„Orlando“, hab keine „Furcht“, das ist die „Wahrheit“. „Zwischen den Bäumen“ stapeln sich „Alien“ und „Blade Runner 2039“ und die „Traumnovelle“

Juni 29, 2026

Nennen wir es Sommerlektüre und Aufräumen, teils ergänzt mit brandneuen Werken, wie die druckfrisch bei mir eingetroffene Neuausgabe von Jakob Hinrichs‘ überzeugender Comicversion von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Ursprünglich erschien sie bereits 2012 bei der Büchergilde und wer möchte, kann sie zu teils utopischen Preisen antiquarisch kaufen.

Die neue Ausgabe bei der Favoritenpresse ist selbstverständlich günstiger. Sie gefällt mir ausnehmen gut. Sie liegt gut in der Hand, Papier und Farben passen zu den Zeichnungen von Jakob Hinrichs, die sich kongenial zwischen 20er-Jahre-Avantgarde (also die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts), Fünfziger-Jahre-Cartoons und Gebrauchsgrafik bewegt.

Die Geschichte selbst, die bei Arthur Schnitzler im Wien der späten Kaiserjahre spielt, verlegte er in eine zeit- und ortlose bundesdeutsche Mittelstandsgegenwart, die immer noch einen Hauch Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland verströmt. Immer noch geht es um ein Ehepaar und sexuelle Wünsche.

Die Geschichte selbst dürfte von Schnitzler oder von Stanley Kubricks textnaher Verfilmung „Eyes Wide Shut“ bekannt sein. Es war sein letzter Film. Tom Cruise und Nicole Kidman spielten das sexuell verwirrte Paar. Kubrick verlegte die Geschichte in das heutige New York und ich fragte mich die ganze Zeit, warum Kubrick sie nicht historisch korrekt und wie auch von ihm gewünscht, in Wien der späten Kaiserjahre spielen ließ.

Hinrich wählte einen deutlich freieren Zugang. Das Ergebnis überzeugt in jeder Beziehung.

Wie bei der Erstausgabe ist auch in der aktuellen Ausgabe Schnitzlers Novelle abgedruckt. Sie erschien erstmals 1925 als Fortsetzungsroman und 1926 als Buch. Man kann also direkt Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen.

Jakob Hinrichs/Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Favoritenpresse, 2026

192 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Büchergilde, 2012

Hinweise

Homepage von Jakob Hinrichs

Favoritenpresse über den Comic

Wikipedia über die „Traumnovelle“ (deutsch, englisch) und Jakob Hinrichs

Um Begehren geht es auch in Paul Wincks „Zwischen den Bäumen“. Die Journalistin Mathilde soll eine Reportage über eine in Südfrankreich abgeschieden lebende religiöse Gemeinde schreiben. Sie fremdelt mit den Gläubigen und ihren Riten. Mit Anita, der Köchin und Gärtnerin der Gemeinschaft, versteht sie sich allerdings gut.

Wegen der Kürze und weil Winck sich vor allem auf seine Bilder verlässt, bleibt „Zwischen den Bäumen“ auf der Story-Ebene etwas diffus. Das gilt vor allem für die Gemeinschaft und ihr seltsames Verhalten. Die Sekte lud Mathilde ein, einen Bericht über sie zu schreiben, erschwert ihr dann aber die Arbeit.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte und die damit verbundene Frage, ob Anita weggehen soll, sind dagegen gelungener.

Wer also keinen Thriller über eine investigative Journalistin und eine brandgefährliche Sekte erwartet, kann zugreifen.

Paul Winck: Zwischen den Bäumen

Moom Comics, 2025

72 Seiten

15 Euro

Hinweise

Moom Comics über Paul Winck

Orlando wird im 16. Jahrhundert in England als Mann geboren. Viele Jahre später wird er im Schlaf zur Frau. Eine Erklärung für die Geschlechtsumwandlung gibt es nicht. Fortan muss der Edelmann, der bei den Frauen äußerst beliebt war, ein Leben als ebenfalls nicht älter werdende Frau führen.

