auch wegen Jessie Buckley, die seit Donnerstag als Braut durch die Kinos kreischt und kommenden Sonntag bei der Oscar-Verleihung wahrscheinlich als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wird (wenn die Prognosen stimmen)
Arte, 21.50
Die Aussprache (Women Talking, USA 2022)
Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley
LV: Miriam Toews: Women talking, 2018 (Die Aussprache)
In einer strenggläubigen mennonitischen Gemeinde versammeln sich auf dem Dachboden einer Scheune mehrere Frauen. Sie wollen über ihren Umgang mit einer Serie von Vergewaltigungen reden. Sollen sie die Gemeinde, in der sie ihr ganzes Leben verbrachten, verlassen oder in der Gemeinde bleiben und den Tätern, ebenfalls Mitglieder der Gemeinde, vergeben? Oder gibt es vielleicht eine andere Möglichkeit?
TV-Premiere. Top besetztes, stark gespieltes Thesentheater, das das Ideal des herrschaftsfreien Diskurses huldigt und den Schauspielerinnen Sätze in den Mund legt, die ihre Figuren, die nicht lesen und schreiben können, so niemals gesagt hätten.
Die Inspiration für den Roman und den Film waren Vergewaltigungen, die zwischen 2005 und 2009 in Bolivien in Manitoba in einer abgelegen liegenden äußerst konservativen mennonitischen Gemeinde geschahen.
Die im Film gezeigte Aussprache ist, wie eine Texteinblendung am Filmanfang verrät, ein „Akt weiblicher Vorstellungskraft“.
mit Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Judith Ivey, Sheila McCarthy, Michelle McLeod, Kate Hallett, Liv McNeil, August Winter, Ben Whishaw, Frances McDormand (eigentlich ein längerer Cameo, der dazu dient, den von ihr mitproduzierten Film besser zu verkaufen)
In ihrem ungewöhnlichem Spielfilmdebüt „The Chronology of Water“ erzählt Kristen Stewart die Geschichte von Lidia Yuknavitch, einer 1963 geborenen Schwimmerin, die später Schriftstellerin wurde. In einem ihrer Bücher, dem titelgebenden „The Chronology of Water“, verarbeitet sie ihr Leben. Es geht um ihre Drogensucht, ihre Sexualität, ihre Leidenschaft für das Schwimmen (mit der Option auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen als Mitglied des Schwimmteams), ihre Anfänge als Schriftstellerin, unter anderem mit Ken Kesey als Universitätslehrer, und die schwierige Beziehung zu ihrem sie missbrauchenden, gewalttätigen Vater und ihrer Familie.
Kristen Stewart entdeckte das Buch 2017 und war schon nach den ersten Seiten fasziniert von der Erzählung. Sie wollte die Autorin kennen lernen und das Buch verfilmen.
Nach mehreren Kurzfilmen ist „The Chronology of Water“ ihr Spielfilmdebüt. Sie inszenierte es mit einem überschaubarem Budget, einer prominenten Besetzung und dem eindeutigen Willen, kein gewöhnliches Biopic zu inszenieren. Stewart, die auch das Drehbuch schrieb, erzählt assoziativ; auch wenn sie letztendlich weitgehend chronologisch erzählt. Sie lässt alles weg, was die Geschichte eindeutig zeitlich und örtlich verorten könnte. Sie verzichtet auf alles, was zu einer simplen Ursache-Wirkung-Erklärung führen könnte. Sie zeigt einfach nur Ereignisse und Impressionen von Ereignissen und Gefühlen. Es sind nicht immer sofort eindeutig zuordenbare Bilder und Töne.
Stilistisch orientiert Stewart sich vor allem anfangs stark an den Filmen von Jean-Luc Godard aus den sechziger Jahren. Später wird „The Chronology of Water“ zunehmend zu einer Meditation.
Immer bleibt es ein experimenteller Film, der sich nur an ein überschaubares Publikum richtet. Sehenswert ist er trotzdem.
The Chronology of Water(The Chronology of Water, USA/Frankreich/Lettland/Spanien/Großbritannien 2025)
Regie: Kristen Stewart
Drehbuch: Kristen Stewart
LV: Lidia Yuknavitch: The Chronology of Water, 2011 (In Wasser geschrieben)
mit Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Michael Epp, Jim Belushi, Earl Cave, Esmé Creed-Miles, Tom Sturridge, Charlie Carrick, Kim Gordon
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)
LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)
Spielfilmversion der Recherche der „New York Times“-Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey gegen den Filmogul Harvey Weinstein wegen jahrzehntelanger sexueller Belästigung. Sehenswert.
Weil es so deprimierend ist und wenn ich zuerst die Geschichte des Films erzähle, jeder sagen wird ‚da seh ich mir lieber irgendeinen anderen Film an‘, verrate ich das Ende. Also nur teilweise. Alle Geschichten des Episodenfilms gehen gut aus; jedenfalls für die Protagonistin der Geschichte. Entsprechend positiv gestimmt verlässt man „Jeunes Mères – Junge Mütter“, den neuen Film der Dardenne-Brüder.
Jean-Piere und Luc Dardenne erzählen dieses Mal von fünf jungen Müttern. Eigentlich sind sie noch Kinder. Sie sind Teenager aus sozial prekären Verhältnissen. Teilweise gehen sie noch zur Schule oder sollten zur Schule gehen. Sie hatten dann aber Geschlechtsverkehr und neun Monate später werden sie Mutter. Die Väter, – Drogensüchtige und gerade entlassene Häftlinge -, sind durchgehend keine große Hilfe. Ebenso die Eltern.
