Neu im Kino/Filmkritik: Die Musikdoku „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

September 28, 2022

Türkische Musik dürften die meisten Deutschen nur vom Besuch beim nächsten Döner kennen. Da läuft manchmal im Fernsehen türkische Musik, die sich meistens wie billigste Schlagermusik anhört. Das ist nichts, was das gesteigerte Interesse des Musikliebhabers weckt. Auch in den Charts taucht türkische Musik kaum auf.

Trotzdem gibt es in Deutschland eine türkische Musikszene, die sich in den vergangenen sechzig Jahren, seit der Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter aus der Türkei, parallel und abseits vom Mainstream entwickelte. Zunächst weil die Gastarbeiter einige Jahre hier arbeiten und dann wieder zurück in ihre Heimat zu ihren Familien wollten. Ihre Arbeitgeber sahen das ähnlich. Später spielten sie primär für ein türkisches Publikum. Erst seit den Neunzigern veränderte sich das.

In seiner Doku „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ porträtiert Cem Kaya („Remake, Remix, Rip-Off“) mit oft bislang unbekannten Originalaufnahmen, Aufnahmen aus den TV-Archiven und aktuellen Interviews die in Deutschland existierende türkische Musikszene und wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderte. Das geschieht in drei Erzählblöcken. Im ersten Block geht es um die Anfänge. Damals spielten Gastarbeiter für andere Gastarbeiter. Zunächst spielten die Musiker Volkslieder; später auch Eigenkompositionen, die sich mit ihrem Leben in Deutschland beschäftigten. Viele ihrer Stücke erschienen auf dem zunächst in Köln ansässigem Label „Türküola“, das türksiche Musik für in Deutschland lebende Türken produzierte und an den Orten verkaufte, an denen Türken einkaufen gingen. In Schallplattenläden waren sie normalerweise nicht zu finden.

Cem Karaca und die Kanaken“ war einer der wenigen Musiker, der 1984 auch eine LP mit auf Deutsch gesungenen Rocksongs aufnahm. Damals war er ein in der Türkei und Deutschland erfolgreicher Musiker, der Probleme mit der türkischen Regierung hatte und seit 1979 in Deutschland im Exil lebte. Nach seiner Rückkehr in die Türkei, setzte hier niemand sein Werk fort.

Vor allem in den Achtzigern spielten türkische Bands auf Hochzeiten. Dort verdienten sie viel Geld. Und, wie schon die erste Generation türkischer Musiker, interessierten sie sich nicht für ein deutschsprachiges Publikum; – falls dieses überhaupt türkische Musik gekauft hätte.

Im dritten und letzten Erzählblock beschäftigt Kaya sich mit den Entwicklungen ab den Neunzigern. Türkischstämmige, in Deutschland geborene Jugendliche rappten über ihr Leben in Deutschland. Im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern begriffen sie sich als Teil der deutschen Gesellschaft. Die 1992 Debütsingle „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry brachte das Gefühl auf den Punkt.

Das alles erzählt Kaya in straffen hundert Minuten. Da wird vieles nur kurz angesprochen oder fehlt ganz. Aber das ist nicht schlimm. In künftigen Filmen können dann einzelne Aspekte, über die man nach dem Film mehr wissen möchte, vertieft und Lücken geschlossen werden. Diese Doku war niemals als ein alles umfassender und abschließend erklärender Film geplant. Sie ist ein erster Aufschlag. In dem Film arbeitet Kaya gelungen wichtige Entwicklungen heraus und verknüpft sie überzeugend mit der Geschichte der türkischen Gastarbeiter, die ungeplant zu Einwanderern wurden.

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ ist ein fulminanter Überblick über sechzig Jahre Musik- und Integrationsgeschichte, die fast nie von der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Das dürfte sich jetzt ändern.

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod (Deutschland 2022)

Regie: Cem Kaya

Drehbuch: Cem Kaya, Mehmet Akif Büyükatalay

mit İsmet Topçu, Ömer Boral, Yüksel Ergin, İhsan Ergin, Metin Türköz, Adnan Türköz, Yüksel Özkasap, Cevdet Yıldırım, Ercan Demirel, Cavidan Ünal, Ata Canani, Betin Güneş, Aykut Şahin, Fehiman Uğurdemir, Cengiz Öztunç, Dede Deli, Mustafa Çetinol, Erdal Karayağız, İzzet Nihat Yarsaloğlu, Hatay Engin, Yasin Kıran, Aytaç Kıran, Serdar Saydan, Serkan Kaynarcalı, Rüştü Elmas, Mustafa Deniz, Oktay Vural, Orhan Amuroğlu, Ümit Gücüyener, Sultan Korkmaz, Bekir Karaoğlan, Ümit Çağlar, Ali Ekber Aydoğan, Killa Hakan, Kabus Kerim, Derya Yıldırım, Tümay Koyuncuoğlu, Rossi Pennino, Kutlu Yurtseven, Erci Ergün aka Erci E., Alper Ağa, Boe B., Tahir Çevik aka Tachi, Volkan Türeli, Nellie, Muhabbet, Aziza A., İmran Ayata, Bülent Kullukcu, Ibrahim Ertalay, Ilkay Kökel, Mehmet Yozgut

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Moviepilot über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Wikipedia über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Berlinale über „Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“

Cem Kaya auf der Berlinale

Cem Kaya bei einem Filmgespräch in Nürnberg


R. i. P. Pharoah Sanders

September 25, 2022

R. i. P. Pharoah Sanders (geb. 13. Oktober 1940 in Little Rock, Arkansas, gest. 24. September 2022 in Los Angeles, Kalifornien)

Der Saxophonist war einer der großen Musiker des Free Jazz. Sein bekanntestes Stück ist „The Creator has a master plan“, gut 33 Minuten spirituelle Erleuchtung (auf der 1969 erschienenen Impulse!-LP „Karma“). Als Mitspieler kann er außerdem auf LPs von Sun Ra, Ornette Coleman, Alice Coltrane und John Coltrane gehört werden.


Neu im Kino/Filmkritik: David Bowie hat einen „Moonage Daydream“

September 15, 2022

Moonage Daydream“ ist kein konventioneller Dokumentarfilm, der in zwei Stunden chronologisch das Leben eines Künstlers zusammenfasst, sondern ein über zweistündiges gigantisces David-Bowie-Mash-Up, das rudimentär seiner Lebensgeschichte folgt. Es gibt also, ziemlich chronologisch präsentiert, seine Hits. Dazu plündert Brett Morgen („Cobain: Montage of Heck“), mit Erlaubnis vn Bowies Erben, das David-Bowie-Archiv. Er präsentiert neben bekannten Aufnahmen auch bislang unbekannte oder verschollen geglaubte Aufnahmen. Es gibt Konzertmitschnitte, Musikvideos, Privataufnahmen, Talkshowauftritte und Auschnitte aus den Filmen, in denen Bowie mitspielte. Diese Bilder schneidet Morgen munter unter die Songs, was dazu führt, dass auch bei Live-Auftritten Bowies Lippen sich nicht synchron zum Liedtext bewegen. Gleichzeitig wechselt Bowie seine Kostüme und er wird auch mal zwanzig, dreißig Jahre älter oder jünger. Der Erkenntnisgewinn von diesen Bilderschnipseln ist gering. Außer dass Bowie auf der Bühne immer gut aussah.

Dazwischen werden Statements von Bowie als kluge Sätze in den Film hineingeschnitten, ohne dass ersichtlich wird, wann und welchem Zusammenhang sie gesagt wurden. Andere Musiker und Künstler, mit denen Bowie zusammen arbeitete, kommen nicht vor. In „Moonage Daydream“ dreht sich alles um David Bowie. Das geht so weit, dass sogar bei den vielen Konzertschnipseln immer nur Bowie im Bild ist.

So entsteht das Bild eines einsamen, von der Welt isolierten Künstlers. Bowie ist hier wieder der Mann, der vom Himmel fiel. Aus diesem Science-Fiction-Film gibt es mehrere Ausschnitte. Aus anderen Bowie-Filmen, wie „Begierde“ oder „Die Reise ins Labyrinth“, nur einen sekundenlangen Ausschnitt, quasi ein längeres Standbild. Länger ist er allein in einem Boot auf einem Fluss in Asien oder allein beim Malen zu sehen. Einmal geht er, ebenfalls allein, einen Gang hinunter und betritt einen Fahrstuhl.

Ergänzt werden die vielen Bilder von David Bowie von einigen Ausschnitten aus sattsam bekannten Filmklassikern, wie „Metropolis“.

Dieser Bilderbrei ist wie ein YouTube-Abend mit Zufallsauswahl, bei dem jemand einem eine Pistole an die Stirn hält und zum Ansehen von jedem einzelnem Bild zwingt.

Das ist sogar für einen Bowie-Fan eine Tortur. Jedenfalls wenn er mehr als einen ermüdenden David-Bowie-Mash-Up will.

Moonage Daydream (Moonage Daydream, USA 2022)

Regie: Brett Morgen

Drehbuch: Brett Morgen

mit David Bowie

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Moonage Daydream“

Metacritic über „Moonage Daydream“

Rotten Tomatoes über „Moonage Daydream“

Wikipedia über „Moonage Daydream“ und David Bowie (deutsch, englisch).

