„Straßenköter“ Jürgen Heimbach erzählt von einem Bankräuber und der RAF

August 19, 2026

Der Banküberfall und die Flucht vor der Polizei gelingen ziemlich nach Plan. Die Beute ist auch größer als erwartet. Aber danach geht alles schief. Irgendwie hat die Polizei fast sofort erfahren, wer für den Überfall verantwortlich ist. Wenige Stunden nach dem Überfall sind ihre Gesichter in allen Hamburger Zeitungen abgedruckt. Und vor Marlons Tür stehen zwielichtige Typen. Er machte bei dem Überfall als Fluchtwagenfahrer nur mit, um seine Schulden abzubezahlen. Jetzt weiß er, dass etwas furchtbar schief ging und er hereingelegt werden soll.

Der unpolitische, hoch verschuldete 25-jährige Marlon-Brandon-Fan, – genaugenommen Fan des von Brando in „Der Wilde“ (The Wild One, USA 1953) gespielten Johnny Strabler, Chef des Black Rebel Motorcycle Club -, muss untertauchen. Auf seiner Irrfahrt durch Deutschland trifft er Revolutionäre, Sympathisanten und Terroristen. Denn Jürgen Heimbachs neuer Kriminalroman „Straßenköter“ spielt 1975 zur Hochzeit des RAF- und Linksterrorismus in der Bundesrepublik.

Auf wenigen Seiten entwirft Heimbach ein dichtes Porträt des damaligen Deutschland, während Marlon durch die Geschichte stolpert. Alle paar Seiten präsentiert er eine neue Überraschung für den von der Polizei schnell als hochgefährlichen Linksterroristen verfolgten Taugenichts. Denn Marlon befand sich, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht ganz freiwillig, im Wendland in einem Haus, in dem Terroristen die Befreiung ihrer in Stammheim inhaftierten Genossen planten.

Straßenköter“ ist eine sich eher an ein jugendliches Publikum richtende Abenteuergeschichte mit viel stimmigem Zeit- und Lokalkolorit. Wenn Heimbach die Wahl zwischen neuem Ärger für Marlon und einer Geschichtsstunde hat, entscheidet er sich zuverlässig für das Erste. Das macht den spannenden, äußerst wendungsreichen und erstaunlich kurzen Thriller zur perfekten Sommerlektüre.

Jürgen Heimbach: Straßenköter

Ars Vivendi, 2026

272 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Heimbach

Wikipedia über Jürgen Heimbach

Meine Besprechung von Jürgen Heimbachs „Die Rote Hand“ (2019)

Meine Besprechung von Jürgen Heimbachs „Waldeck“ (2024)


Joe Hill, „King Sorrow“ – und eine Lesereise im Oktober durch Deutschland

August 12, 2026

In einigen Wochen besucht Joe Hill Deutschland. Im Gepäck hat er seinen neuen Horrorroman. „King Sorrow“, in Deutschland in zwei Bänden erschienen, ist Hills bislang umfangreichstes Werk handelt. Dabei sind auch seine vorherigen vier Romane ziemliche Wälzer. Kürzer sind seine Comics und Kurzgeschichten. „King Sorrow“ kann auch als eine zwischen 1989 und 2022 spielende Zusammenstellung von Kurzgeschichten gelesen werden.

In einer Nacht beschwören die Freunde Arthur Oakes, Donna McBride, Donovan ‚Van‘ McBride, Gwen Underfoot, Colin Wren und Allison ‚Allie‘ Shiner, eher als Spaß, den titelgebenden King Sorrow herauf. Fortan verlangt er von den Jugendlichen jedes Jahr zu Ostern ein Menschenopfer, das jedes Jahr von einem anderen aus dem Freundeskreis benannt wird. Wen King Sorrow umbringt, ist ihm egal.

Über die nächsten Jahrzehnte wählen die Freunde immer wieder böse Menschen und Organisationen aus. Die Zahl der Opfer ist King Sorrow nämlich auch egal. Dabei fragen sie sich, ob sie auch die richtigen Menschen ausgewählt haben. Also: verhindern sie Leid und machen die Welt zu einem besseren Ort oder verschlimmern sie die Lage? Oder ist es letztendlich egal, wen sie auswählen? Geschützt sind sie durch ein unsichtbares Zeichen auf ihrer Brust. Wenn sie es berühren, kommt King Sorrow und tötet die Menschen, die sie bedrohen.

Schnell empfinden sie King Sorrow als eine Belastung. Jedes Jahr müssen sie, wenn sie nicht selbst sterben wollen, einen Mordauftrag geben. Dabei wollen sie keine Menschen umbringen. Jahre nach King Sorrows erstem Auftritt lehrt Arthur als Professor in Oxford. Dort könnte er einen Weg gefunden haben, wie sie sich von King Sorrow und dem auf ihnen lastendem Fluch befreien können.

Jede Zusammenfassung, Synopse und Klappentext liest sich interessanter als der Roman. Denn Joe Hill wählt einen weitgehend spannungstötenden Weg, die gut 1200-seitige Geschichte zu erzählen. Er unterteilt sie in fünf „Bücher“, vier deutlich kürzere „Zwischenspiele“ und einen Epilog. Es sind weitgehend eigenständige Kurzgeschichten mit wechselnden Protagonisten, in denen ein sich über viele Seiten erstreckendes Abenteuer erzählt wird. Dieses besteht einmal aus einer gefährlichen Situation in einem voll besetztem Passagierflugzeug. King Sorrow will während des Fluges neben seiner Zielperson alle Passagiere und die Besatzung töten. Weil Allie das verhindern will, steigt sie ebenfalls in das Flugzeug ein. Denn dann kann der Dämon sein Werk nicht vollenden. Oder? In einem anderen „Buch“ wurden die Geschwister Donna und Van in ein irgendwie von der US-Regierung geführtes, privates Geheimgefängnis entführt. Ihre Entführer wollen mehr über den Dämon herausfinden. Letztendlich wollen sie den Dämon für sich benutzen. Donna und Van wollen das nicht. Aber wie können sie sich aus ihrer Lage befreien? Denn ihre Hände sind so gefesselt, dass sie nicht ihre Brust berühren können. Sie können King Sorrow nicht zur Hilfe rufen. In einem anderen „Buch“ begibt Arthur sich in der englischen Provinz mit Colin, der inzwischen ein Vermögen angehäuft hat, als Begleiter in eine Höhle. Ein Troll führt sie durch das Labyrinth zu einem mythischen Gegenstand, mit dem sie King Sorrow besiegen können. Jedenfalls glaubt Arthur das. Aber vielleicht irrt er sich – und natürlich müssen die beiden Freunde mit dem Gegenstand die Höhle verlassen. In diesen in sich abgeschlossenen Geschichten informiert Joe Hill nebenbei über Ereignisse, die zwischen den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschehen. Oft berichtet er auch einfach von Ereignissen; also anstatt den Leser miterleben zu lassen, was geschah, werden wir in einem Absatz über durchaus wichtige Ereignisse und Entscheidungen informiert, die unsere blass bleibenden Dämonenbeschwörer betreffen. Beispielsweise wie sie ihre Opfer auswählten oder was zwischen den einzelnen, sich normalerweise innerhalb kurzer Zeit abspielenden Ereignissen in den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschah. Hill erzählt, mit Anspielungen auf historische Ereignisse, wie sich das Leben der Jugendfreunde über dreißig Jahre entwickelt. Einige erleben dabei das Ende des Buches nicht.

Als Leser bleibt man dran, weil man weniger das Gefühl hat, einen 1200-seitigen Roman zu lesen, sondern mehr das Gefühl hat, mehrere Kurzgeschichten zu lesen. Die Geschichten bedienen verschiedene Genres. Das sorgt für Abwechslung. Die Kapitel sind kurz. Und schon stellt sich ein Pageturner-Effekt ein.

Am Ende ist man trotzdem nicht zufrieden, sondern verärgert darüber, wie wenig Joe Hill aus der Idee machte.

Joe Hill: King Sorrow I

(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)

Heyne, 2026

592 Seiten

24 Euro

Joe Hill: King Sorrow II

(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)

Heyne, 2026

640 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

King Sorrow

William Morrow, 2025

Joe Hill liest am

Freitag, den 23. Oktober, in München

Samstag, den 24. Oktober, in Berlin

Sonntag, den 25. Oktober, in Gelsenkirchen (Mord am Hellweg)

Montag, den 26. Oktober, in Köln

Weitere Informationen

Hinweise

Perlentaucher über Joe Hills „King Sorrow“

Bookmarks über Joe Hills „King Sorrow“

Homepage von Joe Hill

Heyne über Joe Hill

Deutschsprachige Joe-Hill-Fanseite

Wikipedia über Joe Hill (deutsch, englisch)

Joe Hill in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Scott Derricksons Joe-Hill-Verfilmung „The Black Phone“ (The Black Phone, USA 2022)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung von Joe Hill/Gabriel Rodriguez‘ „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“ (Tales from the Darkside # 1 – 4, 2016)

DC über Hill House Comics

Meine Besprechung von Joe Hill/Leomacs/Dave Stewarts „Ein Korb voller Köpfe“ (Basketful of Heads # 1 – 7, 2019/2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von M. R. Carey/Peter Gross‘ „Das Puppenhaus“ (The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von Carmen Maria Machado/Danis „Im tiefen, tiefen Wald“ (The low, low Woods # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von Joe Hill/Dan McDaids „See Dogs – Blutige Wellen“ (ursprünglich publiziert in Basketfull of Heads # 1 -7, 2019/2020, The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020, The low, low Woods # 1 – 6, 2020, Daphne Byrne # 1 – 6, 2020, Plunge # 1- 5, 2020)

Meine Besprechung von Laura Marks/Kelley Jones/Michelle Madsens „Daphne Byrne – Besessen“ (Daphne Byrne # 1 – 6, März 2020 – September 2020)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stuart Immonen/Dave Stewarts „Schiff der lebenden Toten“ (Plunge # 1 – 6, April – Oktober 2020)

Meine Besprechung von Rio Youers/Tom Fowlers „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ (Refrigerator Full of Heads # 1 – 6, Oktober 2021 – Juni 2022)


TV-Tipp für den 23. Juli: Passagier 23 – Verschollen auf hoher See

Juli 22, 2026

Das ist ein Repost 

RTL, 20.15

Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See (Deutschland 2018)

Regie: Alexander Dierbach

Drehbuch: Miriam Rechel

LV: Sebastian Fitzek: Passagier 23, 2014

Wenn jemand auf einer Kreuzfahrt spurlos verschwindet, ist es meistens Suizid oder Suff. Aber was ist, wenn eine solche verschwundene Person wieder auftaucht? Mit diesem Problem müssen sich auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ einige Menschen beschäftigen. Denn die vor acht Wochen verschwundene und für tot erklärte elfjährige Anouk Lamar ist schwer traumatisiert wieder aufgetaucht. Von ihrer Mutter fehlt immer noch jede Spur. Bei sich hatte Anouk den Teddybär des fast gleichaltrigen Timmy Schwartz. Timmy und seine Mutter gingen vor fünf Jahren auf der „Sultan of the Seas“ über Bord.

