Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Edward Bergers Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“

September 30, 2022

Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ fand ich, als ich sie vor Ewigkeiten sah, grandios. Die Botschaft von der Sinnlosigkeit dieses Sterbens wurde überzeugend präsentiert. Das war ein Krieg, in dem es nur um ein, zwei Meter matschiges Land ging. Die Bilder vom Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren erschreckend real. Immerhin ist der Film von 1930 und das, was Lewis Milestone damals zeigte, musste sich in punkto graphischer Grausamkeiten nicht vor neueren Kriegsfilmen verstecken. Der Film war damals ein Skandal und hatte in vielen Ländern Probleme mit der Zensur.

In Deutschland protestierten die Nazis gegen den Film. Unter anderem randalierten sie in Aufführungen des Films. Er wurde verboten und kam in einer gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als sie 1933 an die Macht kamen, verboten sie den Film wieder. Erst 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ in der Bundesrepublik wieder aufgeführt; in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung. 1984 rekonstruierte das ZDF den Film. Für diese 135-minütige Fassung, die sich am ursprünglichen Drehbuch orientiert, wurde eine neue Synchronisation erstellt.

Milestones Verfilmung ist schon seit Ewigkeiten ein Filmklassiker. Sie kann inzwischen mühelos als DVD oder Blu-ray gekauft werden. Anfang November veröffentlicht Capelight Pictures eine aus fünf Blu-rays und einer DVD bestehenden „Ultimate Edition“, die mehrere über die Jahrzehnte entstandene Fassungen und deutsche Synchronisationen des Meisterwerks enthält.

Remarques Antikriegsroman ist ebenfalls schon Jahrzehnten ein Klassiker. Der Roman war sofort nach seinem Erscheinen 1929 ein Bestseller und er wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt. Er gehörte auch zu den Büchern, die am 10. Mai 1933 von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Der Antikriegsroman liest sich immer noch erstaunlich gut und seine Botschaft ist immer noch aktuell.

Über neunzig Jahren nach der ersten Verfilmung – wenn wir die ebenfalls gelobte, eher vergessene US-TV-Verfilmung von 1979 beiseite lassen – kann auch dieser Roman wieder verfilmt werden. Dieses Mal selbstverständlich in Farbe. Wobei Edward Berger trotzdem fast einen SW-Film inszenierte. Denn in den Schützengräben der Westfront gab es viel Matsch und schmutzige Uniformen.

Erzählt wird – ich folge jetzt der Filmgeschichte, die sich in Details vom Roman unterscheidet – die Geschichte des siebzehnjährigen Paul Bäumer (Felix Kammerer). Der Gymnasiast meldet sich mit seinen Klassenkameraden im Frühjahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst. Sie werden an die Westfront geschickt.

An der Front lernen sie schnell, dass sie nur Kanonenfutter sein werden. Eine falsche Bewegung oder eine zu langsame Reaktion kann den Tod bedeuten. Freundschaften gibt es nur bis zum nächsten Angriff und dem nächsten tödlichen Schuss.

Dieses Schlachtfeld verlässt Berger für einige Minuten, wenn er am Filmanfang zeigt, wie Bäumer und seine Schulkameraden sich euphorisch zum Kriegsdienst melden und freudig mustern lassen, und in einem längerem Subplot über die Waffenstillstandsverhandlungen. Der zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der das sinnlose Sterben der Frontsoldaten beenden will, verhandelt mit Marschall Ferdinand Foch über das Kriegsende. Der Verhandlungsführer der alliierten Waffenstillstandskommission diktiert dem Zivilisten Erzberger den Friedensvertrag. Am 11. November 1918 unterzeichnete er das Waffenstillstandsabkommen.

Dieser Subplot ist neu. Er liefert etwas historischen Hintergrund für den Zuschauer. Für die Haupthandlung ist diese Nebengeschichte vollkommen unwichtig.

In ihr geht es um das Leben von Bäumer und seinen Kameraden an der Front. Dabei bleiben sie alle austauschbare Figuren, über die wir nichts erfahren. Auch wenn sie im Film öfters auftauchen, erkennen wir sie kaum wieder. Entsprechend wenig berührt uns ihr Tod. Episodisch und ohne Identifikationsfiguren reiht sich hier ein Gefecht an das nächste, ein sinnloser Tod folgt dem nächsten ebenso sinnlosem und zufälligem Tod.

Dieses Sterben an der Westfront inszeniert Edward Berger in langen ungeschnittenen Szenen, die an Sam Mendes‘ „1917“ erinnern.

Die in einem Schloss spielenden Szenen, in denen General Friedrich (Devid Striesow) arrogant über seine Einheiten befiehlt und sie noch in den letzten Minuten des Krieges in den Tod schickt, den er für heldenhaft hält, erinnern an Stanley Kubricks ebenfalls während des Ersten Weltkriegs an der Westfront spielendem Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“.

Berger veränderte auch das Ende des Romans. Er verlegte es vom Oktober 1918 auf das Kriegsende und nimmt ihm viel von der Wucht, die Remarques Ende hat. Oder, anders gesagt: an das Romanende erinnere ich mich noch Jahrzehnte nach der Lektüre. An dieses Filmende werde ich mich wahrscheinlich in einigen Wochen nicht mehr erinnern.

Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem des Films. Remarque bezeichnete seinen Roman in der Erstauflage als einen Bericht über Generation, die vom Krieg zerstört wurde. Heute ist der Roman unbestritten ein Antikriegsroman, der vor allem an der Front spielt und immer bei seiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Paul Bäumer, bleibt. Aber Remarque schreibt auch darüber, wie ein Gymnasiast mit hohen Idealen in den Krieg zieht und er an der Front alle seine Illusionen über den ehrenhaften Kampf und den Einsatz für das Vaterland verliert. Es ist damit auch die Geschichte einer Degeneration eines Bildungsbürgers, die schon in der Ausbildung in der Kaserne beginnt.

Im Film ist Bäumer nur noch ein x-beliebiger Frontsoldat ohne Familie, Überzeugungen oder Ideale. Er ist ein Gymnasiast, aber er könnte genausogut ein Analphabet sein.

Ohne diese Verortung in eine bestimmte Zeit und Gesellschaft verkommt die Botschaft des Films zu einem banalen „Kriege sind schlimm“ und „Für Generäle sind einfache Soldaten nur Kanonenfutter“. Das ist nicht falsch, ist aber angesichts des Krieges in der Ukraine etwas unterkomplex.

Trotzdem ist der mit zweieinhalb Stunden etwas lang geratene, episodische Kriegsfilm ein sehenswerter Film, der eindeutig für die große Leinwand komponiert wurde.

Und danach sollte man unbedingt die Vorlage lesen. Falls man Erich Maria Remarques Roman nicht schon gelesen hat.

Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell

LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929

mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Jetzt im Kino. Ab dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.

Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)

 

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)

Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014

464 Seiten

11 Euro (Taschenbuch)

9,99 Euro (E-Book)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Westen nichts Neues“

Moviepilot über „Im Westen nichts Neues“

Metacritic über „Im Westen nichts Neues“

Rotten Tomatoes über „Im Westen nichts Neues“

Wikipedia über „Im Westen nichts Neues“ (Film: deutsch, englisch) (Roman: deutsch, englisch) und Erich Maria Remarque (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über die Dörte-Hansen-Verfilmung „Mittagsstunde“

September 23, 2022

Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf Brinkebüll. An der Universität hat ‚de Jung‘ sich ein Freisemester genommen. In den nächsten Monaten will der seit Ewigkeiten in Kiel in einer Dreier-WG lebende Professor für Ur- und Frühgeschichte sich um seine Eltern kümmern. Sie brauchen zunehmend Hilfe. Auch wenn Ingwers über neunzigjähriger Vater, Sönke, das nicht akzeptieren will. Er kehrte erst nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurück und führt seitdem den Dorfgasthof. Ingwers Mutter, Ella, ist dagegen schon so dement, dass sie davon fast nichts mehr mitbekommt. Sie lebt schon zu einem großen Teil in der Vergangenheit – und auch für den fünfzigjährigen Ingwer werden die Monate, die er mit seinen Eltern verbringt, zu einer Lebensbilanz und Erinnerung an seine Jugend und die Nachkriegsgeschichte des Dorfes.

Dörte Hansen erzählt in ihrem von der Kritik hochgelobtem Bestseller „Mittagsstunde“ diese Geschichte, indem sie ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Das liest sich gut, ist aber kaum verfilmbar.

Regisseur Lars Jessen und Drehbuchautorin Catharina Junk unternahmen das Wagnis – mit einem zwiespältigem Ergebnis. Auch sie wechseln bruchlos zwischen den Jahrzehnten. Langsam entsteht so eine Geschichte der Familie Feddersen, des fiktiven und daher archetypischen nordfriesischen Dorfes Brinkebüll und den Veränderungen des Landlebens zwischen den Sechzigern und der Gegenwart. Dabei, und hier kommen wir zu einem der großen Probleme des Films, ist die Orientierung zwischen den verschiedenen Zeitebenen schwierig. Jessen blendet nur in den ersten Minuten die Jahrezahlen ein. Danach nicht mehr. Weil sich in einem Dorf aber alles nur langsam verändert und es eine durchaus wohltuende Ignoranz gegenüber schnelllebigen großstädtischen Modeerscheinungen gibt, ist der Unterschied zwischen den Sechzigern, den Siebzigern, den Achtzigern und sogar der Gegenwart kaum erkennbar. Die Inneneinrichtung der Wirtschaft verändert sich kaum. Das Haus der Feddersens noch weniger. Die Kleidung der Dorfbewohner ist vor allem funktional. Und auch Autos geben nur eine grobe Orientierung.

Das zweite Problem ist, dass wir die Figuren als junge, mittelalte und alte Menschen kennen lernen. Aber es ist oft kaum ersichtlich, wer wer ist. Während im Buch immer Ingwer steht und er mal Fünf, mal Fünfzig ist, wird er im Film von einem Kind und einem vollkommen anders aussehendem Erwachsenem gespielt.

Bei jedem Zeitsprung muss daher überlegt werden, wann die Szene spielt und wer zu sehen ist. Entsprechend schwierig ist es, eine emotionale Verbindung zu den verschiedenen Figuren aufzubauen.

Das alles erschwert die Orientierung in dem konventionell erzähltem Film, der – so mein Eindruck vor der Lektüre des Romans – seiner Vorlage zu sklavisch folgt. Nach der Lektüre des Romans weiß ich, dass Junk und Jessen viel veränderten. Aber nicht genug. Ein Voice-Over, und damit auch die Entscheidung für eine Erzählperspektive, hätte sicher einige Probleme beseitigt. Und den Heimatroman von einem sich über mehrere Generationen und Figuren erstreckenden Dorfchronik zur Geschichte einer Figur und der Jahre, die er bewusst erlebte, gemacht. Eine andere Möglichkeit wäre eine experimentellere Gestaltung gewesen mit Texteinblendungen, Freeze Frames, Voice-Over oder auch dass die erwachsenen Schauspieler in ihren Erinnerungen sich selbst spielen oder in der Szene die Szene kommentieren. Auch darauf wurde zugunsten einer konventionellen, für ein breites Publikum einfach goutierbaren Erzählung verzichtet.

