„Barfuss in Scherben“, angezogen auf der Couch Deutschpunk-Songcomics lesend

Oktober 5, 2026

Nachdem sich die vorherigen Songcomic-Bände einzelnen Bands, wie The Go-Betweens, Tocotronic, Fettes Brot, Stereo Total, Fehlfarben (mit ihrer bekanntesten LP „Monarchie und Alltag“), Ton Steine Scherben (mit der Doppel-LP „Keine Macht für Niemand“), widmeten, taucht der neueste Songcomic-Band, wie ein Sampler, in die frühe Geschichte des Deutschpunk ein. Die gute alte Zeit, „als die Welt noch unterging“ (Klappentext; und wem ich das erklären muss, der hat die Zeit zwischen Atomkrieg und Waldsterben nicht erlebt).

Die gewohnt abwechslungsreich gezeichnete Playlist besteht in „Barfuss in Scherben“ aus, in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Rahel Süßkind illustriert „Sense“ von Torpedo Moskau

Marlene Krause zeichnet „Deutschland“ (muss sterben, damit wir leben können) von Slime

Sascha Hommer malt „Meerschweinchen“ von Östro 430

Tine Fetz denkt an „Es brennt“ von Hans-A-Plast

Jens Cornils zeichnet „Bundeswehr“ von Brausepöter

18 Metzger ist mit „Müslibrei“ von Rotzkotz dabei

Antonia Kühn mit „Der große Mafiosi“ von The Wirtschaftswunder (ergänzt um 50 Wege umsonst ins SO 36)

Luka Lenzin taucht irgendwie in die Geschichte von Kleenex (eine der wenigen Frauenpunkbands und dann noch aus der idyllischen Schweiz) ein

Ziska Riemann zeichnet „Satan“ von Schleim-Keim

Helena Baumeister trifft „Lachleute und Nettmenschen von S.Y.P.H.

Gut, ein „Keine Macht für Niemand“ ist da nicht dabei, aber der Song wurde ja schon in dem „Ton Steine Scherben“-Band als Comic verewigt.

Dafür ist Slimes Gassenhauer „Deutschland“ dabei. Nach der unsäglichen, von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sinnfrei angestoßenen Debatte um den Deutschen Buchhandelspreis, ist der Song wieder aktuell und, uh, nachlesenswert. Eine Zeile aus dem Song, verewigt auf dem Haus, in dem eine der ausgezeichneten Buchhandlungen ist, soll (nichts genaues weiß man nicht und Weimer weiß, so sagt er, auch nicht mehr) der Grund für die von Weimer veranlasste Rücknahme der Verleihung an die Buchhandlung gewesen sein. Wenn das nicht der Grund war, war es ein guter Grund, sich den 1981 veröffentlichten Song wieder zu Gemüte zu führen und darüber nachzudenken, wie aktuell er immer noch ist.

Brausepöters ebenfalls 1981 veröffentlichten Gedanken über den Musterungsbefehl der „Bundeswehr“ sind für junge Männer heute wieder aktuell. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist und die Bundeswehr heute einige Kampfeinsätze absolviert hat. Jens Cornils schloss seine Arbeit an dem Comic an dem Tag ab, als im Bundestag das neue Wehrdienstgesetz beschlossen wurde.

Insgesamt fällt auf, wie erstaunlich zeitlos die in den Songs angesprochenen Themen, Konflikte und Gefühle sind. Und wie vielfältig die Songs in kurze Comics umgesetzt werden.

Wie auch in den anderen Songcomics-Büchern wird jeder Song, was für stilistische Vielfalt sorgt, von einem anderen Künstler illustriert und es gibt zu den Songs informative Intros von Bandmitgliedern und den Zeichnern der Comics.

Äh, ja, und natürlich ist auch „Barfuss in Scherben“ eine gute Grundlage für eine gute Playlist.

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Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Barfuss in Scherben- Ein Deutschpunk-Songcomic

Ventil Verlag, 2026

112 Seiten

25 Euro

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Hinweise

Ventil über den Deutschpunk-Songcomic

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmanns (Hrsg.) „Keine Macht für Niemand – Ein Ton Steine Scherben Songcomic“ (2022)

Meine Besprechung von Michael Büsselbergs (Hrsg.) „Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics“ (2020)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Thank you for a lovely day – 11 The Go-Betweens Songcomics“ (2023)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Monarchie und Alltag – Ein Fehlfarben-Songcomic“ (2022)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Ab dafür – 10 Trio-Songcomics“ (2024)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Schwule Mädchen Sondereinheit – 10 Fettes Brot Songcomics“ (2025)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Lena Stahls Juli-Zeh-Verfilmung „Corpus Delicti“

Oktober 1, 2026

„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.

Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.

Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.

Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.

Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.

Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)

Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.

Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.

Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.

Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.

Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.

Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.

Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.

Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.

Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.

Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.

Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.

Corpus Delicti (Deutschland 2026)

Regie: Lena Stahl

Drehbuch: Lena Stahl

LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009

mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Die Vorlage

(in der aktuellen Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

btb, 2025

272 Seiten

11 Euro

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Originalausgabe

Schöffling & Co., 2009

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Seitdem zahlreiche weitere Auflagen.

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Corpus Delicti“

Moviepilot über „Corpus Delicti“

Wikipedia über „Corpus Delicti“ (Buch: deutsch, englisch, Film)

Perlentaucher über den Roman „Corpus Delicti“

Homepage von Juli Zeh


Über Kevin Barrys „Das Herz im Winter“

September 30, 2026

Nach dem Sabbatjahr und den Vorbereitungen für das neue Programm ist Liebeskind jetzt zurück mit einem fulminantem Herbstprogramm. Dazu gehört Kevin Barrys Noir-Western „Das Herz im Winter“.

1891 treffen sich in dem Kaff Butte in Montana. Die Kupfermine sorgt für Arbeit. Die irischen Arbeiter für Umsatz in den Lokalen. Tom Rourke frequentiert diese Lasterhöhlen regelmäßig und ist überall verschuldet. Mit Liebesbriefen, die er für die Arbeiter schreibt, verdient er Geld.

Eines Tages taucht Polly Gillespie auf. Sie ist nach Butte gekommen, um den strenggläubigen fünfundvierzigjährigen Minenaufseher Anthony Harrington zu heiraten. Bis zur Hochzeit kannten sie sich nur aus Liebesbriefen, in denen sie ein geschöntes Bild von sich verbreiteten. Sie ist älter als die behaupteten 27 Jahre und schon lange keine Jungfrau mehr. Trotzdem ist die Prostituierte schockiert von dem Leben, das in Butte vor ihr liegt.

Einzig in Tom Rourke findet sie eine ähnlich gebildete Seele. Sie verbringen Zeit miteinander, verlieben sich und beschließen, gemeinsam die Stadt mit gestohlenen sechshundert Dollar auf einem gestohlenem Pferd Richtung San Franciso zu verlassen.

Während sie noch planlos durch die Wildnis irren, nimmt ein von Harrington für fünftausend Dollar angestiftetes Kopfgeldjägertrio die Verfolgung durch das verschneite Montana auf.

Für einen traditionellen Western, in dem die Geschichte zwischen Verfolgern und Verfolgten pendelt und alles auf die finale Begegnung hinausläuft, interessiert Kevin Barry sich in seinem schnörkellos und knapp erzähltem Western nicht. Er fragt sich eher, wie sehr er diesen bekannten Plot aushöhlen kann. Er lässt seine denkbar unsympathischen Figuren durch eine menschenleere Landschaft irren. Tom und Polly wissen nicht, dass sie verfolgt werden. Sie könnten es ahnen. Aber es kümmert sie nicht. Recht und Gesetz sind ihnen auf ihrem Weg Richtung Westen ebenfalls denkbar egal. Die Kopfgeldjäger sind brutale Gesellen, die für Geld alles tun würden.

Kevin Barry wurde 1969 in Limerick geboren. Der Ire veröffentlichte bislang vier Romane und drei Erzählbände. Für seine Werke erhielt er den International Dublin Literary Award und den Goldsmith Prize und war für den Booker Prize nominiert.

„Das Herz im Winter“ erhielt den HWA Gold Crown Award, war für den Libby Award for Best Historical Fiction nominiert und stand auf der Shortlist für den Walter Scott Prize for Best Historical Novel.

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Kevin Barry: Das Herz im Winter

(übersetzt von Thomas Überhoff)

Liebeskind, 2026

216 Seiten

22 Euro

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Originalausgabe

The Heart in Winter

Canongate Books, Edinburgh 2024

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Lesetour

Montag, 26. Oktober: Staatstheater Mainz

Dienstag, 27. Oktober: Literaturhaus Hamburg

Mittwoch, 28. Oktober: Literaturhaus Köln

Donnerstag, 29. Oktober: Buchhandlung Lehmkuhl, München

Freitag, 30. Oktober: an einem schönen Ort in Berlin

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Hinweise

Perlentaucher über das Buch

Liebeskind über Kevin Barry

Wikipedia über Kevin Barry (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Emil und die Detektive“ in Berlin

September 24, 2026

Die Geschichte kennen wir. In der aktuellen Version geht sie so: Im Zug nach Berlin betäubt Max Grundeis den jungen, allein reisenden Emil Tischbein und klaut ihm die über 1000 Euro, die er dabei hat. Emil hat das Geld von seiner Mutter, einer, wie im Roman, alleinerziehenden, selbstständigen Friseuse, bekommen. Er soll es in der Hauptstadt seiner zunehmend hilfsbedürftigen Großmutter geben.

In Berlin angekommen verfolgt Emil den Dieb. Aber wie soll er ihn allein durch die große Stadt verfolgen und überführen können? Weil Emil sich vor einigen Tagen in seinem Heimatdorf an einem Streich, der schiefging, beteiligte, hat er Angst vor der Polizei.

Aber schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin im Hauptbahnhof trifft er auf einige andere Kinder, die ihm spontan helfen. Beispielsweise gegen Fahrkartenkontrolleure.

Erich Kästners 1929 erschienener „Roman für Kinder“ war vor fast hundert Jahren ein sofortiger Bestseller. Heute ist der zeitlose Roman immer noch beliebt und, wie eine wiederholte Lektüre zum Filmstart zeigte, immer noch spannend und gut zu lesen. Außerdem kenne ich jetzt die Orte, die Emil in dem Roman besucht. Seit seinem Erscheinen wurde das Kinderbuch mehrfach verfilmt. Legendär und heute wohl ziemlich unbekannt sind die ersten beiden deutschen Verfilmungen. 1931 verfilmte Gerhard Lamprecht nach einem Drehbuch von Billy Wilder das Buch. Fritz Rasp spielte damals den Dieb. 1954 verfilmte Robert A. Stemmle nach seinem Drehbuch die Geschichte.

