TV-Tipp für den 7. März: The Outsiders: The Complete Novel

März 6, 2026

RBB, 22.00

The Outsiders: The complete Novel (The Outsiders, USA 1983/2005)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: Kathleen Knutsen Rowell

LV: S. E. Hinton: The Outsiders, 1967 (Die Outsider)

Tulsa, Oklahoma, sechziger Jahre (mit fünfziger Jahre Feeling): Die proletarischen Greaser und die aus dem wohlhabenden Teil der Stadt stammenden Socs leben ihre Feindschaft immer wieder in Schlägereien aus. Als dabei einer der Socs zufällig stirbt, müssen zwei in die Tat involvierte Mitglieder der Greasers aus der Stadt flüchten.

Jugendrama, das damals bei der Kritik nicht gut ankam. Die längere „The complete Novel“-Fassung rehabilierte das aus heutiger Sicht sehr prominent besetzte, edel fotografierte Jugenddrama vollständig.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung, inclusive einiger Worte zu den verschiedenen Fassungen.

mit C. Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Rob Lowe, Diane Lane, Emilio Estevez, Tom Cruise, Leif Garrett, Glenn Withrow, Tom Waits, S. E. Hinton

auch bekannt als „Coppola’s The Outsiders – Rebellen ohne Grund“ (Kinotitel) bzw. „Die Outsider“ (Kinotitel)

Hinweise

Moviepilot über „The Outsiders“

Metacritic über „The Outsiders“

Rotten Tomatoes über „The Outsiders“

Wikipedia über „The Outsiders“ (deutsch, englisch)

Homepage von S. E. Hinton

Meine Besprechung von Norbert Grob/Bern Kiefer/Ivo Ritzer (Herausgeber) „Mythos ‘Der Pate’ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm (Deep Focus 10)“ (2011)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now: The Final Cut“ (USA 1979/2019) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „The Outsiders: The complete Novel“ (The Outsiders, USA 1983/2005) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Rumble Fish“ (Rumble Fish, USA 1983)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Meine Besprechung von Franics Ford Coppolas „Megalopolis“ (Megalopolis, USA 2024)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993) (der Comic-Version von Coppolas Film)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Bride! – Es lebe die Braut“ in Gotham

März 6, 2026

Beginnen wir mit etwas Filmgeschichte, ehe ich erkläre, warum sie für „The Bride! – Es lebe die Braut“ denkbar unwichtig ist. 1935 drehte James Whale „Frankensteins Braut“ (The Bride of Frankenstein). Der Horrorfilm erzählte die Geschichte von „Frankenstein“ weiter. Er gehört zu den wenigen Fortsetzungen, die nach allgemeiner Einschätzung besser als der erste Film sind. „Frankensteins Braut“ ist „ein Meisterstück schwarzen Humors“ (Lexikon des Internationalen Films). Das Aussehen der von Elsa Lanchester gespielten Braut ist ikonisch. Mit wenigen Minuten Leinwandzeit brannte sie sich in das kollektive Gedächtnis. Inspiriert ist ihr Aussehen von Maria (Brigitte Helm), der Arbeiterführerin und Roboterfrau aus Fritz Langs Science-Fiction-Stummfilmklassiker „Metropolis“.

Die Geschichte von Frankenstein, bekannt aus Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (Frankenstein; or, The Modern Prometheus, 1818) und unzähligen mehr oder weniger freien Verfilmungen, setze ich als bekannt voraus. Schließlich startete die neueste Version, inszeniert von Guillermo del Toro, vor wenigen Wochen im Kino und ist seitdem auf Netflix verfügbar.

Maggie Gyllenhaal verlegte die Geschichte von der Braut und dem Monster (das inzwischen auch als Frankensteins Kreatur bekannt ist) in das Jahr 1936 in die USA nach Chicago, New York und die ländliche Gegend um die Niagarafälle. Die Geschichte von „Frankenstein“ ist nur noch ein Nebensatz. Von „Frankensteins Braut“ wurde die Idee übernommen, dass das Monster eine Braut benötigt und man ließ sich vom Aussehen der der Braut inspirieren. Für seine künftige Lebensgefährtin sucht Frank (was man als eine Kurzform von Frankenstein lesen kann) Dr. Euphronious auf. Er erklärt ihr seine Situation, die sich in den vergangenen über hundert Jahren nicht veränderte. Sie hilft ihm, ganz der experimentierfreudige Mad Scientist, bei der Suche nach einer Braut für Frank. Sie wird auf dem Friedhof entdeckt, wiederbelebt – und schon können Frank und die Braut, die sich an nichts erinnert, ihr gemeinsames, zunächst glückliches Leben beginnen.

Schnell wird die Filmgeschichte zu einer überdeutlich von Arthur Penns „Bonnie and Clyde“ inspirierten Bonnie-&-Clyde-Variante mit viel Retro-Gangsterkinoschick und DC/Marvel-Worldbuilding.

Das ist gut gespielt von Christian Bale als Frank und Jessie Buckley als durchgeknallter Braut in den Hauptrollen. Annette Bening als Mad Scientist, Peter Sarsgaard und Penélope Cruz als seltsames Frank und die Braut verfolgendes Ermittlerduo, und Jake Gyllenhaal als tanzendes, von Frank verehrtes Hollywood-Matinee-Idol übernahmen mehr oder weniger wichtige Nebenrollen. Die Bilder von „Joker“-Kameramann Lawrence Sher erinnern an die Gangsterfilmklassiker aus den dreißiger Jahren und die seitdem stattgefundenen Fortentwicklungen. Die Musik mixt unbekümmert damalige Songs mit neueren Songs und einem Soundtrack von Hildur Guðnadóttir.

Aber es bleibt bei einer Pastiche. Aus anderen Filmen bekannte Bilder und Situationen werden zitiert, teils in einen leicht veränderten Kontext gesetzt. Für fast jede Sekunde können andere Filme genannt werden. Im wesentlichen wildert Maggie Gyllenhaal unter den Gangsterfilmklassiker aus den Dreißiger Jahren und verschiedenen DC/Marvel-Filmen, mit einer besonderen Zuneigung zum Batman-Kosmos und, wenn wir den Blick weiten, den Batman-Noir-Comics. „The Bride!“ spielt in der Welt von Gotham. Die wenigen Musical-Nummern erinnern natürlich an „Joker: Folie à Deux“; könnten aber auch geschnittene Szenen aus einem anderen Film aus dem Batman-Kosmos sein. Die Braut ist eine Variation von Harley Quinn. Und Christian Bale erinnert erstaunlich oft an Tom Waits.

Gyllenhaal erzählt keine Geschichte aus der Welt von Frankenstein, sondern eine Noir-Geschichte aus der Welt von Batman, die sie als riesiges, oft disparates Mash-up bekannter Filme und Bilder präsentiert. Jede Szene ihrer Bonnie-und-Clyde-Geschichte inszeniert sie auf maximale Wirkung. Ständig passiert etwas. Alles ist überlaut und überdeutlich. Es ist, als hätte man Michael Bay auf Gotham losgelassen. Das ist als Kino der Oberflächenreize nie langweilig. Aber emotional ist man nie involviert. Man bewundert lediglich die Brillanz des Präsentierten.

The Bride! – Es lebe die Braut (The Bride!, USA 2026)

Regie: Maggie Gyllenhaal

Drehbuch: Maggie Gyllenhaal

mit Christian Bale, Jessie Buckley, Annette Bening, Peter Sarsgaard, Jake Gyllenhaal, Penélope Cruz

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Bride!“

Metacritic über „The Bride!“

Rotten Tomatoes über „The Bride!“

Wikipedia über „The Bride!“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. März: Ein Mann sieht rot

März 5, 2026

BR, 22.50

Ein Mann sieht rot (Death Wish, USA 1974)

Regie: Michael Winner

Drehbuch: Wendell Mayes

LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)

Nachdem seine Frau und Tochter in ihrem New Yorker Apartment überfallen und vergewaltigt werden und seine Frau von den Verbrechern ermordet wird, sieht der friedliebende, linksliberale Paul Kersey (Charles Bronson) rot.

Selbstjustiz-Klassiker, der das schlechte Vorbild für unzählige weitere Vigilantenfilme war. Das gilt auch für die direkten „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzungen.

Michael Winner inszenierte die krude Geschichte kraftvoll, ohne große Subtilitäten mit eindeutiger Botschaft. Trotzdem ist sein Film immer wieder ambivalenter als das Publikum den Kassenhit damals sah.

Brian Garfield, der Autor der Vorlage, ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, schrieb er die „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 von James Wan als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt Garfield, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.

Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence of subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isn’t a solution, it’s a problem.“

Hauptdarsteller Charles Bronson äußerte sich in Interviews über den Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre, als die Millionenstadt in einem Sumpf von Gewalt und Verbrechen versank.

2018 drehte Eli Roth mit Bruce Willis ein vollkommen missglücktes Remake von Michael Winners Film.

mit Charles Bronson, Hope Lange, Vincent Gardenia, Steven Keats, William Redfield, Stuart Margolin, Stephen Elliott, Jeff Goldblum (sein Debüt)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Mann sieht rot“

Wikipedia über „Ein Mann sieht rot“ (deutsch, englisch)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von Michael Winners Brian-Garfield-Verfilmung „Ein Mann sieht rot“ (Death Wish, USA 1974)

Meine Besprechung von Joseph Rubens  “The Stepfather” (The Stepfather, USA 1986, nach einer Geschichte von Brian Garfield)

Meine Besprechung von Eli Roths Brian-Garfield-Verfilmung „Death Wish“ (Death Wish, USA 2018)

Mein Nachruf auf Brian Garfield

Meine Besprechung von Michael Winners „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Mein Nachruf auf Michael Winner


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Pixar-Film „Hoppers“

März 5, 2026

Irgendwann im zweiten Akt, wahrscheinlich nach der Mitte des Films, fragte ich mich, wie die Macher von „Hoppers“ aus der Falle, die sie sich am Filmanfang stellten, elegant herauskommen wollen und wie sie eine aufbauende Botschaft senden können.

Das können sie nicht.

Doch der Reihe nach. Die Heldin des neuen Pixar-Films ist Mabel Tanaka, eine fanatische, vor Energie und Optimismus sprühende Kämpferin für die Freiheit von eingesperrten Tieren und eine ebenso überzeugte Liebhaberin der unberührten Natur, vor allem von einem Teich, an dem sie viel Zeit mit ihrer unlängst verstorbenen Großmutter verbrachte. Seit kurzem studiert sie an der örtlichen Universität. Ihr Feind ist Jerry Generazzo. Der skrupellose Bürgermeister der Stadt Beaverton will eine Umgehungsstraße bauen. Es fehlt nur noch das Stück, das den Teich zerstören würde.

Als Mabel entdeckt, dass alle Tiere aus dem Teich verschwunden sind und die Bagger anrollen können, will sie das verhindern. Das könnte ihr gelingen, wenn es an dem Teich wieder Biber gibt. Denn wenn ein Biber da ist, kommen kurz darauf auch die anderen Tiere. Der Bau der Umgehungsstraße wäre gestoppt.

In der Nähe des Teichs entdeckt sie einen Biber. Dieser ist allerdings kein echter Biber sondern ein wie ein Biber aussehender Roboter. Er ist Teil eines streng geheimen Forschungsprojekts von Professorin Dr. Sam. In dem Projekt von Mabels Biologie-Professorin wird das Gehirn eines Menschen in den Körper eines Roboter-Biber gehüpft. Mit Hilfe dieser Hoppers-Technologie kann das Leben der Tiere ohne störende Einflüsse beobachtet werden. Die Forscher können sogar verstehen, was die Tiere sagen.

Kurzentschlossen schlüpft Mabel (also genaugenommen nur ihr Bewusstsein) in den Roboter-Biber. Im Wald trifft sie die anderen Tiere, entdeckt eine vollkommen fremde, in ihren innersten Strukturen darwinistische Welt und den diese Welt regierenden herzensguten König George. Die Tiere verraten ihr auch, dass sie den Teich verlassen haben, weil es dort ein schreckliches Geräusch gebe. Mabel will den Grund für das Geräusch herausfinden.

Gleichzeitig stachelt sie die Tiere zum Kampf gegen die Menschen, die ihnen immer mehr von ihrem Lebensraum wegnehmen, an.

Nie verschwendet sie dabei einen Gedanken an die Folgen, die ihre Taten haben könnten. Dafür ist Mabel viel zu impulsiv und auf ihr Ziel fokussiert.

Hoppers“, inszeniert von Daniel Chong, nach einem Drehbuch von Jesse Andrews, erzählt vor allem eine spannende Geschichte über den Kampf zwischen einer radikalen Umweltschützerin und einem skrupellosem Bürgermeister. Chong zeichnet den Gegensatz zwischen Gut und Böse sehr klar und deutlich. Der Kampf zwischen Mabel und Bürgermeister Generazzo entwickelt sich innerhalb der Drei-Akt-Struktur. Die Figuren müssen etwas lernen. Sie müssen am Ende der Geschichte eine andere Person als am Anfang der Geschichte sein. Danach muss Mabel sich verändern. Aber welche Änderung könnte in einem Kinderfilm für eine grundsympathische, vor Energie und Optimismus sprühenden Umwelt- und Tierschützerin wünschenswert sein? Soll sie am Ende weniger Umwelt- und Tierschutz fordern? Soll sie für die Umgehungsstraße und für die Zerstörung der Umwelt sein?

Die von den Machern gewählte Lösung in und nach dem finalen Kampf zwischen Mabel und Generazzo fällt dann auch, nachdem sie sich in eine Catch-22-Situation hineinmanövrierten, wenig befriedigend aus.

Bis dahin entwickelt sich die Geschichte, trotz des komplizierten Set-ups mit der Hüpf-Technologie, den vielen individuell gezeichneten Figuren und überraschenden Wendungen letztendlich gradlinig, flott und auch kurzweilig auf ihr Ende hin.

Hoppers (Hoppers, USA 2026)

Regie: Daniel Chong

Drehbuch: Jesse Andrews (nach einer Geschichte von Daniel Chong und Jessie Andrews)

mit (im Original den Stimmen von) Piper Curda, Bobby Moynihan, Jon Hamm, Kathy Najimy, Dave Franco, Eduardo Franco, Aparna Nancherla, Tom Law, Sam Richardson, Melissa Villaseñor, Isiah Whitlock Jr., Steve Purcell, Ego Nwodim, Nichole Sakura, Meryl Streep, Karen Huie, Vanessa Bayer

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Hoppers“

Metacritic über „Hoppers“

Rotten Tomatoes über „Hoppers“

Wikipedia über „Hoppers“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“

März 5, 2026

Am 21. Februar erhielt „Gelbe Briefe“ auf der Berlinale den Goldenen Bären. Jetzt, wenige Tage später, läuft İlker Çataks neuer Film im Kino an.

Çatak erzählt die Geschichte eines gefeierten Künstlerehepaares, deren Ehe in eine existenzbedrohende Krise gerät. Sie ist am Staatstheater eine anerkannte Hauptdarstellerin, er ist gefeierter Bühnenautor und unterrichtet an der Universität. Ihre dreizehnjährige Tochter Ezgi (die während des gesamten Films deutlich älter wirkt) hat die normalen Probleme von pubertierenden Jugendlichen. Sie sind eine typische linksliberale Künstlerfamilie. Bis die anonym bleibende Regierung sich entschließt, Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), das Ensemble des Theaters und Aziz‘ Universitätskollegen fristlos zu entlassen. Begründet wird dies mit erfundenen Anschuldigungen. In Wirklichkeit geht es wohl um das Theaterstück, über das wir nur erfahren, dass die Premiere ein Erfolg war und die kommenden Vorstellungen ausverkauft sind, und Protesten an der Universität, die sich anscheinend irgendwie gegen die Regierung richten. Genauer führt Çatak das nicht aus.

Gegen die ungerechtfertigte und nicht begründete Entlassung wehren Aziz und Derya sich; wie die Mitbetroffenen, die fortan nur noch ab und an als Stichwortgeber auftauchen und irgendwann vollkommen aus dem Film verschwinden. Ungeachtet ihres Kampfes um ihre Arbeitsplätze, müssen Aziz und Dervy jetzt nach Arbeit suchen. Sie können ihren gewohnten Lebensstandard nicht mehr halten. Sie müssen aus ihrer Wohnung ausziehen und von Ankara nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter in deren deutlich kleinere Wohnung umziehen.

Dabei fragen sie sich, wie sehr sie gegen die Entlassung protestieren sollen, ob sie sich arrangieren sollen oder gerade jetzt mit explizit politischen Aktionen, wie einem von Aziz in Istanbul geschriebenem Theaterstück, auffallen sollen.

Die uninteressanteste Idee von İlker Çataks „Gelbe Briefe“ ist, dass er explizit sagt, dass im Film Berlin Ankara und Hamburg Istanbul sei. Damit das jedem im Kinosaal auffällt, zeigt er, nach der Nennung der Städte, explizit einige allgemein bekannte Wahrzeichen, deutsche Worte und in einem Bild deutlich die Autokennzeichen von mehreren Hamburger Taxis. Der geneigte Zuschauer kann, nach diesem Wink mit dem Zaunpfahl, darüber Nachdenken, ob und wie sehr Deutschland und die Türkei austauschbar sind.

Dieser gewollte Verfremdungseffekt ist nicht mehr als ein überflüssiger und auch ärgerlicher Gimmick. Ständig werden Filme oder Teile von Filmen nicht an dem Handlungsort gedreht. In diesem Fall spielt der Film außerdem fast ausschließlich in Innenräumen, vor allem in zwei Wohnungen und im Theater.

Zusätzlich zu dem Hinweis, dass deutsche Städte türkische Städte sein sollen, besetzte er alle Rollen mit türkischen, teils in verschiedenen europäischen Ländern lebenden Schauspielern, die in ihrer Muttersprache spielen konnten. Das ist eine Entscheidung, die nicht weiter stört, weil die wenigsten Zuschauer sich für Details der Produktion interessieren, die Filme entweder in der Originalfassung (was in diesem Fall die türkischsprachige Fassung ist) oder in der synchronisierten Fassung sehen.

Irritierend ist, dass İlker Çatak zwar einen Film drehte, der explizit in der Türkei spielen soll (und wohl auch dort hätte gedreht werden können), er sich aber erstaunlich wenig für die politischen Probleme innerhalb der Türkei interessiert. Zu nennen sind hier der Wandel von einer Demokratie zu einer von Recep Tayyip Erdoğan geführten Diktatur, der Islamismus, die Kurdistanfrage und die Verortung der Türkei in die politischen Probleme in der Region. Das alles kommt in „Gelbe Briefe“ nicht vor. Die aktuelle politische Situation der Türkei wird ignoriert. Ohne diesen Kontext ist unklar, gegen welche Politik und welches Regime protestiert wird.

In dem so entpolitisierten Drama reduziert sich daher die Frage nach dem Widerstand gegen die Regierung, auf die Frage, ob Derya die große Rolle in einer TV-Soap bei einem schlechten Sender annehmen soll oder ob sie in einem kritischen Stück ihres Mannes vor einem kleinen Publikum auftreten soll. Es ist die Frage zwischen Kommerz und Kunst. Es ist auch die Frage, zwischen Sorgen für die Familie und künstlerischer Selbstverwirklichung.

Diese universelle Frage behandelt Çatak ebenso universell als Familiendrama, das letztendlich überall und zu jeder Zeit spielen könnte – und auch spielt. Er bleibt nah bei seinen Figuren. Ihr Handeln bleibt durchgehend nachvollziehbar. Den dramaturgischen, die Geschichte nicht voran bringenden Schlenker mit dem Freund von ihrer Tochter hätte es nicht gebraucht. Über die aktuelle politische Situation in der Türkei wird höchstens zwischen den Zeilen erzählt. Hier bleibt „Gelbe Briefe“ als sich politisch gebendes Kino weit hinter dem selbst gewählten Anspruch zurück.

Gelbe Briefe (Deutschland/Frankreich/Türkei 2026)

Regie: İlker Çatak

Drehbuch: İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen

mit Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin, Aydın Işık, Aziz Çapkurt

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gelbe Briefe“

Moviepilot über „Gelbe Briefe“

Metacritic über „Gelbe Briefe“

Rotten Tomatoes über „Gelbe Briefe“

Wikipedia über „Gelbe Briefe“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Gelbe Briefe“

Meine Besprechung von İlker Çataks „Das Lehrerzimmer“ (Deutschland 2023)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Haben Regisseurinnen „No Mercy“?

März 5, 2026

Frauen drehen die härteren Filme. Das behauptete die verstorbene ukrainische Regisseurin Kira Muratova. Aber stimmt das? Und was bedeutet es genau? Isa Willinger versucht, lose entlang ihrer eigenen Biographie als Regisseurin erzählt, diese These zu beweisen. Sie unterhält sich dafür mit vielen Regisseurinnen. Und hier kämen wir, wenn es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handeln würde, zum großen Kritikpunkt. Willinger befragt fast nur europäische Regisseurinnen, vor allem Französinnen und Deutsche. Sie befragt vor allem Regisseurinnen, die für ihre künstlerische Entwicklung wichtig waren. Und damit haben die Regisseurinnen einige Gemeinsamkeiten. Sie stehen für ein feministisches Kino, oft Arthauskino und sehr oft ein die Kritik und das Publikum provozierendes Kino. So war Virginie Despentes „Baisse-moi (Fick mich!)“ 2000 in Frankreich gut für einen veritablen Skandal und ein Verbot des gewalttätigen und pornographischen Films. Es sind Regisseurinnen, die in ihren Filmenweibliche Bedürfnisse und Körper(öffnungen) zeigen. Sobald sie Horrorfilme und Thriller drehen, baden sie in Blut und verstörendem Bodyhorror. Es ist ein Kino der Provokation. Mal lauter, auch mal leiser.

Nicht beachtet wird das brave Mainstream-Kino. Patty Jenkins wird kurz für ihren Serienkillerfilm „Monster“ erwähnt, während ihre „Wonder Woman“-Filme ignoriert werden. Gleiches gilt für Karoline Herfurth, Doris Dörrie und Margarethe von Trotta.

Diese Auslassungen und die damit verbundene Einseitigkeit sind eine Stärke von „No Mercy“. Isa Willinger beschäftigt sich mit einem bestimmten Kino, einem Kino, das ihr wichtig ist, und sie fragt sich in dem Rahmen, wie Frauen gezeigt werden. Sie fragt also die Regisseurinnen, die sie zum Nachdenken anregten, über ihr Werk. Sie hofft, herauszufinden, warum sie diese Filme angesprochen haben.

Dabei verliert Willinger das breite Publikum aus dem Fokus. „No Mercy“ richtet sich nur an Hardcore-Cineasten, die die Regisseurinnen wenigstens vage kennen und einige der in „No Mercy“ gezeigten Filme gesehen haben. Denn viele der befragten Regisseurinnen sind höchstens für das Arthaus-Publikum bekannte Namen. Etliche der gezeigten Filme wurden in den deutschen Kinos nicht oder kaum gezeigt. Aktuell sind vor allem die älteren Filme schwer bis überhaupt nicht erhältlich.

Willinger stellt die Regisseurinnen vor, indem sie einige Sekunden aus ihren Filmen zeigt und danach die Regisseurinnen ausführlich reden lässt. Diese sich teils ergänzenden, teils widersprechenden Statements, die einen virtuellen Dialog ergeben, sind durchgehend interessant. Die Einordnung muss der Zuschauer übernehmen. Allerdings ist das ohne eine auch nur rudimentäre Kenntnis der Filme und des feministischen Kinos nicht sinnvoll möglich. Hier hätten einige einordnende Sätze über die einzelnen Filme, ihre damalige und spätere Wirkung und die Macherinnen wahre Wunder bewirkt.

Dieses Probleme haben Cineasten nicht. Für sie ist „No Mercy“ eine Fundgrube mit vielen informativen, aufschlussreichen und zum Nachdenken anregenden Statements von aktuell arbeitenden feministischen Regisseurinnen und einigen Regisseurinnen, die mit ihren Filmen vor Jahren Pionierarbeit leisteten.

No Mercy (Deutschland/Österreich 2025)

Regie: Isa Willinger

Drehbuch: Isa Willinger

mit Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway, Nina Menkes, Valie Export, Catherine Breillat, Virginie Despentes, Kira Muratova, Ana Lily Amirpour, Jackie Buet, Margit Czenki, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Sourya, Monika Treut, Apolline Traoré

Länge: 104 Minuten

FSK: ?

Und hier eine kleine Watchlist, die aus den von Frauen inszenierten Filmen besteht, die in „No Mercy“ kurz gezeigt werden und die als Einführung in den feministischen Film dienen können (bei den Angaben folge ich weitgehend den Angaben aus dem Presseheft):

Welcome II The Terror Dome (Ngozi Onwurah, 1995)

Titane (Julia Ducournau, 2021)

Vagabond (Vogelfrei, Agnés Varda, 1995)

Three Stories (Kira Muratova, 1997)

Baise-Moi (Virginie Despentes, 2000)

Sira (Apolline Traoré, 2022)

A Girl walks home alone at night (Ana Lily Amirpour, 2014)

The Asthenic Syndrome (Kira Muratova, 1989)

Marlina si pembunuh dalam empat babak (Marlina – Die Mörderin in vier Akten, Mouly Sourya, 2017)

The Day I became a Woman (Marzieh Meshkini, 2000)

Portrait de la jeune fille en feu (Porträt einer jungen Frau in Flammen, Céline Sciamma, 2019)

Naissance des pieuvres (Water Lilies – Der Liebe auf der Spur, Céline Sciamma, 2007)

Brief Encounters (Kira Muratova, 1967)

The Long Farewell, Kira Muratova, 1971)

Komplizinnen (Margit Czenki, 1987)

Die Jungfrauenmaschine (Monika Treut, 1988)

Verführung: Die grausame Frau (Monika Treut/Elfi Mikesch, 1985)

Female Misbehavior (Monika Treut, 1992)

Invisible Adversaries (Valie Export, 1988)

A real young girl (Catherine Breillat, 1976)

Romance (Catherine Breillat, 1999)

36 Filette (Catherine Breillat, 1988)

Broken Mirrors (Marleen Gorris, 1984)

Born in Flames (Lizzie Borden, 1983)

Business as usual (Lezli-An Barret, 1988)

Antoniaos Line (Marleen Gorris, 1995)

Monster (Patty Jenkins, 2003)

Promising Young Woman (Emerald Fennell, 2020)

Change of Fortune (Kira Muratova, 1987)

Second Class Citizens (Kira Muratova, 2001)

Brainwashed: Sex-Camera-Power (Nina Menkes, 2022)

Magdalena Viraga (Nina Menkes, 1986)

I love Dick (Joey Soloway, 2016)

Transparent (Joey Soloway, 2014 – 2019)

Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles, Chantal Akerman, 1975)

Saint Omer (Alice Diop, 2022)

Mona Lisa and the blood moon (Ana Lily Amirpour, 2021)

The Cabbage Fairy (Alice Guy-Blanché, 1896)

Petite Maman (Céline Sciamma, 2021)

À ma soeur! (Meine Schwester, Catherine Breillat, 2001)

Kids in America (Isa Willinger, 1998)

Daheim (Isa Willinger, 2001)

Russians in New York (Isa Willinger, 2004)

Pornoprotokolle (Isa Willinger, 2009)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „No Mercy“

Moviepilot über „No Mercy“

Rotten Tomatoes über „No Mercy“

Wikipedia über „No Mercy“ und Isa Willinger


TV-Tipp für den 5. März: Perfect Days

März 4, 2026

RBB, 20.15

Perfect Days (Japan/Deutschland 2023)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Takuma Takasaki, Wim Wenders

In Tokio reinigt Hirayama hingebungsvoll wunderschön aussehende öffentliche Toiletten. Anscheinend ist er zufrieden mit seinem betont einfachem, festen Ritualen folgendem Leben.

Wim Wenders‘ bester Spielfilm seit Ewigkeiten und ein Film für die Ewigkeit, wie ihn nur Wim Wenders machen kann. „Perfect Days“ ist gleichzeitig eine Fortführung und Revision bekannter Wenders-Themen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kôji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, Aoi Yamada, Yumi Asô, Sayuri Ishikawa, Tomokazu Miura, Min Tanaka

Wiederholung: Freitag, 6. März, 23.30 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Perfect Days“

Moviepilot über „Perfect Days“

Metacritic über „Perfect Days“

Rotten Tomatoes über „Perfect Days“

Wikipedia über „Perfect Days“ (deutsch, englisch) und über Wim Wenders (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (Pope Francis: A Man of his Word, Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Grenzenlos“ (Submergence, USA 2017)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ “Anselm – Das Rauschen der Zeit” (Deutschland/Frankreich 2023)

Mein Gespräch mit Wim Wenders über „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (Deutschland/Frankreich 2023)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Perfect Days“ (Japan/Deutschland 2023)

Wim Wenders in der Kriminalakte

Homepage von Wim Wenders


Edgar 2025 für das beste Debüt: Henry Wise: Holy City

März 4, 2026

Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.

Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?

Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.

Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.

In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.

Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.

Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.

Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.

Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.

Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.

Henry Wise: Holy City

(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)

Polar, 2026

344 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Holy City

Atlantic Monthly Press, 2024

Hinweise

Polar über Henry Wise

Perlentaucher über „Holy City“

 


TV-Tipp für den 4. März: Nach dem Urteil

März 3, 2026

Arte, 22.10

Nach dem Urteil (Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)

Regie: Xavier Legrand

Drehbuch: Xavier Legrand

Nach der Scheidung muss der Elfjährige Julien eine bestimmte Zeit bei seinem Vater Antoine verbringen. Aber Julien und seine Mutter sind dagegen. Grundlos?

Starkes, nicht auf vordergründige Emotionen setzendes Scheidungsdrama, das einen sehr alltäglichen Fall schildert. Keine leichte Kost.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Léa Drucker, Denis Ménochet, Thomas Gioria, Mathilde Auneveux, Mathieu Saikaly, Saadia Bentaieb, Émilie Incerti-Formentini, Sophie Pincemaille

Hinweise

Moviepilot über „Nach dem Urteil“

AlloCiné über „Nach dem Urteil“

Rotten Tomatoes über „Nach dem Urteil“

Wikipedia über „Nach dem Urteil“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Xavier Legrands „Nach dem Urteil“ (Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)


Cover der Woche

März 3, 2026

Spannende Geschichte.


TV-Tipp für den 3. März: Scream

März 2, 2026

Kabel Eins, 22.35

Scream (Scream, USA 1996)

Regie: Wes Craven

Drehbuch: Kevin Williamson

In der Kleinstadt Woodsboro bringt ein maskierter Mörder bevorzugt junge Frauen um. In Sidney Prescott findet der Ghostface-Killer seinen Meister.

Klassiker, weil er die Genreregeln bedient, ironisiert und mit einem Meta-Kommentar über die Klischees des Slasher-Films versieht. Der ziemlich intelligente Horrorfilm wurde ein Hit. Zahlreiche Fortsetzungen von eher abnehmender Qualität folgten. Am 27. Februar 2026 startete “Scream 7” und nachdem das Werk bereits jetzt über das Doppelte seines Budgets einspielte, wird es einen achten Teil geben.

Anschließend, um 00.50 Uhr, zeigt Kabel Eins die ebenfalls von Wes Craven inszenierte und von Kevin Williamson geschriebene Fortsetzung “Scream 2” (USA 1998)

mit David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox, Matthew Lillard, Rose McGowan, Skeet Ulrich, Drew Barrymore, Liev Schreiber

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Scream”

Wikipedia über “Scream” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Cravens „Tödlicher Segen“ (Deadly Blessing, USA 1981)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Scream“ (Scream, USA 2022)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Scream VI“ (Scream VI, USA 2023)


TV-Tipp für den 2. März: Die gefährlichsten Firmen der Welt

März 1, 2026

ZDF Info, 21.45

Die gefährlichsten Firmen der Welt (Deutschland 2026)

Regie: Jens Strohschnieder

Drehbuch: Jens Strohschnieder

TV-Premiere der aus den 45-minütigen Folgen „Big Tech: Der Aufstieg der Datenkraken“ und „Big Tech: Milliarden, Manipulation, Macht“ bestehenden Dokumentation, die heute Abend nacheinander gezeigt werden. Es geht um Google, Facebook, Amazon und andere Datenkraken, die unsere persönliche Daten sammeln und unser Verhalten manipulieren. Es geht um die idealistischen Anfänge und was aus ihnen wurde.

Hinweis

ZDF über die Doku (die auch in der Mediathek angesehen werden kann)


TV-Tipp für den 1. März: Schindlers Liste

Februar 28, 2026

Kabel 1, 20.15

Schindlers Liste (Schindler’s List, USA 1993)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Steven Zaillian

LV: Thomas Keneally: Schindler’s Ark, 1982 (später Schindler’s List) (Schindlers Liste)

Holocaustdrama über den deutschen Industriellen Oskar Schindler, der in Polen über 1100 Juden vor den Vernichtungslagern rettete, indem er sie als Zwangsarbeiter rekrutierte und dabei alles riskierte.

„in jeder Hinsicht bemerkenswert und legt eine künstlerische Strenge und ein unsentimentales Verständnis an den Tag, das es von allen bisherigen Filmen des Regisseurs abhebt. (…) Trotz seiner Länge von über drei Stunden bewegt sich der Film schnell voran und ist keine Minute zu lang für die Geschichte, die er erzählt, und die Menge von Informationen, die er vermittelt.“ (Todd McCarthy, Variety)

Steven Spielberg zum Kinostart der restaurierten Fassung im Januar 2019: „Es ist schwer zu glauben, dass es 25 Jahre her ist, seit ‚Schindlers Liste‘ in die Kinos kam. Die wahren Geschichten über das Ausmaß und die Tragödie des Holocaust dürfen nie vergessen werden, und die Lehren des Films über die entscheidende Bedeutung der Bekämpfung des Hasses hallen auch heute noch nach. Ich fühle mich geehrt, dass das Publikum die Reise noch einmal auf der großen Leinwand erleben kann.“

Anschließend, um 23.15 Uhr, zeigt Kabel 1 mit „Gefährten“ (War Horse, USA 2011) einen weiteren Spielberg-Film.

mit Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes, Caroline Goodall, Jonathan Sagalle, Embeth Davidtz

Wiederholung: Montag, 2. März, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Schindlers Liste“

Wikipedia über „Schindlers Liste“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ (Jaws, USA 1975)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (The Fabelmans, USA 2022)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. Februar: Django Unchained

Februar 27, 2026

Pro7, 20.15
Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.
„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen. – Mehr in meiner ausführlichen Filmbesprechung.
mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero
Wiederholung: Freitag, 6. März, 22.30 Uhr (Dann wahrscheinlich ungekürzt. Immerhin ist der Film FSK-16.)

Die Bildergeschichte zum Film

Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.
Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.
In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.

Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained
(übersetzt von Dietmar Schmidt)
Eichborn, 2013
272 Seiten
19,99 Euro

Originalausgabe
Django Unchained
Vertigo/DC Comics, 2013

Hinweise

Metacritic über „Django Unchained“

Rotten Tomatoes über „Django Unchained“

Wikipedia über „Django Unchained“ (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Father Mother Sister Brother“ Jim Jarmusch

Februar 27, 2026

Seien wir ehrlich; – auch wenn es offensichtlich ist: Jim Jarmusch hat letztes Jahr bei den Fimfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für seinen neuen Film „Father Brother Sister Brother“ nicht für den Film, sondern für sein Lebenswerk erhalten. Wahrscheinlich mit einer leichten Torschusspanik bei dem Festival, dass sie bislang Jarmusch noch nicht ausgezeichnet haben. Dabei ist Jim Jarmusch einer der großen zeitgenössischen Indie-Regisseure, er ist schon über siebzig Jahre alt und er war in den vergangenen Jahren sehr unproduktiv. Jedenfalls in punkto Spielfilme.

Sein neuester Film „Father Mother Sister Brother“ besteht aus drei Kurzfilmen, die an verschiedenen Orten in den USA und Europa spielen und mit verschiedenen Schauspielern gedreht wurden. Immer geht es um Kinder und ihre Eltern. Immer tauchen durch das Bild fahrende Skater auf und immer ist irgendwann eine nicht immer echte Rolex im Bild. Wichtig für die Geschichte sind die Skater und die Rolex nicht. Es sind eher Dinge, die auftauchen müssen, weil der Geldgeber es so wollte.

In dem ersten, in einer abgelegenen Hütte in New Jersey spielenden Film, besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) ihren allein lebenden Vater (Tom Waits). Sie wollen wissen, ob er Hilfe benötigt. Die zweite Episode spielt in Dublin. Die beiden Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) absolvieren den alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer furchteinflößenden Mutter (Charlotte Rampling) in ihrer noblen Wohnung. In der dritten und längsten Episode des Films geht es nach Paris zu den Zwillingen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat). Sie wollen die Wohnung ihrer tödlich verunglückten Eltern auflösen.

Bis auf die erste Geschichte ist keiner dieser Kurzfilme irgendwie auf eine Pointe hin erzählt. Und auch die Pointe in der ersten Geschichte ist schon von der ersten Minute an, wenn Tom Waits seine Wohnung für den Besuch seiner Kinder in einen schlechteren Zustand aufräumt, absehbar. Es sind drei Betrachtungen von Familienkonstellationen, in denen nichts Aufregendes passiert. Es sind Skizzen, in denen einfach einige Beobachtungen und eine Situation geschildert werden. Es sind auch typische Jarmusch-Geschichten. Dieses Mal in der kurzen und auf eine Situation konzentrierten Form, die er bereits in früheren Filmen pflegte. „Night on Earth“ und „Coffee and Cigarettes“ sind hier zu nennen. Diese Episodenfilme und Kurzfilme sind Nebenwerke.

Auch „Father Mother Sister Brother“ ist ein hochkarätig besetztes Nebenwerk, das vor allem für Jarmusch-Fans, sieben Jahre nach seinem letzten Spielfilm „The Dead don’t die“, ein willkommenes Lebenszeichen ist und das die Wartezeit auf seinen nächsten Spielfilm verkürzt.

Father Mother Sister Brother (Father Mother Sister Brother, USA/Deutschland/Italien/Irland/Frankreich 2025)

Regie: Jim Jarmusch

Drehbuch: Jim Jarmusch

mit Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Sarah Greene, Indya Moore, Luka Sabbat, Françoise Lebrun

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Father Mother Sister Brother“

Moviepilot über „Father Mother Sister Brother“

Metacritic über „Father Mother Sister Brother“

Rotten Tomatoes über „Father Mother Sister Brother“

Wikipedia über „Father Mother Sister Brother“ (deutsch, englisch) und über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

Jim Jarmusch in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs “Only Lovers left alive” (Only Lovers left alive, Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern/USA 2013)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Paterson“ (Paterson, USA 2016) und der DVD

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „Gimme Danger“ (Gimme Danger, USA 2016)

Meine Besprechung von Jim Jarmuschs „The Dead don’t die“ (The Dead don’t die, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: PingPong „Marty Supreme“

Februar 27, 2026

Marty Mauser ist ein ziemlicher Unsympath. Aber er ist jung, machtlos, unbeherrscht, voller Energie und er hat eine durchaus sympathische Vision. Tagsüber ist der 23-jährige ein eloquenter Schuhverkäufer in dem sich an der Lower East Side befindenden Geschäft seines Onkels. Nach Feierabend ist er ein begeisterter Tischtennisspieler. Er nimmt an Wettbewerben teil und er ist – gegen überschaubare Konkurrenz – US-Meister geworden. Aber er will Weltmeister werden und er will Tischtennis in den USA als geachteten Sport etablieren. Bis jetzt – wir reden von den frühen fünfziger Jahren – ist es ein in Hinterzimmern praktizierter Zeitvertreib für die Nachtschwärmer, Outcasts und Weirdos. Das ist nichts, womit man Geld verdienen kann.

Seinen Traum verfolgt Marty in deutlich über zwei Stunden in Josh Safdies atemlosen und ziemlich lustigem Drama „Marty Supreme“. Seine bisherigen Filme inszenierte Josh Safdie mit seinem Bruder Benny. Ronald Bronstein, der auch bei „Marty Supreme“ Co-Drehbuchautor ist, arbeitete immer an den Drehbüchern mit. Zu diesen, teils mit einem Minibudget und viel Improvisation inszenierten Filme gehörten „Daddy Longlegs“, „Good Time“ und „Uncut Gems“. Benny Safdie inszenierte jüngst, ebenfalls als Solo-Regiedebüt, „The Smashing Machine“ mit Dwayne Johnson als Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr. Kerr wollte Mixed Martial Arts in den USA als ernstzunehmenden Sport etablieren. „The Smashing Machine“ ist ein braves Biopic, bei dem immer unklar bleibt, warum wir uns für den Sport und den Teddybär-netten Protagonisten interessieren sollen.

In „Marty Supreme“ beantwortet Josh Safdie diese Fragen schon in den ersten Minuten. Ab diesem Moment hetzt er Timothée Chalamet, der Marty Mauser hochenergetisch spielt, durch die Geschichte. Während Marty kompromisslos um die halbe Welt seinen Traum verfolgt, kümmert er sich nicht weiter um die Folgen seiner oft grotesk aus dem Ruder laufenden und oft verantwortungslosen Taten. Dazu gehören, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, die ungeplante Schwangerschaft seiner verheirateten Freundin Rachel Mizler (Odessa A’zion), Ärger mit der Mafia und der Polizei und ständige, größer werdende Geldprobleme, die er versucht, kreativ zu lösen.

Marty ist der Protagonist der Geschichte. Die Hauptfigur. Aber zum Sympathieträger und Vorbild taugt er nicht. Schon in den ersten Minuten betrügt er auf seinen nächtlichen Spieltouren durch New York die anderen Spieler, wenn er um Geld spielt und sie dabei eine Zeitlang glauben lässt, er sei ein schlechter Spieler. Kurz darauf stiehlt er aus dem Safe seines Onkels seinen einbehaltenen Lohn. Er braucht das Geld, um nach London zu einem Wettbewerb zu fliegen. Dort verliert er gegen den Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi). Und er klaut den Schmuck seiner reich verheirateten Freundin Kay Stone (Gwyneth Paltrow), die er erstmals in London trifft. Dass der Schmuck, den das frühere Hollywood-Starlet trägt, nur billiger Modeschmuck ist, erfährt er, als er ihn bei einem Pfandhändler versetzen will. Skrupel empfindet er dabei nie.

Er hat nämlich ein Ziel vor Augen und er ist in seiner Getriebenheit ein Charmeur und begnadeter Erzähler mit einer Vision, die er Kay Stones Mann Milton Rockwell (Kevin O’Leary) verkaufen kann. Der vermögende Unternehmer hat von Tischtennis keine Ahnung. Aber nachdem der Erzkapitalist das Potential für ein gutes Geschäft sieht, investiert er in Marty. Marty ist eine Figur aus einem New-Hollywood-Film. In den Siebzigern hätte wahrscheinlich Al Pacino diesen typischen New Yorker gespielt.

Auch die Geschichte und die Inszenierung sind deutlich vom New-Hollywood-Kino beeinflusst. Aber mit einer humorvolleren Note. „Marty Supreme“ ist, glänzend besetzt auch in kleinen Rollen, mehr eine tief in New York verwurzelte Schelmengeschichte und Komödie als Drama. Denn egal welches Chaos Marty anrichtet, man kann ihm nicht wirklich böse sein.

Marty Supreme“, der im Moment mit Nominierungen überhäuft wird, ist ein früher Höhepunkt des Kinojahres.

Marty Supreme (Marty Supreme, USA 2025)

Regie: Josh Safdie

Drehbuch: Ronald Bronstein, Josh Safdie

mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Tyler Okonma, Fran Drescher, Kevin O’Leary, Sandra Bernhard, Koto Kawaguchi, Abel Ferrara, Larry Ratso Sloman, Géza Röhrig, Fred Hechinger, David Mamet, Penn Jillette, Timo Boll, Isaac Mizrahi, Philippe Petit, Pico Iver, Levon Hawke, Hailey Gates, Paul Grimstad, Ted Williams, George Gervin

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Marty Supreme“

Metacritic über „Marty Supreme“

Rotten Tomatoes über „Marty Supreme“

Wikipedia über „Marty Supreme“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben und Joshua Safdies „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“ (Good Time, USA 2017)


TV-Tipp für den 27. Februar: Zeuge einer Verschwörung

Februar 26, 2026

BR, 22.50

Zeuge einer Verschwörung (The Parallax View, USA 1973)

Regie: Alan J. Pakula

Drehbuch: David Giler, Lorenzo Semple jr.

LV: Loren Singer: The Parallax View, 1970

Journalist Joe Frady (Warren Beatty) will herausfinden, warum drei Jahre nach einem Attentat auf einen US-Senator Zeugen der Tat sterben. Zufall oder eine Verschwörung?

Polit-Thriller und Klassiker des Genres

mit Warren Beatty, Paula Prentiss, William Daniels, Walter McGinn, Hume Cronyn, Jim Davis

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zeuge einer Verschwörung“

Wikipedia über „Zeuge einer Verschwörung“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „EPiC – Elvis Presley in Concert“, prächtig restauriertes Mixtape

Februar 26, 2026

Als Baz Luhrmann für sein Biopic „Elvis“ in den Archiven von Warner Bros. recherchierte, entdeckten er und seine Mitarbeiter in Kansas in als Lagerort für Filmmaterial fungierenden Salzminen 69 Kisten mit Filmnegativen. Diese Kisten enthielten 59 Stunden Filmaufnahmen von Elvis Presley, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Jedenfalls nicht in dieser Qualität. Einige kurze Ausschnitte zirkulierten unter Elvis-Fans in Bootleg-Qualität. Später erhielt Luhrmann aus den Graceland-Archiven ebenso unbekannte Super-8-Filme.

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Backstage-Aufnahmen, Interviews, Aufnahmen von den Proben und mehrere Konzertaufnahmen. Der Großteil der Konzertaufnahmen entstand 1970 in Las Vegas und 1972 in Las Vegas und auf seiner Tournee durch die USA. Aus diesen Aufnahmen sollten damals ein Dokumentarfilm und ein Konzertfilm entstehen. Die Pläne zerschlugen sich. Das Material wurde in dem Bergwerk gelagert und vergessen. Für Elvis-Fans wurden die Aufnahmen ein Mythos.

Luhrmann wollte das gefundene Material der Öffentlichkeit in einer angemessenen Form präsentieren. Dafür wurden die Film- und Tonaufnahmen aufwendig restauriert. Am Ende verfügte Luhrmann über 59 Stunden unveröffentlichtes Filmmaterial, aus dem er seinen, uh, Dokumentarfilm zusammenfügte.

EPiC – Elvis Presley in Concert“ ist vor allem ein Film für die Elvis-Fans, bar jeder Analyse und sich nicht sonderlich um die Chronologie kümmernd. Munter mischt Luhrmann Aufnahmen von verschiedenen Auftritten, teils sogar verschiedenen Jahrzehnten, mit Aufnahmen von den Proben zu einem einzigen Elvis-Presley-Medley. Insgesamt werden in dem 97-minütigem Film 45 Songs angespielt. Einige Stücke sind aus verschiedenen Auftritten zusammengeschnitten. Da bleibt meist nur die Zeit, die Elvis zum Singen des Refrains benötigt.

Für Fans ist dieses gigantische Elvis-Mash-Up dennoch ein Genuss. Einmal, weil die Songs sehr gut klingen. Denn neben den Bildern wurde selbstverständlich auch der Ton restauriert. Einmal weil er sein Idol nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter und neben der Bühne und bei den Proben erleben kann und es einige Ausschnitte aus Interviews mit Elvis Presley gibt.

Wer dagegen auch nur im Ansatz eine Analyse oder eine Dokumentation über Elvis Presley erwartet, wird den Film für furchtbar unwichtig halten.

Und es handelt sich um keinen Konzertfilm. Ein Konzertfilm dokumentiert ein Konzert. Luhrman mixt in seinem Film munter, auch innerhalb eines Songs, Bildern von zu verschiedenen Zeiten entstandenen Konzertaufnahmen und Probenaufnahmen.

Das Ergebnis ist als fantasiertes Best-of-Concert überwältigend. Während man die bekannten Refrains mitsummt, kann man darüber nachdenken, wie sehr sich Elvis Presley in den wenigen Jahren zwischen seinem Durchbruch und den frühen siebziger Jahren veränderte und wie alt und unbeweglich er damals oft wirkte.

Elvis Presley starb mit 42 Jahren am 16. August 1977.

EPiC – Elvis Presley in Concert (EPiC – Elvis Presley in Concert, USA 2025)

Regie: Baz Luhrmann

Drehbuch: Baz Luhrmann

mit Elvis Presley

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „EPiC – Elvis Presley in Concert“

Metacritic über „EPiC – Elvis Presley in Concert“

Rotten Tomatoes über „EPiC – Elvis Presley in Concert“

Wikipedia über „EPiC – Elvis Presley in Concert“

Meine Besprechung von Baz Luhrmanns „Elvis“ (Elvis, USA 2022)


TV-Tipp für den 26. Februar: Heist – Der letzte Coup

Februar 25, 2026

Tele 5, 20.15

Heist – Der letzte Coup (Heist, USA 2001)

Regie: David Mamet

Drehbuch: David Mamet

Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.

Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.

Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay

Wiederholung: Freitag, 27. Februar, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Drehbuch von David Mamet

Moviepilot über „Heist“

Metacritic über „Heist“

Rotten Tomatoes über „Heist“

Wikipedia über „Heist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Prinzessin „Scarlet“ auf Rachefeldzug in der Anderswelt

Februar 25, 2026

Dänemark, im 16. Jahrhundert: zuerst bringt König Claudius den rechtmäßigen und guten König Amleth um. Später tötet er Amleths Tochter, Prinzessin Scarlet, die sich nicht seinen Wünschen beugen möchte.

Scarlet landet nach ihrem Tod nicht im Himmel oder in der Hölle, sondern in der Anderswelt, einem bedrohlichem Zwischenzustand jenseits von Raum und Zeit, mit Drache und Monstern und vielen Gefahren und einem unklaren Verhältnis zum Tod. So ist Hijiri, ein etwas später in der Anderswelt eintreffender junger Mann überzeugt, nicht tot zu sein. Er war als Notfallsanitäter doch gerade in der Gegenwart (also dem 21. Jahrhundert) in Tokio in einem Einsatz.

Scarlet und Hijiri bilden in Mamoru Hosadas neuem Fantasy-Anime „Scarlet“ das gegensätzliche Paar. Sie ist die vom Hass auf den Mörder ihres Vaters und ihren Mörder besessene Kriegerin, die keinem Kampf ausweicht und skrupellos tötet. Jetzt sucht sie in der Anderswelt König Claudius. Sie will ihn endgültig töten und in die Hölle schicken.

Hijiri ist das komplette Gegenteil von Scarlet. Er ist aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Welt und Kultur. Er ist mitfühlend, glaubt an das Gute, rettet und heilt jeden, der seine Hilfe benötigt, und er ist grundsätzlich optimistisch.

In „Scarlet“ präsentiert Mamour Hosoda seine sich viele Freiheiten nehmende Version von William Shakespeares Rachetragödie „Hamlet“. Zu Hosodas früheren Werken gehören „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ (2018), nominiert für den Oscar als bester Animationsfilm, und „Belle“ (2021), das in Cannes seine Premiere hatte. „Belle“ ist an der Kinokasse sein bislang erfolgreichster Film.

Scarlet“ hatte bei den Filmfestspielen in Venedig letztes Jahr seine Premiere und er kam bei der Kritik gut an. Denn obwohl Hosoda seine Geschichte primär für ein junges weibliches Publikum erzählt, ist sein Anime keine banale Liebesgeschichte für Teenager.

Er erzählt eine spannende und zum Nachdenken anregende Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei eine starke Heldin, die wirklich keinen Mann benötigt, um sie aus gefährlichen Situationen zu retten, und ihr sehr sympathisches Love-Interest. Der kann dann, auch dank seinem gut gefülltem Notfallrucksack, ihre Wunden heilen. Zuerst die körperlichen, später auch die seelischen.

Hosoda erzählt Scarlets Geschichte bildgewaltig und sich sehr komplex zwischen verschiedenen Zeiten und Welten bewegend.

Scarlet (Hateshinaki Sukāretto, Japan 2025)

Regie: Mamoru Hosoda

Drehbuch: Mamoru Hosoda

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Scarlet“

Metacritic über „Scarlet“

Rotten Tomatoes über „Scarlet“

Wikipedia über „Scarlet“

Meine Besprechung von Mamoru Hosodas „Belle“ (Ryū to Sobakasu no Hime, Japan 2021)