TV-Tipp für den 23. September: Rufmord – Jenseits der Moral

September 22, 2021

ServusTV, 20.15

Rufmord – Jenseits der Moral (The Contender, USA/Großbritannien/Deutschland 2000)

Regie: Rod Lurie

Drehbuch: Rod Lurie

Als der US-Präsident eine Frau (damals praktisch undenkbar, heute Realität) zu seiner Stellvertreterin ernennt, beginnt ein Republikaner eine Schmutzkampagne.

Gut, das Zieren der designierten Stellvertreterin, nichts aus ihrem Privatleben der Öffentlichkeit zu verraten, weil es nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat, ist in der Politik (vor allem der US-Politik) so weltfremd, dass es den gesamten Film schwächt. Davon abgesehen bietet „Rufmord“ tolles Schauspielerkino, das auch einen guten Blick hinter die Kulissen der Macht gibt.

Inspiriert wurde „Rufmord“ von der zunehmend unappetitlichen Kampagne der Republikaner gegen Präsident Bill Clinton.

mit Gary Oldman, Joan Allen, Jeff Bridges, Christian Slater, Sam Elliott, William Petersen, Saul Rubinek, Philip Baker Hall

Wiederholung: Freitag, 24. September, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rufmord“

Wikipedia über „Rufmord“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rod Luries „The Outpost – Überleben ist alles“ (The Outpost, USA/Bulgarien 2020)


TV-Tipp für den 22. September: Querdenker

September 21, 2021

3sat, 21.00

Querdenker (Deutschland 2021)

Regie: Svea Eckert, Caroline Schmidt

Drehbuch: Svea Eckert, Caroline Schmidt

Aus aktuellem Anlass: 45-minütige Doku über drei Querdenker. Nämlich einen Segellehrer und eine Kindergärtnerin, die gemeinsam vier Kinder haben und in einem Dorf in Schleswig-Holstein gegen die Coronamaßnahmen protestieren, und eine Verwaltungsfachangestellte mit zwei Kindern, die sich an die Spitze von „Querdenken Hamburg“ stellte.

Hinweis

3sat über die Doku


TV-Tipp für den 21. September: Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat

September 20, 2021

SWR, 23.15

Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat (Deutschland 2013)

Regie: Daniel Harrich

Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich

Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.

Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.

Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec

Wiederholung: 3sat, Freitag, 24. September, 20.15 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Der blinde Fleck“

Moviepilot über „Der blinde Fleck“

Wikipedia über „Der blinde Fleck“


TV-Tipp für den 20. September: Fahr zur Hölle, Liebling

September 19, 2021

Arte, 20.15

Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)

Regie: Dick Richards

Drehbuch: David Zelag Goodman

LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)

Los Angeles, 1941: Der gerade freigelassene Bankräuber Moose Malloy engagiert Philip Marlowe. Der Privatdetektiv soll Malloys Freundin Velma finden. Ein nur scheinbar einfacher Fall.

Dritte, sehr originalgetreue und sehr gelungene Verfilmung des Chandler-Buches. Heute endlich mal wieder im TV.

Mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone (in einer erträglich kurzen Rolle), Jim Thompson (! – der Noir-Autor in einer ganz kleinen, aber wichtigen Rolle)

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Fahr zur Hölle, Liebling“

Wikipedia über „Fahr zur Hölle, Liebling“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch) u


TV-Tipp für den 19. September: Zodiac – Die Spur des Killers

September 18, 2021

Arte, 21.55

Zodiac – Die Spur des Killers (Zodiac, USA 2007)

Regie: David Fincher

Drehbuch: James Vanderbilt

LV: Robert Graysmith: Zodiac, 1976 (Zodiac – Auf der Spur eines Serienkillers)

Finchers epische, detailversessene Verfilmung über die Jagd nach dem Zodiac-Killer, der auch als Inspiration für den Killer im ersten „Dirty Harry“-Film diente. Der Zodiac-Killer versetzte in den späten Sechzigern die Bevölkerung in und um San Francisco in Angst und Schrecken. Dazu trugen neben seinen Taten und dem ausbleibenden Fahndungserfolg der Polizei auch seine verschlüsselten Briefe an die Öffentlichkeit bei. Bis heute ist seine Identität unklar.

Vanderbilts Drehbuch war für den Edgar den Preis der Writers Guild of America nominiert.

Mit Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey jr., Brian Cox, Cloe Sevigny, Elias Koteas, Dermot Mulroney, John Carroll Lynch, John Getz, Philip Baker Hall

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zodiac – Die Spur des Killers“

Wikipedia über „Zodiac“ (deutsch, englisch)

Zodiac Killer Facts (eine Gegenüberstellung von Film und Wirklichkeit; – keine Ahnung, wie genau die Auflistung ist)

Chasing the Frog prüft ebenfalls den Faktengehalt des Films

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Small World“, ein polnischer Polizist auf Pädo-Jagd

September 18, 2021

In Polen ist Patryk Vega als Actionfilm-Regisseur bekannt. Bei uns lief letztes Jahr sein von wahren Ereignissen inspirierter harter Actionfilm „Bad Boy“ in den Kinos; sofern sie nicht gerade pandemiebedingt geschlossen waren.

Sein neuester Film „Small World“ ist wieder von wahren Ereignissen inspiriert. Dieses Mal geht es um den weltweiten Kinderhandel und damit verbundene Pädophilen-Netzwerke. Vega versteht seinen Film als einen Aufschrei dagegen. Ob es auch ein Aufschrei gegen sexuellen Missbrauch in der Familie oder in Institutionen, wie der Kirche, ist, ist unklar. Seinem Thema nähert Vega sich, aufgrund seiner Filmographie wenig überraschend, primär mit den Mitteln des harten Polizeithrillers und des Actionkinos.

