Neu im Kino/Filmkritik: Wer sind „The Sparks Brothers“? Und warum sind sie heute so unbekannt?

Oktober 9, 2021

Bevor Edgar Wright uns am 11. November 2021 zu einer „Last Night in Soho“ einlädt, macht der Regisseur von „Baby Driver“ uns mit den Sparks Brothers bekannt. Es handelt sich dabei um die Brüder Ron und Russell Mael, die sich als Band „Sparks“ nennen, und 1974 ihren Durchbruch mit dem Hit „This Town ain’t big enough for both of us“ hatten. Später änderten sie ihren Stil; oder gingen mit der Zeit. Denn aus den Glamrock- und Powerpopsongs der siebziger Jahre wurde Disco (inclusive einer Zusammenarbeit mit Giorgio Moroder), Synthie-Pop und ein Flirt mit Techno. Sie schrieben das Musical „The Seduction of Ingmar Bergman“ und arbeiteten mit Franz Ferdinand zusammen. Ihr erster gemeinsamer Song war „Collaborations don’t work“. Ohne Humor, Selbstironie, Dekonstruktion in Wort und Bild und Vaudeville sind die Sparks halt nicht denkbar.

Sie hatten immer wieder, abwechselnd in verschiedenen Ländern und Kontinenten, Nummer-Eins-Hits und blieben dabei immer unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit. Denn wer die Sparks der einen Phase mag, mag nicht unbedingt die Sparks der anderen Phase.

Ein großer Teil ihres Charmes beruht auf dem gegensätzlichen Aussehen der beiden Brüder und ihrer ‚Britishness‘. Dabei sind sie aus Kalifornien kommende US-Amerikaner, deren verschrobene Musik in den späten sechziger Jahren dort nicht verstanden wurde. In England schon eher und zwischen David Bowie (in seiner Ziggy-Stardust-Phase), Queen und T-Rex fielen sie nicht weiter auf. Der Lohn waren Single-Hits, kreischende, die Bühne stürmende Teenager und Fans wie Edgar Wright, der sie Ende der Siebziger entdeckte. Jetzt setzte er ihnen mit seiner Doku „The Sparks Brothers“ ein Denkmal. Denn danach sind die Sparks die größte Band aller Zeiten.

Er erzählt ihre Geschichte chronologisch in einem Mix aus Konzertmitschnitten, alten und neuen Dokumentaraufnahmen und sprechenden Köpfen. Interviewt wurden die beiden Brüder, Weggefährten und Fans. Dieses gut erprobte Verfahren ist allerdings, wenn der Reihe nach die nächste und die nächste Platte vorgestellt wird, auf die Dauer etwas ermüdend. Denn die Sparks haben inzwischen 26 Studioalben veröffentlicht und jede dieser Platten, die selbstverständlich ein Meisterwerk ist, will gewürdigt werden. Neben den anderen Projekten der Brüder. In dem Moment wird das chronologische Verfahren zu einem Problem. Vor allem wenn es auf das mitteilungsbedürftige Fantum des Regisseurs trifft, er einen exklusiven Zugang zu dem Archiv der Porträtierten hat und diese stark in das Projekt involviert sind. Deshalb ist Wrights Doku auch keine schlanke neunzig Minuten, sondern voluminöse hundertvierzig Minuten.

Am Ende steht eine unkritische, aber vergnügliche Heldenverehrung. Denn die Brüder Ron und Russell Mael sind einfach zwei herrlich schrullige Typen. Im Interview, im Studio und auf der Bühne, wo der eine sich mit stoischer Mine (und inzwischen etwas gestutztem Charlie-Chaplin-Hitler-Bärtchen) hinter seinem Keyboard verschanzt, während der andere mit wechselnden Haarlängen singend über die Bühne springt.

The Sparks Brothers (The Sparks Brothers, USA 2021)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright

mit Ron Mael, Russell Mael, Beck, Thurston Moore, Björk, Vince Clark, Flea, Giorgio Moroder, Todd Rundgren, ‚Weird Al‘ Yankovic, Mike Myers, Jason Schwartzman, Neil Gaiman

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Sparks Brothers“

Metacritic über „The Sparks Brothers“

Rotten Tomatoes über „The Sparks Brothers“

Wikipedia über „The Sparks Brothers“ und die Sparks (deutsch, englisch)

Homepage der Sparks

AllMusic über die Sparks

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Zufällige Songs


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Musikdoku „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“

September 10, 2021

Als Fan der Band hat mir Philipp Reichenheims Dokumentarfilm über Dinosaur Jr. selbstverständlich gefallen. Immerhin dröhnt die Rockband durch den riesigen Kinosaal, es gibt Bilder von den Anfängen und Interviews mit den Bandmitgliedern und prominenten Fans, wie der immer zauberhaften Kim Gordon und dem immer überschäumend redseligen Henry Rollins.

Aber die Ehrlichkeit des Kritikers gebietet dann auch, auf die Schwächen des Films hinzuweisen. Denn „Freakscene – The Story of Dinosaur Jr.“ ist ein Film von Fans für Fans. Für alle anderen ist er höchstens begrenzt informativ. Das Material wird in der denkbar konventionellsten Form angeordnet: nämlich chronologisch. Immerhin kann dieses Vorgehen in diesem Fall mit der Bandgeschichte begründet werden. Es ist eine Geschichte von Erfolg, Trennung und Versöhnung, die damit einer Dramaturgie folgt, die sich in den Aufnahmen (früher LP, heute CD) und Auftritten zeigt. So geht Reichenheim chronologisch von den Anfängen über die Auflösung, die Wiedervereinigung und die seitdem halbwegs regelmäßigen Auftritte und CDs durch die Geschichte der Band. Es ist eine Reise durch von den frühen achtziger Jahren bis zur Gegenwart.

