Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström, Günter Schütter (Bearbeitung)
DDR, Frühjahr 1961, wenige Monate vor dem Bau der Mauer (was damals niemand ahnte): In Dresden stolpert der zwanzigjährige Bühnenmaler Siggi (Max Riemelt) in unbekannte Welten zwischen Theater, dem Tanzlokal „Roter Kakadu“ (wo Jazz und westliche Rockmusik gespielt werden) und neuen, freiheitsliebenden Freunden. Das sorgt schnell für Ärger…mit der Staatsmacht.
Lebendiger Blick auf die DDR in den frühen sechziger Jahren und auf jugendliches Revoluzzertum.
mit Max Riemelt, Jessica Schwarz, Ronald Zehrfeld, Ingeborg Westphal, Devid Striesow, Kathrin Angerer, Tanja Schleif, Volker Michalowski, Klaus Manchen, Heiko Senst, Nadja Petri
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Die aktuell grafliche Lektüre
Am 12. Februar 2025 unterhielt sich Lisa Gotto (Professur für Theorie des Films, Universität Wien) mit Dominik Graf über sein Leben und Werk als Regisseur. Jetzt liegt die Niederschrift des Interviews, mit fast achtzig das Gespräch illustrierenden Bildern und vielen für Orientierung sorgenden Zwischenüberschriften, als 95. Heft der „Augenblick“-Buchreihe vor – und es lohnt sich für alle, die (mal wieder) in das Denken und Werk von Dominik Graf eintauchen wollen, die einen konzentrierte und selbstkritischen Einblick in Grafs Werk wollen und die mehr über die letzten fünfzig Jahre Geschichte des deutschen Films im Kino und Fernsehen erfahren wollen. Denn Dominik Graf gehört zu den wenigen Regisseuren, die öffentlich immer wieder über ihr Werk nachdenken, ein filmisches Programm haben und auch Ansprüche an sich, Kollegen und Produzenten stellen. Vor allem arbeitet Graf für das Fernsehen, oft in Serien und Reihen, wie „Der Fahnder“ (die legendären Anfänge, die auch in dem Interview ausführlich beleuchtet werden), „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Meistens inszeniert er Kriminalfilme, Unterkategorie Polizeifilm. Er arbeitet also nahe am Publikum, aber immer mit einem Anspruch an sich und die Geschichte und einem unverwechselbarem Stil.
In dem Interview spricht er über das alles.
Danach will man wieder einen der im Buch erwähnten Filme sehen. Beispielsweise, um zwei nicht von Graf inszenierte Filme, die er auch niemals inszeniert hätte, aber im Gespräch lobend erwähnt und die heute definitiv so nicht wieder inszeniert würden, zu nennen, „Im Himmel ist die Hölle los“ oder Bockmayers „Geierwally“.
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Augenblick – Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft 95 (herausgegeben von Lisa Gotto): „Der Film fließt zurück ins Meer des Lebens“ – Ein Gespräch mit Dominik Graf
In „Die große Verdrängung“ erzählt Roberto Grossi nicht das, was man nach einem flüchtigen Blick auf das Titelbild vermuten könnte. Jedenfalls nicht nur und nicht an erster Stelle. Die steigende Zahl von Flüchtlingen, die in der oberen Bildhälfte zu sehen sind, ist eine Folge des Klimawandels. Klimawandel ist dabei ein gern benutzter Euphemismus für die katastrophalen Folgen, die eine weitere Erwärmung der Erde hat. Nämlich dass Tiere und Pflanzen vermehrt aussterben, dass die überlebenden Tiere und Pflanzen sich zunehmend andere Lebensräume suchen und dass große Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar werden. Außer man möchte 24/7 in einer klimatisierten Wohnung sitzen und auf die Wüste starren.
In seinem Comic „Die große Verdrängung“ warnt Roberto Grossi vor dieser Veränderung und er ruft zum Handeln auf. Er verbindet dabei eine etwas längere, glänzend recherchierte und präzise geschriebene Reportage mit Bildern, die durch ihre Platzierung und Kombination, zum Nachdenken anregen. Dabei zeigt er auch die Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung, daraus entstehenden Konflikten, Industrialisierung, Kapitalismus und Flucht auf. Er zeigt, wie in komplexen Systemen manchmal kleine von Menschen vorgenommene Veränderungen große Veränderungen haben können.
„Die große Verdrängung“ ist äußerst lesenswert als schneller und gelungener Einstieg in das vielschichtige Thema. Aufgrund der Zeichnungen ist es ein zum Nachdenken anregender Kurzessay über die Zusammenhänge zwischen verschiedenen menschheitsbedrohenden Problemen und wie sie gelöst werden können. Auch wenn Grossi nach dem ersten Schritt – dem Schaffen von Aufmerksamkeit und Problembewusstsein über die titelgebende ‚große Verdrängung‘ – den zweiten nur skizziert.
Dafür wurde „Die große Verdrängung“ in der Kategorie „Sachbuch“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Die Preisverleihung ist am 9. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse.
Duca Lamberti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drei Jahre verbüßte der Arzt, weil er Sterbehilfe leistete. Jetzt darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Durch die Vermittlung eines Freundes wird ihm sofort eine Arbeit angeboten: ein reicher Mailänder Industrieller bittet ihn, seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Davide von seinem Alkoholismus zu heilen. Duca ist einverstanden. Um Davide langfristig zu heilen, muss er herausfinden, warum der Junge trinkt.
Kurz darauf gesteht Davide ihm, er sei ein Mörder. Er habe einer Frau, die sich umbringen wollte, nicht geholfen. Wenige Stunden später ist sie tot. Seitdem fühlt Davide sich für ihren Tod verantwortlich. Er beginnt zu trinken. Als Duca sich die Umstände ihres Todes genauer ansieht, ist er überzeugt, dass sie ermordet wurde. Durch einen mit einer Minox aufgenommenen Film, den sie in Davides Auto verloren hatte, kommt er auf eine vielversprechende Spur. Auf dem Film sind Bilder von zwei nackten Frauen. Beide wurden ermordet.
„Private Venus“ ist die von Paolo Bacilieri gezeichnete Comic-Version von Giorgio Scerbanencos erstem Duca-Lamberti-Kriminalroman. Scerbanenco (1911 – 1969) schrieb zu Lebzeiten zahlreiche Romane. Er gilt als einer der Erneuerer des italienischen Kriminalromans. Am bekanntesten ist er für seine vier Duca-Lamberti-Romane.
Bacilieri nahm die Texte aus Scerbanencos kurzem Roman. Die Handlung übernahm er mit minimalsten Änderungen. In seinen Zeichnungen entsteht ein atmosphärisches Bild Italiens in den späten sechziger Jahren.
Der Fall selbst ist spannend und angenehm ungewöhnlich. Schließlich ermittelt hier kein Polizist, sondern ein Privatmann. Er stolpert in einen Fall hinein. Bei der Lösung helfen dem Polizistensohn Duca die Polizei, die in bestimmten Momenten nicht wissen will, was er und seine Freunde tun. Seine Freunde sind Davide, der nicht mehr von Ducas Seite weichen will, und Livia Ussaro, die die Tote kannte, weil sie beide auch als Prostituierte arbeiteten.
Die Lösung ist überraschend und gruselig. Sie zeigt auch, wie viel sich in den vergangenen sechzig Jahren veränderte. Damals war das Motiv des Mörders ein nachvollziehbarer Grund für mehrere Morde. Heute nicht mehr.
Der zweite Duca-Lamberti-Comic „Verratene Verräter“ ist für September 2026 angekündigt. Das ist genug Zeit, um bis dahin Scerbanencos Roman zu lesen.
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Paolo Bacilieri: Private Venus (nach dem Roman von Giorgio Scerbanenco)
(übersetzt von Myriam Alfano)
Avant-Verlag, 2024
160 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Venere Privata
Oblomov Edizioni, 2023
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Die Vorlage
Giorgio Scerbanenco: Venere Privata
Garzanti Editore, Mailand, 1966
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Mehrere deutsche Übersetzungen und Auflagen bei verschiedenen Verlagen:
Leichte Mädchen sterben schwer (übersetzt von Eva Schönfeld)
Das Mädchen aus Mailand (übersetzt von Christiane Rhein)
Der Bundespresseball ist eine der großen Veranstaltungen, auf denen sich Politik und Journalismus in Berlin treffen und ein festes Programm durchziehen.
Dieses Mal wird die eingeübte Routine unterbrochen von dem Tod des Bundeskanzlers Oskar Vergis und des Finanzministers Claas von der Linden. Beide werden während der Veranstaltung im Hotel Adlon mit dem exotischen Gift Batrachotoxin vergiftet.
Kriminaloberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann beginnen als Teil der großen Ermittlungsgruppe mit der Suche nach dem Täter. Ein politisches Motiv ist naheliegend. Sie und ihre Kollegen müssen die echten von den vielen falschen Verdächtigen trennen und Tonnen an Videomaterial auf der Suche nach einer Spur sichten. Schnell entdecken sie auf einem Video den Kellner, der den beiden Opfern die Gläser auf den Tisch stellte. Im Gegensatz zu den anderen Kellnern standen auf seinem Tablett nur zwei Champagnergläser. Damit ist klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die beiden Politiker handelte. Noch verdächtiger wird der Kellner, weil er wenige Minuten nach der Tat in die Türkei flüchtet. Fast genauso schnell ist Heidergott überzeugt, dass dieser Kellner nicht die Tat geplant hat.
Alle anderen Ermittlungen verlaufen im Nichts. Nach mehreren Tagen haben sie immer noch keine heiße Spur. Aber einige der von ihnen Befragten deuten an, dass die Tat vielleicht von einem anderen Politiker oder einer im politischen Betrieb tätigen Person veranlasst wurde. Das ist für Wolfgang Ainetter, der von 2018 bis 2021 Sprecher im Bundesverkehrsministerium war, die Gelegenheit, ein wenig aus dem Innenleben der Bundespolitik und der verschiedenen Bundesministerien zu plaudern.
Der Fall selbst spielt während der Ampelregierung – oder präziser während einer Ampelregierung, die an die zerstrittene Ampelregierung erinnert. Die Minister im Buch heißen Norbert Bobeck (Wirtschaftminister), Alma Brock (Außenministerin) und Lucy Faenger (Innenministerin). Auch das weitere im Roman erwähnte politische Spitzenpersonal ist anhand ihrer Namen, Positionen und ihres Verhaltens ähnlich leicht erkennbar.
Als den Ermittlern in einem Video auffällt, dass das eine Glas nicht für den Finanzminister, sondern für Maresa Röhn, die mächtige „Wumms24“-Herausgeberin (so etwas wie „Bild“), bestimmt war, haben Heidergott und Schippmann endlich einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz.
„Ein Kanzleramtskrimi“ ist der zutreffende Zusatz von Wolfgang Ainetters zweitem Roman mit dem aus Wien stammendem Kommissar André Heidergott. Heidergott ist der immer wieder sympathisch abschweifende Ich-Erzähler der Geschichte.
Denn „Einigkeit und Recht und Rache“ ist letztendlich ein Regiokrimi. Viele Figuren sind nur leicht fiktionalisierte Versionen von aus der Realität bekannten Personen. Straßen, Verkehrsverbindungen, Örtlichkeiten und Lokale (sie werden am Buchende in einem „Diäten-Register“ aufgelistet) werden penibel genannt und immer ist Zeit für eine Mahlzeit. Das Privatleben der Ermittler gestaltet sich familiär. Der gar nicht so schlechte Fall wird eher nebenbei gelöst. Ainetter, der lange als Journalist arbeitete, unter anderem bei der „Bild“, erzählt die Geschichte des die Republik erschütternden Doppelmordes flott, unaufgeregt und mit einer angenehmen Erzählstimme.
Und weil die letztendlich harmlose Geschichte quasi vor meiner Haustür spielt, bin ich überaus positiv gestimmt. Das ist ein weiteres Kennzeichen eines Regiokrimis: Menschen, die in der Region leben, in der der Regiokrimi spielt, mögen die Geschichte, weil sie die Gegend wieder erkennen.
Das hat – und will – nichts mit den aufklärerischen Polit-Thrillern von Autoren wie Horst Eckert und Andreas Pflüger zu tun haben.
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Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache – Ein Kanzleramtskrimi
Marilyn Monroe (1. Juni 1926 in Los Angeles, als Norma Jeane Mortenson [kirchlich registrierter Taufname Norma Jeane Baker] – 4. August 1962 in Brentwood, Los Angeles)
Wer hätte vor hundert Jahren gedacht, dass MM über sechzig Jahre nach ihrem Tod immer noch bekannt ist?
In ihrer Comic-Biographie „Monroe – Ein Hollywoodmärchen!“ (Les étoiles de l’histoire: Marilyn Monroe, 2020) erzählen Bernard Swysen (Text) und Christian Paty (Zeichnungen) auf knapp hundert Seite das Leben der Schauspielerin, die mehr als nur ein Sexsymbol sein wollte, pointiert nach. Eine Leseempfehlung.
Die bei Panini erschienene deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Frankreich in naher Zukunft: der Präsident hat sich im Élysée-Palast vollkommen von der Welt isoliert. Er wird nur noch „der Verrückte“ genannt. Seine einzige Amtshandlung sind regelmäßige Auflösungen der Nationalversammlung. Es sind, wie der Erzähler der Geschichte auf der ersten Seite von „Die kleine Faschistin“ sagt, die letzten Tage vor dem Sturz der Republik. Die Bonneval-Affäre hatte daran einen entscheidenden Anteil. Welchen will der Erzähler uns auf den folgenden 140 Seiten erzählen.
Patrick Bonneval ist ein in Nordfrankreich in der Nähe der Grenze zu Belgien lebender sechzigjähriger Mitte-Links-Politiker, der jetzt wieder für die Nationalversammlung kandidieren will. Laut der Prognose der Tarantel, einer legendären Strippenzieherin, wird er in wenigen Monaten der Premierminister sein. Er sei der Letzte, der die Republik noch retten könne.
Sein aussichtsreichster Gegner in seinem Wahlkreis ist ein Trottel vom Patriotischen Block. Diese Ultra-Rechts-Partei wird in ganz Frankreich immer stärker. Sie könnte eine der nächsten Regierungen stellen.
Und dann gibt es noch die titelgebende „kleine Faschistin“. Die zwanzigjährige Francesca Crommelynck, die aussieht wie ein „nationalsozialistisches Postergirl“, wuchs in einer rechtsradikalen Familie auf. Ihre Kindheitsliebe war der Sohn eines kabylischen Kommunisten. „War“ weil er als Vierzehnjähriger ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefunden. Der andere wichtige Mann in ihrem Leben ist ihr großer Bruder Nils, der ebenfalls tot ist. Sie könnte im Patriotischen Block eine wichtige Rolle übernehmen.
Und viel mehr soll nicht verraten werden über die Geschichte von Jérôme Leroys neuestem Roman „Die kleine Faschistin“. Äußerst flott, angenehm verdichtet und etwas schnoddrig erzählt Leroy auf wenigen Seiten eine äußerst verwickelte und schwarzhumorige Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite in Politik getränkt ist. „Die kleine Faschistin“ reiht sich nahtlos in Leroys bisheriges Werk ein mit seiner nüchternen Analyse der französischen Gesellschaft und des dortigen Rechtsextremismus.
Nachdem Diogenes unlängst in vorzüglichen neuen Übersetzungen die Romane von Raymond Chandler noch einmal veröffentlichte und hoffentlich einige Jüngere Chandler und den von ihm erfundenen Privatdetektiv Philip Marlowe entdeckten, gibt es jetzt für sie und langjährige Marlowe-Fans Nachschub. Die Erben von Raymond Chandler beauftragten die Tartan-Noir-Autorin Denise Mina mit dem Schreiben eines Philip-Marlowe-Romans. Das ist schon eine kleine Sensation. Denn seit Chandlers Tod am 26. März 1959 erschienen nur sehr wenige Werke, in denen andere Autoren neue Geschichten mit dem stilbildendem Hardboiled-Privatdetektiv erzählten. Das war bei anderen Autoren, teils aus verschiedenen Gründen, anders. Ace Atkins schrieb zwischen 2012 und 2022 zehn neue Spenser-Romane. Seitdem schreibt Mike Lupica neue Spenser-Romane. Max Allan Collins schrieb seit 2008 sechzehn neue Mike-Hammer-Romane. Er konnte dabei auf Material von Mickey Spillane zurückgreifen. Joe Gores schrieb einen Sam-Spade-Roman. Max Allan Collins unlängst ebenso. Keiner dieser Romane wurde ins Deutsche übersetzt.
Robert B. Parker (der Erfinder von Spenser, einem deutlich von Marlowe und Spade beeinflusstem Privatdetektiv) vollendete 1989 ein Manuskript von Raymond Chandler und schrieb anschließend einen weiteren Marlowe-Roman. Benjamin Black (John Banville) folgte 2014 mit „The Black-Eyed Blonde“ (Die Blonde mit den schwarzen Augen). Und jetzt Denis Mina mit „Die große Hitze“.
1938 erhält Marlowe von dem unglaublich vermögendem, im Sterben liegendem Patriarchen Chadwick Montgomery den Auftrag seine zweiundzwanzigjährige Tochter Chrissie zu suchen. Die Erbin des Ölmoguls verschwand wenige Stunden vor ihrer Verlobungsfeier. Jetzt soll der Privatdetektiv mit festem Tagessatz („Ich kriege vierzig pro Tag, im Voraus, plus Spesen im Nachhinein.“) und Ehrenkodex sie finden.
Wie es sich für einen zünftigen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi gehört, beginnt er sich umzuhören, findet sie und steht schnell tief in der Scheiße.
Schon auf den ersten Seiten herrscht ein wohliges Retro-Gefühl. Man erinnert sich an ähnliche Situationen aus Chandlers Romanen und Kurzgeschichten (die er teils in seinen Romanen recyclte), den guten Verfilmungen (es gibt auch weniger gelungene) – und den vielen, vielen, sehr vielen Marlowe-Kopien in anderen Kurzgeschichten, Romanen, Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen. Marlowe und Dashiell Hammetts Sam Spade wurden seit ihrem ersten Auftritt unzählige Male als Vorbild genommen oder parodiert. Seit Jahhrzehnten sind sie ein fester Teil des popkulturellen Gedächtnisses. Das ist ein Problem, mit dem Denise Mina zu kämpfen hat.
Ein anderes ist Chandlers markante Sprache, die unzählige Male kopiert, nachgeahmt und parodiert wurde. Dieses Problem umgeht Denise Mina, indem sie nicht auf Biegen und Brechen versucht, in mindestens jedem zweiten Satz eine Metapher oder einen absurden, aber einprägsamen und die Situation präzise beschreibenden Vergleich zu bringen.
Sie bringt auch feministische Themen ein und Marlowe arbeitet mit einer Privatdetektivin zusammen. Chandler schrieb seine Geschichten zwischen 1933 und 1958. Vier seiner sieben Romane erschienen zwischen 1939 und 1943. Seitdem veränderte sich einiges.
Die von ihr erfundene Geschichte wird schnell verwirrend, weil Ich-Erzähler Marlowe die Ereignisse nicht vollständig überblickt und viel passiert. Das kennen wir von Chandler, der auch nicht immer den Durchblick in seinen Geschichten hatte. Aber bei Mina zerplätschert die Geschichte auch. Sie wird langweilig und langatmig. Und am Ende bleiben in einem Roman, der nie eigenständig genug ist, um zu begeistern, eigentlich alle Fragen offen.
Schade.
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Fast zeitgleich zur deutschen Ausgabe von „Die große Hitze“ erschien im Unionsverlag die Taschenbuch-Ausgabe von Denise Minas fünftem und letztem Inspector-Morrow-Roman. Die deutsche Erstausgabe von „Blut Salz Wasser“ erschien 2018 im Argument Verlag.
Alex Morrow, Kriminalinspektorin der Polizei von Glasgow, sucht die spurlos verschwundene Wirtschaftskriminelle Roxanna Fuentecilla, die gerade ein mehr oder weniger illegales Millionengeschäft plante. Zur gleichen Zeit irrt der während einer Entführung zum Mörder gewordene Kleinganove Ian Fraser durch die Stadt und Boyd Fraser, der verheiratete, in die Stadt zurückgekehrte Betreiber eines veganen Restaurants, trifft seine ebenfalls nach Jahren in die Stadt zurückgekehrte, sich etwas seltsam verhaltende ehemalige Pfadfinderleiterin Susan Grierson wieder.
Mina erzählt, vor dem Hintergrund des Referendums zur Unabhängigkeit Schottlands, gleichzeitig und sehr detailliert mehrere Plots, die miteinander zusammen hängen. Sie entwirft dabei auf knapp 360 Seiten ein dichtes Geflecht zwischen legalen, halblegalen und vollkommen illegalen Geschäften, die durch den Ausgang des Referendums positiv oder negativ beeinflusst werden (weshalb jeder von ihnen auf einen bestimmten Ausgang des Referendums hinarbeitet). Während jede einzelne Figur nur einen Teil des gesamten Bildes wahrnimmt, bekommt der Leser ein sich langsam vervollständigendes Bild der Ereignisse und Hintergründe. Und weil es sich um einen Noir handelt, siegen am Ende nicht die Guten. Sofern es sie in dieser Welt überhaupt gibt.
Denise Mina: Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman
(übersetzt von Else Laudan)
ariadne/Argument Verlag, 2026
304 Seiten
24 Euro
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Originalausgabe
The second Murderer
Harvill Secker, 2023
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Denise Mina: Blut Salz Wasser
(übersetzt von Zoe Beck)
Unionsverlag, 2026
368 Seiten
15 Euro
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Deutsche Erstausgabe (immer noch erhältlich für 19 Euro)
No Way Out – Es gibt kein Zurück (No way out, USA 1987)
Regie: Roger Donaldson
Drehbuch: Robert Garland
LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1946 (Die große Uhr)
Offizier Farrell hat eine Affäre mit der Geliebten des Verteidigungsministers. Als sie stirbt, soll Farrell die Spuren vertuschen und den Augenzeugen für die Tat finden: sich.
Enorm spannender Krimi mit Top-Besetzung und überraschenden Story-Twists bis zur letzten Sekunde.
Mit Kevin Costner, Gene Hackman, Sean Young, Will Patton, Howard Duff, George Dzundza, Brad Pitt (ist wohl irgendwann einmal als Partygast zu sehen; ist einer seiner allerersten Filmauftritte)
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Lesetipp: Der Roman, der den Film inspirierte
Die Vorlage für „No Way Out – Es gibt kein Zurück“ erzählt die Geschichte etwas anders. In dem Roman soll George Stroud, Chefredakteur des True-Crime-Magazins „Crimeways“, den Mann suchen, der Pauline Delos nach Hause begleitete. Sein Chef Earl Janoth möchte das. Denn er möchte diesem Mann, den er in der Nacht nur als Schatten gesehen hat, den Mord an seiner Geliebten Pauline Delos anhängen. Janoth ermordete sie in einem Eifersuchtsanfall. Was Janoth nicht ahnt ist, dass Stroud der Mann ist, der Delos nach Hause begleitete.
Unglaublich, aber wahr: die deutsche Erstausgabe von Kenneth Fearings „Die große Uhr“ erschien erst 2023. Im Original erschien der Noir-Roman bereits 1946. Er wurde Fearings erfolgreichstes Werk und gilt schon lange als Noir-Klassiker.
Und es wurde zweimal erfolgreich und sehr unterschiedlich verfilmt. Einmal, nah am Buch, 1947 von John Farrow. Roger Donaldson verlegte 1987 die Geschichte in die Welt der Politik und Spionage. Jetzt ist der Täter der US-Verteidigungsminister und ein hochrangiger Soldat soll den Zeugen/“Täter“ finden. Und beide Male ließen deutsche Verlage die günstige Gelegenheit, den Roman zu veröffentlichen, ungenutzt verstreichen.
Dabei ist der chronologisch, aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Stimmen stringent erzählte Noir immer noch eine beängstigende und spannende Lektüre über einen Mann, der sich selbst jagt und sich als Unschuldiger an den Galgen liefern soll, damit der Schuldige entkommen kann. Eine wahrhaft teuflische Prämisse.
Nach seiner deutschen Erstveröffentlichung stand der Noir zweimal auf der Krimibestenliste.
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Kenneth Fearing: Die große Uhr
(übersetzt von Jakob Vandenberg, mit einem Nachwort von Martin Compart)
Inzwischen ist „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, der neue Film von Edgar Reitz, auch als Stream und auf DVD erhältlich. Man könnte also fragen, warum man sich ein Buch zulegen soll, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus einer Nacherzählung des Films besteht. Nun, diese Nacherzählung über die fiktive Begegnung zwischen dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und der Malerin Aaltje van de Meer, die ein Bild von ihm anfertigen soll, ist der eine Grund. Denn natürlich unterscheidet sich eine Nacherzählung die dem fertigen Film folgt, von dem Film. Die Lektüre dient, wenn man den Film kennt, der Erinnerung und sie ermöglicht ein vertieftes Eintauchen in die Dialoge. Denn schnell entwickelt sich zwischen Leibniz und Aaltje ein beide und die Zuschauer herausfordernder intellektueller Schlagabtausch.
Außerdem besteht das Filmbuch nicht nur aus dem nacherzähltem Drehbuch, den Credits, einigen Kurzbiograpien und vielen Film- und Setfotos, sondern auch aus Hintergrundmaterial. Es gibt ein Gespräch mit Edgar Reitz, ein Essay von Co-Drehbuchautor Gert Heidenreich und eine von ihm erstellte Literaturliste, Notizen von Kameramann Matthias Grunsky zum Lichtkonzept der fast ausschließlich in der im Souterrain liegenden Gartenmeisterei spielenden Geschichte und umfassende Auszüge aus dem E-Mail-Schriftverkehr zwischen Edgar Reitz und Leibniz-Darsteller Edgar Selge. Dieser Schriftwechsel gibt einen guten Einblick in die lange vor dem ersten Drehtag beginnende Arbeit zwischen einem Regisseur und einem Schauspieler. In diesem Fall gibt sie auch einen Einblick in die Schwierigkeiten einen letztendlich kleinen Film mit seinen wenigen Schauspielern und wenigen Drehorten zu finanzieren.
Das Filmbuch ist durchgehend informativ und vermittelt viele Informationen über verschiedene Aspekte des Films von der ersten Idee bis zum fertigen Werk.
„Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch“ vertieft das Filmerlebnis gelungen und ist für künftige Arbeiten über den Film und Edgar Reitz ein essenziell.
Wegen des kleinen Drucks täuscht die Seitenzahl.
