DVD-Kritik: Liam Neeson ist „The Marksman – Der Scharfschütze“

August 22, 2021

Jim Hanson ist Witwer, Vietnam-Veteran und Rancher in Arizona. Sein Land direkt liegt an der Grenze zu Mexiko. Seine Tochter arbeitet bei der Grenzpolizei. Täglich meldet er der Polizei Illegale. Das will er auch jetzt tun, aber die beiden Flüchtlinge, Rosa und ihr Sohn Miguel, werden von einigen Kartellmännern gejagt, die schnell zu den Waffen greifen. Spontan wehrt Jim sich. Am Ende der Grenzschießerei sind die Mutter und einer der Verbrecher tot. Der tote Verbrecher war der Bruder von Mauricio, dem Anführer der kleinen Gruppe von Kartellmännern.

Als Jim kurz darauf erfährt, dass Miguel zurück nach Mexiko in den sicheren Tod geschickt werden soll, befreit er ihn aus dem Polizeigewahrsam. Er will den Zehnjährigen, dem Wunsch seiner toten Mutter folgend, zu Verwandten nach Chicago bringen.

Auf ihrer Fahrt werden sie von Mauricio und seinen Männern verfolgt. Denn er will den Tod seines Bruder rächen. Und die Tasche mit Geld haben, die sich in Miguels Besitz befindet und das dem Kartell gestohlen wurde.

Spätestens ab diesem Moment entwickelt sich die Handlung von „The Marksman“ so gradlinig wie die Autobahn nach Chicago. Das ist nie innovativ, aber druckvoll und mit einem engagiertem Ensemble erzählt. Im Mittelpunkt des Road-Movies steht die sich entwickelnde Freundschaft zwischen Jim und Miguel, die natürlich zwei sehr gegensätzliche Charaktere sind, und ihrer Flucht vor den Bösewichtern, die auf ihrer Jagd nach Jim und Miguel über Leichen gehen. Sie bringen sogar Jims Hund um!

Schon von der ersten Minute an, wirkt „The Marksman“ wie ein Thriller, der ursprünglich als Vehikel für Clint Eastwood geplant war. Dazu hätte es der Szene aus dem Clint-Eastwood-Western „Hängt ihn höher“ (Hang ‚em high), den Jim und Miguel sich in einem Motel ansehen, nicht bedurft.

Der Eindruck, dass der Thriller mit Clint Eastwood als Hauptdarsteller im Hinterkopf geschrieben wurde, verstärkt sich, wenn man weiß, dass Robert Lorenz seit den „Brücken am Fluss“ (The Bridges of Madison County) zu Clint Eastwoods Crew gehört. Meistens als Second Unit Director oder Producer. Sein Regiedebüt war „Back in the Game“ (Trouble with the curve) mit, ihr ahnt es, Clint Eastwood in der Hauptrolle. Trotzdem war Eastwood niemals offiziell in das Projekt involviert.

Jedenfalls hat jetzt Liam Neeson die Hauptrolle des konservativen Haudegen, der tut, was ein rechtschaffener Mann tun muss, übernommen. Und das ist, den letzten Wunsch einer sterbenden Frau erfüllen, einen Jungen zu seinen Verwandten bringen und dabei böse Verbrecher töten. Denn auf den Staat, verkörpert durch korrupte Polizisten, kann man sich dabei nicht verlassen.

The Marksman“ ist gut abgehangenes Thriller-Kino, das man wie einen Country-Song schon beim ersten Mal mitsingen kann.Und das ist nicht unbedingt schlecht.

Das vernachlässigbare Bonusmaterial besteht aus einem Making of mit den üblichen Werbe-Statements und einem Video-Interview mit Liam Neeson.

(c) 2021 LEONINE Studios

The Marksman – Der Scharfschütze (The Marksman, USA 2021

Regie: Robert Lorenz

Drehbuch: Chris Charles, Danny Kravitz, Robert Lorenz

mit Liam Neeson, Jacob Perez, Juan Pablo Raba, Katheryn Winnick, Teresa Ruiz

Blu-ray

Leonine Studios

Bild: 2,40:1 (1080p/24)

Ton. Deutsch, Englisch (DTS-HD MA 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interview – Liam Neeson. Trailer

FSK: ab 16 Jahre

Länge: 108 Minuten

DVD identisch. Außerdem als Download erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „The Marksman“

Metacritic über „The Marksman“

Rotten Tomatoes über „The Marksman“

Wikipedia über „The Marksman“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: „The Rookies“ sollen die Welt retten

Juli 9, 2021

Im Kino spielt Milla Jovovich gerade den „Monster Hunter“. Davor spielte sie in der chinesischen Actionkomödie „The Rookies“ im schönsten faschistoiden Kalter-Kriegs-Sowjet-Gefängnisaufseher-Outfit Bruce, eine Agentin einer geheimen Organisation, die die Welt gegen Bösewichter verteidigt. Und das würde sie auch jetzt tun, wenn der Jungspund Zhao Feng nicht eine ihrer Missionen gestört hätte.

Zhao ist ein junger Extremsportler. Seine Spezialität ist das Rumturnen auf Hochhäusern. Seine illegalen Klettertouren dokumentiert er per YouTube-Livestream. Bei einer seiner halsbrecherischen Aktionen stolpert er, nachdem er seine Kamera verloren hat, in ein illegales Geschäft. Es ist das Geschäft, das Bruce mit ihren Männern verhindern will. Es geht um irgendein Ding, mit dem die Welt vernichtet werden kann (halt der MacGuffin), und das seinen Besitzer von den falschen in die ganz falschen Hände wechseln soll. Der Handel geht schief. Der Bösewicht kann mit dem MacGuffin entkommen. Und Bruce rekrutiert sofort Zhao. Sie hofft mit ihm doch noch das Schlimmste verhindern zu können.

Zhao macht sich gemeinsam mit Bruce, ihren Männern (Marke: stahlhartes Kanonenfutter) und einigen seiner Mehr-oder-weniger-Freunde auf nach Budapest. Dort treffen sie wieder auf den Bösewicht. Und weil Bruce – nachdem Milla Jovovich ihre Aufgabe erfüllt hat, die internationale Vermarktbarkeit des Films zu garantieren – in einem Gefecht schwer verletzt wird, müssen jetzt Zhao und seine ungefähr gleichaltrigen Freunde, – ein chaotisch-nerdiger Wissenschaftler, eine arbeitslose Ärztin und eine glücklose Interpol-Polizistin -, die Welt retten.

Okay, diese Prämisse ist unüberschaubar kompliziert und vollkommen idiotisch. Wie der gesamte Film, der eine Mischung aus kindischem Klamauk und Cartoon-Action ist. Die Actionszenen wirken nie auch nur halbwegs realistisch, sondern immer wie Animationen aus einem Computer. Dazwischen gibt es kurze Trickfilme und übertriebene Effekte. Auch die restlichen Bilder wirken, als seien sie vollständig im Studio oder am Computer entstanden. Damit sieht „The Rookies“ wie ein Animationsfilm aus, der sich nicht um die Gesetze der Physik und Wahrscheinlichkeit kümmert.

Die Filmgeschichte selbst ist eine lieblos zusammengehauene Young-Adult-James-Bond-Geschichte. Mit riesigen Logiklöchern, chargierenden Schauspielern und überdeutlichen Anspielungen in den Bildern und der Musik auf James Bond.

Das ist ein Film für Menschen „bis 16 Jahre“. Dummerweise ist Alan Yuens Werk in Deutschland „frei ab 16 Jahren“.

The Rookies (Su ren te gong, China 2019)

Regie: Alan Yuen

Drehbuch: Yun Cheung Kong, Xu Lei, Alan Yuen

mit Milla Jovovich, Talu Wang, Sandrine Pinna, Zhan Xiao, Timmy Xu, David Lee McInnis, Meitong Liu, Suet Lam, Kwok-Kwan Chan, Zhan Xiao

DVD

EuroVideo

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film erscheint am 22. Juli auf DVD und Blu-ray. Seit dem 8. Juli ist er digital erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „The Rookies“

Metacritic über „The Rookies“

Rotten Tomatoes über „The Rookies“

Wikipedia über „The Rookies“

 


DVD-Kritik: „Crime Game“ – sie wollen nur einen Schatz aus einer Bank klauen

Juni 29, 2021

Schatzsucher Walter Moreland ist stinkig. Da hat er nach jahrelanger Suche in einem Wrack endlich, neben vielen anderen wertvollen Dingen, eine äußerst wertvolle Schatulle gefunden und sofort wird alles von der spanischen Regierung konfisziert. Ein Gericht bestätigt, dass der Fund rechtmäßig Spanien gehört und er wird in Madrid in den Safe der Bank von Spanien gelegt. Also nicht in irgendeinem Safe, sondern in einem schon vor ungefähr hundert Jahren gebauten Safe, der tief unter der Erde steht und über den niemand etwas genaues weiß. Außer, dass dieses Wunderwerk der Ingenieurkunst absolut sicher, sozusagen todsicher, ist.

Walter, der unbedingt die Schatulle will, engagiert den jungen, genialen Ingenieur Thom. Der Student hat gerade eine Reihe Firmen, die ihn einstellen wollten, mit seinen unverschämpten Forderungen und seiner überwältigenden Lustlosigkeit auf einen Job in einem Konzern, abblitzen gelassen. Er sucht etwas, das ihn wirklch herausfordert und an seine Grenzen bringt. Das kann Walter ihm bieten. Und ein Team, das für den Nerd zu einer Familie werden kann. Bei Lorraine könnte es sogar mehr werden.

Gut, die Motive von Walter und Thom für den Einbruch sind etwas seltsam (das hat man davon, wenn man seinen Protagonisten nicht mehr nur schnöde Geldgier, aber auch keine edlen Motive unterstellen will) und der Safe entspringt weniger der Realität (obwohl der echte Safe der Bank von Spanien die Inspiration war), als der Fantasie von Drehbuchautoren, die zur Vorbereitung zu viele Superheldenfilme (die Lage und der Aufbau des Safes) und alte Abenteuergeschichten (so in Richtung Indiana Jones) genossen haben.

Aber die Schauspieler – Liam Cunningham, Freddie Highmore, Sam Riley,

Àstrid Bergès-Frisbey, Luis Tosar, Axel Stein (unauffällig und wahrscheinlich nur dabei, weil irgendwie auch deutsches Geld involviert ist) und Famke Jansen (in einer Nebenrolle) – sind engagiert dabei. Regisseur Jaume Balaguero („[REC]“) inszeniert druckvoll und erstaunlich ernst. Auf den aus den Ocean-Filmen und Serien wie „Hustle“ und „Leverage“ bekannten humorvollen Ton verzichtet er vollkommen.

Der Plan der Diebe, während des Finales der Fußball-Weltmeisterschaft 2010, als Spanien gegen die Niederlande spielt, in die hochgesicherte Bank einzubrechen und gegen alle Widrigkeiten und Überraschungen sich der Beute zu nähern und mit ihr zu entkommen (jedenfalls versuchen sie es) ist wahnwitzig, elaboriert, praktisch undurchführbar (vor allem wenn man nur kurz darüber nachdenkt) und damit hoch unterhaltsam.

Das macht „Crime Game“ nicht zu einem Meisterwerk oder kommendem Klassiker. Dafür sind die Figuren zu dürftig gezeichnet, die Konstruktion des Safes zu unrealistisch und alles läuft zu sehr nach den bekannten Konventionen des Heist-Movies ab.

Damit ist „Crime Game“ genau der richtige Film für einen lauen Sommerabend, an dem man sich auf Entspannung durch Spannung freut.

Crime Game (Way down, Spanien 2021)

Regie: Jaume Balagueró

Drehbuch: Rafa Martínez, Andrés Koppel, Borja Glez. Santaolalla, Michel Gaztambide, Rowan Athale (nach einer Geschichte von Rafa Martínez, Andrés Koppel und Borja Glez. Santaolalla)

mit Freddie Highmore, Sam Riley, Liam Cunningham, Àstrid Bergès-Frisbey, Jose Coronado, Luis Tosar, Emilio Gutiérrez Caba, Axel Stein, Famke Janssen

DVD

Square One Entertainment/LEONINE Distribution

Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Teaser, Making-of

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Film ist außerdem auf Blu-ray erschienen und selbstverständlich auch als Stream verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Crime Game“

Metacritic über „Crime Game“

Rotten Tomatoes über „Crime Game“

 


DVD-Kritik: Etwas Filmbildung mit „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“ und „In Search of the Last Action Heroes“

Juni 28, 2021

Das wird jetzt eine satte Portion Hollywood. Mal besser, mal schlechter erzählt. Mal mit höherem, mal mit niedrigerem Budget. Das eine ist die 140-minütige Doku „In Search of the Last Action Heroes“, einer Doku über den Hollywood-Actionfilm ab den und vor allem über die achtziger Jahren. Das andere ist die zwölfteilige, insgesamt gut neunstündige CNN/HBO-Serie „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“ . Produziert wurde sie unter anderem von Tom Hanks. Die Interviewpartner sind hochkarätig. Neben Filmjournalisten, wie die in mehreren Episoden auftretenden Neal Gabler (Filmhistoriker), Renee Graham (The Boston Globe), Ben Mankiewicz (TCM), Amy Nicholson (Variety) und Kenneth Turan (Los Angeles Times), sind viele bekannte Regisseure und Schauspieler dabei. Unter anderem Steven Spielberg, Tom Hanks, Robert Redford, Martin Scorsese, Paul Thomas Anderson, Cameron Crowe, John Landis, Julia Roberts, Alec Baldwin, Robert De Niro und Susanna Hoffs (keine Ahnung warum die „Bangles“-Sängerin und Frau von „Austin Powers“-Regisseur Jay Roach dabei ist).