Jetzt verfilmte David Dietl nach einem Drehbuch von Antonia Scheurlen Emils Abenteuer. Beherzt verlegten sie die Geschichte in die Gegenwart. Und das funktioniert bemerkenswert gut. Der Grundplot – die Jagd von Emil und seinen neu gewonnenen Freunden nach dem Dieb quer durch Berlin – ist unkaputtbar. Die Neuerungen – einige andere Handlungsorte in der Berliner Innenstadt, einige neue Kinder, die benutzte Technik bei der Verbrecherjagd und, gegen Filmende, Grundeis‘ geplanter großer Betrug gegenüber naiven Kleinanlegern – sind gelungen. 2026 sind die Detektive weiblicher und diverser als 1929. Da waren sie ein fast reiner Jungenclub. Das Berlin-Porträt, das, zugegeben an die poppigen BVG-Werbekampagnen erinnert, gefällt. Da wird ganz Berlin zu einem Dorf, durch das Emil und seine neuen Freunde sich lässig bewegen, überall jemand kennen oder schnell kennen lernen und sich gegenseitig helfen. Es geht nichts über die Solidarität der Kinder, die in ihrem Abenteuerspielplatz einen Verbrecher jagen.

„Emil und die Detektive“ ist ein schöner Kinderkrimi für Kinder bis 12. Das gilt für Kästners Roman und Dietls Verfilmung.

Und bei einigen Kindern könnte die Begegnung mit Emil zu einer lebenslangen Leidenschaft für Kriminalgeschichten werden.

Emil und die Detektive (Deutschland 2026)

Regie: David Dietl

Drehbuch: Antonia Scheurlen

LV: Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1929

mit Nicholas Jonah Peter, Merlin Sandmeyer, Luise Heyer, Lara Toni Lüdders, Kilian Kasa, Bela Louis Plass, Ai Vy Bui, Camille Moltzen, Ursula Werner

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Die Vorlage

(in der schicken Filmausgabe mit 32 Bildern aus dem Film auf 16 Seiten und, selbstverständlich, den Zeichnungen von Walter Trier)

Erich Kästner: Emil und die Detektive

Atrium Verlag, 2026

176 Seiten

12 Euro

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Erstausgabe

Williams & Co, Berlin-Grunewald, 1929

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Emil und die Detektive“

Moviepilot über „Emil und die Detektive“

Wikipedia über „Emil und die Detektive“ (Buch: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Dietls „GG 19″ (Deutschland 2007) (Omnibusfilm; von Dietl ist nur ein Kurzfilm)

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021) (überzeugend mit Tom Schilling als Fabian)

Meine Besprechung von Carolina Hellsgårds Erich-Kästner-Verfilmung „Das fliegende Klassenzimmer“ (Deutschland 2023)


CWA International Dagger 2025: Akira Otani: Die Yakuza-Prinzessin

September 23, 2026

Yoriko Shindo ist ein Schrank. Mühelos verprügelt die zweiundzwanzigjährige Straßenkämpferin in Tokyo ganze Heerscharen von Männern. Für den Yakuza-Boss reicht das Empfehlung. Yoriko soll – letztendlich erpresst er sie zu dieser Bodyguard-Arbeit – auf seine achtzehnjährige extrem behütete Tochter Shoko Naiki aufpassen, sie zur Schule und zurück fahren und jeden verprügeln, der sich ihr nähert.

Das erinnert auf den ersten Seiten etwas an A. J. Quinnells „Man on Fire“ (unter anderem von Tony Scott mit Denzel Washington und Dakota Fanning verfilmt), begibt sich aber schnell auf andere Wege, über die hier nichts verraten werden soll.

In knappen Sätzen treibt Otani die Geschichte auf zwei Zeitebenen voran. Der kleinere Teil spielt in der Gegenwart, der größere spielt 1979. Er erzählt, wie Yoriko und Shoko sich nach einem schweren Start näher kommen. Denn beide Frauen kommen aus vollkommen verschiedenen Welten.

Weil Otani in dem 1979 spielendem Teil nichts erwähnt, was die Geschichte sofort, erkennbar und einfach in einem Jahr verortet (wie erfolgreiche Filme, Hits oder Trends), erfolgt die Verortung in der Vergangenheit nur wegen dem in der Gegenwart spielendem, sich über mehrere Kapitel hinziehenden Epilog.

Akira Otani wurde 1981 in Tokyo geboren. Sie begann als Autorin für Videospiele. Ihr literarisches Debüt war die Kurzgeschichtensammlung „Nobody said we’re perfect“. Sie veröffentliche weitere Kurzgeschichten- und Essaysammlungen und einen Manga. „Die Yakuza-Prinzessin“ ist ihr erster Roman. Und sie ist, was für ihr Werk wichtig ist, lesbisch.

Ihr Roman „Die Yakuza-Prinzessin“ erhielt 2025 den CWA Dagger for Crime Fiction in Translation und beim CrimeFest den Specsavers Debut Crime Novel Award. Außerdem war der Roman Finalist für den Lambda Literary Award for LGBTQ+ Mystery (finalist).

Eine klare Leseempfehlung für einen langen Abend oder einen entspannten Sonntagnachmittag.

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Akira Otani: Die Yakuza-Prinzessin

(übersetzt von Katja Busson)

Suhrkamp, 2026

176 Seiten

17 Euro

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Originalausgabe

Baba Yaga no yoru

Kawade Shobo sinsha Ltd. Publishers, Tokio, 2020

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Englischer Titel

The Night of Baba Yaga

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Hinweise

Suhrkamp über Akira Otani

Wikipedia über Akira Otani


Verfilmte Bücher: Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

September 16, 2026

Die Verfilmung startet am 15. Oktober – und auch ich kenne bislang nur die für Gespräche sorgenden und neugierig machenden Trailer. Die Bilder versprechen, dass der Film sich an die Vorlage hält.

In dem Roman wird Jay Gardiner bei einem herausforderndem, aber eigentlich ungefährlichem Tauchgang, wenige Meter vor der kalifornischen Küste, von einem Pottwal verschluckt. Der Siebzehnjährige hat Sauerstoff für eine Stunde. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen.

Der Grund für den Tauchgang im Pazifik in der Nähe von Monterey ist, dass er Mitt Gardiners Leiche, oder was nach einem Jahr von ihr übrig ist, finden will. Sein Vater Mitt war unheilbar an Krebs erkrankt und verübte Suizid. Er war zeitlebens ein begeisterter Taucher, eine Legende in dem Ort, ein Hallodri mit starken Überzeugungen, atemberaubend vielen Jobwechseln und ein strenger Lehrer, der eine traditionelle Form des Tauchens verfocht. Alles, was auch nur im Ansatz nach moderner Technik aussah, lehnte er vehement ab.

Jay will mit dem Tauchgang beweisen, dass er ein Mann ist und so den Respekt der örtlichen Tauchergemeinschaft erlangen.

Im Bauch des Wals erinnert Jay sich an die Ratschläge, Lebensweisheiten und Lehrstunden, die er als Kind von seinem Vater erhielt. Ob sie ihm helfen, aus dem Bauch des Wals zu entkommen?

Daniel Kraus erzählt die einfache Überlebensgeschichte konstant zwischen der Gegenwart im Bauch des Wals und Jays Erinnerungen an sein bisheriges Leben wechselnd in extrem kurzen Kapiteln. Ein vierseitiges Kapitel erscheint als lang. Die kurzen Kapiteln, in denen immer etwas passiert, treiben die Geschichte voran.

„Whalefall – Im Wal gefangen“ ist ein spannender Thriller, die psychologisch stimmige Geschichte einer komplexen und unguten Sohn-Vater-Beziehung und eine kleine Lehrstunde in Wal- und Tauchkunde. Denn, so Kraus in seiner Danksagung, er bemühte sich um größtmögliche Faktentreue. Einiges ist noch nicht erforscht, aber insgesamt ist die Geschichte möglich.

Bei uns dürfte Daniel Kraus vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro bei „The Shape of Water“ und „Trollhunters“ und mit George A. Romero bei „The Living Dead“ bekannt sein.

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

(übersetzt von Claudia Rapp)

Festa, 2024

416 Seiten

24,99 Euro (gebundene Ausgabe)

16,99 Euro (Taschenbuch)

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Originalausgabe

Whalefall

MTV Books, 2023

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Die Verfilmung

Whalefall (Whalefall, USA 2025)

Regie: Brian Duffield

Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus

LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)

mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd

Kinostart: 15. Oktober 2026

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Hinweise

Festa über den Roman

Homepage von Daniel Kraus

Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ridley Scotts Peter-Heller-Verfilmung „Das Ende der Sterne“

August 29, 2026

Neun Jahre nachdem eine Grippe ungefähr die gesamte Menschheit dahinraffte – Das müsst ihr als Prämisse einfach so akzeptieren. Außerdem handelt es sich um eine Science-Fiction-Geschichte. – leben Hig (Jacob Elordi), sein Hund Jasper und der militärische geschulte Überlebensexperte Bruce Bangley (Josh Brolin) in der Nähe von Denver auf einem Provinzflugplatz. Hig fliegt mit seiner Cessna die Gegend ab. Er sucht nach Auffälligkeiten. Das sind vor allem andere Menschen, die sie bedrohen könnten. In regelmäßigen Abständen fliegt er in die Stadt und holt Vorräte. Ab und an besucht er eine Mennoniten-Gemeinde, die ebenfalls die Seuche überlebte. Bangley erschießt alle Menschen, die in Schußweite ihres Flughafens kommen. Es ist ein eintöniges Leben.

Das ändert sich, als Hig sich entschließt, einem von dem Flughafen Grand Junction kommendem Funkspruch zu folgen. Mit dem Benzin, das er in seiner Cessna mitnehmen kann, kann er Grand Junction gerade so erreichen.

Outdoor-Fanatiker Peter Heller hat sich diese Geschichte ausgedacht, die Ridley Scott jetzt sehr kontemplativ verfilmte. Obwohl es in dem zweistündigem Film viel Action gibt – mehrere Angriffe und große Kämpfe in Gebäuden und, meistens, der freien Natur, eine Notlandung (im Film, nicht im Buch) -, beherrscht ein Gefühl der Ruhe, Friedfertigkeit und auch Empathie den Science-Fiction-Film. In den ersten Minuten, wenn Scott zeigt, wie Hig und Bangley in ihrer Männer-WG auf einem verlassenem Provinzflughafen zusammen leben und wie Hig die Beobachtungs- und Besorgungsflüge absolviert, etabliert Scott die Stimmung. Auch später sind ihm die ruhigen Momente, wenn Hig über die Wälder fliegt oder, nach einer Notlandung, eine Startbahn präpariert, wichtiger als die Action.

Damit setzt Scott einen Gegenpunkt zu den üblichen Dystopien, in denen in einer unwirtlichen Welt alle Errungenschaften der Zivilisation zugunsten des für Action guten, für die Realität und die Bildung einer Gemeinschaft untauglichen Faustrecht des jeder gegen jeden regiert. Es ist aber auch eine Welt die im Film und im Buch erstaunlich blass bleibt. Es gibt keine Erklärung für die Seuche, das Sterben der Menschheit und die immer noch vorhandenen Lebensmittel. Wobei, zugegeben, das das geringste Problem der Geschichte ist. Wenn plötzlich alle Menschen tot sind, halten die Vorräte an Sprite und Cola ewig.

