„Mond gefangen in einem toten Auge“ von Pascal Garnier

Juli 8, 2026

Auch „Mond gefangen in einem toten Auge“, Pascal Garniers sechster auf Deutsch veröffentlichter Roman, stand, wie mehrere seiner früher veröffentlichten Romane, auf der Krimibestenliste. Die von Kritiken zusammengestellte Liste empfiehlt jeden Monat die besten aktuellen Kriminalromane.

In „Mond gefangen in einem toten Auge“ geht es um zwei ältere Ehepaare und eine ältere Dame, die nacheinander als Erstbewohner in Südfrankreich in eine abgeschlossene, einsam gelegene Seniorenresidenz mit fünfzig Bungalows und dazugehörigen Freizeitanlagen einziehen. Sie befreunden sich, verbringen Zeit miteinander, erkunden die Gegend – und Konflikte brechen zwischen ihnen aus.

Verschärft werden sie durch eine Gruppe Roma, die jedes Jahr in der Nähe der Residenz ihr Lager aufschlägt. Für die fünf alten Menschen sind Sinti und Roma immer noch fahrendes, Verbrechen verübendes Volk und damit eine direkt vor ihrer Tür stehende Bedrohung für ihr Leben und ihren Wohlstand.

Auf nicht einmal 130 Seiten erzählt Pascal Garnier sarkastisch und in schönsten deprimierenden Noir-Tönen von dieser Eskalation, die zu einigen Toten und einem überraschendem Finale führt. Dabei gelingt es ihm, die gut zehn für die Geschichte wichtigen Personen, ihre Sicht auf die Welt und ihr flexibles Moralsystem plastisch und vergnüglich zu zeichnen. Wie in seinen anderen bis jetzt im Septime Verlag erschienenen Noirs verdichtet Garnier auch in diesem Noir die einzelnen Szenen auf das Notwendigste und treibt die Handlung mit gekonnten Ellipsen, Verdichtungen und Verkürzungen voran. So kann er auf wenigen Seiten eine Geschichte erzählen für die andere Autoren mindestens die doppelte Anzahl an Seiten benötigen.

Mond gefangen in einem toten Auge“ ist ein feiner Noir für einen langen Abend.

Pascal Garnier (1949 – 2010) war Maler und Autor von Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Noirs. Er lebte in den Bergen der Ardèche. Die Menschen und die Landschaft inspirierten ihn zu seinen sehr französischen Romanen.

Pascal Garnier: Mond gefangen in einem toten Auge

(übersetzt von Michael von Killisch-Horn)

Septime Verlag, 2026

132 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Lune captive dans un œil mort

Éditions Zulma, 2009

Hinweise

Septime Verlag über Pascal Garnier

Wikipedia über Pascal Garnier (deutsch, englisch, französisch)


Der Verfassungsschutz, eine „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“

Juli 3, 2026

Diese Woche stellte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt den neuen Jahresbericht des Verfassungsschutzes vor.

Vor einigen Wochen war der Verfassungsschutz in aller Munde, weil Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Juryentscheidung ignorierte und eigenmächtig mehrere Buchhandlungen vom Erhalt des Deutschen Buchhandlungspreises ausschloss. Es gebe, so Weimer, Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über die drei Buchhandlungen. Was genau könne er nicht sagen, weil er es selbst nicht wisse. Mit dem Preis werden kleine Buchhandlungen für ihr Programm auszeichnet.

Dazwischen las ich „Gesinnungspolizei im Rechtsstaat – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik“. Mathias Brodkorb, Gründer von „Endstation Rechts“, Ex-SPD-MdL, Bildungs- und später Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern und Cicero-Kolumnist, verdeutlicht an sechs Fallbeispielen, warum die Causa Buchhandlungspreis kein Einzelfall ist und was an der Arbeit des Verfassungsschutzes so problematisch ist, dass das selbsternannte „Frühwarnsystem Verfassungsschutz“ abgeschafft werden sollte.

Brodkorb konzentriert sich bei seiner Kritik auf zwei Fälle, bei denen die Überwachten zufällig von der Überwachung erfuhren. Es handelt sich um Rolf Gössner und Bodo Ramelow. Beide gehören zum linken politischen Spektrum, sind seit Jahrzehnten politisch aktiv, inzwischen hochgeachtete Demokraten, die den Staat niemals, vor allem nicht mit Gewalt, abschaffen wollten. Beide wurden viele Jahrzehnte überwacht. Was der Verfassungsschutz über sie aufgeschrieben hat, ist immer noch unbekannt.

In den anderen Fällen – die AfD, Götz Kubitschek und sein Institut für Staatspolitik in Schnellroda, den nach rechts abdriftenden Wissenschaftler Martin Wagener, Reichsbürger und Corona-Leugner – ist die Beobachtung in den jährlichen Verfassungsschutzberichten und weiteren Publikationen dokumentiert. Im Gegensatz zu den Fällen Gössner und Ramelow handelt es sich hier um aktuelle Fälle. 

Brodkorb nimmt sich im Verfassungsschutzbericht und anderen vom Verfassungsschutz veröffentlichten Dokumenten genannte verfassungsfeindliche Zitate der Beobachtungsobjekte vor und seziert sie – als reine Textanalyse. Es geht also darum, ob der Verfassungsschutz das Zitat richtig oder falsch zitiert und interpretiert. Ob er es so interpretiert, wie es zur vom Dienst vorgefassten Meinung passt. Brodkorb prangert dabei die Verwendung unklarer Begriffe an. Er weist darauf hin, dass bestimmte Worte auch von anderen Personen benutzt werden, der Verfassungsschutz sie bei diesen Personen aber nicht als verfassungsfeindlich brandmarke. Es könnte darum gehen, wann bestimmte Äußerungen ein ganz normaler Teil eines Diskurses sind und wann sie außerhalb dieses Diskurses stehen. Brodkorb neigt hier durchgängig zur Position, dass der Verfassungsschutz die Sätze mutwillig falsch interpretiere.

Das Problem bei dieser Argumentation ist, dass auf jeglichen Kontext verzichtet wird. Dabei ist der Kontext und auch ob bestimmte Worte und Sätze in bestimmten Szenen Signalworte sind, wichtig. Es ist auch wichtig zu wissen, innerhalb welcher Gedankengebäude argumentiert wird und was der Sprecher mit seinen Worten erreichen möchte.

Brodkorb beachtet auch nicht die Handlungen der Akteure, also ob sie Menschen bedrohen, Demonstrationen organisiere, Straftaten verüben oder sich weigern, Steuern zu bezahlen. 

Es gehe dem Verfassungsschutz immer nur darum, die Äußerungen bewusst falsch zu verstehen und die Sprecher als Verfassungsfeinde, die die Bundesrepublik Deutschland abschaffen wollen, zu diskreditieren.

Brodkorb klagt auch an, dass der Verfassungsschutz seine Begriffe, wie „Extremismus“ und „Volk“, verschieden verwendet und neue Kategorien, wie „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“, „Reichsbürger“ und „Selbstverwalter“, dazu kommen. Für Brodkorb sind diese neuen Kategorien keine Reaktion auf neue Phänomene, sondern ein weiteres Beispiel für die Willkür des Verfassungsschutzes. Das Amt führe die Kategorien ad hoc ein, um seine Arbeit zu rechtfertigen und sich neue Arbeit zu verschaffen. Das stimmt einerseits. Andererseits ist das Schaffen neuer Kategorien und auch das Verändern der Bedeutung bestimmter Kategorien ein Teil normaler wissenschaftlicher Arbeit. Oder anders gesagt: alles was er hier dem Verfassungsschutz vorwirft, kann er genausogut jedem Sozial- und Politikwissenschaftler vorwerfen.

Auf juristische Bedenken gegen den Verfassungsschutz geht er nicht ein. Er unterzieht auch nicht die gesamte Arbeit des Verfassungsschutzes einer Kritik. Dazu gehören, unter anderem, der Einsatz und Umgang mit V-Leuten, die jahrzehntelang einseitige Ausrichtung der Arbeit des Verfassungsschutzes (der Feind wurde vor allem links gesehen), die teilweise erstaunlich schlechte Arbeit des Dienstes, genannt sei hier beispielhaft die Beobachtung der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, und die Nicht-Erfüllung der Funktion als Frühwarnsystem. Vor bestimmten Gefahren warnte der Verfassungsschutz erst, nachdem schon alle Zeitungen darüber berichteten.

Gesinnungspolizei im Rechtsstaat?“ ist ein zwiespältiges Buch. Gut ist, das Brodkorb sich auf einen Aspekt und eine Methode konzentriert. Allerdings ist die Auswahl der Fallbeispiele merkwürdig. Die ausgewählten Zitate werden nicht kontextualisiert. Die gewählte Form der Kritik des Dienstes bleibt zu sehr in einem akademisch-luftleerem Raum. Mehr als einmal drängt sich der Gedanke auf, dass es Brodkorb weniger um eine fundierte Kritik des Verfassungsschutzes, sondern mehr um ein relativieren rechten Gedankengutes geht. 

Außerdem gibt es von Bürgerrechtlern, wie dem schon erwähnten Rolf Gössner, schon seit Jahren eine fundiertere Kritik an der weltweit einzigartigen Behörde.

Mathias Brodkorb: Gesinnungspolizei im Rechtsstaat? – Der Verfassungsschutz als Erfüllungsgehilfe der Politik: Sechs Fallstudien (Aktualisierte Ausgabe mit VS-Gutachten zur AfD)

zu Klampen Verlag, 2025 (erweiterte vierte Auflage)

272 Seiten

25 Euro

Hinweise

Perlentaucher über Mathias Brodkorb

Wikipedia über Mathias Brodkorb


„Orlando“, hab keine „Furcht“, das ist die „Wahrheit“. „Zwischen den Bäumen“ stapeln sich „Alien“ und „Blade Runner 2039“ und die „Traumnovelle“

Juni 29, 2026

Nennen wir es Sommerlektüre und Aufräumen, teils ergänzt mit brandneuen Werken, wie die druckfrisch bei mir eingetroffene Neuausgabe von Jakob Hinrichs‘ überzeugender Comicversion von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Ursprünglich erschien sie bereits 2012 bei der Büchergilde und wer möchte, kann sie zu teils utopischen Preisen antiquarisch kaufen.

Die neue Ausgabe bei der Favoritenpresse ist selbstverständlich günstiger. Sie gefällt mir ausnehmen gut. Sie liegt gut in der Hand, Papier und Farben passen zu den Zeichnungen von Jakob Hinrichs, die sich kongenial zwischen 20er-Jahre-Avantgarde (also die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts), Fünfziger-Jahre-Cartoons und Gebrauchsgrafik bewegt.

Die Geschichte selbst, die bei Arthur Schnitzler im Wien der späten Kaiserjahre spielt, verlegte er in eine zeit- und ortlose bundesdeutsche Mittelstandsgegenwart, die immer noch einen Hauch Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland verströmt. Immer noch geht es um ein Ehepaar und sexuelle Wünsche.

