TV-Tipp für den 25. September: Die linkshändige Frau

September 24, 2021

NDR, 23.50

Die linkshändige Frau (Deutschland 1978)

Regie: Peter Handke

Drehbuch: Peter Handke

Eine Frau bittet ihren Mann ohne einen ersichtlichen Grund, sie zu verlassen. Die geplante Befreiung von ihrem Mann führt allerdings zu einem immer größeren Rückzug von der Welt.

Selten gezeigtes Spielfilmdebüt von Peter Handke. „komplexe Studie einer Frau und ihrer Einsamkeit. (…) besteht aus einer Reihe von alltäglichen Ereignissen im Leben einer Frau und ihrem Kind zuhause, wodurch ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Schlichtheit entsteht, das an die großen japanischen Regisseure erinnert.“ (Lynda Myles, The Scotman, zitiert nach Robert Fischer/Joe Hembus: Der Neue Deutsche Film)

Danach, um 01.40 Uhr, zeigt der NDR „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, der erste richtige Spielfilm von Wim Wenders, basierend auf dem Roman von Peter Handke.

mit Edith Clever, Bruno Ganz, Markus Mühleisen, Bernhard Minetti, Bernhard Wicki, Angela Winkler, Rüdiger Vogler, Michel Lonsdale, Gérard Depardieu, Hanns Zischler

Hinweise

Filmportal über „Die linkshändige Frau“

Wikipedia über „Die linkshändige Frau“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016) (nach einem Theaterstück von Peter Handke)


Große Ereignisse kündigen sich an

September 24, 2021


Neu im Kino/Filmkritik: „Die außergewöhnliche Reise der Celeste García“ könnte zu einem fremden Planeten führen

September 24, 2021

Warum sollen Außerirdische immer in Kalifornien landen? Warum nicht auch einmal auf Kuba? Immerhin ist das eine schöne Insel in der Nähe des Bermuda-Dreiecks, das ja für seine spurlos verschwundenen Schiffe und Flugzeuge bekannt ist. Und warum sollen die Aliens nicht ganz freundliche Gesellen sein? Jedenfalls scheinen die Außerirdischen in „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ freundliche Gesellen zu sein. Sie bieten nämlich, als Austausch für bereits gewährte Gastfreundschaft, einer begrenzten Zahl von Menschen einen Besuch auf ihrem Heimatplaneten Gryok an. Der Ansturm auf diese Tickets ist groß.

Celeste Garcia, eine ehemalige, sechzigjährige Lehrerin, die jetzt als Teilzeitführerin im Planetarium Kinder für das Weltall begeistert, beteiligt sich nicht an dem Run auf die Tickets. Sie hat nämlich von ihrer Nachbarin, einer seltsamen, jetzt spurlos verschwundenen Russin, eine persönliche Einladung erhalten. Celeste vermutet, dass sie zu den Außerirdischen gehört und mit einer Tarnidentität in Havanna lebte.

Vor dem Abflug nach Groyk muss Celeste in ein Vorbereitungslager, das wie eine Mischung aus Jugendfreizeitlager und lasch geführtem Gefängnis mit Mehrbettzimmern aussieht. Celeste wird bei einem älterem Musiker und zwei Frauen einquartiert. Eine der Frauen ist hochschwanger. Sie glaubt, dass der Vater einer der Außerirdischen ist.

Unter den anderen Ausreisewilligen ist auch ein Nachbar von Celeste, der offensichtlich in die ungefähr gleichaltrige Celeste verliebt ist. Aber Celeste hat kein Interesse. Denn welcher vernünftige Mann würde sich in sie verlieben?

Arturo Infantes Spielfilmdebüt „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ ist eine sehr sympathische Low-Key-Komödie, die wegen ihres gemächlichen Tempos, dem unverbrauchtem Handlungsort, ihrer grundsympathischen Figuren, die gemeinsam in dem Camp abhängen und ihre kleinen Fluchten genießen, und dem allumfassendem Retro-Feeling gefällt.

Die außergewöhnliche Reise der Celeste García (El viaje extraordinario de Celeste García, Kuba/Deutschland 2018)

Regie: Arturo Infante

Drehbuch: Arturo Infante

mit Maria Isabel Díaz, Omar Franco. Néstor Jiménez, Yerlin Pérez, Tamara Castellanos, Verónica Díaz Viera, Roberto Espinosa, Daysi Quintana

Länge: 92 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die außergewöhnliche Reise der Celeste García“

Moviepilot über „Die außergewöhnliche Reise der Celeste García“

Wikipedia über „Die außergewöhnliche Reise der Celeste García“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Florian Dietrichs Spielfilmdebüt „Toubab“

September 24, 2021

Kaum aus der Haft entlassen schlägt Babtou bei einer spontanen Willkommensfeier auf einer Kreuzung einen Polizisten zusammen. Der Polizist hatte seinen besten Kumpel Dennis angegriffen. Als Babtou sich schon mental auf seinen nächsten Gefängnisaufenthalt vorbereitet, eröffnen die äußerst unsympathischen Beamten ihm, dass er, obwohl in Deutschland geboren, in den Senegal ausreisen muss. Daher kommt sein Vater und damit ist das nach dem deutschen Gesetz seine Heimat.

Babtou will allerdings nicht ausreisen. Frankfurt am Main ist seine Heimat. Dort will er bleiben. Und die einzige Möglichkeit, wie ihm das gelingen könnte ist, so seine Anwältin, eine in den nächsten Tagen geschlossene Ehe mit einer deutschen Frau.

Dummerweise haben alle Frauen, die der Kleinkriminelle Babtou kennt, so schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht, dass sie ihn unter keinen Umständen heiraten würden. Inzwischen ist aber auch die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt. Deshalb schlägt Babtou Dennis, seinem besten Kumpel seit Kindertagen, vor, dass sie eine Scheinehe eingehen. Schließlich hängen sie sowieso ständig miteinander ab. Außerdem wissen die beiden überzeugten und von sich überzeugten Heteros eigentlich alles übereinander.

Dennis ist einverstanden – und damit für die beiden Jugendfreunde ein wahrer Spießrutenlauf. Sie müssen penetrante Fragen von Beamten der Ausländerbehörde, die sofort eine Scheinehe vermuten, beantworten. Sie müssen zur Tarnung zusammenziehen. Babtous Verbrecherfreunde, alle ausgesprochene Machos, pflegen ihren Hass auf Schwule. Verbal und auch physisch. Und, als seien das noch nicht genug Probleme für die beiden Frankfurter Jungs, ist Dennis‘ Freundin schwanger von Dennis. Währenddessen geht Babtou, wenn er nicht gerade ein Auge auf die Nachbarin wirft, in seiner Rolle als seine Homosexualität offensiv auslebender Homosexueller auf. Als erstes dekoriert er ihre gemeinsame Wohnung mit dem Nippes und den Bildern, die gestrenge Beamte bei Homosexuellen vermuten. Danach muss, wenn sie von bestimmten Personen in der Öffentlichkeit gesehen werden, geknutscht werden.