Die Geschichte beginnt 2004 in Polen. Kriminalpolizist Robert Goc hält eine mit überhöhter Geschwindigkeit fahrende Frau an. Die Mutter verfolgt einen Richtung Russland fahrenden Laster, in dem sie ihre entführte vierjährige Tochter Ola vermutet. An der Grenze werden sie von den Grenzpolizisten aufgehalten. In diesem Moment taucht zum ersten Mal ein zweites Thema auf: der unfähige, den Kinderhandel nicht bekämpfende Staatsapparat. Mal handeln die Polizisten nicht, mal fördern sie ihn durch ihr Handeln und manchmal sind sie direkt involviert. Vor allem in Russland ist die Polizei korrupt und die sexy Beamtin, die Goc dort hilft, ist sogar im Rahmen eines Actionfilms überaus gewalttätig.

Doch zurück zur polnischen Grenze. Dort kann der Laster mit Ola entkommen.

Danach macht Goc die Suche nach der entführten Ola zu seiner Lebensaufgabe. Über mehrere Jahre und die halbe Welt verfolgt er ihre Spur. Woher er die finanziellen Mittel dafür hat, wird nie geklärt.

Die Story folgt dabei weitgehend den etablierten Genrepfaden. Wobei drei Punkte auffallen. Das ist die immer wieder sehr ambivalente Zeichnung der Figuren. So erscheint in der Russland-Episode der ‚Vater‘ nicht wie ein Pädophiler, sondern wie ein netter Onkel, der sich liebevoll um die Kinder, die ihm bedingungslos vertrauen, kümmert. Das ist die lange Zeit, über die sich die Filmgeschichte erstreckt. Am Ende des Films ist aus dem vierjährigen Kind eine junge Frau geworden. So kann Vega in mehreren Episoden auch zeigen, wie sehr Ola von ihren Entführern und ihren wechselnden Vertrauenspersonen manipuliert wird. Für sie ist dieses Leben als Sexsklavin die Normalität.

Der dritte Punkt sind die Handlungsorte. Teile des Films spielen in den uns filmisch gut vertrauten Ländern Großbritannien (hier Rotherham) und Thailand (hier Bangkok). Weitere Episoden – jedes Land ist ein anderer Ermittlungsschritt für Goc und eine Begegnung mit einer mehrere Jahre älteren Ola – spielen in Polen, Russland und der Ukraine.

Andere Thriller zum gleichen Thema spielen oft in einem kürzeren Zeitraum von wenigen Monaten oder Jahren und die Handlungsorte sind in den USA und Südamerika, seltener in Asien. Wenn die Filme aus Großbritannien oder Skandinavien kommen, dann spielt die Geschichte dort. Aber in Richtung Osteuropa bewegt die Filmgeschichte sich fast nie.

Jedenfalls nicht, wenn die Geschichte als Actionthriller erzählt wird. Und genau das ist „Small World“: ein harter Exploitation-Thriller, der niemals in den Verdacht gerät, seine Geschichte besonders subtil zu erzählen und der vor allem wegen der unverbrauchten osteuropäischen Handlungsorte interessant ist. Außerdem ist alles, im Gegensatz zu ähnlichen US-amerikanischen Filmen, eine Spur rauer und unglamouröser. Auch die Schauspieler sehen wie Menschen aus, denen wir jederzeit auf der Straße begegnen könnten.

Small World (Small World, Polen 2021

Regie: Patryk Vega

Drehbuch: Olaf Olszewski, Patryk Vega

mit Enrique Arce, Julia Wieiawa-Narkiewicz, Piotr Adamczyk

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Small World“

Rotten Tomatoes über „Small World“

Meine Besprechung von Patryk Vegas „Bad Boy“ (Bad Boy, Polen 2020)


TV-Tipp für den 18. September: Beale Street

September 17, 2021

3sat, 22.50

Beale Street (If Beale Street could talk, USA 2018)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: James Baldwin: If Beale Street could talk, 1974 (Beale Street Blues)

Harlem in den frühen Siebzigern: der 21-jährige Fonny sitzt im Gefängnis. Er soll ene Puerto Ricanerin vergewaltigt haben. Seine Freundin Tish ist von seiner Unschuld überzeugt.

TV-Premiere. Überaus gelungenes, in Rückblenden erzähltes Drama über ein Liebespaar und einen nur wegen seiner Hautfarbe inhaftierten Mann. Damit ist „Beale Street“, von „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins nach dem Roman von James Baldwin inszeniert, auch eine Anklage gegen den Rassismus in den USA.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis, Ebony Obsidian, Dominique Thorne, Diego Luna, Finn Wittrock, Ed Skrein, Brian Tyree Henry, Dave Franco, Pedro Pascal

Die lesenswerte Vorlage und ein klassisches Essay von James Baldwin

James Baldwin: Beale Street Blues

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Daniel Schreiber)

dtv, 2019

224 Seiten

12,90 Euro

Oritinalausgabe

If Beale Street could talk

Dial Press, New York, 1974

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer – The Fire next Time

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Jana Pareigis und einer Nachbemerkung von Miriam Mandelkow zur Übersetzung)

dtv, 2019

128 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The Fire next Time

Dial Press, New York, 1963

Hinweise

Moviepilot über „Beale Street“

Metacritic über „Beale Street“

Rotten Tomatoes über „Beale Street“

Wikipedia über „Beale Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Beale Street“ (If Beale Street could talk, USA 2018) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“

September 17, 2021

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Maria Speths Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ den Silbernen Bären und, später, den Berlinale Publikums-Preis für den besten Wettbewerbsfilm. Seit dem Bären-Gewinn wird der Film einhellig abgefeiert. Zuletzt wurde er in den Kategorien „Bester Dokumentarfilm“ und „Beste Regie“ für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Dabei erzählt er doch nur von einem Lehrer und seiner Klasse. Der titelgebende Lehrer Dieter Bachmann unterrichtet in Stadtallendorf, einer Stadt in Hessen in der Nähe von Marburg, an der Gesamtschule eine sechste Schulklasse, genaugenommen die 6b. Am Ende des Schuljahres gibt es die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Die Schüler haben fast alle einen Migrationshintergrund. Bei einigen kamen die Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Andere sind erst vor wenigen Monaten nach Deutschland gekommen. Viele haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Es wird auch türkisch, bulgarisch und italienisch gesprochen. Dieser hohe Migrationsanteil unterscheidet diese Klasse, jedenfalls außerhalb von Großstädten, vielleicht etwas von anderen Schulklassen. Aber insgesamt ist es eine ganz normale Schulklasse mit ganz normalen Teenagern.

