TV-Tipp für den 31. August

August 31, 2008

BR, 23.15

Gilda (USA 1946, R.: Charles Vidor)

Drehbuch: Marion Parsonnet

In Buenos Aires trifft der glücklose Spieler Farrell auf seine frühere Geliebte Gilda und das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Gilda“ zählt inzwischen zu den Noir-Klassikern. Nicht wegen der mittelprächtigen Story, sondern wegen Rita Hayworth. Sie zieht ihre Handschuhe aus und wir wissen, was wahre, auch heute noch knisternde, Erotik ist.

Mit Rita Hayworth, Glenn Ford, George Macready

Hinweise

Arte über „Gilda“

Wikipedia über „Gilda“

Noir of the Week über “Gilda“

Dobermann-Pedigrees über „Gilda“ (Fanseite; vor allem Bilder)


KrimiWelt-Bestenliste September 2008

August 30, 2008

Die Bestenliste der KrimiWelt-Jury für den September sieht so aus:

1 (7) Richard Stark: Fragen Sie den Papagei

2 (2) Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung

3 (-) Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

4 (-) Andrew Vachss: Der Fahrer

5 (9) Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

6 (-) Deon Meyer: Weißer Schatten

7 (1) John Harvey: Schlaf nicht zu lange

8 (3) Tana French: Grabesgrün

9 (7) Rex Miller: Fettsack

10 (-) Håkan Nesser: Eine ganz andere Geschichte

In ( ) ist die Platzierung des Vormonats.

Als alter Donald-Westlake-Fan freue ich mich natürlich sehr über den ersten Platz für sein Alter Ego Richard Stark. Ebenso ist Andrew Vachss nach langer Übersetzungspause mit einem angenehm altmodischen Einzelwerk wieder zurück auf dem deutschen Buchmarkt. John Harvey hat mir ebenfalls gut gefallen. Rex Miller dagegen nicht. Die Großartigkeit von „Fettsack“ erschließt sich mir nicht.


TV-Krimi-Buch-Tipps online

August 30, 2008

Don Alfred hat mal wieder keine Kosten und Mühen gescheut (der Alligator war dabei eine gute Argumentationshilfe) und die neuen TV-Krimi-Buch-Tipps sind online bei den Alligatorpapieren. Die ersten Zeilen der aktuellen Tipps lesen sich so:

Der Höhepunkt der beiden kommenden Fernsehwochen ist die Wiederholung von Francis Ford Coppolas „Der Pate“. Allerdings nicht die bekannten Kinofilme, sondern die sehr selten gezeigte, vom Meister selbst neu geschnittene TV-Fassung. Wegen der Uhrzeit empfehle ich das Programmieren des Rekorders.
Zu den weiteren sehenswerten Filmen gehören Sidney Lumets Edwin-Torres-Verfilmung „Tödliche Fragen“, Alan Parkers William-Hjortsberg-Verfilmung „Angel Heart“, der Noir-Klassiker „Gilda“ (ich sage nur Handschuhe), John Frankenheimers Evan-Hunter-Verfilmung „Die jungen Wilden“, Walter Hills John-Godey-Verfilmung „Johnny Handsome“, Basil Deardens Catherine-Arley-Verfilmung „Die Strohpuppe“, Steven Soderberghs Elmore-Leonard-Verfilmung „Out of sight“, Alfred Hitchcocks Robert-Bloch-Verfilmung „Psycho“, René Clements Sébastien-Japrisot-Verfilmung „Der aus dem Regen kam“ und wenn Sie die Tage Martin Scorseses „Casino“ verpasst haben, können Sie sich die Wiederholung ansehen.
Weil wahrscheinlich die gekürzte Fassung von Brian de Palmas „Scarface – Toni, das Narbengesicht“ gezeigt wird, muss ich von diesem Klassiker abraten.
Ganz ohne Wertung weise ich auf die Erstaustrahlung von „Der Heckenschütze“, nach einem Roman und Drehbuch von Felix Huby, hin.


TV-Tipp für den 30. August

August 30, 2008

NDR, 20.15

Tatort: Stoevers Fall (1992, R.: Jürgen Roland)

Drehbuch: Willi Voss (Dramaturgie: Dieter Hirschberg)

Kommissar Stoever glaubt nicht, dass ein hoher hanseatischer Polizist korrupt sein soll. Als ein befreundeter Polizeireporter ermordet wird, beginnt der Mordkommissar zu ermitteln.

Ein schöner, später Roland mit Dieter Thomas Heck („Fein. Fein.“) als dubiosen Polizisten.

Danach gibt’s die sicher sehenswerte 90-minütige Reportage „Ein Abend für die Reeperbahn: Kiez, Kultur und Tabledance“ und den verzichtbaren Wolfgang-Staudte-Film „Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache“ (D 1971).

Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Lutz Reichert, Dieter Thomas Heck, Hans Häckermann, Horst Frank, Jürgen Roland


P. I. Spenser schlägt wieder zu

August 29, 2008

Der neue Spenser ist vor allem der neue Spenser. Denn selbstverständlich unterscheidet sich das neueste Abenteuer des Bostoner Privatdetektivs Spenser, „Der gute Terrorist“ von Robert B. Parker, im Guten wie im Schlechten kaum von den vorherigen Fällen.

Es beginnt mit einem für Spenser alltäglichen Fall: er soll die Ehefrau Jordan Doherty, eine Dozentin am Concord College, beschatten. Ihr Mann Dennis glaubt, dass sie ihn betrügt. Spenser beschattet sie und nimmt heimlich einen außerehelichen Geschlechtsverkehr auf. So weit, so normal. Doch nach dem Sex redet sie mit ihrem Liebhaber über ihren Ehemann und seine Arbeit als FBI-Agent. Doherty beschäftigt sich mit der Terrorismusbekämpfung und Gruppen wie „Freedom’s Front Line“ und „Last Hope“. Ihr Liebhaber Perry Alderson soll, so das FBI, der Anführer von „Last Hope“ sein und diese Gruppe soll vor allem als Vermittler zwischen Attentätern und Leuten, die einen Attentäter brauchen, fungieren.

Spenser informiert Doherty über den Ehebruch und damit könnte die Sache zu Ende sein. Doch kurz darauf wird Jordan Doherty erschossen, Vinnie erschießt den Killer und etwas später ist auch Doherty tot. Spenser ist fest davon überzeugt, dass Perry Alderson die Dohertys umbringen ließ. Aber er hat keine Beweise.

