Neu im Kino/Filmkritik: „Scream“ – in der Version von 2022

Januar 13, 2022

Und wieder klingelt in einem Vorstadthaus das Telefon. Und wieder nimmt ein gutaussehender Teenager den Anruf an. Und wieder fragt der unbekannte Anrufer, ob sie mit ihm ein Frage-und-Antwort-Spiel über Horrorfilme spielen möchte.

Aber im Gegensatz zum ersten „Scream“-Film, wo die schon damals sehr bekannte und auf den Plakaten entsprechend herausgestellte Drew Barrymore von dem maskierten Killer getötet wurde, nimmt heute, 25 Jahre später, die hierzulande deutlich unbekanntere Jenna Ortega (u. a. die Disney-TV-Serie „Mittendrin und kein Entkommen“ [Stuck in the Middle]) den Hörer ab. Vielleicht darf sie deshalb den Angriff des Killers überleben. Denn Ghostface ist, elf Jahre nach „Scream 4“, zurück. Immer noch trägt er die ikonische, von Edvard Munchs „Der Schrei“ inspirierte Maske. Und, wieder einmal, verbirgt sich hinter der Maske ein anderer Mörder oder, wie in den meisten „Scream“-Filmen, ein Mörderpaar.

Vielleicht wollten die Macher auch einfach nur eine kleine Variation ausprobieren.

Vor 25 Jahren war diese sofortige Ermordung der potentiellen Hauptperson ein schockierender Auftakt für einen Slasher-Horrorfilm, der seine Figuren über die Regeln des Slasher-Horrorfilms philosophieren ließ. Denn Mitte der Neunziger hatten alle Teenager und Twenty-Somethings ihren Teil an Horrorfilmen gesehen und sie wussten, was passiert, wenn der Boyfriend alleine in den Keller geht oder die selbstverständlich sehr gut aussehende Jungfrau Sex vor der kirchlichen Trauung haben will. Dann schlägt die puritanische Moral sofort und unbarmherzig zu. Es gibt Schreie, ein Blutbad, Tote.

Kevin Williamson schrieb das intelligente Drehbuch. Es war sein Debüt. Danach kamen „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (I Know What You Did Last Summer), „The Faculty“, weitere „Scream“-Drehbücher und die TV-Serie „Dawson’s Creek“.

Wes Craven, der Regisseur des ersten und der drei weiteren „Scream“-Filme, war damals schon ein bekannter Horrorfilm-Regisseur, dank Werken wie „Das letzte Haus links“ (The Last House on the Left, 1972), „Hügel der blutigen Augen“ (The Hills Have Eyes. 1977) und, selbstverständlich, „Nightmare – Mörderische Träume“ (A Nightmare on Elm Street, 1984). Er starb 2015. „Scream 4“ war sein letzter Film.

Scream“ (1996) war schon Meta, als nur die „Spex“-Schreiber sich darunter etwas vorstellen konnten. Und es war der erste Teen-Horrorfilm, der diese Idee künstlerisch und kommerziell erfolgreich umsetzte.

Scream“ (2022) ist jetzt ein Metafilm über einen Metafilm. Es wird also nicht mehr nur über die Regeln des Genres gesprochen, sondern auch darüber, dass es jetzt zunehmend Filme gibt, die an eine einstmals erfolgreiche Reihe anknüpfen und sie, meist unter Mißachtung einer oder mehrerer Vorgängerfilme, wiederbeleben wollen.

Das war zuletzt bei „Matrix Resurrection“ so. Auch da wurde über die Sinnhaftigkeit von „Matrix 4“ gesprochen, bevor einfach noch einmal „Matrix“ wiederholt wurde.

Andere jüngere Bespiele für diese Erneuerungen alter Franchises sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: „Ghostbusters“, „Halloween“, „Star Wars“ und „Terminator“ (gut, der war DOA). Bei all diesen Requels, Sequels, Reboots und Quasi-Remakes (die Unterschiede sind eher minimal) werden die alten Filmen neu inszeniert mit höherem Budget, einigen Schauspielern aus dem ersten Film der Serie (die das Herz des Fans erfreuen sollen und die den Film nicht notwendigerweise überleben), einigen jüngeren Schauspielern (die bei einem entsprechenden Kassenerfolg in den nächsten Filmen der Serie die Hauptrollen übernehmen sollen) und der altbekannten Story, die etwas abgestaubt und mit zahlreichen Verweisen auf die vorherigen Filme als neu und zugleich alt präsentiert wird.

