Der Soldat James Ryan (Saving Private Ryan, USA 1998)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Robert Rodat
1944, nach der Landung der Allierten in der Normandie, wird US-Captain Miller mit einigen Männern losgeschickt. Sie sollen den titelgebenden Soldaten James Ryan finden und nach Hause schicken. Dummerweise weiß niemand, wo er ist.
Packender Kriegsfilm von Steven Spielberg. Auch wenn er letztendlich nur die Geschichte vom tapferen Soldaten erzählt.
Mit Tom Hanks, Edward Burns, Tom Sizemore, Matt Damon, Barry Pepper, Adam Goldberg, Vin Diesel, Giovanni Ribisi, Jeremy Davis, Ted Danson, Bryan Cranston, Paul Giamatti
2015, so erzählt Fatih Akin, hatte sein damals zehnjähriger Sohn die Idee für einen Film über zwei Freunde, von denen der eine lebendig und der andere tot ist. Diese Idee war der Ursprung für seinen neuesten Film „Geister“. Pünktlich zum Filmstart erschien jetzt auch die auf dem Drehbuch und Rohschnittfassungen basierende, von Bea Davies gezeichnete Comicversion.
Aus den beiden Freunden wurden zwei Abiturienten, die sich auf einer Abifeier im Turmkorb des Heinrich-Hertz-Turms, dem Fernsehturm von Hamburg, an der Bar kennen lernen. Die beiden Einser-Abiturienten Faris (Eren M. Güvercin) und Farasha (Mariam Dawoud) verstehen sich sofort. Es ist die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick.
Farasha bittet Faris, sie heimzufahren. Zusammen mit zwei Freunden, die er ebenfalls nach Hause fahren will, machen sie sich auf den Weg. Es ist eine dieser typischen Heimfahrtouren quer durch die Stadt. Als er sich im Roßhafen verfährt, geschieht ein Unfall.
Am nächsten Tag erwacht Faris im Krankenhaus. Er erfährt, dass er in die Elbe gefahren und Farasha ertrunken ist. Warum es zum Unfall kam und was am Unfallort genau passierte, enthüllt Akin ziemlich ungeschickt in Bruchstücken über den gesamten Film.
Die tote Farasha erfährt von ihrem ebenfalls totem Vater, dass die Toten in den ersten vierzig Tagen nach ihrem Tod den Lebenden im Traum begegnen können. Danach verschwänden sie im Nebel der Erinnerung. Farasha versucht nun den von ihr über alles geliebten Faris zu kontaktieren. Und Faris versucht, mit Farashas Hilfe, Klarheit über seine Gefühle und sein weiteres Leben zu erlangen. Im Moment kann er sich kein Leben ohne Farasha vorstellen.
Fatih Akin erzählt die Geschichte einer großen Liebe. Was kann da nach „Gegen die Wand“ schon schiefgehen? Und er erzählt sie mit jungen Protagonisten, die gerade ihr Abitur hinter sich haben. Was kann da nach Filmen wie „Tschick“, „Rheingold“, „Amrum“ und „Kurz und schmerzlos“ schon schiefgehen?
In den ersten Minuten, wenn Farasha und Faris sich zum ersten Mal begegnen, zeigt Akin, dass alles schiefgehen kann. In der Szene stimmt nichts.Die Gefühle sind bestenfalls behauptet. Bei diesem ersten Gespräch zwischen Farasha und Faris ist nicht die Taubheit für das Gespräch der beiden Jugendlichen, sondern die Taubheit für jedes Gespräch erstaunlich. So reden Menschen nicht miteinander. Nicht im echten Leben, nicht auf einer Theaterbühne, höchstens in einem schlechten Film.
Im folgenden wird es nicht besser. Das Spiel bleibt gekünstelt. Das Plotting ist seltsam. Das Erzähltempo enervierend langsam. Szenen, die große Gefühle zeigen sollen, erreichen das Gegenteil. Anstatt nach Taschentüchern zu suchen, gibt es peinliches Schweigen und Lachanfälle.
In „Geister“ ist nichts von dem Fatih Akin zu spüren, der sich in seinen anderen Filmen so gut auf die widerstreitenden Gefühle seiner Protagonisten einließ und er ein fantastisches Gespür für jugendliche Protagonisten, ihr Leben, ihre Gefühle und Wünsche hatte. Aber das waren glaubwürdige Figuren, mit denen man sich gerne auf eine Reise begab. In „Geister“ sind sie nur Abziehbilder für Behauptungen.
Während der Film auf keiner Ebene funktioniert, funktioniert die von Bea Davies gezeichnete Comic-Version prächtig. Ihr Comic ist ein Filmroman. D. h. er hält sich in den Dialogen und Bildern sklavisch an das Drehbuch und überträgt die Geschichte möglichst getreu in ein anderes Medium. Im Comic sind die gekünstelten Dialoge des Films gut lesbar. Schließlich gibt es in einem Comic keinen Platz für lange Dialoge. Sie sind immer knapp. Die Zeichnungen und das Erzähltempo stimmen. Der Wechsel zwischen den SW-Panels und den wenigen farbigen Elementen, die für das Totenreich stehen, ist schlüssig. Akins Film ist dagegen durchgehend bunt. Und ein Manga oder ein Anime, in dem Menschen im Kontakt mit mal guten, mal bösen Geistern stehen, ist keine Seltenheit.
Wer sich für die Geschichte interessiert, sollte den Comic lesen.
Geister (Deutschland 2026)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Ruth Toma
mit Mariam Dawoud, Eren M. Güvercin, Carlotta von Falkenhayn, Gabriel-Winner Amorin, Anna Bederke, Lama Alhalabi, Aya Samra, David Schütter
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Der Comic zum Film
Bea Davies: Geister (nach einem Film von Fatih Akin)
TV-Premiere. Über 160 Minuten erzählt Tom Tykwer einige Wochen aus dem Leben der normal dysfunktionalen Berliner Familie Engels, deren Leben etwas aus den gewohnten Bahnen gerät, als sie eine syrische Immigrantin als Haushälterin engagieren. Denn Farrah ist nicht nur Haushälterin.
