DVD-Kritik: Ving Rhames veredelt die „Bridge to Nowhere“

Februar 28, 2011

Ein Film mit Ving Rhames kann nicht ganz schlecht sein. Immerhin spielt Ving Rhames mit. Aber in „Bridge to Nowhere – Die dunkle Seite des Traums“ hat er nur eine handvoll Szenen und insgesamt wohl ungefähr fünf Minuten Filmzeit.

Der Rest ist eine am Anfang durchaus sympathische Geschichte von vier Jugendfreunden, die eher zufällig in das Geschäft mit Prostituierten und Drogen hineinschlittern.

Irgendwann wird es dann zu einer 08/15-Gangstersaga, in der der Kopf der Bande auf Mini-Al-Pacino macht. Er nimmt Drogen und beim Showdown ballert er dann auch mit der großen Wumme auf die Polizei, die als Deus ex machina am Ende auf der Bildfläche erscheint. In „Scarface“, dem bekanntesten Vorbild für „Bridge to Nowhere“, waren es andere Gangster und die Schlacht dauerte ewig.

Aber Schauspieler Blair Underwood musste in seinem Spielfilmdebüt mit einem wesentlich geringerem Budget als damals Brian De Palma auskommen und er setzte die Geschichte ziemlich amateurhaft um. Das fällt vor allem bei dem Mord an einer Prostituierten und dem Schusswechsel am Filmende unangenehm auf.

Außerdem ist die Geschichte teils schleppend, teils sprunghaft mit allzu austauschbaren Charakteren, die uns daher auch ziemlich egal sind, erzählt. Die vier Jungs, die zufällig Zuhälter und Drogenhändler werden, verstehen sich untereinander zu gut. Mit ihren Angestellten, den Nutten, haben sie keine Probleme. Die Damen liefern brav das Geld ab und erfreuen sich an den von ihren Zuhältern gekauften Kleidern und Drogen. Der von Ving Rhames gespielte Großgangster gibt den Gangster-Lehrlingen Tipps für das richtige Gangstertum.

So entsteht schnell der Eindruck, dass sie alle eine glückliche Familie sind. Konflikte gibt es nicht. Nur: wo es keine Konflikte gibt, gibt es auch kein Drama und für einen Gangsterfilm gibt es nichts schlimmeres.

Ving Rhames hat für „Bridge to Nowhere“ wahrscheinlich zwei, drei Tage geopfert und so versucht dem Projekt als Ghetto-Projekt, das vor den Übeln des Gangstertums warnt, eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen.

Trotzdem ist „Bridge to Nowhere“ kein Film, den man sich nicht ansehen muss.

Bridge to Nowhere – Die dunkle Seite des Traums (The Bridge to Nowhere, USA 2009)

Regie: Blair Underwood

Drehbuch: Chris Gutierrez

mit Bijou Phillips, Danny Masterson, Ben Crowley, Daniel London, Thomas Ian Nicholas, Alexandra Breckenridge, Sean Derry, Ving Rhames

DVD

Bronson Entertainment/Koch Media

Bild: 16:9 (1:1,78 anamorph)

Ton: Deutsch (DTS, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bio-/Filmographien, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Bridge to Nowhere“

 


TV-Tipp für den 28. Februar: Tabu – Eine Geschichte aus der Südsee

Februar 28, 2011

Arte, 00.05

Tabu – Eine Geschichte aus der Südsee (USA 1931/2010, R.: Friedhelm Wilhelm Murnau, Robert J. Flaherty)

Drehbuch: Friedhelm Wilhelm Murnau, Robert J. Flaherty

Die Story ist Nebensache (Reri liebt Matahi. Sie wird Priesterin und er darf sie nicht mehr berühren. Beide fliehen.), die Bilder die Hauptsache.

Denn Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, „Der letzte Mann“) war von der Südsee fasziniert, ursprünglich war ein Dokumentarfilm geplant und am Ende wurde es ein Dokumentarfilm mit Spielfilmhandlung (oder umgekehrt).

Tabu“ war Murnaus letzter Film. Er starb vor der Premiere am 11. März 1931 bei einem Autounfall.

Arte zeigt eine digital restaurierte Fassung mit der Original-Filmmusik von Hugo Riesenfeld.

Mit Reri (Anne Chevalier), Matahi, Jean, Jules, Kong Ah

Hinweise

Arte über den Film

Wikipedia über „Tabu“ (deutsch, englisch)

Milestone Film über „Tabu“


TV-Tipp für den 27. Februar: Oscar 2011

Februar 27, 2011

Pro7, 02.00

Oscar 2011 – Die Academy Awards – Live aus L. A.

Ab 01.10 Uhr berichtet Pro 7 vom Roten Teppich, aber erst jetzt geht’s wirklich los. Und wer keine Nachteule ist, kann entweder hier die Gewinner erfahren oder sich auf der Oscar-Seite umfassend über den Preis informieren.

Bereits vergeben sind die Spirit Awards für die besten Independent-Filme („Black Swan“ schlug sich hervorragend) und die Razzies für die schlechtesten Filme.


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Februar 26, 2011

Wer wissen will, welche Krimiverfilmungen in den kommenden Tagen im TV laufen, muss zu den Alligatorpapieren klicken und meine TV-Krimi-Buch-Tipps studieren:

In den kommenden beiden Wochen gibt es einige John-Grisham-Verfilmungen, die üblichen Verdächtigen (Brunetti, Wallander, Lynley/Havers, Laurenti, Barnaby, Huss) und den letzten Teil der Stieg-Larsson-Verfilmungen.
Sehenswert sind, immer wieder, Sam Peckinpahs Western „Sacramento“, Buddy Giovinazzos Kölner-„Tatort“ „Platt gemacht“, Wong Kar-wais „My Blueberry Nights“ (am Drehbuch war auch Lawrence Block beteiligt), Franck Mancusos Lawrence-Block-Verfilmung „Kein Mord bleibt ungesühnt“, Lars Beckers „Nachtschicht: Das tote Mädchen“, Lynda La Plantes „Der Preis des Verbrechens“-Zweiteiler „Spurlos verschwunden“, Guy Hamiltons Ian-Fleming-Verfilmung „Goldfinger“, Alfred Hitchcocks Cornell-Woolrich-Verfilmung „Das Fenster zum Hof“ und seine Robert-Bloch-Verfilmung „Psycho“, Stanley Donens Marc-Behm/Peter-Stone-Verfilmung „Charade“ (zu einer angenehmen Uhrzeit), Antoine Fuquas Stephen-Hunter-Verfilmung „Shooter“, J. Lee Thompsons John-D.-MacDonald-Verfilmung „Ein Köder für die Besite“, Als TV-Premieren sind Fred Breinersdorfers Debüt als Spielfilmregisseur „Zwischen heut und morgen“ (er drehte vorher einen zehnminütigen Kurzfilm) und Lars Beckers „Amigo – Bei Ankunft Tod“ (nach seinem Roman) sicher einen Blick wert.