So ist „Mittagsstunde“ eine biedere Literaturverfilmung. Weil Jessen – und auch schon Hansen in ihrem Roman – die Geschichte der Familie Feddersen und des Dorfes nordisch unterkühlt erzählen, bleibt es angenehm frei von verlogenen „Früher war alles besser“-Sentimentalitäten.

Mittagsstunde (Deutschland 2022)

Regie: Lars Jessen

Drehbuch: Catharina Junk

LV: Dörte Hansen: Mittagsstunde, 2018

mit Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, Rainer Bock, Hildegard Schmahl, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof, Julika Jenkins, Nicki von Tempelhoff, Jan Georg Schütte

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Jessen drehte den Film parallel in einer plattdeutschen und einer hochdeutschen Fassung. Ich habe die plattdeutsche Fassung gesehen und, auch ohne die andere Fassung zu kennen, ist das die Fassung, in der der Film gesehen werden sollte.

Die Vorlage

Mittagsstunde von Doerte Hansen

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Penguin Verlag, 2021

336 Seiten

12 Euro

Erstausgabe (Hardcover)

Penguin Verlag, 2018

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Mittagsstunde“

Moviepilot über „Mittagsstunde“

Wikipedia über Dörte Hansen

Perlentaucher über „Mittagsstunde“


Preisgekrönte Bücher: S. A. Cosby: Die Rache der Väter

September 21, 2022

In den vergangenen Monaten erhielt „Die Rache der Väter“ wichtige Krimipreise, wie den Thriller Award. Er stand auf den Nominierungslisten für den Edgar und den Dagger Award. Er erhielt auch etliche nicht direkt krimi-relevanten Preise.

Er stand außerdem, immerhin erschien der Roman in den USA bereits 2021, auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Barack Obama empfahl das Buch in seiner Sommerleseliste. Ian Rankin meinte: „Dieser Roman ist die Defintion eines rasanten Krimis.“

Bei dem vielen Lob stellt sich irgendwann die Frage, ob der Roman den mit den Preisen hochgeschraubten Erwartungen standhält.

Schließlich ist die Story uralt: ein Vater will den Tod seines Kindes rächen. Auch wenn es, wie der deutsche Titel verrät, in diesem Fall zwei Väter sind, bleibt „Razorblade Tears“ (so der Originaltitel) im Kern eine simple Rachegeschichte.

Auch die ersten Variationen wirken wie ein Blick in den Klischeebaukasten 2.0. Gerächt werden sollen Isiah Randolph und Derek Jenkins, zwei junge Männer, die glücklich miteinander verheiratet waren und ermordet wurden. Die Polizei von Richmond, Virginia, kommt bei ihren Ermittlungen nicht voran; vielleicht will sie auch nicht zu viel Zeit in den Schwulenmord investieren.

Die Väter von Isaiah und Derek lehnten die sexuelle Orientierung ihrer Söhne ab. Als sie davon erfuhren, brachen sie die Verbindung zu ihnen ab. Sie sind, noch eine Gemeinsamkeit, ehemalige Häftlinge. Der eine ist jetzt erfolgreicher Unternehmer. Der andere ein heruntergekommener Alkoholiker. Der eine ist ein Schwarzer, der andere ein Weißer. Und sie mögen sich nicht.

Aber jetzt wollen der Schwarze Ike Randolph, der ein Unternehmen mit 15 Beschäftigten zur Rasen- und Gartenpflege hat, und der Weiße Buddy Lee Jenkins sich unter den ehemaligen Freunden ihrer Söhne umhören.

Bei ihren ersten Befragungen müssen sie mit ihren Gefühlen und ihrem Temperament kämpfen. Denn jede ihrer Befragungen im LGBTQ+-Milieu ist immer kurz davor, in handgreifliche Auseinandersetzungen auszuarten.

Als sie sich die gemeinsame Wohnung von Isiah und Derek ansehen, werden sie von zwei Mitgliedern der Rare Breed überrascht. Die Rare Breed sind eine Outlaw Motorcycle Gang, die tief in verschiedenen verbrecherischen Geschäften steckt. Kurz darauf ist einer der beiden Rocker tot. Der andere konnte flüchten. Anstatt zur Polizei zu gehen, lassen Ike und Buddy Lee die Leiche verschwinden.

Schon auf den ersten Seiten zeigt S. A. Cosby, dass er seine Vorbilder kennt und weiß, wie man eine packende Geschichte erzählt. Er wechselt kontinuierlich zwischen drei Perspektiven: der von Ike, der von Buddy Lee und der von Grayson und seiner Rockergang. Die Rare Breed haben, das wird schon früh im Buch verraten, etwas mit dem Tod von Isiah, der als Journalist für die „Rainbow Review“ arbeitete, und Derek, der in einer Bäckerei arbeitete, zu tun.

Die Klischees und vertrauten Handlungsabläufe bentzt Cosby, um sein Thema aus verschiedenen Perspektiven und in die Tiefe gehend zu behandeln. Vor allem beschäftigt Cosby sich mit der Frage, welche Bilder von Männlichkeit existieren und wie sie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderten. Es geht auch um die politischen, kulturellen und sozialen Spaltungen in den USA.

Davon erzählt er im Rahmen einer spannenden Detektiv- und Rachegeschichte, die auch die Geschichte einer Freundschaft ist. Denn selbstverständlich lernen Ike und Buddy Lee sich im Lauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen besser kennen. Sie verstehen sich besser und sie ändern ihre Ansichten.

Für den gestandenen Krimifan gibt es außerdem etliche Anspielungen auf Kriminalromane und -filme. Sie zeigen, dass Cosby sich im Genre auskennt und in welcher Traditionslinie, nämlich der Noir- und Hardboiled-Tradition, er schreibt.

Die Sünden der Väter“ ist ein sicherer Anwärter für meine Jahresbestenliste; – wenn ich denn eine erstelle. Ich bin da ja notorisch schlampig.

S. A. Cosby: Die Sünden der Väter

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

344 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Razorblade Tears

Flatiron Books, 2021

Hinweise

Perlentaucher über „Die Sünden der Väter“

Book  Marks über „Die Sünden der Väter“

Wikipedia über S. A. Cosby (deutsch, englisch)


„Nachts im Paradies“ ist der Taxifahrer während dem Oktoberfest

September 16, 2022

Am Samstag ist es in München wieder so weit. Dann beginnt dort, wenn man den Verlautbarungen bayerischer Politiker und den gut informierten Boulevardzeitungen glauben darf, das größte, schönste, beste Fest der Welt. Das Oktoberfest. Die letzten zwei Jahre fiel es wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Dieses Jahr soll wieder wie früher gefeiert werden.

Alle, die dann nicht in München sind, können sich im Bayerischen Rundfunk Übertragungen aus dem Festzelt oder im Wiesn.TV das bierselige Gewusel vor Live-Cams ansehen. Das sind schon ziemlich gruselige Bilder.

Aber diese Bilder sind harmlos gegenüber den Bildern, die Frank Schmolke für seinen während des Oktoberfests spielendem Comic „Nachts im Paradies“ zeichnete. Er erschien 2019, wurde von der Presse gelobt und erhielt 2019 den Rudolph Dirks Award.

Schmolke fuhr selbst gut dreißig Jahre Taxi. Zunächst mehr, später weniger, aber immer nachts. Sein Geld verdient er inzwischen als Comiczeichner und freiberuflicher Illustrator. Die Erlebnisse, die er während seiner Arbeit als Taxifahrer hatte, inspirierten ihn dann zu „Nachts im Paradies“. Der entscheidende Anstoss für den gut 360-seitigen Comic waren vor allem die zwei Wochen, die er 2014 beim Oktoberfest fuhr um eine Auftragsflaute zu überbrücken.

Er erzählt angemessen hektisch, lakonisch und mit trockenem Humor einige Tage aus dem Leben von Vincent. Während des Oktoberfestes fährt der Taxifahrer die Besoffenen nach Hause. Einmal schleppt er eine leicht bekleidete Betrunkene in ihre Wohnung. Eine andere kotzt ihm ins Taxi und ihr Freund verpasst ihm ein blaues Auge. Für eine Nacht erhält er von Igor einen lukrativen Auftrag: er soll eine seiner Prostituierten zu einem Kunden fahren, warten und sie später wieder zurückfahren. Der Auftrag entwickelt sich anders, als geplant.

Außerdem besucht Vincents sechzehnjährige Tochter ihn. Auch sie stürzt sich in das Nachtleben.

Und irgendwann zwischen besoffenen Fahrgästen und Schlägereien, fragt Vincent sich, ob er nach dreißig Jahren als Taxifahrer nicht endlich etwas anderes tun soll.

Spätestens nach der Lektüre von „Nachts im Paradies“ hat man keine Lust mehr auf das Oktoberfest genannte Massenbesäufnis mit seinen Bierzombies. Aber viel Lust auf das nächste Werk von Frank Schmolke. Zum Beispiel seine grandiose letztes Jahr erschienene Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies

Edition Moderne, 2019

360 Seiten

29,80 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Nachts im Paradies“

Homepage von Frank Schmolke

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“ (2021)


Cover der Woche – und R. i. P. Jean-Luc Godard

September 13, 2022

R. i. P. Jean Luc Godard ( 3. Dezember 1930, Paris – 13. September 2022, Rolle/Schweiz)

Anstatt eines schnell geschriebenen länglichen biographischen Nachrufs poste ich einfach den Anfang meiner ausführlichen Besprechung von Bert Rebhandls lesenswerter Biographie über Jean-Luc Godard:

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Hinweise

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Meine Besprechung von Bert Rebhandls „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ (2020)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


„Kains Knochen“, kein Lesebuch, sondern ein Rätselbuch

September 12, 2022

Das ist ein Buch für die Menschen, die gerne Rätsel lösen. In diesem Fall besteht das Rätsel aus hundert Seiten bzw. Absätzen. In der richtigen Reihenfolge erzählen die Absätze eine Kriminalgeschichte, in der sechs Menschen sterben.

Das Problem ist, die Seiten und damit die Morde in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Es gibt nämlich unglaublich viele Möglichkeiten, die Seiten hintereinander anzuordnen. Aber nur eine Reihenfolge ist die richtige Reihenfolge.

Ersonnen wurde das Rätsel von Edward Powys Mathers, dem Kreuzworträtselschreiber des Observer. Er führte in England die Kreuzworträtsel ein, bei denen um die Ecke gedacht werden muss. Sein Pseudonym war Torquemada. Unter diesem Namen veröffentlichte er 1934 „The Torquemada Puzzle Book“, eine Auswahl seiner Rätsel und „Kains Knochen“.

Damals wurden 15 Pfund Sterling ausgeschrieben für die erste Person, die die Lösung kennt. 2019 wurde das Rätsel wieder veröffentlicht und ein Preisgeld von 1.000 Pfund ausgelobt.

