist ein formal konventioneller, sehr informativer Film über sein Leben.

Für Herzog-Fans, die immer sein gesamtes Werk im Blick hatten, gibt es deshalb in diesem gleungenem Dokumentarfilm wenig Neues zu Entdecken. Für sie ist der Film höchstens eine willkommene Auffrischung und ein Schwelgen in Erinnerungen. Ergänzt um einige neue Statements von Werner Herzog, die sich mühelso in frühere Statements einreihen und in denen Herzog seinen Ruf als originärer, sympathisch verschrobener und oft sehr tiefsinniger Denker pflegt.

Herzog-Fans, die glauben, dass er nach „Fitzcarraldo“ keine Filme mehr drehte, sondern irgendwo im Dschungel verschwunden ist und Schuhe isst (Wunderschön sind die Reaktionen der Hollywood-Stars, wenn sie von dieser Herzog-Aktion erfahren, die Les Blank in seinem Kurzfilm „Werner Herzog Eats His Shoe“ dokumentierte.), werden erstaunt feststellen, dass Herzog in den vergangenen vierzig Jahren einige weitere Spielfilme und viele Dokumentarfilme drehte. Außerdem wurde Herzog zu einer Figur der US-Popkultur mit Auftritten bei den „Simpsons“ und kleineren Auftritten als Schauspieler in hoch budgetierten Hollywood-Produktionen wie „Jack Reacher“ und „The Mandalorian“.

Seine jüngeren Fans, die ihn aus den „Simpsons“ kennen, dürften erstaunt sein, dass er davor einer der wichtigen Regisseure des deutschen Films der siebziger Jahre war. Schon damals genoss er einen legendären Ruf als der Weltreisende des deutschen Films. Seinen Kaspar-Hauser-Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ drehte er in Deutschland. Aber fast alle sene anderen Filme drehte er im Ausland. Mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ ging es nach Südamerika. Mit „Nosferatu – Phantom der Nacht“ inszenierte er seine von Murnau deutlich beeinflusste Dracula-Version. Und in „Cobra Verde“ beschäftigte er sich mit dem Sklavenhandel im 19. Jahrhundert. Ein Teil des in Kolumbien und Ghana gedrehten Films spielt im aktuell aus „The Woman King“ bekanntem Königreich von Dahomey.

Für alle, die bislang wenig bis nichts über Werner Herzog wussten, ist „Werner Herzog – Radical Dreamer“ eine gelunge, konzentrierte, die richtigen Schwerpunkte setzende Einführung in sein Werk.

Werner Herzog – Radical Dreamer (Deutschland/USA 2022)

Regie: Thomas von Steinaecker

Drehbuch: Thomas von Steinaecker

mit Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Lena Herzog, Nicole Kidman, Christian Bale, Robert Pattinson, Chloé Zhao, Thomas Mauch, Joshua Oppenheimer, Patti Smith, Lucki Stipetic, Carl Weathers, Peter Zeltinger

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Buchtipp

Werner Herzog erzählt sein Leben. Schön kurzweilig und immer nah an der Herzog-Wahrheit.

Werner Herzog: Jeder für sich und Gott gegen alle – Erinnerungen

Hanser Verlag, 2022

352 Seiten

28 Euro (gebundene Ausgabe)

20,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Werner Herzog – Radical Dreamer“

Moviepilot über „Werner Herzog – Radical Dreamer“

Wikipedia über Werner Herzog (deutsch, englisch)

Homepage zum Werner Herzog

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Königin der Wüste“ (Queen of the Desert, USA/Marokko 2015)

Meine Besprechung von Werner Herzogs „Salt and Fire“ (Salt and Fire, Deutschland/USA/Frankreich/Mexiko 2016)

Werner Herzog in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Thomas von Steinaecker/Barbara Yelins „Der Sommer ihres Lebens“ (2017)


Heute in Berlin: Berna González Harbour stellt ihren Kriminalroman „Goyas Ungeheuer“ vor

Oktober 18, 2022

Für Kurzentschlossene, die nicht nach Frankfurt zu Buchmesse fahren wollen: Heute Abend liest Berna González Harbour um 19:00 Uhr im Instituto Cervantes Berlin (Rosenstraße 18, 10178 Berlin) aus ihrem Kriminalroman „Goyas Ungeheuer“. Sonja Hartl moderiert, Sarah Alles liest die deutschen Lesestellen und der Eintritt ist frei.

