„Die große Stille“, „Geteilt durch Null“ – das fantastische Gesamtwerk von Ted Chiang

Januar 15, 2021

Wie man Ted Chiang nicht lesen sollte: das Buch nehmen, auf die Couch fläzen und es in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen.

Das liegt nicht daran, dass man die jeweils knapp vierhundert Seiten von „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ nicht an ein, zwei ruhigen Tag lesen könnte, sondern daran, dass jede Geschichte von Ted Chiang viel Stoff zum Nachdenken bietet und man auch darüber nachdenken will.

Ein breites Publikum dürfte Ted Chiang als den Mann kennen, der die Vorlage für Denis Villeneuves philosophischen Science-Fiction-Film „Arrival“ schrieb. „Geschichte deines Lebens“ erhielt den Nebula und den Sturgeon Award.

Science-Fiction-Fans, vor allem natürlich Science-Fiction-Fans aus dem angloamerikanischen Raum oder Science-Fiction-Fans, die englische Bücher lesen, kennen Ted Chiang schon viel länger. Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte, „Der Turmbau zu Babel“, erschien 1990. Sie erhielt den Nebula Award und war für den Hugo Award nominiert. Seitdem veröffentlichte er keine zwanzig Kurzgeschichten. Diese Geschichten erhielten 27 wichtige Science-Fiction-Preise. Dazu kommen noch gut dreißig Nominierungen. Romane veröffentlichte er bislang nicht.

Jetzt liegen in den beiden erwähnten Büchern „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ erstmals alle seine Geschichte auf Deutsch vor, ergänzt um Anmerkungen von ihm zu seinen Geschichten.

In „Die große Stille“ sind:

Der Kaufmann am Portal des Alchemisten (The Merchant and the Alchemist’s Gate, FANTASY AND, September 2007, ausgezeichnet mit dem Nebula und Hugo Award)

Ausatmung (Exhalation, Exlipse 2, 2008, ausgezeichent mit dem Hugo und Locus Award)

Was von uns erwartet wird (What’s Expected of Us, Nature Volume 436 Issue 7047, Juli 2005)

Der Lebenszyklus von Software-Objekten (The Lifecycle of Software Objects, Subterranean Press, 2010, ausgezeichnet mit dem Hugo und Locus Award)

Daceys vollautomatisches Kindermädchen (Dacey’s Patent Automatic Nanny, in Jeff VanderMeer/Ann VanderMeer, Hrsg.: The Thackery T. Lambshead Cabinett of Curiosities, 2011)

Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens (The Truth of Fact, the Truth of Feeling, Subterranean Press Magazine, August 2013)

Die große Stille (The Great Silence, e-flux journal, 2015)

Omphalos (Omphalos, Exhalation, 2019)

Angst ist der Taumel der Freiheit (Anxiety Is the Dizziness of Freedom, Exhalation, 2019, Finalist für den Nebula Award für die beste Erzählung)

In „Geteilt durch Null“ sind seine älteren Geschichte. Nämlich:

Der Turmbau zu Babel (Tower of Babylon, OMNI, November 1990, ausgezeichnet mit dem Nebula Award)

Verstehen (Understand, ASIMOV’S, August 1991)

Geteilt durch null (Division by Zero, Full Spectrum 3, Doubleday, 1991)

Geschichte deines Lebens (Story of Your Life, Starlight 2, November 1998, ausgezeichnet mit dem Nebula und Sturgeon Award)

Zweiundsiebzig Buchstaben (Seventy-Two Letters, Vanishing Acts, TOR 2000)

Die Evolution menschlicher Wissenschaft (The Evolution of Human Science, erschien erstmals unter dem Titel „Catching Crumbs from the Table“, Nature 405, Juni 2000)

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Hell Is the Absence of God, Starlight 3, 2001, ausgezeichnet mit den Nebula, Hugo und Locus Award)

Die Wahrheit vor Augen (Liking What You See: A Documentary, in „Story of your Life and Others, TOR 2002)

Natürlich ist nicht jede Geschichte ein Meisterwerk. Aber jede Geschichte ist eine lohnenswerte Lektüre. Persönlich halte ich „Die große Stille“ für etwas besser als „Geteilt durch Null“; aber das kann auch daran liegen, dass ich zuerst „Die große Stille“ gelesen habe.

Weil bei Kurzgeschichten die Pointe ein wichtiger Teil der Geschichte ist und schon eine kurze Zusammenfassung zu viel verraten kann, werde ich nur auf einige seiner Geschichten etwas näher eingehen.

In der vierseitigen Geschichte „Was von uns erwartet wird“ gibt es ein Gerät, Prognostiker genannt, bei dem ein Licht blinkt, bevor man den Knopf drückt. Das Gerät weiß also, was in der Zukunft geschieht und diese Zukunft ist bereits vorherbestimmt. Aber was bedeutet es, wenn wir Menschen wissen, dass wir keinen freien Willen haben? Chiang gelingt es auf vier Seiten die Diskussion über die Willensfreiheit abzubilden und dem Leser die wichtigen damit verbundenen Fragen so nahezubringen, dass man sie und die damit verbundenen Probleme versteht und sofort beginnt, darüber nachzudenken.

In „Angst ist der Taumel der Freiheit“ können die Menschen mit Hilfe eines Geräts in Parallelwelten blicken und sehen, wie ihr Leben verlaufen würde, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten. Aber hätten diese Entscheidungen und Zufälle ihr Leben im großen und ganzen wirklich verändert? Oder ist nicht doch alles vorherbestimmt?

In „Geteilt durch Null“ entdeckt eine Mathematikerin den Beweis, dass die gesamte Mathematik auf einer falschen Annahme beruht. Was bedeutet diese Entdeckung für sie? In „Der Lebenszyklus von Software-Objekten“, mit knapp hundertzwanzig Seiten seine längste Geschichte, schildert Chiang, den Aufstieg und Niedergang eines Computerspiels und einiger seiner begeisterten Fans, die das Spiel, nachdem es von der Firma nicht mehr weiterentwickelt wird, weiter am Leben erhalten wollen, weil es ein Teil ihres Lebens ist.

Es geht, in „Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens“, um unsere Erinnerung und was es bedeutet, wenn wir für jede unserer Taten einen unwiderlegbaren Videobeweis haben. Was macht das mit unseren, dann eigentlich überflüssigen, Erinnerungen? Ist dieses Leben ein Paradies (endlich keine Streitereien mehr darüber, wer vor fünf Jahren nach der Geburtstagsfeier den Abwasch erledigt hat) oder die Hölle? Wobei Chiang diese Frage schon im grandiosen Titel einer anderen Geschichte beantwortet hat: „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In seinen Geschichten beschäftigt er sich mit philosophischen Fragen, die uns schon lange beschäftigen und auch zukünftig beschäftigen werden, wie die Frage der Willensfreiheit oder des Determinismus. Chiang nimmt sie allerdings aus dem philosophischen Universitätsseminar. Er behandelt sie in SF-Geschichten, die zum Nachdenken anregen und gerade genug in die Zukunft blicken, um uns wirklich zu ängstigen. Oder hoffnungsfroh zu stimmen. Denn was wäre so schlecht an einem Gerät, das uns dazu bringt, unseren Gegenüber nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen?

Ted Chiang: Die große Stille

(übersetzt von molosovsky, Jacob Schmidt und Karin Will)

Golkonda, 2020

392 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Exhalation

Alfred A. Knopf, 2019

Ted Chiang: Geteilt durch Null

(übersetzt von molosovsky und Karin Will)

Golkonda, 2020

360 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Story of your life and others

Vintage Books, 2016

Hinweise

Wikipedia über Ted Chiang (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ted Chiangs „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ (2011)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Ted-Chiang-Verfilmung „Arrival“ (Arrival, USA 2016)


„Faithless“ – Brian Azzarello macht jetzt Dark Fantasy

Januar 14, 2021

Faithless“ ist die Hardcore-Version von „Fifty Shades of Grey“. Das stimmt zwar nicht so ganz, aber so dürfte das Interesse an „Faithless“, dem neuesten Werk von Brian Azzarello, geweckt sein. Azzarello ist vor allem für seine grandiosen Noir-Comics bekannt. Das sind eigene Serien, wie „100 Bullets“, „Jonny Double“ und „Moonshine“, und Neuinterpretationen bekannter Charaktere, wie seine zahlreichen „Batman“-Comics. Für „Faithless“ arbeitete er erstmals mit Maria Llovet zusammen. Zu den bisherigen Werken der Spanierin gehören „Loud!“, „Heartbeat“ und die Bilder für das Sex-Sachbuch „Ceci n’est pas un livre de sexe“. Soweit ich es überblicke, ist „Faithless“ ihr erstes in Deutschland veröffentlichtes Werk.

Im Mittelpunkt von „Faithless“ steht Faith, eine junge, an Magie glaubende Künstlerin, die sich mehr als schlecht durchschlägt und viel Zeit mit ihren Freunden in abgewrackten Spelunken verbringt. Eines Tages lernt sie Poppy kennen. Sie haben Sex. Für Faith ist es sogar wortwörtlich tierisch-teuflischer Sex. Tabulos gezeihnet von Llovet.

Wenige Stunden später gehen Poppy und Faith auf eine Vernissage. Dort trifft Faith den bekannten, charismatischen und überaus egozentrischen Künstler Louis Thorn.

Kurz darauf stirbt Poppy. Ihr kurzzeitig trauernder Vater Louis Thorn beginnt eine Beziehung mit Faith. Er nimmt sie auch als Muse und junges Talent in seine Schule auf. Sie wird ein Teil seiner Entourage. Gleichzeitig verführt er sie. Als sie Sex haben, glaubt Faith, dass auch Poppy dabei ist. Sowieso ist Poppy für Faith inzwischen eine feste, durchaus lebendige Begleiterin geworden.

Faithless“ wird als „Dark Fantasy Serie“ beworben. Der Untertitel ist „Eine erotische Darstellung von Glauben, Sex und dem Teufel in der Tradition der ‚Göttlichen Komödie’“. Damit dürfte klar sein, dass in der von Brian Azzarello und Maria Llovet erzählten Geschichte die Grenzen zwischen der normalen und einer magischen Welt brüchig sind und der Teufel eine junge Frau verführt. Unklar ist allerdings, wie gefährlich diese Welt ist, in die Faith hineingeführt wird und wie gefährlich sie für Faith wird.

In dem ersten „Faithless“-Sammelband (der die ersten sechs „Faithless“-Hefte enthält) geht es auch um die Selbstinszenierungen von Künstlern, ihrer Suche nach Wahrheit und Echtheit in ihrem Werk und dem Verhältnis vom Meister zu seinen von ihm verzauberten, ihm zu Füßen liegenden Lehrlingen.

Der erste „Faithless“-Sammelband ist ein gelungener, vielschichtiger Serienauftakt. In den USA erscheint in wenigen Wochen der zweite Sammelband.

Brian Azzarello/Maria Llovet: Faithless – Band 1

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2020

164 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Faithless # 1 – 6

Boom Studios, 2020

Hinweise

Homepage von Maria Llovet

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer“ (Batman: Gotham Knights #8, 2000; Batman # 620 – 625, 2003/2004; Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011; Wednesday Comics # 1 – 12, 2009)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 1“ (Batman: Damned # 1, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 2“ (Batman: Damned # 2, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 3“ (Batman: Damned 3, 2019)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine – Band 1“ (Moonshine, Volume 1, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine: Band 2“ (Moonshine, Volume #2, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman/Deathblow: Nach dem Feuer“ (Batman/Deathblow: After the Fire #1 – 3, 2002)


„Schwarzes Gold“, „Marseille.73“ – Die ersten Fälle von Dominque Manottis Commisaire Théo Daquin

Januar 13, 2021

Am 11. März 1973 trifft Commisaire Théodore ‚Théo‘ Daquin in Marseille ein. Vorher war der Siebenundzwanigjährige, nach seinem mit Bravour bestandenem Studium und der Polizeihochschule, die er als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen hat, ein Jahr in Beirut beim Sicherheitsdienst der Botschaft. Jetzt leitet er erstmals eine Einheit bei der Kriminalpolizei. Und diese Zusammenarbeit wird, das kann jetzt schon gesagt werden, erfreulich reibungslos und professionell verlaufen. Außerdem sind die drei Ermittler erfreulich unbelastet von persönlichen psychischen Problemen.

Daquin hat an seinen neuen Arbeitsplatz noch nicht die überlebenswichtige Expressomaschine angeschlossen, da haben er und sein Team, Inspecteur Grimbert und Inspecteur Delmas, ihren ersten Fall. Sie sollen den Mordfall Belle de Mai bearbeiten. Der Mord ist ein weiterer Mord in einem gerade stattfindendem Gangsterkrieg um die Nachfolge im Guérini-Clan. Für Daquin sind die Ermittlungen eine gute Gelegenheit, seinen neuen Einsatzort und die örtliche Verbrecherszene kennen zu lernen.

