Zweiteilige Doku (insgesamt 95 Minuten) über die immer reicher werdenden, kaum bis keine Steuern zahlenden Superreichen und die Menschen, die etwas dagegen unternehmen wollen.
Die meisten, die John Woos “Hard Boiled” von Video, DVD, Blu-ray, Fernsehen oder Stream kennen, werden wahrscheinlich nicht wissen, dass der bahnbrechende Actionklassiker seine deutsche Premiere im April 1993 nicht im Kino, sondern auf Video hatte. In einer um zehn Minuten gekürzten Fassung. Danach entwickelte sich eine Geschichte von Verboten, Zensur, Indizierungen und Freigaben.
1993 setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) die deutsche VHS auf den Index. Danach war ein Verkauf praktisch ausgeschlossen, aber natürlich war das Interesse an den früheren Werken von Action-Maestro John Woo groß. Damals drehte er in Hollywood die Hits „Hard Target“ (1993), „Broken Arrow“ (1996), „Face/Off“ (1997) und „Mission: Impossible II“ (2000). Kritiker und Regisseure wiesen immer wieder auf seine früheren Werke hin. Also erschienen „Hard Boiled“ und Woos davor entstandenen Filme „Bullet in the Head“ (1990), „The Killer“ (1989), „A better Tomorrow II“ (1987) und „A better Tomorrow“ (1986) in munter gekürzten Fassungen auf Deutsch. Von „Hard Boiled“ gibt es eine um über ein Viertel auf neunzig Minuten gekürzte Fassung.
2018 wurde „Hard Boiled“ vom Index gestrichen – und wenn man sich den Film heute wieder ansieht, fragt man sich, was 1993 so schockierend war.
Die Story besteht aus der bekannten und bewährten Buddy-Cop-Movie-Formel: Inspector ‚Tequila‘ Yuen und der Undercover-Polizist Alan müssen zusammen arbeiten, um einen Waffenschmuggler zu überführen. Sein Waffenlager ist im Keller eines Krankenhauses.
Wie in anderen Buddy-Cop-Movies ist sie der Aufhänger für Action und Humor. Im Fall von „Hard Boiled“ gibt es viel Action, von John Woo in spektakulären Action-Szenen choreographiert, etwas eher peinlichen Humor und viel Zeitkolorit. „Hard Boiled“ erinnert erstaunlich oft an die ebenfalls stilbildende Neo-Noir-TV-Serie „Miami Vice“. Neben der Story und damit verbundenen moralischen Verwicklungen liegt das vor allem an den Kleidern, den realitätsleugnenden, aber cool aussehenden Schießereien, der synth-lastigen Musik und den Bilder. Der Undercover-Cop lebt sogar, wie „Miami Vice“-Cop Sonny Crockett, auf einem Boot! Woo spielt auf ältere Filme, unter anderem von Jean-Pierre Melville und Sam Peckinpah, an und hat keine Angst vor schon damals ziemlich abgehangenen Klischees. Wie oft muss der Supercop sich mit seinem Chef streiten? Wie oft muss der Superpolizist im Jazz Zuflucht suchen? In „Hard Boiled“ wird er sogar als Tequila-trinkender, vor einem gelangweiltem Publikum spielender Klarinettist eingeführt.
Alles das ist vergessen, wenn es zu den damals bahnbrechenden, heute legendären und einflussreichen Actionszenen kommt. Die finale Schlacht im Krankenhaus beginnt ungefähr in der Filmmitte und wächst sich atemberaubend schnell zu einer einzigen epischen Schlacht aus, die mit einer Explosion und der Rettung von mehreren Babys endet.
Aber eigentlich sollte man viel mehr über die erste Action-Sequenz des Film reden. In einem Teehaus mit unzähligen Vogelkäfigen explodiert eine geplante Verhaftung in einem Actionfeuerwerk. Plötzlich verwandelt sich das friedliche Lokal in ein Schlachtfeld. Jeder kämpft auf engstem Raum gegen jeden. Am Ende überlebt nur Inspector Yuen. Der geneigte Zuschauer, der nichts über den Film weiß, fragt sich, was da noch kommen soll und quält sich durch einige Minuten Bürotratsch bis zur nächsten Schießerei. Die, die den Actionfilm schon kennen, freuen sich auf die nächste Actionszene.
