Der Staatsfeind Nr. 1 (Enemy of the State, USA 1998)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: David Marconi
Anwalt Robert Clayton Dean gelangt unwissentlich in den Besitz eines Videos, das den Mord an einem Politiker zeigt. Der Täter, ein hochrangiger Abgeordneter, setzt den ganzen Geheimdienst-Überwachungsapparat ein, um den Zeugen zu beseitigen. Und los geht die Hatz durch die USA.
Spannender, etwas lang geratener Thriller von Produzent Jerry Bruckheimer, der heute aktueller als damals ist. Denn wer geht heute noch ohne Handy vor die Haustür?
mit Will Smith, Gene Hackman, Jon Voight, Lisa Bonet, Regina King, Stuart Wilson, Tom Sizemore, Loren Dean, Barry Pepper, Jack Busey, Scott Caan, Gabriel Byrne
Als Kind gehörte er zur Popgruppe „The Jackson 5“, einer Gruppe von fünf Brüdern, die mit ihren Songs das US-Publikum erfreuten. Sie waren „eine Hochglanzfolie für den schwarzen amerikanischen Traum von der Erlösung aus Ghetto-Schwierigkeiten“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Rock-Lexikon, 1998), wobei in Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic „Michael“ das Ghetto ein kleines, für die Arbeiterklasse typisches Holzhaus in Gary, Indiana, ist. Schon in den frühen siebziger Jahren startet Michael Jackson (1958 – 2009) seine Solokarriere. „Off the Wall“ (1979) ist seine erste Zusammenarbeit mit Quincy Jones (der im Film einmal durchs Bild läuft). Sie ist, mit großem Abstand, seine bis dahin erfolgreichste Solo-LP. Seine nächste LP „Thriller“ (1982) katapultiert ihn in ungeahnte Höhen mit Disco-tauglichen Songs und Musikvideos, die damals breit rezipiert wurden, weil sie auch von Regiestars, wie John Landis („Thriller“) und Martin Scorsese („Bad“), inszeniert wurden. Die Videos tendierten in Richtung Kurzfilm. 67 Millionen verkaufte LPs (und damit das am meisten verkaufte Musikalbum weltweit) und sieben unglaublich erfolgreiche Single-Auskopplungen aus einer neun Songs umfassenden LP sprechen eine deutliche Sprache. Die Nachfolge-LP „Bad“ (1987), die dritte und letzte Zusammenarbeit von Jackson mit Quincy Jones (der im Film galant ignoriert wird), kann diesen Mega-Erfolg nicht wiederholen. Aber mit Hits wie „I Just Can’t Stop Loving You“, „Bad“, „The Way You Make Me Feel“, „Man In The Mirror“ und „Dirty Diana“ und 35 Millionen verkauften LPs ist sie auch kein Flop. Sie steht auf Platz 16 der meistverkauften Musikalben und ist drittbeste verkaufte Album von Michael Jackson.
Antoine Fuqua beendet sein chronologisch erzähltes Biopic „Michael“ 1988 mit einem Stadionkonzert in London. Es beginnt 1966 im Haus der Familie Jackson beim gemeinsamen Proben vor dem Vater für künftige Auftritte. „Michael“ endet als Michael Jackson auf dem Höhepunkt seines Erfolgs ist. Alles was danach kommt, wird nicht beachtet. Fuqua erzählt nur die Geschichte seines Aufstiegs, den Jahren, in denen er die Popkultur beeinflusst und er ein Idol ist. Dass Fuqua die späteren Jahre komplett ignoriert, ist nicht das Problem des Biopics. Das ist, wir reden hier von einem Film, der die Massen in die Kinos locken soll, eine nachvollziehbare künstlerische und kommerzielle Entscheidung. Dass Jacksons langjähriger Manager, Anwalt und Testamentsvollstrecker John Branca (im Film gespielt von Miles Teller) in den Film involviert sind, ist definitiv nicht das Hauptproblem des Films. In anderen Musiker-Biopics ist es ähnlich. Sie alle sind, mehr oder weniger, unkritische Heldenverehrungen. Die Erben haben natürlich aus rein pekuniären Erwägungen ein Interesse ein einem positiven Bild des Porträtierten. Schließlich soll so ein Biopic die Plattenverkäufe ankurbeln. Beispielsweise indem der Soundtrack zum Film, auch in diesem Fall eine weitere Best-of-Compilation, zum Verkauf angeboten wird. Die Macher des Films bekommen für diese Kritiklosigkeit einen exclusiven Einblick in das Leben des Künstlers und sie kommen günstig an die Musikrechte heran.
In diesem Fall sogar an den Hauptdarsteller Jaafar Jackson. In seinem Schauspieldebüt spielt er seinen Onkel Michael Jackson. Singen musste er nicht. Im Film werden, wie der Abspann verrät, ausschließlich von Michael Jackson gesungene Versionen der Hits verwendet. Tanzen musste Jaafar Jackson schon – und je länger „Michael“ dauert, umso mehr drängt sich der Eindruck auf, dass Michael Jackson sich nicht für die Musik, sondern für das Tanzen interessierte. Jedenfalls tanzte er sehr gerne.
