TV-Tipp für den 29. Januar: Trainspotting – Neue Helden

Januar 28, 2022

One, 22.00

Trainspotting – Neue Helden (Trainspotting, Großbritannien 1996)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: John Hodge

LV: Irvine Welsh: Trainspotting, 1993 (Trainspotting)

In Edinburgh leben Renton und seine drogensüchtigen Kumpels in den Tag hinein, randalieren und versuchen ab und zu einen Entzug.

Von der ersten Sekunde an mitreisendes Kino, das gleichzeitig komisch, realistisch und überhöht ist. Inziwschen ist Danny Boyles grandiose Bestsellerverfilmung ein Klassiker des britischen Kinos.

„Wildes und wüstes Kino pur!“ (Fischer Film Almanach 1997)

mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Kevin McKidd, Robert Carlyle, Kelly Macdonald, Peter Mullan

Wiederholung: Dienstag, 1. Februar, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Trainspotting“

Wikipedia über „Trainspotting“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Meine Besprechung von Danny Boyles „T2 Trainspotting“ (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)


„Best of Cinema“ hält am Dienstag am „Mulholland Drive“

Januar 28, 2022

Am Dienstag, den 1. Februar, geht es in der monatlichen „Best of Cinema“-Reihe weiter mit David Lynchs „Mulholland Drive“. Und wenn ich einen Blick auf die umfangreiche Liste der hiesigen Kinos werfe, die den Film zeigen, scheint die Idee der Reihe gut anzukommen. Denn viele Kinos zeigen die neue, von Lynch beaufsichtigte 4K-Restaurierung.

Die Handlung von „Mulholland Drive“ kann, wie bei dem ähnlich strukturiertem „Lost Highway”, kaum wiedergegeben werden. Denn dafür springt sie zu sehr zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, hin und her.

Der Neo-Noir-Mystery-Thriller beginnt mit einem Autounfall. Eine junge Schönheit (Laura Elena Harring) verliert dabei ihr Gedächtnis. Sie irrt durch das nächtliche Hollywood, findet bei der jungen Schauspielerin Betty (Naomi Watts) Unterschlupf und nennt sich, nach einem Filmplakat, Rita. Gemeinsam versuchen die beiden Frauen hinter Ritas Geheimnis zu kommen.

Diese Suche ist dann vollkommen irreal, surreal und doch auch vollkommen logisch. Inzwischen wird „Mullholland Drive“ David Lynchs vollendetstes Werk genannt.

Zahlreiche Preise und noch mehr Nominierungen sagen einiges über die Qualität von “Mulholland Drive” aus. Lynch erhielt 2001 beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Der Film erhielt den César als bester ausländischer Film. Für Krimifans ist die Nominierung von „Mulholland Drive“ für den Edgar als bester Kriminalfilm des Jahres wichtig. Für Science-Fiction-Fans ist es die Nominierung für den Saturn Award als bester Science-Fiction-Film. Beide Male wurde Christopher Nolans „Memento“ als bester Film ausgezeichnet.

David Lynch: „Ich habe zuerst visuelle Einfälle (…) So war es auch bei ‚Mulholland Drive‘. Ich bin eines Nachts wirklich über diese Straße gefahren, oberhalb von Los Angeles in den Bergen von Santa Maria. Alles fügte sich in meinem Kopf zum perfekten Bild: die mystische Dunkelheit, die symbolischen Gegenstände, die unheimliche Atmosphäre. Es entstanden sofort ganz konkrete Vorstellungen, wie bestimmte Szenen in meinem Film auszusehen haben. (…) Ich glaube, man muss meine visuellen und akustischen Einfälle auf sich wirken lassen und in ihren Sog geraten. Und zum Schluss soll man aus dem Kino kommen und im Idealfall meine Bilder nicht mehr loswerden.“ (AZ, 31. Januar 2002)

Am 1. März wird „Total Recall – Totale Erinnerung“ (natürlich die grandiose Version von Paul Verhoeven mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle und, natürlich, in einer restaurierten Fassung) im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe gezeigt.

Mulholland Drive – Straße der Finsternis (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

mit Naomi Watts, Laura Elena Harring, Justin Theroux, Ann Miller, Robert Forster, Dan Hedaya, Lee Grant, Billy Ray Cyrus, Chad Everett, Mark Pellegrino

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mulholland Drive“

Wikipedia über „Mulholland Drive“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 28. Januar: Brexit – Chronik eines Abschieds

Januar 27, 2022

One, 22.30

Brexit – Chronik eines Abschieds (Brexit: The uncivil war, Großbritannien 2019)

Regie: Toby Haynes

Drehbuch: James Graham

Packendes satirisches, äußerst dicht und flott erzähltes Drama über die Kampagne, die dazu führte, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Im Mittelpunkt des Films steht der skrupellose Spindoktor Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch, grandios!), der die manipulative und vor Lügen strotzende „Vote Leave“-Kampagne zum Erfolg führte.

mit Benedict Cumberbatch, John Heffernan, Rory Kinnear, Simon Paisley Day, Lee Boardman

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brexit – Chronik eines Abschieds“

Wikipedia über „Brexit – Chronik eines Abschieds“


Neu im Kino/Filmkritik: „Licorice Pizza“ – ansehen erlaubt

Januar 27, 2022

San Fernando Valley, Sommer 1973: Auf dem Schulhof lernt der Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (die Musikerin Alana Haim) kennen. Sie ist die Assistentin für den Fotografen, der an diesem Fototag Bilder von den Schülern und den Klassen macht. Sie hängt eher gelangweilt herum. Da ist Garys gleichzeitig unverschämt offensives, großkotziges und pubertäres Werben um sie eine willkommene Abwechslung. Sie lässt sich von ihm sogar zu einem Date überreden.

Und das ist der Auftakt für eine deutlich über zweistündige Abfolge von Anekdoten aus diesem Sommer. Gary ist neben der Schule auch ein Schauspieler (zwar noch ganz am Anfang seiner Karriere, aber sehr ambitioniert) und ein Unternehmer. Auch hier steht er noch vor dem großen Durchbruch, aber er ist sehr ambitioniert und von jeder seiner Geschäftsideen hundertfünfzigprozentig überzeugt. Zum Beispiel mit dem Verkauf von Wasserbetten oder, nachdem er erfährt, dass Flippern in Kalifornien legalisiert werden soll, eröffnet er eine Halle mit Flipperautomaten.

Alana ist in diesen Tagen seine Fahrerin und Freundin. Wobei unklar ist, ob sie seine ‚Freundin‘ werden soll oder sein ‚Freund‘ ist. Jedenfalls sind sie, trotz des Altersunterschieds, ziemlich unzertrennlich. Und Paul Thomas Anderson zeigt diesen schüchterne und auch unbeholfene, von großer Unsicherheit gekennzeichnete Umwerben äußerst feinfühlig.