So auch in „Scream“ (2022). Neve Cambpell, Courteney Cox und David Arquette, die Hauptdarsteller der vorherigen „Scream“-Filme, sind wieder dabei. Auch wenn einige Zeit vergeht, bis sie nacheinander im Film auftauchen. Denn nach dem ersten Anschlag, mordet Ghostface in der Kleinstadt Woodsboro munter weiter. Die wichtigste neue, allerdings ziemlich blasse Figur ist Samantha ‚Sam‘ Carpenter (Melissa Barrera). Sie verließ vor fünf Jahren ihren Geburtsort, weil sie erfuhr wer ihr Vater ist. Kleiner Hinweis: es hat etwas mit dem ersten „Scream“-Film zu tun.

Jetzt kehrt sie nach Woodsboro zurück. Begleitet wird sie von ihrem verständnisvollem Freund. Sie ist die ältere Schwester von Tara, auf die am Filmanfang der Mordanschlag verübt wurde und die jetzt schwer verletzt im Krankenhaus liegt.

Die Teenager klugscheißen über die Regeln des Horrorfilms als seien wir wieder im Jahr 1996 oder 1986, als Slasher-Filme ordentlich Geld einspielten. Sie sind auch verärgert über die Entwicklung der „Stab“-Filmreihe, die auf den Taten von Ghostface basiert und die sich zuletzt in die falsche Richtugn entwickelte. Es gibt für die Fans der vorherigen Filme etliche Easter-Eggs. Offensichtliche, wie der Vater von Figur XYZ oder dieser oder jener Schauplatz, und weniger offensichtliche.

Und mehr bietet „Scream“ (2022) dann nicht.

Das ist das filmische Äquivalent zum Revival einer bekannten Band, die einfach noch einmal ihre Hits runterspielt.

Dabei gibt es gute neue Horrorfilme, wie „The Babadook“ und „The Witch“, die auch in „Scream“ (2022) genannt werden. Das sind Filme, die alte Topoi neu interpretieren. Daran hatten die Macher von „Scream“ (2022) kein Interesse. Die Drehbuchautoren James Vanderbilt („Zodiac“, „White House Down“, „Der Moment der Wahrheit“ [Truth; auch Regie]) und Guy Busick („Ready or Not“, „Castle Rock“) und die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett (das Duo inszenierte auch das kurzweilige Spektakel „Ready or Not“) gehen auf Nummer sicher, indem sie auf die Wünsche der Fans hören und letztendlich einfach „Scream“ wiederholen.

Scream (Scream, USA 2022)

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Drehbuch: James Vanderbilt, Guy Busick (basierend auf den von Kevin Williamson erfundenen Figuren)

mit Melissa Barrera, Kyle Gallner, Mason Gooding, Mikey Madison, Dylan Minnette, Jenna Ortega, Jack Quaid, Marley Shelton, Jasmin Savoy Brown, Sonia Ammar, Courteney Cox, David Arquette, Neve Campbell

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Scream“

Metacritic über „Scream“

Rotten Tomatoes über „Scream“

Wikipedia über „Scream“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Devil’s Due -Teufelsbrut“ (Devil’s Due, USA 2014)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot“ (Ready or Not, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „In the Heights: Rhythm of New York“ spüren

Juli 22, 2021

Es gibt auch eine deutsche Synchronisation von „In the Heights: Rhythm of New York“. Aber sie ist etwas sinnfrei. Nicht, weil es in dem Film so wenig Dialog gibt, sondern weil, bis auf wenige Sätze, alle Dialoge die Vorbereitung für den nächsten Song, die nächste Musical-Nummer, sind. Denn „In the Heights“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsmusicals von Lin-Manuel Miranda. Er schrieb auch das unglaublich erfolgreiche Musical „Hamilton“ über den US-amerikanischen Gründervater Alexander Hamilton.

Davor schrieb er „In the Heights“. Die Arbeit an dem Musical begann er schon während seines Studiums an der Wesleyan Universität. 1999 wurde eine frühe Version des Stücks über den Ort, an dem er aufwuchs, aufgeführt. Später überarbeitete und erweiterte Miranda, zusammen mit Quiara Alegría Hudes, das Stück. 2007 gab es die Off-Broadway-, 2008 die Broadway-Premiere. Danach folgten fast 1200 Aufführungen am Broadway im Richard Rogers Theatre, 13 Tony-Nominierungen, eine umjubelte Plattenaufnahme des Stücks und jetzt ein Kinofilm, für den die Liebeserklärung an ein Stadtviertel und seine Menschen wieder überarbeitet wurde. Jon M. Chu übernahm die Regie. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Crazy Rich“ und die Tanzfilme „Step Up to the Streets“ und „Step Up 3D“.

In einer Strandbar mit einem unnatürlich aussehendem Horizont (aber, hey!, es ist ein Musical und da ist natürlich nichts natürlich) bittet eine Schar Kinder Usnavi (Anthony Ramos) ihnen von seiner Vergangenheit zu erzählen. Der junge Bodega-Betreiber beginnt ihnen in epischer Ausführlichkeit von den Heights zu erzählen. Die Heights sind das New Yorker Stadtviertel Washington Heights, ein Latino-Einwandererviertel in Manhattan. Usnavi erzählt von seinem Leben und dem Leben im Viertel. Es geht um seine Freunde, seine Bekannten, die Menschen, die er täglich in seinem Viertel trifft und um seine Liebe zu Nina, die in Stanford studiert und so aufsteigen kann. Dafür verschuldet sich ihr Vater Kevin Rosario, ein Taxiunternehmer, immer mehr.

Aus diesen Episoden ergibt sich das Bild einer sehr lebendigen und, trotz aller Probleme, lebenswerten Nachbarschaft. Damit knüpft John M. Chus Film an Wayne Wangs „Smoke“/“Blue in the Face“-Filmdoppel an, das ein anderes New Yorker Stadtviertels und der in ihm lebenden Menschen ähnlich liebevoll porträtiert. Spike Lees früher Klassiker „Do the right thing“, der ein anderes New Yorker Stadtviertel porträtiert, fällt dagegen wesentlich wütender und kämpferischer aus.

In „In the Heights“ plätschern die bestenfalls lose miteinander verknüpften Episoden eher vor sich hin. Sicher, es gibt die Liebesgeschichte zwischen Usnavi und Nina, die er schon seit Ewigkeiten kennt und es wird nach dem Gewinner eines Lotterieloses gesucht. Es gibt auch einen Stromausfall, der im Film pompös mit einem Countdown vorbereitet wird. Aber wirklich dringend scheint keines der Probleme zu sein. Es sind einfach Ereignisse aus dem Alltag der kleinen Leute und ihrer kleinen Träume.

Dabei spricht „In the Heights“ unter seiner fröhlichen Musical-Oberfläche erstaunlich viele aktuelle Probleme der USA, von Einwanderergesellschaften und von Großstädten an, die naturgegeben auch immer zu einem großen Teil aus Einwanderer bestehen. Es geht um illegale Einwanderung, Gentrifizierung (so muss ein alteingessener, sich fest in weiblicher Hand befindender Frisörsalon einige Straßen weiter ziehen) und den amerikanischen Traum, den jeder träumt, aber an dem nicht jeder teilnehmen darf. Das bekommt vor allem Nina zu spüren, die sich an der Universität nicht akzeptiert fühlt und wieder zurück in die Heights möchte, während alle Bewohner ihr, als sie in den Semesterferien zurück kommt, zum ersten Schritt ihres Aufstiegs aus den Heights gratulieren.

Die Musik – meistens Latin-Pop – ist Geschmacksache. Meinen Geschmack trifft sie absolut nicht. Der Gesang ist mal so, mal so. Schließlich sind die Schauspieler nicht unbedingt großartige Sänger. Das kennen wir auch aus anderen Musicalfilmen der vergangenen Jahre.

Die Tanznummern sind dagegen oft großartig und für die große Leinwand komponiert. Da tanzen Menschenmassen durch breite New-Yorker-Straßen und Hinterhöfe. Da wird aus dem sommerlichen Treiben in einem vollen Freibad ein präzise choreographiertes Wasserballett, bei dem alle fröhlich mitmachen.

Für Musical-Fans ist Jon M.Chus „In the Heights“ natürlich ein Pflichttermin. Aber auch für andere Zuschauer ist das Musical interessant, weil es viele aktuelle Probleme anspricht und es so auch einen Einblick in die Gefühlslage der Latino-Bevölkerung in einem Stadtviertel gibt.

In the Heights: Rhythm of New York (In the Heights, USA 2021)

Regie: Jon M. Chu

Drehbuch: Quiara Alegría Hudes (nach einem Konzept von Lin-Manuel Miranda, basierend auf dem Musical von Lin-Manuel Miranda und Quiara Alegría Hudes)

mit Anthony Ramos, Leslie Grace, Corey Hawkins, Melissa Barrera, Olga Merediz, Daphne Rubin-Vega, Jimmy Smits, Gregory Diaz IV, Stephanie Beatriz, Dascha Polanco

Länge: 143 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „In the Heights“

Metacritic über „In the Heights“

Rotten Tomatoes über „In the Heights“

Wikipedia über „In the Heights“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (G.I. Joe: Retaliation, USA/Kanada 2013)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD


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