Neu im Kino/Filmkritik: Über Philipp Stölzls sich Freiheiten nehmende Stefan-Zweig-Verfilmung „Schachnovelle“

September 23, 2021

Sicher könnte ich darauf hinweisen, dass Stefan Zweigs „Schachnovelle“ Schullektüre und deshalb wichtig sei. Aber das mit der Schullektüre sagt man halt, wenn man sagen will, dass es sich um einen Klassiker handelt, den man dann doch nie liest. Auch wenn es sich, wie in diesem Fall, um ein gutes und sehr lesenswertes Buch handelt. Sinnvoller ist bei der „Schachnovelle“ deshalb der Hinweis auf die vielen aktuell erhältlichen Ausgaben der Geschichte. Das zeigt, wie oft die kurze Geschichte heute immer noch gekauft und sicher auch gelesen wird.

Stefan Zweig schrieb die „Schachnovelle“ im Exil. Er verschickte die Typoskripte für die verschiedenen Ausgaben der Geschichte einen Tag bevor er und seine Ehefrau Lotte Zweig am 22. Februar 1942 Suizid begingen.

In der Novelle geht um ein Schachspiel auf einem Passagierschief auf seiner Fahrt von New York nach Buenos Aires (im Film von Europa nach New York). Der eine Spieler ist Mirko Czentovic. Der amtierende Schachweltmeister ist ein primitiver, des Lesens, Schreibens und Redens kaum mächtiger, aus einem südslawischem Dorf kommender Mann, der nur spielen kann, wenn er das Schachbrett vor sich sieht. Er ist ein Barbar.

Der andere ist Dr. B. (im Film Dr. Josef Bartok), der das Schachbrett nicht sehen muss, um zu spielen. Während seiner Gefangenschaft in einem Hotelzimmer im Hotel Métropole und zwischen Gestapo-Verhören lernte er mit der Hilfe von einem Schachbuch heimlich Schach. Zuerst spielte er die Spiele aus dem Buch in seinem Kopf nach. Später erfand er neue Spiele, in denen er gegen sich spielte. Vor seiner Gefangenschaft wer er in Wien ein gut verdienender, Kultur genießender, hochnäsiger Anwalt. Er ist ein Bildungsbürger und Feingeist.

Philipp Stölzl („Der Medicus“) verfilmte jetzt diese kurze Geschichte. Je nach Ausgabe umfasst sie so fünfzig, sechzig Druckseiten. Für einen Film muss also einiges erfunden und, in diesem Fall, an der Struktur verändert werden. Denn Zweig beginnt seine Novelle mit der Abfahrt des Schiffes. Dr. B. taucht erst am Ende des ersten Drittels auf. Wenige Seiten später erzählt er einer langen Rückblende, wie er das Schachspielen lernte. Stölzl änderte dies. Dr. B., der, wie gesagt, im Film Dr. Josef Bartok heißt, ist von Anfang an präsent. Dafür erfolgt seine erste Begegnung mit dem Schachmeister Mirko Czentovic später. Im Film gibt es auch nicht eine, sondern mehrere Rückblenden zu Bartoks Leben in Wien. Außerdem erfand Stölzl neue Figuren, wie Bartoks Frau, und er schildert Bartoks Gefangenschaft im Luxushotel Métropole viel ausführlicher. Sie steht im Zentrum des Films. Auch über sein Leben vor seiner Gefangenschaft, und damit bevor die Nazis Österreich besetzten, erfahren wir mehr. Damals verwaltete er für Adlige Vermögen auf Geheimkonten. Auf diese Konten würden die Nazis gerne zugreifen. Stölzl stellt auch eine Vermutung darüber an, was mit Bartok nach seinem Spiel gegen Czentovic passiert. In der Novelle verlässt Dr. B. den Spieltisch und verschwindet im Schiff.

Stölzl und sein Drehbuchautor Eldar Grigorian haben also einiges geändert. Wobei ihre Änderungen vor allem darin bestehen, die Welt in der die Geschichte spielt, genauer zu zeichnen und zu ergänzen. Mal um wichtige Figuren, wie Bartoks schon erwähnte Frau, mal um Nebenfiguren, wie Mitglieder der Wiener Oberschicht oder Gefängniswärter, die vor allem das Bild vervollständigen. Auch der historische Hintergrund, der bei seiner Veröffentlichung 1942 als bekannt vorausgesetzt werden konnte, wird ausführlicher gezeigt. Stölzl schildert auch ausführlicher, wie Bartok in seiner Zelle das Schachspielen lernt und später dort gegen sich selbst spielt. Nachdem er die Spielfiguren in mühsamer Handarbeit hergestellt hat und sie immer wieder vor seinen Wärtern versteckt. Bei all diesen Veränderungen bleibt er in seiner überzeugenden Interpretation dem Geist der Vorlage treu.

Formal ist Stölzls „Schachnovelle“ eine konventionelle Buchverfilmung, die so ähnlich auch vor sechzig Jahren hätte inszeniert werden können und die sich auf die Schauspieler konzentriert. Und die sind gut. Oliver Masucci spielt Dr. Bartok, Albrecht Schuch (der aktuell in ungefähr jedem Film mitspielt und im November in „Lieber Thomas“ Thomas Brasch spielt) den Bartok verhörenden Gestapo-Leiter Franz-Josef Böhm und den Schachweltmeister Czentovic, Birgit Minichmayr spielt Bartoks Frau Anna, Joel Basmann (aktuell ebenfalls in ungefähr jedem Film dabei und ebenfalls in „Lieber Thomas“ dabei), Rolf Lassgård und Samuel Finzi übernahmen kleinere Rollen.

