Cover der Woche

Juli 13, 2021

Das ist das Cover einer 2008 bei Harper erschienenen, geldbeutelschonenden Sammlung von Kurzgeschichten, die Lawrence Block ganz am Anfang seiner Karriere schrieb und die um 1960 herum in „Manhunt“, „Trapped“, „Man’s Magazine“ und „Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine“ veröffentlicht wurden. Erstmals erschienenen diese Geschichten in Buchform 1999 und 2001 bei Crippen & Landru als „One Night Stand“ (die Kurzgeschichten) und „The Lost Cases of Ed London“, drei Kurzromane mit dem New Yorker Privatdetektiv, der genau das ist, was man von einem damals arbeitendem Privatdetektiv erwartete. Er ist Single, wird ungefähr einmal während seiner Ermittlungen zusammengeschlagen, schlägt öfter zu, ist extrem trinkfest und hat normalerweise mit den Frauen, die er während seiner Ermittlungen trifft, Sex. Ach ja, die Frauen sind selbstverständlich alle jung und sie sehen verdammt gut aus.

Block selbst hält nicht wahnsinnig viel von diesen Geschichten, aber für Fans, vor allem für die Fans, die alles haben müssen, sind sie ein interessanter Einblick in seine Anfänge. Sie sind auch ein Rückblick auf die damals populären, heute kultigen Krimi-Magazine.


„Geheimagent Deadpool“ ist auch nur ein Deadpool

Juli 7, 2021

Als „Deadpool“ Wade Wilson den Geheimagenten Jace Burns (bzw. „Burns. Jace Burns.“) umbringen will, geht einiges schief. Zunächst einmal, wusste Deadpool nicht, dass er einen Spion ermorden soll. Dann wehrt dieser sich, der Tatort (ein Nobelhotel) geht in Flammen auf, Burns und Wilson sterben. Aber während Burns verbrennt, wird Wilsons Körper geborgen und, weil die Ärzte keine Ahnung von Deadpools Selbstheilungskräften haben, halten sie den entstellten Körper, den sie aus den Flammen bergen konnten, für Burns.

Leicht verdattert fühlt Deadpool sich in die neue Rolle ein. Immerhin war Jace Burns ein James-Bond-Verschnitt und die Annehmlichkeiten dieses Geheimagentenlebens gefallen ihm. Es sind Geld, Waffen, Gadgets und Frauen.

Außerdem will er erfahren, wer ihn mit dem Mord an Burns beauftragt hat.

Deadpool, der Söldner mit der großen Klappe, als Geheimagent. Das klingt vielversprechend. Und dass er keinen unauffälligen Geheimagenten, sondern einen James-Bond-Geheimagenten verkörpert, ist naheliegend.

Allerdings ist „Geheimagent Deadpool“ nur ein gebremstes Vergnügen. Die größte Überraschung der von Autor Christopher Hastings und Zeichner Salva Espin erfundenen Geschichte ist, dass Wilson bei Burns‘ Kollegen – der Sekretärin, dem Waffenentwickler – beliebt ist, weil er sie nicht herablassend behandelt. Und sie natürlich deshalb ahnen, dass der neue Burns nicht der alte Burns ist.

Die Probleme sind dagegen zahlreich. So agiert Wilson äußerst gebremst. Es gibt zwar die Deadpool-Momente voll infantilem Humor. Aber es sind, abseits der Kämpfe, wenige.

Die Story hat nicht die Naivität und klare Struktur einer alten Bond-Geschichte. Ziemlich konfus geht es um den Zugang zu einem paradoxem Parallel-Universum, Betrug und Doppelbetrug, Verrat und falsches Spiel, bis die Motive der verschiedenen Gruppen kaum noch nachvollziehbar sind.

Das größte Problem von „Geheimagent Deadpool“ ist allerdings, dass Garth Ennis zusammen mit Zeichner Russ Braun mit „Jimmys Bastarde“ bereits eine rotzfreche Bond-Parodie vorlegte, die auch einige Fragen an die Figur, ihr Verhalten gegenüber Frauen und ihr Wertesystem stellte.

In „Geheimagent Deadpool“ wird dagegen nur ein wenig herumgespielt. Garantiert jugendfrei.

Christopher Hastings/Salva Espin: Geheimagent Deadpool

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2021

140 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Secret Agent Deadpool (2018) # 1 – 6

Marvel, September – November 2018

Hinweise

Wikipedia über Christopher Hastings und Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbells „Deadpool Pulp“ (Deadpool Pulp 1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprehung von David Leitchs „Deadpool 2“ (Deadpool 2, USA 2018)


„Undiscovered Country“ USA, aber anders als Du denkst

Juli 6, 2021

Die Vereinigten Staaten von Amerika in einigen Jahren (oder nach der benutzten Technik in einem Paralleluniversum): Vor dreißig Jahren hat die USA sich von der restlichen Welt abgeschottet. Warum sie das tat, ist unklar. Was seitdem im „dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen“ geschah ist noch unklarer. Kein Signal, keine Botschaft, nichts, absolut nichts gelangte aus den USA in die restliche Welt.

Bis jetzt.

Eine Einladung dringt nach draußen.

Die Euro-afrikanische Allianz und die sie bekämpfende Panasiatische Prosperitätszone stellen eine Erkundungsgruppe zusammen, die der Einladung folgen und die lebensrettenden Informationen über den Sky-Virus erhalten soll. Ohne das Heilmittel wird es in einem halben Jahr keine Menschen mehr geben.

Die auf den ersten Blick und angesichts ihrer Vergangenheit etwas seltsam zusammengewürfelte Gruppe besteht aus Dr. Charlotte Graves, Epidemiologin mit besonderem Wissen über den tödlichen Sky-Virus, Major Daniel Graves, ihr Bruder, der vor einigen Jahren schon einmal versuchte, in die Zone einzudringen und es fast geschafft hätte, Colonel Pavel ‚Pole‘ Bukowski, Mitglied einer Spezialeinheit der Allianz, Dr. Ace Kenyatta, Experte für die US-Gesellschaft, Valentia Sandoval, Journalistin, Janet Worthington, diplomatische Abgesandte der Euro-Afrikanischen Allianz, und Chang Enlou, Abgesandter der Panasiatischen Prosperitätszone.

Während des Grenzübertritts werden sie abgeschossen. Kurz nach der Bruchlandung will der Warlord Destiny Man sie gefangen nehmen.

Ihnen hilft ein plötzlich auftauchender Krieger, der zu Sam Elgins Gruppe gehört. Elgin sagt ihnen, dass er eine Prophezeihung erhalten habe, nach der Daniel Graves und seine Schwester Charlotte die USA retten werden, und dass er sie dafür durch die Spirale ins Landesinnere führen müsse. Auf dem Weg dorthin müssen sie mit verschiedenen Schlüsseln verborgene Türen öffnen.

Dieser Weg ist ein Weg durch eine in einen seltsamen Urzustand zurückgefallene Zivilisation, die viele vertraute Elemente aus anderen Endzeit-Dystopien (Ich sage nur „Mad Max“ und die Folgen. Oder Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“) enthält und als Reiseerzählung endlos gestreckt werden kann.

Der erste Band von „Undiscoverd Country“ stellt vor allem die Figuren und die Welt, in der die Geschichte spielt, vor. Er wirft viele Fragen auf, beantwortet aber noch keine. Eine dieser Fragen ist, warum gerade diese Menschen für die Expedition in die USA ausgewählt wurden. Denn sie sind, wie sie selbst feststellen, die ungeeignetesten Menschen für die Mission.

Erfunden wurde die Geschichte von Scott Snyder und Charles Soule.

Snyder erfand die Comicserie „American Vampire“ (Stephen King arbeitete bei den ersten Bänden mit) und schrieb zahlreiche „Batman“-, „Justice League“- und „Swamp Thing“-Comics. Er erhielt mehrere Eisner und Stan Lee Awards.

Soule schrieb „Star Wars“-, „Daredevil“-, „Wolverine“-, „Swamp Thing“-Comics und veröffentlichte Romane, wie den Thriller „ Oracle Year – Tödliche Wahrheit“ (Goldmann) und den „Star Wars“-Roman „Die Hohe Republik – Das Licht der Jedi (Die Zeit der Hohen Republik 1)“ (Blanvalet, angekündigt für Mitte August).

Sie lernten sich um 2011 bei einer Comicmesse in Chicago kennen. Soule hatte gerade die Autorenschaft bei „Swamp Thing“ übernommen. Sie verstanden sich gut, tauschten Ideen aus und wollten irgendwann zusammen eine Geschichte erzählen. Daraus entstand „Undiscovered Country“.

So richtig begeisterte mich der Auftakt dieser für den Eisner Award in der Kategorie „Best New Series“ nominierten Serie nicht. Zu viele Elemente sind sattsam vertraut, zu hypothetisch ist die Ausgangslage, die in der Geschichte nicht erklärt wird (im Anhang wird anhand einer Zeitleiste der Weg der USA zur totalen Abschottung von der Welt erklärt) und zu wenige Fragen werden beantwortet.

Der zweite „Undiscovered Coutry“-Band ist für August angekündigt.

Scott Snyder/Charles Soule/Giuseppe Camuncoli/Daniele Orlandini/Leonardo Marcello Grassi/Matt Wilson: Undiscovered Country – Band Eins: Schicksal

(übersetzt von Christian Heiss)

Cross Cult, 2021

176 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Undiscovered Country # 1 – 6

Image Comics 2020/2021

Hinweise

Wikipedia über Scott Snyder (deutsch, englisch) und Charles Soule

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)“ (Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24), August – Dezember 2013)

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Jock/Francesco Francavillas „Batman: Der schwarze Spiegel“ (Detective Comics # 871 – 881, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Kyle Higgins/Trevor McCarthys „Batman: Die Pforten von Gotham“ (Batman: Gates of Gotham # 1 – 5, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Der letzte Ritter auf Erden“ (Batman: Last Knight on Earth # 1 – 3, Juli 2019 – Februar 2020)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Der Tod der Familie“ (Batman: Death of the Family (Batman 13 – 17), Dezember 2012 – April 2013)


„Die Ballade von Halo Jones“ geht weiter

Juli 2, 2021

Am Ende des ersten Sammelbandes verließ Halo Jones ihre Welt, den Ring. Die in diesem Moment in jeder Hinsicht unbedeutende, junge Frau wollte das Weltall kennen lernen. Dort konnte es nur besser sein. Denn der Ring ist, in den Worten eines Jahrhunderte nach ihrem Tod lebenden Wissenschaftlers, „eine riesige Müllkippe, auf der Amerika seine Arbeitslosen ablud. Der Ring war eine vom Verbrechen verseuchte Welt mit einer ineffizienten Polizei.“

Im zweiten „Die Ballade von Halo Jones“-Sammelband erzählen Alan Moore (Text), Ian Gibson (Zeichnungen) und Barbara Nosenzo (Farben) ihre Geschichte weiter. In der Clara Pandy, einem Raumschiff, arbeitet Halo Jones als Stewardess. Sie umsorgt die reichen Passagiere, redet mit einem Delphin, trifft Geiselnehmer, bringt Essen vor die Präsidentensuite, wird von dem Bewohner der Suite, dem Rattenkönig, beauftragt, eine Ratte zu finden und muss sich gegen einen liebestollen Robothund wehren. Ihr ständiger Begleiter ist dabei ein Mensch, der so oft sein Geschlecht wechselte, dass er von niemand mehr wahrgenommen wird. Auch Halo übersieht Wiehiessienoch fast immer.