Robert B. Parker entwirft auf den ersten Seiten gewohnt souverän die Prämisse. Aber nachdem bekannt ist, dass Alderson ein Terroristenhelfer ist, beginnt die Geschichte zu stagnieren. Denn Spenser versucht nichts über „Last Hope“ und die damit verbundenen terroristischen Aktivitäten von Alderson herauszufinden, sondern wälzt immer wieder die gleichen Probleme mit seiner Freundin Susan, seinem Buddy Hawk und seinen Vertrauten bei Polizei und FBI. Denn Spenser verbeißt sich in diesen Fall, so analysiert Susan scharfsinnig, weil sie ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte und er sie aus den Händen von Bösewichtern retten musste. „Spenser auf der Flucht“ (A Catskill Eagle, 1985) erzählt diese Geschichte und der Roman gehört zu den besten Spenser-Abenteuern.

Auf der Strecke bleibt dabei zuerst das Terrornetzwerk von Alderson. Denn darüber schreibt Robert B. Parker nichts. Danach die Motive des „guten Terroristen“. Denn außer einigen Halbsätzen zu 1968 schreibt Parker nichts dazu. Dabei hat Parker sich in früheren Spenser-Romanen immer wieder mit den Auswirkungen von 1968, wie dem Feminismus und der Rassendiskriminierung, beschäftigt. So musste der Macho Spenser in „Bodyguard für eine Bombe“ (Looking for Rachel Wallace, 1980) eine Feministin beschützen. Und wenn Robert B. Parker sich schon nicht für eine Neubetrachtung von 1968 interessiert, hätte er wenigstens – immerhin war es die freie Entscheidung des Autors, aus dem Bösewicht einen Unidozenten, Ehebrecher und, letztendlich für die gesamte Story völlig überflüssig, Terroristen zu machen – die Veränderungen in den USA nach 9/11 thematisieren müssen. Doch „Der gute Terrorist“ könnte genauso gut vor zehn, zwanzig oder auch vierzig Jahren spielen. Aber auch dann wäre der 35. Spenser-Roman – besonders nach der Lektüre von einigen Ed-Brubaker-Werken – nur ein müdes Routineprodukt, das Spensers erste Terroristenjagd „Kopfpreis für neun Mörder (The Judas Goat, 1978), eine langatmige Ich-knall-einen-Terroristen-nach-dem-nächsten-ab-Geschichte, in einem milderen Licht erscheinen lässt.

Robert B. Parker: Der gute Terrorist – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2008

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Now & Then

G. P. Putnam’s Son, 2007

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)


Besprechung „Zukunft Kino“ online

August 29, 2008

Meine Besprechung von „Zukunft Kino – The End of the Reel World„, herausgegeben von Daniela Kloock, ist online in der Berliner Literaturkritik. Mit den meisten Artikeln konnte ich nichts anfangen, aber dafür ist es hübsch gelayoutet und hat auch eine Homepage.


Kleinkram: das ARD-Abendprogramm, Chelsea Cain und ein Zufall

August 29, 2008

Bei DWDL versucht Jürgen Knoop, Redakteur bei der ARD-Tochger Degeto und mitverantwortlich für das ARD-Programm, zu erklären, warum das Erste Spielfilme gerne zu recorderfreundlichen Zeiten ausstrahlt:

Spielfilme allerdings, die sich für den Hauptabend eignen, zeige man auch zur besten Sendezeit. „Es kommen allerdings nur wenige Filme aus unserem Portfolio hierfür in Frage – wenn man alte Klassiker wie ‚Die Feuerzangenbowle‘ außen vor lässt“, erklärt der Degeto-Redakteur.

Also eignen sich, wie ein Blick auf das Programm der kommenden zwei Wochen zeigt, „Broken Flowers“, „Paycheck – Die Abrechnung“, „Policy Python 357“ (mit Yves Montand), „Heaven“, „Scarface – Das Narbengesicht“ (Hm, gut, wegen FSK-18 schränkt das die Sendezeit ein. Aber Dienstagnacht?), „Die romantische Engländerin“ und „Der Arzt von Stalingrad“ nicht für die beste Sendezeit, aber zu später Stunde stimmt wenigstens die Quote und als Investition in die Zukunft ist es okay. Ich würde mir jedenfalls, bis auf den „Arzt von Stalingrad“ (der auch schon lange nicht mehr im TV lief), jeden dieser Filme gerne zur besten Sendezeit ansehen.

Interessant ist auch die Programmierung der TV-Version von Francis Ford Coppolas „Der Pate“ nach 01.00 Uhr nachts. Davor kommen die für das ARD-Publikum attraktiveren Filme „Hochwürdens Ärger mit dem Paradies“ (am 5. September) und „Utta Danella: Der Sommer der glücklichen Narren“ (am 12. September). Beide Filme sind, egal nach welcher Betrachtung, keine Höhepunkte der Filmkunst.

Bei The Rap Sheet redet Ali Karim mit Chelsea Cain.

Zufälle: Gestern entdeckte ich im Antiquariat den rororo thriller „Alice im Negerland“ (Black Alice, 1969) von Thomas M. Disch und John Sladek. Beides waren keine ausgewiesenen Krimi-, sondern S-F-Autoren, aber irgendwo hatte ich schon einmal von dem Buch gehört. Also gekauft und heute beim googeln habe ich diese, erst vor wenigen Tagen erschienene, sehr positive Besprechung von „Black Alice“ entdeckt.


TV-Tipp für den 29. August

August 29, 2008

Arte, 21.00

Unter Verdacht: Brubeck (D 2008, R.: Ed Herzog)

Drehbuch: Wolfgang Stauch

LV: Wolfgang Stauch: Brubecks Echo, 2000

Bei einem Autounfall starben Frau und Kind von Hauptkommissar Brubeck. Er will sich an den Tätern, einer Pharmavertreterin und einem Starpianisten, rächen. Eva Prohacek versucht das zu verhindern.

Alle, die Stauchs Roman gelesen haben und denen er gefiel, sollten wahrscheinlich nicht einschalten. Denn der Film „Brubeck“ entstand „nach Motiven von“.

Ansonsten: eine weitere Folge von derzeit Deutschlands bester Krimiserie.