Um sich über ihr weiteres Leben mit oder ohne Baby Klarheit zu verschaffen, verbringen Jessica, Julie, Ariane, Perla und Naima eine bestimmte Zeit in einem Heim für junge Mütter. Dort leben sie mit anderen Frauen zusammen, die vor der gleichen Frage stehen. Sie alle fragen sich, ob sie ihr Kind behalten oder zu Pflegeeltern geben wollen, ob sie es allein oder mit dem Erzeuger oder mit ihren Eltern groß ziehen wollen. Egal wie sie sich entscheiden werden, es wird keine leichte Entscheidung sein.
Jean-Piere und Luc Dardenne erzählen quasi-dokumentarisch von ihrem Leben in dem Heim und wie sie zu einer Entscheidung über ihr weiteres Leben kommen. Dabei gibt es keine für jede Mutter richtige oder falsche Entscheidung. Vor dem Dreh recherchierten die Dardenne-Brüder, zu deren früheren Filmen „Rosetta“, „Das Kind“, „Lornas Schweigen“ und „Zwei Tage, eine Nacht“ gehören, in einem Mütterunterstützungsheim. Die Geschichten, die sie in ihrem neuesten, gewohnt spartanisch inszeniertem Film parallel erzählen, basieren auf dieser Recherche.
Die Rollen besetzten sie mit jungen Schauspielerinnen. Es ist teils ihre ihre erste richtige Filmrolle oder sogar die erste Filmrolle. Sie alle überzeugen mit ihrem natürlichen Spiel.
Am Ende, und das führt zu dem positiven Gefühl am Ende des ruhig beobachtenden, durch und durch realistischen Films, gibt es nicht die richtige Entscheidung, sondern nur die für diese Mutter richtige Entscheidung. Weil die Dardennes fünf junge Frauen porträtieren, gibt es fünf richtige Entscheidungen. Außerdem zeigen sie, wie solche Unterstützungseinrichtungen arbeiten.
Jeunes Mères – Junge Mütter (Jeunes Mères, Frankreich 2025)
Im Monat der Leipziger Buchmesse empfiehlt die monatliche Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur, folgende Kriminalromane zur Lektüre:
1 (-) Daniel Faßbender: Heaven’s Gate
291 Seiten, 19 Euro, Diogenes
2 (1) Jo Nesbø: Minnesota
(Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob)
407 Seiten, 24,99 Euro, Ullstein
3 (-) Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht
(Aus dem Italienischen von Verena von Koskull)
282 Seiten, 25 Euro, Folio
4 (-) Garry Disher: Zuflucht
(Aus dem Englischen von Peter Torberg)
336 Seiten, 24 Euro, Unionsverlag
5 (-) Colin Walsh: Kala
(Aus dem Englischen von Andrea O’Brien)
512 Seiten, 24 Euro, Gutkind
6 (-) Dave Zeltserman: Alles endet hier
(Aus dem Englischen von Michael Grimm und Angelika Müller)
282 Seiten, 16 Euro, Pulp Master
7 (-) M. W. Craven: Die Witwe
(Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger)
501 Seiten, 16,99 Euro, Droemer Knaur
8 (-) Jérôme Leroy: Die kleine Faschistin
(Aus dem Französischen von Cornelia Wend)
147 Seiten, 18 Euro, Edition Nautilus
9 (-) Drew Hayden Taylor: Cold
(Aus dem Englischen von Leo Strohm)
448 Seiten, 28 Euro, Merlin
10 (-) Frauke Buchholz: Endzeit
321 Seiten, 20 Euro, Pendragon
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In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
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Neun Neueinsteiger, acht Übersetzungen, fünf aus dem Englischen, eine Autorin.
The Outsiders: The complete Novel (The Outsiders, USA 1983/2005)
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Kathleen Knutsen Rowell
LV: S. E. Hinton: The Outsiders, 1967 (Die Outsider)
Tulsa, Oklahoma, sechziger Jahre (mit fünfziger Jahre Feeling): Die proletarischen Greaser und die aus dem wohlhabenden Teil der Stadt stammenden Socs leben ihre Feindschaft immer wieder in Schlägereien aus. Als dabei einer der Socs zufällig stirbt, müssen zwei in die Tat involvierte Mitglieder der Greasers aus der Stadt flüchten.
Jugendrama, das damals bei der Kritik nicht gut ankam. Die längere „The complete Novel“-Fassung rehabilierte das aus heutiger Sicht sehr prominent besetzte, edel fotografierte Jugenddrama vollständig.
mit C. Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Rob Lowe, Diane Lane, Emilio Estevez, Tom Cruise, Leif Garrett, Glenn Withrow, Tom Waits, S. E. Hinton
auch bekannt als „Coppola’s The Outsiders – Rebellen ohne Grund“ (Kinotitel) bzw. „Die Outsider“ (Kinotitel)
Beginnen wir mit etwas Filmgeschichte, ehe ich erkläre, warum sie für „The Bride! – Es lebe die Braut“ denkbar unwichtig ist. 1935 drehte James Whale „Frankensteins Braut“ (The Bride of Frankenstein). Der Horrorfilm erzählte die Geschichte von „Frankenstein“ weiter. Er gehört zu den wenigen Fortsetzungen, die nach allgemeiner Einschätzung besser als der erste Film sind. „Frankensteins Braut“ ist „ein Meisterstück schwarzen Humors“ (Lexikon des Internationalen Films). Das Aussehen der von Elsa Lanchester gespielten Braut ist ikonisch. Mit wenigen Minuten Leinwandzeit brannte sie sich in das kollektive Gedächtnis. Inspiriert ist ihr Aussehen von Maria (Brigitte Helm), der Arbeiterführerin und Roboterfrau aus Fritz Langs Science-Fiction-Stummfilmklassiker „Metropolis“.