Die Geschichte selbst dürfte von Schnitzler oder von Stanley Kubricks textnaher Verfilmung „Eyes Wide Shut“ bekannt sein. Es war sein letzter Film. Tom Cruise und Nicole Kidman spielten das sexuell verwirrte Paar. Kubrick verlegte die Geschichte in das heutige New York und ich fragte mich die ganze Zeit, warum Kubrick sie nicht historisch korrekt und wie auch von ihm gewünscht, in Wien der späten Kaiserjahre spielen ließ.

Hinrich wählte einen deutlich freieren Zugang. Das Ergebnis überzeugt in jeder Beziehung.

Wie bei der Erstausgabe ist auch in der aktuellen Ausgabe Schnitzlers Novelle abgedruckt. Sie erschien erstmals 1925 als Fortsetzungsroman und 1926 als Buch. Man kann also direkt Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen.

Jakob Hinrichs/Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Favoritenpresse, 2026

192 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Büchergilde, 2012

Hinweise

Homepage von Jakob Hinrichs

Favoritenpresse über den Comic

Wikipedia über die „Traumnovelle“ (deutsch, englisch) und Jakob Hinrichs

Um Begehren geht es auch in Paul Wincks „Zwischen den Bäumen“. Die Journalistin Mathilde soll eine Reportage über eine in Südfrankreich abgeschieden lebende religiöse Gemeinde schreiben. Sie fremdelt mit den Gläubigen und ihren Riten. Mit Anita, der Köchin und Gärtnerin der Gemeinschaft, versteht sie sich allerdings gut.

Wegen der Kürze und weil Winck sich vor allem auf seine Bilder verlässt, bleibt „Zwischen den Bäumen“ auf der Story-Ebene etwas diffus. Das gilt vor allem für die Gemeinschaft und ihr seltsames Verhalten. Die Sekte lud Mathilde ein, einen Bericht über sie zu schreiben, erschwert ihr dann aber die Arbeit.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte und die damit verbundene Frage, ob Anita weggehen soll, sind dagegen gelungener.

Wer also keinen Thriller über eine investigative Journalistin und eine brandgefährliche Sekte erwartet, kann zugreifen.

Paul Winck: Zwischen den Bäumen

Moom Comics, 2025

72 Seiten

15 Euro

Hinweise

Moom Comics über Paul Winck

Orlando wird im 16. Jahrhundert in England als Mann geboren. Viele Jahre später wird er im Schlaf zur Frau. Eine Erklärung für die Geschlechtsumwandlung gibt es nicht. Fortan muss der Edelmann, der bei den Frauen äußerst beliebt war, ein Leben als ebenfalls nicht älter werdende Frau führen.

Sein/Ihr Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts schildert Virginia Woolf in ihrem schon lange zum Klassiker gewordenem Roman „Orlando“, untertitelt als ‚Biographie‘. Das feministische Buch erschien 1928.

Susanna Kuhlendahls Comic „Orlando“ liest sich durchgehend wie die Reader’s Digest-Version des Romans. Sie lädt dazu ein, den Roman oder auch Sally Potters legendäre Verfilmung von 1992 (mit Tilda Swinton in der Hauptrolle) wieder (?) zu genießen.

Susanne Kuhlendahl: Virginia Woolf – Orlando

Helvetiq, 2025

208 Seiten

27 Euro

Hinweise

Homepage von Susanne Kuhlendahl

Wikipedia über „Orlando“ (Roman: deutsch, englisch)

Und ab in die Zukunft, die kein besserer Ort ist.

Obwohl das „Paradiso“ als Nobelferienhotel auf den ersten Blick vielversprechend aussieht. Um einige Gäste, wie den Ricky Valentine und seine Bande, muss man sich als normaler Tourist nicht kümmern. Dafür sind zwei Colonial Marshals in einem Undercover-Einsatz, zuständig. Aber dann bringt einer der Gäste einen Xenomorph-Embryo mit – und es passiert das, was immer passiert, wenn Menschen und Xenomorphe sich begegnen. Kurz darauf kämpfen die Hotelgäste und das Personal um ihr Überleben und die Xenomorphe nehmen eine sehr nahrhaft-menschliche Mahlzeit zu sich.

In dem Alien-Comic „Paradiso“ erzählen Autor Steve Foxe und die Zeichner Edgar Salazar und Peter Nguyen auch von überraschenden Koalitionen zwischen Polizisten und Verbrechern.

Das ändert aber nichts daran, dass es inzwischen ein festes Muster für Alien-Geschichten gibt, die einfach nur noch an verschiedenen abgeschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen, die mindestens zu einem großen Teil das Ende der Geschichte nicht erleben, ausgefüllt werden. Das ist durchaus spannend, aber auch etwas überraschungsfrei.

Am Ende ist „Paradiso“ nur eine weitere „Alien“-Geschichte in neuer Kulisse mit anderen Menschen und höchst vertrauten Abläufen.

Steve Foxe/Edgar Salazar/Peter Nguyen: Alien: Paradiso

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini Comics, 2026

120 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Alien: Paradiso (2024) # 1 – 5

Dezember 2024 – April 2025

Hinweise

Wikipedia über das Alien-Franchise (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Alien – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Alien, 2019)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Aliens – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Aliens, 2020)

Meine Besprechung von Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbis „Alien – Die Urfassung“ (Alien: The Original Screenplay # 1 – 5, 2020)

zu Filmen

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, 2017) (Filmroman)

Meine Besprechung von Fede Alvaraz‘ „Alien: Romulus (Alien: Romulus, USA 2024)

zu Comics

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Blutlinien (Band 1)“ (Alien (2021) # 1 – 6, Mai – Oktober 2021)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Erweckung (Band 2)“ (Alien (2021) # 7 – 12, September 2021 – Juni 2022; Alien Annual (2022) 1, September 2022)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Julius Ohta: Alien: Icarus (Band 3) (Alien (2022) # 1 – 6, November 2022 – April 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardos „Alien: Tauwetter (Band 1)“ (Alien (2023) # 1 – 5, April 2023 – August 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardo/Danny Earls‘ „Alien: Descendant (Band 2)“ (Alien Annual (2023) 1, Dezember 2023; Alien (2023 B) # 1 – 4, Januar – April 2024)

Meine Besprechung von Collin Kelly/Jackson Lanzing/Michael Dowlings „Alien: Schwarz, Weiß & Blut“ (Alien: Black, White & Blood (2024) # 1 – 4, 2024)

Meine Besprechung von Paul Reiser/Leon Reiser/Adam F. Goldberg/Hans Rodionoff/Brian Volk-Weiss/Guiu Vilanovas „What if…? Aliens“ (Aliens: What if…? (2024) # 1 – 5, 2025)

Die „Blade Runner“-Welt ist fast so alt wie die „Alien“-Welt. In dieser Welt geht es um das Zusammenleben von Menschen und menschenähnlichen Robotern, Replikanten genannt. Ursprünglich wurden sie auf anderen Planeten als Arbeitssklaven eingesetzt. Irgendwann begehrten sie gegen ihr Schicksal auf. In den zwanziger Jahren brachen die Ökosysteme zusammen und die „Blade Runner“-Welt wurde noch dystopischer.

In der in drei Bänden herausgegebenen und inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegenden von Mike Johnson (Geschichte), Andrés Guinaldo (Zeichnungen) und Marco Lesko (Farben) erfundenen „Blade Runner 2039“-Geschichte geht es um die seit zwanzig Jahren untergetauchte LAPD-Blade-Runner-Jägerin Aahna „Ash“ Ashina. Danach half sie Replikanten, aus ihrer Sklaverei zu entkommen. Jetzt muss Ash ihr Versteck verlassen. Denn Bösewicht Niander Wallace hat Luv, die erste Blade-Runner-Replikantin des LAPD und ein Klon von Ash, beauftragt, Cleo Selwyn zu finden. In Cleos DNA könnte der Schlüssel zur Fortpflanzung der Replikanten liegen.

Ash“ ist ein gelungener Abschluss der Miniserie.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039: Ash (Band 3 von 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 3: Ash

Alcon Publishing/Titan Publishing 2025

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)“ (Blade Runner 2039 vol. 1: Luv, 2025)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)“ (Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade, 2025)

Aus Japan gibt es eine weitere Ladung Horrorkurzgeschichten. Es ist der fünfte Band der von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Mangas „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ und er enthält die Geschichten 39 bis 50. Es sind immer noch vollkommen unabhängige, im heutigen Japan, bevorzugt unter Jugendlichen spielenden Horrorkurzgeschichten. Einmal gehen drei Jugendliche nach Einbruch der Dunkelheit in einen Park. Für eine Mutprobe wollen sie einem Geist begegnen. Einer der Jungs fragt die sich auf einem Smartphone befindende KI. Und diese sagt ihnen, welchen Weg sie benutzen sollen.

Eine geschiedene Frau sucht über eine Dating-App einen Mann. Dieses Mal scheint sie den richtigen Mann gefunden zu haben. Ein junger Mann hat Schlafprobleme. Eine Frau hat eine außereheliche Affäre, für die sie einen Geheimaccount eingerichtet hat. Ein Lehrer erfährt unangenehm viel Aufmerksamkeit von einer Schülerin. In einer anderen Geschichte ist ein Fangirl überhaupt nicht davon begeistert, dass der von ihr bewunderte Boygroup-Sänger sich in eine andere Frau verliebt hat.

Immer wieder geht es in Juoku Kawakamis Geschichten um Bedrohungen durch neue Techniken, Geister, japanische Mythen, die in der Gegenwart fortexistieren, und ein fundamentales Unwohlsein an und in der Gegenwart.

Weil alle Geschichten sehr kurz sind, muss Kawakami immer schnell auf die meist gelungene Pointe zusteuern. Trotzdem wiederholt sich, wer alle Geschichten kennt, inzwischen einiges. Wenn bei Kawakami eine Streamerin auf einem Parkplatz für eine Nacht Kamera aufbaut, haben wir eine gute Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan: Band 5

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2026

192 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 5

Shogakukan, 2026

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3″ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 4, 2025)

Wenn man unter ‚Comic‘ ‚Zeichungen‘ und ‚Texte in Sprechblasen‘ versteht, dann ist „Wahrheit“, der zweite Band der „Comicothek der Philosophie“, ein Comic. Trotzdem sind die erklärenden Texte wichtiger. Martine Gasparov, Philosophin, Philosophielehrerin an einer Schule für Kunst und Design in Paris und Verfasserin von Philosophie-Handbüchern für die Abiturprüfung, und Illustratorin Émilie Boudet haben mit dem Band „Wahrheit“ eine sehr kurze, klare und präzise Einführung in die Frage gegeben, was aus philosophischer Sicht „Wahrheit“ ist, was die Probleme bei verschiedenen Definitionen sind, ob man immer die Wahrheit sagen muss und ob die Idee der Wahrheit nicht ein Instrument zur Herrschaft ist.