TV-Tipp für den 26. Februar: Striptease

Februar 26, 2011

RTL II, 22.45

Striptease (USA 1996, R.: Andrew Bergman)

Drehbuch: Andrew Bergman

LV: Carl Hiaasen: Striptease, 1993 (Striptease)

Erin Grant verdient das Geld für einen Sorgerechtsprozeß in einer Striptease-Bar. Dort verliebt sich Senator Dilbeck in sie und verteidigt sie mit einer Champagnerflasche gegen einen Verehrer. Jerry fotografiert dies und erpresst Dilbeck. Kurz darauf ist er tot und Erin sieht das Sorgerecht gefährdet.

Bis auf die Hauptrolle (Demi Moore, die auch beim Striptease nicht sonderlich erregend wirkt) gelungene Verfilmung eines satirischen Hiaasen-Buches, mit einer grandios aufspielenden Schar Nebendarsteller: Ving Rhames, Burt Reynolds, Armant Assante, Paul Guilfoyle

Wenn der Film zum Lesen des Buches (und der anderen Hiaasen-Werke!) führt, dann kann der Film gar nicht genug gelobt werden

Wiederholung: Sonntag, 27. Februar, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Carl Hiaasen

Meine Besprechung von „Sumpfblüten“ (Nature Girl, 2006)

Meine Besprechung von „Der Reinfall“ (Skinny Dip, 2004)

Meine Besprechung von „Krumme Hunde“ (Sick Puppy, 1999)

Meine Besprechung von „Unter die Haut“ (Skin Tight, 1989)


Neu im Kino/Filmkritik: „Drive Angry“: Einmal Erde und wieder zurück in die Hölle

Februar 25, 2011

Der Trailer für „Drive Angry 3D“ verspricht einen ordentlich-durchgeknallten Actionthriller mit einem kräftigen Siebziger-Jahre-Touch. Nichts originelles, dafür heiße Autos, scharfe Bräute (gerne auch nackt) und hoffnungslos übertriebene Gewalt, frei nach dem Motto „Das Blut muss spritzen“. Kurz: richtig dummes Jungskino, bei dem die Story nur die halbherzige Entschuldigung für den Rest ist.

Und, soviel kann jetzt schon verraten werden: dieses Versprechen löst Patrick Lussiers Film ein.

Nicolas Cage spielt Milton, einen Daddy, der eine Sekte verfolgt, die seine Tochter tötete und bei Vollmond sein Enkelkind (ein kleines unschuldiges Baby) opfern will. Er räumt dabei ziemlich rabiat alles aus dem Weg was ihn an seiner Mission hindern könnte. Dass er dabei zuerst von einem Polizisten einen Brustschuss und später von einem Sektenjünger einen Schuss ins Auge erhält, bringt ihn nicht um. Denn der Verbrecher Milton ist bereits tot und, nachdem er in der Hölle den Mord an seiner Tochter beobachtete, machte er sich auf den Weg aus der Hölle auf die Erde.

Verfolgt wird er von dem Buchhalter. William Fichtner, spielt hier, wie in der TV-Serie „Prison Break“, einen eiskalten Jäger. Aber dieses Mal garniert er seine Rolle mit sardonischem Humor und es ist ersichtlich, warum Fichtner die Rolle angenommen hat.


Dagegen ist Cages Charakter nur ein langweilig-humorloser Terminator-Abklatsch, der auch von irgendeinem anderen Schauspieler hätte gespielt werden können. Selbst wenn er erschossen wird, verzieht er keine Miene.

Amber Heard als seine sehr schlagkräftige Begleiterin ist vor allem Augenfutter für die Jungs im Kinosaal.

Billy Burke sieht als Sektenguru wie ein Elvis-Presley-Imitator aus und es ist auch etwas rätselhaft, warum seine Jünger, ein bunter Haufen Rednecks, gerade einem solchen Milchbubi folgen. Doch die Sekte ist hier, wie wir es aus unzähligen B-Filmen kennen, nur der x-beliebige Aufhänger, um Cage genug Kanonenfutter zu liefern.

Die Action-Szenen sind eine fetzige Mischung aus Old-School-Action bei den Schlägereien, Schusswechseln, Kämpfen und Autoverfolgungsjagden und, immerhin muss der 3D-Effekt weidlich ausgenutzt werden, Bullet-Time-Spielereien.

Dabei, – Was durchaus erstaunlich ist, weil ein hirnloser Action-Film ja eigentlich perfekt für einen 3D-Film sein müsste. -, versaut gerade der 3D-Effekt den Film. Während ein 2D-Film für unser geschultes Auge inzwischen natürlich wirkt, wirkt hier der Film über weite Strecken wie ein Computerspiel mit schlechter Auflösung. Da ist dann nichts vom Dreck in den Bilder zu spüren. Alles wirkt, als sei es am Computer errechnet worden, als hätten die Schauspieler vor einem Blue-Screen agiert und man habe die Hintergründe hastig eingefügt. Zu oft sehen die Action-Szenen nach billigen Tricks aus. Die Autos wirken wie Miniaturmodelle. Bei ruhigen Szenen stören dann die unnatürlichen 3D-Bilder, die wie ein Scherenschnittbild aussehen und daher keinen natürlich-wirkenden Eindruck vom Raum vermitteln. Auch die Landschaftsaufnahmen, gedreht wurde in Louisiana, sehen immer wieder unnatürlich aus.

Diese Bilder reisen einen immer wieder aus der Geschichte und man fragt sich verzweifelt: „Warum nur, Herr Lussier? Warum 3D?“

Drive Angry 3D“ ist, wenn der Film nicht in 3D wäre, eine erfreulich gelungene Reminiszenz an den 70er/80er-Jahre-Actionfilm mit einer Geistergeschichte, die in ihren besten Momenten von Krimi- und Horrorschriftsteller Joe R. Lansdale inspiriert sein könnte. Für einen aktuellen Hollywoodfilm ist auch erstaunlich viel nackte Haut (was für Amis ja immer so furchtbar schockierend ist) und direkter Gewalt, garniert mit den üblichen Einzeilern (wobei der „Buchhalter“ die besten Sätze hat), enthalten. Halt genau das, was der Trailer verspricht und auch bei uns eine Ab-18-Jahre-Freigabe rechtfertigt.

Fortsetzung erwünscht. Dann aber mit „Buchhalter“ William Fichtner in der Hauptrolle und in 2D.

Drive Angry 3D (Drive Angry 3D, USA 2011)

Regie: Patrick Lussier

Drehbuch: Todd Farmer, Patrick Lussier

mit Nicolas Cage (Milton), Amber Heard (Piper), William Fichtner (Der Buchhalter), Billy Burke (Jonah King), David Morse (Webster), Todd Farmer (Frank), Christa Campbell (Mona), Charlotte Ross (Candy), Tom Atkins (Cap), Jack McGee (Fat Lou), Katy Mixon (Norma Jean)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Drive Angry“

Dread Central über „Drive Angry“ (viele Infos)

Collider: Interviews mit Amber Heard und Nicolas Cage, Billy Burke und der ganze Rest

Deutsche William-Fichtner-Fanseite


TV-Tipp für den 25. Februar: Macht über die Insel

Februar 25, 2011

Arte, 20.15

Macht über die Insel (F 2010, R.: Antoine Santana)

Drehbuch: Antoine Santana, Jean-Paul Brighelli

LV: Jean-Paul Brighelli: Pur porc, 2003 (später: Viande froide)

Ein Journalist soll auf Korsika eine Biographie über einen namenlosen, nationalistischen Ex-Kommissar schreiben. Dieser hat Angst um sein Leben, weil er vor einigen Jahren ein Attentat auf einen Beamten fingieren sollte und dieser dann starb.

Anscheinend ziemlich gelungener TV-Politthriller.

mit Francois Berléand, Alexandre Steiger

Wiederholungen

Dienstag, 8. März, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Donnerstag, 17. März, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über den Film

Wikipedia über Jean-Paul Brighelli

Blog von Jean-Paul Brighelli


DVD-Kritik: Über den Noir-Gangsterfilmklassiker „The Long Good Friday“

Februar 24, 2011

Der englische Gangsterfilm „The Long Good Friday“, der in Deutschland auch als „Rififi am Karfreitag“ lief, ist ein Blick in die Vergangenheit auf ein England und ein London, das es nicht mehr gibt. Denn obwohl „The Long Good Friday“ bereits 1979 gedreht wurde, nahm er fast schon prophetisch die Thatcher-Jahre und die Bebauung der Londoner Docks vorweg.

Denn der Held des Films, Harold Shand, der unumstrittene Gangsterboss von London mit guten Kontakten zur Polizei und Politik (grandios gespielt von Bob Hoskins), plant ein großes Projekt: die Bebauung der heruntergekommenen Docklands. Das Geld dafür soll aus Amerika kommen. Von der Mafia. Deren Vertreter Charlie (Eddie Constantine) hat allerdings nichts mit dem „Paten“-Pomp zu tun. Er ist ein stinknormaler Geschäftsmann im feinen Anzug, der seine Geschäfte ohne Aufsehen zu erregen machen will.

Doch Aufsehen verursachen gerade jetzt einige Anschläge auf Harolds Imperium. Sogar auf seine Mutter wird ein Bombenattentat verübt. Während Harold und seine Frau Victoria (Helen Mirren) Charlie hinhalten, sucht Harold den Mann, der die Anschläge auf ihn verübt. Als er herausfindet, dass sein Gegner nicht irgendein anderer Gangster, sondern die IRA ist, weiß er, dass er in Lebensgefahr schwebt.

Diese IRA-Geschichte führte dann auch dazu, dass der Film nach dem Dreh erst einmal im Giftschrank verschwand. Denn ITV-Chef Lew Grade hasste den Film, den er aufgrund der Darstellung des britischen Militärs in Nordirland für unpatriotisch hielt. Er glaubte auch, dass der Film einen schlechten Einfluss auf junge Menschen haben könne. Außerdem befürchtete er Anschläge der von dem Film beleidigten IRA auf Kinos, in denen der Film gezeigt würde. Denn die Terroristen würden ja als Gangster gezeigt. Regisseur Mackenzie erfuhr später, dass ihnen „The Long Good Friday“ gefiel: „Die Jungs hatten nichts gegen den Film. Sie sahen darin nicht dumm aus und er zeigte sie als offensichtlich gute Planer.“

Für den US-Markt wurde damals eine gekürzte Version zusammengeschnitten und, weil die Produzenten befürchteten, dass die Amerikaner den Londoner Akzent von Bob Hoskins nicht verstünden, wurde Bob Hoskins einfach mal schnell synchronisiert. Das sorgte für Ärger. Regisseur Mackenzie erzählt in seinem sehr informativem Audiokommentar, dass mehrere hochkarätige Schauspieler, wie Richard Burton und Sir Alec Guiness, eine Petition unterschrieben, in der sie darauf hinwiesen, wie wichtig die Stimme für einen Schauspieler sei, und Hoskins mit einer Klage drohte. In diesem Moment ergriffen die Produzenten die Chance, den Film an die für den englischen Film der achtziger Jahre enorm wichtige Firma „Handmade Films“ zu verkaufen. Ex-Beatle und Firmenchef George Harrison kaufte den Film, für 850.000 Pfund. Dabei hatte er, so Mackenzie, 900.000 Pfund gekostet. 1980 wurde er auf dem London Film Festival gezeigt und kurz darauf startete er in den englischen Kinos. Erfolgreich.

Auch in den USA stieß er auf positive Resonanz und Barrie Keeffes Drehbuch erhielt 1983 einen Edgar. Bob Hoskins erhielt den Evening Standard British Film Award und war für den BAFTA nominiert.