Toubab“ ist eine angenehme Überraschung in der deutschen Filmlandschaft. Der Film ist eine rotzfreche Komödie, die sich mit aktuellen Problemen beschäftigt und sie niemals sozialarbeiterisch löst. Hier prallen Gegensätze aufeinander, ohne dass gleich eine einfache, alle zufriedenstellende Lösung angeboten wird. Im Gegensatz zu dem tonal anders gelagertem, ansonsten ebenso überzeugendem Ghettodrama „Ein nasser Hund“ basiert „Toubab“ nicht auf einer wahren Geschichte. Die Inspiration waren Theater- und Kunstprojekte, die Florian Dietrich in Wiesbaden im Gefängnis machte. Dabei begegnete er Häfltlingen, die gegen eine Abschiebung kämpften. Sie waren in Deutschland geboren und lebten seitdem in Deutschland. Aber vor dem Gesetz waren sie keine Deutschen, sondern Geduldete, deren Aufenthaltsbewilligung immer wieder verlängert wurde und die jetzt in ihre Heimat abgeschoben werden sollten. Es ist eine Heimat, die sie nicht kennen. Ausgehend von diesen Begegnungen entstnd die Idee, dieses Problem in einem Spielfilm zu verarbeiten. Und zwar nicht als dröges Sozialdrama, sondern als eine Screwball-Comedy, in der Katastrophe auf Katastrophe folgt. Das aus weitgehend unbekannten oder wenig bekannten Schauspielern bestehende Ensemble ist wunderbar stimmig. Das Milieu, in die sich bewegen, ist stimmig geschildert. Die Pointen sitzen. Und die Pointendichte ist hoch in diesem Loblied auf die Freundschaft.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der von Farba Dieng gespielte Babtou, ein großspuriger, aber immer sympathischer Kleingangster, der jede Situation mit einem breiten Grinsen und unerschütterlichem Optimismus meistert. Er wirkt wie die deutsche Ausgabe von Omar Sy oder Jean-Paul Belmondo, der früher auch so liebenswerte Taugenichtse spielte.

Toubab (Deutschland 2021)

Regie: Florian Dietrich

Drehbuch: Florian Dietrich, Arne Dechow

mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Michael Maertens, Valerie Koch, Paul Wollin, Burak Yiğit, Nina Gummich, Uwe Preuss, Ibrahima Sanogo, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi, Gerdy Zint, Julia Gräfner, Kwam.E, Tamer Arslan, Christopher Vantis

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Toubab“

Moviepilot über „Toubab“

Wikipedia über „Toubab“


TV-Tipp für den 24. September: 1984

September 23, 2021

ARD Alpha, 20.15

1984 (1984, Großbritannien 1955)

Regie: Michael Anderson

Drehbuch: William Templeton, Ralph Bettinson

LV: George Orwell: Nineteen Eighty-Four, 1949 (1984)

1984 ist die Welt in drei sich bekämpfende Machtblöcken aufgeteilt. In dem Überwachungsstaat Ozeanien lebt Winston Smith das Leben eines kleinen Angestellten im Wahrheitsministerium. Der Große Bruder hat überall seine Augen. Auch als er sich in Julia verliebt

TV-Premiere der unbeliebten Verfilmung von Orwells Dystopie. Der Science-Fiction-Film ist „eine Hymne an die Vorsicht. Die vereinfachte Version des Buches verwendet wenig Aufmerksamkeit auf die Ideen, die es zu einem derart bedeutsamen Werk haben werden lassen.“ (Phil Hardy, Hrsg.): Die Science Fiction Filmenzyklopädie)

Mit Edmond O’Brien, Jan Sterling, Michael Readgrave, David Kossoff, Mervyn Johns, Donald Pleasence

alternative Schreibweise: Neunzehnhundertvierundachtzig

Wiederholung: Samstag, 25. September, 21.45 Uhr

Die Vorlage

George Orwell: 1984

(übersetzt von Gisbert Haefs)

Manesse, 2021

448 Seiten

22 Euro

George Orwell: 1984

(übersetzt von Jan Strümpel)

Anaconda, 2021

400 Seiten

6,95 Euro

Originalausgabe

Nineteen Eighty-Four

Martin Secker & Warburg Ltd., 1949

Die Graphic Novel

Sybille Titeux de la Croix/Amazing Ameziane: 1984

(übersetzt von Harald Sachse)

Splitter, 2021

232 Seiten

29,80 Euro

Originalausgabe

1984

Editions du Rocher, 2021

Hinweise

Rotten Tomatoes über „1984“

Wikipedia über „1984“ (1955) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Orwells „1984 (Nineteen Eighty-Four, 1949)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Philipp Stölzls sich Freiheiten nehmende Stefan-Zweig-Verfilmung „Schachnovelle“

September 23, 2021

Sicher könnte ich darauf hinweisen, dass Stefan Zweigs „Schachnovelle“ Schullektüre und deshalb wichtig sei. Aber das mit der Schullektüre sagt man halt, wenn man sagen will, dass es sich um einen Klassiker handelt, den man dann doch nie liest. Auch wenn es sich, wie in diesem Fall, um ein gutes und sehr lesenswertes Buch handelt. Sinnvoller ist bei der „Schachnovelle“ deshalb der Hinweis auf die vielen aktuell erhältlichen Ausgaben der Geschichte. Das zeigt, wie oft die kurze Geschichte heute immer noch gekauft und sicher auch gelesen wird.

Stefan Zweig schrieb die „Schachnovelle“ im Exil. Er verschickte die Typoskripte für die verschiedenen Ausgaben der Geschichte einen Tag bevor er und seine Ehefrau Lotte Zweig am 22. Februar 1942 Suizid begingen.

In der Novelle geht um ein Schachspiel auf einem Passagierschief auf seiner Fahrt von New York nach Buenos Aires (im Film von Europa nach New York). Der eine Spieler ist Mirko Czentovic. Der amtierende Schachweltmeister ist ein primitiver, des Lesens, Schreibens und Redens kaum mächtiger, aus einem südslawischem Dorf kommender Mann, der nur spielen kann, wenn er das Schachbrett vor sich sieht. Er ist ein Barbar.

Der andere ist Dr. B. (im Film Dr. Josef Bartok), der das Schachbrett nicht sehen muss, um zu spielen. Während seiner Gefangenschaft in einem Hotelzimmer im Hotel Métropole und zwischen Gestapo-Verhören lernte er mit der Hilfe von einem Schachbuch heimlich Schach. Zuerst spielte er die Spiele aus dem Buch in seinem Kopf nach. Später erfand er neue Spiele, in denen er gegen sich spielte. Vor seiner Gefangenschaft wer er in Wien ein gut verdienender, Kultur genießender, hochnäsiger Anwalt. Er ist ein Bildungsbürger und Feingeist.

