Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schickt die CSSR einen Spion und die UdSSR eine Spionin in den Westen. Während ihres ersten echten Einsatzes treffen sie sich zufällig in München in einer Hotelbar. Sie verlieben sich ineinander und interessieren sie sich nicht mehr für ihre Mission.
Dass Pavel besonders sprachbegabt ist, kommt öfter vor. Dass Sylva, bevor sie im Institut für experimentelle Humanmedizin zu einer wunderschönen Frau wurde, eine Füchsin war, ist dagegen einzigartig und jenseits jeder Realität. Aber so etwas kommt in osteuropäischen Romanen, auch wenn sie keine Fantasy-Romane sind, die in Buchhandlungen sofort bei den üblichen Fantasy-Romanen einsortiert werden, öfter vor.
Jiří Kratochvil wurde 1940 in Brünn geboren. Von 1968 bis 1989 belegte ihn die dortige Regierung mit einem politisch bedingtem Publikationsverbot. Inzwischen ist er einer der führenden Vertreter der tschechischen Postmoderne.
Sein neuester Roman „Fuchs zu Dame“ ist ein wenig Spionageroman, etwas Fantasy-Geschichte, milde Satire, bestenfalls durchwachsene postmoderne Spielerei und langweilige Biographie.
Für die Agentengeschichte interessiert Kratochvil sich kaum. Sylva und Pavel lassen schnell ihren eher nebulösen Auftrag links liegen. Gemeinsam flüchten sie in die USA und versuchen in der Provinz nicht aufzufallen. Spannend ist das nicht. Auch nicht witzig; – was ja für die mangelnde Spionageroman-Spannung entschädigen könnte. Und auch nie absurd oder satirisch genug, Dabei böten, wie viele Romane und Filme beweisen, die Missionen der Agenten, ihre Schattenspiele, die beginnende Paranoia des Kalten Krieges und die grundverschiedenen (?) Ideologien in Ost und West viel Anlass für herzhafte Lacher.
„Fuchs zu D ame“ ist eine, trotz ihrer Kürze von nicht einmal 240 Seiten, sich quälend lang anfühlende Doppelbiographie.
Kratochvils Roman erhielt 2020 den tschechischen Magnesia-Litera-Preis in der Kategorie Prosa.
P. S.: Die am Buchende platzierte „Anmerkung des Autors“ sollte, weil sie wichtige Informationen zur Geschichte enthält, erst nach der Lektüre gelesen werden.
Klara ist eine Künstliche Freundin (KF). Sie ist allerdings kein mit dem Internet verbundener Supercomputer, sondern ein autonom lernendes System, das mit einigen Charaktereigenschaften, die sich wohl von KF zu KF unterscheiden, und bestimmten Fertigkeiten ausgestattet ist. Das führt in Kazuo Ishiguros Roman und Taika Waititis Version immer wieder zu amüsanten Situationen zwischen Roboter und Mensch und Roboter und Umwelt. Waititi interpretiert den Roman. Er setzt andere Schwerpunkt und erfindet Figuren. Er verändert die Geschichte, das Ende und den Ton. Ishiguros Roman ist deutlich ernster und richtet sich an Erwachsene; trotz der naiven Klara als Erzählerin, die sich auf dem Niveau eines Kindes befindet und die Welt durch die Augen eines neugierigen Kindes sieht. Waititis Film ist bis so ungefähr zur Filmmitte ein Film, der mit seinem Humor und den Slapstick-Elementen, auch für Kinder ein Vergnügen ist. Aber in der zweiten Hälfte, in der die Geschichte unnötig zerfasert und es immer unklarer wird, wohin das alles führen soll, wird eindeutig ein erwachsenes Publikum angesprochen.
Klara (Jenny Ortega) wird von Josie (Mia Tharia) als KF ausgewählt. Josie lebt mit ihrer Mutter (Amy Adams) und Melania Haushälterin (Rachel House) in einem einsam gelegenem Haus, das von Kornfeldern umgeben ist. Erst langsam begreift Klara, dass Josie im Sterben liegt.
Literatur-Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro konzentriert sich in seinem Roman „Klara und die Sonne“ auf Fragen, die mit Josies Sterben zusammenhängen. Es sind Fragen, wie man die letzten Tage verbringen soll, wie man mit dem Tod der Tochter umgeht und, weil Klara eine KF mit viel Empathie und dem Wunsch zu helfen ist, wie man mit dem Sterben einer pflegebürftigen Person umgeht. Einen Anspruch auf Realismus erhebt er dabei kaum. Dafür ist Klara zu rudimentär, realitätsfremd und eingeschränkt programmiert. Sie soll eine ‚beste Freundin‘ sein, verfügt aber nur über das Wissen eines Teddybären. Josie wird nur von einem periodisch auftauchendem Doktor behandelt. Weiteres Pflegepersonal gibt es nicht. Das ist fernab jeder gegenwärtigen und zukünftigen Realität. Innerhalb der von Ishiguro erfundenen Realität funktioniert das alles.
Taika Waititi ist bekannt für seinen bei aller Respektlosigkeit immer auch warmherzigen Humor, wie er in „5 Zimmer Küche Sarg“, „Wo die wilden Menschen jagen“ und drei „Thor“-Kinofilmen bewies. In „Jojo Rabbit“ gelang ihm die Verbindung von Humor, ernsten Themen und durchaus kindgerechter Erzählweise; – wobei „Ein Film für alle Altersstufen“ vielleicht zutreffender ist. Dagegen ist „Klara und die Sonne“ eine ziemliche Enttäuschung.
Waititi konzentriert sich in seinem Film, vor allem am Anfang, auf die Comedy-Elemente. In grotesken Posen stehen die KFs im Schaufenster und warten auf Käufer. Klara steht dabei gerne auf einem Bein. Nach Geschäftsschluss unterhalten sie sich untereinander und mit der Managerin des Geschäfts über die Welt, die sie draußen erwartet. Klara ist dabei eine besonders empathische und neugierige KF. Eine besondere Beziehung hat sie dabei zur Sonne. Für sie ist die Sonne nicht nur die Energiequelle, die sie und die anderen KFs auflädt, sondern mehr. Wenn Klara dann in Josies Haus ist, beginnt sie die Welt zu erkunden, fährt Auto (keine besonders gute Idee) und lernt eine künstliche Vogelscheuche kennen. In dieser Filmhälfte gibt es etliche gelungene Gags. Später nicht mehr. Aus der Komödie wird ein weitgehend humorfreies, oberflächliches Drama für Erwachsene über eine Mutter, die versucht, den baldigen Tod ihrer Tochter zu verarbeiten.
Dieser Stilbruch führt dazu, dass „Klara und die Sonne“ zu einem Film auf der Suche nach einem Publikum wird.
Es ist auch Waititis schwächster Film. Was schade ist, weil auf den ersten Blick eigentlich alles für den Film spricht. Jenny Ortega als Klara überzeugt. Die anderen Schauspieler, die Sets und die Kamera ebenso. Aber das Drehbuch funktioniert nicht.
Dabei hätte Waitit sich nur entscheiden müssen, ob er einen Film im Stil von „Jojo Rabbit“ oder „Next Goal Wins“ drehen möchte. In „Klara und die Sonne“ kombiniert er beide Filme und verliert.
Klara und die Sonne (Klara and the Sun, USA 2026)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Taika Waititi, Dahvi Waller
LV: Kazuo Ishiguro: Klara and the Sun, 2021 (Klara und die Sonne)
mit Jenna Ortega, Amy Adams, Mia Tharia, Aran Murphy, Steve Buscemi, Natasha Lyonne, Rachel House
Erster Platz auf der Krimibestenliste im September und Oktober. Das heißt: aus Sicht der die Liste erstellenden Krimikritiker:innen ist Peter Graingers erster DC-Smith-Kriminalroman „Ein unglücklicher Tod“ der Roman, dem sie die meisten Leser wünschen. Aber ist „Ein unglücklicher Tod“ wirklich so gut und hält Peter Grainger das Niveau in seinem zweiten DC-Smith-Roman? Diogenes veröffentlichte wenige Wochen nach „Ein unglücklicher Tod“ „Gnade vor Recht“. Für Dezember ist mit „Nach menschlichem Ermessen“ der dritte Band der inzwischen siebzehn Bände umfassenden Serie angekündigt. Der achtzehnte Band ist für nächstes Jahr angekündigt. Für Nachschub ist also gesorgt.
Robert Partridge, war, als er 2013 in England seinen ersten Kriminalroman „Ein unglücklicher Tod“ (An Accidental Death) im Selbstverlag unter dem Pseudonym Peter Grainger veröffentlichte, dreißig Jahre Lehrer für Englisch und Literatur. Unter seinem richtigen Namen veröffentlichte er drei Romane. Von Anfang an plante er, weil er vom Schreiben leben wollte, eine Serie und regelmäßige Veröffentlichungen. Von allen Genres, die beim Publikum beliebt sind, hatte er die größte Affinität zum Krimi-Genre. Mit dem Erfolg, den er dann beim Publikum hatte, hat er wohl selbst nicht gerechnet. Insgesamt verkauften sich seine Polizeikrimis über eine Million Mal. Inzwischen erscheinen sie nicht mehr im Selbstverlag, sondern in seiner Heimat bei Penguin Random House UK. Im deutschsprachigen Raum erscheinen sie bei Diogenes.
Dort erschien im Sommer „Ein unglücklicher Tod“. Eine Gruppe Jugendlicher verbringt mit all den Dingen, die zu einer jugendlichen Spontanfeier gehören, einen Sommernachmittag am Fluss. Dabei ertrinkt der siebzehnjährige Wayne Fletcher. Er hatte vorher Alkohol und Cannabis zu sich genommen. Nach dem ersten Eindruck handelt es sich um einen tragischen Badeunfall. Eine unglückliche Kombination von Hitze, Drogen und Selbstüberschätzung beim Schwimmen. Bei der Obduktion fällt eine merkwürdige Prellung auf.
Der kurz vor der Pensionierung stehende Smith beginnt, mit seinem sich noch in Ausbildung befindendem Kollegen Chris Waters zu ermitteln. Er befragt die anderen Jugendlichen, erkundet die Gegend und er fragt sich, ob ein sich merkwürdig verhaltender Kanufahrer etwas gesehen hat.
Der zweite DC-Smith-Kriminalroman „Gnade vor Recht“ spielt unmittelbar nach „Ein unglücklicher Tod“. Er enthält auch einige Spoiler zu diesem Roman, die vollumfänglich wahrscheinlich nur von denen verstanden werden, die „Ein unglücklicher Tod“ kennen.
In „Gnade vor Recht“ stirbt am 6. Dezember Joan Riley in dem noblen Altersheim Rosemary House. Dass alte Menschen im Altersheim sterben, ist nicht ungewöhnlich. In diesem Fall fällt der Gerichtsmedizin allerdings auf, dass Joan Riley an einer Überdosis Morphium starb. Und damit wird der Tod zu einem Fall für DC Smith, der ohne wirkliche Spuren ermitteln muss. Denn seit Rileys Tod ist ein Monat vergangen.
„Ein unglücklicher Tod“ und „Gnade vor Recht“ sind angenehm altmodische Ermittlerkrimis mit angenehm normalen Ermittlern. Peter Graingers DC Smith steht eindeutig in der Traditon klassischer Ermittler wie Colin Dexters Inspector Morse. Smith ist schon seit dreißig Jahren Polizist. Der Witwer könnte problemlos in den Ruhestand gehen. Stattdessen arbeitet er wieder, auf eigenen Wunsch, als Detective Sergeant. In diesem Rang ist er von Verwaltungs- und Führungstätigkeiten befreit. Er kann ermitteln.
Der Fall selbst ist beide Male nicht sonderlich spektakulär. Beide Male beginnen die Ermittlungen eher zufällig, weil bei dem Toten etwas entdeckt wird, das aus einem natürlichen Tod einen potentiellen Mord macht. Beide Male ist die Zahl der Verdächtigen überschaubar und beide Male dürften erfahrene Krimileser schnell eine Idee haben, wer der Täter ist und was sein Motiv ist.
Grainger erzählt dies unaufgeregt, mit dem Blick für Details, spürbarer Sympathie für die Figuren, strikt an dem Fall orientiert und in überschaubarer Länge. Das gilt eindeutig für „Ein unglücklicher Tod“ (272 Seiten) und etwas weniger für „Gnade vor Recht“ (352 Seiten). Denn in seinem zweiten, achtzig Seite längerem Kriminalroman gibt es, neben kurzen Ausflügen in DC Smiths Privatleben (wie es sich für einen klassischen Ermittler gehört, hört er nach Feierabend allein in seiner Wohnung Musik) und die Arbeit in der Polizeistation, zwei private Subplots mit DC Smith und einige Rückblicke auf den ersten DC-Smith-Roman. Trotzdem steht auch hier der Fall und der Tatort, ein nobles Altersheim, seine Bewohner und das Personal, eindeutig im Zentrum der Geschichte.
Zwischen all den durchgeknallten Serienkillerthrillern, banalen Schmunzel- und Regiokrimis sind die beiden jetzt auf Deutsch erschienenen DC-Smith-Kriminalromane Krimi-Graubrot. Und wer schon einmal einen Monat in den USA verbrachte und sich nur von dem dortigen Brot(ersatz) ernähren musste, weiß, wie gut danach eine Scheibe Graubrot schmeckt.
Barnett Trapp, der Erzähler in Yves Raveys neuem Noir „Nichts als heiße Luft“, hat viel Zeit, die neue Nachbarin zu beobachten. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie will sich scheiden lassen. Der gemeinsame Sohn wohnt bei ihr. Ihr neuer Freund plant schon den Verkauf von Barnetts Haus Seine Firma für Krankentransporte war ein Reinfall. Sein anderes Geschäft, der Verkauf von Restposten, läuft solala. Da ist die verheiratete Sally, die sich nebenan am Swimmingpool räkelt, ein Lichtblick.
Sie beginnen, Zeit miteinander zu verbringen. Eines Tages schlägt sie ihm vor, den Safe ihres Mannes auszuräumen. In ihm lagert er sein Schwarzgeld. Das Schöne bei Schwarzgeld ist, dass der Bestohlene den Diebstahl nicht bei der Polizei melden kann. Trotzdem zögert Barnett.
Sie überredet ihn dann doch und, wie schon der Klappentext verrät und es sich für einen Noir gehört, bekommt Barnett danach ungeahnte Probleme.
Yves Ravey braucht nicht einmal 110 Seiten, um seine bitterböse Geschichte zu erzählen. Er verknappt. Er konzentriert sich auf die entscheidenden Punkte. Trotzdem ziehen sich Barnetts Zögern und die Diskussionen über Sallys abenteuerlich undurchdachten Plänen etwas hin. Sie zögern nur den unvermeidbaren Diebstahl hinaus.
Das gesagt gefällt die Länge, eigentlich Kürze, von „Nichts als heiße Luft“ und dass die Geschichte so eindeutig in der französischen Noir-Tradition steht.
Fast zehn Jahre nach seinem letzten Kinospielfilm „Rückkehr nach Montauk“ und fünf Jahre nach dem Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ kehrt Volker Schlöndorff mit seinem neuen Film „Heimsuchung“ wieder zurück ins Kino. Es handelt sich um eine Literaturverfilmung. Schlöndorff-Fans sagen sich jetzt, womit auch sonst. Schließlich wurde er damit berühmt. Er verfilmte „Der junge Törless“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“, „Die Fälschung“, „Eine Liebe von Swann“, „Die Geschichte der Dienerin“ und „Homo Faber“. Aber in den vergangenen Jahrzehnten verfilmte er, abgesehen von einer Friedrich-Ani-TV-Verfilmung („Der namenlose Tag“) und mehreren Verfilmungen von Theaterstücken, keine Romane. Seine letzte Literaturverfilmung war 1998 „Palmetto – Dumme sterben nicht aus“, die Verfilmung eines Kriminalromans von James Hadley Chase.
Jetzt nahm er sich Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ vor. Ihr 2007 erschienener Roman ist ein Bestseller, Abiturlektüre und in der Guardian-Liste der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts.
Schlöndorff schrieb auch das Drehbuch und erwartungsgemäß handelt sich sich um eine werkgetreue, gewohnt respektvolle filmische Nacherzählung des Romans. In diesem Fall legt sie die Probleme des Romans offen, ist teils gelungener als der Roman und stößt auf ganz eigene filmische Probleme. Ein unbestreitbarer Vorteil des Romans ist dabei seine Länge. Mit 192 Seiten ist er ziemlich kurz.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Grundstück an einem märkischen See. Gedreht wurde am Scharmützelsee und im Einstein-Haus in Caputh (bei Potsdam). Während der Weimarer Republik verkauft ein Bauer es an einen jüdischen Tuchfabrikanten und einen Architekten. Der Fabrikant errichtet ein kleines Badehaus. Der Architekt baut für sich und seine zukünftige Frau ein ansehnliches Haus im Bauhaus-Stil. Nach 1933 erwirbt er von dem Fabrikanten, der mit seiner Familie aus Deutschland flüchten will, das Nachbarhaus. Der Architekt passt sich geschmeidig an den Nationalsozialismus an. Er plant Konzentrationslager. Und er ist tief verärgert über die Ablehnung von Albert Speer.
Nach dem Krieg – inzwischen liegt das Grundstück in der DDR – passt er sich dem neuen System an und muss dann doch Richtung Westen flüchten. Eine systemtreue Schriftstellerin und ihre Familie ziehen ein.