Die Bandmitglieder erzählen freimütig über ihr auch schwieriges Verhältnis zueinander. Denn abseits der Bühne haben sie sich nichts zu sagen. Bassist Lou Barlow und Drummer Murph sind auskunftsfreudig. J Mascis, Gitarrist und kreativer Kopf der Band, bekannt maulfaul. Andere Musiker, wie Kim Gordon, Thurston Moore (beide „Sonic Youth“), Bob Mould („Hüsker Dü“ [in den Achtzigern]) und Henry Rollins („Black Flag“ [in den Achtzigern]) sind bekannte Stars des Alternative Rock. Sie sind mit den Musikern von Dinosaur Jr. seit Jahrzehnten befreundet. So erkenntnisreich diese Statements sind, so sehr fehlt eine kritische Außenperspektive, die Ereignisse und auch die Wichtigkeit der Band für den Indie-Rock und den Grunge objektiv einordnet. In „Freakscene“ gibt es nur die Innenperspektive der Band und die der prominenten Fans. Entsprechend erschöpft sich deren Einordnung der Band in verschiedene Formen von „einflussreich“ und „sehr wichtig“. Und jede ihrer Aufnahmen ist „grandios“.

Erstaunlich, immerhin hat Philipp Reichenheim die Band und J Mascis seit Mitte der neunziger Jahre mit der Kamera begleitet, seine Schwester ist mit J Mascis verheiratet und es wurden wahrscheinlich alle nur irgendwie erreichbaren Archive geplündert, ist, wie wenig Bild- und Tonaufzeichnungen es von den Anfängen der Band gibt. Oder, anders gesagt, während in den achtziger und auch noch neunziger Jahren eine Band jahrelang vor ihren Fans spielen konnte, ohne dass jeder Ton dokumentiert wurde, gibt es inzwischen schon, oft in beachtlicher Qualität, Bilder von ihren ersten Auftritten. Manchmal, wie in der Amy-Winehouse-Doku „Amy“, gibt es sogar Aufnahmen von ihnen, bevor sie an eine Musikerkarriere dachten. In diesem Fall ist es der Mitschnitt eines von Winehouse auf einer Wohnungstreppe vor Freundinnen gesungenen Liedes.

So dokumentiert „Freakscene“ nebenbei dann auch einen rapiden Wandel in der Verfügbarkeit von Medien.

Freakscene – The Story of Dinosaur Jr. (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Reichenheim (aka Philipp Virus)

Drehbuch: Philipp Reichenheim

mit J Mascis, Lou Barlow, Murph, Kim Gordon, Henry Rollins, Bob Mould, Thurston Moore, Matt Dillon

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freakscene“

Moviepilot über „Freakscene“

Wikipedia über Dinosaur Jr. (deutsch, englisch)

Homepage der Band

AllMusic über Dinosaur Jr.

Ein Gespräch mit dem Regisseur

Ein aktuelles Hauskonzert der Band

Wunderschöner Lärm an einem lauen Sommerabend


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Matthew-Herbert-Porträt „A Symphony of Noise“

September 4, 2021

Matthew Herbert ist ein musikalischer Grenzgänger oder, anders gesagt, ein Musiker, der im Berghain und in der Elbphilharmonie auftritt und damit das Feld zwischen Electronic, Techno, Avantgarde, Jazz und Neuer Musik bespielt. Er schreibt auch Soundtracks, unter anderem für Sebastián Lelios „Eine fantastische Frau (Una mujer fantástica) und „Gloria – Das Leben wartet nicht“ (Gloria Bell). Für seine Arbeiten benutzte er in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Pseudonyme, nämlich Herbert, Doctor Rockit, Radio Boy, Mr. Vertigo, Transformer und Wishmountain. Und er ist ein Klangforscher.

Dieser Aspekt seines musikalischen Schaffens steht im Zentrum von „A Symphony of Noise“. Regisseur Enrique Sánchez Lansch („Rhythm is it!“, „Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“) traf sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder mit Herbert und dokumentierte seine aktuellen Projekte. Er beobachtet ihn ausführlich bei der Arbeit. Er unterhält sich mit ihm über die geplanten Musikstücke und die damit verbundenen ästhetischen, musikalischen und politischen Absichten.

Ein großer Teil seines im Film dokumentierten Schaffens besteht aus dem Aufnehmen und Neu-Arrangieren von Geräuschen. Das sind die Geräusche, die ein Mastschwein von seiner Geburt bis zu seinem Tod macht und hört. Oder die Geräusche, die ein Baum hört, wenn er im Wald steht, gefällt, transportiert und bearbeitet wird. Dafür wird im Baum ein Mikrofon angebracht. Oder es sind die Geräusche, die zertretene Eier machen. Oder die Geräusche in einem Fish’n’Chips-Imbiss in einer Hafenstadt nach dem Brexit-Volksentscheid bei der Herstellung des Essens. Der Brexit war auch die Initialzündung für seine Brexit Big Band, die ein musikalischer Gegenentwurf zu dem von ihm abgelehntem Brexit ist. Oder die einer Schwimmerin, die den Ärmelkanal durchquert. Oder er beschäftigt sich mit Gustav Mahlers 10. Sinfonie und wie sich sich im geschlossenen Sarg anhört. Bei diesen Projekten geht es immer auch um neues und genaues Hören; wobei einige Geräusche erst durch Herberts Erklärungen ihre Geschichte und ihre Bedeutung erhalten.

Der so entstandene Dokumentarfilm ist ein Werkstattbericht, der Herbert und seine Arbeit vorstellt, ohne sein Werk in die Musikgeschichte einzuordnen. „A Symphony of Noise“ gibt einen tiefen Einblick in den Schaffensprozess von Matthew Herbert, der darüber auch ausführlich, oft mit einem selbstironischen Ton, spricht. Die längeren Konzertausschnitte zeigen dann, dass Herberts Musik vor allem Musik zum Tanzen ist; – – – jedenfalls die gezeigten Ausschnitte aus einem Auftritt im Berghain und eines Konzerts der Brexit Big Band, die dann doch sehr nach einer konventionellen Big Band klingt.

A Symphony of Noise (Deutschland 2021)

Regie: Enrique Sánchez Lansch

Drehbuch: Enrique Sánchez Lansch

mit Matthew Herbert

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „A Symphony of Noise“

Moviepilot über „A Symphony of Noise“

Wikipedia über Matthew Herbert (deutsch, englisch)

Homepage von Matthew Herbert

AllMusic über Matthew Herbert


TV-Tipp für den 23. Januar: Blue Note Records: Beyond the Notes

Januar 22, 2021

3sat, 21.55

Blue Note Records: Beyond the Notes (Schweiz 2018)

Regie: Sophie Huber

Drehbuch: Sophie Huber

TV-Premiere. Noch eine spielfilmlange Doku über das legendäre Jazz-Label mit seinen legendären Plattencovers und den legendären Musikern, von denen etliche auch im Film zu Wort kommen.