Die Geschichte von Frankenstein, bekannt aus Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (Frankenstein; or, The Modern Prometheus, 1818) und unzähligen mehr oder weniger freien Verfilmungen, setze ich als bekannt voraus. Schließlich startete die neueste Version, inszeniert von Guillermo del Toro, vor wenigen Wochen im Kino und ist seitdem auf Netflix verfügbar.
Maggie Gyllenhaal verlegte die Geschichte von der Braut und dem Monster (das inzwischen auch als Frankensteins Kreatur bekannt ist) in das Jahr 1936 in die USA nach Chicago, New York und die ländliche Gegend um die Niagarafälle. Die Geschichte von „Frankenstein“ ist nur noch ein Nebensatz. Von „Frankensteins Braut“ wurde die Idee übernommen, dass das Monster eine Braut benötigt und man ließ sich vom Aussehen der der Braut inspirieren. Für seine künftige Lebensgefährtin sucht Frank (was man als eine Kurzform von Frankenstein lesen kann) Dr. Euphronious auf. Er erklärt ihr seine Situation, die sich in den vergangenen über hundert Jahren nicht veränderte. Sie hilft ihm, ganz der experimentierfreudige Mad Scientist, bei der Suche nach einer Braut für Frank. Sie wird auf dem Friedhof entdeckt, wiederbelebt – und schon können Frank und die Braut, die sich an nichts erinnert, ihr gemeinsames, zunächst glückliches Leben beginnen.
Schnell wird die Filmgeschichte zu einer überdeutlich von Arthur Penns „Bonnie and Clyde“ inspirierten Bonnie-&-Clyde-Variante mit viel Retro-Gangsterkinoschick und DC/Marvel-Worldbuilding.
Das ist gut gespielt von Christian Bale als Frank und Jessie Buckley als durchgeknallter Braut in den Hauptrollen. Annette Bening als Mad Scientist, Peter Sarsgaard und Penélope Cruz als seltsames Frank und die Braut verfolgendes Ermittlerduo, und Jake Gyllenhaal als tanzendes, von Frank verehrtes Hollywood-Matinee-Idol übernahmen mehr oder weniger wichtige Nebenrollen. Die Bilder von „Joker“-Kameramann Lawrence Sher erinnern an die Gangsterfilmklassiker aus den dreißiger Jahren und die seitdem stattgefundenen Fortentwicklungen. Die Musik mixt unbekümmert damalige Songs mit neueren Songs und einem Soundtrack von Hildur Guðnadóttir.
Aber es bleibt bei einer Pastiche. Aus anderen Filmen bekannte Bilder und Situationen werden zitiert, teils in einen leicht veränderten Kontext gesetzt. Für fast jede Sekunde können andere Filme genannt werden. Im wesentlichen wildert Maggie Gyllenhaal unter den Gangsterfilmklassiker aus den Dreißiger Jahren und verschiedenen DC/Marvel-Filmen, mit einer besonderen Zuneigung zum Batman-Kosmos und, wenn wir den Blick weiten, den Batman-Noir-Comics. „The Bride!“ spielt in der Welt von Gotham. Die wenigen Musical-Nummern erinnern natürlich an „Joker: Folie à Deux“; könnten aber auch geschnittene Szenen aus einem anderen Film aus dem Batman-Kosmos sein. Die Braut ist eine Variation von Harley Quinn. Und Christian Bale erinnert erstaunlich oft an Tom Waits.
Gyllenhaal erzählt keine Geschichte aus der Welt von Frankenstein, sondern eine Noir-Geschichte aus der Welt von Batman, die sie als riesiges, oft disparates Mash-up bekannter Filme und Bilder präsentiert. Jede Szene ihrer Bonnie-und-Clyde-Geschichte inszeniert sie auf maximale Wirkung. Ständig passiert etwas. Alles ist überlaut und überdeutlich. Es ist, als hätte man Michael Bay auf Gotham losgelassen. Das ist als Kino der Oberflächenreize nie langweilig. Aber emotional ist man nie involviert. Man bewundert lediglich die Brillanz des Präsentierten.
The Bride! – Es lebe die Braut(The Bride!, USA 2026)
Regie: Maggie Gyllenhaal
Drehbuch: Maggie Gyllenhaal
mit Christian Bale, Jessie Buckley, Annette Bening, Peter Sarsgaard, Jake Gyllenhaal, Penélope Cruz
LV: Brian Garfield: Death Wish, 1972 (Ein Mann sieht rot)
Nachdem seine Frau und Tochter in ihrem New Yorker Apartment überfallen und vergewaltigt werden und seine Frau von den Verbrechern ermordet wird, sieht der friedliebende, linksliberale Paul Kersey (Charles Bronson) rot.
Selbstjustiz-Klassiker, der das schlechte Vorbild für unzählige weitere Vigilantenfilme war. Das gilt auch für die direkten „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzungen.
Michael Winner inszenierte die krude Geschichte kraftvoll, ohne große Subtilitäten mit eindeutiger Botschaft. Trotzdem ist sein Film immer wieder ambivalenter als das Publikum den Kassenhit damals sah.