Insgesamt wurde das Rätsel bis jetzt nur von drei Menschen gelöst. Zwei als der Preis 1934 ausgelobt wurde, einer 2019. Und keiner hat die Lösung verraten.

Jetzt veröffentlichte der Suhrkamp Verlag das Rätsel auf Deutsch und lobte ein Preisgeld von 1000 Euro aus. Der Wettbewerb endet am 30. September 2023. Gewinner ist, so der Suhrkamp Verlag, analog zu den englischen Wettbewerbsbedingungen, wer als Erster „die vollständigen Namen der Ermordeten, ihre jeweiligen Mörder und die richtige Reihenfolge der Seiten mitgeteilt und uns erläutert hat, wie sie oder er zu der Lösung gekommen ist.“

Tja, nun, dann: fröhliches Rätseln!

Der letzte Gewinner hat zum Lösen des Rätsels vier Monate und einen Coronavirus-Lockdown gebraucht.

Torquemada: Kains Knochen – Das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt

(übersetzt von Henry McGuffin)

Suhrkamp, 2022

210 Seiten

13 Euro

Originalausgabe/Neuausgabe

Cain’s Jawbone

Unbound, London, 2019

Erstausgabe

Victor Gollancz Ltd., 1934

Hinweise

Suhrkamp über „Kains Knochen“

Wikipedia über „Kains Knochen“ und Edward Powys Mathers


„The Scumbag“ hat einen „Kokainfinger“ und die „Deadly Class“ wartet immer noch auf ihre Abschlussprüfung

September 7, 2022

Natürlich wird es Superheldengeschichten auch noch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren geben und wahrscheinlich werden Batman, Superman und die X-Men weiterhin Bösewichter jagen. Im Comic in jedem Fall. Im Kino und TV müssen wir mal sehen.

Neben diesen letztendlich heldenhaften Superhelden gibt es zunehmend Serien mit Superhelden, die bis auf ihre Superheldenfähigkeit nichts Superheldenhaftes haben. Deadpool dürfte einem hier spontan einfallen.

Auch Rick Remender hat jetzt einen Superhelden erfunden, der vor seinem Superheldentum eindeutig zu den Männern gehörte, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Danach immer noch.

Dieser Ernie Ray Clementine ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Er ist mental ein Späthippie; de facto ein abgehalfteter, prolliger, entsprechend nerviger Drogensüchtiger, der von einem Kampf zwischen einem Kobold und einer Medusa nicht weiter irritiert ist. Schließlich sieht er als Junkie ständig seltsame Dinge, die es nur in seiner Fantasie gibt. Die Spritze, die zwischen den beiden Kämpfenden liegt, sieht er sofort und er macht das, was jeder Junkie in dem Moment tun würde: er schnappt sich die Spritze und spritzt sich, ohne auch nur eine Zehntelsekunde darüber nachzudenken, den Inhalt in seine Venen – und er wird Teil eines großen Konflikts zwischen Gut und Böse.

Mit dem Serum „Formula Maxima“ in sich, kann er, wie ihm Mutter Erde, die Kommandantin der Zentralbehörde, erklärt, zum Retter des Universums werden. Denn: „Die Welt steht vor dem Zusammenbruch, Mr. Clementine. Externe Polarisierung, Klimawandel, Rassismus, Faschismus… Scorpionus wird nicht ruhen, bis die Welt ihrer idealisierten Version vom Amerika der 1950er entspricht.“

An der Rettung der Welt hat Clementine allerdings zunächst kein Interesse. Viel lieber würde er seine Superkräfte für seine eigenen niederen Triebe und Ziele ausnutzen. Dummerweise verleiht im die Formula Maxima nur dann Superkräfte, wenn er bei seinen Handlungen noble Absichten hat. Dass er dabei immer noch ein drogensüchtiger Hippie ist, sorgt für einige nette Sprüche, Situationen und einen Gegner, der ihm das Gutsein leicht macht Schließlich stehen die fünfziger Jahre für alles, was ein ehrbarer Hippie verabscheut.

Dieser Gegner und die Bedingung für die Wirksamkeit des ihm Superkräfte verleihendem Serums macht Clementine schnell zu einem gewöhnlichem Superhelden, der sich rüpelhaft benimmt und, wenigstens im ersten „The Scumbag“-Sammelband noch lernen muss, bevor er sich in die Schlacht stürzt, seine Absichten zu Prüfen.

Für Fans von Superhelden-Geschichten ist „Deadly Class“-Erfinder Rick Remender ein bekannter Name. Er schrieb bereits Geschichten für Venom, Captain America und die Avengers

Bei „The Scumbag“, und das macht die Serie zu einem interessantem Experiment in stilistischer Vielfalt, arbeitet er für jedes Heft mit einem anderen Zeichner zusammen. In dem jetzt erschienenem Sammelband „Kokainfinger“ sind die ersten fünf von inzwischen vierzehn Heften enthalten. Gezeichnet wurden sie von Lewis Larosa, Andrew Robinson, Eric Powell, Roland Boschi und Wes Craig.

Rick Remenders „Deadly Class“ geht langsam in die Endrunde. Das erste Heft erschien im Januar 2014. Seit 2019 erscheinen die Sammelbände bei Cross Cult. Dort erschien unlängst auch der zehnte Band, in dem die Geschichte von Marcus Lopez und seinen Klassenkameraden weitererzählt wird. Sie alle waren am King’s Dominion Atelier of the Deadly Arts, einer von Master Lin geleiteten Schule in San Francisco, die ihre Schüler zu perfekten Killern ausbildet. Dieses Mal lief die Ausbildung, dank Marcus, etwas aus dem Ruder. Das wurde in den ersten neun „Deadly Class“-Sammelbänden, die zwischn 1987 und 1989 spielen, mit einer ordentlichen Portion brutaler Morde und popkultureller Anspielungen erzählt.

Der zehnte „Deadly Class“-Sammelband von Autor Rick Remender, Zeichner Wes Craig und Kolorist Lee Loughridge bereitet in erster Linie das Finale vor, das die Hefte 49 bis 56 und damit die nächsten beiden Sammelbände umfasst.

Eine eigenständige Geschichte ist in diesem Sammelband nicht erkennbar. Es sind 1991, 1997, 1999 und 2001 spielende Episoden, in denen Marcus slackerhaft abhängt und ein Leben ohne das King’s Dominion Atelier führen möchte. Aber er weiß, dass die Schule ihn und die anderen Abweichler jagt. Und sie sich einem letztem Kampf stellen müssen.

Der wird, wie gesagt, in den nächsten beiden Sammelbänden erzählt. Der elfte „Deadly Class“-Sammelband „Ein Abschied von Herzen – Teil 1“ ist für Anfang Dezember angekündigt.

Rick Remender/Lewil Larosa/Andrew Robinson/Eric Powell/Roland Boschi/Wes Craig/Moreno Dinisio: The Scumbag – Kokainfinger

(übersetzt von Katrin Aust)

Panini, 2022

156 Seiten

18 Euro

(Leseempfehlung des Verlags: ab 18 Jahre)

Originalausgabe

The Scumbag # 1 – 5

Image, 2021

Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridge: Deadly Class: Rettet eure Generation (Band 10)

(übersetzt von Silvano Loureiro Pinto)

Cross Cult, 2022

152 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Deadly Class 10: Save your generation

Image Comics, 2021

enthält

Deadly Class # 45 – 48

Hinweise

Homepage von Rick Remender

Wikipedia über Rick Remender und „Deadly Class“ (Comic) (TV-Serie: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rick Remenders „Punisher 4: Frankencastle 2“ (FrankenCastle # 17 – 19, 2010)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1987 – Die Akademie der tödlichen Künste (Band 1)“ (Deadly Class Volume 1: Reagan Youth, 2014)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Kinder ohne Heimat (Band 2)“ (Deadly Class Volume 2: Kids of the Black Hole, 2015)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Lee Loughridges „Deadly Class: 1988 – Die Schlangengrube (Band 3)“ (Deadly Class Volume 3: The Snake Pit, 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Stirb für mich (Band 4)“ (Deadly Class Volume 4: Die for me, 2020)

Meine Besprechung von Rick Remder/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Karussell (Band 5)“ (Deadly Class Volume 5: Carousel, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: 1988 – Nicht das Ende (Band 6)“ (Deadly Class Volume 6: This is not the end, 2017)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Blutige Liebe – 1988 (Band 7)“ (Deadly Class – Volume 7: Love like blood (# 32 – 35), 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Kein Zurück – 1988 (Band 8)“ (Deadly Class – Volume 8: Never go back ( # 36 – 39), 2019)

Meine Besprechung von Rick Remender/Wes Craig/Jordan Boyds „Deadly Class: Knochenmaschine – 1989 (Band 9)“ (Deadly Class – Volume 9: Bone Machine (# 40 – 44), 2020)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeñas „Fear Agent – Band 1“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 1, 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Jerome Opeñas „Fear Agent – Band 2“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 2, 2018)

Meine Besprechung von Rick Remender/Tony Moore/Mike Hawthornes „Fear Agent – Band 3“ (Fear Agent: Final Edition, Volume 3, 2018)


„Year Zero“, das erste Jahr der Zombie-Apokalypse, global betrachtet

September 7, 2022

Die meisten Zombie-Geschichten verfolgen die Erlebnisse einer Person oder, eher, einer Gruppe, die sich gegen Zombies wehrt. Das kann zu einer erfolgreichen und langlebigen Serie wie „The Walking Dead“ führen.

George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombies, erzählte in seinen Zombie-Filmen in jedem Film die Geschichte einer anderen Gruppe Menschen, die gegen Zombies und gegeneinander kämpft. Mit zwei zugedrückten Hühneraugen kann behauptet werden, dass so über die Jahrzehnte so etwas wie die Geschichte der lebenden Toten und ihrer Eroberung der USA entstand.

Eine globale Perspektive gibt es in Max Brooks‘ Zombie-Roman „World War Z“ (World War Z – An Oral History of the Zombie War, 2006). Das lesenswerte Buch ist ein sich aus zahlreichen Augenzeugenberichten zusammensetzender Bericht über eine Zombie-Apokalypse. Für die Verfilmung wurde dann ein Protagonist erfunden, der durch die Welt reiste.

Benjamin Percy wählte für „Year Zero“ einen ähnlichen Ansatz. In den beiden „Year Zero“-Comic- Sammelbänden erzählt er mehrere voneinander unabhängige, in verschiedenen Ländern spielende Geschichten über Menschen und Zombies. Der erste Sammelband besteht aus fünf, der zweite aus vier Geschichten. Dabei erzählt Percy nicht eine Geschichte pro Heft, sondern in jedem Heft parallel einige Seiten aus jeder Geschichte.

Im ersten Band spielen die Geschichten in einer Polarforschungsstation, wo die Katastrophe durch eine Entdeckung im Eis beginnt, Mexico City, Tokio, Kabul und Burnsville, Minnesota.