Nach Deutschland kam „The Long Good Friday“ unter dem dümmlichen Titel „Rififi am Karfreitag“ (denn mit Rififi hat „The Long Good Friday“ nichts zu tun) erst am 22. Januar 1987. Davor lief, ebenfalls mit Bob Hoskins in der Hauptrolle, der märchenhaft-überhöhte Gangsterfilm „Mona Lisa“ bereits erfolgreich in den Kinos. Die Begeisterung der deutschen Kritiker für „The Long Good Friday“ hielt sich in überschaubaren Grenzen.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: „Nicht ganz schlüssig in der Schilderung politischer und krimineller Verstrickungen und auch auf formaler Ebene nur streckenweise überzeugend.“

Der Fischer Film Almanach verlegte den Film gleich in die 20er Jahre (was Quatsch ist) und urteilte: „Leider hat der Film mehr mit italienischen Polit-Thrillern (den schlechteren unter ihnen) als mit Richardson und Anderson zu tun. Politik ist ihm nur ein Hintergrund, der seiner Geschichte mehr Spannung verleihen soll; (…) Auf dieser Ebene ist Mackenzie freilich ein annehmbarer Film gelungen.“

Damals war die in „The Long Good Friday“ noch als leicht größenwahnsinniger Plan eines Gangster entworfene Bebauung der Docks zum Yuppie-Viertel bereits im Gang.

Einige Jahre später durfte James Bond sie in „Die Welt ist nicht genug“ (The World is not enough) als Hintergrund für eine atemberaubende Verfolgungsjagd benutzen. Bond wurde in dem 1999er-Film von Pierce Brosnan gespielt, der in „The Long Good Friday“ mit einer stummen Rolle sein Filmdebüt gab. Allerdings sind seine beiden kurzen Auftritte für den Film durchaus wichtig.

Die bekannteste und immer noch beeindruckende Szene des Films dürfte das Verhör in der Schlachterei sein. Harold hat alle Leute, die er verdächtigt, die Anschläge auf ihn verübt zu haben oder etwas darüber zu wissen, entführen gelassen und sie jetzt kopfüber an Fleischhaken aufgehängt. Die Schauspieler hingen für die Szene wirklich mehrere Stunde an den Haken.


Ebenfalls beeindruckend sind die beiden großen Ansprachen von Harold. Einmal auf der Themse vor der Tower-Bridge, einmal in einem Hotelzimmer im Savoy Hotel. Diese Mischung aus gewieftem Gangstertum, Gossenschlauheit, Thatcherismus und Größenwahn ist immer noch beängstigend und verrät viel über die damalige Inselmentalität.

Insgesamt ist „The Long Good Friday“, der in England längst als Klassiker gehandelt wird, ein packendes, noirisches Gangsterdrama, in dem John Mackenzie effizient, mit einigen Schockeffekten und mit viel schwarzem Humor seine Geschichte erzählt. Nur die damals ach so moderne, heute unhörbare Synthie-Musik von Francis Monkman, stört gewaltig.

The Long Good Friday – Rififi am Karfreitag (The Long Good Friday, GB 1979/1981)

Regie: John Mackenzie

Drehbuch: Barrie Keeffe

mit Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine, Pierce Brosnan (Filmdebüt)

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von John Mackenzie, Bio- und Filmographien von Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine und John Mackenzie, Bildergalerie, Originaltrailer, Feature „The Handmade Story“, Handmade-Trailergalerie,

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Long Good Friday“

Screen Online über „The Long Good Friday“

Movie Locations über die Drehorte von „The Long Good Friday“

New York Times über „The Long Good Friday“ (2. April 1982)

Spectator über „The Long Good Friday“ (25. Februar 2009)


Die letzte große Ansprache von Harold Shand (ganz am Ende des Films und, nun, nicht gerade spoilerfrei)

Und eine Doku über den Film



TV-Tipp für den 24. Februar: La Mala Educación – Schlechte Erziehung

Februar 24, 2011

3sat, 22.25

La Mala Educación – Schlechte Erziehung (E 2004, R.: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Nach zwanzig Jahren treffen sich zwei Klosterschüler wieder. Der eine ist jetzt ein gefeierter Regisseur. Der andere ein armer Schauspieler mit einem Drehbuch über seine Zeit im Kloster zwischen Missbrauch, Homosexualität, Lügen und Rachegedanken.

Das ist der Ausgangspunkt für einen typischen Almodóvar, der souverän zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion wechselt. „Wohl das reifste Werk des spanischen Enfant terrible.“ (Margret Köhler, Blickpunkt Film 21/2004)

Mit Gael Garcia Bernal, Daniel Giménez-Cacho, Fele Martinez, Lluis Homar

Hinweise

Film-Zeit über „La Mala Educación“

Wikipedia über „La Mala Educación“


Der „Tatort“, der Mord, der Geschlechtsverkehr und – die schlimmste aller Sünden – die nackten Männer

Februar 23, 2011

Zum vierzigjährigem „Tatort“-Jubiläum wurde wieder einmal überall gemurmelt, der „Tatort“ sei auch eine Kultur- und Sittengeschichte der Bundesrepublik. Dennis Gräf, der erst vor kurzem seine Dissertation „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“ veröffentlicht hat, und sein Doktorvater Hans Krah versuchen in dem Bändchen „Sex & Crime“ nachzuzeichnen, wie im „Tatort“ in den vergangenen Jahrzehnten Sexualität gezeigt wurde und wie sich verändernde Moralvorstellungen im „Tatort“ auswirkten.

Es geht von den freizügigen Siebzigern und dem damals noch existierendem Bürgertum über die Schimanski-Jahre hin zur derzeitigen Prüderie. Die oft allein lebenden Ermittler haben heute ein sehr überschaubares Sexualleben. Und wenn sie sich doch einmal verlieben, übersteht die Beziehung die Episode nicht.

Und die anderen? Die Mörder? Die Opfer?

Nun, so Gräf und Krah: „Sex funktioniert als Maßstab, an dem moralische Kompetenz gemessen werden kann.“ Ergo: viel Sex = gleich niedrige soziale Kompetenz = Täter oder Opfer.