Das Problem von „Michael“ ist, dass die Macher keine Ahnung haben, was sie erzählen wollen. Sogar die vielen schlechten Biopics, die in den letzten Jahren im Kino liefen, hatten eine Idee davon, weshalb sie einen bestimmten Künstler und einen bestimmten Abschnitt aus seinem Leben auswählten oder sich für eine bestimmte Erzählstruktur und Stil entschieden.
Genau diese Idee fehlt hier. Chronologisch werden Episoden aus dem Leben von Michael Jackson in erschreckend biederer Manier aneinandergefügt. Bekannte Songs erklingen. Der kreative Prozess, der zu den Hits führte, wird nicht beachtet. Michael Jackson tanzt über die Bühne. Die bekannten Plattencover werden kurz gezeigt. Dazwischen irrlichtert Jackson zwischen herzigen Begegnungen mit kranken Kindern in Krankenhäusern, einsamen Abenden in der Familienvilla mit seiner Mutter und seinen Haustieren, wie seinem Affen Bubbles (laut Presseheft digital zum Leben erweckt), vor dem Fernseher, oder, mehrmals, beim Vorlesen eines Peter-Pan-Kinderbuches und Schlägen und Streit mit seinem Vater, dem Bösewicht des Films. Und das wars.
Von all den schlechten Künstler-Biopics, die ich in den vergangenen Jahren sah, gehört „Michael“ eindeutig zu den schlechtesten Musiker-Biopics. Es existiert nur als Werbematerial für die LPs von Michael Jackson und damit zusammenhängende Produkte.
Dabei sind Antoine Fuquas frühere Filme, wie „Training Day“, „Die glorreichen Sieben“ und die „Equalizer“-Filme, sehenswert. John Logan schrieb die Drehbücher für „Gladiator“, „The Aviator“ und die James-Bond-Filme „Skyfall“ und „Spectre“. Die Wissen, wie eine Geschichte erzählt wird. Deshalb wäre von ihnen ein deutlich besserer Film zu erwarten gewesen.
Nach zwei Stunden endet das Biopic mit der Texteinblendung „His Story continues“. Einige interpretieren das, auch wegen verschiedener Statements der Macher, als einen Hinweis auf einen kommenden zweiten Teil. Das halte ich bestenfalls für Wunschdenken. Denn alles was nach 1988 im Leben von Michael Jackson kam, taugt nicht für ein Plattenverkäufe ankurbelndes, den Musiker verehrendes Biopic. Das wäre die spielfilmlange Demontage eines Superstars. Oder eine „Neverland“-Fantasy-Geschichte.
Michael(Michael, USA 2026)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: John Logan
mit Jaafar Jackson, Nia Long, Juliano Krue Valdi, Keilyn Durrell Jones, Laura Harrier, Miles Teller, Colman Domingo, Larenz Tate, Mike Myers, Kendrick Sampson, Deon Cole
Die Bourne Identität (The Bourne Identity, USA 2002)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Das Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.
Danach, um 22.40 Uhr, betritt Matt Damon unter der Regie von Paul Greengrass die „Green Zone“.
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins
Wiederholung: Donnerstag, 23. April, 00.55 Uhr (Taggenau!)
The Limehouse Golem – Das Monster von London (The Limehouse Golem, Großbritannien 2016)
Regie: Juan Carlos Medina
Drehbuch: Jane Goldman
LV: Peter Ackroyd: Dan Leno and the Limehouse Golem, 1994 (Der Golem von Limehouse)
London, 1880: Inspektor John Kildare (Bill Nighy) soll den Serienmörder finden, der als Limehouse Golem bekannt ist. Scheinbar wahllos ermordet er im Bezirk Limehouse Menschen und hinterlässt an den Tatorten kryptische Botschaften. Zu Kildares Verdächtigen gehören Karl Marx und der kürzlich verstorbene erfolglose Dramatiker John Cree. Seine Frau, die bekannte Varieté-Künstlerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), ist angeklagt, ihren Mann vergiftet zu haben.
Gut besetzter und in schön atmosphärischer Kulisse gedrehter, erzählerisch ambiotionierter Mystery-Grusler im Hammer-Stil. „The Limehouse Golem“ ist eine vergnügliche Moritat mit ausgedehntem Varieté-Besuch.
mit Bill Nighy, Olivia Cooke, Eddie Marsan, María Valverde, Douglas Booth, Amelia Crouch, Daniel Mays, Sam Reid, María Valverde, Henry Goodman
Wiederholung: Mittwoch, 22. April, 02.30 Uhr (Taggenau!)
Das Biest muss sterben (Que la bête meure, Frankreich/Italien 1969)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)
Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.
Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.
Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”
mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat
Alter deutscher Titel: Das Biest muß sterben
Wiederholung: Montag, 27. April, 01.10 Uhr (Taggenau!)