Ach, eigentlich könnte man mal eine Doku über eines der anderen legendären Jazz-Labels, wie Verve, Impulse, FMP, JMT oder Knitting Factory Works, machen.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt 3sat die Janis-Joplin-Doku „Janis: Little Girl Blue“.

Mit Michael Cuscuna, Lou Donaldson, Robert Glasper, Herbie Hancock, Norah Jones, Wayne Shorter, Marcus Strickland, Rudy Van Gelder, Don Was (und, in Archivaufnahmen, weiteren Jazzern)

Hinweise

Homepage zum Film

3sat über „Blue Note Records: Beyond the Notes“ (Doku ist bis zum 30. 1. 2021 in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Blue Note Records: Beyond the Notes“

Wikipedia über Blue Note Records (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. Januar: Eric Clapton: Leben mit dem Blues

Januar 7, 2021

Arte, 21.45

Eric Clapton: Leben mit dem Blues (Eric Clapton: A Life in 12 Bars, Großbritannien 2017)

Regie: Lili Fini Zanuck

Drehbuch: Stephen ‚Scooter‘ Weintraub, Larry Yelen

TV-Premiere. Zweistündige Doku über das Leben und Werk von Bluesgitarrist Eric Clapton, mit vielen Archivaufnahmen und aktuellen Interviews.

Lili Fini Zanuck könnte etwas bekannter für ihr Drogendrama „Rush“ (1991) sein, für das Clapton die Musik (und „Tears in Heaven“) schrieb. Große Erfolge hatte sie als Produzentin von, u. a., „Cocoon“ (1985), „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ (Driving Miss Daisy, 1989; der Film erhielt den Oscar als bester Film des Jahres), „Nach eigenen Regeln“ (Mulholland Falls, 1996) und „Ein wahres Verbrechen“ (True Crime, 1999).

Arte zeigt nach der Doku den gut zweistündigen Konzertmitschnitt „Slowhand at 70“ (bzw. „Live at the Royal Albert Hall“ (Großbritannien 2015).

mit Eric Clapton, Chris Dreja, Hughie Flint, Richard Goldstein, Alex Hooper, Cathy James, John Mayall, Jim McCarty, Jamie Oldaker, Ben Palmer, Howard Smith, George Terry, Steve Turner, Mike Vernon, Roger Waters, Bobby Whitlock, Steve Winwood

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 6. Februar in der Mediathek) und das Konzert (bis zum 8. März in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Eric Clapton: Leben mit dem Blues“

Homepage von Erick Clapton

AllMusic über Eric Clapton

Wikipedia über Eric Clapton (deutsch, englisch)

Where’s Eric! (sehr umfangreiche Fanclubseite)

Meine Besprechung von Blue Leachs „Eric Clapton: Live at the Royal Albert Hall – Slowhand at 70“ (Großbritannien 2015)

Zwei Gespräche zum Film mit Lili Fini Zanuck und Eric Clapton (das zweite ist eine Amateuraufnahme)


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2020

3sat, 06.30

Pop around the Clock

Wie in den vergangenen Jahren präsentiert 3sat am letzten Tag des Jahres Live-Konzerte, die bislang meistens nicht im Fernsehen gezeigt wurden. Wer einige Konzerte verschläft, kann sie bei 3sat zu einer normalen Uhrzeit nachholen. Dort gibt es auch weitere Rockkonzerte

Dieses Jahr sind vor Sonnenaufgang und tagsüber Bob Dylan (mit einem Konzert von 1993), Ringo Star, Prince (mehrmals), Chaka Khan, Eric Clapton (sein 2019er Crossroads-Guitar-Festival), Metallica und Roger Waters dabei. Abends wird es dann poppiger mit Mariah Carey, Shakira, Christina Aguilera und einem Tribute Concert für den DJ/Remixer Avicii. Nach Mitternacht dürfen dann Alice Cooper (in jungen Jahren war der Opa ein Kinderschreck), Muse und Biffy Clyro losrocken.

Musikalisch ist das immer gut abgehangen. In den letzten Jahren überraschten mich vor allem die Konzerte von sehr entspannt aufspielenden Altstars, deren Werk ich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verfolgte.


„California Dreamin’“ mit Pénélope Bagieu und The Mamas & The Papas

November 20, 2020

Die Musik dürfte heute noch bekannt sein. Aber wer „California Dreamin‘, „Monday, Monday“ und andere Songs der Band „The Mamas & The Papas“ nur aus dem Radio kennt, der kennt nur die schönen Stimmen der Bandmitglieder, aber nicht ihre Gesichter. Dabei war in den Sechzigern – „The Mamas & The Papas“ existierte von 1965 bis 1968 (1971 veröffentlichte sie ihre fünfte LP, zu der sie vertraglich verpflichtet war) – sowohl der Gesang als auch das Aussehen der Bandmitglieder ungewöhnlich. Bei ihren optimistisch-lebensbejahend-wohlklingenden Popsongs mischten sie im Chorgesang nämlich Männer- und Frauenstimmen.

Bei den Bandmitgliedern fiel Sängerin Cass Elliot sofort auf. Sie entsprach nicht dem Schönheitsideal für Sängerinnen von Popbands, die jung, schlank und überaus attraktiv sein sollen. Wenn sie dann auch noch singen können, ist das kein Hindernis. Cass war übergewichtig. Damals war das ein hundertprozentiger Karrierekiller. Aber die am 13. September 1941 in Baltimore, Maryland, als Ellen Naomi Cohen geborene Sängerin, Kind jüdischer Eltern, wollte unbedingt auf die Bühne. Als Kind war Florence Foster Jenkins ihr Vorbild. Von ihr stammt die berühmte Bemerkung: „Man mag einmal sagen, ich könnte nicht singen, aber nicht, ich hätte nicht gesungen.“

Damit hätte Cass, die singen konnte, auch in Pénélope Bagieus „Unerschrocken“ gepasst. In dem zweibändigen Comic porträtiert sie dreißig bekannte und heute unbekannte Frauen, die für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften und auf dem Weg zu ihrem Ziel Barrieren einrissen.

Jetzt hat Bagieu Cass Elliot mit „California dreamin’“ ein eigenes Buch gewidmet.