Dabei werden von den „Tatort“-Machern auch Sexualpraktiken und Delikte als Begründung für spätere Morde herangezogen, die nicht im Strafgesetzbuch stehen. In „Delikt: Nackter Mann“ zeigen die beiden Autoren, wozu diese „Tatort“-Praxis führen kann: danach mindert Nacktheit bei Männern, vor allem in der Post-Schimanski-Ära (der durfte sich noch nackt zeigen), deren Überlebenschancen rapide. Absurd, aber wahr.

Entsprechend wenig überraschend ist das von Gräf und Krah am Schluss von „Sex & Crime – Ein Streifzug durch die ‚Sittengeschichte‘ des TATORT“ gezogene Fazit, wonach der „Tatort“ „eine grundlegende Nähe zu konservativen Weltmodellen aufweist“.

Als Grund dafür vermuten sie „die Verortung des ‚Tatort‘ in den Massenmedien (…), die in der Regel lediglich konsensuale Weltentwürfe zulassen und Extreme vermeiden. Der ‚Tatort‘ ist demnach immer auch eine (moralische) Kompromissbildung, eine Schnittmenge dessen, was gesellschaftlich an Abweichung existiert und was davon medial vermittelbar und akzeptabel ist – bzw., was von den Machern dafür gehalten wird.“

Und da scheinen die „Tatort“-Macher heute den Zuschauern immer weniger zuzumuten.

Links oder aufklärerisch, zwei ebenfalls im Zusammenhang mit dem „Tatort“ gerne benutzte Floskeln, ist dieses Bestätigen der herrschenden Moral nicht. Jedenfalls nicht in den von Gräf und Krah für ihre Argumentation herangezogenen „Tatorten“. Denn auch wenn man das Fazit intuitiv einleuchtend findet, bleibt immer auch der Eindruck bestehen, dass einfach die, teils eher unbekannten, „Tatorte“ genommen wurden, die in die Argumentation hineinpassen.

Aber da bleibt ja immer noch Dennis Gräfs umfangreiches Werk „Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher“, das auch die Frage von „Sex & Crime“ behandelt, obwohl in der Dissertation das sich seit den sechziger Jahren wandelnde und zerfallende Bürgertum und die damit zusammenhängende Diskurse über Gesellschaft und die sie zusammenhaltenden Werte wichtiger sind.

Dennis Gräf/Hans Krah: Sex & Crime – Ein Streifzug durch die „Sittengeschichte“ des TATORT (Ermittlungen in Sachen TATORT I)

Bertz + Fischer, 2010

128 Seiten

9,90 Euro

Dennis Gräf: Tatort – Ein populäres Medium als kultureller Speicher (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik, Band 1)

Schüren, 2010

332 Seiten

29,90 Euro

Hinweise

Homepage von Dennis Gräf

Homepage von Hans Krah

ARD über den „Tatort“

Tatort-Fundus (umfangreiche Fan-Seite)

Wikipedia über den „Tatort“

 


TV-Tipp für den 23. Februar: Shining

Februar 23, 2011

Kabel 1, 22.25

Shining (GB 1980, R.: Stanley Kubrick)

Drehbuch: Stanley Kubrick, Diane Johnson

LV: Stephen King: The Shining, 1977 (Shining)

Jack Nicholson läuft axtschwingend durch ein einsames Hotel – und wir können eine der besten Stephen King-Verfilmungen (auch wenn der Grandmaster mit Kubricks Version nicht zufrieden war und ihm eine Jahre später gedrehte, inzwischen vergessene TV-Fassung besser gefiel) genießen.

„Der Horrorfilm schlechthin.“ (Der Spiegel)

Mit Jack Nicholson, Shelley Duvall, Danny Lloyd, Scatman Crothers, Barry Nelson

Hinweise

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Stephen King in der Kriminalakte und in seinem Trailer-Park


Cover der Woche

Februar 22, 2011


TV-Tipp für den 22. Februar: Edgar G. Ulmer – Der Mann im Off

Februar 22, 2011

Aufnahmebefehl!

3sat, 02.00

Edgar G. Ulmer – Der Mann im Off (A/USA 2004, R.: Michael Palm)

Sehenswerte Doku über den nur noch in Cineasten-Kreisen bekannten Edgar G. Ulmer (17. 9. 1904 – 30. 9. 1972). Seine Lehrjahre verbrachte er u. a. bei F. W. Murnau, Robert Siodmak und Billy Wilder, ehe er nach Hollywood ging und, dort, nachdem er bei dem Filmmogul Carl Laemmle in Ungnade fiel, hauptsächlich Billigfilme drehte.

Sein bekanntester Film ist der Horrorfilm „Die schwarze Katze“ (The black cat, USA 1934). Im Noir-Genre drehte er „Blaubart“ (Bluebeard, USA 1944), „Umleitung“ (Detour, 1945), „Die Stimme aus dem Jenseits“ (Strange Illusion, USA 1945), „The strange woman“ (USA 1946), „Ohne Erbarmen/Skrupellos“ (Ruthless, USA 1948) und „Mord ist mein Geschäft“ (Murder is my beat, USA 1955).

Hinweise

Wikipedia über Edgar G. Ulmer (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Edgar G. Ulmer


DVD-Kritik: Spike Lees Kriegsfilm „Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“ erlebt seine Deutschlandpremiere auf DVD

Februar 21, 2011

Wer von Spike Lee nur seinem Thriller „Inside Man“ kennt, wird an „Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“ verzweifeln. „Bamboolized“ (deutscher Titel „It’s showtime“) und „Summer of Sam“, taugen, wenn wir chronologisch in Lees umfangreichem Schaffen zwischen Spielfilmen, TV-Arbeiten und Dokumentarfilmen zurückgehen, eher als Modell für „Buffalo Soldiers ’44“. Aber „Bamboolized“ und „Summer of Sam“ dürfte fast niemand kennen.

Denn der Kriegsfilm „Buffalo Soldiers ’44“ ist ein typischer, sich zwischen alle Stühle setzender Spike-Lee-Film: etwas zu lang (154 Minuten!), leicht zerfahren, sich lustvoll in Nebengeschichten verlierend, immer wieder deutlich auf den amerikanischen Rassenkonflikt hinweisend und hier sogar öfters unangenehm im Religiösen badend. Aber er hat auch eine beeindruckende Liste bekannter Schauspieler, Jazzer Terence Blanchard schrieb wieder die Musik und es gibt zahlreiche gelungene Szenen in diesem 1944 in de Toskana spielendem Weltkrieg-II-Soldatendrama.

