Neu im Kino/Filmkritik: „Whalefall“ – Vom Überleben in einem Wal

Oktober 15, 2026

Ein Pottwal kann über zwanzig Meter groß werden.

Ein Mensch ist deutlich kleiner.

Ein Pottwal kann, wie Daniel Kraus von Wissenschaftlern erfuhr, einen Menschen verschlucken. Ausgehend von dieser Idee erzählte Kraus in seinem Roman „Whalefall“ eine Geschichte, die unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist. Bis jetzt gibt es noch keinen bestätigten Fall von einem Menschen, der von einem Pottwal verschluckt wurde. Aber wenn das passieren würde, könnte es so oder so ähnlich geschehen.

Jay Gardiner (Austin Abrams) verbrachte das letzte Jahr weitab von seinem Heimatort am College. Jetzt besucht er seine immer noch in Monterey, Kalifornien lebende Mutter.

Vor einem Jahr beendete sein unheilbar an Krebs erkrankter Vater Mitt (Josh Brolin) sein Leben am Monastery Beach. Seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt will Jay sie finden – ein bescheuertes und ziemlich unmögliches Vorhaben – und so den Respekt der lokalen Taucher-Gemeinschaft erlangen. Denn Mitt ist unter ihnen eine Legende. Er will auch seinem toten Vater beweisen, dass er ein guter Taucher ist.

Kurz nach dem Beginn seines eigentlich ungefährlichen Tauchgangs wird Jay von den Tentakeln eines Kalmars erfasst. Kaum hat er sich befreit, werden er und der Kalmar von einem Pottwal verschluckt.

Jay hat nur noch für eine Stunde Sauerstoff. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen. Er muss irgendwie aus dem Bauch des Wals entkommen.

Daniel Kraus hat sich eine spektakuläre Geschichte ausgedacht, die er in dem Roman in extrem kurzen Kapiteln vorantreibt. Für die Verfilmung änderten er und Regisseur Brian Duffield diese Struktur zugunsten längerer Erzählblöcke. Erst am Ende verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit zunehmend.

Dabei wird aus der Survival-Story auch eine Vater-Sohn-Geschichte, in der Jay sich von seinem diktatorischem Über-Vater emanzipieren muss. Mitt war, wie Kraus im Roman schonungslos zeigt, nicht nur ein Mann mit starken Überzeugungen, sondern ein Vater aus der Hölle. Nur seine Meinung zählte. Als Verdiener war er ein Totalausfall. Keine Arbeit behielt er länger und die Jobs wurden immer schlechter. Mitt lebte nur für das Tauchen. Gleichzeitig brachte er Jay alles bei, um diese Situation zu überleben.

Wie Jay versucht, aus dem Walbauch zu entkommen, schildert Kraus in seinem Roman „Whalefall“ so detailliert und wissenschaftlich abgesichert, dass ich danach nicht nur verstand, was Jay warum machte, sondern auch (in grandioser Selbstüberschätzung) glaubte, jetzt mich selbst aus dem Bauch eines Wals befreien zu können.

Brian Duffields Verfilmung lässt diese Erklärungen weg zugunsten des reinen Terrors, in einem engen Raum eingesperrt zu sein und immer weniger Luft zu haben, und den verzweifelten Versuchen, sich aus dieser Situation zu befreien. Sobald Jay im Bauch des Wals ist, wird „Whalefall“ letztendlich zu einem Stummfilm. Es gibt auch kein erklärendes Voice-Over. Es gibt nur noch eine Mann, der etwas tut – und manchmal, wenn einer seiner Pläne schiefgeht oder der Wal etwas unvorhergesehenes tut, panische Schreckensschreie ausstößt.

In den Rückblenden geht es um Jays Beziehung zu seinem Vater. Dabei ist er im Film sympathischer als im Buch. Er wird zu einem forderndem Lehrer und Naturburschen, der nur das beste für seinen Sohn will.

Das Ergebnis ist ein spannender Survival-Thriller mit einer Vater-Sohn-Emanzipationsgeschichte – und eine Mischung aus tiefen Mitgefühl und Bewunderung für den Hauptdarsteller Austin Abrams. Er verbrachte den größten Teil der Dreharbeiten, nämlich 35 Drehtage, eingezwängt zwischen riesigen Schaumwänden, die die Magenwände des Wals waren, im Wasser und anderen Flüssigkeiten.

Whalefall (Whalefall, USA 2025)

Regie: Brian Duffield

Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus

LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)

mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Die Vorlage

Daniel Kraus: Whalefall – Im Wal gefangen

(übersetzt von Claudia Rapp)

Festa, 2024

416 Seiten

24,99 Euro (gebundene Ausgabe)

16,99 Euro (Taschenbuch)

–

Originalausgabe

Whalefall

MTV Books, 2023

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Hinweise

Moviepilot über „Whalefall“

Metacritic über „Whalefall“

Rotten Tomatoes über „Whalefall“

Wikipedia über Daniel Kraus und „Whalefall“ (Buch; Film: deutsch, englisch)

Homepage von Daniel Kraus

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Daniel Kraus‘ „Whalefall“ (Whalefall, 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Sacrifice“ für die Rettung der Welt?

Oktober 15, 2026

Billiger geht die Rettung der Welt nicht. Mit nur drei Menschenopfern, so behauptet Romain Gavras in seinem neuen Spielfilm „Sacrifice“, kann die Welt gerettet werden.

Das sage eine alte Prophezeiung. Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre fanatisierten Anhänger glauben daran. Sie stürmen eine Charity-Gala, die in Griechenland in einem malerisch abgeschiedenen liegendem alten, teils unterirdischem Steinbruch stattfindet. Dort hoffen sie, ihre Menschenopfer zu finden. Die Gäste der Gala sind eine Mischung aus prominenten Kulturschaffenden und vermögenden Milliardären. Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel, mit Glatze an einen anderen Milliardär erinnernd) stellt seine neueste Erfindung zur Rettung der Welt vor. Wie Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), der sich mit einem ähnlich wirren Auftritt in ein Karrieretief hineinmanövierte, in einer leicht wirren improvisierten Rede ausführt, müsse dafür die Welt noch mehr vernichtet werden.

Danach verschwindet er erst einmal auf die Toilette. Während er durch die Reaktionen auf seinen Auftritt scrollt, nehmen Joan und ihre Gefolgsleute die Gäste als Geisel. Joan beginnt die drei Menschen auszusuchen, die sie für ihre Prophezeiung benötigt: einen Helden, einen Schurken und eine Geliebte. Die Geliebte ist die Musikerin Katie (Ambika Mod), deren Auftritt sie mit ihrer Geiselnahme beendeten. Der Schurke ist, wenig überraschend, Ben Bracken. Fehlt nur noch der Held. Dieser soll durch ein Publikumsvotum herausgefunden werden.

Als Mike den Saal betritt, applaudieren die Charity-Gäste frenetisch. Er ist ihr Held. Er soll für sie in den Tod gehen. Bis Mike, der den Applaus dankbar annimmt, versteht, warum sie ihm applaudieren, ist es schon zu spät.

Zusammen mit den anderen beiden Menschenopfern wird er von Joan in Richtung des kurz vor der Explosion stehenden Vulkans verschleppt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Menschenopfern, die von den Sektenmitgliedern in den Vulkan geschubst werden, darf Mike als Held freiwillig in den Tod springen.

„Sacrifice“ ist eine aus dem Ruder laufende, nicht sonderlich fokussierte, prominent besetzte Kapitalismussatire, in der alle Schauspieler in fotogenen Sets dem Affen ordentlich Zucker geben.

Es geht um die Zerstörung der Umwelt, Kapitalismuskritik, Öko-Terrorismus, durchgeknallte Sekten und abstruse Gedankengebäude zwischen Verschwörungstheorie und Wahnsinn. Vieles wird angesprochen, wenig vertieft.

Das Ergebnis ist kein guter Film, aber ein sympathischer Film. Denn solche Satiren gibt es viel zu selten. Auch wenn vor einigen Tagen die ähnlich gelagerte Satire „Digger“ anlief und sie bislang nicht genug Geld einspielte, um die horrenden Produktionskosten einzuspielen.

Sacrifice (Sacrifice, USA 2026)

Regie: Romain Gavras

Drehbuch: Romain Gavras, Will Arbery

mit Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, John Malkovich, Salma Hayek Pinault, Ambika Mod, Sam Richardson, Yung Lean, Jade Croot, Miriam Silverman, Charli xcx

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Moviepilot über „Sacrifice“

Metacritic über „Sacrifice“

Rotten Tomatoes über „Sacrifice“

Wikipedia über „Sacrifice“ (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 15. Oktober: Silver Linings

Oktober 14, 2026

RBB, 20.15

Silver Linings (Silver Linings Playbook, USA 2012)

Regie: David O. Russell

Drehbuch: David O. Russell

LV: Matthew Quick: The Silver Linings Playbook, 2008 (Silver Linings)

Pat möchte seine Ex-Freundin zurückerobern. Tiffany soll ihm dabei helfen. Dummerweise leidet der frisch aus der Psychiatrie entlassene, wieder bei seinen Eltern lebende Pat an einer massiven manisch-depressiven Störung und Tiffany ist depressiv und emotional instabil.

Für acht Oscars nominierte schräge romantische Komödie

mit Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Jacki Weaver, Julia Stiles, Chris Tucker, Shea Whigham

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Silver Linings”

Wikipedia über “Silver Linings” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David O. Russells „American Hustle“ (American Hustle, USA 2013)

Meine Besprechung von David O. Russells „Joy – Alles außer gewöhnlich“ (Joy, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Volker Schlöndorffs Jenny-Erpenbeck-Verfilmung „Heimsuchung“

Oktober 14, 2026

Fast zehn Jahre nach seinem letzten Kinospielfilm „Rückkehr nach Montauk“ und fünf Jahre nach dem Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ kehrt Volker Schlöndorff mit seinem neuen Film „Heimsuchung“ wieder zurück ins Kino. Es handelt sich um eine Literaturverfilmung. Schlöndorff-Fans sagen sich jetzt, womit auch sonst. Schließlich wurde er damit berühmt. Er verfilmte „Der junge Törless“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“, „Die Fälschung“, „Eine Liebe von Swann“, „Die Geschichte der Dienerin“ und „Homo Faber“. Aber in den vergangenen Jahrzehnten verfilmte er, abgesehen von einer Friedrich-Ani-TV-Verfilmung („Der namenlose Tag“) und mehreren Verfilmungen von Theaterstücken, keine Romane. Seine letzte Literaturverfilmung war 1998 „Palmetto – Dumme sterben nicht aus“, die Verfilmung eines Kriminalromans von James Hadley Chase.

Jetzt nahm er sich Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ vor. Ihr 2007 erschienener Roman ist ein Bestseller, Abiturlektüre und in der Guardian-Liste der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts.

Schlöndorff schrieb auch das Drehbuch und erwartungsgemäß handelt sich sich um eine werkgetreue, gewohnt respektvolle filmische Nacherzählung des Romans. In diesem Fall legt sie die Probleme des Romans offen, ist teils gelungener als der Roman und stößt auf ganz eigene filmische Probleme. Ein unbestreitbarer Vorteil des Romans ist dabei seine Länge. Mit 192 Seiten ist er ziemlich kurz.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Grundstück an einem märkischen See. Gedreht wurde am Scharmützelsee und im Einstein-Haus in Caputh (bei Potsdam). Während der Weimarer Republik verkauft ein Bauer es an einen jüdischen Tuchfabrikanten und einen Architekten. Der Fabrikant errichtet ein kleines Badehaus. Der Architekt baut für sich und seine zukünftige Frau ein ansehnliches Haus im Bauhaus-Stil. Nach 1933 erwirbt er von dem Fabrikanten, der mit seiner Familie aus Deutschland flüchten will, das Nachbarhaus. Der Architekt passt sich geschmeidig an den Nationalsozialismus an. Er plant Konzentrationslager. Und er ist tief verärgert über die Ablehnung von Albert Speer.

Nach dem Krieg – inzwischen liegt das Grundstück in der DDR – passt er sich dem neuen System an und muss dann doch Richtung Westen flüchten. Eine systemtreue Schriftstellerin und ihre Familie ziehen ein.

Nach der Wende, während der Film immer mehr zu einer beliebigen Abfolge von Personen wird, wechseln wieder die Bewohner und Eigentümerverhältnisse des Hauses.

Die einzige Person, die immer da ist, ist ein schweigsamer Gärtner, der unbekümmert von den weltpolitischen Umbrüchen seine Arbeit erledigt. Im Roman altert er. Im Film scheint er eine mythische Gestalt zu sein, die nicht altert, immer da ist und nichts sagt.

Erpenbeck erzählt „Heimsuchung“ aus verschiedenen Perspektiven. In jedem Kapitel steht eine andere namenlose Figur im Mittelpunkt. Dazwischen gibt es jedes Mal ein kurzes Kapitel mit dem Gärtnern. Das führt dazu, dass sie in der Chronologie immer wieder um kurze Zeiträume springt, wenn sie beispielsweise zuerst von dem Architekten und anschließend von seinen jüdischen Nachbarn erzählt. Aber letztendlich erzählt sie chronologisch. In einigen wenigen Sätzen verlässt sie das Grundstück. Sie gibt so in einigen Fällen Hinweise auf das weitere Leben der Figuren.

Schlöndorff erzählt „Heimsuchung“, abgesehen von einer geisterhaften Rahmung am Filmanfang und -ende, strikt chronologisch und aus einer Perspektive. Die Enkelin der Schriftstellerin fungiert als Erzählerin, die alle Bewohner des Hauses zu Wort kommen lässt. Die gesamte Geschichte konzentriert sich auf das Haus des Architekten. Die Welt hinter den Grenzen des Grundstücks wird nur sichtbar, wenn sie auf das Grundstück und die dort lebenden Menschen Auswirkungen hat. Über Halbsätze und herumliegende KZ-Baupläne wird manchmal deutlich, wann einzelne Episoden spielen. Vertieft wird das weder im Buch noch im Film. Weltgeschichte ist bestenfalls ein Hintergrundrauschen. Manchmal, wenn sie direkte Auswirkungen auf die zahlreichen Bewohner des Hauses hat, mehr.

Viele der Bewohner des Hauses lernen sich dabei nie kennen, weil sie zu verschiedenen Zeiten im Haus lebten und keinerlei Kontakt zueinander haben. So zerfällt der Film, stärker als der Roman, in eine Abfolge nicht zusammenhängender Episoden. Jeder hat hier sicher seine Lieblingsfigur und Lieblingsepisode. Aber insgesamt ist der erste Teil des Films gelungener als die zweite Hälfte. Im ersten Teil steht der von Lars Eidinger gespielte Architekt im Mittelpunkt. Es geht um den Kauf des Grundstücks, den Bau des Hauses, das Leben in dem Haus während der Weimarer Zeit, der Nazi-Diktatur und den ersten Jahren der DDR. Der Architekt hat Erfolg als Architekt und passt sich den Verhältnissen an. In diesem Teil von „Heimsuchung“ wird eine präzise datierbare, in sich geschlossene größere und mehr in die Tiefe gehende Geschichte erzählt. Danach wird es episodischer, oberflächlicher – und langweiliger. Es ist wie das desinteressierte Blättern in verschiedenen Jahrgängen einer Tageszeitung. Einige Berichte sind länger, andere kürzer und einige berühren einen sofort, wie die Gefühle eines jüdischen Mädchens, das das Haus am See verlassen muss, oder wenn die Frau des Architekten sich während der letzten Kriegstage im geheimen Kleiderschrank des Hauses vor sowjetischen Soldaten versteckt.

Dank der vielen bekannten Schauspieler, unter anderem Detlev Buck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Angela Winkler, gewinnen die vielen Figuren auch in kurzen Auftritten Kontur. Trotzdem verfolgt man die Kurzauftritte der Schauspieler und die Ereignisse in dem Haus, vor allem ab den fünfziger Jahren, zunehmend desinteressiert. Zu schnell verschwinden die einzelnen Figuren aus dem Film. Zu wenig erfahren wir über sie und ihr Leben außerhalb des Hauses in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit mit Freunden. Zu folgenlos für die weitere Geschichte sind ihre Taten. Normalerweise wissen die neuen Bewohner nichts über die vorherigen Bewohner – und es ist ihnen auch egal.

Hier zeigt sich, wie auch bei „In die Sonne schauen“ und „Here“, dass die Idee, einen nur an einem räumlich sehr begrenzten, austauschbarem Ort spielenden Film, dessen Handlung sich über mehrere Jahrzehnte, teils Jahrhunderte oder, im Fall von „Here“, einen noch längeren Zeitraum erstreckt, auf dem Papier faszinierend, in der filmischen Umsetzung schwierig ist. Der alles zusammenhaltende erzählerische Bogen ist dann so beliebig, dass er kaum bis überhaupt nicht vorhanden ist.

Schlöndorffs „Heimsuchung“ ist eine top besetzte, werkgetreue, gediegene Verfilmung von Erpenbecks Roman.

Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte (Deutschland 2026)

Regie: Volker Schlöndorff

Drehbuch: Volker Schlöndorff

LV: Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, 2007

mit Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting, Maria Matschke Engel, Josefin Platt, David Bennent

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 15. Oktober 2026

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Die Vorlage

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Penguin Verlag, 2018

192 Seiten

14 Euro

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Originalausgabe

Eichborn, 2007

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Heimsuchung“

Moviepilot über „Heimsuchung“

Rotten Tomatoes über „Heimsuchung“

Wikipedia über „Heimsuchung“ (Buch, Film) und Jenny Erpenbeck (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Volker Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ (Deutschland 2017)

 


TV-Tipp für den 14. Oktober: Der beste Film aller Zeiten

Oktober 13, 2026

Arte, 20.15

Der beste Film aller Zeiten (Competencia oficial, Spanien/Argentinien 2021)

Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn

Drehbuch: Andres Duprat, Gastón Duprat (Co-Autor), Mariano Cohn (Co-Autor)

Ein Konzernchef möchte der Welt etwas Bleibendes hinterlassen. Nämlich den besten Film aller Zeiten. Er kauft die Rechte an dem Roman eines Nobelpreisträgers, engagiert eine bei der Kritik beliebte Regisseurin und zwei Stars. Was kann da schiefgehen?

Köstliche Farce über Künstler, ihre aufgeblasenen und zerbrechlichen Egos und den Dreharbeiten für ein Meisterwerk, das alle Filmpreise erhalten wird. Wenn es denn jemals fertig gestellt wird..

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martinez, Jose Luis Gómez, Manolo Solo, Nagore Aramburu, Irene Escolar

Hinweise

Moviepilot über “Der beste Film aller Zeiten”

Metacritic über “Der beste Film aller Zeiten”

Rotten Tomatoes über “Der beste Film aller Zeiten”

Wikipedia über “Der beste Film aller Zeiten” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gastón Duprat/Mariano Cohns „Der beste Film aller Zeiten“ (Competencia oficial, Spanien/Argentinien 2021)


Cover der Woche

Oktober 13, 2026


TV-Tipp für den 13. Oktober: Armored

Oktober 12, 2026

ZDFneo, 22.30

Armored (Armored, USA 2009)

Regie: Nimród Antal

Drehbuch: James V. Simpson

Die Mannschaft eines Geldtransporters will einen Überfall fingieren und mit der Beute (42 Millionen Dollar) verschwinden. Selbstverständlich geht der Plan schief und die Jungs gehen sich gegenseitig an die Gurgel.