Sie erzählt vor allem die Geschichte vor dem ersten Hit der Band. Es geht also um Cass‘ Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen als Sängerin bei Veranstaltungen und dem schwierigen Zusammenfinden der vier Musiker, die dann „The Mamas & The Papas“ wurden. Die Folkpopband bestand aus ihr, John Phillips, Denny Doherty und Michelle Phillips. Lange stritten sie sich darüber, ob Folk tot sei (immerhin hatte Bob Dylan damals gerade die E-Gitarre entdeckt), ob Cass ein reguläres Mitglied der Band sein sollte und welche Musik sie machen sollten.

Bagieu schildert auch die ständigen Vorurteile, mit denen Cass wegen ihres Aussehens konfrontiert wird. Sie zeigt aber auch, wie Cass wegen ihres Wesens immer wieder schnell der beliebte Mittelpunkt einer Party oder Gruppe wird. Sie war eine richtige Stimmungskanone. Und wohl auch etwas nervig, weil sie immer im Mittelpunkt stehen musste.

California dreamin’“ erzählt humorvoll den Weg von Cass und „The Mamas & The Papas“ an die Spitze der Hitparade in pointiert zugespitzten Szenen.

Am 29. Juli 1974 starb Cass in London in einem Hotel. Die Todesursache war ein Herzversagen. Bagieus Comic hört lange vorher, nämlich 1966, auf. Damals war „California dreamin’“ ein Hit und die Band eine glücklich zusammenlebende Kommune. Jedenfalls für die Fans, die gerne ein Leben wie Cass führen würden. Wenn sie nicht gleich Cass sein könnten.

 

Pénélope Bagieu: California dreamin‘

(übersetzt von Ulrich Pröfrock)

Reprodukt, 2020

280 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

California dreamin‘

Gallimard, 2019

Hinweise

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

Allmusic über „The Mamas & The Papas“

Wikipedia über „The Mamas and The Papas“ (deutsch, englisch) und Cass Elliot (deutsch, englisch)


Rockig: Keith Richards & The X-Pensive Winos

November 19, 2020

Damals, als bei den Rolling Stones der Haussegen schief hing, gründete Keith Richards eine eigene Band und spielte auch, 1988, im Hollywood Palladium:

Es spielen Keith Richards (Gitarre, Gesang), Waddy Wachtel (Gitarre), Steve Jordan (Schlagzeug), Charley Drayton (Bass), Ivan Neville (Keyboard), Bobby Keys (Saxophone) und Sarah (Gesang).


TV-Tipp für den 25. September: Janis: Little Girl Blue

September 24, 2020

Nachdem ich mich die Woche vor allem mit inzwischen weitgehend gelösten Computerproblemen herumschlug, werden die aktuellen Kinostarts (Blackbird, Pelikanblut, Persischstunden) später als erhofft besprochen. Hierfür sollte es noch eine längere Ankündigung geben. Und dann sind noch einige Buchbesprechungen in der Pipeline und dieser Mann hat demnächst einen runden Geburtstag. Deshalb gibt es im Moment nur einen rockigen TV-Tipp

Arte, 22.00

Janis: Little Girl Blue (Janis: Little Girl Blue, USA 2015)

Regie: Amy J. Berg

Drehbuch: Amy J. Berg

Die Doku „Janis: Little Girl Blue“ über die Sänderin Janis Joplin ist informativ, kurzweilig und geizt nicht mit Konzertaufnahmen; wobei die durchaus etwas kürzer hätten ausfallen können. Aber andererseits: wer kann schon etwas gegen gute Musik einwenden?

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Janis Joplin, Peter Albin, Sam Andrew, Karleen Bennett, Dick Cavett, John Cooke, David Dalton, Cornelius ‚Snooky‘ Flowers, Country Joe McDonald, Clive Davis, Melissa Etheridge, Dave Getz, Laura Joplin, Michael Joplin, Michael Joplin, Julius Karpen, Juliette Lewis, Alecia Moore, J. Dave Moriaty, Dave Niehaus, D.A. Pennebaker, Travis Rivers, Powell St. John, Bob Weir, Jae Whitaker, Chan Marschall (Cat Power, Erzählerin in der Originalfassung)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Janis: Little Girl Blue“
Metacritic über „Janis: Little Girl Blue“
Rotten Tomatoes über „Janis: Little Girl Blue“
Wikipedia über „Janis: Little Girl Blue“ und Janis Joplin (deutsch, englisch)
AllMusic über Janis Joplin

Meine Besprechung von Amy J. Bergs „Janis: Little Girl Blue“ (Janis: Little Girl Blue, USA 2015)


TV-Tipp für den 18. September: Jimi Hendrix „Hear my Train a comin'“

September 17, 2020

Arte, 21.40

Jimi Hendrix „Hear my Train a comin’“ (Jimi Hendrix: Hear my Train a comin‘, USA 2013)

Regie: Bob Smeaton

Spielfilmlange Doku über den am 18. September 1970 (yep, heute vor fünfzig Jahren) verstorbenen Rockgitarrisen Jimi Hendrix mit (damals) neu entdeckten zeitgenössischen Amateuraufnahmen und neuen Gesprächen mit Zeitzeugen wie Mitch Mitchell, Noel Redding, Eddie Kramer, Paul McCartney und Steve Winwood.

Hinweise

Arte über die Doku (online bis 16. November 2020)

Wikipedia über Jimi Hendrix (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 17. Juli: Whitney – Can I be me

Juli 16, 2020

Arte, 22.05

Whitney – Can I be me (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal

Drehbuch: Nick Broomfield

TV-Premiere. Sehenswerte Doku über Whitney Houston, wie sie zu einem Star für das Mainstream-Publikum aufgebaut wurde und ihre Versuche ‚ich‘ zu sein.

All das erzählen Nick Broomfield und Rudi Dolezal (von ihm stammen die bislang unveröffentlichten, bei den deutschen Konzerten aufgenommenen Backstage- und Konzert-Aufnahmen von Houstons 1999er Welttournee) chronologisch und kurzweilig in der aus zahlreichen Dokumentarfilmen über Musiker und Bands vertrauten Mischung aus Archivaufnahmen, teils von Auftritten und Interviews, teils aus verschiedenen privaten Archiven, und aktuellen Interviews.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Whitney Houston, Robyn Crawford, Bobby Brown, Cissy Houston, John Russell Houston jr., Bobby Kristina Brown, David Roberts (teilweise Archivmaterial)

Hinweise

Moviepilot über „Whitney – Can I be me“

Metacritic über „Whitney – Can I be me“

Rotten Tomatoes über „Whitney – Can I be me“

Wikipedia über Whitney Houston (deutsch, englisch)

AllMusic über Whitney Houston

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Nick Broomfields „Marianne & Leonard: Words of Love“ (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“ und lässt ihn auf Erden in einer Rockband spielen

Juli 10, 2020

Mike Figgis, der Regisseur von „Stormy Monday“, „Internal Affairs“ und, seinem bekanntesten Film, „Leaving Las Vegas“, wollte keine normale Doku über Ronnie Wood drehen. Also kein chronologischer Gang durch das Leben des Porträtierten. Keine Ansammlung sprechender Köpfe, die mehr oder weniger gute Dinge über den Porträtierten erzählen. Kein teils peinlich intimes Ausleuchten privater Details. Keine kritische Bestandsaufnahme des Lebens des Porträtierten. Und keine Interviews mit dem Porträtierten, in denen er, mehr oder weniger hartnäckig, über sein Leben ausgefragt wird.

Das gibt es schon auch in „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“. Aber nur in homöopathischen Dosen.

Ronnie Wood, manchmal auch Ron Wood, ist heute vor allem als Mitglied der Rolling Stones bekannt. Im Gegensatz zu den Bandgründern spielt der Gitarrist erst seit 1975 in der Band mit. Offizielles Bandmitglied wurde er 1993. Vor seinem Engagement bei den Stones spielte er in in der Jeff Beck Group, den Faces und in der Band von Rod Stewart.

Neben den „Rolling Stones“-Platten veröffentlichte er mehrere Platten unter seinem Namen und er verwirklicht sich als Maler. Wood war Schüler der Londoner Kunstschule Ealing Art College.

Figgis beobachtet ihn in „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“ ausführlich beim Zeichnen. Dazu gibt es Konzertausschnitte, eher kurze Statements von Freunden, früheren und aktuellen Bandkollegen und ausführliche Gesprächsbeiträge von Ronnie Wood, der über sein Leben redet.

Das Ergebnis ist ein von Sympathie getragener, nie sonderlich in die Tiefe gehender oder auch nur ansatzweise kritischer Dokumentarfilm. Damit ist „Ronnie Wood – Somebody ut there likes me“ vor allem für Fans des sympathisch vor sich hin erzählenden Musikers und der stadionrockenden Bluescombo „The Rolling Stones“ interessant.

Die dürfen sich auch auf die neue Platte der Rolling Stones freuen. Sie soll dieses Jahr erscheinen. Und sie soll aus neuen Songs bestehen. Das haben jedenfalls Mick Jagger und Keith Richards vor wenigen Wochen in einem Interview gesagt. Ihre letzte Studio-CD „Blue & Lonesome“ erschien vor vier Jahren und sie enthielt nur Blues-Cover.

Ronnie Wood – Somebody up there likes me (Somebody up there likes me, Großbritannien 2019)

Regie: Mike Figgis

Drehbuch: Mike Figgis

mit Ronnie Wood, Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts, Damien Hirst, Rod Stewart, Imelda May, Sally Wood

Länge: 72 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“

Rotten Tomatoes über „Ronnie Wood – Somebody up there likes me“

Wikipdia über Ronnie Wood (deutsch, englisch)

Allmusic über Ronnie Wood und die Rolling Stones


Zum Todestag von Rory Gallagher

Juni 13, 2020

Weil heute der Todestag von Rory Gallagher (2. März 1948 – 14. Juni 1995) ist; frisch abgestaubt aus dem Archiv des WDR Rockpalast


Neu im Kino/Filmkritik: Über das Musikerbiopic „Miles Davis – Birth of the Cool“

Januar 2, 2020

Weil ich keine Lust habe, einmal im Sauseschritt durch das Leben von Miles Davis zu hetzen, wird diese Kritik eher kurz.

Denn Stanley Nelson gelingt es in seinem Dokumentarfilm „Miles Davis – Birth of the Cool“ sehr gut, das Leben des Jazztrompeters Miles Davis und seine unzähligen musikalischen Häutungen zu erzählen, ohne wichtige Aspekte zu vernachlässigen und, was noch wichtiger und, angesichts des Lebens und Werks von Miles Davis noch imponierender ist, ohne falsche Schwerpunkte zu setzen. In knapp zwei Stunden erzählt Nelson, mit viel Musik, vielen gut gewählten Interviewpartnern, ebenso gut gewähltem Archivmaterial und Zitaten von Miles Davis (im Original von Carl Lumbly nah am Original heißer geflüstert), das Leben von Miles Davis von seiner Geburt am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, bis zu seinem frühen Tod am 28. September 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Er wurde nur 65 Jahre alt.

Nelson erzählt das Leben des Jazztrompeters als konventionelle Mischung zwischen kurzen, eher illustrierenden Musikclips, Dokumentaraufnahmen, mal Fotos, mal Film, und sprechenden Köpfen. Wirklich beeindruckend ist, wie gut es Nelson gelingt, jede Schaffensphase von Miles Davis zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn die Fans von „Birth of the Cool“ und seinen Bop-Aufnahmen sind nicht unbedingt die Fans von „Kind of Blue“ (seine bekannteste Platte, die auch Jazzhasser lieben) oder „Sketches of Spain“ (um nur eine Orchester-Zusammenarbeit mit Gil Evans zu erwähnen) oder von „Bitches Brew“ (und seinen darauf folgenden immer freier werdenden Fusion-Aufnahmen) oder von „You’re under Arrest“ (mit dem Cyndi-Lauper-Cover „Time after Time“ und seinen sehr poppigen Aufnahmen aus den Achtzigern) oder von seiner letzten, wenige Monate nach seinem Tod erschienen LP „Doo-Bop“, in der er Jazz mit Hip-Hop fusionierte. Diese stilistischen Wechsel dokumentieren eine immer währende musikalische Neugier, die wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Fans nimmt, die vor allem immer wieder das gleiche hören wollen.