Im zweiten Band spielen die Geschichten auf einem Schiff vor der Küste Norwegens und in Kolumbien, Ruanda, und Phoenix, Arizona.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen im ersten Sammelband eine Polarforscherin, ein Straßenkind, ein Auftragskiller,eine afghanische Militärhelferin und ein Prepper.

Im zweiten Band sind es ein Kapitänin, ein in seiner abgelegen liegenden Villa lebender Kartellboss, ein Arzt und eine Schwangere, die in eine Shopping Mall geflüchtet ist.

Die einzige Verbindung zwischen diesen Kurzgeschichten ist, dass sie in einer Welt spielen, in der es Zombies gibt. Das erfindet das Genre nicht neu, unterhält aber kurzweilig.

Benjamin Percy/Ramon Rosanas/Lee Loughridge: Year Zero – Band 1

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2021

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Year Zero, Volume 1

AWA Upshot, 2020

Benjamin Percy/Juan José Ryp/Frank Martin: Year Zero – Band 2

(übersetzt von Frank Neubauer)

Cross Cult, 2022

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Year Zero, Volume 2

AWA Upshot, 2021

Hinweise

Homepage von Benjamin Percy

Wikipedia über Benjamin Percy


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Im „Freibad“ mit Doris Dörrie

September 1, 2022

Vor ungefähr einem Jahr sorgte der „Beckenrand Sheriff“ für einen geregelten Ablauf im und neben dem Freibad. Marcus H. Rosenmüllers Komödie war bestenfalls durchwachsen.

Jetzt versucht Doris Dörrie ihr Glück. Bis auf wenige Szenen, die insgesamt wohl keine fünf Minuten ausmachen, spielt ihr Film vor und vor allem in einem Freibad, das nur von Frauen besucht werden darf.

Das ist schon einmal eine nette Idee, aus der etwas gemacht werden kann. Immerhin können hier Frauen abseits der neugierigen Blicke und Kommentare von Männern (im Freibad!) über die Dinge reden, die ihnen wichtig sind. Außerdem ist ein Freibad immer auch ein gleichmachender Mikrokosmos der Gesellschaft. D. h. auch, dass alle Konflikte, die es in der Gesellschaft gibt, auch im Freibad aufeinanderprallen und zwischen Umkleidekabine und Schwimmbecken gelöst werden müssen.

Und dann ist der Film von Doris Dörrie. Seit ihrer Erfolgskomödie „Männer“, einem ihrer ersten Filme, hatte sie immer wieder ein gutes Gespür für gesellschaftliche Stimmungen und Geschlechterverhältnisse, Befindlichkeiten und Entwicklungen. Das sollte auch bei dieser Komödie zu einigen neuen und überraschenden Erkenntnissen führen.

Das Ergebnis ist eine belanglose, furchtbar aussehende Nummernrevue, die befließen und mit didaktischem Ernst das Verhältnis der Deutschen zum Islam abarbeitet. Die bekannten Vorurteile werden genannt und mit den bekannten Gegenargumenten entkräftet.

So ist die türkische Familie betont normal und entsetzt über ihre überaus gutaussehende und wohlproportionerte Tochter, die in einem Burkini schwimmt.

Die Burka-tragenden Frauen, die das Freibad besuchen, sind unglaublich vermögend, kommen aus der Schweiz und freuen sich, dass sie in diesem Freibad einfach ungestört verhüllt herumsitzen können. In der Schweiz ist das seit einer 2021 erfolgten Volksabstimmung verboten.

Als in dem Freibad doch ein Mann auftaucht – er wurde engagiert, nachdem die überaus faule, gutaussehende Bademeisterin kündigte -, haben die Frauen nichts besseres zu tun, als um ihn herumzuscharwenzeln. Er selbst ist dagegen Postgender und mehr am Lesen hochgeistiger Bücher über aquatische Menschen, wie er auch einer ist, interessiert. Gut aussehen tut er trotzdem.

Zum Glück gibt es auch einige fülligere und ältere Frauen in dem Frauenfreibad. Aber insgesamt sehen in diesem Freibad fast alle Frauen in ihren Badeanzügen und Bikinis sehr gut aus.

Und Andrea Sawatzki präsentiert, als Maßnahme gegen die Islamisierung des Freibads, mehrmals ihren blanken Busen, der durch höhere Umstände fast immer von ihren langen Haaren verdeckt wird. Das ist dann wiederum ziemlich prüde. Sie spielt die Schlagersängerin Eva, die früher einen Hit hatte und heute immer noch von dem Ruhm vergangener Tage zehrt. Wenn sie nicht gerade ihre Schlagersängerinnenkarriere verklärt, inszeniert sie sich mit ihrer Freundin Gabi als grantelnde Vorkämpferinnen des Feminismus in den Siebzigern. Damals kämpften sie für die Freiheit und Befreiung der Frau. Heute sehen sie in ihrem Freibad Burkas, Burkinis und Kopftücher tragende, lustfeindliche und unterdrückte Frauen.

Diese Eva ist ein ziemliches Biest und sie ist, sofern in einem Ensemblefilm davon gesprochen werden kann, die Protagonistin. Dass gerade eine der unsympathischten Figuren die Sympathieträgerin sein soll, ist ein Problem des Ensemblefilms, der eigentlich nur Beobachtungen und unwitzige Witze aneinanderreiht. Denn Eva vollzieht überhaupt keine Entwicklung. Das gleiche gilt für ihre ähnlich unsympathische Freundin, die sich über Kopftuch-tragende Frauen aufregt, während sie selbst ein Kopftuch trägt.

Nach hundert Minuten bleibt nur die erschreckende Erkenntnis, wie wenig aus dem Stoff gemacht wurde.

Zum Filmstart erschien, wie vor wenigen Tagen bei der „Känguru-Verschwörung“, ein Comic zum Film. Paulina Stulin übernahm die Aufgabe, aus dem Drehbuch einen Comic zu machen. Ihr vorheriger Comic, das sechshundertseitige autobiographische Opus „Bei mir zuhause“, war dieses Jahr für den „Max und Moritz“-Preis als „Bester deutschsprachiger Comic“ nominiert. Doris Dörrie las das Buch. Anschließend sprach sie Stulin an, ob sie parallel zur Entstehung des Films eine Graphic Novel zeichnen möchte.

Paulina Stulins Version des Films ist kein Storyboard-Comic (so das Label bei der „Känguru-Verschwörung“). Die Grundlage für ihre Arbeit war die finale Fassung des Drehbuchs. Deshalb gibt es im Comic auch einige Stellen, die nicht im Film sind. Außerdem wusste Stulin, welche Schauspielerinnen welche Rollen spielen. Sie war mehrere Tage als Beobachterin bei den Dreharbeiten und tauschte sich regelmäßiger mit Doris Dörrie über ihre Arbeit aus.

Ihre im Stil der vom Impressionismus beeinflussten New Barbizon School gehaltenen Zeichnungen sind sehr nah am Film. Allerdings wirken ihre Figuren immer äußerst aggressiv und feindselig. Ihr Freibad ist kein Ort der Entspannung, sondern immerwährender Anspannung.

Freibad (Deutschland 2022)

Regie: Doris Dörrie

Drehbuch: Doris Dörrie, Karin Kaçi, Madeleine Fricke (nach einer idee von Doris Dörrie)

mit Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Lisa Wagner, Melodie Wakivuamina, Julia Jendroßek, Sabrina Amali, Nico Stank, Samuel Schneider, Ilknur Boyraz, Sema Poyraz, Arzu Ermen, Semra Uysallar, Ulla Geiger, Simon Pearce, Pablo Sprungala, Amir Alkodur, Shadiya Almoussa, Leopold Schadt, Paulina Alpen

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Comic zum Film

 

Paulina Stulin: Freibad

Jaja Verlag, 2022

296 Seiten

29 Euro

Hinweise

Filmportal über „Freibad“

Moviepilot über „Freibad“

Wikipedia über „Freibad“

Meine Besprechung von Doris Dörries „alles inklusive“ (Deutschland 2013)

Homepage von Paulina Stulin

Und so sieht ein Freibad „In the Heights“ aus


Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“, einmal der Roman in neuerer Übersetzung, einmal der Roman als brandneuer Comic

August 31, 2022

Schlachthof 5“ ist Kurt Vonneguts bekanntester Roman. Er ist, so Vonnegut, „ein wenig im Stil der telegraphisch-schizophrenen Geschichten des Planeten Tralfamador gehalten, wo die Fliegenden Untertassen herkommen“. „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug – Ein Pflichttanz mit dem Tod“, so der vollständige Titel, markiert, nach fünf veröffentlichten Romane, von denen zwei für den Hugo Preis nominiert waren, 1969 auch seinen Durchbruch als Schriftsteller.

1972 wird der Bestseller verfilmt. Es ist ein Prestigeprodukt. George Roy Hill, der damals nach „Butch Cassidy und Sundance Kid“ alles tun durfte, übernimmt die Regie. Michael Sachs (sein Debüt), Ron Leibman und Eugene Roche spielen mit. Kameramann ist Miroslav Ondrícek. Zu seinen späteren Arbeiten gehört „Amadeus“. Henry Bumstead ist für das Produktionsdesign zuständig. Zu seine früheren Arbeiten gehören die Alfred-Hitchcock-Filme „Vertigo“ und „Topas“. Danach arbeitete er bis zu seinem Tod 2006 viele Jahre mit Clint Eastwood zusammen. Glenn Gould schrieb die Musik. Der Film erhielt in Cannes, bei den Hugo Awards und von der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films Preise. Vonnegut äußerte sich positiv über die Verfilmung: „a flawless translation of my novel“.

Trotzdem ist der inzwischen eher vergessene Film nicht wirklich gelungen.

Die Übertragung in den Comic gerät deutlich besser. Autor Ryan North und Zeichner Albert Monteys erzählen den Roman nach, bebildern und interpretieren ihn, indem sie die Möglichkeiten, die ein Comic hat, nutzen.

In dem Antikriegsroman erzählt Vonnegut die Geschichte von Billy Pilgrim. Im Zweiten Weltkrieg nimmt er als Soldat der U. S. Army an der Ardennenoffensive teil. Danach stolpert er orientierungslos mit einigen Kameraden durch das Kriegsgebiet. Er ist dabei der unfähigste Soldat der kleinen Einheit. Sie werden von deutschen Soldaten gefangen genommen. Pilgrim wird, mit anderen Kriegsgefangenen, nach Dresden in den titelgebenden Schlachthof 5 gebracht. Als er in dem Gefangenenlager ist, wird Dresden von den Allierten bombardiert. Ein besseres Bild für die Absurdität des Krieges und des Lebens gibt es wohl nicht.

Nach dem Krieg wird Pilgrim ehrenhaft (und mit PTSD) entlassen. Er wird Optiker, heiratet, gründet eine Familie und lebt den amerikanischen Traum. Dabei fällt er immer wieder aus der Zeit. Die anderen Menschen halten das für kurze geistige Abwesenheiten. Aber in diesen Momenten ist Pilgrim in der Vergangenheit, der Zukunft oder auf dem Planet Tralfamadore, wo er nette Gespräche mit den freundlichen Tralfamadorianern hat. Deren Sicht auf die Welt unterscheidet sich fundamental von der Sicht der Menschen auf die Welt.