Sein/Ihr Leben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts schildert Virginia Woolf in ihrem schon lange zum Klassiker gewordenem Roman „Orlando“, untertitelt als ‚Biographie‘. Das feministische Buch erschien 1928.

Susanna Kuhlendahls Comic „Orlando“ liest sich durchgehend wie die Reader’s Digest-Version des Romans. Sie lädt dazu ein, den Roman oder auch Sally Potters legendäre Verfilmung von 1992 (mit Tilda Swinton in der Hauptrolle) wieder (?) zu genießen.

Susanne Kuhlendahl: Virginia Woolf – Orlando

Helvetiq, 2025

208 Seiten

27 Euro

Hinweise

Homepage von Susanne Kuhlendahl

Wikipedia über „Orlando“ (Roman: deutsch, englisch)

Und ab in die Zukunft, die kein besserer Ort ist.

Obwohl das „Paradiso“ als Nobelferienhotel auf den ersten Blick vielversprechend aussieht. Um einige Gäste, wie den Ricky Valentine und seine Bande, muss man sich als normaler Tourist nicht kümmern. Dafür sind zwei Colonial Marshals in einem Undercover-Einsatz, zuständig. Aber dann bringt einer der Gäste einen Xenomorph-Embryo mit – und es passiert das, was immer passiert, wenn Menschen und Xenomorphe sich begegnen. Kurz darauf kämpfen die Hotelgäste und das Personal um ihr Überleben und die Xenomorphe nehmen eine sehr nahrhaft-menschliche Mahlzeit zu sich.

In dem Alien-Comic „Paradiso“ erzählen Autor Steve Foxe und die Zeichner Edgar Salazar und Peter Nguyen auch von überraschenden Koalitionen zwischen Polizisten und Verbrechern.

Das ändert aber nichts daran, dass es inzwischen ein festes Muster für Alien-Geschichten gibt, die einfach nur noch an verschiedenen abgeschiedenen Orten mit verschiedenen Menschen, die mindestens zu einem großen Teil das Ende der Geschichte nicht erleben, ausgefüllt werden. Das ist durchaus spannend, aber auch etwas überraschungsfrei.

Am Ende ist „Paradiso“ nur eine weitere „Alien“-Geschichte in neuer Kulisse mit anderen Menschen und höchst vertrauten Abläufen.

Steve Foxe/Edgar Salazar/Peter Nguyen: Alien: Paradiso

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini Comics, 2026

120 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Alien: Paradiso (2024) # 1 – 5

Dezember 2024 – April 2025

Hinweise

Wikipedia über das Alien-Franchise (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Alien – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Alien, 2019)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Aliens – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Aliens, 2020)

Meine Besprechung von Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbis „Alien – Die Urfassung“ (Alien: The Original Screenplay # 1 – 5, 2020)

zu Filmen

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, 2017) (Filmroman)

Meine Besprechung von Fede Alvaraz‘ „Alien: Romulus (Alien: Romulus, USA 2024)

zu Comics

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Blutlinien (Band 1)“ (Alien (2021) # 1 – 6, Mai – Oktober 2021)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Erweckung (Band 2)“ (Alien (2021) # 7 – 12, September 2021 – Juni 2022; Alien Annual (2022) 1, September 2022)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Julius Ohta: Alien: Icarus (Band 3) (Alien (2022) # 1 – 6, November 2022 – April 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardos „Alien: Tauwetter (Band 1)“ (Alien (2023) # 1 – 5, April 2023 – August 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardo/Danny Earls‘ „Alien: Descendant (Band 2)“ (Alien Annual (2023) 1, Dezember 2023; Alien (2023 B) # 1 – 4, Januar – April 2024)

Meine Besprechung von Collin Kelly/Jackson Lanzing/Michael Dowlings „Alien: Schwarz, Weiß & Blut“ (Alien: Black, White & Blood (2024) # 1 – 4, 2024)

Meine Besprechung von Paul Reiser/Leon Reiser/Adam F. Goldberg/Hans Rodionoff/Brian Volk-Weiss/Guiu Vilanovas „What if…? Aliens“ (Aliens: What if…? (2024) # 1 – 5, 2025)

Die „Blade Runner“-Welt ist fast so alt wie die „Alien“-Welt. In dieser Welt geht es um das Zusammenleben von Menschen und menschenähnlichen Robotern, Replikanten genannt. Ursprünglich wurden sie auf anderen Planeten als Arbeitssklaven eingesetzt. Irgendwann begehrten sie gegen ihr Schicksal auf. In den zwanziger Jahren brachen die Ökosysteme zusammen und die „Blade Runner“-Welt wurde noch dystopischer.

In der in drei Bänden herausgegebenen und inzwischen vollständig auf Deutsch vorliegenden von Mike Johnson (Geschichte), Andrés Guinaldo (Zeichnungen) und Marco Lesko (Farben) erfundenen „Blade Runner 2039“-Geschichte geht es um die seit zwanzig Jahren untergetauchte LAPD-Blade-Runner-Jägerin Aahna „Ash“ Ashina. Danach half sie Replikanten, aus ihrer Sklaverei zu entkommen. Jetzt muss Ash ihr Versteck verlassen. Denn Bösewicht Niander Wallace hat Luv, die erste Blade-Runner-Replikantin des LAPD und ein Klon von Ash, beauftragt, Cleo Selwyn zu finden. In Cleos DNA könnte der Schlüssel zur Fortpflanzung der Replikanten liegen.

Ash“ ist ein gelungener Abschluss der Miniserie.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039: Ash (Band 3 von 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 3: Ash

Alcon Publishing/Titan Publishing 2025

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)“ (Blade Runner 2039 vol. 1: Luv, 2025)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Leskos „Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)“ (Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade, 2025)

Aus Japan gibt es eine weitere Ladung Horrorkurzgeschichten. Es ist der fünfte Band der von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Mangas „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ und er enthält die Geschichten 39 bis 50. Es sind immer noch vollkommen unabhängige, im heutigen Japan, bevorzugt unter Jugendlichen spielenden Horrorkurzgeschichten. Einmal gehen drei Jugendliche nach Einbruch der Dunkelheit in einen Park. Für eine Mutprobe wollen sie einem Geist begegnen. Einer der Jungs fragt die sich auf einem Smartphone befindende KI. Und diese sagt ihnen, welchen Weg sie benutzen sollen.

Eine geschiedene Frau sucht über eine Dating-App einen Mann. Dieses Mal scheint sie den richtigen Mann gefunden zu haben. Ein junger Mann hat Schlafprobleme. Eine Frau hat eine außereheliche Affäre, für die sie einen Geheimaccount eingerichtet hat. Ein Lehrer erfährt unangenehm viel Aufmerksamkeit von einer Schülerin. In einer anderen Geschichte ist ein Fangirl überhaupt nicht davon begeistert, dass der von ihr bewunderte Boygroup-Sänger sich in eine andere Frau verliebt hat.

Immer wieder geht es in Juoku Kawakamis Geschichten um Bedrohungen durch neue Techniken, Geister, japanische Mythen, die in der Gegenwart fortexistieren, und ein fundamentales Unwohlsein an und in der Gegenwart.

Weil alle Geschichten sehr kurz sind, muss Kawakami immer schnell auf die meist gelungene Pointe zusteuern. Trotzdem wiederholt sich, wer alle Geschichten kennt, inzwischen einiges. Wenn bei Kawakami eine Streamerin auf einem Parkplatz für eine Nacht Kamera aufbaut, haben wir eine gute Ahnung, in welche Richtung sich die Geschichte bewegt.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan: Band 5

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2026

192 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 5

Shogakukan, 2026

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3″ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 4, 2025)

Wenn man unter ‚Comic‘ ‚Zeichungen‘ und ‚Texte in Sprechblasen‘ versteht, dann ist „Wahrheit“, der zweite Band der „Comicothek der Philosophie“, ein Comic. Trotzdem sind die erklärenden Texte wichtiger. Martine Gasparov, Philosophin, Philosophielehrerin an einer Schule für Kunst und Design in Paris und Verfasserin von Philosophie-Handbüchern für die Abiturprüfung, und Illustratorin Émilie Boudet haben mit dem Band „Wahrheit“ eine sehr kurze, klare und präzise Einführung in die Frage gegeben, was aus philosophischer Sicht „Wahrheit“ ist, was die Probleme bei verschiedenen Definitionen sind, ob man immer die Wahrheit sagen muss und ob die Idee der Wahrheit nicht ein Instrument zur Herrschaft ist.

