Neu im Kino/Filmkritik: „In the Heights: Rhythm of New York“ spüren

Juli 22, 2021

Es gibt auch eine deutsche Synchronisation von „In the Heights: Rhythm of New York“. Aber sie ist etwas sinnfrei. Nicht, weil es in dem Film so wenig Dialog gibt, sondern weil, bis auf wenige Sätze, alle Dialoge die Vorbereitung für den nächsten Song, die nächste Musical-Nummer, sind. Denn „In the Heights“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsmusicals von Lin-Manuel Miranda. Er schrieb auch das unglaublich erfolgreiche Musical „Hamilton“ über den US-amerikanischen Gründervater Alexander Hamilton.

Davor schrieb er „In the Heights“. Die Arbeit an dem Musical begann er schon während seines Studiums an der Wesleyan Universität. 1999 wurde eine frühe Version des Stücks über den Ort, an dem er aufwuchs, aufgeführt. Später überarbeitete und erweiterte Miranda, zusammen mit Quiara Alegría Hudes, das Stück. 2007 gab es die Off-Broadway-, 2008 die Broadway-Premiere. Danach folgten fast 1200 Aufführungen am Broadway im Richard Rogers Theatre, 13 Tony-Nominierungen, eine umjubelte Plattenaufnahme des Stücks und jetzt ein Kinofilm, für den die Liebeserklärung an ein Stadtviertel und seine Menschen wieder überarbeitet wurde. Jon M. Chu übernahm die Regie. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Crazy Rich“ und die Tanzfilme „Step Up to the Streets“ und „Step Up 3D“.

In einer Strandbar mit einem unnatürlich aussehendem Horizont (aber, hey!, es ist ein Musical und da ist natürlich nichts natürlich) bittet eine Schar Kinder Usnavi (Anthony Ramos) ihnen von seiner Vergangenheit zu erzählen. Der junge Bodega-Betreiber beginnt ihnen in epischer Ausführlichkeit von den Heights zu erzählen. Die Heights sind das New Yorker Stadtviertel Washington Heights, ein Latino-Einwandererviertel in Manhattan. Usnavi erzählt von seinem Leben und dem Leben im Viertel. Es geht um seine Freunde, seine Bekannten, die Menschen, die er täglich in seinem Viertel trifft und um seine Liebe zu Nina, die in Stanford studiert und so aufsteigen kann. Dafür verschuldet sich ihr Vater Kevin Rosario, ein Taxiunternehmer, immer mehr.

Aus diesen Episoden ergibt sich das Bild einer sehr lebendigen und, trotz aller Probleme, lebenswerten Nachbarschaft. Damit knüpft John M. Chus Film an Wayne Wangs „Smoke“/“Blue in the Face“-Filmdoppel an, das ein anderes New Yorker Stadtviertels und der in ihm lebenden Menschen ähnlich liebevoll porträtiert. Spike Lees früher Klassiker „Do the right thing“, der ein anderes New Yorker Stadtviertel porträtiert, fällt dagegen wesentlich wütender und kämpferischer aus.

In „In the Heights“ plätschern die bestenfalls lose miteinander verknüpften Episoden eher vor sich hin. Sicher, es gibt die Liebesgeschichte zwischen Usnavi und Nina, die er schon seit Ewigkeiten kennt und es wird nach dem Gewinner eines Lotterieloses gesucht. Es gibt auch einen Stromausfall, der im Film pompös mit einem Countdown vorbereitet wird. Aber wirklich dringend scheint keines der Probleme zu sein. Es sind einfach Ereignisse aus dem Alltag der kleinen Leute und ihrer kleinen Träume.

Dabei spricht „In the Heights“ unter seiner fröhlichen Musical-Oberfläche erstaunlich viele aktuelle Probleme der USA, von Einwanderergesellschaften und von Großstädten an, die naturgegeben auch immer zu einem großen Teil aus Einwanderer bestehen. Es geht um illegale Einwanderung, Gentrifizierung (so muss ein alteingessener, sich fest in weiblicher Hand befindender Frisörsalon einige Straßen weiter ziehen) und den amerikanischen Traum, den jeder träumt, aber an dem nicht jeder teilnehmen darf. Das bekommt vor allem Nina zu spüren, die sich an der Universität nicht akzeptiert fühlt und wieder zurück in die Heights möchte, während alle Bewohner ihr, als sie in den Semesterferien zurück kommt, zum ersten Schritt ihres Aufstiegs aus den Heights gratulieren.