Vonnegut erzählt Pilgrims Geschichte mit grimmigem Humor und dem immer wieder wiederholtem lakonischen Satz „Wie das so ist“, bzw. im Comic „So ist das“.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug: Ein Pflichttanz mit dem Tod

(übersetzt von Gregor Hens, mit einem Nachwort von Asal Dardan)

Hoffmann und Campe, 2022

248 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Slaughterhouse-Five, or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death

Delacorte Press, 1969

Erstausgabe dieser Übersetzung (ja, es gibt auch ältere Übersetzungen)

Hoffmann und Campe, 2016

Ryan North/Albert Monteys: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

(nach dem Roman von Kurt Vonnegut)

(übersetzt von Matthias Wieland)

Cross Cult, 2022

192 Seiten

35 Euro

Originalausgabe

Slaughterhouse-Five

Archaia, 2020

Hinweise

Wikipedia über „Schlachthof 5“ (Roman) (deutsch, englisch), Kurt Vonnegut (deutsch, englisch), Ryan North und Albert Monteys

Perlentaucher über Ryan North/Alrbert Monteys‘ „Schlachthof 5“

Nachruf auf Kurt Vonnegut in der New York Times

Nachruf auf Kurt Vonnegut in Der Zeit

Michael Krasny sprach 2012 über die Bedeutung des Romans für die Gegenwart


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Die Känguru-Verschwörung“ bestätigt die richtige Weltsicht

August 25, 2022

Nach einem gescheiterten romantischen Abendessen im Dunkelrestaurant – Marc-Uwe war etwas unbeholfen und sein Mitbewohner, der ohne eine Einladung dabei war, kommentierte alles süffisant und schaltete im Restaurant das Licht an – hofft Marc-Uwe auf eine zweite Chance bei seiner großen Liebe Maria. Er wettet mit ihr, dass er ihre Mutter aus ihrem verschwörungstheoretischem Wahn wieder in die reale Welt zurückholt. Dabei soll ihm sein Mitbewohner, das Känguru, helfen. Es ist ein echtes Känguru, das bei ihm wohnt, redet, politisiert, klugscheißt und sich durchschnorrt. Die Geschichte ihrer ersten Begegnung wird in „Die Känguru-Chroniken“ erzählt.

Das von Marc-Uwe Kling erfundene Känguru hatte seinen ersten Auftritt 2008 in dem wöchentlichen Podcast „Neues vom Känguru“ beim RBB-Radiosender „Fritz“. Die kurzen Geschichten kamen gut an. Später wurden sie als Bücher veröffentlicht und zu Bestsellern. 2020 kam mit „Die Känguru-Chroniken“ die Verfilmung in die Kinos. Die Komödie war das erste prominenten Opfer der Covid-Pandemie. Denn kurz nach dem erfolgreichen Kinostart schlossen die Kinos. Trotzdem sahen über 800.000 Zuschauer den Film in den Kinos. Er steht auf dem neunten Platz der besucherstärksten Filme des Jahres 2020 in den deutschen Kinos. Da war eine Fortsetzung unvermeidlich. „Die Känguru-Verschwörung“ heißt sie und sie läuft jetzt in den Kinos an.

Wenn der schluffige Kleinkünstler Marc-Uwe die Wette gewinnt, muss Maria ihn zu einem Essen in Paris einladen. Wenn er verliert, muss er Maria und ihrem Sohn seine günstige, große Kreuzberger Mietwohnung überlassen.

Das Känguru kommentiert die Wette durchaus prophetisch mit der rhetorischen Frage: „Bist du wahnsinnig?“

Im folgenden erzählt „Die Känguru-Verschwörung“, wie Marc-Uwe und das Känguru versuchen, Marias Mutter ‚Diesel-Liesel‘ Lisbeth Schlabotnik von ihrem verschwörungstheoretischem Denken abzubringen. Dummerweise ist sie von den verschiedenen Verschwörungstheorien hundertfünfzig Prozent überzeugt und in der Szene der aufstrebende Star. Entsprechend desaströs verläuft für unsere beiden Helden die erste Begegnung mit Diesel-Liesel in Köpenick bei einer Diskussionsveranstaltung über die Klimalüge.

Als nächstes soll sie in Bielefeld auf der „Conspiracy Convention“ vor Adam Krieger, dem großen Star der Szene, auftreten. Das ist für Marc-Uwe und das Känguru die zweite Chance, die Wette zu gewinnen.

Die Story dient Marc-Uwe Kling, der hier neben dem Drehbuch (zusammen mit Jan Cronauer) auch die Regie übernahm, natürlich nur als grober Rahmen für eine enttäuschende Nummernrevue. Die Hauptstory wird immer wieder von Episoden unterbrochen, die mit ihr nichts zu tun haben. Sie bringen sie in keinster Weise voran und könnten ohne einen Verlust aus dem Film herausgeschnitten werden. Das sind ein Kampf mit dem Hauptmann von Köpenick, eine Auseinandersetzung mit einem BVG-Busfahrer, ein Drogentrip und ein Reenactment der Varusschlacht, in das unsere beiden Helden kurz vor Bielefeld hineinstolpern. Die beiden Hauptfiguren variieren teils aus den Känguru-Geschichten altbekannte Gags. Die Witze über Verschwörungstheorien und deren Verfechter sind nicht besonders gelungen. Viel zu oft wiederholen sie nur naheliegende und altbekannte Gags über Verschwörungstheoretiker und ihre abstrusen Theorien. Dazwischen gibt es, an den unpassendsten Stellen, das Alternative-Zitate-Spiel (in dem Zitate verändert oder den falschen Personen zugeordnet werden), und immer wieder, immer in Zeitlupe, Schnick Schnack Schnuck (bzw. Schere, Stein, Papier). Mit diesem Spiel treffen Marc-Uwe und dem Känguru Entscheidungen; wobei Marc-Uwe immer verliert.

Kling führte hier erstmals, durchaus gelungen Regie. Er hat viele Ideen. Er denkt in Filmbildern und es gibt etliche Nebenbei-Gags, die für mich zu den gelungensten Witzen des Films zählen. Allerdings nervt die immergleiche Präsentation von Schnick Schnack Schnuck, das im Film viel zu oft gespielt wird. Die Dialoge sind eher ambitionslos auf dem Niveau einer schlechteren TV-Sketch-Comedy inszeniert. Das Timing ist entsprechend. Und die Schauspieler spielen alle zu ausdruckslos. Das ist zwar angenehmer als ein permanentes Overacting, aber es ist hier einfach zu emotionslos.

Am Ende ist „Die Känguru-Verschwörung“ linksalternatives Wohlfühlkino, das niemanden überfordern oder verunsichern will. Das könnte zum Nachdenken führen.

Zum Filmstart erschien „Der Storyboard-Comic zum Film“. Dafür wurde das Storyboard, also die von Axel Eichhorst vor den Dreharbeiten gezeichnete Visualisierung des Films, die einen genauen Eindruck von dem späteren Film vermittelt, genommen und von Michael Holtschulte (Text), Ralf Marczinczik und Jan Thüring (Layout) für die Buchveröffentlichung bearbeitet. Das jetzt veröffentlichte Storyboard vermittelt einen guten, aber auch eigenständig lesbaren Eindruck von dem Film. Die Zeichnungen wirken immer wie Skizzen, die in erster Linie Anweisungen sind, die den Mitarbeitern am Set die Vision des Regisseurs vermitteln sollen. Die Dialoge und Abläufe sind aus dem Drehbuch und dem Film entnommen.

Die Känguru-Verschwörung (Deutschland 2022)

Regie: Marc-Uwe Kling

Drehbuch: Marc-Uwe Kling, Jan Cronauer

Buch zum Film: Marc-Uwe Kling/Jan Cronauer/Axel Eichhorst: Die Känguru-Verschwörung, 2022

mit Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Petra Kleinert, Michael Ostrowski, Benno Fürmann, Volker Zack, Adnan Maral, Tim Seyfi, Carmen-Maja Antoni, Melanie Straub, Daniel Zillmann, Nils Hohenhövel

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Das Buch zum Film

Marc-Uwe Kling/Jan Cronauer/Axel Eichhorst: Die Känguru-Verschwörung

Ullstein, 2022

296 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Känguru-Verschwörung“

Moviepilot über „Die Känguru-Verschwörung

Wikipedia über „Die Känguru-Verschwörung“ und über Marc-Uwe Kling

Homepage von Marc-Uwe Kling

Meine Besprechung von Dani Levys Marc-Uwe-Kling-Verfilmung „Die Känguru-Chroniken“ (Deutschland 2020) und der Vorlage(n)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland“ (2017)

Meine Besprechung von Marc-Uwe Klings „Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis“ (2020)


Verlosung: Wer will als Jahresbegleiter den „Schüren Filmkalender 2023“?

August 22, 2022

Lohnen sich heutzutage überhaupt noch gedruckte Kalender? Schließlich hat jeder seinen Kalender auf dem Computer (bis zum Stromausfall). Dort kann man sich auch Notizen bis zum Abwinken machen und sich mit der Erinnerungsfunktion an wichtige Termine, wie die Geburtstage der Kinder, erinnern lassen.

Und trotzdem sind Kalender, wie ein Blick in die nächste Buchhandlung zeigt, immer noch beliebt. Schließlich haben sie etwas haptisches, die dort aufgeschriebenen Termine gehen nicht verloren und, jetzt komme ich zum „Schüren Filmkalender 2023“, oft stehen bei den einzelnen Tagen wichtige allgemeine Informationen. In einem Filmkalender sind das vor allem Geburtstage und Todestage von wichtigen Filmschaffenden. Natürlich gibt es die Daten auch in der IMDb. Aber wer will wirklich jeden Tag hunderte, wenn nicht sogar tausende Namen durchscrollen, um zu erfahren, dass Tom Hanks am 9. Mai 1956, Johnny Depp am 9. Juni 1963 und Doris Fuhrmeister, die erste ausgebildete Filmvorführerin in Deutschland (jetzt habt ihr etwas gelernt) am 7. November 1889 geboren sind und Federico Fellini und River Phoenix am 31. Oktober 1993 starben.

Es gibt teils ausführliche Texte zu bekannten Filmschaffenden, wie Roman Polanski, Fatih Akin, Kathleen Kennedy, Greta Gerwig und Michael Mann, die alle 2023 runde Geburtstage feiern, und Themen, Phänomenen und bestimmten Filmen, die in einen größeren Kontext gestellt werden, wie Jim Sheridans 1993er Nordirlanddrama „Im Namen des Vaters“. Über den Zombiefilm geht es ausgehend von dem 1943er Horrrofilm „Ich folgte einem Zombie“ (I walked with a Zombie). Der Caper-Film wird mit der 1973er Gaunerkomödie „Der Clou“ (The Sting) gewürdigt.