Während der aus Higs Perspektive erzählte Roman es größtenteils bei ruhigen Naturbetrachtungen und einer kleinen Gruppe sich zusammenfindender Menschen in einer menschenleeren Landschaft belässt, bevorzugt der Film vor allem nach Higs Aufbruch mit einer Notlandung, Angriffen größerer durch die Landschaft marodierender Gruppen und der Grand-Junction-Episode immer wieder das Spektakel. Vor allem die Grand-Junction-Episode ist im Film viel größer als im Roman. Sie ist gleichzeitig satirisch überspitzt, erinnerungswürdig (auch dank Allison Janney als Herrscherin von Grand Junction) und in jeder Beziehung vollkommen sinnfrei. Sie kümmert sich in keinster Weise um die vorher etablierte Welt.

Hier wie auch in fast allen Episoden, in denen Menschen, also Hig, Bangley, Pops (Guy Pearce) und seine Tochter Cima (Margaret Qualley), auf andere Menschen treffen, regiert das Faustrecht und es wird munter, wie wir es auch aus anderen Endzeit-Dystopien zwischen „Mad Max“ und „The Walking Dead“ oder, für die literarisch versierten, „The Road“ kennen, gemordet, während die Protagonisten durch eine menschenleere Landschaft stolpern.

So stecken der Roman (weniger, weil es weniger Tote gibt) und der Film (mehr, weil es mehr Tote gibt) in einem seltsamen Zwiespalt zwischen behaupteter Botschaft, friedlicher Stimmung und dem Gezeigten. Durchgängig zeigt Scott Szenen, in denen umstandlos gemordet wird. Die ruhigen Momente zeigen dann kleine und kleinste Gruppen von Menschen, die isoliert voneinander leben, die nicht auf andere Menschen treffen wollen und die letztendlich nur auf ihren Tod warten. Denn ohne Kinder würde auch der Rest der Menschheit innerhalb weniger Jahre sterben. Die friedliche und überaus hilfsbedürftige Mennoniten-Gemeinde, die Hig besucht, bleibt Staffage. Mehr als die behauptete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens ist sie nicht.

Entsprechend unvermittelt und mit dem visuellen Zaunpfahl wird am Ende von „Das Ende der Sterne“ die Botschaft in den Kinosaal gehämmert. Die einzige Figur, die in dem Moment eine aus dem Nichts kommende Wandlung erfährt, ist Bangley.

„Das Ende der Sterne“ ist ein spannungsfreies Stimmungsstück mit Naturaufnahmen und, je nach Zählung, drei bis fünf eindimensional sympathischen Menschen, die all die Abenteuer erleben, die wir auch aus anderen Dystopien kennen und die dieses Mal von einer positiven Botschaft, nämlich dass Menschen Menschen brauchen und ein Zusammenleben möglich und wünschenswert ist, ummäntelt werden.

Das gilt gleichermaßen für den Roman und den Film. Drehbuchautor Mark L. Smith veränderte einiges an Hellers Geschichte, aber letztendlich blieb er dem Roman treu. Scott liefert dazu den Film mit schönen Menschen in schöner Landschaft mit schöner Musik. Das hat durchaus seinen Charme, ist aber auch etwas langweilig und durchgehend vorhersehbar.

Das Ende der Sterne (The Dog Stars, USA 2026)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Mark L. Smith

LV: Peter Heller: The Dog Stars, 2012 (Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte; Das Ende der Sterne)

mit Jacob Elordi, Josh Brolin, Margaret Qualley, Guy Pierce, Benedict Wong, Allison Janney

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Die Vorlage

Peter Heller: Das Ende der Sterne

(übersetzt von Eva Bonné)

Heyne, 2026

384 Seiten

14 Euro

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Originalausgabe

The Dog Stars

Knopf, 2012

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Deutsche Erstausgabe

Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte

Eichborn, 2013

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Hinweise

Moviepilot über „Das Ende der Sterne“

Metacritic über „Das Ende der Sterne“

Rotten Tomatoes über „Das Ende der Sterne“

Wikipedia über „Das Ende der Sterne“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Homepage von Peter Heller

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Napoleon“ (Napoleon, USA 2023)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Gladiator II“ (Gladiator II, USA 2024)

 


„Straßenköter“ Jürgen Heimbach erzählt von einem Bankräuber und der RAF

August 19, 2026

Der Banküberfall und die Flucht vor der Polizei gelingen ziemlich nach Plan. Die Beute ist auch größer als erwartet. Aber danach geht alles schief. Irgendwie hat die Polizei fast sofort erfahren, wer für den Überfall verantwortlich ist. Wenige Stunden nach dem Überfall sind ihre Gesichter in allen Hamburger Zeitungen abgedruckt. Und vor Marlons Tür stehen zwielichtige Typen. Er machte bei dem Überfall als Fluchtwagenfahrer nur mit, um seine Schulden abzubezahlen. Jetzt weiß er, dass etwas furchtbar schief ging und er hereingelegt werden soll.

Der unpolitische, hoch verschuldete 25-jährige Marlon-Brandon-Fan, – genaugenommen Fan des von Brando in „Der Wilde“ (The Wild One, USA 1953) gespielten Johnny Strabler, Chef des Black Rebel Motorcycle Club -, muss untertauchen. Auf seiner Irrfahrt durch Deutschland trifft er Revolutionäre, Sympathisanten und Terroristen. Denn Jürgen Heimbachs neuer Kriminalroman „Straßenköter“ spielt 1975 zur Hochzeit des RAF- und Linksterrorismus in der Bundesrepublik.

Auf wenigen Seiten entwirft Heimbach ein dichtes Porträt des damaligen Deutschland, während Marlon durch die Geschichte stolpert. Alle paar Seiten präsentiert er eine neue Überraschung für den von der Polizei schnell als hochgefährlichen Linksterroristen verfolgten Taugenichts. Denn Marlon befand sich, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht ganz freiwillig, im Wendland in einem Haus, in dem Terroristen die Befreiung ihrer in Stammheim inhaftierten Genossen planten.

„Straßenköter“ ist eine sich eher an ein jugendliches Publikum richtende Abenteuergeschichte mit viel stimmigem Zeit- und Lokalkolorit. Wenn Heimbach die Wahl zwischen neuem Ärger für Marlon und einer Geschichtsstunde hat, entscheidet er sich zuverlässig für das Erste. Das macht den spannenden, äußerst wendungsreichen und erstaunlich kurzen Thriller zur perfekten Sommerlektüre.

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Jürgen Heimbach: Straßenköter

Ars Vivendi, 2026

272 Seiten

18 Euro

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Hinweise

Homepage von Jürgen Heimbach

Wikipedia über Jürgen Heimbach

Meine Besprechung von Jürgen Heimbachs „Die Rote Hand“ (2019)

Meine Besprechung von Jürgen Heimbachs „Waldeck“ (2024)


Joe Hill, „King Sorrow“ – und eine Lesereise im Oktober durch Deutschland

August 12, 2026

In einigen Wochen besucht Joe Hill Deutschland. Im Gepäck hat er seinen neuen Horrorroman. „King Sorrow“, in Deutschland in zwei Bänden erschienen, ist Hills bislang umfangreichstes Werk handelt. Dabei sind auch seine vorherigen vier Romane ziemliche Wälzer. Kürzer sind seine Comics und Kurzgeschichten. „King Sorrow“ kann auch als eine zwischen 1989 und 2022 spielende Zusammenstellung von Kurzgeschichten gelesen werden.

In einer Nacht beschwören die Freunde Arthur Oakes, Donna McBride, Donovan ‚Van‘ McBride, Gwen Underfoot, Colin Wren und Allison ‚Allie‘ Shiner, eher als Spaß, den titelgebenden King Sorrow herauf. Fortan verlangt er von den Jugendlichen jedes Jahr zu Ostern ein Menschenopfer, das jedes Jahr von einem anderen aus dem Freundeskreis benannt wird. Wen King Sorrow umbringt, ist ihm egal.

Über die nächsten Jahrzehnte wählen die Freunde immer wieder böse Menschen und Organisationen aus. Die Zahl der Opfer ist King Sorrow nämlich auch egal. Dabei fragen sie sich, ob sie auch die richtigen Menschen ausgewählt haben. Also: verhindern sie Leid und machen die Welt zu einem besseren Ort oder verschlimmern sie die Lage? Oder ist es letztendlich egal, wen sie auswählen? Geschützt sind sie durch ein unsichtbares Zeichen auf ihrer Brust. Wenn sie es berühren, kommt King Sorrow und tötet die Menschen, die sie bedrohen.

Schnell empfinden sie King Sorrow als eine Belastung. Jedes Jahr müssen sie, wenn sie nicht selbst sterben wollen, einen Mordauftrag geben. Dabei wollen sie keine Menschen umbringen. Jahre nach King Sorrows erstem Auftritt lehrt Arthur als Professor in Oxford. Dort könnte er einen Weg gefunden haben, wie sie sich von King Sorrow und dem auf ihnen lastendem Fluch befreien können.

Jede Zusammenfassung, Synopse und Klappentext liest sich interessanter als der Roman. Denn Joe Hill wählt einen weitgehend spannungstötenden Weg, die gut 1200-seitige Geschichte zu erzählen. Er unterteilt sie in fünf „Bücher“, vier deutlich kürzere „Zwischenspiele“ und einen Epilog. Es sind weitgehend eigenständige Kurzgeschichten mit wechselnden Protagonisten, in denen ein sich über viele Seiten erstreckendes Abenteuer erzählt wird. Dieses besteht einmal aus einer gefährlichen Situation in einem voll besetztem Passagierflugzeug. King Sorrow will während des Fluges neben seiner Zielperson alle Passagiere und die Besatzung töten. Weil Allie das verhindern will, steigt sie ebenfalls in das Flugzeug ein. Denn dann kann der Dämon sein Werk nicht vollenden. Oder? In einem anderen „Buch“ wurden die Geschwister Donna und Van in ein irgendwie von der US-Regierung geführtes, privates Geheimgefängnis entführt. Ihre Entführer wollen mehr über den Dämon herausfinden. Letztendlich wollen sie den Dämon für sich benutzen. Donna und Van wollen das nicht. Aber wie können sie sich aus ihrer Lage befreien? Denn ihre Hände sind so gefesselt, dass sie nicht ihre Brust berühren können. Sie können King Sorrow nicht zur Hilfe rufen. In einem anderen „Buch“ begibt Arthur sich in der englischen Provinz mit Colin, der inzwischen ein Vermögen angehäuft hat, als Begleiter in eine Höhle. Ein Troll führt sie durch das Labyrinth zu einem mythischen Gegenstand, mit dem sie King Sorrow besiegen können. Jedenfalls glaubt Arthur das. Aber vielleicht irrt er sich – und natürlich müssen die beiden Freunde mit dem Gegenstand die Höhle verlassen. In diesen in sich abgeschlossenen Geschichten informiert Joe Hill nebenbei über Ereignisse, die zwischen den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschehen. Oft berichtet er auch einfach von Ereignissen; also anstatt den Leser miterleben zu lassen, was geschah, werden wir in einem Absatz über durchaus wichtige Ereignisse und Entscheidungen informiert, die unsere blass bleibenden Dämonenbeschwörer betreffen. Beispielsweise wie sie ihre Opfer auswählten oder was zwischen den einzelnen, sich normalerweise innerhalb kurzer Zeit abspielenden Ereignissen in den „Büchern“ und „Zwischenspielen“ geschah. Hill erzählt, mit Anspielungen auf historische Ereignisse, wie sich das Leben der Jugendfreunde über dreißig Jahre entwickelt. Einige erleben dabei das Ende des Buches nicht.