Nach einem Jahr in der Clara Pandy landet sie auf Charlemagne, Dort will sie sich mit ihrer Ring-Freundin Rodice treffen. Rodice versetzt sie.

Im dritten „Halo Jones“-Sammelband heuert sie beim Militär an. Als kleiner Soldat wird sie, mit denkbar geringen Überlebenschancen, quer durch die Kriegsgebiete geschickt. Schon bei ihrem ersten Einsatz auf einem Dschungelplaneten sterben viele ihrer Kameradinnen. Bei ihren nächsten Einsätzen sieht es nicht viel anders aus. Weil sie nicht auch sterben will, verlässt sie das Militär. Allerdings findet sie keine andere Arbeit und ist kurz darauf wieder in der Armee in einem selbstmörderischen Einsatz auf einem Planeten mit einer extremen Schwerkraft.

Halo Jones ist eine frühe Erfindung von Alan Moore, der inzwischen auch weit über die Comicszene hinaus als Autor von „Watchmen“, „From Hell“, „V wie Vendetta“ und der „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ bekannt ist. Das sind backsteindicke Werke voller Anspielungen und Verweise, die Moore dann auch mal in langen Anhängen erklärt.

Dagegen ist „Die Ballade von Halo Jones“ ein episodisches Abenteuer, das einfach Erlebnisse aus dem Leben einer jungen, normalen Frau in einer unnormalen Welt schildert. Es ist eine düstere Cyberpunk-Welt, die selbstverständlich eine grotesk übersteigerte, in die ferne Zukunft verlegte Vision der britischen Klassengesellschaft, des Thatcherismus und des Kalten Kriegs mit seinen Stellvertreterkriegen in verschiedenen Dritte-Welt-Ländern ist.

Die schwarzhumorigen Geschichten erschienen nämlich erstmals zwischen 1984 und 1986 in dem britischen Comicmagazin „2000 AD“ als einer Serie fünf- bis sechsseitiger Episoden. Danach brachen Alan Moore, Ian Gibson und Barbara Nosenzo die auf neun Bände angelegte Serie wegen eines Rechtestreits ab. Bis jetzt wurde sie, trotz des Wunsches der Fans, nicht fortgesetzt. Damit bleibt auch unklar, wie Halo Jones zu einer wichtigen Person wurde. In den ersten drei „Halo Jones“-Bänden steht sie noch vor dem Anfang ihrer Karriere. Sie hat noch nicht einmal die erste Sprosse der Leiter erklommen, die sie bekannt machen soll.

Aber sie hat einige sehr interessante Welten kennen gelernt.

Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzo: Die Ballade von Halo Jones – Band 2

(übersetzt von Timothy Stahl)

Panini Comics, 2021

64 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Ballad of Halo Jones

2000 AD Progs 376 – 385, 1984

Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzo: Die Ballade von Halo Jones – Band 3

(übersetzt von Timothy Stahl)

Panini Comics, 2021

96 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

The Ballad of Halo Jones

2000 AD Progs 452 – 466, 1986

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Wikipedia über Alan Moore (deutsch, englisch) und über „Die Ballade von Halo Jones“ 

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Alan Moore/Eddie Campbells “From Hell” (From Hell, 1999)

Meine Besprechung von Alan Moore (Manuskript, Original-Drehbuch)/Malcolm McLaren (Original-Drehbuch)/Antony Johnston (Comic-Skript)/Facundo Percio (Zeichnungen) „Fashion Beast: Gefeuert (Band 1)“ (Fashion Beast # 1 – 5, 2012/2013)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: 2009“ (The League of Extraordinary Gentlemen #3: 2009, 2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Das schwarze Dossier“ (The League of Extraordinary Gentlemen: Black Dossier, 2007)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows’ „Neonomicon“ (The Courtyard, 2003; Neonomicon #1 – 4, 2010/2011)

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen – Band 3: Century“ (The League of extraordinary Gentlemen, Volume III: Century # 1: 1910, #2: 1969, #3: 2009; 2009/2011/2012)

Meine Besprechung von Alan Moore/Tony S. Daniel/Kevin Conrads „Spawn: Bloodfeud – Blutfehde“ (Spawn: Blood Feud, 1995)

Meine Besprechung von Alan Moore/Kevin O’Neills „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen: Nemo – Fluss der Geister“ (Nemo: River of Ghosts, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Jacen Burrows‘ „Providence – Band 1“ (Providence, #1 – 4, 2015)

Meine Besprechung von Alan Moore/Ian Gibson/Barbara Nosenzos „Die Ballade von Halo Jones – Band 1“ (The Ballad of Halo Jones, 1984)


Ohne Cixin Liu wäre das nicht passiert: Der Comic „Die wandernde Erde“, der Trisolaris-Roman „Botschafter der Sterne“

Juni 25, 2021

Wahrscheinlich kann die Bedeutung von Cixin Liu für den aktuellen Boom chinesischer Science-Fiction-Geschichten in China und weltweit nicht überschätzt werden. Zahlreiche wichtige Preise, überschwängliches Lob, auch außerhalb der Science-Fiction-Community, und viele begeisterte Leser verraten einiges. Es gibt auch schon Fan-Fiction, Verfilmungen, Comics und T-Shirts.

Zur Fan-Fiction gehört Baoshus „Botschafter der Sterne“. Unmittelbar nach der Lektüre von „Jenseits der Zeit“, dem Abschluss von Cixin Lius Trisolaris-Trilogie, schrieb Baoshu die Geschichte. Damals studierte er in Belgien Philosophie. Weil dort unmittelbar nach der Veröffentlchung kein Exemplar des in der deutschen Übersetzung fast tausendseitigen Romans erhältlich war, hatte ein Freund ihm den Roman abfotografiert und in E-Mails zugeschickt. Baoshu diskutierte sofort mit anderen Fans über verschiedene Aspekte des Romans und der Figuren. Er wollte noch länger in der von Liu geschaffenen Welt bleiben. Also schrieb er die Geschichte von Yun Tianming, einer von Cixin Liu erfundenen Figur, auf und versuchte so einige Lücken in seiner Biographie zu stopfen. Deshalb geht er davon aus, dass alle, wie er, vorher Lius Trisolaris-Romane gelesen haben und jetzt noch länger in dieser Welt bleiben wollen.

Der Fan-Fiction-Roman – das sagt auch Baoshu in seinem Vorwort über sein Werk – wurde schnell von vielen Trisolaris-Fans gelesen, gelobt und diskutiert. Er wurde von einem Verlag gedruckt, war für Preise nominiert und Cixin Liu akzeptierte ihn als Teil des Trisolaris-Universum.

Seitdem schrieb Baoshu vier Romane und über dreißig Kurzgeschichten. Für „Ruins of Time“ erhielt er den chinesischen Nebula Award. Damit war das 2010 in wenigen Wochen geschriebene Buch über Yun Tianming auch der Beginn einer Schriftstellerkarriere.

Als eigenständiges Werk überzeugt „Botschafter der Sterne“ nur halb. Baoshu geht, wie gesagt, davon aus, dass man die Trisolaris-Trilogie kennt. Entsprechend munter wird gespoilert und Teile der Handlung der Trisolaris-Romane diskutiert. Damit ist der Science-Fiction-Roman primär das Werk eines Fans für andere Fans.

Gleichzeitig erzählt Baoshu die Geschichte über lange Gespräche. Es sind Gespräche, in denen Yun Tianming von seinem Leben auf der Erde und bei den Trisolariern erzählt. Er spricht auch über seine Rolle bei dem Kampf zwischen den Menschen und Trisolariern, die mit einer überraschenden Enthüllung über seine Absichten und Motive enden. Es werden auch verschiedene Grundlagen der Trisolaris-Welt, zum Beispiel die vielen Dimensionen und wie sich die Zeit in einer Welt mit mehr als drei Dimensionen verändert, diskutiert. Das hat dann den Reiz eines Universitätsseminars.

Botschafter der Sterne“ ist für Fans der Trisolaris-Trilogie eine lohnenswerte Ergänzung zu den drei Romanen von Cixin Liu. Wer sie noch nicht kennt, sollte das schnell ändern. Und danach die Lektüre von Baoshus Werk ernsthaft in Erwägung ziehen.

Keine Fan-Fiction ist der Comic „Die wandernde Erde“. Liu schrieb die gleichnamige Kurzgeschichte über ein gewaltiges Experiment. Forscher sagen voraus, dass die Sonne in vierhundert Jahren explodieren und dabei die Erde zerstören wird. Es muss also ein Ort gefunden werden, an dem die Menschheit überleben kann und ein Weg, die Menschheit an diese Ort zu bringen. Dabei sind die Wissenschaftler und die Politiker sich schnell einig, dass knapp acht Milliarden Menschen (Stand: ungefähr heute) nicht in Raumschiffen durch das All befördert werden können. Das geht noch nicht einmal in utopischen US-amerikanischen Geschichten, in denen tapfere Astronauten das Weltall erobern und fremde Welten besiedeln.

Liu hat in seiner Kurzgeschichte eine andere Idee. Er verwandelt die Erde in ein Raumschiff. Also anstatt sich darüber Gedanken zu machen, welche paar tausend Menschen wie und warum gerettet werden, werden einfach alle Menschen gerettet, indem man die Erde aus ihrer Umlaufbahn sprengt und, einige Jahre bevor die Sonne explodiert, in Richtung Proxima Centauri schickt. Nach hundert Generationen soll die Reise enden.

In seiner Kurzgeschichte erzählt Cixin Liu diese Reise vom Start über die Schwierigkeiten der ersten Jahre mit glühender Hitze, unglaublicher Kälte, langer Dunkelheit und den Ängstern der Menschheit, dass die Wissenschaftler die gesamte Bevölkerung der Erde in den Tod geschickt haben.

Christophe Bec und Stefano Raffaele haben die in der deutschen Ausgabe sechzigseitige Geschichte kongenial in einen Comic umgewandelt. Ihr Werk gehört zur „Cixin Liu Graphic Novel Collection“, für die 26 Künstler aus China und Europa fünfzehn Kurzgeschichten des Science-Fiction-Autors adaptierten

Für Juli, Oktober und November sind im Splitter Verlag mit „Yuanyuans Blasen“, „Meer der Träume“ und „Der Dorflehrer“ schon die nächsten Werke der Kollektion angekündigt. Wenn ich mich nicht irre, sind die den Comics zugrunde liegenden Kurzgeschichten noch nicht ins Deutsche übersetzt. Die Betonung liegt auf „noch nicht“.

Baoshu: Botschafter der Sterne – Ein Trisolaris-Roman

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2021

400 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

三体X:观想之宙

Chongqing Press, Chongqing, 2011

Christophe Bec/Stefano Raffaele: Die wandernde Erde

(übersetzt von Maximilian Schlegel)

Splitter, 2021

128 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

Citic Press Corporation, Beijing, 2020

Das Kurzgeschichte „Die wandernde Erde“ ist in diesem Sammelband enthalten

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

Kurzgeschichten von Baoshu wurden in den Sammelbänden „Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz“ (2020) und „Zerbrochene Sterne – Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction“ (2020) veröffentlicht.

Hinweise

Homepage von Stefano Raffaele

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch) und Baoshu, Christophe Bec und Stefano Raffaele

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die wandernde Erde“ (Liulang diqiu, 2008)


Kate Fansler und „Der James Joyce-Mord“

Juni 21, 2021

Im Moment habe ich wirklich Pech mit meiner Krimiwahl. Zwei Krimis von deutschen Autoren, deren Klappentexte vielversprechend waren, brach ich enttäuscht ab. Das war zu sehr auf dem Niveau eines schlechten deutschen TV-Krimis. Das war zu desinteressiert am Plotting. Das wurde in einem Stil erzählt, der mir nicht gefiel.

Und nun „Der James Joyce-Mord“ von Amanda Cross. Zwischen 1964 und 2002 schrieb sie fünfzehn Rätselkrimis mit Amateurdetektivin Kate Fansler. Ihr erster Krimi „In the Last Analysis“ (Gefährliche Praxis; Die letzte Analyse) war für den Edgar als bestes Debüt nominiert. „Death in a Tenured Position“ (Die Tote von Harvard, 1981) erhielt den Nero Award. In ihren Büchern verfolgte sie auch immer eine feministische Agenda.

Nach den negativen Erfahrungen mit zwei neuen Krimis könnte doch die Lektüre eines alten Krimis von überschaubarer Länge ein Vergnügen sein.

War es nicht.

Die Literaturprofessorin und hundertfüfnzigprozentige Großstädterin Kate Fansler verbringt den Sommer auf dem Land. In Araby, einem Dorf in den Berkshires, soll sie den Nachlass des amerikanischen Verlegers von James Joyce sortieren. Sie interessiert sich vor allem für die Briefe von James Joyce. Ihr hilft ein Student. Und sie soll, zusammen mit einem extra dafür engagiertem Hauslehrer, auf ihren verhaltensauffälligen Neffen Leo aufpassen.

Als der Hauslehrer mit einem Gewehr, das nicht geladen sein sollte, herumspielt, löst sich ein Schuss. Der tötet die Nachbarin Mary Bradford, eine von allen gehasste Klatschtante.

Fansler und ihr Freund Reed Amhearst beginnen den Täter, also, die Person, die die Kugel in das Gewehr schob, zu suchen. Verdächtige gibt es genug.

Aber anstatt jetz im Stil eines Rätselkrimis die Amateurdetektivin ermitteln zu lassen, liefert Amanda Cross Dialog nach Dialog über Banalitäten, Feindseligkeiten im akademischen Lehrbetrieb und unter Fachkollegen, etwas Hintergrund zu James Joyce (bei dem Titel nicht überraschend) und, manchmal, wird auch besprochen, was vorher geschehen ist oder jemand erlebt hat. Nur eine Handlung, also in diesem Fall eine Suche nach Hinweisen auf den wahren Täter und eine Parade der Verdächtigen und ihrer Motive, ergibt sich daraus nicht. Das ist dann eher Warten auf Godot (Hach, eine literarische Anspielung!) mit einem überwältigendem Desinteresse an der Mördersuche.

Die Dialoge sind, auch wenn im Klappentext von Screwball-Comedy-Dialogen gesprochen wird, nicht witzig und nicht pointiert.

Entsprechend lieblos wird am Ende der Täter aus dem Hut gezaubert.

Da bleibe ich, wenn es ein Klassiker sein soll (Klassiker ist einfach ein Synonym für „vor Jahzehnten erschienenes Werk“; den Zusatz „wiederentdeckt“ gibt es bei einer Neuauflage; den Zusatz „zu Unrecht vergessen“ wenn es keine Neuauflage gibt, aber der Rezensent gerne eine hätte), bei Nero Wolfe.

Aber jetzt lese ich erst einmal Erich Kästners „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Den Roman hat Dominik Graf kongenial mit „Oh Boy“ Tom Schilling als Fabian verfilmt.

Amanda Cross: Der James Joyce-Mord – Ein neuer Fall für Kate Fansler

(übersetzt von Monika Blaich und Klaus Kamberger)

Dörlemann, 2021

288 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The James Joyce Murder

Macmillan, New York, 1967

Der Roman erschien im Deutsche Taschenbuch Verlag als „In besten Kreisen“.

Hinweise

Krimi-Couch über Amanda Cross

Wikipedia über Amanda Cross (deutsch, englisch) und Kate Fansler (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. Juni: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

Juni 12, 2021

Sat.1, 20.15

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures, USA 2016)

Regie: Theodore Melfi

Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi

LV: Margot Lee Shetterly: Hidden Figures, 2016 (Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen)

Auf Tatsachen basierendes Drama über die Mathematikerinnen, die im Raketenprogramm der NASA arbeiteten und die Astronauten zuerst in die Erdumlaufbahn und später noch weiter weg schickten.

„Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.

Der Film war unter anderem für den Oscar als bester Film des Jahres nominiert. „Moonlight“ erhielt den Preis.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechun.

mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa

Wiederholung: Montag, 14. Juni, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage (Buchbesprechung bei der Filmbesprechung)

Margot Lee Shetterly: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

(übersetzt von Michael Windgassen und Sandra Ritters)

HarperCollins, 2017

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Hidden Figures

William Morrow, 2016

Hinweise

Moviepilot über „Hidden Figures“

Metacritic über „Hidden Figures“

Rotten Tomatoes über „Hidden Figures“

Wikipedia über „Hidden Figures“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Hidden Figures“

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, 2014)

Meine Besprechung von Theodore Melfis „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ (Hidden Figures, USA 2016)


Einmal Filmgeschichte bitte. Komplett und mit allem!

Juni 12, 2021

Der jüngst erschienene, lang erwartete und lang angekündigte dritte Teil der „Einführung in die Filmgeschichte“ ist jetzt doch nicht der Abschluss. Denn es ist schon ein vierter Teil angekündigt, der sich mit dem „Kino der Gegenwart“ (so der aktuelle Buchtitel) beschäftigt und die Jahre zwischen den späten neunziger Jahren und, nun, ich sage mal dem ersten Post-Pandemie-Jahr abdeckt.

Wie alles begann wird in dem numerisch erstem Band (es handelt sich um den chronologisch zuletzt erschienenen Band) „Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ geschildert.

Neben erwartbaren Texten zum Weimarer Kino, zum Nazi-Kino, zu Hollywood, u. a. über David Ward Griffith, Alan Croslands „The Jazz Singer“ (dem ersten Tonfilm) und zum frühen Film Noir, gibt es auch Texte zum französischen, russischen, skandinavischen und japanischem Stummfilm.

In „Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968“ geht es um die Phase des Kinos, die für viele heute noch tätige und einflussreiche Regisseure und Filmkritiker stilprägend war.

Es ist die die Zeit des Film Noir (seine stilprägende Hochphase), des Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague, des Jungen Deutschen Films (der sich von Opas Kino und Alpträumen wie „Schwarzwaldmädel“ emanzipieren wollte) und des filmischen Aufbruchs im Ostblock. Es ist auch die Zeit, in der James Bond seine ersten Kinoabenteuer erlebte – und die hier ebenfalls behandelt werden. Verbunden mit der Frage, warum ein ‚Relikt des Kalten Krieges‘ heute immer noch so beliebt ist.

Im dritten Band „New Hollywood bis Dogma 95“ geht es dann um das Kino nach „1968“. Auch hier gibt es die Mischung aus erwartbaren und überraschenderen Themen. Selbstverständlich wird sich mit New Hollywood, dem Neuen Deutschen Film, dem New British Cinema, dem jungen französischem Kino, dem US-Independent-Kino und, wie schon der Titel verrät, Dogma 95 beschäftigt. Es geht auch, ebenso selbstverständlich, um das politische, das feministische und das schwullesbische Kino. Das waren damals sehr wichtige Diskurse. Überraschender sind dagegen die Texte zu Bollywood, dem schwarzafrikanischem und dem lateinamerikanischem Kino. Dieses Kino ist, nach einer Hochphase, inzwischen fast vollkommen aus der öffentlichen Wahrnahme verschwunden. Gerade das macht diese Texte so lohnenswert,

Alle drei Bücher sind gleich aufgebaut. Sie basieren auf der Vorlesungsreihe „Einführung in die Filmgeschichte“, die seit Mitte der Neunziger im Studiengang Filmwissenschaft an der Universität Zürich den Studierenden als Teil des Grundstudiums angeboten wird. Die Bücher richten sich dementsprechend an Studierende, die eine Einführung in die Filmgeschichte benötigen, an filmhistorisch Interessierte, die einen knappen Überblick brauchen und Cineasten, die eine Mischung aus Auffrischung bekannten Wissens und Hinweisen auf gute Filme, die sie noch nicht gesehen haben, brauchen.

Vom Aufbau her ist die Sammlung von Aufsätzen mit einem Lexikon vergleichbar. Das liest auch niemand in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durch, sondern es wird herumgeblättert, gelesen, geblättert und wieder gelesen.

Wer nicht nur Lesen möchte, kann die Komplettausgabe des Lexikons kaufen (oder sich schenken lassen). Sie enthält neben den drei Büchern die sieben DVDs umfassende DVD-Box „Filmgeschichte weltweit“. Sie enthält die sechzehn Filme, die die BBC zum hundertsten Geburtstag des Kinos bei bekannten Regisseuren, wie Martin Scorsese, Jean-Luc Godard und Edgar Reitz, in Auftrag gab. Das sind dann zusätzlich zu den Büchern zwanzig Stunden Filmgeschichte.

Thomas Christen (Hrsg.): Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Der internationale Film von 1895 bis 1945 (Einführung in die Filmgeschichte 1)

Schüren, 2020

432 Seiten

38 Euro

Thomas Christen (Hrsg): Vom Neorealismus zu den neuen Wellen – Filmische Erneuerungsbewegungen 1945 – 1968 (Einführung in die Filmgeschichte 2)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Thomas Christen, Robert Blanchet (Hrsg.): New Hollywood bis Dogma 95 (Einführung in die Filmgeschichte 3)

(2. Auflage mit aktualisierten Bibliografien und Filmografien)

Schüren, 2016

520 Seiten

38 Euro

Hinweise

Schüren über die „Einführung in die Filmgeschichte“

absolut medien über die „Filmgeschichte weltweit“


„Neues Glück“ für die Fans von Black Widow

Juni 7, 2021

Zuerst: Es gibt einen Starttermin für den „Black Widow“-Film mit Scarlett Johansson. Es ist der 8. Juli – und angesichts der aktuellen Entwicklung dürfte es dann ein ziemlich spektakuläres Abenteuer im Kino geben.

Bis dahin

können die Fans von Natasha Romanoff den Comic „Neues Glück“ lesen, der, soweit wir das in Unkenntnis der bei dem Marvel-Filmen gewohnt geheimnisumwitterten Filmgeschichte sagen können, nichts mit dem Film zu tun hat.

In der von Autorin Kelly Thompson und Zeichnerin Elena Casagrande erzählten Geschichte hat Natasha Romanoff in San Francisco ein neues Leben begonnen. Sie ist glücklich verheiratet, hat einen kleinen Sohn, einen bürgerlichen Beruf, einen neuen Namen und sie ist glücklich. Von ihren Freunden hat sie sich nicht verabschiedet. Sie ist einfach verschwunden.

Als ihre Freunde Hawkeye Clint Barton und Winter Soldier Bucky Barnes sie zufällig im Fernsehen sehen, wollen sie herausfinden, warum sie seit drei Monaten nichts mehr von ihr gehört haben. Sie entdecken, dass Natasha keinen ‚Nikita‘ gemacht hat. Sie erinnert sich nicht mehr an ihre Vergangenheit. Sie erkennt ihre alten Freunde nicht mehr.

Zusammen mit Yelena Belova wollen Clint und Bucky herausfinden, warum und von wem Natashas Gedächtnis gelöscht wurde.

Die in sich abgeschlossene Geschichte „Neues Glück“ ist ein spannender Thriller mit einer ordentlichen Verschwörung und viel Action. Vor allem wenn am Ende Natasha und ihre Freunde gegen die Bösewichter, die zuerst Natashas Gedächtnis manipulierten und sie jetzt umbringen wollen, kämpfen. Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, welches Leben Natasha leben möchte: ein braves, unauffälliges bürgerliches Leben mit liebendem Ehemann und Kind oder ein ungebundenes, abenteuerliches Leben, das jederzeit für sie und ihre wenigen Freunde mit dem Tod enden kann. Kelly Thompson und Elena Casagrande behandeln diese Frage immer anhand der Entscheidungen, die Natasha trifft. So geht sie eines Abends, als sie Hilfeschreie aus einer dunklen Gasse hört, in diese Gasse, sieht eine Gruppe Halbstarker, die eine Frau vergewaltigen wollen und kämpft, ohne Nachzudenken, gegen sie.

Kelly Thompson schrieb Geschichten für Captain Marvel, Deadpool, Jessica Jones, Nancy Drew und Star Wars. Elena Casagrande zeichnete Geschichten für Doctor Who, Catwoman und Angel.

In den USA erschienen bereits weitere von ihnen erzählte Abenteuer von Natasha Romanoff. In Deutschland ist der zweite von ihnen geschriebene „Black Widow“-Band für Dezember angekündigt.

Kelly Thompson/Elena Casagrande: Black Widow: Neues Glück

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini Comics, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Black Widow (2020): The Ties that bind # 1 – 5

Marvel, November 2020 – April 2021

Zur weiteren Vorbereitung gibt es die umfangreiche Black-Widow-Anthologie, die einen Überblick über ihre wichtigsten Comicabenteuer gibt

Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie

Panini, 2020

324 Seiten

29 Euro

Hinweise

Marvel über Black Widow

Wikipedia über Black Widow 

Meine Besprechung von Greg Rucka/J. G. Jones‘ „Marvel Knights: Black Widow – Tödliche Schwestern“ (Black Widow (1999) # 1 – 3: The Itsy-Bitsy Spider; Black Widow (2001) # 1 – 3: Breakdown; Black Widow (2002) # 1- 3: Pale Blue Spider)

Meine Besprechung von „Black Widow: Agentin und Avenger – Die Black Widow-Anthologie“ (2020)


George Orwells Klassiker „1984“ und „Farm der Tiere“ neu übersetzt – und als Graphic Novel

Juni 1, 2021

Das nennt man wohl Nachruhm: auch wer „Farm der Tiere“ und „1984“ nicht gelesen hat, dürfte beide Geschichten und ihre Aussage halbwegs kennen. In „Farm der Tiere“ übernehmen die Tiere eine Farm. Die Utopie, dass alle Tiere gleich sind verändert sich immer mehr zu einer Gesellschaft, in der einige Tiere gleicher sind und die Schweine über den Hof und die anderen Tiere herrschen. In „1984“ beschreibt George Orwell eine Negativutopie, in der der Große Bruder über alles wacht, Neusprech unsere Sprache abgelöst hat, die Wahrheit endlos manipuliert wird und es keine Beziehungen mehr gibt. Da verliebt sich Winston Smith, Mitarbeitr im Miniterium der Wahrheit und für die Berichtigung der Vergangenheit zuständig, in seine Arbeitskollegin Julia. Gemeinsam beginnen sie gegen das ihr Leben und ihre Gedanken kontrollierende Terrorregime zu rebellieren. Es ist eine von Anfang an aussichtslose, rein private Revolte.

In beiden Büchern spricht George Orwell sich gegen den Totalirismus aus. Damals war unüberlesbar, dass er mit dem Stalinismus abrechnete. Heute, auch weil beide Bücher als „Märchen“ und „Dystopie“, nicht ein bestimmtes totalitäres System, sondern das Funktionieren totalitärer Systeme beschreiben, drängen sich andere Vergleiche auf. So dachte ich bei der wiederholten Lektüre von „Farm der Tiere“ immer wieder an die DDR. Obwohl, als Orwell den Roman während des Zweiten Weltkriegs schrieb, es die DDR noch nicht gab und er nicht wissen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Er wusste allerdings aus eigener Erfahrung, wie sehr sich kommunistische Bewegungen von ihren Idealen entfernen. Einige Worte und Slogans aus „1984“, wie „Big Brother is watching you“, sind Teil unserer Alltagssprache. Es gibt auch einen Big-Brother-Preis, der jährlich die größten Datenkraken auszeichnet.

Eine andere Form von Nachruhm, die auch zeigt, wie relevant diese beiden Romanen von George Orwell für die Gegenwart sind, sind die zahlreichen Neuauflagen, Übersetzungen und Interpretationen; – wobei eine Übersetzung selbstverständlich auch eine Interpretation ist. Diese sollte allerdings möglichst nahe beim Originaltext bleiben und ihn in möglichst allen Facetten und Bedeutungsebenen in eine andere Sprache übertragen. Jüngst erschienen bei Manesse und Anaconda neue Übersetzungen (es ist möglich, dass fast zeitgleich noch weitere Neuüberetzungen erschienen sind) und bei Panini und Splitter Comicversionen von „Farm der Tiere“ und „1984“.

Beginnen wir mit den Comics und kommen dann zu den Übersetzungen von Ulrich Blumenbach, Heike Holtsch (beide „Farm der Tiere“), Gisbert Haefs und Jan Strümpel (beide „1984“).

Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane haben „1984“ äußerst überzeugend in das Comicformat übertragen.

Es ist eine eigenständige Interpretation, die vom Respekt vor der Vorlage getragen ist, aber nie wie eine mit Zeichnungen aufgepeppte Zusammenfassung des in den aktuellen deutschsprachigen Ausgaben ungefähr vierhundertseitigen Romans wirkt. Sie visualisieren die Welt von „1984“, ein London, das immer noch wie das im Zweiten Weltkrieg zerbombte London mit einigen modernistischen Betongebäuden aussieht, in einem atemberaubenden Mix unterschiedlicher Zeichenstilen, ständig variierenden Panelgrößen und -anordnungen und einer unübersehbaren Tendenz zu wenigen, auf einzelnen Seiten und Doppelseiten fast schon durchgehend monochromen Farbgebung. Die Textanordnung ist ähnlich variabel. Dazwischen gibt es immer wieder Plakate, die die Regierungspoltik verkünden. Das ist, in jeder Beziehung, gleichzeitig äußerst modern und retro. Ein Meisterwerk.

Odyrs Interpretation der „Farm der Tiere“ liest sich eher wie die Reader’s-Digest-Version der kurzen Geschichte. Die Bilder, schöne meist naturalistische, seltener mild satirisch überspitzte Aquarelle, wirken wie Buchillustrationen. Die Texte wie eine gekürzte Version des Romantextes. Durch die Kürzungen entfallen dann einige Schattierungen des Romans und einige Entwicklungen erfolgen überraschend schnell. Das ist nicht wirklich schlecht, auch weil der Respekt gegenüber und die Bewunderung für die Vorlage auf jeder Seite spürbar ist, aber im Gegensatz zur überragenden „1984“-Interpretation von Sybille Titeux de la Croic und Amazing Ameziane enttäuschend.

Bei den Neuübersetzungen stellt sich natürlich die Frage, welche Ausgabe empfehlenswerter ist.

Schon auf den ersten Blick sind einige Unterschiede offensichtlich. Die Manesse—Ausgaben sind teurer, haben die bekannteren Übersetzer (Ulrich Blumenbach und Gisbert Haefs) und teils umfangreiches Bonusmaterial. Bei „1984“ handelt es sich um ein ausführliches Nachwort von Mirko Bonné und eine editorische Notiz, die auch einiges zur Übersetzung verrät. Bei „Farm der Tiere“ gibt es ebenfalls eine editorische Notiz und ein Nachwort. Dieses Mal geschrieben von Eva Menasse. Außerdem gibt es das von George Orwell 1947 geschriebene Vorwort zur ukrainischen Ausgabe von „Farm der Tiere“ und sein Essay „Die Pressefreiheit“ (The Freedom of the Press“), das ursprünglich als Vorwort des Märchens erscheinen sollte. Als das Buch wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien, hatte der Inhalt des Essays erledigt. Es verschwand im Archiv. Erst 1972 wurde der Text im „Times Literary Supplement“ erstmals veröffentlicht. In beiden Texten schreibt Orwell über die Hintergründe der Geschichte und die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte.

Die Anaconda-Ausgabe beschränkt sich dagegen in beiden Fällen auf den Text. D. h. wer nur die Romane von Orwell lesen und keine weiteren Informationen haben will, sollte die billigeren Anaconda-Ausgaben kaufen.

Die Übersetzungen unterscheiden sich in Details. Trotzdem gefallen mir die Manesse-Übersetzungen im direkten Vergleich und im Vergleich mit dem Original etwas besser. Vor allem die Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist sehr gelungen. Er bleibt nah am Originaltext und überträgt ihn und Orwells Intentionen äußerst elegant ins Deutsche. Das zeigt sich beispielsweise an den Namen der drei, den Hof führenden Schweine Napoleon, Snowball und Squealer. Er hat sie eingedeutscht in Napoleon, Schneeball und Petzwutz, dessen Name „Squealer“ schon im Original eine Kritik am Denunziantentum ist.

Heike Holtsch entfernt sich dagegen in ihrer Übersetzung etwas mehr vom Originaltext. Die Namen der Tiere übersetzt sie nicht, was gerade bei Petzwutz (der in früheren Übersetzungen Quiekschnauz und Schwatzwutz hieß) schade ist.

Bei „1984“ ist es ähnlich und oft nur eine Frage, welche Interpretation man bevorzugt. Also ob man lieber „Freiheit ist Knechtschaft“ (Haefs) oder „Freiheit ist Sklaverei“ (Strümpel) oder ob man lieber „Der Große Bruder beobachtet Dich“ (Haefs) oder, doch etwas verharmlosend im Neusprech, „Der Große Bruder wacht über Dich“ (Strümpel) liest. Persönlich würde ich im direkten Vergleich die Übersetzung von Haefs bevorzugen, weil er etwas näher an der Nachkriegssprache und dem damaligen Denken ist. Aber in einigen Stunden könnte ich mich für die Strümpel-Übersetzung entscheiden.

Aber letztendlich sind alle Übersetzungen gelungen. Trotzdem würde ich bei der „Farm der Tiere“, allein schon wegen des Bonusmaterials, die Manesse-Ausgabe empfehlen.

Die verschiedene Akzente setzenden Covers sind ebenfalls alle äußerst gelungen.

Odyr: Farm der Tiere – Die Graphic Novel

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini Comics, 2021

176 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

A revolucao dos bichos

2018

Sybille Titeux de la Croix/Amazing Ameziane: 1984

(übersetzt von Harald Sachse)

Splitter, 2021

232 Seiten

29,80 Euro

Originalausgabe

1984

Editions du Rocher, 2021

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

Manesse, 2021

192 Seiten

18 Euro

George Orwell: Farm der Tiere – Ein Märchen

(übersetzt von Heike Holtsch)

Anaconda, 2021

144 Seiten

4,95 Euro

Originalausgabe

Animal Farm. A Fairy Story

Martin Secker & Warburg Ltd., 1945

George Orwell: 1984

(übersetzt von Gisbert Haefs)

Manesse, 2021

448 Seiten

22 Euro

George Orwell: 1984

(übersetzt von Jan Strümpel)

Anaconda, 2021

400 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Nineteen Eighty-Four

Martin Secker & Warburg Ltd., 1949

Hinweise

Homepage von Amazing Ameziane

Wikipedia über George Orwell (deutsch, englisch), „Farm der Tiere“ (deutsch, englisch) und „1984“ (deutsch, englisch)

Die Zukunft redet mit den Übersetzern


Ausgezeichnete Bücher: der Wolfe- und Hammett-Gewinner „Der gekaufte Tod“ von Stephen Mack Jones

Mai 26, 2021

Ausgezeichnet mit dem Wolfe- und dem Hammett-Award. Für den Shamus-Award war „Der gekaufte Tod“ als bestes Krimidebüt nominiert. Diese Preise verraten Krimifans, dass Stephen Mack Jones einen Privatdetektivkrimi geschrieben hat und angesichts der vorherigen mit dem Shamus-, Hammett- und Wolfe-Award ausgezeichneten Krimis dürfte es sich um ein gutes Buch handeln.

Die Story selbst erinnert auf den ersten Blick an unzählige andere Privatdetektivkrimis: Ich-Erzähler August Snow wird von der vermögenden Privatbankbesitzerin Eleanore Paget gebeten, herauszufinden, wer ihr Leben und ihre Bank bedroht. Kurz darauf ist sie tot. Snow, von Schuldgefühlen geplagt, weil er ihre Ängste für unbegründet hielt, beginnt herumzuschnüffeln. Und er entdeckt, was der gestandene Krimifan erwartet: etliche Familiengeheimnisse, einige davon tödlich, illegale Geschäfte, Verbindungen zum Organisierten Verbrechen und ein FBI, das sich für Paget und ihre Bank interessiert.

Aber wie Stephen Mack Jones diese Geschichte erzählt und wie er dabei die Regeln des Genres achtet, die Klassiker zitiert und in die Gegenwart überträgt, ist dann überaus gelungen. Natürlich ist August Snow als Privatdetektiv (auch wenn er in „Der gekaufte Tod“ ohne Lizenz als Amateurdetektiv ermittelt) ein Kind von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer, etwas Mike Hammer und Spenser. Er ist Anfang Dreißig, Kriegsveteran, Ex-Polizist (weil seine Entlassung problematisch war, wurde ihm der Abschied mit 12 Millionen Dollar versüßt), Single, hat einige hilfreiche Freunde (teils bei der Polizei, teils nicht) und, jetzt kommen wir zum modernen Teil, er ist tief in seiner Community verwurzelt. Bei Snow ist es Mexicantown, der Teil von Detroit, in dem Mexikaner und Afroamerikaner leben. Sein Vater, ein Polizist, war Afroamerikaner,. Seine Mutter, eine Malerin, war Mexikanerin. Nach seiner Entlassung und einer einjährigen Weltreise lebt Snow jetzt wieder in seinem Elternhaus. Mit seinem Entlassunggeld hat er in der Straße schon einige Häuser gekauft und renoviert. Er ist ein Teil dieser Gemeinschaft und er passt auf sie auf.

Snows Erfinder, Stephen Mack Jones, hat seinen Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Ross MacDonald, Mickey Spillane und Robert B. Parker gelesen; um nur einige zu nennen, um nur die zu nennen, die allgemeim bekannt sein dürften und um ein elend langes nur den Rezensenten befriedigendes Name-Dropping zu vermeiden. Jones hat auch George Pelecanos gelesen. Genau wie Pelecanos taucht er tief in die Stadt, in der die Geschichte spielt, ein. Oft hatte ich den Eindruck, eine Mischung aus Reiseführer in die schmuddeligen Ecken Detroits und Sozialreportage zu lesen. Wie Pelecanos thematisiert Jones die sozioökonomischen Verwerfungen in den USA, die Armut, den Rassismus, die alltägliche Gewalt (schon vor dem Tod von Paget verlässt Snow seine Wohnung normalerweise mit einer Pistole in der Hand) und den Alltag der Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen müssen.

Im Gegensatz zu Pelecanos entwirft Jones allerdings viel stärker die Utopie einer Gesellschaft, in der Menschen sich helfen und über Klassen-, Rassen- und Gendergrenzen hinwegblicken. In den Momenten wird Snow zu einem helfendem Engel, der eine Gemeinschaft aufbaut, die niemanden ausgrenzt. Das ist einerseits ein uralter US-Mythos, andererseits – der Roman wurde im Original 2017 veröffentlicht – ein Gegenentwurft zum Trump-Amerika.

Der gekaufte Tod“ ist ein Privatdetektivkrimi, der seine Vorbilder kennt, die Tradition behutsam weiterentwickelt und dabei dem Alltag und den Beziehungen des Helden viel Raum gibt. Das geht dann, zugegeben, etwas auf Kosten des Krimiplots. Für etwas Nachbarschaftsarbeit lässt Snow den Mordfall Paget immer wieder links liegen.

In den USA erschien Anfang Mai der dritte Kriminalroman mit August Snow. Für Nachschub ist also gesorgt.

Stephen Mack Jones: Der gekaufte Tod – Ein Detroit-Krimi

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Tropen/J. G. Cotta’sche Buchhandlung 2021

368 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

August Snow

Soho Press, New York 2017

Hinweise

Homepage von Stephen Mack Jones

Thrilling Detective über August Snow


Tahar Ben Jelloun ist „Schlaflos“

Mai 24, 2021

Warum er seine Mutter tötet, erfahren wir nicht. Aber der Mord verhilft dem namenlosen Erzähler in Tahar Ben Jellouns neuem Roman „Schlaflos“, seinem ersten komischen Roman (Jelloun über das Buch), zu einem friedlichen und ruhigen Schlaf. Bis dahin litt er an Schlaflosigkeit.

Diese schlaffördernde Wirkung hält ein Jahr an. Danach muss er wieder töten und weil der in Marokko lebende Drehbuchautor kein Unmensch ist, tötet er bevorzugt Menschen, die sowieso bald sterben werden. Er beschleunige ihren Tod nur ein wenig. Das sagt er sich. Außerdem tötet er vor allem böse Menschen. Weniger aus moralischen, sondern vor allem aus schlaffördernden Erwägungen. Denn je böser sein Opfer ist, umso mehr friedliche Schlafstunden verschafft es ihm. Wenn er dagegen einen netten oder auch nur harmlosen Menschen umbringt, hat das keine schlaffördernde Wirkung.

Der 1947 geborene Jelloun ist der bedeutendste Vertreter der französischsprachigen Literatur aus dem Maghreb. Zu seinen Werken zählen „Sohn ihres Vaters“, „Die Nacht der Unschuld“, „Das Schweigen des Lichts“, „Die Früchte der Wut“, „Papa, was ist ein Fremder?“, „Papa, was ist der Islam?“ und „Arabischer Frühling“.

Er erhielt den Prix Goncourt, den International IMPAC Dublin Literary Award und, 2011, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Bis jetzt fiel er nicht als Krimiautor auf. Wobei „Schlaflos“ auch kein normaler Wer-ist-der-Mörder-Rätselkrimi, sondern ein autobiographisch inspirierter schwarzhumoriger Noir ist.

Er leidet, und damit beginnt und endet die autobiographische Inspiration, selbst an Schlaflosigkeit. Er fragt sich, wie es ihm gelingen könne, wie andere Menschen ruhig eine Nacht durchzuschlafen. Das ist auch eine Frage, die der Ich-Erzähler immer wieder seinen Opfern und anderen Menschen stellt. Bei seinen Recherchen bemerkte Jelloun, das Menschen, die böse Taten vollbringen, keine Schlafprobleme haben. Jedenfalls scheinen staatliche Henker, Drogenhändler und Pädophile keine Probleme mit einem gesunden, erholsamen und ruhigen Nachtschlaf zu haben.

Da bekommt die Idee eines Schlafkontos, oder Schlafkreditpunkte, wie der Ich-Erzähler seine Stunden ruhigen Schlafs nach einem Mord nennt, einen gewissen Charme. Je böser der Mensch ist, desto mehr Schlaf gibt es. Danach war seine Mutter eine ziemlich böse Frau. Seine anderen Opfer sind auch oft Menschen, über deren Tod niemand besonders traurig ist. Im Gegenteil: man betrachtet ihren Tod als eine Art höhere Gerechtigkeit.

Jelloun hat einen Serienmörder erfunden, der seine Taten ohne missionarischen Eifer und ohne den Hauch eines schlechten Gewissens ausübt. Er tötet wie andere Menschen Schlaftabletten nehmen. Dummerweise ähnelt er mit seinen Taten und seinen Gewissensbissen dann den bösen Menschen, die er tötet. Gleichzeitig entsteht durch seine Morde ein Bild der marrokanischen Gesellschaft.

Schlaflos“ ist, spätestens wenn man beginnt über die Taten des Schlaflosen und ihre Implikationen nachzudenken, ein intellektuelles und vielschichtiges Lesevergnügen für eine schlaflose Nacht und auch jede andere Tageszeit. Die Methode, mit der der Erzähler seine Schlaflosigkeit bekämpft, ist allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen. Auch wegen des Endes.

Tahar Ben Jelloun: Schlaflos

(übersetzt von Christiane Kayser)

Polar Verlag, 2021

216 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

L’insomniaque

Édiions Gallimard, Paris, 2019

Hinweise

Wikipedia über Tahar Ben Jelloun (deutsch, englisch, französisch)

 


Magisch verhext? „Mit Abstand!“. „Die Flüsse von London“ haben jetzt „Wassergras“

Mai 17, 2021

Einmal Gegenwart. Einmal zurück in die Vergangenheit, als Detective Constable Peter Grant noch nicht bei der Londoner Metropolitan Police war und seine Eltern noch nicht wussten, dass sie jemals einen Sohn bekommen würden. Wahrscheinlich, weil sie damals noch nicht geboren waren oder, wenn doch, irgendwo zwischen Kinderspielplatz und Erstem Schuljahr herumtobten.

In „Mit Abstand!“ geht es zurück in das Kriegsjahr 1943 und in den Oktober 1957. Es ist der siebte Comicband mit magischen Abenteuern um Peter Grant. Sein Erfinder Ben Aaronovitch schrieb zuerst Romane um den jungen schwarzen Polizisten. Seinen ersten Auftritt hatte er 2011 in dem Roman „Die Flüsse von London“ (Rivers of London). In dem Fantasy-Kriminalroman trifft er Thomas Nightingale. Nightingale ist kein normaler Polizist, sondern ein Magier und Leiter der „Einheit für spezielle Analysen“ (vulgo: frag nicht und lass uns in Ruhe). Die Einheit kämpft gegen übersinnliche Wesen, Zauberer, Geister undsoweiter. Nightingale, der letzte Zauberer Englands, nimmt Grant unter seine Fittiche und fortan erlebt Zaubererlehrling Grant unglaubliche Abenteuer.

Die Romane sind Beststeller. Seit 2015 erscheinen Comicabenteuer mit Grant und seinen Freunden, die neue Geschichten erzählen. Diese werden normalerweise von Aaronovitch und Andrew Cartmel geschrieben. Bis jetzt stand immer Grant im Mittelpunkt der Geschichten und sie spielten in der Gegenwart.

Durch den Tod von Angus Strallen erinnert sich Nightingale in „Mit Abstand!“ an ihre gemeinsamen Abenteuer. Aber anstatt sie Grant zu erzählen, lässt er ihn ins Archiv gehen.

Das erste Mal begegnen Nightinggale und Angus Strallen sich während des Zweiten Weltkriegs. Nightingale kann mit seinen magischen Kräften einen Flugzeugangriff abwehren.

1957 treffen sie sich wieder. Strallen ist inzwischen Constabulary von Cumberland und Westmoreland. Er hat Professor Uwe Fischer verfolgt. Fischer kämpfte im Krieg auf der Seite der Deutschen. Inzwischen arbeitet er in dem Atomkraftwerk Windscale, hat eine hohe Sicherheitsfreigabe und Strallen hält ihn für einen Serienfrauenmörder. Und einen Zauberer.

In „Wassergras“, dem davor erschienenem“Die Flüsse von London“-Comic, jagen Grant und Nightingale eine Angst und Schrecken verbreitende, geheimnisvolle Drogenhändlerin, die sich Hoodette nennt. Weil sie eine Droge verkauft, die auf magische Weise hergestellt wurde, ist es ein Fall für ihre Einheit. Eine solche Droge hat auch andere Nebenwirkungen als eine normale Droge.

Beide Geschichten sind höchst unterhaltsame Ergänzungen zu den vorherigen Geschichten. In „Mit Abstand!“ ist der historische Hintergrund interessant und, zum tieferen Verständnis der Geschichte, wichtig. Deshalb gibt es im Anhang ausführliche Texte zu Jasper Maskelyne, dem britischen Magier, der Hitlers Armee täuschte (wobei auch auf den umstrittenen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen hingewiesen wird), Bluthunde und deren einzigartige Spürnase, die Atomanlage Windscale (heute Sellafield) und das atomare Wettrüsten in der Nachkriegszeit.

Wassergras“ und „Mit Abstand!“ sind zwei unterhaltsame Fantasy-Comics, denen allerdings die Sprachgewalt der Romane fehlt.

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero/Paulina Vassileva: Die Flüsse von London: Wassergras (Band 6)

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini, 2020

120 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: Water Weed

Titan Comics, 2018

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Brian Williamson/Stefani Renne: Die Flüsse von London: Mit Abstand! (Band 7)

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini, 2021

132 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: Action at Distance

Titan Comics, 2020

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

dtv über Ben Aaronovitch

Blog von Andrew Cartmel

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch) und Andrew Cartmel

Meine Besprechung von Ben Aaronovitchs „Schwarzer Mond über Soho“ (Moon over Soho, 2011)

Mein Besprechung von Ben Aaronivitchs „Geister auf der Metropolitan Line“ (The furthest station, 2017)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerreros „Die Flüsse von London: Autowahn“ (Rivers of London: Body Work, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London – Die Nachthexe (Rivers of London: Night Witch, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Christoper Jones/Marco Leskos „Doctor Who – Der siebte Doctor: Tanz auf dem Vulkan“ (Doctor Who – The Seventh Doctor: Operation Volcano, 2018)


Spider-Man Noir reist von New York über „Berlin bis Babylon“

Mai 11, 2021

Gut, in dem Spielfilm „Spider-Man: Far from Home“ besuchte der Schüler Peter Parker mit seinen Mitschülern Europa und gerät dort in einige Abenteuer, die das Einschreiten von Spider-Man erfordern. Aber normalerweise verlässt Parker seine Heimatstadt nicht. Dort kämpft er gegen Bösewichter. Und das ist in New York ein Full-Time-Job.

Als er in „Berlin bis Babylon“ bei den Ermittlungen in einem Mordfall die Museumskuratorin Dr. Huma Bergmann, – jung, gutaussehend und intelligent – , kennen lernt und die Spur nach Europa führt, zögert er. Er mag die Nazis zwar nicht, aber die bedrohen nicht seine Nachbarschaft, sondern treiben im fernen Europa ihr Unwesen.

Spätestens jetzt ist ein erklärender Einschub nötig. Denn die von Margaret Stohl geschriebene und von Juan Ferreyra formidabel gezeichnete Spider-Man-Geschichte „Berlin bis Babylon“ gehört zur hier auch schon abgefeierten Noir-Reihe von Marvel. In ihr erzählen verschiedene Autoren und Zeichner neue, eigenständige Geschichten mit den bekannten Marvel-Helden. Eine Anknüpfung an die Schwarze Serie, also die Phase Hollywoods, in der Noir-Krimis gedreht wurden, und an die alten Pulps ist explizit erwünscht. Und so spielt „Berlin bis Babylon“ 1939, wenige Tage vor Kriegsausbruch. Peter Parker ist Privatdektiv; so ein richtiger Hardboiled-Dick, der seinen Sam Spade und Philip Marlowe studiert hat. Und die Geschichte wird, bis auf wenige Farbtupfer, in Schwarz-Weiß erzählt. Denn damals beherrschten SW-Filme den Markt.

Nach kurzem Zögern und etwas Zureden – schließlich müssen für den Kampf gegen die Nazis alle Kräfte mobilisiert werden (ich denke da an den Humphrey-Bogart-Film „Agenten der Nacht“ [All through the Night, 1941]) – fliegt Parker mit Huma zunächst nach London. Von da aus geht es weiter nach Berlin zu einem Kurzbesuch auf der Museumsinsel und dann nach Babylon. Auf dem Gebiet der Ausgrabungsstätte Uruk soll seit Jahrhunderten ein Kristall versteckt sein, der in den falschen Händen das Ende von Allem bedeuten würde. Selbstverständlich wollen die Nazis den Stein haben.

Berlin bis Babylon“ orientiert sich kaum am klassischen Noir, sondern mehr an pulpigen Abenteuergeschichten und Serials, in denen der Held durch haarsträubende Abenteuer stolpert und Erholungspausen nur beim Umblättern einer Seite entstehen. In den achtziger Jahren erlebten diese Geschichten mit den „Indiana Jones“-Filmen eine Renaissance. Und ein Indiana-Jones-Abenteuer könnte Peter Parkers Abenteuer auch sein. Auf seiner Suche begegnet Parker auch alten Bekannten, wie den jetzt für die Nazis kämpfenden Electro.

Trotzdem ist dieses „Spider-Man Noir“-Abenteuer perfekt für Neueinsteiger und Pulp-Fans. Da ich mehr ein Pulp- als ein Spider-Man-Fan bin, hoffe ich jetzt natürlich auf das nächste Abenteuer von PI Peter Parker. Gerne wieder gegen böse Nazis.

Margaret Stohl/Juan Ferreyra: Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Spider-Man Noir (2020) # 1 – 5

Marvel, 2020

Hinweise

Wikipedia über Margaret Stohl

Marvel über Spider-Man Noir


Ausgezeichnete Bücher: Der Glauser-Gewinner 2021: Tommie Goerz: Meier

Mai 5, 2021

Das also ist nach Ansicht des Syndikats der beste deutschsprachige Kriminalroman des Jahres: ein schlankes hundertsechzigseitiges Buch. Geschrieben von Tommie Goerz, der bereits mehrere Romane mit Kommissar Friedo Behütuns schrieb. „Meier“ heißt das Werk und so heißt auch der Protagonist des waschechten Gangsterkrimis.

Nach zehn Jahren wird Meier wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Er war für einen Mord verurteilt worden, den er nicht begangen hat. Familie, Freunde und Verwandte hat er nicht mehr. Geld auch nicht.

Jetzt will er seine Ruhe haben. Deshalb mietet er ein heruntergekommenes, an einer Bahntrasse liegendes Haus. Alle paar Minuten donnert ein Zug vorbei. Hier hofft er, keinen Kontakt zu seinen Nachbarn zu haben. Das ist ein Irrtum. Die stehen, auf dem zugemüllten Nachbargrundstück und der Straße, beobachten den Neuankömmling und drängen sich ihm auf mit Gefälligkeiten und den Bitten um Gefälligkeiten, wie der Hilfe beim Abholen eines Schrankes aus einem Nachbardorf.

Gleichzeitig überbringt Meier einem tschetschnischen Gangsterboss eine enorm wichtige Zahlenkombination, die ihm im Gefängnis ein Mithäftling anvertraut hat. Und er klaut. Wie das geht, ohne erwischt zu werden, hat er im Knast gelernt. Außerdem hat er die Strafe für diese Taten schon abgesessen.

Und er will sich an den Polizisten rächen, die ihn damals zum Mörder machten.