Außerdem enthält der „Schüren Filmkalender 2023“, teils mit Erklärungen, die Adressen von wichtigen Institutionen und Festivals.

Damit kann der Kalender für Filmfans mühelos zu einem wichtigen Begleiter durch das Jahr werden.

Auf dem Buchcover ist Catherine Deneuve in „Die Regenschirme von Cherbourg“ abgebildet. Sie hat am 22. Oktober einen runden Geburtstag und sieht immer noch so verführerisch aus wie zu Zeiten von „Belle de Jour“.

Teilnahmebedingungen für die Verlosung

Der Schüren Verlag hat der Kriminalakte für eine Verlosung zwei druckfrische Exemplare vom „Filmkalender 2023“ überlassen.

Die Verlosung endet am kommenden Montag, den 29. August, um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).

In den Betreff müsst ihr „Verlosung Filmkalender“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.

Nils Bothmann (Redaktion): Schüren Filmkalender 2023

Schüren, 2022

208 Seiten

12 Euro

Hinweise

Schüren über den „Filmkalender 2023“

Meine Besprechung von „Schüren Filmkalender 2013“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Delia Owens‘ „Der Gesang der Flusskrebse“ im Sparks-Land

August 18, 2022

Am 30. Oktober 1969 entdecken zwei spielende Jungen im Marschland die Leiche von Chase Andrews. Trotz einer dünnen Beweislage wird Kya Clark angeklagt, ihn heimtückisch ermordet zu haben.

Im Dorf ist sie als das Marschmädchen bekannt. Diesen Spitznamen hat sie bekommen, weil sie seit ihrer Geburt in North Carolina im Marschland, dem lebendigem Teil des Sumpfes, lebt. Zunächst mit ihrer Familie, später allein.

Delia Owens erzählt in ihrem Romandebüt „Der Gesang der Flusskrebse“ Kyas Geschichte. Owens ist eine 1949 geborene Zoologin, die mit ihrem Mann Jahrzehnte in Botswana uns Sambia in der Wildnis forschte. Wegen damaliger, nie restlos aufgeklärter Aktionen gegen Wilderer soll sie in Sambia vor Gericht aussagen. Sie weigert sich. Wer will, kann kann ihr Romandebüt als ein kaum verklausuliertes Geständnis oder eine vollkommen fiktive Bearbeitung dieses Mordvorwurfs lesen. Oder einfach als eine unterhaltsame Geschichte.

Owens erzählt in „Der Gesang der Flusskrebse“ die Geschichte von Kya als eine gut zu lesende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Naturbetrachtung und Gerichtsdrama; wobei die Kriminalgeschichte der enttäuschendste Teil des Romans ist.

Der Roman wurde sofort ein Bestseller. In den USA wurden bis jetzt über 15 Millionen Exemplare verkauft. Damit gehört „Der Gesang der Flusskrebse“ dort zu den größten Bestsellern. In Deutschland stand das Werk 2020 jede Woche auf einem der ersten zwanzig Plätze der Spiegel-Bestsellerliste.

Hollywood, in diesem Fall Reese Witherspoon und ihre Firma, kaufte die Verfilmungsrechte. Und jetzt startet die Verfilmung in unseren Kinos. Olivia Newman übernahm die Regie. Lucy Alibar schrieb das Drehbuch. Sie ist eine der beiden Autorinnen von „Beasts of the Southern Wild“. Und Daisy Edgar-Jones übernahm die Hauptrolle. Sie spielt Kya als junge Frau.

Der Film folgt, wie wir es von Bestseller-Verfilmungen gewohnt sind, weitgehend der Vorlage. Wer also den Roman kennt, wird hier und da eine andere Nuance entdecken, und den Täter kennen. Größere Veränderungen, die allerdings nichts an der Struktur der Geschichte und dem Ablauf der Handlung ändern, gibt es eigentlich nur im Vorfeld bei den Ermittlungen der Polizei und in der Gerichtsverhandlung. Beide Male nimmt sie viel Erzählzeit in Anspruch. Trotzdem ist der Krimiplot im Buch und im Film der wirklich ärgerliche Teil. Sie wird mitgeschleppt und teilweise episch ausgebreitet. Beide Male, ohne jetzt ins Detail zu gehen, überzeugt die Planung und Durchführung der Tat nicht. Im Roman wirken die Ermittlungen der Polizei immer so, als habe Owens ihr Wissen aus dem Ansehen von „C. S. I.“-Folgen in die Vergangenheit übertragen.

Erzählt wird Kyas Geschichte mit zahlreichen Zeitsprüngen.

Im Jahr 1969 wird vor allem das Gerichsverfahren geschildert. Ihr Verteidiger ist Tom Milton (David Strathairn im James-Stewart-Modus). Er ist ein pensionierter Kleinstadtanwalt, der Kya helfen will und sich deshalb freiwillig meldete. Und obwohl viele Szenen im Gerichtssaal spielen, erfahren wir erst in Miltons Schlussplädoyer, warum Kya verdächtigt wird und wie sie den Mord begangen haben soll.

In der Vergangenheit, also ab 1952, erfahren wir, wie Kyas Familie im Marschland lebt, wie die einzelnen Familienmitglieder, beginnend mit der Mutter, die von ihrem Mann nicht mehr geschlagen werden will, das Haus verlassen. Damals ist Kya sechs Jahre alt und sie ist das jüngste Kind der Familie. Vier Jahre später verschwindet Kyas gewalttätiger und trunksüchtiger Vater. Die in dem Moment zehnjährige Kya bleibt allein in der im Sumpf stehenden Bretterbude zurück. Sie versorgt sich allein und erzählt niemand davon. Denn sie will unter keinen Umständen in eine Pflegefamilie kommen. Sie lernt Tate Walker kennen. Er interessiert sich ebenfalls für die Tiere und Pflanzen im Marschland. Der feinfühlige Junge bringt ihr Lesen und Schreiben bei. Und er respektiert sie so, wie sie ist. Er will ihr nicht seinen Willen aufzwingen oder sie in seinem Sinn verändern. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann geht er an die Universität.

Kyas zweite große Liebe ist Chase Andrews, ein arroganter und latent gewaltätiger Schönling, Footballstar und Sohn vermögender Eltern. Obwohl er Kya umwirbt, ist es eine aussichtslose Liebe. Denn er plant eine Heirat mit einem der Mädchen aus der Kleinstadt Barkley Cove.

Der Film erzählt Kyas Geschichte als eine typische Nicholas-Sparks-Liebesgeschichte im Setting eines Fünfziger-Jahre-Hollywood-Dramas. Es gibt etwas Verbrechen, etwas Liebe, etwas Coming of Age, einige Naturbetrachtungen, Kleinstadtfolklore und einige sanft angedeutete Konflikte zwischen den Menschen und Rassen. Alles ist zu sauber. Es gibt ein schlecht entwickeltes Südstaaten-Gerichtsdrama mit einem netten Anwalt und vielen Szenen im Gerichtssaal. Es gibt eine Frau zwischen zwei Männern. Das ist der Stoff, der in den Nicholas-Sparks-Verfilmungen, die alle vorhersehbare Schmonzetten sind, besser präsentiert wird.

In „Der Gesang der Flusskrebse“ finden die Macher nie eine eigene Haltung zur Geschichte. Also illustrieren sie nur die Vorlage und verwässern sie. Das gilt vor allem für Kya, deren Lebensphilosophie die des Marschlandes und damit der dort lebenden Tiere, die sich gegenseitig fressen, ist.

Kyas Geschichte ist kompetent inszeniert und gespielt. „Der Gesang der Flusskrebse“ gehört zu den Filmen, die nie wirklich schlecht, aber auch nie gut sind. Er bedient lediglich die Erwartungen der unzähligen Leser des Romans, die die Geschichte des Romans möglichst ohne irgendwelche Reibungsverluste als Film sehen wollen.

Der Gesang der Flusskrebse (Where the Crawdads sing, USA 2022)

Regie: Olivia Newman

Drehbuch: Lucy Alibar

LV: Delia Owens: Where the Crawdads sing, 2018 (Der Gesang der Flusskrebse)

mit Daisy Edgar-Jones, Taylor John Smith, Harris Dickinson, Michael Hyatt, Sterling Macer Jr., David Strathairn, Garret Dillahunt, Jojo Regina

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

Heyne, 2021

464 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

Where the Crawdads sing

G. P. Putnam’s Sons, 2018

Deutsche Erstausgabe

hanserblau, 2019

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Gesang der Flusskrebse“

Metacritic über „Der Gesang der Flusskrebse“

Rotten Tomatoes über „Der Gesang der Flusskrebse“

Wikipedia über „Der Gesang der Flusskrebse“ (Film) (deutsch, englisch), „Der Gesang der Flusskrebse“ (Roman) (deutsch, englisch) und Delia Owens (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der Gesang der Flusskrebse“

Bookmarks über „Der Gesang der Flusskrebse“


Zum ersten Band der Horrorgeschichte „Das Haus am See“

August 15, 2022

Walter lädt mehrere alte Freunde, die er in der Schule und Universität kennen lernte und die sich teilweise von früher kennen, zu einer Woche in einem an einem See in Wisconsin gelegenem Haus ein. Es soll, so schreibt er ihnen, eine Woche mit seinen besten Freunden werden. Die Einladung angenommen haben ‚Künstler‘ Ryan Cane, ‚Autor‘ Norah Jakobs, ‚Comedian‘ David Daye, ‚Buchhalter‘ Molly Reynolds, ‚Wissenschaftler‘ Veronica Wright, ‚Reporter‘ Sam Nguyen, ‚Akupunkteur‘ Arturo Pérez, ‚Berater‘ Sarah Radnitz, ‚Arzt‘ Naya Radia und ‚Pianist‘ Rick MacEwan.

Als sie in dem Haus eintreffen, sind sie begeistert. Das Haus ist ein wahres Traumhaus, in dem fünfzehn Menschen bequem einige Tage miteinander verbringen können. Es gibt eine riesige Bibliothek und ein Kino. Der Blick auf den See ist malerisch. Und es gibt keine störenden Nachbarn.

Schon am ersten Abend wird aus dem Traumurlaub ein Alptraum. Sie erfahren aus den Nachrichten, dass sie die letzten Überlebenden sind. Dieses Glück verdanken sie Walter. Er ist einer der Außerirdischen, die gerade die gesamte Menschheit vernichten.

Aber ist das wirklich passiert? Immerhin haben die Gäste keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie können nicht mit ihren Freunden telefonieren oder ihnen eine E-Mail schicken. Sie können das Gelände nicht verlassen. Es ist von einer unsichtbaren Wand umgeben. Jemand versorgt sie mit Lebensmitteln und anderen Dingen, die sie gerne hätten. Und es gibt Regeln und Zeichen, die ihnen anscheinend am ersten Tag verraten wurden. Allerdings dauert es einige Tage, bis sie das verstehen und versuchen, die Zeichen zu enträtseln.