In der zweistündigen Doku gibt es keine groben Auslassungen oder grob falsche Gewichtungen. Auch wenn der Davis-Fan selbstverständlich hier und da, ja nach persönlicher Davis-Lieblingsschaffensphase, gerne mehr oder weniger in die Tiefe gegangen wäre. Neben dem Werk geht Nelson auch auf Davis‘ Leben, seine durchaus problematische Persönlichkeit und seine kulturelle und auch popkulturelle Bedeutung ein.

Somit ist „Miles Davis – Birth of the Cool“ für den Davis-Fan eine Auffrischung bekannter Informationen und eine Einladung, mal wieder eine Platte von ihm aufzulegen (wobei wahrscheinlich eine CD einschieben oder eine Playlist anklicken näher an der Wirklichkeit ist). Für den Novizen ist die Doku ein glänzender und rundum gelungener Überblick über das Leben und Werk eines der wichtigsten Jazzmusiker.

Miles Davis – Birth of the Cool (Miles Davis: Birth of the Cool, USA 2019)

Regie: Stanley Nelson

Drehbuch: Stanley Nelson

mit (ohne zwischen aktuellen Interviews und Archivmaterial, ohne zwischen kurzen und langen Statements und ohne zwischen allgemein bekannten und unbekannteren Gesprächspartnern zu unterscheiden) Miles Davis, Carl Lumbly (im Original: Stimme von Miles Davis), Reginald Petty, Quincy Troupe, Farah Griffin, Lee Annie Bonner, Ashley Kahn, Benjamin Cawthra, Billy Eckstine, Walter Cronkite, Jimmy Heath, Jimmy Cobb, Dan Morgenstern, Charlie Parker, Greg Tate, Gerald Early, Quincy Jones, Wayne Shorter, Tammy L. Kernodle, Juliette Gréco, Vincent Bessières, George Wein, Eugene Redmond, Thelonious Monk, Carlos Santana, Herbie Hancock, Marcus Miller, Cortez McCoy, Sandra McCoy, Jack Chambers, Frances Taylor, Johnny Mathis, René Urtreger, Joshua Redman, John Coltrane, James Mtume, Lenny White, Vincent Wilburn Jr., Archie Shepp, Stanley Crouch, Gil Evans, Cheryl Davis, Ron Carter, Sly and the Family Stone, Clive Davis, Betty Davis, Marguerite Cantú, Mark Rothbaum, Erin Davis, Mike Stern, Mikel Elam, Jo Gelbard, Prince, Wallace Roney

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Metacritic über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Rotten Tomatoes über „Miles Davis: Birth of the Cool“

Wikipedia über Miles Davis (deutsch, englisch)

Homepage von Miles Davis

AllMusic über Miles Davis


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2019

3sat, 05.00

Pop around the Clock

Um 5.00 Uhr geht es los mit einer bunten Mischung aus aktuellen und etwas älteren Konzerten von bekannten und sehr bekannten Musikern und Bands. Deshalb sind die „Rolling Stones“ wie jedes (?) Jahr dabei. Dieses Mal, um 15.45 Uhr, mit dem „Bridges to Bremen“-Konzert von 1998.

Außerdem gibt es Konzerte von John Fogerty (um 06.45 Uhr), The Who (um 08.30 Uhr), Beth Hart (um 09.30 Uhr), Metallica (dieses Mal S & M von 1999, um 12.30 Uhr), Paul Simon (1991 ohne Art im Central Park, um 14.30 Uhr), Elvis Presley (der ist eher selten dabei; dieses Mal mit Aloha from Hawaii, aufgenommen 1973, um 18.00 Uhr), direkt danach ein brandneues Elvis-All-Star-Tribute (um 19.00 Uhr), Sting (um 20.15 Uhr), Coldplay (um 22.15), U2 (eXPERIENCE Live – Berlin [!] 2018, um 00.20) und Little Steven and the Disciples of Soul (um 04.15 Uhr).

Das vollständige Programm gibt es hier.


Weihnachtsmusik?

Dezember 24, 2019

Los Lobos – viel Spaß!


Neu im Kino/Filmkritik: „Aretha Franklin: Amazing Grace“ – just amazing

November 28, 2019

Am 13. und 14. Januar 1972 gab Aretha Franklin in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, zwei Konzerte, die aufgezeichnet wurden. Die aus den an den Abenden gesungenen Liedern zusammengestellte Doppel-LP „Amazing Grace“ wurde kurz danach veröffentlicht und sie verkaufte sich wie geschnitten Brot. Bis heute ist sie das meistverkaufte Live-Gospelalbum aller Zeiten und Aretha Franklins erfolgreichstes Album. Der ebenfalls geplante Film verschwand dagegen in den Archiven.

Spielfilmregisseur Sydney Pollack, der als Fan von Aretha Franklin unbedingt den Film machen wollte und der keine Erfahrung mit Dokumentar- und Konzertfilmen hatte, hatte Bild und Ton unabhängig voneinander aufgenommen. Weil es keine Markierungen gab, die Bild und Ton eindeutig zuordneten, war es nachträglich fast unmöglich die einzelnen Bilder bestimmten Tönen zuzuordnen. 2007 wurde, auf Pollacks Drängen, ein neuer Versuch unternommen, aus dem Material eine Film herzustellen. Der mit Pollack befreundete Produzent Alan Elliott übernahm die Verantwortung. Pollack starb am 26. Mai 2008. Mit neuen digitalen Techniken gelang die Synchronisation von Bild und Ton. 2011 sollte der Film öffentlich aufgeführt werden.

Aber in dem Moment und den folgenden Jahren verweigerte Aretha Franklin aus nie restlos geklärten Gründen diese Veröffentlichung. Franklin starb am 16. August 2018. Ihre Familie stimmte jetzt einer Veröffentlichung des Konzertfilms zu.

Und das Warten hat sich, auch wenn man die Musik bereits kennt, gelohnt.

Denn „Aretha Franklin: Amazing Grace“ ist eine Zeitkapsel, die einen Blick in eine Zeit eröffnet, als Zuschauer und Konzertbesucher noch einen ganz anderen Umgang mit Kameras hatten. Und ein richtiger Konzertfilm ist er auch nicht. Es handelt sich um eine Mischung aus öffentlichen Proben und den Aufnahmen für eine LP vor Live-Publikum. Die Konzertbühne steht mitten im Kirchensaal und die Kirche sieht wie eine Lagerhalle aus, in die einige Bänke gestellt wurden. Ein Konzertbeleuchtung gibt es nicht. Dafür ist der gesamte Saal hell erleuchtet. Die wenigen Reihen der Kirche sind sogar erstaunlich spärlich besetzt. Und während des Konzert bricht Aretha Franklin immer wieder mitten im Lied ab, um danach noch einmal zu beginnen. Oder sie bespricht mit ihren Musikern, wie das nächste Lied gespielt werden soll.