Während eines Gefechtes geraten die vier afroamerikanischen Soldaten Aubrey Stamps (Derek Luke), Bishop Cummings (Michael Ealy), Hector Negron (Laz Alonso) und Sam Train (Omar Benson Miller) hinter die feindlichen Linien. Train rettet einen italienischen Jungen, der mit einem Geist spricht, das Leben. In einem nahe gelegenem Dorf werden sie freundlich aufgenommen. Gleichzeitig kämpfen in den Wäldern die Partisanen gegen die Deutschen und gegeneinander. Die Deutschen umzingeln langsam das Dorf. Außerdem jagen sie einen Deserteur. Und die Amerikaner versuchen ihre Männer zu retten.

Doch Spike Lee ist die Dramatik der Rettungsaktion ziemlich egal. Denn die Bedrohung durch die Deutschen bleibt bis zum Ende abstrakt. Stattdessen scheint das Dorf und die in ihm lebenden Menschen sich in einer Zeitkapsel, die von dem um sie herum tobendem Krieg nichts mitbekommt, zu befinden.

Das erinnert dann teilweise an den ebenfalls in Italien spielenden Blake-Edwards-Film „What did you do in the War, Daddy?“ (Was hast du denn im Krieg gemacht, Pappi?). In dem Film inszenieren US-Soldaten und die italienischen Dorfbewohner für die außenstehenden deutschen und alliierten Soldaten eine muntere Kriegscharade, während sie es sich gut gehen lassen. Edwards beschritt eindeutig den komödiantischen Weg. Mehr Burleske, als irgendwie ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg.

Bei Spike Lee ist dagegen keine eindeutige Richtung zu erkennen. Es gibt brutale Gefechtsszenen, mehrere Massaker und kaltblütige Morde, herzige Szenen, etliche mehr oder weniger im nichts verlaufende Subplots, das Übernatürliche und das Banale und auch keine Erklärung, was für ihn das titelgebende „Wunder von St. Anna“ ist. Aber vielleicht verstand Spike Lee den Titel auch zutiefst ironisch.

Und natürlich, das dürfte aber nur die Menschen erstaunen, die „25 Stunden“ und „Inside Man“ für repräsentative Spike-Lee-Filme halten, will er auf die bislang ignorierte Rolle der Afroamerikaner in der amerikanischen Geschichte hinweisen. Denn in „Buffalo Soldiers ’44“ sind die Frontsoldaten, entgegen dem gepflegtem Hollywood-Bild, Afroamerikaner.

A Spike Lee Joint“ steht, wieder einmal, im Abspann. Und das ist der Film auch.

Hundertprozentig.

Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna (Miracle at St. Anna, USA/I 2008)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: James McBride

LV: James McBride: Miracle at St. Anna, 2003 (Das Wunder von St. Anna)

mit Derek Luke, Michael Ealy, Laz Alonso, Omar Benson Miller, Pierfrancesco Favino, Valentina Cervi, Matteo Sciabordi, John Turturro, Joseph Gordon-Levitt, John Leguizamo, D.B. Sweeney, Robert John Burke, Michael K. Williams, Alexandra Maria Lara, Jan Pohl, Walton Goggins, Christian Berkel, Waldemar Kobus, Oliver Korittke, Kai Meyer, Alexander Beyer

DVD

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Historisches Essay, Kinotrailer, Wendecover

Länge: 154 Minuten

FSK: ab 16 Jahre


Buchtipp

Spike Lee“, herausgegeben von Gunnar Landsgesell und Andreas Ungerböck, erschien bereits 2006 in der uneingeschränkt lobenswerten „film“-Reihe von Bertz + Fischer und ist immer noch absolut lesenswert.

Also: Kaufbefehl!

Hinweise

Wikipedia über „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“

Los Angeles Times: Spike Lee über den Film

Moviefone: Interview mit Spike Lee über den Film

 

 

 


TV-Tipp für den 21. Februar: Invasion der Amateure

Februar 21, 2011

WDR, 00.00

Invasion der Amateure – Die USA und der Wiederaufbau des Irak (USA 2007, R.: Charles Ferguson)

Drehbuch: Charles Ferguson

In seinem Regiedebüt fragt der frühere Berater der US-Regierung und diverser Hightech-Firmen Charles Ferguson, was bei der Invasion und dem Wiederaufbau im Irak schief ging. Wie der Titel schon andeutet: viel. Inkompetenz, Planungsmängel und Naivität hatten, so das wenig überraschende, aber gut untermauerte Fazit der Doku, zu der heutigen Situation im Irak geführt. Beim Sundance Filmfestival gab’s dafür 2007 den Spezialpreis der Jury; für den Oscar und den Preis der Writers Guild of America, um nur die in Deutschland bekanntesten Preise zu nennen, war „No End in Sight“ auch nominiert.

Hinweis

Homepage zum Film


TV-Tipp für den 20. Februar: Tatort: Rendezvous mit dem Tod

Februar 20, 2011

ARD, 20.15

Tatort: Rendezvous mit dem Tod (D 2011, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Meike Hauck, Clemens M. Schönborn

Kommissarin Saalfeld ermittelt in einem Selbstmord ohne Leiche (ein akuter Fall von “zu viel Zeit”). Ihr Kollege Keppler sucht den Mörders eines in einer Badewanne ertrunkenen, gefesselten Mannes.

Zehnter Einsatz des Teams Saalfeld/Keppler, das nach einem verheißungsvollem Beginn schnell auf Ehrlicher-Niveau ankam. Aber mit Buddy Giovinazzo als Regisseur könnte es ein spannender Fall werden.

Bei pulp master ist Buddy Giovinazzos neuester Roman “Piss in den Wind” und eine Wiederveröffentlichung von “Cracktown” in Vorbereitung. Das sind wirklich gute Nachrichten für die Noir-Fans.

mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Franziska Walser, André Hennicke, Nadeshda Brennicke

Wiederholungen: Eins Festival, 21.45 Uhr und 00.00 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

Tatort-Fundus über das Team Keppler/Saalfeld


TV-Tipp für den 19. Februar: Zwielicht

Februar 19, 2011

Kabel 1, 22.40

Zwielicht (USA 1996, R.: Gregory Hoblit)

Drehbuch: Steve Shagan, Ann Biderman

LV: William Diehl: Primal Fear, 1993

Staranwalt Vail ist im siebten Himmel: er verteidigt den jungen Messdiener, dem vorgeworfen wird, den Erzbischof von Chicago abgeschlachtet zu haben. Vail will, begleitet von kräftigem Medienrummel, die Unschuld seines Mandanten vor Gericht beweisen.