Die zwölfjährige Nina möchte wissen, wer ihre vor acht Jahren verstorbene Mutter war. Und sie hätte gerne ein Bild von ihr. Denn irgendwie gelang es ihr immer, nicht fotografiert zu werden. Auf keinem Bild ist ihr Gesicht erkennbar. Ihr Vater hat eine neue Freundin. Ob sie allerdings länger in der sehr freigeistig-künstlerischen, beeindruckend harmonischen Familie bleibt, ist unklar. Einige seiner Freundinnen störten sich schon an ihrem allabendlichen gemeinsamen Abendessen: sie sehen sich eine Folge „Mord ist ihr Hobby“ (Murder, she wrote) an, rätseln und essen Pizza. Ihr Vater produziert Trickfilme, in denen Realität und Fantasie zu einer neuen Fantasiewelt werden. Ihr jüngerer Bruder zaubert und möchte, dass sie ihm jeden Abend neue Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Ein Klassenkamerad hat sich in sie verliebt, aber Nina ist noch nicht so weit. Sie will nämlich bessere Geschichten für ihren Bruder erfinden. Helfen soll ihr dabei eine Nachbarin, in deren Haus noch mehr Bücher sind als in Ninas Haus. Die Nachbarin könnte ihre Oma sein. Sie ist eine Schriftstellerin, die ihr Hinweise zum Schreiben von Geschichten gibt.
Während Nina noch überlegt, wie sie die ihr gestellten Aufgaben mit wahren, erdachten und verfremdeten Episoden aus ihrem Leben umsetzen soll, zeigt Regisseurin Nóra Lakos das in bunten Bildern, die aus einem skandinavischen Kinderfilm oder einem „Der kleine Nick“-Film (ohne Retro-Touch) stammen könnten, und in denen sie locker ständig die Grenzen zwischen Fantasie und Realität, zwischen Realfilm und Trickfilm überschreitet.
„I accidentally wrote a book – Der Sommer als (m)ich meine Geschichte fand“ ist ein schöner, überaus unterhaltsamer und auch lehrreicher Kinderfilm. Auf Kinderfilmfestivals erhielt er etliche Preise, unter anderem beim Internationalen Filmfestival SCHLiNGEL. In Ungarn gehört er mit fast 150.000 Besuchern zu den erfolgreichsten Filmen des Landes für ein junges Publikum. In Deutschland wird er wahrscheinlich kaum gesehen werden, weil er in viel zu wenigen Kinos mit viel zu wenigen Vorstellungen läuft. Hier in Berlin läuft er lediglich in einem Kino einmal am Tag. Aber vielleicht findet er in den kommenden Monaten in verschiedenen Schulkinovorführungen sein Publikum. Verdient hätte er es.
I accidentally wrote a book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand(Véletlenül írtam egy könyvet, Ungarn/Niederlande 2024)
Regie: Nóra Lakos
Drehbuch: Nóra Lakos
LV: Annet Huizing: Hoe ik per ongeluk een boek schreef, 2014 (Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde)
mit Villő Demeter, László Mátray, Vivien Rujder, Kati Zsurzs
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 6 Jahre (empfohlen vom Verleih ab 11 Jahre)
Eine Großstadt in Südkorea, Gegenwart: Familie Kim lebt in einer verwanzten, auch mal überschwemmten, viel zu kleinen Kellerwohnung. Die ebenfalls vierköpfige Familie Park lebt in einem schicken Haus. Als der Sohn der Familie Kim bei den Parks einen Job als Nachhilfelehrer erhält, öffnet sich für die Kims die Tür zu einem besseren Leben, die sie skrupellos wahrnehmen.
„Parasite“ ist eine tiefschwarze, sehr präzise Gesellschaftssatire, bei der schnell unklar ist, wer die titelgebenden Parasiten sind. Nachdem der in jeder Beziehung überzeugende Thriller in Cannes abgefeiert wurde, erhielt er u. a. den Oscar als bester Film und den Oscar als bester ausländischer Film.
Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.
Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Seit 2006 ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen und drehte mit einer Action-All-Star-Besetzung mehrere „The Expendables“-Actionkracher (über Söldner, die tun, was Söldner tun).
Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich
Wie konnte es dazu kommen – aktuell sehen wir es bei den Rettungsversuchen für den in der Ostsee gestrandeten Wal – dass selbsternannten Experten mehr geglaubt wird als Wissenschaftlern, die teilweise seit Jahrzehnten in einem Gebiet forschen?
Eine endgültige Antwort kann und will Christian Frei in seinem Dokumentarfilm „Blame“ darauf nicht geben. Er zeigt, wie Wissenschaftler teils über Jahre, teils in internationalen Forschergruppen, an der Lösung einer Frage arbeiten und dabei nicht in das Scheinwerferlicht der Medien und der Öffentlichkeit streben. Das – soviel kann verraten werden – ist ein Grund, weshalb die Idioten die Deutungshoheit gewonnen haben.
Frei beobachtet die renommierten Virologen Linfa Wang und Zhengli Shi und den Zoologen Peter Daszak. Sie forschen über Infektionskrankheiten und warnen seit Jahren vor weltweiten Pandemien.