Als Leser bleibt man dran, weil man weniger das Gefühl hat, einen 1200-seitigen Roman zu lesen, sondern mehr das Gefühl hat, mehrere Kurzgeschichten zu lesen. Die Geschichten bedienen verschiedene Genres. Das sorgt für Abwechslung. Die Kapitel sind kurz. Und schon stellt sich ein Pageturner-Effekt ein.

Am Ende ist man trotzdem nicht zufrieden, sondern verärgert darüber, wie wenig Joe Hill aus der Idee machte.

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Joe Hill: King Sorrow I

(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)

Heyne, 2026

592 Seiten

24 Euro

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Joe Hill: King Sorrow II

(übersetzt von Stefanie Adam und Kristof Kurz)

Heyne, 2026

640 Seiten

24 Euro

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Originalausgabe

King Sorrow

William Morrow, 2025

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Joe Hill liest am

Freitag, den 23. Oktober, in München

Samstag, den 24. Oktober, in Berlin

Sonntag, den 25. Oktober, in Gelsenkirchen (Mord am Hellweg)

Montag, den 26. Oktober, in Köln

Weitere Informationen

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Hinweise

Perlentaucher über Joe Hills „King Sorrow“

Bookmarks über Joe Hills „King Sorrow“

Homepage von Joe Hill

Heyne über Joe Hill

Deutschsprachige Joe-Hill-Fanseite

Wikipedia über Joe Hill (deutsch, englisch)

Joe Hill in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Scott Derricksons Joe-Hill-Verfilmung „The Black Phone“ (The Black Phone, USA 2022)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung von Joe Hill/Gabriel Rodriguez‘ „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“ (Tales from the Darkside # 1 – 4, 2016)

DC über Hill House Comics

Meine Besprechung von Joe Hill/Leomacs/Dave Stewarts „Ein Korb voller Köpfe“ (Basketful of Heads # 1 – 7, 2019/2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von M. R. Carey/Peter Gross‘ „Das Puppenhaus“ (The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von Carmen Maria Machado/Danis „Im tiefen, tiefen Wald“ (The low, low Woods # 1 – 6, 2020) (DC Black Label/Hill House Comics)

Meine Besprechung von Joe Hill/Dan McDaids „See Dogs – Blutige Wellen“ (ursprünglich publiziert in Basketfull of Heads # 1 -7, 2019/2020, The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020, The low, low Woods # 1 – 6, 2020, Daphne Byrne # 1 – 6, 2020, Plunge # 1- 5, 2020)

Meine Besprechung von Laura Marks/Kelley Jones/Michelle Madsens „Daphne Byrne – Besessen“ (Daphne Byrne # 1 – 6, März 2020 – September 2020)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stuart Immonen/Dave Stewarts „Schiff der lebenden Toten“ (Plunge # 1 – 6, April – Oktober 2020)

Meine Besprechung von Rio Youers/Tom Fowlers „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ (Refrigerator Full of Heads # 1 – 6, Oktober 2021 – Juni 2022)


TV-Tipp für den 23. Juli: Passagier 23 – Verschollen auf hoher See

Juli 22, 2026

Das ist ein Repost 

RTL, 20.15

Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See (Deutschland 2018)

Regie: Alexander Dierbach

Drehbuch: Miriam Rechel

LV: Sebastian Fitzek: Passagier 23, 2014

Wenn jemand auf einer Kreuzfahrt spurlos verschwindet, ist es meistens Suizid oder Suff. Aber was ist, wenn eine solche verschwundene Person wieder auftaucht? Mit diesem Problem müssen sich auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“ einige Menschen beschäftigen. Denn die vor acht Wochen verschwundene und für tot erklärte elfjährige Anouk Lamar ist schwer traumatisiert wieder aufgetaucht. Von ihrer Mutter fehlt immer noch jede Spur. Bei sich hatte Anouk den Teddybär des fast gleichaltrigen Timmy Schwartz. Timmy und seine Mutter gingen vor fünf Jahren auf der „Sultan of the Seas“ über Bord.

Jetzt kehrt der Berliner Polizeipsychologe Martin Schwartz auf das Kreuzfahrtschiff zurück. Er will das Rätsel um den Tod seiner Frau und seines Sohns und das rätselhafte Auftauchen von Anouk lösen. Auf dem Schiff trifft er Daniel Bonhoeffer, der damals und heute der Kapitän des Schiffes ist.

(Zwischenbemerkung: diese Inhaltsangabe folgt dem Roman. Für den Film wurde der Schiffsname und die Dauer von Anouks Verschwinden geändert.)

„Unterm Strich sind die 120 Minuten zwar spannend, aber „Passagier 23“ hätte ein noch besserer Film werden können.“ (tittelbach.tv)

mit Lucas Gregorowicz, Oliver Mommsen, Judy Winter, Kim Riedle, Mercedes Müller, André Röhner, Picco von Groote, Martin Lindow

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Die Vorlage

Was für ein Filmjahr für Sebastian Fitzek. Nachdem zunächst alle Produzenten abwinkten, gab es dieses Jahr mit den TV-Filmen „Das Joshua-Profil“, „Amokspiel“ (noch nicht gesehen), „Passagier 23“ (dito) und dem Kinofilm „Abgeschnitten“ wahre Fitzek-Festspiele mit zwiespältigem Ergebnis. Immerhin gelang es Christian Alvart in „Abgeschnitten“ aus dem Serienkiller-Pageturner einen Serienkiller-Thriller zu machen, der mir sogar besser als der Roman gefiel.

Auch die Verfilmung von „Passagier 23“ dürfte schwierig sein. Denn der Pageturner ist ein typischer Fitzek-Roman. Es beginnt mit einem Rätsel (Warum kehrte die vor acht Wochen über Bord gegangene Anouk zurück? Wo war sie die ganze Zeit?) und schnell wird aus dem Ermittlerkrimi ein Thriller, in dem ständig etwas passiert. Die Figuren bleiben dabei immer spärlich charakterisierte Erfüllungsgehilfen der sich rasend schnell entwickelnden Ereignisse. In einem Roman funktioniert das. Für einen Film muss die Romangeschichte verändert werden. Charaktere müssen eingeführt werden. Beziehungen müssen etabliert werden und auch die falschen Fährten müssen anders ausgelegt oder vollkommen aus der Filmgeschichte gestrichen werden. Die Aufgabe des Drehbuchautors ist es, die Essenz des Romans und warum der Roman gelesen wurde, in ein anderes Medium zu übertragen. Dafür kann und muss die Vorlage verändert werden.

„Passagier 23“ ist ein ziemlich abstruser Thriller, der bis zur überraschenden Auflösung das Prinzip des Cliffhangers perfektioniert hat. Ehe man lange darüber nachdenken kann, ob das alles besonders wahrscheinlich ist, hat man das Buch zu Ende gelesen. Gleich danach streicht man die Idee mit der Kreuzfahrt von der nächsten Urlaubswunschliste. Gibt ja noch andere Orte, an denen es schön ist. Vielleicht ist da einer dabei, an dem keine Verbrechen geschehen.

Sebastian Fitzek: Passagier 23

Knaur, 2015

432 Seiten

12,99 Euro

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Originalausgabe

Droemer, 2014

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Hinweise

Wikipedia über Sebastian Fitzek und „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ (2014) und Alexander Dierbachs Verfilmung „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“ (2021)

 


„Die nackte Haut“ des Robert Brack ist Jazz und St. Pauli

Juli 21, 2026

Hamburg, 1951, sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur: In den USA hätte Martha Kiesler als Jazzpianistin Karriere machen können. Aber sie fremdelt mit der dortigen Kultur. Sechs Jahre nach dem Ende des Krieges kehrt sie in ihre alte Heimat zurück.

Ihr erstes Engagement ist in einer Seitenstraße der Reeperbahn als Bar-Pianistin im Hotel König-Royal. Das anspruchslose Hintergrundgeklimper geht ihr auf die Nerven. Sie will den damals in Deutschland noch verpönten und in seinen aktuellen Strömungen unbekannten Jazz spielen.

Eher schon gefällt ihr das Engagement in der neu eröffneten, von ihrem alten Freund Jack betriebenen Jazzkneipe „Bohemia Bar“. Sie stellt eine Band zusammen, hat Probleme mit ihrem immer unzuverlässigem, aber fantastischem Bassisten, einem fahnenflüchtigem US-Soldaten mit Drogenproblemen, und freut sich über die euphorischen Reaktionen des Publikums und den über sie erscheinenden Berichten. Sie könnte mit ihrer Musik Geld verdienen.

Währenddessen werden Anschläge gegen die „Bohemia Bar“ verübt.

Wer Robert Bracks neuen Roman „Die nackte Haut“ primär als Kriminalroman liest, dürfte enttäuscht sein. Der Krimianteil ist verschwindend gering und wirkt wie eine lästige Pflichtübung, weil Robert Brack ein Krimi-Autor ist, Krimi-Autoren Kriminalromane schreiben und weil jemand auf das ansprechende Retro-Cover das Wort „Kriminalroman“ schrieb.

Sein neuer Roman überzeugt als Jazzroman und als Sittengemälde von St. Pauli bevor Frank Göhre in einer Reihe grandioser Kriminalromane die Ereignisse auf dem Kiez ab den achtziger Jahren chronologisierte. Heute scheint der Kiez ein sehr ruhiger, um nicht zu sagen langweiliger Ort zu sein; – jedenfalls habe ich schon lange keinen auf St. Pauli spielenden Roman gelesen und auch in den Zeitungen wurde nichts über aufsehenerregende aktuelle kriminelle und halblegale Umtriebe geschrieben. Schon 2015 bemerkte Bernd Begemann in einem Song „St. Pauli hat uns ausgespuckt“, dass Paare in Versace-Sportkleidung und Junggesellinenabschiede den Kiez übernommen haben und die alten Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben.

1951 war eine solche Gentrifizierung noch nicht einmal Zukunftsmusik. Schon damals hatte St. Pauli, wie Brack erzählt, ein ausgeprägtes Nachtleben mit dem damit zusammenhängenden Verbrechen, wie Prostitution, Schutzgelderpressung und Drogenkonsum. Im Mittelpunkt der Geschichte steht allerdings Martha Kiesler. Brack erzählt kundig, wie sie versucht, als Jazzpianistin zu überleben. Sie will den echten, gerade in der USA angesagten Jazz spielen. Brack streut die Namen der Musiker ein. Er erzählt vom Zusammenspiel der Jazzmusiker auf und hinter der Bühne und wie sie die Welt sehen. Da vermisst man die Krimihandlung nicht.

Wer nach „Die nackte Haut“ einen weiteren Jazz-Krimi lesen möchte, sollte Jake Lamars „Viper’s Dream“ lesen, kongenial übersetzt von Robert Brack. Der Krimi spielt 1961 zu großen Teilen in New York im legendären Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter. Auch in diesem Fall können die im Buch erwähnten Musikernamen als Ausgangspunkt für eine gute Playlist genommen werden.

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TV-Tipp: Am Donnerstag, den 30. Juli, zeigt der MDR um 22.40 Uhr die Doku „Being Hipp – First Lady of European Jazz“ über die Pianistin Jutta Hipp. Sie war für Brack die Inspiration für Martha Kiesler.

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Robert Brack: Die nackte Haut

Edition Nautilus, 2026

224 Seiten

18 Euro

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Hinweise

Perlentaucher über „Die nackte Haut“

Wikipedia über Robert Brack

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)

Meine Besprechung von Robrt Bracks „Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller“ (2020)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Langzeitreisende unter sich – Über Christopher Nolans Interpretation von Homers „Die Odyssee“

Juli 16, 2026

Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.

Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.

Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.

Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.

Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.

Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.

Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.

Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.

Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.

Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.

Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.

Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.

Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.

Die Odyssee (The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Homer: Odyssee

mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee

Länge: 173 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Die Vorlage

Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“. 

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Homer: Odyssee

(übersetzt von Karl Ferdinand Lempp)

Insel Verlag, 2026

464 Seiten

18 Euro

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Erstausgabe

Insel Verlag, 2009

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Odyssee“

Metacritic über „Die Odyssee“

Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“

Wikipedia über „Die Odyssee“ (Epos: deutsch, englisch; Nolan-Verfilmung: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)

zu Odysseus

Meine Besprechung von Uberto Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ (The Return, Italien/Griechenland/Großbritannien/Frankreich 2024)


Lucas Curstädt erforscht „Denis Villeneuve: Kino der Antagonismen“

Juli 13, 2026

Bis im Dezember Denis Villeneuves dritter und, nach aktueller Planung, als Abschluss einer Trilogie auch letzter „Dune“-Film in die Kinos kommt und James-Bond-Fans sich in den Monaten danach über Meldungen zum neuen 007-Film freuen dürfen, inszeniert von Villeneuve mit einem namentlich noch nicht bekanntem neuem James-Bond-Darsteller, ist genug Zeit um Lucas Curstädts gerade erschienenes Sachbuch „Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen“ zu lesen.

Curstädt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn im Bereich Medienwissenschaft. Er studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Mainz. Auf YouTube betreibt er den Kanal „die zweite produktion“. Dort stellt er in einem sehenswertem Beitrag sein Villeneuve-Buch vor.

Sein Buch über Denis Villeneuve ist keines dieser Filmbücher, in denen chronologisch die Filme des Porträtierten mehr oder weniger kritisch und analytisch besprochen werden. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in der der Autor eine These aufstellt und dann versucht, sie zu beweisen.

Curstädt behauptet: „Was sich in Villeneuves Filmen zunächst nur registrieren lässt und anschließend immer eruptiver aus ihnen herausbricht, ist ein in unterschiedlichen filmischen Erzählungen widerhallendes Echo auf das Scheitern des politischen Liberalismus, auf den Zusammenbruch der postideologischen Utopie infolge der Anschläge vom 11. September 2001 und auf die dahinter lang verborgene autoritäre Sehnsucht, die sich mittlerweile auch institutionell manifestiert hat. (…)

Wir haben es hier vor allem mit einem Kino zu tun, das wie kaum ein anderes in dieser Größenordnung ein politisches Anliegen besitzt, und zwar aus dem kontraintuitiven Ansatz heraus, zu keinem Zeitpunkt dezidiert politisch zu sein. Die herauszustellende Beonderheit: Villeneuves Filme zeichnen die Ab- und Irrwege einer liberalen Gesellschaft und des aufkeimenden Antagonismus nach, obwohl die jeweiligen Werke autark für sich stehen (…) Doch zwischen der Geschichte junger Studentinnen, die dem Amoklauf eines frauenhassenden Mannes zum Opfer fallen (Polytechnique, Can 2009) und einem aufziehenden Bürgerkrieg in der nahen Zukunft (Blade Runner 2049, USA 2017) spannt sich ein roter Faden, der (neo-)liberale Vergangenheit, antagonistische Gegenwart und (kriegerisch-oligarchische) Zukunft miteinander assoziiert und Bilder für eine Gesellschaft in Anspannung, Aufladung und Aufruhr findet.“

Das ist in jedem Fall eine interessante These, auch wenn ich einiges unter normalem erzählerischem Handwerk einsortieren würde. Villeneuve inszeniert klassisches Erzählkino und seit einigen Filmen intelligentes Blockbuster-Kino. Es gibt also immer einen Protagonisten und seinen Antagonisten. Verbrechen sind oft zentral für die Geschichte. Die Filme spielen in der Gegenwart; auch Villeneuves Science-Fiction-Film („Arrival“, „Blade Runner 2049“, und die „Dune“-Filme) sind, wie alle guten Science-Fiction-Filme, Filme über die Gegenwart.

Wenn wir davon ausgehen, dass Villeneuve ein aufmerksamer Beobachter der Gegenwart ist, dann ist das kein Widerspruch. Innerhalb bestimmter Genrekonventionen können bestimmte Themen gut und für ein großes Publikum zugänglich behandelt werden.

Curstädt beginnt seine Arbeit mit einer theoretischen Einführung über die Suture-Theorie und die politische Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Der Zusammenhang zwischen diesem theoretischem Aufschlag und seiner sich daran anschließenden Analyse der Filme von Villeneuves ist diffus und oft nicht erkennbar. Öfters hatte ich den Eindruck, dass Curstädt eine These hat und dann aus Villeneuves Filmen die Szene herauspickt, die als Bestätigung seiner These interpretiert werden können. Ob Villeneuve sie genauso interpretierte, ist egal. Ob diese Interpretation innerhalb des Films die einzig möglich oder die dominante Interpretation ist, ist ebenso egal. Es ist auch unklar, wie sehr die Szene für den gesamten Film steht. Curstädt interessiert sich nicht für den ganzen Film, sondern nur für ein Detail.

So bleibt – auch und gerade wenn man die Filme kennt – der Eindruck einer luftigen Argumentation, die sich weniger aus den Filmen, sondern aus der Absicht des Autors, der eine These beweisen will, herleitet.

Dabei finde ich die These intuitiv als eine mögliche filmübergreifende Interpretation von Villeneuves Filmen interessant und zum Nachdenken anregend. Aber Curstädts Argumentation überzeugt mich nicht.

Curstädts Buch ist und will, wie eingangs gesagt, keine Einführung in das Werk von Denis Villeneuve sein. Dieses Buch muss – und sollte – noch geschrieben werden.

Lucas Curstädt: Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen

Büchner-Verlag, 2026

170 Seiten

25 Euro

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Hinweise

zu Lucas Curstädt

Homepage von Lucas Curstädt

Lucas Curstädts „die zweite produktion“

Büchner-Verlag über Lucas Curstädt

zu Denis Villeneuve

Wikipedia über Denis Villeneuve (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune“ (Dune, USA 2021)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Frank-Herbert-Verfilmung „Dune: Part Two“ (Dune: Part Two, USA 2024)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)

Meine Besprechung von Tanya Lapointe/Stefanie Broos‘ „Hinter den Kulissen von Dune: Part Two (Vorwort von Denis Villeneuve, Einführung von Brian Herbert und Kevin J. Anderson)“ (The Art and Soul of Dune: Part Two, 2024)


„Mond gefangen in einem toten Auge“ von Pascal Garnier

Juli 8, 2026

Auch „Mond gefangen in einem toten Auge“, Pascal Garniers sechster auf Deutsch veröffentlichter Roman, stand, wie mehrere seiner früher veröffentlichten Romane, auf der Krimibestenliste. Die von Kritiken zusammengestellte Liste empfiehlt jeden Monat die besten aktuellen Kriminalromane.

In „Mond gefangen in einem toten Auge“ geht es um zwei ältere Ehepaare und eine ältere Dame, die nacheinander als Erstbewohner in Südfrankreich in eine abgeschlossene, einsam gelegene Seniorenresidenz mit fünfzig Bungalows und dazugehörigen Freizeitanlagen einziehen. Sie befreunden sich, verbringen Zeit miteinander, erkunden die Gegend – und Konflikte brechen zwischen ihnen aus.

Verschärft werden sie durch eine Gruppe Roma, die jedes Jahr in der Nähe der Residenz ihr Lager aufschlägt. Für die fünf alten Menschen sind Sinti und Roma immer noch fahrendes, Verbrechen verübendes Volk und damit eine direkt vor ihrer Tür stehende Bedrohung für ihr Leben und ihren Wohlstand.

Auf nicht einmal 130 Seiten erzählt Pascal Garnier sarkastisch und in schönsten deprimierenden Noir-Tönen von dieser Eskalation, die zu einigen Toten und einem überraschendem Finale führt. Dabei gelingt es ihm, die gut zehn für die Geschichte wichtigen Personen, ihre Sicht auf die Welt und ihr flexibles Moralsystem plastisch und vergnüglich zu zeichnen. Wie in seinen anderen bis jetzt im Septime Verlag erschienenen Noirs verdichtet Garnier auch in diesem Noir die einzelnen Szenen auf das Notwendigste und treibt die Handlung mit gekonnten Ellipsen, Verdichtungen und Verkürzungen voran. So kann er auf wenigen Seiten eine Geschichte erzählen für die andere Autoren mindestens die doppelte Anzahl an Seiten benötigen.

„Mond gefangen in einem toten Auge“ ist ein feiner Noir für einen langen Abend.

Pascal Garnier (1949 – 2010) war Maler und Autor von Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Noirs. Er lebte in den Bergen der Ardèche. Die Menschen und die Landschaft inspirierten ihn zu seinen sehr französischen Romanen.

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Pascal Garnier: Mond gefangen in einem toten Auge

(übersetzt von Michael von Killisch-Horn)

Septime Verlag, 2026

132 Seiten

20 Euro

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Originalausgabe

Lune captive dans un œil mort

Éditions Zulma, 2009

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Hinweise

Septime Verlag über Pascal Garnier

Wikipedia über Pascal Garnier (deutsch, englisch, französisch)


Der Verfassungsschutz, eine „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“

Juli 3, 2026

Diese Woche stellte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt den neuen Jahresbericht des Verfassungsschutzes vor.

Vor einigen Wochen war der Verfassungsschutz in aller Munde, weil Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Juryentscheidung ignorierte und eigenmächtig mehrere Buchhandlungen vom Erhalt des Deutschen Buchhandlungspreises ausschloss. Es gebe, so Weimer, Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über die drei Buchhandlungen. Was genau könne er nicht sagen, weil er es selbst nicht wisse. Mit dem Preis werden kleine Buchhandlungen für ihr Programm auszeichnet.

Dazwischen las ich „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik“. Mathias Brodkorb, Gründer von „Endstation Rechts“, Ex-SPD-MdL, Bildungs- und später Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern und Cicero-Kolumnist, verdeutlicht an sechs Fallbeispielen, warum die Causa Buchhandlungspreis kein Einzelfall ist und was an der Arbeit des Verfassungsschutzes so problematisch ist, dass das selbsternannte „Frühwarnsystem Verfassungsschutz“ abgeschafft werden sollte.

Brodkorb konzentriert sich bei seiner Kritik auf zwei Fälle, bei denen die Überwachten zufällig von der Überwachung erfuhren. Es handelt sich um Rolf Gössner und Bodo Ramelow. Beide gehören zum linken politischen Spektrum, sind seit Jahrzehnten politisch aktiv, inzwischen hochgeachtete Demokraten, die den Staat niemals, vor allem nicht mit Gewalt, abschaffen wollten. Beide wurden viele Jahrzehnte überwacht. Was der Verfassungsschutz über sie aufgeschrieben hat, ist immer noch unbekannt.

In den anderen Fällen – die AfD, Götz Kubitschek und sein Institut für Staatspolitik in Schnellroda, den nach rechts abdriftenden Wissenschaftler Martin Wagener, Reichsbürger und Corona-Leugner – ist die Beobachtung in den jährlichen Verfassungsschutzberichten und weiteren Publikationen dokumentiert. Im Gegensatz zu den Fällen Gössner und Ramelow handelt es sich hier um aktuelle Fälle. 

Brodkorb nimmt sich im Verfassungsschutzbericht und anderen vom Verfassungsschutz veröffentlichten Dokumenten genannte verfassungsfeindliche Zitate der Beobachtungsobjekte vor und seziert sie – als reine Textanalyse. Es geht also darum, ob der Verfassungsschutz das Zitat richtig oder falsch zitiert und interpretiert. Ob er es so interpretiert, wie es zur vom Dienst vorgefassten Meinung passt. Brodkorb prangert dabei die Verwendung unklarer Begriffe an. Er weist darauf hin, dass bestimmte Worte auch von anderen Personen benutzt werden, der Verfassungsschutz sie bei diesen Personen aber nicht als verfassungsfeindlich brandmarke. Es könnte darum gehen, wann bestimmte Äußerungen ein ganz normaler Teil eines Diskurses sind und wann sie außerhalb dieses Diskurses stehen. Brodkorb neigt hier durchgängig zur Position, dass der Verfassungsschutz die Sätze mutwillig falsch interpretiere.

Das Problem bei dieser Argumentation ist, dass auf jeglichen Kontext verzichtet wird. Dabei ist der Kontext und auch ob bestimmte Worte und Sätze in bestimmten Szenen Signalworte sind, wichtig. Es ist auch wichtig zu wissen, innerhalb welcher Gedankengebäude argumentiert wird und was der Sprecher mit seinen Worten erreichen möchte.

Brodkorb beachtet auch nicht die Handlungen der Akteure, also ob sie Menschen bedrohen, Demonstrationen organisiere, Straftaten verüben oder sich weigern, Steuern zu bezahlen. 

Es gehe dem Verfassungsschutz immer nur darum, die Äußerungen bewusst falsch zu verstehen und die Sprecher als Verfassungsfeinde, die die Bundesrepublik Deutschland abschaffen wollen, zu diskreditieren.

Brodkorb klagt auch an, dass der Verfassungsschutz seine Begriffe, wie „Extremismus“ und „Volk“, verschieden verwendet und neue Kategorien, wie „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“, „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“, dazu kommen. Für Brodkorb sind diese neuen Kategorien keine Reaktion auf neue Phänomene, sondern ein weiteres Beispiel für die Willkür des Verfassungsschutzes. Das Amt führe die Kategorien ad hoc ein, um seine Arbeit zu rechtfertigen und sich neue Arbeit zu verschaffen. Das stimmt einerseits. Andererseits ist das Schaffen neuer Kategorien und auch das Verändern der Bedeutung bestimmter Kategorien ein Teil normaler wissenschaftlicher Arbeit. Oder anders gesagt: alles was er hier dem Verfassungsschutz vorwirft, kann er genausogut jedem Sozial- und Politikwissenschaftler vorwerfen.

Auf juristische Bedenken gegen den Verfassungsschutz geht er nicht ein. Er unterzieht auch nicht die gesamte Arbeit des Verfassungsschutzes einer Kritik. Dazu gehören, unter anderem, der Einsatz und Umgang mit V-Leuten, die jahrzehntelang einseitige Ausrichtung der Arbeit des Verfassungsschutzes (der Feind wurde vor allem links gesehen), die teilweise erstaunlich schlechte Arbeit des Dienstes, genannt sei hier beispielhaft die Beobachtung der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, und die Nicht-Erfüllung der Funktion als Frühwarnsystem. Vor bestimmten Gefahren warnte der Verfassungsschutz erst, nachdem schon alle Zeitungen darüber berichteten.

„Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“ ist ein zwiespältiges Buch. Gut ist, das Brodkorb sich auf einen Aspekt und eine Methode konzentriert. Allerdings ist die Auswahl der Fallbeispiele merkwürdig. Die ausgewählten Zitate werden nicht kontextualisiert. Die gewählte Form der Kritik des Dienstes bleibt zu sehr in einem akademisch-luftleerem Raum. Mehr als einmal drängt sich der Gedanke auf, dass es Brodkorb weniger um eine fundierte Kritik des Verfassungsschutzes, sondern mehr um ein relativieren rechten Gedankengutes geht. 

Außerdem gibt es von Bürgerrechtlern, wie dem schon erwähnten Rolf Gössner, schon seit Jahren eine fundiertere Kritik an der weltweit einzigartigen Behörde.

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Mathias Brodkorb: Gesinnungspolizei im Rechtsstaat? – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik: Sechs Fallstudien (Aktualisierte Ausgabe mit VS-Gutachten zur AfD)

zu Klampen Verlag, 2025 (erweiterte vierte Auflage)

272 Seiten

25 Euro

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Hinweise

Perlentaucher über Mathias Brodkorb

Wikipedia über Mathias Brodkorb


„Orlando“, hab keine „Furcht“, das ist die „Wahrheit“. „Zwischen den Bäumen“ stapeln sich „Alien“ und „Blade Runner 2039“ und die „Traumnovelle“

Juni 29, 2026

Nennen wir es Sommerlektüre und Aufräumen, teils ergänzt mit brandneuen Werken, wie die druckfrisch bei mir eingetroffene Neuausgabe von Jakob Hinrichs‘ überzeugender Comicversion von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Ursprünglich erschien sie bereits 2012 bei der Büchergilde und wer möchte, kann sie zu teils utopischen Preisen antiquarisch kaufen.

Die neue Ausgabe bei der Favoritenpresse ist selbstverständlich günstiger. Sie gefällt mir ausnehmen gut. Sie liegt gut in der Hand, Papier und Farben passen zu den Zeichnungen von Jakob Hinrichs, die sich kongenial zwischen 20er-Jahre-Avantgarde (also die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts), Fünfziger-Jahre-Cartoons und Gebrauchsgrafik bewegt.

Die Geschichte selbst, die bei Arthur Schnitzler im Wien der späten Kaiserjahre spielt, verlegte er in eine zeit- und ortlose bundesdeutsche Mittelstandsgegenwart, die immer noch einen Hauch Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland verströmt. Immer noch geht es um ein Ehepaar und sexuelle Wünsche.

Die Geschichte selbst dürfte von Schnitzler oder von Stanley Kubricks textnaher Verfilmung „Eyes Wide Shut“ bekannt sein. Es war sein letzter Film. Tom Cruise und Nicole Kidman spielten das sexuell verwirrte Paar. Kubrick verlegte die Geschichte in das heutige New York und ich fragte mich die ganze Zeit, warum Kubrick sie nicht historisch korrekt und wie auch von ihm gewünscht, in Wien der späten Kaiserjahre spielen ließ.

Hinrich wählte einen deutlich freieren Zugang. Das Ergebnis überzeugt in jeder Beziehung.

Wie bei der Erstausgabe ist auch in der aktuellen Ausgabe Schnitzlers Novelle abgedruckt. Sie erschien erstmals 1925 als Fortsetzungsroman und 1926 als Buch. Man kann also direkt Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen.

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Jakob Hinrichs/Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Favoritenpresse, 2026

192 Seiten

18 Euro

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Originalausgabe

Büchergilde, 2012

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Hinweise

Homepage von Jakob Hinrichs

Favoritenpresse über den Comic

Wikipedia über die „Traumnovelle“ (deutsch, englisch) und Jakob Hinrichs

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Um Begehren geht es auch in Paul Wincks „Zwischen den Bäumen“. Die Journalistin Mathilde soll eine Reportage über eine in Südfrankreich abgeschieden lebende religiöse Gemeinde schreiben. Sie fremdelt mit den Gläubigen und ihren Riten. Mit Anita, der Köchin und Gärtnerin der Gemeinschaft, versteht sie sich allerdings gut.

Wegen der Kürze und weil Winck sich vor allem auf seine Bilder verlässt, bleibt „Zwischen den Bäumen“ auf der Story-Ebene etwas diffus. Das gilt vor allem für die Gemeinschaft und ihr seltsames Verhalten. Die Sekte lud Mathilde ein, einen Bericht über sie zu schreiben, erschwert ihr dann aber die Arbeit.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte und die damit verbundene Frage, ob Anita weggehen soll, sind dagegen gelungener.

Wer also keinen Thriller über eine investigative Journalistin und eine brandgefährliche Sekte erwartet, kann zugreifen.

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Paul Winck: Zwischen den Bäumen

Moom Comics, 2025

72 Seiten

15 Euro

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Hinweise

Moom Comics über Paul Winck

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Orlando wird im 16. Jahrhundert in England als Mann geboren. Viele Jahre später wird er im Schlaf zur Frau. Eine Erklärung für die Geschlechtsumwandlung gibt es nicht. Fortan muss der Edelmann, der bei den Frauen äußerst beliebt war, ein Leben als ebenfalls nicht älter werdende Frau führen.

Sein/Ihr Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts schildert Virginia Woolf in ihrem schon lange zum Klassiker gewordenem Roman „Orlando“, untertitelt als ‚Biographie‘. Das feministische Buch erschien 1928.

Susanna Kuhlendahls Comic „Orlando“ liest sich durchgehend wie die Reader’s Digest-Version des Romans. Sie lädt dazu ein, den Roman oder auch Sally Potters legendäre Verfilmung von 1992 (mit Tilda Swinton in der Hauptrolle) wieder (?) zu genießen.

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Susanne Kuhlendahl: Virginia Woolf – Orlando

Helvetiq, 2025

208 Seiten

27 Euro

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Hinweise

Homepage von Susanne Kuhlendahl

Wikipedia über „Orlando“ (Roman: deutsch, englisch)

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Und ab in die Zukunft, die kein besserer Ort ist.

Obwohl das „Paradiso“ als Nobelferienhotel auf den ersten Blick vielversprechend aussieht. Um einige Gäste, wie den Ricky Valentine und seine Bande, muss man sich als normaler Tourist nicht kümmern. Dafür sind zwei Colonial Marshals in einem Undercover-Einsatz, zuständig. Aber dann bringt einer der Gäste einen Xenomorph-Embryo mit – und es passiert das, was immer passiert, wenn Menschen und Xenomorphe sich begegnen. Kurz darauf kämpfen die Hotelgäste und das Personal um ihr Überleben und die Xenomorphe nehmen eine sehr nahrhaft-menschliche Mahlzeit zu sich.

In dem Alien-Comic „Paradiso“ erzählen Autor Steve Foxe und die Zeichner Edgar Salazar und Peter Nguyen auch von überraschenden Koalitionen zwischen Polizisten und Verbrechern.

Das ändert aber nichts daran, dass es inzwischen ein festes Muster für Alien-Geschichten gibt, die einfach nur noch an verschiedenen abgeschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen, die mindestens zu einem großen Teil das Ende der Geschichte nicht erleben, ausgefüllt werden. Das ist durchaus spannend, aber auch etwas überraschungsfrei.

Am Ende ist „Paradiso“ nur eine weitere „Alien“-Geschichte in neuer Kulisse mit anderen Menschen und höchst vertrauten Abläufen.

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Steve Foxe/Edgar Salazar/Peter Nguyen: Alien: Paradiso

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini Comics, 2026

120 Seiten

16 Euro

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Originalausgabe

Alien: Paradiso (2024) # 1 – 5

Dezember 2024 – April 2025

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Hinweise

Wikipedia über das Alien-Franchise (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Alien – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Alien, 2019)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Aliens – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Aliens, 2020)

Meine Besprechung von Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbis „Alien – Die Urfassung“ (Alien: The Original Screenplay # 1 – 5, 2020)

zu Filmen

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, 2017) (Filmroman)

Meine Besprechung von Fede Alvaraz‘ „Alien: Romulus (Alien: Romulus, USA 2024)

zu Comics

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Blutlinien (Band 1)“ (Alien (2021) # 1 – 6, Mai – Oktober 2021)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Erweckung (Band 2)“ (Alien (2021) # 7 – 12, September 2021 – Juni 2022; Alien Annual (2022) 1, September 2022)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Julius Ohta: Alien: Icarus (Band 3) (Alien (2022) # 1 – 6, November 2022 – April 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardos „Alien: Tauwetter (Band 1)“ (Alien (2023) # 1 – 5, April 2023 – August 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardo/Danny Earls‘ „Alien: Descendant (Band 2)“ (Alien Annual (2023) 1, Dezember 2023; Alien (2023 B) # 1 – 4, Januar – April 2024)

Meine Besprechung von Collin Kelly/Jackson Lanzing/Michael Dowlings „Alien: Schwarz, Weiß & Blut“ (Alien: Black, White & Blood (2024) # 1 – 4, 2024)

Meine Besprechung von Paul Reiser/Leon Reiser/Adam F. Goldberg/Hans Rodionoff/Brian Volk-Weiss/Guiu Vilanovas „What if…? Aliens“ (Aliens: What if…? (2024) # 1 – 5, 2025)

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Die „Blade Runner“-Welt ist fast so alt wie die „Alien“-Welt. In dieser Welt geht es um das Zusammenleben von Menschen und menschenähnlichen Robotern, Replikanten genannt. Ursprünglich wurden sie auf anderen Planeten als Arbeitssklaven eingesetzt. Irgendwann begehrten sie gegen ihr Schicksal auf. In den zwanziger Jahren brachen die Ökosysteme zusammen und die „Blade Runner“-Welt wurde noch dystopischer.

In der in drei Bänden herausgegebenen und inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegenden von Mike Johnson (Geschichte), Andrés Guinaldo (Zeichnungen) und Marco Lesko (Farben) erfundenen „Blade Runner 2039“-Geschichte geht es um die seit zwanzig Jahren untergetauchte LAPD-Blade-Runner-Jägerin Aahna „Ash“ Ashina. Danach half sie Replikanten, aus ihrer Sklaverei zu entkommen. Jetzt muss Ash ihr Versteck verlassen. Denn Bösewicht Niander Wallace hat Luv, die erste Blade-Runner-Replikantin des LAPD und ein Klon von Ash, beauftragt, Cleo Selwyn zu finden. In Cleos DNA könnte der Schlüssel zur Fortpflanzung der Replikanten liegen.

„Ash“ ist ein gelungener Abschluss der Miniserie.

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Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039: Ash (Band 3 von 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2025

112 Seiten

17 Euro

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Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 3: Ash

Alcon Publishing/Titan Publishing 2025

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Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)“ (Blade Runner 2039 vol. 1: Luv, 2025)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)“ (Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade, 2025)

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Aus Japan gibt es eine weitere Ladung Horrorkurzgeschichten. Es ist der fünfte Band der von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Mangas „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ und er enthält die Geschichten 39 bis 50. Es sind immer noch vollkommen unabhängige, im heutigen Japan, bevorzugt unter Jugendlichen spielenden Horrorkurzgeschichten. Einmal gehen drei Jugendliche nach Einbruch der Dunkelheit in einen Park. Für eine Mutprobe wollen sie einem Geist begegnen. Einer der Jungs fragt die sich auf einem Smartphone befindende KI. Und diese sagt ihnen, welchen Weg sie benutzen sollen.

Eine geschiedene Frau sucht über eine Dating-App einen Mann. Dieses Mal scheint sie den richtigen Mann gefunden zu haben. Ein junger Mann hat Schlafprobleme. Eine Frau hat eine außereheliche Affäre, für die sie einen Geheimaccount eingerichtet hat. Ein Lehrer erfährt unangenehm viel Aufmerksamkeit von einer Schülerin. In einer anderen Geschichte ist ein Fangirl überhaupt nicht davon begeistert, dass der von ihr bewunderte Boygroup-Sänger sich in eine andere Frau verliebt hat.

Immer wieder geht es in Juoku Kawakamis Geschichten um Bedrohungen durch neue Techniken, Geister, japanische Mythen, die in der Gegenwart fortexistieren, und ein fundamentales Unwohlsein an und in der Gegenwart.

Weil alle Geschichten sehr kurz sind, muss Kawakami immer schnell auf die meist gelungene Pointe zusteuern. Trotzdem wiederholt sich, wer alle Geschichten kennt, inzwischen einiges. Wenn bei Kawakami eine Streamerin auf einem Parkplatz für eine Nacht Kamera aufbaut, haben wir eine gute Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt.

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Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan: Band 5

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2026

192 Seiten

8,99 Euro

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Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 5

Shogakukan, 2026

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Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3″ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 4, 2025)

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Wenn man unter ‚Comic‘ ‚Zeichungen‘ und ‚Texte in Sprechblasen‘ versteht, dann ist „Wahrheit“, der zweite Band der „Comicothek der Philosophie“, ein Comic. Trotzdem sind die erklärenden Texte wichtiger. Martine Gasparov, Philosophin, Philosophielehrerin an einer Schule für Kunst und Design in Paris und Verfasserin von Philosophie-Handbüchern für die Abiturprüfung, und Illustratorin Émilie Boudet haben mit dem Band „Wahrheit“ eine sehr kurze, klare und präzise Einführung in die Frage gegeben, was aus philosophischer Sicht „Wahrheit“ ist, was die Probleme bei verschiedenen Definitionen sind, ob man immer die Wahrheit sagen muss und ob die Idee der Wahrheit nicht ein Instrument zur Herrschaft ist.

Auf noch nicht einmal sechzig Seiten geben Gasparov und Boudet einen sehr guten Einblick in das Thema – und sie liefern viel Stoff zum Nachdenken.

Weitere Bände, unter anderem zu den Themen „Gerechtigkeit“, „Freiheit“, „Freizeit“ und „Zeit“ sind geplant.

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Martine Gasparov/Émilie Boudet: Die Comicothek der Philosophie: Wahrheit

(übersetzt von Edmund Jacoby)

Jacoby & Stuart, 2026

64 Seiten

15 Euro

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Originalausgabe

Toute la Philo en BD/La vérité

Belin Éducaions & La Boite à Bulles, 2022

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Hinweis

Jacoby & Stuart über das Buch

 


„Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ im Nobelhotel Bellagio

Juni 24, 2026

Weil Frauchen Urlaub machen möchte, bringt sie ihre Katze Miez Marple in dem noblen Tierhotel Bellagio unter. Dort stolpert sie, wie wir uns auch ohne einen Blick auf das mit dem diesjährigen Bloody Cover ausgezeichnete Cover („Ein flauschiger Kriminalroman“) und die Inhaltsangabe denken können, in einen Mordfall. Schließlich erinnert ihr Name „Miez Marple“ an „Miss Marple“, der Name ist Programm und Fabian Navarro schrieb bereits zwei Kriminalromane mit der Katzendetektivin.

Jetzt muss Miez Marple ihre Fähigkeiten in einem von der Außenwelt hermetisch abgeriegeltem Luxus-Resort einsetzen. Die Showkatze Schnurrsanne wurde bestialisch ermordet. Wobei Miez Marple misstrauisch ist. Keine der vielen Wunden war tödlich. Soll hier etwas vertuscht werden? Sie beginnt zu ermitteln und, wie es sich für einen Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie gehört, ist jeder Hotelgast verdächtig.

Auch der von ihr aufgrund einer früherer Ermittlung ungeliebte Mitbewohner Florian Silberschweif. Der opportunistische Schlagerkater leidet an einer Schreibblockade. Nach dem Mord dient er sich bei ihr als Assistent an. Schließlich kennt er die anderen Gäste und ihre Beziehungen zueinander. Es handelt sich um Informationen, die auch in der von Miez Marple nicht gelesenen Klatschpostille BELLT ausführlich abgehandelt werden.

„Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ ist ein cozy Rätselkrimi, der in der Welt der Tiere spielt. Diese beschreibt Fabian Navarro sehr schön mit ihren Marotten, ihrer Sicht auf die Welt und die sich ihnen gegenüber oft seltsam verhaltenden Menschen. Die Tiere sind dabei ziemlich schlau, können sich untereinander problemlos verständigen (nicht wie wir Menschen) und ihre Welt unterscheidet sich kaum von der Welt der Menschen.

Etwas enttäuschend ist das Ende. Es ist nämlich kein klassisches Rätselkrimiende, in dem die Ermittlerin Miez Marple die Verdächtigen in einem Raum versammelt und zuerst mehrere falsche und abschließend den richtigen Täter präsentiert. Stattdessen schnappt sie den Täter auf quasi frischer Tat (Pfote?) und dieser gesteht sofort alles.

Das gesagt ist Navarros dritter Miez-Marple-Krimi ein unterhaltsamer Urlaubsausflug für die Ermittlerin, der nach einer kurzen Erkundung des Ortes sofort zu einem Arbeitsaufenthalt wird. Denn, wie bei zweibeinigen Ermittlern, folgen auch vierbeinigen Ermittlern Mord und Totschlag überall hin.

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Fabian Navarro: Miez Marple und die Tatze der Verdammnis

Haymon Krimi, 2025

208 Seiten

16,90 Euro

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Hinweise

Homepage von Fabian Navarro

Haymon Verlag über Fabian Navarro

Wikipedia über Fabian Navarro


TV-Tipp für den 22. Juni: Der Rote Kakadu (+ Buchkritik: Augenblick # 95: „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf)

Juni 21, 2026

NDR, 22.45

Der Rote Kakadu (Deutschland 2006)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström, Günter Schütter (Bearbeitung)

DDR, Frühjahr 1961, wenige Monate vor dem Bau der Mauer (was damals niemand ahnte): In Dresden stolpert der zwanzigjährige Bühnenmaler Siggi (Max Riemelt) in unbekannte Welten zwischen Theater, dem Tanzlokal „Roter Kakadu“ (wo Jazz und westliche Rockmusik gespielt werden) und neuen, freiheitsliebenden Freunden. Das sorgt schnell für Ärger…mit der Staatsmacht.

Lebendiger Blick auf die DDR in den frühen sechziger Jahren und auf jugendliches Revoluzzertum.

mit Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld, Ingeborg Westphal, Devid Striesow, Kathrin Angerer, Tanja Schleif, Volker Michalowski, Klaus Manchen, Heiko Senst, Nadja Petri

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Die aktuell grafliche Lektüre

Am 12. Februar 2025 unterhielt sich Lisa Gotto (Professur für Theorie des Films, Universität Wien) mit Dominik Graf über sein Leben und Werk als Regisseur. Jetzt liegt die Niederschrift des Interviews, mit fast achtzig das Gespräch illustrierenden Bildern und vielen für Orientierung sorgenden Zwischenüberschriften, als 95. Heft der „Augenblick“-Buchreihe vor – und es lohnt sich für alle, die (mal wieder) in das Denken und Werk von Dominik Graf eintauchen wollen, die einen konzentrierte und selbstkritischen Einblick in Grafs Werk wollen und die mehr über die letzten fünfzig Jahre Geschichte des deutschen Films im Kino und Fernsehen erfahren wollen. Denn Dominik Graf gehört zu den wenigen Regisseuren, die öffentlich immer wieder über ihr Werk nachdenken, ein filmisches Programm haben und auch Ansprüche an sich, Kollegen und Produzenten stellen. Vor allem arbeitet Graf für das Fernsehen, oft in Serien und Reihen, wie „Der Fahnder“ (die legendären Anfänge, die auch in dem Interview ausführlich beleuchtet werden), „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Meistens inszeniert er Kriminalfilme, Unterkategorie Polizeifilm. Er arbeitet also nahe am Publikum, aber immer mit einem Anspruch an sich und die Geschichte und einem unverwechselbarem Stil.

In dem Interview spricht er über das alles.

Danach will man wieder einen der im Buch erwähnten Filme sehen. Beispielsweise, um zwei nicht von Graf inszenierte Filme, die er auch niemals inszeniert hätte, aber im Gespräch lobend erwähnt und die heute definitiv so nicht wieder inszeniert würden, zu nennen, „Im Himmel ist die Hölle los“ oder Bockmayers „Geierwally“.

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Augenblick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft # 95 (herausgegeben von Lisa Gotto): „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf

Schüren Verlag, 2026

138 Seiten

12,90 Euro (Einzelheft)

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Hinweise

Filmportal über „Der Rote Kakadu“

Wikipedia über „Der Rote Kakadu“ und Dominik Graf 

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“ (2009)

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010)

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“ (2010)

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf” (2012)

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Domink Graf/Felix von Boehms (Co-Regie) „Jeder schreibt für sich allein“ (Deutschland 2023)

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Roberto Grossi erzählt über „Die große Verdrängung“

Juni 15, 2026

In „Die große Verdrängung“ erzählt Roberto Grossi nicht das, was man nach einem flüchtigen Blick auf das Titelbild vermuten könnte. Jedenfalls nicht nur und nicht an erster Stelle. Die steigende Zahl von Flüchtlingen, die in der oberen Bildhälfte zu sehen sind, ist eine Folge des Klimawandels. Klimawandel ist dabei ein gern benutzter Euphemismus für die katastrophalen Folgen, die eine weitere Erwärmung der Erde hat. Nämlich dass Tiere und Pflanzen vermehrt aussterben, dass die überlebenden Tiere und Pflanzen sich zunehmend andere Lebensräume suchen und dass große Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar werden. Außer man möchte 24/7 in einer klimatisierten Wohnung sitzen und auf die Wüste starren.

In seinem Comic „Die große Verdrängung“ warnt Roberto Grossi vor dieser Veränderung und er ruft zum Handeln auf. Er verbindet dabei eine etwas längere, glänzend recherchierte und präzise geschriebene Reportage mit Bildern, die durch ihre Platzierung und Kombination, zum Nachdenken anregen. Dabei zeigt er auch die Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung, daraus entstehenden Konflikten, Industrialisierung, Kapitalismus und Flucht auf. Er zeigt, wie in komplexen Systemen manchmal kleine von Menschen vorgenommene Veränderungen große Veränderungen haben können.

„Die große Verdrängung“ ist äußerst lesenswert als schneller und gelungener Einstieg in das vielschichtige Thema. Aufgrund der Zeichnungen ist es ein zum Nachdenken anregender Kurzessay über die Zusammenhänge zwischen verschiedenen menschheitsbedrohenden Problemen und wie sie gelöst werden können. Auch wenn Grossi nach dem ersten Schritt – dem Schaffen von Aufmerksamkeit und Problembewusstsein über die titelgebende ‚große Verdrängung‘ – den zweiten nur skizziert.

Dafür wurde „Die große Verdrängung“ in der Kategorie „Sachbuch“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Die Preisverleihung ist am 9. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

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Roberto Grossi: Die große Verdrängung

(übersetzt von Myriam Alfano)

avant-verlag, 2025

208 Seiten

25 Euro

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Originalausgabe

La grande rimozione

Coconino Press, 2024

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Hinweise

Homepage von Roberto Grossi

avant-verlag über Roberto Grossi

Perlentaucher über „Die große Verdrängung“

 


Paolo Bacilieri zeichnet die „Private Venus“ von Giorgio Scerbanenco

Juni 12, 2026

Duca Lamberti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drei Jahre verbüßte der Arzt, weil er Sterbehilfe leistete. Jetzt darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Durch die Vermittlung eines Freundes wird ihm sofort eine Arbeit angeboten: ein reicher Mailänder Industrieller bittet ihn, seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Davide von seinem Alkoholismus zu heilen. Duca ist einverstanden. Um Davide langfristig zu heilen, muss er herausfinden, warum der Junge trinkt.

Kurz darauf gesteht Davide ihm, er sei ein Mörder. Er habe einer Frau, die sich umbringen wollte, nicht geholfen. Wenige Stunden später ist sie tot. Seitdem fühlt Davide sich für ihren Tod verantwortlich. Er beginnt zu trinken. Als Duca sich die Umstände ihres Todes genauer ansieht, ist er überzeugt, dass sie ermordet wurde. Durch einen mit einer Minox aufgenommenen Film, den sie in Davides Auto verloren hatte, kommt er auf eine vielversprechende Spur. Auf dem Film sind Bilder von zwei nackten Frauen. Beide wurden ermordet.

„Private Venus“ ist die von Paolo Bacilieri gezeichnete Comic-Version von Giorgio Scerbanencos erstem Duca-Lamberti-Kriminalroman. Scerbanenco (1911 – 1969) schrieb zu Lebzeiten zahlreiche Romane. Er gilt als einer der Erneuerer des italienischen Kriminalromans. Am bekanntesten ist er für seine vier Duca-Lamberti-Romane.

Bacilieri nahm die Texte aus Scerbanencos kurzem Roman. Die Handlung übernahm er mit minimalsten Änderungen. In seinen Zeichnungen entsteht ein atmosphärisches Bild Italiens in den späten sechziger Jahren.

Der Fall selbst ist spannend und angenehm ungewöhnlich. Schließlich ermittelt hier kein Polizist, sondern ein Privatmann. Er stolpert in einen Fall hinein. Bei der Lösung helfen dem Polizistensohn Duca die Polizei, die in bestimmten Momenten nicht wissen will, was er und seine Freunde tun. Seine Freunde sind Davide, der nicht mehr von Ducas Seite weichen will, und Livia Ussaro, die die Tote kannte, weil sie beide auch als Prostituierte arbeiteten.

Die Lösung ist überraschend und gruselig. Sie zeigt auch, wie viel sich in den vergangenen sechzig Jahren veränderte. Damals war das Motiv des Mörders ein nachvollziehbarer Grund für mehrere Morde. Heute nicht mehr.

Der zweite Duca-Lamberti-Comic „Verratene Verräter“ ist für September 2026 angekündigt. Das ist genug Zeit, um bis dahin Scerbanencos Roman zu lesen.

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Paolo Bacilieri: Private Venus (nach dem Roman von Giorgio Scerbanenco)

(übersetzt von Myriam Alfano)

Avant-Verlag, 2024

160 Seiten

25 Euro

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Originalausgabe

Venere Privata

Oblomov Edizioni, 2023

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Die Vorlage

Giorgio Scerbanenco: Venere Privata

Garzanti Editore, Mailand, 1966

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Mehrere deutsche Übersetzungen und Auflagen bei verschiedenen Verlagen:

Leichte Mädchen sterben schwer (übersetzt von Eva Schönfeld)

Das Mädchen aus Mailand (übersetzt von Christiane Rhein)

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Hinweise

Homepage von 

avant-verlag über Paolo Bacilieri

Krimi-Couch über Giorgio Scerbanenco

Perlentaucher über Giorgio Scerbanenco

Wikipedia über Giorgio Scerbanenco (deutsch, englisch, italienisch) und Paolo Bacilieri (deutsch, italienisch)