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Edgar Reitz: Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes: Das Filmbuch
Schüren, 2025
192 Seiten
28 Euro
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Der Film
Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes(Deutschland 2025)
Regie: Edgar Reitz, Anatol Schuster (Co-Regie)
Drehbuch: Gert Heidenreich, Edgar Reitz
mit Edgar Selge, Aenne Schwarz, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Antonia Bill, Michael Kranz
Einiges muss man einfach akzeptieren. Nein, nicht dass Schafe reden und einen Mordfall lösen. Sondern dass alle Schafe in „Glennkill“ fotorealistisch animiert sind. Sie sehen immer etwas unnatürlich aus.
Diese Schafe gehören dem Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) (im Buch George Glenn). Der liegt eines Tages, mit einem Spaten in seinem Körper, auf seiner Wiese. Offensichtlich wurde er ermordet. Seine Schafherde, angeführt von der schlauen Lily (im Buch Miss Maples), will herausfinden, wer ihren liebenswerten Schäfer brutal ermordete.
Die Idee für diese Geschichte stammt von Leonie Swann. Sie schrieb den Rätselkrimi „Glennkill“, der 2005 ein Überraschungs-Bestseller wurde und 2006 den Friedrich-Glauser-Preis als bester deutschsprachiger Debütkriminalroman erhielt. Denn Leonie Swann ist eine deutsche Autorin und „Glennkill“ erschien ursprünglich auf Deutsch.
Zahlreiche Übersetzungen, auch ins Englische, folgten. Dort erschien der Roman 2008 unter dem Titel „Three Bags Full: A Sheep Detective Story“.
Die Verfilmung heißt jetzt, um die Verwirrung zu vervollständigen, im Original (also im angloamerikanischen Raum) „The Sheep Detectives“. Als hätte man nicht einfach bei „Glennkill“ bleiben können.
Schnell gab es Pläne für eine Verfilmung und rechtliche Probleme. Denn es war unklar, wie sich eine deutsche und eine internationale Verfilmung (bzw. eine Hollywood-Verfilmung) zueinander verhalten sollten. Nachdem das geklärt war, war eine Hollywood-Verfilmung möglich. Außerdem hat sich die Tricktechnik in den vergangenen zwanzig Jahren enorm weiterentwickelt. Die „Avatar“-Filme und einige Disney-Live-Action-Filme, wie „The Jungle Book“ und „Der König der Löwen“, zeigten, wie gut Menschen, animierte Tiere (oder andere Lebewesen) und mehr oder weniger reale Landschaften miteinander interagieren können.
Inszeniert wurde der Krimi jetzt von Kyle Balda („Minions“, „Ich – Einfach unverbesserlich 3“, „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“). Craig Mazin („The Huntsman & The Ice Queen“, „Chernobyl“, „The Last of Us“) schrieb das Drehbuch.
Die von Mazin erfundene Filmgeschichte übernimmt aus dem Roman die Prämisse und die Idee, den Kriminalfall aus der Sicht von Schafen zu erzählen. Der nun folgende Kriminalfall im Film hat nichts mit dem Fall im Roman zu tun. Das gilt selbstverständlich auch für den Täter und sein Motiv. Mazin veränderte und erfand viele Personen. So ist der ermordete Schäfer im Film viel netter als im Roman. Er hat auch einen besseren literarischen Geschmack. Im Film liest George seinen auf der Wiese grasenden Schafen Kriminalromane vor und vermittelt ihnen so das Handwerkszeug, um den Mordfall aufzuklären. Im Buch liest er ihnen vor allem schnulzige Liebesromane vor. Im Buch ist der Kriminalfall kaum bis überhaupt nicht vorhanden. Entsprechend wenig ermtteln die Schafe.
Das sind aber nur Details. Der größte und wichtigste Unterschied ist, dass der Film von Menschen gemacht wurde, die die Regeln des Rätselkrimis kennen, respektieren und lieben. Ihr „Glennkill“ ist ein aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählter witziger Rätselkrimi und eine Reflexion über die Regeln des Rätselkrimis.
Der Roman wurde offensichtlich von jemand geschrieben, dem das egal ist. Die Geschichte wurde lieblos in ein Krimi-Korsett gezwängt, weil Krimis sich verkaufen. Vor allem wenn sie mild humoristisch sind. Vor zwanzig Jahren waren schon seit längerem Katzenkrimis sehr beliebt. Schafe sind da nur andere Vierbeiner, die dem Publikum gefallen könnten. Diese Egal-Einstellung gegenüber dem Krimi-Genre zeigt sich auch daran, dass Leonie Swann ihren Schäfer Liebesromane vorlesen lässt. Der Roman-George liest ihnen Schnulzen vor. Seine Erbin Rebecca liest ihnen Emily Brontës „Wuthering Heigths“ vor.
Das macht Swanns Roman zu einem wenig überzeugendem Möchtegern-Kriminalroman und Baldas Film zu einem rundum überzeugendem cozy Rätselkrimi mit einem deutlich erkennbarem humoristischem Einschlag.
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Pünktlich zum Filmstart erschien vor wenigen Tagen Leonie Swanns dritter Schafskrimi. „Widdersehen“ spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“ wieder auf der aus „Glennkill“ bekannten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.
Glennkill: Ein Schafskrimi(The Sheep Detectives, USA 2026)
Regie: Kyle Balda
Drehbuch: Craig Mazin
LV: Leonie Swann: Glennkill, 2005
mit Hugh Jackman, Nicholas Braun, Nicholas Galitzine, Molly Gordon, Hong Chau, Emma Thompson, Tosin Cole, Kobna Holdbrook-Smith, Conleth Hill, Mandeep Dhillon
(im Original den Stimmen von) Julia Louis-Dreyfus, Chris O’Dowd, Regina Hall, Brett Goldstein, Rhys Darby, Patrick Stewart, Tommy Birchall, Bryan Cranston, Bella Ramsey
(in der deutschen Synchronisation mit dem Stimmen von) Anke Engelke, Bastian Pastewka
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Die Vorlage, neu aufgelegt bei einem neuen Verlag
Leonie Swann: Glennkill
Dumont, 2026
416 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
Goldmann, 2005
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Die weiteren Schafskrimis von Leonie Swann mit den schlauen irischen Schafen und ihrer Schäferin Rebecca
In wenigen Tagen startet im Kino die Verfilmung ihres ersten Schafskrimi.
Aber was ist ein Schafskrimi? Nun, das ist, wenn wir uns bei der Erklärung auf die drei bislang von Leonie Swann geschriebenen Schafkrimis konzentrieren, ein Krimi, in dem die Geschichte aus der Perspektive von Schafen erzählt wird und Schafe einen Mordfall aufklären. Als Leonie Swanns erster Schafskrimi 2005 erschien, war er ein Überraschungserfolg. „Glennkill“ wurde 2006 in der Kategorie Bestes Debüt mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet und in 25 Sprachen übersetzt. In dem cozy Rätselkrimi will eine Schafherde, angeführt von Amateurdetektivin Miss Maple, dem klügsten Schaf der Herde, herausfinden, wer ihren Schäfer George Glenn mit einem Spaten ermordete und anschließend auf ihrer Wiese liegen ließ.
Ihr neuer Roman „Widdersehen“, gleichzeitig ihr dritter Schafskrimi, spielt nach dem Frankreichausflug „Garou“, wieder auf der aus „Glennkill“ vertrauten irischen Wiese. Aber sie sieht nicht mehr so schön aus wie früher. Als dann auch noch ihre Schäferin Rebecca spurlos verschwindet, müssen Miss Maple und die Schafherde wieder ermitteln. Ihre einzigen Spuren sind ein Finger und ein Brief, den die Schafe nicht lesen können.
Mit diesem Roman im Gepäck begibt die inzwischen in der Nähe von Cambridge lebende gebürtige Bayerin Leonie Swann sich auf Lesereise.
Die aktuell geplanten Termine sind:
Berlin | Thalia Tauentzienstraße
Dienstag, 12. Mai | 20 Uhr
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Bremen | Thalia Hansehof
Mittwoch, 13. Mai | 19:30 Uhr
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Odenthal | Literatur am Dom
Freitag, 26. Juni | 20:00 Uhr
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München | Literaturhaus
Dienstag, 21. Juli
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Frankfurt | Literaturhaus
Mittwoch, 7. Oktober (Zum Start der Frankfurter Buchmesse könnte es ziemlich voll werden.)
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Weitere Termine sollen folgen.
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Leonie Swann: Widdersehen
Dumont, 2026
336 Seiten
25 Euro
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So fing es an
Leonie Swann: Glennkill
Dumont, 2026
416 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
Goldmann, 2005
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Die Verfilmung startet am Donnerstag, den 14. Mai 2026.
Auch hier ist der in ähnlicher Form aus unzähligen Filmtrailern und Plakaten bekannte Satz „Vom Erfinder von ‚Lassie’“ (um jetzt nicht allgemein „Von den Machern von xyz“ hinzuschreiben) ähnlich sinnfrei. Denn der Roman „Wer verliert gewinnt“ hat nichts mit der Geschichte „Lassie come home“, die zuerst eine Kurzgeschichte war, die Eric Knight (1897 – 1943) später zu einem Roman ausbaute, zu tun. Das eine ist die Geschichte einer Collie-Hündin, die hunderte Kilometer von Schottland nach Yorkshire läuft, um zu seinem ursprünglichem Besitzer, einem Jungen, zurückzukehren. Die Verfilmung von 1943 mit einer jungen Elizabeth Taylor, Fortsetzungen, Neuverfilmungen und TV-Serien (die erste lief von 1954 bis 1973 im US-Fernsehen) trugen weiter zur Popularität des treuen Hundes bei. Das andere ist ein Noir, der sich damals gut verkaufte, mehrmals neu aufgelegt wurde und irgendwann zum Noir-Klassiker gekürt wurde. Eric Knight veröffentlichte den Noir damals unter dem Pseudonym Richard Hallas. Seitdem wurde der Roman mal unter seinem Namen, mal unter dem Pseudonym veröffentlicht.
Und jetzt wurde er wieder auf Deutsch veröffentlicht. Es handelt sich um eine Neuauflage der ersten und bislang einzigen deutschsprachigen Veröffentlichung 1944 beim Berner Scherz Verlag.
Im Mittelpunkt der in den dreißiger Jahren während der Großen Depression spielenden Geschichte steht Ich-Erzähler Richard ‚Dick‘ Dempsey. Am Buchanfang hat ihn seine Frau mit ihrem gemeinsamen Sohn und ihrem gesamten Vermögen verlassen. Er vermutet, dass sie nach Kalifornien fährt, weil sie ein Filmstar werden will. Er will sie wieder haben und begibt sich in Hobo-Manier auf den Weg nach Hollywood.
Kaum ist er im Land der Träume angekommen, werden seine Frau und sein Sohn zu einer Nebensache. Stattdessen taucht Dick in die dortige verrückte Gesellschaft ein. Er wird mit abstrusen Erklärungen zu abstrusen Verbrechen angestiftet. Er trifft einen Groß-Regisseur, eine nächtliche Schwimmerin und die Gründerin der Ökanaanomischen Partei. Er verliert sich in dieser für ihn fremden Welt, in der Geld keine Rolle spielt.
Die Stärke von Richard Hallas‘ Roman liegt dabei in dem Porträt dieser verrückten Gesellschaft und den verschwimmenden Grenzen zwischen Wahn, Wunderglaube, abstrusen Theorien, Hollywood-Träumen und Verbrechen.
„Wer verliert gewinnt“ ist definitiv einen Blick wert für Fans von Noirs und in Kalifornien spielenden Geschichten.
Normalerweise würde ich jetzt durch die neue Ausgabe des „Lexikon des Internationalen Films“ blättern und nebenbei eine gewohnt euphorische Kritik schreiben. Das tue ich dieses Jahr nicht, weil die Macher des Lexikons, der filmdienst.de und die Katholische Filmkommission für Deutschland, das Lexikon als jährliches Druckerzeugnis nicht weiterführen wollen. Die schon seit längerem nur noch online verfügbare Zeitschrift film-dienst wird fortgeführt.
Einerseits ist das verständlich. Das Jahrbuch war noch nie ein Bestseller. Zuletzt wurde im Impressum eine Auflage von 4000 Exemplaren genannt. Die Arbeit an so einem Buch ist, auch wenn auf bereits geschriebene Texte und Kritiken zurückgegriffen werden, immens. Es muss auf die Seitenzahl geachtet werden. Es muss gelayoutet werden. Davor müssen die Bilder ausgesucht werden. Das ist verdammt viel Arbeit.
Andererseits ist es – ich schwanke zwischen dem höflichen „sehr schade“ und dem ehrlichen „eine Katastrophe“. Nach dem Ende des „Fischer Film Almanach“ 1999 und dem bei Heyne erschienenem „Filmjahrbuch“ 2005 gibt es jetzt kein jährlich erscheinendes Filmlexikon mehr, in dem alle in einem Kalenderjahr im Kino, auf DVD/Blu-ray, im Stream und im Fernsehen erstmals gezeigten Spielfilme und spielfilmlangen Dokumentarfilme mit Kurzkritiken vorgestellt werden und wichtige Daten zu Festivals und Besucherzahlen, Nachrufe und das Filmgeschehen einordnende Texte versammelt sind. Einige werden jetzt sagen, das gebe es doch alles online. Das stimmt so nicht. Denn online sind die Daten ein einziger unsortierter Heuhaufen. In einem Buch sind sie gebündelt, sortiert und unveränderbar. Sie bilden eine Bestandsaufnahme und einen Rückblick auf das, was in einem Jahr wichtig war und wie damals bestimmte Dinge gesehen wurden. Die im Jahr 2000 geschriebene Einschätzung zu einem Film wird immer die vor über 25 Jahren geschriebene Einschätzung bleiben. Rückblickend, vor allem viele Jahre später, fällt dann auf, was bestand hatte, was nicht und was man heute anders sieht.
Werfen wir dafür einen Blick in die im März 2007 erschienene Ausgabe des Lexikons zum „Filmjahr 2006“. Vor zwanzig Jahren war das Schwerpunktthema die Filmkritik, was sie leistet und was sie leisten sollte. Mehrere Texte beschäftigten sich mit der Filmkritik im Fernsehen, die schon damals randständig war. Claudia Lenssen schreibt über die Rezeption von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Mit zwei Millionen Zuschauern war es der damals dritterfolgreichste deutsche Film des Kinojahres.
Die für die „film-dienst“-Redaktion besten Kinofilme des Jahres waren
Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen)
Babel (Alejandro Gonzales Inárritu)
Battle in Heaven (Carlos Reygadas)
Brokeback Mountain (Ang Lee)
Caché (Michael Haneke)
Good Night, and Good Luck (George Clooney)
Das Leben der Anderen (Florian Henckel von Donnersmarck) (erhielt auch den Deutschen Filmpreis in Gold und ist das Titelbild des Lexikons)
Die Liste weckt Erinnerungen, erstaunt und ist immer noch eine gute Liste von Filmempfehlungen. Wer das Buch vor sich hat, beginnt zu blättern, bemerkt, dass Corinna Harfouch damals als „Blond: Eva Blond!“ im TV ermittelte (Die köstliche Serie könnte mal wiederholt werden! – Oh, ein Fall, über einen ermordeten Billig-TV-Produzenten, hieß sogar „Epsteins Erbe“.) und verliert sich in den Filmen, die damals anliefen und heute teils vergessen oder anders bewertet werden. Dabei zeigt die Begrenzung auf ein Kalenderjahr auch immer, was zu einer bestimmten Zeit produziert und gesehn wurde. Online ist das so nicht möglich.
Weil es – soviel Realist bin ich – auf absehbare Zeit kein gedrucktes Filmjahrbuch, das zugleich Analyse und Lexikon ist, geben wird, wäre, als kümmerlicher Ersatz, ein leicht auffindbarer Themenschwerpunkt auf der Seite des filmdienst.de wünschenswert. In dem Themenschwerpunkt sollten, wie in dem Lexikon, die Filme des Jahres genannt werden, wichtige, innerhalb des Kalenderjahres erschienene Artikel hervorgehoben werden (so ein „immer noch lesenswert“), es einen Überblicksartikel über wichtige Entwicklungen in der Welt des Films, Preise und Zahlen und eine Seite mit Nachrufen geben. Das wäre immerhin ein Ersatz.
Als Ryland Grace wach wird, liegen neben ihm zwei ziemlich verweste Leichen und er hat keine Ahnung, wo er ist.
So fangen Krimis und Horrorgeschichten an. „Der Astronaut – Project Hail Mary“ ist allerdings keine Horrorgeschichte und auch kein Thriller, sondern der von Sony Pictures erhoffte nächste Science-Fiction-Blockbuster. Als Grundlage des Films diente der dritte und bislang neueste Roman von Hard-SF-Autor Andy Weir, dem Autor von „Der Marsianer“. Ryan Gosling übernahm die Hauptrolle. Sandra Hüller hat in ihrem gelungenem Hollywood-Debüt die wichtigste und mit entsprechend viel Leinwandzeit ausgestattete Nebenrolle.
Es dauert im Roman und im Film einige Zeit, bis Ryland Grace herausgefunden hat, wer er ist und wo er sich befindet. Er ist in dem Raumschiff Hail Mary und fliegt zum Tau-Ceti-System. Er erwachte aus einem künstlichen Koma. Er und seine beiden toten, arg verwesten Mitastronauten wurden dorthin geschickt, um die Welt zu retten. Denn die Astrophagen entziehen der Sonne das für das Leben auf der Erde nötige Licht. Die einzelligen Lebewesen begeben sich entlang des Petrowa-Strahls auf eine Reise zu Tau Ceti. Die Menschheit hofft, dass die Astronauten herausfinden, warum die Astrophagen sich zu dem Ort bewegen und wie man die Entwicklung umkehren kann.
Vor dem Raumflug ohne Rückfahrtticket war Dr. Ryland Grace Lehrer an einer Highschool. Davor stand dem promovierten Molekularbiologen eine Karriere als Wissenschaftler offen. Er publizierte auch ein in der Wissenschaftler-Gemeinde wahrgenommenes Papier über den Ursprung des Lebens. Darin vertrat er die These, Leben sei nicht unbedingt von Wasserstoff und Sauerstoff abhängig. Die Wissenschaftlerin Eva Stratt (Sandra Hüller) nahm ihn in ihr Team, die Petrowa-Taskforce, auf. Sie wurde von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beauftragt, die Menschheit zu retten. Alles, was sie dafür braucht oder haben möchte, steht ihr zur Verfügung. Sie muss es nur anfordern.
An seinem Zielort trifft Ryland auf ein Alien-Schiff und einen Außerirdischen. Dieser knuffig aussehende, an Bernd das Brot erinnernde Außerirdische, den Ryland Rocky nennt, hat die gleiche Mission. Nur: wie sollen sie sich verständigen?
Das Regie-Duo Phil Lord und Christopher Miller („Spider-Man: Into the Spider-Verse“, „The Lego Movie“) und Drehbuchautor Drew Goddard halten sich in ihrer Verfilmung eng an Andy Weirs Roman. Aber immer, wenn es im Roman wissenschaftliche Erklärungen gibt, biegt der Film in Richtung Comedy ab. So bleibt im Film die gesamte Wissenschaft rätselhaft. Das war in „Der Marsianer“ anders. In Ridley Scotts Verfilmung von Andy Weirs Debütroman, ebenfalls nach einem Drehbuch von Drew Goddard, glaubte man nach dem Film, man habe die gesamte Wissenschaft und die Feinheiten des Kartoffelanbaus verstanden. Nach „Der Astronaut – Project Hail Mary“ fühlt man sich bestenfalls kurzweilig unterhalten und besser. Denn trotz drohendem Weltuntergang und Selbstmordmission ist „Der Astronaut“ ein Feelgood-Film.
Lord und Goddard erzählen die Geschichte mit ihren zahlreichen Rückblenden, flott und immer auf die nächste Pointe hin. Die Zeit – der Film dauert fast drei Stunden – vergeht schnell, aber die Geschichte ist auch etwas dünn für die epische Laufzeit.
Bei dem ebenfalls sehr langem Roman – aufgrund des kleinen Drucks führen die 560 Seiten etwas in die Irre – erfahren wir mehr über die wissenschaftlichen Grundlagen und auch über die komplizierte Arbeit der Wissenschaftler an den Astrophagen, den ständigen Versuchen und, manchmal tödlichen, Irrtümern, und den Vorbereitungen für den viele Jahre dauernden Flug durch den Weltraum.
Gleichzeitig besteht genug Zeit, sich zu fragen, warum es in der Hail Mary nicht eine leicht zu findende Datei gibt, die den aus dem Tiefschlaf aufwachenden Astronauten sofort verraten würde, wo sie gerade sind und warum sie dort sind. Weil es so ein Papier mit den wichtigen Informationen nicht gibt, muss Ryland alles mühsam enträtseln.
Der Astronaut – Project Hail Mary (Project Hail Mary, USA 2026
Regie: Phil Lord, Christopher Miller
Drehbuch: Drew Goddard
LV: Andy Weir: Project Hail Mary, 2021 (Der Astronaut; Der Astronaut – Project Hail Mary)
mit Ryan Gosling, Sandra Hüller, Lionel Boyce, Ken Leung, Milana Vayntrub
Länge: 157 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (mit mehr naturwissenschaftlichen Erklärungen und Filmcover)
Jetzt macht sie auch noch Comics! Dabei ist die Entstehungsgeschichte von „Mother Nature“, der ersten Graphic Novel von Jamie Lee Curtis (Ja, genau, die Jamie Lee Curtis!), etwas komplizierter.
Curtis hatte ein Drehbuch für einen Öko-Horrorfilm konzipiert und mitgeschrieben. Als Comiczeichner und -autor Karl Stevens davon hörte, wollte er es lesen. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen ihm, Curtis und Regisseur Russell Goldman, dem Regisseur der von Comet Pictures/Blumhouse geplanten, sich anscheinend im Moment in der Entwicklungshölle befindenden Verfilmung. Schon früh ließen sie sich von Indigenen beraten. Sie gaben ihnen einen Einblick in deren Leben und Kultur.
Die in New Mexico liegende Kleinstadt Catch Creek ist ökonomisch von Cobalt Industries abhängig. Die Firma fördert vor Ort Öl, ist experimentellen Fördermethoden gegenüber aufgeschlossen und gibt sich als Wohltäter. Ihr neuestes Projekt ist das Mother-Nature-Project. Mit einer neuen Technologie soll verunreinigtes Wasser aufbereitet werden. Es soll, in den Worten der Chefin Cobalt Industries Cynthia Butterfield, aus der Wüste eine grüne Oase machen. Die erste Testanlage wird demnächst in Catch Creek fertiggestellt.
Seit dem Tod ihres Vaters – als er 1995 eine Erdöltiefpumpe von Cobalt Industries reparieren wollte, wurde er von ihr erschlagen – kämpft Nova Terrell gegen den Konzern. Sie macht ihn für den Tod ihres Vaters und weitere Schweinereien verantwortlich. Während ihrer Sabotageaktionen entdeckt sie auf dem Boden eine gelb-grünliche Flüssigkeit und sieht den Geist einer Frau.
„Mother Nature“ ist ein zwiespältiges Werk – und jetzt begebe wir uns in das Spoiler-Territorium; wobei im Nachwort von Brian Lee Young und dem Interview mit Jamie Lee Curtis und Russell Goldman einiges Verraten wird. In der Geschichte selbst bleibt der Bezug zur Diné-Kultur eher kryptisch. Über weite Strecken der Geschichte wirkt die aus der Erde kommende Bedrohung wie eine x-beliebige Bedrohung, die am Ende, je nachdem, was dem Autor besser gefällt, mit einem Hinweis auf die Rache der Natur an den Umweltfreveln der Menschen oder einer ungünstigen Kombination von Chemikalien und Lebewesen oder einer Mischung aus beidem erklärt.
Bis dahin plätschert die Geschichte mit seltsamen Sichtungen, bizarren Todesfällen und Subplots überraschend spannungsfrei vor sich hin.
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Jamie Lee Curtis/Russell Goldman/Karl Stevens: Mother Nature – Die Rache der Erdgeister
Horst Eckert stellt seinen Roman auf der Leipziger Buchmesse 2026 vor
Carla Bergmann kann ihr Glück kaum fassen: in der Lokalredaktion der Morgenpost hat sie einen Praktikumsplatz bekommen. Als erstes soll sie den Polizeibericht bearbeiten. Das ist eine typische Anfängeraufgabe. Dabei entdeckt sie eine Meldung über einen Einbruch in ein Büro. Zwei Männer wurden verhaftet. Sie fragt bei der Polizeisprecherin nach. Diese sagt ihr, es habe sich um eine Irrtum gehandelt und die beiden verhafteten Männer seien bereits entlassen worden.
Damit könnte die Sache erledigt sein. Aber Carla fragt sich, warum die Polizeisprecherin so pampig reagierte.
Sie recherchiert weiter, findet heraus, dass in das Büro eines ukrainischen Magazins, für das auch regimekritische Exilrussen schreiben, eingebrochen wurde, aber nichts gestohlen wurde. Kurz darauf wird auf Artem Woronin, einem der für das Magazin arbeitenden Journalisten, ein Anschlag verübt. Dieser Anschlag geschieht Sekunden vor einem Treffen mit Clara, bei dem er ihr wichtige Dokumente übergeben wollte. Er stirbt in der Garage der Morgenpost.
Danach ist diese Geschichte für die Morgenpost eine große Story. Zusammen mit Jan Koller, früher Investigativjournalist, jetzt Hauptstadtkorrespondent der Zeitung, will Clara herausfinden, wer warum Woronin ermordete.
Dabei begegnen der erfahrene Journallist und die Praktikantin auch einigen aus früheren Thrillern von Horst Eckert bekannten Figuren, wie den Polizisten Vincent Veih und Melia Adan. Und in Berlin bricht in dem an wenigen Tagen im November spielendem Thriller gerade die Regierung auseinander. Ähnlichkeit mit einem realen Koalitionsbruch sind gewollt. Schließlich schreibt Horst Eckert schon seit Jahren seine fabelhaften Politthriller dicht entlang aktueller Ereignisse, Entwicklungen und Schlagzeilen. In dem Einzelroman „Die Praktikantin“ beschäftigt sich der frühere TV-Journalist, neben dem Ukrainekrieg in all seinen Facetten, mit aktuellen Entwicklungen in der Zeitungsbranche. Der Spardruck, KI-Anwendungen und anstehende Fusionen prägen die Arbeit in der Redaktion.
Der Hauptplot – die Recherche von Carla und Jan über die Hintergründe des Einbruchs – entwickelt sich flott und actionreich. Das liegt einerseits daran, dass „Die Praktikantin“ zu Eckerts kürzeren Werken gehört, und andererseits daran, dass er eine Story erzählt, die von Eric Ambler sein könnte. Wie bei Ambler geraten in diesem Fall zwei (bei Ambler war es normalerweise ein) Normalbürger in eine sie überfordernde labyrinthische politische Verschwörung, bei der unklar ist, ob sie das Ende der Geschichte erleben.
Zwischen all den Fronten und verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Interessen verliert Horst Eckert nie den Überblick. Sein neuester Pageturner ist wieder einmal glänzend geplottete Aufklärung
Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.
Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?
Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.
Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.
In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.
Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.
Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.
Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.
Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.
Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.
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Henry Wise: Holy City
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
Ist das ein Ruf aus dem Ruhestand? Hat er beim Aufräumen des Schreibtischs eine ältere Texte gefunden? War es eine Freizeitbeschäftigung, weil das Wetter gerade schlecht war? Oder sind die in „The Final Score“ gesammelten sechs Kurzgeschichten vielleicht doch Aufwärmarbeiten vor dem nächsten Roman?
Im Gegensatz zu Stephen King, der neben seinen Romanen fast ohne Unterbrechung auch Kurzgeschichten veröffentlicht, oder Lawrence Block, der sogar mehrere Kurzgeschichten-Serien schrieb, ist Don Winslow kein ausgewiesener Kurzgeschichten-Autor. Er ist seit Jahrzehnten ein produktiver Romanautor. Erst mit „Crime 101“ (ursprünglich 2020 als „Broken“ veröffentlicht) veröffentlichte er ein Buch mit Kurzgeschichten.
Und jetzt, als erstes Werk in seiner als Ruhestand angekündigten Lebensphase, „The Final Score“. Es enthält sechs Kurzgeschichte. Die meisten sind so um die vierzig Seiten. Die umfangreichste hat hundert Seiten. Und nicht alle sind im engeren Sinn Kriminalgeschichten. In „Die Sonntagsliste“ erzählt Don Winslow, wie Nick McKenna 1970 jeden Sonntag auf Rhode Island Alkohol ausliefert. Sicher, das ist nicht legal, aber bei weitem nicht so illegal wie die Beförderung von Schnaps während der Prohibition. Nick will so das Geld für die Universität verdienen. „Die Sonntagsliste“ ist vor allem ein schönes kleines Porträt einer verschlafenen, vom Tourismus lebenden Seestadt in den frühen siebziger Jahren.
„True Story“ ist ein einziger langer Dialog. In einem Diner haben zwei Männer eines dieser Gespräche, in denen sie vom Stock zum Stöckchen kommen. Sie sprechen über verschiedene Ereignisse, die teilweise etwas mit dem örtlichen Organisierten Verbrechen zu tun haben, teilweise wohl eher nicht. Dieser mäandernde Endlos-Dialog ist die schwächste Geschichte des Buches. Eigentlich ist sie nur eine Schreibübung.
„Lunch Break“ mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“) ist bestenfalls eine halbe Kriminalgeschichte. Daniels und seine Freunde sollen einen Hollywood-Star beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh ist eine verwöhnte, Drogen konsumierende Nervensäge.
Auch „Der Nordflügel“ ist nicht unbedingt eine Kriminalgeschichte. Nachdem Chrissy Pritchett betrunken eine Frau überfährt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein aufstrebender Streifenpolizist, versucht Chrissy einen Platz in dem Teil des Gefängnisses zu verschaffen, den er überleben kann.
„The Final Score“ und „Kollisionen“ sind dann eindeutig Kriminalgeschichten.
In „The Final Score“ plant Profiräuber John Highland, bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss, noch seinen letzten großen, eigentlich unmöglichen Coup. Er will ein einsam gelegenes Casino ausrauben.
„Kollisionen“ ist mit hundert Seiten die mit Abstand längste Geschichte des Buches. In ihr gerät Brad McAlister, glücklich verheirateter Hotelmanager und Vater eines kleinen Jungen, in einen Streit. Er schlägt einen anderen Mann. Der stürzt unglücklich. Brad wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis ergreift er die notwendigen Maßnahmen, um zu überleben. Auch wenn er dafür zum Mörder werden soll.
Auch wenn nicht jede Kurzgeschichte in „The Final Score“ eine lupenreine Kriminalgeschichte ist, ist jede Geschichte ein Lesevergnügen für alte und neue Don-Winslow-Fans.
Ob der Sammelband die Ouvertüre für weitere von Don Winslow geschriebene Thriller oder nur eine einmalige Rückkehr aus dem Ruhestand ist, ist unklar. Ebenso unklar ist, ob die vielen Pläne von Verfilmungen seiner Werke zu Verfilmungen führen werden.
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Don Winslow: The Final Score
(übersetzt von Conny Lösch, mit einem Vorwort von Reed Farrel Coleman)
„Solche Bücher werden heute nicht mehr geschrieben.“ ist ein oft benutzter dummer Spruch. Und trotzdem stellt sich beim wiederholten Lesen von Raymond Chandlers zweitem Philip-Marlowe-Roman, der jetzt in einer neuen Übersetzung von Melanie Walz bei Diogenes erschien, genau dieses Gefühl ein. Oder wann habt ihr zum letzten Mal in einem neueren Roman solche Sätze gelesen?
„Er war sehr groß, nicht größer als zwei Meter, nicht breiter als ein Bierlaster.“
„Selbst auf der Central Avenue, nicht für unscheinbare Kleidung bekannt, sah er so diskret aus wie eine Tarantel auf einem Babykuchen.“
„Eine Hand, in der ich hätte sitzen können, fuhr aus dem Halbdunkel, packte meine Schulter und zerquetschte sie zu Brei. Dann zerrte die Hand mich durch die Tür und hob mich wie ein Spielzeug auf die erste Stufe.“
Und das sind nur einige willkürlich ausgewählte Sätze aus den ersten drei Seiten eines über dreihundertseitigen Kriminalromans.
Diese metaphernreiche Spache, die Chandler oft vorgeworfen und bis weit über den Exzess parodiert wurde, ist heute verschwunden zugunsten von oft nur kryptischen Beschreibungen. Wie die Gegend und die Personen aussehen, wie der Erzähler sie empfindet, kann sich der Leser mehr oder weniger selbst zusammenreimen. Oder auf eine Verfilmung hoffen, die die Bilder zu den Sätzen liefert.
Da sind diese farbenreichen Beschreibungen und Vergleiche eine Wohltat. Schnell entsteht ein Bild von Moose Malloy, einem nach acht Jahren frisch aus dem Gefängnis entlassenem Bankräuber, der seine große, spurlos verschwundene Liebe Velma sucht, und der Bar, die er gerade zerstört. Er bringt auch den Geschäftsführer des Lokals um und verschwindet spurlos. Jedenfalls soweit das für so einen Riesen möglich ist.
Marlowe, der gerade nichts zu tun hat, beginnt in seiner Stadt Los Angeles das Riesenbaby Malloy und die schon vor Jahren verschwundene Velma zu suchen. Kurz darauf ist er mitten in einem – jedenfalls für uns Leser – wundervollem Schlamassel.
„Lebwohl, mein Liebling“ wurde zweimal gut verfilmt. 1942 erfolgte im Rahmen der „The Falcon“-Filmserie als „The Falcon Takes Over“ eine erste Verfilmung des Romans, die den Plot in ein anderes fiktionales Universum übertrug. Die erste richtige Verfilmung von „Lebwohl, mein Liebling“ ist auch die erste Verfilmung eines Chandler-Romans in der Philip Marlowe als Philip Marlowe auftrat. Edward Dmytryks „Murder, my Sweet“ war an der Kinokasse erfolgreich, wurde mit den Edgar ausgezeichnet, Raymond Chandler war mit dem Hauptdarsteller Dick Powell als Marlowe zufrieden und, während der Noir in den USA ziemlich bekannt ist, ist er hier fast unbekannt. Die deutsche Premiere war 1972 im Fernsehen. 1988 folgte sogar eine Kinoauswertung.
Die zweite Verfilmung war 1976 von Dick Richards mit Robert Mitchum als Marlowe. „Fahr zur Hölle, Liebling“ gefiel den Fans und lief bis vor einigen Jahren öfter im Fernsehen.
Aktuell scheinen beide Filme nur auf DVD/Blu-ray erhältlich zu sein.
Der immer noch absolut lesenswerte Roman ist dagegen, vorzüglich neu übersetzt und mit einem extra für diese Ausgabe geschriebenem Nachwort, gut erhältlich.