Philipp Stölzl („Der Medicus“) verfilmte jetzt diese kurze Geschichte. Je nach Ausgabe umfasst sie so fünfzig, sechzig Druckseiten. Für einen Film muss also einiges erfunden und, in diesem Fall, an der Struktur verändert werden. Denn Zweig beginnt seine Novelle mit der Abfahrt des Schiffes. Dr. B. taucht erst am Ende des ersten Drittels auf. Wenige Seiten später erzählt er einer langen Rückblende, wie er das Schachspielen lernte. Stölzl änderte dies. Dr. B., der, wie gesagt, im Film Dr. Josef Bartok heißt, ist von Anfang an präsent. Dafür erfolgt seine erste Begegnung mit dem Schachmeister Mirko Czentovic später. Im Film gibt es auch nicht eine, sondern mehrere Rückblenden zu Bartoks Leben in Wien. Außerdem erfand Stölzl neue Figuren, wie Bartoks Frau, und er schildert Bartoks Gefangenschaft im Luxushotel Métropole viel ausführlicher. Sie steht im Zentrum des Films. Auch über sein Leben vor seiner Gefangenschaft, und damit bevor die Nazis Österreich besetzten, erfahren wir mehr. Damals verwaltete er für Adlige Vermögen auf Geheimkonten. Auf diese Konten würden die Nazis gerne zugreifen. Stölzl stellt auch eine Vermutung darüber an, was mit Bartok nach seinem Spiel gegen Czentovic passiert. In der Novelle verlässt Dr. B. den Spieltisch und verschwindet im Schiff.

Stölzl und sein Drehbuchautor Eldar Grigorian haben also einiges geändert. Wobei ihre Änderungen vor allem darin bestehen, die Welt in der die Geschichte spielt, genauer zu zeichnen und zu ergänzen. Mal um wichtige Figuren, wie Bartoks schon erwähnte Frau, mal um Nebenfiguren, wie Mitglieder der Wiener Oberschicht oder Gefängniswärter, die vor allem das Bild vervollständigen. Auch der historische Hintergrund, der bei seiner Veröffentlichung 1942 als bekannt vorausgesetzt werden konnte, wird ausführlicher gezeigt. Stölzl schildert auch ausführlicher, wie Bartok in seiner Zelle das Schachspielen lernt und später dort gegen sich selbst spielt. Nachdem er die Spielfiguren in mühsamer Handarbeit hergestellt hat und sie immer wieder vor seinen Wärtern versteckt. Bei all diesen Veränderungen bleibt er in seiner überzeugenden Interpretation dem Geist der Vorlage treu.

Formal ist Stölzls „Schachnovelle“ eine konventionelle Buchverfilmung, die so ähnlich auch vor sechzig Jahren hätte inszeniert werden können und die sich auf die Schauspieler konzentriert. Und die sind gut. Oliver Masucci spielt Dr. Bartok, Albrecht Schuch (der aktuell in ungefähr jedem Film mitspielt und im November in „Lieber Thomas“ Thomas Brasch spielt) den Bartok verhörenden Gestapo-Leiter Franz-Josef Böhm und den Schachweltmeister Czentovic, Birgit Minichmayr spielt Bartoks Frau Anna, Joel Basmann (aktuell ebenfalls in ungefähr jedem Film dabei und ebenfalls in „Lieber Thomas“ dabei), Rolf Lassgård und Samuel Finzi übernahmen kleinere Rollen.

Schachnovelle (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Stölzl

Drehbuch: Eldar Grigorian, Philipp Stölzl

LV: Stefan Zweig: Schachnovelle, 1942

mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Schachnovelle“

Moviepilot über „Schachnovelle“

Wikipedia über „Schachnovelle“

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Der Medicus“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Ich war noch niemals in New York“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 23. September: Rufmord – Jenseits der Moral

September 22, 2021

ServusTV, 20.15

Rufmord – Jenseits der Moral (The Contender, USA/Großbritannien/Deutschland 2000)

Regie: Rod Lurie

Drehbuch: Rod Lurie

Als der US-Präsident eine Frau (damals praktisch undenkbar, heute Realität) zu seiner Stellvertreterin ernennt, beginnt ein Republikaner eine Schmutzkampagne.

Gut, das Zieren der designierten Stellvertreterin, nichts aus ihrem Privatleben der Öffentlichkeit zu verraten, weil es nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat, ist in der Politik (vor allem der US-Politik) so weltfremd, dass es den gesamten Film schwächt. Davon abgesehen bietet „Rufmord“ tolles Schauspielerkino, das auch einen guten Blick hinter die Kulissen der Macht gibt.

Inspiriert wurde „Rufmord“ von der zunehmend unappetitlichen Kampagne der Republikaner gegen Präsident Bill Clinton.

mit Gary Oldman, Joan Allen, Jeff Bridges, Christian Slater, Sam Elliott, William Petersen, Saul Rubinek, Philip Baker Hall

Wiederholung: Freitag, 24. September, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rufmord“

Wikipedia über „Rufmord“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Rod Luries „The Outpost – Überleben ist alles“ (The Outpost, USA/Bulgarien 2020)


TV-Tipp für den 22. September: Querdenker

September 21, 2021

3sat, 21.00

Querdenker (Deutschland 2021)

Regie: Svea Eckert, Caroline Schmidt

Drehbuch: Svea Eckert, Caroline Schmidt

Aus aktuellem Anlass: 45-minütige Doku über drei Querdenker. Nämlich einen Segellehrer und eine Kindergärtnerin, die gemeinsam vier Kinder haben und in einem Dorf in Schleswig-Holstein gegen die Coronamaßnahmen protestieren, und eine Verwaltungsfachangestellte mit zwei Kindern, die sich an die Spitze von „Querdenken Hamburg“ stellte.

Hinweis

3sat über die Doku


Cover der Woche

September 21, 2021


TV-Tipp für den 21. September: Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat

September 20, 2021

SWR, 23.15

Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat (Deutschland 2013)

Regie: Daniel Harrich

Drehbuch: Ulrich Chaussy, Daniel Harrich

Oktoberfest 1980: Bei einem Anschlag sterben 13 Menschen. 211 werden verletzt. Als Einzeltäter wird Gundolf Köhler, der bei dem Attentat starb, identifiziert. Dass der Student auch Mitglied der Wiking-Jugend und der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann war, ist egal. Aber Radioreporter Ulrich Chaussy stellt Fragen.

Das passiert selten: dem durchwachsenen Politthriller gelang es, das Oktoberfestattentat wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen und auch neue Ermittlungen zu initiieren. Denn die Einzeltäterthese war schon immer umstritten.

Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Heiner Lauterbach, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec

Wiederholung: 3sat, Freitag, 24. September, 20.15 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Der blinde Fleck“

Moviepilot über „Der blinde Fleck“

Wikipedia über „Der blinde Fleck“


TV-Tipp für den 20. September: Fahr zur Hölle, Liebling

September 19, 2021

Arte, 20.15

Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)

Regie: Dick Richards

Drehbuch: David Zelag Goodman

LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)

Los Angeles, 1941: Der gerade freigelassene Bankräuber Moose Malloy engagiert Philip Marlowe. Der Privatdetektiv soll Malloys Freundin Velma finden. Ein nur scheinbar einfacher Fall.

Dritte, sehr originalgetreue und sehr gelungene Verfilmung des Chandler-Buches. Heute endlich mal wieder im TV.

Mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone (in einer erträglich kurzen Rolle), Jim Thompson (! – der Noir-Autor in einer ganz kleinen, aber wichtigen Rolle)

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Fahr zur Hölle, Liebling“

Wikipedia über „Fahr zur Hölle, Liebling“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch) u


TV-Tipp für den 19. September: Zodiac – Die Spur des Killers

September 18, 2021

Arte, 21.55

Zodiac – Die Spur des Killers (Zodiac, USA 2007)

Regie: David Fincher

Drehbuch: James Vanderbilt

LV: Robert Graysmith: Zodiac, 1976 (Zodiac – Auf der Spur eines Serienkillers)

Finchers epische, detailversessene Verfilmung über die Jagd nach dem Zodiac-Killer, der auch als Inspiration für den Killer im ersten „Dirty Harry“-Film diente. Der Zodiac-Killer versetzte in den späten Sechzigern die Bevölkerung in und um San Francisco in Angst und Schrecken. Dazu trugen neben seinen Taten und dem ausbleibenden Fahndungserfolg der Polizei auch seine verschlüsselten Briefe an die Öffentlichkeit bei. Bis heute ist seine Identität unklar.

Vanderbilts Drehbuch war für den Edgar den Preis der Writers Guild of America nominiert.

Mit Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey jr., Brian Cox, Cloe Sevigny, Elias Koteas, Dermot Mulroney, John Carroll Lynch, John Getz, Philip Baker Hall

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zodiac – Die Spur des Killers“

Wikipedia über „Zodiac“ (deutsch, englisch)

Zodiac Killer Facts (eine Gegenüberstellung von Film und Wirklichkeit; – keine Ahnung, wie genau die Auflistung ist)

Chasing the Frog prüft ebenfalls den Faktengehalt des Films

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Small World“, ein polnischer Polizist auf Pädo-Jagd

September 18, 2021

In Polen ist Patryk Vega als Actionfilm-Regisseur bekannt. Bei uns lief letztes Jahr sein von wahren Ereignissen inspirierter harter Actionfilm „Bad Boy“ in den Kinos; sofern sie nicht gerade pandemiebedingt geschlossen waren.

Sein neuester Film „Small World“ ist wieder von wahren Ereignissen inspiriert. Dieses Mal geht es um den weltweiten Kinderhandel und damit verbundene Pädophilen-Netzwerke. Vega versteht seinen Film als einen Aufschrei dagegen. Ob es auch ein Aufschrei gegen sexuellen Missbrauch in der Familie oder in Institutionen, wie der Kirche, ist, ist unklar. Seinem Thema nähert Vega sich, aufgrund seiner Filmographie wenig überraschend, primär mit den Mitteln des harten Polizeithrillers und des Actionkinos.

Die Geschichte beginnt 2004 in Polen. Kriminalpolizist Robert Goc hält eine mit überhöhter Geschwindigkeit fahrende Frau an. Die Mutter verfolgt einen Richtung Russland fahrenden Laster, in dem sie ihre entführte vierjährige Tochter Ola vermutet. An der Grenze werden sie von den Grenzpolizisten aufgehalten. In diesem Moment taucht zum ersten Mal ein zweites Thema auf: der unfähige, den Kinderhandel nicht bekämpfende Staatsapparat. Mal handeln die Polizisten nicht, mal fördern sie ihn durch ihr Handeln und manchmal sind sie direkt involviert. Vor allem in Russland ist die Polizei korrupt und die sexy Beamtin, die Goc dort hilft, ist sogar im Rahmen eines Actionfilms überaus gewalttätig.

Doch zurück zur polnischen Grenze. Dort kann der Laster mit Ola entkommen.

Danach macht Goc die Suche nach der entführten Ola zu seiner Lebensaufgabe. Über mehrere Jahre und die halbe Welt verfolgt er ihre Spur. Woher er die finanziellen Mittel dafür hat, wird nie geklärt.

Die Story folgt dabei weitgehend den etablierten Genrepfaden. Wobei drei Punkte auffallen. Das ist die immer wieder sehr ambivalente Zeichnung der Figuren. So erscheint in der Russland-Episode der ‚Vater‘ nicht wie ein Pädophiler, sondern wie ein netter Onkel, der sich liebevoll um die Kinder, die ihm bedingungslos vertrauen, kümmert. Das ist die lange Zeit, über die sich die Filmgeschichte erstreckt. Am Ende des Films ist aus dem vierjährigen Kind eine junge Frau geworden. So kann Vega in mehreren Episoden auch zeigen, wie sehr Ola von ihren Entführern und ihren wechselnden Vertrauenspersonen manipuliert wird. Für sie ist dieses Leben als Sexsklavin die Normalität.

Der dritte Punkt sind die Handlungsorte. Teile des Films spielen in den uns filmisch gut vertrauten Ländern Großbritannien (hier Rotherham) und Thailand (hier Bangkok). Weitere Episoden – jedes Land ist ein anderer Ermittlungsschritt für Goc und eine Begegnung mit einer mehrere Jahre älteren Ola – spielen in Polen, Russland und der Ukraine.

Andere Thriller zum gleichen Thema spielen oft in einem kürzeren Zeitraum von wenigen Monaten oder Jahren und die Handlungsorte sind in den USA und Südamerika, seltener in Asien. Wenn die Filme aus Großbritannien oder Skandinavien kommen, dann spielt die Geschichte dort. Aber in Richtung Osteuropa bewegt die Filmgeschichte sich fast nie.

Jedenfalls nicht, wenn die Geschichte als Actionthriller erzählt wird. Und genau das ist „Small World“: ein harter Exploitation-Thriller, der niemals in den Verdacht gerät, seine Geschichte besonders subtil zu erzählen und der vor allem wegen der unverbrauchten osteuropäischen Handlungsorte interessant ist. Außerdem ist alles, im Gegensatz zu ähnlichen US-amerikanischen Filmen, eine Spur rauer und unglamouröser. Auch die Schauspieler sehen wie Menschen aus, denen wir jederzeit auf der Straße begegnen könnten.

Small World (Small World, Polen 2021

Regie: Patryk Vega

Drehbuch: Olaf Olszewski, Patryk Vega

mit Enrique Arce, Julia Wieiawa-Narkiewicz, Piotr Adamczyk

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Small World“

Rotten Tomatoes über „Small World“

Meine Besprechung von Patryk Vegas „Bad Boy“ (Bad Boy, Polen 2020)


TV-Tipp für den 18. September: Beale Street

September 17, 2021

3sat, 22.50

Beale Street (If Beale Street could talk, USA 2018)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: James Baldwin: If Beale Street could talk, 1974 (Beale Street Blues)

Harlem in den frühen Siebzigern: der 21-jährige Fonny sitzt im Gefängnis. Er soll ene Puerto Ricanerin vergewaltigt haben. Seine Freundin Tish ist von seiner Unschuld überzeugt.

TV-Premiere. Überaus gelungenes, in Rückblenden erzähltes Drama über ein Liebespaar und einen nur wegen seiner Hautfarbe inhaftierten Mann. Damit ist „Beale Street“, von „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins nach dem Roman von James Baldwin inszeniert, auch eine Anklage gegen den Rassismus in den USA.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis, Ebony Obsidian, Dominique Thorne, Diego Luna, Finn Wittrock, Ed Skrein, Brian Tyree Henry, Dave Franco, Pedro Pascal

Die lesenswerte Vorlage und ein klassisches Essay von James Baldwin

James Baldwin: Beale Street Blues

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Nachwort von Daniel Schreiber)

dtv, 2019

224 Seiten

12,90 Euro

Oritinalausgabe

If Beale Street could talk

Dial Press, New York, 1974

James Baldwin: Nach der Flut das Feuer – The Fire next Time

(neu übersetzt von Miriam Mandelkow, mit einem Vorwort von Jana Pareigis und einer Nachbemerkung von Miriam Mandelkow zur Übersetzung)

dtv, 2019

128 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

The Fire next Time

Dial Press, New York, 1963

Hinweise

Moviepilot über „Beale Street“

Metacritic über „Beale Street“

Rotten Tomatoes über „Beale Street“

Wikipedia über „Beale Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Beale Street“ (If Beale Street could talk, USA 2018) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“

September 17, 2021

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Maria Speths Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ den Silbernen Bären und, später, den Berlinale Publikums-Preis für den besten Wettbewerbsfilm. Seit dem Bären-Gewinn wird der Film einhellig abgefeiert. Zuletzt wurde er in den Kategorien „Bester Dokumentarfilm“ und „Beste Regie“ für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Dabei erzählt er doch nur von einem Lehrer und seiner Klasse. Der titelgebende Lehrer Dieter Bachmann unterrichtet in Stadtallendorf, einer Stadt in Hessen in der Nähe von Marburg, an der Gesamtschule eine sechste Schulklasse, genaugenommen die 6b. Am Ende des Schuljahres gibt es die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen. Die Schüler haben fast alle einen Migrationshintergrund. Bei einigen kamen die Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland. Andere sind erst vor wenigen Monaten nach Deutschland gekommen. Viele haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Es wird auch türkisch, bulgarisch und italienisch gesprochen. Dieser hohe Migrationsanteil unterscheidet diese Klasse, jedenfalls außerhalb von Großstädten, vielleicht etwas von anderen Schulklassen. Aber insgesamt ist es eine ganz normale Schulklasse mit ganz normalen Teenagern.

Maria Speth beobachtet diese Klasse und die Dynamik zwischen den Schülern und ihrem Lehrer, den sie über ihren Mann kennen lernte, ausführlich. Die Dreharbeiten waren von Januar bis Juni 2017. Insgesamt hatte sie über dreißig Drehtage und am Ende zweihundert Stunden Rohmaterial. Daraus kondensierte sie in jahrelanger Arbeit die jetzige 217-minütige Kinofassung.

Das sind fast vier Stunden. Und dann noch in der Schule. Als hätten wir während unserer Kindheit und Jugend nicht genug Stunden an diesem Ort des Schreckens verbracht. Trotzdem lohnt sich die Rückkehr in das Klassenzimmer, das in diesem Fall auf einer Kinoleinwand in einem gemütlichen Kinosaal und ohne Notendruck ist.

Den Notendruck lehnt Herr Bachmann ebenfalls ab. Er ist der Ansicht, dass es in der Schule um andere, um nicht zu sagen wichtigere Dinge geht. Deshalb sieht sein Klassenzimmer wie ein Zimmer in einem Jugendhaus aus. Mit einer Schlafcouch in der einen, einem Schlagzeug in der anderen Ecke. Neben Musik gibt es auch Entspannung an der frischen Luft und Werkunterricht. Er versucht ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu geben. Das und sein aufrichtiges Interesse an seinen Schülern, ihrem Leben und ihren Problemen unterscheidet ihn von anderen Lehrern. Er fragt sie nach ihrer Meinung und den Gründen dafür. Er lernt sie, durch sein Wesen und seinen Unterricht, Toleranz und Neugierde.

Über ihn selbst erfahren wir wenig. Er studierte in Berlin und wurde erst relativ spät Lehrer. Mehr aus Verlegenheit, als aus Berufung. Wobei, wenn man ihn mit seiner Klasse sieht, es dann doch Berufung war. Inzwischen ist er nämlich pensioniert.

Maria Speth zeigt das Geschehen im Klassenzimmer als beobachtende Dokumentation, die dann auch mit den Problemen zu kämpfen hat, mit denen beobachtende Dokumentarfilme zu kämpfen haben. Es gibt kein Voice-Over oder sprechende Köpfe, die schnell wichtige Informationen vermitteln. Das alles muss man sich aus dem Film erschließen. Dass Herr Bachmann an einer Gesamtschule unterrichtet, ahnt man ungefähr nach dem dritten gemeinsamen Essen im Klassenzimmer, aber es wird niemals deutlich gesagt.

In ihrem Film konzentriert Speth sich auf Herrn Bachmann (ein Lehrer verdient eine gewisse respektvolle Anrede) und die Menschen, denen er begegnet. Niemand kommentiert ihn oder seinen Unterricht. Es gibt daher keine kritische oder auch lobende Stimme. Es gibt auch keine Einordnung von seinem Unterrichtsstil in das mir hessische und bundesdeutsche Bildungswesen. Speth schildert einen Einzelfall, der für sich selbst steht. Es ist daher auch unklar, wie sehr Herr Bachmann sich von anderen Lehrern an dieser Schule und in Deutschland unterscheidet.

Das sind jetzt allerdings keine Einwände gegen den Film. „Herr Bachmann und seine Klasse“ ist ein trotz seiner epischen Länge sehr kurzweiliger Film mit positiven Botschaft, der auch für Menschen sehenswert ist, die eine Schule zuletzt bei ihrer Abschlussfeier gesehen haben. Und in jedem Fall sollte es in der Schule mehr Bachmänner geben.

Herr Bachmann und seine Klasse (Deutschland 2021)

Regie: Maria Speth

Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider

mit Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar

Länge: 217 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Moviepilot über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Rotten Tomatoes über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Wikipedia über „Herr Bachmann und seine Klasse“

Berlinale über „Herr Bachmann und seine Klasse“


Neu im Kino/Filmkritik: „Saw: Spiral“ mordet pervers weiter

September 17, 2021

Der Jigsaw-Killer ist tot. Trotzdem begeht er oder ein Nachahmungstäter jetzt weitere Morde mit perversen Tötungsvorrichtungen. Sein erstes Opfer ist ein Detective, der in einem U-Bahn-Tunnel die Wahl hat, sich entweder die Zunge herauszureißen oder von einer U-Bahn überfahren zu werden. Er behält seine Zunge.

Den Fall übernimmt der mit ihm befreundete Detective Ezekiel ‚Zeke‘ Banks (Chris Rock), Sohn des pensionierten Polizeichefs Marcus Banks (Samuel L. Jackson, gewohnt souverän sein Ding durchziehend).

Ezekiel Banks ist der typische Hardboiled-Cop der Dirty-Harry-Schule: ein unangepasster, großmäuliger, sich ständig mit seinen wahlweise inkompetenten oder faulen Kollegen anlegender Einzelgänger, der einen Tobsuchtsanfall bekommt, als ihm ein neuer Partner, der Neuling William Schenk (Max Minghella), zugeteilt wird. Die beiden Polizisten suchen jetzt gemeinsam den Mörder, während dieser munter weitermordet. Dabei tötet er nur, auf denkbar pervesteste Art, Menschen, die den Tod verdient haben. Dieses Mal konzentriert er sich auf korrupte, pflichtvergessene und schlichtweg verbrecherische Polizisten.

Saw: Spiral“ ist der neunte „Saw“-Film. Darren Lynn Bousman, der bereits den zweiten, dritten und vierten „Saw“-Film inszenierte, übernahm wieder die Regie. Das Drehbuch ist von Josh Stolbert und Pete Goldfinger, den Autoren des vorherigen „Saw“-Films „Jigsaw“. „Saw“-Fan Chris Rock hatte die Idee für den Film mit und er übernahm auch die Hauptrolle. Er spielt Detective Banks allerdings hoffnungslos überdreht. In einem „Saturday Night Live“-Sketch wäre dieses nervige Spiel und die hanebüchenen Dialoge gerade noch akzeptabel. In einem Horrorfilm nicht.

Und selbstverständlich gibt es einige perverse Morde. Das war schon immer das Kennzeichen der „Saw“-Reihe: ein maskierter Mörder, der Jigsaw-Killer, schnappt sich Menschen, die etwas Schlimmes getan haben, sperrt sie in eine Tötungsvorrichtung und stellt sie vor die Wahl, sich selbst zu verstümmeln oder brutal zu sterben. Über die moralischen Implikationen dieses Konzepts und der Taten sollten wir jetzt nicht weiter nachdenken.

Kommen wir gleich zum neuesten „Saw“-Film. Hauptsächlich spult „Saw: Spiral“ das Programm eines klischeebelasteten Cop-Thrillers der Post-Dirty-Harry-Ära in der Billigvariante ab. Da wird munter über Tatorte gelatscht und, ohne Handschuhe, fast immer alles angefasst. Dabei sollte spätestens seit „C. S. I.“ jeder wissen, dass so nur der Tatort verunreinigt und alle Spuren unbrauchbar werden. Da gibt es auf dem Revier die sattsam bekannten Hahnenkämpfe mit Sätzen, die noch nicht einmal in die erste Fassung des Drehbuchs hätten gelangen dürfen. Da wird die belanglose Schnitzeljagd-Story durch vorhersehbare Twists und Jigsaw-Morde vorangetrieben bis zur großen Enttarnung von Täter und Motiv.

Saw: Spiral“ ist ein belangloses Werk, das in seinen besten Momenten langweilt und in seinen schlechtesten nervt.

Saw: Spiral (Spiral: From the Book of Saw, USA 2021)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Josh Stolberg, Pete Goldfinger

mit Chris Rock, Samuel L. Jackson, Max Minghella, Marisol Nichols

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Zur schnellen Auffrischung: ein Best-of früherer Taten des Jigsaw-Killers

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Saw: Spiral“

Metacritic über „Saw: Spiral“

Rotten Tomatoes über „Saw: Spiral“

Wikipedia über „Saw: Spiral“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Lynn Bousmans „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“ (Mother’s Day, USA 2010)


TV-Tipp für den 17. September: Get Out

September 16, 2021

3sat, 22.25

Get out (Get out, USA 2017)

Regie: Jordan Peele

Drehbuch: Jordan Peele

Chris besucht die Eltern seiner Freundin Rose. Auf den ersten Blick sind sie supernette, liberale, weiße, wohlsituierte US-Amerikaner.

Grandioser Horrorfilm, der schonungslos mit dem US-amerikanischen Rassismus abrechnet.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Marcus Henderson, Betty Gabriel, Lakeith Stanfield, Stephen Root, Lil Rel Howery,

Ashley LeConte Campbell

Hinweise

Moviepilot über „Get out“

Metacritic über „Get out“

Rotten Tomatoes über „Get out“

Wikipedia über „Get out“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jorda Peeles „Get out“ (Get out, USA 2017)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Wir“ (Us, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Denis Villeneuves Verfilmung der ersten Hälfte von Frank Herberts „Dune“

September 16, 2021

Als Warner Bros. Pictures im Dezember 2020 ankündigte, dass sie in den USA „Dune“ und weitere Blockbuster gleichzeitig im Kino und auf ihrem Streamingportal HBO Max veröffentlichen würden, war „Dune“-Regisseur Denis Villeneuve verärgert. Er befürchtete, dass dieser Schritt weitere „Dune“-Kinofilme verhindere.

Damals klang das nach dem Gefühlsausbruch eines gekränkten Regisseurs, der seine Filme lieber im Kino sieht. Heute wissen wir, dass er das auch sagte, weil er in „Dune“ nur die erste Hälfte von Frank Herberts achthundertseitigem SF-Klassiker „Dune – Der Wüstenplanet“ verfilmt hat. Sein Film endet nach hundertfünfzig Minuten einfach mitten in der Geschichte. Das Ende gibt es dann in ein, zwei Jahren und einen dritten „Dune“-Film, der auf „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah, 1969) basieren soll, später. Falls es nicht dazu kommt, hat man mit „Dune“ einen halben Film gesehen. Und, ja, ich meine das genau so, wie ich es sage: „Dune“ ist wie ein „Tatort“, den man nach 45 Minuten anhält. Wobei der Vergleich mit Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016) treffender wäre. Das war die erste Hälfte des zweiteiligen Finales einer vierteiligen Young-Adult-Dystopie, von der der Abschluss des Finales nie gedreht wurde. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch weil bis jetzt noch nicht bekannt ist, ob es „Dune: Part Two“ geben wird.

Immerhin führt die schon lange vor dem Dreh gefällte Entscheidung, „Dune – Der Wüstenplanet“ in zwei Filmen zu erzählen, dazu, dass Villeneuve viel Zeit hat, die Geschichte zu erzählen. Nämlich, wenn der zweite Teil wieder hundertfünfzig Minuten lang ist, gut fünf Stunden. Er kann also in aller Ruhe Figuren, Konflikte und Themen einführen. Er kann, immerhin soll „Dune“ der Auftakt einer Trilogie sein, das alles so einführen, das es bereits im ersten Film Hinweise auf Entwicklungen gibt, die erst im zweiten oder dritten Film wichtig werden. Genau das scheint Villeneuve mit dem aus der Perspektive der Fremen erzähltem Prolog zu beabsichtigen. Es wird, so der erste Eindruck, nicht die Geschichte von Paul Atreides sondern die der Fremen erzählt. In den nächsten Minuten ändert sich das. Die ersten vierzig Minuten spielen auf dem Wasserplaneten Caladan, dem alten Sitz des Hauses Atreides. Die nächsten fünfzig Minuten spielen dann auf Arrakis, dem neuen Sitz des Hauses Atreides, dem Wüstenplanet. Diese neunzig Minuten sind vor allem eine Einführung der Welt, in der die Geschichte spielt und der wichtigen Figuren. Villeneuve folgt hier zwar Herberts Buch, aber er präsentiert den Protagonisten Paul Atreides (Timothée Chalamet), der schon auf Caladan Visionen von einer in der Wüste lebenden, für ihn wichtigen, jetzt aber noch unbekannten Frau hat und der der Auserwählte ist, seinen Vater Leto Atreides (Oscar Isaac), einem besonnenem Herrscher, und seine Mutter Jessica Atreides (Rebecca Ferguson), einer Bene Gesserit, und die verschiedenen Konflikte so, dass sie nachvollziehbar sind. Besonders wichtig ist der Konflikt mit dem Haus der Harkonnen. Sie sind die bisherigen Kolonialherren von Arrakis und sie wollen den Planeten wieder in ihren Besitz bringen. Auf dem Planeten gibt es das Gewürz, auch Melange oder Spice genannt. Es ist gleichzeitig eine Bewusstseinserweiternde Droge und der Treibstoff für die Raumschiffe. Deshalb ist die Herrschaft über den Wüstenplaneten eine Lizenz zum Gelddrucken.

Die Harkonnen sind die bösen Bösewichter, die als Kolonialherren despotische Unterdrücker waren. Um wieder die Herren über den Planeten zu werden, ermorden sie Leto Atreides und fast alle seine Gefolgsleute.

Paul und seine Mutter flüchten in die Wüste, wo die Fremen leben.

Ab diesem Moment wird der Film zu einer länglichen Abfolge von Episoden, die die Handlung nicht erkennbar voranbringen. Wer das Buch kennt und weiß, wie die Geschichte endet, ist hier im Vorteil. Denn nachdem Villeneuve in der ersten Hälfte des Films die Romanhandlung intelligent auf die Leinwand übertrug, klebt er nach Leto Atreides‘ Tod zu sehr an der episodenhaften Romanhandlung. Ein Thema ist nicht mehr erkennbar. Der den Roman bestimmende Konflikt mit den Harkonnen über die Herrschaft über den Wüstenplaneten verschwindet hier, wie im Roman, aus der Geschichte.

Auffallend ist in dem Moment auch das überkommene Frauenbild des 1965 erschienenen Romans, das hier bruchlos in den Film übertragen wird. Pauls Mutter Jessica Atreides, die ein Mitglied des einflussreichen Frauenordens der Bene Gesserit ist und die deshalb über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, ist jetzt nur noch ein hilfsbedürftiges Anhängsel von Paul, der sie aus gefährlichen Situationen retten muss und gefährliche Situationen allein meistert. Und die Filmgeschichte ähnelt immer mehr „Lawrence von Arabien“ mit Paul als Retter der Fremen. Aber das ist dann die Geschichte des zweiten „Dune“-Films.

Villeneuve erzählt diese Geschichte, wie schon in seinem vorherigem Film „Blade Runner 2049“, mit teilweise enervierender, prätentiöser Langsamkeit. Natürlich sind die Bilder von dem Wüsten- und dem Wasserplaneten überwältigend. Die Präsentieraufmärsche der Soldaten sind, wie in den „Star Wars“-Filmen, zweckfrei, aber schön anzusehen. Und die Räume, durch die die Menschen gehen müssen, sind oft verschwenderisch groß. Das weckt auch immer wieder Erinnerungen an diverse Bibel-Filme; vielleicht auch weil Paul Atreides der Auserwählte, der Messias, ist,

In jedem Bild ist ein Übermaß an Respekt vor der Vorlage zu spüren. Villeneuve kürzte nicht herzhaft, setzte keine eigenen Schwerpunkte oder veränderte Perspektiven (was hätte aus „Dune“ für ein Film werden können, wenn Villeneuve die gesamte Geschichte aus der Perspektive der Fremen erzählt hätte!). Stattdessen folgt er Frank Herberts Geschichte fast schon sklavisch.

Trotz guter Momente, guter Schauspieler (teils nur in Minirollen), imposanter, für das Kino komponierter Bilder und einer guten ersten Hälfte, ist „Dune“ letztendlich ein enttäuschendes Werk. Das liegt allerdings nicht an der Vorlage, sondern an dem fehlendem Mut, die Geschichte aus den Sechzigern (wo sie mit ihrer Ideologie und ihren Bezügen steht) in die Gegenwart zu bringen und für den Film umfassend umzuarbeiten. Denn so wahnsinnig komplex, wie immer wieder behauptet wird, ist der Roman nicht.

Stattdessen gibt es eine viel zu ehrfurchtsvolle Bebilderung der ersten Hälfte des Romans.

Dune (Dune, USA 2021)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts, Eric Roth

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Jason Momoa, Stellan Skarsgård, Stephen McKinley Henderson, Josh Brolin, Javier Bardem, Sharon Duncan-Brewster, Chang Chen, Dave Bautista, David Dastmalchian, Zendaya, Charlotte Rampling, Babs Olusanmokun, Benjamin Clementine

Länge: 156 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020 (die Filmausgabe)

800 Seiten

12,99 Euro

Zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover.

Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen.

Originalausgabe

Dune

Chilton Books, 1965

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Dune“

Metacritic über „Dune“

Rotten Tomatoes über „Dune“

Wikipedia über „Dune“ (2021) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

Meine Besprechung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ (Dune, 1965)


TV-Tipp für den 16. September: Heist – Der letzte Coup

September 15, 2021

Tele 5, 20.15

Heist – Der letzte Coup (Heist, USA 2001)

Regie: David Mamet

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.

Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.

Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay

Wiederholung: Samstag, 18. September, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Drehbuch von David Mamet

Moviepilot über „Heist“

Metacritic über „Heist“

Rotten Tomatoes über „Heist“

Wikipedia über „Heist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


Über Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“

September 15, 2021

Anläßlich der neuen Verfilmung von Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ habe ich jetzt den Roman gelesen. Als Teenager wer er mit achthundert Seiten eindeutig zu lang. In der gleichen Zeit konnte ich mindestens vier spannende Kriminalromane und ein Jerry-Cotton-Abenteuer lesen. Außerdem interessierten mich irgendwelche Streitigkeiten von Erbmonarchien auf irgendwelchen abgelegenen Wüstenplaneten nicht weiter. Das ging mir schon nach dem Klappentext zu sehr in Richtung Fantasy.

Trotzdem wird dieser Roman immer als Science-Fiction-Roman bezeichnet. 1966 erhielt er den Hugo Award als bester Roman. Schon seit Jahrzehnten gilt er als Science-Fiction-Klassiker und er ist ein niemals vergriffener Bestseller, der in den Sechzigern den Zeitgeist traf.

Die Geschichte dürfte allgemein bekannt sein. Jedenfalls die von dem ersten, inzwischen mehrfach verfilmten Dune-Roman dürfte bekannt sein. Denn „Dune – Der Wüstenplanet“ war der Auftakt für weitere Romane. In fünf dicken Büchern erzählte Frank Herbert die Geschichte weiter. Nach seinem Tod schrieben sein Sohn Brian und Kevin J. Anderson weitere in der Welt von Dune spielende Romane. In meiner Besprechung von „Dune – Der Wüstenplanet“ und von Denis Villeneuves Verfilmung (demnächst) ignoriere ich die weiteren Werke und damit auch die weiteren Ereignisse und Entwicklungen.

In „Dune – Der Wüstenplanet“ erzählt Frank Herbert die Geschichte von Paul Atreides, der auf dem Wüstenplaneten Arrakis zu Paul Muad’Dib, dem Anführer der Fremen, wird. Die Fremen sind das auf dem Planeten lebende Wüstenvolk. Er führt sie in einen erfolgreichen Aufstand gegen das Haus der Harkonnen, die seinen Vater ermordet und anschließend wieder die Macht über den Planeten über nommen haben. Die Harkonnen sind, kurz gesagt, böse Machthaber. Despoten halt. Arrakis ist ein wichtiger Planet, weil es nur dort das für die Raumfahrt wichtige Gewürz gibt.

Dune – Der Wüstenplanet“ erzählt eine Geschichte von zwei Herrscherhäusern, die sich bekämpfen und einem Messias. Dieser Messias ist aufgrund seiner Zeugung und Zugehörigkeit zu einem Herrscherhaus schon von Geburt an auserwählt. Durch die Art seiner Zeugung wurde er noch auserwählter. Die Geschichte spielt in einer mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Es ist eine streng hierarchische Kastengesellschaft, in der jeder von Geburt an eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft hat, die er nicht verlassen kann.

Und damit wären wir schon bei einem Problem des Romans. „Dune – Der Wüstenplanet“ ist kein Mittelater-Roman, kein Fantasy-Roman und auch kein in einem Paralleluniversum spielender Roman, sondern ein im elften Jahrhundert spielender Science-Fiction-Roman. Damit wirkt diese Rückkehr in eine Feudalgesellschaft mit Herzögen, Lehnswesen, einflussreichen Bünden (wie den Bene Gesserit, in der Frauen zu so etwas wie kirchliche Superkriegerinnen ausgebildet werden [nicht zu verwechseln mit der katholischen Kirch]) und einer mächtigen Handelsallianz, der MAFEA (Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All [nicht zu verwechseln mit der Hanse]) doch etwas merkwürdig. In jedem Fall ist es eine Rückkehr ins Mittelalter, garniert mit einigen modernen Einsprengseln, die sich vor allem darin erschöpfen, dass hier Lehnswesen immer ganze Planeten sind und es Raumschiffe gibt.

Gleichzeitig ist „Dune – Der Wüstenplanet“, wie jeder in fremden Welten und Zukünften spielender Science-Fiction-Roman ein Kind seiner Zeit. Und das waren, als Herbert den ersten Dune-Roman schrieb, die frühen sechziger Jahre. Es ist die Welt vor „Raumschiff Enterprise“ (das startete erst 1966), vor ‚1968‘, vor der Friedensbewegung, vor der Frauenbewegung und vor der Ölkrise. Es ist die Welt zwischen Dekolonialisierung – der Algerienkrieg endete 1962 – und dem Aufstieg der 1960 gegründeten OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) zu einer mächtigen Organisation, die in den nächsten Jahren den Ölpreis festlegte. Es erfordert wenig Fantasie, Arrakis mit dem Nahen Osten, das auf ihm gefundene für Gewürz (aka Melange aka Spice aka der für die Raumfahrt sehr wichtige Rohstoff, der nur auf Arrakis gefunden wird) mit Öl, die auf Arrakis lebenden Fremen mit Beduinen, die wechselnden, Arrakis ausbeutenden Herzogtümer mit Kolonialmächten und den 15-jährigen Paul Atreides mit dem aus dem Westen kommendem Befreier (als Kreuzung aus Jesus Christus und Lawrence von Arabien) gleichzusetzen.

Das ist per se kein Problem, weil jedes Buch ein Kind seiner Zeit ist. Allerdings wirkt die in „Dune – Der Wüstenplanet“ erfundene Welt mit ihren Ansichten und Regeln heute äußerst gestrig, um nicht zu sagen vorgestrig.

Ein weiteres Problem von „Dune – Der Wüstenplanet“ ist, dass Frank Herbert kein begnadeter Erzähler ist. Die ganze, doch sehr einfache Geschichte, entwickelt sich sehr zäh, humorfrei und elliptisch. Anstatt die verschiedenen Kämpfe zu zeigen, lässt Herbert lieber Menschen darüber berichten. In einem Roman, in dem auch eingefügte Zeitungsartikel, Berichte und Protokolle, wie James Ellroy in seinen Büchern zeigt, eine ganz eigene Dynamik entfalten können, kann das funktionieren. In einem Film führt das zu einer endlosen Abfolge von Monologen.

Für mich war „Dune – Der Wüstenplanet“ eine arg dröge Lektüre.

Für eine gelungene Verfilmung müsste die Geschichte umfassend umgearbeitet werden. Das geht. Immerhin ist die Geschichte von Paul Atreides nicht so wendungsreich und komplex wie eine James-Ellroy-Geschichte (ich sage nur „L. A. Confidential“). David Lynch scheitert mit seiner Verfilmung des Romans. Denis Villeneuves Verfilmung ist gelungener, aber immer noch viel zu nah an der Vorlage.

Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet

(übersetzt von Jakob Schmidt)

Heyne, 2020 (die Filmausgabe)

800 Seiten

12,99 Euro

Zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover.

Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen.

Originalausgabe

Dune

Chilton Books, 1965

Der erste Kinofilm

Der Wüstenplanet (Dune, USA 1984)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

Mit Kyle MacLachlan, José Ferrer, Francesca Annis, Jürgen Prochnow, Kenneth McMillan, Silvana Mangano, Dean Stockwell, Max von Sydow, Linda Hunt, Brad Dourif, Sting, Sean Young, Richard Jordan, Sean Phillips, Freddie Jones, Patrick Stewart, Virginia Madsen

Der zweite Kinofilm

Dune (Dune, USA 2021)

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts, Eric Roth

LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)

mit Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac, Jason Momoa, Stellan Skarsgård, Stephen McKinley Henderson, Josh Brolin, Javier Bardem, Sharon Duncan-Brewster, Chang Chen, Dave Bautista, David Dastmalchian, Zendaya, Charlotte Rampling, Babs Olusanmokun, Benjamin Clementine

Hinweise

Homepage der Dune-Bücher

Wikipedia über Frank Herbert (deutsch, englisch), „Dune – Der Wüstenplanet“ (Roman) und das Dune-Franchise (deutsch, englisch)

 


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