Maria Speth beobachtet diese Klasse und die Dynamik zwischen den Schülern und ihrem Lehrer, den sie über ihren Mann kennen lernte, ausführlich. Die Dreharbeiten waren von Januar bis Juni 2017. Insgesamt hatte sie über dreißig Drehtage und am Ende zweihundert Stunden Rohmaterial. Daraus kondensierte sie in jahrelanger Arbeit die jetzige 217-minütige Kinofassung.

Das sind fast vier Stunden. Und dann noch in der Schule. Als hätten wir während unserer Kindheit und Jugend nicht genug Stunden an diesem Ort des Schreckens verbracht. Trotzdem lohnt sich die Rückkehr in das Klassenzimmer, das in diesem Fall auf einer Kinoleinwand in einem gemütlichen Kinosaal und ohne Notendruck ist.

Den Notendruck lehnt Herr Bachmann ebenfalls ab. Er ist der Ansicht, dass es in der Schule um andere, um nicht zu sagen wichtigere Dinge geht. Deshalb sieht sein Klassenzimmer wie ein Zimmer in einem Jugendhaus aus. Mit einer Schlafcouch in der einen, einem Schlagzeug in der anderen Ecke. Neben Musik gibt es auch Entspannung an der frischen Luft und Werkunterricht. Er versucht ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu geben. Das und sein aufrichtiges Interesse an seinen Schülern, ihrem Leben und ihren Problemen unterscheidet ihn von anderen Lehrern. Er fragt sie nach ihrer Meinung und den Gründen dafür. Er lernt sie, durch sein Wesen und seinen Unterricht, Toleranz und Neugierde.

Über ihn selbst erfahren wir wenig. Er studierte in Berlin und wurde erst relativ spät Lehrer. Mehr aus Verlegenheit, als aus Berufung. Wobei, wenn man ihn mit seiner Klasse sieht, es dann doch Berufung war. Inzwischen ist er nämlich pensioniert.

Maria Speth zeigt das Geschehen im Klassenzimmer als beobachtende Dokumentation, die dann auch mit den Problemen zu kämpfen hat, mit denen beobachtende Dokumentarfilme zu kämpfen haben. Es gibt kein Voice-Over oder sprechende Köpfe, die schnell wichtige Informationen vermitteln. Das alles muss man sich aus dem Film erschließen. Dass Herr Bachmann an einer Gesamtschule unterrichtet, ahnt man ungefähr nach dem dritten gemeinsamen Essen im Klassenzimmer, aber es wird niemals deutlich gesagt.

In ihrem Film konzentriert Speth sich auf Herrn Bachmann (ein Lehrer verdient eine gewisse respektvolle Anrede) und die Menschen, denen er begegnet. Niemand kommentiert ihn oder seinen Unterricht. Es gibt daher keine kritische oder auch lobende Stimme. Es gibt auch keine Einordnung von seinem Unterrichtsstil in das mir hessische und bundesdeutsche Bildungswesen. Speth schildert einen Einzelfall, der für sich selbst steht. Es ist daher auch unklar, wie sehr Herr Bachmann sich von anderen Lehrern an dieser Schule und in Deutschland unterscheidet.

Das sind jetzt allerdings keine Einwände gegen den Film. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist ein trotz seiner epischen Länge sehr kurzweiliger Film mit positiven Botschaft, der auch für Menschen sehenswert ist, die eine Schule zuletzt bei ihrer Abschlussfeier gesehen haben. Und in jedem Fall sollte es in der Schule mehr Bachmänner geben.

Herr Bachmann und seine Klasse (Deutschland 2021)

Regie: Maria Speth

Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider

mit Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar

Länge: 217 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Moviepilot über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Rotten Tomatoes über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Wikipedia über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Berlinale über „Herr Bachmann und seine Klasse“


Neu im Kino/Filmkritik: „Saw: Spiral“ mordet pervers weiter

September 17, 2021

Der Jigsaw-Killer ist tot. Trotzdem begeht er oder ein Nachahmungstäter jetzt weitere Morde mit perversen Tötungsvorrichtungen. Sein erstes Opfer ist ein Detective, der in einem U-Bahn-Tunnel die Wahl hat, sich entweder die Zunge herauszureißen oder von einer U-Bahn überfahren zu werden. Er behält seine Zunge.

Den Fall übernimmt der mit ihm befreundete Detective Ezekiel ‚Zeke‘ Banks (Chris Rock), Sohn des pensionierten Polizeichefs Marcus Banks (Samuel L. Jackson, gewohnt souverän sein Ding durchziehend).

Ezekiel Banks ist der typische Hardboiled-Cop der Dirty-Harry-Schule: ein unangepasster, großmäuliger, sich ständig mit seinen wahlweise inkompetenten oder faulen Kollegen anlegender Einzelgänger, der einen Tobsuchtsanfall bekommt, als ihm ein neuer Partner, der Neuling William Schenk (Max Minghella), zugeteilt wird. Die beiden Polizisten suchen jetzt gemeinsam den Mörder, während dieser munter weitermordet. Dabei tötet er nur, auf denkbar pervesteste Art, Menschen, die den Tod verdient haben. Dieses Mal konzentriert er sich auf korrupte, pflichtvergessene und schlichtweg verbrecherische Polizisten.

Saw: Spiral“ ist der neunte „Saw“-Film. Darren Lynn Bousman, der bereits den zweiten, dritten und vierten „Saw“-Film inszenierte, übernahm wieder die Regie. Das Drehbuch ist von Josh Stolbert und Pete Goldfinger, den Autoren des vorherigen „Saw“-Films „Jigsaw“. „Saw“-Fan Chris Rock hatte die Idee für den Film mit und er übernahm auch die Hauptrolle. Er spielt Detective Banks allerdings hoffnungslos überdreht. In einem „Saturday Night Live“-Sketch wäre dieses nervige Spiel und die hanebüchenen Dialoge gerade noch akzeptabel. In einem Horrorfilm nicht.

Und selbstverständlich gibt es einige perverse Morde. Das war schon immer das Kennzeichen der „Saw“-Reihe: ein maskierter Mörder, der Jigsaw-Killer, schnappt sich Menschen, die etwas Schlimmes getan haben, sperrt sie in eine Tötungsvorrichtung und stellt sie vor die Wahl, sich selbst zu verstümmeln oder brutal zu sterben. Über die moralischen Implikationen dieses Konzepts und der Taten sollten wir jetzt nicht weiter nachdenken.

Kommen wir gleich zum neuesten „Saw“-Film. Hauptsächlich spult „Saw: Spiral“ das Programm eines klischeebelasteten Cop-Thrillers der Post-Dirty-Harry-Ära in der Billigvariante ab. Da wird munter über Tatorte gelatscht und, ohne Handschuhe, fast immer alles angefasst. Dabei sollte spätestens seit „C. S. I.“ jeder wissen, dass so nur der Tatort verunreinigt und alle Spuren unbrauchbar werden. Da gibt es auf dem Revier die sattsam bekannten Hahnenkämpfe mit Sätzen, die noch nicht einmal in die erste Fassung des Drehbuchs hätten gelangen dürfen. Da wird die belanglose Schnitzeljagd-Story durch vorhersehbare Twists und Jigsaw-Morde vorangetrieben bis zur großen Enttarnung von Täter und Motiv.

Saw: Spiral“ ist ein belangloses Werk, das in seinen besten Momenten langweilt und in seinen schlechtesten nervt.

Saw: Spiral (Spiral: From the Book of Saw, USA 2021)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Josh Stolberg, Pete Goldfinger

mit Chris Rock, Samuel L. Jackson, Max Minghella, Marisol Nichols

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Zur schnellen Auffrischung: ein Best-of früherer Taten des Jigsaw-Killers

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Saw: Spiral“

Metacritic über „Saw: Spiral“

Rotten Tomatoes über „Saw: Spiral“

Wikipedia über „Saw: Spiral“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Lynn Bousmans „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“ (Mother’s Day, USA 2010)


TV-Tipp für den 17. September: Get Out

September 16, 2021

3sat, 22.25

Get out (Get out, USA 2017)

Regie: Jordan Peele

Drehbuch: Jordan Peele

Chris besucht die Eltern seiner Freundin Rose. Auf den ersten Blick sind sie supernette, liberale, weiße, wohlsituierte US-Amerikaner.

Grandioser Horrorfilm, der schonungslos mit dem US-amerikanischen Rassismus abrechnet.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Marcus Henderson, Betty Gabriel, Lakeith Stanfield, Stephen Root, Lil Rel Howery,

Ashley LeConte Campbell

Hinweise

Moviepilot über „Get out“

Metacritic über „Get out“

Rotten Tomatoes über „Get out“

Wikipedia über „Get out“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jorda Peeles „Get out“ (Get out, USA 2017)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Wir“ (Us, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Denis Villeneuves Verfilmung der ersten Hälfte von Frank Herberts „Dune“

September 16, 2021

Als Warner Bros. Pictures im Dezember 2020 ankündigte, dass sie in den USA „Dune“ und weitere Blockbuster gleichzeitig im Kino und auf ihrem Streamingportal HBO Max veröffentlichen würden, war „Dune“-Regisseur Denis Villeneuve verärgert. Er befürchtete, dass dieser Schritt weitere „Dune“-Kinofilme verhindere.

Damals klang das nach dem Gefühlsausbruch eines gekränkten Regisseurs, der seine Filme lieber im Kino sieht. Heute wissen wir, dass er das auch sagte, weil er in „Dune“ nur die erste Hälfte von Frank Herberts achthundertseitigem SF-Klassiker „Dune – Der Wüstenplanet“ verfilmt hat. Sein Film endet nach hundertfünfzig Minuten einfach mitten in der Geschichte. Das Ende gibt es dann in ein, zwei Jahren und einen dritten „Dune“-Film, der auf „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah, 1969) basieren soll, später. Falls es nicht dazu kommt, hat man mit „Dune“ einen halben Film gesehen. Und, ja, ich meine das genau so, wie ich es sage: „Dune“ ist wie ein „Tatort“, den man nach 45 Minuten anhält. Wobei der Vergleich mit Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016) treffender wäre. Das war die erste Hälfte des zweiteiligen Finales einer vierteiligen Young-Adult-Dystopie, von der der Abschluss des Finales nie gedreht wurde. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch weil bis jetzt noch nicht bekannt ist, ob es „Dune: Part Two“ geben wird.

Immerhin führt die schon lange vor dem Dreh gefällte Entscheidung, „Dune – Der Wüstenplanet“ in zwei Filmen zu erzählen, dazu, dass Villeneuve viel Zeit hat, die Geschichte zu erzählen. Nämlich, wenn der zweite Teil wieder hundertfünfzig Minuten lang ist, gut fünf Stunden. Er kann also in aller Ruhe Figuren, Konflikte und Themen einführen. Er kann, immerhin soll „Dune“ der Auftakt einer Trilogie sein, das alles so einführen, das es bereits im ersten Film Hinweise auf Entwicklungen gibt, die erst im zweiten oder dritten Film wichtig werden. Genau das scheint Villeneuve mit dem aus der Perspektive der Fremen erzähltem Prolog zu beabsichtigen. Es wird, so der erste Eindruck, nicht die Geschichte von Paul Atreides sondern die der Fremen erzählt. In den nächsten Minuten ändert sich das. Die ersten vierzig Minuten spielen auf dem Wasserplaneten Caladan, dem alten Sitz des Hauses Atreides. Die nächsten fünfzig Minuten spielen dann auf Arrakis, dem neuen Sitz des Hauses Atreides, dem Wüstenplanet. Diese neunzig Minuten sind vor allem eine Einführung der Welt, in der die Geschichte spielt und der wichtigen Figuren. Villeneuve folgt hier zwar Herberts Buch, aber er präsentiert den Protagonisten Paul Atreides (Timothée Chalamet), der schon auf Caladan Visionen von einer in der Wüste lebenden, für ihn wichtigen, jetzt aber noch unbekannten Frau hat und der der Auserwählte ist, seinen Vater Leto Atreides (Oscar Isaac), einem besonnenem Herrscher, und seine Mutter Jessica Atreides (Rebecca Ferguson), einer Bene Gesserit, und die verschiedenen Konflikte so, dass sie nachvollziehbar sind. Besonders wichtig ist der Konflikt mit dem Haus der Harkonnen. Sie sind die bisherigen Kolonialherren von Arrakis und sie wollen den Planeten wieder in ihren Besitz bringen. Auf dem Planeten gibt es das Gewürz, auch Melange oder Spice genannt. Es ist gleichzeitig eine Bewusstseinserweiternde Droge und der Treibstoff für die Raumschiffe. Deshalb ist die Herrschaft über den Wüstenplaneten eine Lizenz zum Gelddrucken.

Die Harkonnen sind die bösen Bösewichter, die als Kolonialherren despotische Unterdrücker waren. Um wieder die Herren über den Planeten zu werden, ermorden sie Leto Atreides und fast alle seine Gefolgsleute.

Paul und seine Mutter flüchten in die Wüste, wo die Fremen leben.

Ab diesem Moment wird der Film zu einer länglichen Abfolge von Episoden, die die Handlung nicht erkennbar voranbringen. Wer das Buch kennt und weiß, wie die Geschichte endet, ist hier im Vorteil. Denn nachdem Villeneuve in der ersten Hälfte des Films die Romanhandlung intelligent auf die Leinwand übertrug, klebt er nach Leto Atreides‘ Tod zu sehr an der episodenhaften Romanhandlung. Ein Thema ist nicht mehr erkennbar. Der den Roman bestimmende Konflikt mit den Harkonnen über die Herrschaft über den Wüstenplaneten verschwindet hier, wie im Roman, aus der Geschichte.

Auffallend ist in dem Moment auch das überkommene Frauenbild des 1965 erschienenen Romans, das hier bruchlos in den Film übertragen wird. Pauls Mutter Jessica Atreides, die ein Mitglied des einflussreichen Frauenordens der Bene Gesserit ist und die deshalb über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, ist jetzt nur noch ein hilfsbedürftiges Anhängsel von Paul, der sie aus gefährlichen Situationen retten muss und gefährliche Situationen allein meistert. Und die Filmgeschichte ähnelt immer mehr „Lawrence von Arabien“ mit Paul als Retter der Fremen. Aber das ist dann die Geschichte des zweiten „Dune“-Films.

Villeneuve erzählt diese Geschichte, wie schon in seinem vorherigem Film „Blade Runner 2049“, mit teilweise enervierender, prätentiöser Langsamkeit. Natürlich sind die Bilder von dem Wüsten- und dem Wasserplaneten überwältigend. Die Präsentieraufmärsche der Soldaten sind, wie in den „Star Wars“-Filmen, zweckfrei, aber schön anzusehen. Und die Räume, durch die die Menschen gehen müssen, sind oft verschwenderisch groß. Das weckt auch immer wieder Erinnerungen an diverse Bibel-Filme; vielleicht auch weil Paul Atreides der Auserwählte, der Messias, ist,

In jedem Bild ist ein Übermaß an Respekt vor der Vorlage zu spüren. Villeneuve kürzte nicht herzhaft, setzte keine eigenen Schwerpunkte oder veränderte Perspektiven (was hätte aus „Dune“ für ein Film werden können, wenn Villeneuve die gesamte Geschichte aus der Perspektive der Fremen erzählt hätte!). Stattdessen folgt er Frank Herberts Geschichte fast schon sklavisch.

Trotz guter Momente, guter Schauspieler (teils nur in Minirollen), imposanter, für das Kino komponierter Bilder und einer guten ersten Hälfte, ist „Dune“ letztendlich ein enttäuschendes Werk. Das liegt allerdings nicht an der Vorlage, sondern an dem fehlendem Mut, die Geschichte aus den Sechzigern (wo sie mit ihrer Ideologie und ihren Bezügen steht) in die Gegenwart zu bringen und für den Film umfassend umzuarbeiten. Denn so wahnsinnig komplex, wie immer wieder behauptet wird, ist der Roman nicht.

Stattdessen gibt es eine viel zu ehrfurchtsvolle Bebilderung der ersten Hälfte des Romans.

Dune (Dune, USA 2021)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts, Eric Roth

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Jason Momoa, Stellan Skarsgård, Stephen McKinley Henderson, Josh Brolin, Javier Bardem, Sharon Duncan-Brewster, Chang Chen, Dave Bautista, David Dastmalchian, Zendaya, Charlotte Rampling, Babs Olusanmokun, Benjamin Clementine

Länge: 156 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020 (die Filmausgabe)

800 Seiten

12,99 Euro

Zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover.

Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen.

Originalausgabe

Dune

Chilton Books, 1965

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Dune“

Metacritic über „Dune“

Rotten Tomatoes über „Dune“

Wikipedia über „Dune“ (2021) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)


TV-Tipp für den 16. September: Heist – Der letzte Coup

September 15, 2021

Tele 5, 20.15

Heist – Der letzte Coup (Heist, USA 2001)

Regie: David Mamet

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.

Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.

Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay

Wiederholung: Samstag, 18. September, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Drehbuch von David Mamet

Moviepilot über „Heist“

Metacritic über „Heist“

Rotten Tomatoes über „Heist“

Wikipedia über „Heist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 15. September: Das unbekannte Mädchen

September 14, 2021

Arte, 20.15

Das unbekannte Mädchen (La fille inconnue, Belgien/Frankreich 2016)

Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Eine junge, in der belgischen Provinz arbeitende Ärztin fühlt sich für den Tod eines schwarzafrikanischen Mädchens verantwortlich. Sie will ihren Namen erfahren. Aber das ist nicht so einfach.

TV-Premiere. Gewohnt intensives, zum Nachdenken anregendes Drama der Dardenne-Brüder

mit Adèle Haenel, Olivier Bonnaud, Jérémie Renier, Louka Minnella, Christelle Cornil, Nadège Ouedraogo, Olivier Gourmet, Pierre Sumkay

Wiederholung: Freitag, 17. September, 13.45 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Das unbekannte Mädchen“

Rotten Tomatoes über „Das unbekannte Mädchen“

Wikipedia über „Das unbekannte Mädchen“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Grüß Gott! Der „Beckenrand Sheriff“ will sein Freibad retten

September 14, 2021

In dem bayerischen Ort Grubberg soll das heruntergekommene städtische Freibad geschlossen werden. Auf der frei werdenden Fläche sollen noble Wohnungen entstehen. Bademeister Karl Kruse, der titelgebende „Beckenrand Sheriff“, der sich ein Leben außerhalb des Freibads nicht vorstellen kann, will das verhindern.