„They remain great works of American literature, as readable and enjoyable as when the were first published.“ (Nick Rennison, Hrsg: Bloomsbury Good Reading Guide to Crime Fiction, 2003)
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Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling
(übersetzt von Melanie Walz)
(mit einem Nachwort von Paul Ingendaay)
Diogenes, 2026
368 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Farewell, my Lovely
Alfred A. Knopf, New York, 1940
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Erste vollständige Übersetzung
Lebwohl, mein Liebling
(übersetzt von Wulf Teichmann)
Diogenes, 1976
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Die guten Verfilmungen
Leb wohl, Liebling(Murder, my Sweet, USA 1944)
Regie: Edward Dymtryk
Drehbuch: John Paxton
LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)
mit Dick Powell, Claire Trevor, Anne Shirley, Otto Kruger
Alternativtitel sind in Deutschland „Murder, my Sweet“ und „Mord, mein Liebling“
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Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)
Regie: Dick Richards
Drehbuch: David Zelag Goodman
LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)
mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone, Jim Thompson
Der Roman ist ein oft verfilmter Klassiker der englischen Literatur. Die letzte bekanntere Verfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (Die Sturmhöhe) ist von 2011. Andrea Arnold machte die Liebesgeschichte zu einen echten Arnold-Film. Die Hauptrollen spielen zwei knapp zwanzigjährige Schauspieler. Sie sind in dem Alter, das die von ihnen gespielten Figuren auch im Buch haben. Catherine stirbt im Roman als 19-jährige. Das ist kein Spoiler. Es wird schon in der Personenübersicht des Romans verraten. Heathcliff wird von einer dunkelhäutigen Person gespielt. Im Roman bleibt seine Herkunft im Dunkeln. Er sei, heißt es im Roman, ein „dunkelhäutiger Zigeuner“ oder ein Inder oder von ähnlich niedrigem gesellschaftlichem Rang. Wir reden hier, wenn wir uns auf die Jahre konzentrieren, in denen der Film spielt, von den Jahren zwischen 1771 und 1784.
Die neueste Brontë-Verfilmung ist von „Promising Young Woman“-Regisseurin Emerald Fennell. Margot Robbie und Jacob Elordi übernahmen die Hauptrollen. Sie spielen das Liebespaar Cathy und Heathcliff. Wie fast alle anderen Verfilmungen konzentriert Fennell sich auf deren Geschichte und ignoriert den umfangreicheren Rest des Romans.
Fennells Film beginnt, nachdem sie eine öffentliche Hinrichtung in drastischen Details und sensationslüsternen Kommentaren zeigt, mit der Ankunft von Heathcliff auf dem Hof der Earnshaws. Er liegt im Moor von Yorkshire. Earnshaw hat den Jungen, über dessen Herkunft nichts bekannt ist, bei einer Reise aufgenommen. Zunächst ist er für Cathy Earnshaw ein Spielkamerad. Später vertieft sich ihre Beziehung. Sie sind ineinander verliebt und würden am liebsten zusammen bleiben.
Trotzdem heiratet sie, gesellschaftlichen Konventionen folgend, den neuen Nachbarn Edgar Linton. Heathcliff verläßt den Hof. Einige Jahre später kehrt er als reicher Mann zurück. Fortan haben, unter Lintons und den Augen des Personals, Cathy und Heathcliff eine seltsam verquere Liebesbeziehung, die mit ihrem Tod endet. Damit endet auch der Film.
Emily Brontës Roman wird immer, so auch im Filmtrailer, als „größten Liebesgeschichte aller Zeiten“ gelabelt. Angesichts der Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff wirkte das schon immer etwas seltsam. In der aktuellen Interpretation ist dieses Labeling noch seltsamer.
Sie sind zwei sehr unsympathische Menschen. Gehässig, rachsüchtig, intrigant, egoistisch. Für eine gute Filmgeschichte ist das kein Problem. Ein Problem ist, dass sie außerdem zwei uninteressante Menschen. Die anderen in der Geschichte vorkommenden Menschen sind, bis auf Edgar Linton, ähnlich uninteressante Grobiane.
Eine Liebesgeschichte erzählt „Wuthering Heights“ nur insofern, dass Cathy und Heathcliff Gefühle füreinander haben. Es ist eine toxische Beziehung, eine extreme Co-Abhängigkeit, die schon für Teenager schwierig gewesen wäre. Für Erwachsene (jedes Bild von Robbie und Elordi zeigt, dass sie schon lange keine Teenager mehr sind) sollte dieses Verhalten direkt zu einer psychiatrischen Behandlung führen.
Das was sie füreinander empfinden ist das Gegenteil von Liebe. Ihre Geschichte ist keine Liebesgeschichte, sondern die Travestie einer Liebesgeschichte. Das ist „Eine fatale Affäre“ im Moor von Yorkshire; wobei unklar ist, wer Täter und wer Opfer ist.
Jedenfalls in dem Teil, den Emerald Fennell in ihrem Film zeigt, der nur einen Bruchteil des Romans verfilmt, vieles weglässt und vieles verändert.
Sie interpretiert dabei die, uh, Liebesgeschichte mit den Gefühlsaufwallungen eines Teenagers. Sie las den Roman zum ersten Mal als Vierzehnjährige. Sie lässt alles weg, was einen Teenager nicht interessiert. Das sind die englische Klassengesellschaft und der Rassismus gegenüber dem Findelkind Heathcliff. Beides verhindert seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Es erklärt auch seinen Hass und Rachsucht gegenüber Linton und der Gesellschaft. Im Film funktioniert diese Erklärung natürlich nicht.
Die Liebe zwischen Cathy und Heathcliff bleibt, ab dem Moment, in dem sie von Robbie und Elordi gespielt werden, reine Behauptung. Als Kinder, gespielt von Charlotte Mellington und Owen Cooper, ist die tiefe Freundschaft glaubwürdiger. Beide sind, wie oben schon angedeutet und wie die Leser des Romans wissen, keine besonders sympathischen Menschen. Sie ist manipulativ. Er ist ein Grobian. Beide sind rachsüchtig und auf sich selbst bezogen.
Alle anderen Figuren sind vernachlässigbare Nebenfiguren. Das gilt auch und vor allem für Heathcliffs Gegner Linton, den Ehemann von Cathy, der anscheinend ein ziemlich netter Kerl ist. Aber mehr als zweieinhalb weitgehend bedeutungslose Szenen hat er nicht.
Wer nach dem Trailer ein kunterbuntes Über-Kitsch-Fest erwartet, wird enttäuscht sein. Diese Bilder, die sich stilistisch an den Cover-Entwürfen für entsprechende für ein jüngeres weibliches Publikum gestaltete Romance-Novellen orientieren (Auch Fennell las den Roman erstmals in einer Ausgabe mit einem solchen Cover. Auf dem sah Heathcliff wie Elordi aus), werden fast vollständig im Trailer gezeigt.
Der Rest des deutlich über zweistündigen Films hat einige eindrucksvolle Bilder, einige könnten sogar aus einem Gothic-Horrorfilm sein, und viele unglaublich dunkle Bilder, in denen kaum erkennbar ist, was gezeigt wird. Es sind sparsam bewegte dunkle Holzschnitzereien. Das Erzähltempo ist langsam. Da sterben sogar in einer Oper die Ariensängerinnen in ihrer großen Sterbeszene schneller.
Inszeniert ist diese Version von „Wuthering Heights“ wie ein altmodischer Kostümfilm, der sich nicht darum kümmert, ob die Kleider und die Ausstattung wirklich in die Zeit passen. Solange es gut aussieht, ist es okay. Auch dass Robbie und Elordi deutlich älter sind, als die Personen, die sie spielen, ist egal. 1940 wurde sich um solche Details auch nicht gekümmert. Heute mutet diese Unbekümmertheit, trotz der Verwendung neuer Songs von Charli XCX, unglaublich altmodisch an. Oder wie die Fantasie einer Vierzehnjährigen, die sich gerade ein altes Hollywood-Melodrama angesehen hat..
Vor allem, wenn man sich an Andrea Arnolds Interpretation erinnert, in der Alter und Hautfarbe von Cathy und Heathcliff mit der des Romans übereinstimmen und deren Gefühle nachvollziehbar sind, ist Emerald Fennells in jeder Beziehung ein ziemlicher Rückschritt weit zurück in die Vergangenheit, in der erstaunlich wenig funktioniert.
P. S.: Der überkorrekte deutsche Titel ist „“Wuthring Heights“ – Sturmhöhe“. Der ebenso überkorrekte Originaltitel „Wuthering Heights“. Aber das sieht einfach zu affig aus. Jedenfalls abseits von dem Filmplakat.
LV: Emily Brontë: Wuthering Heights – A Novel by Ellis Bell, in Three Volumes, 1847 (Die Sturmhöhe)
mit Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver, Martin Clunes, Ewan Mitchell, Charlotte Mellington, Owen Cooper
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
(wer die gesamte Geschichte lesen und erfahren will, warum ein vor fast 180 Jahren erschienener Roman immer noch gelesen, interpretiert und verehrt wird)
Emily Brontë: Die Sturmhöhe
(übersetzt von Grete Rambach)
Insel Verlag, 2025
464 Seiten
16 Euro
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Der Roman erschien und ist erhältlich in verschiedenen Übersetzungen bei verschiedenen Verlagen unter leicht abweichenden Titeln.