Der angenehm ruhig und konventionell erzählte Dokumentarfilm beginnt im Februar 2003. Damals ging es um die SARS-Epidemie in Hongkong. Sie vermuteten, dass SARS von Fledermäusen übertragen wurde. Nach zehn Jahren sind sie sich sicher, dass der Virus aus einer Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan stammt und Fledermäuse die natürlichen Wirte waren. Sie warnen vor weiteren, möglicherweise globalen Pandemien. Dann kam Covid-19, die Pandemie, vor der sie und ihre Fachkollegen jahrelang warnten. Ihr Wissen und das ihrer Kollegen ist gefragt. Während andere Wissenschaftler nach einem Impfstoff suchen, suchen sie nach dem Ursprung von Covid-19. Bis Verschwörungstheoretiker und selbsternannte Experten lautstark beginnen, ihnen die Schuld zu geben und behaupten, der Virus sei aus einem Labor ausgebrochen.
Im Mai 2024 beendet Frei seine Dreharbeiten für „Blame“ in Washington, D. C.. Er zeigt, wie während einer Kongressanhörung Verschwörungstheorien und Vorwürfe wichtiger als wissenschaftliche Erkenntnisse sind.
Seine Premiere hatte „Blame“ als Eröffnungsfilm beim Dokumentarfilmfestival „Visions du Réel“ in der Schweiz in Nyon im April 2025. Im Film sagt Frei, dass der US-Präsident Donald J. Trump erwäge, Robert F. Kennedy jr. zum Gesundheitsminister zu machen.
„Blame“ ist der Film, den Wissenschaftler und Studierende ihren Eltern und Freunden zeigen können, wenn sie gefragt werden, was sie denn eigentlich machen.
Blame (Schweiz 2025)
Regie: Christian Frei
Drehbuch: Christian Frei
mit Linfa Wang, Zhengli Shi, Peter Daszak, Jane Qiu, Philipp Markolin
Barbara, Heli, Fini und Thimo sind eine glückliche Familie.
Wenige Tage nach einem Autounfall muss Barbara ihren Mann Heli und ihre Kinder Fini und Thimo beerdigen und mit ihrer Trauer umgehen.
Adrian Goiginger verfilmte diese wahre Geschichte, die auf Barbara Pachl-Eberharts gleichnamiger Bestseller-Autobiographie von 2010 beruht, als zwischen Barbaras Versuchen, einen Weg aus ihrer Trauer zu finden und ihren Erinnerungen an Heli und ihre beiden Kinder. Goiginger erzählt, wie Barbara (Valerie Pachner) den Clown Heli (Robert Stadlober) auf der Straße kennen lernt, wie sie sich ineinander verlieben und, unter anderem in Krankenhäusern, als Clowns auftreten, auf dem Land ein geerbtes, heruntergekommenes Haus beziehen und renovieren und wie sie mit ihren beiden Kindern umgehen. Sie sind eine glückliche, auf einem Dorf in Österreich lebende Familie.
Nach dem Unglück muss Barbara einen Weg finden, mit dem Verlust umzugehen. Dabei lernt sie den als Landarzt bekannten Schauspieler Friedrich (von Hanno Koffler seltsam steif gespielt) kennen. Er interessiert sich für sie, aber es ist unklar, ob er sich für die trauernde Witwe aus irgendeinem Verantwortungsgefühl, aus Liebe oder weil er erfahren möchte, wie es ist, eine Beziehung zu einer Frau aufzubauen, die kürzlich ihren Mann und ihre Kinder verloren hat. Dieser TV-Seriendarsteller ist die merkwürdigste, unglaubwürdigste und am wenigsten sympathische Figur des gesamten Films. Dabei sollte er genau das nicht sein.
Ein weiteres Problem von „Vier minus drei“ ist das abrupte Ende. Über gut zwei Stunden erzählt Goiginger feinfühlig von Barbaras Leben nach dem tödlichen Unfall und ihren Erinnerungen an ein weitgehend glückliches Leben mit dem immer gut gelauntem Clown Heli. Es sind Episoden, aus denen sich keine richtig nacherzählbare Geschichte ergibt. Er folgt dabei – zum Glück! – nicht den bekannten Stufen der Trauer, die eine absolut vorhersehbare Geschichte ergäben. Das fließt etwas undramatisch, aber angenehm anzusehend und mit der aus Goigingers vorherigen Filmen bekannten Sympathie für seine Figuren und ihr nicht der bürgerlichen Norm entsprechendes Leben vor sich hin. Dann scheint Goiginger bemerkt zu haben, dass schon fast zwei Filmstunden um sind. Plötzlich steht Barbara auf der Bühne und ist geheilt, während man sich im Kinosaal fragt, ob man jetzt nicht gerade mindestens zwei Erzählschritte zwischen Barbaras Verlust ihrer Familie und ihrer Rückkehr ins Leben verpasst hat.
Vier minus drei(Österreich/Deutschland 2025)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Senad Halilbašić
LV: Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei – Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, 2010
mit Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Margarethe Tiesel, Paul Wolff-Plottegg, Michael Gampe, Petra Morzé, Michael Fuith, Wolfgang Lampl
Normal ist auf den ersten Blick eine typische Kleinstadt irgendwo im ziemlich menschenleeren Nirgendwo von Minnesota. Eine Straße, einige Geschäfte, nette Einwohner und eine Bank. Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) soll in Normal die nächsten zwei Monate als Vertretungssheriff arbeiten. Nach der bald anstehenden Wahl des neuen Sheriffs übernimmt der Wahlgewinner das Amt und Ulysses kann die Stadt verlassen. Entsprechend ruhig und entspannt geht Ulysses die Sache an.