Goyas Ungeheuer“ ist der vierte Roman mit Comisaria Maria Ruiz und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Und das ist ein Problem. Denn Harbour hält sich nicht damit auf, ihre Hauptfiguren vorzustellen oder zu erklären, warum Ruiz gerade suspendiert ist. Entsprechend schwierig ist es, einen Überblick über sie zu erhalten. Auch Harbours umständlicher Schreibstil hat mich nicht angesprochen.

Als eine hübsch drapierte Leiche an einer der Stauanlagen des Manzanares gefunden wird, beginnt Ruiz gleich zu ermitteln, weil literarische Ermittler das immer so tun. Untersützt wird sie von alten und neuen Freunden. Dabei vermutet sie, wie der Titel andeutet, einen Zusammenhang mit den Werken von Francisco de Goya.

Der Kriminalroman wurde 2020 mit dem Premio Hammett ausgezeichnet. Er wird jedes Jahr von der Asociación Internacional de Escritores Policíacos (AIEP), der internationalen Vereinigung der Kriminalschriftsteller, für den besten spanischsprachigen Kriminalroman verliehen.

Berna González Harbour: Goyas Ungeheuer

(übersetzt von Maike Hopp)

Pendragon, 2022

472 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

El sueño de la razón

Editorial Planeta, S. A., 2019

Hinweise

Wikipedia über Berna González Harbour (deutsch, spanisch)


Alter Scheiß? Susan Hill: Die Frau in Schwarz

Oktober 11, 2022

Vor zehn Jahren war James Watkins‘ Verfilmung von Susan Hills Roman „Die Frau in Schwarz“ an der Kinokasse überraschend erfolgreich. Daniel Radcliffe, der damals vor allem und nur als Harry Potter bekannt war, spielt Arthur Kipps. Der Junganwalt wird von seinem Chef nach Crythin Gifford geschickt. Er soll den Nachlass von Mrs. Alice Drablow sichten. Die alte Jungfer lebte allein im Eel Marsh House und war wohl etwas seltsam. Auf den ersten Blick handelt sich um einen einfachen Auftrag, der ihn von November-nebligem Londen in ein einsam gelegenes Dorf im Norden des Landes führt.

Das Eel Marsh House liegt noch einsamer auf einer kleinen Insel, die nur während der Ebbe erreichbar ist. Dort sieht er die titelgebende Frau in Schwarz. Und wie er aus den Andeutungen der Einheimischen erahnen kann, ist das kein gutes Zeichen.

Aber als aufgeklärter Stadtbewohner glaubt Kipps nicht an Geister.

Der Film, ein angenehm altmodischer, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts spielender Geisterhorrorfilm, gefiel mir. Trotzdem habe ich aus mir unbekannten Gründen nie die hochgelobte Vorlage gelesen. Bis jetzt.

Die Frau in Schwarz“ dürfte Susan Hills bekannteste Gothic Novel sein. Sie schrieb auch Jugendbücher und mehrere Kriminalromane mit Detective Chief Inspector Simon Serrailer. Sie erhielt den Somerset Maugham Award, Whitbread Novel Award und den John Llewellyn Rhys Prize. Und sie ist Commander of the British Empire.

Im Original erschien „Die Frau in Schwarz“ 1983. 1989 wurde der Roman für das englische Fernsehen verfilmt. Stephen Mallatratt schrieb eine Theaterversion, die seit 1989 quasi ohne Pause im Londoner West End gespielt wird. Genaugenommen gibt es nur ein Theaterstück mit mehr Aufführungem im West End: nämlich Agatha Christies „Die Mausefalle“. Außerdem gibt es zwei BBC-Hörspielversionen der Geschichte der Frau in Schwarz.

Erst 1993 erschien bei Knaur die deutsche Erstausgabe des Romans. Seitdem veröffentlichte der Verlag ihn mehrmals mit verschiedenen Covers. Jetzt ist er, als gebundene Ausgabe, bei Oktopus/Kampa erschienen.