Brian Garfield, der Autor der Vorlage, ist überzeugt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und sie zu einem moralischen Verfall des Täters führt. Weil er fand, dass seine Botschaft von Michael Winner falsch dargestellt wurde, schrieb er die „Ein Mann sieht rot“-Fortsetzung „Death Sentence“ (1975). Der Roman wurde 2007 von James Wan als äußerst pessimistische Studie über Selbstjustiz verfilmt. In anderen Romanen erzählt Garfield, wie seine Protagonisten erfolgreich und ohne Gewalt anzuwenden gegen Gewalttäter vorgehen.
Zu „Ein Mann sieht rot“ erklärte Garfield: „I meant it (if you believe in the influence of subtext) as a cautionary lesson, not a recommendation. Revenge is a universal fantasy but, in practice, it isn’t a solution, it’s a problem.“
Hauptdarsteller Charles Bronson äußerte sich in Interviews über den Film ähnlich. Und Winners Film hat durchaus ein Interesse an dieser Frage. Sein Film spielt vor einem konkreten sozialen und politischen Hintergrund: dem New York der frühen siebziger Jahre, als die Millionenstadt in einem Sumpf von Gewalt und Verbrechen versank.
Irgendwann im zweiten Akt, wahrscheinlich nach der Mitte des Films, fragte ich mich, wie die Macher von „Hoppers“ aus der Falle, die sie sich am Filmanfang stellten, elegant herauskommen wollen und wie sie eine aufbauende Botschaft senden können.
Das können sie nicht.
Doch der Reihe nach. Die Heldin des neuen Pixar-Films ist Mabel Tanaka, eine fanatische, vor Energie und Optimismus sprühende Kämpferin für die Freiheit von eingesperrten Tieren und eine ebenso überzeugte Liebhaberin der unberührten Natur, vor allem von einem Teich, an dem sie viel Zeit mit ihrer unlängst verstorbenen Großmutter verbrachte. Seit kurzem studiert sie an der örtlichen Universität. Ihr Feind ist Jerry Generazzo. Der skrupellose Bürgermeister der Stadt Beaverton will eine Umgehungsstraße bauen. Es fehlt nur noch das Stück, das den Teich zerstören würde.
Als Mabel entdeckt, dass alle Tiere aus dem Teich verschwunden sind und die Bagger anrollen können, will sie das verhindern. Das könnte ihr gelingen, wenn es an dem Teich wieder Biber gibt. Denn wenn ein Biber da ist, kommen kurz darauf auch die anderen Tiere. Der Bau der Umgehungsstraße wäre gestoppt.
In der Nähe des Teichs entdeckt sie einen Biber. Dieser ist allerdings kein echter Biber sondern ein wie ein Biber aussehender Roboter. Er ist Teil eines streng geheimen Forschungsprojekts von Professorin Dr. Sam. In dem Projekt von Mabels Biologie-Professorin wird das Gehirn eines Menschen in den Körper eines Roboter-Biber gehüpft. Mit Hilfe dieser Hoppers-Technologie kann das Leben der Tiere ohne störende Einflüsse beobachtet werden. Die Forscher können sogar verstehen, was die Tiere sagen.
Kurzentschlossen schlüpft Mabel (also genaugenommen nur ihr Bewusstsein) in den Roboter-Biber. Im Wald trifft sie die anderen Tiere, entdeckt eine vollkommen fremde, in ihren innersten Strukturen darwinistische Welt und den diese Welt regierenden herzensguten König George. Die Tiere verraten ihr auch, dass sie den Teich verlassen haben, weil es dort ein schreckliches Geräusch gebe. Mabel will den Grund für das Geräusch herausfinden.
Gleichzeitig stachelt sie die Tiere zum Kampf gegen die Menschen, die ihnen immer mehr von ihrem Lebensraum wegnehmen, an.
Nie verschwendet sie dabei einen Gedanken an die Folgen, die ihre Taten haben könnten. Dafür ist Mabel viel zu impulsiv und auf ihr Ziel fokussiert.
„Hoppers“, inszeniert von Daniel Chong, nach einem Drehbuch von Jesse Andrews, erzählt vor allem eine spannende Geschichte über den Kampf zwischen einer radikalen Umweltschützerin und einem skrupellosem Bürgermeister. Chong zeichnet den Gegensatz zwischen Gut und Böse sehr klar und deutlich. Der Kampf zwischen Mabel und Bürgermeister Generazzo entwickelt sich innerhalb der Drei-Akt-Struktur. Die Figuren müssen etwas lernen. Sie müssen am Ende der Geschichte eine andere Person als am Anfang der Geschichte sein. Danach muss Mabel sich verändern. Aber welche Änderung könnte in einem Kinderfilm für eine grundsympathische, vor Energie und Optimismus sprühenden Umwelt- und Tierschützerin wünschenswert sein? Soll sie am Ende weniger Umwelt- und Tierschutz fordern? Soll sie für die Umgehungsstraße und für die Zerstörung der Umwelt sein?
Die von den Machern gewählte Lösung in und nach dem finalen Kampf zwischen Mabel und Generazzo fällt dann auch, nachdem sie sich in eine Catch-22-Situation hineinmanövrierten, wenig befriedigend aus.
Bis dahin entwickelt sich die Geschichte, trotz des komplizierten Set-ups mit der Hüpf-Technologie, den vielen individuell gezeichneten Figuren und überraschenden Wendungen letztendlich gradlinig, flott und auch kurzweilig auf ihr Ende hin.