Das gemütliche Kleinstadtleben endet mit einem Banküberfall. Weil die beiden Bankräuber von der kärglichen Beute enttäuscht sind, fordern sie einen Bankangestellten auf, den Safe zu öffnen. Diese Forderung löst einen Alarm aus.
Ulysses, der die Bankräuber zur Aufgabe überreden will, staunt nicht schlecht, als sich das ganze Dorf schwer bewaffnet vor der Bank versammelt und, kaum geht er zur Bank, wie gedopt losballert. Zusammen mit den beiden Bankräubern beginnt Ulysses gegen die Dorfbewohner zu kämpfen.
„Normal“, inszeniert von Ben Wheatley, ist der neueste Film aus der Actionschmiede von „John Wick“-Schöpfer Derek Kolstad. Es gibt also viel Action und eine, innerhalb der Genrekonventionen, abgedrehte Geschichte. Bob Odenkirk gibt wieder den Actionhelden. Dass er das kann, hat er in den beiden „Nobody“-Filmen bewiesen und „Normal“ hätte mit kleinen Änderungen auch als „Nobody 3“ starten können. Die Story bedient sich exzessiv bei John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precint 13, USA 1976), der sich beim Western bediente. Aber während bei Carpenter und auch in Jean-François Richets ziemlich gelungenem Remake von 2005 (mit Ethan Hawke) jede der in dem Gebäude – bei Carpenter eine Polizeistation, bei Wheatley zuerst die Bank, später die Polizeistation – eingeschlossenen Personen innerhalb kürzester Zeit zu einer individuell erkennbaren Person wird, bleiben bei Wheatley alle bis auf Sheriff Ulysses austauschbares Kanonenfutter ohne besondere Eigenschaften.
Das führt dazu, dass „Normal“ trotz seiner schlanken Laufzeit von neunzig Minuten ziemlich lang wirkt. Zuerst dauert es eine halbe Stunde bis zu dem Banküberfall. In dieser halben Stunde porträtiert Wheatley in entschleunigtem Tempo und mild humoristischem Tonfall ausführlich das friedliche Kleinstadtleben und die netten Bewohner. Informationen, die für die spätere Schlacht wichtig sind, liefert er nicht. Die Schlacht wird schnell zu einer zunehmend redundanten Abfolge von Schießereien, Explosionen und wenigen Schlägereien. Figuren, die wichtig werden könnten, wie die beiden Bankräuber oder zwei Japaner, bleiben vernachlässigbare Nebenfiguren.
Dabei hat Ben Wheatley in dem Actionthriller „Free Fire“ gezeigt, dass er es besser kann. In dem hochkarätig besetztem Film läuft in einer verlassenen Lagerhalle ein illegaler Waffendeal vollkommen aus dem Ruder.
Dagegen ist „Normal“ der schwache Abklatsch von „Nobody 2“.
Normal(Normal, USA 2026)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Derek Kolstad, Bob Odenkirk
mit Bob Odenkirk, Lena Headey, Henry Winkler, Reena Jolly, Brendan Fletcher, Brian Kawakami, Jess McLeod, Peter Shinkoda, Ryan Allen, Bill MacLellan
JAMES BOND: Diamantenfieber (Diamonds are forever, Großbritannien 1971)
Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Richard Maibaum, Tom Mankiewicz
LV: Ian Fleming: Diamonds are forever, 1956 (Diamantenfieber)
Eigentlich soll Bond nur einen Juwelenraub untersuchen. Aber Erzfeind Blofeld (schon wieder mit neuen Gesicht: Charles Gray) hat seine Finger drin.
Sean Connery kehrte für eine damals unglaublich hohe Summe zurück und spendete das Geld dem Scottish International Education Trust.
„Diamantenfieber“ ist insgesamt ein ziemlich lahmer Bond, bei dem nur die Autoverfolgungsjagd in Las Vegas in die Historie einging. Dreiundfünfzig Autos wurden geschrottet. Und die schwulen Killer Mr. Wint (Bruce Glover) und Mr. Kidd (Putter Smith) sind köstlich.
mit Sean Connery, Jill St. John, Charles Gray, Lana Wood, Bernard Lee, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn, Bruce Glover, Putter Smith
„Lee Cronin’s The Mummy“ heißt der Horrorfilm. Dabei wäre für Lee Cronins dritten Film, nach „The Hole in the Grund“ und „Evil Dead Rise“, „Lee Cronin’s The Exorcist“ der zutreffendere Titel.
Sicher, die Geschichte beginnt in Ägypten und sie hat auch irgendetwas mit der ägyptischen Vergangenheit zu tun, aber das verfluchte Mädchen tut genau das, was die zwölfjährige Regan (Linda Blair) in William Friedkins Horrorfilmklassiker tat: in ihrem Zimmer sitzen, eklige Flüssigkeiten ausspeien, schimpfen, die Familie terrorisieren und Menschen in den Tod treiben. Bei Cronin gibt es vor dem Sterben noch etwas ekligen Bodyhorror und sinnfrei gruselige Bilder. So bohrt sich nach einem Flugzeugabsturz ein Ast durch den Kopf und das Auge eines Passagiers. Cronin präsentiert das Bild im hellen Licht des Tages. Dieses und ähnliche Bilder machen die FSK-ab-18-Jahre-Freigabe nachvollziehbar.
Über zwei Stunden präsentiert Cronin die sattsam bekannten Elemente eines Horrorfilms über eine verfluchte Person. Dieses Mal spielt die Geschichte vor allem in einer einsam gelegenen Villa in Albuquerque, New Mexico. Dorthin bringen Charlie (Jack Reynor) und Larissa Cannon (Laia Costa) ihre Tochter Katie (Natalie Grace). Sie verschwand vor acht Jahren spurlos in Kairo. Jetzt wurde sie in Ägypten in einem 3000 Jahre altem Sarkophag gefunden, der in den Trümmern eines abgestürzten Flugzeugs lag. Sie ist katatonisch und extrem geräuschempfindlich. Die beste Therapie sei, so der zuständige Arzt, wenn sie im Kreis ihrer Familie gepflegt werde. Die Cannons holen ihre Tochter zu sich nach Albuquerque. Dort wird Katie von ihren beiden jüngeren Geschwistern und ihrer sehr gläubigen Großmutter (die wie ein Direktimport aus einer italienischen Komödie aus den fünfziger Jahren wirkt) erwartet. Und schon kann Katie beginnen, ihre Familie zu terrorisieren.
Frei von Überraschungen folgt Cronin der von Friedkin etablierten Formel. Die Tonspur und die Ekeleffekte überzeugen. In sie floss Cronins, wie schon in seinem vorherigen Film „Evil Dead Rise“, seine kreative Energie. Die Geschichte selbst ist dann Malen-nach-Zahlen und ohne ein Thema, dass die einzelnen Szenen zusammenhält. Katie ist einfach von einem bösen Geist besessen. Das muss als Motivation für Angst und Schrecken und Tötungen reichen.
Das Ergebnis ist dann nicht die schlechteste Kopie von „Der Exorzist“.
Mit Karl Freunds Klassiker „Die Mumie“ (The Mummy, USA 1933, mit Boris Karloff) hat Lee Cronins „The Mummy“ nichts zu tun. Auch wenn das so vor dem Filmstart immer wieder gesagt wurde.
Lee Cronin’s The Mummy (Lee Cronin’s The Mummy, USA/Irland 2026)
Regie: Lee Cronin
Drehbuch: Lee Cronin
mit Jack Reynor, Laia Costa, May Calamawy, Natalie Grace, Veronica Falcón
Das Drehbuch habe sie überzeugt, die Hauptrolle in der französischen Krimikomödie „Paris Murder Mystery“ zu übernehmen, sagt Jodie Foster, die in den vergangenen Jahren nur in wenigen Filmen mitspielte. In der Originalfassung des Films kann sie außerdem ausführlich ihre Französischkenntnisse präsentieren. Sie spielt Lilian Steiner, eine in Paris in einer großen Wohnung lebende, geachtete Psychotherapeutin. Aber jetzt ist sie verunsichert. Eine ihrer Patientinnen ist verstorben. Suizid sagt die Polizei. Die Familie macht sie für Paula Cohen-Solals Tod verantwortlich. Steiner glaubt, dass Cohen-Solal ermordet wurde. Und sie glaubt, sie hätte die Tat verhindern können. Zusammen mit ihrem Ex-Mann beginnt sie mit der Suche nach dem Mörder.
Dabei geht die Amateurdetektivin bei ihren Ermittlungen arg unbedarft vor. Anstatt nach quasi-wissenschaftlichen Kriterien verschiedene Theorien zu überprüfen, lässt die Akademikerin sich von wilden Vermutungen, Vorurteilen und Gefühlen leiten. Nebenplots, wie ihr Ärger mit einem Patienten, der seit Jahren mit dem Rauchen aufhören will, und die harmonische Beziehung zu ihrem Ex-Mann, sind amüsant und sie demontieren Steiner weiter. Den lustlos mitgeschleiften Krimiplot bringen sie nicht voran.
Dank der guten Schauspieler und der guten Inszenierung ist die französische Krimikomödie „Paris Murder Mystery“ trotzdem unterhaltsam. Mehr nicht.
Inszeniert wurde die Komödie von Rebecca Zlotkowski. Zu ihren früheren Arbeiten als Regisseurin gehören „Belle Épine“, „Grand Central“ und „Ein leichtes Mädchen“. Sie ist auch Co-Drehbuchautorin von Audrey Diwans missglücktem „Emmanuelle“.
Paris Murder Mystery(Vie Privée, Frankreich 2025)
Regie: Rebecca Zlotowski
Drehbuch: Rebecca Zlotowski, Anne Berest, Gaëlle Macé (in Zusammenarbeit mit)
mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Virginie Efira, Mathieu Amalric, Vincent Lacoste, Luàna Bajrami, Noam Morgensztern, Frederick Wiseman, Aurore Clément
„Was ist neu?“ und „Ist ‚Kill Bill‘ immer noch gut“?
2003 und 2004 lief Quentin Tarantinos vierter Film als Zweiteiler im Kino. Als Grund für die damals absolut unübliche Teilung einer Geschichte in mehrere Kinofilme wurde gesagt, es habe zu viel gutes Material gegeben. Eine zweistündige Fassung – das war damals so ungefähr die normale Länge für einen Kinofilm – würde dem nicht gerecht werden. Vor dem Kinostart wurde dagegen vermutet, dass Quentin Tarantino endgültig größenwahnsinnig wurde, er jetzt ohne jede erzählerische Disziplin und Besoffen von der Grandiosität seiner Dialoge über Stunden vor sich hin erzählt und es Miramax nur eine Abzocke beim Publikum gehe. Anstatt eine Geschichte in einem Film zu erzählen, werde aus dem vielleicht nötigem Überlänge-Zuschlag ein zweites Kinoticket. Beim Ansehen war klar, dass der erste und der zweite Teil zwei stilistisch verschiedene/unterschiedliche Filme sind. Im ersten Teil geht es eher Richtung Eastern, im zweiten Teil dann eher Richtung Western, mit einem besonderen Blick zum Spaghetti-Western. In jedem Fall war die Präsentation in zwei Filmen – der erste mit 106 Minuten, der zweite mit 131 Minuten – sinnvoll.
Über vier Stunden erzählte Quentin Tarantino in seinem vierten Kinofilm die Geschichte der ‚Braut‘ Beatrix Kiddo (Uma Thurman), die sich an Bill rächen will. Er und sein Team aus weiblichen und männlichen Killern, der Deadly Viper Assasination Squad, brachten sie und alle bei der Vorbereitung für ihre Hochzeit in der Kirche Anwesenden um. Wie durch ein Wunder überlebte die Braut (ihren Namen erfahren wir erst sehr viel später). Als sie nach vier Jahren in einem Krankenhaus aus dem Koma erwacht, hat sie nur einen Gedanken: Kill Bill.
Dieser Bill ist nicht nur ihr ehemaliger Chef, sondern auch ihr Geliebter und der Vater ihrer zum Zeitpunkt des tödlichen Anschlags noch ungeborenen Tochter. Auf ihrem Rachetrip bringt die Braut der Reihe nach ihrer früheren Kollegen von der Deadly Viper Assassination Squad um.
Tarantino erfand dafür eine Reihe im Gedächtnis bleibender Charaktere, ikonische Kampfszenen und köstlicher Sätze und Dialoge – und garnierte den brutalen Cocktail mit vielen Filmzitaten.
Das war damals überwältigend – und ist es heute immer noch.
Damit kämen wir zur Frage, was neu ist.
Eigentlich nichts.
Natürlich fehlt am Ende des ersten Teils der Abspann und der zweite Teil beginnt nicht mit einer Rückblende. Schließlich sehen wir den Film jetzt in einem Rutsch. Hier und da wurden einige kleinere bis kleinste Details geändert, die aber nicht der Rede wert sind. Der legendäre Kampf der Braut in einem Restaurant gegen die „Crazy 88“ ist jetzt, wie in Japan schon immer, komplett in Farbe. Der Anime im Film wurde um eine siebenminütige Sequenz (die erst Jahre nach der ursprünglichen Kinoauswertung fertig gestellt wurde) ergänzt. Wenn man „Kill Bill“ nicht kürzlich gesehen hat, fällt das nicht wirklich auf.
Auffallend ist die große und eigenständige Ergänzung zum Originalfilm. Nach dem Abspann wird der zehnminütige Anime „The Lost Chapter: Yuki’s Revenge“ präsentiert. Der 2025 entstandene Fortnite-Kurzfilm kann auch im Internet angesehen werden. Quentin Tarantino schrieb das Buch und führte Regie. Uma Thurman spricht die Braut. Der Kurzfilm sieht wie eine schlechte Rohfassung aus, bei der noch etliche Bilder fehlen. Die Story selbst – Yuki will den Tod ihrer Mutter rächen und jagt die Braut durch einige Gassen und Häuser – ist keine zu „Kill Bill“ passende Geschichte. Denn in dem Kurzfilm ist die Braut die panisch agierende Gejagte. Das ist nicht die Braut, die wir kennen.
Kill Bill: The Whole Bloody Affair(Kill Bill: The Whole Bloody Affair, USA 2003/2025)
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
mit: Uma Thurman, David Carradine, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, Michael Madsen, Sonny Chiba, Michael Parks
Länge: 275 Minuten (der Film wird mit einer Pause gezeigt)
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
Normalerweise würde ich jetzt durch die neue Ausgabe des „Lexikon des Internationalen Films“ blättern und nebenbei eine gewohnt euphorische Kritik schreiben. Das tue ich dieses Jahr nicht, weil die Macher des Lexikons, der filmdienst.de und die Katholische Filmkommission für Deutschland, das Lexikon als jährliches Druckerzeugnis nicht weiterführen wollen. Die schon seit längerem nur noch online verfügbare Zeitschrift film-dienst wird fortgeführt.
Einerseits ist das verständlich. Das Jahrbuch war noch nie ein Bestseller. Zuletzt wurde im Impressum eine Auflage von 4000 Exemplaren genannt. Die Arbeit an so einem Buch ist, auch wenn auf bereits geschriebene Texte und Kritiken zurückgegriffen werden, immens. Es muss auf die Seitenzahl geachtet werden. Es muss gelayoutet werden. Davor müssen die Bilder ausgesucht werden. Das ist verdammt viel Arbeit.
Andererseits ist es – ich schwanke zwischen dem höflichen „sehr schade“ und dem ehrlichen „eine Katastrophe“. Nach dem Ende des „Fischer Film Almanach“ 1999 und dem bei Heyne erschienenem „Filmjahrbuch“ 2005 gibt es jetzt kein jährlich erscheinendes Filmlexikon mehr, in dem alle in einem Kalenderjahr im Kino, auf DVD/Blu-ray, im Stream und im Fernsehen erstmals gezeigten Spielfilme und spielfilmlangen Dokumentarfilme mit Kurzkritiken vorgestellt werden und wichtige Daten zu Festivals und Besucherzahlen, Nachrufe und das Filmgeschehen einordnende Texte versammelt sind. Einige werden jetzt sagen, das gebe es doch alles online. Das stimmt so nicht. Denn online sind die Daten ein einziger unsortierter Heuhaufen. In einem Buch sind sie gebündelt, sortiert und unveränderbar. Sie bilden eine Bestandsaufnahme und einen Rückblick auf das, was in einem Jahr wichtig war und wie damals bestimmte Dinge gesehen wurden. Die im Jahr 2000 geschriebene Einschätzung zu einem Film wird immer die vor über 25 Jahren geschriebene Einschätzung bleiben. Rückblickend, vor allem viele Jahre später, fällt dann auf, was bestand hatte, was nicht und was man heute anders sieht.
Werfen wir dafür einen Blick in die im März 2007 erschienene Ausgabe des Lexikons zum „Filmjahr 2006“. Vor zwanzig Jahren war das Schwerpunktthema die Filmkritik, was sie leistet und was sie leisten sollte. Mehrere Texte beschäftigten sich mit der Filmkritik im Fernsehen, die schon damals randständig war. Claudia Lenssen schreibt über die Rezeption von Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Mit zwei Millionen Zuschauern war es der damals dritterfolgreichste deutsche Film des Kinojahres.
Die für die „film-dienst“-Redaktion besten Kinofilme des Jahres waren
Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen)
Babel (Alejandro Gonzales Inárritu)
Battle in Heaven (Carlos Reygadas)
Brokeback Mountain (Ang Lee)
Caché (Michael Haneke)
Good Night, and Good Luck (George Clooney)
Das Leben der Anderen (Florian Henckel von Donnersmarck) (erhielt auch den Deutschen Filmpreis in Gold und ist das Titelbild des Lexikons)
Die Liste weckt Erinnerungen, erstaunt und ist immer noch eine gute Liste von Filmempfehlungen. Wer das Buch vor sich hat, beginnt zu blättern, bemerkt, dass Corinna Harfouch damals als „Blond: Eva Blond!“ im TV ermittelte (Die köstliche Serie könnte mal wiederholt werden! – Oh, ein Fall, über einen ermordeten Billig-TV-Produzenten, hieß sogar „Epsteins Erbe“.) und verliert sich in den Filmen, die damals anliefen und heute teils vergessen oder anders bewertet werden. Dabei zeigt die Begrenzung auf ein Kalenderjahr auch immer, was zu einer bestimmten Zeit produziert und gesehn wurde. Online ist das so nicht möglich.
Weil es – soviel Realist bin ich – auf absehbare Zeit kein gedrucktes Filmjahrbuch, das zugleich Analyse und Lexikon ist, geben wird, wäre, als kümmerlicher Ersatz, ein leicht auffindbarer Themenschwerpunkt auf der Seite des filmdienst.de wünschenswert. In dem Themenschwerpunkt sollten, wie in dem Lexikon, die Filme des Jahres genannt werden, wichtige, innerhalb des Kalenderjahres erschienene Artikel hervorgehoben werden (so ein „immer noch lesenswert“), es einen Überblicksartikel über wichtige Entwicklungen in der Welt des Films, Preise und Zahlen und eine Seite mit Nachrufen geben. Das wäre immerhin ein Ersatz.
LV: Stephen King (ursprünglich als Richard Bachman): The Running Man, 1982 (Menschenjagd)
2017 ist den USA „The Running Man“ die beliebteste TV-Show. In ihr wird ein Sträfling vor laufender Kamera von einigen Profijägern gehetzt. Wenn er überlebt, winken ihm die Freiheit und Geld. Als Ex-Polizist Ben Richards („Terminator“ Arnold Schwarzenegger) zum Mitspielen gezwungen wird, ändern sich die Spielregeln.
Paul Michael Glasers Verfilmung ist nach damaliger Einschätzung „eine extrem teure, zynische Gewaltverherrlichung“ (Fischer Film Almanach 1989, ähnlich das Lexikon des Internationalen Films), bei der das satirische Potential auf der Strecke bleibt. „von eher minderer Qualität“ (Phil Hardy, Hrsg: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)
mit Arnold Schwarzenegger, Maria Conchita Alonso, Richard Dawson, Yaphet Kotto, Jim Brown, Jessen Ventura