Vor dem Konzert erklärt Reverend James Cleveland in seiner Kirche, dass die Konzerte aufgezeichnet würden, das Publikum trotzdem wie bei einem normalen Gospelgottesdienst mitsingen und -klatschen solle und sich dabei nicht von den Kameras stören lassen solle. Das funktioniert nur teilweise. Immer wieder blicken die Zuschauer irritiert in die Kameras und überlegen, wie sehr sie sich von der Musik mitreisen lassen sollen. Dass irgendwann Mick Jagger und Charlie Watts am Eingang stehen und ruhig zuhören, bemerken sie nicht.

Währenddessen sind Pollack und die Kameramänner, denen er mit seinen Händen Anweisungen gibt, immer wieder deutlich sichtbar im Bild. Teilweise laufen sie auch durch das Bild. Solche Bilder sind heute auch bei Konzertmitschnitten fast undenkbar.

Aretha Franklin (vocal, piano), ihre Band (Cornell Dupree [guitar], C.L. Franklin [vocals], Kenneth ‚Ken‘ Lupper [organ], Pancho Morales [congas, percussion], Bernard Purdie [drums], Chuck Rainey [bass]), Reverend James Cleveland (piano), der Southern California Community Choir (unter der Leitung von Alexander Hamilton) und einige Überraschungsgäste singen sattsam bekannte Gospelsongs wie „What a Friend we have in Jesus“, „How I got over“, „You’ve got a Friend“, „Mary don’t you weep“, „My sweet Lord“ und, selbstverständlich, „Amazing Grace“. Dabei sind nicht alle Lieder auf der Doppel-LP (inzwischen CD) und dem Film identisch. Außerdem unterscheidet sich die Abfolge der Lieder im Film von der Reihenfolge auf der Doppel-LP. Aber weil die Abende öffentliche Aufnahmen vor einem Live-Publikum waren, stört das nicht. Auch dass Aretha Franklins Garderobe manchmal innerhalb eines Liedes wechselt, stört nicht. Die Musik trägt mühelos darüber hinweg. Es sind Details, die die Authentizität des Gezeigten steigern und einen Blick in eine andere Zeit ermöglichen.

Aretha Franklin: Amazing Grace (Amazing Grace, USA 2018)

Regie: Alan Elliottt, Sydney Pollack

Drehbuch: Alan Elliott, Sydney Pollack

mit Aretha Franklin, James Cleveland, C. L. Franklin, Mick Jagger, Alexander Hamilton, Southern California Community Choir, Cornell Dupree, Kenneth Lupper, Pancho Morales, Bernard Purdie, Chuck Rainey, Clara Ward, Sydney Pollack, Charlie Watts

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Metacritic über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Rotten Tomatoes über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Wikipedia über „Aretha Franklin: Amazing Grace“ (deutsch, englisch) und Aretha Franklin (deutsch, englisch)

AllMusic über Aretha Franklin


Neu im Kino/Filmkritik: PJ Harvey ruft „A Dog called Money“

November 15, 2019

Zwischen 2012 und 2014 bereiste die Musikerin PJ Harvey den Kosovo, Afghanistan und Washington, DC.

2016 veröffentlichte sie ihre CD „The Hope Six Demolition Project“. Die Lieder waren von ihren Reisbeobachtungen inspiriert.

Und dieses Jahr veröffentlichte Seamus Murphy den Film „PJ Harvey – A Dog called Money“, das diese Reisen und die Aufnahmen für die CD nachzeichnet.

Allerdings nicht als Dokumentarfilm, sondern als filmisches Essay. Er zeigt, wie PJ Harvey durch die verschiedenen Kriegsgebiete geht, sich Notizen macht, sich manchmal mit Einheimischen unterhält und Musikinstrumente ausprobiert. Über diese Bilder legt er von PJ Harvey geschriebene und gesprochene Texte.

Später beobachtet er sie und ihre namenlos im Hintergrund agierende Band bei den Proben und Aufnahmen für die CD. Sie mieteten sich im Somerset House in London ein und errichteten für die Aufnahmen vom 14. Januar bis zum 14. Februar 2015 ein ‚Recording in Progress‘-Studio. Das Studio war ein abgeschlossener, durch Einwegspiegelglas einsehbarer Raum, in dem die Musiker die Songs für die CD erarbeiteten und einspielten. Fans konnten diese öffentlichen Proben beobachten.

Murphys Film springt dabei zwischen beiden Zeitebenen hin und her und immer steht die Musikerin im Mittelpunkt.

Entstanden ist eine PJ-Harvey-Collage für die Fans der Musikerin, die nicht genug von ihr bekommen können.

Wer allerdings mehr wissen möchte, wird mit der Personality-Show „PJ Harvey – A Dog called Money“ wenig anfangen können. Es gibt keine Interviews mit ihren Musikern oder mit ihr. Es gibt auch keine Gespräche mit den Einheimischen. Sie bleiben, auch wenn es von PJ Harvey so wohl nicht intendiert ist, die Staffage für die Inszenierung einer Musikerin, die fremde Länder besucht und aus diesen Ländern Dinge mitnimmt, die ihr gefallen und die sie in ihre Musik integriert. Allerdings so, dass sie ihrer Musik einfach eine neue Klangfarbe beifügen.

Seamus Murphy hat für PJ Harveys Alben „Let England Shake“ und „The Hope Six Demolition Project“ mehrere Kurzfilme inszeniert.