Homepage von David Bowie

AllMusic über David Bowie

Mein Nachruf auf David Bowie

Meine Besprechung von Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)

Bonus

One! Two! Three! Let’s Rock! Mit David Bowies ungeliebtem, nichtsdestotrotz grandiosem Projekt „Tin Machine“, das auch in „Moonage Daydream“ ignoriert wird. Play it loud.


Neu im Kino/Filmkritik: „Elvis“ Presley, sein Leben erzählt von Colonel Tom Parker. Mehr oder weniger

Juni 24, 2022

Fans von Elvis Presley kommen in Baz Luhrmanns Biopic „Elvis“ auf ihre Kosten. Es gibt viel Elvis Presley, viel Musik und, bei seinen Liveauftritten, eine schweißtreibende animalische Entfesselung, die uns Spätgeborenen zeigt, warum in den Fünfzigern Eltern ihre Kinder vor diesem Mann beschützen wollten; – auch wenn Luhrmann hier wahrscheinlich schamlos übertreibt. Auch die Besetzung ist nicht ohne. Austin Butler (Tex Watson in „Once upon a time…in Hollywood“) spielt Elvis Presley. Tom Hanks spielt Colonel Tom Parker, den äußerst geschäftstüchtigen und skrupellosen Manager von Elvis Presley. Bevor er Presleys Entdecker, Förderer und Manager wurde, war er Schausteller auf Jahrmärkten. Mit Wanderzirkussen tingelte er durch die US-Provinz. Von Musik hatte er keine Ahnung. Von einem guten Geschäft schon und das sah er in Presley. Er ist der unzuverlässige Erzähler von Luhrmanns Biopic und damit ist von der ersten Minute an klar, dass im Zweifel eine gute Geschichte über die Fakten triumphiert. Soweit sie überhaupt bekannt sind.

Der Anfang und, ungefähr die erste Stunde des gut dreistündigen Films, ist furios. Danach scheint alle kreative Energie aufgebraucht zu sein. Damit ähnelt „Elvis“ dem Leben von Elvis Presley. Er wird am 8. Januar 1935 in East Tupelo, Mississippi, als Sohn eines Landarbeiters geboren. 1953 nimmt er seinen ersten Song für Sun Records auf. Schnell begeistert er die Massen und wird zum „King of Rock ’n’ Roll“. Er macht Blues, Gospel und Soul, also Schwarze Musik, mit einer Prise Country, für den weißen Musikhörer goutierbar.

Sein Manager, Colonel Tom Parker, ein, wie gesagt, äußerst halbseidener Charakter, sorgt dafür, dass sie viel Geld verdienen. Da sind Presleys Monate als Soldat von 1958 bis 1960 in Deutschland nur eine kurze Unterbrechung von den Live-Auftritten, die mit Schallplatten überbrückt werden.

Danach tritt Presley in über dreißig Hollywood-Filmen auf, die bis auf Don Siegels „Flammender Stern“ (Flaming Star), vergessenswerte Fließband-Musicals sind. Ab 1969 gastiert er in Las Vegas. Aus finanzieller Sicht ist das eine ertragreiche Zeit. Künstlerisch nicht.

Am 16. August 1977 stirbt er in seiner Villa Graceland in Memphis, Tennessee.

Luhrmann („Moulin Rouge“, „Der große Gatsby“) erzählt Presleys Leben chronologisch nach. Das ist bis zu seinem Aufenthalt in Deutschland als Soldat atemberaubend dicht erzählt. Wenig subtil, aber mitreisend, erzählt Luhrmann von Presleys Faszination für die Schwarze Musik. Zuerst hört er als Kind in einer Spelunke, die nur von Schwarzen besucht wird, den Blues. Dann hört er auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Gottesdienst den Gospel und er ist…, nach den Filmbildern, ekstatisch besessen. Luhrmann springt in der Zeit hin und her, verdichtet und arbeitet auch mit Texteinblendungen. Das ist überbordend, maßlos und gerade deshalb mitreißend und voller Energie.

Danach handelt Luhrmann die weiteren Stationen und Jahre in Presleys Leben in gepflegter Biopic-Manier ab. Zunehmend redundant folgt ein Auftritt auf das nächste Gespräch, in dem Presley wieder sagt, er möchte eine Welttournee machen, ehe er wieder in Las Vegas auftritt und seine größten Hits präsentiert. Nichts bewegt sich in dieser Wiederholungsschleife. Unangenehmes, wie Presleys gesundheitliche Probleme, sein Drogenkonsum, seine Paranoia und sein zunehmend irrationales Verhalten, wird angesprochen weil es unbedingt angesprochen werden muss. Seine Waffensammlung wird mal gezeigt. Mit seiner dann Ex-Frau Priscilla trifft er sich am Flughafen. Aber diese Bilder hängen ohne einen Zusammenhang und ohne eine Auswirkung auf die Geschichte in der Luft.

In dem Moment löst Luhrmann sich immer mehr von seiner Prämisse nach der die Geschichte von Elvis Presley aus der Perspektive von Colonel Parker erzählt wird. Parker verschwindet aus dem Film. Stattdessen gibt es immer mehr Szenen, in denen Dinge passieren, von denen Parker nichts weiß und auch niemals erfährt. In dem Moment wird auch die Möglichkeit, das Leben von Elvis Presley aus einer radikal subjektiven und damit mit Fakten locker umgehenden Sicht zu schildern, zugunsten eines konventionellen Biopics aufgegeben, das dann ähnlich locker mit Fakten umgeht, aber implizit behauptet, die Wahrheit zu schildern. Alle negativen Aspekte von Presleys Persönlichkeit werden konsequent herunterspielt.

Das ist insofern verständlich, weil „Elvis“ kein kleiner Independent-Film ist (wie „Elvis & Nixon“), sondern mit einem offiziellem Budget von 85 Millionen US-Dollar ein Film ist, der ein breites Mainstream-Publikum und die Elvis-Fans erreichen will. Das darf dann nicht übermäßig kritisch sein. Stattdessen muss das Biopic die bekannten Hits und Konzertausschnitte präsentieren. Deshalb werden so viele Auftritte von Presley in Las Vegas gezeigt. Für den Elvis-Kult sind sie wichtig. Die echte, innovative Rockmusik fand an anderen Orten statt und wurde von anderen Musikern gespielt.

Mit gut drei Stunden ist „Elvis“ ein viel zu lang geratenes Biopic, das an seiner Länge, seinem Drang, das ganze Leben einer Figur zu schildern, und einer letztendlich unklaren Haltung zu ebendieser Figur krankt.

Wer allerdings den Saal verlässt, wenn Elvis Presley deutschen Boden betritt, sieht einen guten Film.

Elvis (Elvis, USA 2022)

Regie: Baz Luhrmann

Drehbuch: Baz Luhrmann, Sam Bromell, Craig Pearce, Jeremy Doner (nach einer Geschichte von Baz Luhrmann und Jeremy Doner)

mit Austin Butler, Tom Hanks, Olivia DeJonge, Helen Thomson, Richard Roxburgh, Kelvin Harrison Jr., David Wenham, Kodi Smit-McPhee, Luke Bracey, Gary Clark Jr., Yola

Länge: 160 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Elvis“

Metacritic über „Elvis“

Rotten Tomatoes über „Elvis“

Wikipedia über „Elvis“ (deutsch, englisch) und Elvis Presley (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Elvis“

AllMusic über Elvis Presley


Neu im Kino/Filmkritik: „Shiver – Die Kunst der Taika Trommel“, präsentiert ohne Ablenkungen

Juni 23, 2022

Dass die Musik im Mittelpunkt steht, stimmt noch nicht einmal bei vielen Konzertmitschnitten. Zu oft drängeln sich die Kamera und der Schnitt penetrant in den Vordergrund und lenken von der Band und ihrer Performance ab.

In „Shiver – Die Kunst der Taika Trommel“ ist das nicht der Fall. Hier steht wirklich die Musik im Mittelpunkt und nichts lenkt vom Spiel der Musiker ab. Toshiaki Toyoda nahm in präzise komponierten langen Sequenzen, in denen sich die Kamera nicht oder kaum bewegt und in denen es keine oder nur wenige Schnitte gibt, das Taika Performing Arts Ensemble Kodō beim Spielen mehrerer Stücke von Koshiro Hino auf. Teils in ihrem Proberaum, teils auf der Insel Sado in der freien Natur.

Das Trommelensemble Kodō hatte seinen ersten Auftritt 1981 bei den Berliner Festspielen. Seitdem gaben die Trommler über 6500 Konzerte in 52 Ländern. Auf Sado gehört der Gruppe ein dicht bewaldetes, weitläufiges Grundstück, auf dem auch ein Schulungszentrum und weitere Gebäude stehen, in denen sie leben und trainieren. Denn die Musik wird von einem rigorosen Fitnessprogramm begleitet. Auf Sado findet auch seit 1988 das von ihnen organisierte jährliche Earth Celebration International Arts Festival statt.