Als erstes fällt die lakonisch-knappe Sprache auf. Auf den ersten Blick erinnert sie mit ihren kurzen Sätzen und vielen Absätzen an Don Winslow. Aber der schreibt handlungsbetonter und schwarzhumoriger. „Meier“ ist dagegen eher die Studie eines Mannes, der nach einer zehnjährigen Haftstrafe vor dem Nichts steht und aus der Einsamkeit wieder zurück ins Leben findet. Das geschieht vor allem über Beschreibungen, Beobachtungen, Gedanken und zufällige Begegnungen, wie ein Gespräch mit einem Nachbarn, das Treffen mit einer Frau, deren Ente nicht mehr anspringt, oder seine Tage in einer Landkommune, die Probleme mit einem wegen einer benachbarten Kiesgrube absackendem Schuppen hat. Beide Male kann Meier helfen. Erst langsam wird Meiers intelligenter Racheplan offensichtlich und er hat, soviel kann verraten werden, eine gute Chance, umgesetzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen unter Krimifans beliebten Verbrechern, wie Parker, Wyatt und Crissa Stone, muss er sich nicht mit unzuverlässigen Kollegen, Konkurrenten und Störenfrieden, wie korrupten Polizisten, herumschlagen. – Obwohl, die gibt es auch in „Meier“.

Daraus macht Goerz einen literarisch gesättigten, in jeder Beziehung schlanken Gangsterkrimi, der gelungen bekannte Genretopoi in die bundesdeutsche Wirklichkeit überträgt. Auch wenn „Meier“ am Ende vor allem eine Rachegeschichte ist. In jedem Fall ist „Meier“ ein Glauser-Preisträger, den man gelesen haben sollte.

Tommie Goerz: Meier

ars vivendi, 2020

160 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von Tommie Goerz

Wikipedia über Tommie Goerz


Über Abigail Deans Romandebüt „Girl A“

Mai 3, 2021

Ein moderner Klassiker.“ (Jeffery Deaver), „Der wichtigste Thriller seit ‚Gone Girl‘.“ (Elle) undsoweiterundsofort wird auf dem Buchcover gelobhudelt und, auch wenn diese Lobhuddeleien nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, setzten sie dennoch eine Stimmung und schaffen eine Erwartung: nämlich, dass „Girl A“, der Debütroman von Abigail Dean, spannend ist, er mehr Noir als herkömmlicher Frauenthriller ist, und wir es, wie in „Gone Girl“, wahrscheinlich mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun haben.

Ein schneller Blick auf verschiedene Leserkritiken („spannend“, „Spannend!“) und auf englischsprachige Buchbesprechungen bestätigen den Eindruck: ein spannendes, wichtiges, verstörendes Buch, das, auch dank einer begleitenden Werbekampagne, in England schnell zum Bestseller wurde. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Eine TV-Serie ist geplant.

Die Story klingt auch vielversprechend: Alexandra ‚Lex‘ Gracie wurde von ihrer im Gefängnis verstorbenen Mutter als Erbverwalterin eingesetzt. Die Erbschaft besteht aus etwas Krimskrams, 20.000 Pfund und dem Elternhaus. Das einsam an der Moor Woods Road in Hollowfield gelegene Haus kennt die Öffentlichkeit als Horrorhaus. Dort wurden Lex und ihre sechs Geschwister von ihren Eltern gefangen gehalten. Sie durften das Haus nicht verlassen. Sie hungerten. Sie wurden von ihnen gefesselt und geschlagen. Ihr Vater war auf einem christlich-fundamentalistischem Trip. Sie konnten entkommen, kamen zu verschiedenen Pflegeeltern und in psychologische Betreuung. Sie gingen mit den Erlebnissen verschieden um. Einige sprachen in der Öffentlichkeit über ihre Erlebnisse und schrieben darüber. Sowieso berichteten die Zeitungen ausführlich über die Ereignisse in dem Horrorhaus.

Durch ihre Aufgabe als Erbverwalterin ist Lex gezwungen, sich (wieder) ihrer Vergangenheit und ihrer Identität als Girl A, dem Mädchen, das aus dem Haus entkommen und ihre Geschwister retten konnte, stellen.

Getriggert von dieser Prämisse, dem Klappentext und der Werbung erwarte ich jetzt natürlich einen Thriller, in dem munter gemordet wird und einige gut gehütete Familiengeheimnisse enthüllt werden. Durch den „Gone Girl“-Hinweis könnte die Ich-Erzählerin Lex Gracie eine unzuverlässige Erzählerin sein (in einem gewissen Rahmen ist sie das auch) und sie könnte kein unschuldiges Opfers, sondern eine Täterin, vielleicht sogar die treibende Kraft hinter all den Ereignissen, gewesen sein. Oder, was natürlich auch eine Möglichkeit wäre, alles spielt sich im Kopf einer komplett wahnsinnigen Erzählerin ab.

Das ist „Girl A“ nicht. Es ist, entgegen der Werbung, kein Thriller, sondern eine sich langsam entwickelnde Charakterstudie, die eher willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springt. Die vor sich hin mäandernde Geschichte ist niemals spannend. Es gibt keine Geheimnisse. Es gibt, was noch schlimmer ist, keine Konflikte. Lex geht zu ihren Geschwistern, redet mit ihnen über den Plan, ihr altes Elternhaus zu einer Begegnungsstätte zu machen und sie stimmen sofort zu. Lex‘ Erinnerungen bergen keine neuen Erkenntnisse. Sie beschreiben nur, wie ihr Vater zunehmend einem religiösem Wahn verfällt. Dabei bleibt er, wie alle anderen Figuren des Romans, eine Chiffre ohne eine erkennbare Persönlichkeit.

Und so plätschert „Girl A“ über vierhundert Seiten vor sich hin. Gegen Ende gibt es eine aus dem Hut gezauberte ‚Überraschung‘, die in keinster Weise überzeugt.

Abigail Deans Debüt ist ein Buch für Menschen, die ein umständlich geschriebenes, zu lang geratenes Not-Coming-of-Age-Buch lesen wollen.

Ich würde dagegen viel lieber das nächste „Gone Girl“ lesen.

Abigail Dean: Girl A

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

HarperCollins, 2021

416 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Girl A

Harper Collins Publishers, London, 2021

Hinweise

Bookmarks über „Girl A“

Homepage von Abigail Dean

Wikipedia über Abigail Dean und „Girl A“


Hexen hexen Hexen – einige unsortierte, assoziative und sehr lückenhafte Gedanken zu Hexen, wenige Stunden vor der Walpurgisnacht

April 30, 2021

Heute ist; – nun, eigentlich eher war in Berlin die Nacht, die die 1.-Mai-Randale vorbereitet. Denn in den vergangenen Jahren wurde der 1. Mai immer friedlicher. Die Straßenschlachten der Vergangenheit mutierten zu einem Volksfest mit zu vielen betrunkenen Menschen und zu wenig klassenkämpferischer Politik. Inwiefern die vom politisch anderen Ufer kommenden „Querdenker“ und Corona-Leugner dieses Bild trüben und die Polizei veranlassen, bei ihnen die Corona-Regeln energisch durchzusetzen, werden wir sehen.

In anderen Teilen Deutschlands ist der 30. April Walpurgis- oder Hexennacht; die Nacht in der in den Mai, in den Sommer, hinein gefeiert, getrunken und, je nach Region, Unfug getrieben wird. Es ist auch die Nacht, in der sich auf Besen reitende Hexen mit dem Teufel vereinigen und einen Hexensabbat feiern.

Aber das ist ein Aberglaube. Also das mit dem Besen und dem Teufel. Auch wenn Harry Potters Freundin Hermine Granger ein-, zweimal auf einem Besen ritt. Auch die ganz normale aussehenden, Kinder hassenden und sie in Mäuse verwandelnden Hexen in Roald Dahls „Hexen hexen“ (zweimal verfilmt, einmal von Pénélope Bagieu gezeichnet) dürften eher in das Reich der Phantasie gehören.

Nicht in das Reich der Phantasie gehört die Hexenverfolgung und das damit verbundene Frauenbild. Zwar änderte sich das in den vergangenen Jahren. In Buch und Film gibt es inzwischen auch gute Hexen, aber ‚Hexe‘ ist immer noch negativ konnotiert. Im Gegensatz zu Männern, die Zauberkräfte haben. Die werden ‚Magier‘, ‚Zauberer‘ und auch ‚Hexer‘ genannt. Keines dieser Worte wird als Beleidigung aufgefasst.

Überhaupt nicht mehr gruselig ist die von Simon Hanselmann in „Hexe Total“ erfundene Hexe Megg. Sie trägt Hexenkluft, hat aber keine erkennbaren Hexen-Fähigkeiten. Sie ist eine Kifferin, die mit ihren Kifferfreunden, der schwarzen Katze Mogg, Eule (eine Eule) und Werwolf Jones, in ihrer heruntergekommenen Wohnung abhängt. Sie langweilen sich, gucken TV und konsumieren Drogen. Bei Ausflügen benehmen sie sich daneben, ärgern sich gegenseitig und sorgen für Chaos. Ihr Ziel ist, kein Ziel zu haben. Und bevor sie irgendetwas tun, genießen sie erst einmal irgendeine illegale Droge. Selbstverständlich gibt es ganz viel Kifferhumor. Wem das gefällt, der kann die Erlebnisse und Nicht-Erlebnisse von Hexe Megg, Mogg, Eule und Werwolf Jones in inzwischen drei Sammelbände genießen.

Im dritten Band „Hexe total in Amsterdam“ besuchen sie sogar die bekannteste Kifferstadt der Welt. Dort tun sie dann das, was sie auch zu Hause tun. Entsprechend schnell sind sie wieder in ihrer alten Heimat. Und sitzen wieder in ihrer versifften Wohnung auf der Couch vor dem Fernseher.

Wie du und ich.

Simon Hanselmann: Hexe Total in Amsterdam

(übersetzt von Benjamin Mildner)

avant-verlag, 2019

160 Seiten

25 Euro

Roald Dahl: Hexen hexen

(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)

rowohlt rotfuchs, 2020

240 Seiten

10 Euro

Deutsche Erstübersetzung 1986

Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde

Originalausgabe

The Witches

Jonathan Cape Ltd., London, 1983

Pénélope Bagieu: Hexen hexen

(übersetzt von Silv Bannenberg)

Reprodukt, 2020

304 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Sacrées sorcières

Gallimard Jeunesse, 2020

Hinweise

Homepage von Simon Hanselmann

avant-verlag über Simon Hanselmann

Homepage von Roald Dahl

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „California dreamin‘“ (California dreamin‘, 2019)

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“ (The Witches, USA 2020)

 


James Lee Burke beschert Dave Robicheaux „Dunkle Tage im Iberia Parish“

April 28, 2021

Dunkle Tage im Iberia Parish“ könnte der Arbeitstitel für fast jeden Dave-Robicheaux-Krimi sein. Ich sage „fast“ weil Robicheaux zuerst in New Orleans ermittelte. Das war 1987 in „Neonregen“ (The Neon Rain). Mit dem Roman betrat Dave Robicheaux die Krimiwelt und aus James Lee Burke, einem Romanautor mit bis dahin sehr überschaubarem Erfolg, wurde ein Kritiker- und Publikumsliebling. In „Neonregen“ war Robicheaux noch Detective beim New Orleans Police Department und ein Trinker.

Später zog er nach New Iberia, arbeitete dort als Polizist und ging zu den Anonymen Alkoholikern. Bis heute schrieb James Lee Burke 23 Romane mit Robicheaux. „Dunkle Tage im Iberia Parish“ ist der 15. Roman. Im Original erschien er bereits 2006. Und jetzt erstmals auf deutsch.

In New Iberia taucht Trish Klein auf. Die junge Frau sorgt in den örtlichen Kasinos mit Hundertdollarnoten, die anscheinend aus einem Banküberfall stammen, für Aufsehen. Dave Robicheaux wittert – zu Recht – Probleme. Und er kennt Trishs Vater Dallas aus seiner Militärzeit in Vietnam. Später, in den frühen Achtziger Jahren, sah er, wie Dallas in Florida wegen Spielschulden ermordet wurde. Dave war zu betrunken, um einzugreifen.

Gleichzeitig untersucht Dave den Tod der jungen Studentin Yvonne Darbonne. Denn möglicherweise war es kein Suizid.

Und Dave will immer noch herausfinden, wer vor einem Jahr einen unbekannten Mann überfahren hat.

Dunkle Tage im Iberia Parish“ ist einer der Dave-Robicheaux-Romane, in denen James Lee Burke den für mich ziemlich unerträglichen Stil seines Spätwerks immer mehr findet. Die Story besteht aus einer verwirrenden Zahl von ineinander verschlungenen Plots und die Struktur des Romans erinnert an eine Kneipenschlägerei, die kaum nachverfolgt, geschweige denn nacherzählt werden kann, aber irgendwann zu einem Ende findet. Und selbstverständlich hat Robicheaux aufgrund früherer Ereignisse eine zutiefst persönliche Verbindung zu dem aktuellen Kuddelmuddell in New Iberia.

In „Dunkle Tage im Iberia Parish“ gelingt Burke noch die Balance zwischen den verschiedenen Plotelementen.

James Lee Burke: Dunkle Tage im Iberia Parish

(übersetzt von Norbert Jakober)

Pendragon, 2021

480 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Pegasus Descending

Simon & Schuster, 2006

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sumpffieber“ (Sunset Limited, 1998)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ (Crusader’s Cross, 2005 )

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mein Name ist Robicheaux“ (Robicheaux – You know my name, 2018)


Tillie Walden schickt uns „Auf einen Sonnenstrahl“

April 19, 2021

Eine leichte Lektüre ist Tillie Waldens „Auf einem Sonnenstrahl“ nicht. Das liegt vor allem am Gewicht des Buches, Mit 544 Seiten liegt der Comic wirklich schwer in den Händen. Die von Walden erzählte Geschichte ist dann leichter, aber nicht leichtgewichtig. Im Mittelpunkt steht Mia. Sie ist das neueste Mannschaftsmitglied auf einem Raumschiff, das durch den Weltraum fliegt und alte Gebäude restauriert. Und erkundet. Manchmal auch abseits der erlaubten Pfade.

Mia freundet sich schnell mit den Gleichaltrigen an. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre zurückliegende Zeit in einem Internat. Dort verliebte sie sich vor fünf Jahren in Grace. Kurz darauf wurde Grace von ihrer Familie wieder in ihrer alten Heimat, der Großen Treppe, dem gefährlichsten und abgelegensten Ort der Galaxis, zurückgeholt. Mia ist immer noch in sie verliebt. Allerdings hat sie seit Graces Verschwinden nichts mehr von ihr gehört.

Als ihre neuen Freunde davon erfahren, wollen sie ihr helfen. Sie meutern gegen ihre neue Schiffskapitänin, die sie nicht mögen, weil sie sie respektlos behandelt. Danach fliegen sie zur Großen Treppe, um Mia dort wieder mit Grace zusammenzubringen. Falls sie das Abenteuer überleben.

Tillie Waldens im Weltraum spielende queere Coming-of-Age-Geschichte „Auf einem Sonnenstrahl“ erschien zuerst als Webcomic. Anschließend erstellte sie eine überarbeitete Buchversion. 2018 erhielt „Auf einem Sonnenstrahl“ den Los Angeles Times Book Prize und war für den Eisner Award for Best Digital Comic nominiert.

Walden erzählt Mias Geschichte oft ohne Dialoge und in seitenfüllenden Panels. Das führt dazu, dass die Geschichte trotz der über fünfhundert Seiten überschaubar bleibt. Stattdessen konzentriert sie sich auf Stimmungen und die durchgehend freundschaftlichen Interaktionen der fast ausschließlich weiblichen Figuren. Ein Besatzungsmitglied definiert sich als nicht-binär. In diesen Momenten entwirft sie das Bild einer sehr freundlichen Zukunft, in der Jugendliche für uns sehr vertraute Probleme haben.

Die erst fünfundzwanzigjährige US-amerikanische Künstlerin hat bereits sechs Comics veröffentlicht. Zwei davon, „Pirouetten“ und „West, West Texas“, erschienen ebenfalls bei Reprodukt. Ihre Werke wurden, mehrmals, mit dem Ignatz Award, dem Eisner Award und dem Rudolph-Dirks-Award ausgezeichnet.

Tillie Walden: Auf einem Sonnenstrahl

(übersetzt von Barbara König)

Reprodukt, 2021

544 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

On a Sunbeam

First Second/Roaring Book Press, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Auf einem Sonnenstrahl“

Reprodukt über Tillie Walden

Homepage von Tillie Walden

Wikipedia über „Auf einem Sonnenstrahl“ und Tillie Walden (deutsch, englisch)


Das „Filmjahr 2020/2021“ mit dem Lexikon des internationalen Films analysiert

April 16, 2021

2020 war für die Filmbranche eine Katastrophe. Mit 1,8 Millionen Zuschauer war „Bad Boys for Life“ der erfolgreichste Film des Jahres. „Tenet“ folgt mit 1,6 Millionen auf dem zweiten Platz. 2019 sah es anders aus. Auf dem ersten Platz stand „Die Eiskönigin II“ mit 6,4 Millionen Zuschauern. Auf den nächsten Plätzen stehen „Der König der Löwen“ (5,5 Millionen), „Avengers – Endgame“ (5,1 Millionen), „Das perfekte Geheimnis“ (5 Millionen) und „Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers“ (4,96 Millionen). Der Umsatz brach um über sechzig Prozent ein. Angesichts der wenigen Monate, in denen die Kinos ohne Beschränkungen auf waren (eigentlich nur bis Mitte März) und den teils großen Beschränkungen in den wenigen Öffnungsmonaten im Sommer und Frühherbst, hätte ich mit einem größeren Einbruch gerechnet. Für dieses Jahr sehe ich allerdings ziemlich schwarz. Vor dem Sommer dürfte es keine Öffnungen geben. Im Sommer wird in den Kinos vielleicht ein Notprogramm gefahren und es gibt Sommerkinos. Im Herbst dürfte es dann besser werden.

Für Filmfans war das letzte Jahr ähnlich schlecht. Die Zahl der im Lexikon besprochenen Fime hat sich zwischen den Filmjahren 2019 und 2020 kaum geändert. Es sind jeweils um die 1400 Filme. Besprochen werden Spielfilme, spielfilmlange TV-Filme (wozu auch der „Tatort“ gehört), TV-Serien und spielfilmlange Dokumentarfilme, die 2019 in Deutschland anliefen. Allerdings nur selten im Kino, wo ein Film seine maximale Wirkung entfalten kann. Meistens erlebten die Werke ihre Premiere auf DVD, im Fernsehen und auf verschiedenen Streaming-Plattformen, die dann nicht für alle zugänglich sind.

Diese Kurzbesprechungen sind natürlich immer noch das Herzstück des vom Filmdienst und der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegebenem „Lexikons des internationalen Films“.

Ab dem vorletzten Filmlexikon wurde der Berichtsteil des Filmjahrs massiv ausgebaut. Während es sich früher um einige Seiten handelt, umfasst der Berichtsteil jetzt über zweihundert Seiten des 544-seitigen Buches.

In ihm gibt es Interviews mit Moritz Bleibtreu, Julia von Heinz, Burhan Qurbani, Sam Mandes, Ken Loach und Ladj Ly, Porträts von Filmschaffenden wie Jean-Luc Godard, Ben Wheatley, Wim Wenders, Clint Eastwood und Ruben Östlund, längere Nachrufe auf, u. a. Sean Connery, Olivia de Havilland, Kirk Douglas und Michael Gwisdek, Analysen zur Filmbranche und bestimmter Themen und Motive, wie dem Verräter im Film und wie er sich zum geschätzten Whistleblower wandelte, dem New Black Cinema und dem Road Movie (Reden wir von Film als Flucht aus der tristen Realität.) und einem konzentriertem Rückblick auf wichtige Ereignisse des zurückliegenden Filmjahres.

Es gibt, ebenfalls wie in den letzten Jahren (Hey, warum soll eine gute Struktur geändert werden?), längere Besprechungen von fünfzehn bemerkenswerten Serien und den zwanzig besten Kinofilmen des Jahres 2020. Das sind, nach Meinung der filmdienst-Kritiker:innen:

Der schwarze Diamant

Bohnenstange

I’m thinking of ending things

Die Wütenden – Les Misérables

Undine

Berlin Alexanderplatz

Niemals selten manchmal immer

Little Women

Der See der wilden Gänse

Tenet

Kajillionaire

Ein verborgenes Leben

Zombi Child

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Über die Unendlichkeit

The King of Staten Island

What you gonna do when the world’s on fire?

Milla meets Moses

Ema

Auch wenn ich nicht alle Filme gesehen habe und mir einige Filme nicht so gefallen haben, ist das eine in jedem Fall überzeugende Liste sehenswerter Filme für die nächsten Abende im Heimkino.

Und das Lexikon selbst ist ebenso empfehlenswert. Als jährlich erscheinendes Lexikon bündelt es noch einmal die Ereignisse eines Jahres und zeigt Entwicklungen und Perspektiven auf, die sonst im Alltagsgewusel und einer unüberschaubaren Zahl verschieden schlecht sortierter Lesezeichen und Ordner untergehen.

Außerdem liefert das Blättern durch die gewohnt treffenden Kurzkritiken viele Anregungen für noch nicht gesehene Filme.

P. S.: Schönes Cover. Kristen Stewart als Jean Seberg. Könnte auch ein Plakat für meine Wohnzimmerwand sein.

Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2020/2021

Schüren, 2021

544 Seiten

28,00 Euro

Hinweise

Homepage der Zeitschrift „Filmdienst“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2013“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2014“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2016“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2017“

Meine Besprechung von „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2019/2020“


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