Konzentriert wird sich auf Hollywood, wobei Hollywood meistens als Ort, aber auch als Synomym für das globale Kino verwandt wird. Das öffnet die Tür, um sich mit dem Independent-Kino (das wenig mit Hollywood zu tun hat) und James Bond zu beschäftigen. Es wird auch beherzt weggelassen. Auch in neun Stunden kann einfach nicht alles vorgestellt werden.

Das ist allerdings nicht das Problem der Serie. Dass Schwerpunkte gesetzt werden, dass nicht alles besprochen wird und dass selbstverständlich der eigene Lieblingsfilm und -regisseur fehlt oder nicht genügend gewürdigt wird, ist selbstverständlich. Zum Problem wird das, wenn man sich ansieht, was weggelassen wird und wie das restliche Material aufbereitet wird. Weggelassen wird zuerst einmal der gesamte Stummfilm. Die nächsten Jahrzehnte werden im Schweinsgalopp in den ersten beiden vierzigminütigen Episoden durchgegangen. Ab der dritten Episode widmet sich dann jede Doppelfolge einem Jahrzehnt. Beginnend mit den sechziger Jahren. Die letzten zwanzig Jahre werden in einer wild zwischen den Jahren hin- und herspringenden Doppelfolge abgehandelt. Die Erklärung für das Weglassen der ersten Hälfte der Geschichte Hollywoods ist wohl, dass die heute noch lebendige Gesprächspartner früher noch nicht aktiv waren. Die prominenten Interviewpartner wie Robert Redford, Steven Spielberg, Martin Scorsese und Ridley Scott können in ihren aktuellen Statements in Erinnerungen an ihre Vergangenheit schwelgen und über ihre Einflüsse reden, die anscheinend nichts mit dem Stummfilm und nur sehr wenig mit dem frühen Hollywood-Tonfilm zu tun haben. Verstorbene Regisseure wie Alfred Hitchcock und Robert Altman haben da schlechte Karten. Und Woody Allen wird nur mal nebenbei erwähnt. Aber Allen verlässt ja fast nie Manhattan.

Noch problematischer als diese Konzentration auf die vergangenen sechzig Jahre, ist die Anordnung des Materials. Da folgt Filmclip auf Kurzstatement auf Filmclip auf Kurzstatement. Nach ungefähr zwei Minuten folgt der nächste Film. So werden in der Doppelepisode über die neunziger Jahre in ungefähr achtzig Minuten atemberaubende 145 Filme in teils nur sekundenlangen Ausschnitten präsentiert.

Warum bestimmte Filme in der Serie erwähnt werden und andere nicht, erschließt sich dem unbefangenem Zuschauer nicht. Eine Filmgeschichte, also eine sinnvolle Verknüpfung verschiedener Ereignisse und ein Aufzeigen von Entwicklungen, ergibt sich daraus nicht. Stattdessen folgt einfach Film auf Film auf Film nach dem Prinzip ‚drin ist ein Film, wenn der Regisseur oder ein Schauspieler dabei ist oder irgendjemand etwas über den Film sagen will‘.

Als Einführung in die Filmgeschichte taugt die Serie deshalb nicht. Es ist keine Struktur, kein Gedankengang, keine Anordnung des Materials erkennbar. Jemand, der sich über die Filmgeschichte informieren möchte, wird danach nicht schlauer als vorher sein.

Cineasten, die die Film- und Interviewschnipsel in die Filmgeschichte einordnen können, brauchen die Serie nicht. Sie können „The Movies“ höchstens als Schwelgen in Erinnerungen und als Anregung, sich mal wieder einen bestimmten Film anzusehen, gebrauchen.

Angesichts der an der Serie beteiligten Personen, des offenkundigen Budgets und des damit verbundenen Potentials ist „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“ ein Totaldesaster, das wie ein YouTube-Autoplay-Abend wirkt.

Wobei ich da ein „Trailers from Hell“-Autoplay empfehle. Dort sprechen, während der Trailer gezeigt wird, bekannte Regisseure, wie der immer gut aufgelegte John Landis, über Filme. Meistens sind es B-Pictures, Horrorfilme, liebenswerter, manchmal kultiger Schund, äußerst obskure Filme, aber auch Klassiker. Das ist eine äußert angenehme Mischung aus Fantum und Filmbildung, die manchmal mit persönlichen Erinnerungen der Regisseure angereichert wird. Sie erzählen, wann und wo sie die Filme erstmals sahen oder sie erzählen von Erlebnissen, die sie bei den Dreharbeiten hatten oder was ihnen später von den Dreharbeiten erzählt wurde.

 

Obwohl mit einem deutlich geringerem Budget als „The Movies“ gedreht, ist „In Search of the Last Action Heroes“ von Oliver Harper, dem Macher des YouTube-Kanals „Oliver Harper’s Retrospectives and Reviews“, der gelungenere Dokumentarfilm. In ihm geht es vor allem um den Hollywood-Actionfilm der achtziger Jahre. Damals etablierte sich der Actionfilm als eigenständiges Genre. Vor allem die Filme mit Sylvester Stallone („Rambo“) und Arnold Schwarzenegger („Terminator“, „Commando“ [Das Phantom-Kommando]) waren bahnbrechend. Auch der zweite „Alien“-Film und die „Mad Max“-Filme werden genannt. Nachdem Stallone und Schwarzenegger an der Kinokasse überzeugten, wurden mit Bodybuildern und Kampfsportlern als Hauptdarsteller unzählige, meist billig produzierte Filme mit viel Action und wenig Handlung produziert. Teils fürs Kino, teils für den boomenden Heimvideomarkt. Mit diesen Filmen beschäftigt Oliver Harper sich ausführlicher.

Blockbuster, wie „Robocop“, die „Lethal Weapon“-Filme, „Stirb langsam“, und die damit einher gehenden Änderungen bei den Actionhelden hin zu weniger Muskeln, besseren Schauspielern, höheren Budgets und mehr Tricks werden ebenfalls angesprochen. Während in den 80-Jahre-Actionfilmen alle Kämpfe, Crashs, Explosionen und Stunts live vor der Kamera ausgeführt wurden, werden seit „Jurassic Park“ immer mehr Actionszenen in einer sicheren Studioumgebung oder gleich im Computer inszeniert. Dafür brauchte man die Actionhelden der Achtziger nicht mehr. Sie waren außerdem keine guten Schauspieler und sie wurden älter.

Mit den nur sehr kurz angesprochenen „Bourne“-, „The Raid“- und „John Wick“-Filmen zeichnete sich hier wieder eine Rückkehr zum guten alten Actionhandwerk ab.

Harper unterhielt sich ausführlich mit den Produzenten, Regisseuren, Autoren, Filmkomponisten und Schauspielern, die vor allem in den achtziger und neunziger Jahren auf dem Zenit ihrer Karriere standen. Die großen Stars wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone fehlen. Aber Cynthia Rothrock, Bill Duke und Eric Roberts sind dabei. Und sie alle haben etwas zu erzählen. Vielen, vor allem den Produzenten, Autoren und Regisseuren, wie Shane Black, Steven E. De Souza, Sam Firstenberg, Peter MacDonald, Paul Verhoeven und Mario Kassar, hätte ich gerne noch länger zugehört.

The Movies – Die Geschichte Hollywoods (The Movies, USA 2019)

Regie: ?

Drehbuch: ?

mit Neal Gabler, Renee Graham, Ben Mankiewicz, Amy Nicholson, Kenneth Turan, Steven Spielberg, Tom Hanks, Robert Redford, Martin Scorsese, Paul Thomas Anderson, Cameron Crowe, John Landis, Julia Roberts, Alec Baldwin, Robert De Niro, Brad Bird, Edgar Wright, Bill Hader, Holly Hunter, Julia Roberts, John Singleton, Ron Howard, Julianne Moore, Ridley Scott, Peter Bogdanovich, Tim Burton, Susanna Hoffs, Lawrence Kasdan

DVD/Blu-ray

Studio Hamburg Enterprises

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 540 Minuten (12 x 45 Minuten)

FSK: ab 12 Jahre

In Search of the Last Action Heroes (In Search of the Last Action Heroes, Großbritannien 2019)

Regie: Oliver Harper

Drehbuch: Oliver Harper, Timon Singh

mit Scott Adkins, Stuart Ashen, Shane Black, James Bruner, Stan Bush, Ronny Cox, Boaz Davidson, Steven E. de Souza, Bill Duke, Brad Fiedel, Sam Firstenberg, Mark Goldblatt, Jenette Goldstein, Jeffrey Greenstein, Matthias Hues, Mario Kassar, Al Leong, Mark L. Lester, Sheldon Lettich, Peter MacDonald, Ian Nathan, Zak Penn, Phillip Rhee, Eric Roberts, Cynthia Rothrock, Paul Verhoeven, Vernon Wells, Michael Jai White, Alex Winter, Graham Yost ..

DVD/Blu-ray

Studio Hamburg Enterprises

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

ARD über „The Movies – Die Geschichte Hollywoods“ (online verfügbar in der deutschen und der Originalversion bis Mitte Oktober 2021 [die einzelnen Episoden gehen an verschiedenen Tagen offline])

Moviepilot über „The Movies“ und „In Search of the Last Action Heroes“

Rotten Tomatoes über „The Movies

Wikipedia über „The Movies“ (mit einer Liste der präsentierten Filme)


DVD-Kritik: Der sanfte Geisterhorror „Haunted Child“

Juni 23, 2021

Hjemsøkt, so der Originaltitel von „Haunted Child“, ist norwegisch und kann mit „Spuk“ oder „Heimsuchung“ übersetzt werden. Das ist immerhin etwas rätselhafter als der deutsche Titel, der dem geneigten Horrorfan einiges von der Geschichte verrät und ihm auch eine gute Ahnung von der Pointe vermittelt. Das muss jetzt nicht unbedingt ein Nachteil sein. Immerhin sehen wir uns einige Filme immer wieder an und gerade bei RomComs wissen wir schon bei einem Blick auf das Plakat, wie die Geschichte endet.

In „Haunted Child“ erbt Catherine nach dem Tod ihres Vaters das Elternhaus. Zu ihm hatte sie seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr. Ihre Mutter ist noch länger tot.

Mitten im Winter fährt sie zu dem Haus. Sie will sich das Landhaus nur kurz ansehen und so schnell wie möglich verkaufen. Aber der Makler verhält sich merkwürdig abweisend. Und auch Catherine, die ihre Kindheit und Jugend vollkommen verdrängt, verhält sich merkwürdig. Es ist, als habe das Haus einen negativen Einfluss auf sie.

Dann trifft sie ein Mädchen. Daisy behauptet, in der Nachbarshaft zu wohnen. Sie ist äußerst redefaul und betritt ungefragt Cathrines Elternhaus. Sie benimmt sich, als sei sie die Bewohnerin des Hauses und Catherine noch nicht einmal ein ungebetener Gast. Auch sonst verhält das Mädchen sich mindestens so merkwürdig, wie sich das Haus seltsam verhält. Da geht die Tür zum Keller nicht auf, Schatten bewegen sich durch das Haus (natürlich nur nach Einbruch der Dunkelheit) und es gibt ständig plötzliche überlaute Geräusche, die einen in Angst und Schrecken versetzen sollen und zuverlässig vor dem vorzeitigen Einschlafen bewahren.

Haunted Child“ ist das Spielfimdebüt von Carl Christian Raabe. Davor war er Standfotograf bei „Headhunters“ und drehte eine Doku über den Thriller.

Autorin Maja Lunde schrieb vorher für TV-Serien Drehbücher. Außerdem, und dafür ist sie bekannter, schreibt sie Romane, wie das mit „Die Geschichte der Bienen“ beginnende und vollständig übersetzte Klimaquartett, und Kinder- und Jugendbücher, die teilweise ins Deutsche übersetzt sind. In „Haunted Child“ beschäftigt sie sich, im Stil eines Horrorfilms, mit Fragen von Schuld, Sühne und Verdrängung. Denn Catherine ist schwanger und sie möchte, ohne dass ihr sanfter und verständnisvoller Freund davon erfährt, das Baby abtreiben. Da könnte ein Besuch im Elternhaus und eine damit verbundene Konfrontation mit ihrer Kindheit dazu führen, dass sie ihre Entscheidung überdenkt.

Diese Konflikte werden im Film allerdings nur gestreift. Das liegt an dem Drehbuch und der Inszenierung, die sich mehr auf Jumpscares als auf eine psychologisch stimmig entwickelte Geschichte konzentrieren, und an Catherine-Darstellerin Synnøve Macody Lund. Sie spielt, wie in der Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“, eine kühle, unnahbare Blondine. In „Haunted Child“ sah ich nie eine Frau, die an ihrem Geisteszustand zweifelt, sondern immer eine gut aussehende Schaufensterpuppe.

So ist Raabes Film ein gut aussehender, niemals packender oder nachhaltiges Interesse weckender Geisterhorrrofilm, der als psychologischer Horrorfilm weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Dafür ist er zu verliebt in knallende Türen und laut knirschende Dielenbretter.

Haunted Child (Hjemsøkt, Norwegen 2017)

Regie: Carl Christian Raabe

Drehbuch: Maja Lunde

mit Synnøve Macody Lund, Ebba Steenstrup Såheim, Ken Vedsegaard, Jorunn Kjellsby, Robert Skjærstad

DVD

Nameless Media/EuroVideo

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Norwegisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover, Trailer

Länge: 79 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film ist auch als Blu-ray und Stream bei Amazon, Google, iTunes, Maxdome, Sky, Videoload und Vodafone verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Haunted Child“

Wikipedia über „Haunted Child“ 


DVD-Kritik: „One last call“ bevor Du…

Juni 17, 2021

Oktober 1987 irgendwo in der US-Provinz, oder, kurz gesagt, in Stephen-King-Land: Tonya nimmt Chris, der mitten im Schuljahr auf die Schule gekommen ist, gleich in ihre Clique auf. Abends hängen Tonya, Chris, Zack und Brett auf dem Rummelplatz ab. Später besuchen sie die Cranstons. Tonya macht Edith Cranston für den Tod ihrer jüngeren Schwester verantwortlich. Sie werfen einige Fenster ein und werden von der alten Hausbesitzerin erwischt.

Wenige Stunden später bringt sie sich um. Ihr Mann Edward lädt Tonya, Zack, Brett und Chris ein. Er sagt, seine Frau habe sie, wider alle Erwartungen, großzügig in ihrem Testament beachtet. Um an das Geld zu kommen, müssen sie nur nacheinander im Arbeitszimmer eine Minute mit ihr telefonieren. In ihrem Grab sei ein Telefon.

Zögernd, aber vom versprochenen Erbe verlockt, sind sie einverstanden. Als erstes geht Zack in das Zimmer.

Was er und seine Freunde nicht wissen, ist, dass sie mit dem Abheben des Telefonhörers ihr Todesurteil unterschreiben und, davor, mit ihren schlimmsten Ängsten, Alpträumen und Sünden konfrontiert werden.

One last call“ ist ein mit Lin Shaye („Insidious“) und Tobin Bell („Saw“) als Ehepaar Cranston prominent besetzter kleiner Horrorfilm, der seine Geschichte ziemlich langsam und mit wenigen Wendungen erzählt. Es gab auch nur wenige Drehorte. Letztendlich spielt die Geschichte im Haus der Cranstons und in den surrealistisch inszenierten Alpträumen der vier Teenager.

Die schwarzhumorige Pointe und das Verweigern von Erklärungen erinnert etwas an die „Twilight Zone“; nur dass in dieser langlebigen und legendären TV-Serie die Geschichten in dreißig bis sechzig Minuten (mit Werbung) erzählt wurden. „One last call“-Regisseur Timothy Woodward Jr. („The final wish“) braucht neunzig Minuten, weil Edward Cranston arg ausführlich den letzten Wunsch seiner Frau erklärt und danach, nacheinander, jeder der vier Jugendlichen in das Arbeitszimmer geht. Dort sehen wir, nachdem sie Edith Cranston anrufen, welches Leid sie erfahren und welche (Tod)sünden sie in ihrem kurzen Leben begangen haben. Auch wenn es verschiedene Sünden sind, wird es schnell redundant.

Für Horrorfans ist dieser Anruf ein durchaus okayer, wenn auch nicht besonders bemerkenswerter Zeitvertreib bis es in den Kinos wieder richtig losgeht. Denn bei der Wiederöffnung der Kinos am 1. Juli sind etliche Horrorfilme, wie „Freaky“ und „Conjuring 3: Im Bann des Teufels“, am Start.

One last call (The call, USA 2020)

Regie: Timothy Woodward Jr.

Drehbuch: Patrick Stibbs

mit Lin Shaye, Tobin Bell, Chester Rushing, Erin Sanders, Mike Manning, Sloane Morgan Siegel

DVD

EuroVideo

Bild: 2,39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film ist als DVD, Blu-ray und digital erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „One last call“

Metacritic über „One last call“

Rotten Tomatoes über „One last call“

Wikipedia über „One last call“


DVD-Kritik: „Skylin3s“, die Aliens sind immer noch da

Juni 14, 2021

Vor einigen Jahren gelang es Captain Rose Corley einen Alien-Angriff abzuwehren. Inzwischen ist sie untergetaucht. Nachdem es einen neuen Angriff auf die Rest-Menschheit gibt, wird sie vom Militär gefunden und mit einem kleinen Team erfahrener Kämpfer zu Cobalt One, dem Heimatplaneten der Aliens, geschickt. Dort sollen sie, selbstverständlich unter erheblichem Zeitdruck, den überlebenswichtigen und alles entscheidenden Core Drive finden. Mit ihm kann verhindert werden, dass friedlich mit den Menschen zusammenlebende Alien-Hybride zu feindseligen Aliens werden, die dann die Rest-Menschheit auslöschen.

Skylin3s“ ist, wie der Titel erahnen lässt, der dritte Teil der „Skylines“-Serie. Der erste Spielfilm „Skyline“ kam 2010 in die Kinos. Die Kritiker waren mäßig begeistert. Das Einspiel gut genug für „Beyond Skyline“ (2017). Wieder waren die Kritiker nicht wirklich begeistert, aber für einen dritten Teil wurde an der Kasse genug umgesetzt. Das niedrige Budget war dafür natürlich hilfreich.

Rose Corley wird wieder von Lindsey Morgan gespielt. Sie spielte sie bereits in „Beyond Skyline“. In Rückblenden taucht ihr von Frank Grillo gespielter Vater Mark Corley in dem dritten „Skyline“-Film auf. Und am Ende von „Skylin3s“ wird dann nicht nur der Sieg über die Aliens gefeiert, sondern bereits ein vierter Teil angekündigt. Denn Mark Corley lebt anscheinend noch und damit könnte „Skyline“ eine aus vier oder mehr Teilen bestehende Trilogie werden. Denn „Skylin3s“wird als „der epische Abschluss der ‚Skyline‘-Trilogie“ beworben.

Die Regie übernahm Liam O’Donnell, der bereits die Drehbücher für die ersten beiden Teile schrieb, den zweiten Film auch inszenierte und einer der Produzenten des Franchises ist.

Der Film selbst ist ein niedrig budgetierter SF-Film, der immer wie eine beliebige Folge einer austauschbaren TV-SF-Serie wirkt. Die Handlung ist vorhersehbar. Die Dialoge sind mäßig. Die Figuren sind entsprechend eindimensional geraten. Die Geschichte findet weitgehend in dunklen Räumen statt. Das sieht stylish aus und schont das Budget. Vor allem, wenn irgendwelche zotteligen Aliens im Dunkeln die menschlichen Elite-Soldaten angreifen. Und selbstverständlich ersätzen Fäuste langatmige Debatten und mögliche friedliche Konfliktlösungen.

Das Bonusmaterial fällt mit einem Audiokommentar von Liam O’Donnell, den Featurettes „Hinter den Kulissen“ (eigentlich das Making-of), „Die Visual Effects von ‚Skylin3s’“, „Die Stunts von ‚Skylin3s’“, einem Interview mit Hauptdarstellerin Lindsey Morgan und mehreren entfernten Szenen (mit einem optionalem Audiokommentar von Liam O’Donnell) erfreulich umfangreich (ohne die Audiokommentare sind es gut fünfzig Minuten) und informativ aus.

Skylin3s (Skylin3s, USA 2020)

Regie: Liam O’Donnell

Drehbuch: Liam O’Donnell (nach einer Geschichte von Matthew E. Chausse und Liam O’Donnell) (basierend auf von Joshua Cordes erfundenen Figuren)

mit Lindsey Morgan, Rhona Mitra, Alexander Siddig, James Cosmo, Jonathan Howard, Daniel Bernhardt, Yayan Ruhian

alternative Schreibweisen des Titels sind „Skylines“ und „Skyline 3“

DVD

EuroVideo

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur, Autor und Produzent Liam O’Donell, Hinter den Kulissen, Die Visual Effects von „Skylin3s“, „Die Stunts von „Skylin3s“, Interview mit Lindsey Morgan, Entfernte Szenen (optional mit Audiokommentar von Liam O’Donell), Trailer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die DVD und Blu-ray erscheint am 17. Juni. Digital ist das Werk bereits verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Skylin3s“

Metacritic über „Skylin3s“

Rotten Tomatoes über „Skylin3s“

Wikipedia über „Skylin3s“


DVD-Kritik: Schrott mit Bruce Willis: „Cosmic Sin“ und „Hard Kill“

Mai 12, 2021

Seien wir ehrlich: diese Filme sind eine Beleidigung für die Zuschauer. Sie sind auch eine aktive Schändung des Frühwerks von Bruce Willis. Genau, der Bruce Willis, der mit der TV-Serie „Das Modell und der Schnüffler“ bekannt wurde (in den USA mehr als bei uns) und mit „Stirb langsam“ 1988 seinen Durchbruch hatte. Danach war er ein Box-Office-Garant. Seine Filme waren eine kluge Mischung aus Blockbuster-Filmen, guten Actionfilmen (oder Blockbuster mit kleinem Budget), Komödien und kleinen Rollen in Arthaus-Filmen. Nicht jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk, aber es ist eine insgesamt überzeugende Mischung. Vor ungefähr zwanzig Jahren gab es einen Bruch. Seitdem spielt er, bis auf wenige, sehr wenige Ausnahmen, erkennbar lustlos in Schrottfilmen mit, deren Existenzberechtigung sich in dem Scheck für Bruce Willis erschöpft. Einen Grund, sich irgendeinen dieser Filme anzusehen, gibt es nicht.

Mit „Cosmic Sin“ und „Hard Kill“, einem Science-Fiction-Actionfilm und einem Actionfilm, erreicht diese Werkphase einen neuen Tiefpunkt. Beide Filme wurden schnell gedreht. Angesichts des Endprodukts stellt sich die Frage, warum sie mehr als einen Tag gebraucht haben. Ein Drehbuch hatten sie offensichtlich nicht. Die Dialoge sind ein Best-of der peinlichsten und abgenutztesten Actionfilm-Phrasen. Fragen nach interner Logik stellen sich nicht. Das ist, als ob man versuchen würde, mit einer Spinne über Quantenphysik reden möchte; – wobei das Gespräch sinnvoll wäre.

Cosmic Sin“ spielt 2524. Es ist eine Zukunft, die eigentlich wie die Gegenwart aussieht (Ja, es wird banaler Middle-of-the-Road-Schmockrock gehört und die Kneipe sieht wie die Spelunke an der Ecke aus. Das ist auch nachvollziehbar. Schließlich gehen wir am liebsten in Lokale, die aussehen, als habe es seit dem Mittelalter keine Umdekorierung gegeben, wir hören am liebsten unverstärkte mittelalterliche Lautenmusik und, nun, es geht doch nichts über die Computertechnik von 1529.). Wenige Minuten nach dem Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies werden James Ford (Bruce Willis), ein degradierter Soldat, und eine Gruppe Soldaten und Wissenschaftler losgeschickt auf den 13368 Lichtjahre entfernten Planeten Ellora. Das geht in der Zukunft schneller als eine heutige Pinkelpause. Hat irgendetwas mit Quantentechnik zu tun. Aber wahrscheinlich hat das Budget nicht für den Bau eines Raumschiffs gereicht.

Keine Stunde nach dem Erstkontakt landen sie auf dem Planeten. Bei der Landung werden sie versprengt und einige sterben (Frag nicht!). Wenige Sekunden später wird fröhlich herumgeballert und die Außerirdischen, die sehr menschlich aussehen, weil sie sich menschlicher Körper bemächtigen (eine sehr budgetschonende Lösung), sind natürlich sehr böse.

Ach, was soll ich sagen: Wenn dieses niedrigst budgetierte Werk eine TV-Serie wäre, wäre es eine extrem kurzlebige Serie, für die der Sender und alle Beteiligten sich schon vor der Ausstrahlung in Grund und Boden schämen würden. Falls sie das in jeder Beziehung schlechte Werk nicht schon vor der Ausstrahlung ins Archiv verbannt hätten.

Außerdem ist „Cosmic Sin“ humorloser reaktionärer Müll, der Geschlechterklischees und Harte-Männer-Klischees reproduziert, die schon vor Jahrzehnten ihr Verfallsdatum deutlich überschritten hatten.

Hard Kill“ ist kein Jota besser. Dieses Mal geht es um eine KI-Software, die in die Hände eines Terroristen fällt, der nur „Der Prediger“ heißt. Um das Programm zu starten, benötigt er ein Passwort, das nur Firmeninhaber Donovan Chalmers (Bruce Willis) kennt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, außer dass gerade eine Fabrikruine als Drehort zur Verfügung stand, begibt sich Chalmers mit einem seiner Angestellten und einer vierköpfigen Eliteeinheit ehemaliger Soldaten, die schon einmal gegen den Prediger kämpften, in das leer stehende Gebäude. Dort wartet der Bösewicht schon auf sie.

Ab diesem Moment wird fröhlich herumgeballert, gesichtslose Bösewichter sterben und die Schauspieler gehen mit ernster Miene durch die Gänge der verlassenen Fabrik.

Dieses Set-up erinnert natürlich an viele andere Filme, die alle besser sind und hier nicht genannt werden, weil so der Eindruck entstehen könnte, der ambitionslos heruntergekurbelte Schund „Hard Kill“ könnte auf irgendeiner Ebene sinnvoll mit ihnen verglichen werden.

Hard Kill“ und „Cosmic Sin“ sind jenseits aller Rettungsversuche. Sie sind einfach nur schlecht. Es gibt wirklich keinen Grund, sie sich anzusehen.

Nach diesen drei Stunden mit Bruce Willis, der in beiden Filmen zusammen nur wenige Minuten im Bild ist, bleibt immerhin die Erkenntnis, dass er seine Karriere als Schauspieler an den Nagel gehängt hat. Da wird nichts sehenswertes mehr kommen.

Cosmic Sin – Invasion im All (Cosmic Sin, USA 2021)

Regie: Edward Drake

Drehbuch: Edward Drake, Corey Large

mit Frank Grillo, Bruce Willis, Brandon Thomas Lee, Corey Large, CJ Perry, Perry Reeves, Lochlyn Munro, Costas Mandylor

DVD

Dolphin Medien GmbH

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Behind-the-Scenes-Bildergalerie, Wendecover

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Cosmic Sin“

Metacritic über „Cosmic Sin“

Rotten Tomatoes über „Cosmic Sin“

Wikipedia über „Cosmic Sin“ (deutsch, englisch)

Cosmic Sin“ ist auch digital und auf Blu-ray verfügbar.

Hard Kill (Hard Kill, USA 2020)

Regie: Matt Eskandari

Drehbuch: Joe Russo, Chris LaMont (nach einer Geschichte von Clayton Haugen und Nikolai From)

mit Bruce Willis, Jesse Metcalfe, Lala Kent, Texas Battle

DVD

EuroVideo

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Making-of

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hard Kill“ ist digital ab dem 13. Mai, als DVD und Blu-ray ab dem 20. Mai verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Hard Kill“

Metacritic über „Hard Kill“

Rotten Tomatoes über „Hard Kill“

Wikipedia über „Hard Kill“ 


Neu im Kino (nicht), sondern aktuell nur als VoD: Tapfere Journalisten: „The Dissident“ und „Silence Radio“

April 20, 2021

Optimismus ist fast eine moralische Verpflichtung – die Alternative ist aufzugeben.“

Carmen Aristegui

Mit nur einem Tag Abstand starten bei uns die beiden sehenswerten Dokumentarfilme „The Dissident“ und „Silence Radio“. Der titelgebende Dissident ist „Washington Post“-Journalist Jamal Khashoggi. Sein Tod sorgte für weltweites Aufsehen. Carmen Aristegui, die Protagonistin in „Silence Radio“, ist vor allem in ihrem Heimatland Mexiko und in Lateinamerika bekannt. Dort wurde sie mit ihrer bei dem Sender MVS ausgestrahlten Sendung zu einer nationalen Berühmtheit. Immer wieder deckte sie, zusammen mit ihrem Team, Skandale auf, in die wichtige mexikanische Politiker verwickelt waren. Für ihre Zuhörer informierte sie über aktuelle Ereignisse und sortierte sie ein. Ihre Sendung war das erfolgreichste Programm des Senders. Trotzdem erhielt sie, nach einem Besitzerwechsel und ohne Angabe von Gründen, im März 2015 eine Kündigung. Anschließend baute sie eine eigene Radiostation auf und informiert von dort, zusammen mit anderen Journalisten, über Missstände.

Aristeguis Entlassung war für die in der Schweiz lebende Mexikanerin Juliana Fanjul die Initialzündung für „Silence Radio“: „Seit meiner Teenagerzeit hörte ich Carmen Aristegui im Radio. Sie war meine Hauptnachrichtenquelle und half mir, meine Augen für die soziale und politische Realität meines Landes zu öffnen. (…) Als ihre Stimme (…) mittels Zensur zum Schweigen gebracht wurde, überkam mich (und ihre Millionen von Zuhörern*innen) ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich war empört. Ich fragte mich, wenn das Carmen geschehen konnte, einer der wichtigsten und renommiertesten Journalistinnen Mexikos, wie erging es den Hunderten weniger sichtbaren Journalisten? Nachdem ich von den schlimmsten Gräueltaten gehört hatte, die in diesem Jahr im Land stattgefunden hatten, war ich zutiefst sprachlos, und Carmens plötzliche Funkstille fühlte sich wie eine doppelte Amputation an. Unsicher, was als nächstes passieren würde, begann ich an ‚Silence Radio‘ zu arbeiten, um auf irgendeine Weise meine Stimme zurückzuholen. Ich beschloss, meine Wut, meine Frustration und mein Gefühl der Hilflosigkeit durch die Herstellung eines Dokumentarfilms zu kanalisieren, der Carmens Stimme in gewisser Weise wiederherstellen könnte.“

Fanjul begleitete die mit ihrem Team investigativ arbeitende Journalistin über mehrere Jahre bei ihrer alltäglichen Arbeit und internationalen Auftritten. Es entsteht ein von großer Nähe geprägtes Porträt einer tapferen Frau, die unermüdlich kämpft. Und es gelingt Fanjul, uns ein Bild von den Zuständen in der Politik in Mexiko zu vermitteln.

Der 1958 in Medina, Saudi-Arabien, geborene Jamal Khashoggi sah sich die meiste Zeit seines Berufsleben nicht als Oppositioneller oder als Dissident. Er arbeitete sehr lange in großer Nähe zum saudi-arabischen Regime. Wenn er für westliche Medien arbeitete, sah er sich vor allem als Vermittler und Erklärer der islamischen Welt und des Nahen Ostens für den Westen. Als Kronprinz Mohammed bin Salman an die Macht kam, begrüßte Khashoggi zunächst die vom Kronprinzen initiierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Gleichzeitig kritisierte er den Mangel an Partizipation und Pressefreiheit, der auch seine Arbeit zunehmend erschwerte und ihn, auch wenn er die Bezeichnung für sich ablehnte, zum Dissidenten werden ließ. Im Juni 2017, nach der Niederschlagung einer Menschenrechtsbewegung und einer Welle von Verhaftungen flüchtete Khashoggi aus seiner Heimat Saudi-Arabien in die USA, wurde Kolmnist der „Washington Post“ und immer mehr ein Kritiker der saudi-arabischen Regierung.

In seinem Film „The Dissident“ zeichnet Bryan Fogel, der für seinen Dokumentarfilm „Ikarus“ einen Oscar erhielt, Khashoggis Leben nach und rekonstruiert seinen Tod. Er wurde am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul bestialisch ermordet. Khashoggi war dort, weil er für seine Heirat mit Hatice Cengiz eine Scheidungsurkunde benötigte. Die kaltblütige und geplante Ermordung eines Journalisten in einem fremden Land sorgte für weltweites Aufsehen,

Fogel begann mit seinem Film wenige Tage nach Khashoggis Verschwinden. In dem Moment war sein Tod von Saudi-Arabien noch nicht bestätigt worden. Er begleitet Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit für den Mann, den sie heiraten wollte. Fogel sprach auch mit Ermittlern, die ihm einen exclusiven Zugang zu ihren Ermittlungen gewährten, und dem in Kanada im Exil lebenden Studenten Omar Abdulaziz, der während des Studiums seine Regierung kritisierte und sich jetzt in für die Meinungsfreiheit in Saudi-Arabien engagiert. Vor seinem Tod arbeitete Khashoggi mit ihm in mehreren Projekten zusammen. In „The Dissident“ wird ausführlich geschildert, wie sie gegen eine staatliche Gruppe von Social-Media-Nutzern, den „Bienen“, vorgingen, die die öffentliche Meinung mit Desinformationen manipulieren.

Die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen – Khashoggis Leben, die Ermittlungen zu seinem Tod, der Kampf seiner Verlobten um Gerechtigkeit und Abdulaziz‘ Kampf aus dem Untergrund gegen das saudi-arabischer Herrscherregime – wird nachvollziehbar hergestellt.

Beide Filme beeindrucken durch ihre Nähe zu den porträtierten Journalisten und ihrem nächsten Umfeld. Sie stehen parteiisch auf ihrer Seite und damit auf der Seite der Pressefreiheit. Und weil Carmen Aristegui immer noch als investigative Journalistin arbeitet und weil Fogel den Mord an Jamal Khashoggi akribisch rekonstruiert, funktionieren beide auch nach den Regeln des Spannungskinos, in denen tapfere Journalisten gegen korrupte, machtgierige, skrupellose Regierungen kämpfen. „Silence Radio“ in der Arthouse-Variante, „The Dissident“ in der Blockbuster-Variante. Dabei zeigen Juliana Fanjul und Bryan Fogel, wie wichtig solche Journalisten für eine informierte Öffentlichkeit und eine freie Gesellschaft sind.

In „Silence Radio“ wird Aristegui mehrmals von Passanten und Veranstaltungsbesuchern auf ihre Arbeit angesprochen und ihr gesagt, dass sie für sie eine Stimme der Wahrheit und Hoffnung sei.

Silence Radio (Radio Silence, Schweiz/Mexiko 2019)

Regie: Juliana Fanjul

Drehbuch: Juliana Fanjul

mit Carmen Aristegui

Sprachfassung: Spanisch mit deutschen Untertiteln

Länge: 78 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Alle aktuellen Bezugsmöglichkeiten findet ihr hier.

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence Radio“

Wikipedia über Carmen Aristegui (deutsch, englisch)

The Dissident (The Dissident, USA 200)

Regie: Bryan Fogel

Drehbuch: Bryan Fogel, Mark Monroe

mit Jamal Khashoggi (Archivaufnahmen), Hatice Cengiz, Omar Abdulaziz, John O. Brennan, Anthony J. Ferrante, Abdulhamit Gul, David Ignatius, Agnès Callamard, Irfan Fidan, Shane Harris, David Kaye, Recep Killic, Fred Ryan

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Alle aktuellen Bezugsmöglichkeiten findet ihr hier.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Dissident“

Metacritic über „The Dissident“

Rotten Tomatoes über „The Dissident“

Wikipedia über „The Dissident“ und Jamal Khashoggi (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: „Jesus rolls – Niemand verarscht Jesus“, aber der Dude ist ganz weit weg

April 5, 2021

Jesus Quintana kennen wir als den durchgeknallten Bowler aus „The Big Lebowski“. Jetzt hat er, ungefähr zwanzig Jahre nach seinem ersten und bislang einzigem Auftritt, seinen eigenen Film bekommen. John Turturro, der die Rolle schon seit Ewigkeiten wieder spielen wollte und ungefähr so lange diesen Film (nicht unbedingt mit dieser Story) plante, spielt ihn wieder. Er schrieb auch das Drehbuch und übernahm die Regie.

Diese Dreierbelastung kann jetzt die Vorlage für einen äußerst gelungenen Film – siehe fast das gesamte Werk von Woody Allen – oder ein Desaster sein. In diesem Fall ist es letzteres. Das mag auch daran liegen, dass Jesus ein echter Großkotz ist und er hier ein Umfeld bekommt, um noch großkotziger zu werden. Denn wer soll ihn kontrollieren? Der Regisseur, der ein Drehbuch möglichst wortgetreu verfilmen will? Wohl kaum.

Die Komödie beginnt mit der Entlassung von Jesus Quintana aus dem Gefängnis. Der Direktor (Christopher Walken) gibt ihm einige gute Ratschläge mit auf seinen künftigen Weg.

Vor dem Gefängnis wird er von von seinem Kumpel Petey (Bobby Cannavale) erwartet und sie beginnen ungefähr da, wo sie vor Jesus‘ Knastaufenthalt aufhörten. Sie klauen jedes Auto, das sie sehen, baggern jede Frau an, die sie treffen und zeigen durchgehend einen erschreckenden Mangel an Respekt vor Recht und Gesetz und den Regeln des guten Antstands.

Das alles erzählt Turtorro als eine episodischen Reigen mit vielen kurzen Auftritten bekannter Schauspieler. Dabei sind Audrey Tautou, die zu ihrer Begleiterin wird und damit die dritte Hauptrolle hat, Jon Hamm, Susan Sarandon, Pete Davidson, Sonia Braga, J. B. Smoove, Tim Blake Nelson und Gloria Reuben.

Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass sie beim Dreh viel Spaß hatten. Der überträgt sich allerdings nicht auf den heimischen Bildschirm. Keine Pointe zündet. Keine Entwicklung ist sichtbar, während sich eine austauschbare Episode an die nächste reiht.

Dabei sind die Dialoge recht freizügig und die Schauspieler noch freizügiger. Für einen US-Film ist eine erstaunliche Menge nackter Haut zu sehen. Das und die offenherzige Libertinage des Trios Turturro/Cannavale/Tautou erinnert an europäische Filme. Vor allem aus den siebziger Jahren, als in Betten und der freien Natur im Zuge der sexuellen Befreiung (und Provokation des konservativen Bürgertums) viel nackte Haut gezeigt wurde.

Und wirklich: die Vorlage für „Jesus rolls“ ist Bertrand Bliers Hit „Die Ausgebufften“ (Les Valseuses, Frankreich 1974) mit Gérard Depardieu, Patrick Dewaere und Miou-Miou als freizügiges Trio. Ein Klassiker des französischen Kinos und ein Film, der mir vor Jahren gut gefallen hat.

Den sollte ich mir jetzt mal wieder ansehen.