Auf noch nicht einmal sechzig Seiten geben Gasparov und Boudet einen sehr guten Einblick in das Thema – und sie liefern viel Stoff zum Nachdenken.

Weitere Bände, unter anderem zu den Themen „Gerechtigkeit“, „Freiheit“, „Freizeit“ und „Zeit“ sind geplant.

Martine Gasparov/Émilie Boudet: Die Comicothek der Philosophie: Wahrheit

(übersetzt von Edmund Jacoby)

Jacoby & Stuart, 2026

64 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Toute la Philo en BD/La vérité

Belin Éducaions & La Boite à Bulles, 2022

Hinweis

Jacoby & Stuart über das Buch

 


„Furcht: Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“, die vierte Lieferung

Januar 14, 2026

Vor wenigen Tagen erschien die vierte Lieferung der Horrorkurzgeschichten von Juoku Kawakami. Wie in den vorherigen drei „Furcht: Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ sind es kurze Mangas. In diesem Fall zwölf Comics auf unter zweihundert Seiten. Da ist keine Zeit für tiefgründige Charakterentwicklungen und erzählerische Umwege. Es sind eher Skizzen, die zuerst das Setting etablieren und dann direkt auf die überraschende, tiefschwarze Pointe zusteuern. Einige Male ist die Pointe etwas kryptisch. Ein schockierter Blick in einen verlorenen und später von einer nicht sichtbaren Person vor der Wohnungstür abgelegten Geldbeutel ist etwas unbefriedigend.

Aber insgesamt gefällt auch die vierte Lieferung. Die Geschichten spielen alle im heutigen Japan. Oft in Metropolen und anonymen Mehrfamilienhäusern. Moderne Kommunikationsmittel (Ja, Smartphones und andere Computer), dortige Sitten, das Leben und Verhalten von vor allem jüngeren Menschen und mehr oder weniger kollektive Ängste und Phobien stehen im Mittelpunkt der Geschichten. Diese Herangehensweise verleiht dann auch altbekannten Geschichten einen neuen Dreh.

So fühlt sich ein junger Mann, der eine Mutter mit Kinderwagen anschreit, plötzlich von dem Kinderwagen verfolgt. Ein umtriebiger „Reseller“ bekommt plötzlich Probleme beim für ihn hochprofitablem Weiterverkauf von einem limitierten Trading Card-Boxset im Internet. Plötzlich häufen sich die Beschwerden über ihn.

Die Angewohnheit Jugendlicher, Audiodateien schneller abzuspielen hat plötzlich selbstmörderische Folgen. Denn die Menschen, die sich diese Dateien anhören, hören plötzlich auch andere Geräusche. Ältere dürften sich bei dieser Geschichte an die Gerüchte über geheime und satanische Botschaften in Rocksongs erinnern, die nur hörbar sind, wenn die LP, je nach Gerücht, schneller, langsamer oder rückwärts abgespielt wird. Im Zweifelsfall probierte man alles aus.

In „Okkultes Streaming“ besuchen zwei Streamer in Tokio für ein Streaming ein Hochhaus, in dem drei Menschen unter ungeklärten Umständen starben. Als sich von ihnen nicht geplante seltsame Dinge ereignen, läuft das Streaming aus dem Ruder.

In „KI-Chat“, mit 25 Seiten die längste Geschichte des Buches, wird eindrucksvoll gezeigt, was passiert, wenn eine Studentin sich nur auf die Ratschläge einer Künstlichen Intelligenz verlässt.

Vom Prinz zum Frosch“ ist dagegen schon eine fast klassische Geschichte über eine junge verliebte Frau, die bei ihrem Traumprinz ein Geheimnis entdeckt, das, nun, sagen wir es einmal so, ihre Beziehung radikal verändert.

Und dann gibt es noch nervige Nachbarn, seltsame Begegnungen in der Sauna und tödliche Unfälle im Bahnhof.

Für den Horrorfan sind die Geschichten wieder eine kleine Packung gelungener Überraschungen.

Der fünfte Band, von insgesamt acht Bänden, ist für Mitte Februar angekündigt.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan (Band 4)

(übersetzt von Gregor Wakoung)

Panini Manga, 2025

200 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 4

Shogakukan, 2025

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3″ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3, 2025)


Juoko Kawakami verbreitet wieder „Furcht“ im heutigen Japan

Oktober 8, 2025

Es sind kurze Geschichten, die Juoko Kawakami in seiner Manga-Kurzgeschichtenreihe „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“ erzählt und zeichnete. Vor wenigen Tagen erschien der dritte Band. Er enthält auf unter zweihundert Seiten zwölf Kurzgeschichten, die einige Gemeinsamkeiten haben und vollkommen unabhängig voneinander gelesen werden können. Es sind, wie der Titel verrät, kurze Horrorgeschichten, die im heutigen Japan spielen. Trotzdem spielen sie immer wieder, für uns wenig bis nicht erkennbar, auf japanische Traditionen an. Das Wissen über diese Traditionen steigert dann das Lesevergnügen, aber für das Verständnis der meisten Geschichten (ein, zweimal dachte ich, dass ich die Pointe nicht verstehe, weil ich die angesprochene Riten, Sitten und Erzählungen nicht kenne) ist es egal. Sie sind universell verständlich.

Im Mittelpunkt der Geschichten steht das Leben im heutigen Japan, meistens mit Protagonisten zwischen Schule und Studium und ihren Problemen. Computer, Handys, die Wirkung von Influencern und das Leben in einer anonymen Großstadt stehen immer wieder im Zentrum der mal mehr, mal weniger übernatürlichen Geschichten.

In der ersten Geschichte bemerkt ein schönheitsversessener Junge plötzlich einen Pickel an seinem Hals und Haare an den Beinen. Was für einen normalen Jugendlichen höchstens ärgerlich wäre, ist für ihn eine Katastrophe. Das Ende ist – überraschend.

In anderen Geschichten geht es um den nächtlichen Besuch in einem leer stehendem Haus, das möglicherweise doch nicht so leer steht. Oder um den Betreiber von einem Okkult-TV-Kanal, der eine Veranstaltung einer Netzwerk-Marketing-Firma besucht – und sich irgendwann denkt, er hätte wohl doch besser eine weitere Geistervilla erkundet. Es geht um den Besuch bei den seltsamen Eltern des künftigen Gatten. In einer anderen Geschichte geht es um eine Hochzeit und die Planungen vor der Hochzeit. Eine andere Geschichte beschäftigt sich mit den körperlichen Veränderungen eines schmächtigen Jungen bei dem Training in einem Fitnessstudio. Einmal geht es um die moderne urbane Legende Ushigisan, die gerade im Netz trendet; ein anderes Mal um eine KI-Cosplayerin und einmal um eine Telefonzelle, die als Müllabladeplatz benutzt wird.

Auch der dritte „Furcht“-Sammelband ist eine schön schwarzhumorige Lektüre.

Der vierte Band ist für November angekündigt. Das klingt doch nach einem Weihnachtsgeschenk für den Horrorfan.

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 3

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2025

200 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 3

Shogakukan, 2025

Hinweise

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1, 2025)

Meine Besprechung von Juoku Kawakamis „Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2“ (Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2, 2025)


„Furcht“ – Manga-Horror aus dem modernen Japan von Juoku Kawakami

Juni 11, 2025

Wer jetzt wegen dem Wort „Manga“ und der damit verbundenen Befürchtung, dass jetzt eines dieser sich auf viele Bände erstreckendes Epos vorgestellt wird, desinteressiert abwinken will, sollte unbedingt weiter lesen.

Denn Juoku Kawakami erzählt in „Furcht“, wie der Untertitel verrät, „Horrorgeschichten aus dem modernen Japan“. Es sind voneinander unabhängige, in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, die meistens nur wenige Seiten umfassen. Die längste hat fast sechzig Seiten. Die kürzesten keine zehn Seiten. Normalerweise sind sie so um die zwanzig Seiten und sie leben von der dichten Verbindung zwischen Text und Bild.

Die Protagonisten sind junge Menschen. Die Geschichten spielen, wie die auf der Straße getragenen Masken zeigen, während der Corona-Pandemie. Und es wird viel Zeit in der eigenen Wohnung und vor verschiedenen Bildschirmen verbracht. Aus ihnen und via Apps schleicht sich dann das Grauen in die Wohnung und in das Leben der jungen Menschen.

Immer wieder entwickelt in Juoku Kawakamis fantastischen Geschichten die Technik ein bedrohliches Eigenleben. Geister und Monster sind sehr real.

In „Sugardaddy“, der längsten Geschichte und gleichzeitig die erste Geschichte des ersten „Furcht“-Bandes, lernt ein Mädchen via App einen Sugardaddy kennen, der ihr Geld gibt, um ihr seine Geschichte zu erzählen. Nicht einmal oder zweimal, sondern immer wieder und, wie ein Geist, wird sie ihn nicht los. Er kommt immer wieder.

In einer anderen Geschichte entdeckt eine Schülerin in einer App, die sie beim Tanzen aufnimmt, im Hintergrund einen seltsamen tanzenden Schatten. Dieser Schatten ist allerdings keine Fehlprogrammierung, sondern etwas viel bedrohlicheres.

Bei einer Online-Party für die neue Kollegin ist das Bild eines Teilnehmenden nicht erkennbar. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein normales technisches Problem, aber Shinada-San ist nur auf dem Bildschirm der neuen Kollegin zu sehen und keiner ihren neuen Kollegen kennt ihn.

Ein anderes Mal fragen sich zwei Mädchen, woran sie einen Geist erkennen können: daran, dass er keine Maske trägt – oder an etwas anderem?

In „Retro“ entdeckt ein Geschwisterpaar im Haus ihres verstorbenen Großvaters eine alte Kamera, einen Film in der Kamera und, versteckt im Dachboden, eine menschenähnliche Puppe.

In mit einem KI-Bildgenerator erzeugten Bildern taucht immer wieder ein seltsam grinsender Mann auf. Einige Freunde wollen herausfinden, wie es dazu kommt.

In weiteren Horrorgeschichten geht es um eine Einschlaf-App mit furchtbaren Nebenwirkungen, eine Dating-App, die sich nicht löschen lässt und um einen wie eine deformierte Halloween-Maske aussehender Neujahrs-Sticker. Er sollte nicht gekauft werden. Die sich in verschiedenen Wohnungen aufhaltenden Freunde tun es in der Silvesternacht dennoch.

Und einmal entwickelt ein Staubsaugerroboter ein gruseliges Eigenleben.

Inzwischen sind die ersten beiden Bände des von Juoku Kawakami geschriebenen und gezeichneten Manga auf Deutsch erschienen. Der erste Band enthält sechs Geschichten. Der zweite Band letztendlich elf Geschichten, weil die als „Kurzgeschichte“ und „Reportage“ betitelten Comics zwei weitere, jeweils fünfseitige Horrorgeschichten sind.

Der dritte Band ist für August angekündigt.

Es sind zwar nur Horrorkurzgeschichten, aber am Ende könnte dann doch ein mangatypisches vielbändiges Werk im Regal stehen. Denn warum sollte Kawakami nach drei Bänden aufhören?

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 1

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2025

200 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 1

Shogakukan, 2025

Juoku Kawakami: Furcht – Horrorgeschichten aus dem modernen Japan – Band 2

(übersetzt von Gregor Wakounig)

Panini Manga, 2025

192 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Osore – Reiwa Kaidan – Vol. 2

Shogakukan, 2025