Wenige Stunden später wird der Unternehmer Maxime Pieri vor einem Casino auf offener Straße erschossen. Der Mörder kann auf einem Motorrad entkommen. Die Tat ist so inszeniert, dass sie eine eine Botschaft senden soll. Der Ermordete wurde von Emily Frickx begleitet. Sie wurde nicht verletzt. Ihr Ehemann Michael Frickx ist der Leiter des europäischen Büros einer großen amerikanischen Handelsfirma für Erze. Er machte öfter Geschäfte mit Pieri.

Pieri leitete das Seefrachtunternehmen Somar, das zuletzt Erdöl über das Mittelmeer transportierte und dabei die großen Ölkonzerne, die den Markt aufgeteilt haben, umgeht. Er hoffte auf große Gewinne am sich wandelnden Ölmarkt. Bevor Pieri bürgerlich wurde, organisierte er für die Guérinis den Heroinschmuggel. Auch seine aktuellen Geschäfte sind, wie die Ermittler schnell erfahren, nicht hunderprozentig legal.

Aufgrund einer rechtstechnischen Formalie haben Daquin, Grimbert und Delmas im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens ein Zeitfenster von vierzehn Tagen, in denen sie bei ihren Ermittlungen freie Hand haben. Diese Freiheit nutzen sie bei ihren Ermittlungen weidlich aus.

In „Schwarzes Gold“ erzählt Dominque Manotti den ersten großen Fall von Théo Daquin, der bereits in mehreren ihrer Romane (die chronologisch nach „Schwarzes Gold“ spielen) auftrat. 1973 ist er noch jung an Lebensjahren, aber er hat schon die Ruhe und Lakonik eines alten Mannes. Schnell erkennt der unbestechliche Ermittler, welche Rolle er spielen soll und wo seine Position in diesem Spiel ist. Er füllt sie aus und nutzt die Chancen, die sich ihm bieten.

Die von Manotti in ihrem gewohnt schnörkellosen Ton erzählte Noir-Geschichte ist dann ein Wirtschaftskrimi à la Eric Ambler.

Wenige Monate später haben Daquin und sein Team von der Brigade Criminelle ihren nächsten großen Fall. Es beginnt mit einer Amtshilfe für die Kollegen in Toulon. Die haben einige Mitglieder der rechtsterroristischen UFRA, der „Vereinigung französischer Algerienheimkehrer“, verhaftet. Bei ihnen wurden Adressen aus Marseille gefunden. Einige UFRA-Mitglieder sind Polizisten oder mit Polizisten befreundet. Daquin, Grimbert und Delmas sollen die Anfrage benutzen, um unauffällig ein Bild der Marseiller UFRA zu erstellen. Dass ihr Lagebild nicht zur Bekämpfung der UFRA benutzt werden soll, ahnt Daquin schnell.

Ihre langsam beginnenden Ermittlungen spielen vor dem Hintergrund mehrerer, sich gegenseitig hochschaukelnder rassistischer Taten und einer rassistisch motivierten Mordserie. So wird der sechzehnjährige Malek Khider in seinem Viertel erschossen. Während die Police Urbaine extrem schlampig die Beweise am Tatort sammelt und dabei (und danach) Beweise vernichtet, beginnt Daquin mit ernsthaften Ermittlungen. Schnell sind er und sein Team überzeugt, dass dieser Mord und ihre Ermittlungen gegen die regionale UFRA-Zweigstelle miteinander zusammen hängen.

Es ist auch die Zeit, als der Korpsgeist und ein gut etabliertes korruptes System von Abhängigkeiten und Gefälligkeiten in Marseille und in der dortigen Polizei herrschte. Das ist jetzt von innen und außen gefährtet. Denn der Dicke Marcel, ein Brigadier, ohne dessen Wissen und Zustimmung nichts bei der Police Urbaine geschieht, wird alt. Seine Macht bröckelt. Gleichzeitig initiert ein rühriger junger Anwalt eine Protestbewegung und eine Klage, die zu einem Prozess gegen den Mörder von Malek Khider führen soll. Und der Mörder ist ein Polizist.

Diese Proteste gegen eine rassistische Polizei und eine untätige Justiz stehen im Zentrum von „Marseille.73“. Daquin und sein Team stehen da weitgehend am Spielfeldrand einer historisch verbürgten rassistischen Mordserie. Während den Ermittlugen fragt Daquin sich, wie lange er in Marseille bleiben kann und will. Denn er möchte nicht Mitglied eines Systems werden, in dem rassistische Polizisten ungestraft Ausländer, wozu auch aus den ehemaligen Kolonien, wie Algerien, kommende Menschen gehören, ermorden können.

Marseille.73“ ist das fast wie eine Reportage geschriebene Porträt einer korrupten Polizei und das damals alltäglichen Rassismus. Der Noir ist dann ein Copthriller à la James Ellroy, bevor er in Verschwörungstheorien abtauchte.

Schwarzes Gold“ und „Marseille.73“ sind zwei gewohnt lesenswerte und aufklärerische Noirs von Dominique Manotti, die vollkommen unabhängig voneinander gelesen werden können. Beide Noirs sind erhellende und aufklärerische Blicke in die Vergangenheit; wobei gerade bei „Marseille.73“ die Verbindungen zur Gegenwart leicht zu ziehen sind.

Am 7. Oktober 1973, wieder ein Sonntag, verläßt Daquin Marseille. Sein Urteil über die Hafenstadt ist wenig schmeichelhaft, aber nachvollziehbar: „Die Stadt stinkt vor Straflosigkeit und Gewalt. Straflosigkeit gebiert Gewalt.“

Dominique Manotte: Schwarzes Gold

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2016

384 Seiten

19 Euro

Die Taschenbuchausgabe erschien im Juli und kostet 14 Euro.

Originalausgabe

Or noir

Éditions Gallimard, Paris, 2015

Dominique Manotti: Marseille.73

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2020

400 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

Marseille 73

Éditions Les Arènes, Paris, 2020

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Abpfiff“ (Kop, 1988)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Kesseltreiben“ (Racket, 2018)


„Breathtaker: Liebe, Tod, Sex, Macht“ und eine Prise hemmungslos übertriebene Gewalt

Januar 8, 2021

Wer als Mann Chase Darrow begegnet, ist verloren. Jeder Mann, der sie trifft, verliebt sich unsterblich in sie und ist ihr bis zum Tod hoffnungslos verfallen. Dieser Tod tritt für den Mann oft schneller als erwartet ein. Denn mit jedem Kuss raubt sie ihm seine Lebenskraft. Darrow ist allerdings kein Vampir, sondern eine von der US-Regierung erfundene Waffe, die als Spionin eingesetzt wird. Sie ist eine Über-Mata-Hari. Dass sie nur Männer wuschig macht, liegt wohl in erster Linie daran, dass „Breathtaker: Liebe, Tod, Sex, Macht“ im Original bereits 1990 bei DC Comics erschien. Der von Autor Mark Wheatley und Zeichner Marc Hempel geschaffene vierteilige Comic wurde 1994 bei Vertigo als Sammelband veröffentlicht und ist jetzt in einer deutschen Übersetzung erschienen. Mit sehr viel Bonusmaterial.

Nachdem Darrow den vermögeden Paul Raymond getötet hat und spurlos verschwunden ist, ist die Jagd auf sie eröffnet. Gejagt wird sie von „The Man“, der den Beteuerungen von Raymonds Sohn, dass Darrow eine überaus liebevolle, um das Wohl ihres Vaters aufrichtige bemühte Frau war, nicht glaubt. Er hält sie für eine Serienmörderin. Er ist eine ebenfalls von der US-Regierung erfundene Waffe.

The Man ist der unkaputtbare und bei seinen Missionen viel kaputtmachende Held, der sogar eine eigene TV-Show hat, die von seinen Heldentaten erzählt. Seit er bei seiner letzten Heldentat unter anderem einen Mord vor laufender Kamera begangen hat, ist sein Image beschädigt. Es wird sogar über eine Absetzung seiner zuletzt quotenschwachen Show geredet.

Beide Figuren sind natürlich hemmungslos überzeichnete Pulp-Charaktere. Beide gehen so unverhohlen ihren Trieben nach, dass eine mehr als satte Portion Sex und Gewalt garantiert ist. Das war damals, als Frank Miller mit „Batman – Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ und Alan Moore/Dave Gibbons mit „Watchmen“ für eine Neuinterpretation des Superheldengenres sorgten und Tim Burtons „Batman“-Film die bahnbrechende Comicverfilmung war, sicherlich aufregender als heute, wo solche Entmystifizierungen und Neuinterpretationen nicht mehr schockieren.

Bei „Breathtaker“ fallen zuerst die Zeichnungen auf. Sie sind satirisch überspitzt, nie um eine platte Abbildung der Realität bemuht und manchmal ins Surrealistische gehend.

Die sich fast zweihundert Seiten entfaltende Geschichte ist sehr skizzenhaft. Wirklich interessante Punkte werden ignoriert oder nicht weiter vertieft. Dazu gehören die nur manchmal aufblitzende Medienkritik und die bestenfalls skizzierten Hintergründe zur Entstehung von Darrow und The Man. Dagegen wird sich über Seiten in Gewalt und Sex gebadet.

Die deutsche Ausgabe enthält neben dem Comic eine Einleitung von Neil Gaiman (von 1994), ausführliche Informationen von Mark Wheatley und Marc Hempel zur Entstehung, damals entstandene Skizzen und Zeichnungen und, brandneu, den 28-seitigen Comic „Make Way for The Man # 138“, der eine Geschichte zu Ende erzählt, die in „Breathtaking“ auch einmal im Bild ist. Denn „The Man“ hat neben der Reality-Show auch eine Comicreihe.

Mark Wheatley/Marc Hempel: Breathtaker: Liebe, Tod, Sex, Macht

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult, 2020

250 Seiten

30 Euro

Originalausgabe

Breathtaker: Love, Death, Sex, Power, # 1 – 4

DC Comics 1990

als Sammelband

Vertigo, 1994

Hinweise

Wikipedia über Mark Wheatley, Marc Hempel und „Breathaker“


Eine „Schwere Körperverletzung“ von Ted Lewis

Januar 4, 2021

Das war ein gelungenes Weihnachtsgeschenk von Frank Nowatzki. Kurz vor Weihnachten überreichte mir mein Postbote ein Paket von Pulp Master mit zwei schon lange angekündigten Büchern: nämlich die Übersetzung von Tom Franklins „Wilderer“ (sein Debüt; eine Sammlung von Kurzgeschichten) und die Neuausgabe von Ted Lewis‘ „Schwere Körperverletzung“; in einer neuen Übersetzung. Der Krimi erschien 1990 in Nowatzkis vorherigem Verlag „Black Lizard“ und ist, wie alle „Black Lizard“-Bücher, schon seit Ewigkeiten nicht mehr regulär erhältlich.

Ted Lewis ist einer der großen britischen Noir-Autoren. Sein bekanntester Roman ist „Jack Carters Heimkehr“ (bzw. „Jack rechnet ab“) (Jack’s return home, später Get Carter) von 1970. Der Noir wurde dreimal verfilmt: einmal 1971 von Mike Hodges mit Michael Caine als Jack Carter. Der Gangsterkrimi ist ein Klassiker. Einmal 2000 von Stephen Kay mit Sylvester Stallone als Jack Carter. Der Film ist überflüssiger Mist. Und einmal 1972 von George Armitage („Miami Blues“, „Grosse Pointe Blank“) mit Bernie Casey als Jack Carter, der hier Tyrone Tackett heißt. Die Rachegeschichte wurde ins afroamerikanische Milieu verlegt. Der Film wurde bei uns nur auf Video in einer gekürzten Fassung veröffentlicht.

Nach „Jack Carters Heimkehr“ schrieb Lewis zwei weitere Romane mit Jack Carter, „Jack Carters Gesetz“ (Jack Carters Law, 1974) und „Jack Carters Wut“ (Jack Carter and the Mafia Pidgeon, 1977), die ebenfalls nicht mehr auf Deutsch erhältlich sind und wieder veröffentlicht werden könnten. Denn es sind verdammt spannende, düstere Gangsterromane.

Schwere Körperverletzung“ war dann der letzte Roman von Ted Lewis, der nicht ganz so gut wie seine Jack-Carter-Trilogie ist. Lewis starb 1982 mit zweiundvierzig Jahren.

In dem 1980 erschienenem Noir erzählt Ted Lewis die Geschichte von George Fowler. Der Gangster hat sich nach Mablethorpe zurückgezogen. In dem langweiligen Küstenkaff will er in Ruhe abwarten, bis sich der Staub über den letzten Gangsterkrieg gelegt hat. Während er, immer einen Drink in der Hand, die Seeluft geniest, erinnert er sich an sein Leben als skrupelloser Gangster in London. Aus diesen Erinnerungen entsteht ein Bild des Verbrechens in London in den siebziger Jahren, als Pornographie in Großbritannien illegal und damit ein großes Geschäft war. Schnörkel- und illusionslos erzählt Ted Lewis das.

Gleichzeitig wird Fowler, während er sich an die erkleckliche Zahl seiner Feinde erinnert, zunehmend paranoid. Denn er glaubt, dass sie nach Mablethorpe kommen werden, um ihn zu töten. Als Gangster der alten Schule bereitet er sich auf dieses Gefecht vor.

Für Noir-Fans und Fans von Gangsterkrimis ist „Schwere Körperverletzung“ eine klare Leseempfehlung.

Und nun zum Verlag:

Vor einigen Tagen veröffentlichte Bob Sala ein sehr informatives Verlagsporträt:

Auf der „demnächst erscheinen“-Liste stehen bei Pulp Master aktuell Les Edgerton „Primat des Überlebens“ und „Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping“ (toller Titel), Gerald Kersh „Hirn und zehn Finger“, Dave Zeltserman „Alles endet hier“, Derek Raymond „Er starb mit offenen Augen“ (eine Neuausgabe), Paul Cain „Ansturm auf L. A.“ (dito), Garry Disher „Moder“ (ein neuer Wyatt-Roman), Mark SaFranko „Amerigone“, Buddy Giovinazzo „Keiner lebt hier“ (endlich ein neuer Roman) und Jim Nisbet „Powerball“. Für Noir-Fans ist das eine schöne Mischung alter und neuer Autoren und Bücher.

Ted Lewis: Schwere Körperverletzung

(neu übersetzt von Angelika Müller)

Pulp Master, 2020

352 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

GBH

Sphere, 1980

Hinweis

Wikipedia über Ted Lewis 


Die besten Bücher und Filme 2020

Januar 1, 2021

Was waren die besten und schlechtesten Filme, die ich 2020 gesehen habe und die auch einem breiten Publikum präsentiert wurden? Diese etwas verschwurbelte Frage sagt, dass ich auch Filme in die Auswahl nehme, die im Kino laufen sollten und dort nicht (siehe Disneys „Mulan“ oder, mit Tom Hanks, „Der wunderbare Mr. Rogers“ [A beautiful day in the neighborhood], der kürzlich fast unbemerkt auf DVD veröffentlicht wurde) oder nur wenige Tage (siehe die Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“ oder der deutsche Oscar-Kandidat „Und morgen die ganze Welt“) liefen. Umgekehrt sind Filme, die ich bereits gesehen habe und die 2020 nicht in die Kinos kamen (zum Beispiel „Sky Sharks“ und die Billie-Holiday-Doku „Billie“, die beide an Weihnachten hätten anlaufen sollen), nicht in der Auswahl. Vielleicht 2021.

Was waren die besten Bücher, die ich 2020 gelesen habe? Schlechte Bücher habe ich eigentlich nicht gelesen. Während ich bei einem Film selbstverständlich bis zum Abspann aushalte (vor allem, wenn ich im Kino sitze), höre ich bei einem schlechten Buch mit dem Lesen schon viel früher auf. Und weil ich 2020 auch einige Bücher gelesen habe, die schon lange bei mir herumlagen und bei denen ich aus dem einen oder dem anderen Grund nie zum Lesen kam, sind auch alte Bücher in der engeren Auswahl.

Beginnen wir mit den Filmen.

Viele Filme, die ich in meine erste Auswahl aufnahm, hätten es in einem normalen Kinojahr nicht auf die Liste geschafft. Das liegt teilweise an der Qualität des Films („Tenet“ ist halt nur ein uralter James-Bond-Film mit Zeitreise-Schnickschnack; „Undine“ ist gut, aber auch der Film von Petzold, der mich am wenigsten berührt.). Das liegt aber auch daran, dass ich viele Filme allein zu Haus als Stream gesehen habe. Da fehlt die große, den Blick weitende und Details zeigende Leinwand, die die Schauspieler zu Riesen macht. Der Computerbildschirm verengt dagegen den Blick und verkleinert die Schauspieler zu Zwergen. Bei einem wirklich guten Film ist das egal. Aber alle Filme, die nicht gerade ein Meisterwerk oder eine Totalkatastrophe sind, beeindrucken auf dem Bildschirm weniger als auf der Leinwand. Im Zweifelsfall habe ich den Film dann in die erste Auswahl aufgenommen.

Und es fehlt das Gespräch nach dem Film. Nachdem man sich den Film gleichzeitig mit anderen Menschen angesehen und zusammen gelacht oder geweint hat. Oder sich über die schreckhafte Dame amüsierte.

Deshalb wird es Kinos weiterhin geben. 

Nach dieser langen Vorrede komme ich zu meinem dreckigen Dutzend 2020, sortiert nach den Startterminen:

  1. Kajillionaire
  2. Vergiftete Wahrheit
  3. Eine Frau mit berauschenden Talenten (nach dem Roman „Die Alte“ von Hannelore Cayre)
  4. Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra
  5. Der Fall Richard Jewell
  6. Für Sama (für alle, die gerade panisch Listen mit Erste-Welt-Problemen, wie dem befürchteten Mangel an Klopapier, erstellen)
  7. Intrige (basierend auf einem tollen historischen Roman von Robert Harris über die Dreyfus-Affäre)
  8. Little Women (noch eine Romanverfilmung)
  9. Sorry we missed you
  10. Die Wütenden – Les Misérables
  11. 1917
  12. Queen & Slim (lief am 9. Januar 2020 an und ist damit für diese Liste qualifiziert)

     

Erfreulich war, dass die beiden neuen, sehr persönlichen Filme von Abel Ferrara, “Siberia” und “Tomasso und der Tanz der Geister”, einen Kinostart erhielten.

Ebenso erfreulich war, dass Terrence Malick mit “Ein verborgenes Leben” wieder etwas zum erzählenden Kino zurückkehrte.

Die zehn schlechtesten Filme des Jahres 2020:

entfällt

Nicht, dass ich nicht auf zehn schlechte Filme kommen könnte (ich sage nur „Bloodshot“), aber dann kämen auch Filme auf die Liste, die nicht so wirklich schlecht sind.

Die zehn besten 2020 in Deutschland erschienenen Romane (und schon sind Comics, Sachbücher, ältere Bücher von Ken Bruen, Klassiker und im Original gelesene Bücher [so lese ich im Moment zum ersten Mal alle von Sir Arthur Conan Doyle geschriebenen Sherlock-Holmes-Geschichten im Original] draußen); in alphabetischer Sortierung:

  1. Hannelore Cayre: Die Alte (formidabel verfilmt)
  2. Lee Child: Der Ermittler – Ein Jack-Reacher-Roman
  3. Horst Eckert: Im Namen der Lüge
  4. Katherine Faw: Young God
  5. Sam Hawken: Vermisst
  6. Anthony Horowitz: James Bond: Ewig und ein Tag (und danach geht es mit seinen beiden Hawthorne-Krimis „Ein perfider Plan“ und „Mord in Highgate“ weiter)
  7. Dominique Manotti: Marseille.73
  8. Sara Paretsky: Altlasten
  9. Mercedes Rosende: Falsche Ursula
  10. Wallace Stroby: Zum Greifen nah

So sehen die Listen im Moment aus.


Fremde Welten: Alan Moores „Die Ballade von Halo Jones“

Dezember 29, 2020

Halo Jones lebt im ‚Ring‘. Diese im 50. Jahrhundert in der Nähe vom heutigen Manhattan liegende Welt ist ein futuristischer Slum, in dem schon ein Einkaufsbummel eine Selbstmordmission ist. Jones ist 18 Jahre, arbeitslos und ohne eine wirkliche Perspektive auf einen Job oder irgendeine Art von Leben, die mehr als den Tag überleben ist. Zusammen mit einigen Freundinnen und einem Roboterhund haust sie in einer Wohneinheit. Diese muss sie jetzt verlassen, um Lebensmittel einzukaufen.

Ursprünglich erschien „Die Ballade von Halo Jones“ ab Juli 1984 in dem britischen Comicmagazin „2000 AD“ als einer Serie fünf- bis sechsseitiger Episoden. Im ersten „Halo Jones“-Sammelband, der jetzt auf Deutsch erschien, sind die ersten zehn Episoden versammelt. Sie machen uns mit der Welt des Rings bekannt, erzählen die Geschichte dieser Shoppingtour und lassen in Jones die Erkenntnis reifen lassen, dass sie den Ring verlassen muss.

Die Ballade von Halo Jones“ gehört zu den Frühwerken von Alan Moore. Damals schrieb er auch, ebenfalls für „2000 AD“, die von ihm erfundenen Serien „Abelard Snazz“, „D. R. & Quinch“ und „Skizz“ und zahlreiche Geschichten für „Future Shocks“. Sein legendärer Comic „Watchmen“, in dem er, zusammen mit Dave Gibbons, das Superheldengenre neu definierte und gleichzeitig eine deutlich vom Thatcher-England inspirierte Dystopie und der damaligen Ängste in westlichen kapitalistischen Gesellschaften erfand, erschien etwas später.

In der „Ballade von Halo Jones“ geht es um „Schiffe, Schicksen und Shoppen“ (Alan Moore). Oder etwas höflicher formuliert, um eine normale Frau in einer unnormalen Welt und ohne die normalen „2000 AD“-Zutaten, die primär Männer, Waffen und Gewalt waren. „Judge Dredd“ dürfte die allgemein bekannteste, bereits 1977 gestartete „2000 AD“-Serie sein.

Jetzt erschien, anscheinend zum ersten Mal auf Deutsch, der erste „Halo Jones“-Sammelband bei Panini Comics in einer großformatigen Ausgabe.

Der zweite Band ist für den 23. Februar 2021 angekündigt.

Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzo: Die Ballade von Halo Jones – Band 1

(übersetzt von Timothy Stahl)

Panini, 2020

64 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Ballad of Halo Jones

Rebellion 2000 AD, 1984

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch) und über „Die Ballade von Halo Jones“ 

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows’ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century“ (The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009; 2009/2011/2012)

Meine Besprechung von Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrads „Spawn: Bloodfeud – Blutfehde“ (Spawn: Blood Feud, 1995)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister“ (Nemo: River of Ghosts, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Providence – Band 1“ (Providence, #1 – 4, 2015)


Fremde Welten: Der Comic „Alien: Die Urfassung“

Dezember 28, 2020

Den Science-Fiction-Horrorfilm „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ über die Besatzung eines Frachtschiffs, die während des Raumflugs aus dem Tiefschlaf geweckt wird, einem Funksignal folgt, auf einem Planeten ein havariertes Alien-Raumschiff entdeckt, aus dem Schiff ein fremdes Lebewesen an Bord bringt und, weil dem Alien jeglicher Respekt vor dem menschlichen Leben fehlt, bis zur letzten Filmminute um ihr überleben kämpft, kennen alle. Er machte 1979 Regisseur Ridley Scott und Hauptdarstellerin Sigourney Weaver zu Stars. Bis 1997 gab es drei weitere „Alien“-Filme, die, immer mit Weaver in der Hauptrolle, von James Cameron, David Fincher und Jean-Pierre Jeunet inszeniert wurden und die Geschichte der einzigen Überlebenden des Frachtschiffs Nostromo eigenständig weiter erzählten.

Ab 2012 wandte Ridley Scott sich mit „Prometheus – Dunkle Zeichen“ und „Alien: Covenant“ wieder der „Alien“-Welt zu – und diese Filme vergessen wir besser.

Viele dürften auch Alan Dean Fosters Romanversion von „Alien“ kennen. Sie gehört zu den wirklich lesenswerten Filmromanen.

Fast niemand kannte dagegen bis jetzt die frühen Drehbuchversionen für „Alien“. Ein Drehbuch ist vor allem eine Gebrauchsanweisung für die am Film beteiligten Personen, die sich während des Produktionsprozesses immer wieder, mehr oder weniger stark, verändert. Nur die wenigsten Drehbücher stoßen außerhalb eines kleinen Kreises von Hardcore-Cineasten und Drehbuchautoren auf ein wahrnehmbares öffentliches Interesse.

Christiano Seixas (Skript der Adaption) und Guilherme Balbi (Zeichner) nahmen sich jetzt eine frühe Version des Drehbuchs von Dan O’Bannon für „Alien“ vor und ‚inszenierten‘ es als Comic. Weil bei dieser Version das Aussehen der Aliens noch unklar war (HR Giger war noch nicht engagiert) und zum Geschlecht der Besatzung der Snark (so heißt das Frachtschiff Nostromo im Comic) nur stand, dass sie sowohl Männer als auch Frauen sein könnten (yep, Sigourney Weaver war damals ebenfalls noch nicht engagiert), hatten Seixas und Balbi die Freiheit, eigene Bilder zu erschaffen. Damit ist „Alien: Die Urfassung“ auf visueller Ebene eine mögliche andere Interpretation der Geschichte. Bei der Geschichte selbst gibt es Änderungen, die vor allem den genauen Kennern des Films auffallen werden und deshalb hier nicht verraten werden sollen.

Die jetzt vorliegende „Urfassung“ ist eine gelungene und für „Alien“-Fans interessante Interpretation der bekannten Geschichte, die auch in dieser Version hochspannend ist.

Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbi: Alien – Die Urfassung

(übersetzt von Christian Heiss)

Cross Cult, 2020

112 Seiten

30 Euro

Limitiert auf 999 Exemplare

Originalausgabe

Alien: The Original Screenplay # 1 – 5

Dark Horse Books, August – Dezember 2020

Hinweise

Homepage von Christiano Seixas

Homepage von Guilherme Balbi

Wikipedia über „Alien“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 27. Dezember (+ Buchbesprechung + Neuigkeiten): Kingsman: The Secret Service

Dezember 26, 2020

Pro 7, 20.15

Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service, 2012/2013 (Secret Service)

High-Tech-Genie Valentine hat einen teuflischen Plan, um die Weltbevölkerung radikal zu verkleinern. Ein Job für die Kingsman, einer ultrageheimen globalen Agentenorganisation, die ihr Quartier sehr stilbewusst in einem noblen britischen Herenbekleidungsgeschäft hat. Dort ist, nach dem Tod eines Agenten, ein Job vakant. Kingsman Harry Hart schlägt Gary „Eggsy“ Unwin, einen kleinkriminellen Taugenichts aus der Unterschicht, als künftiges Mitglied vor. Man müsse schließlich mit der Zeit gehen.

Grandiose, witzige, äußerst stilbewusste, vespielte und auch sehr brutale Liebeserklärung an die alten James-Bond-Filme, die mit einem ordentlichen Portion Comic-Ästhetik ins 21. Jahrhundert geholt werden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Colin Firth, Samuel L. Jackson, Mark Strong, Taron Egerton, Michael Caine, Sofia Boutella

Wiederholung: Montag, 28. Dezember, 01.00 Uhr (Taggenau! – Und dann wahrscheinlich ungekürzt)

Die Vorlage

Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2013

172 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Secret Service # 1- 6

Millarworld, Juni 2012 – April 2013

Mehr von Eggsy

Jagd auf Red Diamond“ ist schon vor einiger Zeit erschienen und mein ursprünglicher Plan war, den von Rob Williams (Autor) und Simon Fraser (Zeichner) geschriebenen Comic im Zusammenhang mit dem neuen „Kingsman“-Film zu besprechen.

In dem Comic ist Eggsy inzwischen ein Kingsman. Aber nachdem er bei seinem letzten Einsatz den Duke of Edinburgh verprügelte, wird er beurlaubt. Kurz darauf gibt es ein Lebenszeichen des genialen Hacker Alias und weil gerade alle anderen Kingsman-Agenten im Einsatz sind, kehrt Eggsy zurück. Als er den Hacker schnappt, erfährt er, dass Red Diamond mit einem Virus alle Computer abschalten und so die vordigitale Welt wieder zurückholen will.

Williams und Fraser knüpfen gelungen an den Comic „Secret Service“ von Mark Millar und Dave Gibbons, der die Vorlage für Matthew Vaughns Film war, an. „Jagd auf Red Diamond“ ist ein schöner Spaß und eine gelungene Überbrückung für die Fans der Kingsman.

Rob Williams/Simon Fraser: Kingsman: Jagd auf Red Diamond

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

156 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Kingsman: The Red Diamond # 1 – 6

September 2017 – Februar 2018

Demnächst im „Kingsman“-Universum

Eigentlich sollte der dritte „Kingsman“-Film bereits vor einigen Monaten im Kino laufen. Daraus wurde nichts. Jetzt soll „The King’s Man – The Beginning“ am 11. März 2021 starten; was ich für einen seh ambitionierten Starttermin halte. Ich gehe eher von einem Start Ende März oder im April aus.

Über den Inhalt ist nur bekannt, dass er eine Geschichte aus den Anfängen der „Kingsman“ erzählt. Mit viel Action, Explosionen, großer Starbesetzung und wieder von Matthew Vaughn inszeniert.

Außerdem sind geplant: ein dritter regulärer „Kingsman“-Film (der damit an „The Secret Service“ und „The Golden Circle“ anschließt, ein Film mit den „Statesman“, der aus dem zweiten „Kingsman“-Film „The Golden Circle“ bekannten US-amerikanischen Bruderorganisation, und eine achtstündige TV-Miniserie.

Da fehlt eigentlich nur noch eine Romanserie.

The King’s Man – The Beginning (Großbritannien/USA 2021)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Matthew Vaughn, Karl Gajdusek (nach einer Geschichte von Matthew Vaughn)

mit Harris Dickinson, Gemma Arterton, Matthew Goode, Aaron Taylor-Johnson, Ralph Fiennes, Stanley Tucci, Charles Dance, Daniel Brühl, Djimon Hounsou, Rhys Ifans, Tom Hollander, Alexandra Maria Lara

Hinweise

Britische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kingsman“

Metacritic über „Kingsman“

Rotten Tomatoes über „Kingsman“

Wikipedia über „Kingsman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Olivier Coipels „The Magic Order“ (The Magic Order # 1 – 6, 2018/2019)

Mein Besprechung von Mark Millar/Wilfredo Torres‘ „Jupiter’s Circle“ (Jupiter’s Circle # 1 – 6, 2015; Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6, 2015/2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerques „Prodigy: Die böse Erde“ (Prodigy: The evil earth # 1 – 6, 2019)

Meine Besprechung von Mark Millar/Simone Bianchis „Sharkey the Bounty Hunter – Krawall im All“ (Sharkey the Bounty Hunter # 1 – 6, 2020)


Captain Future „Jenseits der Sterne“ „Im Zeitstrom verschollen“

Dezember 23, 2020

Captain Future ist ein Mann der Wissenschaft. Auf dem Mond forscht Curtis Newton, so sein bürgerlicher Name, in seinem Labor emsig mit seinem Team. Das besteht aus Professor Simon Wright, einem in einem Spezialbehälter lebendem Genie-Gehirn, Android Otho, der seine Gestalt verändern kann, und Roboter Grag, der gerne ein Mensch wäre. Sie sind auch fremde Welten erforschende und rettende Abenteurer. Newton dürfte jüngere Semester spontan an „Iron Man“ Tony Stark erinnern.

Allerdings wurde Curtis Newton bereits 1940 von Edmond Hamilton erfunden. In den nächsten Jahren schrieb Hamilton 24 „Captain Future“-Geschichten für das „Captain Future Magazine“ und, später, „Startling Stories“. Er schrieb zwischen 1940 und 1951 fast alle „Captain Future“-Geschichten. Und er ist mit diesen damals und heute immer noch sehr populären Abenteuergeschichten einer der Erfinder der Space Opera.

Seit einigen Jahren veröffentlicht der Golkonda Verlag Hamiltons „Captain Future“-Geschichten in sehr liebevollen Ausgaben. Die Romane werden neu, vollständig und gut übersetzt. Außerdem werden die Zeichnungen und das mit Captain Future zusammenhänge Bonusmaterial aus dem „Captain Future Magazine“ abgedruckt.

Jetzt sind im Rahmen dieser Neuausgabe der achte und neunte „Captain Future“-Roman „Im Zeitstrom verschollen“ und „Jenseits der Sterne“ erschienen.

Als Curtis Newton in „Im Zeitstrom verschollen“ von einem schon vor Millionen Jahre von dem sich damals zwischen Mars und Jupiter befindendem Planeten Katain an zukünftige Generationen gesendeten Hilferuf erfährt, macht er sich mit Simon Wright, Grag und Otho auf den Weg in die Vergangenheit. Denn er hat kürzlich ein Gerät erfunden, mit dem Zeitreisen möglich sind. In der Vergangenheit stolpert er in einen interplanetaren Konflikt und er hat eine Idee, wie er Katain vor der Zerstörung retten kann. Dafür muss er noch weiter in die Vergangenheit unseres Sonnensystems reisen.

in „Jenseits der Sterne“ verspricht Curtis Newton den Bewohnern des Planeten Merkur, dass er ihnen beim Überleben auf ihrem Planeten helfen wird. Die Merkurianer verbrauchen mehr Luft und Wasser als der Atmosphärenwandler produziert. Es muss also eine Möglichkeit gefunden werden, unbegrenzte Mengen an Sauerstoff und Wasser aus dem Nichts zu gewinnen. Die Lösung für das Problem könnte in der legendären Wiege der Materie liegen. Sie soll viele Lichtjahre entfernt in einer anderen Galaxie liegen. Falls es sie überhaupt gibt.

Mit dem von ihm erfundenen Vibrationsantrieb, der Flüge mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit ermöglicht, brechen er und seine drei Gefährten zur Wiege der Materie auf. Dort, ihr ahnt es, stolpert er in einen veritablen Krieg zwischen verschiedenen Fraktionen, die nicht immer edle Absichten mit den Möglichkeiten der Wiege der Materie haben. Schließlich verleiht sie ihrem Besitzer unbegrenzte Macht.

Beide Romane sind wundervoll naive Geschichten fernab jeglicher Wirklichkeit, die fröhlich die amerikanische Mentalität vom Einzelgänger, der die Welt rettet, huldigt.

Schließlich wissen wir heute, dass in unserem Sonnensystem die anderen Planeten nicht bewohnt sind. Eigentlich sind alle wissenschaftlichen Theorien, die in den Romanen mit heiligem Ernst präsentiert werden, wundervoller Unfug. Um die bei Zeitreisen auftauchenden Probleme wird sich in „Im Zeitstrom verschollen“ nicht gekümmert. Letztendlich ist diese Zeitreise in die Vergangenheit nur ein Gimmick, der es Edmond Hamilton im Rahmen einer sich strikt chronologisch fortbewegenden Geschichte ermöglicht, einige Planeten zu zerstören. Bis dahin spielten die „Captain Future“-Geschichten in unserem Sonnensystem. Das Leben im Weltraum auf den fremden Planeten erinnert dann doch eher an die Vergangenheit, als Schatzsucher in Südamerika El Dorado, die sagenumwobene irgendwo und nirgendwo liegende Stadt aus Gold, suchten oder von Dorf zu Dorf, von Herrschaftsbereich zu Herrschaftsbereich, zogen, in Probleme gerieten und kämpften. Die Verständigung zwischen den Weltraumabenteurern und den Bewohnern fremder Planeten ist kein Problem, weil auf allen Welten mehr oder weniger Englisch oder eine mit dem englischen verwandte Sprache gesprochen wird. Auf den von unseren Helden besuchten Planeten gibt es einen gut gepflegten Hang zum antiken Kitsch, den wir auch aus „Flash Gordon“ kennen und der seit Jahrzehnten liebevoll in dicken Büchern und Filmen gepflegt wird.

Das ist, wie gesagt, unterhaltsamer Unfug und gerade deshalb sind die beiden neuen „Captain Future“-Romane „Im Zeitstrom verschollen“ und „Jenseits der Sterne“ auch achtzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung ein immer noch gut lesbares Vergnügen.

Edmond Hamilton: Captain Future: Im Zeitstrom verschollen

(übersetzt von Frauke Lengermann)

Golkonda, 2020

208 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

The lost world of time

Captain Future Magazine, Herbst 1941

Edmond Hamilton: Captain Future: Jenseits der Sterne

(übersetzt von Maike Hallmann)

Golkonda, 2020

192 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Quest beyond the stars

Captain Future Magazin, Winter 1942

Hinweise

Wikipedia über Edmond Hamilton (deutsch, englisch) und Captain Future (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons “Captain Future: Die Herausforderung” (Captain Future’s Challenge, 1940)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons „Captain Future: Der Triumph“ (The Triumph of Captain Future, 1940)

Meine Besprechung von Hardy Kettlitz‘ „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ (2015)


„Die Insel des Dr. Moreau“ – dieses Mal als Comic

Dezember 16, 2020

Dr. Moreau – das dürfte allgemein bekannt sein – forscht im Pazifik auf einer einsamen Insel. Er will aus Tieren Menschen machen. Mit durchwachsenem Ergebnis.

H. G. Wells erfand diesen Dr. Moreau und erzählte in dem 1896 erschienenem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ die Geschichte dieses Wissenschaftler. Heute ist „Die Insel des Dr. Moreau“ ein Klassiker der Science-Fiction-Literatur und, wie meine wiederholte (?; ich weiß nicht, ob ich den Roman nicht schon einmal als Jugendlicher gelesen habe. In jedem Fall habe ich jetzt zum ersten Mal die englische Ausgabe gelesen.) Lektüre zeigt, ein immer noch gut lesbarer Roman. Wells treibt die Handlung unerbittlich voran, viele Dialoge und knappe Beschreibungen bestimmen die extrem schnörkellos geschriebene und kurze Geschichte.

Während andere SF-Klassiker inzwischen viel Patina angesetzt haben und damit auch eindeutig Kinder ihrer Entstehungszeit sind, ist „Die Insel des Dr. Moreau“ erstaunlich zeitlos und aktuell. Einerseits weil sich das Leben eines einsam auf einer Insel vor sich hin experimentierenden Forschers vor hundertzwanzig Jahren von dem eines heute oder in naher Zukunft einsam vor sich hin experimentierenden Forschers wenig unterscheidet: die Temperaturen sind tropisch, eine ständige Verbindung zur Außenwelt gibt es nicht und die in dem Labor benutzten Geräte sind für einen wissenschaftlichen Laien einfach Geräte in einem Labor. Nur die Computer sind neu.

Andererseits, und das ist der wichtigere Punkt, sind die Fragen, die H. G. Wells in seiner Geschichte stellt, heute immer noch relevant. Eigentlich sind sie heute sogar relevanter. Dank der Entwicklungen in der Gentechnik erscheint heute eine Verwirklichung von Dr. Moreaus Vision möglich und kurz vor ihrer Verwirklichung zu stehen. Damit ist die Frage, ob mit dem Erbgut experimentiert werden soll und welche Veränderungen an Lebewesen akzeptabel sind, heute aktueller denn je.

So sagt Ted Adams in einer in dem Comic enthaltenen Unterhaltung mit seinem Co-Autor Gabriel Rodriguez: „Die Frage, ob die Wissenschaft, nur weil sie etwas tun kann, das auch tun sollte – die ist jetzt sogar noch aktueller als zu der Zeit, als Wells das Buch geschriben hat.“

Rodríguez pflichtet ihm bei: „Genau das sollten sich Wissenschaftler fragen: Wie übernimmt man die Verantwortung für das, was man erreicht hat? Auf gewisse Weise spricht Wells in Moreau darüber, was geschieht, wenn wir ein fühlendes Wesen schaffen. Man nimmt ein Tier und macht es zum Menschen, und dann übernimmt man keine Verantwortung dafür. Wir werden uns in der allernächsten Zukunft mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen.“

Diese im Roman zentrale Frage rechtfertigt dann auch Comicversion der altbekannten Geschichte. Bis auf eine große Änderung (aus dem schiffbrüchigem Romanerzähler Edward Prendick wird Ellie Prendick) erzählen Ted Adams und Gabriel Rodrìguez die Geschichte getreu nach, verdichten sie sinnvoll und übertragen sie gelungen in ein anderes Medium. Für das Auge sind die meist doppelseitigen, detailreichen Panels mit den vielen von Dr. Moreau geschaffenen Kreaturen ein Fest.

Außerdem lädt die Adaption auch zur erstmaligen oder wiederholten Lektüre des Romans ein.

Auf die Verfilmungen kann man dagegen getrost verzichten. Bis jetzt wurde der Roman von Wells offiziell dreimal verfilmt. Und keine Verfilmung ist gelungen. Weder als Verfilmung noch als eigenständiger Film.

Neben der schon erwähnten Unterhaltung zwischen Adams und Rodríguez enthält „Die Insel des Dr. Moreau“ erstmals die blauen Bleistiftzeichnungen von Rodríguez (letztendlich handelt es sich um den Comic ohne Text und Farben) und die Covers der Einzelhefte.

Ted Adams/Gabriel Rodríguez: Die Insel des Dr. Moreau

(übersetzt von Josef Rother)

Panini, 2020

108 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

The Island of Dr. Moreau

IDW Publishing, 2020

Vorlage

H. G. Wells: The Island of Doctor Moreau

Heinemann, 1896

Deutsche Übersetzungen als „Dr. Moreaus Insel“ und „Die Insel des Dr. Moreau“.

Hinweise

Wikipedia über H. G. Wells‘ „Die Insel des Dr. Moreau“ (deutsch, englisch)


„Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ hat Geburtstag – und Bert Rebhandl schenkt ihm ein Buch

Dezember 3, 2020

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Filmkritiker Bert Rebhandl zeichnet in seinem pünktlich zu Godards neunzigstem Geburtstag erschienenen Biographie „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ Godards Leben und Schaffen chronologisch nach. Dabei gibt es drei Schwerpunkte: sein noch heute einflussreiches Werk in den sechziger Jahren, seine zwischen 1988 und 1998 entstandene mehrteilige Serie „Geschichte(n) des Kinos“ (Histoire(s) du cinéma) und sein Spätwerk; also die wenigen Filme, die er in den letzten zwanzig , dreißig Jahren veröffentlichte.

Er streift Godards Umgang mit seinen Schauspielern (oft sehr schwierig), das Zeigen nackter Frauen (ähem, das könnte, neben der intellektuellen Brillanz der Monologe und Dialoge, ein Grund für seine Beliebtheit bei jüngeren Zuschauern sein; davon abgesehen ebenfalls sehr schwierig, mit einer Tendenz zur Pornographie), seine Beziehungen zu jungen Frauen (man könnte sie übergriffig nennen) und seine, höflich formuliert, unklare Haltung zum Antisemitismus. Das alles nennt Rebhandl ohne ein Urteil zu fällen.

Auf Godards Privatleben geht er nur ein, wenn es für sein Werk und seine Selbstinszenierung eine Rolle spielt. Auf einen intellektuellen Überbau, der Godards offenes Werk in eine bestimmte Lesart zwängen würde, verzichtet Rebhandl bewusst.

So ist „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ eine informative Biographie, die einmal chronologisch durch Godards Werk geht und die Neugierde auf eine wiederholte (?) Sichtung von Godards unbekannteren Werken weckt. Soweit sie allgemein verfügbar sind.

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär

Paul Zsolnay Verlag, 2020

288 Seiten

25 Euro

 

 

Die Filme von Jean-Luc Godard (vor allem seine Spielfilme und wichtigen längeren Werke, daneben drehte er Kurzfilme, kurze und lange TV-Filme und Werbefilme unterschiedlicher Länge)

Außer Atem (À bout de souffle, 1960)

Der kleine Soldat (Le petit soldat. 1960)

Eine Frau ist eine Frau (Une femme est une femme, 1961)

Die Geschichte der Nana S. (Vivre sa vie, 1962)

Die Karabinieri (Les Carabiniers, 1962)

Die Verachtung (Le Mépris, 1963)

Die Außenseiterbande (Bande à part, 1964)

Eine verheiratete Frau (Une femme mariée, 1964)

Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution, 1965)

Elf Uhr nachts (Pierrot le fou, 1965)

Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola (Masculin – féminin: 15 faits précis, 1966)

Made in U.S.A. (Made in U.S.A, 1966)

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß (Deux ou trois choses que je sais d’elle, 1967)

Die Chinesin (La Chinoise, 1967)

Weekend (Week-end, 1967)

Eins plus Eins (One plus One/Sympathy for the Devil, 1968)

Die fröhliche Wissenschaft (Le Gai Savoir, 1969, TV-Film)

Alles in Butter (Tout va bien, 1972, mit Jean-Pierre Gorin)

Nummer zwei (Numéro 2, mit Anne-Marie Miéville)

Rette sich, wer kann (das Leben) (Sauve qui peut [la vie], 1980)

Passion (Passion, 1982)

Vorname Carmen (Prénom Carmen, 1983)

Maria und Joseph (Je vous salue, Marie, 1985)

Détective (Détective, 1985)

King Lear (King Lear, 1987)

Schütze deine Rechte (Soigne ta droite, 1987)

Nouvelle Vague (Nouvelle Vague, 1990)

Deutschland Neu(n) Null (Allemagne neuf zéro, 1991)

Weh mir (Hélas pour moi, 1993)

JLG/JLG – Godard über Godard (JLG/JLG – Godard par Godard, 1995)

For Ever Mozart (1996)

Geschichte(n) des Kinos (Histoire(s) du cinéma, 1988 – 1998)

Auf die Liebe (Eloge de l’amour, 2001)

Unsere Musik (Notre musique, 2004)

Film Socialisme (2010)

Adieu au langage (2014)

Bildbuch (Le Livre d’image, 2018) (bis 15. Dezember 2020 in der Arte-Mediathek)

Hinweise

Homepage von Bert Rebhandl

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


Verbrechen, Straftaten und Morde, Morde, Morde an, zu, um und wegen Weihnachten – Ein unvollständiger Überblick über die diesjährige Saison an Weihnachtskrimis

Dezember 1, 2020

Während in den Buchhandlungen die Tische mit den Weihnachtsbüchern aufgestellt werden, ist Weihnachten für mich alten Weihnachtsignoraten jetzt größtenteils erledigt. Jedenfalls literarisch. Dafür habe ich „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ anders gelesen, als es von Herausgeberin Monika Beck geplant war. Das Buch enthält „24 Weihnachtskrimi von Heiligenhafen bis Zermatt“ und ist damit das literarische Äquivalent zu einem Adventskalender. Die Kurzkrimis sind von Regine Kölpin, Gert Anhalt, Till Raether, Andreas Gößling, Jan Jacobs, Judith Merchant, Dina El-Nawab/Markus Stromiedel, Thomas Kastura, Nicola Förg, Wolfgang Burger/Hilde Artmeier, Alexander Oetker, Stefan Haenni, Gisa Pauly, Romy Fölck, Christiane Franke/Cornelia Kuhnert, Katja Bohnet, Christian Kraus, Marc Hofmann, Hanni Münzer, Wolfram Fleischhauer, Iny Lorentz, Angela Svensson, Michaela Kastel und Susanne Mischke. Sie sind erfolgreiche deutsche Autoren, die, jedenfalls gehe ich von dieser Annahme aus, für diesen Sammelband im Frühjahr/Sommer eine Geschichten geschrieben haben. In einigen treten ihre bekannten Seriencharaktere auf. Zwei Geschichten – Gert Anhalts „Der King muss sterben“ mit einem Auftritt von Elvis Presley und Iny Lorentz‘ im Königreich Bayern spielende „Weihnachtslist“ – spielen in der Vergangenheit. Alle anderen spielen in einer unspezifischen Gegenwart, in der die Coronavirus-Pandemie egal ist. Die Pandemie wird nur einmal, in Nicola Förgs „Ein frostiger Boomerang“ in einem Halbsatz, erwähnt. Aber auch diese Geschichte könnte in jedem anderen Jahr spielen. Sowieso könnten fast alle Geschichten, manchmal mit kleinen Änderungen, irgendwann in den vergangenen Jahren und sogar Jahrzehnten spielen. Auch Weihnachten und die Weihnachtszeit sind oft nur ein beliebig austauschbarer, für die Handlung unwichtiger Hintergrund. Alexander Oetkers „Schneegestöber am Matterhorn“ ist hier die lesenswerte Ausnahme. Und selbstverständlich wird in den meisten Kurzgeschichten der in deutschen Krimi-Kurzgeschichten beliebte schwarzhumorig-schnurrige Ton gepflegt.

Insgesamt ist „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ eine seltsam von allen Zeitläufen entkoppelte Sammlung von wenig überraschenden Geschichten. Einige Ausnahmen, wie Dina El-Nawab/Markus Stromiedels „Tote halten keine Vorträge“, bestätigen diesen Eindruck.

Monika Beck (Hrsg.): Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel – 24 Weihnachtskrimis von Heiligenhafen bis Zermatt

Knaur, 2020

416 Seiten

10,99 Euro

Neben Kurzgeschichten gibt es auch an Weihnachten spielende Kriminalromane. Diese spielen gerne in einem einsam gelegenem, von Schneebergen umgebenem Anwesen. Die Verwandtschaft versammelt sich, in herzlich abgrundtiefer Abneigung gegeneinander vereinigt, um das Kaminfeuer. Einer wird ermordet. Jeder hat ein Motiv. Keiner hat ein Alibi, das einer genaueren Überprüfung standhält. Und weil niemand in der Mordnacht zum Anwesen kommen und es wieder verlassen konnte, ist einer der Anwesenden der Mörder.

Diese immer noch sehr beliebte und sehr variable Formel benutzt Anne Meredith in ihrem Krimi „Das Geheimnis der Grays“. In dem 1933 im Original erschienenem Cozy versammelt sich am Heiligabend 1931 die Verwandtschaft im abgelegenem Landhaus King’s Poplars und einer von ihnen bringt in der Nacht das greise und geizige Familienoberhaupt um.

Für die aktuelle Ausgabe schrieb Martin Edwards, selbst erfolgreicher Krimiautor und Cozy-Fan, ein Nachwort und erwähnt dabei auch Dorothy L. Sayers Buchkritik mit ihrem Urteil: „Ein starkes, beeindruckendes Buch mit einer überzeugenden Zwangsläufigkeit des Handlungsablaufs, die dem Werk etwas wahrhaft Tragisches verleiht.“

Anne Meredith ist ein Pseudonym von Lucy Beatrice Malleson. Sie schrieb auch als Anthony Gilbert.

Anne Meredith: Das Geheimnis der Grays – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Barbara Heller)

Klett-Cotta, 2020

304 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Portrait of a Murderer. A Christmas Crime Story

Victor Gollanz, London, 1933

Hinweise

Wikipedia über Anne Meredith (deutsch, englisch)

Auch „Das Geheimnis von Dower House“ folgt dieser Formel. In dem im Original 1936 erschienenem Kriminalroman erhält der legendäre Flieger Ferguson O’Brien mehrere Morddrohungen, nach denen er an Weihnachten sterben wird. Der Absender ist einer seiner Weihnachtsgäste und, auch wenn O’Brien die Drohungen nicht ganz ernst nimmt, bittet er Amateurdetektiv Nigel Strangeways um Hilfe. Noch während Strangeways mit den Weihnachtsgästen redet, wird O’Brien ermordet.

Der bekannteste Roman von Nicholas Blake ist, ebenfalls mit Nigel Strangeways, „Mein Verbrechen“ (The Beast must die, 1938). Claude Chabrol verfilmte das Buch als „Das Biest muss sterben“ (Que la bête meure, Frankreich 1969).

Nicholas Blake: Das Geheimnis von Dower House – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Jobst-Christian Rojahn)

Klett-Cotta, 2020

336 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Thou Shell of Death

Collins Crime Club, Glasgow, 1936

Diese Übersetzung erschien bereits 1996 im Diogenes Verlag als „Eine vertrackte Geschichte“.

Hinweise

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kaum ist der Weihnachtsbraten verzehrt, wird Inspector Morse zu einem Mord gerufen. Im Zimmer 3 des noblen Haworth Hotels wird eine Leiche gefunden. Der Tote gehörte zu den Gästen, die ein dreitägiges Pauschalangebot mit Rundführung durch Oxford und Kostümball gebucht haben.

Mit dem Mord ist die Stimmung ruiniert und Inspector Morse darf den Januar mit einer Mordermittlung beginnen. Wie immer begleitet von Sergeant Lewis.

Das Geheimnis von Zimmer 3“ ist ein weiterer gelungener Rätselkrimi von Colin Dexter.

Colin Dexter: Das Geheimnis von Zimmer 3 – Ein Fall für Inspector Morse

(übersetzt von Marie S. Hammer)

Unionsverlag, 2020

272 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Secret of Annexe 3

Macmillan, London, 1986

Deutsche Erstausgabe

Hüte dich vor Maskeraden

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1988

Hinweise

Unionsverlag über Colin Dexter

Wikipedia über Colin Dexter (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

Meine Besprechung von Colin Dexters „Gott sei ihrer Seele gnädig“ (The Wench Is dead, 1989)

Mein Geburtstagsgruß an Colin Dexters

Das war’s mit den Geheimnissen im Buchtitel. Fortan gibt es weihnachtliche Geheimnisse nur noch zwischen den Buchtiteln.

Wobei Denis Mina, die Queen of Tartan Noir, in ihrem ’neuesten‘ Alex-Morrow-Krimi auch gleich die ganze Cozy-Heimeligkeit links liegen lässt. Kurz vor Weihnachten spaziert ein Maskierter mit einer AK-47 in eine Glasgower Postfiliale und richtet, als ein älterer Mann gegen seine Anweisungen verstößt, ein Massaker an. Und das ist nicht der einzige Fall, mit dem Morrow, die nach der Geburt von Zwillingen wieder im Dienst ist, sich herumschlagen muss, während die Glocken nie süßer klingen.

Mit der Übersetzung von „Götter und Tiere“, dem dritten von fünf Alex-Morrow-Krimis, liegen Minas Morrow-Krimis jetzt komplett auf Deutsch vor.

Der Verlag nennt den Krimi „einen rasanten, harten und philosophischen Noir“. Aktuell steht er auf dem ersten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Viel wichtiger ist allerdings, dass „Götter und Tiere“ 2013 den renommierten Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award gewann.

Denise Mina: Götter und Tiere

(übersetzt von Karen Gerwig)

Ariadne, 2020

352 Seiten

21 Euro

Originalausgabe

Gods and Beasts

Orion, 2012

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Etwas cozy wird es wieder in Lucy Foleys Thriller „Neuschnee“.

Neun Freunde treffen sich um den Jahreswechsel in den schottischen Highlands in einer einsamen Berghütte, um dort zu tun, was Freunde halt so tun. Heftiger Schneefall schneidet sie von der Außenwelt ab. Ein Serienmörder (so etwas gab es zu Agatha Christies Zeiten noch nicht) macht die Gegend unsicher.

Als einer aus der neunköpfigen Feiergruppe vor dem Haus ermordet wird, fragen die Überlebenden sich, ob der Serienmörder sie belagert oder ob einer ihrer Freunde der Mörder ist.

Lucy Foley: Neuschnee

(übersetzt von Ivana Marinovic)

Penguin Verlag, 2020

432 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

The Hunting Party

HarperCollins, London, 2018

Schon etwas älter, aber nicht uninteressant sind „Jul-Morde“ und „Eine Leiche zum Advent“.

Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis“ ist etwas für die Freunde des Mordens im Norden. Die Geschichten sind von Åke Edwardson, Johan Theorin, Leena Lehtolainen, Mons Kallentoft, Thomas Enger, Kristina Ohlsson, Hans Koppel, Arne Dahl, Viveca Sten, Olle Lönnaeus, Kari F. Brænne, Robert Kviby und Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Bis auf drei Geschichten handelt es sich um Originalbeiträge.

Das dürfte für die Fans skandinavischer Kriminalgeschichten als Empfehlung ausreichen.

Sibylle Klöcker (Hrsg.): Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis

(übersetzt von: Anne Helene Bubenzer, Antje Rieck-Blankenburg, Günther Frauenlob, Angelika Kutsch, Ursel Allenstein, Christel Hildebrandt, Holger Wolandt, Lotta Rüegger, Gabriele Schrey-Vasara, Sibylle Klöcker, Susanne Dahmann, Dagmar Lendt, Kerstin Schöps, Maike Dörries)

rororo, 2014

272 Seiten

9,99 Euro

Erstausgabe 2013 bei Wunderlich.

Und dann gibt es noch den von Otto Penzler herausgegebene und hier schon mehrmals empfohlenen Sammelband „Eine Leiche zum Advent“. Mit 708 eng bedruckten Seiten ist das genug Stoff für einige mörderisch lange Abende. Trotzdem hat der Lübbe-Verlag es geschafft, den großen Sammelband (fester Einband, 19 x 5 x 23,4 cm, also so in Richtung Bildband gehend) so zu drucken, dass er angenehm leicht in der Hand liegt. Damit eignet er sich nicht als Schlagwaffe (diese Verwendung schlägt der Klappentexter, wahrscheinlich ein echter Scrooge, vor). Otto Penzler schlägt in seinem Vorwort vor, die Geschichten im trauten Kreis von Freunden und Verwandten vorzulesen. „Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß…Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.“

Über die Geschichten sagt Penzler: „viele Geschichten in dieser Anthologie [sind] nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar.“ Und was für die USA gilt, gilt für Deutschland noch mehr.

Für den Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ suchte Penzler 49 Geschichten aus (im Original 59; der Verlust einiger Geschichten, u. a. von Agatha Christie, liegt wohl an der Rechtesituation), die er thematisch sortierte. Unter anderem in „Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, „Ein Sherlockianisches Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“ „Moderne Weihnachten“ und „Klassische Weihnachten“. Es sind teils bekannte, teils ziemlich unbekannte Geschichten von, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Lovesey, Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Thomas Hardy, Edward D. Hoch, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Andrew Klavan, Max Allan Collins, Peter Robinson, Ed McBain, John Lutz, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, Isaac Asimov, Ed Gorman, G. K. Chesteron, Rex Stout, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson, O. Henry, Edgar Wallace, undsoweiter. Teilweise mit vertraut-beliebten Charakteren, wie Sherlock Holmes, Father Brown und Nero Wolfe.

Allein schon die Namen verraten Krimifans, dass Krimikenner Penzler eine schöne, undogmatische Auswahl zwischen Tradition und Moderne zusammenstellte. Zu jeder Geschichte verfasste er, wie bei seinen anderen Anthologien, eine kurze Einführung über den Autor und sein Werk.

Da werden auch „die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind“ (Penzler), um eine kleine Verlängerung der Weihnachtstage bitten. Immerhin müssen über siebenhundert, zweispaltig bedruckte Seiten (also viel Lesestoff) durchgearbeitet werden.

Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis

(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)

Lübbe, 2016

708 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

The Big Book of Chistmas Mysteries

Vintage Books, 2013

Und was lernen wir aus all diesen Weihnachtsmorden? Erstens: Weihnachten ist mörderisch. Zweitens: vielleicht besser eine Kreuzfahrt unternehmen…

… „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek!…


„Dammbruch“: Robert Brack schickt zwei Safeknacker und eine Mörderin in eine Sturmflut

November 30, 2020

Es ist windig und es regnet. In Hamburg ist beides nicht ungewöhnlich. Dass dieser Wind und Regen die Vorboten der historischen Sturmflut von 1962 sind, weiß damals niemand. Es ist die Sturmflut, die Helmut Schmidt, den damaligen Innensenator von Hamburg, durch sein Krisenmanagement bundesweit bekannt machte. In Robert Bracks neuem Roman „Dammburch“, der während dieser Sturmflut am 16. Februar 1962 spielt, taucht Helmut Schmidt nicht auf. Auch das Militär und sonstige staatliche Stellen, bis auf zwei Streifenpolizisten, tauchen nicht auf. In „Dammbruch“ ist die Flut nur ein Storyelement, das die Pläne von Lou Rinke, Piet Kummerfelt und Betty durcheinanderbringt.

Lou Rinke ist ein Berufsverbrecher, der mit Piet Kummerfelt, seinem jungen, unerfahrenem Gehilfen, im Spreehafen aus einem Tresor illegal mit einem Schiff nach Deutschland gebrachtes Gold rauben will.

Betty arbeitet als 24/7-Pflegerin für Herrn Heinrich, einen kriegsversehrten, herrischen Rentner. Als er sie genug genervt hat und sie weiß, wo er sein Geld versteckt hat, bringt sie ihn um.

Nach ihren Verbrechen treffen Lou, Piet und Betty sich auf ihrer Flucht. Das unaufhaltsam steigende Wasser und die brechenden Deiche lassen ihre Fluchtwege im kalten Nordseewasser verschwinden.

Gemeinsam versuchen sie die Nacht zu überleben und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Da sie schnell ahnen, dass jeder von ihnen ein erklautes Vermögen bei sich hat und weil auch einige Polizisten in der Nähe sind, ist es nur eine Frage der Zeit bis das gegenseitige Misstrauen zu weiteren Verbrechen führt.

Mit seinem neuen Krimi begibt Robert Brack sich wieder in die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg. Während er in anderen Romanen unbekannte Ereignisse, wie die die Auflösung der „Weiblichen Kriminalpolizei“, oder bekannte Ereignisse, wie den Altonaer Blutsonntag, in den Mittelpunkt rückte und er beim Schreiben auf historische Quellen zurückgriff, die er in den Text einfließen ließ, ist die Sturmflut von 1962 hier nur ein austauschbares Wetterphänomen, das die Fluchtpläne von Lou, Piet und Betty beeinflusst.

Das ist etwas schade, aber verzeihlich. Denn Brack will dieses Mal vor allem eine altmodische Gangstergeschichte erzählen. Lou ist ein Safeknacker. Sein Plan ist denkbar simpel: Werkzeug besorgen, aufpassen, dass kein Polizist oder Wachmann in der Nähe ist, einbrechen, Safe aufschweißen, Inhalt umfüllen und abhauen.

Betty ist dagegen ein ganz anderes Kaliber.

Allerdings vergeht einige Lesezeit, bis es wirklich spannend wird. Dann, parallel zum steigenden Wasserspiegel, entfaltet „Dammbruch“ wahre Pageturner-Qualitäten. Bis dahin schildert Robert Brack erstaunlich behäbig die Vorbereitungen der beiden Safeknacker für ihren Bruch und Bettys Alltag mit ihrem Arbeitgeber.

Das macht „Dammbruch“ zu einem schwächeren Werk des vielseitigen und in jedem Jahrzehnt zuverlässigen Robert Brack.

Robert Brack: Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller

Ellert & Richter Verlag, 2020

240 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)


„Broken“ – sechs Kurzkrimis von Don Winslow, mit einigen alten Bekannten

November 26, 2020

In seinem letzten Roman „Jahre des Jägers“ erzählte Don Winslow auf fast tausend Seiten die Jahrzehnte umspannende Geschichte des Drogenkriegs zwischen Mexiko und den USA weiter. Wie in „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, den beiden vorherigen Romanen mit US-Drogenfahnder Art Keller, vermischt er wahre Ereignisse mit Fiktion zu einem großen Panorama des schon vor Ewigkeiten gescheiterten „war on drugs“.

In seinem neuen Buch „Broken“ macht er dann eine Kehrtwende hin zur kurzen Form. Wobei die sechs Geschichten mit jeweils um die achtzig Seiten nicht die Länge einer Kurzgeschichte, sondern eher einer Novelle haben.

In „Broken“ beginnt der in New Orleans lebende Drogenboss Oscar Diaz einen Kleinkrieg mit dem Drogen-Polizisten Jimmy McNabb, der sehr schnell sehr tödlich eskaliert und in einem mehr als filmreifen Finale mündet.

Crime 101“ ist Steve McQueen gewidmet. Der Juwelendieb Davis, ein allein arbeitender Profiverbrecher der alten Parker-Schule, ist ein großer Steve-McQueen-Fan. Und weil Steve McQueen („Bullitt“, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Getaway“) der King of Cool war (ist?; also für Davis definitiv „ist“), ist auch Davis ziemlich cool, wenn er entlang der titelgebenden Highway 101 an der kalifornischen Küste seine Verbrechen verübt und mit schönen Frauen Affären hat. In San Diego ist ihm Lieutenant Ronald ‚Lou‘ Lubesnick, der Leiter des Raubdezernats, auf den Fersen. Er glaubt nämlich, dass ein Profiverbrecher seit Jahren unentdekt entlang der Highway 101 seine Verbrechen begeht.

The San Diego Zoo“ ist eine vergnügliche Geschichte in der Tradition von Elmore Leonard, dem die Geschichte auch gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht der junge Streifenpolizist Chris Shea, der gerne in Lou Lubesnicks Team aufgenommen würde. Allerdings ist er seit Kurzem als der Trottel bekannt, der einen aus dem Zoo ausgebrochenen Schimpansen von einem Turm holen wollte und von dem Affen mit der Waffe beworfen und zum Gespött der Stadt gemacht wurde. Immerhin lernte er bei dieser Aktion Carolyn Voight, Mitarbeiterin in der Primatenabteilung des Zoos, kennen. Als Shea herausfinden will, wie der Schimpanse in den Besitz des Revolvers gelangte, trifft er auf einige Gauner, die auch in einer Elmore-Leonard-Geschichte gut aufgehoben wären.

Sunset“ ist Raymond Chandler („Der lange Abschied“) gewidmet. In dieser Geschichte erzählt Don Winslow ein weiteres Abenteuer von Boone Daniels, Kopfgeldjäger, Privatdetektiv, Surfer und Mitglied der aus Surfern bestehenden „Dawn Patrol“. Winslow-Fans kennen Boone Daniels bereits aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“. Jetzt soll Daniels für den in San Diego lebenden Kautionssteller Duke Kasmajian die Surferlegende Terry Maddux finden. Maddux hat mal wieder Mist gebaut. Duke hat die hohe Kaution gestellt. Aber Maddux erscheint nicht zur Gerichtsverhandlung. Also soll Daniels den spurlos verschwundenen Surfer finden.

Paradise“ erzählt ein weiteres Abenteuer von Ben, Chon und O, dem aus „Savages – Zeit des Zorns“ (verfilmt als „Savages“) und „Kings of Cool“ bekanntem Trio von qualitätsbewussten, schlagkräftigen und ziemlich coolen Marihuanahändlern. In „Paradise“ wollen sie ihr Geschäft in Richtung Hawaii expandieren. Ihr dortiger Geschäftspartner ist, wie sie auf der Insel bemerken, der legendäre, seit Jahren spurlos verschwundene Bobby Z, der sich jetzt Tim Karsten nennt und mit seiner Familie glücklich auf der Insel lebt. Winslow-Fans kennen ihn aus dem Roman „Die Auferstehung des Bobby Z“/“Bobby Z“, der als „Kill Bobby Z“ ebenfalls kongenial verfilmt wurde.

The Last Ride“ ist die Geschichte in dem Sammelband, die am nächsten an der aktuellen Realität ist. Cal Strickland ist einer der Grenzschützer, der die Grenze nach Mexiko sichern soll. Als das Heimatministerium Flüchtlinge und Kinder in Käfige einsperrt und Familien trennt, ist für den Trump-Wähler Strickland eine Schwelle überschritten. Er will eines der gefangenen Kinder, das von ihrer Mutter getrennt wurde und aufgrund falsch aufgeschriebener Namen nicht wieder zu seiner Mutter zurückkehren kann, zu ihr zurückzubringen. Dafür muss er das Mädchen aus dem Käfig befreien und nach Mexiko bringen, bevor er von seinen Kollegen verhaftet wird.

Die sechs Geschichten sind für Don-Winslow-Fans natürlich eine schöne Ergänzung zu seinem bisherigen Werk. Immerhin treten in einigen Geschichten in den Hauptrollen altbekannte Winslow-Figuren auf. Manchmal gesellen sich in der gleichen oder einer anderen Geschichte weitere altbekannte Winslow-Figuren dazu. Aber es würde einen Teil des Lesespaßes verderben, wenn ich jetzt verraten würde, wo die aus früheren Romanen als Hauptfiguren bekannten Figuren Neal Carey, Frankie Machine und Jack Wade, auftauchen. Denn manchmal leben sie jetzt unter einem anderen Namen.

Das schöne bei dieser Wiederbegegnung mit altbekannten Winslow-Figuren ist nicht nur die alte, fast schon kindische Freude, einer bekannten Figur, mit der man einige vergnügliche Stunden verbrachte, wieder zu begegnen, sondern dass Don Winslow sie wirklich altern ließ. Es sind jetzt zehn, zwanzig, dreißig Jahre ältere Männer, die erkennbar an einem anderen Punkt ihres Lebens stehen. Sie haben Erfahrungen gemacht und sich verändert. Jedenfalls teilweise.

Die anderen Geschichten lesen sich wie ausführliche Treatments für Hardboiled-Actionfilme. Es sind Skizzen, denen dann die Tiefe eines Romans fehlt.

Daher sollten Winslow-Neueinsteiger unbedingt mit seinen Romanen beginnen. Vor allem die bei Suhrkamp erschienenen Romane sind ein sehr guter Einstieg.

Don Winslow: Broken – Sechs Geschichten

(übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Kerstin Fricke, Peter Friedrich und Joannis Stefanidis)

HarperCollins, 2020

512 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Broken

William Morrow, 2020

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall“ (neue Übersetzung von „Das Schlangenmaul“; Way Down on the High Lonely, 1993)

Meine Besprechung von Don Winslows „A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall“ (A long Walk up the Water Slide, 1994)

Meine Besprechung von Don Winslows „Palm Desert“ (While Drowning in the Desert, 1996)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)

Meine Besprechung von Don Winslows „Germany“ (Germany, 2016 – noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Don Winslow in der Kriminalakte


„California Dreamin’“ mit Pénélope Bagieu und The Mamas & The Papas

November 20, 2020

Die Musik dürfte heute noch bekannt sein. Aber wer „California Dreamin‘, „Monday, Monday“ und andere Songs der Band „The Mamas & The Papas“ nur aus dem Radio kennt, der kennt nur die schönen Stimmen der Bandmitglieder, aber nicht ihre Gesichter. Dabei war in den Sechzigern – „The Mamas & The Papas“ existierte von 1965 bis 1968 (1971 veröffentlichte sie ihre fünfte LP, zu der sie vertraglich verpflichtet war) – sowohl der Gesang als auch das Aussehen der Bandmitglieder ungewöhnlich. Bei ihren optimistisch-lebensbejahend-wohlklingenden Popsongs mischten sie im Chorgesang nämlich Männer- und Frauenstimmen.

Bei den Bandmitgliedern fiel Sängerin Cass Elliot sofort auf. Sie entsprach nicht dem Schönheitsideal für Sängerinnen von Popbands, die jung, schlank und überaus attraktiv sein sollen. Wenn sie dann auch noch singen können, ist das kein Hindernis. Cass war übergewichtig. Damals war das ein hundertprozentiger Karrierekiller. Aber die am 13. September 1941 in Baltimore, Maryland, als Ellen Naomi Cohen geborene Sängerin, Kind jüdischer Eltern, wollte unbedingt auf die Bühne. Als Kind war Florence Foster Jenkins ihr Vorbild. Von ihr stammt die berühmte Bemerkung: „Man mag einmal sagen, ich könnte nicht singen, aber nicht, ich hätte nicht gesungen.“

Damit hätte Cass, die singen konnte, auch in Pénélope Bagieus „Unerschrocken“ gepasst. In dem zweibändigen Comic porträtiert sie dreißig bekannte und heute unbekannte Frauen, die für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften und auf dem Weg zu ihrem Ziel Barrieren einrissen.

Jetzt hat Bagieu Cass Elliot mit „California dreamin’“ ein eigenes Buch gewidmet.

Sie erzählt vor allem die Geschichte vor dem ersten Hit der Band. Es geht also um Cass‘ Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen als Sängerin bei Veranstaltungen und dem schwierigen Zusammenfinden der vier Musiker, die dann „The Mamas & The Papas“ wurden. Die Folkpopband bestand aus ihr, John Phillips, Denny Doherty und Michelle Phillips. Lange stritten sie sich darüber, ob Folk tot sei (immerhin hatte Bob Dylan damals gerade die E-Gitarre entdeckt), ob Cass ein reguläres Mitglied der Band sein sollte und welche Musik sie machen sollten.

Bagieu schildert auch die ständigen Vorurteile, mit denen Cass wegen ihres Aussehens konfrontiert wird. Sie zeigt aber auch, wie Cass wegen ihres Wesens immer wieder schnell der beliebte Mittelpunkt einer Party oder Gruppe wird. Sie war eine richtige Stimmungskanone. Und wohl auch etwas nervig, weil sie immer im Mittelpunkt stehen musste.

California dreamin’“ erzählt humorvoll den Weg von Cass und „The Mamas & The Papas“ an die Spitze der Hitparade in pointiert zugespitzten Szenen.

Am 29. Juli 1974 starb Cass in London in einem Hotel. Die Todesursache war ein Herzversagen. Bagieus Comic hört lange vorher, nämlich 1966, auf. Damals war „California dreamin’“ ein Hit und die Band eine glücklich zusammenlebende Kommune. Jedenfalls für die Fans, die gerne ein Leben wie Cass führen würden. Wenn sie nicht gleich Cass sein könnten.

 

Pénélope Bagieu: California dreamin‘

(übersetzt von Ulrich Pröfrock)

Reprodukt, 2020

280 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

California dreamin‘

Gallimard, 2019

Hinweise

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

Allmusic über „The Mamas & The Papas“

Wikipedia über „The Mamas and The Papas“ (deutsch, englisch) und Cass Elliot (deutsch, englisch)


„Blade Runner 2019“ besucht die „Off-World – Jenseits der Erde“

November 9, 2020

Vor Jahrzehnten erschien ein Science-Fiction-Roman, der es damals immerhin auf die Nominierungsliste für den Nebula-Award schaffte. Über zehn Jahre später wurde das Buch verfilmt. Mit den üblichen Freiheiten, die sich Hollywood gerne nimmt. Der Film war zunächst kein großer Erfolg. Inzwischen ist „Blade Runner“ einer der ikonischen Filme, ein Kultfilm, der unzählige weitere Werke inspirierte. Jüngst eine von Michael Green (auch das Drehbuch für „Blade Runner 2049“) und Mike Johnson geschriebene und von Andrés Guinaldo gezeichnete offizielle Comic-Serie, die in der dystopischen Welt des originalen Films spielt: Los Angeles, 2019.

In dem ersten „Blade Runner 2019“-Sammelband „Los Angeles“ erhält Aahna „Ash“ Ashina, einer der ersten und besten Replikantenjäger, einen Spezialauftrag. Sie soll Isobel, die Frau von Alexander Selwyn, und ihre vierjährige Tochter Cleo finden. Er ist der Chef der Canaan Corporation und mit der menschenähnliche Replikanten bauenden Tyrell Corporation verbandelt.

Bei ihrer Suche erfährt Ash, dass Cleo und Isobel Replikanten sind. Besonders Cleo ist wichtig für die Tyrell Corporation, weil ihr Genom den Schlüssel für ein längeres Leben der Replikanten enthält.

Am Ende des Buches flüchtet Ash mit Cleo auf die von der Erde weitab gelegenen Planeten. Cleos Mutter ist tot.

Der jetzt erschienene zweite Band „Off-World – Jenseits der Erde“ spielt sieben Jahre später. Ash und Cleo haben eine neue Identität angenommen und leben auf Off-World, einer Minen-Kolonialwelt. Sie gehen davon aus, dass sie immer noch gejagt werden. Da taucht die Replikantenjägerin Hythe auf und macht Ash ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.

Off-World – Jenseits der Erde“ führt die Geschichte von „Los Angeles“ fort und kämpft, falls „Blade Runner 2019“ wie angekündigt mit dem dritten Sammelband endet, mit den üblichen Problemen eines Mittelteils. Mühsam werden, immerhin sind seit den Ereignissen in Los Angeles einige Jahre vergangen, die einzelnen Figuren und ihre Identität etabliert, während die eigentliche Handlung lange Zeit nebulös bleibt. Das liegt auch daran, dass in „Off-World“ eine neue, aus dem Film unbekannte Welt etabliert werden muss. Es ist eine Welt, die an „Outland“ (ein SF-Western von Peter Hyams mit Sean Connery) erinnert. „Los Angeles“ konnte dagegen einfach die aus dem Film bekannte Noir-Welt und ihre Regeln als bekannt voraussetzen und in dieser Welt eine abgeschlossene Kriminalgeschichte erzählen.

Ob „Off World – Jenseits der Erde“ nur einige Seiten füllte oder das Finale konsequent vorbereitete, wird die Zukunft zeigen.

Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldo: Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2020

116 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2019 # 5 – 8

Titan Comics, 2020

Hinweise

Wikipedia über das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)


Nützliches über James Bond in „Unnützes James Bond Wissen“

November 8, 2020

Der Titel „Unnützes James Bond Wissen“ ist eine glatte, hundertfünfzigprozentige Lüge. Es gibt kein unnützes Bond-Wissen. Das sage ich als moderater Bond-Fan, der jetzt nicht erklären möchte, wie viele Regalmeter mit James Bond gefüllt sind.

Bei Danny Morgenstern, dem Autor von „Unnützes James Bond Wissen“ und einiger Bücher über James-Bond-Filme, dürften es deutlich mehr Regalmeter sein.

Im Mittelpunkt von seinem neuen Buch stehen, wenig überraschend, die James-Bond-Filme. Sie werden chronologisch von „Casino Royale“ (dem TV-Film von 1954, der lange als verschollen galt) bis zu dem für nächstes Jahr angekündigtem, neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (der letzte mit Daniel Craig) behandelt. Neben den offiziellen Bond-Filmen sind auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983) enthalten. In den einzelnen Kapiteln gibt es keine langen Texte, sondern unzählige, wenige Zeilen umfassende Notizen mit wichtigen, um nicht zu sagen lebenswichtigen Informationen, wie dass am Drehbuch zu „Sag niemals nie“ unter anderem Francis Ford Coppola, Ian La Frenais, Dick Clement und Len Deighton mitarbeiteten oder bei den Dreharbeiten für „Sag niemals nie“ (der letzte Auftritt von Sean Connery als James Bond) echte Haie eingesetzt wurden.

Die Bond-Romane von Ian Fleming und, nach seinem Tod, von Kingsley Amis (als Robert Markham), John Gardner, Raymond Benson, Sebastian Faulks, Jeffery Deaver, William Boyd und Anthony Horowitz werden auf wenigen Seiten abgehandelt. Sie haben hier wieder das ihnen aus anderen Büchern über James Bond bekannte Schicksal: sie werden pflichtschuldig erwähnt.

Für Bond-Fans ist Morgensterns Buch mit unnützem Bond-Wissen eine gut gefüllte Fundgrube mehr oder weniger trivialer Informationen über den Geheimagenten ihrer Majestät und seine weltrettenden Missionen rund um den Globus.

Zum Abschluss noch ein Bond-Fakt, der es nicht in Morgensterns Buch geschafft; vielleicht weil er nicht unnütz genug ist: Donald Westlake (aka Richard Stark) wurde vor dem Kinostart von „GoldenEye“ für Ideen für den nächsten Bond-Film gefragt. Westlake schrieb zwei Treatments, die nicht hundertprozentig den Erwartungen der Produzenten entsprachen und weil Westlakes Arbeitsweise (ausgehend von einer Idee einfach drauflos schreiben) mit den Erfordernissen für eine Großproduktion (bei der wenigstens ein grobes Handlungsgerüst mit den notwendigen Schauplätzen feststehen muss) kollidierte, wurde aus dem gemeinsamen Bond-Film nichts. Westlake verarbeitete seine Ideen in dem Roman „Forever and a Death“, der posthum 2017 bei Hard Case Crime erschien. Übersetzt wurde der Thriller noch nicht und das wird sich wahrscheinlich nicht ändern.

Ein Wort zum Video: Ab der 13. Minute packt Danny Morgenstern „Unnützes James Bond Wissen“ aus und erzählt einiges zum Buch. Danach kündigt er einige Veranstaltungen an, die wegen des Lockdowns nicht stattfinden.

Danny Morgenstern: Unnützes James Bond Wissen

Cross Cult, 2020

464 Seiten

15 Euro

Hinweise

Homepage von Danny Morgenstern

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romane “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Über „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“

November 5, 2020

Streamingdienste bedrohen aufgrund ihres Geschäftsmodells unsere Demokratie. Das ist in einem Satz Marcus S. Kleiners These in seinem Buch „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin Universitiy of Applied Sciences.

Diese These ist interessant. Aber ist sie auch plausibel? Immerhin sind Streamingdienste Unterhaltungsplattformen, die mehr oder weniger gelungene Serien und Filme zeigen. Meistens fiktionale Filme, seltener Dokumentarfilme. Nachrichten und politische Meinung gehören nicht zu ihrem Geschäftsmodell. Auf dem deutschen Markt, über den Kleiner schreibt, gibt es solche tagespolitischen Formate nicht; – jedenfalls soweit ich diesen Markt überblicke. Außerdem erwähnt Kleiner auch kein entsprechendes Format. Tagespolitik läuft in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im Radio, in den Printmedien und inzwischen auch auf verschiedenen YouTube-Kanälen und Podcasts. Warum sollten also Streamingdienste mit ihrem Unterhaltungsprogramm unsere Demokratie und den demokratischen Diskurs über wichtige gesellschaftliche Themen bedrohen?

Das liegt nach Kleiner nicht an dem Angebot der Streamtingdienste, sondern wie sie Filme empfehlen: „Wer die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch sehr eingeschränkt ein/e mündige/r Bürger*in. Wir werden entmündigt, wenn unsere Urteilskraft zunehmend durch Programmcodes ersetzt wird. Und wir entmündigen uns permanent selbst, wenn wir das zulassen. Wir tragen damit selbst zur Abschaffung unserer Demokratie bei, denn wir reagieren nur noch, klicken auf Felder, die ein Algorithmus für uns vorbereitet hat. Damit ist aber ein Kennzeichen unserer Demokratie verloren, weil diese voraussetzt, dass wir autonome, selbstständige, bewusst urteilende und uns frei entscheidende Individuen sind.“

Streamingdienste sind, so Kleiner, nicht an Aufklärung und einem kritischen Diskurs (also, salopp gesagt, der Demokratie) interessiert. Sie wollen ihre Kunden unterhalten und sie wollen sie möglichst lang auf ihrer Plattform behalten. Und jede Minute, die man mit Unterhaltung verbringt, verbringt man nicht mit anderen Dingen.

Kleiner stellt dann das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen den Streamingdiensten gegenüber. Das ÖR-Fernsehen hat einen Neutralitäts- und Bildungsauftrag. Es muss also Informationssendungen zum politischen Geschehen bringen, verschiedene Meinungen neutral präsentieren und Fakten und Ereignisse einordnen.

Ein Streamingdienst hat diese Verpflichtung nicht

Konkret gesagt: ein Streamingdienst wird sich über eine absurde Theorie oder Sensationsreportage freuen, wenn er damit neue Kunden gewinnt. Ein ÖR-Sender wird die absurde Theorie als absurd einordnen; – falls er überhaupt darüber berichtet.

Das ist der einleuchtende Kern von Kleiners These, die er in „Streamland“ allerdings kaum begründet. Anstatt empirischer Beweise, beschränkt er sich auf das Anekdotische. Statt Zahlen von Streamingdiensten, verweist er auf das Geschäftsmodell von Facebook und YouTube, die wollen, dass ihre Kunden möglichst lange bei ihnen bleiben. Das geht am besten mit Sensationsmeldungen, Polemik und extremen Zuspitzungen. Gleichzeitig werden Empfehlungen von Algorithmen aufgrund vorherigen Verhaltens generiert. Wer also – und das könnt ihr auf YouTube einfach ausprobieren – eine Stunde einen Schlager nach dem nächsten anhört, bekommt weitere Schlager vorgeschlagen. Auch wenn er normalerweise Punk hört.

Ein weiteres Problem von Kleiners Argumentation ist, dass er sich ausschließlich auf die deutschen Verhältnisse konzentriert. Diese sind allerdings nicht auf umstandslos auf andere Länder übertragbar.

Er kann auch nicht schlüssig erklären, warum Netflix eine größere Bedrohung für die Demokratie ist, als Facebook und Twitter. Oder warum ein Mediensystem wie in den USA, wo es kein ÖR-Fernsehen gibt und FoxNews als rechter Propagandasender und Lautsprecher für jede noch so absurde Verschwörungstheorie fungiert, die Demokratie weniger bedrohen soll als ein Portal, das vor allem Unterhaltung anbietet.

So liest sich „Streamland“ wie eine dieser alarmistischen konservativen Medienkritiken, in denen das Neue verteufelt und die Vergangenheit verklärt wird. Hier sind es Kleiners Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den achtziger Jahren mit drei Programmen, einem Sendeschluss, die Welt erklärenden und halt gebenden Moderatoren („Stefanie Tücking hat mich als Moderatorin der ARD-Musikvideosendung ‚Formel Eins‘ […] im Sturm erobert.“), tollen Serien (jedenfalls aus der Erinnerung) und einem Sendeschluss.

Den gibt es bei Netflix nicht.

Wer sich aber seines eigenen Verstandes bedient, kann jederzeit ausschalten und die Freiheit eigener Entscheidungen erfahren.

Marcus S. Kleiner: Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen

Droemer, 2020

304 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Marcus S. Kleiner

Wikipedia über Marcus S. Kleiner

 


Wieder im Chiemgau, dem „Land der bösen Dinge“

November 2, 2020

Mitten in einer kalten und nebligen Herbstnacht wird auf der Landstraße vor dem einsam gelegenem Haus von Tobias Kern, einem LKW-Fahrer mit bunter Vergangenheit, Sami Haddad erschossen. Für die Polizei ist es ein merkwürdiger Mord. Der 34-jährige Kleingangster Haddad wurde nämlich mit seiner eigenen Pistole erschossen. Alles sieht nach einer geplanten Tat aus oder dass er wenigstens den Täter kannte. Aber die Umstände sprechen dagegen. Und warum fuhr der in München lebende Haddad in der Nacht durch die Provinz?

Was die Polizei nicht weiß, ist, dass Haddad fast eine halbe Million Euro in seinem Auto hatte. Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist das Geld weg.

Dieses spurlos verschwundene Geld wollen jetzt seine Kumpels aus München, vor denen er floh, und einige andere mehr oder weniger skrupellose Menschen mit einer mehr oder weniger langen Strafakte haben.

Vier Jahre nach seinem letzten in Traunstein und im Landkreis Altötting spielendem Krimi „Ein Dorf in Angst“ hat Wolfgang Schweiger einen neuen Altötting-Krimi geschrieben, der nur deshalb als „Heimatkrimi“ gelabelt wird, weil das ein verkaufsförderndes Label ist. Denn Schweigers Romane haben, außer dem Handlungsort, nichts mit den handelsüblichen, bei Kritikern normalerweise verhassten Regio-/Provinz-/Heimatkrimis zu tun. Es sind an US-amerikanischen Hardboiled-Vorbildern geschulte Kriminalromane, die diese Themen und Motive gelungen nach Deutschland übertragen. Es sind Romane, wie sie früher Elmore Leonard schrieb oder wie sie heute im Polar Verlag veröffentlicht werden und die hundertprozentig nicht der etablierten Krimiformel von Mord, Sozialkritik und anschließender Aufklärung durch die mit privaten Problemen belasteten Ermittler folgen.

Im „Land der bösen Dinge“ bewegt die Story sich sogar stark in Richtung Western. Die Geschichte spielt fast ausschließlich auf einsam gelegenen Bauernhöfen. Konflikte werden ohne die Polizei gelöst und zitiert immer wieder bekannte Western-Topoi. Auch wenn Kerns Lieblingswaffe eine Machete ist.

In dieser Welt hat die Polizei nur eine Nebenrolle. Da fällt es kaum auf, dass Schweiger mit Simone Gerber eine neue Kommissarin ermitteln lässt und das aus seinen vorherigen Romanen bekannte Ermittlerduo Gruber/Bischoff nicht auftaucht.

Wolfgang Schweiger: Land der bösen Dinge

BoD – Books on Demand, 2020

222 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Ein Dorf in Angst“ (2016)

Mein Interview mit Wolfgang Schweiger (2014)

 


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