Mit Senta Berger, Rudolf Krause, Gert Anthoff, Fritz Karl, Ben Becker

Wiederholung: Sonntag, 7. September, 15.40 Uhr

Hinweise

Homepage von Wolfgang Stauch

Arte zum Film


„Fettsack“ oder der etwas andere Serienkillerroman

August 28, 2008

Das Werk steht auf der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste, die Kritiker sind unisono begeistert und auch ich habe mich auf „Fettsack“ von Rex Miller gefreut. Das vor zwanzig Jahren in den USA erschiene Buch „Fettsack“ war für den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie Debüt nominiert. Stephen King, um nur den Bekanntesten zu nennen, blurbt (allerdings ist der König des Horrorromans ein notorischer Blurber). „Fettsack“ dürfte, so dachte ich zutreffend, weniger die Freunde von kriminalistischen Serienkillerthrillern à la Thomas Harris und seinem „Roter Drache“, sondern eher die Horrorfans bedienen. Und Horror ist das Buch auch. Aber anders als erwartet.

Die Story ist in ihren Grundzügen einfach, effektiv und lässt viel Raum für Variationen: Daniel ‚Chaingang’ Bunkowski, ein fünfhundert Pfund schweres Monstrum auf zwei Beinen, hat während des Vietnam-Krieges das Morden gelernt. In den heutigen USA (circa 1986) ermordet er grundlos in einem wahren Blutrausch Menschen. Weil er seine Spuren gut verwischt, weiß die Polizei nichts von ihm. Doch jetzt, in Chicago, wird er nachlässig. Die dortige Polizei zieht Serienkiller-Spezialist Jack Eichord hinzu.

Dieses Duell zwischen Killer und Polizist ist bei Rex Miller allerdings nicht die Grundlage für einen Thriller. “Fettsack” ist, höflich formuliert, ein essayistischer Roman, der eher der Logik eines Alptraums gehorcht, eine Collage aus verschiedenen Stimmen und Erzählhaltungen, oder einfach ein Griff in den Zettelkasten.

Denn die Hinweise auf Chaingangs schlimme Jugend, die skrupellosen Geheimdienste und die bösen Medien sind so plakative wie austauschbare Red Herrings für willige Interpretatoren, die allerdings für Chaingangs Entwicklung letztendlich absolut bedeutungslos sind. Denn er war einfach schon immer böse. „Er war ein Autodidakt, ein Selfmade-Killer, dessen erschreckender Hang zu Gewalttätigkeit, wie es aussah, allenfalls vom Intellekt eines Genies übertroffen wurde.“ Das geheime Regierungsprojekt in den sechziger Jahren, das ihn zum Ein-Mann-Kampfkommando für den Dschungelkrieg machte, perfektionierte Chaingangs skrupelloses Wesen nur noch.

Die plakative Medienkritik erschöpft sich weitgehend in einen Auftritt von Eichord im Fernsehen. Eichord sitzt, auf Wunsch seiner Vorgesetzten, die einen schnellen Abschluss der Ermittlungen wollten und dafür auch einen Mann als Serienmörder präsentieren, der es nach Eichords Ansicht nicht war, in einer Talkshow, beantwortet einige Fragen und wird anschließend vom zweiten Moderator Onkel George nachdrücklich nach den Fehlern in den Ermittlungen gefragt. In dieser Szene kommt das Fernsehen, auch wenn Miller es als alptraumhaftes Ereignis für Eichord schildert, einfach nur seiner Informationspflicht nach.

(Joe R. Lansdale hat in seinem grandiosen Debüt „Akt der Liebe“ (Act of love, 1981) die Rolle der Medien bei der Jagd nach einem Serienmörder schon besser und zynischer thematisiert.)

Polizeiliche Ermittlungen, die in einem Kriminalroman das Rückgrat der Erzählung bilden, finden überhaupt nicht statt. Stattdessen verliebt sich der nett-verständnisvoll-unauffällige Jack Eichord in Edie Lynch, deren Mann von Chaingang umgebracht wurde. Miller schildert diese Liebesgeschichte in epischer Breite. Erst auf Seite 185 stolpert Eichord, dank eines Fehlers in der Verwaltung, über den Eintrag „Offiziell gelöscht“. Jetzt weiß er, dass die Daten des Killers in staatlichen Akten gespeichert sind. Nach einigen Telefonaten kennt er dann die Akte und hat auf Seite 193 Namen und Foto des von ihm gesuchten Mannes. Doch die polizeiliche Suche nach Chaingang ist erfolglos und schon wieder kommt der Zufall Eichord zur Hilfe: Chaingang entführt Edie Lynch und alles ist bereit für den Showdown.

Durch den Verzicht auf den normalen Ballast einer Krimigeschichte könnte Rex Miller sich seinen Charakteren und ihren Problemen zuwenden. Doch gerade der Bösewicht Daniel „Chaingang“ Bunkowski bleibt letztendlich nur ein eindimensional als Monstrum ohne irgendwelche Gefühle geschildertes Wesen: „ein menschlicher King Kong“, „Müllschlucker auf zwei Beinen“, „Monster“, „Killer von fünfhundert, Killer von Familien, Killer von Profisöldnern, Killer von Kopfgeldjägern, Killer von Elitesoldaten, der Mörder von Mördern“. So bleibt der in der Kanalisation hausende Chaingang dank der ständigen abwertenden Beschreibungen bis zum Ende nur eine Cartoon-Figur, die mampfend und mordend durch die Geschichte geht.

Dass ihr dies allerdings ungefähr fünfzehn Jahre – die Zeit zwischen Vietnam und der Handlungszeit der Geschichte – ohne entdeckt zu werden gelang, ist nicht logisch. Dafür sind seine Morde zu einmalig (er reißt das Herz heraus), zu viel (auch ohne Vietnam einige hundert), er selbst ist zu auffällig (groß, ungewaschen, primitiv). Es ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb Chaingang jetzt beginnt, Spuren zu hinterlassen. Und natürlich müsste der Geheimdienst, der ihn ausgebildet hat, ein Interesse daran haben, die von ihnen geschaffene Killermaschine aus der Welt zu schaffen.

Das Ende des langweilig-chaotischen Romans spekuliert schamlos in schlechter B-Picture-Manier auf eine Fortsetzung, die es dann auch drei Jahre später gab.

Rex Miller: Fettsack

(neu übersetzt von Joachim Körber)

Edition Phantasia, 2008

272 Seiten

15,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Im Namen des Todes

Bastei-Luebbe, 1991

Originalausgabe

Slob

Signet, 1987

Hinweise

A pictorial Tribute to Rex Miller

Wikipedia über Rex Miller


TV-Tipp für den 28. August

August 28, 2008

WDR, 23.15

Die Atempause (I/F/Ch/D 1996, R.: Francesco Rosi)

Drehbuch: Tonino Guerra, Sandro Petraglia, Francesco Rosi, Stefano Rulli

LV: Primo Levi: La Tregua, 1963 (Die Atempause)

Francesco Rosis letzter Spielfilm hat zwar nicht die Kraft seiner früheren Werke, aber er ist auch viel besser als seine Bekanntheit (eigentlich Unbekanntheit) vermuten lässt. Rosi verfilmte das zweite autobiographische Buch von Primo Levi. In ihm erzählt Levi, nachdem er aus dem KZ Auschwitz befreit wurde, von seiner monatelangen Odyssee durch Polen, die Ukraine und Weißrussland. Zusammen mit anderen Leidensgenossen wollte er zurück in seine Heimat Italien.