Der Roman ist eine nette Geistergeschichte, die sich erfolgreich darum bemüht, möglichst altmodisch zu sein. Susan Hill schrieb den ziemlich kurzen Roman vor vierzig Jahren. Er liest sich aber eher so, als sei er schon vor hundert Jahren geschrieben worden. Allzu gruselig ist er auch nicht. An einigen Stellen sorgt er, bis die wenig überraschenden Motive des fürchterlichen Geistes enthüllt werden, immerhin für etwas Gänsehaut.

Das gesagt, vergeht viel Lesezeit bis Kipps, der als alter Mann die Geschichte seiner Erlebnisse in Crythin Gifford und im Eel Marsh House aufschreibt, in dem Dorf ankommt und erstmals das Haus der Verstorbenen betritt. Auch danach nimmt er sich immer wieder die Zeit für die Geschichte nicht voranbringende Schlenker.

Ihr merkt schon: so richtig hat mich der schnell gelesene, zäh und umständlich erzählte Roman nicht begeistert. James Watkins‘ Verfilmung hat mir dagegen gut gefallen.

Susan Hill: Die Frau in Schwarz

(übersetzt von Lore Straßl)

Oktopus/Kampa Verlag, 2022

240 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Woman in Black

Hamish Hamilton, London, 1983

Deutsche Erstausgabe

Knaur, 1993

Hinweise

Homepage von Susan Hill

Wikipedia über Susan Hill (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Edward Bergers Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“

September 30, 2022

Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ fand ich, als ich sie vor Ewigkeiten sah, grandios. Die Botschaft von der Sinnlosigkeit dieses Sterbens wurde überzeugend präsentiert. Das war ein Krieg, in dem es nur um ein, zwei Meter matschiges Land ging. Die Bilder vom Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren erschreckend real. Immerhin ist der Film von 1930 und das, was Lewis Milestone damals zeigte, musste sich in punkto graphischer Grausamkeiten nicht vor neueren Kriegsfilmen verstecken. Der Film war damals ein Skandal und hatte in vielen Ländern Probleme mit der Zensur.

In Deutschland protestierten die Nazis gegen den Film. Unter anderem randalierten sie in Aufführungen des Films. Er wurde verboten und kam in einer gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als sie 1933 an die Macht kamen, verboten sie den Film wieder. Erst 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ in der Bundesrepublik wieder aufgeführt; in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung. 1984 rekonstruierte das ZDF den Film. Für diese 135-minütige Fassung, die sich am ursprünglichen Drehbuch orientiert, wurde eine neue Synchronisation erstellt.

Milestones Verfilmung ist schon seit Ewigkeiten ein Filmklassiker. Sie kann inzwischen mühelos als DVD oder Blu-ray gekauft werden. Anfang November veröffentlicht Capelight Pictures eine aus fünf Blu-rays und einer DVD bestehenden „Ultimate Edition“, die mehrere über die Jahrzehnte entstandene Fassungen und deutsche Synchronisationen des Meisterwerks enthält.

Remarques Antikriegsroman ist ebenfalls schon Jahrzehnten ein Klassiker. Der Roman war sofort nach seinem Erscheinen 1929 ein Bestseller und er wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt. Er gehörte auch zu den Büchern, die am 10. Mai 1933 von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Der Antikriegsroman liest sich immer noch erstaunlich gut und seine Botschaft ist immer noch aktuell.

Über neunzig Jahren nach der ersten Verfilmung – wenn wir die ebenfalls gelobte, eher vergessene US-TV-Verfilmung von 1979 beiseite lassen – kann auch dieser Roman wieder verfilmt werden. Dieses Mal selbstverständlich in Farbe. Wobei Edward Berger trotzdem fast einen SW-Film inszenierte. Denn in den Schützengräben der Westfront gab es viel Matsch und schmutzige Uniformen.

Erzählt wird – ich folge jetzt der Filmgeschichte, die sich in Details vom Roman unterscheidet – die Geschichte des siebzehnjährigen Paul Bäumer (Felix Kammerer). Der Gymnasiast meldet sich mit seinen Klassenkameraden im Frühjahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst. Sie werden an die Westfront geschickt.