Die Musik – meistens Latin-Pop – ist Geschmacksache. Meinen Geschmack trifft sie absolut nicht. Der Gesang ist mal so, mal so. Schließlich sind die Schauspieler nicht unbedingt großartige Sänger. Das kennen wir auch aus anderen Musicalfilmen der vergangenen Jahre.

Die Tanznummern sind dagegen oft großartig und für die große Leinwand komponiert. Da tanzen Menschenmassen durch breite New-Yorker-Straßen und Hinterhöfe. Da wird aus dem sommerlichen Treiben in einem vollen Freibad ein präzise choreographiertes Wasserballett, bei dem alle fröhlich mitmachen.

Für Musical-Fans ist Jon M.Chus „In the Heights“ natürlich ein Pflichttermin. Aber auch für andere Zuschauer ist das Musical interessant, weil es viele aktuelle Probleme anspricht und es so auch einen Einblick in die Gefühlslage der Latino-Bevölkerung in einem Stadtviertel gibt.

In the Heights: Rhythm of New York (In the Heights, USA 2021)

Regie: Jon M. Chu

Drehbuch: Quiara Alegría Hudes (nach einem Konzept von Lin-Manuel Miranda, basierend auf dem Musical von Lin-Manuel Miranda und Quiara Alegría Hudes)

mit Anthony Ramos, Leslie Grace, Corey Hawkins, Melissa Barrera, Olga Merediz, Daphne Rubin-Vega, Jimmy Smits, Gregory Diaz IV, Stephanie Beatriz, Dascha Polanco

Länge: 143 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „In the Heights“

Metacritic über „In the Heights“

Rotten Tomatoes über „In the Heights“

Wikipedia über „In the Heights“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (G.I. Joe: Retaliation, USA/Kanada 2013)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: „Mary Poppins‘ Rückkehr“ zur Familie Banks in die Cherry Tree Lane 17

Dezember 21, 2018

Mary Poppins“ gehört zu den Filmen, die jeder gesehen hat und, wenn nicht, das dann jedenfalls behauptet. Das 1964 von Robert Stevenson inszenierte Musical mit Julie Andrews als resolutes Kindermädchen Mary Poppins, das der Familie Banks hilft, war einer der großen Disney-Hits und ist ein immer wieder gern gesehener Klassiker. Das liegt an den Songs und der überbordenden Fröhlichkeit des Films, im der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

2013 inszenierte John Lee Hancock das, ebenfalls von Disney produzierte, sehenswerte Making-of „Saving Mr. Banks“. In dem Drama wird erzählt, wie Walt Disney jahrelang um die Verfilmungsrechte für Mary Poppins kämpfte. Ihre Erfinderin P. L. Travers wollte keine Verfilmung. Als sie dann aus ökonomischen Gründen zustimmte, erstritt sie sich umfangreiche Mitspracherechte, die die Produktion zu einer anstrengenden Erfahrung für die Beteiligten machte.

Damit war eigentlich alles über Mary Poppins gesagt.

Jetzt erzählt Rob Marshall („Chicago“, „Into the Woods“) in einer eigentümlichen Mischung aus Remake und Weitererzählung die Geschichte von „Mary Poppins“ als „Mary Poppins‘ Rückkehr“.

Inzwischen sind die Banks-Kinder erwachsen. Michael Banks (Ben Whishaw) lebt immer noch in der Cherry Tree Lane 17. Er arbeitet in der Fidelity Fiduciary Bank, in der bereits sein Vater arbeitete. Seine Schwester Jane (Emily Mortimer) ist, wie ihre Mutter, politisch engagiert. Michaels drei Kinder bräuchten, nach dem Tod ihrer Mutter, ein Kindermädchen. Und die finanziellen Probleme sind drückend. Michael, eigentlich ein Künstler und immer noch ein Kind, hat sich bei seinem Arbeitgeber verschuldet und das Haus als Sicherheit angeboten. Jetzt tauchen die Geldeintreiber der Fidelity Fiduciary Bank auf. Michael soll mit seiner Familie binnen weniger Tage das Haus räumen.

Als Michael in alten Unterlagen blättert, erinnert er sich an die schöne Zeit mit dem Kindermädchen Mary Poppins. Er wünscht sich, dass sie zurückkäme – und so geschieht es. Mary Poppins (Emily Blunt) schwebt aus dem Himmel herab und klopft an die Tür des Banks Anwesen.

Auch wenn die Macher sagen, in „Mary Poppins‘ Rückkehr“ hätten sie die anderen Mary-Poppins-Geschichten von P. L. Travers verarbeitet und sie erzählten eine ganz neue Geschichte, ist „Mary Poppins‘ Rückkehr“ ein Remake von Stevensons Musical mit neuen Songs (die für die deutsche Fassung synchronisiert wurden), einigen neuen Erlebnissen und Figuren und vielen, sehr vielen Motiven und Elementen aus dem 1964er Film.

Ein solches Remake mit einigen neuen Elementen wäre kein Problem, wenn die Macher nicht gleichzeitig behaupteten, sie würden die Geschichte weiter erzählen. Nur: warum soll Michael und Jane Banks ziemlich genau das gleiche zustoßen, was ihren Eltern zustieß? Mit, auch wenn sie andere Namen haben, all den aus „Mary Poppins“ bekannten Charakteren? Warum soll Michael sich sentimental an Mary Poppins erinnernd, sie zurückwünschen und dann nichts, aber auch absolut nichts über sie wissen? So freut er sich, dass Mary Poppins anklopft, aber an ihre besonderen Fähigkeiten, dem Alltag mehr als einen Hauch von Magie zu verleihen, erinnert er sich nicht mehr. Dabei ist das der Grund, weshalb er sie wieder in seinem Leben haben wollte.

Die Story, die „Life of Pi“-Autor David Magee um die ausgedehnten Musical-Nummern, erfand, ist nicht mehr als eine Abfolge von Episoden, die das Auge überwältigen sollen. Marc Shaiman und Scott Wittman, Tony-Gewinner für „Hairspray“, schrieben die Musik. Ob die Songs zu Gassenhauern werden, wie die Songs von Richard M. und Robert B. Sherman (remember „Chim-Chim-Cheere“, „A Spoonful of Sugar“, „Supercalifragilisticexpialigetisch“), wird die Zeit erweisen. Es gibt große Musical-Nummern mit viel Gesang und Tanz. Es gibt, wie in „Mary Poppins“, eine ausgedehnte Trickfilm-Sequenz. Alles spielt in einer bewusst künstlichen Welt, die auch in den Nicht-Trickfilm-Teilen, wie ein im Studio gedrehter Animationsfilm aussieht.

Das ist gut gemacht, aber Marshalls Musical hat niemals die auch heute noch packende Wirkung des Originals. Während „Mary Poppins“ wie eine Überportion Zucker ist, ist „Mary Poppins‘ Rückkehr“ die zuckerfreie Version.

Mary Poppins‘ Rückkehr (Mary Poppins return, USA 2018)

Regie: Rob Marshall

Drehbuch: David Magee (nach einer Geschichte von David Magee, Rob Marshall und John DeLuca) (basierend auf den Mary-Poppins-Geschichten von P. L. Travers)

mit Emily Blunt, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Emily Mortimer, Julie Walters, Colin Firth, Meryl Streep, Pixie Davies, Joel Dawson, Nathanael Saleh, Dick Van Dyke, Angela Lansbury, David Warner .

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mary Poppins‘ Rückkehr“

Metacritic über „Mary Poppins‘ Rückkehr“

Rotten Tomatoes über „Mary Poppins‘ Rückkehr“

Wikipedia über „Mary Poppins‘ Rückkehr“ (deutsch, englisch)


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