Schachnovelle (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Stölzl

Drehbuch: Eldar Grigorian, Philipp Stölzl

LV: Stefan Zweig: Schachnovelle, 1942

mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Schachnovelle“

Moviepilot über „Schachnovelle“

Wikipedia über „Schachnovelle“

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Der Medicus“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Ich war noch niemals in New York“ (Deutschland 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Snake Eyes: G.I. Joe Origins“ erzählt eine Origin-Story

August 19, 2021

Das was Hasbro mit den „Transformers“-Filmen gelang, will der Spielwarenfirma mit ihren „G.I. Joe“-Figuren nicht gelingen: nämlich aus sich erfolgreich verkaufendem Spielzeug ein erfolgreiches Kinofranchise zu kreieren, das sie noch reicher macht. Bei „Transformers“ gelang das dank des exzessiven Bombasts von Regisseur Michael Bay, leinwandsprengender Action, knapp bekleideten Frauen mit „Playboy“-Idealmaßen und Autos, die sich regelmäßig in riesige Roboter transformieren und demolieren. Das war idiotisch, aber an der Kinokasse unglaublich erfolgreich.

All das hatten die vorherigen „G.I. Joe“-Filme nicht. Deshalb wird jetzt mit „Snake Eyes: G.I. Joe Origins“ ein Neustart versucht. In Einzelfilmen sollen einzelne „G.I. Joe“-Figuren vorgestellt werden. Später sollen die Filme zu einem „Hasbro Cinematic Universe“ verschmelzen.

Robert Schwentke, ein deutscher Regisseur, der in Hollywood sein Geld mit Filmen wie „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“, „R.I.P.D.“, „Die Bestimmung – Insurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“ verdient, soll den Neustart zum Erfolg führen. Mit Henry Golding wurde ein junger Schauspieler engagiert, der in „Crazy Rich“ (Crazy Rich Asians), „Nur ein kleiner Gefallen“ (A Simple Favor), „Last Christmas“ und „The Gentlemen“ überzeugte. Allgemein werden ihm glänzende Karriereperspektiven attestiert. Er spielt die Hauptrolle: ‚Snake Eyes‘. Und eine Origin-Story hat einen großen Vorteil: es wird sich nur auf eine Figur und ihre Entwicklung konzentriert. Der Rest der Serienmythologie kann getrost ignoriert werden.

Dummerweise haben wir in den letzten Jahren schon so viele Origin-Geschichten gesehen, dass wir die einzelnen Handlungsschritte genau kennen. Außerdem müssen wir nicht von jedem Helden wissen, wie er zum Helden wurde. Schließlich haben wir uns früher auch nicht für die Kindheit und Jugend von James Bond oder Ellen Ripley interessiert.

Snake Eyes hat als Kind beobachtet, wie sein Vater von einem Killerkommando ermordet wurde. Jetzt arbeitet der schweigsame Einzelgänger im Hafen von Los Angeles für den Yakuza-Boss Kenta. Kenta hat ihm versprochen, ihm bei der Suche nach den Mördern seiner Eltern zu helfen. Als er auf Kentas Befehl einen jungen Mann töten soll, rettet er ihn.

Gemeinsam fliehen sie nach Japan. In Tokio wird Snake Eyes von der Familie seines neuen Freundes ‚Storm Shadow‘ Tommy Arashikage empfangen. Seit sechshundert Jahren beschützt der Arashige-Clan Japan seinen Feinden. In ihrem Besitz befindet sich ein unglaublich wertvoller, alter und, in den falschen Händen, unglaublich gefährlicher Gegenstand. Bis jetzt bestand der Clan nur aus Japanern.

Aber die Zeiten ändern sich und Snake Eyes hat bereits gezeigt, dass er ein tapferer Kämpfer ist. Tommy, der designierte Thronfolger, bieten an, ihn als Ninja auszubilden und so zu einem vollwertigen Mitglied der Familie zu machen.

Während er die verschiedenen Stufen seiner selbstverständlich anstrengenden Ausbildung absolviert, ist er hin und her gerissen zwischen seiner Loyalität zu Kenta und zu Tommy. Denn der Arashikage-Clan sei, so sagt ihm Kenta, verantwortlich für den Tod seiner Eltern. Aber kann er ihm vertrauen?

Und der Arashikage-Clan fragt sich, ob sie dem undurchschaubarem Fremden vertrauen können.

Das ganze ist reichlich lustlos und, sowohl für „G.I. Joe“- Novizen als auch für „G.I. Joe“-Fans, die die „G.I. Joe“-Mythologie kennen, unnötig kompliziert erzählt. So schwankt Snake Eyes, gefühlt im Minutentakt, immer wieder zwischen seiner Loyalität zu Kenta und seiner Freundschaft zu Tommy hin und her, ohne dass die Geschichte an Tiefe gewinnt. Es sorgt nur für überflüssige Verwirrung in einer letztendlich einfachen Kinderwelt, in der Gut und Böse sauber getrennt sind. Ein Interesse an den Figuren und ihren Motiven kommt in diesem Wust von Verrat und Gegenverrat, in dem „Cobra“ mal zu den Guten, mal zu den Bösen gehören soll, nicht aufkommen. Und zwar sowohl bei denen, die die „G.I. Joe“-Welt kennen (und daher wissen, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört), als auch bei den Novizen, die zunächst ratlos, später desinteressiert verfolgen, wie Loyalitäten ständig wechseln und willkürlich auftauchende, für spätere Filme möglicherweise wichtig werdende Figuren, die sich mal mehr, mal weniger skrupellos zwischen den verfeindeten Seiten bewegen. Das soll Tiefe und Komplexität vortäuschen. Es ist aber nur eine hoffnungslos verwirrend erzählte Geschichte, bei der die Macher selbst den Überblick verloren haben.

Die Action, die davon ablenken könnte, ist meistens verwirrend, hektisch geschnitten und spielt im Dunkeln. So kann geschummelt werden, wenn es um die kämpferischen Fähigkeiten der einzelnen, schwarz gekleideten Schauspieler geht.

Snake Eyes“ ist sicher besser als die vorherigen „G.I. Joe“-Filme. Trotzdem ist der kindgerecht-unblutige Actionfilm kein glorioser Auftakt für eine neue Kinoserie, wie es „Iron Man“ für das Marvel Cinematic Universe war, sondern die aktuelle Version von „Die Mumie“, dem vergurkten Auftakt des Dark Universe; einer geplanten Reihe von Neuverfilmungen von Universal-Horrorfilmklassikern, die nie über den ersten Film hinausgekommen ist.

Snake Eye: G.I. Joe Origins (Snake Eyes: G.I. Joe Origins, USA 2021)

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Evan Spiliotopoulos, Joe Shrapnel, Anna Waterhouse (nach einer Geschichte von Evan Spiliotopoulos)

mit Henry Golding, Andrew Koji, Úrsula Corberó, Samara Weaving, Samuel Finzi, Haruka Abe, Takehiro Hira, Peter Mensah, Iko Uwais, Eri Ishida

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Snake Eyes“

Metacritic über „Snake Eyes“

Rotten Tomatoes über „Snake Eyes“

Wikipedia über „Snake Eyes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (G.I. Joe: Retaliation, USA/Kanada 2013)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Der Hauptmann“ (Deutschland/Frankreich/Polen 2017 – der ist, im Vergleich zu seinen Hollywood-Werken und trotzt aller Probleme, wirklich sehenswert)


Neu im Kino/Filmkritik: „HERRliche Zeiten“ werden angekündigt

Mai 4, 2018

Betrunken verfasst Claus Müller-Todt eine Anzeige, in der er einen Hausangestellten sucht. Er schreibt allerdings nicht ‚Mädchen für alles gesucht‘, sondern ‚Sklave gesucht‘ und – Überraschung! – es melden sich viele Interessenten. Nachdem Müller-Todt die halbe städtische SM-Szene abgewiesen hat, bleibt nur noch Bartos übrig. Ein sehr höflicher, konservativ gekleideter Mann mit guten Manieren, einer überzeugenden CV und noch überzeugenderen Gehaltsvorstellungen. Er will eigentlich, wie es sich für einen Sklaven gehört, nur ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen haben. Für sich und seine jüngere, gut aussehende Frau, die ebenfalls den Müller-Todts als Sklavin dienen will.

Schon während der Probezeit sind Claus und seine Frau Eva Müller-Todt restlos begeistert von ihrem Sklaven Bartos, der ihnen jeden Wunsch erfüllt. Meist schon, bevor sie ihn äußern.

Diese Idee einer in die Gegenwart verlegten spätrömischen Dekadenz-Sklavenhaltergesellschaft werden einige von Thor Kunkels tiefschwarzer Satire „Subs“ kennen. Vor allem in den Nuller-Jahren sorgten seine Romane, auch außerhalb der engen Grenzen des Feuilletons, immer wieder für heftige Diskussionen. Kritisiert wurden sein Umgang mit der NS-Vergangenheit und die in den Romanen durch seine Figuren transportierten politischen Ansichten. Er erhielt auch viel Kritikerlob und wurde vielfach ausgezeichnet. Nach „Subs“ veröffentlichte er keine weiteren Romane. Zuletzt wurde ausführlich über seine Beratertätigkeit für die Bundestagswahlkampagne der AfD berichtet. Mit dieser Arbeit und verschiedenen politischen Äußerungen schoss er sich ins Abseits. Die Neuauflage von „Subs“ erschien, laut Ankündigung, jetzt im rechten Manuscriptum-Verlag. Und das ist ein eindeutiges, etwaige Unklarheiten beseitigendes Statement.

Auch Oskar Roehler, der jetzt Kunkels Roman als „HERRliche Zeiten“ verfilmte, ist nie um eine Provokation verlegen. Seine Filme sind nicht immer gelungen, aber sie haben immer eine persönliche Handschrift, eine Vision und sie sind nicht langweilig.

Vor dem Kinostart kam es hinter den Kulissen zu einem Streit, der bei der „Zeit“ (mit kostenpflichtiger Anmeldung) nachgelesen werden kann. Es ging um die Nennung von Kunkel als Drehbuchautor und als Autor der Vorlage. Als Drehbuchautor werde er nicht genannt, weil Jan Berger („Der Medicus“) ein neues Drehbuch schrieb, das mit dem Roman nur noch wenig zu tun hat. Und in der Werbung wird nur noch im Kleingedruckten auf die Vorlage hingewiesen. Das ist angesichts Kunkels derzeitiger Prominenz nachvollziehbar.

Insgesamt haben die Beteiligten in den letzten Wochen, mehr oder weniger geplant, alle Signale in Richtung „Provokation“ gestellt und, wie das so ist mit geplanten Skandalen: sie funktionieren nicht wie geplant.

Das liegt vor allem an dem Film, der jetzt endlich im Mittelpunkt der Besprechung stehen soll. Immerhin geht es um ihn. Da sind die politischen Ansichten der Macher und ihre in den Medien geäußerten Provokationen erst einmal und auf lange Sicht egal. Schließlich sind Autor und Werk nicht unbedingt identisch. Und das Werk kann intelligenter als der Autor sein.

Oskar Roehler und sein Drehbuchautor Jan Berger übernahmen für ihren Film „HERRliche Zeiten“ letztendlich nur die Prämisse und einige Szenen aus dem Roman „Subs“. Vor allem ab der Mitte erzählen sie eine vollkommen andere Geschichte, die aus Kunkels bitterböser, schwarzhumoriger Vision einer dekadenten Gesellschaft einen handelsüblichen Rachekrimi macht. Mit einer netten Idee am Anfang („Sklave gesucht“), einer römischen Dekadenzparty in der Mitte und viel langweiligem Klamauk.

Anstatt eine künstlerische Vision zu entwickeln, die als Satire provoziert und den Zuschauern eine Spiegel vorhält, wagt Roehler hier nichts. Das Kammerspiel ist unauffällig inszeniert und gut gespielt. Samuel Finzi als distinguierter Sklave und Katja Riemann als nervige Ehefrau sind gewohnt gut. Und Oliver Masucci geht wieder vollkommen in seiner Rolle auf. Bekannt wurde er als Adolf Hitler in „Er ist wieder da“. Zuletzt spielte er in „Spielmacher“ einen Gangsterboss. Jetzt ist er der Sklavenhalter und Schönheitschirurg Claus Müller-Todt. Ein einfältiger Unsympath, der sich rührend und überaus besorgt um seine Frau kümmert und ansonsten das Sinnbild des kleinbürgerlichen Großkotzes ist, der fasziniert die Partys seines Nachbarn verfolgt, aber niemals auf die Idee käme, selbst eine Party zu veranstalten.

HERRliche Zeiten“ ist keine provozierende Satire über die deutsche Gesellschaft, sondern ein pseudokritischer TV-Film, der konsequent auf eine beruhigende 20.15-Uhr-TV-Dramaturgie für Über-Sechzigjährige eingedampft wurde. Da provoziert nichts. Da regt nichts zum Nachdenken an. Die Komödie ist ein Kammerspiel, das so auch jeder andere Regisseur hätte inszenieren können.

Für einen Film von Oskar Roehler ist das eindeutig zu wenig. Denn eines konnte man bislang nicht über einen Roehler-Film sagen: dass er langweilig ist. Und genau das ist „HERRliche Zeiten“.

HERRliche Zeiten (Deutschland 2018)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Jan Berger (frei nach Motiven des Romans „Subs“ von Thor Kunkel)

mit Katja Riemann, Oliver Masucci, Samuel Finzi, Lize Feryn, Yasin El Harrouk, Margarita Broich, Andrea Sawatzki, Alexander Beyer, Katy Karrenbauer, Aslan Aslan

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „HERRliche Zeiten“

Moviepilot über „HERRliche Zeiten“

Wikipedia über „HERRliche Zeiten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“ (2008)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Schaumschwester“ (2010)

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Subs“ (2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Hauptmann“ Willi Herold ist ein Massenmörder

März 17, 2018

Nach mehreren Hollywood-Filmen, wie „Flightplan“, „R. E. D. – Älter Härter, Besser“, „Die Bestimmung – Unsurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“, kehrt Robert Schwentke mit seinem neuen Film „Der Hauptmann“ wieder zurück nach Deutschland, um eine sehr deutsche Geschichte zu erzählen. Nämlich die Geschichte eines deutschen Soldaten, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs desertiert, in einem Auto eine Hauptmannsuniform findet, sie anzieht und als Offizier Karriere macht.

Das klingt nach einer Variante des allseits beliebten Hauptmanns von Köpenick und auch Schwentke erzählt eine wahre Geschichte. Und damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schuhmacher Wilhelm Voigt und Willi Herold.

Herold, geboren am 11. September 1925 in Lunzenau, Mittelsachsen, macht nach seiner Volksschule eine Lehre als Schornsteinfeger, wird 1943 zur Wehrmacht eingezogen, dient an verschiedenen Kriegsfronten und wird Anfang April 1945 bei Gronau an der Nordwestfront von seiner Einheit getrennt. In einem liegen gebliebenem Militärfahrzeug entdeckt er eine Uniform, zieht sie an und wird von einem anderen Soldaten sofort als Hauptmann angesprochen. Herold nimmt diese Rolle an. In den nächsten Tagen scharrt er eine Gruppe von Soldaten um sich, die willig seinen Befehlen gehorchen.

Im Film ist dabei unklar, ob sie Herold als Schwindler erkennen und mitspielen oder nicht. Wobei die Schauspieler in ihrem Spiel oft die erste Interpretation nahe legen. Also dass sie sofort erkennen, dass Herold ein Hochstapler ist. Aus verschiedenen, mehr oder weniger naheliegenden Gründen Schweigen sie, spielen die Charade mit, gehorchen Herolds Befehlen und benutzen ihn, manchmal, für ihre Interessen.

Auf ihrer Irrfahrt durch das Emsland gelangen Herold und seine Männer in das Straflager Aschendorfmoor (aka Lager II). Dort lässt Herold über hundert gefangene Soldaten ermorden. Schwentke zeigt das Morden mit Vor-, Nach- und Zwischenspielen in detailfreudiger Ausführlichkeit.

Davor und danach morodieren Herold und die Kampfgruppe Herold durch das Emsland.

Nach dem Krieg wurde der Kriegsverbrecher Herold von einem britischen Militärgericht wegen der Ermordung von 125 Menschen verurteilt und am 14. November 1946, zusammen mit fünf seiner Helfer, hingerichtet.

Der Hauptmann“ zeigt erschreckend deutlich, wenn technisches Vermögen auf eine fehlende Haltung zu seinem Stoff und, in diesem Fall, zur realen Person trifft. Über die Schauspieler, die Kamera (Florian Ballhaus), die Ausstattung kann nicht gemeckert werden. Auch jede einzelnen Szene ist für sich genommen gut inszeniert. Nur fügen sie sich nie zu einer Einheit zusammen, weil Schwentke keine Haltung zu seinem Stoff hat. Es ist auch unklar, für was Herolds Geschichte stehen soll. Soll sie die Geschichte einer einzelnen Person sein, eines geborenen Sadisten, der einfach in dem festen Glauben dafür nicht bestraft zu werden, sich ihm bietende Gelegenheiten ausnutz, um seine sadistischen Triebe zu befriedigen? Oder geht es um einen Typus, beispielsweise den des deutschen Untertans, der blind, den Befehlen von Uniformträgern gehorcht? Oder, was Schwentke im Presseheft mit der Frage „Wie hätte ich mich verhalten?“ andeutet, will der Film eine Geschichte über die normalen Männer, die zu Täter werden erzählen? Dafür ist Herold angesichts der von ihm verübten Taten allerdings das denkbar ungeeignetste Beispiel.

Eine Köpenickiade ist „Der Hauptmann“ jedenfalls nicht. Auch wenn das Filmende, in dem die Schauspieler in Uniform und Militärfahrzeug durch eine deutsche Kleinstadt fahren und Fußgänger schikanieren, in dieser vollkommen deplatzierten Szene versucht, den humoristischen Tonfall des Filmanfangs wieder aufzunehmen. Diese Szene passt, egal wie man sie interpretieren will, nicht zu dem vorher gezeigten.

Das ist keine Kleinigkeiten. Denn eine Haltung und eine damit verknüpfte Botschaft zwingt zu einer bestimmten Anordnung des Materials. Sie gibt Vorgaben, wie man seine Geschichte erzählt. Sie sagt, was in die Geschicht hineingehört und was nicht. Und über sie kann gestritten werden. Über einen Film, der tonal alles bedient und dessen Protagonist, mehr oder weniger gleichzeitig ein zweiter ‚braver Soldat Schweijk“ (vor allem in den ersten Minuten), ein typisch deutscher ‚Untertan‘ (wie man es aus Heinrich Manns Roman und Wolfgang Staudtes Verfilmung kennt) und, ziemlich schnell, weil er das schon von Anfang an war, eine seine Macht genießender und über Gebühr ausnutzender Sadist ist, kann nicht gestritten werden. Es ist auch kein Film, der zu irgendeiner Erkenntnis führt. Er porträtiert nur einen Sadist, der ein Sadist ist, weil er ein Sadist ist, und den wir trotzdem mögen sollen, weil er doch ein Schlawiner ist, der die Dummheit des Systems vorführt.

Stefan Ruzowitzky, um nur ein Beispiel, wie man es besser macht, zu nennen, hatte in seiner Dokumentation „Das radikal Böse“ LINK eine Frage, eine Haltung und eine Botschaft. Er fragte sich, wie ganz gewöhnliche deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg zu Mördern wurden. Mit auch der für uns Zuschauer unangenehmen Botschaft, dass auch wir zu diesen Taten in der Lage wären.

Der Hauptmann“ ist dagegen nur edel inszenierte Gewaltpornographie mit einigen witzigen Szenen. Damit ist diese „Studie in Sachen Sadismus und Menschenverachtung“ (epd Film) dann doch erstaunlich nah an den „Saw“-Filmen.

Der Hauptmann (Deutschland/Frankreich/Polen 2017)

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Robert Schwentke

mit Max Hurbacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Britta Hammelstein, Sascha Alexander Geršak

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Hauptmann“

Moviepilot über „Der Hauptmann“

Rotten Tomatoes über „Der Hauptmann“

Wikipedia über „Der Hauptmann“ (deutsch, englisch) und Willi Herold

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)


TV-Tipp für den 11. November: Tod den Hippies!! Es lebe der Punk

November 11, 2017

One, 22.00

Tod den Hippies – Es lebe der Punk! (Deutschland 2015)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Oskar Roehler

Robert kommt in den frühen achtziger Jahren aus der Provinz nach Westberlin und lernt das punkige Nachtleben kennen.

Autobiographisch gefärbte Nummernrevue, die vor allem kurzweilig, mehr oder weniger gelungene Anekdoten und Stimmungsbilder aneinanderreiht und all die bekannten Berlin- und Subkulturklischees bestätigt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Frederick Lau, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Alexander Scheer, Rolf Zacher, Götz Otto, Oliver Korittke, Julian Weigend

alternative Schreibweise „ Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Wiederholung: Montag, 13. November, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Film-Zeit über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Moviepilot über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Rotten Tomatoes über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (noch keine Kritiken)
Wikipedia über Oskar Roehlerund den Film
RBB: Interview mit Oskar Roehler über den Film

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)


TV-Tipp für den 22. Februar: Tod den Hippies!! Es lebe der Punk

Februar 22, 2017

Arte, 23.15

Tod den Hippies – Es lebe der Punk! (Deutschland 2015)

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Oskar Roehler

Robert kommt in den frühen achtziger Jahren aus der Provinz nach Westberlin und lernt das punkige Nachtleben kennen.

Autobiographisch gefärbte Nummernrevue, die vor allem kurzweilig, mehr oder weniger gelungene Anekdoten und Stimmungsbilder aneinanderreiht und all die bekannten Berlin- und Subkulturklischees bestätigt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Frederick Lau, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Alexander Scheer, Rolf Zacher, Götz Otto, Oliver Korittke, Julian Weigend

alternative Schreibweise „ Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Wiederholung: Samstag, 4. März, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Film-Zeit über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Moviepilot über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Rotten Tomatoes über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (noch keine Kritiken)
Wikipedia über Oskar Roehlerund den Film
RBB: Interview mit Oskar Roehler über den Film

Meine Besprechung von Oskar Roehlers „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (Deutschland 2015)


DVD-Kritik: Ist „Der Tel-Aviv-Krimi“ ein guter Krimi?

April 4, 2016

Erinnert sich noch jemand an „Strangers“/“Sanfte Augen lügen nicht“ (A Stranger among us), diesen 1992 von Sidney Lumet inszenierten Krimi, in dem Melanie Griffith als Polizistin in New York im jüdischen Viertel unter Chassiden in einem Mordfall ermitteln muss? Der war gar nicht so schlecht in seiner Verbindung unterschiedlicher Elemente, garniert mit einem Einblick in eine fremde Kultur.

Wenn jetzt ein deutscher Krimi, eigentlich wohl eher der geplante Start einer ARD-Serie, als „Der Tel-Aviv-Krimi“ an den Start geht, dann erwartet der geneigte Krimifan natürlich, dass der, ähem, Titel irgendwie Programm ist und nicht nur den Schauplatz der Handlung nennt. Wobei das auch nur für den zweiten von bislang zwei „Tel-Aviv-Krimis“ zutrifft. Im Mittelpunkt der beiden, jeweils neunzigminütigen Krimis steht die Berliner Kommissarin Sara Stein, gespielt von Katharina Lorenz.

In „Tod in Berlin“ wird Tamar, eine israelische DJane, ermordet. Ihr Freund, ein Palästinenser, und seine Familie sind natürlich verdächtig. Aber natürlich könnte der Fall auch ein politisches Motiv haben. Sara Stein ermittelt brav nach Lehrbuch, hat zwei ziemlich nervige Assistenten, eine Vorgesetzte mit Beziehungsproblemen und einem Drang zu Pressekonferenzen (wegen: die Presse verlangt Antworten und da müssen wir halt auch Zwischenstände als Ergebnisse verkaufen), einer Familie (nett, aber überflüssig für die Geschichte) und einem Freund. Einem israelischen Pianisten, der gerade in Berlin gastiert und in den sie sich unsterblich verliebt.

Erst am Ende des Krimis fliegt Sara Stein nach Tel Aviv zu David Shapiro, ihrer großen Liebe.

Nachdem sie, was in den Filmen nicht angesprochen wird, alle ihrer Berliner Kollegen und Familie in Berlin zurückgelassen hat, eine Versetzung von Berlin nach Tel Aviv durchsetzen konnte und ein Jahr auf der dortigen Polizeiakademie war, muss sie in „Shiv’a“ als ihren ersten Fall den Mord an einem geachteten Kriminalpolizisten aufklären. Sie soll dafür sorgen, dass die Ermittlungen der Mordkommission bei der Suche nach dem Mörder ihres Kollegen Noam ordentlich verlaufen. Die sind selbstverständlich nicht von dem deutschen Wachhund begeistert. Verdächtige gibt es einige. Eine Spur führt zu einem nie aufgeklärtem Einbruch, dem einzigen Fall, den Noam nicht klären konnte. Aber auch ein Kollege von Noam könnte der Mörder sein.

Sonderlich realistisch ist diese Ausgangslage nicht. Eine neue „Kollegin“, die die Landessprache kaum beherrscht und die Staatsbürgerin eines anderen Landes ist, soll mal so eben einen wichtigen Fall aufklären.

Die Hintergründe von Sara Steins Wechsel von Berlin nach Tel Aviv werden auch nicht geklärt.

Aber das sind nur eine Kleinigkeiten, die aber auf tiefere Probleme hinweisen. Jedenfalls wenn man von „Der Tel-Aviv-Krimi“ (Sorry, das ist ein Untertitel. Das ist noch nicht einmal ein Arbeitstitel.) mehr erwartet als einen bestenfalls biederen Rätselkrimi vor austauschbarer Kulisse auf dem Niveau einer der zahlreichen Vorabendkrimiserien, der in diesem Fall mit vielen privaten Geschichten auf Spielfilmlänge gedehnt wird. Berlin und Tel Aviv sind, wie bei den zahlreichen ZDF-„Sokos“, die austauschbare Kulisse für einen ebenso austauschbaren Fall.

Neben dem 08/15-Rätselplot verplätschert die Geschichte zu oft in vollkommen uninteressanten privaten Subplots zwischen Liebe auf den ersten Blick und familiären Zusammentreffen. Einmal mit Saras, einmal mit Davids ebenso netter Familie. Gerade in „Tod in Berlin“ sind Sara Steins Kollegen zum Erbrechen merkwürdig und ausgedacht (das gilt vor allem für Steins Kollegin Anne Rodeck, bei der es vollkommen rätselhaft ist, wie sie die Polizeischule überlebte). Es gibt zeitraubende Scheinkonflikten, die in vertrauter Art und Weise abgehandelt werden (Wie oft müssen Kommissare zur Pressekonferenz geprügelt werden?). In den papiernen Dialogen wird viel zu oft erklärt, was wir gerade erfahren haben. Falls die Kommissare nicht gerade die berühmte Frage „Wo waren sie zur Tatzeit?“ stellen.

Dagegen werden alle potentiell interessanten Fragen peinlich vermieden, fast so, als sei der Unterschied zwischen Tel Aviv, Venedig und Paris die Skyline. Bei Venedig und Paris kann das noch – auch wenn es bedauerlich ist – verziehen werden, aber bei Tel Aviv und mit einer deutschstämmigen jüdischen Polizistin als Protagonistin kann das nicht verziehen werden. Da müssen die Fälle die Befindlichkeiten der Kulturen erforschen. Da muss über das Judentum, Religion, deutsche Verantwortung, das Leben der Juden im heutigen Deutschland (immerhin spielt „Tod in Berlin“ in Berlin) undundund gesprochen werden. Wie Sidney Lumet es in „A Stranger among us“ tat.

Der Tel Aviv Krimi - Cover

Der Tel-Aviv-Krimi: Tod in Berlin/Shiv’a (Deutschland 2016)

Regie: Matthias Tiefenbacher

Drehbuch: Martin Kluger, Maureen Herzfeld, Matthias Tiefenbacher (Bearbeitung)

mit Katharina Lorenz, Katharina Marie Schubert, Aljoscha Stadelman, Itay Tiran, Ramin Yazdani, Camill Jammal, Meral Perin, Samuel Finzi, Gill Frank

DVD

Edel:Motion

Bild: PAL 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 177 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

ARD über „Der Tel-Aviv-Krimi“ (Tod in Berlin, Shiv’a)

Moviepilot über „Der Tel-Aviv-Krimi“

Fernsehserien über „Der Tel-Aviv-Krimi“

Wikipedia über „Der Tel-Aviv-Krimi“


Neu im Kino/Filmkritik: „Halbe Brüder“ machen keinen ganzen Film

April 10, 2015

Es hätte so gut werden können. Immerhin ist Christian Alvart seit „Antikörper“ bekannt für gut inszenierte Genreware, die ihm auch die Hollywood-Produktionen „Fall 39“ und „Pandorum“ ermöglichten. Er inszenierte die Till-Schweiger-“Tatorte“ und sein vorheriger Kinofilm „Banklady“, eine auf Tatsachen basierende in Norddeutschland in den Sechzigern spielende Bonnie-und-Clyde-Variante, ist ein insgesamt überzeugender Gangsterthriller.
Da hätte aus der Idee, dass drei ethnisch unterschiedliche Männer beim Notar erfahren, dass sie Halbbrüder sind und die sich kurz darauf gemeinsam auf die Suche nach der Erbschaft machen, etwas werden können. Aber „Halbe Brüder“ ist eine ziemliche Enttäuschung. Nicht nur, weil der Film als Update der Sechziger-Jahre-Schlagerkomödien eine banale Klamauk-Komödie mit HipHop-Beigabe ist, sondern weil im Film immer wieder die verschenkten Themen und Möglichkeiten gestreift werden. „Halbe Brüder“ hätte das Road-Movie über die Bundesrepublik und ihre Befindlichkeiten in den letzten vierzig Jahren, über gewandelte Familienbilder, verlorene und gewonnene Utopien werden können. Es hätte zeigen können, wie die Ideen der 68er Deutschland veränderten. Aber immer wenn Alvart, der es besser kann, und Drehbuchautor Doron Wisotzky („What a Man“, „Schlussmacher“) etwas Tiefe wittern, überlassen sie den drei blödelnden Hauptdarstellern Sido, Teddy und Fahri Yardim das Feld.
Die drei titelgebenden halben Brüder sind Julian (Paul ‚Sido‘ Würdig), ein verheirateter Vertreter mit Spielschulden bei einem Gangster, Yasin (Fahri Yardim), ein unterwürfiger türkischstämmiger Unternehmersohn, und Addi (Tedros ‚Teddy‘ Teclabrhan), ein schwarzafrikanischer Möchtegernrapper auf Hartz-IV-Niveau mit schwangerer Freundin. Die Waisenkinder treffen sich erstmals in ihrer Heimatstadt Berlin bei einem Notar, der ihnen eröffnet, dass sie von ihrer Mutter, einer sexuellen Abenteuern nicht abgeneigten Nonne, ein Vermögen geerbt haben. Als Hinweis auf das Versteck des Schatzes gibt es nur eine Postkarte aus den Sechzigern, auf der ein Leuchtturm abgebildet ist.
Die drei Jungs, die aus unterschiedlichen Gründen unbedingt das Geld brauchen (vor allem Julian und Addi) und die ihre Brüder kennen lernen wollen (vor allem Yasin), machen sich gemeinsam auf den Weg von Berlin nach Frankfurt/Main, Köln und Fehmarn. Diese Suche nach dem Geld, bei der sich die drei Jungs kennen und lieben lernen, ist auch, aufgehängt an den Begegnungen mit ihren „Vätern“ und Liebhabern ihrer Mutter, eine Reise in die bundesdeutsche Vergangenheit, die bei dem Love-and-Peace-Festival, das im September 1970 auf Fehmarn stattfand, endet. Jimi Hendrix trat dort auf und er hat dann auch eine wichtige Rolle in der Filmgeschichte.
Diese Geschichte hätte locker die Grundlage für einen Film über die Veränderungen in Deutschland in den vergangenen 45 Jahren werden können. Es hätte ein Bogen gespannt werden können vom Muff der Nachkriegszeit, den Utopien der 68er und den damaligen Szenen (die ja auch durch die unterschiedlichen Väter von Julian, Yasin und Addi damals und heute symbolisiert werden) bis zur Gegenwart. Es hätte über Selbst- und Fremdbilder damals und heute, die Befreiung der Frau von konservativen Konventionen, echten und falschen Vätern, unterschiedlichen Familienmodellen, den Unsicherheiten von Vierzigjährigen über ihre Stellung in der Gesellschaft, ihren verschiedenen Lebensentwürfen und dem Zusammenleben verschiedener Ethnien erzählt werden können.
Ähem, also für mich waren die drei Brüder im Film so ungefähr Vierzig. Damit wären sie alle in den Siebzigern geboren worden, als ihre Mutter noch in ihrer wilden Hippie-Phase war. Nach dem Presseheft sind sie deutlich jünger: Julian ist 33 Jahre, Yasin 31 Jahre und Addi 26 Jahre. Aber das erscheint mir für die Filmgeschichte nicht ganz stimmig zu sein.
Jedenfalls entschlossen die Macher sich für den leichten Weg, indem sie sich an den aktuellen Hollywood-Komödien orientieren, in denen Vierzigjährige nicht erwachsen werden wollen, sich durchgehend kindisch benehmen, den Genuß von Alkohol für wahnsinnig witzig halten (den Gag lassen die „Halbe Brüder“-Macher links liegen), Geblödel mit sorgfältig ausformulierten und getimten Witzen verwechseln, und das ganze mit einer HipHop-Sauce überziehen, weil der eine Rapper sein möchte und der andere als Gangster-Rapper bekannt wurde.
Die Story ist eine episodische Ansammlung von Klischees, die alle aus einer Parallelwelt kommen, die aus US-amerikanischen Ghetto-Klischees, Gangsterfilmklischees und Freie-Liebe-Anekdoten besteht. Detlev Buck hat einen Auftritt, in dem versucht wird, das Love-and-Peace-Festival mit der Gegenwart zu verbinden. Und wenn man an sein Road-Movie „Wir können auch anders“ denkt, wird die Fallhöhe zwischen einem gelungenem und einem misslungenem Road-Movie schmerzhaft deutlich.
Diese Diskrepanz zwischen dem was möglich gewesen wäre und dem was gemacht wurde, zieht sich durch die gesamte Klamotte, dessen Gags zwischen platt, peinlich und nervig schwanken.
Und dann ist auch noch CSU-Ehrenmitglied Robert Blanco als Vater von dem Rapper Addi dabei. Blanco, der für die Schlagerkultur steht, gegen die früher die Jugendlichen auf die Straße gingen und der in jeder Beziehung das Gegenteil von Jimi Hendrix ist. Aber in „Halbe Brüder“ sollen wir glauben, dass eine heiße Hippie-Braut, die nichts anbrennen läßt, mit einem Schlagerfuzzi ins Bett geht.
Diese Vatergeschchte illustriert überdeutlich die den gesamten Film durchziehende Scheißegal-Haltung zu kulturellen Codes, die jede Gruppe nach innen festigt, und zur Sitten- und Kulturgeschichte. Stattdessen wird einfach genommen, was gerade gefällt.
Von Christian Alvart hätte ich, nach seinem stilbewussten Sechziger-Jahre-Sittengemälde „Banklady“, einen besserer Film erwartet. In „Halbe Brüder“ verkauft er sich weit unter seinem Niveau.

Halbe Brüder - Plakat

Halbe Brüder (Deutschland 2015)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Doron Wisotzky, Michael Ostrowski (Mitarbeit)
mit Paul ‚Sido‘ Würdig, Fahri Yardim, Tedros ‚Teddy‘ Teclebrhan, Mavie Hörbiger, Violetta Schurawlow, Detlev Buck, Erdal Yildiz, Robert Blanco, Charly Hübner, Samuel Finzi, Ralf Richter
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Halbe Brüder“
Film-Zeit über „Halbe Brüder“
Moviepilot über „Halbe Brüder“
Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Film mit klarer Ansage: „Tod den Hippies -Es lebe der Punk!“

März 26, 2015

Vor ein, zwei Jahren habe ich irgendwo gelesen, dass es keine Filme über die Musik und die Jugendkultur der achtziger Jahre gebe. Es sei ein aus dem kollektiven Gedächtnis gefallenes Jahrzehnt, während die sechziger und siebziger Jahre in der Popkultur immer noch lebendig seien.
Jetzt, mit Oskar Roehlers greller und sehr kurzweiliger Nummernrevue „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ und Mark Reeders „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“ (läuft am 21. Mai an und sollte unbedingt als Ergänzung zu Roehlers Film gesehen werden) scheint sich da etwas zu ändern. Beide Filme spielen im Westberlin der Achtziger. Beide porträtieren die damalige Kunst- und Subkulturszene. Beide Filme sind autobiographisch. Während der Engländer Reeder sich in „B-Movie“ ungeniert und sympathisch selbst inszeniert und der Dokumentarfilm aus einer erstaunlichen Menge damals gedrehter Filme schöpfen kann, verbirgt Oskar Roehler sich in seinem Spielfilm hinter dem Kunstcharakter Robert (Tom Schilling, grandios stoisch), der in Westdeutschland Anfang der achtziger Jahre auf einem von Hippies belagertem Internat ist. Sein einziger Freund ist der pickelige Nazi Gries (Frederick Lau), der, wie er später in Berlin erfährt, auch noch schwul und masochistisch ist. Für Robert ist angesichts der ganzen Kiffer in der Schule klar: „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Er schneidet sich seine eh schon kurzen Haare, randaliert ein wenig, fliegt unverzüglich von der Schule und macht sich auf den Weg nach Berlin, der Stadt, in der alles möglich ist und der Punk lebt. Im gelobten Land kommt er bei seinem Kumpel Schwarz (Wilson Gonzalez Ochsenknecht, ebenfalls stoisch) in einem besetztem Haus unter und er hat auch gleich einen Job. Während Schwarz in der Peepshow die Gäste empfängt und die Attraktionen anpreist, darf er als Mädchen für alles Scheiben putzen (Unangenehm!) und Essen für die Damen (Angenehm!) holen.
Aber viel wichtiger als dieser Brotjob, der auch seine Reize hat, ist für Robert die damalige Kulturszene. Gleich am ersten Abend trifft er Blixa Bargeld und Nick Cave. Sie gehen in das „Risiko“, wo Blixa Bargeld als Barkeeper arbeitet, im Hinterzimmer Konzerte stattfinden und viel zu viele, mehr oder weniger flüssige Drogen konsumiert werden.
Und so reiht sich eine Episode an die nächste. Schnell entsteht ein Bild des damaligen Berlins, das sich sehr locker an einer klassischen Bildungsgeschichte entlanghangelt, aber das vor allem mit durchaus groben Strichen die damalige Zeit verklärt und auch das heutige Bild des damaligen Berlins bedient als aus der Zeit gefallenes Dorf, in dem man gut Leben konnte und in dem sich alle Spinner und Künstler des Universums in dem „Schutzraum für Verrückte“ (Oskar Roehler) trafen und, im Angesicht des nahenden Weltuntergangs, kreativ waren. So will Robert Schriftsteller werden. Über Blixa Bargeld und Nick Cave, die beide vor allem sehr abwesend blicken, muss nichts gesagt werden. Gegen Ende hat auch Rainer Werner Fassbinder (uh, am 30. April startet die Doku „Fassbinder“) einen Auftritt, in dem er, in Lederjacke, sehr dem populären Bild von RWF entspricht.
Es geht auch um Roberts Beziehung zu seinen geschiedenen und ziemlich abgedrehten Eltern. Sie (Hannelore Hoger) will, um an Geld zu kommen, einen nichtsnutzigen Verwandten umbringen und erklärt nonchalant in einer Talkshow, dass sie ihr Kind nie wollte. Er (Samuel Finzi) verwahrt in seiner Wohnung RAF-Geld, das Robert und Schwarz während eines extrem dilletantisch ausgeführten Einbruchs klauen wollen. Und Robert verliebt sich in eine der Tänzerinnen aus der Peepshow, die natürlich höhere Ambitionen hat und eine bezaubernde Mischung aus Englisch und Deutsch spricht.
Roehlers Tonfall ist dabei immer anekdotisch und auf eine mal mehr, mal weniger gelungene Pointe, die mal mehr, mal weniger derb ist, getrimmt. Einige Anekdoten sind auch Stimmungsbilder. Und immer sind es Geschichten, die man sich nach dem dritten Bier erzählt oder erzählt bekommt. Dabei hat Roehler vor allem die Indie-Rock-Gemeinde im Visier, die etwas über Nick Cave, Blixa Bargeld, die Einstürzenden Neubauten und die damals wilden und zügellosen Jahre in der Ruinenstadt Berlin und ihrem pulsierendem Kulturleben gehört haben. Deshalb ist „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ im Studentenkino bestimmt ein großer Spaß.
Den Abgleich zwischen Roehlers Film und seinem Leben, das er hier, wieder einmal, kaum verschleiert be- und verarbeitet, kann man dann ja im Seminar machen.

Tod den Hippies Es lebe der Punk - Plakat

Tod den Hippies – Es lebe der Punk! (Deutschland 2015)
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
mit Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Frederick Lau, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Alexander Scheer, Rolf Zacher, Götz Otto, Oliver Korittke, Julian Weigend
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
alternative Schreibweise „ Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Film-Zeit über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Moviepilot über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Rotten Tomatoes über „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ (noch keine Kritiken)
Wikipedia über Oskar Roehler
RBB: Interview mit Oskar Roehler über den Film

Ein schon etwas älteres Gespräch (2012) mit Oskar Roehler


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