„Mit John Turturro in der Levi-Rolle gelingt der Balanceakt zwischen dokumentarischem Faktenwissen und subjektiver Fiktion nicht immer nahtlos, vermag aber als dichte Folge unglaublicher Begegnungen zu fesseln.“ (Lothar R. Just: Film-Jahrbuch 2000)

Mit John Turturro, Rade Serbedzija, Massimo Ghini, Stefano Dionisi, Teco Celio

Hinweise

Wikipedia über Primo Levi

Wikipedia über Francesco Rosi


Ein Western und viele Interviews

August 27, 2008

Anfang Oktober startet „Appaloosa„, die Verfilmung des gleichnamigen, hochgelobten, nicht übersetzten Westerns von Spenser-Erfinder Robert B. Parker in den US-Kinos. Der Trailer sieht klasse aus. Die Besetzung (Ed Harris [der auch Regie führte und zusammen mit Robert Knott das Drehbuch schrieb], Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henrickson, Rex Linn) ist ebenfalls erstklassig. Nur ein deutscher Starttermin steht noch nicht fest.

Hier also, bis es weitere Informationen gibt, der „Appalooso“-Trailer:

Der Noir of the Week ist „Where the sidewalk ends“ (Faustrecht der Großstadt, USA 1950) von Otto Preminger, nach einem Drehbuch von Ben Hecht, basierend auf dem Roman „Night Cry“ von William L. Stuart.

Marcus Sakey (Der Blutzeuge), Jason Pinter (72 Stunden) und Dave White (noch kein deutscher Verlag) reden über ihre brandneuen und daher selbstverständlich noch nicht übersetzten Bücher in Murder by the Book in Houston:

Bei Sons of Spade beantwortet Christoper G. Moore einige Fragen. „Haus der Geister“ (Spirit House, 1992), „Stunde null in Phnom Penh“ (Cut out, 1994) und „Nana Plaza“ (Cold Hit, 1999) mit seinem Privatdetektiv Vincent Calvino erschienen vor einigen Jahren in der metro-Reihe des Unionsverlages. Die restlichen sechs Calvino-Abenteuer wurden bislang nicht übersetzt (wäre aber nett); das zehnte erscheint 2009 und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Denn:

The Calvino series will end when I feel I no longer have anything original to contribute to the ongoing debate about the direction (and speed) of change in the political, cultural and social institutions found in South East Asia. So far it is a bumpy, unpaved road. One day, like everywhere else, it will be a modern expressway. Meanwhile, Calvino continues to take cases from those falling into the uncovered manholes.

Bei den Guten Mädchen beantwortet Harlan Coben einige Fragen und wie er seine Bestseller schreibt:

I have two writerly quirks. I write naked. Oh, and I only write at Starbucks.

(Die Sache mit Starbucks hat er mir auch gesagt. Aber nicht das andere.)

Und was tun die Übersetzer? Um ihr Geld kämpfen.


TV-Tipp für den 27. August

August 27, 2008

HR, 23.05

Fletch – Der Troublemaker (USA 1985, R.: Michael Ritchie)

Drehbuch: Andrew Bergman

LV: Gregory Mcdonald: Fletch, 1974 (Fletch)

Journalist Fletch recherchiert undercover im Penner-Milieu. Da erhält er von einem reichen Pinkel den Auftrag, ihn umzubringen. Fletch wittert, neben viel Geld, eine gute Story.

Der kurzweilige Roman erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis und sollte unbedingt gelesen werden. Der Film ist dagegen eine schwache Angelegenheit.

Alle Fletch-Romane sind bei Vintage Crime/Black Lizard im Original erhältlich. Die deutschen Übersetzungen gibt’s im Antiquariat ihres Vertrauens.

Mit Chevy Chase, Joe Don Baker, Geena Davis (in einer Nebenrolle)

Hinweise

Homepage von Gregory Mcdonald

Thrilling Detective über Fletch

Mystery File: Lee Goldberg über Gregory Mcdonald und Fletch (und die Verfilmung)


Cover der Woche

August 26, 2008


TV-Tipp für den 26. August

August 26, 2008

ZDF, 21.00

Der Fall: Die Frau ohne Gesicht (D 2008, R.: Ulrike Eichin, Kristina Kayatz)

Drehbuch: Ulrike Eichin, Kristina Kayatz

Sie schlägt überall zu. Sie nutzt den Straftatenkatalog von Einbruch bis Mord aus. Sie hinterließ an über dreißig Tatorten ihre DNS. Aber noch niemand hat sie gesehen. Das klingt jetzt wie die Werbung für einen absurden Ami-Thriller, ist aber deutsche Wirklichkeit.

Die 45-minütige Doku zeichnet die Arbeit der Ermittler nach.

Hinweise

ZDF zur Doku (umfangreich; Doku ist nach der Ausstrahlung in der Mediathek)

Die Zeit: Christian Schüle: Die Unsichtbare (Reportage über die Taten und die Suche nach dieser Frau, 24. April 2008 )


Dreimal Hochspannung mit Ed Brubaker

August 22, 2008

In seiner Heimat ist Ed Brubaker bereits seit Jahren als einer der besten Comic-Autoren bekannt. Mehrere prestigeträchtige Eisner-Nominierungen und erhaltene Eisner-Preise sprechen eine deutliche Sprache. Inzwischen wollen die Hollywood-Größen Sam Raimi und Tom Cruise seine Graphic-Novel „Sleeper“ verfilmen.

In Deutschland kennen ihn, außerhalb der Hardcore-Comic-Szene, Unterabteilung Superhelden-Comics/Marvel-Universum, bislang nur wenige. Mit dem ersten „Criminal“-Band „Feigling“, in dem er zusammen mit Zeichner Sean Phillips eine Überfall-Geschichte erzählte, änderte sich das etwas. Mit dem zweiten „Criminal“-Band „Blutsbande“, dem ersten „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ und „Point Blank“, dem eigenständigen Vorspiel zur „Sleeper“-Serie, die alle die Tage erschienen sind, müsste sich das grundlegend ändern. Denn alle drei Comic-Bücher erzählen schnelle, wendungsreiche Hardboiled-Geschichten, die einer alten Formel so viel neues Blut verpassen, dass sie frisch und neu sind, ohne ihre Ursprünge zu verraten.

Die Comics „Point Blank“ und „Sleeper“, beide erschienen 2003 bei Wildstorm/DC Comics, verknüpfen gekonnt gewalttätigen Noir mit etwas abgehalftertem Superhelden-Gedöns. Denn einerseits haben die wichtigen Charaktere, teilweise bekannt aus dem WildC.A.T.S.-Kosmos, nach genetischen Manipulationen (Gen-Faktor genannt) übermenschliche Fähigkeiten, andererseits können sie letztendlich nichts Richtiges damit anfangen. Die Superkräfte scheinen sogar eher eine Belastung zu sein.

Der Held von „Point Blank“ ist der abgebrannt in Kneipen herumhängende Ex-Elitesoldat Cole „Grifter“ Cash. Er gehörte zur supergeheimen von John Lynch geleiteten Regierungsorganisation International Operations.

Eines Tages bittet ihn sein alter Chef Lynch um Hilfe. Er braucht, um einen von ihm gemachten „Fehler“ zu korrigieren jemand, dem er vertrauen kann. Diese Korrektur bedeutet, dass sie auf der Suche nach einem Carver mehrere Menschen foltern und töten müssen.

Als Lynch bei einem Mordversuch lebensgefährlich verletzt wird, beginnt Cash den Täter zu suchen. Seine Spur führt ihn zum kriminellen Superhirn Tao, der eine geheime Superwesen-Organisation befehligt.

Zusammengefasst klingt „Point Blank“ (dass der Comic den gleichen Titel wie der erste Parker-Roman von Richard Stark hat, ist sicher kein Zufall) nach einer banalen Rachegeschichte. Aber Ed Brubaker erzählt die Geschichte mit zahlreichen Rückblenden, die sich organisch in die Geschichte einfügen und nur durch den wechselnden Zeichenstil von Colin Wilson auffallen. So spiegelt die Erzählweise auch den geistigen Zustand von Cash wieder. Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte in dem vertrauten Noir-Kosmos, in dem ein Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, sich für einen Mord (auch wenn Lynch dank seiner Superheldenkräfte nur im Koma liegt) verantwortlich fühlt. Als er am Ende Tao gegenübersteht, endet die Begegnung ganz anders, als er es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen hätte können.

„Ich dachte mir: Es wäre doch interessant, einen Comic über jemanden zu machen, der vorgibt, jemand anderes zu sein, und dann nach und nach nicht mehr unterscheiden kann zwischen sich selbst und der Rolle, die er spielt.“

Ed Brubaker über „Sleeper“

Am Ende von „Point Blank“ findet Cash den von Lynch verzweifelt gesuchten Holden Carver, der von Lynch als Undercover-Agent in die Organisation von Tao eingeschleust wurde. Carver soll herausfinden, was Tao vorhat. Denn Lynch kann sich keinen Reim auf die Anschläge und Verbrechen von Tao machen. Carvers Einsatz ist so gefährlich und geheim, dass nur Lynch die Wahrheit kennt.

Nachdem in „Point Blank“ ein ziemlich verrückter Einzelkämpfer im Mittelpunkt stand und die Erzählung entsprechend fragmentiert war, ist „Das Schaf im Wolfspelz“ eine Übung in Selbstbeherrschung – und sich langsam auflösenden Grenzen. Entsprechend der ursprünglichen Erscheinungsweise als einzelne Comichefte hat der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eine weitgehend episodische Struktur, die in sechs relativ klar getrennten Episoden vom Aufstieg Carvers in der Superwesen-Organisation von Tao und seiner entflammenden Liebe zu Miss Misery, der Vertrauten Taos, erzählt. Gleichzeitig versucht Holden, tief im Inneren, seine ursprüngliche Identität zu bewahren.

Denn Carver ist nach dem jahrelangen Undercover-Einsatz immer mehr zwischen den beiden Identitäten aufgerieben und besonders seitdem Lynch im Koma liegt, fragt er sich, wie er jemals wieder in sein altes Leben zurückkehren kann; – falls er das überhaupt will.

Der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eröffnet fulminant die düstere Geschichte eines Undercover-Agenten, dessen Weg zurück in ein bürgerliches Leben ihm zunehmend versperrt ist. Brubaker/Phillips erzählten die Geschichte von Carver in den noch folgenden drei „Sleeper“-Bänden weiter. Sie etablierten sich in der Comicszene mit dieser Serie als ein Team für düstere Hardboiled-Geschichten.

Dabei ist Carvers Geschichte von einem Undercover-Mann, der sich die Finger schmutzig machen muss und bei den Verbrechern immer mehr Freunde findet, keine neue Geschichte. Zahlreiche, teilweise auf wahren Begebenheiten beruhende, Kriminaldramen über die langen Undercover-Einsätze von Polizisten, die zunehmend zwischen ihren verschiedenen Loyalitäten zerrissen sind, und der fast zeitgleich entstandene Hongkong-Thriller „Infernal Affairs“ (der in den USA erst nach der Veröffentlichung von „Sleeper“ startete) erzählen in Teilen ähnliche Geschichten. Doch „Sleeper“ ist düsterer und gewalttätiger als die meisten anderen Geschichten. Brubaker verknüpft hier schamlos eine Noir-Geschichte, die irgendwo zwischen Gangster- und Spionagethriller schwankt, mit einer Superheldengeschichte, baut mehr Storytwists ein als bei „24“ und lässt auf kein gutes Ende hoffen.

„Point Blank“ und „Sleeper: Das Schaf im Wolfspelz“ haben in der deutschen Ausgabe mit den informativen Nachworten von Jochen Ecke auch ein lohnenswertes Bonus-Feature, das an die US-amerikanischen Heftausgaben von „Criminal“ erinnert. Dort gibt es, geschrieben von Brubaker und anderen Autoren, als Bonus zu den Comics Texte über die für die „Criminal“-Gesichte n wichtigen Noir-Einflüsse und, jüngst, ein Interview mit Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai.

„One of my intentions with this series was to create a book that could handle any and every story I wanted to tell. The cast of the book is a loose-knit gang of crooks – a pickpocket, a hit-man, and a crooked cop, for starters – who each take center stage at different times. This way I can do a heist story, follow that with a revenge drama, and then a prison breakout, all while using the same characters. And as each story unfolds, the mysterious past that connects these characters is revealed, so readers can watch the puzzle of their twisted history being put together.“

Ed Brubaker über “Criminal”

Nach „Sleeper“ schrieb Ed Brubaker etliche Geschichten für bekannte Marvel-Charaktere, wie Captain America, Catwoman, Daredevil und X-Men, und erfand zusammen mit Greg Rucka die im Batman-Universum spielende Serie „Gotham Central“. 2006 widmete Brubaker sich dann, wieder zusammen mit Zeichner Sean Phillips, kompromisslos dem Noir und startete die gefeierte, im heutigen Amerika spielende „Criminal“-Serie. Letztes Jahr erhielt „Criminal“ den Eisner Award für Beste neue Serie und Ed Brubaker einen Eisner als Bester Autor des Jahres. Der erste Band „Feigling“, in dem die Geschichte eines misslungenen Überfalls erzählt wird, überzeugte restlos als sehr stilbewusste und eigenständige Genregeschichte. „Blutsbande“, der zweite „Criminal“-Band erzählt, nicht minder überzeugend, eine eiskalte Rachegeschichte.

Als Alternative zum Knast ging Tracy Lawless zum Militär, kämpfte in Bosnien, Afghanistan und dem Irak, verweigerte Befehle, wurde in ein Militärgefängnis eingesperrt und erfuhr erst ein Jahr nach dem Tod seines kleineren Bruders Broderick davon. Lawless kehrt, um den feige ermordeten Rick zu rächen, unter falschem Namen in seine alte Heimatstadt zurück, hängt in der Bar „The Undertow“ ab und beobachtet Rickys alte Bande. Als sie kurz vor einem neuen kriminellen Coup stehen, bringt er ihren Fahrer Davey um und bietet sich ihnen als neuer Fluchtwagenfahrer an. Als Fürsprecher benutzt er den in Untersuchungshaft sitzenden Fluchtwagenfahrer und Rickys besten Freund Leo Patterson (Genau, der „Feigling“ hat seine selbstmörderische Aktion am Ende des ersten Bandes überlebt.).

Tracy Lawless wird in der Bande aufgenommen und beginnt die Gangster gegeneinander auszuspielen. Denn er will wissen, wer von ihnen seinen Bruder ermordete.

Dank des geschickten Einsatzes von Rückblenden, ein von Brubaker gerne benutztes Stilmittel, wird genug von Tracy Lawless Vergangenheit bekannt, um ihn als tragischen Charakter, der immer seinen kleinen Bruder beschützen wollte, zu erkennen. Der auf den ersten Blick illusionslos-harte Lawless kann nämlich seiner Vergangenheit und den Verpflichtungen gegenüber der Familie, auch wenn alle Familienmitglieder tot sind, nicht entkommen. So ist das Ende von „Blutsbande“ für Tracy Lawless ähnlich bitter wie das Ende von „Feigling“ für Leo Patterson.

„Nur wenige Leute wissen, was eine gute Kriminal-Story ausmacht. Man denke nur an die alten Batman-Filme und so ziemlich jeden Versuch in Sachen Film Noir, seit das Kino farbig wurde: das Dunkle und das Schmutzige ist nur Fassade. Aber die innere Finsternis, die jede gute Kriminal-Story enthüllt und befreit, findet nie statt. Deine Geschichten sind haargenau richtig und wunderbar unerbittlich. Und das Beste: Sie nehmen sich ernst, und das mit erhobenen Haupt.“

Frank Miller (Sin City) über „Criminal“

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Point Blank

Wildstorm, DC Comics 2003

(Erstausgabe in Einzelheften: Point Blank 1 – 5, 2002/2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper: Out in the Cold

Wildstorm, DC Comics 2004

(Erstausgabe in Einzelheften: Sleeper 1 – 6, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Criminal 2: Lawless

Marvel Comics, 2007

(Erstausgabe in Einzelheften: Criminal 6 – 10, 2007)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Blog über „Criminal“

Meine Besprechung von „Criminal 1: Feigling“ (mit weiteren Hinweisen)

Der zweite „Sleeper“-Band „Die Schlinge zieht sich zu“ erscheint im November.


TV-Tipps für’s Wochenende

August 22, 2008

Mamet zum Ersten, Scorsese zum Dritten (aber im Ersten)

Samstag, 23. August

Kabel 1, 20.15

Heist – Der letzte Coup (USA/Can 2001, R.: David Mamet)

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aufhören. Sein Hehler Bergmann erpresst ihn zu einem letzten Coup.

Gute Dialoge, gute Schauspieler und ein wendungsreiches Drehbuch voller Täuschungsmanöver. Denn natürlich will hier jeder jeden übers Ohr hauen.

Mit Gene Hackman, Dann DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell

Wiederholung: Sonntag, 24. August, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Sonntag, 24. August

ARD, 23.30

GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (USA 1990, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi

LV: Nicholas Pileggi: Wiseguy, 1985 (Der Mob von innen)

Preisgekrönter und mitreisender Gangsterfilm über das Leben des Mafia-Aussteigers Henry Hill zwischen 1955 und 1980 in New York.

Bei Scorsese sind Gangster die Kehrseite des amerikanischen Traums und die Mafia keine ehrenwerte Gesellschaft, sondern eine Ansammlung von Killern, Schlägern und Betrügern.

„Einige Autoren (wie Martin Amis) sehen Raging Bull, GoodFellas und Casino als eine zusammenhängende Trilogie, die unter anderem als Gegenentwurf gegen Coppolas romantisierende Godfather-Trilogie zu verstehen sei. (…) Wenn Raging Bull den Erfolg und GoodFellas die Gewalt untersucht hat, dann ist Casino der Film, der ‚Vertrauen’ behandelt. Wie eine Krankheit.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

mit Robert De Niro, Joe Pesci (Oscar als bester Nebendarsteller), Ray Liotta, Lorraine Bracco, Paul Sorvino


Zwei neue Autoren, zwei Frauen und drei Treffer

August 22, 2008

Die drei Metro-Romane „Das Meisterspiel“ von Hannelore Cayre, „Chamäleon Cacho“ von Raúl Argemí und „Ganz die Deine“ von Claudia Piñeiro sind mit 160, 160 und 192 Seiten kurz genug, um während einiger Metro-Fahrten gelesen zu werden. Sie können natürlich auch an einem anderen Ort genossen werden. Denn in jedem Fall lohnt sich die Lektüre.

Vergangenes Jahr eroberte Hannelore Cayre mit ihrem schnoddrigen Pariser Pflichtverteidiger Christophe Leibowitz im Sturm die Herzen der Leser. In „Der Lumpenadvokat“ ließ Leibowitz sich auf einen Gefangenenausbruch ein und landete im Knast. Den hat er am Anfang von „Das Meisterstück“ gerade hinter sich. Er hat einige Euro mehr auf seinem Bankkonto, ist schnell des müßigen Lebens überdrüssig und beginnt wieder zu arbeiten. Dieses Mal sogar in einem größeren Büro.