Von „Jesus rolls“ kann das nicht gesagt werden. Nach knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) bleibt die Erkenntnis, dass Jesus weiterhin besser eine Comicfigur auf der Bowlingbahn in „The Big Lebowski“ geblieben wäre. Mehr wollten wir eigentlich nie über ihn wissen. Die Coen-Brüder wussten das. Ihre Mitwirkung an „Jesus rolls“ beschränkte sich darauf, Turturro die Benutzung der von ihnen erfundenen Figur zu erlauben.

Jesus rolls – Niemand verarscht Jesus (The Jesus Rolls, USA 2019)

Regie: John Turturro

Drehbuch: John Turturro (nach dem Film „Les Valseuses“ von Bertrand Blier)

mit John Turturro, Bobby Cannavale, Audrey Tautou, Pete Davidson, Jon Hamm, Susan Sarandon, Sonia Braga, Christopher Walken, J. B. Smoove, Tim Blake Nelson, Gloria Reuben, Michael Badalucco, Nicolas Reyes, Tonino Baliardo

DVD (erscheint am 8. April)

EuroVideo

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Blu-ray identisch. Digital ab 25. März verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Jesus rolls“

Metacritic über „Jesus rolls“

Rotten Tomatoes über „Jesus rolls“

Wikipedia über „Jesus rolls

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013)


DVD-Kritik: Ich sah „Über die Unendlichkeit“

April 2, 2021

Soll das der Sinn des Lebens sein? Eine Abfolge trivialer Momente, in denen eine Verkäuferin auf dem Bürgersteig eine Blume bestäubt oder ein weinender Mann in einem voll besetzten Bus sitzt? Oder ein Pfarrer seinen Glauben verloren hat? Oder einige Mädchen auf der Straße vor einem ländlichen Café zu einem banalen Lied tanzen? Oder ein auf einer Bank sitzendes Paar, das auf die Stadt blickt? Oder eine Oma, die Bilder von einem Baby macht, das von seinem Vater in die Luft gehalten wird? Oder ein eskalierender Ehestreit in einer Markthalle an einem Fischstand? Oder ein Mann, der seiner Tochter im strömenden Regen die Schuhe bindet?

In seinem neuesten Film „Über die Unendlichkeit“ reiht Roy Andersson solche und ähnliche, zwischen Absurdität und Trivialität changierende Szenen aneinander. Die Kamera ist statisch. Der Bildausschnitt ist genau gewählt. Im Bild bewegt sich meistens nichts. Sie wirken damit eher wie vertonte Fotografien, die mit ihren ausgebleichten Farben und dem kargen Mobiliar an die Filme von Aki Kaurismäki erinnert. Auch der lakonische Tonfall erinnert an die Werke des finnischen Regisseurs.

Nur dass Andersson in seinem neuesten Film vollkommen auf eine Geschichte verzichtet. Er verzichtet sogar, bis auf ein, zwei Ausnahmen darauf, dass bestimmte Figuren mehrmals auftauchen. Das war in seinem vorherigen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ anders. In „Über die Unendlichkeit“ gibt es nur eine Abfolge von minimalistischen Szenen, die wie zufällige Alltagsbeobachtungen wirken. Aber es sind hochgradig künstliche Verdichtungen dieser Alltagsbeobachtungen. Ablenkende Gesten, Geräusche, Gegenstände, Worte und, bei den Schauspielern, Emotionen wurden entfernt. Es ist nur noch der Kern vorhanden. Der ist dann mal düster, mal heiter, mal witzig, mal absurd und zutiefst menschlich. Die kurzen Vignetten ergeben ein deprimierend-witziges Panoptikum der Menschlichkeit zwischen Krieg und Frieden. Auf eine eindeutige Botschaft verzichtet Andersson dabei.

So entfalten die bewegunslosen Bilder und die meist ruhig und bedächtig gesprochenen Sätze schnell eine fast schon meditative Wirkung.

Der 1943 im schwedischen Gothenburg geborene Andersson drehte 1970 und 1975 die den mit vier Preisen auf der Berlinale ausgezeichnten Spielfilm „Eine schwedische Liebesgeschichte“ und den verrissenen „Giliap“. Danach arbeitete er sehr erfolgreich als Werbefilmer. Ingmar Bergman hielt ihn den „besten Werbefilm-Regisseur der Welt“. 1981 gründete Andersson in Stockholm das Studio 24, das ihm künstlerische Freiheit und Kontrolle gewährte. Zur Jahrtausendwende wandte er sich wieder dem Spielfilm zu. Die Kritiken für „Songs from the Second Floor“, „Das jüngste Gewitter“, „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ und jetzt „Über die Unendlichkeit“ waren euphorisch. „Über die Unendlichkeit“ hatte seine Premiere 2019 in Venedig. Dort erhielt er den Preis für die beste Regie.

Die DVD (und Blu-ray) enthält ein interessantes Interview mit Roy Andersson und ein „Behind the Scenes“-Featurette, das in diesem Fall sehr sehenswert ist. Es zeigt nämlich, dass die Szenen des Films nicht vor Ort, sondern ausschließlich im Studio gedreht wurden und sehr genau Bildausschnitte, Hintergründe und Schauspieler ausgewählt wurden. Sie zeigen den Künstler Andersson bei der Arbeit.

P. S.: In der aktuellen Ausgabe des „Lexikons des internationalen Films“ (Besprechung folgt) steht „Über die Unendlichkeit“ in der Liste der zwanzig besten Kinofilme des Jahres 2020.

Über die Unendlichkeit (Om det oändliga, Schweden/Deutschland/Norwegen/Frankreich 2019)

Regie: Roy Andersson

Drehbuch: Roy Andersson

mit Bengt Bergius, Anja Broms, Tatiana Delaunay, Jan-Eje Ferling, Thore Flygel, Lotta Forsberg, Martin Serner

DVD

good!movies/Neue Visionen Medien

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit Roy Andersson, Behind the Scenes, Audiodeskription, Untertitel für Hörgeschädigte

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Auch als Blu-ray und VoD erhältlich.

Hinweise

Filmportal über „Über die Unendlichkeit“

Moviepilot über „Über die Unendlichkeit“

Metacritic über „Über die Unendlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Über die Unendlichkeit“

Wikipedia über „Über die Unendlichkeit“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: „Oeconomia“ oder Woher kommt das Geld?

März 30, 2021

Manche jammern, sie seien knietief im Dispo. Andere fragen sich, warum am Ende des Geldes noch soviel Monat übrig sei und Carmen Losmann („Work Hard – Play Hard“) fragt sich, woher das Geld kommt. Denn die Zeiten, in denen das Papiergeld durch Gold gedeckt ist, sind lange vorbei. In Diskussionen wird nicht mehr darauf hingewiesen, dass der Staat jederzeit in unbegrenzter Menge Geld drucken könne. Trotzdem steigt auf dem Papier die Geldmenge.

Auf der Suche nach einer Antwort, fragte Losmann die Menschen, die es eigentlich wissen müssten: Volkswirte, Vermögensverwalter, Finanzvorstände und Banker. Dabei hat ihre naive „Wo kommt das Geld her?“-Frage enthüllendes Potential. Sie klingt wie eine Frage aus der „Die Sendung mit der Maus“, die dort, selbstverständlich didaktisch fein aufbereitet, schlüssig beantwortet wird. Die vonLosmann befragten Männer sind allerdings keine Didaktiker, sondern studierte Betriebs- und Volkswirte, die wahrscheinlich zum ersten Mal nach den Grundlagen ihres Fachs gefragt werden und sich mit den naiven Nachfragen beschäftigen müssen. Dabei wird zuerst die Kluft zwischen Betriebs- und Volkswirten offensichtlich. Die Betriebswirte, die sich nur um die Geldflüsse in einem Unternehmen kümmern, verstehen die Frage offensichtlich nicht. Für sie ist Geld einfach da. Mit ihm werden die Produkte, die sie herstellen, bezahlt. Wenn ihre Bilanzsumme steigt, bieten sie offensichtlich ein Produkt an, das viele Menschen kaufen wollen. Auch wenn es ein Kauf auf Kredit ist.

Die Volkswirte können die Frage besser beantworten. Sie können die Geldschöpfung erklären. In ihrer einfachsten Form geht es so, dass eine Bank mir für mein Versprechen, ihr später mehr Geld (oder etwas vergleichbares) zu geben, einen Kredit gibt. Den schreibt sie in ihre Bücher und sie erzeugt damit Geld. „Die Bank braucht kein Geld, um einen Kredit zu vergeben. Sie produziert Geld dadurch, dass sie einen Kredit vergibt“, sagt der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer.

Die Experten können allerdings nicht erklären, warum diese Methode sinnvoll ist und welche Folgen sie hat. Sie können zwar manchmal erklären, welche ökonomischen Folgen das hat. Für die sozialen und politischen Folgen sind sie, wie der Dokumentarfilm „Oeconomia“, weitgehend blind.

Abgesehen von dem Spaß-Faktor, der zeigt, wie überheblich einige dieser Fachleute sind und wie leicht sie durch eine kindliche Frage aus dem Konzept gebracht werden können, ist das Erklären der Grundlagen unseres Wirtschaftssystems ausführlicher als nötig.

Hier hätten einige Wissenschaftler und Fachjournalisten analytisch mehr gebracht.

Ergänzt wird ihre Tour durch die Welt der Banken durch eine sechköpfige Gruppe, die in einer Fußgängerzone Monopoly mit geänderten Regeln spielt und über die Folgen der geänderten Regeln, die zeigen sollen, wie die Wirtschaft funktioniert, diskutieren. Dabei kommen sie zur Erkenntnis, dass das aktuelle System ein konstantes Wachstum und eine damit verbundene Verschuldung braucht. Das funktioniert allerdings nur solange, wie alle mitmachen.

Am Ende des Films sagt eine Spielerin (und eine der beiden Frauen des Films), es müsse über Alternativen nachgedacht werden. Das ist dann die Aufgabe eines anderen Films. In „Oeconomia“ geht es nur um die Analyse des Systems.

Oeconomia (Deutschland 2020)

Regie: Carmen Losmann

Drehbuch: Carmen Losmann

mit Samirah Kenawi, Jean-Marc Decressonnière, Thomas Mayer, Peter Praet, Armin Schlenk, Joachim Fels, Mathias Rusterholz, Nicolas Peter, Michael Heise, Andrew Bosomworth, Dag Schulze, Marc Sierszen, Lino Zeddies, Stefan Krause, Elsa Egerer

DVD

good!Movies

Bild: 1,85:1 in 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch/Englisch

Bonusmaterial: Audiodeskription, Untertitel für Hörgeschädigte, Trailer

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Auch als VoD erhältlich.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Oeconomia“

Moviepilot über „Oeconomia“

 


DVD-Kritik: „Dracula“, neu erzählt von den „Sherlock“-Machern

März 30, 2021

1897 besucht der junge Anwalt Jonathan Harker Transsylvanien. Dort soll er Graf Dracula treffen und den Kauf eines Anwesens in England abzuschließen. In dem Schloss geschehen seltsame Dinge und der sich rapide verjüngende und immer besser aussehende Gastgeber verhält sich noch seltsamer. Schließlich ist er ein Vampir, weshalb er süchtig nach Blut ist, das Tageslicht scheut und sich immer wieder in eine Fledermaus verwandelt.

Die anschließende Schiffspassage nach England, mit dem Grafen und viel heimischer Erde, verläuft ohne große Probleme. Auch wenn dieses Mal das Schiff ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist und Graf Dracula sich durch seine Mitreisenden saugt.

In England kommt er hundertzwanzig Jahre später an und trifft dort auf seinen alten Gegner Van Helsing.

So weit, so bekannt.

Schließlich kennen wir die Geschichte von Graf Dracula aus Bram Stokers Roman und den zahlreichen Verfilmungen. Jedenfalls gehen die Macher der BBC-Miniserie „Dracula“ davon aus.

Die Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat, von denen auch „Sherlock“ stammt, erzählen die bekannte Geschichte neu, zitieren bekannte Versionen, variieren bekannte Situationen, erfinden einige neue Situationen, verlegen die ursprünglich im 19. Jahrhundert spielende Geschichte teilweise ins 21. Jahrhundert und garnieren sie mit brillanten Dialogen und Einzeilern.

Aus dem Vampirjäger Van Helsing machen sie eine Frau. In den ersten beiden spielfilmlangen Episoden der Miniserie ist sie eine wunderschön schnippische, taffe und kluge Nonne. In der dritten Episode ist sie nicht mehr Schwester Agatha Van Helsing, sondern Dr. Zoe Van Helsing, Wissenschaftlerin der Jonathan-Harker-Stiftung. Gespielt wird sie von Dolly Wells. Claes Bang spielt Dracula als verführerisches Monster mit spürbarer Lust am distinguiert triebgesteuertem, hyperpotentem Blutrausch und guten Gesprächen. Gerne mit Van Helsing.

Gatiss und Moffat erzählen die Geschichte in drei weitgehend in sich abgeschlossenne spielfilmlangen Episoden, die von verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden. Jonny Campbell, Damon Thomas und Paul McGuigan übernahmen die Regie.

Die erste Episode spielt in einem Nonnenkloster, in dem Harker Van Helsing von seinen Erlebnissen in Draculas Schloss erzählt. Die zweite Episode schildert vor allem die Schiffspassage von Graf Dracula nach England und wie er sich durch die Besatzungsmitglieder und Mitreisenden ißt. Die dritte Episode spielt dann im London der Gegenwart.