Ausgehend von dieser Prämisse entwirft Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt, ist länger tot“, „Sommer in Orange“) eine prominent besetzte, entspannt vor sich hin blödelnde Geschichte. In einer Abfolge von Sketchen werden alle wichtigen und aktuellen Themen angesprochen. Mal besser, mal schlechter, aber nie unter der Gürtellinie. So spielt Milan Peschel den betont grantigen, überaus peniblen Bademeister Karl Kruse, der darauf achtet, dass die Stühle millimetergenau ausgerichtet sind. Dimitri Abold spielt Sali, einen aus Nigeria kommenden Asylbewerber, der als Azubi zu ihm geschickt wird. Kruses in der Verwaltung arbeitende Schwester hofft so, Salis Abschiebung zu verhindern. Sali ist zwar willig, aber auch ein Nichtschwimmer. Das wäre kein großes Problem, wenn nicht die selbstverständlich hoffnungslos erfolglose Wasserball-Mannschaft einen Sieg bräuchte (Haben wir das nicht schon in einem Dutzend anderer Komödien gesehen?) und Sali ein begnadeter Ballfänger wäre. Also muss er schwimmen lernen.

Im Schwimmbad trifft er lange nachdem das Bad für den täglichen Publikumsverkehr geschlossen wurde, Lisa (Sarah Mahita). Die junge Schwimmerin war mal die große Olympiahoffnung des Dorfes. Bis eine seltsame, nie vollkommen geklärte Dopinggeschichte diese Karriere beendete. Jetzt trainiert sie heimlich nach Sonnenuntergang. Ihr Vater ist Albert Dengler (Sebastian Bezzel), der Mann, der auf dem Schwimmbadgelände Häuser bauen möchte.

Und so langsam finden sich die Menschen zusammen, die einerseits in herzlicher Abneigung miteinander verbunden sind, und andererseits nur gemeinsam das Freibad retten können.

Bei den Mitteln, die sie dafür einsetzen, und wie ihnen die Rettung gelingt, wird es dann immer wieder ärgerlich. Natürlich ist ein Spielfilm keine verfilmte Gemeinderatsordnung. Und natürlich können die Filmemacher sich beim Erzählen ihrer Geschichte jede künstlerische Freiheiten nehmen. Ärgerlich wird es allerdings dann, wenn man den Eindruck hat, das Wissen der Macher über die Kommunalpolitik erschöpft sich in einer Mischung aus Schlagzeilenlektüre und Stammtischgesprächen. Dabei hätten die realen Verfahren Stoff für mehr und bessere Verwicklungen und politische Winkelzüge geboten. So sammelt, um nur ein Beispiel zu nennen, Kruse irgendwann Unterschriften für den Erhalt des Freibads. Jeder, der schon einmal eine Unterschriftensammlung gemacht hat, weiß, wie schwierig die Formulierung der Forderung ist und wie sehr eine Verwaltung eine Sammlung vor, während und nach der Unterschriftensammlung blockieren kann. Zum Beispiel, indem sie Formulierungen nicht zulässt, die Prüfung endlos hinauszögert oder nur an bestimmten Orten sammeln lässt. All das bietet Stoff für wundervolle komödiantische Verwicklungen, die hier nicht genutzt werden, weil Kommunalpolitik auf nicht informiertem Stammtisch-Niveau behandelt wird.

Beckenrand Sheriff“ ist ein belangloser Bayern-Klamauk, der eine politische Satire hätte sein können.

Beckenrand Sheriff (Deutschland 2021)

Regie: Marcus H. Rosenmüller

Drehbuch: Marcus Pfeiffer

mit Milan Peschel, Dimitri Abold, Sebastian Bezzel, Rick Kavanian, Gisela Schneeberger, Johanna Wokalek, Sarah Mahita, Rocko Schamoni, Thomas Mraz, Frederick Linkemann

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Beckenrand Sheriff“

Moviepilot über „Beckenrand Sheriff“

Wikipedia über „Beckenrand Sheriff“


Neu im Kino/Filmkritik: „Ein nasser Hund“ im Wedding; – ein verdammt schöner Anblick

September 14, 2021

Bei „Ein nasser Hund“ hätte viel schief gehen können. Zuerst einmal handelt es sich um eine Literaturverfilmung. Genaugenommen eine Autobiographie. Damir Lukačević verlegte die Geschichte von der Mitte der neunziger Jahre in die Gegenwart und er erarbeitete in Theaterworkshops mit Jugendlichen das Drehbuch. Gedreht wurde dann vor Ort im Wedding mit Laiendarstellern, die vorher in Workshops improvisierend ihre Rollen erarbeiteten. Damit wurde Arye Sharuz Shalicars Geschichte immer mehr zu ihrer Geschichte, die tief in ihrem Leben und damit in der Gegenwart verwurzelt ist.

Im Film kommt der 16-jährige Soheil (Doguhan Kabadayi) mit seiner Familie aus Göttingen nach Berlin. Sie ziehen in den Wedding, der früher der rote Wedding war und heute immer noch ein besonderes Stadtviertel ist. Dort nehmen die türkischen Jugendlichen den iranischstämmigen Soheil schnell in ihre Gang auf. Schließlich sei er, wie sie, ein Muslem. Das stimmt nicht.

Soheil ist Jude. Allerdings einer, für den die Religion nicht wichtig ist. Aber angesichts des alltäglichen Antisemitismus, verbunden mit jugendlichem Mackertum, verschweigt er es und lässt seine neuen Freunde, vor allem den ihn bedingungslos aufnehmenden Gangleader Husseyn (Mohammad Eliraqui), im Glauben, er sei auch ein Muslim.

Außerdem ist Soheil ein sich in der Szene schnell etablierender Graffiti-Künstler, der, natürlich illegal, im Wedding Wände verschönert.

Mit seinen neuen Freunden entwickelt er sich, zum Entsetzen seiner liebevollen, ein Geschäft führenden Eltern, auch in Richtung eines Problemjugendlichen zwischen Kleinkriminalität, Drogendelikten und Schlägereien. Außerdem verliebt Soheil sich in die in die Parallelklasse gehende Selma (Derya Dilber).

Ein nasser Hund“ ist eine Ghettogeschichte, die zum Glück auf überflüssige Dramatisierungen verzichtet. Während beispielsweise in Detlev Bucks „Knallhart“ (das, ebenfalls in Berlin spielend, eine ähnliche Geschicht erzählt) alles immer eine Spur zu übertrieben wirkte, wirkt in „Ein nasser Hund“ alles äußerst realistisch. Ein Grund sind sicher die Laienschauspieler, die ihre Rollen lange probten und auch zusammen erarbeiteten. Ein anderer Grund ist Autor und Regisseur Damir Lukačević, dem es vorzüglich gelingt mit eben diesen Laienschauspielern richtig saftiges Kino zu machen, das frei von übermäßigen didaktischen Erklärungen und erhobenen moralischen Zeigefinger einfach gut unterhalten möchte.

Das ist ihm gelungen. „Ein nasser Hund“ überzeugt – in jeder Beziehung. Dabei ist ihm die Atmosphäre, das stimmige Zusammenspiel des jungen Ensembles und die Nachvollziehbarkeit ihrer Motive und Sehnsüchte wichtiger als eine stringend nach Hollywood-Drehbuchschema vorangetriebene Geschichte. „Ein nasser Hund“ ist halt eine Charakter- und Milieustudie, die, falls ich eine Jahresbestenliste mache, sehr gute Chancen auf einen Listenplatz hat.

Ein nasser Hund (Deutschland 2021)

Regie: Damir Lukačević

Drehbuch: Damir Lukačević

LV: Arye Sharuz Shalicar: Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude, 2010

mit Doguhan Kabadayi, Mohammad Eliraqui, Derya Dilber, Omar Antabli, Samy Abdel-Fattah, Emircan Yildirim, Dorka Gryllus, Christoph Letkowski, Maradona Akkouch, Kida Khodr Ramadan

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Ein nasser Hund“

Moviepilot über „Ein nasser Hund“

Wikipedia über „Ein nasser Hund“


TV-Tipp für den 14. September: Der Wüstenplanet

September 13, 2021

Kabel 1, 23.00

Der Wüstenplanet (Dune, USA 1984)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

Wenige Stunden vor dem Kinostart von Denis Villeneuves neuer Verfilmung von Frank Herberts mit dem Hugo-Award ausgezeichneten SF-Klassiker „Der Wüstenplanet“ kann heute Abend noch einmal David Lynchs mit dem Stinkers Bad Movie Award ausgezeichnete Verfilmung angesehen werden.

Die Story: in der Zukunft wird auf dem Wüstenplaneten Arrakis das für die Gesellschaft wichtige Gewürz (aka Spice) abgebaut. Jetzt soll das Haus Atreides die Gewürzförderung übernehmen. Herzog Leto Atreides fällt einer Intrige durch das Haus Harkonnen zum Opfer. Sein Sohn Paul Atreides flüchtet mit seiner Mutter in die Wüste. Dort wird er der Anführer der Fremen. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf gegen die niederträchtigen Harkonnen.

Der Film: Als ich mir den Film vor einigen Tagen wieder ansah, war ich erstaunt, wie schlecht er ist. Lynch rafft einfach das Buch zusammen, was dazu führt, dass die Geschichte vollkommen unverständlich wird. Er inszenierte eine Armee regungslos vor der Kamera stehender sprechender Köpfe. Für eine Big-Budget-Produktion und verglichen mit den Tricks von ungefähr zeitgleich entstandenen Filmen wie „Das Imperium schlägt zurück“, „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Blade Runner“ sind die Tricks atemberaubend schlecht. Sogar in einem SF-Film aus den Fünfzigern sind sie überzeugender.

Lynches „Der Wüstenplanet“ ist ein grottenschlechtes Totaldesaster. Humorfreie und prätentiöse auf jeder Ebene. Verglichen mit diesem Film ist Villeneuves Version natürlich besser. Wieviel besser sie ist, werde ich in meiner ausführlichen Besprechung erklären.

Mit Kyle MacLachlan, José Ferrer, Francesca Annis, Jürgen Prochnow, Kenneth McMillan, Silvana Mangano, Dean Stockwell, Max von Sydow, Linda Hunt, Brad Dourif, Sting, Sean Young, Richard Jordan, Sean Phillips, Freddie Jones, Patrick Stewart, Virginia Madsen

Die Vorlage, zum Filmstart mit neuem Cover

Dune Der Wuestenplanet von Frank Herbert

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020

800 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Wüstenplanet“

Wikipedia über „Der Wüstenplanet“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 13. September: Flucht von Alcatraz

September 12, 2021

One, 22.30

Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz, USA 1979)

Regie: Don Siegel

Drehbuch: Richard Tuggle

LV: J. Campbell Bruce: Escape from Alcatraz, 1963

Frank Lee Morris plant das Unmögliche: eine Flucht von Alcatraz. Am 11. Juni 1962 gelingt dem Sträfling die Flucht; – jedenfalls verschwanden er und seinen beiden Mitflüchtlingen spurlos.

„Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood. Der auf einem wahren Fall beruhende, beklemmende und realistische Knastthriller wurde auf Alcatraz gedreht.

Danny Glover gibt hier in einer Nebenrolle als Häftling sein Filmdebüt.

Mit Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Jack Thibeau, Fred Ward, Paul Benjamin, Larry Hankin, Bruce M. Fischer, Frank Ronzio, Danny Glover

Wiederholung: Dienstag, 14. Februar, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Flucht von Alcatraz“

Wikipedia über „Flucht von Alcatraz“ (deutsch, englisch)

Roger Ebert über „Escape from Alcatraz“

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


TV-Tipp für den 12. September: Vier im roten Kreis

September 11, 2021

Arte, 20.15

Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, Frankreich 1970)

Regie: Jean-Pierre Melville

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.

Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.

Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.

mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet

Wiederholung: Dienstag, 14. September, 13.40 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Vier im roten Kreis“

Wikipedia über „Vier im roten Kreis“ (deutsch, englisch) und Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. September: Boston

September 10, 2021

Pro7, 20.15

Boston (Patriots Day, USA 2016)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)

Spannender, quasi-dokumentarischer Thriller über den Terroranschlag auf den Boston-Marathon am 15. April 2013 und der anschließenden Jagd auf die Täter.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. K. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander

Wiederholung: Sonntag, 12. September, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Boston“

Metacritic über „Boston“

Rotten Tomatoes über „Boston“

Wikipedia über „Boston“ (deutsch, englisch) und den Anschlag (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Boston“

Meine Besprechung von Peter Bergs „Battleship“ (Battleship, USA 2012)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Lone Survivor“ (Lone Survivor, USA 2013)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Deepwater Horizon“ (Deepwater Horizon, USA 2016)

Meine Besprechung von Peter Bergs „Boston“ (Patriots Day, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Peter Bergs „Mile 22“ (Mile 22, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ will ein Vater seiner Tochter helfen

September 10, 2021

Matt Damon besucht Europa. Allerdings nicht als Jason Bourne, sondern als Bill Baker. Baker lebt in Stillwater, Oklahoma, ist Bohrarbeiter, Ex-Alkoholiker, Witwer und er ist gläubig. Jetzt besucht er in Europa seine Tochter Allison (Abigail Breslin). Die sitzt in Marseille im Gefängnis. Sie ist (war?) Austauschstudentin und soll ihre Mitbewohnerin ermordet haben. Dafür wurde sie zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt. Vier Jahre hat sie noch vor sich. Ihr Vater besucht sie regelmäßig; sofern es seine beschränkten finanziellen Möglichkeiten zulassen.

Jetzt bittet Allison ihn, einen Brief zu ihrer Anwältin zu bringen. Von einer Mitgefangenen habe sie gehört, dass ein junger Mann auf einer Party erzählt habe, er habe einen Mord begangen, für den er nicht verurteilt wurde. Allison vermutet, dass dieser Mann, von dem es nur eine dürftige Beschreibung gibt, auch der Mörder ihrer Mitbewohnerin Lena ist.

Und spätestens jetzt ist die Zeit für einen Einschub gekommen. Denn Tom McCarthys Drama „Stillwater“ wird auch damit beworben, von dem Fall Amanda Knox inspiriert zu sein. Allerdings wurde von dem wahren Fall nur die die Ausgangssituation, nämlich dass eine Austauschstudentin verdächtigt wird, ihre Mitbewohnerin umgebracht zu haben, übernommen. Der Rest ist reine Fiktion.

Wer daher mehr über den Fall weiß, sollte nicht nach Gemeinsamkeiten zwischen dem wahren Mordfall und diesem Filmmord suchen. Es gibt sie nicht. Wer nach der Lektüre der Filmankündigung in den Film geht, um mehr über Amanda Knox und den Mord an Meredith Kercher zu erfahren, sollte es bleiben lassen. Es ist kein Enthüllungsfilm. Und, weil ich gerade dabei bin, wer jetzt in den Film gehen möchte, um einen spannenden Kriminalfilm zu sehen, sollte es auch bleiben lassen. Zwar ist der Mordfall und die Suche von Baker nach dem Mörder der rote Faden des Films, aber McCarthy interessiert sich kaum für die Tätersuche und die Lösung des Falls überzeugt nicht.

McCarthy interessiert sich für seinen Protagonisten Bill Baker; grandios verkörpert von Matt Damon. Damon veränderte für diese Rolle seine gesamte Körperhaltung, Gang, Bewegungen und Sprache so sehr, dass er kaum noch erkennbar ist. Das und dass Damon als Baker immer einen Goatee und eine Basecap trägt, ermöglichte es McCarthy auch, mit Matt Damon 2019 während eines Fußballspiels im Stade Velodrome, dem Stadion des Clubs Olympique de Marseille, zu drehen. Anscheinend erkannte niemand den Hollywood-Star.

Insofern ist „Stillwater“ vor allem eine Charakterstudie eines Mannes mit vielen Fehlern, der jetzt versucht seiner Tochter zu helfen und der von der Situation hoffnungslos überfordert ist. So raten ihm alle ab, auf eigene Faust den Mörder zu suchen. Er tut es trotzdem. Er ist jederzeit gefährdet, wieder zu trinken. Oder ein anderes Suchtverhalten zu wählen. Halt findet er nur in der Zufallsbekanntschaft Virginie (Camille Cottin) und ihrer Tochter Maya (Lilou Siauvaud, Debüt). Die Theaterschauspielerin Virginie ist in Marseille seine Übersetzerin, die ihm auch bei den Ermittlungen hilft. Er hilft ihr als Handwerker bei Kleinigkeiten im Haushalt. Mit ihrer Tochter lernt er französisch. Und er versucht für Maya der Vater zu sein, der er für Allison nie war. Diese Beziehungen rücken in der zweiten Hälfte des Films in den Mittelpunkt.

Stillwater“ überzeugt als ruhig erzählte Charakterstudie. Die Figuren sind komplex, ihre Konflikte nachvollziehbar und das Ende regt zum Nachdenken an. Tom McCarthy („Spotlight“) hat einen Film für Erwachsene gedreht. Und Matt Damon liefert seine wahrscheinlich beste Leistung als Schauspieler ab. Was will mensch mehr?

…vielleicht noch einige Aufnahmen von Marseille abseits der bekannten Touristenpfade.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht (Stillwater, USA 2021)

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Thomas Bidegain, Noé Debre

mit Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Lilou Siauvaud, Anne le Ny, Moussa Maaskri, Jean-Marc Michelangeli, Deanna Dunagan

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Stillwater“

Metacritic über „Stillwater“

Rotten Tomatoes über „Stillwater“

Wikipedia über „Stillwater“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Win Win“ (Win Win, USA 2011)

Meine Besprechung von Tom McCarthys „Spotlight“ (Spotlight, USA 2015)


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