Geradliniges B-Movie, das ohne Überraschungen sein Programm abspult und seinen hochkarätigen Cast vollkommen verschenkt. Sogar für die Die-Hard-Heist-Movie-Fans eine enttäuschende Angelegenheit, weil die Diskrepanz zwischen Besetzung, Anspruch und Wirklichkeit zu groß ist.

mit Matt Dillon, Jean Reno, Fred Ward, Columbus Short, Skeet Ulrich, Laurence Fishburne, Amaury Nolasco, Milo Ventimiglia

Hinweise

Metacritic über „Armored“

Rotten Tomatoes über „Armored“

Wikipedia über „Armored“ (deutsch, englisch)

John Robert Marlow interviewt Drehbuchautor James V. Simpson

Meine Besprechung von Nimród Antals „Metallica: Through the Never“ (Metallica Through the Never, USA 2013)

Meine Besprechung von Nimród Antals „Retribution“ (Retribution, Großbritannien 2023)


Vorbereitende Lektüre: Über Jörg Maurers verfilmten Kommissar-Jennerwein-Krimi „Hochsaison“

Oktober 12, 2026

Am 5. November startet im Kino die Verfilmung von Jörg Maurers zweitem Kommissar-Jennerwein-Kriminalroman. Bis dahin ist noch genug Zeit, um „Hochsaison“ zu lesen. Insgesamt veröffentlichte Maurer seit 2009 sechzehn Romane mit dem Ermittler. 2013 erhielt er den Radio-Bremen-Krimipreis. 2012 und 2013 den MIMI Krimi-Publikumspreis des Deutschen Buchhandels. Die Romane sind millionenfach verkaufte Bestseller.

Und jetzt verfilmte Hannu Salonen „Hochsaison“ mit Florian Brückner als Kommissar Jennerwein in der TV-üblichen Länge von ungefähr neunzig Minuten. Aber, möglicherweise angestachelt vom Erfolg der Eberhofer-Krimikomödien, spendierte RTL ihrer Produkten einen Kinostart. Die Filmkritik zu der sich ziemlich von der Buchvorlage entfernenden Verfilmung gibt es zum Kinostart. Jetzt gibt es die Buchkritik.

Während dem von sechsundzwanzigtausend Sportfans besuchtem Neujahrsspringen in einem Kurort in Bayern im Werdenfelser Land verletzt sich der Springer der dänischen Nationalmannschaft schwer. Weil der Unfall etwas seltsam war und ein Zeuge einen Schuss gehört haben will, beginnt Kommissar Hubertus Jennerwein zu ermitteln. Zuerst, nur wenige Buchseiten, Schnee. Schnell werden die ergebnislosen Ermittlungen eingestellt. Als drei Monate später in einem Gipfelbuch ein Bekennerschreiben entdeckt wird, werden sie wieder aufgenommen.

Während Jennerwein zwischen Lokalpolitikern, die ihren Ort als Austragungsort für Olympische Spiele ins Gespräch bringen wollen, Einheimischen und auswärtigen, teils prominenten Besuchern den Täter sucht, weiß der Leser schon von der ersten Seite an mehr.

Denn Jörg Maurer beginnt seinen Alpenkrimi mit einem Brief des in dem Moment noch zukünftigen Täters, der gegenüber der Polizei nebulös viele Verbrechen ankündigt und sie in seinen Bekennerschreiben mit vielen falschen Spuren an der Nase herumführt.

Ausgehend von dieser durchaus vielversprechenden Idee zeigt Maurer dann wenig Interesse an einer stringenten Entwicklung des Falls. Die Geschichte entwickelt sich, zwischen verschiedenen Handlungssträngen wechselnd, äußerst konfus und sprunghaft. Immer wieder poppen neue Figuren überraschend auf. Vieles, wie beispielsweise die Hintergründe zu dem Anschlag auf den Skispringer werden nebenbei und noch bevor Kommissar Jennerwein überhaupt etwas ahnt, verraten. Spannung will sich so nicht einstellen.

Den versprochenen Humor entdeckte ich ebenfalls nicht. Die gut lesbare Geschichte ist bestenfalls humoristisch gefärbt.

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Jörg Maurer: Hochsaison

Fischer Taschenbuch Verlag, 2010

400 Seiten

14 Euro

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Die Verfilmung

Kommisar Jennerwein – Hochsaison (Deutschland 2026)

Regie: Hannu Salonen

Drehbuch: Maximilian Brückner, Linus Herbig-Matten, Dinah Marte Golch

mit Florian Brückner, Sarah Thonig, Frederic Linkemann, Eva-Maria Reichert, Helmfried von Lüttichau, Florian Thongsap Welsch, Cornelius Obonya

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 5. November 2026

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Hinweise

Homepage von Jörg Maurer

Fischer Verlag über Jörg Maurer

Krimi-Couch über Jörg Maurer

Wikipedia über Jörg Maurer und „Kommissar Jennerwein: Hochsaison“


TV-Tipp für den 12. Oktober: Aelita – Der Flug zum Mars

Oktober 11, 2026

Arte, 23.20

Aelita – Der Flug zum Mars (Аэлита, Sowjetunion 1924)

Regie: Jakow Protasanow

Drehbuch: Alexei Faiko, Fjodor Otsep

LV: Alexei Tolstoi: Аэлита, 1922 (Ae͏̈lita – Ein Marsroman, Aelita)

Moskau, 1921: Ingenieur Loss glaubt, Funksignale vom Mars zu empfangen. In seinen Tagträumen (oder doch in der Realität?) reist er zum Mars, trifft die Königin Aelita und entfacht eine Revolution der unterdrückten Arbeiter.

Selten gezeigter Science-Fiction-Klassiker.

Damals beim Publikum beliebter Science-Fiction-Film, der später aufgrund ideologischer Neuausrichtungen in der Sowjetunion eher vergessen wurde. Aber in dem Moment hatte er in westlichen Filmen und Serials wie „Metropolis“, „Flash Gordon“ und „Buck Rogers“ schon Spuren hinterlassen.

Die Musik in der heute gezeigten Fassung ist von der finnischen Band Cleaning Women.

mit Julija Solnzewa, Igor Iljinski, Nikolai Zereteli, Nikolai Batalow, Vera Orlowa, Valentina Kuindschi, Konstantin Eggert, Alexandra Peregonez, Juri Sawadski

Hinweise

Arte über „Aelita“ (auch in der Mediathek)

Rotten Tomatoes über „Aelita“

Wikipedia über „Aelita“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. Oktober: Shutter Island

Oktober 10, 2026

Arte, 22.15

Shutter Island (Shutter Island, USA 2009)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Laeta Kalogridis

LV: Dennis Lehane: Shutter Island, 2003 (Shutter Island)

Shutter Island, 1954: U. S. Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island herausfinden, wie die Mehrfachmörderin und Patientin Rachel Solando aus dem streng abgesicherten Hospital entkommen konnte. Schnell ist Daniels einer größeren Verschwörung auf der Spur. Aber kann er seinen Sinnen noch trauen?

Und was kann bei dem Team Scorsese/DiCaprio schon schief gehen? Vor allem wenn sie als Spielmaterial einen spannenden Thriller von Dennis Lehane haben.

Nun, entgegen der allgemeinen Euphorie fand ich „Shutter Island“ todsterbenslangweilig und ungefähr so subtil wie Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ (Cape Fear, USA 1991). Lehanes Roman ist dagegen grandios.

Mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas

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Lesetipp

Dennis Lehane: Shutter Island

(übersetzt von Steffen Jacobs)

Diogenes, 2015

432 Seiten

14 Euro

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Originalausgabe

Shutter Island

William Morrow, 2003

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Hinweise

Metacritic über „Shutter Island“

Rotten Tomatoes über „Shutter Island“

Wikipedia über „Shutter Island“ (deutsch, englisch)

The Boston Globe: Interview mit Dennis Lehane über “Shutter Island” (14. Februar 2010)

Kriminalakte über den Film „Shutter Island“

zu Dennis Lehane

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

zu Martin Scorsese

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon (Killers of the Flower Moon, USA 2023)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Lügen über meine Mutter“, Wahrheiten über meinen Vater

Oktober 10, 2026

Westdeutsche Provinz, in den Achtzigern – Daniela Dröschers autobiographisch beeinflusster Roman, der 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, spielt im Hunsrück (wie auch Shida Bazyars dieses Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Die Lücken“), Aaron Lehmanns Verfilmung ist da ungenauer -: Cornelia (Rosalie Thomass, auch Drehbuch) hat den gertenschlanken Werner (Golo Euler) geheiratet und lebt nun mit ihm und ihrer Tochter Ela (Elise Lindner) in dem Dorf Obach bei Werners Mutter, die ihre abgrundtiefe Abneigung gegenüber Cornelia nicht verhehlt. Werner ist der Alleinverdiener und er will auch, dass es so bleibt. Vom gesellschaftlichen Aufbruch und den in den Siebzigern erkämpften Freiheiten ist in diesem Haus nichts angekommen.

Diese an sich schon unerträgliche Situation verschlimmert sich, als Werner, ganz großkotzig-dummer Macho der alten Schule, sich auf Cornelias Gewicht fixiert. Er hält sie für zu dick. Er glaubt, dass er wegen ihr nicht befördert wird. Er hat den perfekten Sündenbock für sein Versagen gefunden: Cornelias Gewicht.

Erzählt wird dies von der siebenjährigen Ela, die eine überaus altkluge, fantasiebegabte und entsprechend unzuverlässige Erzählerin ist.

Das führt zu einigen witzigen und satirischen Brechungen in diesem Kleinstadt-Horrorfilm, der aber viel zu oft diffus bleibt. So ist unklar, wann und wo der Film spielt. Denn Provinz ist nicht gleich Provinz. Unklar ist auch – und das ist ein größeres Problem – warum die lebenslustige Fremdsprachensekretärin Cornelia sich in Werner verliebte und warum sie bei ihm bleibt. Vor allem nachdem sie, gegen Werners Widerstand, wieder arbeitet und sogar eine anscheinend erkleckliche Erbschaft erhält.

Stattdessen wiederholt „Lügen über meine Mutter“ die immergleichen Punkte. Der Erkenntnisgewinn ist gering und, bei dem Mann, auch schon nach wenigen Minuten offensichtlich.

Lügen über meine Mutter (Deutschland 2026)

Regie: Aron Lehmann

Drehbuch: Rosalie Thomass

LV: Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter, 2022

mit Rosalie Thomass, Elise Lindner, Golo Euler, Johanna Gastdorf, Juliane Köhler, Anneke Kim Sarnau, Rainer Laupichler

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lügen über meine Mutter“

Moviepilot über „Lügen über meine Mutter“

Wikipedia über „Lügen über meine Mutter“

Perlentaucher über den Roman

Meine Besprechung von Aron Lehmanns „Highway to Hellas“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Aron Lehmanns „Was man von hier aus sehen kann“ (Deutschland 2022)


TV-Tipp für den 10. Oktober: Tatort: Transit ins Jenseits

Oktober 9, 2026

RBB, 22.00

Tatort: Transit ins Jenseits (Deutschland 1976)

Regie: Günter Gräwert

Drehbuch: Günter Gräwert, Jens-Peter Behrend

Damals, als es die DDR, West- und Ostberlin noch gab: Die Menschenschmuggler Horst Bremer (Marius Müller-Westernhagen) und Martin Poll (Götz George) wollen eine DDR-Bürgerin in den Westen schmuggeln. Dummerweise geht der Plan schief, eine unbekannte Frauenleiche liegt an der Transitstrecke und Kommissar Schmidt (Martin Hirthe) hat einen neuen Fall.

Alter SFB-Tatort (ist heute der RBB), der mit einer tollen Besetzung (George! Westernhagen!) hundert Minuten in die siebziger Jahre entführt.

mit Martin Hirthe, Ulrich Faulhaber, Wilfried Klaus, Bernd Bauer, Marius Müller-Westernhagen, Götz George, Gisela Dreyer, Gustl Bayrhammer, Helmut Fischer

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Schmidt

Wikipedia über „Tatort: Transit ins Jenseits“


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Animationsfilm „Forgotten Island“

Oktober 9, 2026

Die impulsive Jo und die schlaue Raissa sind schon seit Ewigkeiten beste Freundinnen. Aber jetzt ist die Schule zu Ende. Raissa wird am nächsten Tag die Philippinen in Richtung California Institute of Technology verlassen. Sie wurde dort angenommen. Für Jo ist das eine Katastrophe. Ihr Talent liegt im verursachen von Chaos und dabei Spaß zu haben. Aber sie haben noch eine Nacht, die sie gemeinsam am Strand verbringen können.

Plötzlich öffnet sich, vom Meer kommend, ein Portal, das sie zur mythischen Insel Nakali herab zieht. Dort werden sie am nächsten Tag am Strand wach. Sie erinnern sich an nichts. Aber der auf den ersten Blick sympathische Werwolf-Hund Raww, der sich im Verlauf von Joel Crawford und Januel Mercados Animationsfilm „Forgotten Island“ als überaus windiger Geselle entpuppt, kann ihnen helfen. Er verrät ihnen auch, wie sie wieder in ihre Welt zurückkehren können. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: dafür müssen sie Erinnerungen opfern.

Und schon sind wir mitten drin in einer Achterbahnfahrt, die keine Verschnaufpause kennt. Ständig passiert etwas. Es gibt Gags und Überraschungen am laufenden Band. Immer sieht es toll aus. Während des Films lenkt das ziemlich erfolgreich davon ab, dass die Geschichte nicht gut ist. Da werden Figuren von Szene zu Szene mal gut, mal böse; halt gerade so, wie es in dieser Szene überraschender ist. Eine emotionale Bindung des Zuschauers an die Figuren kann so nicht entstehen. Da werden wichtige Punkte galant übergangen. Das beginnt schon mit der Etablierung der Freundschaft zwischen Raissa und Jo. Vor dem Büro des Direktors erzählt Raissa Jo, dass sie sie in der Klasse verteidigte, nachdem die Lehrerin Jo wegen ihres Benehmens zum Direktor schickte. Wie Raissa Jo verteigte, wird nicht gezeigt.

Das geht so weiter. Später wird gesagt, jeder Gegenstand am Freundschaftsband von Jo und Raissa stehe für ein wichtiges Ereignis in ihrer Freundschaft. Gezeigt werden uns diese Ereignisse nicht. So fragen wir uns, warum ein Mixtape im Lauf einer jahrelangen Freundschaft so wichtig sein soll.

Auch bei den anderen Figuren erfahren wir nichts über ihre Erinnerungen. Aber wir sollen glauben, dass der Verlust bestimmter Erinnerungen aus lieben Wesen ganz furchtbar böse Wesen machen kann.

Entsprechend abrupt verlaufen verschiedene Entwicklungen bei den Figuren. Und die Botschaft des Films, die auch etwas mit Freundschaft zu tun hat, kommt ziemlich unvermittelt.

Auf der Plus-Seite des Films steht eindeutig der starke Fokus auf die philippinische Kultur. In diesem Punkt erinnert Crawford und Mercados DreamWorks-Film „Forgotten Island“ an den Disney-Film „Vaiana“ (Moana, USA 2016; 2026 gab es ein überflüssiges Remake). Auch dass Frauen hier in der ersten Reihe stehen, gefällt.

Vollkommen unklar ist, für wenn der Film gemacht wurde. In Deutschland ist „Forgotten Island“ ‚frei ab 12 Jahre‘. Von seiner Machart her ist es ein klassischer Animationsfilm, der in erster Linie Kinder anspricht. Also Menschen bis 12 Jahre. Die in dem Film angesprochenen Themen und wie sie behandelt werden, sind dann eher für die Knapp-Zwanzigjährigen gedacht, die nach dem Abitur überlegen, in welche Stadt sie zum studieren umziehen sollen. Für sie sind die Figuren und die Konflikte dann zu einfach. Außerdem können sie sich einen Film mit ungefähr gleichaltrigen Protagonisten ansehen, die vor den gleichen Fragen stehen.

„Forgotten Island“ ist ein Kinderfilm, der sein Thema als Thema für Erwachsene behandelt.

Forgotten Island (Forgotten Island, USA 2026)

Regie: Joel Crawford, Januel Mercado

Drehbuch: Joel Crawford, Januel Mercado

mit (im Original den Stimmen von) H.E.R., Liza Soberano, Dave Franco, Jenny Slate, Manny Jacinto, Dolly de Leon, Jo Koy, Ronny Chieng, Lea Salonga

(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Magdalena Höfner, Gabrielle Pietermann, Tim Schwarzmaier, Maximiliane Häcke, Manuel Straube

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Forgotten Island“

Metacritic über „Forgotten Island“

Rotten Tomatoes über „Forgotten Island“

Wikipedia über „Forgotten Island“


Neu im Kino/Filmkritik: Was kann passieren, wenn du „Meeting the Buddha“?

Oktober 9, 2026

Gewalttätige Jugendliche, Konflikte mit den Eltern, Rockmusik, die Anfänge der World Music, stundenlange drogengeschwängerte Sessions, Hippies, esoterische Sinnsuche und das damit verbundene Ausprobieren von Heroin, Haschisch, LSD und was sonst noch die Chemieküche und der Urwald hergaben. So kann man die 60er Jahre beschreiben. Ein für die Sinnsuche beliebtes Reiseziel, selbstverständlich im VW Bulli, waren Indien und die nördlichen Anrainerstaaten.

Einer der Reisenden war der am 19. März 1941 in Hellerup (Dänemark) geborene Ole Nydahl. Zusammen mit seiner Frau Hannah fuhren sie in den späten sechziger Jahren dorthin. Sie kehrten mit Drogen und einem Buch zurück. An der Grenze wurden sie verhafet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Die Zeit in der Isolationshaft verbrachte Ole mit dem Studieren des Buches und Meditieren.

Nach der Haft fuhren er und Hannah in den Tibet. Im Himalaya verbrachten sie über zwei Jahre bei dem 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, dem höchsten Lama der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus. Die Begegnung mit ihm hatte Ole tief beeindruckt. Sie wurden seine Schüler. 1972 beauftragte der 16. Karmapa Ole und Hannah Nydahl mit dem Aufbau religiöser Zentren im Westen. Das taten sie seitdem höchst erfolgreich.

Márta György-Kessler, selbst Buddhistin, langjährige Begleiterin von Lama Ole und Hannah Nydahl und seit 2002 als buddhistische Lehrerin in vielen Ländern tätig, konzentriert sich in ihrem Dokumentarfilm „Meeting the Buddha“ auf Ole Nydahls Leben. Chronologisch, mit spürbarer Sympathie und vollkommen unkritisch erzählt sie, wie aus einem Rabauken und Frauenheld ein Missionar wird und wie er fortan überall die Botschaft des Buddhismus predigte.

Dazu gibt es einige Informationen über den Buddhismus und den 16. und 17. Karmapa, Statements von Vertrauten und viele zeitgenössische Aufnahmen. Meistens Fotografien. Ergänzt werden die Bilder von einigen animierten Teilen. Das ist, weil György-Kessler mit ihren Co-Autoren und Editoren über anderthalb Jahre an der Struktur des Films arbeitete und sie einen zehnstündigen Rohschnitt erstellten, den sie anschließend auf immer noch

epische 151 Minuten kürzten, sehr dicht erzählt.

Wer allerdings auch nur einen milde kritischen Anspruch an den Film erhebt, wer mehr über die Hintergründe des Buddhismus, vor allem seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, erfahren möchte und wer erfahren möchte, warum der Buddhismus im Westen in den vergangenen Jahrzehnten so beliebt wurde, wird enttäuscht sein. Der Buddhismus als Religion erschöpft sich in Lama Ole Nydahls Statements zu einem getätigtem mündlichen Bekenntnis und Meditation. Ole Nydahls schlechte Seiten und seine teils reaktionären politischen Ansichten werden übergangen. Dafür interessiert sich György-Kessler in ihrem Dokumentarfilm überhaupt nicht.

Wer eine gut gemachte Heldenverehrung und einen oberflächlichen Image-Film für den Buddhismus sehen möchte, wird mit „Meeting the Buddha“ gut bedient.

Nydahl starb am 18. Mai 2026 in Immenstadt im Allgäu. Seine Frau Hannah starb bereits 2007. Über sie drehte György-Kessler 2014 den Dokumentarfilm „Hannah – Ein buddhistischer Weg zur Freiheit“. Einiges Material, das für „Hannah“ entstand, verwendete sie jetzt „Meeting the Buddha“.

Meeting the Buddha (Meeting the Buddha, Großbritannien 2025)

Regie: Márta György-Kessler

Drehbuch: Márta György-Kessler, Tobias Dörr, Adam Penny

mit Lama Ole Nydahl, Hannah Nydahl, Rangjung Rigpe Dorje (16. Gyalwa Karmapa), Thaye Dorje (17. Gyalwa Karmapa)

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Meeting the Buddha“

Wikipedia über Lama Ole Nydahl (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Oktober: John Coltrane – Der Atem des Jazz

Oktober 8, 2026

Arte, 23.05

John Coltrane – Der Atem des Jazz (Chasing Trane: The John Coltrane Documentary, USA 2017)

Regie: John Scheinfeld

Drehbuch: John Scheinfeld

TV-Premiere. Spielfilmlanger Dokumentarfilm über den Jazz-Saxophonisten John Coltrane (1926 – 1967). Formal konventionell, aber sehr informativ.

Alternativer deutscher Titel: Chasing Trane

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 20. September 2027 in der Mediathek)

Wikipedia über “Chasing Trane” und John Coltrane (deutsch, englisch)

AllMusic über John Coltrane


Neu im Kino/Filmkritik: Über den südkoreanischen Science-Fiction-Actionfilm „Hope“

Oktober 8, 2026

Darauf war ich nicht vorbereitet.

Das einiges verratende Filmplakat gab es noch nicht. Einen Trailer habe ich mir vorher nicht angesehen. Die nebulöse Synopse, dass Michael Fassbender und Alicia Vikander in einem südkoreanischen Film mitspielen und dass Mubi ihn verleiht, signalisierten einen Slow-Cinema-Kunstfilm. Viel Stille, wenig Bewegung und alles hübsch verrätselt für Interpretationen über die Art der Bedrohung, die ein Dorf mit etwas konfrontiert, das ihre Vorstellungskraft übersteigt.

So beginnt der Film auch. Ein Polizist steht auf einer einsamen Straße zwischen nicht enden wollenden trockenen Feldern vor einen Tierkadaver. Irgendetwas hat das Rind regelrecht zerfetzt und ausgeweitet. Einige jüngere, sich unschuldig gebende Dorfbewohner, die anscheinend auch stadtbekannte Wilderer sind, stehen neben dem Kadaver. Einer sagt, ein Tiger könne für die Verletzung verursacht haben. Ein anderer Dorfbewohner habe ihm etwas von einem seltsamen Tiger erzählt, der durch die Wälder streife.

Bum-seok überzeugt das nicht. Aber eine bessere Erklärung hat der Leiter des in Südkorea in der Nähe der demilitarisierten liegendem Dorf Hope Harbor nicht. Er beginnt mit der Organisation nach der Jagd nach dem Tier.

In den folgenden Minuten zeigt Na Hong-jin („The Chaser“, „The Wailing: Die Besessenen“), was dieses sich rasend schnell bewegende Wesen angerichtet hat. Das Dorf sieht aus, als habe ein Wirbelsturm getobt. Das kann kein Tiger und auch keine Horde Tiger gewesen sein.

Im Film vergehen um die fünfzig Minuten, bis Na Hong-jin zum ersten Mal das Wesen in seiner ganzen Pracht zeigt. In dem Moment ist die fast pausenlose Jagd zwischen Menschen und Aliens bereits in vollem Gang. Und bis zum schamlos auf eine Fortsetzung spekulierendem Ende ist „Hope“ ein 158-minütiger Actionritt mit einigen eingestreuten Comedy-Elementen und der Erkenntnis, dass südkoreanische Helden quasi unsterblich sind.

Mit 158 Minuten ist „Hope“ auch zu lang. So zieht sich die Erzählung eines alten Mannes, der im Wald beim Verrichten eines menschlichen Bedürfnisses (das betont er mehrmals) die Aliens entdeckte, ewig hin. So ziehen die Kämpfe zwischen Bum-seok (Hwang Jung-min), seiner überaus taffen neuen Kollegin Sung-ae (Hoyeon), dem einheimischen Jäger Sung-ki (Zo In-sung) und weiteren Menschen und den bis fast zum Schluss anonym bleibenden, ebenfalls fast unbesiegbaren Aliens sich endlos hin. Bum-seok, Sung-ae und Sung-ki kämpfen manchmal zusammen, manchmal getrennt im Wald, auf nicht enden wollenden Straßen und in der zunehmend zerstörten Stadt gegen die Aliens. Im Kampf und beim fotogenen Sterben zwischen Mensch und Alien gibt es immer noch eine weitere abstruse Wendung und noch eine überraschende Auferstehung. Das sorgt für Amüsement und gleichzeitig für eine gewisse Langeweile.

Die Aliens sind anonyme Monster, die töten, weil sie töten. Das ändert sich am Ende, wenn Na Hong-jin in einem zu lang geratenem Infodump, vieles über die Aliens, deren Welt und warum sie auf der Erde sind, verrät. Für diesen Film sind die Informationen unwichtig. Für eine etwaige Fortsetzung nicht.

Am Ende bleibt ein Missverhältnis zwischen Länge, teils klamaukigem Humor, Minimal-Story (eigentlich besteht die Story nur aus weitgehend beliebig aneinandergereihten Actionszenen mit eindimensionalen Figuren) und atemberaubenden, nicht enden wollenden Actionszenen. Nennen wir „Hope“ einen Rohdiamanten.

Hope (호프, Südkorea 2026)

Regie: Na Hong-jin

Drehbuch: Na Hong-jin

mit Hwang Jung-min, Zo In-sung, Hoyeon, Taylor Russell, Cameron Britton, Alicia Vikander, Michael Fassbender

Länge: 158 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Hope“

Metacritic über „Hope“

Rotten Tomatoes über „Hope“

Wikipedia über „Hope“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Andreas Dresen entdeckt „Alte Liebe“

Oktober 8, 2026

Seit vierzig Jahren sind Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) miteinander verheiratet. Die Tochter ist aus dem Haus – und lädt sie zu ihrer dritten Hochzeit ein. Harry genießt inzwischen das Leben als Pensionär zwischen Gartenpflege und Bierkonsum. Lore arbeitet noch in der Bibliothek und organisiert Lesungen mit, unter anderem, Clemens Meyer und Christoph Hein. Aber soll das alles gewesen sein? Und Warum bleibt man nach vierzig Jahren Ehe immer noch zusammen?

Während Andreas Dresen, nach einem von ihm und Laila Stieler geschriebenem Drehbuch, die beiden leise groß aufspielenden Hochkaräter Joachim Król und Dagmar Manzel lustvoll miteinander zanken lässt, wird schnell die tiefe Verbundenheit zwischen ihnen deutlich. Sie gehören zusammen. Damals und heute immer noch.

„Alte Liebe“ ist ein zwischen Küche und kleinem Wohnzimmer spielendes Zwei-Personen-Stück. Das Kammerspiel wirkt dabei nie wie ein irrtümlich ins Kino gekommenes Fernsehspiel, sondern, dank seiner beiden Hauptdarsteller und den Bildern, immer wie ein für die große Leinwand inszenierter Kinofilm.

Für Laila Stieler und Andreas Dresen ist „Alte Liebe“ nach den auf Tatsachen beruhenden Dramen „Gundermann“, „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ und „In Liebe, eure Hilde“ ein kleiner Film. Er ist eine gelungene Entspannungsübung über den Sinn des Lebens und lebenslanger Partnerschaften, wie die zwischen Dresen und Stieler. Sie lernten sich 1985 kennen und arbeiteten bei neun Langfilmen zusammen.

Ihr neuester, gewohnt sehenswerter und gelungener Film richtet sich vor allem an ältere Menschen, die vor den gleichen Fragen wie Harry und Lore stehen.

Alte Liebe (Deutschland 2026)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler, Andreas Dresen

LV: Elke Heidenreich/Bernd Schroeder: Alte Liebe, 2009

mit Dagmar Manzel, Joachim Król, Anna von Seld, Liane Düsterhöft, Christoph Hein, Clemens Meyer

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

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Filmportal über „Alte Liebe“

Moviepilot über „Alte Liebe“

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andres Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Deutschland/Frankreich 2022)

Meine Besprechung von Andres Dresens „In Liebe, eure Hilde“ (Deutschland 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Mit Aaron Sorkin „The Social Reckoning“ erleben

Oktober 8, 2026

Wie kam es, dass das Wall Street Journal die ‚Facebook-Files‘ veröffentlichte?

Nun, indem sie einen Journalisten einstellten, der zu spät zum Vorstellungsgespräch kam, weil er das Navi in seinem Leihwagen nicht bedienen konnte. Und wir reden hier nicht von der Steinzeit, sondern von 2019.

Ein Investigativjournalist muss allerdings am Beginn seiner Recherche nicht unbedingt ein Fachmann in dem Gebiet sein, über das er berichtet. Er muss von seiner Redaktion die Zeit für eine umfassende, möglicherweise ins Nichts führende Recherche erhalten. Er muss ein Gespür für eine mögliche Story haben. Er muss hartnäckig sein. Er muss geduldig sein. Er muss nachfragen, nachfragen und nochmal nachfragen, bis er alles verstanden hat. Und er muss mit schwierigen Menschen umgehen können.

Wenn das alles zusammenkommt, können die Journalisten Skandale aufdecken, für Diskussionen sorgen, den Anstoß für Veränderungen geben und die Inspiration für nah an der Wirklichkeit entlang erzählte Spielfilme sein. Genannt seien die Klassiker „Die Unbestechlichen“, „The Insider“, „Spotlight“ und „She said“. „The Social Reckoning“ reiht sich mühelos hier ein.

In seinem neuen Film erzählt Aaron Sorkin nach „The Social Network“ (seiner von David Fincher inszenierten Version der Gründung von Facebook) eine weitere Facebook-Geschichte. Dieses Mal geht es um die ‚Facebook-Files‘, eine Serie von aufsehenerregenden Reportagen, die im September 2021 im Wall Street Journal erschienen. In ihnen wird nachgewiesen, dass Facebook die für die User und die Gesellschaft schädlichen Folgen seiner Veränderungen am Algorithmus kannte und forcierte. So wurden den Usern vermehrt Hass-Postings und einseitige, vor allem reaktionäre, ausländerfeindliche und auf Lügen, falschen, unvollständigen und hoffnungslos verzerrten, Misstrauen erzeugende Posts gezeigt. Sie wurden nach oben gerankt und weitergeleitet.

Denn Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg ging es bei der Installierung der neuen Regeln, wie Meaningful Social Interaction (MSI), und weiteren Änderungen nur um die Steigerung des Umsatzes und des Gewinns der von ihm beherrschten sozialen Netzwerke.

Die Folgen für die seelische Gesundheit von Teenagern interessierten ihn nicht. Auch nicht die Folgen für die Gesellschaft. So war, wie auch Sorkin in „The Social Reckoning“ zeigt, der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 der Höhepunkt und eine unmittelbare Folge der auf Facebook in den Monaten davor und am 6. Januar verbreiteten und gepushten Nachrichten.

Sorkin erzählt in seinem Journalismusfilm diese Geschichte. Als Investigativjournalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) mit seiner Recherche beginnt, stößt er nur auf verschlossene Türen und einen sich hermetisch abschottenden Konzern. Als Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen (Mikey Madison) mit ihren Warnungen bei ihren Vorgesetzten immer wieder ignoriert wird, kontaktiert sie Horwitz. Sie erklärt ihm (und uns) diese streng geschützten Interna. Obwohl sie niemals ihre Identität enthüllen wollte, tut sie dies mit der Veröffentlichung der Artikelserie. Am 5. Oktober 2021 sagt sie vor einem Ausschuss des US-Senats aus.

Während der ganzen Zeit arbeitet Facebook gegen sie – und in einem Subplot zeigt Sorkin den zu keinem normal-menschlichem Gefühl fähigen Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) bei den Vorbereitungen für das Hearing im Senat.

Dieses Mal übernahm Aaron Sorkin auch die Regie. Er schrieb und inszenierte eine packende, dichte, intensive und informative Version der damaligen Ereignisse als klassischen Journalismus-Thriller. Es gelingt ihm, wie in einer gelungenen Zeitungsreportage, das komplexe Material nachvollziehbar aufzubereiten und spannend zu präsentieren.

So reiht sich „The Social Reckoning“ mühelos in Aaron Sorkins beste Arbeiten ein.

Damit sich etwas an der Macht von Facebook, das nach den Enthüllungen von Horwitz und andere Journalisten in Meta umbenannt wurde, und anderen Sozialen Medien ändert, braucht es den Druck der Öffentlichkeit und Politiker, die Gesetze verabschieden, die den Sozialen Medien Grenzen setzen. Filme wie „The Social Reckoning“ können solche Diskussionen anstoßen und die Erinnerung an früher erfolgte Enthüllungen bewahren.

The Social Reckoning (The Social Reckoning, USA 2026)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

mit Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Wunmi Mosaku, Betty Gilpin, Billy Magnussen, Bill Burr

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Social Reckoning“

Metacritic über „The Social Reckoning“

Rotten Tomatoes über „The Social Reckoning“

Wikipedia über „The Social Reckoning“ (deutsch, englisch) und die Facebook Files

The Wall Street Journal: The Facebook File

Meine Besprechung von Aaron Sorkins „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ (Molly’s Game, USA 2017) (mit mehreren Gesprächen mit Aaron Sorkin, Jessica Chastain und Idris Elba über den Film)


TV-Tipp für den 8. Oktober: Hannah Arendt

Oktober 7, 2026

RBB, 20.15

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (Schweiz/Österreich/Deutschland/Luxemburg 2023)

Meine Besprechung von Cuini Amelio Ortiz/Peter Altmanns Dokumentarfilm „Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen“ (Italien/USA/Deutschland 2021)


Impressionen aus Berlin

Oktober 7, 2026

entdeckt in der North Side Gallery (mitten in Berlin im Park am Nordbahnhof)