Sie haderte mit der Amtskirche. Also gründete sie ihre eigene Kirche. Sie scharrte einige Gläubige um sich. Sie war ständigen Angriffen ausgesetzt. 1774 wanderte die am 29. Februar 1736 in Manchester geborene Ann Lee mit einigen wenigen Gläubigen in die USA aus. Im Verwaltungsbezirk Watervliet im Bundesstaat New York gründeten sie in einem Waldgebiet eine Gemeinde. Sie missionierten. Sie verkauften von ihnen hergestellte Möbel. Immer wieder wurden sie angegriffen. Am 8. September 1784 starb sie.
Aus diesem Leben hätte man einen spannenden Film, ein Biopic, in dem wir einiges über Ann Lee, ihren Glauben, ihre Überzeugungen, das Leben der von ihr gegründeten Glaubensgemeinschaft und warum ihre einige ihrer Ideen 240 Jahre nach ihrem Tod immer noch wichtig sind, erfahren können. Jedenfalls für Regisseurin Mona Fastvold, die das Drehbuch zusammen mit ihrem Partner Brady Corbet (dem Regisseur von „The Brutalist“, zu dem sie ebenfalls gemeinsam das Drehbuch schrieben) schrieb, waren sie wichtig genug, um ein Biopic über Ann Lee zu drehen. Ob Ann Lees Ideen auch für uns in irgendeiner Form wichtig sind, ist eine andere Frage. In jedem Fall hätte „The Testament of Ann Lee“ ein Film werden können, der zum Nachdenken und Diskutieren einlädt.
Stattdessen wurde es ein gut gemachter, gänzlich unironischer, die Gläubigen und Ann Lee nie verurteilender Film, in dem von der Glaubensgemeinschaft der Shaker vor allem ihre Gottesdienste im Gedächtnis bleiben. Diese Schüttelorgien mit viel Gesang und Tanz sehen aus wie heiße Sexszenen aus einem Hollywood-Film ohne Geschlechtsverkehr, ohne Berührungen und vollständig bekleidet.
Daneben werden Ann Lees Glauben und ihre Ansichten zunehmend an den Rand gedrängt. Anfangs, in England, sind sie noch präsenter. Zwischen erzwungener Ehe, vier kurz nach der Geburt verstorbenen Kindern und ihren religiösen Ansichten versucht sie ihren Weg zu finden. Lee schließt sich einer Vorläufer-Sekte der Shaker an. Sie predigt über die zweite Ankunft von Christi, der dieses Mal als Frau erscheinen soll. Sie ist gegen die Ehe und gegen Sex. Sie hat die Idee einer gleichberechtigten Gemeinschaft. Ihr Denken war vom Quäkertum und dem Calvinismus beeinflusst. Sie gründet eine christliche Freikirche mit ihr als Oberhaupt. In den USA wurden sie geachtet für ihre zeitlosen Möbel und Erfindungen.
Mona Fastvold sagt das in dem in England spielendem Teil des Films auch, setzt es aber kaum in einen Bezug zur damaligen Gesellschaft, außer dass die von ihrem Glauben und Gottes Wohlwollen überzeugten Shaker mit ihren Gottesdiensten etwas seltsam waren. In der zweiten Hälfte des Films, die nach einer gefährlichen Überfahrt in den USA spielt, wird Fastvolds Musical-Drama zunehmend zu einer ermüdenden, sich immer wieder wiederholenden, redundanten Abfolge von Gesangseinlagen, Fahrten ins Land zwecks Missionierungen und gewalttätigen Anfeindungen von anderen Auswanderern. Das gelobte Land ist nicht das den Auswanderern versprochene Paradies.
Das ist gut gespielt, gut inszeniert, musikalisch stimmig unterlegt und zunehmend arg redundant. Das Biopic regt nicht zur Diskussion über Ann Lee, ihre Ansichten und ihr Werk an. Am Ende des 137-minütigen Films bleibt nur die Ekstase bei den gemeinsamen Gottesdiensten im Gedächtnis. Die hat eine ähnliche Halbwertzeit wie die Ekstase bei einem Musikfestival.

The Testament of Ann Lee (The Testament of Ann Lee, USA 2025)
Regie: Mona Fastvold
Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold
mit Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson, Christopher Abbott, Stacy Martin
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Moviepilot über „The Testament of Ann Lee“
Metacritic über „The Testament of Ann Lee“
Rotten Tomatoes über „The Testament of Ann Lee“
Wikipedia über „The Testament of Ann Lee“ (deutsch, englisch)
Veröffentlicht von AxelB 