Schön, dass Tom Tykwer nach einer neunjährigen Kinopause wieder Kino macht. Schade, dass es kein besserer Film wurde.
Seit 2009 veröffentliche Jörg Maurer sechzehn humoristische Alpenkrimis mit Kommissar Hubertus Jennerwein als etwas seltsamen und an Akinetopsie (aka Bewegungsblindheit) leidenden Ermittler. Von den Büchern wurden über drei Millionen Exemplare verkauft. Mit den Verfilmungen haute es bislang nicht hin. 2011 wurde der Jennerwein-Krimi „Föhnlage“ für das Fernsehen verfilmt. Es blieb eine einmalige Ermittlung.
Jetzt wird ein zweiter Versuch gestartet. „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ bekommt sogar, trotz TV-Optik und einer erkennbar auf weitere Filme angelegten Erzählweise, einen Kinostart.
Während des Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen wird auf den gerade springenden dänischen Skispringer geschossen. Der vor wenigen Minuten in dem Ort wieder angekommene Kommissar Jennerwein (Florian Brückner) beginnt mit seinen Ermittlungen. Während der Bürgermeister möchte, dass die Ermittlungen möglichst schnell beendet werden und er wieder ungehindert die Bewerbung von Garmisch-Partenkirchen für die Winter-Olympiade forcieren kann, erhalten Jennerwein und sein Team anonyme Briefe, in denen weitere Taten angekündigt werden.
Hannu Salonens Verfilmung des zweiten Jennerwein-Alpenkrimis „Hochsaison“ nimmt sich, zum Glück, gegenüber dem Roman viele Freiheiten und konzentriert sich mehr auf den Kriminalfall.
Im Gegensatz zu dem konfus vor sich hin plätscherndem Roman, erzählt Salonen, ausgehend von einem von Maximilian Brückner, Linus Herbig-Matten und Dinah Marte Golch geschriebenem Drehbuch, eine ziemlich stringente Kriminalgeschichte mit einer ordentlichen Portion bayerischem Humor. Es gibt einem Blick auf die regionalen Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten, die fotogen für die Verbrechen ins Szene gesetzt werden. Das Ermittlerteam findet in diesem Krimi zusammen. Die Absicht der Macher, dass es gemeinsam weitere Fälle lösen soll, ist unverkennbar. Das alles orientiert sich deutlich an den gelungeneren Eberhofer-Krimikomödien. In „Kommissar Jennerwein – Hochsaison“ ist alles harmloser und austauschbarer.
Und jetzt sollte ich erklären, welcher Godzilla zurück ist.
Seinen ersten Auftritt hatte er 1954 in Inoshiro Hondas „Godzilla“. Der SW-Monsterheuler thematisierte auch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, vor allem der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, für Japan. Seitdem trat er in unzähligen weiteren Filmen auf. Die meisten Filme waren billig. Mit kindlicher Freude zertrampelte Godzilla Großstädte, während Menschen versuchten, ihn zu besiegen. Manchmal kämpfte Gozilla auch gegen andere Kaijus. Die Menschen kämpften gegen sie. Am Ende war eine Großstadt kaputt. Und viele Kinder und Jugendliche hatten einen wunderschönen Sonntagnachmittag vor dem Fernseher verbracht.
Später durfte Godzilla im Big-Budget-Hollywoodkino mitmischen. Aktuell in dem „MonsterVerse“. Die bislang fünf Filme waren teuer. Der günstigste soll 135 Millionen US-Dollar gekostet haben. Sie haben viele ziemlich gut aussehenden CGI-Effekte und sind, in verschiedenen Abstufungen, schlecht.
Mitten in dieses Hollywood-Franchise platzte 2023 „Godzilla Minus One“. Takashi Yamazaki erzählt in seinem mit einem Oscar für die besten visuellen Effekte prämiertem Monsterfilm, der am Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt, vom Kampf einiger tapferer Menschen gegen Godzilla. Der aus Hollywood-Sicht extrem günstig produzierte Film – er soll 10 Millionen US-Dollar gekostet haben – war ein Überraschungserfolg.
„Gozilla Minus Zero“ ist die zwei Jahre später spielende Fortsetzung. Godzilla ist doch nicht tot. Artgenossen von Godzilla tauchen auf. Alles deutet auf einen großen Kampf zwischen Menschen und Monstern hin. Auf der Seite der Menschen kämpfen dann viele Menschen, die bereits in „Godzilla Minus One“ gegen Godzilla kämpften.
Für die ursprünglich nicht geplante Fortsetzung hatte Takashi Yamazaki, der wieder das Drehbuch schrieb, Regie führte und für die visuellen Effekte zuständig war, mehr Geld zur Verfügung. Er sagt bescheiden, das Budget sei etwas gestiegen. In jedem Fall war das VFX-Team größer. Dieses Mal bestand es nicht aus 35, sondern aus 50 Leuten. Es wurde im IMAX-Format gedreht. Und er ist einige Minuten länger.
Sein Film ist ein leicht zwiespältiges Vergnügen. Die Actionszenen sind gelungen. Vor allem im Finale wird dem Affen ordentlich Zucker gegeben. Aber sie sind rar. Die Auftritte von Godzilla und seinen, uh, Artgenossen noch rarer.
Zwischen den Actionszenen wird ordentlich gemenschelt, analysiert und sich auf den Kampf gegen die Monster vorbereitet. Die politischen Implikationen sind deutlich. Die Szenen mit Menschen sind oft quälend. Beispielsweise bemüht sich ein Mädchen schon von ihrem ersten Auftritt an erfolgreich, möglichst nervig zu sein. Das überbordende, kulturell bedingte Pathos und die damit verbundene Todesverachtung ist arg gewöhnungsbedürftig. Andere Szenen in der Familie und bei der Arbeit sind durchaus gelungen, aber auch eigentlich immer länger als nötig. So kommt der Monsterfilm auf deutlich über zwei Stunden Laufzeit.
Trotz aller Kritik ist „Godzilla Minus Zero“ ungleich besser als die Hollywood-Filme des „MonsterVerse“. Er bietet den Fans schon, was sie wollen und von einem japanischen Godzilla-Film erwarten.
Godzilla Minus Zero(Godzilla Minus Zero, Japan 2026)
Regie: Takashi Yamazaki
Drehbuch (und visuelle Effekte): Takashi Yamazaki
mit Ryûnosuke Kamiki, Minami Hamabe, Min Tanaka, Hidetaka Yoshioka, Masami Nagasawa, Yuki Yamada, Kuranosuke Sasaki, Jun Kunimura, Sakura Ando, Miou Tanaka, Sae Nagatani
Irgendwo in Russland in der Provinz: Gleb ist ein erfolgreicher Firmeninhaber, verheiratet und Vater. Sie leben in einem noblen, sehr westlich eingerichtetem Haus im Wald an einem See. Auf den ersten Blick ist alles perfekt. Aber nach Russlands Überfall auf die benachbarte Ukraine flüchten etliche Mitarbeiter in den Westen. Jeder seiner Arbeitstage beginnt mit der Meldung, wer nicht zur Arbeit erschienen ist. Zusätzlich bittet ihn die Regierung, vierzehn seiner Mitarbeiter für die ‚Spezialoperation‘ abzustellen. Gleb fragt sich, wen von seinen Angestellten er in den ziemlich sicheren Tod schicken soll.
Auch im Privaten häufen sich die Probleme. Seine Frau Galina betrügt ihn. Das kann und will er nicht akzeptieren.
Ruhig, sehr ruhig, immerhin hat „Minotaurus“ eine stolze Länge von 142 Minuten, erzählt Andrey Zvyagintsev von Glebs Leben und wie es immer mehr aus dem Ruder läuft. Er gehört eindeutig zur oberen Schicht. Er hat den Habitus eines Mitglieds der Bourgeoisie. In diesen Momenten wirkt Zvyagintsevs Film, als habe er Claude Chabrols bitterböse und präzise Analyse der französischen Gesellschaft, vor allem der französischen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre, als er einige seiner besten und einflussreichsten Kriminaldramen drehte, auf die russische Gesellschaft übertragen. Das funktioniert erstaunlich gut. Zvyagintsev hat nicht nur Chabrols Gesellschaftsporträt, sondern einen seiner besten Filmen, nämlich „Die untreue Frau“ (La femme infidèle, Frankreich 1969), in die Gegenwart und in die russische Provinz verlegt.
Wenn man das während des Films begreift oder schon vorher weiß, dann kennt man natürlich die Geschichte und fragt sich, warum Zvyagintsev 45 Minuten mehr braucht als Chabrol, um diese Geschichte von Eifersucht, Mord und Liebe zu erzählen. Die anfängliche Spannung verfliegt, weil man den sich langsam entfaltenden, chronologisch und unterkühlt erzählten Plot, seine Wendungen und auch die Schlusspointe kennt. Ob Zvyagintsev Chabrols Schlusspointe genau so wiederholt oder, immerhin entstand Chabrols Film vor über fünfzig Jahren und spielte in einer anderen Gesellschaft, variiert, ist in dem Moment schon zweitrangig.
Insgesamt ist Zvyagintsevs Krimidrama über eine fremdgehende Frau und ihren eifersüchtigen Ehemann einfach zu lang. Daran ändert Zvyagintsevs Anklage gegen das System Putin und die präzisen, oft packenden, aber immer auch langen Miniaturen aus dem Leben in einer Provinzstadt, und etliche wegen ihrer Inszenierung atemberaubenden Szenen nichts.
Um alle Missverständnisse über den Wahrheitsgehalt der Geschichte auszuräumen, verrät das Presseheft auf der ersten Seite: „Diese Darstellung von Patricia Highsmith und ihrem Leben ist rein fiktiv.“
Regisseur Anton Corbijn erklärt es genauer: „Highsmith war eine reale Person, und sie zog in ein bunkerartiges Haus in der Schweiz, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Wir zeigen sie am Ende ihres Lebens, was biografisch der Wahrheit entspricht, aber alles andere ist fiktional. Wir spielen also mit dem Verständnis davon, wer sie war, und bauen darauf auf.“
Helen Mirren, die Patricia Highsmith spielt, stimmt ihm zu: „Wir haben keinen Dokumentarfilm über Patricia Highsmith gedreht. Wir drehen nicht einmal ein Dokudrama über sie. Sie ist eine Figur in einer Geschichte, die ein Krimi, ein Thriller, eine psychologische Untersuchung ist – offensichtlich inspiriert von ihrem brillanten Schreibstil. Es ist nicht die wahre Figur, die man da sieht. Ich betrachte es nicht als Imitation, es ist eine fiktive Figur, die von ihr inspiriert ist.“
Und wie alle großen Schriftsteller und Schriftstellerinnen (und Blues-, Jazz- und Rockmusiker; aber deren Geschichten sind andere Geschichten) wissen, sollte eine gute Geschichte niemals über Gebühr von lästigen Fakten gestört werden. Ein Roman, ein Theaterstück, ein Spielfilm ist Fiktion. Und das ist „Ein Talent fürs Morden“. Außerdem ist Corbijns Film ein großer Spaß für Fans von Patricia Highsmith und Tom Ripley, für Krimifans und für die Freunde einer guten schwarzhumorigen, mit Anspielungen und Metaebenen angereicherten Geschichte.
1995 soll der junge Lektor Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) die zurückgezogen in einem Chalet in den Schweizer Alpen lebende Patricia Highsmith (Helen Mirren) überzeugen, noch einen Ripley-Roman zu schreiben. Er hat schon gehört, dass sie schwierig sei. Aber dass sie so schwierig und biestig ist und ihn anscheinend umbringen will, damit hat er nicht gerechnet. Oder spielt sie nur mit ihm?