Er verteidigt Aziz Choukri. Aziz, einer der jüngeren Brüder der Kokainschieber und Verbrecherfamilie Choukri und passionierter Einbrecher in Nobelvillen mit einem jungfräulichen Strafregister, soll bei einem hohen Beamten des Finanzministeriums sieben wertvolle Bilder geklaut haben. Leibowitz fällt aus allen Wolken, als Aziz ihm sagt, die Bilder lägen noch im Versteck. Er veranlasst, dass die Gemälde zu einem anderen Versteck gebracht werden.

Sein zweiter Mandant ist der Mittsiebziger Marcel Lazare. Der Knaststammkunde verbüßt gerade eine fünfzehnjährige Haftstrafe. Er hat Darmkrebs im Endstadium und möchte seine letzten Tage in Freiheit genießen. Allerdings hält der Staatsanwalt ihn für einen Simulanten. Leibowitz erreicht die vorzeitige Entlassung von Lazare, befreundet sich mit ihm und bittet ihn später, als er von Aziz erfährt, dass die Bilder noch im Versteck sind, ihm zu helfen die sieben Bilder an einen sicheren Ort zu bringen. Da entdeckt Leibowitz ein achtes, ebenfalls von Aziz bei dem Beamten gestohlenes, Bild. Es wurde von Egon Schiele gemalt, ist in keinem der offiziellen Werkverzeichnisse und wurde nicht als gestohlen gemeldet. Es ist, wie er herausfindet, Beutekunst.

Leibowitz könnte jetzt zufrieden dem Lauf der Dinge folgen, wenn Aziz nicht seine Schwester, der wegen des Diebstahls eine Haftstrafe droht, beschützen möchte und Leibowitz deshalb die Bilder wieder in das Versteck zurückbringen müsste. Allerdings ist Lazare inzwischen mit den Gemälden verschwunden.

Und, schließlich ist auch Ärger im Dutzend billiger, glaubt die knallharte Steuerinspektorin Marie-France Rongier, dass Leibowitz in seiner Steuererklärung nicht alle seine Einkünfte angegeben hat.

Leibowitz steckt also wieder bis zum Hals im, teilweise selbstverschuldeten, Schlamassel.

Das ist mehr als genug Stoff für einige entspannte Stunden mit einem Rechtsanwalt, der wahrlich keine Zierde für seinen Berufsstand ist. Die sich über mehrere Monate erstreckende Geschichte in „Das Meisterstück“ ist trotz zweier sich gegenseitig beeinflussender Plots eher locker gestrickt und dient immer wieder als Aufhänger für die sarkastischen Bemerkungen von Ich-Erzähler Leibowitz über seinen Berufsstand, das Justizwesen und die Verbrechen der Reichen. Da werden dann notorische, aber altmodische Verbrecher wie Aziz und Lazare zu liebenswerten Gestalten. Außerdem erfreuen die kleinen Bosheiten, Winkelzüge und subtilen Beleidigungen während der verschiedenen Verfahren den stillen Beobachter.

Ebenfalls ziemlich tief im Schlamassel steckt in Raúl Argemís „Chamäleon Cacho“ der Journalist Manuel Carraspique. Während eines schweren Verkehrsunfalls starb sein Beifahrer. Er liegt vollgepumpt mit Betäubungsmitteln in einem Provinzkrankenhaus. Er fragt sich was vorher geschah, überlegt sich schon für die Polizei die geschönte Version und wittert im Nachbarbett die Geschichte seines Lebens. Dort liegt Márquez. Er soll auf einer abgelegenen Farm zuerst eine Teufelsaustreibung begangen, dann die Anwesenden getötet und sich selbst in Brand gesteckt haben. Jetzt liegt er mit schweren Brandwunden und ohne die Möglichkeit einer Identifizierung im Krankenhaus. Deshalb könnte er auch, wie ein Bundespolizist glaubt, ein gesuchter Drogenhändler sein. Die Krankenschwestern sind dagegen felsenfest davon überzeugt, dass der Mann mit den schweren Verbrennungen Marquez ist.

Carraspique beginnt Márquez auszuquetschen. Er soll ihm erzählen, was auf der Farm geschah. Doch Márquez erzählt ihm immer wieder von einem Mann namens Cacho, der nach seiner Zeit beim Militär eine bunte Karriere als skrupelloser Verbrecher hinter sich hat. Carraspique fragt sich, wer neben ihm liegt: ein abergläubisch-dummer Bauer, ein eiskalter Verbrecher oder einfach nur ein Märchenerzähler.

Raúl Argemis Noir lebt vor allem von der Frage, wer hier wen belügt und, damit verbunden, wie zuverlässig der unzuverlässige Erzähler Carraspique ist. Schließlich wird er ständig mit Sedativen ruhig gestellt, pendelt zwischen Wachsein und Traum, hat kein Zeitgefühl, kann die Krankenschwestern nicht auseinanderhalten und ist keineswegs ein Unschuldslamm.

„Bei ‚Chamäleon Cacho’ habe ich mich bewusst für einen kurzen Roman entschieden, um zu verhindern, dass der Leser das Buch aus der Hand legt oder nicht mehr fühlt, was da passiert. Der ‚Faustschlag’ dient letzlich dazu, den Leser zum Weiterdenken zu bewegen. Selbst ich denke noch viel über diesen Roman nach“, sagt Raúl Argemi über seinen kurzen Noir, der auch ein Fiebertraum ist.

Der auf den ersten Blick traditionellste Kriminalroman in dieser Kolumne ist Claudia Piñeiros Debütroman „Ganz die Deine“. Ich-Erzählerin Inés Pereyra ist die perfekte Ehefrau und Mutter. Sie managt den Haushalt mit soviel Verve, dass sie eigentlich ganz froh ist, sexuell von ihrem Mann Ernesto, der mit Beruf und Fortbildungen beschäftigt ist, nur selten belästigt zu werden. Schließlich gibt es dafür zur Not Konkubinen. Deshalb ist Inés auch nur mäßig beunruhigt von dem mit einem Lippenstift verzierten Zettelchen auf dem „Ich liebe dich – Die Deine“ steht. Sie ärgert sich vor allem über das mangelnde Feingefühl ihres Mannes, der den inkriminierenden Zettel in seinem Jackett vergaß, und beginnt ihn zu überwachen. Denn sicher ist sicher.

Als sie ihn eines Nachts in einen Park verfolgt, beobachtet sie ein Treffen von Ernesto mit seiner Geliebten, wie sie sich streiten, er sie von sich wegstößt und sie unglücklich fällt. Inés beschließt ihrem von dieser Situation hoffnungslos überforderten Mann heimlich zu helfen. Denn er versenkt zwar ohne ihre Hilfe die Leiche seiner Geliebten, die gleichzeitig seine Sekretärin war, in einem See. Aber ansonsten ist er furchtbar nachlässig im Verwischen seiner Spuren und die Tote hatte eine Nichte mit einem, aus Sicht von Inés, erschreckend großem Busen. Langsam, aber sicher, nehmen die Ereignisse ihren fatalen Lauf. Denn die eingestreuten Berichte der Polizei lassen keine Zweifel am Ende des Ehedramas aufkommen.

Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ ist ein kleiner, durchaus sarkastisch erzählter Krimi über eine argentinische Ehefrau, deren Versuche heimlich das Leben ihres untreuen Mannes zu beschützen zu einem tödlichen Eifersuchtsdrama führen. Dabei demontiert Piñeiro von der ersten Zeile an die heilig-heile Familie: der Vater geht heimlich fremd, die Mutter schafft heimlich Geld beiseite und die Tochter verheimlicht ihre Schwangerschaft und die geplante Abtreibung. Nur Inés glaubt noch an den nach Außen zu schützenden Schein der heilen Familie. Da ist es kein Wunder, dass ihr Versuch diese schon lange nicht mehr existierende Familie mit einigen Verbrechen zusammen zu halten, zum Scheitern verurteilt ist.

Alleinstehende können dieses Treiben besonders schadenfroh betrachten.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück

(übersetzt von Rudolf Schmitt)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Toiles de maitre

Èditions Métailié, Paris, 2005

Hinweise

Unionsverlag über Hannelore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres “Der Lumpenadvokat”

Raúl Argemí: Chamäleon Cacho

(übersetzt von Susanna Mende)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Penúltimo nombre de guerra

Algaida Editores, Sevilla, 2004

Hinweis

Unionsverlag über Raúl Argemí

Claudia Piñeiro: Ganz die Deine

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2008

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Tuya

Ediciones Colihue, Buenos Aires 2003

Hinweis

Unionsverlag über Claudia Piñeiro


TV-Tipp für den 22. August

August 22, 2008

Tele 5, 00.55

Dog Day – Ein Mann rennt um sein Leben (F 1983, R.: Yves Boisset)

Drehbuch: Yves Boisset, Michael Audiard, Dominique Roulet, Serge Korber, Jean Herrmann

LV: Jean Vautrin (= Jean Herrmann): Canicule, 1982

Das Auftauchen eines flüchtigen amerikanischen Bankräubers, der seine in Kornfeldern vergrabene Beute holen möchte, sorgt für das tödliche Aufbrechen familiärer Konflikte.

Lange, lange, lange nicht mehr gezeigter top besetzter französischer Krimi.

„In ‚Dog Day’ kehrt [Boisset] Stereotypen und Mythen des amerikanischen und französischen Gangster- und Actiongenres ins Satirische und Groteske um. In seinem Spiel mit dem Markenzeichen Lee Marvin verdeutlicht er, wie das Alltägliche in seiner öden Banalität Sprengkraft anstauen kann, die durch einen geeigneten Auslöser mehr kriminelle Energie freisetzt, als es sich die einschlägigen Profis der Filmgeschichte träumen lassen. Ein Film, nicht ohne Schwächen in der Charakterisierung einzelner Figuren, der vor allem durch die hervorragende Miou-Miou, durch Jean Carmet und Lee Marvin getragen wird.“ (Fischer Film Almanach 1986)

Mit Lee Marvin, David Bennent, Miou-Miou, Bernadette Lafont, Victor Lanoux, Jean Carmet

Wiederholungen

Samstag, 23. August, 04.30 Uhr (Taggenau!)

Sonntag, 24. August, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Evene über Jean Vautrin

Wikipedia über Jean Vautrin (nicht so umfangreich)

Lire: Porträt Jean Vautrin (2001/2002 – alle französisch)


Duane Swierczynski antwortet – und zeigt sein Arbeitszimmer

August 20, 2008

Bei Bookgasm ist ein witziges Interview mit Duane Swierczynski (in Deutschland Duane Louis, Blondes Gift) erschienen. Über seine Ideen sagt er:

When I’m cooking up a new book, I think about situations that would be interesting to explore for 200, 300 pages — situations that won’t bore me to death. My filing cabinet is full of partial novels that didn’t make the cut.

Zum Tempo seiner Bücher und wie es entsteht, sagt er:

Actually, I don’t allow myself to urinate unless a finish a chapter. This is why … um, my chapters are very, very short.

It all goes back to my golden rule: If I’m bored with something, then any potential readers will certainly have taken the express train to snoozeville. So I try to keep things moving as much as possible.

In seinem Secret Dead Blog gibt es einen Blick auf seinen Schreibtisch und die gegenüberliegenden Ablenkungen.


Kurzes Ed-Brubaker-Hollywood-Update

August 20, 2008

Weil ich heute mit einem anderen Projekt beschäftigt war, gibt es nur eine kurze Ed-Brubaker-Meldung (deutsch und kürzer): Sam Raimi produziert als nächstes den Comic „Sleeper“ von Ed Brubaker und Sean Phillips. Tom Cruise ist irgendwie auch dabei. Ob ebenfalls nur als Produzent oder auch als Hauptdarsteller ist noch unklar. Und vielleicht übernimt Raimi auch die Regie. – Nun, warten wir’s ab.

In „Sleeper“, der ersten Zusammenarbeit des Teams Brubaker/Phillips, erzählen sie die Geschichte des Undercover-Agenten Holden Carver. Er soll die Organisation des verbrecherischen Masterminds Tao zerstören. Je weiter Carver in Taos Organisation aufsteigt, umso mehr muss er sein früheres Ich verleugnen, bis irgendwann nur noch die Gangster seine Freunde sind. „Sleeper“ ist natürlich ziemlich Noir.

Der erste Sleeper-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ erschien auf Deutsch vor wenigen Tagen bei Cross Cult.

Nachtrag 1: Meine Besprechung von Sleeper.

Nachtrag 2: Comic Book Resources spricht mit Ed Brubaker über das Filmprojekt und ob er sich Tom Cruise in der Hauptrolle vorstellen kann.


<span>%d</span> Bloggern gefällt das: