Duca Lamberti wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Drei Jahre verbüßte der Arzt, weil er Sterbehilfe leistete. Jetzt darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Durch die Vermittlung eines Freundes wird ihm sofort eine Arbeit angeboten: ein reicher Mailänder Industrieller bittet ihn, seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Davide von seinem Alkoholismus zu heilen. Duca ist einverstanden. Um Davide langfristig zu heilen, muss er herausfinden, warum der Junge trinkt.
Kurz darauf gesteht Davide ihm, er sei ein Mörder. Er habe einer Frau, die sich umbringen wollte, nicht geholfen. Wenige Stunden später ist sie tot. Seitdem fühlt Davide sich für ihren Tod verantwortlich. Er beginnt zu trinken. Als Duca sich die Umstände ihres Todes genauer ansieht, ist er überzeugt, dass sie ermordet wurde. Durch einen mit einer Minox aufgenommenen Film, den sie in Davides Auto verloren hatte, kommt er auf eine vielversprechende Spur. Auf dem Film sind Bilder von zwei nackten Frauen. Beide wurden ermordet.
„Private Venus“ ist die von Paolo Bacilieri gezeichnete Comic-Version von Giorgio Scerbanencos erstem Duca-Lamberti-Kriminalroman. Scerbanenco (1911 – 1969) schrieb zu Lebzeiten zahlreiche Romane. Er gilt als einer der Erneuerer des italienischen Kriminalromans. Am bekanntesten ist er für seine vier Duca-Lamberti-Romane.
Bacilieri nahm die Texte aus Scerbanencos kurzem Roman. Die Handlung übernahm er mit minimalsten Änderungen. In seinen Zeichnungen entsteht ein atmosphärisches Bild Italiens in den späten sechziger Jahren.
Der Fall selbst ist spannend und angenehm ungewöhnlich. Schließlich ermittelt hier kein Polizist, sondern ein Privatmann. Er stolpert in einen Fall hinein. Bei der Lösung helfen dem Polizistensohn Duca die Polizei, die in bestimmten Momenten nicht wissen will, was er und seine Freunde tun. Seine Freunde sind Davide, der nicht mehr von Ducas Seite weichen will, und Livia Ussaro, die die Tote kannte, weil sie beide auch als Prostituierte arbeiteten.
Die Lösung ist überraschend und gruselig. Sie zeigt auch, wie viel sich in den vergangenen sechzig Jahren veränderte. Damals war das Motiv des Mörders ein nachvollziehbarer Grund für mehrere Morde. Heute nicht mehr.
Der zweite Duca-Lamberti-Comic „Verratene Verräter“ ist für September 2026 angekündigt. Das ist genug Zeit, um bis dahin Scerbanencos Roman zu lesen.
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Paolo Bacilieri: Private Venus (nach dem Roman von Giorgio Scerbanenco)
(übersetzt von Myriam Alfano)
Avant-Verlag, 2024
160 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Venere Privata
Oblomov Edizioni, 2023
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Die Vorlage
Giorgio Scerbanenco: Venere Privata
Garzanti Editore, Mailand, 1966
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Mehrere deutsche Übersetzungen und Auflagen bei verschiedenen Verlagen:
Leichte Mädchen sterben schwer (übersetzt von Eva Schönfeld)
Das Mädchen aus Mailand (übersetzt von Christiane Rhein)
„Die Dreigroschenoper“ ist 1928 in Berlin ein Theaterhit, der auch verfilmt werden soll. Bertolt Brecht schreibt ein nie verfilmtes Exposé für eine Verfilmung.
Joachim A. Lang, ein ausgewiesener Brecht-Kenner, verfilmte jetzt Brechts Vision und er erzählt auch die Geschichte des Bühnenstücks und seiner Verfilmung. Insofern ist „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ das sehr unterhaltsame und informative Making-of zu einem nicht existierendem Film, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Britta Hammelstein, Robert Stadlober, Peri Baumeister, Christian Redl, Meike Droste, Godehard Giese, Max Raabe
Beginnen wir bei diesem ziemlich unerfreulichem Horrorfilm mit der für Horrorfans erfreulichen Nachricht. Prinzipiell ist es begrüßenswert, wenn ein Horrorfilm, der vor wenigen Jahren nur auf DVD erschienen wäre, im Kino läuft. Es zeigt auch, dass Horrorfilme im Kino eine Wiederauferstehung feiern. In den USA sind „Backrooms“ (deutscher Kinostart am 18. Juni) und „Obsession – Du sollst mich lieben“ (deutscher Kinostart am 25. Juni) Erfolge, die alle Erwartungen übertreffen. Am Startwochenende von „Backrooms“ landete der Horrorfilm auf dem ersten Platz. „Obsession“ auf dem zweiten. Und „Star Wars: The Mandalorian and Groku“ auf den dritten Platz. Das hatte Disney/Lucasfilm anders erwartet. In der Folgewoche konnten die beiden Horrorfilme am umsatzträchtigen Wochenende ihre Plätze gegen die Neustarts „Scary Movie“ und „Masters of the Universe“ nicht verteidigen. Aber ihr Budget spielten sie bereits jetzt um ein mehrfaches wieder ein. In diesem Umfeld ist der Kinostart von „Dolly“ nicht mehr so ungewöhnlich. Und die nächsten Monate werden etliche weitere Horrorfilme im Kino starten.
Im Gegensatz zu „Backrooms“ und „Obsession“ erzählt Rod Blackhurst in „Dolly“ eine Geschichte, die sich am trashig-brutalen 70er-Jahre-Grindhouse-Horrorfilm orientiert. Die Filme wurden gemacht mit geringstem Budget, unbekannten Schauspielern, billigen Locations und genug Sex und Gewalt, um ein jugendliches Publikum zu begeistern. Die etablierte Filmkritik verriss die Filme als unappetitliche Machwerke. Inzwischen sind einige dieser Horrorfilme Klassiker. Viele wurden vergessen. Einige poppen manchmal in Filmreihen wieder auf. Dann sieht man, dass die Filme, die man als Teenager wegen der neugierig machenden Plakate und Mundpropaganda unbedingt sehen wollte, nicht gut sind.
Blackhursts „Dolly“ ist eine stilecht auf Super 16mm gedrehte Liebeserklärung an genau diese Grindhouse-Filme. Bei einer Wanderung will Chase seiner Freundin Macy einen Heiratsantrag machen. Davor entdecken sie im Wald einen beunruhigend aussehenden Puppenfriedhof und sie hören seltsame Geräusche. Chase will herausfinden, woher die Geräusche kommen. Allein begibt er sich in den Wald und begegnet der titelgebenden Dolly. Sie ist ein maskiertes, sich kindlich verhaltendes Monstrum. Ihr Gesicht hat sie verdeckt mit einer an eine Porzellanpuppe erinnernden Maske. Sie greift ihn an und verletzt ihn schwer; – die Szene ist so inszeniert, dass wir glauben sollen, sie habe ihn ermordet. Aber später im Film beginnt er sich durch den Wald zu Dollys Haus zu robben. Gehen kann er nicht mehr.
Kurz darauf gerät Macy in Dollys Hände. Dolly schleppt Macy in ihr Haus, sperrt sie ein und verdeutlicht ihr, dass sie jetzt ihr Kind, Spielzeug und Puppe ist. Macy versucht zu flüchten.
Im Gegensatz zu „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ (vorherige Woche angelaufen) dient die Gefangenschaft in „Dolly“ nur der Präsentation von Abscheulichkeiten. Gewalt um der Gewalt willen, in einer Welt, in der es keine moralischen Maßstäbe gibt. Alle Menschen, die Dolly begegnen, werden von ihr fast immer sofort möglichst brutal getötet. Blackhurst inszeniert diese Begegnungen für den Splatter-Fan angemessen blutig und in jeder Beziehung unappetitlich. Durchgängig ersetzten Schocks und Ekel Suspense. Es ist auch eine Welt, in der die Hauptfiguren immer die dümmste Entscheidung treffen in einer Geschichte, die wenig bis kaum Sinn ergibt.
Das macht „Dolly“ trotz seiner kurzen Laufzeit von 83 Minuten zu einer ziemlichen Geduldsprobe. Immerhin zeigt Rod Blackhurst sehr stilgerechte Hommage an den 70er-Jahre-Horrorfilm, warum die meisten dieser Filme inzwischen vergessen sind. Es sind einfach schlechte Filme.
Dolly(Dolly, USA 2025)
Regie: Rod Blackhurst
Drehbuch: Rod Blackhurst, Brandon Weavil
mit Max The Impaler, Fabianne Therese, Seann William Scott, Ethan Suplee, Kate Cobb, Russ Tiller, Michalina Scorzelli, Eve Blackhurst
mit Maïwenn, Johnny Depp, Benjamain Lavernhe, Pierre Richard, Melvil Poupaud, Pascal Greggory, India Hair, Suzanne de Baecque, Capucine Valmary, Diego Le Fur, Pauline Pollmann
Disclosure Day…allein die Erklärung des Titels ist ein Spoiler. Das Ansehen der beiden ziemlich irreführenden Trailer ist ein weiterer Spoiler – und eine Erklärung, was an den Trailer Spoiler aus der zweiten Hälfte des Films sind, wären weitere Spoiler.
Deshalb empfehle ich allen, die nichts über Steven Spielbergs neuesten Science-Fiction-Film, inszeniert nach einem Drehbuch von David Koepp („Jurassic Park“), wissen wollen, halbherzig den Kinobesuch.
Warum erkläre ich nach den Trailern:
Gut. Jetzt können wir weiterreden. Für US-amerikanische UAP-Gläubige ist der Disclosure Day der Tag, an dem die US-Regierung alle in den vergangenen Jahrzehnten angefertigten Akten über UFOs, seltsame Sichtungen und Aliens veröffentlicht. Dann, so hoffen sie, würden alle ihre Theorien über Alien-Begegnungen für wahr erklärt werden. UAP steht für ‚Unidentified Anomalous Phenomena‘ bzw. ‚unidentifizierte anomale Phänomene‘ und ist der aktuelle Sammelbegriff für alles, was mit Außerirdischen zusammenhängen könnte.
Um diesen Tag geht es auch in Spielbergs neuem Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“. Es geht auch um die Frage, was eine Begegnung mit Außerirdischen und die damit verbundene Entdeckung, dass wir nicht allein im Weltall sind, für die Menschheit bedeuten könnte. In „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) und in „E. T. – Der Außerirdische“ (1982) war die Begegnung mit den Aliens friedlich. In seiner deutlich von der Stimmung nach 9/11 beeinflussten Dystopie „Krieg der Welten“ (2005) verläuft die Begegnung für die Menschheit ziemlich katastrophal. In seinem neuesten Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ treffen wieder Menschen und Aliens aufeinander. Wie in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ beginnt die Geschichte mit unheimlichen, seltsamen und rätselhaften Ereignissen.
Nachdem sie sich bereits den ganzen Tag seltsam verhielt und Dinge wusste, die sie nicht wissen konnte, gibt die in Kansas City lebende TV-Wetteransagerin Margaret Fairchild (Emily Blunt) in einer TV-Sendung plötzlich seltsame Laute von sich. Nur Dr. Daniel Kellner (Josh O’Connor) kann sie sofort verstehen. Der hochbegabte Ex-Hacker arbeitete als Cybersicherheitsexperte bei der geheimen, niemand rechenschaftspflichtigen, über anscheinend unendliche Mittel verfügende und mächtige Mehr-oder-weniger-irgendwie-Regierungsorganisation WARDEX. WARDEX sammelt alle Informationen über UFOs und Aliens und verbirgt sie vor der Menschheit. Kellner hat sich mit einer im Untergrund agierenden, aber anscheinend gut vernetzten und finanziell gut ausgestatteten Gruppe zusammengetan, die diese streng geheimen Informationen veröffentlichen will. Kellner hat sie auf etliche Datenträger kopiert. Er will sie ihnen in einigen Stunden übergeben. Auch wenn der Film ein großes Geheimnis um den Inhalt dieser geheimen Dateien macht, ist sehr schnell klar, dass es sich um Informationen über UFO- und Alien-Sichtungen handelt.
Irgendwann bemerken Kellner und Fairchild, die sich nicht kennen und die sich an verschiedenen Orten in den USA aufhalten, dass sie miteinander verbunden sind. Sie finden zueinander und wissen plötzlich, an welchen Ort in den USA sie fahren müssen, um die Daten der Disclosure-Day-Gruppe zu übergeben und sie anschließend, wie Wikileaks, der globalen Öffentlichkeit zu präsentieren.
Währenddessen werden sie von Noah Scanlon (Colin Firth), dem Chef von WARDEX, verfolgt. Er will unter allen Umständen verhindern, dass die Dateien veröffentlicht werden. Er glaubt, dass die Menschheit nicht bereit sei, diese Informationen zu akzeptieren. Er befürchtet, dass eine Veröffentlichung zu chaotischen Zuständen führen würde. Diese Hatz quer durch die USA führt zu einigen gelungenen Action-Set-Pieces und überraschenden Situationen und Dialogen. Und einer sehr begrüßenswerten humanistischen Botschaft über den Wert von Mitgefühl.
Diese Botschaft ist dann auch der originellste Teil des Films, der in puncto UFO-Verschwörungstheorien die bekannten Ereignisse und Theorien wiederholt. Die Story bewegt sich mit einem großen Ensemble recht flott und unterhaltsam auf das Finale zu.
Und trotzdem ist dieser Film, der nach einer von Spielberg erfundenen Geschichte entstand, einer seiner enttäuschendsten Filme. Die Disclosure-Day-Enthüllung am Filmende enttäuschen. Alles davor ist, wie in „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“, Exposition.
Während des gesamten Films fragte ich mich, welchen gelungeneren Film Roland Emmerich aus der Idee, dass alle Geschichten, die uns über Außerirdische erzählt wurden, wahr sind, gemacht hätte. Unbestritten ist Emmerich der schlechtere Regisseur. Aber er hätte aus dieser Idee den interessanteren Film gemacht. Mit „Moonfall“ (2022) hat er das in einem gewissen Rahmen auch schon gemacht.
Während Spielberg mit angezogener Handbremse ein fast ausschließlich weißes Ensemble, das die 50er-Jahre-Kernfamilie bejaht, durch eine vorhersehbare Geschichte mit bekannten Verschwörungstheorien schickt, hätte Emmerich all das hemmungsloser erzählt und bei den Figuren andere Akzente gesetzt. Sein Cast wäre diverser. Schwarze, Frauen, Schwule und Randgruppen (wozu ich in diesem Fall auch die Äbtissin, die einen wundervollen Satz sagen darf, zähle) hätten wichtige Rollen. Bei Spielberg kämpfen, bis auf die Wetteransagerin Fairchild, die unwissend in die Geschichte hineinstolpert, weiße Männer gegen weiße Männer. Der Schwarze ist nicht mehr als der aus alten Hollywood-Filmen bekannte Alibi-Schwarze. Die Frage des Glaubens und welche Bedeutung die Begegnung zwischen der Menschheit und den Aliens für die Menschen hätte, würde im Mittelpunkt des Films stehen. Spielberg streift sie höchstens, wenn darüber diskutiert wird, ob die Akte veröffentlicht werden sollen. Weil der Film mit der Veröffentlichung endet, zeigt er nicht, was danach passiert. Die Alien-Gläubigen hätten bei Emmerich ebenfalls eine wichtigere Rolle. Spielberg ignoriert sie. Und vielleicht hätten die Aliens auch etwas gesagt oder in die Geschichte eingegriffen.
So ist „Disclosure Day“ ein SF-Film, der sich erzählerisch am 70er-Jahre-Polit-Thriller mit seinen teils naiven Helden, die eine große Verschwörung aufdecken, orientiert. Teils konnte der Protagonist sein Wissen am Filmende publizieren, teils wurde er vorher von den Bösewichtern ermordet. Immer war der Film von einem aufklärerischem Impetus gegen verbrecherische Regierungen, Behörden und Firmen getragen. Der Paranoia-Thriller sollte über die dunklen Machenschaften der US-Regierung aufklären. Auch „Disclosure Day“ endet mit der titelgebenden Veröffentlichung der Daten. Als Zuschauer ist man in dem Moment ratlos. Die Informationen über Ufos und Aliens sind fast ausschließlich die schon seit Jahrzehnten bekannten Informationen über nicht zusammenhängende Sichtungen von Ufos und Begegnungen mit Aliens. Was soll sich durch die Veröffentlichung ändern? Die Empathie-Botschaft des Films ist absolut begrüßenswert, aber sie hängt wie ein Kalenderspruch im luftleeren Raum.
All das macht Spielbergs neuesten Film, eine Neuerzählung von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ als 70er-Jahre-Paranoia-Thriller, zu einem seiner schwächsten Werke.
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (Disclosure Day, USA 2026)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: David Koepp (nach einer Idee von Steven Spielberg)
mit Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell, Henry Lloyd-Hughes, Courtney Grace, Jeremy Shamos, Elizabeth Marvel
Spielfilmlange informative Doku über den allseits benutzten Plastikstuhl. Anfangs mehr Design- und Industriegeschichte, später vor allem ein Blick auf die Verwendung des Stuhls.
Auf einer Pferderanch in der Nähe von Hollywood geschehen unheimliche Dinge, die etwas mit einer sich nicht bewegenden Wolke zu tun haben könnten.
TV-Premiere. Bei der Kritik und dem Publikum kam die Alien-Invasionsgeschichte gut an. Für mich war es – vielleicht auch wegen meiner hohen Erwartungen – nur ein bildgewaltiger lahmer Schocker, der ein Manifest der Hybris des Regisseurs ist.
Steven Spielberg, Hollywoods ewiges Wunderkind(Frankreich 2024)
Regie: Michaël Prazan
Drehbuch: Michaël Prazan
Fünfundfünfzigminütige Doku, bestehend aus bislang unveröffentlichtem Archivmaterial, Filmausschnitten, Making-ofs und Interviewauszügen, die ein Porträt des Regisseurs ergeben.
Strandkorblektüre für den gebildeten Krimifan liest sich in den Augen der Damen und Herren von der Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur, diesen Monat so:
LV: Lauran Paine: The Open Range Man, 1990 (später auch „Open Range“)
Als der tyrannische Rancher Baxter die Herde der beiden seit Ewigkeiten zusammen reitenden Cowboys Spearman und Waite stehlen will, hat er sich mit den falschen angelegt.
Schöner Western, der angenehm altmodisch auf jeglichen modernen Schnickschnack verzichtet und ruhig seine Geschichte erzählt.
mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Michael Jeter, Diego Luna, James Russo, Kim Coates
Als Bauingenieur Stan (Rayane Bensetti) erfährt, dass nicht er sondern sein aasiger Erzkonkurrent befördert werden soll, reicht es ihm. Jahrelang hat er für diese Beförderung klaglos Überstunden abgeleistet, seinem Chef jeden Wunsch erfüllt und immer wieder seine Beziehung riskiert. Spontan klaut er eine Tasche mit einer Million Euro Schmiergeld. Den Schlüssel zum Safe wirft er in einen Mülleimer.
Kurz darauf erfährt er, dass Richard doch ihn befördern will. Also muss das Geld innerhalb der nächsten Stunden und bevor seine Kollegen nach Sonnenaufgang den Firmensitz betreten, zurück in den Safe.
Weil Stan kein Einbrecher ist, benötigt er die Hilfe von jemand, der verschlossene Türen öffnen kann. So einer ist Hippolyte (Christian Clavier). Der Chef eines von ihm geführten Schlüsseldienstes ist ein echter Schlawiner. Seinen Kunden bietet der Unternehmer offensiv seine Dienste ohne Rechnung an. Dann könne er auf die Steuern verzichten. Was Stan in dem Moment nicht weiß, ist dass Hippolyte auch ein Safeknacker ist, der deswegen im Gefängnis saß. Gegen eine erkleckliche Summe lässt der hochverschuldete Hippolyte sich überzeugen, dieses Mal Schlösser zu öffnen, um etwas zurückzubringen. Ohne dass sie dabei entdeckt werden.
Zwei vollkommen gegensätzliche Hauptfiguren, eine absurde Ausgangssituation, comichaft übertriebene Nebenfiguren, eine sich daraus ergebende Kaskade von irrwitzigen Problemen und fertig ist die Boulevardkomödie. In seinem zweiten Spielfilm als Regisseur präsentiert Grégoire Vigneron seine Version einer typischen überdrehten und vollkommen sinnfreien französischen Komödie aus den sechziger und siebziger Jahren. Das Erzähltempo soll über die jede Logik und Wahrscheinlichkeit ignorierende Story hinwegtäuschen. Der Humor bewegt sich auf der Ebene von Klamauk und Slapstick. Jede Figur hat ein, höflich ausgedrückt, flexibles Moralsystem.
Das Ergebnis ist solala und ziemlich altmodisch. Auch weil die Figuren, deren Verhalten und die Welt, in der sie sich bewegen, mehr an die Welt der siebziger Jahre als an die Gegenwart erinnert.
In den vergangenen Jahren schrieb Grégoire Vigneron zahlreiche Drehbücher, unter anderem für die von Laurent Tirard inszenierten Komödien „Der kleine Nick“, „Der kleine Nick macht Ferien“, „Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät“ und „Mein ziemlich kleiner Freund“.
Ab durch die Mitte – Mit Vollgas durch Paris (Le Million, Frankreich 2025)
Tommy tobt mal wieder durch die Nacht. Der Neunzehnjährige betrinkt sich hemmungslos, uriniert in die Landschaft, pöbelt – und dokumentiert für ein weltweites Publikum mit seinem Smartphone sein gesamtes schlechtes Benehmen. Die Frage bei der Sauttour ist nicht ob, sondern wann der Filmriss kommt.
Als er wach wird, befindet er sich angekettet in einem Keller. Sein ‚Vater‘ erklärt ihm, dass er ihn zu einem besseren Menschen machen werde. Wenn er sich gut benimmt, wird er belohnt werden. Wenn er sich schlecht benimmt, wird er bestraft werden. In den folgenden Tagen besuchen ihn die anderen, von dieser Erziehungsmaßnahme vollkommen unbeeindruckten Familienmitglieder im Keller. Auch die neue Haushaltshilfe, eine illegal Eingewanderte, ruft nicht die Polizei, sondern akzeptiert den im Keller anketteten Mann als Teil der Familie.
Dass Tommy von dieser Erziehungsmaßnahme nicht begeistert ist, ist nachvollziehbar. Aber wie kann er sich dagegen wehren? Und kann er flüchten?
„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist der neue Film von Jan Komasa. Zu seinen vorherigen hochgelobten Filmen gehören „Corpus Christi“ und „The Change“. Sie regten zum Nachdenken und Diskutieren an. Das gilt auch für „Good Boy“. Die in wenigen Zimmern in einem einsam gelegenem Haus spielende satirische, tiefschwarze Versuchsanordnung über echte und falsche Familien, Zugehörigkeit, Erziehung, Zwang und Freiheit versprüht schnell Michael-Haneke-Vibes. Sozusagen „Funny Games“ andersrum.
Komasa erzählt Tommys Umprogrammierung mit dem distanziert-kühlem Blick eines Verhaltensforschers. Er sieht zu, wie ‚Vater‘ Chris versucht, Tommy vom jugendlichen Rabauken zu einem braven Jungen und wertvollem Mitglied der Gesellschaft umzuerziehen. Das erinnert an Stanley Kubrick „Uhrwerk Orange“ (A Clockwork Orange, 1971). Auch wenn dort die Umprogrammierung anders verlief. In „Good Boy“ versuchen Chris und seine Familie eine Beziehung zu Tommy aufzubauen. Sie bleiben immer höflich. Widerspruch überhören sie, während sie alles nötige tun, um Tommy zu einem wertvollen Mitglied der Familie zu machen. Sie wollen ihn bei sich aufnehmen und sie wollen, dass er freiwillig bei ihnen bleibt.
Im Rahmen dieses satirischen Planspiels definieren sich alle Figuren nur über ihre Handlungen. Entsprechend wenig erfährt man aus Tommys früherem Leben und dem Leben seiner Entführer. Diese bewusst gelassenen Lücken führen im dritten Akt, wenn es zu einigen überraschenden, teils Fragen aufwerfenden Wendungen kommt, zu leichten Problemen.
Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Good Boy, Polen/Großbritannien 2025)
Regie: Jan Komasa
Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid
mit Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk, Savannah Steyn, Mila Jankowska, Callum Booth-Ford
Masters of the Universe (Masters of the Universe, USA 1987)
Regie: Gary Goddard
Drehbuch: David Odell (basierend auf „Masters of the Universe” von Mattel)
Der tapfere blonde Muskelprotz He-Man (Dolph Lundgren) muss den bösen Skeletor (Frank Langella), der zum Herrscher des Universums werden will, besiegen. Sie bekämpfen sich nicht in ihrer Heimat Eternia, sondern auf der guten alten Erde.
Überwältigend billig aussehender Fantasy-Trash, der auch in der SchleFaZ-Bearbeitung nicht besser wird.
Zuerst war das Spielzeug da. Dann wurde im Haus Mattel überlegt, wie man den Verkauf weiter ankurbeln könne. Comics und eine Zeichentrickfilmserie hatte man schon. Jemand schlug einen Spielfilm vor. Gesagt, getan. 1987 kam „Masters of the Universe“ in die Kinos. Der Film erzählt die Geschichte von He-Man (Dolph Lundgren, spärlichst bekleidet) und seinem Kampf gegen Skeletor (Frank Langella; unter der Maske nicht erkennbar). Der Kampf findet auf ihrem Heimatplaneten Eternia und der Erde statt. Vor allem auf der Erde in einem Diner, einer Schulaula und unbeleuchteten Gassen; – also kostengünstigen Drehorten.
Trotzdem soll der durchgängig wie ein billiges B-Picture aussehende Fantasy-Film 20 Millionen US-Dollar gekostet haben. Wer das jetzt angesichts aktueller Budgets für gar nicht so hoch hält, sollte einen Blick auf die Budgets einiger fast zeitgleich entstandener Kinohits werfen. Der dritte „Krieg der Sterne“-Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983) soll zwischen 32 und 42 Millionen US-Dollar gekostet haben. „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) und „Conan der Barbar“ (1982) sollen jeweils 20 Millionen US-Dollar gekostet haben. „Platoon“, 1987 mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnet, kostete 6 Millionen US-Dollar.
In allen diesen Filmen ist das ausgegebene Geld auf der Leinwand sichtbar. Nicht so in „Masters of the Universe“, der eher wie die Restverwertung eines italienischen Sandalenfilms aus den sechziger Jahren wirkt, den man mit vielen in der Gegenwart spielenden Szenen auf Spielfilmlänge streckte. Gary Goddards Film war ein allumfassender Flop, der in den vergangenen Jahren einen gewissen Kultstatus erhielt. Und wenn man ihn damals als Teenager im Kino oder im eigenen Zimmer gesehen hat, war man wohl empfänglicher für diesen Fantasy-Film, den man mit den Mattel-Figuren nachspielen konnte. Vor allem wenn man Arnold Schwarzenegger als „Conan der Barbar“ noch nicht sehen durfte.
Pläne für einen neuen „Masters of the Universe“-Kinofilm gab es schon länger. Als Regisseure waren in den vergangenen zwei Jahrzehnten John Woo, Jon M. Chu, Rian Johnson, Andrés Muschietti, Chris Sanders, Phil Lord/Christopher Miller, David S. Goyer und Aaron Nee/Adam Nee (die jetzt zu den vier genannten Drehbuchautoren gehören) im Gespräch. Drehbuchautoren schrieben mehr oder weniger detaillierte Entwürfe und selbstverständlich wurden über die Jahre verschiedene Schauspieler genannt, die die Hauptrolle spielen sollten.
Am Ende übernahm „Bumblebee“-Regisseur Travis Knight die Regie. Weil er den guten „Transformers“-Film inszenierte, könnte ihm auch diese Spielzeug-Verfilmung gelingen. Dass sein Film schlechter als der 1987er Film werden könnte, war fast ausgeschlossen. Nicholas Galitzine (zuletzt in „Glennkill“ als Journalist Elliot Matthews) spielt den teils spärlich bekleideten, edlen Helden. Wieder muss er gegen Skeletor kämpfen.
Was damals in einem Totaldesaster endete, ist jetzt eine ziemlich erfreuliche, zu lang geratene, selbstironische, überaus bunte und farbenprächtige Liebeserklärung an alte Fantasy-Filme. Den Ton setzt Travis Knight schon in den ersten Minuten, wenn Prinz Adam von seinem Leben auf seinem Heimatplaneten Eternia erzählt, wie er zum Kämpfer ausgebildet werden sollte, kläglich versagte, Skeletor (Jared Leto) sie überfiel, seine Familie und Freunde ermordete, er in letzter Sekunde mit einem magischen Schwert durch ein Portal auf die Erde geschickt wurde, dort in einem See landete und das Schwert verlor. Das erzählt Adam in einem Diner einer Verabredung, die danach fluchtartig die Gaststätte verlässt. Mit diesem Irren will sie nicht länger als nötig zusammen sein.
Kurz darauf, fünfzehn Jahre nach seiner Landung in dem See, findet er das Schwert in einem Merchandise-Geschäft. In dem Geschäft macht er sich, als er das magische Schwert in seinen Besitz bringen will, zum Vollhorst. Mit dem Schwert, das ihm offensichtlich keine magischen Kräfte verleiht, flüchtet er aus dem Geschäft. Wenige Minuten später wird er auf auf der Straße von einem Monster angegriffen. Teela (Camila Mendes), seine Liebe aus Kindheitstagen in Eternia, taucht plötzlich auf und rettet ihn. Kurz darauf sind sie zurück in Eternia. Dort muss er gegen den mächtigen Bösewicht Skeletor kämpfen. Der möchte das Schwert haben und so allmächtig werden.
Knight und seine Drehbuchautoren Chris Butler, Aaron Nee, Adam Nee und Dave Callaham zitieren lustvoll die bekannten Fantasy-Klischee und B-Picture-Klischees, brechen sie und ziehen alle Figuren durch den Kakao. Da lacht der Bösewicht sein teuflisches Lachen deutlich über die Peinlichkeitsschwelle. Seine Untertanen schauen sich betreten an. Er erklärt ihnen, dass die Szene eigentlich während seines teuflischen Lachens abbrechen sollte. Später erklärt er, dass er der Bösewicht des Films sei, er böses tue und dass das als Motivation vollkommen ausreiche.
Musikalisch unterlegt wird dies mit gut abgehangenem Hardrock, der perfekt in die Fantasy-Welt des Films passt. Die Songs sind auch immer wieder gut für einen spektakulären Auftritt, der dann in sich zusammenfällt. Und bei den für den Film von Daniel Pemberton geschriebenen Stücken ertönt öfter eine von „Queen“-Gitarrist Brian May gespielte Gitarre.
Die Spezialeffekt haben genau das richtige Maß an Schlechtigkeit um zu überzeugen. Sie sind gut, aber nie so gut, dass sie eine perfekte Illusion erzeugen.
Die Story – eigentlich sind es eine Coming-of-Age-Story und der Kampf des Helden gegen den Bösewicht – variiert gekonnt die bekannten Elemente. Dabei werden Männer durchgängig als ziemliche Waschlappen und Trottel gezeichnet. Sie überschätzen sich. Sie verhalten sich unvernünftig. Sie reagieren komplett falsch auf bestimmte Situationen. Sie interessieren sich mehr für die Pose als für das Ausfüllen dieser Pose. Und das sorgt immer wieder für Lacher.
Die Frauen neben Prinz Adam und Skeletor sind dagegen eher die treibenden und im Hintergrund agierenden Kräfte, die die Männer in die richtige Richtung – auch wenn es bei Skeletor die falsche Richtung ist – schieben. Dabei bleiben sie immer, den seit Ewigkeiten etablierten Regeln des Genres gehorchend, gut aussehende Nebenfiguren. Wobei Adam wenn er zu vom von allen herumgestoßenem sanftem und etwas trotteligem Nerd zum muskelbepacktem blonden Krieger He-Man wird, auch sehr ansehnlich ist.
„Masters of the Universe“ ist das filmische Äquivalent zu einer Nostalgia-Band, die, nach jahrelanger Trennung auf einer Reunion-Tour, mit viel Energie und Selbstironie die alten Hits noch einmal spielt, während alle im Saal in Erinnerungen baden. Die Zeiten, als sie ihre Eltern mit bestimmten LP-Covers und satanischen Beschwörungen schockieren konnten, sind vorbei. Jetzt sind sie Eltern, teils Großeltern.
Aber wenn das so gut präsentiert wird, wie jetzt in „Masters of the Universe“ kann diese Nostalgieveranstaltung ein großer Kassenhit werden. Im Abspann teasern die Macher in mehreren Mid- und einer Post-Credit-Szene mögliche weitere Filme an.
Dann gerne in unter zwei Stunden. Denn so ein Film sollte nicht über 140 Minuten dauern.
Masters of the Universe(Masters of the Universe, USA 2026)
Regie: Travis Knight
Drehbuch: Chris Butler, Aaron Nee, Adam Nee, Dave Callaham (nach einer Geschichte von Aaron Nee, Adam Nee, Alex Litvak und Michael Finch; basierend auf „Masters of the Universe” von Mattel)
mit (teilweise nur die Stimme im Original) Nicholas Galitzine, Camila Mendes, Alison Brie, James Purefoy, Morena Baccarin, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Charlotte Riley, Sasheer Zamata, Jon Xue Zhang, Christian Vunipola, Kristen Wiig, Jared Leto, Idris Elba, Artie Wilkinson Hunt, Eire Farrell, Dolph Lundgren
Ein französisches Paar will in der spanischen Provinz als Bio-Bauern und Restauratoren alter Häuser ein neues Leben beginnen. Den Einheimischen gefällt das nicht. Der Konflikt eskaliert, als die Zugezogenen den Bau von Windrädern ablehnen.
TV-Premiere. Langsam erzählter Noir-Thriller mit einem extrem schwachen letzten Drittel.
Anschließend, um 00.00 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere die 50-minütige Doku „Es war einmal…Wie wilde Tiere“ (Frankreich 2025) über den Film.
Der Bundespresseball ist eine der großen Veranstaltungen, auf denen sich Politik und Journalismus in Berlin treffen und ein festes Programm durchziehen.
Dieses Mal wird die eingeübte Routine unterbrochen von dem Tod des Bundeskanzlers Oskar Vergis und des Finanzministers Claas von der Linden. Beide werden während der Veranstaltung im Hotel Adlon mit dem exotischen Gift Batrachotoxin vergiftet.
Kriminaloberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann beginnen als Teil der großen Ermittlungsgruppe mit der Suche nach dem Täter. Ein politisches Motiv ist naheliegend. Sie und ihre Kollegen müssen die echten von den vielen falschen Verdächtigen trennen und Tonnen an Videomaterial auf der Suche nach einer Spur sichten. Schnell entdecken sie auf einem Video den Kellner, der den beiden Opfern die Gläser auf den Tisch stellte. Im Gegensatz zu den anderen Kellnern standen auf seinem Tablett nur zwei Champagnergläser. Damit ist klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag auf die beiden Politiker handelte. Noch verdächtiger wird der Kellner, weil er wenige Minuten nach der Tat in die Türkei flüchtet. Fast genauso schnell ist Heidergott überzeugt, dass dieser Kellner nicht die Tat geplant hat.
Alle anderen Ermittlungen verlaufen im Nichts. Nach mehreren Tagen haben sie immer noch keine heiße Spur. Aber einige der von ihnen Befragten deuten an, dass die Tat vielleicht von einem anderen Politiker oder einer im politischen Betrieb tätigen Person veranlasst wurde. Das ist für Wolfgang Ainetter, der von 2018 bis 2021 Sprecher im Bundesverkehrsministerium war, die Gelegenheit, ein wenig aus dem Innenleben der Bundespolitik und der verschiedenen Bundesministerien zu plaudern.
Der Fall selbst spielt während der Ampelregierung – oder präziser während einer Ampelregierung, die an die zerstrittene Ampelregierung erinnert. Die Minister im Buch heißen Norbert Bobeck (Wirtschaftminister), Alma Brock (Außenministerin) und Lucy Faenger (Innenministerin). Auch das weitere im Roman erwähnte politische Spitzenpersonal ist anhand ihrer Namen, Positionen und ihres Verhaltens ähnlich leicht erkennbar.
Als den Ermittlern in einem Video auffällt, dass das eine Glas nicht für den Finanzminister, sondern für Maresa Röhn, die mächtige „Wumms24“-Herausgeberin (so etwas wie „Bild“), bestimmt war, haben Heidergott und Schippmann endlich einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz.
„Ein Kanzleramtskrimi“ ist der zutreffende Zusatz von Wolfgang Ainetters zweitem Roman mit dem aus Wien stammendem Kommissar André Heidergott. Heidergott ist der immer wieder sympathisch abschweifende Ich-Erzähler der Geschichte.
Denn „Einigkeit und Recht und Rache“ ist letztendlich ein Regiokrimi. Viele Figuren sind nur leicht fiktionalisierte Versionen von aus der Realität bekannten Personen. Straßen, Verkehrsverbindungen, Örtlichkeiten und Lokale (sie werden am Buchende in einem „Diäten-Register“ aufgelistet) werden penibel genannt und immer ist Zeit für eine Mahlzeit. Das Privatleben der Ermittler gestaltet sich familiär. Der gar nicht so schlechte Fall wird eher nebenbei gelöst. Ainetter, der lange als Journalist arbeitete, unter anderem bei der „Bild“, erzählt die Geschichte des die Republik erschütternden Doppelmordes flott, unaufgeregt und mit einer angenehmen Erzählstimme.
Und weil die letztendlich harmlose Geschichte quasi vor meiner Haustür spielt, bin ich überaus positiv gestimmt. Das ist ein weiteres Kennzeichen eines Regiokrimis: Menschen, die in der Region leben, in der der Regiokrimi spielt, mögen die Geschichte, weil sie die Gegend wieder erkennen.
Das hat – und will – nichts mit den aufklärerischen Polit-Thrillern von Autoren wie Horst Eckert und Andreas Pflüger zu tun haben.
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Wolfgang Ainetter: Einigkeit und Recht und Rache – Ein Kanzleramtskrimi
Marilyn Monroe (1. Juni 1926 in Los Angeles, als Norma Jeane Mortenson [kirchlich registrierter Taufname Norma Jeane Baker] – 4. August 1962 in Brentwood, Los Angeles)
Wer hätte vor hundert Jahren gedacht, dass MM über sechzig Jahre nach ihrem Tod immer noch bekannt ist?
In ihrer Comic-Biographie „Monroe – Ein Hollywoodmärchen!“ (Les étoiles de l’histoire: Marilyn Monroe, 2020) erzählen Bernard Swysen (Text) und Christian Paty (Zeichnungen) auf knapp hundert Seite das Leben der Schauspielerin, die mehr als nur ein Sexsymbol sein wollte, pointiert nach. Eine Leseempfehlung.
Die bei Panini erschienene deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.