Jetzt kehrt der Berliner Polizeipsychologe Martin Schwartz auf das Kreuzfahrtschiff zurück. Er will das Rätsel um den Tod seiner Frau und seines Sohns und das rätselhafte Auftauchen von Anouk lösen. Auf dem Schiff trifft er Daniel Bonhoeffer, der damals und heute der Kapitän des Schiffes ist.

(Zwischenbemerkung: diese Inhaltsangabe folgt dem Roman. Für den Film wurde der Schiffsname und die Dauer von Anouks Verschwinden geändert.)

„Unterm Strich sind die 120 Minuten zwar spannend, aber „Passagier 23“ hätte ein noch besserer Film werden können.“ (tittelbach.tv)

mit Lucas Gregorowicz, Oliver Mommsen, Judy Winter, Kim Riedle, Mercedes Müller, André Röhner, Picco von Groote, Martin Lindow

Die Vorlage

Was für ein Filmjahr für Sebastian Fitzek. Nachdem zunächst alle Produzenten abwinkten, gab es dieses Jahr mit den TV-Filmen „Das Joshua-Profil“, „Amokspiel“ (noch nicht gesehen), „Passagier 23“ (dito) und dem Kinofilm „Abgeschnitten“ wahre Fitzek-Festspiele mit zwiespältigem Ergebnis. Immerhin gelang es Christian Alvart in „Abgeschnitten“ aus dem Serienkiller-Pageturner einen Serienkiller-Thriller zu machen, der mir sogar besser als der Roman gefiel.

Auch die Verfilmung von „Passagier 23“ dürfte schwierig sein. Denn der Pageturner ist ein typischer Fitzek-Roman. Es beginnt mit einem Rätsel (Warum kehrte die vor acht Wochen über Bord gegangene Anouk zurück? Wo war sie die ganze Zeit?) und schnell wird aus dem Ermittlerkrimi ein Thriller, in dem ständig etwas passiert. Die Figuren bleiben dabei immer spärlich charakterisierte Erfüllungsgehilfen der sich rasend schnell entwickelnden Ereignisse. In einem Roman funktioniert das. Für einen Film muss die Romangeschichte verändert werden. Charaktere müssen eingeführt werden. Beziehungen müssen etabliert werden und auch die falschen Fährten müssen anders ausgelegt oder vollkommen aus der Filmgeschichte gestrichen werden. Die Aufgabe des Drehbuchautors ist es, die Essenz des Romans und warum der Roman gelesen wurde, in ein anderes Medium zu übertragen. Dafür kann und muss die Vorlage verändert werden.

„Passagier 23“ ist ein ziemlich abstruser Thriller, der bis zur überraschenden Auflösung das Prinzip des Cliffhangers perfektioniert hat. Ehe man lange darüber nachdenken kann, ob das alles besonders wahrscheinlich ist, hat man das Buch zu Ende gelesen. Gleich danach streicht man die Idee mit der Kreuzfahrt von der nächsten Urlaubswunschliste. Gibt ja noch andere Orte, an denen es schön ist. Vielleicht ist da einer dabei, an dem keine Verbrechen geschehen.

Sebastian Fitzek: Passagier 23

Knaur, 2015

432 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Droemer, 2014

Hinweise

Wikipedia über Sebastian Fitzek und „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ (2014) und Alexander Dierbachs Verfilmung „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“ (2021)

 


„Die nackte Haut“ des Robert Brack ist Jazz und St. Pauli

Juli 21, 2026

Hamburg, 1951, sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur: In den USA hätte Martha Kiesler als Jazzpianistin Karriere machen können. Aber sie fremdelt mit der dortigen Kultur. Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.

Ihr erstes Engagement ist in einer Seitenstraße der Reeperbahn als Bar-Pianistin im Hotel König-Royal. Das anspruchslose Hintergrundgeklimper geht ihr auf die Nerven. Sie will den damals in Deutschland noch verpönten und in seinen aktuellen Strömungen unbekannten Jazz spielen.

Eher schon gefällt ihr das Engagement in der neu eröffneten, von ihrem alten Freund Jack betriebenen Jazzkneipe „Bohemia Bar“. Sie stellt eine Band zusammen, hat Probleme mit ihrem immer unzuverlässigem, aber fantastischem Bassisten, einem fahnenflüchtigem US-Soldaten mit Drogenproblemen, und freut sich über die euphorischen Reaktionen des Publikums und den über sie erscheinenden Berichten. Sie könnte mit ihrer Musik Geld verdienen.

Währenddessen werden Anschläge gegen die „Bohemia Bar“ verübt.

Wer Robert Bracks neuen Roman „Die nackte Haut“ primär als Kriminalroman liest, dürfte enttäuscht sein. Der Krimianteil ist verschwindend gering und wirkt wie eine lästige Pflichtübung, weil Robert Brack ein Krimi-Autor ist, Krimi-Autoren Kriminalromane schreiben und weil jemand auf das ansprechende Retro-Cover das Wort „Kriminalroman“ schrieb.

Sein neuer Roman überzeugt als Jazzroman und als Sittengemälde von St. Pauli bevor Frank Göhre in einer Reihe grandioser Kriminalromane die Ereignisse auf dem Kiez ab den achtziger Jahren chronologisierte. Heute scheint der Kiez ein sehr ruhiger, um nicht zu sagen langweiliger Ort zu sein; – jedenfalls habe ich schon lange keinen auf St. Pauli spielenden Roman gelesen und auch in den Zeitungen wurde nichts über aufsehenerregende aktuelle kriminelle und halblegale Umtriebe geschrieben. Schon 2015 bemerkte Bernd Begemann in einem Song „St. Pauli hat uns ausgespuckt“, dass Paare in Versace-Sportkleidung und Junggesellinenabschiede den Kiez übernommen haben und die alten Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben.

1951 war eine solche Gentrifizierung noch nicht einmal Zukunftsmusik. Schon damals hatte St. Pauli, wie Brack erzählt, ein ausgeprägtes Nachtleben mit dem damit zusammenhängenden Verbrechen, wie Prostitution, Schutzgelderpressung und Drogenkonsum. Im Mittelpunkt der Geschichte steht allerdings Martha Kiesler. Brack erzählt kundig, wie sie versucht, als Jazzpianistin zu überleben. Sie will den echten, gerade in der USA angesagten Jazz spielen. Brack streut die Namen der Musiker ein. Er erzählt vom Zusammenspiel der Jazzmusiker auf und hinter der Bühne und wie sie die Welt sehen. Da vermisst man die Krimihandlung nicht.

Wer nach „Die nackte Haut“ einen weiteren Jazz-Krimi lesen möchte, sollte Jake Lamars „Viper’s Dream“ lesen, kongenial übersetzt von Robert Brack. Der Krimi spielt 1961 zu großen Teilen in New York im legendären Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter. Auch in diesem Fall können die im Buch erwähnten Musikernamen als Ausgangspunkt für eine gute Playlist genommen werden.

TV-Tipp: Am Donnerstag, den 30. Juli, zeigt der MDR um 22.40 Uhr die Doku „Being Hipp – First Lady of European Jazz“ über die Pianistin Jutta Hipp. Sie war für Brack die Inspiration für Martha Kiesler.

Robert Brack: Die nackte Haut

Edition Nautilus, 2026

224 Seiten

18 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Die nackte Haut“

Wikipedia über Robert Brack

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)

Meine Besprechung von Robrt Bracks „Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller“ (2020)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Langzeitreisende unter sich – Über Christopher Nolans Interpretation von Homers „Die Odyssee“

Juli 16, 2026

Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.

Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.

Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.

Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.

Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.

Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.

Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.

Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.

Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.

Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.

Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.

Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.

Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.

Die Odyssee (The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Homer: Odyssee

mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee

Länge: 173 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“. 

Homer: Odyssee

(übersetzt von Karl Ferdinand Lempp)

Insel Verlag, 2026

464 Seiten

18 Euro

Erstausgabe

Insel Verlag, 2009

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Odyssee“

Metacritic über „Die Odyssee“

Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“

Wikipedia über „Die Odyssee“ (Epos: deutsch, englisch; Nolan-Verfilmung: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)

zu Odysseus

Meine Besprechung von Uberto Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ (The Return, Italien/Griechenland/Großbritannien/Frankreich 2024)


Lucas Curstädt erforscht „Denis Villeneuve: Kino der Antagonismen“

Juli 13, 2026

Bis im Dezember Denis Villeneuves dritter und, nach aktueller Planung, als Abschluss einer Trilogie auch letzter „Dune“-Film in die Kinos kommt und James-Bond-Fans sich in den Monaten danach über Meldungen zum neuen 007-Film freuen dürfen, inszeniert von Villeneuve mit einem namentlich noch nicht bekanntem neuem James-Bond-Darsteller, ist genug Zeit um Lucas Curstädts gerade erschienenes Sachbuch „Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen“ zu lesen.

Curstädt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn im Bereich Medienwissenschaft. Er studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Mainz. Auf YouTube betreibt er den Kanal „die zweite produktion“. Dort stellt er in einem sehenswertem Beitrag sein Villeneuve-Buch vor.

Sein Buch über Denis Villeneuve ist keines dieser Filmbücher, in denen chronologisch die Filme des Porträtierten mehr oder weniger kritisch und analytisch besprochen werden. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in der der Autor eine These aufstellt und dann versucht, sie zu beweisen.

Curstädt behauptet: „Was sich in Villeneuves Filmen zunächst nur registrieren lässt und anschließend immer eruptiver aus ihnen herausbricht, ist ein in unterschiedlichen filmischen Erzählungen widerhallendes Echo auf das Scheitern des politischen Liberalismus, auf den Zusammenbruch der postideologischen Utopie infolge der Anschläge vom 11. September 2001 und auf die dahinter lang verborgene autoritäre Sehnsucht, die sich mittlerweile auch institutionell manifestiert hat. (…)

Wir haben es hier vor allem mit einem Kino zu tun, das wie kaum ein anderes in dieser Größenordnung ein politisches Anliegen besitzt, und zwar aus dem kontraintuitiven Ansatz heraus, zu keinem Zeitpunkt dezidiert politisch zu sein. Die herauszustellende Beonderheit: Villeneuves Filme zeichnen die Ab- und Irrwege einer liberalen Gesellschaft und des aufkeimenden Antagonismus nach, obwohl die jeweiligen Werke autark für sich stehen (…) Doch zwischen der Geschichte junger Studentinnen, die dem Amoklauf eines frauenhassenden Mannes zum Opfer fallen (Polytechnique, Can 2009) und einem aufziehenden Bürgerkrieg in der nahen Zukunft (Blade Runner 2049, USA 2017) spannt sich ein roter Faden, der (neo-)liberale Vergangenheit, antagonistische Gegenwart und (kriegerisch-oligarchische) Zukunft miteinander assoziiert und Bilder für eine Gesellschaft in Anspannung, Aufladung und Aufruhr findet.“

Das ist in jedem Fall eine interessante These, auch wenn ich einiges unter normalem erzählerischem Handwerk einsortieren würde. Villeneuve inszeniert klassisches Erzählkino und seit einigen Filmen intelligentes Blockbuster-Kino. Es gibt also immer einen Protagonisten und seinen Antagonisten. Verbrechen sind oft zentral für die Geschichte. Die Filme spielen in der Gegenwart; auch Villeneuves Science-Fiction-Film („Arrival“, „Blade Runner 2049“, und die „Dune“-Filme) sind, wie alle guten Science-Fiction-Filme, Filme über die Gegenwart.