Auf noch nicht einmal sechzig Seiten geben Gasparov und Boudet einen sehr guten Einblick in das Thema – und sie liefern viel Stoff zum Nachdenken.

Weitere Bände, unter anderem zu den Themen „Gerechtigkeit“, „Freiheit“, „Freizeit“ und „Zeit“ sind geplant.

Martine Gasparov/Émilie Boudet: Die Comicothek der Philosophie: Wahrheit

(übersetzt von Edmund Jacoby)

Jacoby & Stuart, 2026

64 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Toute la Philo en BD/La vérité

Belin Éducaions & La Boite à Bulles, 2022

Hinweis

Jacoby & Stuart über das Buch

 


„Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ im Nobelhotel Bellagio

Juni 24, 2026

Weil Frauchen Urlaub machen möchte, bringt sie ihre Katze Miez Marple in dem noblen Tierhotel Bellagio unter. Dort stolpert sie, wie wir uns auch ohne einen Blick auf das mit dem diesjährigen Bloody Cover ausgezeichnete Cover („Ein flauschiger Kriminalroman“) und die Inhaltsangabe denken können, in einen Mordfall. Schließlich erinnert ihr Name „Miez Marple“ an „Miss Marple“, der Name ist Programm und Fabian Navarro schrieb bereits zwei Kriminalromane mit der Katzendetektivin.

Jetzt muss Miez Marple ihre Fähigkeiten in einem von der Außenwelt hermetisch abgeriegeltem Luxus-Resort einsetzen. Die Showkatze Schnurrsanne wurde bestialisch ermordet. Wobei Miez Marple misstrauisch ist. Keine der vielen Wunden war tödlich. Soll hier etwas vertuscht werden? Sie beginnt zu ermitteln und, wie es sich für einen Rätselkrimi in der Tradition von Agatha Christie gehört, ist jeder Hotelgast verdächtig.

Auch der von ihr aufgrund einer früherer Ermittlung ungeliebte Mitbewohner Florian Silberschweif. Der opportunistische Schlagerkater leidet an einer Schreibblockade. Nach dem Mord dient er sich bei ihr als Assistent an. Schließlich kennt er die anderen Gäste und ihre Beziehungen zueinander. Es handelt sich um Informationen, die auch in der von Miez Marple nicht gelesenen Klatschpostille BELLT ausführlich abgehandelt werden.

Miez Marple und die Tatze der Verdammnis“ ist ein cozy Rätselkrimi, der in der Welt der Tiere spielt. Diese beschreibt Fabian Navarro sehr schön mit ihren Marotten, ihrer Sicht auf die Welt und die sich ihnen gegenüber oft seltsam verhaltenden Menschen. Die Tiere sind dabei ziemlich schlau, können sich untereinander problemlos verständigen (nicht wie wir Menschen) und ihre Welt unterscheidet sich kaum von der Welt der Menschen.

Etwas enttäuschend ist das Ende. Es ist nämlich kein klassisches Rätselkrimiende, in dem die Ermittlerin Miez Marple die Verdächtigen in einem Raum versammelt und zuerst mehrere falsche und abschließend den richtigen Täter präsentiert. Stattdessen schnappt sie den Täter auf quasi frischer Tat (Pfote?) und dieser gesteht sofort alles.

Das gesagt ist Navarros dritter Miez-Marple-Krimi ein unterhaltsamer Urlaubsausflug für die Ermittlerin, der nach einer kurzen Erkundung des Ortes sofort zu einem Arbeitsaufenthalt wird. Denn, wie bei zweibeinigen Ermittlern, folgen auch vierbeinigen Ermittlern Mord und Totschlag überall hin.

Fabian Navarro: Miez Marple und die Tatze der Verdammnis

Haymon Krimi, 2025

208 Seiten

16,90 Euro

Hinweise

Homepage von Fabian Navarro

Haymon Verlag über Fabian Navarro

Wikipedia über Fabian Navarro


TV-Tipp für den 22. Juni: Der Rote Kakadu (+ Buchkritik: Augenblick # 95: „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf)

Juni 21, 2026

NDR, 22.45

Der Rote Kakadu (Deutschland 2006)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström, Günter Schütter (Bearbeitung)

DDR, Frühjahr 1961, wenige Monate vor dem Bau der Mauer (was damals niemand ahnte): In Dresden stolpert der zwanzigjährige Bühnenmaler Siggi (Max Riemelt) in unbekannte Welten zwischen Theater, dem Tanzlokal „Roter Kakadu“ (wo Jazz und westliche Rockmusik gespielt werden) und neuen, freiheitsliebenden Freunden. Das sorgt schnell für Ärger…mit der Staatsmacht.

Lebendiger Blick auf die DDR in den frühen sechziger Jahren und auf jugendliches Revoluzzertum.

mit Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld, Ingeborg Westphal, Devid Striesow, Kathrin Angerer, Tanja Schleif, Volker Michalowski, Klaus Manchen, Heiko Senst, Nadja Petri

Die aktuell grafliche Lektüre

Am 12. Februar 2025 unterhielt sich Lisa Gotto (Professur für Theorie des Films, Universität Wien) mit Dominik Graf über sein Leben und Werk als Regisseur. Jetzt liegt die Niederschrift des Interviews, mit fast achtzig das Gespräch illustrierenden Bildern und vielen für Orientierung sorgenden Zwischenüberschriften, als 95. Heft der „Augenblick“-Buchreihe vor – und es lohnt sich für alle, die (mal wieder) in das Denken und Werk von Dominik Graf eintauchen wollen, die einen konzentrierte und selbstkritischen Einblick in Grafs Werk wollen und die mehr über die letzten fünfzig Jahre Geschichte des deutschen Films im Kino und Fernsehen erfahren wollen. Denn Dominik Graf gehört zu den wenigen Regisseuren, die öffentlich immer wieder über ihr Werk nachdenken, ein filmisches Programm haben und auch Ansprüche an sich, Kollegen und Produzenten stellen. Vor allem arbeitet Graf für das Fernsehen, oft in Serien und Reihen, wie „Der Fahnder“ (die legendären Anfänge, die auch in dem Interview ausführlich beleuchtet werden), „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Meistens inszeniert er Kriminalfilme, Unterkategorie Polizeifilm. Er arbeitet also nahe am Publikum, aber immer mit einem Anspruch an sich und die Geschichte und einem unverwechselbarem Stil.

In dem Interview spricht er über das alles.

Danach will man wieder einen der im Buch erwähnten Filme sehen. Beispielsweise, um zwei nicht von Graf inszenierte Filme, die er auch niemals inszeniert hätte, aber im Gespräch lobend erwähnt und die heute definitiv so nicht wieder inszeniert würden, zu nennen, „Im Himmel ist die Hölle los“ oder Bockmayers „Geierwally“.

Augenblick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft # 95 (herausgegeben von Lisa Gotto): „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf

Schüren Verlag, 2026

138 Seiten

12,90 Euro (Einzelheft)

Hinweise

Filmportal über „Der Rote Kakadu“

Wikipedia über „Der Rote Kakadu“ und Dominik Graf 

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“ (2009)

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010)

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“ (2010)

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf” (2012)

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2014)

Meine Besprechung von Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Domink Graf/Felix von Boehms (Co-Regie) „Jeder schreibt für sich allein“ (Deutschland 2023)

Dominik Graf in der Kriminalakte

 


Roberto Grossi erzählt über „Die große Verdrängung“

Juni 15, 2026

In „Die große Verdrängung“ erzählt Roberto Grossi nicht das, was man nach einem flüchtigen Blick auf das Titelbild vermuten könnte. Jedenfalls nicht nur und nicht an erster Stelle. Die steigende Zahl von Flüchtlingen, die in der oberen Bildhälfte zu sehen sind, ist eine Folge des Klimawandels. Klimawandel ist dabei ein gern benutzter Euphemismus für die katastrophalen Folgen, die eine weitere Erwärmung der Erde hat. Nämlich dass Tiere und Pflanzen vermehrt aussterben, dass die überlebenden Tiere und Pflanzen sich zunehmend andere Lebensräume suchen und dass große Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar werden. Außer man möchte 24/7 in einer klimatisierten Wohnung sitzen und auf die Wüste starren.

In seinem Comic „Die große Verdrängung“ warnt Roberto Grossi vor dieser Veränderung und er ruft zum Handeln auf. Er verbindet dabei eine etwas längere, glänzend recherchierte und präzise geschriebene Reportage mit Bildern, die durch ihre Platzierung und Kombination, zum Nachdenken anregen. Dabei zeigt er auch die Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung, daraus entstehenden Konflikten, Industrialisierung, Kapitalismus und Flucht auf. Er zeigt, wie in komplexen Systemen manchmal kleine von Menschen vorgenommene Veränderungen große Veränderungen haben können.

Die große Verdrängung“ ist äußerst lesenswert als schneller und gelungener Einstieg in das vielschichtige Thema. Aufgrund der Zeichnungen ist es ein zum Nachdenken anregender Kurzessay über die Zusammenhänge zwischen verschiedenen menschheitsbedrohenden Problemen und wie sie gelöst werden können. Auch wenn Grossi nach dem ersten Schritt – dem Schaffen von Aufmerksamkeit und Problembewusstsein über die titelgebende ‚große Verdrängung‘ – den zweiten nur skizziert.

Dafür wurde „Die große Verdrängung“ in der Kategorie „Sachbuch“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Die Preisverleihung ist am 9. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.

Roberto Grossi: Die große Verdrängung

(übersetzt von Myriam Alfano)

avant-verlag, 2025

208 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

La grande rimozione

Coconino Press, 2024

Hinweise

Homepage von Roberto Grossi

avant-verlag über Roberto Grossi

Perlentaucher über „Die große Verdrängung“

 


Paolo Bacilieri zeichnet die „Private Venus“ von Giorgio Scerbanenco

Juni 12, 2026

Duca Lamberti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drei Jahre verbüßte der Arzt, weil er Sterbehilfe leistete. Jetzt darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Durch die Vermittlung eines Freundes wird ihm sofort eine Arbeit angeboten: ein reicher Mailänder Industrieller bittet ihn, seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Davide von seinem Alkoholismus zu heilen. Duca ist einverstanden. Um Davide langfristig zu heilen, muss er herausfinden, warum der Junge trinkt.

Kurz darauf gesteht Davide ihm, er sei ein Mörder. Er habe einer Frau, die sich umbringen wollte, nicht geholfen. Wenige Stunden später ist sie tot. Seitdem fühlt Davide sich für ihren Tod verantwortlich. Er beginnt zu trinken. Als Duca sich die Umstände ihres Todes genauer ansieht, ist er überzeugt, dass sie ermordet wurde. Durch einen mit einer Minox aufgenommenen Film, den sie in Davides Auto verloren hatte, kommt er auf eine vielversprechende Spur. Auf dem Film sind Bilder von zwei nackten Frauen. Beide wurden ermordet.