PJ Harvey – A Dog called Money (A Dog called Money, Irland/Großbritannien 2019)

Regie: Seamus Murphy

Drehbuch: Seamus Murphy

mit PJ Harvey (aka Polly Jean Harvey), John Parish, Terry Edwards, Kenrick Rowe, Enrico Gabrielli, Mike Smith, Alessandro Stefana, James Johnston, Alain Johannes, Adam ‚Cecil‘ Bartlett, Flood, Jean-Marc Butty, Mick Harvey, Linton Kwesi Johnson

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A Dog called Money“

Metacritic über „A Dog called Money“

Rotten Tomatoes über „A Dog called Money“

Wikipedia über PJ Harvey (deutsch, englisch)

Homepage von PJ Harvey

AllMusic über PJ Harvey


Neu im Kino/Filmkritik: „Marianne & Leonard: Words of Love“ von Leonard Cohen an Marianne Ihlen

November 8, 2019

So long, Marianne“ ist ein Songs von Leonard Cohens erster, Ende 1967 erschienener LP „Songs of Leonard Cohen“. Er ist, wie die ebenfalls auf der LP enthaltenen Songs „Suzanne“, „Sisters of Mercy“ und „Hey, that’s no way to say Goodbye“, einer seiner Klassiker.

In seinem neuen Dokumentarfilm „Marianne & Leonard: Words of Love“ zeigt Nick Broomfield die Geschichte hinter dem Lied. Zu seinen bisherigen Arbeiten gehören „Aileen: Life and Death of a Serial Killer“, „Battle for Haditha“ und „Whitney – Can I be me“.

Die von Cohen in seinem Lied angesprochene „Marianne“ ist die Norwegerin Marianne Ihlen. Cohen lernte sie 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen.

Damals lebte sie auf Hydra mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Axel Jensen, und ihrem gemeinsamen Sohn. Sie lernten sich kennen, verbrachten Zeit miteinander und verliebten sich. Sie war eine von Cohens zahlreichen Freundinnen und Musen, die ihn zu mehreren Liedern inspiriert. Das war nie ein Geheimnis. Auch wenn man die von Broomfield in seiner Dokumentation ausführlich geschilderten Liebes- und Beziehungshintergründe und das freizügige Leben der Ausländer in Griechenland zwischen freier Liebe, Drogen und Künstlertum nicht genau kannte.

Diese Beschreibung des Lebens der Bohemien-Künstlergemeinschaft auf der Insel, der Beziehung zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen, Cohens ersten Schritten als Musiker und ihrer Trennung sind der stärkste Teil von Broomfields Doku.

In der zweiten Hälfte schildert er ihr weiteres Leben und ihre lebenslange Freundschaft bis zu ihrem Tod. Ihlen starb im Juni 2016, Cohen im November 2016. Bei Marianne Ihlen verlief das weitere Leben, abseits des Rampenlichts der Medien, recht ereignislos in ihrer Heimat in bürgerlichen Bahnen. Cohens Leben als Musiker, sein jahrelanger Rückzug als Buddhist ins Mount Baldy Zen Center und seine aufgrund finanzieller Probleme notwendige und sehr erfolgreiche Rückkehr in das Musikgeschäft mit mehreren CDs und umjubelten Tourneen verlief im Rampenlicht der Öffentlichkeit und würde sich problemlos für mindestens eine ausführliche Dokumentation eignen.

Aber wie Broomfield in der dieser zweiten Filmhälfte willkürlich Ereignisse aus Cohens Leben hervorhebt, ist absolut ärgerlich. Da fehlen dann ganze Jahre, Platten und wichtige Songs wie „First we take Manhattan“, während „Hallelujah“ über mehrere Minuten abgefeiert wird. Seine Zeit im Kloster wird mit einigen bizarr anmutenden Bildern von Rōshi Kyozan Joshu Sasaki und Cohen als seinem Diener illustriert. Diese Bilder aus fast fünfzig Jahren wirken, als habe Broomfield verzweifelt Material gesucht, um auf die richtige Länge zu kommen, und als habe er dafür einfach alles genommen, was gerade vorhanden war. Dieses Material ist im Rahmen der Schilderung einer Beziehung denkbar uninteressant.

Für Cohen-Fans ist „Marianne & Leonard: Words of Love“ natürlich sehenswert.

Marianne & Leonard: Words of Love (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)

Regie: Nick Broomfield

Drehbuch: Nick Broomfield

mit Nick Broomfield (Erzähler), Marianne Ihlen, Leonard Cohen

Länge: 97 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Metacritic über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Rotten Tomatoes über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Wikipedia über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wer 4 sind“ über die HipHop-Band „Die Fantastischen Vier“

September 16, 2019

Muss man „Die Fantastischen Vier“ noch vorstellen? Seit dreißig Jahren machen die vier Jungs aus Stuttgart gemeinsam Musik. Mit „Die da!?!“ hatten sie 1992 ihren Durchbruch. Nach diesem kindischen Partyhit entwickelten die Hip-Hopper sich schnell weiter. Sie sind schon seit Ewigkeiten ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene. Außerdem besteht die Band, abgesehen von den Tourmusikern, immer noch aus den vier Gründungsmitgliedern.

In „Wer 4 sind“ dokumentiert Thomas Schwendemann die Arbeit von der Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon und Smudo an ihrer neuen Hip-Hop-CD „Captain Fantastic“ von den ersten improvisierten Gedankensammlungen für die neue CD bis zur Präsentation der CD vor Publikum.

Dazwischen gibt es Szenen aus dem Leben von Smudo, Thomas D, And.Ypsilon und Michi Beck, die alle sehr sympathisch und bodenständig rüberkommen, und einen kurzen Rückblick zu ihren Anfängen in Stuttgart.

Die unkritische und oberflächliche Doku ist eigentlich die perfekte Beigabe zur CD. Sie ist hundertfünfzigprozentiger Fanservice, der sich auch nur an die Fans richtet. Ein zufälliger Besucher erfährt nichts essentielles über die Band, ihre Geschichte und ihre Position im deutschen Hip-Hop. Ihre Musik wird immer nur so kurz angespielt, dass jemand, der die Band nicht kennt, nach dem Abspann ahnt, dass sie Hip-Hop spielen könnten. Aber ob ihm die Musik gefallen könnte, weiß er nicht.

Fans der Band werden das selbstverständlich ganz anders sehen.

Wer 4 sind (Deutschland 2019)

Regie: Thomas Schwendemann

Drehbuch: Thomas Schwendemann

mit Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon, Smudo, Clueso, Samy Deluxe, Afrob, Curse, Damion Davis, DJ Thomilla

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

alternative Schreibweise: „Wer Vier sind“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wer 4 sind“

Moviepilot über „Wer 4 sind“

Wikipedia über „Die fantastischen Vier

Homepage der Band


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