Wenn wir davon ausgehen, dass Villeneuve ein aufmerksamer Beobachter der Gegenwart ist, dann ist das kein Widerspruch. Innerhalb bestimmter Genrekonventionen können bestimmte Themen gut und für ein großes Publikum zugänglich behandelt werden.

Curstädt beginnt seine Arbeit mit einer theoretischen Einführung über die Suture-Theorie und die politische Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Der Zusammenhang zwischen diesem theoretischem Aufschlag und seiner sich daran anschließenden Analyse der Filme von Villeneuves ist diffus und oft nicht erkennbar. Öfters hatte ich den Eindruck, dass Curstädt eine These hat und dann aus Villeneuves Filmen die Szene herauspickt, die als Bestätigung seiner These interpretiert werden können. Ob Villeneuve sie genauso interpretierte, ist egal. Ob diese Interpretation innerhalb des Films die einzig möglich oder die dominante Interpretation ist, ist ebenso egal. Es ist auch unklar, wie sehr die Szene für den gesamten Film steht. Curstädt interessiert sich nicht für den ganzen Film, sondern nur für ein Detail.

So bleibt – auch und gerade wenn man die Filme kennt – der Eindruck einer luftigen Argumentation, die sich weniger aus den Filmen, sondern aus der Absicht des Autors, der eine These beweisen will, herleitet.

Dabei finde ich die These intuitiv als eine mögliche filmübergreifende Interpretation von Villeneuves Filmen interessant und zum Nachdenken anregend. Aber Curstädts Argumentation überzeugt mich nicht.

Curstädts Buch ist und will, wie eingangs gesagt, keine Einführung in das Werk von Denis Villeneuve sein. Dieses Buch muss – und sollte – noch geschrieben werden.

Lucas Curstädt: Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen

Büchner-Verlag, 2026

170 Seiten

25 Euro

Hinweise

zu Lucas Curstädt

Homepage von Lucas Curstädt

Lucas Curstädts „die zweite produktion“

Büchner-Verlag über Lucas Curstädt

zu Denis Villeneuve

Wikipedia über Denis Villeneuve (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune“ (Dune, USA 2021)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune: Part Two“ (Dune: Part Two, USA 2024)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)

Meine Besprechung von Tanya Lapointe/Stefanie Broos‘ „Hinter den Kulissen von Dune: Part Two (Vorwort von Denis Villeneuve, Einführung von Brian Herbert und Kevin J. Anderson)“ (The Art and Soul of Dune: Part Two, 2024)


„Mond gefangen in einem toten Auge“ von Pascal Garnier

Juli 8, 2026

Auch „Mond gefangen in einem toten Auge“, Pascal Garniers sechster auf Deutsch veröffentlichter Roman, stand, wie mehrere seiner früher veröffentlichten Romane, auf der Krimibestenliste. Die von Kritiken zusammengestellte Liste empfiehlt jeden Monat die besten aktuellen Kriminalromane.

In „Mond gefangen in einem toten Auge“ geht es um zwei ältere Ehepaare und eine ältere Dame, die nacheinander als Erstbewohner in Südfrankreich in eine abgeschlossene, einsam gelegene Seniorenresidenz mit fünfzig Bungalows und dazugehörigen Freizeitanlagen einziehen. Sie befreunden sich, verbringen Zeit miteinander, erkunden die Gegend – und Konflikte brechen zwischen ihnen aus.

Verschärft werden sie durch eine Gruppe Roma, die jedes Jahr in der Nähe der Residenz ihr Lager aufschlägt. Für die fünf alten Menschen sind Sinti und Roma immer noch fahrendes, Verbrechen verübendes Volk und damit eine direkt vor ihrer Tür stehende Bedrohung für ihr Leben und ihren Wohlstand.

Auf nicht einmal 130 Seiten erzählt Pascal Garnier sarkastisch und in schönsten deprimierenden Noir-Tönen von dieser Eskalation, die zu einigen Toten und einem überraschendem Finale führt. Dabei gelingt es ihm, die gut zehn für die Geschichte wichtigen Personen, ihre Sicht auf die Welt und ihr flexibles Moralsystem plastisch und vergnüglich zu zeichnen. Wie in seinen anderen bis jetzt im Septime Verlag erschienenen Noirs verdichtet Garnier auch in diesem Noir die einzelnen Szenen auf das Notwendigste und treibt die Handlung mit gekonnten Ellipsen, Verdichtungen und Verkürzungen voran. So kann er auf wenigen Seiten eine Geschichte erzählen für die andere Autoren mindestens die doppelte Anzahl an Seiten benötigen.

Mond gefangen in einem toten Auge“ ist ein feiner Noir für einen langen Abend.

Pascal Garnier (1949 – 2010) war Maler und Autor von Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Noirs. Er lebte in den Bergen der Ardèche. Die Menschen und die Landschaft inspirierten ihn zu seinen sehr französischen Romanen.

Pascal Garnier: Mond gefangen in einem toten Auge

(übersetzt von Michael von Killisch-Horn)

Septime Verlag, 2026

132 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Lune captive dans un œil mort

Éditions Zulma, 2009

Hinweise

Septime Verlag über Pascal Garnier

Wikipedia über Pascal Garnier (deutsch, englisch, französisch)


Der Verfassungsschutz, eine „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“

Juli 3, 2026

Diese Woche stellte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt den neuen Jahresbericht des Verfassungsschutzes vor.

Vor einigen Wochen war der Verfassungsschutz in aller Munde, weil Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Juryentscheidung ignorierte und eigenmächtig mehrere Buchhandlungen vom Erhalt des Deutschen Buchhandlungspreises ausschloss. Es gebe, so Weimer, Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über die drei Buchhandlungen. Was genau könne er nicht sagen, weil er es selbst nicht wisse. Mit dem Preis werden kleine Buchhandlungen für ihr Programm auszeichnet.

Dazwischen las ich „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik“. Mathias Brodkorb, Gründer von „Endstation Rechts“, Ex-SPD-MdL, Bildungs- und später Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern und Cicero-Kolumnist, verdeutlicht an sechs Fallbeispielen, warum die Causa Buchhandlungspreis kein Einzelfall ist und was an der Arbeit des Verfassungsschutzes so problematisch ist, dass das selbsternannte „Frühwarnsystem Verfassungsschutz“ abgeschafft werden sollte.

Brodkorb konzentriert sich bei seiner Kritik auf zwei Fälle, bei denen die Überwachten zufällig von der Überwachung erfuhren. Es handelt sich um Rolf Gössner und Bodo Ramelow. Beide gehören zum linken politischen Spektrum, sind seit Jahrzehnten politisch aktiv, inzwischen hochgeachtete Demokraten, die den Staat niemals, vor allem nicht mit Gewalt, abschaffen wollten. Beide wurden viele Jahrzehnte überwacht. Was der Verfassungsschutz über sie aufgeschrieben hat, ist immer noch unbekannt.

In den anderen Fällen – die AfD, Götz Kubitschek und sein Institut für Staatspolitik in Schnellroda, den nach rechts abdriftenden Wissenschaftler Martin Wagener, Reichsbürger und Corona-Leugner – ist die Beobachtung in den jährlichen Verfassungsschutzberichten und weiteren Publikationen dokumentiert. Im Gegensatz zu den Fällen Gössner und Ramelow handelt es sich hier um aktuelle Fälle. 

Brodkorb nimmt sich im Verfassungsschutzbericht und anderen vom Verfassungsschutz veröffentlichten Dokumenten genannte verfassungsfeindliche Zitate der Beobachtungsobjekte vor und seziert sie – als reine Textanalyse. Es geht also darum, ob der Verfassungsschutz das Zitat richtig oder falsch zitiert und interpretiert. Ob er es so interpretiert, wie es zur vom Dienst vorgefassten Meinung passt. Brodkorb prangert dabei die Verwendung unklarer Begriffe an. Er weist darauf hin, dass bestimmte Worte auch von anderen Personen benutzt werden, der Verfassungsschutz sie bei diesen Personen aber nicht als verfassungsfeindlich brandmarke. Es könnte darum gehen, wann bestimmte Äußerungen ein ganz normaler Teil eines Diskurses sind und wann sie außerhalb dieses Diskurses stehen. Brodkorb neigt hier durchgängig zur Position, dass der Verfassungsschutz die Sätze mutwillig falsch interpretiere.

Das Problem bei dieser Argumentation ist, dass auf jeglichen Kontext verzichtet wird. Dabei ist der Kontext und auch ob bestimmte Worte und Sätze in bestimmten Szenen Signalworte sind, wichtig. Es ist auch wichtig zu wissen, innerhalb welcher Gedankengebäude argumentiert wird und was der Sprecher mit seinen Worten erreichen möchte.

Brodkorb beachtet auch nicht die Handlungen der Akteure, also ob sie Menschen bedrohen, Demonstrationen organisiere, Straftaten verüben oder sich weigern, Steuern zu bezahlen. 

Es gehe dem Verfassungsschutz immer nur darum, die Äußerungen bewusst falsch zu verstehen und die Sprecher als Verfassungsfeinde, die die Bundesrepublik Deutschland abschaffen wollen, zu diskreditieren.

Brodkorb klagt auch an, dass der Verfassungsschutz seine Begriffe, wie „Extremismus“ und „Volk“, verschieden verwendet und neue Kategorien, wie „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“, „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“, dazu kommen. Für Brodkorb sind diese neuen Kategorien keine Reaktion auf neue Phänomene, sondern ein weiteres Beispiel für die Willkür des Verfassungsschutzes. Das Amt führe die Kategorien ad hoc ein, um seine Arbeit zu rechtfertigen und sich neue Arbeit zu verschaffen. Das stimmt einerseits. Andererseits ist das Schaffen neuer Kategorien und auch das Verändern der Bedeutung bestimmter Kategorien ein Teil normaler wissenschaftlicher Arbeit. Oder anders gesagt: alles was er hier dem Verfassungsschutz vorwirft, kann er genausogut jedem Sozial- und Politikwissenschaftler vorwerfen.

Auf juristische Bedenken gegen den Verfassungsschutz geht er nicht ein. Er unterzieht auch nicht die gesamte Arbeit des Verfassungsschutzes einer Kritik. Dazu gehören, unter anderem, der Einsatz und Umgang mit V-Leuten, die jahrzehntelang einseitige Ausrichtung der Arbeit des Verfassungsschutzes (der Feind wurde vor allem links gesehen), die teilweise erstaunlich schlechte Arbeit des Dienstes, genannt sei hier beispielhaft die Beobachtung der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, und die Nicht-Erfüllung der Funktion als Frühwarnsystem. Vor bestimmten Gefahren warnte der Verfassungsschutz erst, nachdem schon alle Zeitungen darüber berichteten.

Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“ ist ein zwiespältiges Buch. Gut ist, das Brodkorb sich auf einen Aspekt und eine Methode konzentriert. Allerdings ist die Auswahl der Fallbeispiele merkwürdig. Die ausgewählten Zitate werden nicht kontextualisiert. Die gewählte Form der Kritik des Dienstes bleibt zu sehr in einem akademisch-luftleerem Raum. Mehr als einmal drängt sich der Gedanke auf, dass es Brodkorb weniger um eine fundierte Kritik des Verfassungsschutzes, sondern mehr um ein relativieren rechten Gedankengutes geht. 

Außerdem gibt es von Bürgerrechtlern, wie dem schon erwähnten Rolf Gössner, schon seit Jahren eine fundiertere Kritik an der weltweit einzigartigen Behörde.

Mathias Brodkorb: Gesinnungspolizei im Rechtsstaat? – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik: Sechs Fallstudien (Aktualisierte Ausgabe mit VS-Gutachten zur AfD)

zu Klampen Verlag, 2025 (erweiterte vierte Auflage)

272 Seiten

25 Euro

Hinweise

Perlentaucher über Mathias Brodkorb

Wikipedia über Mathias Brodkorb


„Orlando“, hab keine „Furcht“, das ist die „Wahrheit“. „Zwischen den Bäumen“ stapeln sich „Alien“ und „Blade Runner 2039“ und die „Traumnovelle“

Juni 29, 2026

Nennen wir es Sommerlektüre und Aufräumen, teils ergänzt mit brandneuen Werken, wie die druckfrisch bei mir eingetroffene Neuausgabe von Jakob Hinrichs‘ überzeugender Comicversion von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Ursprünglich erschien sie bereits 2012 bei der Büchergilde und wer möchte, kann sie zu teils utopischen Preisen antiquarisch kaufen.

Die neue Ausgabe bei der Favoritenpresse ist selbstverständlich günstiger. Sie gefällt mir ausnehmen gut. Sie liegt gut in der Hand, Papier und Farben passen zu den Zeichnungen von Jakob Hinrichs, die sich kongenial zwischen 20er-Jahre-Avantgarde (also die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts), Fünfziger-Jahre-Cartoons und Gebrauchsgrafik bewegt.

Die Geschichte selbst, die bei Arthur Schnitzler im Wien der späten Kaiserjahre spielt, verlegte er in eine zeit- und ortlose bundesdeutsche Mittelstandsgegenwart, die immer noch einen Hauch Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland verströmt. Immer noch geht es um ein Ehepaar und sexuelle Wünsche.

Die Geschichte selbst dürfte von Schnitzler oder von Stanley Kubricks textnaher Verfilmung „Eyes Wide Shut“ bekannt sein. Es war sein letzter Film. Tom Cruise und Nicole Kidman spielten das sexuell verwirrte Paar. Kubrick verlegte die Geschichte in das heutige New York und ich fragte mich die ganze Zeit, warum Kubrick sie nicht historisch korrekt und wie auch von ihm gewünscht, in Wien der späten Kaiserjahre spielen ließ.

Hinrich wählte einen deutlich freieren Zugang. Das Ergebnis überzeugt in jeder Beziehung.

Wie bei der Erstausgabe ist auch in der aktuellen Ausgabe Schnitzlers Novelle abgedruckt. Sie erschien erstmals 1925 als Fortsetzungsroman und 1926 als Buch. Man kann also direkt Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen.

Jakob Hinrichs/Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Favoritenpresse, 2026

192 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Büchergilde, 2012

Hinweise

Homepage von Jakob Hinrichs

Favoritenpresse über den Comic

Wikipedia über die „Traumnovelle“ (deutsch, englisch) und Jakob Hinrichs

Um Begehren geht es auch in Paul Wincks „Zwischen den Bäumen“. Die Journalistin Mathilde soll eine Reportage über eine in Südfrankreich abgeschieden lebende religiöse Gemeinde schreiben. Sie fremdelt mit den Gläubigen und ihren Riten. Mit Anita, der Köchin und Gärtnerin der Gemeinschaft, versteht sie sich allerdings gut.

Wegen der Kürze und weil Winck sich vor allem auf seine Bilder verlässt, bleibt „Zwischen den Bäumen“ auf der Story-Ebene etwas diffus. Das gilt vor allem für die Gemeinschaft und ihr seltsames Verhalten. Die Sekte lud Mathilde ein, einen Bericht über sie zu schreiben, erschwert ihr dann aber die Arbeit.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte und die damit verbundene Frage, ob Anita weggehen soll, sind dagegen gelungener.

Wer also keinen Thriller über eine investigative Journalistin und eine brandgefährliche Sekte erwartet, kann zugreifen.

Paul Winck: Zwischen den Bäumen

Moom Comics, 2025

72 Seiten

15 Euro

Hinweise

Moom Comics über Paul Winck

Orlando wird im 16. Jahrhundert in England als Mann geboren. Viele Jahre später wird er im Schlaf zur Frau. Eine Erklärung für die Geschlechtsumwandlung gibt es nicht. Fortan muss der Edelmann, der bei den Frauen äußerst beliebt war, ein Leben als ebenfalls nicht älter werdende Frau führen.

Sein/Ihr Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts schildert Virginia Woolf in ihrem schon lange zum Klassiker gewordenem Roman „Orlando“, untertitelt als ‚Biographie‘. Das feministische Buch erschien 1928.

Susanna Kuhlendahls Comic „Orlando“ liest sich durchgehend wie die Reader’s Digest-Version des Romans. Sie lädt dazu ein, den Roman oder auch Sally Potters legendäre Verfilmung von 1992 (mit Tilda Swinton in der Hauptrolle) wieder (?) zu genießen.

Susanne Kuhlendahl: Virginia Woolf – Orlando

Helvetiq, 2025

208 Seiten

27 Euro

Hinweise

Homepage von Susanne Kuhlendahl

Wikipedia über „Orlando“ (Roman: deutsch, englisch)

Und ab in die Zukunft, die kein besserer Ort ist.

Obwohl das „Paradiso“ als Nobelferienhotel auf den ersten Blick vielversprechend aussieht. Um einige Gäste, wie den Ricky Valentine und seine Bande, muss man sich als normaler Tourist nicht kümmern. Dafür sind zwei Colonial Marshals in einem Undercover-Einsatz, zuständig. Aber dann bringt einer der Gäste einen Xenomorph-Embryo mit – und es passiert das, was immer passiert, wenn Menschen und Xenomorphe sich begegnen. Kurz darauf kämpfen die Hotelgäste und das Personal um ihr Überleben und die Xenomorphe nehmen eine sehr nahrhaft-menschliche Mahlzeit zu sich.

In dem Alien-Comic „Paradiso“ erzählen Autor Steve Foxe und die Zeichner Edgar Salazar und Peter Nguyen auch von überraschenden Koalitionen zwischen Polizisten und Verbrechern.

Das ändert aber nichts daran, dass es inzwischen ein festes Muster für Alien-Geschichten gibt, die einfach nur noch an verschiedenen abgeschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen, die mindestens zu einem großen Teil das Ende der Geschichte nicht erleben, ausgefüllt werden. Das ist durchaus spannend, aber auch etwas überraschungsfrei.

Am Ende ist „Paradiso“ nur eine weitere „Alien“-Geschichte in neuer Kulisse mit anderen Menschen und höchst vertrauten Abläufen.

Steve Foxe/Edgar Salazar/Peter Nguyen: Alien: Paradiso

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini Comics, 2026

120 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Alien: Paradiso (2024) # 1 – 5

Dezember 2024 – April 2025

Hinweise

Wikipedia über das Alien-Franchise (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Alien – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Alien, 2019)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Aliens – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Aliens, 2020)

Meine Besprechung von Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbis „Alien – Die Urfassung“ (Alien: The Original Screenplay # 1 – 5, 2020)

zu Filmen

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, 2017) (Filmroman)

Meine Besprechung von Fede Alvaraz‘ „Alien: Romulus (Alien: Romulus, USA 2024)

zu Comics

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Blutlinien (Band 1)“ (Alien (2021) # 1 – 6, Mai – Oktober 2021)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Erweckung (Band 2)“ (Alien (2021) # 7 – 12, September 2021 – Juni 2022; Alien Annual (2022) 1, September 2022)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Julius Ohta: Alien: Icarus (Band 3) (Alien (2022) # 1 – 6, November 2022 – April 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardos „Alien: Tauwetter (Band 1)“ (Alien (2023) # 1 – 5, April 2023 – August 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardo/Danny Earls‘ „Alien: Descendant (Band 2)“ (Alien Annual (2023) 1, Dezember 2023; Alien (2023 B) # 1 – 4, Januar – April 2024)

Meine Besprechung von Collin Kelly/Jackson Lanzing/Michael Dowlings „Alien: Schwarz, Weiß & Blut“ (Alien: Black, White & Blood (2024) # 1 – 4, 2024)

Meine Besprechung von Paul Reiser/Leon Reiser/Adam F. Goldberg/Hans Rodionoff/Brian Volk-Weiss/Guiu Vilanovas „What if…? Aliens“ (Aliens: What if…? (2024) # 1 – 5, 2025)

Die „Blade Runner“-Welt ist fast so alt wie die „Alien“-Welt. In dieser Welt geht es um das Zusammenleben von Menschen und menschenähnlichen Robotern, Replikanten genannt. Ursprünglich wurden sie auf anderen Planeten als Arbeitssklaven eingesetzt. Irgendwann begehrten sie gegen ihr Schicksal auf. In den zwanziger Jahren brachen die Ökosysteme zusammen und die „Blade Runner“-Welt wurde noch dystopischer.

In der in drei Bänden herausgegebenen und inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegenden von Mike Johnson (Geschichte), Andrés Guinaldo (Zeichnungen) und Marco Lesko (Farben) erfundenen „Blade Runner 2039“-Geschichte geht es um die seit zwanzig Jahren untergetauchte LAPD-Blade-Runner-Jägerin Aahna „Ash“ Ashina. Danach half sie Replikanten, aus ihrer Sklaverei zu entkommen. Jetzt muss Ash ihr Versteck verlassen. Denn Bösewicht Niander Wallace hat Luv, die erste Blade-Runner-Replikantin des LAPD und ein Klon von Ash, beauftragt, Cleo Selwyn zu finden. In Cleos DNA könnte der Schlüssel zur Fortpflanzung der Replikanten liegen.

Ash“ ist ein gelungener Abschluss der Miniserie.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039: Ash (Band 3 von 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 3: Ash

Alcon Publishing/Titan Publishing 2025

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)“ (Blade Runner 2039 vol. 1: Luv, 2025)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)“ (Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade, 2025)

Aus Japan gibt es eine weitere Ladung Horrorkurzgeschichten. Es ist der fünfte Band der von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Mangas „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ und er enthält die Geschichten 39 bis 50. Es sind immer noch vollkommen unabhängige, im heutigen Japan, bevorzugt unter Jugendlichen spielenden Horrorkurzgeschichten. Einmal gehen drei Jugendliche nach Einbruch der Dunkelheit in einen Park. Für eine Mutprobe wollen sie einem Geist begegnen. Einer der Jungs fragt die sich auf einem Smartphone befindende KI. Und diese sagt ihnen, welchen Weg sie benutzen sollen.

Eine geschiedene Frau sucht über eine Dating-App einen Mann. Dieses Mal scheint sie den richtigen Mann gefunden zu haben. Ein junger Mann hat Schlafprobleme. Eine Frau hat eine außereheliche Affäre, für die sie einen Geheimaccount eingerichtet hat. Ein Lehrer erfährt unangenehm viel Aufmerksamkeit von einer Schülerin. In einer anderen Geschichte ist ein Fangirl überhaupt nicht davon begeistert, dass der von ihr bewunderte Boygroup-Sänger sich in eine andere Frau verliebt hat.

Immer wieder geht es in Juoku Kawakamis Geschichten um Bedrohungen durch neue Techniken, Geister, japanische Mythen, die in der Gegenwart fortexistieren, und ein fundamentales Unwohlsein an und in der Gegenwart.

Weil alle Geschichten sehr kurz sind, muss Kawakami immer schnell auf die meist gelungene Pointe zusteuern. Trotzdem wiederholt sich, wer alle Geschichten kennt, inzwischen einiges. Wenn bei Kawakami eine Streamerin auf einem Parkplatz für eine Nacht Kamera aufbaut, haben wir eine gute Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan: Band 5

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2026

192 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 5

Shogakukan, 2026

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3″ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 4, 2025)

Wenn man unter ‚Comic‘ ‚Zeichungen‘ und ‚Texte in Sprechblasen‘ versteht, dann ist „Wahrheit“, der zweite Band der „Comicothek der Philosophie“, ein Comic. Trotzdem sind die erklärenden Texte wichtiger. Martine Gasparov, Philosophin, Philosophielehrerin an einer Schule für Kunst und Design in Paris und Verfasserin von Philosophie-Handbüchern für die Abiturprüfung, und Illustratorin Émilie Boudet haben mit dem Band „Wahrheit“ eine sehr kurze, klare und präzise Einführung in die Frage gegeben, was aus philosophischer Sicht „Wahrheit“ ist, was die Probleme bei verschiedenen Definitionen sind, ob man immer die Wahrheit sagen muss und ob die Idee der Wahrheit nicht ein Instrument zur Herrschaft ist.

Auf noch nicht einmal sechzig Seiten geben Gasparov und Boudet einen sehr guten Einblick in das Thema – und sie liefern viel Stoff zum Nachdenken.

Weitere Bände, unter anderem zu den Themen „Gerechtigkeit“, „Freiheit“, „Freizeit“ und „Zeit“ sind geplant.

Martine Gasparov/Émilie Boudet: Die Comicothek der Philosophie: Wahrheit

(übersetzt von Edmund Jacoby)

Jacoby & Stuart, 2026

64 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Toute la Philo en BD/La vérité

Belin Éducaions & La Boite à Bulles, 2022

Hinweis

Jacoby & Stuart über das Buch

 


„Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ im Nobelhotel Bellagio

Juni 24, 2026

Weil Frauchen Urlaub machen möchte, bringt sie ihre Katze Miez Marple in dem noblen Tierhotel Bellagio unter. Dort stolpert sie, wie wir uns auch ohne einen Blick auf das mit dem diesjährigen Bloody Cover ausgezeichnete Cover („Ein flauschiger Kriminalroman“) und die Inhaltsangabe denken können, in einen Mordfall. Schließlich erinnert ihr Name „Miez Marple“ an „Miss Marple“, der Name ist Programm und Fabian Navarro schrieb bereits zwei Kriminalromane mit der Katzendetektivin.

Jetzt muss Miez Marple ihre Fähigkeiten in einem von der Außenwelt hermetisch abgeriegeltem Luxus-Resort einsetzen. Die Showkatze Schnurrsanne wurde bestialisch ermordet. Wobei Miez Marple misstrauisch ist. Keine der vielen Wunden war tödlich. Soll hier etwas vertuscht werden? Sie beginnt zu ermitteln und, wie es sich für einen Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie gehört, ist jeder Hotelgast verdächtig.

Auch der von ihr aufgrund einer früherer Ermittlung ungeliebte Mitbewohner Florian Silberschweif. Der opportunistische Schlagerkater leidet an einer Schreibblockade. Nach dem Mord dient er sich bei ihr als Assistent an. Schließlich kennt er die anderen Gäste und ihre Beziehungen zueinander. Es handelt sich um Informationen, die auch in der von Miez Marple nicht gelesenen Klatschpostille BELLT ausführlich abgehandelt werden.

Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ ist ein cozy Rätselkrimi, der in der Welt der Tiere spielt. Diese beschreibt Fabian Navarro sehr schön mit ihren Marotten, ihrer Sicht auf die Welt und die sich ihnen gegenüber oft seltsam verhaltenden Menschen. Die Tiere sind dabei ziemlich schlau, können sich untereinander problemlos verständigen (nicht wie wir Menschen) und ihre Welt unterscheidet sich kaum von der Welt der Menschen.

Etwas enttäuschend ist das Ende. Es ist nämlich kein klassisches Rätselkrimiende, in dem die Ermittlerin Miez Marple die Verdächtigen in einem Raum versammelt und zuerst mehrere falsche und abschließend den richtigen Täter präsentiert. Stattdessen schnappt sie den Täter auf quasi frischer Tat (Pfote?) und dieser gesteht sofort alles.

Das gesagt ist Navarros dritter Miez-Marple-Krimi ein unterhaltsamer Urlaubsausflug für die Ermittlerin, der nach einer kurzen Erkundung des Ortes sofort zu einem Arbeitsaufenthalt wird. Denn, wie bei zweibeinigen Ermittlern, folgen auch vierbeinigen Ermittlern Mord und Totschlag überall hin.

Fabian Navarro: Miez Marple und die Tatze der Verdammnis

Haymon Krimi, 2025

208 Seiten

16,90 Euro

Hinweise

Homepage von Fabian Navarro

Haymon Verlag über Fabian Navarro

Wikipedia über Fabian Navarro


TV-Tipp für den 22. Juni: Der Rote Kakadu (+ Buchkritik: Augenblick # 95: „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf)

Juni 21, 2026

NDR, 22.45

Der Rote Kakadu (Deutschland 2006)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström, Günter Schütter (Bearbeitung)

DDR, Frühjahr 1961, wenige Monate vor dem Bau der Mauer (was damals niemand ahnte): In Dresden stolpert der zwanzigjährige Bühnenmaler Siggi (Max Riemelt) in unbekannte Welten zwischen Theater, dem Tanzlokal „Roter Kakadu“ (wo Jazz und westliche Rockmusik gespielt werden) und neuen, freiheitsliebenden Freunden. Das sorgt schnell für Ärger…mit der Staatsmacht.

Lebendiger Blick auf die DDR in den frühen sechziger Jahren und auf jugendliches Revoluzzertum.

mit Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld, Ingeborg Westphal, Devid Striesow, Kathrin Angerer, Tanja Schleif, Volker Michalowski, Klaus Manchen, Heiko Senst, Nadja Petri

Die aktuell grafliche Lektüre

Am 12. Februar 2025 unterhielt sich Lisa Gotto (Professur für Theorie des Films, Universität Wien) mit Dominik Graf über sein Leben und Werk als Regisseur. Jetzt liegt die Niederschrift des Interviews, mit fast achtzig das Gespräch illustrierenden Bildern und vielen für Orientierung sorgenden Zwischenüberschriften, als 95. Heft der „Augenblick“-Buchreihe vor – und es lohnt sich für alle, die (mal wieder) in das Denken und Werk von Dominik Graf eintauchen wollen, die einen konzentrierte und selbstkritischen Einblick in Grafs Werk wollen und die mehr über die letzten fünfzig Jahre Geschichte des deutschen Films im Kino und Fernsehen erfahren wollen. Denn Dominik Graf gehört zu den wenigen Regisseuren, die öffentlich immer wieder über ihr Werk nachdenken, ein filmisches Programm haben und auch Ansprüche an sich, Kollegen und Produzenten stellen. Vor allem arbeitet Graf für das Fernsehen, oft in Serien und Reihen, wie „Der Fahnder“ (die legendären Anfänge, die auch in dem Interview ausführlich beleuchtet werden), „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Meistens inszeniert er Kriminalfilme, Unterkategorie Polizeifilm. Er arbeitet also nahe am Publikum, aber immer mit einem Anspruch an sich und die Geschichte und einem unverwechselbarem Stil.

In dem Interview spricht er über das alles.

Danach will man wieder einen der im Buch erwähnten Filme sehen. Beispielsweise, um zwei nicht von Graf inszenierte Filme, die er auch niemals inszeniert hätte, aber im Gespräch lobend erwähnt und die heute definitiv so nicht wieder inszeniert würden, zu nennen, „Im Himmel ist die Hölle los“ oder Bockmayers „Geierwally“.

Augenblick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft # 95 (herausgegeben von Lisa Gotto): „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf

Schüren Verlag, 2026

138 Seiten

12,90 Euro (Einzelheft)

Hinweise

Filmportal über „Der Rote Kakadu“

Wikipedia über „Der Rote Kakadu“ und Dominik Graf 

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“ (2009)

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010)

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“ (2010)

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf” (2012)

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Domink Graf/Felix von Boehms (Co-Regie) „Jeder schreibt für sich allein“ (Deutschland 2023)

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Roberto Grossi erzählt über „Die große Verdrängung“

Juni 15, 2026

In „Die große Verdrängung“ erzählt Roberto Grossi nicht das, was man nach einem flüchtigen Blick auf das Titelbild vermuten könnte. Jedenfalls nicht nur und nicht an erster Stelle. Die steigende Zahl von Flüchtlingen, die in der oberen Bildhälfte zu sehen sind, ist eine Folge des Klimawandels. Klimawandel ist dabei ein gern benutzter Euphemismus für die katastrophalen Folgen, die eine weitere Erwärmung der Erde hat. Nämlich dass Tiere und Pflanzen vermehrt aussterben, dass die überlebenden Tiere und Pflanzen sich zunehmend andere Lebensräume suchen und dass große Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar werden. Außer man möchte 24/7 in einer klimatisierten Wohnung sitzen und auf die Wüste starren.

In seinem Comic „Die große Verdrängung“ warnt Roberto Grossi vor dieser Veränderung und er ruft zum Handeln auf. Er verbindet dabei eine etwas längere, glänzend recherchierte und präzise geschriebene Reportage mit Bildern, die durch ihre Platzierung und Kombination, zum Nachdenken anregen. Dabei zeigt er auch die Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung, daraus entstehenden Konflikten, Industrialisierung, Kapitalismus und Flucht auf. Er zeigt, wie in komplexen Systemen manchmal kleine von Menschen vorgenommene Veränderungen große Veränderungen haben können.

Die große Verdrängung“ ist äußerst lesenswert als schneller und gelungener Einstieg in das vielschichtige Thema. Aufgrund der Zeichnungen ist es ein zum Nachdenken anregender Kurzessay über die Zusammenhänge zwischen verschiedenen menschheitsbedrohenden Problemen und wie sie gelöst werden können. Auch wenn Grossi nach dem ersten Schritt – dem Schaffen von Aufmerksamkeit und Problembewusstsein über die titelgebende ‚große Verdrängung‘ – den zweiten nur skizziert.

Dafür wurde „Die große Verdrängung“ in der Kategorie „Sachbuch“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Die Preisverleihung ist am 9. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

Roberto Grossi: Die große Verdrängung

(übersetzt von Myriam Alfano)

avant-verlag, 2025

208 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

La grande rimozione

Coconino Press, 2024

Hinweise

Homepage von Roberto Grossi

avant-verlag über Roberto Grossi

Perlentaucher über „Die große Verdrängung“

 


Paolo Bacilieri zeichnet die „Private Venus“ von Giorgio Scerbanenco

Juni 12, 2026

Duca Lamberti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drei Jahre verbüßte der Arzt, weil er Sterbehilfe leistete. Jetzt darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Durch die Vermittlung eines Freundes wird ihm sofort eine Arbeit angeboten: ein reicher Mailänder Industrieller bittet ihn, seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Davide von seinem Alkoholismus zu heilen. Duca ist einverstanden. Um Davide langfristig zu heilen, muss er herausfinden, warum der Junge trinkt.

Kurz darauf gesteht Davide ihm, er sei ein Mörder. Er habe einer Frau, die sich umbringen wollte, nicht geholfen. Wenige Stunden später ist sie tot. Seitdem fühlt Davide sich für ihren Tod verantwortlich. Er beginnt zu trinken. Als Duca sich die Umstände ihres Todes genauer ansieht, ist er überzeugt, dass sie ermordet wurde. Durch einen mit einer Minox aufgenommenen Film, den sie in Davides Auto verloren hatte, kommt er auf eine vielversprechende Spur. Auf dem Film sind Bilder von zwei nackten Frauen. Beide wurden ermordet.

Private Venus“ ist die von Paolo Bacilieri gezeichnete Comic-Version von Giorgio Scerbanencos erstem Duca-Lamberti-Kriminalroman. Scerbanenco (1911 – 1969) schrieb zu Lebzeiten zahlreiche Romane. Er gilt als einer der Erneuerer des italienischen Kriminalromans. Am bekanntesten ist er für seine vier Duca-Lamberti-Romane.

Bacilieri nahm die Texte aus Scerbanencos kurzem Roman. Die Handlung übernahm er mit minimalsten Änderungen. In seinen Zeichnungen entsteht ein atmosphärisches Bild Italiens in den späten sechziger Jahren.

Der Fall selbst ist spannend und angenehm ungewöhnlich. Schließlich ermittelt hier kein Polizist, sondern ein Privatmann. Er stolpert in einen Fall hinein. Bei der Lösung helfen dem Polizistensohn Duca die Polizei, die in bestimmten Momenten nicht wissen will, was er und seine Freunde tun. Seine Freunde sind Davide, der nicht mehr von Ducas Seite weichen will, und Livia Ussaro, die die Tote kannte, weil sie beide auch als Prostituierte arbeiteten.

Die Lösung ist überraschend und gruselig. Sie zeigt auch, wie viel sich in den vergangenen sechzig Jahren veränderte. Damals war das Motiv des Mörders ein nachvollziehbarer Grund für mehrere Morde. Heute nicht mehr.

Der zweite Duca-Lamberti-Comic „Verratene Verräter“ ist für September 2026 angekündigt. Das ist genug Zeit, um bis dahin Scerbanencos Roman zu lesen.

Paolo Bacilieri: Private Venus (nach dem Roman von Giorgio Scerbanenco)

(übersetzt von Myriam Alfano)

Avant-Verlag, 2024

160 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Venere Privata

Oblomov Edizioni, 2023

Die Vorlage

Giorgio Scerbanenco: Venere Privata

Garzanti Editore, Mailand, 1966

Mehrere deutsche Übersetzungen und Auflagen bei verschiedenen Verlagen:

Leichte Mädchen sterben schwer (übersetzt von Eva Schönfeld)

Das Mädchen aus Mailand (übersetzt von Christiane Rhein)

Hinweise

Homepage von 

avant-verlag über Paolo Bacilieri

Krimi-Couch über Giorgio Scerbanenco

Perlentaucher über Giorgio Scerbanenco

Wikipedia über Giorgio Scerbanenco (deutsch, englisch, italienisch) und Paolo Bacilieri (deutsch, italienisch)


„Einigkeit und Recht und Rache“ und ein vergifteter Bundeskanzler und ein ebenso vergifteter Finanzminister

Juni 2, 2026

Der Bundespresseball ist eine der großen Veranstaltungen, auf denen sich Politik und Journalismus in Berlin treffen und ein festes Programm durchziehen.

Dieses Mal wird die eingeübte Routine unterbrochen von dem Tod des Bundeskanzlers Oskar Vergis und des Finanzministers Claas von der Linden. Beide werden während der Veranstaltung im Hotel Adlon mit dem exotischen Gift Batrachotoxin vergiftet.

Kriminaloberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann beginnen als Teil der großen Ermittlungsgruppe mit der Suche nach dem Täter. Ein politisches Motiv ist naheliegend. Sie und ihre Kollegen müssen die echten von den vielen falschen Verdächtigen trennen und Tonnen an Videomaterial auf der Suche nach einer Spur sichten. Schnell entdecken sie auf einem Video den Kellner, der den beiden Opfern die Gläser auf den Tisch stellte. Im Gegensatz zu den anderen Kellnern standen auf seinem Tablett nur zwei Champagnergläser. Damit ist klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die beiden Politiker handelte. Noch verdächtiger wird der Kellner, weil er wenige Minuten nach der Tat in die Türkei flüchtet. Fast genauso schnell ist Heidergott überzeugt, dass dieser Kellner nicht die Tat geplant hat.

Alle anderen Ermittlungen verlaufen im Nichts. Nach mehreren Tagen haben sie immer noch keine heiße Spur. Aber einige der von ihnen Befragten deuten an, dass die Tat vielleicht von einem anderen Politiker oder einer im politischen Betrieb tätigen Person veranlasst wurde. Das ist für Wolfgang Ainetter, der von 2018 bis 2021 Sprecher im Bundesverkehrsministerium war, die Gelegenheit, ein wenig aus dem Innenleben der Bundespolitik und der verschiedenen Bundesministerien zu plaudern.

Der Fall selbst spielt während der Ampelregierung – oder präziser während einer Ampelregierung, die an die zerstrittene Ampelregierung erinnert. Die Minister im Buch heißen Norbert Bobeck (Wirtschaftminister), Alma Brock (Außenministerin) und Lucy Faenger (Innenministerin). Auch das weitere im Roman erwähnte politische Spitzenpersonal ist anhand ihrer Namen, Positionen und ihres Verhaltens ähnlich leicht erkennbar.

Als den Ermittlern in einem Video auffällt, dass das eine Glas nicht für den Finanzminister, sondern für Maresa Röhn, die mächtige „Wumms24“-Herausgeberin (so etwas wie „Bild“), bestimmt war, haben Heidergott und Schippmann endlich einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz.

Ein Kanzleramtskrimi“ ist der zutreffende Zusatz von Wolfgang Ainetters zweitem Roman mit dem aus Wien stammendem Kommissar André Heidergott. Heidergott ist der immer wieder sympathisch abschweifende Ich-Erzähler der Geschichte.

Denn „Einigkeit und Recht und Rache“ ist letztendlich ein Regiokrimi. Viele Figuren sind nur leicht fiktionalisierte Versionen von aus der Realität bekannten Personen. Straßen, Verkehrsverbindungen, Örtlichkeiten und Lokale (sie werden am Buchende in einem „Diäten-Register“ aufgelistet) werden penibel genannt und immer ist Zeit für eine Mahlzeit. Das Privatleben der Ermittler gestaltet sich familiär. Der gar nicht so schlechte Fall wird eher nebenbei gelöst. Ainetter, der lange als Journalist arbeitete, unter anderem bei der „Bild“, erzählt die Geschichte des die Republik erschütternden Doppelmordes flott, unaufgeregt und mit einer angenehmen Erzählstimme.

Und weil die letztendlich harmlose Geschichte quasi vor meiner Haustür spielt, bin ich überaus positiv gestimmt. Das ist ein weiteres Kennzeichen eines Regiokrimis: Menschen, die in der Region leben, in der der Regiokrimi spielt, mögen die Geschichte, weil sie die Gegend wieder erkennen.

Das hat – und will – nichts mit den aufklärerischen Polit-Thrillern von Autoren wie Horst Eckert und Andreas Pflüger zu tun haben.

Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache – Ein Kanzleramtskrimi

Haymon Krimi, 2026

352 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Ainetter

Haymon Krimi über Wolfgang Ainetter

Perlentaucher über Wolfgang Ainetter


Cover der Woche + Buchtipp: Monroe – Ein Hollywoodmärchen!

Juni 2, 2026

Marilyn Monroe (1. Juni 1926 in Los Angeles, als Norma Jeane Mortenson [kirchlich registrierter Taufname Norma Jeane Baker] – 4. August 1962 in Brentwood, Los Angeles)

Wer hätte vor hundert Jahren gedacht, dass MM über sechzig Jahre nach ihrem Tod immer noch bekannt ist?

In ihrer Comic-Biographie „Monroe – Ein Hollywoodmärchen!“ (Les étoiles de l’histoire: Marilyn Monroe, 2020) erzählen Bernard Swysen (Text) und Christian Paty (Zeichnungen) auf knapp hundert Seite das Leben der Schauspielerin, die mehr als nur ein Sexsymbol sein wollte, pointiert nach. Eine Leseempfehlung. 

Die bei Panini erschienene deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.


Jérôme Leroy schreibt über „Die kleine Faschistin“

Mai 27, 2026

Frankreich in naher Zukunft: der Präsident hat sich im Élysée-Palast vollkommen von der Welt isoliert. Er wird nur noch „der Verrückte“ genannt. Seine einzige Amtshandlung sind regelmäßige Auflösungen der Nationalversammlung. Es sind, wie der Erzähler der Geschichte auf der ersten Seite von „Die kleine Faschistin“ sagt, die letzten Tage vor dem Sturz der Republik. Die Bonneval-Affäre hatte daran einen entscheidenden Anteil. Welchen will der Erzähler uns auf den folgenden 140 Seiten erzählen.

Patrick Bonneval ist ein in Nordfrankreich in der Nähe der Grenze zu Belgien lebender sechzigjähriger Mitte-Links-Politiker, der jetzt wieder für die Nationalversammlung kandidieren will. Laut der Prognose der Tarantel, einer legendären Strippenzieherin, wird er in wenigen Monaten der Premierminister sein. Er sei der Letzte, der die Republik noch retten könne.

Sein aussichtsreichster Gegner in seinem Wahlkreis ist ein Trottel vom Patriotischen Block. Diese Ultra-Rechts-Partei wird in ganz Frankreich immer stärker. Sie könnte eine der nächsten Regierungen stellen.

Und dann gibt es noch die titelgebende „kleine Faschistin“. Die zwanzigjährige Francesca Crommelynck, die aussieht wie ein „nationalsozialistisches Postergirl“, wuchs in einer rechtsradikalen Familie auf. Ihre Kindheitsliebe war der Sohn eines kabylischen Kommunisten. „War“ weil er als Vierzehnjähriger ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefunden. Der andere wichtige Mann in ihrem Leben ist ihr großer Bruder Nils, der ebenfalls tot ist. Sie könnte im Patriotischen Block eine wichtige Rolle übernehmen.

Und viel mehr soll nicht verraten werden über die Geschichte von Jérôme Leroys neuestem Roman „Die kleine Faschistin“. Äußerst flott, angenehm verdichtet und etwas schnoddrig erzählt Leroy auf wenigen Seiten eine äußerst verwickelte und schwarzhumorige Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite in Politik getränkt ist. „Die kleine Faschistin“ reiht sich nahtlos in Leroys bisheriges Werk ein mit seiner nüchternen Analyse der französischen Gesellschaft und des dortigen Rechtsextremismus.

Empfehlenswert!

Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin

(übersetzt von Cornelia Wend)

Edition Nautilus, 2026

152 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La petite fasciste

La Manufacture de livres, Paris, 2025

Hinweise

Edition Nautilus über Jérôme Leroy

Perlentaucher über Jérôme Leroy

Wikipedia über Jérôme Leroy (deutsch, englisch, französisch)

Blog von Jérôme Leroy

Meine Besprechung von Lucas Belvaux‘ „Das ist unser Land!“ (Chez nous, Frankreich/Belgien 2017) und der DVD (Leroy ist Co-Drehbuchautor)

Meine Besprechung von Jérôme Leroys „Der Block“ (Le bloc, 2011)


Gegen „Die große Hitze“ hilft „Blut Salz Wasser“ und Denise Mina

Mai 25, 2026

Nachdem Diogenes unlängst in vorzüglichen neuen Übersetzungen die Romane von Raymond Chandler noch einmal veröffentlichte und hoffentlich einige Jüngere Chandler und den von ihm erfundenen Privatdetektiv Philip Marlowe entdeckten, gibt es jetzt für sie und langjährige Marlowe-Fans Nachschub. Die Erben von Raymond Chandler beauftragten die Tartan-Noir-Autorin Denise Mina mit dem Schreiben eines Philip-Marlowe-Romans. Das ist schon eine kleine Sensation. Denn seit Chandlers Tod am 26. März 1959 erschienen nur sehr wenige Werke, in denen andere Autoren neue Geschichten mit dem stilbildendem Hardboiled-Privatdetektiv erzählten. Das war bei anderen Autoren, teils aus verschiedenen Gründen, anders. Ace Atkins schrieb zwischen 2012 und 2022 zehn neue Spenser-Romane. Seitdem schreibt Mike Lupica neue Spenser-Romane. Max Allan Collins schrieb seit 2008 sechzehn neue Mike-Hammer-Romane. Er konnte dabei auf Material von Mickey Spillane zurückgreifen. Joe Gores schrieb einen Sam-Spade-Roman. Max Allan Collins unlängst ebenso. Keiner dieser Romane wurde ins Deutsche übersetzt.

Robert B. Parker (der Erfinder von Spenser, einem deutlich von Marlowe und Spade beeinflusstem Privatdetektiv) vollendete 1989 ein Manuskript von Raymond Chandler und schrieb anschließend einen weiteren Marlowe-Roman. Benjamin Black (John Banville) folgte 2014 mit „The Black-Eyed Blonde“ (Die Blonde mit den schwarzen Augen). Und jetzt Denis Mina mit „Die große Hitze“.

1938 erhält Marlowe von dem unglaublich vermögendem, im Sterben liegendem Patriarchen Chadwick Montgomery den Auftrag seine zweiundzwanzigjährige Tochter Chrissie zu suchen. Die Erbin des Ölmoguls verschwand wenige Stunden vor ihrer Verlobungsfeier. Jetzt soll der Privatdetektiv mit festem Tagessatz („Ich kriege vierzig pro Tag, im Voraus, plus Spesen im Nachhinein.“) und Ehrenkodex sie finden.

Wie es sich für einen zünftigen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi gehört, beginnt er sich umzuhören, findet sie und steht schnell tief in der Scheiße.

Schon auf den ersten Seiten herrscht ein wohliges Retro-Gefühl. Man erinnert sich an ähnliche Situationen aus Chandlers Romanen und Kurzgeschichten (die er teils in seinen Romanen recyclte), den guten Verfilmungen (es gibt auch weniger gelungene) – und den vielen, vielen, sehr vielen Marlowe-Kopien in anderen Kurzgeschichten, Romanen, Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen. Marlowe und Dashiell Hammetts Sam Spade wurden seit ihrem ersten Auftritt unzählige Male als Vorbild genommen oder parodiert. Seit Jahhrzehnten sind sie ein fester Teil des popkulturellen Gedächtnisses. Das ist ein Problem, mit dem Denise Mina zu kämpfen hat.

Ein anderes ist Chandlers markante Sprache, die unzählige Male kopiert, nachgeahmt und parodiert wurde. Dieses Problem umgeht Denise Mina, indem sie nicht auf Biegen und Brechen versucht, in mindestens jedem zweiten Satz eine Metapher oder einen absurden, aber einprägsamen und die Situation präzise beschreibenden Vergleich zu bringen.

Sie bringt auch feministische Themen ein und Marlowe arbeitet mit einer Privatdetektivin zusammen. Chandler schrieb seine Geschichten zwischen 1933 und 1958. Vier seiner sieben Romane erschienen zwischen 1939 und 1943. Seitdem veränderte sich einiges.

Die von ihr erfundene Geschichte wird schnell verwirrend, weil Ich-Erzähler Marlowe die Ereignisse nicht vollständig überblickt und viel passiert. Das kennen wir von Chandler, der auch nicht immer den Durchblick in seinen Geschichten hatte. Aber bei Mina zerplätschert die Geschichte auch. Sie wird langweilig und langatmig. Und am Ende bleiben in einem Roman, der nie eigenständig genug ist, um zu begeistern, eigentlich alle Fragen offen.

Schade.

Fast zeitgleich zur deutschen Ausgabe von „Die große Hitze“ erschien im Unionsverlag die Taschenbuch-Ausgabe von Denise Minas fünftem und letztem Inspector-Morrow-Roman. Die deutsche Erstausgabe von „Blut Salz Wasser“ erschien 2018 im Argument Verlag.

Alex Morrow, Kriminalinspektorin der Polizei von Glasgow, sucht die spurlos verschwundene Wirtschaftskriminelle Roxanna Fuentecilla, die gerade ein mehr oder weniger illegales Millionengeschäft plante. Zur gleichen Zeit irrt der während einer Entführung zum Mörder gewordene Kleinganove Ian Fraser durch die Stadt und Boyd Fraser, der verheiratete, in die Stadt zurückgekehrte Betreiber eines veganen Restaurants, trifft seine ebenfalls nach Jahren in die Stadt zurückgekehrte, sich etwas seltsam verhaltende ehemalige Pfadfinderleiterin Susan Grierson wieder.

Mina erzählt, vor dem Hintergrund des Referendums zur Unabhängigkeit Schottlands, gleichzeitig und sehr detailliert mehrere Plots, die miteinander zusammen hängen. Sie entwirft dabei auf knapp 360 Seiten ein dichtes Geflecht zwischen legalen, halblegalen und vollkommen illegalen Geschäften, die durch den Ausgang des Referendums positiv oder negativ beeinflusst werden (weshalb jeder von ihnen auf einen bestimmten Ausgang des Referendums hinarbeitet). Während jede einzelne Figur nur einen Teil des gesamten Bildes wahrnimmt, bekommt der Leser ein sich langsam vervollständigendes Bild der Ereignisse und Hintergründe. Und weil es sich um einen Noir handelt, siegen am Ende nicht die Guten. Sofern es sie in dieser Welt überhaupt gibt.

Denise Mina: Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman

(übersetzt von Else Laudan)

ariadne/Argument Verlag, 2026

304 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

The second Murderer

Harvill Secker, 2023

Denise Mina: Blut Salz Wasser

(übersetzt von Zoe Beck)

Unionsverlag, 2026

368 Seiten

15 Euro

Deutsche Erstausgabe (immer noch erhältlich für 19 Euro)

ariadne/Argument Verlag, 2018

Originalausgabe

Blood Salt Water

Orion Publishing Group, London, 2015

Hinweise

zu Raymond Chandler

Wikipedia über Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutschenglisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

zu Denise Mina

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Meine Besprechung von Denise Minas „Fester Glaube“ (Confidence, 2022)

Meine Besprechung von Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)


TV-Tipp für den 21. Mai: No Way Out – Es gibt kein Zurück

Mai 20, 2026

Tele 5, 20.15

No Way Out – Es gibt kein Zurück (No way out, USA 1987)

Regie: Roger Donaldson

Drehbuch: Robert Garland

LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1946 (Die große Uhr)

Offizier Farrell hat eine Affäre mit der Geliebten des Verteidigungsministers. Als sie stirbt, soll Farrell die Spuren vertuschen und den Augenzeugen für die Tat finden: sich.

Enorm spannender Krimi mit Top-Besetzung und überraschenden Story-Twists bis zur letzten Sekunde.

Mit Kevin Costner, Gene Hackman, Sean Young, Will Patton, Howard Duff, George Dzundza, Brad Pitt (ist wohl irgendwann einmal als Partygast zu sehen; ist einer seiner allerersten Filmauftritte)

Lesetipp: Der Roman, der den Film inspirierte

Die Vorlage für „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ erzählt die Geschichte etwas anders. In dem Roman soll George Stroud, Chefredakteur des True-Crime-Magazins „Crimeways“, den Mann suchen, der Pauline Delos nach Hause begleitete. Sein Chef Earl Janoth möchte das. Denn er möchte diesem Mann, den er in der Nacht nur als Schatten gesehen hat, den Mord an seiner Geliebten Pauline Delos anhängen. Janoth ermordete sie in einem Eifersuchtsanfall. Was Janoth nicht ahnt ist, dass Stroud der Mann ist, der Delos nach Hause begleitete.

Unglaublich, aber wahr: die deutsche Erstausgabe von Kenneth Fearings „Die große Uhr“ erschien erst 2023. Im Original erschien der Noir-Roman bereits 1946. Er wurde Fearings erfolgreichstes Werk und gilt schon lange als Noir-Klassiker.

Und es wurde zweimal erfolgreich und sehr unterschiedlich verfilmt. Einmal, nah am Buch, 1947 von John Farrow. Roger Donaldson verlegte 1987 die Geschichte in die Welt der Politik und Spionage. Jetzt ist der Täter der US-Verteidigungsminister und ein hochrangiger Soldat soll den Zeugen/“Täter“ finden. Und beide Male ließen deutsche Verlage die günstige Gelegenheit, den Roman zu veröffentlichen, ungenutzt verstreichen.

Dabei ist der chronologisch, aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Stimmen stringent erzählte Noir immer noch eine beängstigende und spannende Lektüre über einen Mann, der sich selbst jagt und sich als Unschuldiger an den Galgen liefern soll, damit der Schuldige entkommen kann. Eine wahrhaft teuflische Prämisse.

Nach seiner deutschen Erstveröffentlichung stand der Noir zweimal auf der Krimibestenliste.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

(übersetzt von Jakob Vandenberg, mit einem Nachwort von Martin Compart)

Elsinor, 2023

200 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Big Clock

Harcourt Brace, 1946

Hinweise

Rotten Tomatoes über “No Way Out”

Wikipedia über „No Way Out“ (deutschenglisch) und Kenneth Fearing

Meine Besprechung von John Farrows Kenneth-Fearing-Verfilmung “Spiel mit dem Tode” (The Big Clock, USA 1947)

Meine Besprechung von Roger Donaldson Bill-Granger-Verfilmung „The November Man (The November Man, USA 2014)


Über Edgar Reitz‘ „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch“

Mai 15, 2026

Inzwischen ist „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, der neue Film von Edgar Reitz, auch als Stream und auf DVD erhältlich. Man könnte also fragen, warum man sich ein Buch zulegen soll, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus einer Nacherzählung des Films besteht. Nun, diese Nacherzählung über die fiktive Begegnung zwischen dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und der Malerin Aaltje van de Meer, die ein Bild von ihm anfertigen soll, ist der eine Grund. Denn natürlich unterscheidet sich eine Nacherzählung die dem fertigen Film folgt, von dem Film. Die Lektüre dient, wenn man den Film kennt, der Erinnerung und sie ermöglicht ein vertieftes Eintauchen in die Dialoge. Denn schnell entwickelt sich zwischen Leibniz und Aaltje ein beide und die Zuschauer herausfordernder intellektueller Schlagabtausch.

Außerdem besteht das Filmbuch nicht nur aus dem nacherzähltem Drehbuch, den Credits, einigen Kurzbiograpien und vielen Film- und Setfotos, sondern auch aus Hintergrundmaterial. Es gibt ein Gespräch mit Edgar Reitz, ein Essay von Co-Drehbuchautor Gert Heidenreich und eine von ihm erstellte Literaturliste, Notizen von Kameramann Matthias Grunsky zum Lichtkonzept der fast ausschließlich in der im Souterrain liegenden Gartenmeisterei spielenden Geschichte und umfassende Auszüge aus dem E-Mail-Schriftverkehr zwischen Edgar Reitz und Leibniz-Darsteller Edgar Selge. Dieser Schriftwechsel gibt einen guten Einblick in die lange vor dem ersten Drehtag beginnende Arbeit zwischen einem Regisseur und einem Schauspieler. In diesem Fall gibt sie auch einen Einblick in die Schwierigkeiten einen letztendlich kleinen Film mit seinen wenigen Schauspielern und wenigen Drehorten zu finanzieren.

Das Filmbuch ist durchgehend informativ und vermittelt viele Informationen über verschiedene Aspekte des Films von der ersten Idee bis zum fertigen Werk.

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch“ vertieft das Filmerlebnis gelungen und ist für künftige Arbeiten über den Film und Edgar Reitz ein essenziell.

Wegen des kleinen Drucks täuscht die Seitenzahl.

Edgar Reitz: Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch

Schüren, 2025

192 Seiten

28 Euro

Der Film

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (Deutschland 2025)

Regie: Edgar Reitz, Anatol Schuster (Co-Regie)

Drehbuch: Gert Heidenreich, Edgar Reitz

mit Edgar Selge, Aenne Schwarz, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Antonia Bill, Michael Kranz

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Moviepilot über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Rotten Tomatoes über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Wikipedia über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ und Gottfried Wilhelm Leibniz (deutschenglisch)

Berlinale über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips) (Film- und Buchkritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ (2015)

Meine Besprechung von Edgar Reitz/Anatol Schusters „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ (Deutschland 2025)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Schafe, der Mord und die Bestseller-Verfilmung „Glennkill: Ein Schafskrimi“

Mai 14, 2026

Einiges muss man einfach akzeptieren. Nein, nicht dass Schafe reden und einen Mordfall lösen. Sondern dass alle Schafe in „Glennkill“ fotorealistisch animiert sind. Sie sehen immer etwas unnatürlich aus.

Diese Schafe gehören dem Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) (im Buch George Glenn). Der liegt eines Tages, mit einem Spaten in seinem Körper, auf seiner Wiese. Offensichtlich wurde er ermordet. Seine Schafherde, angeführt von der schlauen Lily (im Buch Miss Maples), will herausfinden, wer ihren liebenswerten Schäfer brutal ermordete.

Die Idee für diese Geschichte stammt von Leonie Swann. Sie schrieb den Rätselkrimi „Glennkill“, der 2005 ein Überraschungs-Bestseller wurde und 2006 den Friedrich-Glauser-Preis als bester deutschsprachiger Debütkriminalroman erhielt. Denn Leonie Swann ist eine deutsche Autorin und „Glennkill“ erschien ursprünglich auf Deutsch.

Zahlreiche Übersetzungen, auch ins Englische, folgten. Dort erschien der Roman 2008 unter dem Titel „Three Bags Full: A Sheep Detective Story“.

Die Verfilmung heißt jetzt, um die Verwirrung zu vervollständigen, im Original (also im angloamerikanischen Raum) „The Sheep Detectives“. Als hätte man nicht einfach bei „Glennkill“ bleiben können.

Schnell gab es Pläne für eine Verfilmung und rechtliche Probleme. Denn es war unklar, wie sich eine deutsche und eine internationale Verfilmung (bzw. eine Hollywood-Verfilmung) zueinander verhalten sollten. Nachdem das geklärt war, war eine Hollywood-Verfilmung möglich. Außerdem hat sich die Tricktechnik in den vergangenen zwanzig Jahren enorm weiterentwickelt. Die „Avatar“-Filme und einige Disney-Live-Action-Filme, wie „The Jungle Book“ und „Der König der Löwen“, zeigten, wie gut Menschen, animierte Tiere (oder andere Lebewesen) und mehr oder weniger reale Landschaften miteinander interagieren können.

Inszeniert wurde der Krimi jetzt von Kyle Balda („Minions“, „Ich – Einfach unverbesserlich 3“, „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“). Craig Mazin („The Huntsman & The Ice Queen“, „Chernobyl“, „The Last of Us“) schrieb das Drehbuch.

Die von Mazin erfundene Filmgeschichte übernimmt aus dem Roman die Prämisse und die Idee, den Kriminalfall aus der Sicht von Schafen zu erzählen. Der nun folgende Kriminalfall im Film hat nichts mit dem Fall im Roman zu tun. Das gilt selbstverständlich auch für den Täter und sein Motiv. Mazin veränderte und erfand viele Personen. So ist der ermordete Schäfer im Film viel netter als im Roman. Er hat auch einen besseren literarischen Geschmack. Im Film liest George seinen auf der Wiese grasenden Schafen Kriminalromane vor und vermittelt ihnen so das Handwerkszeug, um den Mordfall aufzuklären. Im Buch liest er ihnen vor allem schnulzige Liebesromane vor. Im Buch ist der Kriminalfall kaum bis überhaupt nicht vorhanden. Entsprechend wenig ermtteln die Schafe.

Das sind aber nur Details. Der größte und wichtigste Unterschied ist, dass der Film von Menschen gemacht wurde, die die Regeln des Rätselkrimis kennen, respektieren und lieben. Ihr „Glennkill“ ist ein aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählter witziger Rätselkrimi und eine Reflexion über die Regeln des Rätselkrimis.

Der Roman wurde offensichtlich von jemand geschrieben, dem das egal ist. Die Geschichte wurde lieblos in ein Krimi-Korsett gezwängt, weil Krimis sich verkaufen. Vor allem wenn sie mild humoristisch sind. Vor zwanzig Jahren waren schon seit längerem Katzenkrimis sehr beliebt. Schafe sind da nur andere Vierbeiner, die dem Publikum gefallen könnten. Diese Egal-Einstellung gegenüber dem Krimi-Genre zeigt sich auch daran, dass Leonie Swann ihren Schäfer Liebesromane vorlesen lässt. Der Roman-George liest ihnen Schnulzen vor. Seine Erbin Rebecca liest ihnen Emily Brontës „Wuthering Heigths“ vor.

Das macht Swanns Roman zu einem wenig überzeugendem Möchtegern-Kriminalroman und Baldas Film zu einem rundum überzeugendem cozy Rätselkrimi mit einem deutlich erkennbarem humoristischem Einschlag.

Pünktlich zum Filmstart erschien vor wenigen Tagen Leonie Swanns dritter Schafskrimi. „Widdersehen“ spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“ wieder auf der aus „Glennkill“ bekannten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.

Glennkill: Ein Schafskrimi (The Sheep Detectives, USA 2026)

Regie: Kyle Balda

Drehbuch: Craig Mazin

LV: Leonie Swann: Glennkill, 2005

mit Hugh Jackman, Nicholas Braun, Nicholas Galitzine, Molly Gordon, Hong Chau, Emma Thompson, Tosin Cole, Kobna Holdbrook-Smith, Conleth Hill, Mandeep Dhillon

(im Original den Stimmen von) Julia Louis-Dreyfus, Chris O’Dowd, Regina Hall, Brett Goldstein, Rhys Darby, Patrick Stewart, Tommy Birchall, Bryan Cranston, Bella Ramsey

(in der deutschen Synchronisation mit dem Stimmen von) Anke Engelke, Bastian Pastewka

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage, neu aufgelegt bei einem neuen Verlag

Leonie Swann: Glennkill

Dumont, 2026

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2005

Die weiteren Schafskrimis von Leonie Swann mit den schlauen irischen Schafen und ihrer Schäferin Rebecca

Leonie Swann: Garou

Dumont, 2026

448 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2010

Leonie Swann: Widdersehen

Dumont, 2026

336 Seiten

25 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glennkill“

Metacritic über „Glennkill“

Rotten Tomatoes über „Glennkill“

Wikipedia über „Glennkill“ (Verfilmung: deutsch, englisch; Roman: deutsch, englisch) und Leonie Swann (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kyle Balda/Brad Ableson (Co-Regie)/Jonathan del Vals (Co-Regie) „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ (Minions: The Rise of Gru, USA 2022)

Dumont über Leonie Swann

Perlentaucher über Leonie Swann

Mein Hinweis auf Leonie Swanns „Widdersehen“-Lesereise