Private Venus“ ist die von Paolo Bacilieri gezeichnete Comic-Version von Giorgio Scerbanencos erstem Duca-Lamberti-Kriminalroman. Scerbanenco (1911 – 1969) schrieb zu Lebzeiten zahlreiche Romane. Er gilt als einer der Erneuerer des italienischen Kriminalromans. Am bekanntesten ist er für seine vier Duca-Lamberti-Romane.

Bacilieri nahm die Texte aus Scerbanencos kurzem Roman. Die Handlung übernahm er mit minimalsten Änderungen. In seinen Zeichnungen entsteht ein atmosphärisches Bild Italiens in den späten sechziger Jahren.

Der Fall selbst ist spannend und angenehm ungewöhnlich. Schließlich ermittelt hier kein Polizist, sondern ein Privatmann. Er stolpert in einen Fall hinein. Bei der Lösung helfen dem Polizistensohn Duca die Polizei, die in bestimmten Momenten nicht wissen will, was er und seine Freunde tun. Seine Freunde sind Davide, der nicht mehr von Ducas Seite weichen will, und Livia Ussaro, die die Tote kannte, weil sie beide auch als Prostituierte arbeiteten.

Die Lösung ist überraschend und gruselig. Sie zeigt auch, wie viel sich in den vergangenen sechzig Jahren veränderte. Damals war das Motiv des Mörders ein nachvollziehbarer Grund für mehrere Morde. Heute nicht mehr.

Der zweite Duca-Lamberti-Comic „Verratene Verräter“ ist für September 2026 angekündigt. Das ist genug Zeit, um bis dahin Scerbanencos Roman zu lesen.

Paolo Bacilieri: Private Venus (nach dem Roman von Giorgio Scerbanenco)

(übersetzt von Myriam Alfano)

Avant-Verlag, 2024

160 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Venere Privata

Oblomov Edizioni, 2023

Die Vorlage

Giorgio Scerbanenco: Venere Privata

Garzanti Editore, Mailand, 1966

Mehrere deutsche Übersetzungen und Auflagen bei verschiedenen Verlagen:

Leichte Mädchen sterben schwer (übersetzt von Eva Schönfeld)

Das Mädchen aus Mailand (übersetzt von Christiane Rhein)

Hinweise

Homepage von 

avant-verlag über Paolo Bacilieri

Krimi-Couch über Giorgio Scerbanenco

Perlentaucher über Giorgio Scerbanenco

Wikipedia über Giorgio Scerbanenco (deutsch, englisch, italienisch) und Paolo Bacilieri (deutsch, italienisch)


„Einigkeit und Recht und Rache“ und ein vergifteter Bundeskanzler und ein ebenso vergifteter Finanzminister

Juni 2, 2026

Der Bundespresseball ist eine der großen Veranstaltungen, auf denen sich Politik und Journalismus in Berlin treffen und ein festes Programm durchziehen.

Dieses Mal wird die eingeübte Routine unterbrochen von dem Tod des Bundeskanzlers Oskar Vergis und des Finanzministers Claas von der Linden. Beide werden während der Veranstaltung im Hotel Adlon mit dem exotischen Gift Batrachotoxin vergiftet.

Kriminaloberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann beginnen als Teil der großen Ermittlungsgruppe mit der Suche nach dem Täter. Ein politisches Motiv ist naheliegend. Sie und ihre Kollegen müssen die echten von den vielen falschen Verdächtigen trennen und Tonnen an Videomaterial auf der Suche nach einer Spur sichten. Schnell entdecken sie auf einem Video den Kellner, der den beiden Opfern die Gläser auf den Tisch stellte. Im Gegensatz zu den anderen Kellnern standen auf seinem Tablett nur zwei Champagnergläser. Damit ist klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die beiden Politiker handelte. Noch verdächtiger wird der Kellner, weil er wenige Minuten nach der Tat in die Türkei flüchtet. Fast genauso schnell ist Heidergott überzeugt, dass dieser Kellner nicht die Tat geplant hat.

Alle anderen Ermittlungen verlaufen im Nichts. Nach mehreren Tagen haben sie immer noch keine heiße Spur. Aber einige der von ihnen Befragten deuten an, dass die Tat vielleicht von einem anderen Politiker oder einer im politischen Betrieb tätigen Person veranlasst wurde. Das ist für Wolfgang Ainetter, der von 2018 bis 2021 Sprecher im Bundesverkehrsministerium war, die Gelegenheit, ein wenig aus dem Innenleben der Bundespolitik und der verschiedenen Bundesministerien zu plaudern.

Der Fall selbst spielt während der Ampelregierung – oder präziser während einer Ampelregierung, die an die zerstrittene Ampelregierung erinnert. Die Minister im Buch heißen Norbert Bobeck (Wirtschaftminister), Alma Brock (Außenministerin) und Lucy Faenger (Innenministerin). Auch das weitere im Roman erwähnte politische Spitzenpersonal ist anhand ihrer Namen, Positionen und ihres Verhaltens ähnlich leicht erkennbar.

Als den Ermittlern in einem Video auffällt, dass das eine Glas nicht für den Finanzminister, sondern für Maresa Röhn, die mächtige „Wumms24“-Herausgeberin (so etwas wie „Bild“), bestimmt war, haben Heidergott und Schippmann endlich einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz.

Ein Kanzleramtskrimi“ ist der zutreffende Zusatz von Wolfgang Ainetters zweitem Roman mit dem aus Wien stammendem Kommissar André Heidergott. Heidergott ist der immer wieder sympathisch abschweifende Ich-Erzähler der Geschichte.

Denn „Einigkeit und Recht und Rache“ ist letztendlich ein Regiokrimi. Viele Figuren sind nur leicht fiktionalisierte Versionen von aus der Realität bekannten Personen. Straßen, Verkehrsverbindungen, Örtlichkeiten und Lokale (sie werden am Buchende in einem „Diäten-Register“ aufgelistet) werden penibel genannt und immer ist Zeit für eine Mahlzeit. Das Privatleben der Ermittler gestaltet sich familiär. Der gar nicht so schlechte Fall wird eher nebenbei gelöst. Ainetter, der lange als Journalist arbeitete, unter anderem bei der „Bild“, erzählt die Geschichte des die Republik erschütternden Doppelmordes flott, unaufgeregt und mit einer angenehmen Erzählstimme.

Und weil die letztendlich harmlose Geschichte quasi vor meiner Haustür spielt, bin ich überaus positiv gestimmt. Das ist ein weiteres Kennzeichen eines Regiokrimis: Menschen, die in der Region leben, in der der Regiokrimi spielt, mögen die Geschichte, weil sie die Gegend wieder erkennen.

Das hat – und will – nichts mit den aufklärerischen Polit-Thrillern von Autoren wie Horst Eckert und Andreas Pflüger zu tun haben.

Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache – Ein Kanzleramtskrimi

Haymon Krimi, 2026

352 Seiten

14,95 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Ainetter

Haymon Krimi über Wolfgang Ainetter

Perlentaucher über Wolfgang Ainetter


Cover der Woche + Buchtipp: Monroe – Ein Hollywoodmärchen!

Juni 2, 2026

Marilyn Monroe (1. Juni 1926 in Los Angeles, als Norma Jeane Mortenson [kirchlich registrierter Taufname Norma Jeane Baker] – 4. August 1962 in Brentwood, Los Angeles)

Wer hätte vor hundert Jahren gedacht, dass MM über sechzig Jahre nach ihrem Tod immer noch bekannt ist?

In ihrer Comic-Biographie „Monroe – Ein Hollywoodmärchen!“ (Les étoiles de l’histoire: Marilyn Monroe, 2020) erzählen Bernard Swysen (Text) und Christian Paty (Zeichnungen) auf knapp hundert Seite das Leben der Schauspielerin, die mehr als nur ein Sexsymbol sein wollte, pointiert nach. Eine Leseempfehlung. 

Die bei Panini erschienene deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.


Jérôme Leroy schreibt über „Die kleine Faschistin“

Mai 27, 2026

Frankreich in naher Zukunft: der Präsident hat sich im Élysée-Palast vollkommen von der Welt isoliert. Er wird nur noch „der Verrückte“ genannt. Seine einzige Amtshandlung sind regelmäßige Auflösungen der Nationalversammlung. Es sind, wie der Erzähler der Geschichte auf der ersten Seite von „Die kleine Faschistin“ sagt, die letzten Tage vor dem Sturz der Republik. Die Bonneval-Affäre hatte daran einen entscheidenden Anteil. Welchen will der Erzähler uns auf den folgenden 140 Seiten erzählen.

Patrick Bonneval ist ein in Nordfrankreich in der Nähe der Grenze zu Belgien lebender sechzigjähriger Mitte-Links-Politiker, der jetzt wieder für die Nationalversammlung kandidieren will. Laut der Prognose der Tarantel, einer legendären Strippenzieherin, wird er in wenigen Monaten der Premierminister sein. Er sei der Letzte, der die Republik noch retten könne.

Sein aussichtsreichster Gegner in seinem Wahlkreis ist ein Trottel vom Patriotischen Block. Diese Ultra-Rechts-Partei wird in ganz Frankreich immer stärker. Sie könnte eine der nächsten Regierungen stellen.

Und dann gibt es noch die titelgebende „kleine Faschistin“. Die zwanzigjährige Francesca Crommelynck, die aussieht wie ein „nationalsozialistisches Postergirl“, wuchs in einer rechtsradikalen Familie auf. Ihre Kindheitsliebe war der Sohn eines kabylischen Kommunisten. „War“ weil er als Vierzehnjähriger ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefunden. Der andere wichtige Mann in ihrem Leben ist ihr großer Bruder Nils, der ebenfalls tot ist. Sie könnte im Patriotischen Block eine wichtige Rolle übernehmen.

Und viel mehr soll nicht verraten werden über die Geschichte von Jérôme Leroys neuestem Roman „Die kleine Faschistin“. Äußerst flott, angenehm verdichtet und etwas schnoddrig erzählt Leroy auf wenigen Seiten eine äußerst verwickelte und schwarzhumorige Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite in Politik getränkt ist. „Die kleine Faschistin“ reiht sich nahtlos in Leroys bisheriges Werk ein mit seiner nüchternen Analyse der französischen Gesellschaft und des dortigen Rechtsextremismus.

Empfehlenswert!

Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin

(übersetzt von Cornelia Wend)

Edition Nautilus, 2026

152 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La petite fasciste

La Manufacture de livres, Paris, 2025

Hinweise

Edition Nautilus über Jérôme Leroy

Perlentaucher über Jérôme Leroy

Wikipedia über Jérôme Leroy (deutsch, englisch, französisch)

Blog von Jérôme Leroy

Meine Besprechung von Lucas Belvaux‘ „Das ist unser Land!“ (Chez nous, Frankreich/Belgien 2017) und der DVD (Leroy ist Co-Drehbuchautor)

Meine Besprechung von Jérôme Leroys „Der Block“ (Le bloc, 2011)


Gegen „Die große Hitze“ hilft „Blut Salz Wasser“ und Denise Mina

Mai 25, 2026

Nachdem Diogenes unlängst in vorzüglichen neuen Übersetzungen die Romane von Raymond Chandler noch einmal veröffentlichte und hoffentlich einige Jüngere Chandler und den von ihm erfundenen Privatdetektiv Philip Marlowe entdeckten, gibt es jetzt für sie und langjährige Marlowe-Fans Nachschub. Die Erben von Raymond Chandler beauftragten die Tartan-Noir-Autorin Denise Mina mit dem Schreiben eines Philip-Marlowe-Romans. Das ist schon eine kleine Sensation. Denn seit Chandlers Tod am 26. März 1959 erschienen nur sehr wenige Werke, in denen andere Autoren neue Geschichten mit dem stilbildendem Hardboiled-Privatdetektiv erzählten. Das war bei anderen Autoren, teils aus verschiedenen Gründen, anders. Ace Atkins schrieb zwischen 2012 und 2022 zehn neue Spenser-Romane. Seitdem schreibt Mike Lupica neue Spenser-Romane. Max Allan Collins schrieb seit 2008 sechzehn neue Mike-Hammer-Romane. Er konnte dabei auf Material von Mickey Spillane zurückgreifen. Joe Gores schrieb einen Sam-Spade-Roman. Max Allan Collins unlängst ebenso. Keiner dieser Romane wurde ins Deutsche übersetzt.

Robert B. Parker (der Erfinder von Spenser, einem deutlich von Marlowe und Spade beeinflusstem Privatdetektiv) vollendete 1989 ein Manuskript von Raymond Chandler und schrieb anschließend einen weiteren Marlowe-Roman. Benjamin Black (John Banville) folgte 2014 mit „The Black-Eyed Blonde“ (Die Blonde mit den schwarzen Augen). Und jetzt Denis Mina mit „Die große Hitze“.

1938 erhält Marlowe von dem unglaublich vermögendem, im Sterben liegendem Patriarchen Chadwick Montgomery den Auftrag seine zweiundzwanzigjährige Tochter Chrissie zu suchen. Die Erbin des Ölmoguls verschwand wenige Stunden vor ihrer Verlobungsfeier. Jetzt soll der Privatdetektiv mit festem Tagessatz („Ich kriege vierzig pro Tag, im Voraus, plus Spesen im Nachhinein.“) und Ehrenkodex sie finden.

Wie es sich für einen zünftigen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi gehört, beginnt er sich umzuhören, findet sie und steht schnell tief in der Scheiße.

Schon auf den ersten Seiten herrscht ein wohliges Retro-Gefühl. Man erinnert sich an ähnliche Situationen aus Chandlers Romanen und Kurzgeschichten (die er teils in seinen Romanen recyclte), den guten Verfilmungen (es gibt auch weniger gelungene) – und den vielen, vielen, sehr vielen Marlowe-Kopien in anderen Kurzgeschichten, Romanen, Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen. Marlowe und Dashiell Hammetts Sam Spade wurden seit ihrem ersten Auftritt unzählige Male als Vorbild genommen oder parodiert. Seit Jahhrzehnten sind sie ein fester Teil des popkulturellen Gedächtnisses. Das ist ein Problem, mit dem Denise Mina zu kämpfen hat.

Ein anderes ist Chandlers markante Sprache, die unzählige Male kopiert, nachgeahmt und parodiert wurde. Dieses Problem umgeht Denise Mina, indem sie nicht auf Biegen und Brechen versucht, in mindestens jedem zweiten Satz eine Metapher oder einen absurden, aber einprägsamen und die Situation präzise beschreibenden Vergleich zu bringen.

Sie bringt auch feministische Themen ein und Marlowe arbeitet mit einer Privatdetektivin zusammen. Chandler schrieb seine Geschichten zwischen 1933 und 1958. Vier seiner sieben Romane erschienen zwischen 1939 und 1943. Seitdem veränderte sich einiges.

Die von ihr erfundene Geschichte wird schnell verwirrend, weil Ich-Erzähler Marlowe die Ereignisse nicht vollständig überblickt und viel passiert. Das kennen wir von Chandler, der auch nicht immer den Durchblick in seinen Geschichten hatte. Aber bei Mina zerplätschert die Geschichte auch. Sie wird langweilig und langatmig. Und am Ende bleiben in einem Roman, der nie eigenständig genug ist, um zu begeistern, eigentlich alle Fragen offen.

Schade.

Fast zeitgleich zur deutschen Ausgabe von „Die große Hitze“ erschien im Unionsverlag die Taschenbuch-Ausgabe von Denise Minas fünftem und letztem Inspector-Morrow-Roman. Die deutsche Erstausgabe von „Blut Salz Wasser“ erschien 2018 im Argument Verlag.

Alex Morrow, Kriminalinspektorin der Polizei von Glasgow, sucht die spurlos verschwundene Wirtschaftskriminelle Roxanna Fuentecilla, die gerade ein mehr oder weniger illegales Millionengeschäft plante. Zur gleichen Zeit irrt der während einer Entführung zum Mörder gewordene Kleinganove Ian Fraser durch die Stadt und Boyd Fraser, der verheiratete, in die Stadt zurückgekehrte Betreiber eines veganen Restaurants, trifft seine ebenfalls nach Jahren in die Stadt zurückgekehrte, sich etwas seltsam verhaltende ehemalige Pfadfinderleiterin Susan Grierson wieder.

Mina erzählt, vor dem Hintergrund des Referendums zur Unabhängigkeit Schottlands, gleichzeitig und sehr detailliert mehrere Plots, die miteinander zusammen hängen. Sie entwirft dabei auf knapp 360 Seiten ein dichtes Geflecht zwischen legalen, halblegalen und vollkommen illegalen Geschäften, die durch den Ausgang des Referendums positiv oder negativ beeinflusst werden (weshalb jeder von ihnen auf einen bestimmten Ausgang des Referendums hinarbeitet). Während jede einzelne Figur nur einen Teil des gesamten Bildes wahrnimmt, bekommt der Leser ein sich langsam vervollständigendes Bild der Ereignisse und Hintergründe. Und weil es sich um einen Noir handelt, siegen am Ende nicht die Guten. Sofern es sie in dieser Welt überhaupt gibt.

Denise Mina: Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman

(übersetzt von Else Laudan)

ariadne/Argument Verlag, 2026

304 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

The second Murderer

Harvill Secker, 2023

Denise Mina: Blut Salz Wasser

(übersetzt von Zoe Beck)

Unionsverlag, 2026

368 Seiten

15 Euro

Deutsche Erstausgabe (immer noch erhältlich für 19 Euro)

ariadne/Argument Verlag, 2018

Originalausgabe

Blood Salt Water

Orion Publishing Group, London, 2015

Hinweise

zu Raymond Chandler

Wikipedia über Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutschenglisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

zu Denise Mina

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Meine Besprechung von Denise Minas „Fester Glaube“ (Confidence, 2022)

Meine Besprechung von Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)


TV-Tipp für den 21. Mai: No Way Out – Es gibt kein Zurück

Mai 20, 2026

Tele 5, 20.15

No Way Out – Es gibt kein Zurück (No way out, USA 1987)

Regie: Roger Donaldson

Drehbuch: Robert Garland

LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1946 (Die große Uhr)

Offizier Farrell hat eine Affäre mit der Geliebten des Verteidigungsministers. Als sie stirbt, soll Farrell die Spuren vertuschen und den Augenzeugen für die Tat finden: sich.

Enorm spannender Krimi mit Top-Besetzung und überraschenden Story-Twists bis zur letzten Sekunde.

Mit Kevin Costner, Gene Hackman, Sean Young, Will Patton, Howard Duff, George Dzundza, Brad Pitt (ist wohl irgendwann einmal als Partygast zu sehen; ist einer seiner allerersten Filmauftritte)

Lesetipp: Der Roman, der den Film inspirierte

Die Vorlage für „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ erzählt die Geschichte etwas anders. In dem Roman soll George Stroud, Chefredakteur des True-Crime-Magazins „Crimeways“, den Mann suchen, der Pauline Delos nach Hause begleitete. Sein Chef Earl Janoth möchte das. Denn er möchte diesem Mann, den er in der Nacht nur als Schatten gesehen hat, den Mord an seiner Geliebten Pauline Delos anhängen. Janoth ermordete sie in einem Eifersuchtsanfall. Was Janoth nicht ahnt ist, dass Stroud der Mann ist, der Delos nach Hause begleitete.

Unglaublich, aber wahr: die deutsche Erstausgabe von Kenneth Fearings „Die große Uhr“ erschien erst 2023. Im Original erschien der Noir-Roman bereits 1946. Er wurde Fearings erfolgreichstes Werk und gilt schon lange als Noir-Klassiker.

Und es wurde zweimal erfolgreich und sehr unterschiedlich verfilmt. Einmal, nah am Buch, 1947 von John Farrow. Roger Donaldson verlegte 1987 die Geschichte in die Welt der Politik und Spionage. Jetzt ist der Täter der US-Verteidigungsminister und ein hochrangiger Soldat soll den Zeugen/“Täter“ finden. Und beide Male ließen deutsche Verlage die günstige Gelegenheit, den Roman zu veröffentlichen, ungenutzt verstreichen.

Dabei ist der chronologisch, aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Stimmen stringent erzählte Noir immer noch eine beängstigende und spannende Lektüre über einen Mann, der sich selbst jagt und sich als Unschuldiger an den Galgen liefern soll, damit der Schuldige entkommen kann. Eine wahrhaft teuflische Prämisse.

Nach seiner deutschen Erstveröffentlichung stand der Noir zweimal auf der Krimibestenliste.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

(übersetzt von Jakob Vandenberg, mit einem Nachwort von Martin Compart)

Elsinor, 2023

200 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Big Clock

Harcourt Brace, 1946

Hinweise

Rotten Tomatoes über “No Way Out”

Wikipedia über „No Way Out“ (deutschenglisch) und Kenneth Fearing

Meine Besprechung von John Farrows Kenneth-Fearing-Verfilmung “Spiel mit dem Tode” (The Big Clock, USA 1947)

Meine Besprechung von Roger Donaldson Bill-Granger-Verfilmung „The November Man (The November Man, USA 2014)


Über Edgar Reitz‘ „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch“

Mai 15, 2026

Inzwischen ist „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, der neue Film von Edgar Reitz, auch als Stream und auf DVD erhältlich. Man könnte also fragen, warum man sich ein Buch zulegen soll, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus einer Nacherzählung des Films besteht. Nun, diese Nacherzählung über die fiktive Begegnung zwischen dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und der Malerin Aaltje van de Meer, die ein Bild von ihm anfertigen soll, ist der eine Grund. Denn natürlich unterscheidet sich eine Nacherzählung die dem fertigen Film folgt, von dem Film. Die Lektüre dient, wenn man den Film kennt, der Erinnerung und sie ermöglicht ein vertieftes Eintauchen in die Dialoge. Denn schnell entwickelt sich zwischen Leibniz und Aaltje ein beide und die Zuschauer herausfordernder intellektueller Schlagabtausch.