Hoppers (Hoppers, USA 2026)
Regie: Daniel Chong
Drehbuch: Jesse Andrews (nach einer Geschichte von Daniel Chong und Jessie Andrews)
mit (im Original den Stimmen von) Piper Curda, Bobby Moynihan, Jon Hamm, Kathy Najimy, Dave Franco, Eduardo Franco, Aparna Nancherla, Tom Law, Sam Richardson, Melissa Villaseñor, Isiah Whitlock Jr., Steve Purcell, Ego Nwodim, Nichole Sakura, Meryl Streep, Karen Huie, Vanessa Bayer
Am 21. Februar erhielt „Gelbe Briefe“ auf der Berlinale den Goldenen Bären. Jetzt, wenige Tage später, läuft İlker Çataks neuer Film im Kino an.
Çatak erzählt die Geschichte eines gefeierten Künstlerehepaares, deren Ehe in eine existenzbedrohende Krise gerät. Sie ist am Staatstheater eine anerkannte Hauptdarstellerin, er ist gefeierter Bühnenautor und unterrichtet an der Universität. Ihre dreizehnjährige Tochter Ezgi (die während des gesamten Films deutlich älter wirkt) hat die normalen Probleme von pubertierenden Jugendlichen. Sie sind eine typische linksliberale Künstlerfamilie. Bis die anonym bleibende Regierung sich entschließt, Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), das Ensemble des Theaters und Aziz‘ Universitätskollegen fristlos zu entlassen. Begründet wird dies mit erfundenen Anschuldigungen. In Wirklichkeit geht es wohl um das Theaterstück, über das wir nur erfahren, dass die Premiere ein Erfolg war und die kommenden Vorstellungen ausverkauft sind, und Protesten an der Universität, die sich anscheinend irgendwie gegen die Regierung richten. Genauer führt Çatak das nicht aus.
Gegen die ungerechtfertigte und nicht begründete Entlassung wehren Aziz und Derya sich; wie die Mitbetroffenen, die fortan nur noch ab und an als Stichwortgeber auftauchen und irgendwann vollkommen aus dem Film verschwinden. Ungeachtet ihres Kampfes um ihre Arbeitsplätze, müssen Aziz und Dervy jetzt nach Arbeit suchen. Sie können ihren gewohnten Lebensstandard nicht mehr halten. Sie müssen aus ihrer Wohnung ausziehen und von Ankara nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter in deren deutlich kleinere Wohnung umziehen.
Dabei fragen sie sich, wie sehr sie gegen die Entlassung protestieren sollen, ob sie sich arrangieren sollen oder gerade jetzt mit explizit politischen Aktionen, wie einem von Aziz in Istanbul geschriebenem Theaterstück, auffallen sollen.
Die uninteressanteste Idee von İlker Çataks „Gelbe Briefe“ ist, dass er explizit sagt, dass im Film Berlin Ankara und Hamburg Istanbul sei. Damit das jedem im Kinosaal auffällt, zeigt er, nach der Nennung der Städte, explizit einige allgemein bekannte Wahrzeichen, deutsche Worte und in einem Bild deutlich die Autokennzeichen von mehreren Hamburger Taxis. Der geneigte Zuschauer kann, nach diesem Wink mit dem Zaunpfahl, darüber Nachdenken, ob und wie sehr Deutschland und die Türkei austauschbar sind.
Dieser gewollte Verfremdungseffekt ist nicht mehr als ein überflüssiger und auch ärgerlicher Gimmick. Ständig werden Filme oder Teile von Filmen nicht an dem Handlungsort gedreht. In diesem Fall spielt der Film außerdem fast ausschließlich in Innenräumen, vor allem in zwei Wohnungen und im Theater.
Zusätzlich zu dem Hinweis, dass deutsche Städte türkische Städte sein sollen, besetzte er alle Rollen mit türkischen, teils in verschiedenen europäischen Ländern lebenden Schauspielern, die in ihrer Muttersprache spielen konnten. Das ist eine Entscheidung, die nicht weiter stört, weil die wenigsten Zuschauer sich für Details der Produktion interessieren, die Filme entweder in der Originalfassung (was in diesem Fall die türkischsprachige Fassung ist) oder in der synchronisierten Fassung sehen.
Irritierend ist, dass İlker Çatak zwar einen Film drehte, der explizit in der Türkei spielen soll (und wohl auch dort hätte gedreht werden können), er sich aber erstaunlich wenig für die politischen Probleme innerhalb der Türkei interessiert. Zu nennen sind hier der Wandel von einer Demokratie zu einer von Recep Tayyip Erdoğan geführten Diktatur, der Islamismus, die Kurdistanfrage und die Verortung der Türkei in die politischen Probleme in der Region. Das alles kommt in „Gelbe Briefe“ nicht vor. Die aktuelle politische Situation der Türkei wird ignoriert. Ohne diesen Kontext ist unklar, gegen welche Politik und welches Regime protestiert wird.
In dem so entpolitisierten Drama reduziert sich daher die Frage nach dem Widerstand gegen die Regierung, auf die Frage, ob Derya die große Rolle in einer TV-Soap bei einem schlechten Sender annehmen soll oder ob sie in einem kritischen Stück ihres Mannes vor einem kleinen Publikum auftreten soll. Es ist die Frage zwischen Kommerz und Kunst. Es ist auch die Frage, zwischen Sorgen für die Familie und künstlerischer Selbstverwirklichung.
Diese universelle Frage behandelt Çatak ebenso universell als Familiendrama, das letztendlich überall und zu jeder Zeit spielen könnte – und auch spielt. Er bleibt nah bei seinen Figuren. Ihr Handeln bleibt durchgehend nachvollziehbar. Den dramaturgischen, die Geschichte nicht voran bringenden Schlenker mit dem Freund von ihrer Tochter hätte es nicht gebraucht. Über die aktuelle politische Situation in der Türkei wird höchstens zwischen den Zeilen erzählt. Hier bleibt „Gelbe Briefe“ als sich politisch gebendes Kino weit hinter dem selbst gewählten Anspruch zurück.