Nach der Wende, während der Film immer mehr zu einer beliebigen Abfolge von Personen wird, wechseln wieder die Bewohner und Eigentümerverhältnisse des Hauses.
Die einzige Person, die immer da ist, ist ein schweigsamer Gärtner, der unbekümmert von den weltpolitischen Umbrüchen seine Arbeit erledigt. Im Roman altert er. Im Film scheint er eine mythische Gestalt zu sein, die nicht altert, immer da ist und nichts sagt.
Erpenbeck erzählt „Heimsuchung“ aus verschiedenen Perspektiven. In jedem Kapitel steht eine andere namenlose Figur im Mittelpunkt. Dazwischen gibt es jedes Mal ein kurzes Kapitel mit dem Gärtnern. Das führt dazu, dass sie in der Chronologie immer wieder um kurze Zeiträume springt, wenn sie beispielsweise zuerst von dem Architekten und anschließend von seinen jüdischen Nachbarn erzählt. Aber letztendlich erzählt sie chronologisch. In einigen wenigen Sätzen verlässt sie das Grundstück. Sie gibt so in einigen Fällen Hinweise auf das weitere Leben der Figuren.
Schlöndorff erzählt „Heimsuchung“, abgesehen von einer geisterhaften Rahmung am Filmanfang und -ende, strikt chronologisch und aus einer Perspektive. Die Enkelin der Schriftstellerin fungiert als Erzählerin, die alle Bewohner des Hauses zu Wort kommen lässt. Die gesamte Geschichte konzentriert sich auf das Haus des Architekten. Die Welt hinter den Grenzen des Grundstücks wird nur sichtbar, wenn sie auf das Grundstück und die dort lebenden Menschen Auswirkungen hat. Über Halbsätze und herumliegende KZ-Baupläne wird manchmal deutlich, wann einzelne Episoden spielen. Vertieft wird das weder im Buch noch im Film. Weltgeschichte ist bestenfalls ein Hintergrundrauschen. Manchmal, wenn sie direkte Auswirkungen auf die zahlreichen Bewohner des Hauses hat, mehr.
Viele der Bewohner des Hauses lernen sich dabei nie kennen, weil sie zu verschiedenen Zeiten im Haus lebten und keinerlei Kontakt zueinander haben. So zerfällt der Film, stärker als der Roman, in eine Abfolge nicht zusammenhängender Episoden. Jeder hat hier sicher seine Lieblingsfigur und Lieblingsepisode. Aber insgesamt ist der erste Teil des Films gelungener als die zweite Hälfte. Im ersten Teil steht der von Lars Eidinger gespielte Architekt im Mittelpunkt. Es geht um den Kauf des Grundstücks, den Bau des Hauses, das Leben in dem Haus während der Weimarer Zeit, der Nazi-Diktatur und den ersten Jahren der DDR. Der Architekt hat Erfolg als Architekt und passt sich den Verhältnissen an. In diesem Teil von „Heimsuchung“ wird eine präzise datierbare, in sich geschlossene größere und mehr in die Tiefe gehende Geschichte erzählt. Danach wird es episodischer, oberflächlicher – und langweiliger. Es ist wie das desinteressierte Blättern in verschiedenen Jahrgängen einer Tageszeitung. Einige Berichte sind länger, andere kürzer und einige berühren einen sofort, wie die Gefühle eines jüdischen Mädchens, das das Haus am See verlassen muss, oder wenn die Frau des Architekten sich während der letzten Kriegstage im geheimen Kleiderschrank des Hauses vor sowjetischen Soldaten versteckt.
Dank der vielen bekannten Schauspieler, unter anderem Detlev Buck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Angela Winkler, gewinnen die vielen Figuren auch in kurzen Auftritten Kontur. Trotzdem verfolgt man die Kurzauftritte der Schauspieler und die Ereignisse in dem Haus, vor allem ab den fünfziger Jahren, zunehmend desinteressiert. Zu schnell verschwinden die einzelnen Figuren aus dem Film. Zu wenig erfahren wir über sie und ihr Leben außerhalb des Hauses in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit mit Freunden. Zu folgenlos für die weitere Geschichte sind ihre Taten. Normalerweise wissen die neuen Bewohner nichts über die vorherigen Bewohner – und es ist ihnen auch egal.
Hier zeigt sich, wie auch bei „In die Sonne schauen“ und „Here“, dass die Idee, einen nur an einem räumlich sehr begrenzten, austauschbarem Ort spielenden Film, dessen Handlung sich über mehrere Jahrzehnte, teils Jahrhunderte oder, im Fall von „Here“, einen noch längeren Zeitraum erstreckt, auf dem Papier faszinierend, in der filmischen Umsetzung schwierig ist. Der alles zusammenhaltende erzählerische Bogen ist dann so beliebig, dass er kaum bis überhaupt nicht vorhanden ist.
Schlöndorffs „Heimsuchung“ ist eine top besetzte, werkgetreue, gediegene Verfilmung von Erpenbecks Roman.
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte(Deutschland 2026)
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff
LV: Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, 2007
mit Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting, Maria Matschke Engel, Josefin Platt, David Bennent
Am 5. November startet im Kino die Verfilmung von Jörg Maurers zweitem Kommissar-Jennerwein-Kriminalroman. Bis dahin ist noch genug Zeit, um „Hochsaison“ zu lesen. Insgesamt veröffentlichte Maurer seit 2009 sechzehn Romane mit dem Ermittler. 2013 erhielt er den Radio-Bremen-Krimipreis. 2012 und 2013 den MIMI Krimi-Publikumspreis des Deutschen Buchhandels. Die Romane sind millionenfach verkaufte Bestseller.
Und jetzt verfilmte Hannu Salonen „Hochsaison“ mit Florian Brückner als Kommissar Jennerwein in der TV-üblichen Länge von ungefähr neunzig Minuten. Aber, möglicherweise angestachelt vom Erfolg der Eberhofer-Krimikomödien, spendierte RTL ihrer Produkten einen Kinostart. Die Filmkritik zu der sich ziemlich von der Buchvorlage entfernenden Verfilmung gibt es zum Kinostart. Jetzt gibt es die Buchkritik.
Während dem von sechsundzwanzigtausend Sportfans besuchtem Neujahrsspringen in einem Kurort in Bayern im Werdenfelser Land verletzt sich der Springer der dänischen Nationalmannschaft schwer. Weil der Unfall etwas seltsam war und ein Zeuge einen Schuss gehört haben will, beginnt Kommissar Hubertus Jennerwein zu ermitteln. Zuerst, nur wenige Buchseiten, Schnee. Schnell werden die ergebnislosen Ermittlungen eingestellt. Als drei Monate später in einem Gipfelbuch ein Bekennerschreiben entdeckt wird, werden sie wieder aufgenommen.
Während Jennerwein zwischen Lokalpolitikern, die ihren Ort als Austragungsort für Olympische Spiele ins Gespräch bringen wollen, Einheimischen und auswärtigen, teils prominenten Besuchern den Täter sucht, weiß der Leser schon von der ersten Seite an mehr.
Denn Jörg Maurer beginnt seinen Alpenkrimi mit einem Brief des in dem Moment noch zukünftigen Täters, der gegenüber der Polizei nebulös viele Verbrechen ankündigt und sie in seinen Bekennerschreiben mit vielen falschen Spuren an der Nase herumführt.
Ausgehend von dieser durchaus vielversprechenden Idee zeigt Maurer dann wenig Interesse an einer stringenten Entwicklung des Falls. Die Geschichte entwickelt sich, zwischen verschiedenen Handlungssträngen wechselnd, äußerst konfus und sprunghaft. Immer wieder poppen neue Figuren überraschend auf. Vieles, wie beispielsweise die Hintergründe zu dem Anschlag auf den Skispringer werden nebenbei und noch bevor Kommissar Jennerwein überhaupt etwas ahnt, verraten. Spannung will sich so nicht einstellen.
Den versprochenen Humor entdeckte ich ebenfalls nicht. Die gut lesbare Geschichte ist bestenfalls humoristisch gefärbt.
Nachdem sich die vorherigen Songcomic-Bände einzelnen Bands, wie The Go-Betweens, Tocotronic, Fettes Brot, Stereo Total, Fehlfarben (mit ihrer bekanntesten LP „Monarchie und Alltag“), Ton Steine Scherben (mit der Doppel-LP „Keine Macht für Niemand“), widmeten, taucht der neueste Songcomic-Band, wie ein Sampler, in die frühe Geschichte des Deutschpunk ein. Die gute alte Zeit, „als die Welt noch unterging“ (Klappentext; und wem ich das erklären muss, der hat die Zeit zwischen Atomkrieg und Waldsterben nicht erlebt).
Die gewohnt abwechslungsreich gezeichnete Playlist besteht in „Barfuss in Scherben“ aus, in der Reihenfolge ihres Auftretens:
Rahel Süßkind illustriert „Sense“ von Torpedo Moskau
Marlene Krause zeichnet „Deutschland“ (muss sterben, damit wir leben können) von Slime
Sascha Hommer malt „Meerschweinchen“ von Östro 430
Tine Fetz denkt an „Es brennt“ von Hans-A-Plast
Jens Cornils zeichnet „Bundeswehr“ von Brausepöter
18 Metzger ist mit „Müslibrei“ von Rotzkotz dabei
Antonia Kühn mit „Der große Mafiosi“ von The Wirtschaftswunder (ergänzt um 50 Wege umsonst ins SO 36)
Luka Lenzin taucht irgendwie in die Geschichte von Kleenex (eine der wenigen Frauenpunkbands und dann noch aus der idyllischen Schweiz) ein
Ziska Riemann zeichnet „Satan“ von Schleim-Keim
Helena Baumeister trifft „Lachleute und Nettmenschen von S.Y.P.H.
Gut, ein „Keine Macht für Niemand“ ist da nicht dabei, aber der Song wurde ja schon in dem „Ton Steine Scherben“-Band als Comic verewigt.
Dafür ist Slimes Gassenhauer „Deutschland“ dabei. Nach der unsäglichen, von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sinnfrei angestoßenen Debatte um den Deutschen Buchhandelspreis, ist der Song wieder aktuell und, uh, nachlesenswert. Eine Zeile aus dem Song, verewigt auf dem Haus, in dem eine der ausgezeichneten Buchhandlungen ist, soll (nichts genaues weiß man nicht und Weimer weiß, so sagt er, auch nicht mehr) der Grund für die von Weimer veranlasste Rücknahme der Verleihung an die Buchhandlung gewesen sein. Wenn das nicht der Grund war, war es ein guter Grund, sich den 1981 veröffentlichten Song wieder zu Gemüte zu führen und darüber nachzudenken, wie aktuell er immer noch ist.
Brausepöters ebenfalls 1981 veröffentlichten Gedanken über den Musterungsbefehl der „Bundeswehr“ sind für junge Männer heute wieder aktuell. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist und die Bundeswehr heute einige Kampfeinsätze absolviert hat. Jens Cornils schloss seine Arbeit an dem Comic an dem Tag ab, als im Bundestag das neue Wehrdienstgesetz beschlossen wurde.
Insgesamt fällt auf, wie erstaunlich zeitlos die in den Songs angesprochenen Themen, Konflikte und Gefühle sind. Und wie vielfältig die Songs in kurze Comics umgesetzt werden.
Wie auch in den anderen Songcomics-Büchern wird jeder Song, was für stilistische Vielfalt sorgt, von einem anderen Künstler illustriert und es gibt zu den Songs informative Intros von Bandmitgliedern und den Zeichnern der Comics.
Äh, ja, und natürlich ist auch „Barfuss in Scherben“ eine gute Grundlage für eine gute Playlist.
–
Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Barfuss in Scherben- Ein Deutschpunk-Songcomic
„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.
Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.
Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.
Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.
Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.
Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)
Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.
Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.
Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.
Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.
Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.
Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.
Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.
Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.
Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.
Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.
Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.
Corpus Delicti(Deutschland 2026)
Regie: Lena Stahl
Drehbuch: Lena Stahl
LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009
mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker
Nach dem Sabbatjahr und den Vorbereitungen für das neue Programm ist Liebeskind jetzt zurück mit einem fulminantem Herbstprogramm. Dazu gehört Kevin Barrys Noir-Western „Das Herz im Winter“.
1891 treffen sich in dem Kaff Butte in Montana. Die Kupfermine sorgt für Arbeit. Die irischen Arbeiter für Umsatz in den Lokalen. Tom Rourke frequentiert diese Lasterhöhlen regelmäßig und ist überall verschuldet. Mit Liebesbriefen, die er für die Arbeiter schreibt, verdient er Geld.
Eines Tages taucht Polly Gillespie auf. Sie ist nach Butte gekommen, um den strenggläubigen fünfundvierzigjährigen Minenaufseher Anthony Harrington zu heiraten. Bis zur Hochzeit kannten sie sich nur aus Liebesbriefen, in denen sie ein geschöntes Bild von sich verbreiteten. Sie ist älter als die behaupteten 27 Jahre und schon lange keine Jungfrau mehr. Trotzdem ist die Prostituierte schockiert von dem Leben, das in Butte vor ihr liegt.
Einzig in Tom Rourke findet sie eine ähnlich gebildete Seele. Sie verbringen Zeit miteinander, verlieben sich und beschließen, gemeinsam die Stadt mit gestohlenen sechshundert Dollar auf einem gestohlenem Pferd Richtung San Franciso zu verlassen.
Während sie noch planlos durch die Wildnis irren, nimmt ein von Harrington für fünftausend Dollar angestiftetes Kopfgeldjägertrio die Verfolgung durch das verschneite Montana auf.
Für einen traditionellen Western, in dem die Geschichte zwischen Verfolgern und Verfolgten pendelt und alles auf die finale Begegnung hinausläuft, interessiert Kevin Barry sich in seinem schnörkellos und knapp erzähltem Western nicht. Er fragt sich eher, wie sehr er diesen bekannten Plot aushöhlen kann. Er lässt seine denkbar unsympathischen Figuren durch eine menschenleere Landschaft irren. Tom und Polly wissen nicht, dass sie verfolgt werden. Sie könnten es ahnen. Aber es kümmert sie nicht. Recht und Gesetz sind ihnen auf ihrem Weg Richtung Westen ebenfalls denkbar egal. Die Kopfgeldjäger sind brutale Gesellen, die für Geld alles tun würden.
Kevin Barry wurde 1969 in Limerick geboren. Der Ire veröffentlichte bislang vier Romane und drei Erzählbände. Für seine Werke erhielt er den International Dublin Literary Award und den Goldsmith Prize und war für den Booker Prize nominiert.
„Das Herz im Winter“ erhielt den HWA Gold Crown Award, war für den Libby Award for Best Historical Fiction nominiert und stand auf der Shortlist für den Walter Scott Prize for Best Historical Novel.
Die Geschichte kennen wir. In der aktuellen Version geht sie so: Im Zug nach Berlin betäubt Max Grundeis den jungen, allein reisenden Emil Tischbein und klaut ihm die über 1000 Euro, die er dabei hat. Emil hat das Geld von seiner Mutter, einer, wie im Roman, alleinerziehenden, selbstständigen Friseuse, bekommen. Er soll es in der Hauptstadt seiner zunehmend hilfsbedürftigen Großmutter geben.
In Berlin angekommen verfolgt Emil den Dieb. Aber wie soll er ihn allein durch die große Stadt verfolgen und überführen können? Weil Emil sich vor einigen Tagen in seinem Heimatdorf an einem Streich, der schiefging, beteiligte, hat er Angst vor der Polizei.
Aber schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin im Hauptbahnhof trifft er auf einige andere Kinder, die ihm spontan helfen. Beispielsweise gegen Fahrkartenkontrolleure.
Erich Kästners 1929 erschienener „Roman für Kinder“ war vor fast hundert Jahren ein sofortiger Bestseller. Heute ist der zeitlose Roman immer noch beliebt und, wie eine wiederholte Lektüre zum Filmstart zeigte, immer noch spannend und gut zu lesen. Außerdem kenne ich jetzt die Orte, die Emil in dem Roman besucht. Seit seinem Erscheinen wurde das Kinderbuch mehrfach verfilmt. Legendär und heute wohl ziemlich unbekannt sind die ersten beiden deutschen Verfilmungen. 1931 verfilmte Gerhard Lamprecht nach einem Drehbuch von Billy Wilder das Buch. Fritz Rasp spielte damals den Dieb. 1954 verfilmte Robert A. Stemmle nach seinem Drehbuch die Geschichte.
Jetzt verfilmte David Dietl nach einem Drehbuch von Antonia Scheurlen Emils Abenteuer. Beherzt verlegten sie die Geschichte in die Gegenwart. Und das funktioniert bemerkenswert gut. Der Grundplot – die Jagd von Emil und seinen neu gewonnenen Freunden nach dem Dieb quer durch Berlin – ist unkaputtbar. Die Neuerungen – einige andere Handlungsorte in der Berliner Innenstadt, einige neue Kinder, die benutzte Technik bei der Verbrecherjagd und, gegen Filmende, Grundeis‘ geplanter großer Betrug gegenüber naiven Kleinanlegern – sind gelungen. 2026 sind die Detektive weiblicher und diverser als 1929. Da waren sie ein fast reiner Jungenclub. Das Berlin-Porträt, das, zugegeben an die poppigen BVG-Werbekampagnen erinnert, gefällt. Da wird ganz Berlin zu einem Dorf, durch das Emil und seine neuen Freunde sich lässig bewegen, überall jemand kennen oder schnell kennen lernen und sich gegenseitig helfen. Es geht nichts über die Solidarität der Kinder, die in ihrem Abenteuerspielplatz einen Verbrecher jagen.
„Emil und die Detektive“ ist ein schöner Kinderkrimi für Kinder bis 12. Das gilt für Kästners Roman und Dietls Verfilmung.
Und bei einigen Kindern könnte die Begegnung mit Emil zu einer lebenslangen Leidenschaft für Kriminalgeschichten werden.
Emil und die Detektive (Deutschland 2026)
Regie: David Dietl
Drehbuch: Antonia Scheurlen
LV: Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1929
mit Nicholas Jonah Peter, Merlin Sandmeyer, Luise Heyer, Lara Toni Lüdders, Kilian Kasa, Bela Louis Plass, Ai Vy Bui, Camille Moltzen, Ursula Werner
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Die Vorlage
(in der schicken Filmausgabe mit 32 Bildern aus dem Film auf 16 Seiten und, selbstverständlich, den Zeichnungen von Walter Trier)
Yoriko Shindo ist ein Schrank. Mühelos verprügelt die zweiundzwanzigjährige Straßenkämpferin in Tokyo ganze Heerscharen von Männern. Für den Yakuza-Boss reicht das Empfehlung. Yoriko soll – letztendlich erpresst er sie zu dieser Bodyguard-Arbeit – auf seine achtzehnjährige extrem behütete Tochter Shoko Naiki aufpassen, sie zur Schule und zurück fahren und jeden verprügeln, der sich ihr nähert.
Das erinnert auf den ersten Seiten etwas an A. J. Quinnells „Man on Fire“ (unter anderem von Tony Scott mit Denzel Washington und Dakota Fanning verfilmt), begibt sich aber schnell auf andere Wege, über die hier nichts verraten werden soll.
In knappen Sätzen treibt Otani die Geschichte auf zwei Zeitebenen voran. Der kleinere Teil spielt in der Gegenwart, der größere spielt 1979. Er erzählt, wie Yoriko und Shoko sich nach einem schweren Start näher kommen. Denn beide Frauen kommen aus vollkommen verschiedenen Welten.
Weil Otani in dem 1979 spielendem Teil nichts erwähnt, was die Geschichte sofort, erkennbar und einfach in einem Jahr verortet (wie erfolgreiche Filme, Hits oder Trends), erfolgt die Verortung in der Vergangenheit nur wegen dem in der Gegenwart spielendem, sich über mehrere Kapitel hinziehenden Epilog.
Akira Otani wurde 1981 in Tokyo geboren. Sie begann als Autorin für Videospiele. Ihr literarisches Debüt war die Kurzgeschichtensammlung „Nobody said we’re perfect“. Sie veröffentliche weitere Kurzgeschichten- und Essaysammlungen und einen Manga. „Die Yakuza-Prinzessin“ ist ihr erster Roman. Und sie ist, was für ihr Werk wichtig ist, lesbisch.
Ihr Roman „Die Yakuza-Prinzessin“ erhielt 2025 den CWA Dagger for Crime Fiction in Translation und beim CrimeFest den Specsavers Debut Crime Novel Award. Außerdem war der Roman Finalist für den Lambda Literary Award for LGBTQ+ Mystery (finalist).
Eine klare Leseempfehlung für einen langen Abend oder einen entspannten Sonntagnachmittag.
Die Verfilmung startet am 15. Oktober – und auch ich kenne bislang nur die für Gespräche sorgenden und neugierig machenden Trailer. Die Bilder versprechen, dass der Film sich an die Vorlage hält.
In dem Roman wird Jay Gardiner bei einem herausforderndem, aber eigentlich ungefährlichem Tauchgang, wenige Meter vor der kalifornischen Küste, von einem Pottwal verschluckt. Der Siebzehnjährige hat Sauerstoff für eine Stunde. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen.
Der Grund für den Tauchgang im Pazifik in der Nähe von Monterey ist, dass er Mitt Gardiners Leiche, oder was nach einem Jahr von ihr übrig ist, finden will. Sein Vater Mitt war unheilbar an Krebs erkrankt und verübte Suizid. Er war zeitlebens ein begeisterter Taucher, eine Legende in dem Ort, ein Hallodri mit starken Überzeugungen, atemberaubend vielen Jobwechseln und ein strenger Lehrer, der eine traditionelle Form des Tauchens verfocht. Alles, was auch nur im Ansatz nach moderner Technik aussah, lehnte er vehement ab.
Jay will mit dem Tauchgang beweisen, dass er ein Mann ist und so den Respekt der örtlichen Tauchergemeinschaft erlangen.
Im Bauch des Wals erinnert Jay sich an die Ratschläge, Lebensweisheiten und Lehrstunden, die er als Kind von seinem Vater erhielt. Ob sie ihm helfen, aus dem Bauch des Wals zu entkommen?
Daniel Kraus erzählt die einfache Überlebensgeschichte konstant zwischen der Gegenwart im Bauch des Wals und Jays Erinnerungen an sein bisheriges Leben wechselnd in extrem kurzen Kapiteln. Ein vierseitiges Kapitel erscheint als lang. Die kurzen Kapiteln, in denen immer etwas passiert, treiben die Geschichte voran.
„Whalefall – Im Wal gefangen“ ist ein spannender Thriller, die psychologisch stimmige Geschichte einer komplexen und unguten Sohn-Vater-Beziehung und eine kleine Lehrstunde in Wal- und Tauchkunde. Denn, so Kraus in seiner Danksagung, er bemühte sich um größtmögliche Faktentreue. Einiges ist noch nicht erforscht, aber insgesamt ist die Geschichte möglich.
Bei uns dürfte Daniel Kraus vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro bei „The Shape of Water“ und „Trollhunters“ und mit George A. Romero bei „The Living Dead“ bekannt sein.
Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen
(übersetzt von Claudia Rapp)
Festa, 2024
416 Seiten
24,99 Euro (gebundene Ausgabe)
16,99 Euro (Taschenbuch)
–
Originalausgabe
Whalefall
MTV Books, 2023
–
Die Verfilmung
Whalefall(Whalefall, USA 2025)
Regie: Brian Duffield
Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus
LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)
mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd
Neun Jahre nachdem eine Grippe ungefähr die gesamte Menschheit dahinraffte – Das müsst ihr als Prämisse einfach so akzeptieren. Außerdem handelt es sich um eine Science-Fiction-Geschichte. – leben Hig (Jacob Elordi), sein Hund Jasper und der militärische geschulte Überlebensexperte Bruce Bangley (Josh Brolin) in der Nähe von Denver auf einem Provinzflugplatz. Hig fliegt mit seiner Cessna die Gegend ab. Er sucht nach Auffälligkeiten. Das sind vor allem andere Menschen, die sie bedrohen könnten. In regelmäßigen Abständen fliegt er in die Stadt und holt Vorräte. Ab und an besucht er eine Mennoniten-Gemeinde, die ebenfalls die Seuche überlebte. Bangley erschießt alle Menschen, die in Schußweite ihres Flughafens kommen. Es ist ein eintöniges Leben.
Das ändert sich, als Hig sich entschließt, einem von dem Flughafen Grand Junction kommendem Funkspruch zu folgen. Mit dem Benzin, das er in seiner Cessna mitnehmen kann, kann er Grand Junction gerade so erreichen.
Outdoor-Fanatiker Peter Heller hat sich diese Geschichte ausgedacht, die Ridley Scott jetzt sehr kontemplativ verfilmte. Obwohl es in dem zweistündigem Film viel Action gibt – mehrere Angriffe und große Kämpfe in Gebäuden und, meistens, der freien Natur, eine Notlandung (im Film, nicht im Buch) -, beherrscht ein Gefühl der Ruhe, Friedfertigkeit und auch Empathie den Science-Fiction-Film. In den ersten Minuten, wenn Scott zeigt, wie Hig und Bangley in ihrer Männer-WG auf einem verlassenem Provinzflughafen zusammen leben und wie Hig die Beobachtungs- und Besorgungsflüge absolviert, etabliert Scott die Stimmung. Auch später sind ihm die ruhigen Momente, wenn Hig über die Wälder fliegt oder, nach einer Notlandung, eine Startbahn präpariert, wichtiger als die Action.
Damit setzt Scott einen Gegenpunkt zu den üblichen Dystopien, in denen in einer unwirtlichen Welt alle Errungenschaften der Zivilisation zugunsten des für Action guten, für die Realität und die Bildung einer Gemeinschaft untauglichen Faustrecht des jeder gegen jeden regiert. Es ist aber auch eine Welt die im Film und im Buch erstaunlich blass bleibt. Es gibt keine Erklärung für die Seuche, das Sterben der Menschheit und die immer noch vorhandenen Lebensmittel. Wobei, zugegeben, das das geringste Problem der Geschichte ist. Wenn plötzlich alle Menschen tot sind, halten die Vorräte an Sprite und Cola ewig.
