Neu im Kino/Filmkritik: „Monobloc“, es ist nur ein Stuhl

Jeder hat schon einmal auf so einem Stuhl gesessen. Aber, so meine kleine persönliche Umfrage, niemand kennt den Namen des Stuhls und, wenn ich ihn dann beschreibe, dauert es ziemlich lange, bis mein Gesprächspartner weiß, welchen Stuhl ich meine. Dabei stehen sie, heute vielleicht weniger als früher, überall herum. Vor allem auf Campingplätzen, in Freibädern, auf Sportplätzen, in Vereinsheimen und in Schrebergärten sind sie allgegenwärtig. In Fußgängerzonen, vor allem vor Schnellimbissen, stehen sie auch herum. Denn sie kosten fast nichts und sie sind praktisch. Sie können gestapelt und schnell gesäubert werden. Ein Wasserstrahl genügt. Wenn sie kaputt gehen oder geklaut werden, hält sich der Verlust in Grenzen.

Erfunden wurde der Monobloc in seiner heute bekannten Form in den frühen Siebzigern von Henry Massonnet (1922 – 2005). Die Idee war, in einem einzigen Arbeitsschritt in einer Gussform den Stuhl herzustellen. Verwandt wird dafür der weit verbreitete Kunststoff Polypropylen. Das dauerte zuerst ungefähr zwei Minuten pro Stuhl. Heute entsteht er in 50 bis 55 Sekunden. In einer Stunde entstehen über 60, in 24 Stunden ungefähr 1500 Stühle.

1974 erhielt Massonet für seine Erfindung den „Oscar du Meuble“. Allerdings schützte er seine Idee nicht durch ein Patent. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Stuhl zum meistverkauften Möbelstück aller Zeiten werden sollte. Heute soll es eine Milliarde Monoblocs geben.

Eine italienische Firma, geführt von einigen verschmitzten Brüdern, übernahm flink die Idee, änderte einige Details und stellt seitdem den Monobloc her. Neben etlichen kleineren Konkurrenten.

Hauke Wendler drehte jetzt eine den Blick auf diesen Stuhl richtende und den Blick auf diesen Stuhl verändernden Dokumentarfilm. Er geht auf die Geschichte des Stuhls ein. Er befragt in Deutschland in Fußgängerzonen Menschen, was sie über den Stuhl denken. Nicht viel; das kann schon verraten werden.

Und er zeigt, dass dieser billige, rein funktionale Plastikstuhl in ärmeren Regionen als Stuhl, der bezahlt werden kann, wichtig ist. Er kann auch zu einem Plastik-Rollstuhl werden. Wendler zeigt, wie in Uganda aus der Sitzfläche eines Monoblocs und vier Rädern schnell ein funktionaler Rollstuhl entsteht. Für die dort lebenden Menschen ist es die Frage, ob sie keinen oder diesen Rollstuhl, den sie auch selbst reparieren können, haben wollen.

Das ist durchaus kurzweilig und informativ. Allerdings zeigt Wendler für meinen Geschmack zu viele Beispiele aus der ganzen Welt über den Gebrauch und die Verwendung des Stuhls. Das wirkt dann manchmal wie eine TV-Reportage für den „Weltspiegel“ oder das „auslandsjournal“. Dagegen kommt die Design-, Industrie- und Kulturgeschichte des Stuhls zu kurz. Diese Teile der Doku fand ich wesentlich interessanter und darüber hätte ich gerne noch viel mehr erfahren. Auch über die ökologischen Kosten dieses Plastikstuhls hätte er mehr sagen können.

Aber auch so verändert „Monobloc“ den Blick auf den Monobloc nachhaltig.

Monobloc (Deutschland 2021)

Regie: Hauke Wendler

Drehbuch: Hauke Wendler

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Kinostart: 27. Januar 2022

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Monobloc“

Moviepilot über „Monobloc“

Wikipedia über den Monobloc-Stuhl

Design-Museum über den Monobloc

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