Das ist durchgehend unterhaltsam, düster, sexuell aufgeladen, aber, und das muss der Ehrlichkeit halber auch gesagt werden, nicht so catchy wie „Sherlock“. Passagenweise gerät die Geschichte, wenn einige Situationen und Gespräche über Gebühr gedehnt werden, sogar etwas länglich. Das liegt an der Entscheidung, die Geschichte an wenigen Orten spielen zu lassen (letztendlich spielen die ersten beiden Episoden an drei Orten: Draculas alptraumhaft-verwinkeltem Schloss, dem Nonnenkloster und dem Schiff) und der Struktur mit den drei neunzigminütigen, in sich abgeschlosenen Filmen, die dann doch eine Geschichte erzählen.

Das Bonusmaterial besteht aus einem Audiokommentar und sechs kurzen, rein werblichen Featurettes, die man in 25 Minuten durchgesehen hat.

Dracula (Dracula, Großbritannien 2020)

Regie: Jonny Campbell, Damon Thomas, Paul McGuigan

Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat

LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula)

mit Claes Bang, Dolly Wells, John Heffernan, Morfydd Clark, Joanna Scanlan, Lujza Richter, Jonathan Aris, Sacha Dhawan, Mark Gatiss

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (^,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: 6 Behind-the-Scenes-Featurettes, Audiokommentar mit Cast & Crew zu Episode 3

Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)

FSK:ab 16 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

BBC über „Dracula“

Rotten Tomatoes über „Dracula“

Wikipedia über „Dracula“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Viktor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“ (Victor Frankenstein, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Film Stars don’t die in Liverpool“ (Film Stars don’t die in Liverpool, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Dario Argentos „Dario Argentos Dracula“ (Dracula 3D, Italien 2012)

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993)


DVD-Kritik: „The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft“ in Südafrika nach dem Ende der Apartheid

März 25, 2021

Mit dem Ende der Apartheid stand Südafrika vor der Frage, wie das Land vor einem Bürgerkrieg bewahrt werden kann und wie mit der Schuld der weißen Unterdrücker umgegangen werden kann. Die Beispiele aus Deutschland, nämlich der Umgang mit der Nazi-Diktatur (totschweigen, integrieren) und der DDR-Diktatur (anklagen, einsperren), hatten ihre eigenen Probleme. Südafrika wählte einen anderen Weg: Nelson Mandela richtete Wahrheitskommissionen ein, in denen öffentlich die Verfehlungen des vorherigen Regimes und der daran beteiligten Menschen aufgearbeitet wurden. Die Täter, die alle ihre Taten gestanden, wurden nicht verurteilt.

Dieses Verfahren (selbstverständlich neben einigen anderen Maßnahmen) bewahrte das Land vor einem Bürgerkrieg. Es war aber auch mit großen Belastungen verbunden. Vor allem für die Opfer und deren Angehörigen, die den Tätern verzeihen mussten. Dafür erfuhren sie, wer ihren Mann oder ihre Kinder folterte und ermordete. Und, falls er spurlos verschwunden war, wo seine Leiche lag. Außerdem mussten die Hinterbliebenen auf ein Gerichtsverfahren und eine Bestrafung verzichten.

Geleitet wurde die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission, die von 1996 bis 1998 arbeitete, von Erzbischof Desmond Tutu. In dem Drama „The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft“ wird der Friedensnobelpreisträger von Forest Whitaker als ein verständnisvoller, verschmitzter Mann mit großem Herz gespielt. Inszeniert wurde der Film von Roland Joffé („The Killing Fields“, „Mission“). Er basiert auf dem Theaterstück „Der Erzbischof und der Antichrist“ von Michael Ashton, das Joffé zusammen mit Ashton zu einem Drehbuch verarbeitete.

Tutu erhält einen Brief von dem inhaftierten Mörder Piet Blomfeld (Eric Bana, hübsch herrenmenschlich unsympathisch diabolisch). Blomfeld möchte sich mit Tutu treffen. Tutu stimmt dem Treffen im Gefängnis zu. Schnell entspinnt sich zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren ein Kampf um die Meinungshoheit am Gefängnistisch.

Diese Gespräch zwischen Tutu und Blomfeld ist eine Thesenschlacht, die nie ihre Herkunft vom Theater verleugnen kann. Das liegt nicht an der Kamera oder mangelnden Außenaufnahmen. Die Kamera ist gut. Außenaufnahmen und Szenen, die nicht im Gefängnis spielen, gibt es reichlich. Es liegt an den Dialogen, die reinstes Thesentheater sind. Es stehen sich zwei gegensätzliche Ansichten zum menschlichen Wesen und der Gesellschaft gegenüber. Der Kampf über die richtige Ansicht wird, wie in einem Universitätsseminar, mit Worten ausgetragen. Argumente, scharfsinnige Beobachtungen und eher plumpe Provokationen von Blomfeld beleuchten verschiedene Aspekte von Schuld, Sühne und Vergebung.

Der Film selbst ist letztendlich Versöhnungskitsch, der viel Verständnis für die weißen Rassisten hat, die als Polizisten während der Apartheid ihre Macht ausnutzten, um zu foltern und zu morden und die nach dem Ende der Apartheid im Gerichtssaal in Tränen ausbrechen, weil sie Angst vor einer Bestrafung haben. Diese Angst hat Blomfeld nicht. Aber ihm wird eine nicht minder ärgerliche Vergangenheit angedichtet.

Und die Schwarzen dürfen gnädig ihren Peinigern die Absolution erteilen. Was das für sie bedeutet, interessiert Joffé leider nicht.

Am Ende ist „The Forgiven“ ein gut gespieltes und wichtige Fragen aufwerfendes, aber letztendlich arg naives Drama.

The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft (The Forgiven, Großbritannien 2017)

Regie: Roland Joffé

Drehbuch: Roland Joffé, Michael Ashton

LV: Michael Ashton: The Archbishop and the Antichrist, 2011 (Der Erzbischof und der Antichrist)

mit Forest Whitaker, Eric Bana, Jeff Gum

DVD

Eurovideo

Bild: 1.85:1

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untiertitel:

Bonusmaterial: Deutscher Trailer

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch. Außerdem digital bei den üblichen Dealern verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „The Forgiven“

Metacritic über „The Forgiven“

Rotten Tomatoes über „The Forgiven“

Wikipedia über „The Forgiven“ 


DVD-Kritik: Über das Antifa-Drama „Und morgen die ganze Welt“

März 16, 2021

In Mannheim an der Uni studiert Luisa im ersten Semester Jura. In ihrer Freizeit hält sich die Tochter aus einem bürgerlichem Haus in einem alternativen Wohnprojekt auf, bewirbt sich dort auch um einem Schlafplatz und sie kämpft gegen Nazis. Das hat sie schon in der Schule gemacht mit Batte, ihrer besten Freundin, die jetzt im Projekt ihre Fürsprecherin ist. Gleich bei der ersten Aktion des Hauses, bei der Luisa dabei ist, einem farbigen Protest gegen eine Wahlkampfveranstaltung einer rechten Partei, kann sie das Handy eines Nazis einstecken. Mit dieser Aktion und weil auf dem Handy wichtige Informationen sind, verdient sie sich den Respekt von Alfa, einem charismatischem Jungen mit Outlaw-Attitüde, und Lenor, seinem sich lieber planend im Hintergrund aufhaltendem Kumpel. Durch das Handy erfahren sie, wo eine alte Größe der Nazi-Szene, die sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber im Hintergrund immer noch aktiv ist, wohnt.

Das Polit-Drama „Und morgen die ganze Welt“, der neue Film von Julia von Heinz („Hanas Reise“, „Ich bin dann mal weg“), hatte bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Weltpremiere und lief Ende Oktober wenige Tage in den Kinos, bevor sie pandemiebedingt in den immer noch andauernden Winterschlaf geschickt wurden. Er war die erfolglose deutsche Einreichung für die diesjährigen Oscars und erschien jetzt auf DVD und Blu-ray.

Julia von Heinz inszenierte den Film nach einem von ihr und ihrem Mann John Quester geschriebenem Drehbuch. Für sie ist der Film ein langgehegtes persönliches Projekt. Von Heinz und Quester lernten sich in ihren Zwanzigern kennen, als sie sich in politisch linken Kreisen und der Antifa engagierten. Die ersten Ideen für den Film entstanden. In den vergangenen zwanzig Jahren veränderte sich das Projekt immer wieder. Einmal sollte die Geschichte in den Neunzigern spielen. Später sollte es ein Dokumentarfilm mit Antifa-Veteranen, die auf ihre aktive Zeit zurückblicken, werden. Der Kern der Geschichte habe sich dabei nicht verändert. Es gehe, so von Heinz, damals und heute um „eine junge Frau, die in die linke Szene eintaucht und dort vor die Frage gestellt wird, ob Gewalt ein politisches Mittel sein kann oder sogar muss in bestimmten zugespitzten gesellschaftlichen Zuständen“.

Gerahmt wird die Filmgeschichte durch den prominent platzierten Hinweis am Filmanfang und -ende auf den Widerstandsparagraphen des Grundgesetzes. Im Film, in einem Jura-Seminar, wird er ebenfalls angesprochen. Der Paragraph gibt allen Deutschen das Recht zum Widerstand gegen Bestrebungen, die freiheitlich-demokratische Ordnung der Bundesrepublik abzuschaffen. Dieses Recht kann angewandt werden, wenn es keine andere Möglichkeit zum Schutz unseres Staates mehr gibt und es richtet sich selbstverständlich primär gegen eine Regierung, die die Verfassung abschaffen will.

Luisa und ihre Freunde kämpfen im Film allerdings nicht gegen den Staat, sondern gegen Nazis, die die parlamentarische Demokratie abschaffen wollen. Dabei verstoßen sie zunehmend gegen Gesetze. Zuerst sind es Ordnungswidrigkeiten, dann Schlägereien, Einbrüche und Diebstähle. Und Luisa radikalisiert sich. Allerdings, und das ist die große Schwäche, des Films bleibt der Grund für ihre Radikalisierung rätselhaft. Sie macht im Lauf des Films keine Wandlung durch, die eine Abkehr vom friedlichen zum gewaltbereiten Protest erklären könnte. Sie steht vor keinem Konflikt, der sie zu einer Entscheidung zwingt. Sie muss auch nicht gegen Widerstände kämpfen. Sie könnte das Eintauchen in die Antifa-Szene jederzeit als Lifestyle-Experiment abtun. Sie bleibt ein selbstgerechtes Enigma und eine Leerstelle in dem Film.

Die anderen Figuren des Films – Alfa, Lenor, ihre beste Freundin Batte und der Ex-Terrorist Dietmar – haben dagegen alle einen erzählerischen Bogen. Sie haben erkennbare Gewissenskonflikte und müssen sich entscheiden. Sie machen eine Wandlung durch. Sie entwickeln sich. Ein bisschen.

Die Filmgeschichte selbst geht nicht weiter auf die links- und rechtsextreme Ideologie ein, sondern setzt sie, in der Tradition der unsinnigen Hufeisentheorie, gleich. Beide Gruppen stehen sich als Gegner gebenüber. Warum und für welche Ziele sie kämpfen ist egal. Gewalt wenden beide Gruppen an.

Die Gewalt, die wir im Film sehen, geht immer von den Antifaschisten aus. Sogar als, am Filmanfang, ein Nazi Luisa verfolgt, überwältigt und brutal mit eindeutigen Handgriffen durchsucht, sind die Handlungen des Nazis eine Reaktion auf Luisas Diebstahl von seinem Telefon. Diese Szene, die man heranziehen könnte für Luisas Radikalisierung, wird später im Film nicht mehr erwähnt. Entsprechend unwichtig ist sie als Erklärung für ihre Radikalisierung. Sie ist allerdings wichtig für die Filmgeschichte. Sie markiert den Beginn ihrer Freundschaft zu Alfa, der sie vor dem Nazi rettet, indem er ihn mit einer Eisenstange zusammenschlägt, und Lenor.

Dadurch geschehen die Aktionen der Antifa in einem seltsam luftleeren Raum. Es gibt keine im Film erkennbare Ursache und Rechtfertigung; außer der Selbstermächtigung, auf der Seite der Guten zu stehen. Schließlich bedrohen die Faschisten den Staat und der Staat tut nichts gegen sie.

Diese Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus und dass nur die Linken gewalttätig sind, raubt dem Film viel von seiner Kraft. Sie sind auch erstaunlich. Denn im Pressematerial betonen alle, wie links sie sind, ihre Antifa-Vergangenheit und wie sehr sie vor dem Rechtsextremismus warnen wollen. Auf den ersten Blick, immerhin liegen unsere Sympathien sofort bei der Protagonistin und ihren Freunden, erzählt „Und morgen die ganze Welt“ das. Es ist an der Oberfläche ein kraftvolles und mitreisendes Drama, das auf der Seite der Antifa steht und für sie und ihr gerechtfertigtes Anliegen Partei ergreift.

Auf den zweiten Blick, wenn man sich die Filmgeschichte genauer ansieht, ist es dann anders. Aus dem Aufruf zum Kampf gegen Nazis wird ein Film, der eben diesen Kampf delegitimiert.