An der Front lernen sie schnell, dass sie nur Kanonenfutter sein werden. Eine falsche Bewegung oder eine zu langsame Reaktion kann den Tod bedeuten. Freundschaften gibt es nur bis zum nächsten Angriff und dem nächsten tödlichen Schuss.

Dieses Schlachtfeld verlässt Berger für einige Minuten, wenn er am Filmanfang zeigt, wie Bäumer und seine Schulkameraden sich euphorisch zum Kriegsdienst melden und freudig mustern lassen, und in einem längerem Subplot über die Waffenstillstandsverhandlungen. Der zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der das sinnlose Sterben der Frontsoldaten beenden will, verhandelt mit Marschall Ferdinand Foch über das Kriegsende. Der Verhandlungsführer der alliierten Waffenstillstandskommission diktiert dem Zivilisten Erzberger den Friedensvertrag. Am 11. November 1918 unterzeichnete er das Waffenstillstandsabkommen.

Dieser Subplot ist neu. Er liefert etwas historischen Hintergrund für den Zuschauer. Für die Haupthandlung ist diese Nebengeschichte vollkommen unwichtig.

In ihr geht es um das Leben von Bäumer und seinen Kameraden an der Front. Dabei bleiben sie alle austauschbare Figuren, über die wir nichts erfahren. Auch wenn sie im Film öfters auftauchen, erkennen wir sie kaum wieder. Entsprechend wenig berührt uns ihr Tod. Episodisch und ohne Identifikationsfiguren reiht sich hier ein Gefecht an das nächste, ein sinnloser Tod folgt dem nächsten ebenso sinnlosem und zufälligem Tod.

Dieses Sterben an der Westfront inszeniert Edward Berger in langen ungeschnittenen Szenen, die an Sam Mendes‘ „1917“ erinnern.

Die in einem Schloss spielenden Szenen, in denen General Friedrich (Devid Striesow) arrogant über seine Einheiten befiehlt und sie noch in den letzten Minuten des Krieges in den Tod schickt, den er für heldenhaft hält, erinnern an Stanley Kubricks ebenfalls während des Ersten Weltkriegs an der Westfront spielendem Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“.

Berger veränderte auch das Ende des Romans. Er verlegte es vom Oktober 1918 auf das Kriegsende und nimmt ihm viel von der Wucht, die Remarques Ende hat. Oder, anders gesagt: an das Romanende erinnere ich mich noch Jahrzehnte nach der Lektüre. An dieses Filmende werde ich mich wahrscheinlich in einigen Wochen nicht mehr erinnern.

Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem des Films. Remarque bezeichnete seinen Roman in der Erstauflage als einen Bericht über Generation, die vom Krieg zerstört wurde. Heute ist der Roman unbestritten ein Antikriegsroman, der vor allem an der Front spielt und immer bei seiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Paul Bäumer, bleibt. Aber Remarque schreibt auch darüber, wie ein Gymnasiast mit hohen Idealen in den Krieg zieht und er an der Front alle seine Illusionen über den ehrenhaften Kampf und den Einsatz für das Vaterland verliert. Es ist damit auch die Geschichte einer Degeneration eines Bildungsbürgers, die schon in der Ausbildung in der Kaserne beginnt.

Im Film ist Bäumer nur noch ein x-beliebiger Frontsoldat ohne Familie, Überzeugungen oder Ideale. Er ist ein Gymnasiast, aber er könnte genausogut ein Analphabet sein.

Ohne diese Verortung in eine bestimmte Zeit und Gesellschaft verkommt die Botschaft des Films zu einem banalen „Kriege sind schlimm“ und „Für Generäle sind einfache Soldaten nur Kanonenfutter“. Das ist nicht falsch, ist aber angesichts des Krieges in der Ukraine etwas unterkomplex.

Trotzdem ist der mit zweieinhalb Stunden etwas lang geratene, episodische Kriegsfilm ein sehenswerter Film, der eindeutig für die große Leinwand komponiert wurde.

Und danach sollte man unbedingt die Vorlage lesen. Falls man Erich Maria Remarques Roman nicht schon gelesen hat.

Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell

LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929

mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.

Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)

 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

464 Seiten

11 Euro (Taschenbuch)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Westen nichts Neues“

Moviepilot über „Im Westen nichts Neues“

Metacritic über „Im Westen nichts Neues“

Rotten Tomatoes über „Im Westen nichts Neues“

Wikipedia über „Im Westen nichts Neues“ (Film: deutsch, englisch) (Roman: deutsch, englisch) und Erich Maria Remarque (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über die Dörte-Hansen-Verfilmung „Mittagsstunde“

September 23, 2022

Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf Brinkebüll. An der Universität hat ‚de Jung‘ sich ein Freisemester genommen. In den nächsten Monaten will der seit Ewigkeiten in Kiel in einer Dreier-WG lebende Professor für Ur- und Frühgeschichte sich um seine Eltern kümmern. Sie brauchen zunehmend Hilfe. Auch wenn Ingwers über neunzigjähriger Vater, Sönke, das nicht akzeptieren will. Er kehrte erst nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurück und führt seitdem den Dorfgasthof. Ingwers Mutter, Ella, ist dagegen schon so dement, dass sie davon fast nichts mehr mitbekommt. Sie lebt schon zu einem großen Teil in der Vergangenheit – und auch für den fünfzigjährigen Ingwer werden die Monate, die er mit seinen Eltern verbringt, zu einer Lebensbilanz und Erinnerung an seine Jugend und die Nachkriegsgeschichte des Dorfes.

Dörte Hansen erzählt in ihrem von der Kritik hochgelobtem Bestseller „Mittagsstunde“ diese Geschichte, indem sie ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Das liest sich gut, ist aber kaum verfilmbar.

Regisseur Lars Jessen und Drehbuchautorin Catharina Junk unternahmen das Wagnis – mit einem zwiespältigem Ergebnis. Auch sie wechseln bruchlos zwischen den Jahrzehnten. Langsam entsteht so eine Geschichte der Familie Feddersen, des fiktiven und daher archetypischen nordfriesischen Dorfes Brinkebüll und den Veränderungen des Landlebens zwischen den Sechzigern und der Gegenwart. Dabei, und hier kommen wir zu einem der großen Probleme des Films, ist die Orientierung zwischen den verschiedenen Zeitebenen schwierig. Jessen blendet nur in den ersten Minuten die Jahrezahlen ein. Danach nicht mehr. Weil sich in einem Dorf aber alles nur langsam verändert und es eine durchaus wohltuende Ignoranz gegenüber schnelllebigen großstädtischen Modeerscheinungen gibt, ist der Unterschied zwischen den Sechzigern, den Siebzigern, den Achtzigern und sogar der Gegenwart kaum erkennbar. Die Inneneinrichtung der Wirtschaft verändert sich kaum. Das Haus der Feddersens noch weniger. Die Kleidung der Dorfbewohner ist vor allem funktional. Und auch Autos geben nur eine grobe Orientierung.

Das zweite Problem ist, dass wir die Figuren als junge, mittelalte und alte Menschen kennen lernen. Aber es ist oft kaum ersichtlich, wer wer ist. Während im Buch immer Ingwer steht und er mal Fünf, mal Fünfzig ist, wird er im Film von einem Kind und einem vollkommen anders aussehendem Erwachsenem gespielt.

Bei jedem Zeitsprung muss daher überlegt werden, wann die Szene spielt und wer zu sehen ist. Entsprechend schwierig ist es, eine emotionale Verbindung zu den verschiedenen Figuren aufzubauen.

Das alles erschwert die Orientierung in dem konventionell erzähltem Film, der – so mein Eindruck vor der Lektüre des Romans – seiner Vorlage zu sklavisch folgt. Nach der Lektüre des Romans weiß ich, dass Junk und Jessen viel veränderten. Aber nicht genug. Ein Voice-Over, und damit auch die Entscheidung für eine Erzählperspektive, hätte sicher einige Probleme beseitigt. Und den Heimatroman von einem sich über mehrere Generationen und Figuren erstreckenden Dorfchronik zur Geschichte einer Figur und der Jahre, die er bewusst erlebte, gemacht. Eine andere Möglichkeit wäre eine experimentellere Gestaltung gewesen mit Texteinblendungen, Freeze Frames, Voice-Over oder auch dass die erwachsenen Schauspieler in ihren Erinnerungen sich selbst spielen oder in der Szene die Szene kommentieren. Auch darauf wurde zugunsten einer konventionellen, für ein breites Publikum einfach goutierbaren Erzählung verzichtet.