Dazu gehören Skulpturen und ein anderes Haus, das anscheinend keinen Eingang hat. Trotzdem können sie es öffnen und sie werden von ‚Maler‘ Reginald Madison begrüßt. Er ist ein weiterer von Walters Freunden. Er behauptet, sie könnten die Welt noch retten.

Das Haus am See – Band 1“ ist der vielversprechende Auftakt von Paninis neuer Reihe DC-Schocker, in der Horrorgeschichten erscheinen sollen. Sie ergänzt damit die von Joe Hill herausgegebene Reihe mit Horrorgeschichten. Gemeinsam ist beiden Reihen, dass es sich um neue, für sich selbst stehende Horrorgeschichten handelt. Wobei die von Autor James Tynion IV, Zeichner Àlvaro Martìnez Bueno (die auch die Schöpfer der Geschichte sind) und Kolorist Jordie Bellaire erfundene Geschichte über „Das Haus am See“ eine längere Geschichte, eine sogenannte Miniserie, ist, die bei Panini in zwei Bänden erscheint. Im jetzt erschienenem ersten Band sind die ersten sechs Hefte und damit die erste Hälfte der Miniserie gesammelt. Sie machen uns mit den elf Gästen bekannt. Mit einigen mehr, mit anderen weniger. Und wie sie mit der Frage umgehen, dass sie die letzten Menschen sind und in diesem Luxusgefängnis eingesperrt sind. Die Hefte bauen die Spannung auf. Sie präsentieren Rätsel, die im ersten Band noch nicht gelöst werden. Dazu gehört auch, dass wir nicht wissen, warum Walter diese Menschen auswählte und ob die Menschheit wirklich ausgelöscht wurde.

Das wird im zweiten Band geschehen. Aber, wie ein Blick in die USA zeigt, dürfte bis zur Veröffentlichung des zweiten, ebenfalls aus sechs Heften bestehenden, Sammelbands noch einige Monate vergehen. Dort ist kürzlich erst das neunte Heft erschienen.

James Tynion IV/Álvaro Martínez Bueno/Jordie Bellaire: Das Haus am See – Band 1

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2022

196 Seiten

22 Euro (Softcover)

34 Euro (Hardcover, limitierte Auflage)

enthält

The Nice House on the Lake # 1- 6

DC Black Label, August 2021 – Januar 2022

Hinweise

Wikipedia über James Tynion IV und Jordie Bellaire

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)

Meine Besprechung von Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaires „The Kitchen“ (The Kitchen, 2015)


„Paper Girls: Die komplette Geschichte“ in einem Buch

August 10, 2022

Pünktlich zum Start der Amazon-Prime-Video-Serie „Paper Girls“ hat Cross Cult eine Gesamtausgabe der Vorlage veröffentlicht. Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson erzählten von 2015 bis 2019 in dreißig Heften, die bereits in sechs Sammelbänden veröffentlicht wurden, die Geschichte der titelgebenden „Paper Girls“.

Sie tragen, wie ihr Name andeutet, die Tageszeitung aus. Die Gruppe besteht aus den zwölfjährigen Mädchen Erin Tieng, MacKenzie Coyle, Karina ‚KJ‘ J. und Tiffany Quilkin. Auch am 1. November 1988 versorgen sie frühmorgens die Kleinstadt Stony Stream, ein Vorort von Cleveland, Ohio, mit der Tageszeitung. Verkleidete Nachbarjungen versuchen sie zu erschrecken. Aber sie haben vor diesen Halbstarken keine Angst. Auch nicht vor der Polizei, die sie wegen eingeschlagener Scheiben befragt und ihnen das Rauchen verbieten möchte.

Bei ihrer Runde entdecken sie im Keller eines Hauses ein Raumschiff, das wie eine Apollo-Kapsel aussieht. Kurz darauf tauchen Außerirdische auf. Einige sprechen in fremden Sprachen. Andere nicht. Und schon werden die Mädels, aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, durch die Zeit geschleudert. Es geht in die weit zurückliegende Vergangenheit und die nahe und ferne Zukunft. Manchmal auch in eine alternative Zukunft. Denn Zeitreisen führen immer wieder zu ungeahnten Konsequenzen. Vor allem wenn die Zeitreisenden diese Reise niemals hätten antreten dürfen. Sie treffen auf ihr älteres Ich. Sie lernen viel über sich und sie wachsen bei ihren gefährlichen Abenteuern zu einer Gruppe zusammen.

Die Geschichte beginnt mit einer gehörigen Portion 80er-Jahre-Nostalgie. Auch später gibt es immer wieder klug platzierte popkulturelle Anspielungen. Sie sind das Sahnehäubchen. Im Zentrum stehen die vier Mädchen und ihre Abenteuer.

Paper Girls“ erhielt mehrere Eisner-Awards. Der erste „Paper Girls“-Sammelband war für den Hugo Award als bester Comic nominiert.

Die Verfilmung sieht nach dem Trailer eher Meh aus. Die bisherigen Reaktionen können, so mein Überblick, als ‚ist okay‘ und ‚gefällt‘ zusammengefasst werden. Eine zweite Staffel ist geplant.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls: Die komplette Geschichte

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross-Cult, 2022

800 Seiten

60 Euro (Paperback-Ausgabe)

99 Euro (gebundene Ausgabe)

Originalausgabe

Paper Girls: The complete Story

Image Comics, 2021

enthält

Paper Girls # 1 – 30

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Moviepilot über „Paper Girls“ (TV-Serie)

Rotten Tomatoes über „Paper Girls“ (TV-Serie)

Wikipedia über „Paper Girls“, „Paper Girls“ (TV-Serie), Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „Paper Girls 4“ (Paper Girls, Volume 4, 2018)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „ Paper Girls 5″ (Paper Girls. Volume 5, 2018)

Meine Besprechung von Brian K.Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilsons „Paper Girls 6“ (Paper Girls, Volume 6, 2019)


Ken Bruen erzählt von „Aliens Bändigung“ – und DS Brant hat etwas damit zu tun

August 9, 2022

Beginnen wir diese Besprechung mit dem Ende, den Werbeseiten eines Buches, in denen auf andere Bücher hingewiesen wird. So auch dieses Mal. Der Polar Verlag weist auf die bereits erschienenen Brant-Krimis hin. Und er verrät, wann die noch nicht übersetzten Brant-Krimis auf Deutsch veröffentlicht werden. Im Juni 2023 erscheint der dritte Brant-Roman „The McDead“. Das ist gleichzeitig der letzte Band der „The White Trilogy“. Unter diesem Titel wurden 2003 die ersten drei Brant-Romanen „Saubermann“, „Aliens Bändigung“ und „The McDead“ veröffentlicht. Der siebte und letzte Brant-Roman „Ammunition“ erscheint im Juni 2024.

Danach könnte der Polar Verlag einen Blick auf Bruens Jack-Taylor-Romane werfen. Einige Romane der grandiosen Privatdetektiv-Krimireihe wurden bereits übersetzt. Aber noch lange nicht alle Romane der Serie und Bruen schreibt die Taylor-Serie emsig weiter.

Doch kommen wir jetzt zurück zu „Aliens Bändigung“, dem zweiten Brant-Krimi, der jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Alien ist der Spitzname von Fenton. Er hat ihn, weil er während einer gemeinsamen Sichtung von Ridley Scotts „Alien“ (dem Original von 1979) einen Typen mit einem Baseballschläger erschlug, weil dieser einen anderen Typen reingelegt hatte. Danach sah er sich den Film bis zum Ende an, weil er alles Unvollendete hasst.

Jetzt soll er Detective Sergeant Brant von der Londoner Metropolitan Police eine ordentliche Abreibung verpassen. Fenton tut es. Und hat danach einen todbringenden Feind. Denn Brant will es ihm heimzahlen. Auch wenn er dafür London in Richtung USA verlassen muss. Dort schließt Fenton gerade neue Freundschaften.

Als alter Bruen-Fan ist diese Bändigung des Aliens natürlich eine klare Empfehlung.

Ken Bruen: Aliens Bändigung

(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Günther Grosser)

Polar Verlag/Dark Places, 2022

192 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Taming the Alien

The Do-Not Press, 1999

Hinweise

Wikipedia über Ken Bruen (deutsch, englisch)

Mein Besprechung von Ken Bruens „Brant“ (Blitz – or… Brant hits the Blues, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Füchsin“ (Vixen, 2003)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens “Jack Taylor liegt falsch” (The Killing of the Tinkers, 2002)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Kaliber“ (Calibre, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Once were Cops“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Reed Farrel Colemans “Tower” (Tower, 2009)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie “Jack Taylor” (Irland 2010/2011/2013 – basierend auf den Romanen von Ken Bruen)

Ken Bruen in der Kriminalakte


Über Jacob Ross‘ Inselkrimi „Die Knochenleser“

August 3, 2022

Einige Seemeilen neben der fiktiven Karibikinsel Saint Marie, wo wechselnde aus England eingeflogene Ermittler „Death in Paradise“ aufklären, liegt Camoha, eine ebenso fiktive Insel, die als ebenso archetyische Karibikinsel beschrieben werden kann. Auf dieser Insel gibt es Touristen, christliche und andere Glaubensgemeinschaften, Revolten, Polizeigewalt und Korruption, viel Korruption.

Im Mai 1999 verlor Michael ‚Digger‘ Digson, der Ich-Erzähler in „Die Knochenleser“, bei dem Vergewaltigungsaufstand seine Mutter. Wahrscheinlich wurde sie ermordet. Als der sich Jahre später ziellos durch sein Leben treiben lassende hochintelligente Schulabbrecher Digson den Mord an einem Kind auf offener Straße beobachtet, trifft er Detective Superintendent Chilman. Der sieht in ihm Potential und bietet ihm eine Arbeit in einer noch zu gründenden Spezialeinheit der Polizei an. Schmackhaft macht er ihm die Arbeit unter anderem mit dem Hinweis, dass er in den Polizeiakten nach dem Mörder seiner Mutter suchen kann.

Neben diesen von Digson mehr oder weniger energisch vorangetriebenen Ermittlungen, erfahren wir auch, wie das Team ausgebildet und zu einem Team wird. Als Chilman in Pension geht (das ist auf Seite 88), hat er noch eine Aufgabe für sie. Sie sollen das schon länger zurückliegende Verschwinden von Nathan aufklären. Wahrscheinlich hat er nicht die Insel verlassen, sondern er wurde ermordet.

Bei diesem Fall soll ihnen Miss Stanislaus helfen. Sie ist zwar keine Polizistin, aber Chilman hat sie zu ihnen geschickt und der Polizeichef befiehlt ihnen, sie in ihre Einheit aufzunehmen.