Koshiro Hino, bzw. YPY, ist Musiker und Komponist, der in verschiedenen Bands und Zusammenhängen arbeitet und, immer wieder, elektronische mit natürlichen Klängen und Performance-Elementen verschmilzt.

Bei ihrer Zusammenarbeit ging es darum, wie aus Geräuschen, Klängen und Rhythmen Melodien entstehen.

Toshiaki Toyodas zurückhaltende Inszenierung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Musik und wie sie entsteht. Nichts lenkt davon ab. Gleichzeitig zwingt nichts einen dazu, den Blick ständig aufmerksam auf die Leinwand zu richten. Sie ist das filmische Äquivalent zu einer Konzertbühne, auf der schwarz gekleidete Menschen vor einem dunklen Hintergrund stehen. Deshalb ist es in diesem Film vollkommen okay, die Augen durch den dunklen Saal wandern zu lassen oder auch sie zu schließen und sich so ganz dem Klang der Trommeln hinzugeben.

Shiver – Die Kunst der Taika Trommel (Senritsu seshimeyo, Japan 2021)

Regie: Toshiaki Toyoda

Drehbuch: Toshiaki Toyoda

Musik: Koshiro Hino, Kodō

mit Kiyohiko Shibukawa, Koshiro Hino, Kodō (Yoshie Abe, Kenta Nakagome, Shogo Komatsuzaki, Yuta Sumiyoshi, Ryoma Tsurumi, Issei Kohira, Masayasu Maeda, Kodai Yoshida, Seita Saegusa, Chihiro Watanabe, Taiyo Onoda, Shun Takuma, Sho Nakatani)

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (beantragt)

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Shiver“

Wikipedia über das Ensemble Kodō (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Total Thrash – The Teutonic Story“, erzählt von sympathischen älteren Männern

Juni 9, 2022

Für Heavy-Metal-, Thrash-Metal- und auch Rockmusikfans ist „Total Thrash – The Teutonic Story“ selbstverständlich ein Pflichtfilm, der einige Lücken im Musikwissen füllen oder wohlige Erinnerungen wecken kann.

Trotzdem hat Daniel Hofmanns Musikdoku unübersehbare Schwächen. Er zeichnet die Geschichte des deutschen Thrash Metals von seinen Anfängen, die vor allem im Ruhrgebiet in Essen lagen, bis in die Gegenwart nach. Und das ist schon ein Problem des Films. Er presst vierzig Jahre in zwei Stunden. Mit einem kurzen Ausflug in die DDR (das wäre ein Thema für eine eigene Doku), einigen Statements zu den Neunzigern (als die Fans unzufrieden mit den musikalischen Weiterentwicklungen der Bands waren und sowieso mit Grunge und Alternative nichts anfangen konnten), einigen Splittern zum aktuellen Thrash Metal und wenig erkenntnisreichen Frage-Spielen (so in Richtung „Welche Kleider hat ein Thrash-Metal-Fan an?“, „Was tut er?“ und „Was ist Thrash Metal?“). Hier wäre eine Konzentration auf einen Aspekt besser gewesen.

Gerade die bislang filmisch nicht erkundeten Anfänge des deutschen Thrash Metals mit Bands wie Tyrant (später Kreator), Sodom, Vortex, Knight of Demon, Kreator, Tankard und Destruction sind hochinteressant. Unter anderem Jürgen „Ventor“ Reil (Kreator), Thomas „Angelripper“ Such (Sodom), Peppi Dominik (Sodom), Andreas „Gerre“ Geremia (Tankard), Schmier (Destruction), Sabina Classen (Holy Moses, eine der wenigen für den Film interviewten Frauen), Andreas „Stoney“ Stein (Manager, u. a. von Kreator), Bogdan Kopec (Drakkar Entertainment), Holger Stratmann (Journalist und Mitgründer des Rock Hard Magazin) und Tamara Frankenberger und Willy Overbeck, die zu den Initiatoren der für die Bands wichtigen Zeche Carl in Essen gehören, – um nur einige wenige der vielen für den Film Interviewten zu nennen -, geben einen Einblick in die damalige Zeit, als Bands noch Musikkassetten verschickten, Plakate in Handarbeit hergestellt wurden und Auftritte am Telefon der Eltern verabredet wurden. Sowieso waren die Musiker noch sehr jung, teilweise noch nicht einmal volljährig.

Dieses erste Jahrzehnt des deutschen Thrash Metals wird in der ersten Hälfte der Dokumentation behandelt. Trotzdem hätte Hofmann noch mehr in die Tiefe gehen können. Seine Interviewpartner, teils Musiker, teils anderweitig in der Metal-Szene aktive Macher, teils Fans, wären dazu sicher bereit gewesen.

Historisch bedingt ist die weitgehende Abwesenheit von Fotos, Film- und Tonaufnahmen. Trotzdem hat Hofmann einige Bilder gefunden. Das änderte sich langsam in den Neunzigern und inzwischen dürfte es auch von der letzten Amateurband unzählige Aufnahmen geben. Auch in „Total Thrash“ sind die längeren Konzertaufnahmen neueren Datums.

Gut wäre eine stärkere Gewichtung gewesen. So wird in knapp zwei Stunden über zu viele Bands gesprochen, die teilweise nur in den Fankreisen bekannt sind. Es ist daher auch weitgehend unklar, wie wichtig sie waren und welchen Einfluss sie hatten.

Es wird auch zu vieles angesprochen, aber nie besteht die Zeit, es zu vertiefen. So geht es, immer nur wenige Minuten, auch um die Herkunft der Musiker, die politische Meinung der Bands und das Musikgeschäft. Wobei verschiedene Aspekte des Musikbusiness‘ im ersten Teil gut und auch differenziert dargestellt werden. Erst in der zweiten Hälfte kommt es zu verzichtbaren Allgemeinplätzen. Der kurze Abschnitt zu den politischen Ansichten der Bands fühlt sich wie ein Fremdkörper an. Immerhin wird hier auch auf die Plattencover verwiesen, die zuverlässig in ihrer Mischung aus hoffnungslos übertriebener Gewalt, Sex und Mittelaltermystik Eltern und Sittenwächter schockierten, und gesagt, dass es mehr um Provokation als um politische Statements ging.

Daniel Hofmann hätte sich bei den Ausschnitten aus den Interviews, die fast nur mit inzwischen schon älteren Männern geführt wurden, mehr Zeit lassen können. Gerade am Anfang gibt es eine Abfolge von Kürzeststatements, die vorbei sind, ehe man den Namen des Sprechenden und seine ‚Funktion‘ lesen kann. Das wird später besser, aber es bleibt durchgehend, wie man es aus zahlreichen US-Dokus kennt, bei kurzen Zitatschnipseln.

Trotzdem ist „Total Thrash“ ein spannender Blick in die bundesdeutsche Vergangenheit (vor allem wenn man ein gewisses Alter hat und bestimmte Orte besucht hat) und ein Stück Oral-Music-History.

Total Thrash – The Teutonic Story (Deutschland 2022)

Regie: Daniel Hofmann

Drehbuch: Daniel Hofmann

mit Jürgen „Ventor“ Reil, Thomas „Angelripper“ Such, Andreas „Gerre“ Geremia, Schmier, Andreas „Stoney“ Stein, Bogdan Kopec, Holger Stratmann, Sabina Classen, Tamara Frankenberger, Willy Overbeck

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Total Thrash“

Moviepilot über „Total Thrash“

Die Kinotour läuft weiter:

Fr. 10.06.22 | Schleswig | Capitol | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night in der Rockpalette mit Filmemacher Daniel Hofmann & Rezet

Sa. 11.06.22 | Schwerin | Filmpalast Capitol inklusive Thrash Metal Night bei The Scotsman Pub mit Filmemacher Daniel Hofmann

So. 12.06.22 | Greifswald | CineStar | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Klex mit Filmemacher Daniel Hofmann

Mo. 13.06.22 | Berlin | Intimes | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Brutz & Brakel mit Filmemacher Daniel Hofmann, Reactory, Exa, Spacechaser, Postmortem u.v.m.

Di. 14.06.22 | Cottbus | Obenkino | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Muggefug mit Filmemacher Daniel Hofmann & Tormentor

Mi. 15.06.22 | Dresden | Programmkino Ost | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Skullcrusher Vereinsheim mit Filmemacher Daniel Hofmann

Do. 16.06.22 | Leipzig | Passage Kinos | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Hellraiser mit Filmemacher Daniel Hofmann & M.A.D.

Fr. 17.06.22 | Kassel | Filmladen | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night in der Goldgrube mit Filmemacher Daniel Hofmann & Mortal Terror

Sa. 18.06.22 | Ludwigsburg | Scala inklusive Thrash Metal Night im Sounds Rock Café mit DJ

So. 19.06.22 | Erfurt | Cinestar | 19 Uhr inklusive Thrash Party im From Hell mit Filmemacher Daniel Hofmann und Macbeth

Mo. 20.06.22 | Schweinfurt | KuK-Filmtheater | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Party im Stattbahnhof mit Filmemacher Daniel Hofmann, Vendetta & Spellbound

Di. 21.06.22 | Bamberg | Lichtspiel | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night in Fässla Stub’n mit Filmemacher Daniel Hofmann & Band Wulfpäck

Mi. 22.06.22 | Nürnberg | Cinecitta | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Party im Brown Sugar mit Filmemacher Daniel Hofmann & Mechanix

Do. 23.06.22 | München | Arena | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Flex mit Filmemacher Daniel Hofmann, Antipeewee, Hateful Agony u.v.m.