Unklar ist allerdings der Grund dafür. Ich befürchte fast, dass Julia von Heinz dies nicht auffiel, weil sie einen authentischen Blick in eine Gruppe wirft, die sie aus eigener Erfahrung kennt und mit der sie sympathisiert. Sie bleibt immer dicht bei ihren Figuren. Die unruhige Handkamera begleitet Luisa ständig. Alles wird wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie ist nur mit Gleichgesinnten zusammen. Sie sind sich in ihrer Weltsicht einig. Nur bei den Methoden, um ihre Ziele durchzusetzen, unterscheiden sie sich etwas. Auf die üblichen Erklärungen und platten Psychologisierungen wird verzichtet.

So ist „Und morgen die ganze Welt“ ein Film, der bei all seinen Mängeln und der störenden Kamera (für meinen Geschmack wird zu viel mit der Handkamera gearbeitet, die Kamera ist immer etwas zu nah an den Gesichtern und die Farben sind zu blass) zum Diskutieren einlädt. Vor allem natürlich über die Frage, welche Mittel gegen politische Gegner erlaubt sind. Demonstrationen und Flugblätter? Spaß-Aktionen, wie ins Gesicht geworfene Torten? Gewalt gegen Sachen? Einbrüche? Oder sogar ein hinterhältiger Mord?

Die DVD enthält als Bonusmaterial eine Hörfilmfassung und jeweils fünfminütige Interviews mit Julia von Heinz und Hauptdarstellerin Mala Emde.

Und morgen die ganze Welt (Deutschland 2020)

Regie: Julia von Heinz

Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester

mit Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa Céline-Gaffron, Andreas Lust

DVD

Alamode Film

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1) (Hörfilmfassung DD 2.0)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Interviews mit Julia von Heinz und Mala Emde, Trailer, Wendecover

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Und morgen die ganze Welt“

Moviepilot über „Und morgen die ganze Welt“

Rotten Tomatoes über „Und morgen die ganze Welt“

Wikipedia über „Und morgen die ganze Welt“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Hannas Reise“ (Deutschland/Israel 2013)


DVD-Kritik: „Rogue Hunter“ Megan Fox und die Löwin

März 6, 2021

Die geplante Geiselbefreiung irgendwo im afrikanischen Busch läuft anders ab, als Sam (Megan Fox) und ihre Söldner-Gruppe es geplant haben. Anstatt einer klinischen Operation, gibt es einen wilden Schusswechsel, Explosionen und viele Tote. Dabei können sie ihr Zielobjekt, die Tochter des Gouverneurs, und weitere junge, weibliche Geisel befreien. Auf ihrer Flucht vor den Terroristen gibt es, auf beiden Seiten, weitere Tote und Explosionen. Der Hubschrauber, der sie aus der Kampfzone fliegen sollte, wird von den Geiselnehmern, einer Gruppe Al-Shabaab-Terroristen, abgeschossen.

Am Ende der wilden Hatz bleibt Sams Team nur der Sprung von einer sechzig Meter hohen Klippe in einen reißenden Strom.

Von dort geht es weiter zu einer verlassenen Farm, auf der sie die Nacht verbringen müssen. Erst nach Sonnenaufgang können sie gerettet werden.

In den nächsten Stunden warten sie nicht nur auf die sie verfolgenden Terroristen, sondern sie müssen auch gegen eine äußerst mordgierige Löwin kämpfen; – wenn sie sich nicht gerade ausführlich unterhalten und alles tun, um sich nicht auf die Konfrontation mit ihren Verfolgern vorzubereiten.

Ursprünglich plante M. J. Bassett „Rogue Hunter“ als kleines Projekt, in dem sie und ihre Freunde beim Dreh ihren Spaß hätten und sie die furchtbaren Zustände auf südafrikanischen Zuchtfarmen, in denen Löwen gezüchtet werden, um später von urlaubenden Hobbyjägern erschossen zu werden, ansprechen könnte. M. J. Bassett begann ihre Filmkarriere als Assistentin eines Wildtierfilmers. Später inszenierte sie als Michael Bassett die Genre-Spielfilme „Deathwatch“, „Solomon Kane“ und „Silent Hill: Revelation“. In den vergangenen Jahren konzentrierte sie sich auf TV-Arbeiten, wie „Strike Back“ (15 Folgen), „Ash vs Evil Dead“, „Power“ und „Altered Carbon“. Und jetzt den ziemlich blutigen Low-Budget-Actionreißer „Rogue Hunter“, der, wie gesagt, ein kleiner Actionfilm mit Botschaft werden sollte. Das Anliegen und die damit verbundene Botschaft weckten dann das Interesse von Megan Fox, die so schnell zusagte, dass Bassett ihren ursprünglichen Plan, pro forma den Hollywood-Star zu fragen und mit der Absage in der Tasche den alten Plan weiterzuverfolgen, nicht weiter verfolgen konnte. Kurz nach der Zusage von Megan Fox, die, so Bassett im Audiokommentar, innerhalb von zwölf Stunden erfolgte, begannen die Dreharbeiten in Südafrika. An zwanzig Tagen drehten sie den Film chronologisch; was dazu führte, dass jeden Tag weniger Menschen am Set waren. Die Löwin wurde in einer Mischung aus praktischen und, vor allem, digitalen Effekten zum Leben erweckt und sie hat das Problem, das digitale Tiere fast immer haben. Sie sieht in ihren wenigen Auftritten künstlich aus.

Der Film selbst ist ein immer wieder unplausibler, vor allem in der Mitte äußerst redseliger Actionfilm mit zwei wirklich großen, jeweils gut halbstündigen Action-Set-Pieces am Anfang und Ende des Films, die ich erstaunlich ungerührt, fast schon entspannt, verfolgte. In den Actionszenen schneidet Bassett äußerst selten. Es gibt sogar zwei lange, komplizierte Kamerafahrten und der gesamte Film sieht verdammt gut aus. So in Richtung Low-Budget-Michael-Bay oder TV-Michael-Bay.

Als Bonusmaterial gibt es gut fünfzig Minuten weitgehend belanglose, während des Drehs aufgenommene Interviews mit den Schauspielern und zwei äußerst informative, kurzweilige und untertitelte Audiokommentare. Sie bieten einen guten Einblick in ungefähr alle mit dem Film zusammenhängende Aspekte. Den einen bestreitet Bassett alleine. Bei dem anderen sind ihre Tochter Isabel Bassett und „Strike Back“-Schauspieler Philip Winchester dabei.

Rogue Hunter (Rogue, Großbritannien/Südafrika 2020)

Regie: M. J. Bassett

Drehbuch: M. J. Bassett, Isabel Bassett

mit Megan Fox, Greg Kriek, Adam Deacon, Kenneth Fok, Sisanda Henna, Brandon Auret, Isabel Bassett, Jessica Sutton, Philip Winchester

DVD

Square One Entertainment/Leonine

Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Interviews mit Megan Fox, Philip Winchester, Sisanda Henna, Greg Kriek und Isabel Bassett, Audiokommentar mit Regisseurin M. J. Bassett, Co-Drehbuchautorin/Darstellerin Isabel Bassett und Darsteller Philip Winchester, Audiokommentar mit Regisseurin M. J. Bassett, Trailer, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Auch als Blu-ray und Digital.

Hinweise

Moviepilot über „Rogue Hunter“

Metacritic über „Rogue Hunter“

Rotten Tomatoes über „Rogue Hunter“

Wikipedia über „Rogue Hunter“


DVD-Kritik: „Faking Bullshit – Krimineller als die Polizei erlaubt“, diese Kleinstadtbullen

Februar 26, 2021

Leben und leben lassen ist das unausgesprochene Motto von Deniz, Rocky, Hagen, Netti und ihren Chef Rainer. Sie sind Provinzpolizisten und mit dem „leben lassen“ haben sie insofern ein Problem, das ein echtes Luxusproblem ist: in ihrem Bezirk gibt es keine Verbrechen. Dieser paradisische Zustand wird zum Problem als von der Polizeidirektion Düsseldorf eine junge, taffe und extrem zielorientierte Beamtin von der Internen Revision zu ihnen nach Ahlen geschickt wird. Sie soll überprüfen, ob die Wache nicht geschlossen werden kann.

Deniz, Rocky, Hagen und Netti beschließen, ohne mit ihrem Chef darüber zu sprechen, sich zu wehren. Sie wollen beweisen, dass sie und ihre Wache gebraucht werden. Nicht mit einer Image-Kampagne, in der Kleinstadtbewohner protestierend vor die Stadtverwaltung ziehen, sondern indem sie beginnen Straftaten zu inszenieren, die sie dann eifrig protokollieren. Auch wenn es anfangs nur ein im Vollrausch eingeworfenes Fenster eines Lokals oder ein geklauter Deoroller ist.

Schwieriger wird die Situation für sie, als die Interne Revisorin ahnt, wer für die amateurhaft durchgeführten Verbrechen verantwortlich ist und sie verlangt, dass die Beamten die Täter überführen.

Faking Bullshit – Krimineller als die Polizei erlaubt“, ein Remake der schwedischen Komödie „Kops“, ist das Regiedebüt von Alexander Schubert. Als Albrecht von Humboldt gehört er zum Ensemble der „heute-show“. Um nur seine bekannteste Rolle zu nennen. Denn die Satiresendung hat auf den Film keinen direkten Einfluss. „Faking Bullshit“ will keine Polit-Satire sein und auch keine knallig zugespitzte schwarzhumorige Komödie wie „The Guard“, in der ein schwarzer FBI-Agent in Irland mit einem örtlichen Kollegen eine Drogenschmugglerbande jagt und Regisseur und Drehbuchautor John Michael McDonagh die Gegensätze und Vorurteile hemmungslos aufeinanderprallen lässt.

Faking Bullshit“ ist und will auch nicht mehr sein, als ein bestenfalls nett-harmloses Komödchen, das sich viel Zeit lässt, seine Figuren voller Sympathie beim Nichtstun zu beobachten. Es gibt einige eher didaktische als witzige Dialoge über Vorurteile gegenüber Ausländern, Geschlechterklischees und Kunst. Denn die Interne Revisorin Tina (Auf der Wache 23 wird sich prinzipiell geduzt.) war vor ihrer Strafmission in die nordrhein-westfälische Provinz bei der Eröffnung einer Austellung eines anonymen Künstlers als Aktivistin auffällig geworden. A3N, so das Pseudynom des Künstlers, stellte riesige Bilder von wie Augen aussehenden Vulven aus und provozierte damit eine Diskussion über Kunst oder Pornographie. Die Bilder wurden gestohlen und Deniz glaubt jetzt, dass die wertvollen Bilder in Ahlen in einer Garage versteckt sind.

Der harmoniesüchtige Film plätschert harmlos behäbig und absolut vorhersehbar vor sich hin. Die wenigen guten Gags (so sagt Netti bei einem Gespräch mit einem Bürger: „Humor ist in Deutschland verboten.“) wiegen nicht die vielen verpassten Chancen und ignorierten Möglichkeiten auf. Potentiell vielversprechende Figuren und Handlungsstränge werden nicht weiter verfolgt. Und die Lücken in der Geschichte sind ärgerlich. So erfahren wir nicht, um nur ein Beispiel zu nennen, wer warum Rainers Fahrrad stahl und wie es wiedergefunden wurde.

Da drehe ich liebe noch eine Runde in Niederkaltenkirchen.

Faking Bullshit – Krimiller als die Polizei erlaubt (Deutschland 2020)

Regie: Alexander Schubert

Drehbuch: Alexander Schubert

mit Erkan Acar, Sina Tkotsch, Adrian Topol, Sanne Schnapp, Alexander Hörbe, Xenia Assenza, Bjarne Mädel, Alexander von Glenck, Jörg Schüttauf, Mišel Matičević, Dietrich Hollinderbäumer

DVD

EuroVideo

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch. Auch digital verfügbar.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Faking Bullshit“

Moviepilot über „Faking Bullshit“

Wikipedia über „Faking Bullshit“


DVD-Kritik: „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ macht jetzt Hausbesuche

Februar 25, 2021

Zum Kinostart am 8. Oktober (und damit ungefähr drei Wochen vor dem aktuellen Lockdown) schrieb ich ziemlich begeistert:

Auf diesen Film freue ich mich seit einigen Monaten. Als ich für meine Besprechung von Hannelore Cayres Krimi „Die Alte“ Hintergrundmaterial sammelte, erfuhr ich, dass Cayres Noir von Jean-Paul Salomé mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt wird.

Über Isabelle Huppert muss wohl nichts mehr gesagt werden.

Jean-Paul Salomé ist deutlich unbekannter. Einige dürften immerhin seine ab und zu im Fernsehen laufenden, vor historischer Kulisse spielenden Abenteuerfilme/Thriller „Arsène Lupin“ und „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“ kennen.

In Salomés neuem Film spielt Huppert Patience Portefeux, die titelgebende ‚Frau mit berauschenden Talenten‘. Auch wenn Madame Portefeux auf den ersten Blick wie eine taffe Mittfünfzigerin, die nichts erschüttern kann, wirkt, ist ihr Leben gar nicht so rosig. Die Pariserin lebt allein – ihr Mann starb vor zwanzig Jahren und sie hat erst jetzt seine Schulden abbezahlt -, die beiden erwachsenen Töchter leben ihr Leben und ihre Mutter liegt in einem Pflegeheim, das sie jeden Monat 3200 Euro kostet. Eine Menge Geld.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Übersetzerin. Freiberuflich und ohne Altersvorsorge. Für das Drogendezernat belauscht und übersetzt sie die auf arabisch geführten Gespräche der Drogenhändler und ihrer Familien.

Als ihre Mutter wegen unbezahlter Rechnungen in ein anderes Heim verlegt werden soll und sie aus einem abgehörtem Telefonat erfährt, dass der junge Drogenhändler, der verhaftet werden soll, der Sohn von Khadidja, einer Pflegerin ihrer Mutter, ist, greift sie spontan in die geplante Verhaftung ein. Sie informiert Khadidja. Die informiert ihren Sohn. Der kann vor seiner Verhaftung die Drogen verstecken.

Patience ergreift die sich ihr bietende Chance. Wenn sie die Drogen vor der Polizei und den Cherkaoui-Brüdern, die auf ihre Lieferung warten, findet, kann sie sich finanziell sanieren. Mit Geduld, detektivischem Gespür und dem pensionierten Drogenhund DNA findet sie vor allen anderen die Drogen. Sie versteckt sie im Keller des Mietshaus, in dem sie wohnt und beginnt sie an arabische Drogenhändler zu verkaufen. Immerhin kennt sie von ihrer Arbeit als Übersetzerin die potentiellen Großeinkäufer, ihre Nöte und die aktuellen Preise.

Und weil die Polizei schnell versucht, die neu in der Szene aufgetauchte geheimnisvolle Drogenhändlerin zu verhaften, muss sie weiter die Ermittlungen der Polizisten, mit denen sie seit längerem vertrauensvoll zusammenarbeitet, sabotieren. Ihr aktueller Freund Philippe ist sogar der Leiter der Drogenfahnder und er ist grundehrlich.

Jean-Paul Salomé macht aus Hannelore Cayres schwarzhumoriger Romanvorlage einen ebenso schwarzhumorigen, niemals moralisierenden, angenehm respektlosen Film, der genau deshalb Claude Chabrol in jeder Beziehung gefallen hätte. Auch dass die Frauen gegenüber den doch meist arg tumben Männern ein besseres Bild abgeben, hätte ihm gefallen. Sie wissen, wie Probleme ohne Gewalt gelöst werden können. Beispielsweise mit einem kleinen Geschäft, von dem beide Seiten profitieren. So versteht Patiences Hausverwalterin sofort Patiences Vorschlag für ein Geschäft. Denn irgendwie muss das Drogengeld gewaschen werden. Davor und danach bringt die kleine Patience den deutlich größeren und ihr körperlich überlegenen arabischstämmigen Macho-Drogenhändlern Manieren und Disziplin bei.

Salomé schrieb das Drehbuch zusammen mit Cayre. Gemeinsam machten sie die Romangeschichte filmischer und verzichteten auf einige Hintergrundinformationen zu Patiences Familiengeschichte.

 

Jetzt erschien die Komödie auf DVD in einer schicken Pappverpackung und mit überschaubarem Bonusmaterial. Es gibt einige Screentests und untertitelte Interviews mit Jean-Paul Salomé (auf französisch) und Isabelle Huppert (auf englisch), die einige Hintergründe vermitteln, aber weitgehend werblichen Charakter haben. Das wird besonders deutlich, wenn Patience („50 % Polizistin, 50 % Dealerin, 100 % glaubwürdig“) beschrieben wird, ohne etwas Wichtiges über die Filmgeschichte zu verraten.

Ansonsten: ein sehenswerter Film nach einem lesenswerten Roman.

Das eine kann man jetzt auf der heimischen Couch erledigen. Das andere auch an anderen Orten. Das andere andere auch.

Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)

Regie: Jean-Paul Salomé

Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)

LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)

mit Isabelle Huppert, Hippolyte Girardot, Farida Ouchani, Liliane Rovère, Iris Bry, Nadja Nguyen, Rebecca Marder, Rachid Guellaz, Mourad Boudaoud, Youssef Sahraoui, Kamel Guenfoud

DVD

good!movies

Bild:2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Jean-Paul Salomé und Isabelle Huppert, Casting Tests, Audiodeskription Untertitel für Hörgeschädigte

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Hannelore Cayre: Die Alte

(übersetzt von Iris Konopik)

Argument Verlag, 2019

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La daronne

Éditions Métailié, Paris 2017

Hinweise

AlloCiné über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Moviepilot über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“

Wikipedia über „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020)


DVD-Kritik: Kann der „Bodyguard“ die Innenminsterin schützen? Und will er das überhaupt?

Februar 24, 2021

Spannender als die letzten drei Bond-Filme zusammen“, schrieb die Süddeutsche Zeitung laut dem DVD-Cover über die britische TV-Serie „Bodyguard“.

Mit sechs Stunden ist die Miniserie in jedem Fall kürzer als die letzten drei Bond-Filme.

In der von Jed Mercurio („Line of Duty“) erfundenen Serie geht es um David Budd (Richard Madden), Kriegsveteran mit posttraumatischer Belastungsstörung (nicht behandelt auf eigenen Wunsch) und Personenschützer bei einer Spezialeinheit der Londoner Polizei. Als er seine beiden Kinder zu seiner Frau, von der er getrennt lebt, bringen will, kann er im Zug einen Selbstmordanschlag verhindern. Kurz darauf wird er zum Personenschützer der Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) befördert. Sie ist eine Kriegstreiberin und will ein heftig umstrittenes Überwachungsgesetz durch das Parlament bringen. Außerdem möchte sie in der Partei aufsteigen. Genug Konflikte und, immerhin ist „Bodyguard“ eine Krimiserie, genug potentielle Attentäter und, das kann man angesichts der vielen Frauen, von denen Budd umgeben ist und die ihm teilweise Befehle erteilen können, Attentäterinnen, die Montague umbringen wollen.

Auch Budd ist, jedenfalls in den ersten Episoden, ein möglicher Attentäter. Er macht Politiker wie Montague, die für Kriegseinsätze stimmten, für seine Situation verantwortlich. Er ist auch Mitglied einer losen Veteranengruppe, die ihren Hass auf die Politiker pflegt.

Der Verdacht zerstreut sich, nachdem er ihr das Leben rettet, es Spuren in den Sicherheitsapparat gibt (was natürlich etwas seltsam ist, weil das von ihr protegierte Gesetz der feuchte Traum der Sicherheitsbehörden ist) und er, wie „Bodyguard“ Kevin Costner in dem anderen Film, eine Affäre mit ihr beginnt.

Spätestens in dem Moment ist klar, dass „Bodyguard“, trotz einiger realpolitischer Anspielungen, reinstes Entertainment ist. Wahrscheinlichkeit und Logik werden einfach dem nächsten Anschlag geopfert. Das sorgt durchgehend für abenteuerliche Wendungen und, immer wieder, für vollkommen absurde Szenen. So war schon beim Auftakt, als Budd im Zug die Selbstmordattentäterin zur Aufgabe bewegen kann, die Polizei erstaunlich schießwütig. Budd scheint der einzige Bodyguard der Innenministerin zu sein. Und als Budd später mit einem Sprengstoffgürtel und einem Totmannschalter (also einer Vorrichtung, die die Bombe explodieren lässt, wenn er seinen Finger vom Sprengknopf entfernt) auf Londons Straßen stolpert, ist es ähnlich absurd. Er versichert den herbeigeeilten Polizisten, dass er die Bombe nicht zünden will. Die Mitglieder der Spezialeinheit überlegen nicht, wie sie die Bombe entschärfen könnten, sondern sie überlegen, wie sie ihn erschießen können – und damit die Bombe explodieren lassen. Etwas nachvollziehbarer wird die idiotische Szene, weil Budd in dem Moment schon in Richtung des Sicherheitsapparats ermittelt und der Täter seine Enttarnung verhindern kann, indem er Budd erschießen und ihn so endgültig zum perfekten und von den Bösewichtern schon lange geplanten Sündenbock werden lässt.

So ist „Bodyguard“ eskapistische Thrillerunterhaltung, die mit sechs Stunden etwas lang geraten ist. Gerade in der zweiten Hälfte der ersten Episode und der zweiten Episode plätschert die Geschichte arg ziellos vor sich hin. Am Ende der dritten Episode gibt es dann ein Ereignis, das alles verändert. Und das Finale ist ziemlich spannend. Wenn man nicht darüber nachdenkt.

In England war die sechsteilige Serie ein Kritiker- und Publikumserfolg.

Eine zweite Staffel ist beschlossen. Unklar ist, wann sie gedreht und ausgestrahlt wird.

Das Bonusmaterial besteht aus dem üblichen Werbematerial.

Bodyguard (Bodyguard, Großbritannien 2018)

Regie: John Strickland, Thomas Vincent

Drehbuch: Jed Mercurio

mit Richard Madden, Keeley Hawes, Sophie Rundle, Vincent Franklin, Ash Tandon, Gina McKee, Nina Toussaint-White

DVD

Pandastorm

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Interviews, Behind the Scenes, Originaltrailer

Länge: 362 Minuten (6 Folgen à 60 Minuten, 3 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zur Serie

Englische Homepage zur Serie

Moviepilot über „Bodyguard“

Metacritic über „Bodyguard“

Rotten Tomatoes über „Bodyguard“

Wikipedia über „Bodyguard“ (deutsch, englisch) (Vorischt Spoiler)


VoD-Kritik: „Sunburned“ – einmal Sommerurlaub mit Urlaubsbekanntschaft

Februar 19, 2021

Mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester und ihrer Mutter verbringt die 13-jährige Claire den Sommerurlaub in einem Ferienressort in Andalusien.

Während ihre Mutter und ihre Schwester die Zeit mit Urlaubsliebschaften verbringen, streunt Claire, jung, naiv und gelangweilt, durch das Hotel, nimmt am Freizeitprogramm teil und trifft am Strand auf den gleichaltrigen Amram. Der aus dem Senegal kommende Flüchtling verkauft billigen Schmuck und hofft auf eine bessere Zukunft. Für Geld würde er fast alles tun. Claire verbringt viel Zeit mit ihm. Und auch Amram genießt die Zeit mit ihr. Als ihre Beziehung intensiver wird, möchte sie ihm helfen; wobei ihre Versuche, ihm zu helfen seine Situation verschlechtern. So gibt sie ihm die Kreditkarte ihrer Mutter. Er kann damit selbstverständlich kein Geld abheben, aber er wird als Dieb verdächtigt.

Sunburned“, der im Sommer in den Kinos lief, ist der dritte Spielfilm von Carolina Hellsgård. Ihr Spielfilmdebüt „Wanja“ lief auf der Berlinale und war für den Best First Feature Award nominiert. Als nächste inszenierte sie den in Deutschland spielenden und trotz einiger Mängel sehenswerten Zombiefilm „Endzeit“. Ihr dritter Spielfilm ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die auch die Flüchtlingsthematik anspricht und das Leben in einem Ferienressort schildert, das für mich einen immerwährenden Besuch im Purgatorium angenehmer erscheinen lässt. Entsprechend sympathisch fand ich Claires ständig gelangweilt-genervten Blick. Schon als Kind hält sie nichts von dieser Form des Massentourismus, der überhaupt kein Interesse am Gastland hat. Sie ist auch die einzige Person, die sich für das Leben außerhalb der Hotelanlage interessiert und aufgeschlossen für neue Erfahrungen ist. Sie und Amram durchleben in diesem Urlaub auch einen Reifungsprozess. Amram gibt seinem Leben sogar eine neue Richtung. Auch wenn Hellsgård im Dunkeln lässt, wohin ihn das führt.

Hellsgård schildert das alles mit einem sympathisierenden Blick, der den Schauspielern, vor allem den jungen Schauspielern, viel Zeit gibt, sich vor der Kamera zu entfalten. Belohnt wird das mit einem sehr natürlichen Spiel. Auch der fehlende pädagogische Zeigefinger trägt dazu bei. Die großen Fragen werden mehr angedeutet als direkt angesprochen. Die Stimmung bleibt in einem sommerlich flirrenden Ungefähren voller Spiegelungen und Schattenspiele. „Sunburned“ ist weniger ein Drama als eine Sommerpastiche, die an der sensibel gefilmten Oberfläche bleibt und wenig über die einzelnen Figuren verrät.

Ein Problem für jüngere Zuschauer – immerhin ist die Protagonistin dreizehn Jahre alt – dürfte sein, dass fast ausschließlich Englisch gesprochen wird. Und ob ältere Jugendliche sich für den ersten Kuss einer Jüngeren interessieren, bezweifle ich aus eigener Seherfahrung. Als Vierzehnjähriger wollte ich vor allem die Filme gehen, die frei ab sechzehn oder achtzehn Jahren waren.

Das ändert nichts daran, dass „Sunburned“ ein sehenswertes, angenehm undidaktisches, sensibel beobachtetes Drama ist.

Sunburned (Deutschland/Niederlande/Polen 2019)

Regie: Carolina Hellsgård

Drehbuch: Carolina Hellsgård

mit Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Sabine Timoteo, Nicolais Borger

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Als VoD bei Amazon Prime, Google Play, YouTube, Magenta TV und Apple iTunes erhältlich.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sunburned“

Moviepilot über „Sunburned“

Meine Besprechung von Carolina Hellsgård Olivia-Vieweg-Verfilmung „Endzeit“ (Deutschland 2018)

Homepage von Carolina Hellsgård


%d Bloggern gefällt das: