In wenigen Tagen startet im Kino die Verfilmung ihres ersten Schafskrimi.
Aber was ist ein Schafskrimi? Nun, das ist, wenn wir uns bei der Erklärung auf die drei bislang von Leonie Swann geschriebenen Schafkrimis konzentrieren, ein Krimi, in dem die Geschichte aus der Perspektive von Schafen erzählt wird und Schafe einen Mordfall aufklären. Als Leonie Swanns erster Schafskrimi 2005 erschien, war er ein Überraschungserfolg. „Glennkill“ wurde 2006 in der Kategorie Bestes Debüt mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet und in 25 Sprachen übersetzt. In dem cozy Rätselkrimi will eine Schafherde, angeführt von Amateurdetektivin Miss Maple, dem klügsten Schaf der Herde, herausfinden, wer ihren Schäfer George Glenn mit einem Spaten ermordete und anschließend auf ihrer Wiese liegen ließ.
Ihr neuer Roman „Widdersehen“, gleichzeitig ihr dritter Schafskrimi, spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“, wieder auf der aus „Glennkill“ vertrauten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.
Mit diesem Roman im Gepäck begibt die inzwischen in der Nähe von Cambridge lebende gebürtige Bayerin Leonie Swann sich auf Lesereise.
Die aktuell geplanten Termine sind:
Berlin | Thalia Tauentzienstraße
Dienstag, 12. Mai | 20 Uhr
–
Bremen | Thalia Hansehof
Mittwoch, 13. Mai | 19:30 Uhr
–
Odenthal | Literatur am Dom
Freitag, 26. Juni | 20:00 Uhr
–
München | Literaturhaus
Dienstag, 21. Juli
–
Frankfurt | Literaturhaus
Mittwoch, 7. Oktober (Zum Start der Frankfurter Buchmesse könnte es ziemlich voll werden.)
–
Weitere Termine sollen folgen.
–
Leonie Swann: Widdersehen
Dumont, 2026
336 Seiten
25 Euro
–
So fing es an
Leonie Swann: Glennkill
Dumont, 2026
416 Seiten
14 Euro
–
Originalausgabe
Goldmann, 2005
–
Die Verfilmung startet am Donnerstag, den 14. Mai 2026.
Auch hier ist der in ähnlicher Form aus unzähligen Filmtrailern und Plakaten bekannte Satz „Vom Erfinder von ‚Lassie’“ (um jetzt nicht allgemein „Von den Machern von xyz“ hinzuschreiben) ähnlich sinnfrei. Denn der Roman „Wer verliert gewinnt“ hat nichts mit der Geschichte „Lassie come home“, die zuerst eine Kurzgeschichte war, die Eric Knight (1897 – 1943) später zu einem Roman ausbaute, zu tun. Das eine ist die Geschichte einer Collie-Hündin, die hunderte Kilometer von Schottland nach Yorkshire läuft, um zu seinem ursprünglichem Besitzer, einem Jungen, zurückzukehren. Die Verfilmung von 1943 mit einer jungen Elizabeth Taylor, Fortsetzungen, Neuverfilmungen und TV-Serien (die erste lief von 1954 bis 1973 im US-Fernsehen) trugen weiter zur Popularität des treuen Hundes bei. Das andere ist ein Noir, der sich damals gut verkaufte, mehrmals neu aufgelegt wurde und irgendwann zum Noir-Klassiker gekürt wurde. Eric Knight veröffentlichte den Noir damals unter dem Pseudonym Richard Hallas. Seitdem wurde der Roman mal unter seinem Namen, mal unter dem Pseudonym veröffentlicht.
Und jetzt wurde er wieder auf Deutsch veröffentlicht. Es handelt sich um eine Neuauflage der ersten und bislang einzigen deutschsprachigen Veröffentlichung 1944 beim Berner Scherz Verlag.
Im Mittelpunkt der in den dreißiger Jahren während der Großen Depression spielenden Geschichte steht Ich-Erzähler Richard ‚Dick‘ Dempsey. Am Buchanfang hat ihn seine Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn und ihrem gesamten Vermögen verlassen. Er vermutet, dass sie nach Kalifornien fährt, weil sie ein Filmstar werden will. Er will sie wieder haben und begibt sich in Hobo-Manier auf den Weg nach Hollywood.
Kaum ist er im Land der Träume angekommen, werden seine Frau und sein Sohn zu einer Nebensache. Stattdessen taucht Dick in die dortige verrückte Gesellschaft ein. Er wird mit abstrusen Erklärungen zu abstrusen Verbrechen angestiftet. Er trifft einen Groß-Regisseur, eine nächtliche Schwimmerin und die Gründerin der Ökanaanomischen Partei. Er verliert sich in dieser für ihn fremden Welt, in der Geld keine Rolle spielt.
Die Stärke von Richard Hallas‘ Roman liegt dabei in dem Porträt dieser verrückten Gesellschaft und den verschwimmenden Grenzen zwischen Wahn, Wunderglaube, abstrusen Theorien, Hollywood-Träumen und Verbrechen.
„Wer verliert gewinnt“ ist definitiv einen Blick wert für Fans von Noirs und in Kalifornien spielenden Geschichten.
Normalerweise würde ich jetzt durch die neue Ausgabe des „Lexikon des Internationalen Films“ blättern und nebenbei eine gewohnt euphorische Kritik schreiben. Das tue ich dieses Jahr nicht, weil die Macher des Lexikons, der filmdienst.de und die Katholische Filmkommission für Deutschland, das Lexikon als jährliches Druckerzeugnis nicht weiterführen wollen. Die schon seit längerem nur noch online verfügbare Zeitschrift film-dienst wird fortgeführt.
Einerseits ist das verständlich. Das Jahrbuch war noch nie ein Bestseller. Zuletzt wurde im Impressum eine Auflage von 4000 Exemplaren genannt. Die Arbeit an so einem Buch ist, auch wenn auf bereits geschriebene Texte und Kritiken zurückgegriffen werden, immens. Es muss auf die Seitenzahl geachtet werden. Es muss gelayoutet werden. Davor müssen die Bilder ausgesucht werden. Das ist verdammt viel Arbeit.
Andererseits ist es – ich schwanke zwischen dem höflichen „sehr schade“ und dem ehrlichen „eine Katastrophe“. Nach dem Ende des „Fischer Film Almanach“ 1999 und dem bei Heyne erschienenem „Filmjahrbuch“ 2005 gibt es jetzt kein jährlich erscheinendes Filmlexikon mehr, in dem alle in einem Kalenderjahr im Kino, auf DVD/Blu-ray, im Stream und im Fernsehen erstmals gezeigten Spielfilme und spielfilmlangen Dokumentarfilme mit Kurzkritiken vorgestellt werden und wichtige Daten zu Festivals und Besucherzahlen, Nachrufe und das Filmgeschehen einordnende Texte versammelt sind. Einige werden jetzt sagen, das gebe es doch alles online. Das stimmt so nicht. Denn online sind die Daten ein einziger unsortierter Heuhaufen. In einem Buch sind sie gebündelt, sortiert und unveränderbar. Sie bilden eine Bestandsaufnahme und einen Rückblick auf das, was in einem Jahr wichtig war und wie damals bestimmte Dinge gesehen wurden. Die im Jahr 2000 geschriebene Einschätzung zu einem Film wird immer die vor über 25 Jahren geschriebene Einschätzung bleiben. Rückblickend, vor allem viele Jahre später, fällt dann auf, was bestand hatte, was nicht und was man heute anders sieht.
Werfen wir dafür einen Blick in die im März 2007 erschienene Ausgabe des Lexikons zum „Filmjahr 2006“. Vor zwanzig Jahren war das Schwerpunktthema die Filmkritik, was sie leistet und was sie leisten sollte. Mehrere Texte beschäftigten sich mit der Filmkritik im Fernsehen, die schon damals randständig war. Claudia Lenssen schreibt über die Rezeption von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Mit zwei Millionen Zuschauern war es der damals dritterfolgreichste deutsche Film des Kinojahres.
Die für die „film-dienst“-Redaktion besten Kinofilme des Jahres waren
Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen)
Babel (Alejandro Gonzales Inárritu)
Battle in Heaven (Carlos Reygadas)
Brokeback Mountain (Ang Lee)
Caché (Michael Haneke)
Good Night, and Good Luck (George Clooney)
Das Leben der Anderen (Florian Henckel von Donnersmarck) (erhielt auch den Deutschen Filmpreis in Gold und ist das Titelbild des Lexikons)
Die Liste weckt Erinnerungen, erstaunt und ist immer noch eine gute Liste von Filmempfehlungen. Wer das Buch vor sich hat, beginnt zu blättern, bemerkt, dass Corinna Harfouch damals als „Blond: Eva Blond!“ im TV ermittelte (Die köstliche Serie könnte mal wiederholt werden! – Oh, ein Fall, über einen ermordeten Billig-TV-Produzenten, hieß sogar „Epsteins Erbe“.) und verliert sich in den Filmen, die damals anliefen und heute teils vergessen oder anders bewertet werden. Dabei zeigt die Begrenzung auf ein Kalenderjahr auch immer, was zu einer bestimmten Zeit produziert und gesehn wurde. Online ist das so nicht möglich.
Weil es – soviel Realist bin ich – auf absehbare Zeit kein gedrucktes Filmjahrbuch, das zugleich Analyse und Lexikon ist, geben wird, wäre, als kümmerlicher Ersatz, ein leicht auffindbarer Themenschwerpunkt auf der Seite des filmdienst.de wünschenswert. In dem Themenschwerpunkt sollten, wie in dem Lexikon, die Filme des Jahres genannt werden, wichtige, innerhalb des Kalenderjahres erschienene Artikel hervorgehoben werden (so ein „immer noch lesenswert“), es einen Überblicksartikel über wichtige Entwicklungen in der Welt des Films, Preise und Zahlen und eine Seite mit Nachrufen geben. Das wäre immerhin ein Ersatz.
Als Ryland Grace wach wird, liegen neben ihm zwei ziemlich verweste Leichen und er hat keine Ahnung, wo er ist.
So fangen Krimis und Horrorgeschichten an. „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist allerdings keine Horrorgeschichte und auch kein Thriller, sondern der von Sony Pictures erhoffte nächste Science-Fiction-Blockbuster. Als Grundlage des Films diente der dritte und bislang neueste Roman von Hard-SF-Autor Andy Weir, dem Autor von „Der Marsianer“. Ryan Gosling übernahm die Hauptrolle. Sandra Hüller hat in ihrem gelungenem Hollywood-Debüt die wichtigste und mit entsprechend viel Leinwandzeit ausgestattete Nebenrolle.
Es dauert im Roman und im Film einige Zeit, bis Ryland Grace herausgefunden hat, wer er ist und wo er sich befindet. Er ist in dem Raumschiff Hail Mary und fliegt zum Tau-Ceti-System. Er erwachte aus einem künstlichen Koma. Er und seine beiden toten, arg verwesten Mitastronauten wurden dorthin geschickt, um die Welt zu retten. Denn die Astrophagen entziehen der Sonne das für das Leben auf der Erde nötige Licht. Die einzelligen Lebewesen begeben sich entlang des Petrowa-Strahls auf eine Reise zu Tau Ceti. Die Menschheit hofft, dass die Astronauten herausfinden, warum die Astrophagen sich zu dem Ort bewegen und wie man die Entwicklung umkehren kann.
Vor dem Raumflug ohne Rückfahrtticket war Dr. Ryland Grace Lehrer an einer Highschool. Davor stand dem promovierten Molekularbiologen eine Karriere als Wissenschaftler offen. Er publizierte auch ein in der Wissenschaftler-Gemeinde wahrgenommenes Papier über den Ursprung des Lebens. Darin vertrat er die These, Leben sei nicht unbedingt von Wasserstoff und Sauerstoff abhängig. Die Wissenschaftlerin Eva Stratt (Sandra Hüller) nahm ihn in ihr Team, die Petrowa-Taskforce, auf. Sie wurde von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beauftragt, die Menschheit zu retten. Alles, was sie dafür braucht oder haben möchte, steht ihr zur Verfügung. Sie muss es nur anfordern.
An seinem Zielort trifft Ryland auf ein Alien-Schiff und einen Außerirdischen. Dieser knuffig aussehende, an Bernd das Brot erinnernde Außerirdische, den Ryland Rocky nennt, hat die gleiche Mission. Nur: wie sollen sie sich verständigen?
Das Regie-Duo Phil Lord und Christopher Miller („Spider-Man: Into the Spider-Verse“, „The Lego Movie“) und Drehbuchautor Drew Goddard halten sich in ihrer Verfilmung eng an Andy Weirs Roman. Aber immer, wenn es im Roman wissenschaftliche Erklärungen gibt, biegt der Film in Richtung Comedy ab. So bleibt im Film die gesamte Wissenschaft rätselhaft. Das war in „Der Marsianer“ anders. In Ridley Scotts Verfilmung von Andy Weirs Debütroman, ebenfalls nach einem Drehbuch von Drew Goddard, glaubte man nach dem Film, man habe die gesamte Wissenschaft und die Feinheiten des Kartoffelanbaus verstanden. Nach „Der Astronaut – Project Hail Mary“ fühlt man sich bestenfalls kurzweilig unterhalten und besser. Denn trotz drohendem Weltuntergang und Selbstmordmission ist „Der Astronaut“ ein Feelgood-Film.
Lord und Goddard erzählen die Geschichte mit ihren zahlreichen Rückblenden, flott und immer auf die nächste Pointe hin. Die Zeit – der Film dauert fast drei Stunden – vergeht schnell, aber die Geschichte ist auch etwas dünn für die epische Laufzeit.
Bei dem ebenfalls sehr langem Roman – aufgrund des kleinen Drucks führen die 560 Seiten etwas in die Irre – erfahren wir mehr über die wissenschaftlichen Grundlagen und auch über die komplizierte Arbeit der Wissenschaftler an den Astrophagen, den ständigen Versuchen und, manchmal tödlichen, Irrtümern, und den Vorbereitungen für den viele Jahre dauernden Flug durch den Weltraum.
Gleichzeitig besteht genug Zeit, sich zu fragen, warum es in der Hail Mary nicht eine leicht zu findende Datei gibt, die den aus dem Tiefschlaf aufwachenden Astronauten sofort verraten würde, wo sie gerade sind und warum sie dort sind. Weil es so ein Papier mit den wichtigen Informationen nicht gibt, muss Ryland alles mühsam enträtseln.
Der Astronaut – Project Hail Mary (Project Hail Mary, USA 2026
Regie: Phil Lord, Christopher Miller
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: Project Hail Mary, 2021 (Der Astronaut; Der Astronaut – Project Hail Mary)
mit Ryan Gosling, Sandra Hüller, Lionel Boyce, Ken Leung, Milana Vayntrub
Länge: 157 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage (mit mehr naturwissenschaftlichen Erklärungen und Filmcover)
Jetzt macht sie auch noch Comics! Dabei ist die Entstehungsgeschichte von „Mother Nature“, der ersten Graphic Novel von Jamie Lee Curtis (Ja, genau, die Jamie Lee Curtis!), etwas komplizierter.
Curtis hatte ein Drehbuch für einen Öko-Horrorfilm konzipiert und mitgeschrieben. Als Comiczeichner und -autor Karl Stevens davon hörte, wollte er es lesen. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen ihm, Curtis und Regisseur Russell Goldman, dem Regisseur der von Comet Pictures/Blumhouse geplanten, sich anscheinend im Moment in der Entwicklungshölle befindenden Verfilmung. Schon früh ließen sie sich von Indigenen beraten. Sie gaben ihnen einen Einblick in deren Leben und Kultur.
Die in New Mexico liegende Kleinstadt Catch Creek ist ökonomisch von Cobalt Industries abhängig. Die Firma fördert vor Ort Öl, ist experimentellen Fördermethoden gegenüber aufgeschlossen und gibt sich als Wohltäter. Ihr neuestes Projekt ist das Mother-Nature-Project. Mit einer neuen Technologie soll verunreinigtes Wasser aufbereitet werden. Es soll, in den Worten der Chefin Cobalt Industries Cynthia Butterfield, aus der Wüste eine grüne Oase machen. Die erste Testanlage wird demnächst in Catch Creek fertiggestellt.
Seit dem Tod ihres Vaters – als er 1995 eine Erdöltiefpumpe von Cobalt Industries reparieren wollte, wurde er von ihr erschlagen – kämpft Nova Terrell gegen den Konzern. Sie macht ihn für den Tod ihres Vaters und weitere Schweinereien verantwortlich. Während ihrer Sabotageaktionen entdeckt sie auf dem Boden eine gelb-grünliche Flüssigkeit und sieht den Geist einer Frau.
„Mother Nature“ ist ein zwiespältiges Werk – und jetzt begebe wir uns in das Spoiler-Territorium; wobei im Nachwort von Brian Lee Young und dem Interview mit Jamie Lee Curtis und Russell Goldman einiges Verraten wird. In der Geschichte selbst bleibt der Bezug zur Diné-Kultur eher kryptisch. Über weite Strecken der Geschichte wirkt die aus der Erde kommende Bedrohung wie eine x-beliebige Bedrohung, die am Ende, je nachdem, was dem Autor besser gefällt, mit einem Hinweis auf die Rache der Natur an den Umweltfreveln der Menschen oder einer ungünstigen Kombination von Chemikalien und Lebewesen oder einer Mischung aus beidem erklärt.
Bis dahin plätschert die Geschichte mit seltsamen Sichtungen, bizarren Todesfällen und Subplots überraschend spannungsfrei vor sich hin.
–
Jamie Lee Curtis/Russell Goldman/Karl Stevens: Mother Nature – Die Rache der Erdgeister
Horst Eckert stellt seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse 2026 vor
Carla Bergmann kann ihr Glück kaum fassen: in der Lokalredaktion der Morgenpost hat sie einen Praktikumsplatz bekommen. Als erstes soll sie den Polizeibericht bearbeiten. Das ist eine typische Anfängeraufgabe. Dabei entdeckt sie eine Meldung über einen Einbruch in ein Büro. Zwei Männer wurden verhaftet. Sie fragt bei der Polizeisprecherin nach. Diese sagt ihr, es habe sich um eine Irrtum gehandelt und die beiden verhafteten Männer seien bereits entlassen worden.
Damit könnte die Sache erledigt sein. Aber Carla fragt sich, warum die Polizeisprecherin so pampig reagierte.
Sie recherchiert weiter, findet heraus, dass in das Büro eines ukrainischen Magazins, für das auch regimekritische Exilrussen schreiben, eingebrochen wurde, aber nichts gestohlen wurde. Kurz darauf wird auf Artem Woronin, einem der für das Magazin arbeitenden Journalisten, ein Anschlag verübt. Dieser Anschlag geschieht Sekunden vor einem Treffen mit Clara, bei dem er ihr wichtige Dokumente übergeben wollte. Er stirbt in der Garage der Morgenpost.
Danach ist diese Geschichte für die Morgenpost eine große Story. Zusammen mit Jan Koller, früher Investigativjournalist, jetzt Hauptstadtkorrespondent der Zeitung, will Clara herausfinden, wer warum Woronin ermordete.
Dabei begegnen der erfahrene Journallist und die Praktikantin auch einigen aus früheren Thrillern von Horst Eckert bekannten Figuren, wie den Polizisten Vincent Veih und Melia Adan. Und in Berlin bricht in dem an wenigen Tagen im November spielendem Thriller gerade die Regierung auseinander. Ähnlichkeit mit einem realen Koalitionsbruch sind gewollt. Schließlich schreibt Horst Eckert schon seit Jahren seine fabelhaften Politthriller dicht entlang aktueller Ereignisse, Entwicklungen und Schlagzeilen. In dem Einzelroman „Die Praktikantin“ beschäftigt sich der frühere TV-Journalist, neben dem Ukrainekrieg in all seinen Facetten, mit aktuellen Entwicklungen in der Zeitungsbranche. Der Spardruck, KI-Anwendungen und anstehende Fusionen prägen die Arbeit in der Redaktion.
Der Hauptplot – die Recherche von Carla und Jan über die Hintergründe des Einbruchs – entwickelt sich flott und actionreich. Das liegt einerseits daran, dass „Die Praktikantin“ zu Eckerts kürzeren Werken gehört, und andererseits daran, dass er eine Story erzählt, die von Eric Ambler sein könnte. Wie bei Ambler geraten in diesem Fall zwei (bei Ambler war es normalerweise ein) Normalbürger in eine sie überfordernde labyrinthische politische Verschwörung, bei der unklar ist, ob sie das Ende der Geschichte erleben.
Zwischen all den Fronten und verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Interessen verliert Horst Eckert nie den Überblick. Sein neuester Pageturner ist wieder einmal glänzend geplottete Aufklärung
Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.
Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?
Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.
Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.
In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.
Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.
Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.
Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.
Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.
Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.
–
Henry Wise: Holy City
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
Ist das ein Ruf aus dem Ruhestand? Hat er beim Aufräumen des Schreibtischs eine ältere Texte gefunden? War es eine Freizeitbeschäftigung, weil das Wetter gerade schlecht war? Oder sind die in „The Final Score“ gesammelten sechs Kurzgeschichten vielleicht doch Aufwärmarbeiten vor dem nächsten Roman?
Im Gegensatz zu Stephen King, der neben seinen Romanen fast ohne Unterbrechung auch Kurzgeschichten veröffentlicht, oder Lawrence Block, der sogar mehrere Kurzgeschichten-Serien schrieb, ist Don Winslow kein ausgewiesener Kurzgeschichten-Autor. Er ist seit Jahrzehnten ein produktiver Romanautor. Erst mit „Crime 101“ (ursprünglich 2020 als „Broken“ veröffentlicht) veröffentlichte er ein Buch mit Kurzgeschichten.
Und jetzt, als erstes Werk in seiner als Ruhestand angekündigten Lebensphase, „The Final Score“. Es enthält sechs Kurzgeschichte. Die meisten sind so um die vierzig Seiten. Die umfangreichste hat hundert Seiten. Und nicht alle sind im engeren Sinn Kriminalgeschichten. In „Die Sonntagsliste“ erzählt Don Winslow, wie Nick McKenna 1970 jeden Sonntag auf Rhode Island Alkohol ausliefert. Sicher, das ist nicht legal, aber bei weitem nicht so illegal wie die Beförderung von Schnaps während der Prohibition. Nick will so das Geld für die Universität verdienen. „Die Sonntagsliste“ ist vor allem ein schönes kleines Porträt einer verschlafenen, vom Tourismus lebenden Seestadt in den frühen siebziger Jahren.
„True Story“ ist ein einziger langer Dialog. In einem Diner haben zwei Männer eines dieser Gespräche, in denen sie vom Stock zum Stöckchen kommen. Sie sprechen über verschiedene Ereignisse, die teilweise etwas mit dem örtlichen Organisierten Verbrechen zu tun haben, teilweise wohl eher nicht. Dieser mäandernde Endlos-Dialog ist die schwächste Geschichte des Buches. Eigentlich ist sie nur eine Schreibübung.
„Lunch Break“ mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“) ist bestenfalls eine halbe Kriminalgeschichte. Daniels und seine Freunde sollen einen Hollywood-Star beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh ist eine verwöhnte, Drogen konsumierende Nervensäge.
Auch „Der Nordflügel“ ist nicht unbedingt eine Kriminalgeschichte. Nachdem Chrissy Pritchett betrunken eine Frau überfährt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein aufstrebender Streifenpolizist, versucht Chrissy einen Platz in dem Teil des Gefängnisses zu verschaffen, den er überleben kann.
„The Final Score“ und „Kollisionen“ sind dann eindeutig Kriminalgeschichten.
In „The Final Score“ plant Profiräuber John Highland, bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss, noch seinen letzten großen, eigentlich unmöglichen Coup. Er will ein einsam gelegenes Casino ausrauben.
„Kollisionen“ ist mit hundert Seiten die mit Abstand längste Geschichte des Buches. In ihr gerät Brad McAlister, glücklich verheirateter Hotelmanager und Vater eines kleinen Jungen, in einen Streit. Er schlägt einen anderen Mann. Der stürzt unglücklich. Brad wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis ergreift er die notwendigen Maßnahmen, um zu überleben. Auch wenn er dafür zum Mörder werden soll.
Auch wenn nicht jede Kurzgeschichte in „The Final Score“ eine lupenreine Kriminalgeschichte ist, ist jede Geschichte ein Lesevergnügen für alte und neue Don-Winslow-Fans.
Ob der Sammelband die Ouvertüre für weitere von Don Winslow geschriebene Thriller oder nur eine einmalige Rückkehr aus dem Ruhestand ist, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob die vielen Pläne von Verfilmungen seiner Werke zu Verfilmungen führen werden.
–
Don Winslow: The Final Score
(übersetzt von Conny Lösch, mit einem Vorwort von Reed Farrel Coleman)
„Solche Bücher werden heute nicht mehr geschrieben.“ ist ein oft benutzter dummer Spruch. Und trotzdem stellt sich beim wiederholten Lesen von Raymond Chandlers zweitem Philip-Marlowe-Roman, der jetzt in einer neuen Übersetzung von Melanie Walz bei Diogenes erschien, genau dieses Gefühl ein. Oder wann habt ihr zum letzten Mal in einem neueren Roman solche Sätze gelesen?
„Er war sehr groß, nicht größer als zwei Meter, nicht breiter als ein Bierlaster.“
„Selbst auf der Central Avenue, nicht für unscheinbare Kleidung bekannt, sah er so diskret aus wie eine Tarantel auf einem Babykuchen.“
„Eine Hand, in der ich hätte sitzen können, fuhr aus dem Halbdunkel, packte meine Schulter und zerquetschte sie zu Brei. Dann zerrte die Hand mich durch die Tür und hob mich wie ein Spielzeug auf die erste Stufe.“
Und das sind nur einige willkürlich ausgewählte Sätze aus den ersten drei Seiten eines über dreihundertseitigen Kriminalromans.
Diese metaphernreiche Spache, die Chandler oft vorgeworfen und bis weit über den Exzess parodiert wurde, ist heute verschwunden zugunsten von oft nur kryptischen Beschreibungen. Wie die Gegend und die Personen aussehen, wie der Erzähler sie empfindet, kann sich der Leser mehr oder weniger selbst zusammenreimen. Oder auf eine Verfilmung hoffen, die die Bilder zu den Sätzen liefert.
Da sind diese farbenreichen Beschreibungen und Vergleiche eine Wohltat. Schnell entsteht ein Bild von Moose Malloy, einem nach acht Jahren frisch aus dem Gefängnis entlassenem Bankräuber, der seine große, spurlos verschwundene Liebe Velma sucht, und der Bar, die er gerade zerstört. Er bringt auch den Geschäftsführer des Lokals um und verschwindet spurlos. Jedenfalls soweit das für so einen Riesen möglich ist.
Marlowe, der gerade nichts zu tun hat, beginnt in seiner Stadt Los Angeles das Riesenbaby Malloy und die schon vor Jahren verschwundene Velma zu suchen. Kurz darauf ist er mitten in einem – jedenfalls für uns Leser – wundervollem Schlamassel.
„Lebwohl, mein Liebling“ wurde zweimal gut verfilmt. 1942 erfolgte im Rahmen der „The Falcon“-Filmserie als „The Falcon Takes Over“ eine erste Verfilmung des Romans, die den Plot in ein anderes fiktionales Universum übertrug. Die erste richtige Verfilmung von „Lebwohl, mein Liebling“ ist auch die erste Verfilmung eines Chandler-Romans in der Philip Marlowe als Philip Marlowe auftrat. Edward Dmytryks „Murder, my Sweet“ war an der Kinokasse erfolgreich, wurde mit den Edgar ausgezeichnet, Raymond Chandler war mit dem Hauptdarsteller Dick Powell als Marlowe zufrieden und, während der Noir in den USA ziemlich bekannt ist, ist er hier fast unbekannt. Die deutsche Premiere war 1972 im Fernsehen. 1988 folgte sogar eine Kinoauswertung.
Die zweite Verfilmung war 1976 von Dick Richards mit Robert Mitchum als Marlowe. „Fahr zur Hölle, Liebling“ gefiel den Fans und lief bis vor einigen Jahren öfter im Fernsehen.
Aktuell scheinen beide Filme nur auf DVD/Blu-ray erhältlich zu sein.
Der immer noch absolut lesenswerte Roman ist dagegen, vorzüglich neu übersetzt und mit einem extra für diese Ausgabe geschriebenem Nachwort, gut erhältlich.
„They remain great works of American literature, as readable and enjoyable as when the were first published.“ (Nick Rennison, Hrsg: Bloomsbury Good Reading Guide to Crime Fiction, 2003)
–
Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling
(übersetzt von Melanie Walz)
(mit einem Nachwort von Paul Ingendaay)
Diogenes, 2026
368 Seiten
26 Euro
–
Originalausgabe
Farewell, my Lovely
Alfred A. Knopf, New York, 1940
–
Erste vollständige Übersetzung
Lebwohl, mein Liebling
(übersetzt von Wulf Teichmann)
Diogenes, 1976
–
Die guten Verfilmungen
Leb wohl, Liebling(Murder, my Sweet, USA 1944)
Regie: Edward Dymtryk
Drehbuch: John Paxton
LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)
mit Dick Powell, Claire Trevor, Anne Shirley, Otto Kruger
Alternativtitel sind in Deutschland „Murder, my Sweet“ und „Mord, mein Liebling“
–
Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)
Regie: Dick Richards
Drehbuch: David Zelag Goodman
LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)
mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone, Jim Thompson
Der Roman ist ein oft verfilmter Klassiker der englischen Literatur. Die letzte bekanntere Verfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (Die Sturmhöhe) ist von 2011. Andrea Arnold machte die Liebesgeschichte zu einen echten Arnold-Film. Die Hauptrollen spielen zwei knapp zwanzigjährige Schauspieler. Sie sind in dem Alter, das die von ihnen gespielten Figuren auch im Buch haben. Catherine stirbt im Roman als 19-jährige. Das ist kein Spoiler. Es wird schon in der Personenübersicht des Romans verraten. Heathcliff wird von einer dunkelhäutigen Person gespielt. Im Roman bleibt seine Herkunft im Dunkeln. Er sei, heißt es im Roman, ein „dunkelhäutiger Zigeuner“ oder ein Inder oder von ähnlich niedrigem gesellschaftlichem Rang. Wir reden hier, wenn wir uns auf die Jahre konzentrieren, in denen der Film spielt, von den Jahren zwischen 1771 und 1784.
Die neueste Brontë-Verfilmung ist von „Promising Young Woman“-Regisseurin Emerald Fennell. Margot Robbie und Jacob Elordi übernahmen die Hauptrollen. Sie spielen das Liebespaar Cathy und Heathcliff. Wie fast alle anderen Verfilmungen konzentriert Fennell sich auf deren Geschichte und ignoriert den umfangreicheren Rest des Romans.
Fennells Film beginnt, nachdem sie eine öffentliche Hinrichtung in drastischen Details und sensationslüsternen Kommentaren zeigt, mit der Ankunft von Heathcliff auf dem Hof der Earnshaws. Er liegt im Moor von Yorkshire. Earnshaw hat den Jungen, über dessen Herkunft nichts bekannt ist, bei einer Reise aufgenommen. Zunächst ist er für Cathy Earnshaw ein Spielkamerad. Später vertieft sich ihre Beziehung. Sie sind ineinander verliebt und würden am liebsten zusammen bleiben.
Trotzdem heiratet sie, gesellschaftlichen Konventionen folgend, den neuen Nachbarn Edgar Linton. Heathcliff verläßt den Hof. Einige Jahre später kehrt er als reicher Mann zurück. Fortan haben, unter Lintons und den Augen des Personals, Cathy und Heathcliff eine seltsam verquere Liebesbeziehung, die mit ihrem Tod endet. Damit endet auch der Film.
Emily Brontës Roman wird immer, so auch im Filmtrailer, als „größten Liebesgeschichte aller Zeiten“ gelabelt. Angesichts der Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff wirkte das schon immer etwas seltsam. In der aktuellen Interpretation ist dieses Labeling noch seltsamer.
Sie sind zwei sehr unsympathische Menschen. Gehässig, rachsüchtig, intrigant, egoistisch. Für eine gute Filmgeschichte ist das kein Problem. Ein Problem ist, dass sie außerdem zwei uninteressante Menschen. Die anderen in der Geschichte vorkommenden Menschen sind, bis auf Edgar Linton, ähnlich uninteressante Grobiane.
Eine Liebesgeschichte erzählt „Wuthering Heights“ nur insofern, dass Cathy und Heathcliff Gefühle füreinander haben. Es ist eine toxische Beziehung, eine extreme Co-Abhängigkeit, die schon für Teenager schwierig gewesen wäre. Für Erwachsene (jedes Bild von Robbie und Elordi zeigt, dass sie schon lange keine Teenager mehr sind) sollte dieses Verhalten direkt zu einer psychiatrischen Behandlung führen.
Das was sie füreinander empfinden ist das Gegenteil von Liebe. Ihre Geschichte ist keine Liebesgeschichte, sondern die Travestie einer Liebesgeschichte. Das ist „Eine fatale Affäre“ im Moor von Yorkshire; wobei unklar ist, wer Täter und wer Opfer ist.
Jedenfalls in dem Teil, den Emerald Fennell in ihrem Film zeigt, der nur einen Bruchteil des Romans verfilmt, vieles weglässt und vieles verändert.
Sie interpretiert dabei die, uh, Liebesgeschichte mit den Gefühlsaufwallungen eines Teenagers. Sie las den Roman zum ersten Mal als Vierzehnjährige. Sie lässt alles weg, was einen Teenager nicht interessiert. Das sind die englische Klassengesellschaft und der Rassismus gegenüber dem Findelkind Heathcliff. Beides verhindert seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Es erklärt auch seinen Hass und Rachsucht gegenüber Linton und der Gesellschaft. Im Film funktioniert diese Erklärung natürlich nicht.
Die Liebe zwischen Cathy und Heathcliff bleibt, ab dem Moment, in dem sie von Robbie und Elordi gespielt werden, reine Behauptung. Als Kinder, gespielt von Charlotte Mellington und Owen Cooper, ist die tiefe Freundschaft glaubwürdiger. Beide sind, wie oben schon angedeutet und wie die Leser des Romans wissen, keine besonders sympathischen Menschen. Sie ist manipulativ. Er ist ein Grobian. Beide sind rachsüchtig und auf sich selbst bezogen.
Alle anderen Figuren sind vernachlässigbare Nebenfiguren. Das gilt auch und vor allem für Heathcliffs Gegner Linton, den Ehemann von Cathy, der anscheinend ein ziemlich netter Kerl ist. Aber mehr als zweieinhalb weitgehend bedeutungslose Szenen hat er nicht.
Wer nach dem Trailer ein kunterbuntes Über-Kitsch-Fest erwartet, wird enttäuscht sein. Diese Bilder, die sich stilistisch an den Cover-Entwürfen für entsprechende für ein jüngeres weibliches Publikum gestaltete Romance-Novellen orientieren (Auch Fennell las den Roman erstmals in einer Ausgabe mit einem solchen Cover. Auf dem sah Heathcliff wie Elordi aus), werden fast vollständig im Trailer gezeigt.
Der Rest des deutlich über zweistündigen Films hat einige eindrucksvolle Bilder, einige könnten sogar aus einem Gothic-Horrorfilm sein, und viele unglaublich dunkle Bilder, in denen kaum erkennbar ist, was gezeigt wird. Es sind sparsam bewegte dunkle Holzschnitzereien. Das Erzähltempo ist langsam. Da sterben sogar in einer Oper die Ariensängerinnen in ihrer großen Sterbeszene schneller.
Inszeniert ist diese Version von „Wuthering Heights“ wie ein altmodischer Kostümfilm, der sich nicht darum kümmert, ob die Kleider und die Ausstattung wirklich in die Zeit passen. Solange es gut aussieht, ist es okay. Auch dass Robbie und Elordi deutlich älter sind, als die Personen, die sie spielen, ist egal. 1940 wurde sich um solche Details auch nicht gekümmert. Heute mutet diese Unbekümmertheit, trotz der Verwendung neuer Songs von Charli XCX, unglaublich altmodisch an. Oder wie die Fantasie einer Vierzehnjährigen, die sich gerade ein altes Hollywood-Melodrama angesehen hat..
Vor allem, wenn man sich an Andrea Arnolds Interpretation erinnert, in der Alter und Hautfarbe von Cathy und Heathcliff mit der des Romans übereinstimmen und deren Gefühle nachvollziehbar sind, ist Emerald Fennells in jeder Beziehung ein ziemlicher Rückschritt weit zurück in die Vergangenheit, in der erstaunlich wenig funktioniert.
P. S.: Der überkorrekte deutsche Titel ist „“Wuthring Heights“ – Sturmhöhe“. Der ebenso überkorrekte Originaltitel „Wuthering Heights“. Aber das sieht einfach zu affig aus. Jedenfalls abseits von dem Filmplakat.
LV: Emily Brontë: Wuthering Heights – A Novel by Ellis Bell, in Three Volumes, 1847 (Die Sturmhöhe)
mit Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver, Martin Clunes, Ewan Mitchell, Charlotte Mellington, Owen Cooper
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
(wer die gesamte Geschichte lesen und erfahren will, warum ein vor fast 180 Jahren erschienener Roman immer noch gelesen, interpretiert und verehrt wird)
Emily Brontë: Die Sturmhöhe
(übersetzt von Grete Rambach)
Insel Verlag, 2025
464 Seiten
16 Euro
–
Der Roman erschien und ist erhältlich in verschiedenen Übersetzungen bei verschiedenen Verlagen unter leicht abweichenden Titeln.
Davis (Chris Hemsworth) ist ein Profi-Dieb. Er überfällt Juweliere entlang der Highway 101 und wendet dabei keine Gewalt an. Er ist gut vorbereitet und höflich. Ältere Semester werden hier vielleicht an den von George Clooney gespielten, von Elmore Leonard erfundenen charmanten Dieb Jake Foley in „Out of Sight“ denken. Davis bewundert dagegen eher Steve McQueen, den King of Cool, und wie Frank Bullitt (in „Bullitt“) kurvt er durch Kalifornien.
‚Lou‘ Lubesnik (Mark Ruffalo) ist ein LAPD-Kriminalpolizist, der glaubt, dass es einen Dieb gibt, der entlang der Pacific Coast Highway 101 Überfälle begeht und dabei keine für die Polizei verwertbaren Spuren hinterlässt. Obsessiv jagt er ihn. Auch ohne eine ausgeprüfte Leidenschaft für Jazz könnte Lou ein geistiger Bruder von Michael Connelleys LAPD Detective Harry Bosch sein.
Die Konstellation und die parallele Erzählung zwischen dem Verbrecher und dem ihn fanatisch verfolgendem Polizisten erinnert ältere Semester an Michael Manns Meisterwerk „Heat“, auch wenn es in Bart Laytons Thriller „Crime 101“ weniger gewalttätig zugeht. Davis gehört zu den Profigangstern, die ihre Verbrechen gewaltfrei begehen. Dafür ist er zu schlau und plant zu präzise. Aber nicht immer läuft alles nach Plan.
Dritte im Bunde ist Sharon Coombs (Halley Berry). Die Versicherungsagentin muss erkennen, dass sie als Über-Fünfzigjährige nicht weiter befördert, sondern auf das Abstellgleis abgeschoben wird. Ihre Vorgesetzten halten sie für zu alt, um vermögende Kunden mit ihrem Aussehen zu einem Vertragsabschluss zu bringen. Da erhält sie von Davis ein Angebot, das sie zunächst empört ablehnt. Ältere Semester denken hier an „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (The Thomas Crown Affair), ein weiterer Film mit Steve McQueen. Faye Dunaway spielt die den Dieb jagende Versicherungsagentin.
Zwischen ihnen agiert Ormon (Barry Keoghan) als Wild Card. Weil Money (Nick Nolte) glaubt, dass Davis zu alt für das Verbrechergeschäft wird, soll Ormon Davis beschatten. Dummerweise sind Ormons Ambitionen größer als sein kriminelles Talent.
Und wer jetzt glaubt, dass „Crime 101“, der neue Film von Bart Layton („American Animals“), basierend auf einer Steve McQueen gewidmeten Novelle von Don Winslow, eine erschreckend langweilige, vorhersehbare und überaus altmodische, aus vertrauten Versatzstücken lieblos zusammengestückelte Angelegenheit ist, irrt sich gewaltig. „Crime 101“ ist ein ruhig erzählter Thriller, der seine Vorbilder kennt, sie nebenbei zitiert, und ein gelungenes Update liefert. Vor zwanzig, dreißig Jahren wäre der Thriller als zukünftiger Klassiker gehandelt worden und hätte einen kleinen Kult ausgelöst. Heute – keine Ahnung, ob es noch ein Publikum für diese kleinen, erwachsenen Filme gibt, in denen Profis souverän ihr Können demonstrieren und die Hauptpersonen Erwachsene sind, die sich wie Erwachsene verhalten. Die Lösungen für ihre Probleme, wie sie in Konfliktsituationen reagieren und wie sie doch, mehr oder weniger, ans Ziel gelangen, entsprechen ihrem Charakter und sie überraschen. Layton nimmt sich Zeit für seine Figuren und ihre Handlungen. Das macht „Crime 101“ zu einem ziemlich langem Film. Er dauert 141 Minuten. Trotzdem ist er keine Minute zu lang. Die Don-Winslow-Verfilmung ist in jeder Sekunde eine wunderschöne Liebeserklärung an klassische Gangsterthriller und der beste Michael-Mann-Film seit „Collateral“. Damit dürfte klar sein, welche Tradition Laytons Thriller überzeugend fortschreibt.
Crime 101(Crime 101, USA 2026)
Regisseur: Bart Layton
Drehbuch: Bart Layton, Peter Straughan
LV: Don Winslow: Crime 101, 2020 (Novelle, erschienen in Broken, 2020)
mit Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Halle Berry, Barry Keoghan, Nick Nolte, Jennifer Jason Leigh, Monica Barbaro, Corey Hawkins
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage (mit neuem Titel und Cover)
Don Winslow: Crime 101 – Sechs Geschichten
(übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Kerstin Fricke, Peter Friedrich und Joannis Stefanidis)
HarperCollins, 2026
512 Seiten
14 Euro
–
Deutsche Erstausgabe
Broken – Sechs Geschichten
HarperCollins, 2020
–
Originalausgabe
Broken
William Morrow, 2020
–
Druckfrisch
(sechs brandneue Kurzgeschichten, eine mit Boone Daniels. Da freut sich der Don-Winslow-Fan)
Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte (1994)
Schindlers Liste (1993)
Schtonk! (1992)
Der Elefantenmensch (1980)
Die Unbestechlichen (1976)
Lawrence von Arabie (1962)
Meuterei auf der Bounty (1916/1933/1935/1962/1984) (jaa, die Geschichte wurde öfters verfilmt)
vor.
Das ist schon auf den ersten Blick eine gelungene Auswahl bekannter älterer und neuer Filme aus Europa und den USA.
Geschrieben wurden die Texte fast alle von ehemaligen Kollegen des früheren Politikredakteurs der in Konstanz erscheinenden Tageszeitung „Südkurier“. In sechs bis siebenseitige Texten vergleichen sie die Filmgeschichte mit den wahren Ereignissen. Wenn es sich um ältere Filme handelt, wird auch auf neuere Erkenntnisse eingegangen.
Dabei wird in den späteren Texten oft nur noch sehr kursorisch auf den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion eingegangen. Es geht dann weniger um spezielle Details, sondern mehr um grobe Linien. So war schon Thomas E. Lawrences Biographie „Die sieben Säulen der Weisheit“, die die Vorlage für David Leans Epos „Lawrence von Arabien“ bildete, mehr eine freie Erfindung als ein faktengetreuer Bericht. Bei den unzähligen Verfilmungen der Geschichte der „Meuterei auf der Bounty“ ist es ähnlich.
Auf verdienstvollen Seiten wie History vs. Hollywood gibt es sehr ausführliche Vergleiche einzelner Filme mit der Realität. Teilweise werden da sehr spezielle Fragen beantwortet. Wikipedia und die IMDb listen immer wieder Punkte auf, in denen ein Film von der Wahrheit abweicht. Aber wie wichtig sind die teils vielen und erheblichen Abweichungen für den Film?
Weil der Wahrheitsgehalt einer Geschichte kein einfacher Vergleich von Außen- und Innentemperatur ist, sind Filmanalysen wie in „Based on a true Story“ wichtig. Die Abweichungen werden eingeordnet. Sie werden in einen größeren Zusammenhang gestellt. Es wird auf Unklarheiten in unserem Wissen über die dem Film zugrunde liegende Geschichte hingewiesen. So ist immer noch unklar, was auf der Galapagos-Insel Floreana 1934 genau geschah. Ron Howard entschied sich in seinem Aussteigerdrama „Eden“ für eine durchaus mögliche und wahrscheinliche Version. In „Schindlers Liste“ wird immer wieder von den Fakten abgewichen, weil diese im Rahmen eines Spielfilms nur einen unübersichtlichen Wust von Handlungen und Personen produziert hätte. In den in „Based on a true Story“ enthaltenen Analysen werden diese Abweichungen eingeordnet; es wird auch gezeigt, wie erstaunlich genau einige Filme den Fakten und der Wahrheit folgten und wie viel Mühe in diese Faktentreue und in einige Details gesteckt wurde.
In der insgesamt verdienstvollen und sehr kurzweilig zu lesenden Auswahl fehlen allerdings zwei Filme oder Subgenres. Nämlich auf wahren Ereignissen basierende Horrorfilme, wie das „Conjuring“-Franchise, und ein richtiger Serienkillerfilm. Fatih Akins „Der goldene Handschuh“ ist ja mehr ein deprimierendes Sittengemälde als ein richtiger Serienkillerfilm.
Bei Horrorfilmen wie den Filmen aus dem „Conjuring“-Franchise, die auf den wahren Fällen des Geisterjäger-Ehepaares Ed und Lorraine Warren basieren, stellt sich die Frage, wie man als Journalist damit umgeht, wenn ein Film zwar einerseits peinlich genau den Fakten folgt (wie sie von den Geisterjägern aufgeschrieben wurden), andererseits der gesamte paranormale Fall schon mehrfach widerlegter Aberglaube ist.
–
Wolfgang Wissler (Hrsg): Based on a ture Story – Filme nach wahren Begebenheiten und die Wahrheit dahinter
Es ist (k)ein einfacher Auftrag für die Journalistin Laura Warren. Für das britische Magazin „Zeppelin“ soll sie einen Bericht über die Dreharbeiten für eine Horrorfilmserie schreiben. Ein, zwei Impressionen vom Set, ein Interview mit der Hauptdarstellerin, eines mit dem Regisseur und fertig ist der hundertprozentig unkritische Artikel, der dann zum Start der Streamingserie erscheint.
Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe, das Laura erst während des Flugs nach Los Angeles auffällt. Bei dem Film handelt es sich um das Remake eines inzwischen als Kultfilm gehandelten Slasherfilms aus den frühen neunziger Jahre. Seinen Status als Kultfilm verdankt „The Guesthouse“ vor allem dem Umstand, dass während und nach den Dreharbeiten alle Beteiligten unter seltsamen Umständen starben. Die Hauptdarstellerin des verfluchten Films, die damals siebenjährige Polly Tremaine, tauchte kurz darauf unter, siedelte nach England über und veränderte ihren Namen in Laura Warren.
Seit den damaligen Ereignissen war sie nicht mehr in Los Angeles. Schon während des Flugs bekommt sie eine Panickattacke. Kurz nach der Landung, auf dem Weg zu ihrem Hotel, sieht sie, wie sich ein Mann von einer Brücke stürzt. Und das ist erst der Anfang einer Reihe unnatürlicher Todesfälle.
Als sie in Verdacht gerät, die Mörderin zu sein, beginnt sie, ziemlich schnell begleitet von einem seltsamen Medium, das die Dreharbeiten begleiten soll, und ihrer jüngeren Schwester, die schon immer eine erfolgreiche Filmkarriere starten wollte, den Täter und den sie verfolgenden Dämon, den Needle Man, zu suchen. Ach ja, der Needle Man ist der Dämon aus dem Film.
In „Verbrenn das Negativ“ erzählt Josh Winning, souverän zwischen Horrorthriller und Rätselkrimi schwankend, eine spannende Geschichte. Denn selbstverständlich ist jeder verdächtig (auch die Protagonistin) und natürlich könnte es, immerhin handelt es sich um eine Horrorgeschichte, den Dämon wirklich geben. Winning streut die Verdachtsmomente geschickt, spielt dabei mit der Form des Horrorfilms und erwähnt und zitiert etliche Horrorfilme und Slasherfilme. Auch in höchster Not können die Figuren einen auf die aktuelle Situation passenden Horrorfilm erwähnen und so erklären, weshalb etwas eine vielversprechende Spur oder eine sehr dumme, um nicht zu sagen lebensgefährliche Idee ist. Sie tun es dann doch. Dazwischen gibt es noch etwas Hollywood-Klatsch und Informationen über das Drehen von Filmen.
All das streut Filmjournalist Winning (u. a. Radio Times, Den of Geek) locker in die Geschichte ein.
Das macht seinen 2023 für den Bram-Stoker-Award in der Kategorie „Superior Achievement in a Novel“ nomininierten Horrorthriller zu einer absoluten Leseempfehlung für alle, die einen spannenden Horrorthriller lesen wollen und keine Angst vor einer schlaflosen Nacht mit einem echten Pageturner haben.
Dieses mal wollen „Die drei ???“ ihren Ferien nicht mit einem neuen Fall, sondern mit – nun, der andere Plan wird aufgeschoben, weil jetzt erst einmal das Telefon klingelt und sie dann doch einen Fall haben. Der Fall hat etwas mit dem Geschäftsmann, Miliardär und Wohltäter von Rocky Beach, Joseph Saito Hadden, zu tun und es geht um einen ebenso geheimnisvollen wie wertvollen Schatz, der auf der Pazifikinsel Makatao versteckt sein soll. Ein Betreten der als Toteninsel bekannten Insel ist lebensgefährlich, weil sie eine heilige Stätte und Ruhestätte von Toten ist und der auf der Insel aktive Vulkan demnächst ausbrechen könnte. Es gibt also zwei gute Gründe, Makatao nicht zu betreten.
Eine mehr als halbseidene Gruppe Schatzsucher mit wissenschaftlichem Background und zunächst unklaren Verbindungen zu dem Geheimbund Sphinx, tut es, weil Hadden sie dafür fürstlich entlohnt.
Die drei ??? – das sind die drei jugendlichen Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, die in Rocky Beach, einem Vorort von Los Angeles, zur Schule gehen (der uninteressante Teil ihres Lebens) und Kriminalfälle lösen (der interessante Teil ihres Lebens) – machen sich auf den Weg zur Insel, weil Peter durch eine Verkettung unglücklicher Umstände von den Schatzsuchern auf ihrem Schiff mitgenommen wird. Sie wollen ihren Freund retten. Außerdem sind sie sehr neugierige Teenager.
„Die drei ??? – Toteninsel“ ist der dritte Film mit Julius Weckauf, Nevio Wendt und Levi Brandl als jugendliche Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Jördis Triebel und Florian Lukas spielen wieder Tante Mathilda und Onkel Titus, die Zieheltern von Justus. Dieses Mal haben sie nur einen kurzen Auftritt am Filmanfang und -ende. Die Regie übernahm wieder Tim Dünschede. Das Drehbuch ist wieder von Anil Kizilbuga. Für Kontinuität ist also in jeder Beziehung gesorgt.
Wie schon in dem ersten Film „Erbe des Drachen“ geht es wieder auf Reisen.
Aber bis Justus, Peter und Bob in Richtung Makatao aufbrechen, ermitteln sie einen großen Teil der Filmzeit in Rocky Beach.
Während der erste „Die drei ???“-Film mit diesem Team (es gibt auch ältere „Die drei ???“-Filme mit anderen Schauspielern) mit einem Filmdreh in einem Schloss in Transsylvanien ein wenig in Richtung Horrorgeschichte zwinkerte und fiel Potential in punkto filmischer Anspielungen unnötig verspielte, gefiel „Die drei ??? und der Karpartenhund“ als ziemlich überzeugend geplottete Rätselkriminalgeschichte mit einigen passenden Anspielungen. „Toteninsel“ ist nun eine Abenteuergeschichte und eine Schatzsuche, die in Richtung „Uncharted“, den „Die Mumie“-Filmen (mit Brendan Fraser), Tomb Raider und Indiana Jones zwinkert.
Erwachsene dürften etwas enttäuscht über den Mangel an lustvoll zitierten Abenteuerfilm-Klassikern sein. Sie dürften sich auch über die Motivation des Bösewichts und seinen Plan, mit dem er in den Besitz des Schatzes von Makatao gelangen will, ärgern. Der Fall selbst entwickelt sich flott und in schönster Pulp-Manier, in dem eine überraschende Wendung auf die nächste überraschende Wendung folgt und ein Rätsel auf das nächste Rätsel aufgetürmt wird, bis wahrscheinlich sogar der Autor der Geschichte den Überblick verliert.
Für Kinder ist „Toteninsel“ eine unterhaltsame und spannende Abenteuergeschichte, die sich vor allem an Kinder vor der Pubertät richtet.
Zum Schluss muss noch eine neue Entwicklung in der Welt der „Drei ???“ angesprochen werden. Am Ende von „Die drei ??? und der Karpatenhund“ erhalten die Detektive einen MG. Nachdem die drei Detektive vorher über Jahrzehnte nicht alterten, hat Peter seinen Führerschein gemacht und er darf jetzt Auto fahren. Justus und Bob sind demnächst alt genug für ihre Führerscheine. In ihrem neuesten Film sitzen sie öfter im Auto. Handlungsentscheidend ist das nicht.
Verglichen mit der neuesten Entwicklung im „Die drei ???“-Kosmos war das allerdings nur eine kleine Änderung. Dieses Mal hilft ihnen Jelena Charkova. Bob lernte die Rollstuhlfahrerin im Krankenhaus kennen, befreundete sich mit ihr und ist begeistert von ihren Fähigkeiten am Computer. Sie ist die beste Hackerin von Rocky Beach. Mühelos dringt sie in jede Datenbank ein. Im Lauf der Geschichte muss sie das öfter tun. Auch wenn sich in diesem Fall ihre Arbeit auf reine Zuarbeit beschränkt, wildert sie in Bobs Arbeitsgebiet „Recherchen und Archiv“ und stört das fein austarierte, seit Ewigkeiten in vielen Abenteuern etablierte Gleichgewicht zwischen den drei ???. Sie ist keine Bereicherung des Teams, sondern nur eine überflüssige Figur, die eine Aufgabe übernimmt, die schon einer der drei Fragezeichen erledigte. Insofern wirkt sie wie ein überflüssiges Zugeständnis an den Zeitgeist. Mit einem weiblichen Detektivtrio, das mit den drei ??? konkurriert, hätte ich dagegen kein Problem. Auch nicht mit einer Kinderserie (und das sind „Die drei ???“), in der nur Mädels ermitteln. Gemischte Ermittlerteams gab es ja schon bei Enid Blyton.
Doch zurück zum Film. „Die drei ??? – Toteninsel“ ist ein spannender Abenteuerfilm für Kinder, den sie sich ohne erwachsene Begleitung ansehen können. Trotzdem hätte die Story besser konstruiert und die Dialoge besser geschrieben sein können. Gleiches gilt für die schauspielerischen Leistungen.
André Marx schrieb wieder einen reichhaltig illustrierten Filmroman, in dem er die Filmgeschichte gelungen nacherzählt.
Die drei ??? – Toteninsel (Deutschland 2026)
Regie: Tim Dünschede
Drehbuch: Anil Kizilbuga, André Marx (dramaturgische Beratung)
LV: André Marx: Die drei ??? – Toteninsel, 2001
mit Julius Weckauf, Nevio Wendt, Levi Brandl, Andreas Pietschmann, Jannik Schümann, Jördis Triebel, Florian Lukas, Filip Schnack, Katja Lechthaler, Philipp Christopher, Momo Beier, Pascal Buchsbaum, Amal Keller, Simon Kluth, Florentine Behrend
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre (und primär, wie die Bücher, bis 12/14 Jahre)
–
Der Roman zum Film (mit vielen Filmbildern – eine gut geschriebene und entsprechend lesenswerte Romanfassung des Films)
Vor wenigen Tagen erschien die vierte Lieferung der Horrorkurzgeschichten von Juoku Kawakami. Wie in den vorherigen drei „Furcht: Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ sind es kurze Mangas. In diesem Fall zwölf Comics auf unter zweihundert Seiten. Da ist keine Zeit für tiefgründige Charakterentwicklungen und erzählerische Umwege. Es sind eher Skizzen, die zuerst das Setting etablieren und dann direkt auf die überraschende, tiefschwarze Pointe zusteuern. Einige Male ist die Pointe etwas kryptisch. Ein schockierter Blick in einen verlorenen und später von einer nicht sichtbaren Person vor der Wohnungstür abgelegten Geldbeutel ist etwas unbefriedigend.
Aber insgesamt gefällt auch die vierte Lieferung. Die Geschichten spielen alle im heutigen Japan. Oft in Metropolen und anonymen Mehrfamilienhäusern. Moderne Kommunikationsmittel (Ja, Smartphones und andere Computer), dortige Sitten, das Leben und Verhalten von vor allem jüngeren Menschen und mehr oder weniger kollektive Ängste und Phobien stehen im Mittelpunkt der Geschichten. Diese Herangehensweise verleiht dann auch altbekannten Geschichten einen neuen Dreh.
So fühlt sich ein junger Mann, der eine Mutter mit Kinderwagen anschreit, plötzlich von dem Kinderwagen verfolgt. Ein umtriebiger „Reseller“ bekommt plötzlich Probleme beim für ihn hochprofitablem Weiterverkauf von einem limitierten Trading Card-Boxset im Internet. Plötzlich häufen sich die Beschwerden über ihn.
Die Angewohnheit Jugendlicher, Audiodateien schneller abzuspielen hat plötzlich selbstmörderische Folgen. Denn die Menschen, die sich diese Dateien anhören, hören plötzlich auch andere Geräusche. Ältere dürften sich bei dieser Geschichte an die Gerüchte über geheime und satanische Botschaften in Rocksongs erinnern, die nur hörbar sind, wenn die LP, je nach Gerücht, schneller, langsamer oder rückwärts abgespielt wird. Im Zweifelsfall probierte man alles aus.
In „Okkultes Streaming“ besuchen zwei Streamer in Tokio für ein Streaming ein Hochhaus, in dem drei Menschen unter ungeklärten Umständen starben. Als sich von ihnen nicht geplante seltsame Dinge ereignen, läuft das Streaming aus dem Ruder.
In „KI-Chat“, mit 25 Seiten die längste Geschichte des Buches, wird eindrucksvoll gezeigt, was passiert, wenn eine Studentin sich nur auf die Ratschläge einer Künstlichen Intelligenz verlässt.
„Vom Prinz zum Frosch“ ist dagegen schon eine fast klassische Geschichte über eine junge verliebte Frau, die bei ihrem Traumprinz ein Geheimnis entdeckt, das, nun, sagen wir es einmal so, ihre Beziehung radikal verändert.
Und dann gibt es noch nervige Nachbarn, seltsame Begegnungen in der Sauna und tödliche Unfälle im Bahnhof.
Für den Horrorfan sind die Geschichten wieder eine kleine Packung gelungener Überraschungen.
Der fünfte Band, von insgesamt acht Bänden, ist für Mitte Februar angekündigt.
–
Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)
Während Comic-Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso in ihrem auf hundert Hefte angelegtem grandiosen Noir-Opus „100 Bullets“ ihre alternative Geschichte der USA immer weiter ausziselierten und sie für Neueinsteiger zunehmend unverständlicher machten, schrieb Azzarello auch mehr oder weniger umfangreiche Geschichten für bestehende Serien. Dazu gehören die zwölf Hefte umfassende, von Jim Lee gezeichnete „Superman“-Geschichte „Für das Morgen“ (Juni 2004 – Mai 2005) und den Zweiseiter „Die Herkunft von Superman“ (Juni 2009), die jetzt gesammelt in „Superman: Der Mann von Morgen“ veröffentlicht wurden, und die längere, von Lee Bermejo gezeichnete, in der Welt von Batman spielende Geschichte „Joker“ (Dezember 2008). In dieser Geschichte hat Batman nur einen Cameo-Auftritt. Die große Bühne gehört dem Joker. Er ist – wie alle „Batman“-Fans wissen – ein verrückter Verbrecher und der Erzfeind von Batman.
Der Comic beginnt mit der Entlassung des Jokers aus der Irrenanstalt. Er soll geheilt sein. Frisch aus der Anstalt entlassen, möchte er wieder seine alte Position in der Verbrecherwelt von Gotham City einnehmen. Aber inszwischen haben andere Männer das Sagen und sie denken nicht daran, ihre Macht abzugeben. Ein blutiger Kampf entbrennt.
Diese längere Gangstergeschichte ist für Noir-Fans definitiv und in jeder Beziehung einen Blick wert.
–
In „Superman: Der Mann von Morgen“ erzählen Azzarello und Jim Lee, wie Superman an sich selbst zweifelt. Als der Superheld anderweitig beschäftigt war, verschwanden auf der Erde seine Freundin Lois Lane und eine Million Menschen spurlos. Ein Jahr später will er herausfinden, warum er die Katastrophe nicht verhindern konnte und die Welt jetzt ein schlechterer Ort ist. Um das Herauszufinden, trifft er sich immer wieder mit Pater Leone. Der an Krebs erkrankte Priester spielt möglicherweise ein doppeltes Spiel. Er könnte auch die Antwort auf Supermans Frage wissen.
Wenn man akzeptiert, dass Superman als Retter der Menschheit sich dafür verantwortlich fühlt, jedes Verbrechen zu verhindern, dann hat „Der Mann von Morgen“ sicherlich interessante Ansätze. Wer dagegen wenig mit Superman und seinem überaus edlem Wesen anfangen kann, wird eher gelangweilt sein.
Der überaus farbenprächtige Zwölfteiler blieb Azzarellos fast einziger Ausflug in die Welt von Superman. Schließlich schrieb er auch „Lex Luthor: Man of Steel“ und eine Batman/Superman-Crossover-Geschichte.
In die düstere Welt von Batman begab Noir-Fan Azzarello sich öfter. Mit durchgehend überzeugenden Geschichten.
–
Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman: Joker
(übersetzt von Steve Kups)
Panini, 2025
136 Seiten
12,99 Euro
–
Originalausgabe
Joker
DC, Dezember 2008
–
Brian Azzarello/Jim Lee: Superman: Der Mann von Morgen
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2025
320 Seiten
39 Euro
–
enthält
For Tomorrow, Part One – Part Twelve (Superman # 204 – # 215)
Juni 2004 – Mai 2005
–
The Origin of Superman (in Absolute Superman: For Tomorrow)
In ihrem Romandebüt „Top Girls“ lässt Ana Drezga, die bereits mehrere prämierte Theaterstücke schrieb und inszenierte, die junge Liv aus ihrem Leben erzählen. In Wien pendelt die Theaterschauspielerin zwischen Partys in ihrer Wohngemeinschaft in einem der schlechteren Viertel von Wien, schlecht bezahltem und demütigendem Engagement im Theater und einer Rückkehr in das Dorf, in dem sie aufwuchs. Ihre Mutter starb.
Drezga lässt Liv ihr Leben in einem einzigen Bewusstseinsstrom erzählen, der gut über die Kürze der nicht einmal 120-seitigen Geschichte trägt. Er kann aber auch nicht verdecken, dass vieles nicht vertieft und entsprechend austauschbar bleibt. Außerdem unterscheidet sich Livs Leben nicht wesentlich von dem Leben irgendeiner anderen jungen Person, die aus einem Dorf kommt und in einer größeren Stadt studiert und die ersten Schritte in ihr Berufsleben unternimmt. Sie konsumiert Drogen, hat Sex und fragt sich, ob das das Leben ist, das sie sich wünschte. Livs Leben unterscheidet sich auch nicht wesentlich von dem Leben irgendeiner jungen Person, die diese Reise vor mehreren Jahrzehnten durchlebte. Wer also mehr über das Leben „einer Generation zwischen Sehnsucht, Exzess und der Suche nach Zugehörigkeit“ (Klappentext) erfahren will, sollte zu einem anderen Buch greifen.
Wer noch einmal in seine Jugendjahre eintauchen will und sich daran erinnern möchte, wie erfreulich das Putzen der Wohnung nach einer exzessiven Party ist, sollte unbedingt zugreifen.
Es ist schon wieder so weit: während die einen auf die Weihnachtsmärkte stürmen und über die Preise meckern (anstatt die fünfzig Euro für einmal Glühwein und Currywurst in einem guten Restaurant zu investieren) oder Silvesterböller kaufen (ohne über die Preisen zu meckern), sitzen die anderen über Jahresrückblicken und Bestenlisten. So auch ich.
Nach langem Nachdenken, räsonieren über nicht gesehene Filme und nicht gelesene Bücher, streichen, umstellen, wieder umstellen sehen meine Jahresbestenlisten für Kinofilme (und schon sind all die TV-Filme draußen) und Bücher (und schon konkurrieren Kriminalromane mit Sachbüchern und Comics) im Moment so aus (und würden in einigen Stunden wohl wieder anders aussehen):
Die zehn besten Filme des Jahres
Dieses Jahr war die Auswahl schwierig. Es gab viele gute, aber wenige großartige Filme, die mich sofort mitrissen und lange nachwirkten. Es gab sehr viele Filme, die großartig anfingen, irgendwann im zweiten Akt den Plot verloren und die Geschichte mit einem ärgerlichen dritten Akt beendeten; – falls sie mir nicht alle sagen wollten, dass das Leben sinnlos ist und der Zufall die herrschende Kraft im Universum ist.
Außerdem enttäuschten von vielen normalerweise zuverlässige Regisseuren die neuen Filmen.
Wenn ich mich auf zehn Filme beschränke, die 2025 im Kino anliefen (ch habe schon potentielle Anwärter für die 2026er Jahreslisten):
One Battle after another (schon während des Films sagte ich mir: der kommt auf meine Jahresbestenliste; – wenn ich eine Jahresbestenliste erstelle) (Das ist die ehrliche und angesichts der eintrudelnden Prognosen, Besten- und Nominierungslisten die absolut gefahrlose Wahl. Eigentlich jeder liebt diesen Film.)
Und jetzt, in keiner besonderen Reihenfolge, die Plätze 2 bis 10:
The Alto Knights (sprachlos im Kino sitzend in einem Gangsterfilm von Barry Levinson mit Robert De Niro in der Hauptrolle, nach einem Drehbuch von Nicholas Pileggi)
The Toxic Avenger (tja, nun, eine Entschuldigung, sich das Original mal wieder anzusehen)
–
ehrenwerte Nennung (weil ich ja nur Filme nehmen will, die im Kino liefen)
Play Dirty (Amazon Prime – Shane Black verfilmt Richard Stark. Wie kann das zu so einem unwitzigen Actionmurks führen, der nie Richard Starks Parker, sondern, mit allen zugedrückten Augen, Donald E. Westlakes Dortmunder an einem ganz schlechten Tag ist? „Play Dirty“ ist als Westlake/Stark-Verfilmug eine Vollkatastrophe. Dabei weiß und kann Black es besser.)
–
Filme, die besser als verdammt gut aussehende Screensaver mit Musik funktionieren
Wieder sind nur die Bücher qualifiziert, die dieses oder letztes Jahr erstmals auf Deutsch erschienen. Damit haben sich ältere oder noch nicht übersetzte Romane für diese Liste disqualifiziert. Und sie sollte weiblicher als meine letzte Bestenliste sein.
Einige Bücher, die es mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Liste geschafft hätten, fehlen, weil ich aus verschiedenen Gründen viele ältere Romane (Ich sage nur „Momo“ und „Stiller“) las, dieses Jahre alle für den Glauser-Preis nominierten Romane und Debüts besprach, etliche Sachbücher lesen wollte und einige schlechte Bücher lesen musste.
Aber eine Liste der schlechtesten Bücher des Jahres ist unfair, weil da die vielen schlechten Bücher, die ich nicht zu Ende gelesen habe, fehlen würden.
Das gesagt lese ich gerade, wegen Park Chan-wooks „No other Choice“, die von Donald E. Westlake geschriebene Vorlage „The Ax“ (1997) und, nachdem ich die Verfilmung gesehen habe, steht Jordan Harpers „Die Rache der Polly McClusky“ (She rides shotgun, 2017) weit oben auf meiner Zu-Lesen-Liste.
Die kriminelle Karriere von Ursula López beginnt mit einem Telefonanruf. Sie soll Lösegeld für ihren entführten Mann zahlen. Sie ist nicht verheiratet, aber neugierig, gerät in Teufels Küche und entdeckt bei sich ungeahnte kriminelle Fähigkeiten.
Das erzählte Mercedes Rosende in „Falsche Ursula“. In „Krokodilstränen“ und „Der Ursula-Effekt“ erzählte sie die weiteren Abenteuer der dicken, hässlichen, vollkommen unsportlichen Fünfzigjährigen. Jedenfalls sieht Ursula sich so, während ihr Vermögen wächst und echte Verbrecher, die ihr begegnen, in jeder Beziehung existenzbedrohende Probleme bekommen.
In ihrem neuesten, wiederum überaus kurzweiligem vierten Ursula-Roman „Ursula fängt Feuer“ erzählt Mercedes Rosende die Geschichte ihrer Heldin weiter.
Weil die Kommissarin Leonilda Lima sie immer noch hartnäckig verfolgt, ergreift Ursula einige Schutzmaßnahmen und verlässt Montevideo in Richtung der in Uruguay und Brasilien liegenden Grenzstadt Chuy. In der heruntergekommenen Ferienanlage Los Troncos trifft sie auf die ihr zum Verwechseln ähnlich aussehende Vanessa Steel. Vanessa ist der einzige andere Gast in der Anlage. Sie verkauft eindeutig verbotene pornographische Nacktfotos von Minderjährigen an vermögende Männer und sie bewahrt eine Tasche voll mit Geld, falschen Papieren und einer Schusswaffe für Rocco Morabito auf. Rocco ist ein ‚Ndrangheta-Boss, der Demenz hat und gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Die Ferienanlage ist eine Station auf seiner Flucht aus dem Land.
Außerdem überlegt der Besitzer der Ferienanlage, wie er seine Schulden bezahlen kann. Ein Brand wäre eine Möglichkeit.
Auch der vierte Ursula-Roman ist ein gewohnt kurzweiliges, schwarzhumoriges Vergnügen mit einer sympathischen Heldin. Ursula ist eine schlecht gelaunte, alleinstehende Übersetzerin, die ungeahnte kriminelle Talente und eine ungeahnte kriminelle Energie hat. Diese setzt sie jetzt wieder ein.
Die Geschichte entfaltet sich flott. Rosende erzählt sie aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Stimmen. Es gibt etliche prägnant gezeichnete Nebenfiguren, die im Lauf der Geschichte wichtig werden können. Auf wenigen Seiten entsteht ein dichtes Bild der dortigen Gesellschaft und Kultur.
Jeder der vier bis jetzt erschienenen Ursula-Romane kann unabhängig von den anderen gelesen werden. Aber sie spielen zeitlich nacheinander und bauen auch etwas aufeinander auf.
Am Ende von „Ursula fängt Feuer“ deutet Mercedes Rosende an, dass Ursula sich aus ihrem verbrecherischem Leben verabschiedet. Das wäre sehr schade.
Alan Moore gefällt die Verfilmung von 2005 nicht. Allerdings gefallen ihm auch die anderen Verfilmungen seiner Werke, teils trotz anderer Ansichten von Kritikern und Fans, nicht. Wahrscheinlich wird ihm auch die sich aktuell bei HBO in Planung befindende Serienadaption von „V wie Vendetta“ nicht gefallen.
Aber gefällt uns sein ab 1982 zusammen mit Zeichner David Lloyd geschriebener Comic „V wie Vendetta“ immer noch und was hat die von Alan Moore in den Achtzigern erfundene Geschichte uns heute zu sagen?
1997, einige Jahre nach einem Atomkrieg, wird England von einem totalitärem Regime regiert. Gegen diese Regierung protestiert ein Mann mit einer Guy-Fawkes-Maske. Fawkes und seine Mitverschwörer wollten am 5. November 1605 das englische Parlament im Palast von Westminster in die Luft sprengen. Der Anschlag schlug fehl. Fawkes wurde am 31. Januar 1606 gehängt. Bis heute wird in der Bonfire Night, auch bekannt als Guy Fawkes Day, an ihn erinnert. Nach der Verfilmung wurde die Guy-Fawkes-Maske bei vielen Demonstrationen getragen, die gegen die überbordende Überwachung durch den Staat protestierten.
Doch zurück zu dem Comic.
Der maskierte Mann, nur V genannt, kämpft gegen einen Überwachungsstaat, der die Bevölkerung in George-Orwell-“1984“-Manier ständig beobachtet, manipuliert und unterdrückt. Menschen mit abweicher Meinung oder der falschen Hautfarbe werden in Konzentrationslagern getötet. Auch V war in einem dieser Lager. Die dortigen Ärzte führten an ihm Experimente durch.
Während der ihn jagende Polizeidetektiv Finch einiges über ihn und seine Vergangenheit herausfindet und sich fragt, was davon der Wahrheit entspricht und was falsche Fährten sind, rettet V die Prostitutierte Evey. Sie wird, mehr oder weniger, zur Verbündeten bei seinem Feldzug gegen ein System, das der Anarchist vollkommen zerstören will.
Dabei hat V einen aus heutiger Sicht, zwischen Social-Media-Overkill, Fake News und einem ständig lügendem US-Präsidenten, naiven Glauben an die Aufklärung. V will mit den richtigen Informationen und der Wahrheit die Bevölkerung überzeugen und zum Kampf gegen die Regierung animieren.
„V wie Vendetta“ hat eine etwas komplizierte Publikationsgeschichte. Von 1982 bis 1985 veröffentlichten Moore und Lloyd die Geschichte als Schwarz-Weiß-Fortsetzungsgeschichte in dem britischen Comic-Magazin „Warrior“. Als das Magazin sein Erscheinen einstellte, war die Geschichte von V noch nicht zu Ende erzählt. Erst 1988 geschah das bei DC Comics. Die ursprünglich in SW erschienenen Teile wurden koloriert. Die zehn „V wie Vendetta“-Hefte wurden anschließend in einem Sammelband veröffentlicht. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1991.
Die Geschichte ist, wie Alan Moores ebenfalls legendärer Comic „Watchmen“, deutlich von dem damaligen No-Future-Zeitgefühl beeinflusst. Alan Moore und David Lloyds London sieht wie eine satirisch überspitzte dystopische Version der Thatcher-Politik aus.
Auch David Lloyds Zeichenstil, die Farben und die Textlastigkeit gehören eindeutig in achtziger Jahre; wobei Alan Moore immer viel Text schreibt. Und manchmal in dem Begleitmaterial zu den Comics ausführlich auf seine Recherche und verarbeitete Einflüsse eingeht. In der aktuellen Ausgabe ist ein längerer Text von Alan Moore aus dem Jahr 1983 über die Geschichte enthalten.
Das macht „V wie Vendetta“ eindeutig zu einem Kind seiner Zeit. Aber, wie alle großen Science-Fiction-Geschichten, sprechen Alan Moore und David Lloyd zeitlose Fragen an. Auch wenn heute einiges anders geschrieben würde.