Frauen drehen die härteren Filme. Das behauptete die verstorbene ukrainische Regisseurin Kira Muratova. Aber stimmt das? Und was bedeutet es genau? Isa Willinger versucht, lose entlang ihrer eigenen Biographie als Regisseurin erzählt, diese These zu beweisen. Sie unterhält sich dafür mit vielen Regisseurinnen. Und hier kämen wir, wenn es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handeln würde, zum großen Kritikpunkt. Willinger befragt fast nur europäische Regisseurinnen, vor allem Französinnen und Deutsche. Sie befragt vor allem Regisseurinnen, die für ihre künstlerische Entwicklung wichtig waren. Und damit haben die Regisseurinnen einige Gemeinsamkeiten. Sie stehen für ein feministisches Kino, oft Arthauskino und sehr oft ein die Kritik und das Publikum provozierendes Kino. So war Virginie Despentes „Baisse-moi (Fick mich!)“ 2000 in Frankreich gut für einen veritablen Skandal und ein Verbot des gewalttätigen und pornographischen Films. Es sind Regisseurinnen, die in ihren Filmenweibliche Bedürfnisse und Körper(öffnungen) zeigen. Sobald sie Horrorfilme und Thriller drehen, baden sie in Blut und verstörendem Bodyhorror. Es ist ein Kino der Provokation. Mal lauter, auch mal leiser.
Nicht beachtet wird das brave Mainstream-Kino. Patty Jenkins wird kurz für ihren Serienkillerfilm „Monster“ erwähnt, während ihre „Wonder Woman“-Filme ignoriert werden. Gleiches gilt für Karoline Herfurth, Doris Dörrie und Margarethe von Trotta.
Diese Auslassungen und die damit verbundene Einseitigkeit sind eine Stärke von „No Mercy“. Isa Willinger beschäftigt sich mit einem bestimmten Kino, einem Kino, das ihr wichtig ist, und sie fragt sich in dem Rahmen, wie Frauen gezeigt werden. Sie fragt also die Regisseurinnen, die sie zum Nachdenken anregten, über ihr Werk. Sie hofft, herauszufinden, warum sie diese Filme angesprochen haben.
Dabei verliert Willinger das breite Publikum aus dem Fokus. „No Mercy“ richtet sich nur an Hardcore-Cineasten, die die Regisseurinnen wenigstens vage kennen und einige der in „No Mercy“ gezeigten Filme gesehen haben. Denn viele der befragten Regisseurinnen sind höchstens für das Arthaus-Publikum bekannte Namen. Etliche der gezeigten Filme wurden in den deutschen Kinos nicht oder kaum gezeigt. Aktuell sind vor allem die älteren Filme schwer bis überhaupt nicht erhältlich.
Willinger stellt die Regisseurinnen vor, indem sie einige Sekunden aus ihren Filmen zeigt und danach die Regisseurinnen ausführlich reden lässt. Diese sich teils ergänzenden, teils widersprechenden Statements, die einen virtuellen Dialog ergeben, sind durchgehend interessant. Die Einordnung muss der Zuschauer übernehmen. Allerdings ist das ohne eine auch nur rudimentäre Kenntnis der Filme und des feministischen Kinos nicht sinnvoll möglich. Hier hätten einige einordnende Sätze über die einzelnen Filme, ihre damalige und spätere Wirkung und die Macherinnen wahre Wunder bewirkt.
Dieses Probleme haben Cineasten nicht. Für sie ist „No Mercy“ eine Fundgrube mit vielen informativen, aufschlussreichen und zum Nachdenken anregenden Statements von aktuell arbeitenden feministischen Regisseurinnen und einigen Regisseurinnen, die mit ihren Filmen vor Jahren Pionierarbeit leisteten.
No Mercy(Deutschland/Österreich 2025)
Regie: Isa Willinger
Drehbuch: Isa Willinger
mit Céline Sciamma, Alice Diop, Joey Soloway, Nina Menkes, Valie Export, Catherine Breillat, Virginie Despentes, Kira Muratova, Ana Lily Amirpour, Jackie Buet, Margit Czenki, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Sourya, Monika Treut, Apolline Traoré
Länge: 104 Minuten
FSK: ?
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Und hier eine kleine Watchlist, die aus den von Frauen inszenierten Filmen besteht, die in „No Mercy“ kurz gezeigt werden und die als Einführung in den feministischen Film dienen können (bei den Angaben folge ich weitgehend den Angaben aus dem Presseheft):
Welcome II The Terror Dome (Ngozi Onwurah, 1995)
Titane (Julia Ducournau, 2021)
Vagabond (Vogelfrei, Agnés Varda, 1995)
Three Stories (Kira Muratova, 1997)
Baise-Moi (Virginie Despentes, 2000)
Sira (Apolline Traoré, 2022)
A Girl walks home alone at night (Ana Lily Amirpour, 2014)
The Asthenic Syndrome (Kira Muratova, 1989)
Marlina si pembunuh dalam empat babak (Marlina – Die Mörderin in vier Akten, Mouly Sourya, 2017)
The Day I became a Woman (Marzieh Meshkini, 2000)
Portrait de la jeune fille en feu (Porträt einer jungen Frau in Flammen, Céline Sciamma, 2019)
Naissance des pieuvres (Water Lilies – Der Liebe auf der Spur, Céline Sciamma, 2007)
Brief Encounters (Kira Muratova, 1967)
The Long Farewell, Kira Muratova, 1971)
Komplizinnen (Margit Czenki, 1987)
Die Jungfrauenmaschine (Monika Treut, 1988)
Verführung: Die grausame Frau (Monika Treut/Elfi Mikesch, 1985)
In Tokio reinigt Hirayama hingebungsvoll wunderschön aussehende öffentliche Toiletten. Anscheinend ist er zufrieden mit seinem betont einfachem, festen Ritualen folgendem Leben.