Während der aus Higs Perspektive erzählte Roman es größtenteils bei ruhigen Naturbetrachtungen und einer kleinen Gruppe sich zusammenfindender Menschen in einer menschenleeren Landschaft belässt, bevorzugt der Film vor allem nach Higs Aufbruch mit einer Notlandung, Angriffen größerer durch die Landschaft marodierender Gruppen und der Grand-Junction-Episode immer wieder das Spektakel. Vor allem die Grand-Junction-Episode ist im Film viel größer als im Roman. Sie ist gleichzeitig satirisch überspitzt, erinnerungswürdig (auch dank Allison Janney als Herrscherin von Grand Junction) und in jeder Beziehung vollkommen sinnfrei. Sie kümmert sich in keinster Weise um die vorher etablierte Welt.
Hier wie auch in fast allen Episoden, in denen Menschen, also Hig, Bangley, Pops (Guy Pearce) und seine Tochter Cima (Margaret Qualley), auf andere Menschen treffen, regiert das Faustrecht und es wird munter, wie wir es auch aus anderen Endzeit-Dystopien zwischen „Mad Max“ und „The Walking Dead“ oder, für die literarisch versierten, „The Road“ kennen, gemordet, während die Protagonisten durch eine menschenleere Landschaft stolpern.
So stecken der Roman (weniger, weil es weniger Tote gibt) und der Film (mehr, weil es mehr Tote gibt) in einem seltsamen Zwiespalt zwischen behaupteter Botschaft, friedlicher Stimmung und dem Gezeigten. Durchgängig zeigt Scott Szenen, in denen umstandlos gemordet wird. Die ruhigen Momente zeigen dann kleine und kleinste Gruppen von Menschen, die isoliert voneinander leben, die nicht auf andere Menschen treffen wollen und die letztendlich nur auf ihren Tod warten. Denn ohne Kinder würde auch der Rest der Menschheit innerhalb weniger Jahre sterben. Die friedliche und überaus hilfsbedürftige Mennoniten-Gemeinde, die Hig besucht, bleibt Staffage. Mehr als die behauptete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens ist sie nicht.
Entsprechend unvermittelt und mit dem visuellen Zaunpfahl wird am Ende von „Das Ende der Sterne“ die Botschaft in den Kinosaal gehämmert. Die einzige Figur, die in dem Moment eine aus dem Nichts kommende Wandlung erfährt, ist Bangley.
„Das Ende der Sterne“ ist ein spannungsfreies Stimmungsstück mit Naturaufnahmen und, je nach Zählung, drei bis fünf eindimensional sympathischen Menschen, die all die Abenteuer erleben, die wir auch aus anderen Dystopien kennen und die dieses Mal von einer positiven Botschaft, nämlich dass Menschen Menschen brauchen und ein Zusammenleben möglich und wünschenswert ist, ummäntelt werden.
Das gilt gleichermaßen für den Roman und den Film. Drehbuchautor Mark L. Smith veränderte einiges an Hellers Geschichte, aber letztendlich blieb er dem Roman treu. Scott liefert dazu den Film mit schönen Menschen in schöner Landschaft mit schöner Musik. Das hat durchaus seinen Charme, ist aber auch etwas langweilig und durchgehend vorhersehbar.
Das Ende der Sterne(The Dog Stars, USA 2026)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Mark L. Smith
LV: Peter Heller: The Dog Stars, 2012 (Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte; Das Ende der Sterne)
mit Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley, Guy Pierce, Benedict Wong, Allison Janney
Der Banküberfall und die Flucht vor der Polizei gelingen ziemlich nach Plan. Die Beute ist auch größer als erwartet. Aber danach geht alles schief. Irgendwie hat die Polizei fast sofort erfahren, wer für den Überfall verantwortlich ist. Wenige Stunden nach dem Überfall sind ihre Gesichter in allen Hamburger Zeitungen abgedruckt. Und vor Marlons Tür stehen zwielichtige Typen. Er machte bei dem Überfall als Fluchtwagenfahrer nur mit, um seine Schulden abzubezahlen. Jetzt weiß er, dass etwas furchtbar schief ging und er hereingelegt werden soll.
Der unpolitische, hoch verschuldete 25-jährige Marlon-Brandon-Fan, – genaugenommen Fan des von Brando in „Der Wilde“ (The Wild One, USA 1953) gespielten Johnny Strabler, Chef des Black Rebel Motorcycle Club -, muss untertauchen. Auf seiner Irrfahrt durch Deutschland trifft er Revolutionäre, Sympathisanten und Terroristen. Denn Jürgen Heimbachs neuer Kriminalroman „Straßenköter“ spielt 1975 zur Hochzeit des RAF- und Linksterrorismus in der Bundesrepublik.
Auf wenigen Seiten entwirft Heimbach ein dichtes Porträt des damaligen Deutschland, während Marlon durch die Geschichte stolpert. Alle paar Seiten präsentiert er eine neue Überraschung für den von der Polizei schnell als hochgefährlichen Linksterroristen verfolgten Taugenichts. Denn Marlon befand sich, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht ganz freiwillig, im Wendland in einem Haus, in dem Terroristen die Befreiung ihrer in Stammheim inhaftierten Genossen planten.
„Straßenköter“ ist eine sich eher an ein jugendliches Publikum richtende Abenteuergeschichte mit viel stimmigem Zeit- und Lokalkolorit. Wenn Heimbach die Wahl zwischen neuem Ärger für Marlon und einer Geschichtsstunde hat, entscheidet er sich zuverlässig für das Erste. Das macht den spannenden, äußerst wendungsreichen und erstaunlich kurzen Thriller zur perfekten Sommerlektüre.
In einigen Wochen besucht Joe Hill Deutschland. Im Gepäck hat er seinen neuen Horrorroman. „King Sorrow“, in Deutschland in zwei Bänden erschienen, ist Hills bislang umfangreichstes Werk handelt. Dabei sind auch seine vorherigen vier Romane ziemliche Wälzer. Kürzer sind seine Comics und Kurzgeschichten. „King Sorrow“ kann auch als eine zwischen 1989 und 2022 spielende Zusammenstellung von Kurzgeschichten gelesen werden.
In einer Nacht beschwören die Freunde Arthur Oakes, Donna McBride, Donovan ‚Van‘ McBride, Gwen Underfoot, Colin Wren und Allison ‚Allie‘ Shiner, eher als Spaß, den titelgebenden King Sorrow herauf. Fortan verlangt er von den Jugendlichen jedes Jahr zu Ostern ein Menschenopfer, das jedes Jahr von einem anderen aus dem Freundeskreis benannt wird. Wen King Sorrow umbringt, ist ihm egal.
Über die nächsten Jahrzehnte wählen die Freunde immer wieder böse Menschen und Organisationen aus. Die Zahl der Opfer ist King Sorrow nämlich auch egal. Dabei fragen sie sich, ob sie auch die richtigen Menschen ausgewählt haben. Also: verhindern sie Leid und machen die Welt zu einem besseren Ort oder verschlimmern sie die Lage? Oder ist es letztendlich egal, wen sie auswählen? Geschützt sind sie durch ein unsichtbares Zeichen auf ihrer Brust. Wenn sie es berühren, kommt King Sorrow und tötet die Menschen, die sie bedrohen.
Schnell empfinden sie King Sorrow als eine Belastung. Jedes Jahr müssen sie, wenn sie nicht selbst sterben wollen, einen Mordauftrag geben. Dabei wollen sie keine Menschen umbringen. Jahre nach King Sorrows erstem Auftritt lehrt Arthur als Professor in Oxford. Dort könnte er einen Weg gefunden haben, wie sie sich von King Sorrow und dem auf ihnen lastendem Fluch befreien können.
Jede Zusammenfassung, Synopse und Klappentext liest sich interessanter als der Roman. Denn Joe Hill wählt einen weitgehend spannungstötenden Weg, die gut 1200-seitige Geschichte zu erzählen. Er unterteilt sie in fünf „Bücher“, vier deutlich kürzere „Zwischenspiele“ und einen Epilog. Es sind weitgehend eigenständige Kurzgeschichten mit wechselnden Protagonisten, in denen ein sich über viele Seiten erstreckendes Abenteuer erzählt wird. Dieses besteht einmal aus einer gefährlichen Situation in einem voll besetztem Passagierflugzeug. King Sorrow will während des Fluges neben seiner Zielperson alle Passagiere und die Besatzung töten. Weil Allie das verhindern will, steigt sie ebenfalls in das Flugzeug ein. Denn dann kann der Dämon sein Werk nicht vollenden. Oder? In einem anderen „Buch“ wurden die Geschwister Donna und Van in ein irgendwie von der US-Regierung geführtes, privates Geheimgefängnis entführt. Ihre Entführer wollen mehr über den Dämon herausfinden. Letztendlich wollen sie den Dämon für sich benutzen. Donna und Van wollen das nicht. Aber wie können sie sich aus ihrer Lage befreien? Denn ihre Hände sind so gefesselt, dass sie nicht ihre Brust berühren können. Sie können King Sorrow nicht zur Hilfe rufen. In einem anderen „Buch“ begibt Arthur sich in der englischen Provinz mit Colin, der inzwischen ein Vermögen angehäuft hat, als Begleiter in eine Höhle. Ein Troll führt sie durch das Labyrinth zu einem mythischen Gegenstand, mit dem sie King Sorrow besiegen können. Jedenfalls glaubt Arthur das. Aber vielleicht irrt er sich – und natürlich müssen die beiden Freunde mit dem Gegenstand die Höhle verlassen. In diesen in sich abgeschlossenen Geschichten informiert Joe Hill nebenbei über Ereignisse, die zwischen den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschehen. Oft berichtet er auch einfach von Ereignissen; also anstatt den Leser miterleben zu lassen, was geschah, werden wir in einem Absatz über durchaus wichtige Ereignisse und Entscheidungen informiert, die unsere blass bleibenden Dämonenbeschwörer betreffen. Beispielsweise wie sie ihre Opfer auswählten oder was zwischen den einzelnen, sich normalerweise innerhalb kurzer Zeit abspielenden Ereignissen in den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschah. Hill erzählt, mit Anspielungen auf historische Ereignisse, wie sich das Leben der Jugendfreunde über dreißig Jahre entwickelt. Einige erleben dabei das Ende des Buches nicht.
Als Leser bleibt man dran, weil man weniger das Gefühl hat, einen 1200-seitigen Roman zu lesen, sondern mehr das Gefühl hat, mehrere Kurzgeschichten zu lesen. Die Geschichten bedienen verschiedene Genres. Das sorgt für Abwechslung. Die Kapitel sind kurz. Und schon stellt sich ein Pageturner-Effekt ein.
Am Ende ist man trotzdem nicht zufrieden, sondern verärgert darüber, wie wenig Joe Hill aus der Idee machte.
–
Joe Hill: King Sorrow I
(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)
Heyne, 2026
592 Seiten
24 Euro
–
Joe Hill: King Sorrow II
(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)
Heyne, 2026
640 Seiten
24 Euro
–
Originalausgabe
King Sorrow
William Morrow, 2025
–
Joe Hill liest am
Freitag, den 23. Oktober, in München
Samstag, den 24. Oktober, in Berlin
Sonntag, den 25. Oktober, in Gelsenkirchen (Mord am Hellweg)
Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See (Deutschland 2018)
Regie: Alexander Dierbach
Drehbuch: Miriam Rechel
LV: Sebastian Fitzek: Passagier 23, 2014
Wenn jemand auf einer Kreuzfahrt spurlos verschwindet, ist es meistens Suizid oder Suff. Aber was ist, wenn eine solche verschwundene Person wieder auftaucht? Mit diesem Problem müssen sich auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ einige Menschen beschäftigen. Denn die vor acht Wochen verschwundene und für tot erklärte elfjährige Anouk Lamar ist schwer traumatisiert wieder aufgetaucht. Von ihrer Mutter fehlt immer noch jede Spur. Bei sich hatte Anouk den Teddybär des fast gleichaltrigen Timmy Schwartz. Timmy und seine Mutter gingen vor fünf Jahren auf der „Sultan of the Seas“ über Bord.
Jetzt kehrt der Berliner Polizeipsychologe Martin Schwartz auf das Kreuzfahrtschiff zurück. Er will das Rätsel um den Tod seiner Frau und seines Sohns und das rätselhafte Auftauchen von Anouk lösen. Auf dem Schiff trifft er Daniel Bonhoeffer, der damals und heute der Kapitän des Schiffes ist.
(Zwischenbemerkung: diese Inhaltsangabe folgt dem Roman. Für den Film wurde der Schiffsname und die Dauer von Anouks Verschwinden geändert.)
„Unterm Strich sind die 120 Minuten zwar spannend, aber „Passagier 23“ hätte ein noch besserer Film werden können.“ (tittelbach.tv)
mit Lucas Gregorowicz, Oliver Mommsen, Judy Winter, Kim Riedle, Mercedes Müller, André Röhner, Picco von Groote, Martin Lindow
–
Die Vorlage
Was für ein Filmjahr für Sebastian Fitzek. Nachdem zunächst alle Produzenten abwinkten, gab es dieses Jahr mit den TV-Filmen „Das Joshua-Profil“, „Amokspiel“ (noch nicht gesehen), „Passagier 23“ (dito) und dem Kinofilm „Abgeschnitten“ wahre Fitzek-Festspiele mit zwiespältigem Ergebnis. Immerhin gelang es Christian Alvart in „Abgeschnitten“ aus dem Serienkiller-Pageturner einen Serienkiller-Thriller zu machen, der mir sogar besser als der Roman gefiel.
Auch die Verfilmung von „Passagier 23“ dürfte schwierig sein. Denn der Pageturner ist ein typischer Fitzek-Roman. Es beginnt mit einem Rätsel (Warum kehrte die vor acht Wochen über Bord gegangene Anouk zurück? Wo war sie die ganze Zeit?) und schnell wird aus dem Ermittlerkrimi ein Thriller, in dem ständig etwas passiert. Die Figuren bleiben dabei immer spärlich charakterisierte Erfüllungsgehilfen der sich rasend schnell entwickelnden Ereignisse. In einem Roman funktioniert das. Für einen Film muss die Romangeschichte verändert werden. Charaktere müssen eingeführt werden. Beziehungen müssen etabliert werden und auch die falschen Fährten müssen anders ausgelegt oder vollkommen aus der Filmgeschichte gestrichen werden. Die Aufgabe des Drehbuchautors ist es, die Essenz des Romans und warum der Roman gelesen wurde, in ein anderes Medium zu übertragen. Dafür kann und muss die Vorlage verändert werden.
„Passagier 23“ ist ein ziemlich abstruser Thriller, der bis zur überraschenden Auflösung das Prinzip des Cliffhangers perfektioniert hat. Ehe man lange darüber nachdenken kann, ob das alles besonders wahrscheinlich ist, hat man das Buch zu Ende gelesen. Gleich danach streicht man die Idee mit der Kreuzfahrt von der nächsten Urlaubswunschliste. Gibt ja noch andere Orte, an denen es schön ist. Vielleicht ist da einer dabei, an dem keine Verbrechen geschehen.
Hamburg, 1951, sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur: In den USA hätte Martha Kiesler als Jazzpianistin Karriere machen können. Aber sie fremdelt mit der dortigen Kultur. Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.
Ihr erstes Engagement ist in einer Seitenstraße der Reeperbahn als Bar-Pianistin im Hotel König-Royal. Das anspruchslose Hintergrundgeklimper geht ihr auf die Nerven. Sie will den damals in Deutschland noch verpönten und in seinen aktuellen Strömungen unbekannten Jazz spielen.
Eher schon gefällt ihr das Engagement in der neu eröffneten, von ihrem alten Freund Jack betriebenen Jazzkneipe „Bohemia Bar“. Sie stellt eine Band zusammen, hat Probleme mit ihrem immer unzuverlässigem, aber fantastischem Bassisten, einem fahnenflüchtigem US-Soldaten mit Drogenproblemen, und freut sich über die euphorischen Reaktionen des Publikums und den über sie erscheinenden Berichten. Sie könnte mit ihrer Musik Geld verdienen.
Währenddessen werden Anschläge gegen die „Bohemia Bar“ verübt.
Wer Robert Bracks neuen Roman „Die nackte Haut“ primär als Kriminalroman liest, dürfte enttäuscht sein. Der Krimianteil ist verschwindend gering und wirkt wie eine lästige Pflichtübung, weil Robert Brack ein Krimi-Autor ist, Krimi-Autoren Kriminalromane schreiben und weil jemand auf das ansprechende Retro-Cover das Wort „Kriminalroman“ schrieb.
Sein neuer Roman überzeugt als Jazzroman und als Sittengemälde von St. Pauli bevor Frank Göhre in einer Reihe grandioser Kriminalromane die Ereignisse auf dem Kiez ab den achtziger Jahren chronologisierte. Heute scheint der Kiez ein sehr ruhiger, um nicht zu sagen langweiliger Ort zu sein; – jedenfalls habe ich schon lange keinen auf St. Pauli spielenden Roman gelesen und auch in den Zeitungen wurde nichts über aufsehenerregende aktuelle kriminelle und halblegale Umtriebe geschrieben. Schon 2015 bemerkte Bernd Begemann in einem Song „St. Pauli hat uns ausgespuckt“, dass Paare in Versace-Sportkleidung und Junggesellinenabschiede den Kiez übernommen haben und die alten Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben.
1951 war eine solche Gentrifizierung noch nicht einmal Zukunftsmusik. Schon damals hatte St. Pauli, wie Brack erzählt, ein ausgeprägtes Nachtleben mit dem damit zusammenhängenden Verbrechen, wie Prostitution, Schutzgelderpressung und Drogenkonsum. Im Mittelpunkt der Geschichte steht allerdings Martha Kiesler. Brack erzählt kundig, wie sie versucht, als Jazzpianistin zu überleben. Sie will den echten, gerade in der USA angesagten Jazz spielen. Brack streut die Namen der Musiker ein. Er erzählt vom Zusammenspiel der Jazzmusiker auf und hinter der Bühne und wie sie die Welt sehen. Da vermisst man die Krimihandlung nicht.
Wer nach „Die nackte Haut“ einen weiteren Jazz-Krimi lesen möchte, sollte Jake Lamars „Viper’s Dream“ lesen, kongenial übersetzt von Robert Brack. Der Krimi spielt 1961 zu großen Teilen in New York im legendären Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter. Auch in diesem Fall können die im Buch erwähnten Musikernamen als Ausgangspunkt für eine gute Playlist genommen werden.
–
TV-Tipp: Am Donnerstag, den 30. Juli, zeigt der MDR um 22.40 Uhr die Doku „Being Hipp – First Lady of European Jazz“ über die Pianistin Jutta Hipp. Sie war für Brack die Inspiration für Martha Kiesler.
Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.
Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.
Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.
Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.
Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.
Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.
Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.
Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.
Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.
Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.
Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.
Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.
Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.
Die Odyssee(The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
LV: Homer: Odyssee
mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee
Länge: 173 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“.
Bis im Dezember Denis Villeneuves dritter und, nach aktueller Planung, als Abschluss einer Trilogie auch letzter „Dune“-Film in die Kinos kommt und James-Bond-Fans sich in den Monaten danach über Meldungen zum neuen 007-Film freuen dürfen, inszeniert von Villeneuve mit einem namentlich noch nicht bekanntem neuem James-Bond-Darsteller, ist genug Zeit um Lucas Curstädts gerade erschienenes Sachbuch „Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen“ zu lesen.
Curstädt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn im Bereich Medienwissenschaft. Er studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Mainz. Auf YouTube betreibt er den Kanal „die zweite produktion“. Dort stellt er in einem sehenswertem Beitrag sein Villeneuve-Buch vor.
Sein Buch über Denis Villeneuve ist keines dieser Filmbücher, in denen chronologisch die Filme des Porträtierten mehr oder weniger kritisch und analytisch besprochen werden. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in der der Autor eine These aufstellt und dann versucht, sie zu beweisen.
Curstädt behauptet: „Was sich in Villeneuves Filmen zunächst nur registrieren lässt und anschließend immer eruptiver aus ihnen herausbricht, ist ein in unterschiedlichen filmischen Erzählungen widerhallendes Echo auf das Scheitern des politischen Liberalismus, auf den Zusammenbruch der postideologischen Utopie infolge der Anschläge vom 11. September 2001 und auf die dahinter lang verborgene autoritäre Sehnsucht, die sich mittlerweile auch institutionell manifestiert hat. (…)
Wir haben es hier vor allem mit einem Kino zu tun, das wie kaum ein anderes in dieser Größenordnung ein politisches Anliegen besitzt, und zwar aus dem kontraintuitiven Ansatz heraus, zu keinem Zeitpunkt dezidiert politisch zu sein. Die herauszustellende Beonderheit: Villeneuves Filme zeichnen die Ab- und Irrwege einer liberalen Gesellschaft und des aufkeimenden Antagonismus nach, obwohl die jeweiligen Werke autark für sich stehen (…) Doch zwischen der Geschichte junger Studentinnen, die dem Amoklauf eines frauenhassenden Mannes zum Opfer fallen (Polytechnique, Can 2009) und einem aufziehenden Bürgerkrieg in der nahen Zukunft (Blade Runner 2049, USA 2017) spannt sich ein roter Faden, der (neo-)liberale Vergangenheit, antagonistische Gegenwart und (kriegerisch-oligarchische) Zukunft miteinander assoziiert und Bilder für eine Gesellschaft in Anspannung, Aufladung und Aufruhr findet.“
Das ist in jedem Fall eine interessante These, auch wenn ich einiges unter normalem erzählerischem Handwerk einsortieren würde. Villeneuve inszeniert klassisches Erzählkino und seit einigen Filmen intelligentes Blockbuster-Kino. Es gibt also immer einen Protagonisten und seinen Antagonisten. Verbrechen sind oft zentral für die Geschichte. Die Filme spielen in der Gegenwart; auch Villeneuves Science-Fiction-Film („Arrival“, „Blade Runner 2049“, und die „Dune“-Filme) sind, wie alle guten Science-Fiction-Filme, Filme über die Gegenwart.
Wenn wir davon ausgehen, dass Villeneuve ein aufmerksamer Beobachter der Gegenwart ist, dann ist das kein Widerspruch. Innerhalb bestimmter Genrekonventionen können bestimmte Themen gut und für ein großes Publikum zugänglich behandelt werden.
Curstädt beginnt seine Arbeit mit einer theoretischen Einführung über die Suture-Theorie und die politische Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Der Zusammenhang zwischen diesem theoretischem Aufschlag und seiner sich daran anschließenden Analyse der Filme von Villeneuves ist diffus und oft nicht erkennbar. Öfters hatte ich den Eindruck, dass Curstädt eine These hat und dann aus Villeneuves Filmen die Szene herauspickt, die als Bestätigung seiner These interpretiert werden können. Ob Villeneuve sie genauso interpretierte, ist egal. Ob diese Interpretation innerhalb des Films die einzig möglich oder die dominante Interpretation ist, ist ebenso egal. Es ist auch unklar, wie sehr die Szene für den gesamten Film steht. Curstädt interessiert sich nicht für den ganzen Film, sondern nur für ein Detail.
So bleibt – auch und gerade wenn man die Filme kennt – der Eindruck einer luftigen Argumentation, die sich weniger aus den Filmen, sondern aus der Absicht des Autors, der eine These beweisen will, herleitet.
Dabei finde ich die These intuitiv als eine mögliche filmübergreifende Interpretation von Villeneuves Filmen interessant und zum Nachdenken anregend. Aber Curstädts Argumentation überzeugt mich nicht.
Curstädts Buch ist und will, wie eingangs gesagt, keine Einführung in das Werk von Denis Villeneuve sein. Dieses Buch muss – und sollte – noch geschrieben werden.
Lucas Curstädt: Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen
Auch „Mond gefangen in einem toten Auge“, Pascal Garniers sechster auf Deutsch veröffentlichter Roman, stand, wie mehrere seiner früher veröffentlichten Romane, auf der Krimibestenliste. Die von Kritiken zusammengestellte Liste empfiehlt jeden Monat die besten aktuellen Kriminalromane.
In „Mond gefangen in einem toten Auge“ geht es um zwei ältere Ehepaare und eine ältere Dame, die nacheinander als Erstbewohner in Südfrankreich in eine abgeschlossene, einsam gelegene Seniorenresidenz mit fünfzig Bungalows und dazugehörigen Freizeitanlagen einziehen. Sie befreunden sich, verbringen Zeit miteinander, erkunden die Gegend – und Konflikte brechen zwischen ihnen aus.
Verschärft werden sie durch eine Gruppe Roma, die jedes Jahr in der Nähe der Residenz ihr Lager aufschlägt. Für die fünf alten Menschen sind Sinti und Roma immer noch fahrendes, Verbrechen verübendes Volk und damit eine direkt vor ihrer Tür stehende Bedrohung für ihr Leben und ihren Wohlstand.
Auf nicht einmal 130 Seiten erzählt Pascal Garnier sarkastisch und in schönsten deprimierenden Noir-Tönen von dieser Eskalation, die zu einigen Toten und einem überraschendem Finale führt. Dabei gelingt es ihm, die gut zehn für die Geschichte wichtigen Personen, ihre Sicht auf die Welt und ihr flexibles Moralsystem plastisch und vergnüglich zu zeichnen. Wie in seinen anderen bis jetzt im Septime Verlag erschienenen Noirs verdichtet Garnier auch in diesem Noir die einzelnen Szenen auf das Notwendigste und treibt die Handlung mit gekonnten Ellipsen, Verdichtungen und Verkürzungen voran. So kann er auf wenigen Seiten eine Geschichte erzählen für die andere Autoren mindestens die doppelte Anzahl an Seiten benötigen.
„Mond gefangen in einem toten Auge“ ist ein feiner Noir für einen langen Abend.
Pascal Garnier (1949 – 2010) war Maler und Autor von Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Noirs. Er lebte in den Bergen der Ardèche. Die Menschen und die Landschaft inspirierten ihn zu seinen sehr französischen Romanen.