Fr. 24.06.22 | Neu-Ulm | Dietrich-Theater | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Hexenhaus Ulm mit Filmemacher Daniel Hofmann

Sa. 25.06.22 | Freiburg | Friedrichsbau Lichtspiele | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night mit Filmemacher Daniel Hofmann im Crash

So. 26.06.22 | Saarbrücken | Filmhaus | 18:30 Uhr mit Filmemacher Daniel Hofmann & Thrash Metal Night im kleiner Club Garage

Mo. 27.06.22 | Frankfurt am Main | Mal Sehn Kino | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Speak Easy mit Filmemacher Daniel Hofmann, Tankard & Odium

Di. 28.06.22 | Mannheim | Atlantis | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im 7er Club mit Filmemacher Daniel Hofmann

Mi. 29.06.22 | Koblenz | Apollo | 18 Uhr Apollo/Odeon inklusive Thrash Metal Night im Florinsmarkt mit Filmemacher Daniel Hofmann & Fabulous Desaster

Do. 30.06.22 | Aachen | Apollo Kino | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Schlüsselloch mit Filmemacher Daniel Hofmann & Holy Moses

Fr. 01.07.22 | Köln | Filmpalast | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Redrum mit dem Filmteam & Pripjat im Rahmen der 14. Kölner Kino Nächte

Sa. 02.07.22 | Siegen | Cinestar | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Vortex mit dem Filmteam & Accuser

So. 03.07.22 | Brilon | Cineplex | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Kump mit dem Filmteam & Eradicator

Mo. 04.07.22 | Marburg | Cineplex | 19:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann

Di. 19.07.22 | Bochum | Metropolis | 20:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann

Mi. 20.07.22 | Gelsenkirchen | Schauburg | 20:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann

Fr. 29.07.22 | Luzern (CH) | Bourbaki Kino inklusive Sonderveranstaltung im Rahmen 25 Jahre Thrasher Production/ Thrash Metal Night mit Filmemacher Daniel Hofmann, Gartenplausch und mehr


Marc Ribot’s Ceramic Dog begeistert

Mai 10, 2022

Wundervoll belebende Klänge von Gitarrist Marc Ribot (u. a. Diana Krall, Tom Waits, John Zorn und etliche grandiose Bands wie Shrek und Los Cubanos Postizos), Drummer Ches Smith (u. a. Xiu Xiu, John Zorn, Tim Berne) und Bassist Shahzad Ismaily (u. a. Secret Chiefs 3), die hier als Ceramic Dog losrocken.

Empfohlene Lautstärke: lauter, lauter, noch lauter.


Neu im Kino/Filmkritik: Der wirklich wirklich wahrhaftige Bericht über die Aufnahmen der Foo Fighters im „Studio 666“

Februar 24, 2022

Foo Fighters“-Frontman Dave Grohl möchte die zehnte Platte seiner Band nicht schon wieder in einem Studio aufnehmen. Dieses Mal soll sie in einem Haus, das gerne eine bestimmte Geschichte haben kann, entstehen und der Ort und die Situation sollen in der Aufnahme hörbar sein. „Led Zeppelin“ wird im Film als Vorbild für dieses Vorgehen genannt. Die „Rolling Stones“ haben so eine ihrer besten Platten aufgenommen.

Ihr Plattenboss – das fleischgewordene cholerische Klischee eines raffgierigen Produzenten – ist einverstanden. Er wird der Hardrockband ein echtes, von Dämonen besessenes Höllenhaus besorgen. Das letztendlich gefundene Haus ist ein in den Vierzigern erbautes Anwesen in Encino, Los Angeles. 1993 endete in diesem Haus die Aufnahmesession einer anderen Band in einem Blutbad.

Als die „Foo Fighters“ das Haus besichtigen, ist Grohl begeistert von dem Hall. Die anderen Bandmitglieder – Taylor Hawkins (dr), Nate Mendel (b), Pat Smear (git), Chris Shiflett (git) und Rami Jaffee (key) – wollen dagegen die Aufnahmen möglichst schnell erledigen und wieder zu ihren Familien zurückkehren. Denn Grohl will, dass sie während der mehrwöchigen Aufnahmen in dem Haus leben. Aber er hat, als sie mit den Aufnahmen beginnen wollen, noch keine Songs geschrieben. Alles was ihm einfällt, sind sofort erkennbare Selbstplagiate. Er wird von künstlerischen Selbstzweifeln und Alpträumen geplagt. Er verhält sich immer seltsamer. Als sei er von einem Dämon besessen und er entwickelt einen wahren Heißhunger auf Fleisch.

Studio 666“ ist ein Film für die Fans der „Foo Fighters“, für Hardrock- und Heavy-Metal-Fans, die mühelos viele Anspielungen, Legenden und Mythen erkennen werden, und für Horrorfilmfans, die ebenfalls viele Anspielungen erkennen werden. Das beginnt schon mit der Titelsequenz und dem von Horrorfilmregisseur John Carpenter („Halloween“, „The Fog“) geschriebenem Titelthema, das als Carpenter-Best-of auf die kommenden schrecklichen Ereignisse vorbereitet. Er hat im Film auch eine Kurzauftritt. Das geht weiter über die vielen Anspielungen auf Horrorfilme und endet bei den Tricks. Diese sind handgemacht und das Blut darf in meterhohen Fontänen spritzen.

BJ McDonnell hat dieses Gorefest schön trashig inszeniert. Und die Musiker, die ihre nicht vorhandenen schauspielerischen Fähigkeiten realistisch einschätzen können, chargieren fröhlich vor sich hin. Vor allem Dave Grohl hat kein Problem damit, sich von der ersten bis zur letzten Minute zum Affen zu machen.

Damit ist „Studio 666“ der ideale Film für das Fantasy Filmfest. Auch wenn er schon jetzt im Kino läuft.

Zum Abschluss noch ein kleiner Faktencheck. Denn der ohne öffentliche Ankündigungen gedrehte Spielfilm „Studio 666“ ist sehr lose von den Aufnahmesessions für das zehnte Album der „Foo Fighters“ inspiriert: Während der Aufnahmen in dem dafür in Encino gemietetem Haus geschah, so Grohl in einem Interview zur CD-Veröffentlichung, seltsames. Geräteeinstellungen veränderten sich wie von Geisterhand. Aufnahmen verschwanden und es gab Aufnahmen von Mikrophonen, die einfach nur Geräusche aufnahmen. Das Haus hatte eine unheimliche Atmosphäre und einen grandiosen Sound. Das führte dazu, dass sie mit den Aufnahmen sehr schnell fertig waren.

Wer jetzt denkt, dass die Musiker danach das Haus nie wieder betreten wollten, irrt sich.

Unmittelbar nach den Aufnahmensessions für „Medicine at Midnight“ drehten sie ab Februar 2020 in dem Haus (das, wie sie jetzt sagen, natürlich nicht von Geistern heimgesucht ist [jaja, Musiker und ihre Flunker-Geschichten]) eine munter zusammengesponnene Fantasie über Rockmusiker, Dämonen und eine bestens informierte Groupie-Nachbarin. Der Film sollte ursprünglich parallel zur CD-Veröffentlichung in den Kinos starten. Die Coronavirus-Pandemie verhinderte das.

P. S.: Der Red Band Trailer zeigt einige der Opfer und wie sie sterben. Also: Ansehen auf eigene Gefahr.

Studio 666 (Studio 666, USA 2022)

Regie: BJ McDonnell

Drehbuch: Jeff Buhler, Rebecca Hughes (basierend auf einer Geschichte von Dave Grohl)

mit Dave Grohl, Nate Mendel, Pat Smear, Taylor Hawkins, Chris Shiflett, Rami Jaffee, Marti Matulis, Will Forte, Whitney Cummings, Leslie Grosman, Jeff Garlin, Lionel Richie, John Carpenter

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Studio 666“

Metacritic über „Studio 666“

Rotten Tomatoes über „Studio 666“

Wikipedia über „Studio 666“ und die Foo Fighters (deutsch, englisch)

Homepage der Foo Fighters

Allmusic über die Foo Fighters

Das 2021er Konzert der Band in Los Angeles im Forum


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2021

3sat, 05.45

Pop around the Clock

Zum 20. Mal präsentiert 3sat an Silvester 24 Stunden lang Rockkonzerte bekannter und sehr bekannter Bands und Musiker, die teilweise schon seit Jahrzehnten die großen Hallen mit begeisterten Fans füllen. Normalerweise handelt es sich bei den Mitschnitten um TV-Premieren, die nur einmal gezeigt werden. Dieses Jahr sind Joe Bonamassa (um 07.30 Uhr), Eric Clapton (um 08.30 Uhr, das brandneue „The Lady in the Balcony“-Konzert), die Rolling Stones (um 09.45 Uhr „Voodoo Lounge“,, um 21.30 Uhr „Havanna Moon“ [das Konzert von 2016 wurde schon einmal gezeigt]), Joan Armatrading (um 12.15 Uhr mit ihrem Konzert von 2021), Bruce Springsteen (um 13.00 Uhr, zwei Stunden Live in New York City), P!nk (um 20.00 Uhr), Coldplay (um 23.20 Uhr), LINDEMANN (von Rammstein, um 01.35 Uhr) und Impressionen vom 2021er Isle-of-Wight-Festival (um 03.00 Uhr).

Alle Konzerte können auch auf der 3sat-Homepage angesehen.


Neu im Kino/Filmkritik: „Annette“ – ein Film von Leos Carax, ein Musical der Sparks

Dezember 16, 2021

Es beginnt mit der typischen Sparks-Mischung aus eingängiger Musik, Ironie, Tief- und Flachsinn. Zuerst werden wir, das Publikum, um unsere vollständige Aufmerksamkeit gebeten (Tun wir gerne.). Und wir sollen mucksmäuschenstill sein und unserem Atem bis zum Ende der Show anhalten (Tun wir nicht). Dann geht es mit einer minutenlangen, ohne Schnitt gefilmten Eröffnungssequenz weiter. Es ist eine große Gesangsnummer, einem in einem Tonstudio beginnendem Singalong, zu dem die beiden Hauptdarsteller – Adam Driver als Henry McHenry und Marion Cotillard als Ann Desfranoux – durch die Straßen von Los Angeles laufen, singen und von immer mehr Menschen begleitet werden, bis sich ihre Wege für die nächsten Stunden des Abends trennen. Sie, die Opernsängerin, fährt zur Oper. Er, der Stand-up-Comedian, fährt zum Orpheum Theatre. Singen tun sie in diesen Minuten „So may we start“. Das Stück ist ein perfekter Start für einen Film oder, für Ann und Henry, der Beginn eines Arbeitsabends.

Ann und Henry sind das neue Traumpaar der Regenbogenpresse: jung, gutaussehend, erfolgreich und in hunderprozentig gegensätzlichen Bereichen des Kulturlebens arbeitend. In der Boulevardpresse-Dramturgie ist sie die Schöne und er das Biest, das in seiner Soloshow auch als „Der Affe Gottes“ auftritt. Sie sind verliebt („We love each other so much“), heiraten, kriegen eine Tochter, Annette genannt (anfangs von einer Holzpuppe gespielt), in ihrer Ehe kriselt es – und aus dem Liebesfilm wird ein Noir-Drama.

Annette“ ist der neue Film von Leos Carax, der nur alle Jubeljahre einen Film dreht. „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991), „Pola X“ (1999) und, sein bislang letzter Film, „Holy Motors“ (2012) sind seine bekanntesten Filme. Nie interessierte er sich für eine platte Wiedergabe der Realität. Stattdessen sind seine Werke immer radikal stilisiert und voller akustischer und visueller Einfälle und cineastischer Verweise. Sie sind pures Kino. Da passt ein hundertprozentiges Musical gut ins Œuvre.

Die Idee für den Film hatten die Brüder Ron und Russell Mael. Sie treten seit 1967 gemeinsam auf. Zuerst als Halfnelson, seit den frühen Siebzigern als Sparks. Seit einigen Wochen dürfte die Band über den engen Fankreis hinaus bekannt sein. Denn Anfang Oktober lief in den Kinos Edward Wrights ausführliche Doku „The Sparks Brothers“ (USA 2021) über die beiden Brüder, ihre Musik und ihr Leben. Vor allem in den Siebzigern und Achtzigern hatten sie Hits. Stilistisch legten sie sich nie fest. Aber meistens bewegen sie sich, mit einer ordentlichen Portion Humor, zwischen Pop, Discomusik und den aktuell angesagten Trends. 2009 fragte das Swedisch National Radio sie, ob sie für das Radio ein Musical schreiben wollten. Sie taten es und nannten das Ergebnis „The Seduction of Ingmar Bergman“. In dem Stück geht es darum, dass Ingmar Bergman in Hollywood einen Film drehen will. Mit mehr Geld und weniger Seele. 2013 trafen sie Leos Carax in Cannes und fragten ihn, ob er ihr Bergman-Stück verfilmen wolle. Sie fanden sich sympathisch, aber Carax lehnte ab. Er könne keinen Film drehen, der in der Vergangenheit spiele. Kurz darauf schickten sie ihm erste Ideen und Songdemos für „Annette“.

Daraus entstand jetzt, nachdem sich die Finanzierung und Produktion als schwierig und langwierig erwiesen (was auch den großen Abstand zwischen „Holy Motors“ und „Annette“ erklärt) „Annette“. Es ist das erste Film-Musical der Sparks. Es ist, wie üblich bei den Sparks, gleichzeitig ein traditionelles Musical und die Dekonstruktion eines Musicals. Erzählt wird, immer mit eingängigen, sofort zum Mitsingen einladenden Pop-Songs, eine zunehmend düstere High-Society-Liebesgeschichte im Künstlermilieu, mit einigen Spitzen gegen den Kulturbetrieb, etwas Wunderkindmythos, einem Touch #MeToo und dem Fall eines provozierenden Künstlers.

Annette“ ist ein experimentierfreudiges, dabei jederzeit zugängliches und witziges Art-Pop-Musical. In Cannes gab es dafür Preise für die Regie und die Musik.

Annette (Annette, Frankreich/Belgien/Deutschland/USA 2021)

Regie: Leos Carax

Drehbuch: Ron Mael, Russell Mael (aka die Sparks)

mit Marion Cotillard, Adam Driver, Devyn McDowell, Simon Helberg, Kanji Furutachi, Rebecca Sjöwall, Nino Porzio, Ron Mael, Russell Mael, Angèle

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Annette“

Moviepilot über „Annette“

AlloCiné über „Annette“

Metacritic über „Annette“

Rotten Tomatoes über „Annette“

Wikipedia über „Annette“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Aretha Franklin fordert „Respect“

November 25, 2021

Zwei Wochen nach der sehenswerten Doku „Billie – Legende des Jazz“ über die Jazzsängerin Billie Holiday kommt jetzt Liesl Tommys sehenswertes Biopic „Respect“ über die Soulsängerin Aretha Franklin in die Kinos. Tommy konzentriert sich auf die frühen Jahre der 1942 geborenen Sängerin. Nach einem 1952 in Detroit spielendem Prolog, in dem die zehnjährige Aretha Franklin mit ihrem Gesang die Abendgesellschaft ihres Vaters, des Predigers Reverend CL Franklin, erfreut, geht es weiter in das Jahr 1959 und damit zu den Anfängen von Franklins Profikarriere. Sie – ab diesem Moment wird sie von Aretha Franklins Wunschbesetzung Jennifer Hudson überzeugend gespielt – hatte schnell Erfolg. Vor allem nach ihrem Wechsel zu Atlantic folgte Hit auf Hit. Ihr Engagement für die Bürgerrechtsbewegung wird im Film eher stiefmütterlich behandelt. Das gleiche gilt für bestimmte Aspekte ihres Privatlebens, wie, dass Franklin ihr erstes Kind als Zwölfjährige, das zweite als Vierzehnjährige bekam.

Tommy erzählt Franklins Leben in den Sechzigern chronologisch bis zu ihrem Gospelkonzert 1972 in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, das für die Doppel-LP „Amazing Grace“ aufgenommen wurde. Es ist das erfolgreichste Live-Gospel-Album aller Zeiten und Franklins größter kommerzieller Erfolg.

Mit diesem Triumph endet „Respect“. Ihr weiteres Leben wird – und das ist eine kluge Entscheidung – im Abspann mit Bildern der echten Aretha Franklin abgehandelt.

Respect“ ist in seiner konventionellen Machart nie schlecht, aber auch nie hundertprozentig überzeugend. Im Film wechseln sich Szenen aus Franklins Leben mit von ihr an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Gelegenheiten gesungenen Liedern ab. Das gibt einen guten Überblick über ihre verschiedenen biographischen Stationen und Hits. Gleichzeitig wirkt ihr Leben wie eine Abfolge mühelos erreichter Erfolge. Nie muss sie Proben. Nie gibt es Konflikte mit ihrer Band. Im Gegenteil: sogar als sie in Alabama zum ersten Mal mit einer ausschließlich aus weißen Männern bestehenden Band zusammen spielen muss, gelingt dieses Zusammenspiel sofort perfekt und die Männer folgen willig ihren Anweisungen.

In ihrem Privatleben gab es zwar Konflikte – ihre Schwangerschaften, ihre Beziehung zu ihrem Vater, ihre Beziehung zu ihrem Ehemann -, aber sie werden nie vertieft, sondern nur pflichtschuldig erwähnt. Daher bleibt auch unklar, was Aretha Franklin als Künstlerin und Mensch antreibt. Sie sagt nur einige Male, dass sie Hits will. Hits sind allerdings eine rein kommerzielle und keine künstlerische Messlatte. Immerhin endet „Respect“ mit dem Konzert in der Missionary Baptist Church, bei dem die Sängerin mit Gospelsongs zu ihren musikalischen Wurzeln zurückkehren wollte.

Respect“ ist ein überaus respektvoll verfilmter Wikipedia-Artikel mit viel Musik.

Respect (Respect, USA 2021)

Regie: Liesl Tommy

Drehbuch: Tracey Scott Wilson

mit Jennifer Hudson, Forest Whitaker, Marlon Wayans, Marc Maron, Skye Dakota Turner, Saycon Sengbloh, Hailey Kilgore, Albert Jones, Kimberly Scott, Tituss Burgess, Myk Watford, Audra McDonald, Mary J. Blige, Gilberg Glenn Brown

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Respect“

Metacritic über „Respect“

Rotten Tomatoes über „Respect“

Wikipedia über „Respect“ (deutsch, englisch) und Aretha Franklin (deutsch, englisch)

AllMusic über Aretha Franklin

History vs. Hollywood über „Respect“

Meine Besprechung von Alan Elliottt/Sydney Pollacks „Aretha Franklin: Amazing Grace“ (Amazing Grace, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Doku „Billie – Legende des Jazz“

November 12, 2021

Bevor ich mit dem Kritisieren beginne, muss ich eines sagen: „Billie – Legende des Jazz“ ist sehenswert. Für Jazzfans sowieso. Für Fans von Musikdokus ebenso. Und wer sich für amerikanische Sozialgeschichte interessiert, sollte sich die Doku über das Leben der Jazzsängerin Billie Holiday ebenfalls ansehen.

Die Grundlage für James Erskines Doku waren Tonbänder, die Linda Lipnick Kuehl in den Siebzigern aufnahm. Sie waren Teil ihrer jahrelangen Recherche für eine Biographie über die Jazzsängerin. Am 6. Februar 1978 starb Kuehl in Washington, D. C.. Für die Polizei war ihr Tod ein Suizid. Ihre Schwester Myra Luftman, die auch im Film auftritt, bezweifelt das.

Diese halbgare Mordgeschichte ist der vernachlässigbare Rahmen, in dem Erskine das Leben von Billie Holiday von ihrer Geburt 1915 bis zum Tod 1959 erzählt. Dafür wertete er die von Kuehl gemachten 125 Tonbänder mit 200 Stunden Interviews und ihr Buchmanuskript aus. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit Billie Holiday. Diese Toncollage wird mit zeitgenössischen Bildern unterlegt. Es gibt auch einige Ausschnitte aus älteren TV-Sendungen. Hier ist vor allem ein Talkshowauftritt von ihrem Entdecker John Hammond (einem Weißen) zu erwähnen. Und selbstverständlich gibt es Ausschnitte von ihren Auftritten. Diese Bilder wurden für den Film gelungen koloriert.

Kuehl interviewte zwischen 1971 und 1978 vor allem Mitmusiker, Freunde, Bekannte, Familienmitglieder und Vertraute von Billie Holiday. Sie sprach auch mit FBI-Agenten, die gegen sie wegen Drogenvergehen ermittelten, und einer Vollzugsbeamtin, die erzählt, wie Holiday sich im Gefängnis verhielt.

Als Zeitzeugen sind diese Menschen für eine Biographie wichtige Stimmen. Sie sprechen dann gemeinsamen Erlebnissen, besonderen Ereignissen und erzählen Anekdoten aus Holidays Leben. Mal geht es um die Musik, öfter aber um Holidays Privatleben, ihre sexuellen Beziehungen (sie war äußerst aktiv), ihre gewalttätigen Liebhaber und ihren überbordenden Drogenkonsum. Es geht auch um ihre problematische Persönlichkeit. Dabei wurde Kuehl mit widersprechenden Geschichten konfrontiert. Wenn sie ihre Interviewpartner darauf anspicht, reagieren diese rechthaberisch, unwirsch und feindselig. Sowieso ist, wie auch bei anderen Jazzmusikern, oft unklar, wie sehr die von ihnen erzählten Geschichten wahr oder nur gut erfundene Anekdoten sind.

Damit interessiert die Doku sich, wie die Presse zu Holidays Lebzeiten, mehr für Klatsch, Tratsch, Sensationen, Enthüllungen und viel weniger für ihre Musik und ihre Bedeutung für die Jazzgeschichte. Aber immerhin werden mehrere ihrer Songs präsentiert. Es wird ausführlicher auf „Strange Fruit“, ihren bekanntesten und wichtigsten Song, eingegangen. Und damit natürlich auch auf den Rassismus in den USA, die Rassentrennung, die Bürgerrechtsbewegung und Holidays Kampf gegen den Rassismus. Allein schon, wenn sie das Lied über die Lynchjustiz in den Südstaaten sang.

Das, ihre Prominenz und ihr Auftreten waren dann auch wahrscheinlich die Gründe, warum der Staat die Drogenkonsumentin wie eine Schwerverbrecherin verfolgte, anklagte und verurteilte.

Das ist interessant, informativ und auch gut präsentiert in seiner Mischung aus O-Tönen, Fotos und Konzertmitschnitten. Nur hätte ich, wie wahrscheinlich jeder Jazzfan, mir mehr Musiker- und weniger Drogengeschichten gewünscht.

Billie – Legende des Jazz (Billie, Großbritannien 2019)

Regie: James Erskine

Drehbuch: James Erskine

mit den Stimmen (manchmal auch im Bild) Billie Holiday, Charles Mingus, Tony Bennett, Count Basie, John Hammond, John Simmons, Roy Harte, Lester Young, Tallulah Bankhead, Sylvia Syms, Pigmeat Markham, Jimmy Rowles, James ‚Stump‘ Cross, Bobby Tucker, Carmen McRea, Marie Bryant, Melba Liston, Ray Ellis, Milt Hinton, John Fagan, Mary ‚Pony‘ Kane, Skinny Davenport, Myra Luftman, Detroit Red, Ruby Davis, Clarence Holiday, Sandy Williams, Irene Kitchings, Virginia McGlocken, Jean Allen, James Hamilton, Earl Zaidins

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Billie – Legende des Jazz“

Metacritic über „Billie – Legende des Jazz“

Rotten Tomatoes über „Billie – Legende des Jazz“

Wikipedia über „Billie – Legende des Jazz“ und Billie Holiday (deutsch, englisch)

AllMusic über Billie Holiday


Neu im Kino/Filmkritik: Wer sind „The Sparks Brothers“? Und warum sind sie heute so unbekannt?

Oktober 9, 2021

Bevor Edgar Wright uns am 11. November 2021 zu einer „Last Night in Soho“ einlädt, macht der Regisseur von „Baby Driver“ uns mit den Sparks Brothers bekannt. Es handelt sich dabei um die Brüder Ron und Russell Mael, die sich als Band „Sparks“ nennen, und 1974 ihren Durchbruch mit dem Hit „This Town ain’t big enough for both of us“ hatten. Später änderten sie ihren Stil; oder gingen mit der Zeit. Denn aus den Glamrock- und Powerpopsongs der siebziger Jahre wurde Disco (inclusive einer Zusammenarbeit mit Giorgio Moroder), Synthie-Pop und ein Flirt mit Techno. Sie schrieben das Musical „The Seduction of Ingmar Bergman“ und arbeiteten mit Franz Ferdinand zusammen. Ihr erster gemeinsamer Song war „Collaborations don’t work“. Ohne Humor, Selbstironie, Dekonstruktion in Wort und Bild und Vaudeville sind die Sparks halt nicht denkbar.

Sie hatten immer wieder, abwechselnd in verschiedenen Ländern und Kontinenten, Nummer-Eins-Hits und blieben dabei immer unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit. Denn wer die Sparks der einen Phase mag, mag nicht unbedingt die Sparks der anderen Phase.

Ein großer Teil ihres Charmes beruht auf dem gegensätzlichen Aussehen der beiden Brüder und ihrer ‚Britishness‘. Dabei sind sie aus Kalifornien kommende US-Amerikaner, deren verschrobene Musik in den späten sechziger Jahren dort nicht verstanden wurde. In England schon eher und zwischen David Bowie (in seiner Ziggy-Stardust-Phase), Queen und T-Rex fielen sie nicht weiter auf. Der Lohn waren Single-Hits, kreischende, die Bühne stürmende Teenager und Fans wie Edgar Wright, der sie Ende der Siebziger entdeckte. Jetzt setzte er ihnen mit seiner Doku „The Sparks Brothers“ ein Denkmal. Denn danach sind die Sparks die größte Band aller Zeiten.

Er erzählt ihre Geschichte chronologisch in einem Mix aus Konzertmitschnitten, alten und neuen Dokumentaraufnahmen und sprechenden Köpfen. Interviewt wurden die beiden Brüder, Weggefährten und Fans. Dieses gut erprobte Verfahren ist allerdings, wenn der Reihe nach die nächste und die nächste Platte vorgestellt wird, auf die Dauer etwas ermüdend. Denn die Sparks haben inzwischen 26 Studioalben veröffentlicht und jede dieser Platten, die selbstverständlich ein Meisterwerk ist, will gewürdigt werden. Neben den anderen Projekten der Brüder. In dem Moment wird das chronologische Verfahren zu einem Problem. Vor allem wenn es auf das mitteilungsbedürftige Fantum des Regisseurs trifft, er einen exklusiven Zugang zu dem Archiv der Porträtierten hat und diese stark in das Projekt involviert sind. Deshalb ist Wrights Doku auch keine schlanke neunzig Minuten, sondern voluminöse hundertvierzig Minuten.

Am Ende steht eine unkritische, aber vergnügliche Heldenverehrung. Denn die Brüder Ron und Russell Mael sind einfach zwei herrlich schrullige Typen. Im Interview, im Studio und auf der Bühne, wo der eine sich mit stoischer Mine (und inzwischen etwas gestutztem Charlie-Chaplin-Hitler-Bärtchen) hinter seinem Keyboard verschanzt, während der andere mit wechselnden Haarlängen singend über die Bühne springt.

The Sparks Brothers (The Sparks Brothers, USA 2021)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright

mit Ron Mael, Russell Mael, Beck, Thurston Moore, Björk, Vince Clark, Flea, Giorgio Moroder, Todd Rundgren, ‚Weird Al‘ Yankovic, Mike Myers, Jason Schwartzman, Neil Gaiman

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Sparks Brothers“

Metacritic über „The Sparks Brothers“

Rotten Tomatoes über „The Sparks Brothers“

Wikipedia über „The Sparks Brothers“ und die Sparks (deutsch, englisch)

Homepage der Sparks

AllMusic über die Sparks

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Zufällige Songs


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Musikdoku „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“

September 10, 2021

Als Fan der Band hat mir Philipp Reichenheims Dokumentarfilm über Dinosaur Jr. selbstverständlich gefallen. Immerhin dröhnt die Rockband durch den riesigen Kinosaal, es gibt Bilder von den Anfängen und Interviews mit den Bandmitgliedern und prominenten Fans, wie der immer zauberhaften Kim Gordon und dem immer überschäumend redseligen Henry Rollins.

Aber die Ehrlichkeit des Kritikers gebietet dann auch, auf die Schwächen des Films hinzuweisen. Denn „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“ ist ein Film von Fans für Fans. Für alle anderen ist er höchstens begrenzt informativ. Das Material wird in der denkbar konventionellsten Form angeordnet: nämlich chronologisch. Immerhin kann dieses Vorgehen in diesem Fall mit der Bandgeschichte begründet werden. Es ist eine Geschichte von Erfolg, Trennung und Versöhnung, die damit einer Dramaturgie folgt, die sich in den Aufnahmen (früher LP, heute CD) und Auftritten zeigt. So geht Reichenheim chronologisch von den Anfängen über die Auflösung, die Wiedervereinigung und die seitdem halbwegs regelmäßigen Auftritte und CDs durch die Geschichte der Band. Es ist eine Reise durch von den frühen achtziger Jahren bis zur Gegenwart.

Die Bandmitglieder erzählen freimütig über ihr auch schwieriges Verhältnis zueinander. Denn abseits der Bühne haben sie sich nichts zu sagen. Bassist Lou Barlow und Drummer Murph sind auskunftsfreudig. J Mascis, Gitarrist und kreativer Kopf der Band, bekannt maulfaul. Andere Musiker, wie Kim Gordon, Thurston Moore (beide „Sonic Youth“), Bob Mould („Hüsker Dü“ [in den Achtzigern]) und Henry Rollins („Black Flag“ [in den Achtzigern]) sind bekannte Stars des Alternative Rock. Sie sind mit den Musikern von Dinosaur Jr. seit Jahrzehnten befreundet. So erkenntnisreich diese Statements sind, so sehr fehlt eine kritische Außenperspektive, die Ereignisse und auch die Wichtigkeit der Band für den Indie-Rock und den Grunge objektiv einordnet. In „Freakscene“ gibt es nur die Innenperspektive der Band und die der prominenten Fans. Entsprechend erschöpft sich deren Einordnung der Band in verschiedene Formen von „einflussreich“ und „sehr wichtig“. Und jede ihrer Aufnahmen ist „grandios“.

Erstaunlich, immerhin hat Philipp Reichenheim die Band und J Mascis seit Mitte der neunziger Jahre mit der Kamera begleitet, seine Schwester ist mit J Mascis verheiratet und es wurden wahrscheinlich alle nur irgendwie erreichbaren Archive geplündert, ist, wie wenig Bild- und Tonaufzeichnungen es von den Anfängen der Band gibt. Oder, anders gesagt, während in den achtziger und auch noch neunziger Jahren eine Band jahrelang vor ihren Fans spielen konnte, ohne dass jeder Ton dokumentiert wurde, gibt es inzwischen schon, oft in beachtlicher Qualität, Bilder von ihren ersten Auftritten. Manchmal, wie in der Amy-Winehouse-Doku „Amy“, gibt es sogar Aufnahmen von ihnen, bevor sie an eine Musikerkarriere dachten. In diesem Fall ist es der Mitschnitt eines von Winehouse auf einer Wohnungstreppe vor Freundinnen gesungenen Liedes.

So dokumentiert „Freakscene“ nebenbei dann auch einen rapiden Wandel in der Verfügbarkeit von Medien.

Freakscene – The Story of Dinosaur Jr. (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Reichenheim (aka Philipp Virus)

Drehbuch: Philipp Reichenheim

mit J Mascis, Lou Barlow, Murph, Kim Gordon, Henry Rollins, Bob Mould, Thurston Moore, Matt Dillon

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freakscene“

Moviepilot über „Freakscene“

Wikipedia über Dinosaur Jr. (deutsch, englisch)

Homepage der Band

AllMusic über Dinosaur Jr.

Ein Gespräch mit dem Regisseur

Ein aktuelles Hauskonzert der Band

Wunderschöner Lärm an einem lauen Sommerabend


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Matthew-Herbert-Porträt „A Symphony of Noise“

September 4, 2021

Matthew Herbert ist ein musikalischer Grenzgänger oder, anders gesagt, ein Musiker, der im Berghain und in der Elbphilharmonie auftritt und damit das Feld zwischen Electronic, Techno, Avantgarde, Jazz und Neuer Musik bespielt. Er schreibt auch Soundtracks, unter anderem für Sebastián Lelios „Eine fantastische Frau (Una mujer fantástica) und „Gloria – Das Leben wartet nicht“ (Gloria Bell). Für seine Arbeiten benutzte er in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Pseudonyme, nämlich Herbert, Doctor Rockit, Radio Boy, Mr. Vertigo, Transformer und Wishmountain. Und er ist ein Klangforscher.

Dieser Aspekt seines musikalischen Schaffens steht im Zentrum von „A Symphony of Noise“. Regisseur Enrique Sánchez Lansch („Rhythm is it!“, „Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“) traf sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder mit Herbert und dokumentierte seine aktuellen Projekte. Er beobachtet ihn ausführlich bei der Arbeit. Er unterhält sich mit ihm über die geplanten Musikstücke und die damit verbundenen ästhetischen, musikalischen und politischen Absichten.

Ein großer Teil seines im Film dokumentierten Schaffens besteht aus dem Aufnehmen und Neu-Arrangieren von Geräuschen. Das sind die Geräusche, die ein Mastschwein von seiner Geburt bis zu seinem Tod macht und hört. Oder die Geräusche, die ein Baum hört, wenn er im Wald steht, gefällt, transportiert und bearbeitet wird. Dafür wird im Baum ein Mikrofon angebracht. Oder es sind die Geräusche, die zertretene Eier machen. Oder die Geräusche in einem Fish’n’Chips-Imbiss in einer Hafenstadt nach dem Brexit-Volksentscheid bei der Herstellung des Essens. Der Brexit war auch die Initialzündung für seine Brexit Big Band, die ein musikalischer Gegenentwurf zu dem von ihm abgelehntem Brexit ist. Oder die einer Schwimmerin, die den Ärmelkanal durchquert. Oder er beschäftigt sich mit Gustav Mahlers 10. Sinfonie und wie sich sich im geschlossenen Sarg anhört. Bei diesen Projekten geht es immer auch um neues und genaues Hören; wobei einige Geräusche erst durch Herberts Erklärungen ihre Geschichte und ihre Bedeutung erhalten.

Der so entstandene Dokumentarfilm ist ein Werkstattbericht, der Herbert und seine Arbeit vorstellt, ohne sein Werk in die Musikgeschichte einzuordnen. „A Symphony of Noise“ gibt einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess von Matthew Herbert, der darüber auch ausführlich, oft mit einem selbstironischen Ton, spricht. Die längeren Konzertausschnitte zeigen dann, dass Herberts Musik vor allem Musik zum Tanzen ist; – – – jedenfalls die gezeigten Ausschnitte aus einem Auftritt im Berghain und eines Konzerts der Brexit Big Band, die dann doch sehr nach einer konventionellen Big Band klingt.

A Symphony of Noise (Deutschland 2021)

Regie: Enrique Sánchez Lansch

Drehbuch: Enrique Sánchez Lansch

mit Matthew Herbert

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „A Symphony of Noise“

Moviepilot über „A Symphony of Noise“

Wikipedia über Matthew Herbert (deutsch, englisch)

Homepage von Matthew Herbert

AllMusic über Matthew Herbert


TV-Tipp für den 23. Januar: Blue Note Records: Beyond the Notes

Januar 22, 2021

3sat, 21.55

Blue Note Records: Beyond the Notes (Schweiz 2018)

Regie: Sophie Huber

Drehbuch: Sophie Huber

TV-Premiere. Noch eine spielfilmlange Doku über das legendäre Jazz-Label mit seinen legendären Plattencovers und den legendären Musikern, von denen etliche auch im Film zu Wort kommen.

Ach, eigentlich könnte man mal eine Doku über eines der anderen legendären Jazz-Labels, wie Verve, Impulse, FMP, JMT oder Knitting Factory Works, machen.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt 3sat die Janis-Joplin-Doku „Janis: Little Girl Blue“.

Mit Michael Cuscuna, Lou Donaldson, Robert Glasper, Herbie Hancock, Norah Jones, Wayne Shorter, Marcus Strickland, Rudy Van Gelder, Don Was (und, in Archivaufnahmen, weiteren Jazzern)

Hinweise

Homepage zum Film

3sat über „Blue Note Records: Beyond the Notes“ (Doku ist bis zum 30. 1. 2021 in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Blue Note Records: Beyond the Notes“

Wikipedia über Blue Note Records (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. Januar: Eric Clapton: Leben mit dem Blues

Januar 7, 2021

Arte, 21.45

Eric Clapton: Leben mit dem Blues (Eric Clapton: A Life in 12 Bars, Großbritannien 2017)

Regie: Lili Fini Zanuck

Drehbuch: Stephen ‚Scooter‘ Weintraub, Larry Yelen

TV-Premiere. Zweistündige Doku über das Leben und Werk von Bluesgitarrist Eric Clapton, mit vielen Archivaufnahmen und aktuellen Interviews.

Lili Fini Zanuck könnte etwas bekannter für ihr Drogendrama „Rush“ (1991) sein, für das Clapton die Musik (und „Tears in Heaven“) schrieb. Große Erfolge hatte sie als Produzentin von, u. a., „Cocoon“ (1985), „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ (Driving Miss Daisy, 1989; der Film erhielt den Oscar als bester Film des Jahres), „Nach eigenen Regeln“ (Mulholland Falls, 1996) und „Ein wahres Verbrechen“ (True Crime, 1999).

Arte zeigt nach der Doku den gut zweistündigen Konzertmitschnitt „Slowhand at 70“ (bzw. „Live at the Royal Albert Hall“ (Großbritannien 2015).

mit Eric Clapton, Chris Dreja, Hughie Flint, Richard Goldstein, Alex Hooper, Cathy James, John Mayall, Jim McCarty, Jamie Oldaker, Ben Palmer, Howard Smith, George Terry, Steve Turner, Mike Vernon, Roger Waters, Bobby Whitlock, Steve Winwood

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 6. Februar in der Mediathek) und das Konzert (bis zum 8. März in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Eric Clapton: Leben mit dem Blues“

Homepage von Erick Clapton

AllMusic über Eric Clapton

Wikipedia über Eric Clapton (deutsch, englisch)

Where’s Eric! (sehr umfangreiche Fanclubseite)

Meine Besprechung von Blue Leachs „Eric Clapton: Live at the Royal Albert Hall – Slowhand at 70“ (Großbritannien 2015)

Zwei Gespräche zum Film mit Lili Fini Zanuck und Eric Clapton (das zweite ist eine Amateuraufnahme)


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2020

3sat, 06.30

Pop around the Clock

Wie in den vergangenen Jahren präsentiert 3sat am letzten Tag des Jahres Live-Konzerte, die bislang meistens nicht im Fernsehen gezeigt wurden. Wer einige Konzerte verschläft, kann sie bei 3sat zu einer normalen Uhrzeit nachholen. Dort gibt es auch weitere Rockkonzerte

Dieses Jahr sind vor Sonnenaufgang und tagsüber Bob Dylan (mit einem Konzert von 1993), Ringo Star, Prince (mehrmals), Chaka Khan, Eric Clapton (sein 2019er Crossroads-Guitar-Festival), Metallica und Roger Waters dabei. Abends wird es dann poppiger mit Mariah Carey, Shakira, Christina Aguilera und einem Tribute Concert für den DJ/Remixer Avicii. Nach Mitternacht dürfen dann Alice Cooper (in jungen Jahren war der Opa ein Kinderschreck), Muse und Biffy Clyro losrocken.

Musikalisch ist das immer gut abgehangen. In den letzten Jahren überraschten mich vor allem die Konzerte von sehr entspannt aufspielenden Altstars, deren Werk ich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verfolgte.


„California Dreamin’“ mit Pénélope Bagieu und The Mamas & The Papas

November 20, 2020

Die Musik dürfte heute noch bekannt sein. Aber wer „California Dreamin‘, „Monday, Monday“ und andere Songs der Band „The Mamas & The Papas“ nur aus dem Radio kennt, der kennt nur die schönen Stimmen der Bandmitglieder, aber nicht ihre Gesichter. Dabei war in den Sechzigern – „The Mamas & The Papas“ existierte von 1965 bis 1968 (1971 veröffentlichte sie ihre fünfte LP, zu der sie vertraglich verpflichtet war) – sowohl der Gesang als auch das Aussehen der Bandmitglieder ungewöhnlich. Bei ihren optimistisch-lebensbejahend-wohlklingenden Popsongs mischten sie im Chorgesang nämlich Männer- und Frauenstimmen.

Bei den Bandmitgliedern fiel Sängerin Cass Elliot sofort auf. Sie entsprach nicht dem Schönheitsideal für Sängerinnen von Popbands, die jung, schlank und überaus attraktiv sein sollen. Wenn sie dann auch noch singen können, ist das kein Hindernis. Cass war übergewichtig. Damals war das ein hundertprozentiger Karrierekiller. Aber die am 13. September 1941 in Baltimore, Maryland, als Ellen Naomi Cohen geborene Sängerin, Kind jüdischer Eltern, wollte unbedingt auf die Bühne. Als Kind war Florence Foster Jenkins ihr Vorbild. Von ihr stammt die berühmte Bemerkung: „Man mag einmal sagen, ich könnte nicht singen, aber nicht, ich hätte nicht gesungen.“

Damit hätte Cass, die singen konnte, auch in Pénélope Bagieus „Unerschrocken“ gepasst. In dem zweibändigen Comic porträtiert sie dreißig bekannte und heute unbekannte Frauen, die für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften und auf dem Weg zu ihrem Ziel Barrieren einrissen.

Jetzt hat Bagieu Cass Elliot mit „California dreamin’“ ein eigenes Buch gewidmet.

Sie erzählt vor allem die Geschichte vor dem ersten Hit der Band. Es geht also um Cass‘ Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen als Sängerin bei Veranstaltungen und dem schwierigen Zusammenfinden der vier Musiker, die dann „The Mamas & The Papas“ wurden. Die Folkpopband bestand aus ihr, John Phillips, Denny Doherty und Michelle Phillips. Lange stritten sie sich darüber, ob Folk tot sei (immerhin hatte Bob Dylan damals gerade die E-Gitarre entdeckt), ob Cass ein reguläres Mitglied der Band sein sollte und welche Musik sie machen sollten.

Bagieu schildert auch die ständigen Vorurteile, mit denen Cass wegen ihres Aussehens konfrontiert wird. Sie zeigt aber auch, wie Cass wegen ihres Wesens immer wieder schnell der beliebte Mittelpunkt einer Party oder Gruppe wird. Sie war eine richtige Stimmungskanone. Und wohl auch etwas nervig, weil sie immer im Mittelpunkt stehen musste.

California dreamin’“ erzählt humorvoll den Weg von Cass und „The Mamas & The Papas“ an die Spitze der Hitparade in pointiert zugespitzten Szenen.

Am 29. Juli 1974 starb Cass in London in einem Hotel. Die Todesursache war ein Herzversagen. Bagieus Comic hört lange vorher, nämlich 1966, auf. Damals war „California dreamin’“ ein Hit und die Band eine glücklich zusammenlebende Kommune. Jedenfalls für die Fans, die gerne ein Leben wie Cass führen würden. Wenn sie nicht gleich Cass sein könnten.

 

Pénélope Bagieu: California dreamin‘

(übersetzt von Ulrich Pröfrock)

Reprodukt, 2020

280 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

California dreamin‘

Gallimard, 2019

Hinweise

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

Allmusic über „The Mamas & The Papas“

Wikipedia über „The Mamas and The Papas“ (deutsch, englisch) und Cass Elliot (deutsch, englisch)


Rockig: Keith Richards & The X-Pensive Winos

November 19, 2020

Damals, als bei den Rolling Stones der Haussegen schief hing, gründete Keith Richards eine eigene Band und spielte auch, 1988, im Hollywood Palladium:

Es spielen Keith Richards (Gitarre, Gesang), Waddy Wachtel (Gitarre), Steve Jordan (Schlagzeug), Charley Drayton (Bass), Ivan Neville (Keyboard), Bobby Keys (Saxophone) und Sarah (Gesang).


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