Sie hilft Gary bei seinen Geschäften und fährt auch einmal einen Laster rückwärts die Berge hinunter, weil erstens ihr Kunde, der extrem cholerische Filmproduzent und Barbara-Streisand-Freund Jon Peters (Bradley Cooper), mit dem Aufbau des Wasserbettes unzufrieden ist, und zweitens, während der Ölkrise, der Tank des Wagens leer ist. Aber bergab braucht man kein Benzin, sondern gute Bremsen.

Sie will auch Schauspielerin werden. Gary vermittelt ihr einen Vorsprechtermin. Dabei lernt sie Jack Holden (Sean Penn; Vorbild war William Holden) kennen. Zusammen mit ihm und Rex Blau (Tom Waits; Vorbild war Regisseur Mark Robson [„Erdbeben“]) verbringen sie einen Abend voller Alkohol und männlicher Angeberei. Schließlich beweist Holden sich sturzbetrunken als Motorradfahrer.

Sie wird Freiwillige im Wahlkampfteam des jungen, charismatischen Politiker Joel Wachs (Benny Safdie). Er kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Auch er ist eine reale Figur, die unter ihrem echten Namen auftritt. Das Vorbild für Gary Valentine war der mit Paul Thomas Anderson befreundete Gary Goetzman. Er erzählte ihm Geschichten von seiner Jugend. Heute produziert Goetzman, oft mit Tom Hanks in der Hauptrolle, Filme wie „My Big Fat Greek Wedding – Hochzeit auf griechisch“, „Mamma Mia!“, „Larry Crowne“ und „Ein Hologramm für den König“.

Paul Thomas Anderson taucht in seinem neuen Film „Licorice Pizza“ tief in frühen Siebziger in Kalifornien ein. Eigentlich sieht das Episodendrama wie ein gut fünfzig Jahre alter Dokumentarfilm aus. Die Hauptrollen werden von den Spielfilmdebütanten Cooper Hoffman, Sohn von Philip Seymour Hoffman, und Alana Haim gespielt. Das restliche Ensemble besteht, manchmal in Personalunion, aus Freunden von Anderson, bekannten Schauspielern und der Familie von Alana Haim, die die Familie von Alana Kane spielen.

Die Abfolge der von Anderson erzählten Anekdoten folgt dabei keiner strikten Chronologie oder erzählerischen Notwendigkeit. Deshalb könnte „Licorice Pizza“ problemlos eine halbe Stunde länger oder kürzer sein.

Wenn man auf diese Art von weitgehend plotlosen Erinnerungsfilmen voller warmherziger Nostalgie und in diesem Fall cineastischer Anspielungen steht, dann wird man von „Licorice Pizza“ begeistert sein. Die meisten Kritiker sind es.

Ich halte das Drama für überbewertet; das liegt allerdings daran, dass ich diese Art von Filmen, in denen tagebuchhaft einfach Episoden und Anekdoten aneinandergereiht werden, für schwierig halte und ich vor allem Gary reichlich unsympathisch fand. Er ist in erster Linie kein Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt, sondern ein Schüler, der ständig das nächste große Geschäft wittert und umsetzt. Seine ganze Existenz dreht sich um das Angeben mit seinen Taten und um das Geld verdienen. Er ist ein archetypischer Kapitalist, für den der ständig getragene Anzug die stolz getragene Arbeitskleidung ist. Dabei darf er noch nicht einmal Auto fahren oder Bier trinken. Dieser Gary, der Protagonist, mit dem wir mitfühlen sollen, wirkt die meiste Zeit wie ein schmieriger, ichbezogen-egomanischer Verkäufer. Vor solchen Menschen haben uns unsere Eltern immer gewarnt.

„Licorice Pizza“ ist nicht schlecht. Er hat sogar viele gute Szenen, aber die anderen Filme von Paul Thomas Anderson, zum Bespiel sein ebenfalls in den frühen Siebzigern spielender Privatdetektivkrimi „Inherent Vice – Natürliche Mängel“, sind besser.

Licorice Pizza (Licorice Pizza, USA 2021)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bradley Cooper, Benny Safdie, Tom Waits, Sean Penn, Nate Mann, Will Angarola, Joseph Cross, Maya Rudolph

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Licorice Pizza“

Metacritic über „Licorice Pizza“

Rotten Tomatoes über „Licorice Pizza“

Wikipedia über „Licorice Pizza“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 27. Januar: Zombie 2

Januar 26, 2022

Arte, 00.20

Zombie 2 – Das letzte Kapitel (Day of the Dead, USA 1985)

Regie: George A. Romero

Drehbuch: George A. Romero

Eine Gruppe Wissenschaftler und Militärs haben sich in Florida vor den Zombies in eine unterirdische Militäranlage zurückgezogen. Bevor die Zombies die Anlage stürmen, liefern die Menschen viele gute Gründe, warum ihr Überleben nicht wünschenswert ist.

„Zombie 2“ erlebt heute Nacht seine ungekürzte (!) TV-Premiere. Der Titel ist etwas irreführend. Denn „Day ot the Dead“ ist nach „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the living Dead, USA 1968) und „Zombie“ (Dawn of the Dead, USA 1978) der dritte Zombie-Film von Romero.

Die seriöse Filmkritik meinte gewohnt ablehnend zu dem Splatterfilm:  „reichlich ekelerregende Horroreffekte der härteren Art“ (Lexikon des internationalen Films) oder „Anstatt neue Zombie-Filme zu drehen, könnte man auch den ersten ‚Die Nacht der lebenden Toten’ in zeitlichen Abständen immer wieder neu starten. Viel hat sich seitdem bestimmt nicht verändert, weder die Geschmacksgewohnheiten der Zombies noch die ihrer Fans.“ (Fischer Film Almanach 1988). Die Zensurgeschichte folgte auch den bekannten Mustern.

Romero war mit dem bis dahin härtesten Zombiefilm zufrieden und den Fans gefiel er. Etliche halten ihn, wie Romero, für den Besten der Serie. Dabei sollte bei all den Morden, die einen stabilen Magen verlangen, nie die in Romeros Zombie-Filmen enthaltene überaus düstere Diagnose der Gesellschaft übersehen werden.

George A. Romero: „Ich finde ‚Day of the Dead‘ ist wirklich ein dunkler, apokalyptischer und tragischer Film, weil man sieht, dass nicht die atomare Bedrohung uns kriegen wird, sondern wir selbst.“

Mit Lori Cardille, Terry Alexander, Joseph Pilato, Richard Liberty, Howard Sherman, Jarlath Conroy, Gregory Nicotero

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zombie 2“

Wikipedia über „Zombie 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“(2010)

Meine Besprechung von George A. Romero/Alex Maleevs „Empire of the Dead – Erster Akt“ (Empire of the Dead – Act One, 2014)

Meine Besprechung von George A. Romero/Dalibor Talajics „Empire of the Dead – Zweiter Akt“ (Empire of the Dead: Act Two, 2014/2015)

Meine Besprechung von George A. Romero/Andrea Muttis „Empire of the Dead – Dritter Akt“ (Empire of the Dead – Act Three # 1 – 5, 2015)

Mein Nachruf auf George A. Romero (16. Juli 2017)

George A. Romero in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Monobloc“, es ist nur ein Stuhl

Januar 26, 2022

Jeder hat schon einmal auf so einem Stuhl gesessen. Aber, so meine kleine persönliche Umfrage, niemand kennt den Namen des Stuhls und, wenn ich ihn dann beschreibe, dauert es ziemlich lange, bis mein Gesprächspartner weiß, welchen Stuhl ich meine. Dabei stehen sie, heute vielleicht weniger als früher, überall herum. Vor allem auf Campingplätzen, in Freibädern, auf Sportplätzen, in Vereinsheimen und in Schrebergärten sind sie allgegenwärtig. In Fußgängerzonen, vor allem vor Schnellimbissen, stehen sie auch herum. Denn sie kosten fast nichts und sie sind praktisch. Sie können gestapelt und schnell gesäubert werden. Ein Wasserstrahl genügt. Wenn sie kaputt gehen oder geklaut werden, hält sich der Verlust in Grenzen.

Erfunden wurde der Monobloc in seiner heute bekannten Form in den frühen Siebzigern von Henry Massonnet (1922 – 2005). Die Idee war, in einem einzigen Arbeitsschritt in einer Gussform den Stuhl herzustellen. Verwandt wird dafür der weit verbreitete Kunststoff Polypropylen. Das dauerte zuerst ungefähr zwei Minuten pro Stuhl. Heute entsteht er in 50 bis 55 Sekunden. In einer Stunde entstehen über 60, in 24 Stunden ungefähr 1500 Stühle.

1974 erhielt Massonet für seine Erfindung den „Oscar du Meuble“. Allerdings schützte er seine Idee nicht durch ein Patent. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Stuhl zum meistverkauften Möbelstück aller Zeiten werden sollte. Heute soll es eine Milliarde Monoblocs geben.

Eine italienische Firma, geführt von einigen verschmitzten Brüdern, übernahm flink die Idee, änderte einige Details und stellt seitdem den Monobloc her. Neben etlichen kleineren Konkurrenten.

Hauke Wendler drehte jetzt eine den Blick auf diesen Stuhl richtende und den Blick auf diesen Stuhl verändernden Dokumentarfilm. Er geht auf die Geschichte des Stuhls ein. Er befragt in Deutschland in Fußgängerzonen Menschen, was sie über den Stuhl denken. Nicht viel; das kann schon verraten werden.

Und er zeigt, dass dieser billige, rein funktionale Plastikstuhl in ärmeren Regionen als Stuhl, der bezahlt werden kann, wichtig ist. Er kann auch zu einem Plastik-Rollstuhl werden. Wendler zeigt, wie in Uganda aus der Sitzfläche eines Monoblocs und vier Rädern schnell ein funktionaler Rollstuhl entsteht. Für die dort lebenden Menschen ist es die Frage, ob sie keinen oder diesen Rollstuhl, den sie auch selbst reparieren können, haben wollen.

Das ist durchaus kurzweilig und informativ. Allerdings zeigt Wendler für meinen Geschmack zu viele Beispiele aus der ganzen Welt über den Gebrauch und die Verwendung des Stuhls. Das wirkt dann manchmal wie eine TV-Reportage für den „Weltspiegel“ oder das „auslandsjournal“. Dagegen kommt die Design-, Industrie- und Kulturgeschichte des Stuhls zu kurz. Diese Teile der Doku fand ich wesentlich interessanter und darüber hätte ich gerne noch viel mehr erfahren. Auch über die ökologischen Kosten dieses Plastikstuhls hätte er mehr sagen können.

Aber auch so verändert „Monobloc“ den Blick auf den Monobloc nachhaltig.

Monobloc (Deutschland 2021)

Regie: Hauke Wendler

Drehbuch: Hauke Wendler

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Kinostart: 27. Januar 2022

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Monobloc“

Moviepilot über „Monobloc“

Wikipedia über den Monobloc-Stuhl

Design-Museum über den Monobloc


TV-Tipp für den 26. Januar: Wenn die Gondeln Trauer tragen

Januar 25, 2022

Arte, 20.15

Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t look now, Großbritannien/Italien 1973)

Regie: Nicolas Roeg

Drehbuch: Allan Scott, Chris Bryant

LV: Daphne du Maurier: Don’t look now, 1971 (Dreh dich nicht um, Kurzgeschichte)

Nach dem Unfalltod ihrer kleinen Tochter nimmt Restaurator John Baxter mit seiner Frau einen Job in einer Kirche in Venedig an. Dort glaubt er, seine Tochter zu sehen.

Horrorfilmklassiker.

Dieses Meisterwerk des englischen Kinos von einem der größten lebenden Regisseure kann man nicht genug loben: Ein Festmahl für Herz, Verstand und Sinne (…) Großartig, gehört zum besten, was das Genre zu bieten hat.“ (James Marriott, Kim Newman: Horror, 2006)

Mit Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Clelia Matania, Massimo Serato, Leopoldo Trieste, Renato Scarpa

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“

Wikipedia über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (The Man who fell to Earth, Großbritannien 1976)


Cover der Woche

Januar 25, 2022


Neu im Kino/Filmkritik: Über Agnieszka Hollands Jan-Mikolášek-Biopic „Charlatan“

Januar 25, 2022

Gut, so ein richtiges Biopic in dem chronologisch das Leben der porträtierten berühmten Persönlichkeit abgehandelt wird, ist „Charlatan“ nicht. Schließlich ist die Filmgeschichte „frei inspiriert“ von Jan Mikolášeks Leben und weil der tschechische Heiler im Westen unbekannt ist, habe ich auch keine Ahnung, wie sehr Agnieszka Hollands Film sich von den Fakten entfernt, Dinge weglässt oder auf eine bestimmte Art interpretiert.

Das ist jetzt nicht unbedingt ein Nachteil. Denn letztendlich muss ein Spielfilm als Spielfilm funktionieren. Wer nur die Fakten will, muss halt ein Sachbuch lesen oder einen Dokumentarfilm sehen. Aber bei diesem Film hatte ich immer das Gefühl, dass das Wissen um die historischen Hintergründe und wie Mikolášeks Leben mit der Geschichte der Tschechoslowakei und des Ostblocks verknüpft ist, wichtig ist, um den Film zu verstehen. Jedenfalls auf den wichtigen Ebenen; auch um beurteilen zu können, wie „Charlatan“ sich zur Vergangenheit und Gegenwart positioniert und wie sehr diese Version seines Lebens aktuelle Entwicklungen im Land kritisiert. Denn in Mikolášeks Leben gibt es viele Punkte, die sensible und strittige Themen berühren, wie seine Tätigkeit als Heiler (ohne eine formale ärztliche Ausbildung), seine vor der Öffentlickheit (und im Film lange) verborgene Homosexualität und seine Verwicklungen in zwei Diktaturen.

Jan Mikolášek hat eine Gabe, die es ihm manchmal ermöglicht, den Todestag eines Menschen zu wissen. Er verfügt auch über heilende Kräfte. Aber vor allem lässt er sich von einer gläubigen Heilerin das Lesen des menschlichen Urins beibringen. Er ist ein guter Schüler. Nur durch einen Blick auf den sich in einer kleinen Glasflasche befindenden Urin weiß er, anhand der Farbe und Trübung, an was die Person leidet und was dagegen getan werden kann.

Nach dem Tod seiner Lehrerin eröffnet er eine florierende Praxis, in der er alle Menschen behandelt. Denn alle Menschen, einerlei ob Nazi oder, nach dem Zweiten Weltkrieg, Kommunist, ob Katholik oder Ungläubiger, werden krank. Er macht damit ein Vermögen und unterstützt Bedürftige. Außerdem hat er eine homosexuelle Beziehung zu seinem Sekretär, die beide geheim halten.

Als einer von Mikolášeks Patienten, der tschechische Präsident Antonín Zápotocký, 1957 stirbt, wird eine Mordanklage gegen ihn vorbereitet.

Diese Mordanklage, die Verhöre und der Schauprozess bilden den Rahmen, in dem Mikolášek sich an seine Vergangenheit erinnert und davon erzählt.

Die historischen Hintergründe deutet Holland nur an. Sie springt assoziativ zwischen den Zeiten. Hintergründe vermittelt sie nur sparsam und eine zeitliche Orientierung wird nur angedeutet. Es gibt kaum eindeutig zuordenbare Zeichen, wie Uniformen. Es gibt keine eingeblendeten Jahreszahlen. So ist kaum zu unterscheiden, ob Holland gerade von den Jahren des Nationalsozialismus oder dem Kommunismus erzählt. Trotzdem erscheint die Nachkriegszeit düsterer als die Zeit davor. Denn jetzt wird er vom System angeklagt und ihm droht in einem Schauprozess die Todesstrafe.

So entsteht ein faszinierendes Porträt, das kein Urteil über seine Hauptfigur fällt. Das und wie man als Zuschauer die einzelnen Facetten von Jan Mikolášeks Persönlichkeit und seine Handlungen beurteilt, muss jeder Zuschauer individuell für sich entscheiden. Also auch, ob er ein Scharlatan oder ein Heiler war. Diese Offenheit ist die große Stärke von „Charlatan“.

Dei 1948 geborene Agnieszka Holland ist eine der wichtigsten polnischen Regisseurinnen. Sie arbeitete viel mit Andrzej Wajda zusammen. Zu ihren wichtigsten Regie-Arbeiten gehören „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“ und „Der geheime Garten“. Jüngeren könnte ihr Name bei TV-Serien wie „The Wire“, „Treme“, „Rosemary’s Baby“ und „House of Cards“ aufgefallen sein.

Charlatan (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)

Regie: Agnieszka Holland

Drehbuch: Marek Epstein

mit Ivan Trojan, Josef Trojan, Juraj Loj, Jaroslava Pokorná, Jiří Černý, Miroslav Hanuš

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Charlatan“

Metacritic über „Charlatan“

Rotten Tomatoes über „Charlatan“

Wikipedia über „Charlatan“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Charlatan“

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Die Spur“ (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Deutschlands erste Serienmörderin

Januar 25, 2022

15 Menschen ermordete Gesche Gottfried mit ‚Mäusebutter‘, einem Gemisch aus Arsen und Schmalz. Sie gab es ihren Opfern in ihre Mahlzeiten. Im März 1828 wurde sie enttarnt und zum Tod verurteilt. Zu ihrer Hinrichtung am 21. April 1831 erschienen 35.000 Menschen.

Ihre Geschichte, auch weil ihr Motiv immer noch unklar ist, wurde mehrmals interpretiert. Als Theaterstück, Hörspiel, Film, Comic und Oper. Die bekannteste Version dürfte von Rainer Werner Fassbinder stammen. „Bremer Freiheit“ heißt sein Theaterstück, das er auch verfilmte und das später die Grundlage für eine Oper war.

Udo Flohr nahm als Grundlage für sein Spielfilmdebüt das Theaterstück von Peer Meter und die Gerichtsakten. Erzählt wird die Geschichte im Film von Cato Böhmer. Sie ist eine fiktive Figur. 1828 kommt sie als Gerichtprotokollantin nach Bremen. Sie will später Juristin werden. Die ersten Protokolle, die sie für ihren Vorgesetzten, den Untersuchungsrichter Senator Franz Friedrich Droste, anfertigen muss, handeln von den Ermittlungen gegen Gesche Gottfried, die bis dahin eine als Wohltäterin geachtete Witwe war.

Udo Flohr erzählt die Geschichte ruhig und unaufgeregt in der Form einer Chronik, die etwas spröde die verschiedenen Protokolle aneinanderreiht. Das ist dann intellektuell interessant, emotional aber etwas unbefriedigend. Denn an Gottfrieds Täterschaft bestehen keine Zweifel. Es werden nur die Fakten zusammengetragen und sie wird von Senator Droste befragt. In einigen Momenten wird ein Psychoduell zwischen Gottfried und Böhmer angedeutet. Aber auch für Böhmer geht es primär um die intellektuelle Herausforderung, genug Beweise für eine Anklage und Verurteilung zu finden. Warum Gottfried die Morde beging, bleibt auch im Film unklar. Angedeutet wird, dass sie am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und einer Ego-State-Störung litt. Für die Anklage war es wichtiger, zu beweisen, dass sie die Morde begangen hatte.

Ergänzt wird der Kriminalfall von einem Einblick in damaligen politischen und wirtschaftlichen Konflikte in Bremen. Senator Droste forcierte für den Warentransport den Bau einer Eisenbahnstrecke vom Hafen nach Bremen. Diese Idee stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung.

Effigie – Das Gift und die Stadt“ ist ein gelungener Debütfilm, der sich – Udo Flohr ist Jahrgang 1959 und arbeitete vorher unter anderem als Wissenschaftsjournalist – am Fernsehspiel und dem historischen Reenactment orientiert. Formal ist das nicht revolutionär, aber gut strukturiert und entsprechend klar erzählt.

Effigie – Das Gift und die Stadt (Deutschland 2019)

Regie: Udo Flohr

Drehbuch: Peer Meter, Udo Flohr, Antonia Roeller (nach dem Theaterstück von Peer Meter und den Gerichtsakten)

mit Suzan Anbeh, Elisa Thiemann, Christoph Gottschalch, Roland Jankowsky, Uwe Bohm

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Moviepilot über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Rotten Tomatoes über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Wikipedia über „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Gesche Gottfried


TV-Tipp für den 25. Januar: Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis

Januar 24, 2022

NDR, 22.00

Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis (Deutschland 1971)

Regie: Peter Schulze-Rohr

Drehbuch: Friedhelm Werremeier

LV: Friedhelm Werremeier: Ohne Landeerlaubnis, 1971 (überarbeitete Ausgabe 1982)

Als Max Bergusson im Flugzeug den Palästinenser Racardi entdeckt, entführt der die AE 612. Racardi tötete bei einem Anschlag Bergussons Frau und wurde mangels Beweisen freigesprochen. Das soll sich jetzt ändern. Allerdings bemerkt Racardi die Entführung. Währenddessen versucht Kommissar Trimmel in Hamburg alles, um ein Unglück zu verhindern.

Der dritte Trimmel-Tatort ist ein immer noch hochspannender Fall. Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier, ein ehemaliger Gerichtsreporter, verarbeitete tagesaktuelle Ereignisse und saubere Recherche zu spannenden Büchern und Drehbüchern. Die Bücher waren Bestseller. Die Tatorte Quotenknüller.

Die elf Trimmel-Tatorte mit Walter Richter als Kommissar Trimmel gehören zu den besten Tatorten. Außerdem ist „Taxi nach Leipzig“ auch der erste Tatort.

Mit Walter Richter, Joachim Richert, Udo Franz, Günter Mack, Joe Bogosyan, Heinz Bennent, Gunnar Möller, Günter Gaus, Kurt Jaggberg

Wiederholung: Mittwoch, 26. Januar, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis“

Krimilexikon über Friedhelm Werremeier

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Trimmels letzter Fall“ (2009)


Neu im Kino/Filmkritik: „Niemand ist bei den Kälbern“ und Christin ist angeödet

Januar 24, 2022

Hochsommer irgendwo in der Mecklenburgischen Provinz, wo sich noch nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, es aber schon einige Windkrafträder gibt, lebt die 24-jährige Christin. Sie ist mit dem ein Jahr älteren Rick verheiratet. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Sie leben auf dem Hof von Ricks Eltern. Die tägliche Arbeit auf dem Hof geht routiniert und fast wortlos vonstatten. Diese Wiederkehr des Immergleichen ist wenig aufregend und bietet auch keine Perspektive auf ein anderes Leben.

Christin, gespielt von Saskia Rosendahl, ist von diesem Leben genervt. Knapp bekleidet stampft sie mit dem immergleichen genervten Geischtsausdruck über die Felder. Lustlos erledigt sie die notwenidgen Arbeiten auf dem Hof. Und sie spielt, auf ihrem Bett liegend, gelangweilt mit ihrem Telefon. Sie ist von ihrem Mann genervt. Sie ist von seinen Eltern genervt. Sie ist von den Dorfjugendlichen genervt. Sie ist von dem Mini-Dorffest genervt. Sie ist von ihrem Vater genervt. Der ist ein Trinker, der die DDR zurücksehnt. Eigentlich ist sie auch von Klaus genervt. Mit dem fast doppelt so alten Techniker für die Windkrafträder beginnt sie eine lustlose Affäre.

Niemand ist bei den Kälbern“ ist, nach „Prélude“, Sabrina Sarabi zweiter Spielfilm. Es handelt sich um eine gut zweistündige Beschreibung einer statischen Situation. Es ist ein allumfassender Stillstand, in dem sich nichts bewegt.

Sarabi konzentriert sich in ihrem Provinzdrama auf Christin, ihren Gefühlshaushalt und ihre Weltsicht. Das könnte, siehe Pablo Larraíns „Spencer“, durchaus spannend sein. Aber Christin ist eine furchtbar uninteressante Person, die auch an jedem anderen Ort gelangweilt und genervt von der Welt wäre.

Und damit liegt ihr Problem dann nicht an dem Ort, in dem sie seit ihrer Geburt lebt (vermutlich, definitiv erfahren wir es nicht in dem Film) oder ihrem Mann oder seiner Familie.

Das ist schon nach den ersten Minuten klar. Trotzdem wird diese Erkenntnis in den folgenden gut zwei Stunden, ohne eine nennenswerte Variation, immer wieder wiederholt. Entsprechend überschaubar ist der Erkenntnisgewinn dieser sich danach wie Kaugummi ziehenden Abrechnung mit dem Provinzleben.

Niemand ist bei den Kälbern (Deutschland 2021)

Regie: Sabrina Sarabi

Drehbuch: Sabrina Sarabi

LV: Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, 2017

mit Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen, Anne Weinknecht, Elisa Schlott

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Niemand ist bei den Kälbern“

Moviepilot über „Niemand ist bei den Kälbern“

Wikipedia über „Niemand ist bei den Kälbern“

Meine Beprechung von Sabrina Sarabis „Prélude“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 24. Januar: Die Wannseekonferenz

Januar 23, 2022

ZDF, 20.15

Die Wannseekonferenz (Deutschland 2022)

Regie: Matti Geschonneck

Drehbuch: Magnus Vattrodt, Paul Mommertz

TV-Drama über die titelgebende Wannseekonferenz, die vor achtzig Jahren, am 20. Januar 1942 stattfand und auf der „Endlösung der Judenfrage“ besprochen wurde. Es ging um organisatorische Fragen und Zuständigkeiten für die Ermordung von von mehreren Millionen Menschen.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt das ZDF die 45-minütige Doku „Die Wannsekonferenz – Die Dokumentation“ über die historischen Hintergründe des Films.

mit Philipp Hochmair, Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, Matthias Bundschuh, Fabian Busch, Jakob Diehl, Lilli Fichtner, Godehard Giese, Peter Jordan, Arnd Klawitter, Frederic Linkemann, Thomas Loibl, Sascha Nathan, Markus Schleinzer, Simon Schwarz, Rafael Stachowiak

Hinweise

ZDF über die Wannseekonferenz

Wikipedia über die Wannseekonferenz und „Die Wannseekonferenz“ (2022)


TV-Tipp für den 23. Januar: Nur Gott kann mich richten

Januar 22, 2022

Sat. 1, 22.35

Nur Gott kann mich richten (Deutschland 2017)

Regie: Özgür Yildirim

Drehbuch: Özgür Yildirim

Kaum ist Ricky aus dem Knast entlassen, ist er schon in die nächste krumme Sache verwickelt. Zusammen mit seinem Bruder klaut er von kurdischen Gangstern zweieinhalb Kilo Heroin – und ab da geht alles gründlich schief.

TV-Premiere. Absolut gelungener deutscher Gangsterkrimi, der seine Vorbilder kennt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 00.30 Uhr, zeigt Sat.1, ebenfalls als TV-Premiere, Detlev Bucks Gangsterfilm „Aspahltgorillas“.

mit Moritz Bleibtreu, Birgit Minichmayr, Edin Hasanovic, Kida Khodr Ramadan, Franziska Wulf, Peter Simonischek, Lilly Wagner, Cem Öztabakci, Blerim Destani, Marie-Lou Sellem, Alexandra Maria Lara

Wiederholung: Montag, 24. Januar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Nur Gott kann mich richten“

Moviepilot über „Nur Gott kann mich richten“

Rotten Tomatoes über „Nur Gott kann mich richten“

Wikipedia über „Nur Gott kann mich richten“

Meine Besprechung von Özgür Yildirims „Boy 7“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Özgür Yildirims „Nur Gott kann mich richten“ (Deutschland 2017)


Impressionen aus Berlin

Januar 22, 2022

Gestern, also Freitag, am späten Vormittag, auf der Putlitzbrücke mit Schnee und Eis auf dem Geh- und Radweg

Stunden später, ein malerischer Sonnenuntergang am Westhafen, mit einem eisigen Wind; der Gehweg war immer noch vereist


TV-Tipp für den 22. Januar: Gangs of New York

Januar 21, 2022

RBB, 23.30

Gangs of New York (Gangs of New York, USA/Deutschland/Italien/Großbritannien/Niedeland 2002)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Kenneth Lonergan, Steven Zaillian

LV: Herbert Asbury: The Gangs of New York, 1928 (Die Gangs von New York – Eine Geschichte der Unterwelt)

Amsterdam Vallon will den Mörder seines Vaters, den Gangsterboss William Cutting (Bill, the Butcher), töten.

Ausgehend von dieser dürftigen Geschichte entfaltet Martin Scorsese ein atemberaubendes Porträt vom Überlebenskampf, der Verflechtung zwischen Politik und Verbrechen, den Bandenkriegen und den Kämpfen zwischen den verschiedenen Ethnien in Five Points, den Slums von New York, in den Jahren zwischen 1846 bis 1863.

„Gangs of New York ist ein solches Drama der Endzeit einer Herrschaft, in der sich eine gesellschaftliche und familiäre Ordnung durch ihre eigenen Gesetze zerstört, und durch eine Rebellion der Methoden. Eine große Tragödie also, oder eine melancholische Farce; aber wieder projiziert sie Scorsese auf ein eher materialistisch dokumentiertes Stück Zeitgeschichte, mehrere Erzählweisen begegnen einander und werden umso deutlicher, je mehr sie sich zu widersprechen beginnen…Wie die meisten der (auch vom Aufwand her) großen Filme von Martin Scorsese erzählt auch Gangs of New York zunächst eine überaus einfache Geschichte, deren Bedeutung, deren eigentliches Leben sich erst in den Bildern offenbart…Gangs of New York ist auch ein großer Film übers Film-Erzählen.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

Mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Liam Neeson, Brendan Gleeson

Hinweise

Metacritic über „Gangs of New York“

Rotten Tomatoes über „Gangs of New York“

Wikipedia über „Gangs of New York“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Gangs of New York“ von Jay Cocks, Kenneth Lonergan und Steven Zaillian

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: William Lindsay Gresham und Guillermo del Toro schicken uns in die „Nightmare Alley“

Januar 21, 2022

Nur ein Narr wird bei dem Titel „Nightmare Alley“ ein Disney-Märchen erwarten. William Lindsay Greshams 1946 erschienener Roman ist ein Noir, der jetzt von Guillermo del Toro verfilmt wurde. Es ist die zweite Verfilmung. Die erste, mit Tyrone Power in der Hauptrolle, ist von 1947. Regie führte Edmund Goulding, Jules Furthman („Geächtet“, „Haben und Nichthaben“. „Tote schlafen fest“ und „Rio Bravo“) schrieb das Drehbuch und der deutsche Titel ist „Der Scharlatan“.

Dabei hat Stanton Carlisle, der titelgebende Scharlatan, der in der neuesten Version von Bradley Cooper gespielt wird, durchaus Talente. Er entdeckt sie bei einem kleinen Wanderzirkus. Dort trifft er auf Zeena (Toni Collette) und Pete Krumbein (David Strathairn), die eine Wahrsage-Show haben. Sie ist eine Mischung aus Betrug und praktisch angewandter Menschenkenntnis. Denn die Wünsche und Ängste der verschiedenen Menschen unterscheiden sich kaum. Nach Petes Tod wird Stanton Zeenas Partner.

Später verlässt Stanton mit der Zirkusartistin Molly Cahill (Rooney Mara) den Zirkus. Zum Abschied legt Zeena ihm die Tarotkarten. Er ist der Gehängte – und das ist keine gute Karte.

Jahre später hat er als „Der große Stanton“ in noblen Establishments eine Wahrsage-Show als umjubelter Mentalist. Bei einem seiner Auftritte trift er auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett). Sie wird die dritte wichtige Frau in seinem Leben und sie ist die erste Frau, die ebenso zielgerichtet wie er Menschen manipuliert. Die Psychoanalytikerin schlägt ihm eine Zusammenarbeit vor. Ihre Kundschaft ist vermögend. Sie können also Informationen, die sie während ihrer Analysesitzungen aus deren Leben erfährt, gewinnbringend in Stantons Gedankenleser-Shows einbauen. Zuerst erzählt er seinen nichtsahnenden Kunden Details aus deren Leben, die er unmöglich wissen kann. Danach zieht er ihnen das Geld aus den gut gefüllten Taschen.

Ihr erstes Opfer soll Ezra Grindle (Richard Jenkins) sein. Der stinkreiche und überaus misstrauische Industriemagnat fühlt sich immer noch schuldig für den schon Jahrzehnte zurückliegenden Tod seiner großen Liebe.

Die Geschichte von Stanton Carlisle wird gemeinhin als düstere Versionen vom amerikanischen Traum beschrieben. Es geht um das Streben nach Geld und Ruhm und wie real dieses „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Versprechen ist. Damit dürfte klar sein, wo Stans Geschichte endet; auch wenn einige über das deprimierend bittere Ende erstaunt sein werden. Der Roman und die erste Verfilmung sind kleinere Noir-Klassiker, die bei uns fast unbekannt sind. „Der Scharlatan“ hatte 1954 seinen deutschen Kinostart. Die erste deutsche Überetzung des Romans erschien 2019.

In der aktuellen Heyne-Hardcore-Ausgabe hat der Roman über fünfhundert Seiten. Damit ist er deutlich umfangreicher als ein normaler Noir- oder Pulp-Roman, der oft keine zweihundert Seiten benötigt, um seine Geschichte zu erzählen. Dafür gibt Gresham vor allem im ersten Drittel des Romans einen fundierten, für die Hauptgeschichte eher nebensächlichen, aber höchst kurzweiligen Einblick in das Leben eines Wanderzirkusses und mit welchen Tricks den ahnungslosen Kunden das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Es ist allerdings auch ein sich über viele Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erstreckender Roman, der teilweise mit großen Zeitsprüngen erzählt wird. Das führt zu einer episodischen Struktur, die auf Erklärungen und klare Ursache-Wirkungs-Mechanismen verzichtet. Stantons Auf- und Abstieg erscheint dabei, trotz einiger Hinweise, die in den verschiedenen Versionen leicht unterschiedlich gewichtet und so auch deutlicher herausgearbeitet werden, weniger in seiner Person angelegt, als dem Willen des Autors zu gehorchen.

Schließlich steht Stantons Ende von Anfang an fest. Er ist, wie Zeena ihm aus den Tarotkarten liest, der Gehängte. Er ist am Ende wieder am Anfang. Stanton ist am Ende sogar in einer schlechteren Lage als am Anfang der Geschichte. Sein schlimmster Alptraum wird wahr. Insofern ist der letzte Satz von del Toros Version grandios. Es ist ein Satz, auf den Gresham verzichtete.

Guillermo del Toro übernimmt, bis auf einige kleine Änderungen, Greshams Geschichte. Es sind hier und da Kürzungen. So tritt Stanton im Roman auch als Geistlicher und Oberhaupt der von ihm gegründeten Kirche der Himmlischen Botschaft auf. Einige Handlungsorte wurden verändert. Dadurch wird die Geschichte filmischer und es gibt in den Momenten auch Anspielungen auf andere Filme.

Über hundertfünfzig Minuten benötigt del Toro dann, um Stantons Geschichte zu erzählen. Er erzählt sie extrem langsam und mit großem pathetischem Ernst; als habe er einen bedeutungsschweren Roman der Hochkultur verfilmt.

Dabei hätte „Nightmare Alley“ von einer kürzeren Laufzeit von unter zwei Stunden, einem eindeutigerem thematischen Fokus und einer damit verbundenen Zuspitzung profitiert, gerne mit mehr Pulp-Gestus und Schwarzem Humor.

Auch die Hauptfiguren Stanton, Lilith Ritter und Molly bleiben blass. Zu sehr müssen sie den Vorgaben der Geschichte gehorchen.

Vor allem Stanton bleibt erstaunlich blass als Scharlatan, der mit seiner Menschenkenntnis und seinen Tricks die Menschen begeistern kann. Ihm fehlt die Faszination des Bösen. Entsprechend unbeteiligt verfolgen wir seine Taten. Seinen Aufstieg vom Wanderzirkus zum Wahrsager und die Probleme, die er dabei hatte, sehen wir nicht. So fehlen – in jeder Version der Geschichte – die Jahre zwischen seinem Abschied aus dem Zirkus und seinem Auftritt im mondänen Nachtclub „Club Copacabana“. Gleichzeitig, wenn später der ihm von Zeena in den Tarotkarten prophezeite und überaus rasante Abstieg beginnt, bedauert man ihn nicht. Auch hier fehlen wieder wichtige Zwischenstationen. Stattdessen ist er in einem Moment „top of the world“ und im nächsten ein in der Gosse liegender Obdachloser. Unklar bleibt, wie es dazu kommt. Als Zuschauer können wir einige Vermutungen anstellen. Gelungen ist in dieser Beziehung Gouldings Version, die von Anfang an auf die verheerende Wirkung des Alkohols hinweist und Stantons Abstieg mit seiner Trunksucht erklärt.

Guillermo del Toro hat viel zu viel Respekt vor der Vorlage, die er nur edel bebildert. Seine „Nightmare Alley“ ist zu sehr von ihrer eigenen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit überzeugt, um wirklich zu begeistern.

Nightmare Alley (Nightmare Alley, USA 2021)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan

LV: William Lindsay Gresham: Nightmare Alley, 1946 (Nightmare Alley)

mit Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Rooney Mara, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn, Jim Beaver, Tim Blake Nelson

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Willliam Lindsay Gresham: Nightmare Alley

(übersetzt von Christian Veit Eschenfelder und Anja Heidböhmer)

Heyne, 2021

512 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Festa Verlag, 2019

Originalausgabe

Nightmare Alley

Rinehart & Company, New York, 1946

Hinweise

Moviepilot über „Nightmare Alley“

Metacritic über „Nightmare Alley“

Rotten Tomatoes über „Nightmare Alley“

Wikipedia über „Nightmare Alley“ (deutsch, englisch) und die Vorlage

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Guilermo del Toro/Chuck Hogans „Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ (The Hollow Ones, 2020)


TV-Tipp für den 21. Januar: Kingsman: The Secret Service

Januar 20, 2022

Pro 7, 20.15

Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service, 2012/2013 (Secret Service)

High-Tech-Genie Valentine hat einen teuflischen Plan, um die Weltbevölkerung radikal zu verkleinern. Ein Job für die Kingsman, einer ultrageheimen globalen Agentenorganisation, die ihr Quartier sehr stilbewusst in einem noblen britischen Herenbekleidungsgeschäft hat. Dort ist, nach dem Tod eines Agenten, ein Job vakant. Kingsman Harry Hart schlägt Gary „Eggsy“ Unwin, einen kleinkriminellen Taugenichts aus der Unterschicht, als künftiges Mitglied vor. Man müsse schließlich mit der Zeit gehen.

Grandiose, witzige, äußerst stilbewusste, vespielte und auch sehr brutale Liebeserklärung an die alten James-Bond-Filme, die mit einem ordentlichen Portion Comic-Ästhetik ins 21. Jahrhundert geholt werden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Colin Firth, Samuel L. Jackson, Mark Strong, Taron Egerton, Michael Caine, Sofia Boutella

Wiederholung: Samstag, 22. Januar, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2013

172 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Secret Service # 1- 6

Millarworld, Juni 2012 – April 2013

Hinweise

Moviepilot über „Kingsman“

Metacritic über „Kingsman“

Rotten Tomatoes über „Kingsman“

Wikipedia über „Kingsman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Rob Williams/Simon Frasers „Kingsman: Jagd auf Red Diamond“ (Kingsman: The Red Diamond # 1 – 6, September 2017 – Februar 2018)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „The King’s Man – The Beginning“ (The King’s Man, USA/Großbritannien 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Nacht in Helsinki“, drei Männer in einer Bar und einige Flaschen guter Rotwein

Januar 20, 2022

Während sein jüngerer Bruder Aki Kaurismäki seit Jahren schweigt und immer noch kein neuer Film angekündigt ist, ist sein deutlich unbekannterer Bruder Mika im Moment sehr produktiv. Im Sommer 2020 Jahr lief „Master Cheng in Pohjanjoki“ erfolgreich im Kino. Und jetzt kommt sein neuester Film „Eine Nacht in Helsinki“ in die Kinos. Seine Premiere hatte er bereits am 17. November 2020 auf dem Tallinn Black Nights Film Festival. Danach lief er auf einigen weiteren Festivals.

Kaurismäki drehte den Film, während der Coronavirus-Pandemie, in der von ihm und seinem Bruder Aki betriebenen Corona Bar. Wegen der Pandemie war das Lokal geschlossen. Also konnte es, quasi zur Zwischennutzung, als kostengünstiges Filmset benutzt werden.

Die Geschichte, die Kaurismäki erzählt, ist weitgehend improvisiert. Es gab nur einige Ideen und Vorgaben. Zusammen mit den Schauspielern entwickelte er in Einzelgesprächen die Hintergrundgeschichten zu ihren Figuren. Vor und während des Drehs kannte jeder Schauspieler nur die Geschichte der Figur, die er spielte. Die Dialoge entwickelten sich spontan. Gedreht wurde chronologisch.

Nachdem die drei Hauptfiguren kurz vorgestellt werden, beginnt die eigentliche Handlung in Heikkis Lokal. Der Kneipier isst in seinem Lokal an einem feierlich gedecktem Tisch allein zu Abend. Da klopft Risto an die Tür. Risto arbeitet in der Klinik. Heute ist während seiner Schicht ein Mädchen gestorben. Bevor er nach Hause geht, möchte er noch etwas trinken und dabei seinen Tag verarbeiten. Heikki bietet seinem Stammkunden ein Glas Rotwein an. Sie beginnen sich zu unterhalten.

Da klopft es wieder. Dieses Mal steht Juhani vor der Tür. Heikki und Risto kennen ihn nicht. Aber er bittet Heikki so verzweifelt darum, sein Handy aufladen zu dürfen, dass er ihn hineinlässt und ihm, ganz guter Gastgeber, ein Glas Wein anbietet.

Als Juhani für eine Zigarette das Lokal verlässt, wird er angerufen. Heikki nimmt das Gespräch an und erfährt, dass Juhani von der Polizei gesucht wird. Er hat vor wenigen Stunden einen Mann getötet. Anstatt ihrem ersten Impuls nachzugeben und die Polizei anzurufen, lassen Heikki und Risto sich von Juhani erzählen, wie es zur Tat kam. Beim nächsten Glas Rotwein reden sie schon darüber, ob Juhani das Richtige getan hat.

Später, fast am Ende der Nacht, stößt Ristos Frau zu ihnen. Sie wollte in ihrer Wohnung nicht länger auf Risto warten.

Aber Eeva spielt nur eine Nebenrolle. Denn letztendlich beobachtet Mika Kaurismäki nur drei Männer, die sich in einer Bar über ihr Leben, Gott und die Welt unterhalten und dabei viel Rotwein trinken.

Kaurismäki hat dieses lange Gespräch zwischen den drei Männern immer so inszeniert, dass der Film eindeutig ins Kino gehört. Immer wieder sieht man die große Halle mit den Billardtischen und der Jukebox (Hey, wir sind in Kaurismäki-Land!). Immer wieder stehen die Männer verloren in dem Lokal. Mit zunehmender Vertrautheit rücken sie näher zusammen. Oft zeigt Kaurismäki Heikki, Risto und Juhani zu zweit oder zusammen in einem Bild. Wir sehen, wie sie in dem Moment zueinander stehen und spontan aufeinander reagieren. Denn, wie gesagt, alle Dialoge sind improvisiert.

Zu einer besonderen Nacht wird diese Nacht in Helsinki, weil die drei so unterschiedlichen und doch sehr ähnlichen Männer Heikki, Risto und Juhani in dieser Nacht, ohne Larmoyanz und Selbstmitleid, ihr Leben bilanzieren und über ihr künftiges Leben entscheiden. Es ist ein ruhiges Gespräch über den Sinn des Lebens und den Sinn ihres Lebens. Das ist gleichzeitig so konkret und abstrakt, dass man dem Gespräch gebannt folgt, dabei und danach auch über sein eigenes Leben nachdenken kann und sich wieder so eine Nacht, die erst mit dem Sonnenaufgang endet, wünscht. 

Eine Nacht in Helsinki (Yö Armahtaa, Finnland 2020)

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Mika Kaurismäki, Sami Keski-Vähälä

mit Kari Heiskanen, Pertti Sveholm, Timo Torikka, Anu Sinisalo

Länge: 90 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine Nacht in Helsinki“

Wikipedia über „Eine Nacht in Helsinki“

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „The Girl King“ (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „Master Cheng in Pohjanjoki“ (Master Cheng, Finnland/China/Großbritannien 2019)


Über Eric Reds Thriller „White Knuckle – Blutiger Highway“

Januar 20, 2022

Sharon Ormsby ist eine junge FBI-Agentin, die sich im Einsatz bei einem großen Fall beweisen möchte. Am Ende ihrer Ausbildung ist sie zuerst einmal einer kleinen Einheit zugeteilt worden, die sich mit Highway-Serienkillern beschäftigt. Diese Killer bewegen sich ständig über Staatsgrenzen hinweg, bringen in verschiedenen Staaten Menschen um und laden ihre Opfer in andere Staaten ab. Bislang werden sie nicht verfolgt, weil die lokalen Behörden diese Fälle und Daten in keine Datenbank eintragen, die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Fällen finden könnte.

Bei ihrer Arbeit stößt Ormsby auf mehrere ähnliche Taten. Letztendlich glaubt sie, dass entlang der Highways ein Täter seit den achtziger Jahren Frauen ermordet. Nach ihreren Recherchen hat er mindestens fünfzig Frauen getötet und er wird weiter morden.

Um an dieses Phantom ranzukommen, begibt Ormsby sich auf einen Undercover-Einsatz als Beifahrerin des Truckers Rudy Dykstra.

White Knuckle – Blutiger Highway“ ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Eric Red. Bekannt ist er für seine Drehbücher zu „Hitcher, der Highway Killer“, „Near Dark“ und „Blue Steel“. Vier seiner Drehbücher – „Hitman – In der Gewalt der Entführer“ (Cohen and Tate), „Body Parts“, „Bad Moon“ und „100 Feet“ – verfilmte er selbst für das Kino.

Seine nächste Regiearbeit wird „White Knuckle“ sein. Gina Carano übernimmt die Hauptrolle und die Dreharbeiten sollen demnächst beginnen.

Bis dahin – und bis der Film zu uns kommt – ist noch genug Zeit, um die spannende Vorlage zu lesen, die sich immer so liest, als hätte Red diese Verfilmung seines Actionthriller von Anfang an geplant. Spannungssteigernd wechselt er zwischen verschiedenen Erzählsträngen und er verleiht den einzelnen Figuren gerade genug Tiefe, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen, ohne dass sie der Geschichte im Weg stehen. Schließlich geht es hier um die Jagd nach einem Mörder. Diese erzählt Red zügig bis zur finalen Konfrontation zwischen Ormsby, Dykstra und White Knuckle (so sein CB-Rufname) in den Bergen von Wyoming.

Natürlich ist die Prämisse ziemlich unglaubwürdig. Denn die Chance, dass Ormsby bei ihren Fahrten durch die USA zufällig über den unbekannten Mörder stolpert, ist noch nicht einmal verschwindend gering. Ähnlich unwahrscheinlich ist es, dass ein Trucker ihr etwas über ihren Serienmörder verrät. Denn niemand weiß von ihm.

Außerdem müssen wir akzeptieren, dass 2015 eines von White Knuckles Opfern sich mit ihrem Handy aus seinem Truck melden kann, die Polizei aber keine GPS-Ortung durchzuführen kann. Warum das so ist, erklärt Red nicht. Aber wenn diese Ortung möglich gewesen wäre, hätte Red diesen Roman nicht schreiben können.

Eric Red: White Knuckle – Blutiger Highway

(übersetzt von Michael Krug)

Savage Types, 2020

304 Seiten

17,77 Euro

Originalausgabe

White Knuckle

Samhain Publishing, 2015

Hinweise

Savage Types über den Roman

Homepage von Eric Red

Wikipedia über Eric Red (deutsch, englisch)

The Big Thrill stellt Eric Red einige Fragen zum Roman


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