„Die Knochenleser“ ist der erste „Kriminalroman“ von Jacob Ross. Der 1956 auf Grenada geborene Ross lebt seit 1984 im Vereinigten Königreich. Vor „Die Knochenleser“ veröffentlichte er bereits den Roman „Pynter Bender“ (ausgezeichnet als Bestes Debüt von der Society of Authors), Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. „Die Knochenleser“ erhielt den damals neuen Jhalak Prize for Book of the Year by a Writer of Colour. Im darauffolgenden Jahr erhielt Reni Eddo-Lodge den Preis für „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Why I’m no longer talking to White People about Race). Ihr Essay ist unbedingt lesenswert.

Über „Die Knochenleser“ kann das nicht gesagt werden. Ross erzählt seine Geschichte chronologisch, was in diesem Fall dazu führt, dass der für den Roman zentrale Kriminalfall erst sehr spät beginnt. In der ersten Hälfte des Buches erzählt er alles über Digsons Anwerbung, seine Ausbildung, seine Arbeit als Polizist, der Suche nach dem Mörder seiner Mutter und einige Seiten über die Ermittlungen im Fall Nathan. In der zweiten Hälfte geht es eher um den Mord an Bello Hunt, Diakon der Spirituellen Baptistenkirche Kinder des Einhorns. Auch hier scheint Ross sich für alles außer dem reichlich nebulösem Kriminalfall zu interessieren. Der wird eher nebenbei, kaum nachvollziehbar und im Off weitergesponnen.

Das könnte natürlich ausgeglichen werden durch die Sprache, eine intensive Beschreibung des Insellebens und interessante Figuren. Sprachlich hat mich der Roman nicht angesprochen und die überflüssige Verwendung des Dialekts genervt. Die Figuren sind eher unsympathisch und in ihrem Verhalten oft nervig. Das korrupte Inselleben haben wir so ähnlich schon in anderen und besseren Romanen gelesen, die in Entwicklungsländern spielen. Spontan fallen mir die in Südamerika und Afrika spielenden Kriminalromane von Yasmina Khadra, Janis Otsiemi, Gary Victor und, auch wenn sie keine Polizeikrimis schreibt, Claudia Piñeiro ein.

Jacob Ross: Die Knochenleser

(übersetzt von Karin Diemerling)

Suhrkamp, 2022

384 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

The Bone Readers

Peepal Tree Press, Leeds/UK, 2016

Die Übersetzung folgt der Sphere-Neuausgabe von 2018.

Hinweise

Perlentaucher über „Die Knochenleser“ (da kommt der Roman viel besser an)

Wikipedia über „Die Knochenleser“ und Jacob Ross


Koren Shadmi erzählt Bela „Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula“

August 1, 2022

Sein letzter Film war „Plan 9 from Outer Space“ (Plan 9 aus dem Weltall), ein Werk von Ed Wood, das nicht gut, eigentlich sogar ziemlich schlecht, aber nicht so schlecht ist, wie man nach seinem Ruf als schlechtester Film aller Zeiten annehmen könnte. Immerhin wurde das Werk nach seiner Worst-Picture-Auszeichnung zum Kultfilm.

Sein bekanntester Film ist „Dracula“. Tod Browning inszenierte ihn 1931 für Universal Studios. Der Horrorfilm war ein Kassenerfolg, der erste einer Reihe legendärer, kommerziell sehr erfolgreicher Horrorfilme und er zeigte Bela Lugosi in der Rolle seines Lebens. Er hatte Graf Dracula schon vorher im Theater gespielt. Neben vielen anderen Rollen. Aber nach „Dracula“ war er letztendlich bis zu seinem Tod Graf Dracula aus Transsylvanien.

Koren Shadmi erzählt in seinem Comic „Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula“ das Leben von Bela Lugosi. Geboren wurde Lugosi am 20. Oktober 1882 in Lugos (Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn) als Béla Ferenc Dezsö Blaskó. Er beginnt seine Schauspielerkarriere am Theater in Shakespeare-Stücken. In Budapest gründet er eine Schauspielergewerkschaft. 1919, nach dem Sturz der Regierung, nimmt deswegen der Druck auf ihn zu. Er flüchtet mit seiner damaligen Frau nach Wien. Von 1919 bis 1921 lebt er – diese kurze und für sein Leben unwichtige Phase wird im Comic übersprungen – in Berlin, spielt in mehreren Stummfilmen mit und tritt erstmals als Bela Lugosi auf. Danach zieht er in die USA. Zuerst lebt er in New York. 1927 hat er am Broadway seine erste Hauptrolle als Graf Dracula. Mit dem Stück geht er auf Tournee durch die USA. Als er von einer geplanten Verfilmung der „Dracula“-Geschichte hört, will er mitspielen. Er erhält die Rolle und wird zum Star.

An den großen Erfolg von „Dracula“ kann er in den nächsten Jahren nicht anknüpfen. Das lag, wie Shadmi zeigt, teils am Studio, aber zu einem größeren Teil an Lugosis Persönlichkeit. Zuerst war er, nach dem Erfolg von „Dracula“, sehr wählerisch bei der Auswahl seiner Rollen; später, als seine finanziellen Probleme wuchsen, nahm er jede Rolle an. Er legte niemals seinen „Dracula“-Akzent ab. Dieser starke Akzent schränkte das Spektrum der Rollen, die ihm angeboten wurden, ein. Er gab immer mehr Geld aus als er hatte. Er war fordernd und egozentrisch. Er war fünfmal verheiratet. Die kürzeste Ehe hielt nur wenige Tage. Die längste, mit Lillian Arch, über zwanzig Jahre von 1933 bis 1953. Und er war drogensüchtig.

Bela Lugosi stirbt am 16. August 1956 in Los Angeles. Er wurde 73 Jahre alt.

Koren Shadmis „Lugosi“ ist eine rundum überzeugende Comic-Biographie. Er verdichtet Lugosis Leben auf entscheidende Stationen, liefert dabei immer den notwendigen historischen Hintergrund und zeigt auch die problematischen Seiten von Lugosi. Er entschied sich, Lugosis Leben als SW-Geschichte zu erzählen. So wie wir Lugosi aus den SW-Filmen und von Bildern kennen. So wie das Hollywood der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre, das wir aus SW-Filmen und von SW-Fotos kennen, für uns heute aussieht.

Koren Shadmi: Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula

(mit einem Vorwort von Joe R. Lansdale)

(übersetzt von Claudia Kern)

Panini Comics, 2022

160 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Lugosi

Humanoids, 2021

Hinweise

Homepage von Koren Shadmi

Wikipedia über Koren Shadmi und Bela Lugosi (deutsch, englisch)

Und hier ist der vollständige teuflische „Plan 9 from Outer Space“


Über John Laymans Abenteuergeschichte „Bermuda“

Juli 27, 2022

Vielleicht liegen in einigen Antiquariaten oder auf staubigen Dachböden noch einige Exemplare von Charles Berlitz‘ „Das Bermuda-Dreieck: Fenster zum Kosmos?“ und thematisch ähnlichen Sachbüchern herum. Schließlich waren sie vor vierzig, fünfzig Jahren Besteller, die als „Sachbuch“ verkauft wurden, letztendlich aber eine Mischung aus wilder Spekulation und Seemannsgarn sind. Das Bermuda-Dreieck war damals populär und allgemein bekannt als das Gebiet im Atlantik zwischen Florida, Puerto Rico und Bermuda, in dem unglaublich viele Schiffe und Flugzeuge spurlos und unter mysteriösen Umständen verschwinden. Erklärt wurde das mit allem möglichen vom Wetter (uncool) bis hin zu Außerirdischen (cool).

Wenn jetzt ein Comic erscheint, der sich „Bermuda“ nennt und in eben jener Gegend spielt, dann ist klar, dass eben jene Mythologie ein Teil der von John Layman erfundenen, Nick Bradshaw gezeichneten und Len O’Grady sehr farbenfroh kolorierten Geschichte ist.

Während eines Flugs gerät ein Privatflugzeug mit Robert ‚Bobby‘ Randolph und seiner siebenjährige Schwester Andi in einen Gewittersturm. Gut dreihundert Kilometer vor der Küste wird das Flugzeug getroffen und stürzt in den Atlantik. Aber es stürzt nicht ins Meer, sondern auf eine Insel, die es nicht geben sollte.

Auf der Insel sind Urviecher, vulgo Dinosaurier und noch seltsamere Kreaturen, Nachfahren von vor Jahrhunderten gestrandeten Seeräubern und die rothaarige sechzehnjährige Bermuda, die alle Gefahren der Insel kennt.

Weil Bobby und Andi bei der Bruchlandung getrennt wurden, will Bobby seine Schwester finden. Das ist leichter gesagt als getan.

Während er und Bermuda, die dem gleichaltrigem Jungen notgedrungen hilft, auf der Insel allerlei Gefahren trotzen, wissen wir, dass Randolph Inc., die Firma von Bobbys Vaters, für den Sturm verantwortlich war und bald noch schlimmere Dinge passieren könnten.

Bermuda“ ist eine fetzige Abenteuergeschichte mit einer taffen Heldin und wundervoll abgedrehten Bedrohungen, über die hier nichts verraten werden soll.

John Layman/Nick Bradshaw/Len O’Grady: Bermuda

(übersetzt von Silvano Loureiro Pinto)

Cross Cult, 2022

128 Seiten

16 Euro

30 Euro (limitierte Hardcover-Edition)

Originalausgabe

Bermuda

IDW, 2022

Hinweise

Wikipedia über John Layman

Homepage von Chew/John Layman

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Flambiert (Band 4)“ (Chew, Vol. 4: Flambé, 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Erste Liga“ (Band 5) (Chew Vol. 5: Major Legue Chew, 2012)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Space Kekse (Band 6)“ (Chew Vol. 6: Space Cakes, 2013)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Die letzten Abendmahle (Band 11)“ (Chew Vol. 11: The last suppers, 2016)

Meine Besprechung von John Layman/Jason Fabok/Andy Clarkes „Batman Detective Comics: Der Herrscher von Gotham (Band 3)“ (Detective Comics 13 – 20, 2012/2013)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!: Saurer Apfel (Band 12)“ (Chew Vol. 12: Sour Grapes, 2017)


Verfilmte Bücher: Kotaro Isakas „Bullet Train“ ist jetzt ein Film mit Brad Pitt

Juli 26, 2022

Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.

In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.

Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.

Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.

Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.

Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.

Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.

Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.

Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.

Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.

Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.

Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.

Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.

Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.

Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.

Kotaro Isaka: Bullet Train

(übersetzt von Katja Busson)

Hoffmann und Campe, 2022

384 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mariabitoru

Kadokawa, Tokio, 2010

Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)

 

Bullet Train (Bullet Train, USA 2022)

Regie: David Leitch

Drehbuch: Zak Olkewicz

LV: Kōtarō Isaka: Mariabitoru, 2010 (Bullet Train)

mit Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji, Hiroyuki Sanada, Michael Shannon, Bad Bunny, Zazie Beetz, Logan Lerman, Karen Fukuhara, Masi Oka, Sandra Bullock

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Perlentaucher über „Bullet Train“

Bookmarks über „Bullet Train“

Wikipedia über Kotaro Isaka, „Bullet Train“ (Roman) und „Bullet Train“ (Film) (deutsch, englisch)


%d Bloggern gefällt das: