DVD-Kritik: Daniel Radcliffe macht „Guns Akimbo“

Dezember 7, 2020

Miles ist Spieleentwickler in einem dieser trendigen Start-Ups, in denen alle Mitarbeiter in einem lichtdurchfluteten Großraumbüro sitzen, und er ist der Fußabtretter für jeden, dem er begegnet. Daniel Ratcliffe, der als Harry Potter bekannt wurde und danach unter anderem in „Swiss Army Man“ eine furzende Leiche spielte, spielt diesen netten, sanften, körperliche Gewalt ablehnenden Miles, der während des Films von jedem körperlich bedrängt, geschlagen oder auf irgendeine andere Art körperlich malträtiert wird.

Als er eines Abends in seiner studentisch versifften Bude im Darknet auf das Spiel „Skizm“ stößt, äußert er sich in seinen Kommentaren despektierlich über das brutale Menschenjagdspiel. Das nächste, was er weiß, ist, dass eine Gruppe Männer, die auch in einem „Mad Max“-Film nicht negativ auffallen würden, sein Apartment stürmt, ihn zusammenschlägt und betäubt. Als er wieder wach wird, sind an seine Hände zwei Pistolen getackert. In jeder Pistole steckt ein Magazin mit fünfzig Schuss. Und er ist jetzt ein unfreiwilliger Teilnehmer an „Skizm“. Seine Gegnerin in dem Kampf ohne Regeln auf Leben und Tod ist Nix. Sie ist jung, gutaussehend, absolut gewaltgeil und bislang unbesiegt.

Kaum hat Miles das alles verarbeitet, stürmt Nix auch schon, wild um sich schießend, in sein Apartment. Durch reines Idiotenglück kann Miles entkommen. Jedenfalls vorläufig.

Guns Akimbo“ ist wahrlich kein Film für Arthaus-Fans und sanfte Gemüter, sondern eine dumm-blutige Gewaltorgie, die perfekt für das jährliche Fantasy Film Fest oder Mitternachtsvorstellungen vor einem jungen Publikum ist. Die Geschichte ist vollkommen abstrus und scheitert schon vor dem ersten Plausibilitätstest grandios. Die Brutalität ist vor allem sinnfrei. Der ab und an aufspritzende Humor grob. Eine gesellschaftliche Botschaft oder Aussage über die Welt wird noch nicht einmal im Ansatz versucht. Dafür müsste der Actionfilm eine Haltung und einen Bezug zur Gegenwart entwickeln. Beides interessiert die Macher nicht. Insofern ist „Guns Akimbo“ keine Satire, sondern nur ein gut aussehender Gewaltporno mit Zitaten und einigen Witzen, die vor allem aus der absurden Situation, in die Miles gegen seinen Willen hineingestoßen wurde, entstehen. Und Gewalt, um nicht zu sagen überbordende und exzessive Gewalt ist hier das gewählte Stilmittel.

Regisseur Jason Lei Howden („Deathgasm“) schnitt „Guns Akimbo“ im hektischen Stil von „Crank“ und, ebenfalls von Mark Neveldine und Brian Taylor, „Gamer“. In dem Actionfilm geht es, wie schon in vielen, ungleich gelungeneren Vorgängern, ebenfalls um eine tödliche Menschenjagd, die vor einem sensations- und gewaltlüsternem Millionenpublikum stattfindet.

Die sich nicht sonderlich ernst nehmende, unbeschwerst sinnfreie Gewaltorgie „Guns Akimbo“ ist in erster Linie der Film für den nächsten biergetränkten gemeinsamen Jungs-Filmabend. Gerne in dem kleinen Kino um die Ecke, das „Crank“ nicht mehr zeigen will.

Das Bonusmaterial besteht aus einem elfminütigem Featurette, in dem Radcliffe in einer Drehpause über seine Motive für die Zusage zum Film (die absurde Geschichte), die Dreharbeiten, den Regisseur und seine Schauspielkollegen (natürlich alle super in einem Superfilm eines visuell visionären und unglaublich netten Regisseurs) redet. Dazu gibt es einige Ausschnitte aus dem Film und Behind-the-Scenes-Aufnahmen.

Guns Akimbo (Guns Akimbo, USA/Deutschland/Neuseeland 2019)

Regie: Jason Lei Howden

Drehbuch: Jason Lei Howden

mit Daniel Radcliffe, Samara Weaving, Natasha Lu Bordizzo, Ned Dennehy

DVD

Leonine

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette, Trailer

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Guns Akimbo“

Moviepilot über „Guns Akimbo“

Metacritic über „Guns Akimbo“

Rotten Tomatoes über „Guns Akimbo“

Wikipedia über „Guns Akimbo“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 27. Juli: Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Juli 26, 2020

ARD, 20.15

Three Billboards outside Ebbing, Missouri (Three Billboards outside Ebbing, Missouri, USA 2017)

Regie: Martin McDonagh

Drehbuch: Martin McDonagh

Mildred Hayes (Frances McDormand, die für ihre Rolle ihren zweiten Oscar erhielt) ist stinkig. Ihre Tochter wurde vergewaltigt und ermordet. Aber die Polizei findet den Täter nicht. Also macht sie auf drei angemieteten Werbetafeln ihrem Ärger Luft – und setzt damit im Dorf einiges in Gang.

Bitterböse, scharfsinnige Schwarze Komödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Peter Dinklage, Abbie Cornish, John Hawkes, Zeljko Ivanek, Lucas Hedges, Caleb Landry Jones, Sandy Dixon, Clarke Peters, Samara Weaving, Amanda Warren, Kerry Condon

Wiederholung: Dienstag, 28. Juli, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“

Metacritic über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“

Rotten Tomatoes über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“

Wikipedia über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin McDonaghs „7 Psychos“ (Seven Psychopaths, UK/USA 2012)

Meine Besprechung von Martin McDonaghs „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (Three Billboards outside Ebbing, Missouri, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ready or Not“, das tödliche Spiel beginnt

September 26, 2019

Jede Familie hat so ihre Macken. Das bemerkt Grace in der Hochzeitsnacht auf dem noblen Anwesen der Familie Le Domas. Hier sieht noch alles wie zur Jahrhundertwende aus, als die Familie ein Vermögen mit Brettspielen machte. Und ein Spiel möchte die Familie ihres Bräutigams Alex Le Domas um Mitternacht mit ihr spielen. Es sei, so sagt ihr Alex, eine lächerliche Aufnahmezeremonie, die jedes neue Mitglied der Familie machen müsse.

Aus dem Kartenstapel mit den Spielvorschlägen zieht sie die Karte für das Spiel „Verstecken“. Diese eng mit einem Familiengeheimnis verbundene Karte wird nur sehr selten gezogen und sie ist der Auftakt für eine Menschenjagd auf Grace, die in dem Moment noch nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt.

Sie versteckt sich in dem riesigen Anwesen, während die Le Domas‘ sich, entsprechend den Spielbedingungen mit historischen Waffen ausrüsten. Danach jagen sie Grace durch das riesige, einsam gelegene Haus, das sie nicht verlassen darf.

Als zusätzlichen Motivationsschub für die Le-Domas-Sippe heißt es, dass sie das Opfer vor Sonnenaufgang töten müssen. Sonst sterben sie. Falls Grace das nicht schon vorher erledigt hat.

Die Grundidee für „Ready or Not“ ist natürlich schamlos von Richard Connells mehrmals verfilmter Kurzgeschichte „The most dangerous Game“, die auch zahlreiche weitere Bücher und Filme über eine Jagd auf Menschen inspirierte, geklaut. Wobei in dem von Matt Bettinelli Olpin und Tyler Gillett inszeniertem Film die Jagd in einem Haus stattfindet, das auch als Spukschloss taugen würde und in dem die Zeit stehen geblieben ist.

Mit einem prächtig aufgelegten Ensemble und nicht immer jugendfreien Gags und Tötungen entstand eine blutige Horrorkomödie, in der sich Splatter und Spaß abwechseln. Jedenfalls meistens. Dank des Handlungsortes und der Spielbedingung, dass nur die Waffen benutzt werden dürfen, die es gab, als das Spiel zum ersten Mal gespielt wurde, könnte der Film auch vor fünfzig, hundert oder sogar hundertfünfzig Jahren spielen. Dann hätte man auf die wenigen Gags mit der modernen Technik verzichten müssen. Und die Mitglieder der Le-Domas-Familie wären nicht so tollpatschig im Umgang mit den alten Tötungsgerätschaften.

Mit etwas über neunzig Minuten ist die überzeugende Warnung vor dem Einheiraten in traditionsbewusste Familien auch angenehm kurz geraten.

Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot (Ready or Not, USA 2019)

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Drehbuch: Guy Busick, R. Christopher Murphy

mit Samara Weaving, Adam Brody, Mark O’Brien, Henry Czerny, Andie MacDowell, Melanie Scrofano, Kristian Bruun, Nicky Guadagni, Elyse Levesque, John Ralston

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepoage zum Film

Moviepilot über „Ready or Not“

Metacritic über „Ready or Not“

Rotten Tomatoes über „Ready or Not“

Wikipedia über „Ready or Not“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Devil’s Due -Teufelsbrut“ (Devil’s Due, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ und schon gibt es Ärger

Januar 26, 2018

Mit den am Dienstag verkündeten Oscar-Nominierungen sind sieben weitere Nominierungen auf das schon gut gefüllte Konto von Martin McDonaghs bitterbösem Country-Noir „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ gekommen. Einziger, aber großer Wermutstropfen bei diesen Nominierungen ist, dass er keine Regie-Nominierung erhalten hat. Dafür wurde sein Drama als bester Film nominiert. Sein Drehbuch ist im Rennen für den Drehbuch-Oscar. Frances McDormand (yep, die aus den Coen-Filmen) ist als beste Hauptdarstellerin nominiert. Woody Harrelson und Sam Rockwell als beste Nebendarsteller. Jon Gregory für den Schnitt und Carter Burwell für die Musik. Auch ihn kennen wir von den Filmen der Coen-Brüdern und, kurz gesagt, ist „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ ein Film für die Fans von „Fargo“. Für den Film schrieb Carter Burwell ebenfalls die Musik und Frances McDormand erhielt den Oscar als beste Hauptdarstellerin.

Und jetzt sollten wir mit den Vergleichen zwischen den beiden Filmen aufhören. Denn „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ ist keine „Fargo“-Pastiche.

Frances McDormand spielt Mildred Hayes, die am Anfang des Films die drei titelgebenden Werbetafeln sieht. Sie stehen an der seit dem Bau der Highway kaum befahrenen Drinkwater Road, sind ziemlich verfallen und wurden schon seit Ewigkeiten nicht mehr für Botschaften an die vorbeifahrenden Autofahrer benutzt. Also kann sie die Tafeln mühelos mieten, solange sie keine Schimpfworte benutzt und auch niemand verleumdet. Das tut sie nicht. Sie fragt auf den Tafeln nur den örtlichen Polizeichef, warum er bis jetzt noch nicht den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter gefunden hat. Immerhin liegt die Tat schon sieben Monate zurück.

Mit ihrer Aktion legt sie sich offen mit dem Polizeichef und der gesamten Polizei von Ebbing an. Sie setzt ein Räderwerk in Gang, in dem die Hinterwäldler sich gegenseitig malträtieren. Psychsich und physisch. Und auch, nach dem alten Sprichwort „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, vertragen.

Nach Ebbing, das ist schnell klar, muss kein Fremder ohne Namen einreiten, um eine Welle von Gewalt und Gegengewalt loszutreten. Obwohl irgendwann ein schwarzer Sheriff (Clarke Peters) einreitet, die Polizeistation von Ebbing übernimmt, etwas gegen die dortigen Umgangsformen unternimmt und ansonsten nur Mildred bei ihrer Rachemission beobachten kann.

Martin McDonagh, der Autor und Regisseur von „Brügge sehen…und sterben?“ und „7 Psychos“, inszenierte mit „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ eine weitere Komödie, die vor Gewalt nicht zurückschreckt (auch wenn dieses Mal weniger Menschen als in seinen vorherigen Filmen sterben), fantastische Dialoge und eine grandiose Besetzung hat. Neben den allseits bekannten Stars – Frances McDormand als vom Leid zerfressene, ihre Trauer in kalte Wut verwandelnde, sich kompromisslos mit Gott und der Welt anlegende Mutter, Woody Harrelson als von einer tödlichen Krankheit gezeichneter, eigentlich gutwilliger Polizeichef William Willoughby, Sam Rockwell mit Plauze als minderbemittelter, rassistischer und gewalttätiger Polizist Dixon, Peter Dinklage als kleinwüchsiger Alkoholiker und Gebrauchtwagenhändler, der Mildred Hayes hilft und auf ein Date hofft – treten, um nur zwei zu nennen, verdienstvolle Nebendarsteller wie Zeljko Ivanek als weiteres Mitglied der rassistischen Ebbing-Polizei und John Hawkes als Mildreds inzwischen mit einer sehr jungen Frau liierter Ex-Mann, in kleinen, aber prägnanten Rollen auf. Und sie alle haben zitatwürdige Sätze, weil McDonagh für jeden seiner Charaktere zitatwürdige Sätze und Dialoge schreibt und sie dann wundervoll inszeniert.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri (Three Billboards outside Ebbing, Missouri, USA 2017)

Regie: Martin McDonagh

Drehbuch: Martin McDonagh

mit Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Peter Dinklage, Abbie Cornish, John Hawkes, Zeljko Ivanek, Lucas Hedges, Caleb Landry Jones, Sandy Dixon, Clarke Peters, Samara Weaving, Amanda Warren, Kerry Condon

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (da hätte ich aus dem Bauch heraus zu einer FSK-16 tendiert; – so als pädagogische Empfehlung eines Nichtpädagogen)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Metacritic über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“

Rotten Tomatoes über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“

Wikipedia über „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin McDonaghs „7 Psychos“ (Seven Psychopaths, UK/USA 2012)

DP/30 unterhält sich mit Martin McDonagh über die Sache mit den Billboards


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