Außerdem besteht das Filmbuch nicht nur aus dem nacherzähltem Drehbuch, den Credits, einigen Kurzbiograpien und vielen Film- und Setfotos, sondern auch aus Hintergrundmaterial. Es gibt ein Gespräch mit Edgar Reitz, ein Essay von Co-Drehbuchautor Gert Heidenreich und eine von ihm erstellte Literaturliste, Notizen von Kameramann Matthias Grunsky zum Lichtkonzept der fast ausschließlich in der im Souterrain liegenden Gartenmeisterei spielenden Geschichte und umfassende Auszüge aus dem E-Mail-Schriftverkehr zwischen Edgar Reitz und Leibniz-Darsteller Edgar Selge. Dieser Schriftwechsel gibt einen guten Einblick in die lange vor dem ersten Drehtag beginnende Arbeit zwischen einem Regisseur und einem Schauspieler. In diesem Fall gibt sie auch einen Einblick in die Schwierigkeiten einen letztendlich kleinen Film mit seinen wenigen Schauspielern und wenigen Drehorten zu finanzieren.

Das Filmbuch ist durchgehend informativ und vermittelt viele Informationen über verschiedene Aspekte des Films von der ersten Idee bis zum fertigen Werk.

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch“ vertieft das Filmerlebnis gelungen und ist für künftige Arbeiten über den Film und Edgar Reitz ein essenziell.

Wegen des kleinen Drucks täuscht die Seitenzahl.

Edgar Reitz: Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch

Schüren, 2025

192 Seiten

28 Euro

Der Film

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (Deutschland 2025)

Regie: Edgar Reitz, Anatol Schuster (Co-Regie)

Drehbuch: Gert Heidenreich, Edgar Reitz

mit Edgar Selge, Aenne Schwarz, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Antonia Bill, Michael Kranz

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Moviepilot über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Rotten Tomatoes über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Wikipedia über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ und Gottfried Wilhelm Leibniz (deutschenglisch)

Berlinale über „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips) (Film- und Buchkritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ (2015)

Meine Besprechung von Edgar Reitz/Anatol Schusters „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ (Deutschland 2025)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Schafe, der Mord und die Bestseller-Verfilmung „Glennkill: Ein Schafskrimi“

Mai 14, 2026

Einiges muss man einfach akzeptieren. Nein, nicht dass Schafe reden und einen Mordfall lösen. Sondern dass alle Schafe in „Glennkill“ fotorealistisch animiert sind. Sie sehen immer etwas unnatürlich aus.

Diese Schafe gehören dem Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) (im Buch George Glenn). Der liegt eines Tages, mit einem Spaten in seinem Körper, auf seiner Wiese. Offensichtlich wurde er ermordet. Seine Schafherde, angeführt von der schlauen Lily (im Buch Miss Maples), will herausfinden, wer ihren liebenswerten Schäfer brutal ermordete.

Die Idee für diese Geschichte stammt von Leonie Swann. Sie schrieb den Rätselkrimi „Glennkill“, der 2005 ein Überraschungs-Bestseller wurde und 2006 den Friedrich-Glauser-Preis als bester deutschsprachiger Debütkriminalroman erhielt. Denn Leonie Swann ist eine deutsche Autorin und „Glennkill“ erschien ursprünglich auf Deutsch.

Zahlreiche Übersetzungen, auch ins Englische, folgten. Dort erschien der Roman 2008 unter dem Titel „Three Bags Full: A Sheep Detective Story“.

Die Verfilmung heißt jetzt, um die Verwirrung zu vervollständigen, im Original (also im angloamerikanischen Raum) „The Sheep Detectives“. Als hätte man nicht einfach bei „Glennkill“ bleiben können.

Schnell gab es Pläne für eine Verfilmung und rechtliche Probleme. Denn es war unklar, wie sich eine deutsche und eine internationale Verfilmung (bzw. eine Hollywood-Verfilmung) zueinander verhalten sollten. Nachdem das geklärt war, war eine Hollywood-Verfilmung möglich. Außerdem hat sich die Tricktechnik in den vergangenen zwanzig Jahren enorm weiterentwickelt. Die „Avatar“-Filme und einige Disney-Live-Action-Filme, wie „The Jungle Book“ und „Der König der Löwen“, zeigten, wie gut Menschen, animierte Tiere (oder andere Lebewesen) und mehr oder weniger reale Landschaften miteinander interagieren können.

Inszeniert wurde der Krimi jetzt von Kyle Balda („Minions“, „Ich – Einfach unverbesserlich 3“, „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“). Craig Mazin („The Huntsman & The Ice Queen“, „Chernobyl“, „The Last of Us“) schrieb das Drehbuch.

Die von Mazin erfundene Filmgeschichte übernimmt aus dem Roman die Prämisse und die Idee, den Kriminalfall aus der Sicht von Schafen zu erzählen. Der nun folgende Kriminalfall im Film hat nichts mit dem Fall im Roman zu tun. Das gilt selbstverständlich auch für den Täter und sein Motiv. Mazin veränderte und erfand viele Personen. So ist der ermordete Schäfer im Film viel netter als im Roman. Er hat auch einen besseren literarischen Geschmack. Im Film liest George seinen auf der Wiese grasenden Schafen Kriminalromane vor und vermittelt ihnen so das Handwerkszeug, um den Mordfall aufzuklären. Im Buch liest er ihnen vor allem schnulzige Liebesromane vor. Im Buch ist der Kriminalfall kaum bis überhaupt nicht vorhanden. Entsprechend wenig ermtteln die Schafe.

Das sind aber nur Details. Der größte und wichtigste Unterschied ist, dass der Film von Menschen gemacht wurde, die die Regeln des Rätselkrimis kennen, respektieren und lieben. Ihr „Glennkill“ ist ein aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählter witziger Rätselkrimi und eine Reflexion über die Regeln des Rätselkrimis.

Der Roman wurde offensichtlich von jemand geschrieben, dem das egal ist. Die Geschichte wurde lieblos in ein Krimi-Korsett gezwängt, weil Krimis sich verkaufen. Vor allem wenn sie mild humoristisch sind. Vor zwanzig Jahren waren schon seit längerem Katzenkrimis sehr beliebt. Schafe sind da nur andere Vierbeiner, die dem Publikum gefallen könnten. Diese Egal-Einstellung gegenüber dem Krimi-Genre zeigt sich auch daran, dass Leonie Swann ihren Schäfer Liebesromane vorlesen lässt. Der Roman-George liest ihnen Schnulzen vor. Seine Erbin Rebecca liest ihnen Emily Brontës „Wuthering Heigths“ vor.

Das macht Swanns Roman zu einem wenig überzeugendem Möchtegern-Kriminalroman und Baldas Film zu einem rundum überzeugendem cozy Rätselkrimi mit einem deutlich erkennbarem humoristischem Einschlag.

Pünktlich zum Filmstart erschien vor wenigen Tagen Leonie Swanns dritter Schafskrimi. „Widdersehen“ spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“ wieder auf der aus „Glennkill“ bekannten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.

Glennkill: Ein Schafskrimi (The Sheep Detectives, USA 2026)

Regie: Kyle Balda

Drehbuch: Craig Mazin

LV: Leonie Swann: Glennkill, 2005

mit Hugh Jackman, Nicholas Braun, Nicholas Galitzine, Molly Gordon, Hong Chau, Emma Thompson, Tosin Cole, Kobna Holdbrook-Smith, Conleth Hill, Mandeep Dhillon

(im Original den Stimmen von) Julia Louis-Dreyfus, Chris O’Dowd, Regina Hall, Brett Goldstein, Rhys Darby, Patrick Stewart, Tommy Birchall, Bryan Cranston, Bella Ramsey

(in der deutschen Synchronisation mit dem Stimmen von) Anke Engelke, Bastian Pastewka

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage, neu aufgelegt bei einem neuen Verlag

Leonie Swann: Glennkill

Dumont, 2026

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2005

Die weiteren Schafskrimis von Leonie Swann mit den schlauen irischen Schafen und ihrer Schäferin Rebecca

Leonie Swann: Garou

Dumont, 2026

448 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2010

Leonie Swann: Widdersehen

Dumont, 2026

336 Seiten

25 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Glennkill“

Metacritic über „Glennkill“

Rotten Tomatoes über „Glennkill“

Wikipedia über „Glennkill“ (Verfilmung: deutsch, englisch; Roman: deutsch, englisch) und Leonie Swann (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kyle Balda/Brad Ableson (Co-Regie)/Jonathan del Vals (Co-Regie) „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ (Minions: The Rise of Gru, USA 2022)

Dumont über Leonie Swann

Perlentaucher über Leonie Swann

Mein Hinweis auf Leonie Swanns „Widdersehen“-Lesereise


„Widdersehen“ mit „Glennkill“: Leonie Swann auf Lesereise – die ersten Termine

Mai 7, 2026

Vor wenigen Tagen erschien ihr neuer Schafskrimi.

In wenigen Tagen startet im Kino die Verfilmung ihres ersten Schafskrimi.

Aber was ist ein Schafskrimi? Nun, das ist, wenn wir uns bei der Erklärung auf die drei bislang von Leonie Swann geschriebenen Schafkrimis konzentrieren, ein Krimi, in dem die Geschichte aus der Perspektive von Schafen erzählt wird und Schafe einen Mordfall aufklären. Als Leonie Swanns erster Schafskrimi 2005 erschien, war er ein Überraschungserfolg. „Glennkill“ wurde 2006 in der Kategorie Bestes Debüt mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet und in 25 Sprachen übersetzt. In dem cozy Rätselkrimi will eine Schafherde, angeführt von Amateurdetektivin Miss Maple, dem klügsten Schaf der Herde, herausfinden, wer ihren Schäfer George Glenn mit einem Spaten ermordete und anschließend auf ihrer Wiese liegen ließ.

Ihr neuer Roman „Widdersehen“, gleichzeitig ihr dritter Schafskrimi, spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“, wieder auf der aus „Glennkill“ vertrauten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.

Mit diesem Roman im Gepäck begibt die inzwischen in der Nähe von Cambridge lebende gebürtige Bayerin Leonie Swann sich auf Lesereise.

Die aktuell geplanten Termine sind:

Berlin | Thalia Tauentzienstraße

Dienstag, 12. Mai | 20 Uhr

Bremen | Thalia Hansehof

Mittwoch, 13. Mai | 19:30 Uhr

Odenthal | Literatur am Dom

Freitag, 26. Juni | 20:00 Uhr

München | Literaturhaus

Dienstag, 21. Juli

Frankfurt | Literaturhaus

Mittwoch, 7. Oktober (Zum Start der Frankfurter Buchmesse könnte es ziemlich voll werden.)

Weitere Termine sollen folgen.

Leonie Swann: Widdersehen

Dumont, 2026

336 Seiten

25 Euro

So fing es an

Leonie Swann: Glennkill

Dumont, 2026

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2005

Die Verfilmung startet am Donnerstag, den 14. Mai 2026.