Diese können jetzt – erstmals regulär – im Kino genossen werden. Rapid Eye Movies präsentiert „Hard Boiled“ in der fantastisch aussehenden, vom Originalnegativ erfolgten 4K-Restaurierung, die 2025 in Cannes ihre Premiere hatte.
Ende Oktober erscheint sie, mit viel Bonusmaterial, auf Blu-ray, im Steelbook und als Collector’s Edition mit 4k-UHD Disc.
„Hard Boiled“ kann seine Entstehungszeit nicht verleugnen, die Story ist dünn, aber die Action ist immer noch grandios. Und stilbildend.
P. S.: John Woos „The Killer“ läuft ab 29. Oktober 2026 in der 4K-Restaurierung im Kino.
Hard Boiled (辣手神探 [Lat sau san taam], Hongkong 1992)
Regie: John Woo
Drehbuch: Gordon Chan, Barry Wong (nach einer Geschichte von John Woo)
mit Chow Yun-fat, Tony Leung Chiu-wai, Teresa Mo, Philip Chan, Philip Kwok, Anthony Wong
TV-Premiere. Mascha Schilinski erzählt, relativ frei zwischen den Zeiten schwebend, über vier Generationen und das zwanzigste Jahrhundert bis zur Gegenwart umspannend vom Leben auf einem Vierseithof in der Altmark.
Von der Kritik hochgelobt, mit etlichen Preisen ausgezeichneter (u. a. den Preis der Jury in Cannes, zehn Deutsche Filmpreise, Preis der deutschen Filmkritik als Bester Spielfilm und der deutsche Vorschlag für den Oscar als Bester Internationaler Film) und beim Publikum überaus gut angekommenes Drama. Über 350.000 Menschen sahen sich bis jetzt das sperriger Arthaus-Drama im Kino an.
Mir gefiel der Film nicht und ich halte ihn für vollkommen überbewertet, aber diesen Sendeplatz hat er trotzdem nicht verdient. 22.15 Uhr wäre okay gewesen. Aber da muss das Werbeprogramm für eine sechsteilige Thrillerserie, die es vollständig nur im Streaming gibt, abgespult werden.
Ach, und danach, um 02.30 Uhr gibt es die TV-Premiere von „Tatami“. Premiere in Venedig, euphorische Kritiken und, in Deutschland, eine Empfehlung für den Einsatz im Unterricht.
mit Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Zoë Baier, Hanna Heckt, Lea Drinda, Luise Heyer, Greta Krämer, Filip Schnack
Früher waren mitten in der Nacht versteckte TV-Premieren ein Hinweis, dass der Film extraordinär schlecht ist oder unglaublich brutal oder sehr pornographisch.
Heute scheint es bei ARD und ZDF ein weiteres Kriterium zu geben: hochgelobt von der Kritik, mit Preisen überschüttet und auch beim Publikum durchaus beliebt.
Ich verstehe nicht, warum solche Filme – die Tage folgen noch einige weitere, diese Woche „In die Sonne schauen“, „Tatami“ und „Kneecap“ – mitten in der Nacht versendet werden. Mediathek hin, Mediathek her.
ARD, 00.05
Rickerl – Musik is höchstens a Hobby (Österreich/Deutschland 2023)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
Musik: Voodoo Jürgens
TV-Premiere. Wunderschön wienerisch erzählter Einblick in das Leben des begnadeten, aber notorisch erfolglosen Liedermachers Rickerl.
Goiginger erzählt, mit viel guter Musik (von seinem Hauptdarsteller Voodoo Jürgens) und Sympathie für seine Figuren, die gleichzeitig erfundene und wahre Geschichte eines Musikers und seines in einem Schwebezustand befindendem Leben in Wien.
Die Familie Löffler verbringt ihren Urlaub in Italien – und das Team Polt/Müller nimmt sich all die Klisches, Marotten und Wahrheiten über den Urlaub im deutschen Urlaubsparadies vor.
Rabenschwarze Satire
mit Gerhard Polt, Gisela Schneeberger, Thomas Geier, Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder, Michael Gahr, Isa Haller, Günther Jauch
Ehe die mitlesenden Lehrer auf falsche Gedanken kommen: Maria Spencers Verhalten ist nicht zur Nachahmung empfohlen.
Maria (Saoirse Ronan) unterrichtet an einer Schule in Somerset eine Klasse mit Zehnjährigen. Der Schüler Danny Carter saboiert mit seinem unberechenbarem Verhalten den Unterricht. Er stiftet Chaos und treibt alle in den Wahnsinn. Jede Schulstunde mit ihm ist eine Belastungsprobe.
Nach einem Kampf will Maria den verletzten Danny ins Krankenhaus bringen. Als er ihr droht und sie so ihre Arbeit verlieren könnte, biegt sie kurz vor der Notaufnahme ab und bringt Danny zu sich nach Hause. Sie hofft, ihn beruhigen zu können. Es kommt zu einem Streit und sie sperrt ihn im Keller ein. Als er sie später angreift und flüchten will, kettet sie ihn an.
Dank Dannys Abwesenheit – für die anderen Bewohner des Ortes ist er spurlos verschwunden und er wird von allen gesucht – kann Maria ihre Klasse wieder richtig unterrichten. Die Leistungen der Schüler verbessern sich. Maria kann endlich zeigen, wie gut sie als Lehrerin ist.
Währenddessen pflegt sie in ihrem Keller den angeketteten Danny. In ihrer freien Zeit unterrichtet sie ihn. Auch seine Leistungen verbessern sich. Anscheinend sind alle glücklich.
Da klingelt eine Klassenkameradin von Danny an ihrer Haustür. Das nassforsche, überaus schlaue Mädchen, das vor einiger Zeit von Danny eine Treppe hinuntergestoßen und verletzt wurde, behauptet, sie habe Dannys Stimme gehört.
„Bad Apples“ ist das englischsprachige Debüt des schwedischen Regisseurs Jonatan Etzler. Seine reduzierte filmische Versuchsanordnung, nach einem Drehbuch von Jess O’Kane, ist eine Verfilmung des nicht übersetzten schwedischen Romans „De Oönskade“ von Rasmus Lindgren. O’Kane und Etzler importieren etwas von dem skandinavischem Gesellschaftssatire-Feeling, das wir beispielsweise aus den Filmen von Ruben Östlund kennen, in diese in England spielende Geschichte.
Entstanden ist eine rabenschwarze Gesellschaftssatire mit überraschenden Wendungen und scharf gezeichneten Figuren. Sie sind auf den ersten und zweiten Blick ganz normale Menschen. Sie folgen, mehr oder weniger, den anerkannten gesellschaftlichen Konventionen – und sie alle haben ein flexibles Moralsystem. Schließlich, darin sind sie sich einig, soll es den Kindern gut gehen.
Bad Apples(Bad Apples, USA/Großbritannien 2025)
Regie: Jonatan Etzler
Drehbuch: Jess O’Kane (nach einer Geschichte von Jonatan Etzler und Jess O’Kane)
LV: Rasmus Lindgren: De Oönskade, 2020
mit Saoirse Ronan, Eddie Waller, Nia Brown, Jacob Anderson, Rakie Ayola, Robert Emms, Sean Gilder
Entlang an den in Großbritannien wahrscheinlich allgemein bekannten Tatsachen über den legendären Bauernaufstand von 1381 erzählt Paul Greengrass in seinem neuen Film „The Uprising – Für die Freiheit“ diese Geschichte. Sie wird auch Wat-Tyler-Rebellion oder Großer Aufstand genannt.
Damals regierte der von dem Amt nachvollziehbar hoffnungslos überforderte, von Alpträumen geplagte vierzehnjährige König Richard II (Woody Norman) das Land. Letztendlich ist er ein Kind, gepflegt und beraten von seinem Hofstaat.
Die Pest hat das Land verwüstet. Der Krieg gegen Frankreich ist teuer. Zur Finanzierung des Staates werden die Steuern erhöht. Diese müssen letztendlich die Bauern bezahlen, die kein Geld mehr haben. Sie lehnen sich dagegen auf und ziehen Richtung London. Angeführt werden sie von Wat Tyler (Cosmo Jarvis) und dem Prediger John Ball (Jamie Bell).
Einer der nach London marschierenden Bauern ist Ploughman (Andrew Garfield). Er lebt in Essex, wird eher zufällig ein Teil des Aufstands und er ist der fiktive Protagonist der Geschichte; man kann „The Uprising“ auch so zusammenfassen, dass Greengrass in seinem Film nicht nur die Geschichte des Bauernaufstandes, sondern auch die Origin-Geschichte eines legendären und ikonischen Kämpfers erzählt.
Durch Ploughmans Augen zeichnet Greengrass, mit klassenkämpferisch-marxistischem Unterton, ein düsteres Bild der damaligen Zeit und Ereignisse. Auf ihrem Weg nach London marschieren die Bauern durch eine matschige Landschaft. Am Ziel geraten sie, unterbrochen von Verhandlungen mit dem sich als skrupellos erweisendem Richard II, in mehrere Kämpfe, die wahre Gemetzel sind. Da wird geköpft und Arme und Beine abgeschlagen. Greengrass inszeniert dies in seinem ersten wirklich in der Vergangenheit spielendem Film gewohnt quasi-dokumentarisch. Seine anderen Filme, wie „Bloody Sunday“, „Captain Phillips“ und mehrere „Bourne“-Filme, spielen in der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit. Ploughmans Geschichte spielt zwar im 14. Jahrhundert, aber sie ist absolut gegenwärtig inszeniert. Gleiches gilt für die illusionslose Darstellung der zeitlosen Machtspiele und, jedenfalls kurzfristig, die deprimierenden Erfolgsaussichten einer Rebellion.
„The Uprising – Für die Freiheit“ ist nicht Paul Greengrass‘ bester Film. Sehenswert ist er trotzdem. Und mitreisender als die kürzlich im Kino gezeigte, einige Jahre früher, ebenfalls in England spielende Heldendemontage „The Death of Robin Hood“.
The Uprising – Für die Freiheit (The Uprising, Großbritannien/Deutschland/USA 2026)
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Paul Greengrass
mit Andrew Garfield, Jamie Bell, Cosmo Jarvis, Stephen Dillane, Tom Hollander, Thomasin McKenzie, Jonny Lee Miller, Woody Norman, Stanley Townsend, Katherine Waterston
Spielfilmlange Doku über die Anschläge auf die Twin Towers am 11. September 2001 und die Folgen. Von Mirbach konzentriert sich dabei auf die Tage unmittelbar vor und nach dem Anschlag.
Davor, um 18.50 Uhr, zeigt die ARD „Der Tag, der die Welt veränderte – 25 Jahre nach 9/11“.
Ehe wir dazu kommen, was Dylan Southern und Will Lovelaces „Oasis: Don’t look back in anger“ ist, verrate ich, was der 128-minütige Film nicht ist. Es ist kein Spielfilm, obwohl er irgendwie auf einem Drehbuch von Steven Knight basiert. Steven Knight, der auch einer der Produzenten des Films ist, schrieb die Bücher zu „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „Bauernopfer – Spiel der Könige“ und der von ihm erfundenen TV-Serie „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“. Im Moment schreibt er das Buch für den neuen James-Bond-Film. Bei Dokumentarfilmen gibt es eigentlich keinen Drehbuchautor. Wenn doch ein Drehbuchautor genannt wird, ist es normalerweise der Regisseur. Schließlich schreibt die Realität und kein Autor die Geschichte.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch keine Dokumentation eines Konzertes. Es gibt Ausschnitte aus verschiedenen Konzerten. Viele Ausschnitte wurden auf der letzten Tour der Band, der von weit über zwei Millionen Fans besuchten, 41 Konzerte umfassenden „Oasis Live ’25“-Tour, aufgenommen und wild zusammengeschnitten mit Schnipseln von früheren Auftritten. Munter und erkennbar wird durchgehend, auch in den Songs, zwischen verschiedenen Auftritten hin und her geschnitten.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch keine Dokumentation der Tour. Es beginnt konventionell und gelungen mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Band, den Proben vor der Welttour, der damit verbundenen ersten Begegnung seit Jahren zwischen den beiden Brüdern Noel und Liam Gallagher und dem ersten Konzert. Danach vermischt sich alles zu einem Oasis-Best-of, munter collagiert aus den Auftritten der „Oasis Live ’25“-Tour und einigen Schnipseln älterer Auftritte. Eine Chronologie ist nicht mehr vorhanden.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch kein Film über die Fans. Zugegeben: Sie haben viel Leinwandzeit. Einige dürfen sogar etwas sagen. Ihre Namen erfahren wir nicht. Letztendlich haben sie, auch wenn ihre Köpfe bei mehreren Songs auftauchen, nicht mehr Individualität als das Publikum bei einem „Rockpalast“-Konzert.
Und es ist auch kein Film über die Versöhnung der Gallagher-Brüder. Dafür wird diesem Aspekt zu wenig Zeit gewidmet. Am Anfang, bei den Proben, fragt Noel sich, ob Liam auftaucht und singen wird. Er kommt, singt und geht. Später laufen sie öfter gemeinsam auf die Bühne. Es gibt einige, kurze Ausschnitte aus einem für den Film gemachtem Interview. Man sieht sie immer nur auf und hinter der Bühne; also bei der Arbeit. Das Privatleben bleibt privat. Die anderen Bandmitglieder bleiben Nebenfiguren.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist von allem etwas und als Fanvideo-Erinnerung an die letzte Tour der Band, auch stimmig, in sich geschlossen – und vollkommen uninteressant. Jedenfalls wenn sich für mehr als einen bunten Bilderbogen aus Konzertschnipseln, Proben- und Backstage-Aufnahmen, anderen Aufnahmen, deren Zusammenhang mit der 41 Konzerte umfassenden „Oasis Live ’25“-Tour bestenfalls rudimentär erahnbar ist, interessiert. Das Regieduo Southern/Lovelace präsentiert viele Statements, die sie über die Bilder legen und die nicht klar bestimmten Personen zugeordnet werden können. Sowieso verzichten die Macher weitgehend auf Texteinblendungen und vollständig auf Namenseinblendungen. Wer die gezeigten Personen nicht kennt, sitzt halt im falschen Film. Und die Brüder Liam und Noel Gallagher geben ein gemeinsames, äußerst entspanntes Interview. Es ist das erste gemeinsame Interview nach über zwanzig Jahren. Das muss genügen. Dazu montieren die Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace wild Bilder, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind. Teils auf Konzerten, teils bei anderen Gelegenheiten. Und so besteht im Film ein Songs aus mehreren Auftritten und vielen Bildern von Fans, die euphorisch der Band zujubeln, und wild über die bekannten Songs verteilt wurden.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist ein Film für die Fans der Band, die eine Erinnerung an die Tour wollen, sich darüber freuen, dass die Fans viel öfter als in anderen Konzertfilmen im Bild sind und die Songs – es wird sich, wenig überraschend, auf die zweite „Oasis“-CD „(What’s the Story) Morning Glory?“ konzentriert – auch im Tiefschlaf mitgröhlen können. Für sie wurde der Film gemacht. Sie haben schon vor langem Karten gekauft für eine der wenigen Kinovorstellungen der Tourerinnerung.
Offiziell läuft der Film bis zum 13. September im Kino. Danach ist er noch ohne festes Datum, aber noch in diesem Jahr, auf Disney+ zu finden.
Oasis: Don’t look back in anger (Oasis: Don’t look back in anger, Großbritannien 2026)
Alles ist gutgegangen (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo (Mitarbeit)
LV: Emmanuèle Bernheim: Tout s’est bien passé, 2013 (Alles ist gutgegangen)
Nach einem Schlaganfall will der 84-jährige Kunstsammler und Fabrikant André Bernheim (André Dussollier) sterben. Seine Töchter Emmanuèle (Sophie Marceau) und Pascale (Géraldine Pailhas) helfen ihm dabei.
Auf einem wahren Fall basierendes feinfühliges Drama über Sterbehilfe und Beziehungen.
Berlin wählt: Ihr fragt – Politik antwortet!: Die junge Wahlarena
Am 20. September wählt Berlin sein neues Abgeordnetenhaus (aka Landtag). Das Rennen ist knapp (nach den aktuellen Umfragen wird es eine Dreier-Koalition geben) und es gibt keinen eindeutigen Favoriten.
In der heutigen Wahlarena stehen die Fragen der ErstwählerInnen im Mittelpunkt. Beantwortet werden sie von Niklas Schenker (Die Linke), Klara Schedlich (Bündnis 90/Die Grünen), Tamara Lüdke (SPD), Lucas Schaal (CDU), Alexander Bertram (AfD) und Alina Lindemann (BSW). Sie sind alle jünger und sitzen fast alle derzeit im Abgeordnetenhaus.
Eines Tages ist Rabias Schule geschlossen. Es heißt, ihr Lehrer sei von einem Dschinn besessen. Während ihre Klassenkameraden im ländlichen Pakistan die freie Zeit genießen, will die zehnjährige Rabia herausfinden, warum die Schule geschlossen wirklich geschlossen wurde. Sie glaubt die Geschichte von dem Geist nicht.
Sie hört sich um, besucht die verschiedenen Menschen, die etwas mit der Schließung der Schule zu tun haben oder zu tun haben könnten. Bei ihrer Suche erfährt sie einiges über eine Gesellschaft zwischen Aberglaube, Tradition und Moderne und die alles beherrschenden patriarchalen Strukturen. Es sind Strukturen, die Bildung für Frauen nicht vorsehen.
Diese Suche strukturiert Regisseurin Seemab Gul in ihrem Spielfilmdebüt als klassische Ermittlungsgeschichte mit Rabia als neugieriger Ermittlerin, die auch in eine für sie fremde Welt eintaucht und geduldig eine Spur nach der nächsten verfolgt. Das ist bis zu Beginn des letzten Drittels, also nachdem Rabia das Ergebnis ihrer Recherche und die Erklärung für die Schließung der Schule präsentiert, ein sehr gelungenes, dicht erzähltes Drama, das das mit einer sympathisch-neugierigen Protagonistin tief in eine für uns fremde Welt eintaucht. Danach zerfleddert die Geschichte.
Das macht „Ghost School“ zu einem uneinheitlichem Film.
Drama über ein karrieresüchtiges Fotomodell, das in den Sechzigern in London nach oben will und dafür bedenkenlos Männer verführt, die ihr dabei helfen können.
Damals erhielt Schlesingers SW-Charakterstudie viele Preise und machte Julie Christie zum Star.
1999 wählte das British Film Institute in seiner Liste der besten britischen Filme aller Zeiten „Darling“ auf den 83. Platz.
Das Lexikon des Internationalen Films urteilte zum Filmstart: „Formal beachtlicher, in der Darstellung des karrieresüchtigen Luders durch Julie Christie faszinierender Film, der in seiner kritischen Tendenz aber unklar bleibt.“
mit Julie Christie, Laurence Harvey, Dirk Bogarde, Roland Curram, José Luis De Villalonga
Porträt einer dysfunktionalen, zur gehobenen römischen Mittelschicht gehörenden Familie in den siebziger Jahren, das trotzt guter Momente in seine Einzelteile zerfällt.
Es ist ein Biopic, aber weil ja einige darüber gemeckert haben sollen, dass Kritiker in ihren Besprechungen über „Titanic“ verrieten, dass das Schiff untergeht (Uups, das hast du nicht gewusst?), beginne ich mit einer Spoilerwarnung für alle, die nichts über Christy Martin wissen. Wer etwas über sie weiß, wird feststellen, dass ich nicht alles, eigentlich fast nichts, verrate.
Beim Boxen fühlt Christy Martin sich lebendig. Außerdem erhält sie Geld, wenn sie siegt. Für die aus ärmlichen Verhältnissen kommende Tochter eines Bergarbeiters sind das zwei unbestreibare Pluspunkte. Dass Frauenboxen damals – wir reden von den späten achtziger Jahren – nicht ernstgenommen wurde, stört sie nicht. Sie trainiert hart, kämpft sich nach oben, gewinnt im Ring während ihrer professionellen Laufbahn fast alle Kämpfe, ist im April 1996 die erste Boxerin auf dem Cover von „Sports Illustrated“ und das Gesicht des in den neunziger Jahren in den USA zu einem lukrativen Geschäft werdendem Frauenboxen.
In seinem in den USA grandios geflopptem Biopic „That’s why the Lady is a Champ“ (Originaltitel: „Christy“) erzählt David Michôd („War Machine“) ihren Weg von ihrem ersten Kampf 1989 bis 2010, als ihr Ehemann und Trainer sie umbringen will.
Dabei hakt Michôd weitgehend chronologisch die wichtigen Stationen und Begegnungen in ihrem Leben ab. Er spricht vieles an: das Boxgeschäft in all seinen Facetten, Sexismus, Gewalt in der Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Bigotterie, Spielsucht, gewalttätige und schlechte Familienbeziehungen. In dem Film ist alles drin, weil es Teil von Christy Martins Leben ist.
Was fehlt ist eine über die Chronologie eines Wikipedia-Artikels hinausgehende Struktur. So kämpfte, wie das Tennis-Biopic „Battle of the Sexes“ (USA 2017) eindrucksvoll zeigt, die Tennisspielerin Billie Jean King in den frühen siebziger Jahren um höhere Preisgelder für Tennisspielerinnen. Ihre Preisgelder lagen deutlich unter denen der Männer. Dieser Kampf um gleiche Bezahlung zieht sich durch das gesamte Biopic und macht das überaus pointierte Biopic auch für Menschen, denen Tennis egal ist, sehenswert. In „That’s why the Lady is a Champ“ muss Christy Martin mehrere Kämpfe, beruflich und privat, durchfechten. Aber welches der wichtigste Kampf ist, bleibt lange diffus. Am Ende ist es der Kampf gegen ihren Trainer (der sie zuerst nicht trainieren wollte, weil Frauen nicht boxen können), der später ihr Ehemann und Buchhalter wird, ihr Geld verzockt und immer herrischer wird. Bis er sie umbringen will.
Ben Foster, unter der Maske kaum erkennbar, spielt Christys Mann Jim Martin betont unsympathisch.
Sydney Sweeney spielt Christy Martin mit einem festen Blick auf eine Oscar-Nominierung. Für die Rolle nahm sie einige Pfund zu, trug eine potthässliche Frisur und zog körperverhüllende Klamotten an. Sie tat alles, um im Film möglichst unattraktiv zu erscheinen. Gleichzeitig brüllt sie einen in jeder Sekunde des Biopics an, dass das ihre Oscar-Rolle ist und dass sie fortan nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch als Schauspielerin wahrgenommen werden möchte.
That’s why the Lady is a Champ (Christy, USA 2025)
Regie: David Michôd
Drehbuch: Mirrah Foulkes, David Michôd (nach einer Geschichte von Katherine Fugate)
mit Sydney Sweeney, Ben Foster, Merritt Wever, Katy O’Brian, Ethan Embry, Jess Gabor, Chad Coleman, Bryan Hibbard, Tony Cavalero, Gilbert Cruz
Es sind nur wenige Tage, ein Besuch in der alten Heimat mit einigen Begegnungen, öffentlichen Auftritten und Erinnerungen. Denn auch wenn nichts „Besonderes“ passiert, ist es eine besondere Reise. 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, besucht Thomas Mann mit seiner Tochter Erika Deutschland. Den West- und Ostteil des Landes, aus dem der Literaturnobelpreisträger 1933 vor den Nazis zuerst in die Schweiz und 1938 in die USA floh. Von dort aus schrieb er Texte gegen den Faschismus. Jetzt wird er in Deutschland als große Autorität angesehen. Als ein Mann, der für die Deutschen ein moralischer Kompass sein kann. Aber will er das? Wollen die Deutschen hören, was er sagt? Oder wollen sie nicht einfach nur eine Absolution erhalten? Überleben die hohen Erwartungen der Deutschen die Begegnung mit Thomas Mann?
Wer Manns Biographie kennt und wer auch die Biographien von anderen Heimkehrern kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennt (so kehrte Peter Lorre 1950 zurück, drehte den Film „Der Verlorene“, war von der Reaktion des Publikums darauf tief enttäuscht und verließ Deutschland im Dezember 1951 für immer.), weiß, wie absehbar ernüchternd diese Begegnung verläuft. Denn Mann konnte und wollte nicht die erwartete Absolution erteilen.
Pawel Pawlikowski verfilmte jetzt in seinem neuesten Film „Vaterland“ diese Reise fiktionalisiert in SW, im 1.33:1-Format und in langen, kargen Szenen. Es ist der sofort wiedererkennbare Stil, den er in seinen letzten Filmen etablierte und perfektionierte. Das macht „Vaterland“ zu einem cineastischen Genuss und Schauspielerkino. Hanns Zischler und Sandra Hüller übernahmen die Rollen von Thomas Mann und seiner Tochter Erika, die seine Tochter, seine Fahrerin und seine Sekretärin ist. Sie organisiert alles, damit der Großliterat nur noch die Bühne betreten muss.
Die anderen bekannten Schauspieler, unter anderem August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt und Milan Peschel, haben meist nur einen Auftritt. Der ist dafür prägnant.
Die Frage nach Fremdheit und Zugehörigkeit, nach Ansprüchen von Außen und dem Umgang damit, die Pawlikowski vor zerbombter und kaum wiederaufgebauter Kulisse stellt, sind zeitlos aktuell.
Mit insgesamt 82 Minuten ist „Vaterland“, wie Pawlikowskis vorherige hochgelobte Dramen „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ und „Ida“, sehr kurz. Aber es ist genau die Zeit, die der präzise verdichtete, zum Nachdenken anregende Film mit seinen im Gedächtnis bleibenden Bildern braucht.