So ist „Mittagsstunde“ eine biedere Literaturverfilmung. Weil Jessen – und auch schon Hansen in ihrem Roman – die Geschichte der Familie Feddersen und des Dorfes nordisch unterkühlt erzählen, bleibt es angenehm frei von verlogenen „Früher war alles besser“-Sentimentalitäten.

Mittagsstunde (Deutschland 2022)

Regie: Lars Jessen

Drehbuch: Catharina Junk

LV: Dörte Hansen: Mittagsstunde, 2018

mit Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, Rainer Bock, Hildegard Schmahl, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof, Julika Jenkins, Nicki von Tempelhoff, Jan Georg Schütte

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Jessen drehte den Film parallel in einer plattdeutschen und einer hochdeutschen Fassung. Ich habe die plattdeutsche Fassung gesehen und, auch ohne die andere Fassung zu kennen, ist das die Fassung, in der der Film gesehen werden sollte.

Die Vorlage

Mittagsstunde von Doerte Hansen

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Penguin Verlag, 2021

336 Seiten

12 Euro

Erstausgabe (Hardcover)

Penguin Verlag, 2018

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Mittagsstunde“

Moviepilot über „Mittagsstunde“

Wikipedia über Dörte Hansen

Perlentaucher über „Mittagsstunde“


Preisgekrönte Bücher: S. A. Cosby: Die Rache der Väter

September 21, 2022

In den vergangenen Monaten erhielt „Die Rache der Väter“ wichtige Krimipreise, wie den Thriller Award. Er stand auf den Nominierungslisten für den Edgar und den Dagger Award. Er erhielt auch etliche nicht direkt krimi-relevanten Preise.

Er stand außerdem, immerhin erschien der Roman in den USA bereits 2021, auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Barack Obama empfahl das Buch in seiner Sommerleseliste. Ian Rankin meinte: „Dieser Roman ist die Defintion eines rasanten Krimis.“

Bei dem vielen Lob stellt sich irgendwann die Frage, ob der Roman den mit den Preisen hochgeschraubten Erwartungen standhält.

Schließlich ist die Story uralt: ein Vater will den Tod seines Kindes rächen. Auch wenn es, wie der deutsche Titel verrät, in diesem Fall zwei Väter sind, bleibt „Razorblade Tears“ (so der Originaltitel) im Kern eine simple Rachegeschichte.

Auch die ersten Variationen wirken wie ein Blick in den Klischeebaukasten 2.0. Gerächt werden sollen Isiah Randolph und Derek Jenkins, zwei junge Männer, die glücklich miteinander verheiratet waren und ermordet wurden. Die Polizei von Richmond, Virginia, kommt bei ihren Ermittlungen nicht voran; vielleicht will sie auch nicht zu viel Zeit in den Schwulenmord investieren.

Die Väter von Isaiah und Derek lehnten die sexuelle Orientierung ihrer Söhne ab. Als sie davon erfuhren, brachen sie die Verbindung zu ihnen ab. Sie sind, noch eine Gemeinsamkeit, ehemalige Häftlinge. Der eine ist jetzt erfolgreicher Unternehmer. Der andere ein heruntergekommener Alkoholiker. Der eine ist ein Schwarzer, der andere ein Weißer. Und sie mögen sich nicht.

Aber jetzt wollen der Schwarze Ike Randolph, der ein Unternehmen mit 15 Beschäftigten zur Rasen- und Gartenpflege hat, und der Weiße Buddy Lee Jenkins sich unter den ehemaligen Freunden ihrer Söhne umhören.

Bei ihren ersten Befragungen müssen sie mit ihren Gefühlen und ihrem Temperament kämpfen. Denn jede ihrer Befragungen im LGBTQ+-Milieu ist immer kurz davor, in handgreifliche Auseinandersetzungen auszuarten.

Als sie sich die gemeinsame Wohnung von Isiah und Derek ansehen, werden sie von zwei Mitgliedern der Rare Breed überrascht. Die Rare Breed sind eine Outlaw Motorcycle Gang, die tief in verschiedenen verbrecherischen Geschäften steckt. Kurz darauf ist einer der beiden Rocker tot. Der andere konnte flüchten. Anstatt zur Polizei zu gehen, lassen Ike und Buddy Lee die Leiche verschwinden.

Schon auf den ersten Seiten zeigt S. A. Cosby, dass er seine Vorbilder kennt und weiß, wie man eine packende Geschichte erzählt. Er wechselt kontinuierlich zwischen drei Perspektiven: der von Ike, der von Buddy Lee und der von Grayson und seiner Rockergang. Die Rare Breed haben, das wird schon früh im Buch verraten, etwas mit dem Tod von Isiah, der als Journalist für die „Rainbow Review“ arbeitete, und Derek, der in einer Bäckerei arbeitete, zu tun.

Die Klischees und vertrauten Handlungsabläufe bentzt Cosby, um sein Thema aus verschiedenen Perspektiven und in die Tiefe gehend zu behandeln. Vor allem beschäftigt Cosby sich mit der Frage, welche Bilder von Männlichkeit existieren und wie sie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderten. Es geht auch um die politischen, kulturellen und sozialen Spaltungen in den USA.

Davon erzählt er im Rahmen einer spannenden Detektiv- und Rachegeschichte, die auch die Geschichte einer Freundschaft ist. Denn selbstverständlich lernen Ike und Buddy Lee sich im Lauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen besser kennen. Sie verstehen sich besser und sie ändern ihre Ansichten.

Für den gestandenen Krimifan gibt es außerdem etliche Anspielungen auf Kriminalromane und -filme. Sie zeigen, dass Cosby sich im Genre auskennt und in welcher Traditionslinie, nämlich der Noir- und Hardboiled-Tradition, er schreibt.

Die Sünden der Väter“ ist ein sicherer Anwärter für meine Jahresbestenliste; – wenn ich denn eine erstelle. Ich bin da ja notorisch schlampig.

S. A. Cosby: Die Sünden der Väter

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

344 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Razorblade Tears

Flatiron Books, 2021

Hinweise

Perlentaucher über „Die Sünden der Väter“

Book  Marks über „Die Sünden der Väter“

Wikipedia über S. A. Cosby (deutsch, englisch)


„Nachts im Paradies“ ist der Taxifahrer während dem Oktoberfest

September 16, 2022

Am Samstag ist es in München wieder so weit. Dann beginnt dort, wenn man den Verlautbarungen bayerischer Politiker und den gut informierten Boulevardzeitungen glauben darf, das größte, schönste, beste Fest der Welt. Das Oktoberfest. Die letzten zwei Jahre fiel es wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Dieses Jahr soll wieder wie früher gefeiert werden.

Alle, die dann nicht in München sind, können sich im Bayerischen Rundfunk Übertragungen aus dem Festzelt oder im Wiesn.TV das bierselige Gewusel vor Live-Cams ansehen. Das sind schon ziemlich gruselige Bilder.

Aber diese Bilder sind harmlos gegenüber den Bildern, die Frank Schmolke für seinen während des Oktoberfests spielendem Comic „Nachts im Paradies“ zeichnete. Er erschien 2019, wurde von der Presse gelobt und erhielt 2019 den Rudolph Dirks Award.

Schmolke fuhr selbst gut dreißig Jahre Taxi. Zunächst mehr, später weniger, aber immer nachts. Sein Geld verdient er inzwischen als Comiczeichner und freiberuflicher Illustrator. Die Erlebnisse, die er während seiner Arbeit als Taxifahrer hatte, inspirierten ihn dann zu „Nachts im Paradies“. Der entscheidende Anstoss für den gut 360-seitigen Comic waren vor allem die zwei Wochen, die er 2014 beim Oktoberfest fuhr um eine Auftragsflaute zu überbrücken.

Er erzählt angemessen hektisch, lakonisch und mit trockenem Humor einige Tage aus dem Leben von Vincent. Während des Oktoberfestes fährt der Taxifahrer die Besoffenen nach Hause. Einmal schleppt er eine leicht bekleidete Betrunkene in ihre Wohnung. Eine andere kotzt ihm ins Taxi und ihr Freund verpasst ihm ein blaues Auge. Für eine Nacht erhält er von Igor einen lukrativen Auftrag: er soll eine seiner Prostituierten zu einem Kunden fahren, warten und sie später wieder zurückfahren. Der Auftrag entwickelt sich anders, als geplant.

Außerdem besucht Vincents sechzehnjährige Tochter ihn. Auch sie stürzt sich in das Nachtleben.

Und irgendwann zwischen besoffenen Fahrgästen und Schlägereien, fragt Vincent sich, ob er nach dreißig Jahren als Taxifahrer nicht endlich etwas anderes tun soll.

Spätestens nach der Lektüre von „Nachts im Paradies“ hat man keine Lust mehr auf das Oktoberfest genannte Massenbesäufnis mit seinen Bierzombies. Aber viel Lust auf das nächste Werk von Frank Schmolke. Zum Beispiel seine grandiose letztes Jahr erschienene Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies

Edition Moderne, 2019

360 Seiten

29,80 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Nachts im Paradies“

Homepage von Frank Schmolke

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“ (2021)


Cover der Woche – und R. i. P. Jean-Luc Godard

September 13, 2022

R. i. P. Jean Luc Godard ( 3. Dezember 1930, Paris – 13. September 2022, Rolle/Schweiz)

Anstatt eines schnell geschriebenen länglichen biographischen Nachrufs poste ich einfach den Anfang meiner ausführlichen Besprechung von Bert Rebhandls lesenswerter Biographie über Jean-Luc Godard:

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Hinweise

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Meine Besprechung von Bert Rebhandls „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ (2020)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


„Kains Knochen“, kein Lesebuch, sondern ein Rätselbuch

September 12, 2022

Das ist ein Buch für die Menschen, die gerne Rätsel lösen. In diesem Fall besteht das Rätsel aus hundert Seiten bzw. Absätzen. In der richtigen Reihenfolge erzählen die Absätze eine Kriminalgeschichte, in der sechs Menschen sterben.

Das Problem ist, die Seiten und damit die Morde in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Es gibt nämlich unglaublich viele Möglichkeiten, die Seiten hintereinander anzuordnen. Aber nur eine Reihenfolge ist die richtige Reihenfolge.

Ersonnen wurde das Rätsel von Edward Powys Mathers, dem Kreuzworträtselschreiber des Observer. Er führte in England die Kreuzworträtsel ein, bei denen um die Ecke gedacht werden muss. Sein Pseudonym war Torquemada. Unter diesem Namen veröffentlichte er 1934 „The Torquemada Puzzle Book“, eine Auswahl seiner Rätsel und „Kains Knochen“.

Damals wurden 15 Pfund Sterling ausgeschrieben für die erste Person, die die Lösung kennt. 2019 wurde das Rätsel wieder veröffentlicht und ein Preisgeld von 1.000 Pfund ausgelobt.

Insgesamt wurde das Rätsel bis jetzt nur von drei Menschen gelöst. Zwei als der Preis 1934 ausgelobt wurde, einer 2019. Und keiner hat die Lösung verraten.

Jetzt veröffentlichte der Suhrkamp Verlag das Rätsel auf Deutsch und lobte ein Preisgeld von 1000 Euro aus. Der Wettbewerb endet am 30. September 2023. Gewinner ist, so der Suhrkamp Verlag, analog zu den englischen Wettbewerbsbedingungen, wer als Erster „die vollständigen Namen der Ermordeten, ihre jeweiligen Mörder und die richtige Reihenfolge der Seiten mitgeteilt und uns erläutert hat, wie sie oder er zu der Lösung gekommen ist.“

Tja, nun, dann: fröhliches Rätseln!

Der letzte Gewinner hat zum Lösen des Rätsels vier Monate und einen Coronavirus-Lockdown gebraucht.

Torquemada: Kains Knochen – Das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt

(übersetzt von Henry McGuffin)

Suhrkamp, 2022

210 Seiten

13 Euro

Originalausgabe/Neuausgabe

Cain’s Jawbone

Unbound, London, 2019

Erstausgabe

Victor Gollancz Ltd., 1934

Hinweise

Suhrkamp über „Kains Knochen“

Wikipedia über „Kains Knochen“ und Edward Powys Mathers


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