Wim Wenders‘ bester Spielfilm seit Ewigkeiten und ein Film für die Ewigkeit, wie ihn nur Wim Wenders machen kann. „Perfect Days“ ist gleichzeitig eine Fortführung und Revision bekannter Wenders-Themen.
Die Ausgangslage liest sich ziemlich konventionell. Will Seems, der Held der Geschichte, ist als Deputy Sheriff nach Jahren wieder in sein Heimatdorf in Euphoria County in Süd-Virginia zurückgekehrt. Es handelt sich um eines dieser Dörfer in einem Landstrich, dessen beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt. Seitdem wurde es schlechter. Seems wird von irgendwelchen Schuldgefühlen geplagt.
Am Buchanfang entdeckt er in einem brennenden Haus eine Leiche. Der Hausbesitzer Tom Janders wurde offensichtlich ermordet. Der Brand wurde gelegt, um die Tat zu vertuschen. Seems nimmt Zeke Hathom, den allseits geliebten Vater eines weiteren Jugendfreundes, in der Nähe des Tatortes fest. Ist er der Mörder?
Erfahrene Krimileser werden jetzt empört rufen „Natürlich nicht!“. Das wäre viel zu einfach. Jedenfalls für einen Kriminalroman, einen Polizeiroman und auch einen Country Noir.
Eine so konventionelle Prämisse führt vielleicht nicht zu einem sofortigen Das-muss-ich-unbedingt-lesen-Reflex, aber sie kann die Grundlage für eine spannende Geschichte bilden, die tief in das sich über Jahrzehnte etablierte Geflecht von Schuld und Sühne, von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Chancen, Rassismus und, manchmal, Glaube, religiösem Fanatismus, Wahn und Aberglaube eintaucht. James Lee Burke schreibt seit Jahrzehnten solche Geschichten.
In diese Fußstapfen tritt Henry Wise mit seinem Debütroman nicht. Er will es auch nicht.
Für den Kriminalfall interessiert Henry Wise sich kaum. Über viele Seiten wird er nicht weiter beachtet. Dann gibt es im ungefähr am Anfang des letzten Drittels einen Ermittlungsschritt, der normalerweise ganz am Anfang einer Mordermittlung steht. Und schon ist der Täter überführt.
Wise interessiert sich viel mehr für die Vergangenheit seines Ermittlers und seine Schuldgefühle, die auch sein heutiges Handeln bestimmen. Sie sind auch der Grund, weshalb er zu den wenigen Menschen gehört, die nach Euphoria County zurückkehrt sind. Vieles wird von Wise sehr langsam, teils spät in der Geschichte enthüllt.
Und leider formuliert Wise oft recht umständlich. Manchmal wechselt er dabei auch noch innerhalb eines Absatzes assoziativ zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Figuren bleiben weitgehend blass. Die Handlung ist nur erahnbar und die polizeilichen Ermittlungen sind nebensächlich.
Als Sittenbild einer US-Provinzstadt überzeugt der Country Noir halbwegs.
Trotzdem hätte ich von einem Edgar-Gewinner – „Holy City“ wurde 2025 als bestes Debüt ausgezeichnet – mehr erwartet.
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Henry Wise: Holy City
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Alf Mayer)
Nach dem Urteil(Jusqu’á la garde, Frankreich 2017)
Regie: Xavier Legrand
Drehbuch: Xavier Legrand
Nach der Scheidung muss der Elfjährige Julien eine bestimmte Zeit bei seinem Vater Antoine verbringen. Aber Julien und seine Mutter sind dagegen. Grundlos?
Starkes, nicht auf vordergründige Emotionen setzendes Scheidungsdrama, das einen sehr alltäglichen Fall schildert. Keine leichte Kost.
In der Kleinstadt Woodsboro bringt ein maskierter Mörder bevorzugt junge Frauen um. In Sidney Prescott findet der Ghostface-Killer seinen Meister.
Klassiker, weil er die Genreregeln bedient, ironisiert und mit einem Meta-Kommentar über die Klischees des Slasher-Films versieht. Der ziemlich intelligente Horrorfilm wurde ein Hit. Zahlreiche Fortsetzungen von eher abnehmender Qualität folgten. Am 27. Februar 2026 startete “Scream 7” und nachdem das Werk bereits jetzt über das Doppelte seines Budgets einspielte, wird es einen achten Teil geben.
Anschließend, um 00.50 Uhr, zeigt Kabel Eins die ebenfalls von Wes Craven inszenierte und von Kevin Williamson geschriebene Fortsetzung “Scream 2” (USA 1998)
mit David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox, Matthew Lillard, Rose McGowan, Skeet Ulrich, Drew Barrymore, Liev Schreiber
Die gefährlichsten Firmen der Welt (Deutschland 2026)
Regie: Jens Strohschnieder
Drehbuch: Jens Strohschnieder
TV-Premiere der aus den 45-minütigen Folgen „Big Tech: Der Aufstieg der Datenkraken“ und „Big Tech: Milliarden, Manipulation, Macht“ bestehenden Dokumentation, die heute Abend nacheinander gezeigt werden. Es geht um Google, Facebook, Amazon und andere Datenkraken, die unsere persönliche Daten sammeln und unser Verhalten manipulieren. Es geht um die idealistischen Anfänge und was aus ihnen wurde.