So ging es weiter

Leonie Swann: Garou

Dumont, 2026

448 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Goldmann, 2010

Hinweise

Dumont über Leonie Swann

Perlentaucher über Leonie Swann

Wikipedia über Leonie Swann (deutsch, englisch)


Über Richard Hallas‘ Noir „Wer verliert gewinnt“

April 29, 2026

Auch hier ist der in ähnlicher Form aus unzähligen Filmtrailern und Plakaten bekannte Satz „Vom Erfinder von ‚Lassie’“ (um jetzt nicht allgemein „Von den Machern von xyz“ hinzuschreiben) ähnlich sinnfrei. Denn der Roman „Wer verliert gewinnt“ hat nichts mit der Geschichte „Lassie come home“, die zuerst eine Kurzgeschichte war, die Eric Knight (1897 – 1943) später zu einem Roman ausbaute, zu tun. Das eine ist die Geschichte einer Collie-Hündin, die hunderte Kilometer von Schottland nach Yorkshire läuft, um zu seinem ursprünglichem Besitzer, einem Jungen, zurückzukehren. Die Verfilmung von 1943 mit einer jungen Elizabeth Taylor, Fortsetzungen, Neuverfilmungen und TV-Serien (die erste lief von 1954 bis 1973 im US-Fernsehen) trugen weiter zur Popularität des treuen Hundes bei. Das andere ist ein Noir, der sich damals gut verkaufte, mehrmals neu aufgelegt wurde und irgendwann zum Noir-Klassiker gekürt wurde. Eric Knight veröffentlichte den Noir damals unter dem Pseudonym Richard Hallas. Seitdem wurde der Roman mal unter seinem Namen, mal unter dem Pseudonym veröffentlicht.

Und jetzt wurde er wieder auf Deutsch veröffentlicht. Es handelt sich um eine Neuauflage der ersten und bislang einzigen deutschsprachigen Veröffentlichung 1944 beim Berner Scherz Verlag.

Im Mittelpunkt der in den dreißiger Jahren während der Großen Depression spielenden Geschichte steht Ich-Erzähler Richard ‚Dick‘ Dempsey. Am Buchanfang hat ihn seine Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn und ihrem gesamten Vermögen verlassen. Er vermutet, dass sie nach Kalifornien fährt, weil sie ein Filmstar werden will. Er will sie wieder haben und begibt sich in Hobo-Manier auf den Weg nach Hollywood.

Kaum ist er im Land der Träume angekommen, werden seine Frau und sein Sohn zu einer Nebensache. Stattdessen taucht Dick in die dortige verrückte Gesellschaft ein. Er wird mit abstrusen Erklärungen zu abstrusen Verbrechen angestiftet. Er trifft einen Groß-Regisseur, eine nächtliche Schwimmerin und die Gründerin der Ökanaanomischen Partei. Er verliert sich in dieser für ihn fremden Welt, in der Geld keine Rolle spielt.

Die Stärke von Richard Hallas‘ Roman liegt dabei in dem Porträt dieser verrückten Gesellschaft und den verschwimmenden Grenzen zwischen Wahn, Wunderglaube, abstrusen Theorien, Hollywood-Träumen und Verbrechen.

Wer verliert gewinnt“ ist definitiv einen Blick wert für Fans von Noirs und in Kalifornien spielenden Geschichten.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

(übersetzt von Anna Katharina Rehmann-Salten)

(mit einem Nachwort von Martin Compart)

Elsinor, 2026

224 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

You play the Black and the Red comes up

1938

Deutschsprachige Erstausgabe

Scherz Verlag, Bern (Schweiz),1944

Hinweise

Wikipedia über Richard Hallas (deutsch, englisch)


Keine Kritik, sondern ein Nachruf auf das „Lexikon des Internationalen Films“ als Druckwerk

April 15, 2026

Normalerweise würde ich jetzt durch die neue Ausgabe des „Lexikon des Internationalen Films“ blättern und nebenbei eine gewohnt euphorische Kritik schreiben. Das tue ich dieses Jahr nicht, weil die Macher des Lexikons, der filmdienst.de und die Katholische Filmkommission für Deutschland, das Lexikon als jährliches Druckerzeugnis nicht weiterführen wollen. Die schon seit längerem nur noch online verfügbare Zeitschrift film-dienst wird fortgeführt.

Einerseits ist das verständlich. Das Jahrbuch war noch nie ein Bestseller. Zuletzt wurde im Impressum eine Auflage von 4000 Exemplaren genannt. Die Arbeit an so einem Buch ist, auch wenn auf bereits geschriebene Texte und Kritiken zurückgegriffen werden, immens. Es muss auf die Seitenzahl geachtet werden. Es muss gelayoutet werden. Davor müssen die Bilder ausgesucht werden. Das ist verdammt viel Arbeit.

Andererseits ist es – ich schwanke zwischen dem höflichen „sehr schade“ und dem ehrlichen „eine Katastrophe“. Nach dem Ende des „Fischer Film Almanach“ 1999 und dem bei Heyne erschienenem „Filmjahrbuch“ 2005 gibt es jetzt kein jährlich erscheinendes Filmlexikon mehr, in dem alle in einem Kalenderjahr im Kino, auf DVD/Blu-ray, im Stream und im Fernsehen erstmals gezeigten Spielfilme und spielfilmlangen Dokumentarfilme mit Kurzkritiken vorgestellt werden und wichtige Daten zu Festivals und Besucherzahlen, Nachrufe und das Filmgeschehen einordnende Texte versammelt sind. Einige werden jetzt sagen, das gebe es doch alles online. Das stimmt so nicht. Denn online sind die Daten ein einziger unsortierter Heuhaufen. In einem Buch sind sie gebündelt, sortiert und unveränderbar. Sie bilden eine Bestandsaufnahme und einen Rückblick auf das, was in einem Jahr wichtig war und wie damals bestimmte Dinge gesehen wurden. Die im Jahr 2000 geschriebene Einschätzung zu einem Film wird immer die vor über 25 Jahren geschriebene Einschätzung bleiben. Rückblickend, vor allem viele Jahre später, fällt dann auf, was bestand hatte, was nicht und was man heute anders sieht.

Werfen wir dafür einen Blick in die im März 2007 erschienene Ausgabe des Lexikons zum „Filmjahr 2006“. Vor zwanzig Jahren war das Schwerpunktthema die Filmkritik, was sie leistet und was sie leisten sollte. Mehrere Texte beschäftigten sich mit der Filmkritik im Fernsehen, die schon damals randständig war. Claudia Lenssen schreibt über die Rezeption von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Mit zwei Millionen Zuschauern war es der damals dritterfolgreichste deutsche Film des Kinojahres.

Die für die „film-dienst“-Redaktion besten Kinofilme des Jahres waren

Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen)

Babel (Alejandro Gonzales Inárritu)

Battle in Heaven (Carlos Reygadas)

Brokeback Mountain (Ang Lee)

Caché (Michael Haneke)

Good Night, and Good Luck (George Clooney)

Das Leben der Anderen (Florian Henckel von Donnersmarck) (erhielt auch den Deutschen Filmpreis in Gold und ist das Titelbild des Lexikons)

Requiem (Hans-Christian Schmid) (mit Sandra Hüller)

Sommer ’04 (Stefan Krohmer)

Syriana (Stephen Gaghan)

The New World (Terrence Malick)

Volver – Zurückkehren (Pedro Almodóvar)

Die Zeit die bleibt (Francois Ozon)

Die Liste weckt Erinnerungen, erstaunt und ist immer noch eine gute Liste von Filmempfehlungen. Wer das Buch vor sich hat, beginnt zu blättern, bemerkt, dass Corinna Harfouch damals als „Blond: Eva Blond!“ im TV ermittelte (Die köstliche Serie könnte mal wiederholt werden! – Oh, ein Fall, über einen ermordeten Billig-TV-Produzenten, hieß sogar „Epsteins Erbe“.) und verliert sich in den Filmen, die damals anliefen und heute teils vergessen oder anders bewertet werden. Dabei zeigt die Begrenzung auf ein Kalenderjahr auch immer, was zu einer bestimmten Zeit produziert und gesehn wurde. Online ist das so nicht möglich.

Weil es – soviel Realist bin ich – auf absehbare Zeit kein gedrucktes Filmjahrbuch, das zugleich Analyse und Lexikon ist, geben wird, wäre, als kümmerlicher Ersatz, ein leicht auffindbarer Themenschwerpunkt auf der Seite des filmdienst.de wünschenswert. In dem Themenschwerpunkt sollten, wie in dem Lexikon, die Filme des Jahres genannt werden, wichtige, innerhalb des Kalenderjahres erschienene Artikel hervorgehoben werden (so ein „immer noch lesenswert“), es einen Überblicksartikel über wichtige Entwicklungen in der Welt des Films, Preise und Zahlen und eine Seite mit Nachrufen geben. Das wäre immerhin ein Ersatz.

Hinweise

Homepage der Zeitschrift „Filmdienst“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung von “Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2013“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2014“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2016“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2017“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2019/2020“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2020/2021“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2021/2022“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2022/2023“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2023/2024“

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2024/2025“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Ryan Gosling ist „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist seine Mission

März 19, 2026

Als Ryland Grace wach wird, liegen neben ihm zwei ziemlich verweste Leichen und er hat keine Ahnung, wo er ist.

So fangen Krimis und Horrorgeschichten an. „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist allerdings keine Horrorgeschichte und auch kein Thriller, sondern der von Sony Pictures erhoffte nächste Science-Fiction-Blockbuster. Als Grundlage des Films diente der dritte und bislang neueste Roman von Hard-SF-Autor Andy Weir, dem Autor von „Der Marsianer“. Ryan Gosling übernahm die Hauptrolle. Sandra Hüller hat in ihrem gelungenem Hollywood-Debüt die wichtigste und mit entsprechend viel Leinwandzeit ausgestattete Nebenrolle.

Es dauert im Roman und im Film einige Zeit, bis Ryland Grace herausgefunden hat, wer er ist und wo er sich befindet. Er ist in dem Raumschiff Hail Mary und fliegt zum Tau-Ceti-System. Er erwachte aus einem künstlichen Koma. Er und seine beiden toten, arg verwesten Mitastronauten wurden dorthin geschickt, um die Welt zu retten. Denn die Astrophagen entziehen der Sonne das für das Leben auf der Erde nötige Licht. Die einzelligen Lebewesen begeben sich entlang des Petrowa-Strahls auf eine Reise zu Tau Ceti. Die Menschheit hofft, dass die Astronauten herausfinden, warum die Astrophagen sich zu dem Ort bewegen und wie man die Entwicklung umkehren kann.

Vor dem Raumflug ohne Rückfahrtticket war Dr. Ryland Grace Lehrer an einer Highschool. Davor stand dem promovierten Molekularbiologen eine Karriere als Wissenschaftler offen. Er publizierte auch ein in der Wissenschaftler-Gemeinde wahrgenommenes Papier über den Ursprung des Lebens. Darin vertrat er die These, Leben sei nicht unbedingt von Wasserstoff und Sauerstoff abhängig. Die Wissenschaftlerin Eva Stratt (Sandra Hüller) nahm ihn in ihr Team, die Petrowa-Taskforce, auf. Sie wurde von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beauftragt, die Menschheit zu retten. Alles, was sie dafür braucht oder haben möchte, steht ihr zur Verfügung. Sie muss es nur anfordern.

An seinem Zielort trifft Ryland auf ein Alien-Schiff und einen Außerirdischen. Dieser knuffig aussehende, an Bernd das Brot erinnernde Außerirdische, den Ryland Rocky nennt, hat die gleiche Mission. Nur: wie sollen sie sich verständigen?

Das Regie-Duo Phil Lord und Christopher Miller („Spider-Man: Into the Spider-Verse“, „The Lego Movie“) und Drehbuchautor Drew Goddard halten sich in ihrer Verfilmung eng an Andy Weirs Roman. Aber immer, wenn es im Roman wissenschaftliche Erklärungen gibt, biegt der Film in Richtung Comedy ab. So bleibt im Film die gesamte Wissenschaft rätselhaft. Das war in „Der Marsianer“ anders. In Ridley Scotts Verfilmung von Andy Weirs Debütroman, ebenfalls nach einem Drehbuch von Drew Goddard, glaubte man nach dem Film, man habe die gesamte Wissenschaft und die Feinheiten des Kartoffelanbaus verstanden. Nach „Der Astronaut – Project Hail Mary“ fühlt man sich bestenfalls kurzweilig unterhalten und besser. Denn trotz drohendem Weltuntergang und Selbstmordmission ist „Der Astronaut“ ein Feelgood-Film.

Lord und Goddard erzählen die Geschichte mit ihren zahlreichen Rückblenden, flott und immer auf die nächste Pointe hin. Die Zeit – der Film dauert fast drei Stunden – vergeht schnell, aber die Geschichte ist auch etwas dünn für die epische Laufzeit.

Bei dem ebenfalls sehr langem Roman – aufgrund des kleinen Drucks führen die 560 Seiten etwas in die Irre – erfahren wir mehr über die wissenschaftlichen Grundlagen und auch über die komplizierte Arbeit der Wissenschaftler an den Astrophagen, den ständigen Versuchen und, manchmal tödlichen, Irrtümern, und den Vorbereitungen für den viele Jahre dauernden Flug durch den Weltraum.

Gleichzeitig besteht genug Zeit, sich zu fragen, warum es in der Hail Mary nicht eine leicht zu findende Datei gibt, die den aus dem Tiefschlaf aufwachenden Astronauten sofort verraten würde, wo sie gerade sind und warum sie dort sind. Weil es so ein Papier mit den wichtigen Informationen nicht gibt, muss Ryland alles mühsam enträtseln.

Der Astronaut – Project Hail Mary (Project Hail Mary, USA 2026

Regie: Phil Lord, Christopher Miller

Drehbuch: Drew Goddard

LV: Andy Weir: Project Hail Mary, 2021 (Der Astronaut; Der Astronaut – Project Hail Mary)

mit Ryan Gosling, Sandra Hüller, Lionel Boyce, Ken Leung, Milana Vayntrub

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (mit mehr naturwissenschaftlichen Erklärungen und Filmcover)

Andy Weir: Der Astronaut – Project Hail Mary

(übersetzt von Jürgen Langowski)

Heyne, 2026

560 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Poject Hail Mary

Ballantine Books, New York, 2021

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Astronaut – Project Hail Mary“

Metacritic über „Der Astronaut – Project Hail Mary“

Rotten Tomatoes über „Der Astronaut – Project Hail Mary“

Wikipedia über „Der Astronaut – Project Hail Mary“ (Roman: deutsch, englisch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Phil Lord/Christopher Miller „22 Jump Street“ (22 Jump Street, USA 2014)

Meine Besprechung von Drew Goddards „Bad Times at the El Royale“ (Bad Times at the El Royale, USA 2018)

Meine Besprechung von Ridley Scotts Andy-Weir-Verfilmung „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Homepage von Andy Weir

Bookmarks über „Der Astronaut“

 


Jamie Lee Curtis ist nicht „Mother Nature“

März 18, 2026

Jetzt macht sie auch noch Comics! Dabei ist die Entstehungsgeschichte von „Mother Nature“, der ersten Graphic Novel von Jamie Lee Curtis (Ja, genau, die Jamie Lee Curtis!), etwas komplizierter.

Curtis hatte ein Drehbuch für einen Öko-Horrorfilm konzipiert und mitgeschrieben. Als Comiczeichner und -autor Karl Stevens davon hörte, wollte er es lesen. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen ihm, Curtis und Regisseur Russell Goldman, dem Regisseur der von Comet Pictures/Blumhouse geplanten, sich anscheinend im Moment in der Entwicklungshölle befindenden Verfilmung. Schon früh ließen sie sich von Indigenen beraten. Sie gaben ihnen einen Einblick in deren Leben und Kultur.

Die in New Mexico liegende Kleinstadt Catch Creek ist ökonomisch von Cobalt Industries abhängig. Die Firma fördert vor Ort Öl, ist experimentellen Fördermethoden gegenüber aufgeschlossen und gibt sich als Wohltäter. Ihr neuestes Projekt ist das Mother-Nature-Project. Mit einer neuen Technologie soll verunreinigtes Wasser aufbereitet werden. Es soll, in den Worten der Chefin Cobalt Industries Cynthia Butterfield, aus der Wüste eine grüne Oase machen. Die erste Testanlage wird demnächst in Catch Creek fertiggestellt.

Seit dem Tod ihres Vaters – als er 1995 eine Erdöltiefpumpe von Cobalt Industries reparieren wollte, wurde er von ihr erschlagen – kämpft Nova Terrell gegen den Konzern. Sie macht ihn für den Tod ihres Vaters und weitere Schweinereien verantwortlich. Während ihrer Sabotageaktionen entdeckt sie auf dem Boden eine gelb-grünliche Flüssigkeit und sieht den Geist einer Frau.

Mother Nature“ ist ein zwiespältiges Werk – und jetzt begebe wir uns in das Spoiler-Territorium; wobei im Nachwort von Brian Lee Young und dem Interview mit Jamie Lee Curtis und Russell Goldman einiges Verraten wird. In der Geschichte selbst bleibt der Bezug zur Diné-Kultur eher kryptisch. Über weite Strecken der Geschichte wirkt die aus der Erde kommende Bedrohung wie eine x-beliebige Bedrohung, die am Ende, je nachdem, was dem Autor besser gefällt, mit einem Hinweis auf die Rache der Natur an den Umweltfreveln der Menschen oder einer ungünstigen Kombination von Chemikalien und Lebewesen oder einer Mischung aus beidem erklärt.

Bis dahin plätschert die Geschichte mit seltsamen Sichtungen, bizarren Todesfällen und Subplots überraschend spannungsfrei vor sich hin.

Jamie Lee Curtis/Russell Goldman/Karl Stevens: Mother Nature – Die Rache der Erdgeister

(übersetzt von Sandra Kentopf)

Panini Comics, 2026

184 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Mother Nature

Titan Comics, 2023

Hinweise

Panini über den Comic

Wikipedia über „Mother Nature“


Horst Eckert # 21: Die Praktikantin

März 16, 2026

 

Horst Eckert stellt seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse 2026 vor

Carla Bergmann kann ihr Glück kaum fassen: in der Lokalredaktion der Morgenpost hat sie einen Praktikumsplatz bekommen. Als erstes soll sie den Polizeibericht bearbeiten. Das ist eine typische Anfängeraufgabe. Dabei entdeckt sie eine Meldung über einen Einbruch in ein Büro. Zwei Männer wurden verhaftet. Sie fragt bei der Polizeisprecherin nach. Diese sagt ihr, es habe sich um eine Irrtum gehandelt und die beiden verhafteten Männer seien bereits entlassen worden.

Damit könnte die Sache erledigt sein. Aber Carla fragt sich, warum die Polizeisprecherin so pampig reagierte.

Sie recherchiert weiter, findet heraus, dass in das Büro eines ukrainischen Magazins, für das auch regimekritische Exilrussen schreiben, eingebrochen wurde, aber nichts gestohlen wurde. Kurz darauf wird auf Artem Woronin, einem der für das Magazin arbeitenden Journalisten, ein Anschlag verübt. Dieser Anschlag geschieht Sekunden vor einem Treffen mit Clara, bei dem er ihr wichtige Dokumente übergeben wollte. Er stirbt in der Garage der Morgenpost.

Danach ist diese Geschichte für die Morgenpost eine große Story. Zusammen mit Jan Koller, früher Investigativjournalist, jetzt Hauptstadtkorrespondent der Zeitung, will Clara herausfinden, wer warum Woronin ermordete.

Dabei begegnen der erfahrene Journallist und die Praktikantin auch einigen aus früheren Thrillern von Horst Eckert bekannten Figuren, wie den Polizisten Vincent Veih und Melia Adan. Und in Berlin bricht in dem an wenigen Tagen im November spielendem Thriller gerade die Regierung auseinander. Ähnlichkeit mit einem realen Koalitionsbruch sind gewollt. Schließlich schreibt Horst Eckert schon seit Jahren seine fabelhaften Politthriller dicht entlang aktueller Ereignisse, Entwicklungen und Schlagzeilen. In dem Einzelroman „Die Praktikantin“ beschäftigt sich der frühere TV-Journalist, neben dem Ukrainekrieg in all seinen Facetten, mit aktuellen Entwicklungen in der Zeitungsbranche. Der Spardruck, KI-Anwendungen und anstehende Fusionen prägen die Arbeit in der Redaktion.

Der Hauptplot – die Recherche von Carla und Jan über die Hintergründe des Einbruchs – entwickelt sich flott und actionreich. Das liegt einerseits daran, dass „Die Praktikantin“ zu Eckerts kürzeren Werken gehört, und andererseits daran, dass er eine Story erzählt, die von Eric Ambler sein könnte. Wie bei Ambler geraten in diesem Fall zwei (bei Ambler war es normalerweise ein) Normalbürger in eine sie überfordernde labyrinthische politische Verschwörung, bei der unklar ist, ob sie das Ende der Geschichte erleben.

Zwischen all den Fronten und verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Interessen verliert Horst Eckert nie den Überblick. Sein neuester Pageturner ist wieder einmal glänzend geplottete Aufklärung

Die Praktikantin von Horst Eckert

 

Horst Eckert: Die Praktikantin

Heyne, 2026

384 Seiten

17 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Wikipedia über Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Wolfsspinne“ (2016)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Im Namen der Lüge“ (2020)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Die Stunde der Wut“ (2021)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Das Jahr der Gier“ (2022)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Die Macht der Wölfe“ (2023)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Nacht der Verräter“ (2024)