„Ein Talent fürs Morden“ basiert auf Joanna Murray-Smiths von ihr für den Film kunstvoll erweitertem Zwei-Personen-Theaterstück. Für Fans von Patricia Highsmith und ihrer bekanntesten Figur, dem Mörder Tom Ripley, ist das Ergebnis ein Fest. Gleich ihr erster Roman „Alibi für zwei“/“Zwei Fremde im Zug“ (Strangers on a train, 1950) mit seiner grandiosen Prämisse von einem vertauschten Mord war ein Erfolg. Alfred Hitchcock verfilmte ihn. 1955 erschien ihr erster Ripley-Roman „Nur die Sonne war Zeuge“/“Der talentierte Mr. Ripley“ (The talented Mr Ripley). Die erste Verfilmung von 1960 machte Alain Delon, der Ripley verkörperte, zum Star. 1999 verfilmte Anthony Minghella den Roman wieder. Mit Matt Damon als Ripley. Beide Filme gelten inzwischen als Klassiker. Highsmith hatte damals einen Mörder erfunden, der weiter morden durfte in ihren Romanen und den Verfilmungen. Beispielsweise in „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. Und das sind nur die bekanntesten Ripley-Verfilmungen für das Kino.
Highsmith schrieb fünf Ripley-Romane. Er blieb ihr einziger Seriencharakter.
Nachdem Ridgeway die ersten Stunden und Nacht mit der Hausherrin überlebt, beginnen sie ein Spiel, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion weiter verwischt. Sie erfinden einen neuen Ripley-Roman – und wir sehen Ridgeway als Ripley (Eldenreich in einer Doppelrolle), der die Frau, die er auf der Zugfahrt zu Patricia Highsmith kennen lernte, mit mörderischen Absichten verführt. Sie könnte ein Vermögen erben.
In der schwarzhumorigen Krimikomödie gibt es selbstverständlich etliche Anspielungen auf Tom Ripley. Wobei sich wegen der großen Bekanntheit des ersten Ripley-Romans und den allseits bekannten Verfilmungen vor allem auf diesen Ripley-Roman konzentriert wird. Alle anderen Werke und ihr ebenfalls damals unbekannteres, heute bekannteres Privatleben werden dagegen weitgehend und großflächig ignoriert. Schließlich will „Ein Talent fürs Morden“ ein glänzend gespielter und inszenierter Spaß mit dem öffentlichen Image und dem populären Wissen über Patricia Highsmith sein.
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Wer es realistischer will, kann sich den Dokumentarfilm „Loving Highsmith“ (Schweiz/Deutschland 2022) ansehen. Und wer einige Zeit auf der Couch verbringen will, kann einige ihrer bei Diogenes erschienenen Bücher lesen.
Am 18. November erscheint dort als 15. Band der Reihe „Modern Classics“ ihr früher Roman „Salz und sein Preis“ in einer neuen Ausgabe als Hardcover.
Der Roman ist ein untypischer Highsmith-Roman, weil er keine Kriminal- sondern eine Liebesgeschichte erzählt und weil er ursprünglich unter Pseudonym erschien. 1952 wurde er unter dem Autorennamen Claire Morgan veröffentlicht. Highsmith wollte damals nicht als Autorin lesbischer Romane angesehen werden. In „The Price of Salt“, so der Originaltitel, erzählt Highsmith die optimistisch endende Liebesgeschichte zwischen der neunzehnjährigen Verkäuferin Therese Belivet und der dreizehn Jahre älteren, wohlhabenden, eine Tochter habenden, verheirateten, aber getrennt lebenden Carol Aird. Die Paperback-Ausgabe wurde über eine Million mal verkauft.
1990 veröffentlichte Highsmith den Roman unter ihrem Namen als „Carol“. Eine erste Übersetzung (von Kyra Stromberg) erschien 1990 bei Diogenes als „Carol – Roman einer ungewöhnlichen Liebe“. 2005 erschien, ebenfalls bei Diogenes, der Roman in einer neuen Übersetzung (von Melanie Walz) als „Salz und sein Preis“.
2015 kam die von Todd Haynes sensibel inszenierte Verfilmung „Carol“ mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen in die Kinos.
Ein gewöhnlicher Startpunkt ist natürlich einer ihrer Kriminalromane. Es ist egal, mit welchem man beginnt.
Ein Talent fürs Morden (A Talent for Murder, Großbritannien/Schweiz/Italien 2026)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Joanna Murray-Smith (nach ihrem Theaterstück „Switzerland“ [2014])
mit Helen Mirren, Alden Ehrenreich, Olivia Cooke, Juliet Stevenson
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Lektüretipp (erhältlich in dieser Ausgabe ab dem 18. November)
Patricia Highsmith: Salz und sein Preis
(übersetzt von Melanie Walz, mit einem Nachwort von Patricia Highsmith und einem von Antje Rávik Strubel)
Weil die TV-Premiere von „Late Night with the Devil“ (Toller Film!) im ZDF um 01.20 Uhr einfach zu spät ist:
One, 21.55
Shoplifters – Familienbande(Manbiki Kazoku, Japan 2018)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
Die Familie Shibata hält sich mit kleinen Ladendiebstählen über Wasser. Aber sie sind auch eine herzensgute Familie, die spontan die kleine Yuri, die allein auf einem Balkon spielt, bei sich aufnehmen.
Gewohnt feinfühliger Film von Hirokazu Kore-eda über echte und falsche Familien, der verdient in Cannes die Goldene Palme erhielt.
Friendly Fire – Erich Fried (Deutschland/Österreich 2025)
Regie: Klaus Fried, Julia Albrecht (Realisation)
Drehbuch: Klaus Fried, Andrew Hood
TV-Premiere. Klaus Fried will herausfinden, warum sein Vater Erich Fried (6. Mai 1921, Wien – 22. November 1988, Baden-Baden) so wenig über ihn wusste.
Entstanden ist kein Film über das Werk von Erich Fried, sondern über die Suche nach einem Vater, der gleichzeitig ein von der ganzen Welt bewunderter Dichter und politischer Essayist war. Ein mit Absicht sperriger und dissonanter Film. Sehenswert!
Aufgrund eines Fluchs tauschen der gefürchtete Serienmörder ‚Blissfield Butcher‘ (Vince Vaughn) und die 17jährige Millie Kessler (Kathryn Newton) ihre Körper. Der Mörder ist begeistert. Denn niemand würde vermuten, dass eine schnuckelige Schülerin ein gefürchteter Mörder ist. Er erkundet sofort neue, ihm vorher verschlossene Jagdreviere. Die Schülerin hätte dagegen gerne ihren alten Körper zurück.
Köstlicher Bodyswitch-Slasherfilm mit einer ordentlichen Portion Slapstick (wenn der Riese Vaughn eine 17-jährige spielt) und voller gelungener Anspielungen und Zitate auf Horrorfilme.
Kurz nachdem Marina ihren Mann Alexander mit Veronal vergiftet hat, beginnt sie zu erzählen, wie sie zur Prostituierten wurde und sich in den trunksüchtigen Maler verliebt, wie er, verursacht durch einen Gehirntumor, sein Augenlicht verliert und sterben will.
Ein Skandalfilm und enormer Publikumserfolg. Aufgeregt werde sich damals weniger über die sekundenlange Nacktaufnahme von Hildegard Knef, sondern vor allem über die im Film breit angesprochenen Themen Sterbehilfe, Suizid, Inzest, Wilde Ehe und Prostitution. Das empörte 1951 die katholische Kirche (die evangelische Kirche war weniger empört) und die gottesfürchtige Bevölkerung. Es gab Aufrufe, den Film nicht zu zeigen oder ihn sich nicht anzusehen, Flugblätter, Schweigemärsche, mit Stinkbomben und Niespulver gestörte Kinovorstellungen, Vorführungen unter Polizeischutz und Aufführungsverbote.
„der größte Skandalfall des deutschen Nachkriegsfilms (…) „der interessanteste schlechte deutsche Film aus einer Zeit, da es fast nur schlechte deutsche Filme gab. (….) er hat die Faszination aller heillos chaotischen und wüst verkitschten Filme.“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms, 1980)
Der damals, nach langen Verhandlungen, ab 18 Jahre freigegebene Film (heute FSK 12) ist ein aus Rückblenden bestehender Stummfilm, über den ein, von wenigen Dialogen unterbrochener, Monolog Marinas gelegt wurde.
Anschließend, um 21.40 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige Doku „Hildegard Knef: So oder so ist das Leben” (Deutschland 2025, Regie: André Schäfer).
mit Hildegard Knef, Gustav Fröhlich, Robert Meyn, Aenne Bruck, Jochen-Wolfgang Meyn, Andreas Wolf
Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.
Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.
Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“
Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte das 55-minütige Porträt „Mr. & Mrs. Hitchcock“ (Frankreich 2019).
Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll
Im heutigen Spanien besucht die 17-jährige Ainara eine katholische Schule. Sie nimmt auch an kirchlichen Freizeiten teil. Nach der Schule will sie allerdings nicht, wie sie ihren schockierten Eltern eröffnet, das Tun, was alle ihre Klassenkameradinnen tun werden. Sie will in ein Kloster gehen und Nonne werden.
Während ihre Eltern ihre Tante versuchen, Ainara umzustimmen, empfangen die Ordensschwester und alle im Kloster lebenden Nonnen sie mit offenen Armen. Die ärmlich lebenden Schwestern freuen sich über jedes neue Mitglied.
Alauda Ruiz de Azúa präsentiert in ihrem zweiten Kinofilm in ruhigen, dicht inszenierten, präzise und pointiert beobachteten Szenen Ainaras Entscheidung, was diese Entscheidung für ihre Freunde und Familie bedeutet und wie sie alle mit dieser Entscheidung umgehen. Sie zeigt auch verschiedene Versuche, Ainara zu manipulieren. Sie beobachtet – und überlässt dem Publikum in jeder Beziehrung das Urteil über Ainaras Wunsch, Nonne zu werden.
Bei den diesjährigen Goyas wurde der Publikumserfolg „Glaube“ in den wichtigen Kategorien – Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch, Beste Hauptdarstellerin und Beste Nebendarstellerin – ausgezeichnet.
Glaube (Los Domingos, Spanien 2025)
Regie: Alauda Ruiz de Azúa
Drehbuch: Alauda Ruiz de Azúa
mit Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz, Miguel Garcés, Juan Minujín, Mabel Rivera, Nagore Aranburu
Mississippi, 1966: der junge, sich an die Vorschriften haltende FBI-Agent Wayne Strider (Yahya Abdul-Mateen II) soll den Mord am dem Bürgerrechtler Vernon Dahmer aufklären. Die mutmaßlichen Täter sind Honoratioren und Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Niemand will mit dem Schwarzen Polizisten reden. Die Weißen nicht, weil sie sich im Recht fühlen und nicht mit Schwarzen reden. Die Schwarzen nicht, weil sie Angst haben.
Das ändert sich erst, als ihm Greg Scarpa (Mark Wahlberg) zur Seite gestellt wird. Scarpa ist kein FBI-Agent, sondern ein Mafia-Killer und Spitzel für das FBI. Manchmal holt das FBI, alle geschriebenen und ungeschriebenen Vorschriften ignorierend, den New Yorker für Sachen, bei denen seine besonderen Fähigkeiten hilfreich sein können. Alle wissen, dass niemand jemals erfahren darf, dass ein Mafia-Killer für das FBI arbeitet.
Skrupellos schlägt, mordet und foltert Scarpa alle, die ihm Informationen über die Mörder geben könnten. Das sorgt zuerst für erwartbaren Streit zwischen Strider und Scarpa. Beispielsweise als Scarpa bei einer Verkehrskontrolle einen Polizisten erschießt. Später raufen sie sich zusammen, lernen sich schätzen und sie können den Fall aufklären.
Elegance Bratton erzählt diese in Teilen wahre Geschichte in dem Polizeithriller „By any means“.
Scarpa gab es und der Killer war ein Spitzel für das FBI. Er war auch irgendwie in den sechziger Jahren in den Südstaaten in Ermittlungen involviert. Alles weitere entspringt der Phantasie des Drehbuchautors.
In Alan Parkers „Mississippi Burning“ (1988), ein Film, an den die Geschichte von „By any means“ erinnert, taucht Scarpa ebenfalls auf. Als FBI-Agent Monk, der ein Klan-Mitglied entführt. Parkers Film behandelt mehr oder weniger die gleichen Ereignisse und erlaubt sich ebenfalls kreative Freiheiten im Umgang mit der Wahrheit. Die Stimmung in den Südstaaten treffen beide Thriller.
Bratton zeichnet in seinem ruhig erzähltem Thriller ein Bild der damaligen, oft auch gewalttätigen Unterdrückung von Schwarzen und Bürgerrechtlern. Dieses Mal sogar mit einem Schwarzen Protagonisten, der – und das ist ein Problem des Films – von einem italienischstämmigem Mörder lernt, dass gegen Gewalt nur noch brutalere Gewalt hilft. Ein anderes Problem von „By any means“ ist, dass hier, wieder einmal, ein Weißer dem Schwarzen hilft, die Dinge zu regeln. Dieses Problem relativiert Bratton, wenn er detailliert die damalige Zeit schildert.
Für die Älteren ist „By any means“ eine lauwarme Wiederholung von „Mississippi Burning“.
Für die Jüngeren, die sich so alte Filme nicht ansehen, ist Brattons Thriller eine empfehlenswerte Geschichtsstunde, die zeigt, was sich seitdem in den USA veränderte und was auf dem Spiel steht.
By any means(By any means, USA 2026)
Regie: Elegance Bratton
Drehbuch: Sascha Penn
mit Yahya Abdul-Mateen II, Mark Wahlberg, Nicole Beharie, Josh Lucas, LisaGay Hamilton, David Strathairn, Ethan Embry, Giancarlo Esposito, Lee Perkins
Zach, der gerade mit seiner Mutter von der Großstadt in die Kleinstadt gezogen ist, verguckt sich sofort in das Nachbarmädchen Hannah. Aber ihr unhöflicher Vater verbietet ihr den Umgang mit Zach. Als Zach und sein Schulfreund Champ kurz darauf, aufgeschreckt durch seltsame Ereignisse, in das Nachbarhaus einbrechen, entdecken sie einen Schrank voller Bücher von R. L. Stine. Sie öffnen eines der Bücher und all die Monster, die R. L. Stine in seine Bücher verbannte, brechen aus. Zach, Champ, Hannah und ihr Vater, R. L. Stine höchstpersönlich, versuchen, das Schlimmste zu verhindern.
„Gänsehaut“ ist eine sehr unterhaltsame Gruselkomödie für ein jüngeres Publikum, eine Liebeserklärung an die klassischen Horror- und Monsterfilme und auch eine kleine Meditation über die Arbeit eines Horrorschriftstellers, garniert mit einigen gut platzierten Witzen, die vor allem Erwachsene verstehen.
Die Gräfin Elizabeth Bathory ist zurück. Nach 25 Jahren taucht sie wieder in Wien auf und wieder versinkt die Stadt in einem irren und, dank der Inszenierung, den Locations und den Kostümen, sehr stilbewusstem Blutrausch.
Gespielt wird die Gräfin von Isabelle Huppert. Inszeniert wurde der Film von Ulrike Ottinger, einer Legende des feministischen Kinos. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek half bei dem Drehbuch. Von ihr sind die Anspielungen auf die österreichische Kultur und Geschichte. Die Zusammenarbeit zwischen Ottinger und Jelinek am Drehbuch begann in den frühen Nuller Jahren. Auch Isabelle Huppert wurde schon vor zwanzig Jahren auf die Rolle angesprochen. Sie war interessiert. Die Finanzierung gestaltete sich dann schwierig.
Neben Huppert spielen Birgit Minichmayer, Thomas Schubert, Lars Eidinger und Conchita Wurst (Göttlich! Kein weiterer Kommentar.) in diesem wundervoll respektlosem Tanz der Vampire mit.
Und das war es mit dem selektivem Name-Dropping für einen doch sehr speziellen Film. Die Figuren tragen absurde Namen, es gibt einen vegetarischen Vampir, weitere zur Familie gehörende, burschenschaftlich-halbstarke Vampire, einen Therapeuten, der die Vampirsichtungen seines Klienten für mit einer Konfrontationstherapie behandelbare Spinnereien hält, einen Kommissar, der sich an ein frühere Blutbäder erinnert, zwei verschrobene Wissenschaftler, die die Tagung „Identität der Vampire im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit“ besuchen. Als sie erfahren, dass die Blutgräfin Elizabeth Bathory zufällig ebenfalls in dem Nobelhotel nächtigt, sind sie begeistert. Und es gibt ein sehr wienerisches morbid theaterhaft überhöhtes Wien, in dem die Begegnung zwischen Menschen und Vampiren normal ist.
Die vernachlässigbare Geschichte über ein Buch, das alle wollen, spielt in einem Operettenwien, das die Bühne für ein einziges gigantisches Kostümfest ist. Die Dialoge sind bewusst künstlich. Die Namen der Figuren, wie Rudi Bubi Baron von Strudl zur Buchtelau, Theobastus Bombastus, Nepomuk Nachbiss oder Oberinspektor Unglaube, sind Kabarettnamen. Die Bilder sind eindeutig für das Kino konzipiert. Martin Gschlacht arbeitete auf der Grundlage von Storyboards, die Ulrike Ottinger zeichnete. Bei ihren vorherigen Filmen war sie die Kamerafrau.
Ulrike Ottinger ist eine der wenigen Regisseurinnen des Neuen Deutschen Films. Neben der Filmregie war die Feministin Malerin, Fotografin, Galeristin, Filmclub-Betreiberin, Mitgründerin des Verbandes der Filmarbeiterinnen, Theater- und Opernregisseurin.
Am bekanntesten ist ihre Berlin-Trilogie „Bildnis einer Trinkerin“ (1979), „Freak Orlando“ (1981) und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ (1984). Danach konzentrierte sie sich auf teils episch lange Dokumentarfilme.
Der wienerisch-morbide Vampirfilm „Die Blutgräfin“ ist jetzt ihre sehr stilbewusste Rückkehr zum Spielfilm. Gewohnt experimentell spielt sie mit Zitaten und Mythen, während die Blutgräfin und ihre Zofe durch Wien wandeln und alle seine Vampire ein Fest feiern mit den Lebenden und bald Toten.
Die Blutgräfin (Österreich/Deutschland/Luxemburg 2026)
mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayer, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung, Marco Lorenzini, Karl Markovics, Felix Oitzinger, Tom Neuwirth (aka Conchita Wurst), Maresi Riegner, Branko Samarovski, Inge Maux, Paul Matic
In einem Lagerhaus in Brooklyn will DJ Dre die große Party, von der die ganze Stadt sprechen wird, veranstalten. Aber kurz vor dem Beginn sagt der bestenfalls szenebekannte Hauptact ab. Ein Ersatz muss organisiert werden. Lust, Liebe und Künstler:innenegos knallen aufeinander. Hetero-Influencer wollen die angekündigte Drag-Show ansehen. Und dann tauchen auch noch Zombies auf.
“Queen of the Dead” ist das Spielfilmdebüt von Tina Romero. Ihr Filmdebüt hatte sie als Kind in George A. Romeros “Der Affe im Menschen” (Monkey Shines, 1988). Sie spielte ein spielendes Kind. Später studierte sie Film am Wellesley College und der NYU Tisch Graduate School of Film. Sie ist Vizepräsidentin der GARF Foundation, die das Werk ihres Vaters George A. Romero würdigt. Er beeinflusste auch unverkennbar ihr mit einem überschaubarem Budget inszeniertes Spielfilmdebüt.
Das Budget ist allerdings nicht das größte Problem von “Queens of the Dead”. Auch nicht, dass die Schauspieler keine zukünftigen Oscar-Kandidaten sind, sondern, auch rollenbedingt, zum Overacting tendieren. Beides akzeptiert man, wenn der Rest zumindest interessant ist.
Leider macht Tina Romero aus wenig noch weniger. Fast der gesamte Film spielt in der zur Partylocation umfunktionierten Lagerhalle. In ihr stehen die wenige Menschen, die zu der großen Party gekommen sind, verlorener als nötig herum. Als müssten die strengsten Corona-Regeln eingehalten werden. Auf die Angriffe der Zombies reagieren sie meistens vollkommen bescheuert. Die Angriffe sind rar und schnell vorbei. Die Witze erschöpfen sich weitgehend in einer Umkehr der Geschlechterrollen und Spott über die bekannten Klischees über Homosexuelle und Transvestiten. Das war vor vierzig Jahren, zehn Jahre nach der “Rocky Horror Picture Show”, vielleicht noch neu, ist aber heute, fast dreißig Jahre nach der „Bullyparade“, älter als die Tageszeitung vom letzten Halloween.
“Queens of the Dead” ist da einfach nur der nächste, verzichtbare, mit einem Minibudget gedrehte Zombiefilm. Dieses Mal in der queerbunten Version.
Aus US-amerikanscher Perspektive ist das vielleicht anders. Dort kann die 80er-Jahre-Zombiekomödie „Queens of the Dead“ als Selbstvergewisserung und Schlachtruf der LGBTQ+-Community gegen die sie offensiv bekämpfende Regierung und die reaktionäre Stimmung gesehen werden.
Queens of the Dead (Queens of the Dead, USA 2025)
Regie: Tina Romero
Drehbuch: Tina Romero, Erin Judge
mit Jaquel Spivey, Katy O’Brian, Nina West, Tomas Matos, Margaret Cho, Jack Haven, Quincy Dunn-Baker, Cheyenne Jackson, Tom Savini
The Rocky Horror Picture Show(The Rocky Horror Picture Show, USA 1974)
Regie: Jim Sharman
Drehbuch: Richard O’Brien, Jim Sharman
Nach einer Reifenpanne klopfen die Spießer Janet und Brad an die Tür eines düsteren Schlosses – und gelangen in ihre schlimmsten Alpträumen. In dem Schloss findet gerade das orgiastische Jahrestreffen der irdischen Agenten vom Planeten Transsexual statt.
Ein Kultfilm, der in einigen Kinos viele Jahre lief.
Nach dem Film zeigt Arte um 21.50 uhr die 75-minütige Doku „Die ‚Rocky Horror Picture Show‘: Eine wilde Geschichte“ (USA 2025, Regie: Linus O’Brien).
mit Tim Curry, Susan Sarandon, Barry Bostwick, Richard O’Brien, Patricia Quinn, Nell Campbell, Jonathan Adams, Peter Hinwood, Meat Loaf, Charles Gray (Der Erzähler)
Klara ist eine Künstliche Freundin (KF). Sie ist allerdings kein mit dem Internet verbundener Supercomputer, sondern ein autonom lernendes System, das mit einigen Charaktereigenschaften, die sich wohl von KF zu KF unterscheiden, und bestimmten Fertigkeiten ausgestattet ist. Das führt in Kazuo Ishiguros Roman und Taika Waititis Version immer wieder zu amüsanten Situationen zwischen Roboter und Mensch und Roboter und Umwelt. Waititi interpretiert den Roman. Er setzt andere Schwerpunkt und erfindet Figuren. Er verändert die Geschichte, das Ende und den Ton. Ishiguros Roman ist deutlich ernster und richtet sich an Erwachsene; trotz der naiven Klara als Erzählerin, die sich auf dem Niveau eines Kindes befindet und die Welt durch die Augen eines neugierigen Kindes sieht. Waititis Film ist bis so ungefähr zur Filmmitte ein Film, der mit seinem Humor und den Slapstick-Elementen, auch für Kinder ein Vergnügen ist. Aber in der zweiten Hälfte, in der die Geschichte unnötig zerfasert und es immer unklarer wird, wohin das alles führen soll, wird eindeutig ein erwachsenes Publikum angesprochen.
Klara (Jenny Ortega) wird von Josie (Mia Tharia) als KF ausgewählt. Josie lebt mit ihrer Mutter (Amy Adams) und Melania Haushälterin (Rachel House) in einem einsam gelegenem Haus, das von Kornfeldern umgeben ist. Erst langsam begreift Klara, dass Josie im Sterben liegt.
Literatur-Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro konzentriert sich in seinem Roman „Klara und die Sonne“ auf Fragen, die mit Josies Sterben zusammenhängen. Es sind Fragen, wie man die letzten Tage verbringen soll, wie man mit dem Tod der Tochter umgeht und, weil Klara eine KF mit viel Empathie und dem Wunsch zu helfen ist, wie man mit dem Sterben einer pflegebürftigen Person umgeht. Einen Anspruch auf Realismus erhebt er dabei kaum. Dafür ist Klara zu rudimentär, realitätsfremd und eingeschränkt programmiert. Sie soll eine ‚beste Freundin‘ sein, verfügt aber nur über das Wissen eines Teddybären. Josie wird nur von einem periodisch auftauchendem Doktor behandelt. Weiteres Pflegepersonal gibt es nicht. Das ist fernab jeder gegenwärtigen und zukünftigen Realität. Innerhalb der von Ishiguro erfundenen Realität funktioniert das alles.
Taika Waititi ist bekannt für seinen bei aller Respektlosigkeit immer auch warmherzigen Humor, wie er in „5 Zimmer Küche Sarg“, „Wo die wilden Menschen jagen“ und drei „Thor“-Kinofilmen bewies. In „Jojo Rabbit“ gelang ihm die Verbindung von Humor, ernsten Themen und durchaus kindgerechter Erzählweise; – wobei „Ein Film für alle Altersstufen“ vielleicht zutreffender ist. Dagegen ist „Klara und die Sonne“ eine ziemliche Enttäuschung.
Waititi konzentriert sich in seinem Film, vor allem am Anfang, auf die Comedy-Elemente. In grotesken Posen stehen die KFs im Schaufenster und warten auf Käufer. Klara steht dabei gerne auf einem Bein. Nach Geschäftsschluss unterhalten sie sich untereinander und mit der Managerin des Geschäfts über die Welt, die sie draußen erwartet. Klara ist dabei eine besonders empathische und neugierige KF. Eine besondere Beziehung hat sie dabei zur Sonne. Für sie ist die Sonne nicht nur die Energiequelle, die sie und die anderen KFs auflädt, sondern mehr. Wenn Klara dann in Josies Haus ist, beginnt sie die Welt zu erkunden, fährt Auto (keine besonders gute Idee) und lernt eine künstliche Vogelscheuche kennen. In dieser Filmhälfte gibt es etliche gelungene Gags. Später nicht mehr. Aus der Komödie wird ein weitgehend humorfreies, oberflächliches Drama für Erwachsene über eine Mutter, die versucht, den baldigen Tod ihrer Tochter zu verarbeiten.
Dieser Stilbruch führt dazu, dass „Klara und die Sonne“ zu einem Film auf der Suche nach einem Publikum wird.
Es ist auch Waititis schwächster Film. Was schade ist, weil auf den ersten Blick eigentlich alles für den Film spricht. Jenny Ortega als Klara überzeugt. Die anderen Schauspieler, die Sets und die Kamera ebenso. Aber das Drehbuch funktioniert nicht.
Dabei hätte Waitit sich nur entscheiden müssen, ob er einen Film im Stil von „Jojo Rabbit“ oder „Next Goal Wins“ drehen möchte. In „Klara und die Sonne“ kombiniert er beide Filme und verliert.
Klara und die Sonne (Klara and the Sun, USA 2026)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Taika Waititi, Dahvi Waller
LV: Kazuo Ishiguro: Klara and the Sun, 2021 (Klara und die Sonne)
mit Jenna Ortega, Amy Adams, Mia Tharia, Aran Murphy, Steve Buscemi, Natasha Lyonne, Rachel House
Was für ein Leben! Geboren am 15. November 1936 in Hamburg. Der Vater wird als Jude und Kommunist nach Auschwitz deportiert und ermordet. 1953 siedelt Wolf Biermann in die DDR über, wird Liedermacher und schnell zum Staatsfeind mit Arbeits-, Auftritts-, Publikations- und Reiseverbot. Im November 1976 darf er für ein Konzert nach Westdeutschland/BRD/Bundesrepublik Deutschland/Deutschland (ich hoffe, ich habe keine Bezeichnung für die Bonner Republik vergessen) ausreisen. Er tritt in der Kölner Sporthalle auf. Der Saal ist brechend voll. Die Stimmung gut. Danach bürgerte das SED-Politbüro ihn aus und stieß eine ungeahnte und ungeplante Solidarisierungswelle mit Wolf Biermann an.
Seitdem trat Biermann regelmäßig auf (nach dem Mauerfall auch wieder in der DDR), veröffentlichte Musikalben und mischte sich immer wieder querulantisch in die Politik ein.
Dieses Leben des trotz seiner fast neunzig Jahren junggebliebenen und immer wieder selbstironischen Künstlers rekapituliert Jens Meurer in seinem konventionellem Biopic „Bierman“. Chronologisch führt er mit Statements von Wolf Biermann, Vertrauten und Bewunderern und Archivaufnahmen durch Biermanns Leben. Meurer gibt einen guten Einblick und Überblick über Biermans Leben und Denken, aber nicht, trotz zahlreicher angespielter Lieder, in sein Werk.
Dafür erfahren wir, wie er zu seinem Bart kam.
Das sehenswerte Biopic „Biermann“ ist ein Teil der großen Wolf-Biermann-Offensive zu seinem runden Geburtstag. Neben dem Film gibt es mehrere Bücher, Musikalben und eine kleine Konzerttour.
mit Wolf Biermann, Pamele Biermann, Ulrich Gumpert, Günter ‚Baby‘ Sommer, Campino, Barbara Honigmann, Armin Mueller-Stahl, Nora Buschmann, Joachim Gauck, Van Holzen, Wolfgang Niedecken, Lina Maly, Alligatoah, (und in Archivaufnahmen) Eva-Maria Hagen, Heinrich Böll, Romy Schneider, Nina Hagen, Manfred Krug