Holocaustdrama über den deutschen Industriellen Oskar Schindler, der in Polen über 1100 Juden vor den Vernichtungslagern rettete, indem er sie als Zwangsarbeiter rekrutierte und dabei alles riskierte.
„in jeder Hinsicht bemerkenswert und legt eine künstlerische Strenge und ein unsentimentales Verständnis an den Tag, das es von allen bisherigen Filmen des Regisseurs abhebt. (…) Trotz seiner Länge von über drei Stunden bewegt sich der Film schnell voran und ist keine Minute zu lang für die Geschichte, die er erzählt, und die Menge von Informationen, die er vermittelt.“ (Todd McCarthy, Variety)
Steven Spielberg zum Kinostart der restaurierten Fassung im Januar 2019: „Es ist schwer zu glauben, dass es 25 Jahre her ist, seit ‚Schindlers Liste‘ in die Kinos kam. Die wahren Geschichten über das Ausmaß und die Tragödie des Holocaust dürfen nie vergessen werden, und die Lehren des Films über die entscheidende Bedeutung der Bekämpfung des Hasses hallen auch heute noch nach. Ich fühle mich geehrt, dass das Publikum die Reise noch einmal auf der großen Leinwand erleben kann.“
Anschließend, um 23.15 Uhr, zeigt Kabel 1 mit „Gefährten“ (War Horse, USA 2011) einen weiteren Spielberg-Film.
mit Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes, Caroline Goodall, Jonathan Sagalle, Embeth Davidtz
Pro7, 20.15 Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)
Regie: Quentin Tarantino Drehbuch: Quentin Tarantino
Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.
„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen. – Mehr in meiner ausführlichen Filmbesprechung.
mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero Wiederholung: Freitag, 6. März, 22.30 Uhr (Dann wahrscheinlich ungekürzt. Immerhin ist der Film FSK-16.)
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Die Bildergeschichte zum Film
Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.
Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.
In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.
– Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained (übersetzt von Dietmar Schmidt) Eichborn, 2013 272 Seiten
19,99 Euro
– Originalausgabe
Django Unchained
Vertigo/DC Comics, 2013
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Seien wir ehrlich; – auch wenn es offensichtlich ist: Jim Jarmusch hat letztes Jahr bei den Fimfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für seinen neuen Film „Father Brother Sister Brother“ nicht für den Film, sondern für sein Lebenswerk erhalten. Wahrscheinlich mit einer leichten Torschusspanik bei dem Festival, dass sie bislang Jarmusch noch nicht ausgezeichnet haben. Dabei ist Jim Jarmusch einer der großen zeitgenössischen Indie-Regisseure, er ist schon über siebzig Jahre alt und er war in den vergangenen Jahren sehr unproduktiv. Jedenfalls in punkto Spielfilme.
Sein neuester Film „Father Mother Sister Brother“ besteht aus drei Kurzfilmen, die an verschiedenen Orten in den USA und Europa spielen und mit verschiedenen Schauspielern gedreht wurden. Immer geht es um Kinder und ihre Eltern. Immer tauchen durch das Bild fahrende Skater auf und immer ist irgendwann eine nicht immer echte Rolex im Bild. Wichtig für die Geschichte sind die Skater und die Rolex nicht. Es sind eher Dinge, die auftauchen müssen, weil der Geldgeber es so wollte.
In dem ersten, in einer abgelegenen Hütte in New Jersey spielenden Film, besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) ihren allein lebenden Vater (Tom Waits). Sie wollen wissen, ob er Hilfe benötigt. Die zweite Episode spielt in Dublin. Die beiden Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) absolvieren den alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer furchteinflößenden Mutter (Charlotte Rampling) in ihrer noblen Wohnung. In der dritten und längsten Episode des Films geht es nach Paris zu den Zwillingen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat). Sie wollen die Wohnung ihrer tödlich verunglückten Eltern auflösen.
Bis auf die erste Geschichte ist keiner dieser Kurzfilme irgendwie auf eine Pointe hin erzählt. Und auch die Pointe in der ersten Geschichte ist schon von der ersten Minute an, wenn Tom Waits seine Wohnung für den Besuch seiner Kinder in einen schlechteren Zustand aufräumt, absehbar. Es sind drei Betrachtungen von Familienkonstellationen, in denen nichts Aufregendes passiert. Es sind Skizzen, in denen einfach einige Beobachtungen und eine Situation geschildert werden. Es sind auch typische Jarmusch-Geschichten. Dieses Mal in der kurzen und auf eine Situation konzentrierten Form, die er bereits in früheren Filmen pflegte. „Night on Earth“ und „Coffee and Cigarettes“ sind hier zu nennen. Diese Episodenfilme und Kurzfilme sind Nebenwerke.
Auch „Father Mother Sister Brother“ ist ein hochkarätig besetztes Nebenwerk, das vor allem für Jarmusch-Fans, sieben Jahre nach seinem letzten Spielfilm „The Dead don’t die“, ein willkommenes Lebenszeichen ist und das die Wartezeit auf seinen nächsten Spielfilm verkürzt.
Father Mother Sister Brother(Father Mother Sister Brother, USA/Deutschland/Italien/Irland/Frankreich 2025)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
mit Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Sarah Greene, Indya Moore, Luka Sabbat, Françoise Lebrun