Wendungsreicher, etwas lang geratener Justiz-Thriller mit guten Leistungen der Darsteller. Vor allem Edward Norton wurde in seinem Spielfilmdebüt für etliche Preise nominiert (unter anderem ein Oscar als bester Nebendarsteller) und er erhielt auch einige, wie den Golden Globe.

Mit Richard Gere, Laura Linney, Edward Norton, Frances McDormand

Hinweise

Washington Post: Nachruf auf William Diehl (29. November 2006)

Wikipedia über „Zwielicht“ (deutsch, englisch)



DVD-Kritik: „Das Experiment“-Regisseur will „Five Minutes of Heaven“

Februar 18, 2011

Das Experiment“ war großes Kino.

Mein letzter Film“ war ein Einpersonenstück mit Hannelore Elsner.

Der Untergang“ war noch größeres Kino.

Ein ganz gewöhnlicher Jude“ war ein Einpersonenstück mit Ben Becker.

Invasion“ war als großes Hollywood-Kino mit Weltstars geplant und wurde ein Flop.

Five Minutes of Heaven“ ist wieder ein kleiner Film. Nach dem Trailer ein Zweipersonenstück mit Liam Neeson und James Nesbitt.

Und sein nächster Film ist wieder großes Theater. Denn nach „Five Minutes of Heaven“ inszenierte Oliver Hirschbiegel die hier noch nicht gezeigte, sechsteilige TV-Serie „Borgia“. Das dürfte wieder pralles Historienkino mit großen Schauwerten sein.

Die Schauwerte in „Five Minutes of Heaven“ sind vor allem in dem Spiel der beiden Hauptdarsteller Liam Neeson und dem bei uns eher unbekanntem James Nesbitt, dessen bekanntester Auftritt immer noch der des nordirischen Politikers, Bürgerrechtlers und Demonstrationsführers Ivan Cooper in Paul Greengrass‘ semidokumentarischem Spielfilm „Bloody Sunday“ sein dürfte. In dem Film ging es um den blutigen Sonntag am 30. Januar 1972 in der nordirischen Stadt Derry. Das britische Militär schoss auf eine friedliche Demonstration. 14 Demonstranten starben. Anschließend radikalisierte sich die Situation in Nordirland.

Five Minutes of Heaven“ beginnt im Februar 1975 in Nordirland, als ein siebzehnjähriges Mitglied der Ulster Volunteer Force (UVF) einen katholischen Handwerker erschießt. Einen Jungen, der ihn dabei beobachtet, lässt er leben. Der Zeuge ist der Bruder des Ermordeten.

Fast 35 Jahre später soll es zu einer vom Fernsehen inszenierten Begegnung zwischen dem Mörder Alistair Little (Liam Neeson) und dem damaligem Zeugen Joe Griffin (James Nesbitt) kommen. Der Sender plant eine große Versöhnungsshow. Aber Little trägt selbst schwer an seiner Tat und Griffin will vor allem seine titelgebenden „Fünf Minuten Himmel“ indem er Little tötet.

Zu dieser Begegnung kommt es aber zunächst nicht. Denn Little und Griffin erzählen in getrennten Handlungssträngen über den Mord und welche Folgen er für sie hatte.

Es geht um Schuld, Sühne und Vergebung. Dabei verweigert der Film letztendlich die offensichtlichen Antworten und demaskiert bereits in den ersten Minuten die große Versöhnungsshow im TV als banal-falsche Inszenierung. Das TV attestiert sich selbst, immerhin ist „Five Minutes of Heaven“ ein TV-Film, die Unmöglichkeit einer medialen Versöhnung. Die geht, so die Botschaft des Films, nur individuell.

Es geht natürlich auch um die Nachwirkungen des Bürgerkriegs in Nordirland und es geht auch um den Weg in den Terrorismus. Denn Little erzählt vor laufender TV-Kamera, wie er zum Mörder wurde und was getan werden kann, um andere Jugendliche von diesem Weg in den Terrorismus abzuhalten. In diesen Momenten geht es auch um den aktuellen islamistischen Terrorismus.

Gerade in diesen Monologen wirkt der Film dann wie ein Theaterstück. Das kann an seiner Herkunft liegen. „Five Minutes of Heaven“ ist eine TV-Produktion mit teilweise arg pathetischen und theaterhaften Monologen. So schütten Little und Griffin den verschiedenen TV-Leuten und Psychologen ihr Herz aus.

Aber dank der guten Besetzung und Hirschbiegels Regie entstehen immer wieder Bilder, die auch für die große Leinwand geeignet sind. Auch die ständigen Flashbacks und die Verknüpfung von Bildern und Voice-Overs verlangen einen aufmerksamen Zuschauer. In diesen Momenten zeigt sich wieder, dass in England die TV-Macher es als ihre Aufgabe ansehen, die Zuschauer auch intellektuell zu fordern und gleichzeitig auf hohem Niveau zu unterhalten. Denn „Five Minutes of Heaven“ weigert sich konsequent, einfache Antworten zu geben. Stattdessen wird man zum Denken aufgefordert.

Die DVD

Das Bonusmaterial ist mit den interessanten Interviews (in denen wir auch einiges über die wahren Hintergründe des Films und Alistair Little und Joe Griffin erfahren) und dem Making-of, das eigentlich eine B-Roll ist, sehr überschaubar. Da hätte man für den deutschen Markt schon noch einige Informationen über den Nordirlandkonflikt dazupacken können.

Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Guy Hibbert

mit Liam Neeson, James Nesbitt, Barry McEvoy, Anamaria Marinca

DVD

Koch-Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1, DTS 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Liam Neeson, James Nesbitt, Oliver Hirschbiegel, Guy Hibbert und Eoin O’Callaghan (Produzent), Trailer (deutsch, englisch)

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Five Minutes of Heaven“

Wikipedia über „Five Minutes of Heaven“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Februar: Im Schatten der Blutrache

Februar 18, 2011

Arte, 23.25

Im Schatten der Blutrache (D 2007, R.: Jana Matthes, Andrea Schramm)

Drehbuch: Jana Matthes, Andrea Schramm

Spielfilmlange Doku über eine Blutrache in Deutschland unter zwei kurdischen Familien. Alles beginnt damit, dass die mehrfache Mutter Gülnaz ihren gewalttätigen Ehemann nach 22 Ehejahren verlässt. Sie will die Scheidung. Er will seine Ehre wiederherstellen.

Im Schatten der Blutrache“ gibt „bedrückende Einblicke in Lebensrealitäten mitten in Deutschland (…) Über zwei Jahre haben die Autorinnen die Familie von Gülnaz in langen Einstellungen mit der Kamera begleitet und die Blutfehde unter zwei kurdischen Familien protokolliert. Entstanden ist das Porträt einer Welt, die archaische Werte reproduziert und Abweichungen gnadenlos bestraft.“ (Rainer Braun: Tödliches Ehrgefühl in Berliner Zeitung, 17. Juni 2007)

Auf beklemmende Weise schildert er das Aufeinanderprallen zweier Kulturen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Wiederholung: Dienstag, 22. Februar, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Jana Matthes und Andrea Schramm

Arte über „Im Schateen der Blutrache“

Wikipedia über „Im Schatten der Blutrache“



Ein Mädel auf Mörderjagd

Februar 17, 2011

Ja früher ließen sich die Autoren immer unglaublich viel Zeit, bevor sie mit ihrer Geschichte anfingen. Nicht wie heute, wo, streng nach Schreibratgeber, bereits der erste Satz den Leser packen muss. Zum Beispiel dieser Romananfang:

Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkam. Ich war gerade vierzehn, als ein Feigling namens Tom Chaney meinen Vater unten in Fort Smith, Arkansas, über den Haufen schoss und ihm sein Leben, sein Pferd, 150 Dollar sowie zwei kalifornische Goldstücke raubte, die er im Hosenbund trug.

Und das kam so:

Das sind die ersten Zeilen von Charles Portis‘ Western „True Grit“, der jetzt dank der Coen-Brüder, die den Roman verfilmten, wiederveröffentlicht wurde. Auf den folgenden zweihundert Seiten erzählt Mattie Ross ein halbes Jahrhundert später von dieser Jagd. Denn in Fort Smith muss sie schnell feststellen, dass für die dortigen Gesetzeshüter die Verfolgung von Tom Chaney nicht an erster Stelle steht. Chaney ist nur einer von vielen flüchtigen Verbrechern. Also fragt sie nach dem besten Marshal und trifft auf Rooster Cogburn. Der ist Marshal, zäh, furchtlos, und ein versoffenes Schlachtross, das Verbrecher während der Verhaftung gerne erschießt. Gerade der letzte Punkt gefällt der rachedurstigen Mattie. Sie engagiert ihn. Später schließt sich ihnen Texas-Ranger LaBoeuf an. Er jagt Chaney, weil dieser den Hund eines Senators erschossen hat und der Senator ein hohes Kopfgeld auf den Hundemörder aussetzte. Mattie will Chaney allerdings nicht LaBoeuf überlassen. Denn Chaney soll nicht für einen Hund, sondern für den Mord an ihrem Vater am Galgen baumeln.

Chaney ist in das Indianerterritorium geflüchtet und hat sich der skrupellosen Bande von Lucky Ned Pepper angeschlossen. Mattie, Cogburn und LaBoeuf nehmen die Verfolgung auf. Dabei muss Mattie sich zuerst den Respekt der beiden Männer erarbeiten. Denn die wollen Chaney ohne ein Kind als lästige Begleitung jagen.

Die geradlinige Geschichte gewinnt durch die Stimme der Erzählerin Mattie. Die vierzehnjährige Mattie ist zwar willensstark, aber auch entsetzlich vorlaut, rechthaberisch und altklug. Und einige ihrer Ansichten sind heute nicht mehr P. C.. Damals, als 1968 der Roman erschien, waren sie es wahrscheinlich auch nicht. Aber Charles Portis lässt die Geschichte ja um 1878 spielt und erst Jahrzehnte später von der älteren, unverheirateten Presbyterianerin und Bankerin Mattie erzählen. So sagt sie über eine Gruppe von Häftlingen: „Es waren meistens Weiße, aber ein paar Indianer, Mischlinge und Neger waren auch darunter. Es war ein schrecklicher Anblick, man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Bestien in Ketten Räuber und Mörder und Fälscher waren, dass sie Züge zum Entgleisen gebracht und in Bigamie gelebt hatten – Abschaum der Menschheit.“

Gerade dieser unverstellte Blick in die Vergangenheit, in der Charles Portis nicht über seine Charaktere urteilt, trägt dazu bei, dass sich „True Grit“ wie ein historisches Dokument liest. Und sicher auch deshalb wurde Mattie Ross öfters mit Huckleberry Finn verglichen. Nur schrieb Mark Twain seine Geschichten einige Jahrzehnte vor Charles Portis.

Ach, und „True Grit“ kann mit wahrer Mumm oder echte Tapferkeit übersetzt werden. In dieser Hinsicht war der alte deutsche Titel „Die mutige Mattie“ absolut gelungen. Der neue Titel „True Grit“ ist dagegen der Hollywood-Manie geschuldet, Filme überall mit dem Originaltitel zu starten, auch wenn ihn niemand versteht und sich deshalb nichts darunter vorstellen kann.

Charles Portis: True Grit

(Überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Richard K. Flesch)

rororo, 2011

224 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Die mutige Mattie

Rowohlt Verlag, 1969

Originalausgabe

True Grit

Simon & Schuster, New York, 1968

Verfilmungen

Der Marshal (True Grit, USA 1969)

Regie: Henry Hathaway

Drehbuch: Marguerite Roberts

mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Jeremy Slate, Jeff Corey, Robert Duvall, Dennis Hopper, Strother Martin


True Grit (True Grit, USA 2010)

Regie: Joel Coen, Ethan Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Amerikanische Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Deutsche Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Film-Zeit über „True Grit“ (Coen-Version)

Drehbuch „True Grit“ von Joel und Ethan Coen


<span>%d</span> Bloggern gefällt das: