Über ein Jahr ist Man-su schon arbeitslos. Die finanziellen Ressourcen schwinden unaufhaltsam. Jetzt teilen er und seine Frau sich ein Auto. Außerdem arbeitet sie. Die Kinder müssen auf beliebte Streamingangebote verzichten. Ob sie ihr wunderschönes Haus mit Garten weiterhin behalten können oder in eine Mietwohnung umziehen müssen, ist noch unklar. Dennoch will er seine Familie zusammenhalten, den erreichten Lebensstandard aufrechterhalten und den Schein wahren.
Man-su wurde gleichzeitig mit vielen weiteren verdienten Kollegen aufgrund von Umstrukturierurungen entlassen. Bis dahin war der passionierte Freizeitgärtner, liebevolle Familienvater und gesetztestreue Bürger Man-su fünfundzwanzig Jahre in ein und derselben Papierfabrik in leitender Position angestellt. Papier ist sein Leben. Er will auch unbedingt wieder in einer Papierfabrik arbeiten.
Dummerweise ist die Konkurrenz um die wenigen offenen Stellen groß. Wenn ein Mitbwerber nur etwas besser qualifiziert ist oder etwas umgänglicher ist, bekommt er den Job. Aber, so überlegt Man-su sich, wenn dieser Mitbewerber sich nicht auf die Stelle bewerben kann, steigen seine Chancen. Er könnte bei einem Unfall sterben. Man-su muss nur wissen, wer diese besser qualifizierten Mitbewerber sind und sie dann töten. Weil er ein exzellenter Bewerber ist, ist die Konkurrenz überschaubar.
Der grandiose Krimiautor Donald E. Westlake (er erfand auch den Profidieb Parker und den vom Pech verfolgten Einbrecher John Dortmunder) ersann diese rabenschwarze Kapitalismussatire 1997. In seinem Roman „The Ax“ erzählt er sie in tödlich präziser Konsequenz. Wie ein nur selten manchmal etwas aus dem Takt geratendes Uhrwerk arbeitet Burke Devore (so heißt der Mörder bei Westlake) die Liste seiner Mitbewerber ab. Costa-Gavras verlegte die Geschichte 2005 in seiner Verfilmung „Die Axt“ (alternativer Titel „Jobkiller“) nach Frankreich. Park Chan-wook verlegte sie jetzt nach Südkorea und widmete den Film Costa-Gavras.
Park, der zuerst Westlakes Roman und erst später Costa-Gavras Verfilmung kannte, wollte den Roman schon seit Ewigkeiten verfilmen. 2009 wurde das Projekt erstmals auf dem Busan International Film Festival angekündigt. Seitdem sagte er, wenn er danach gefragt wurde, er arbeite immer noch daran.
Fünfzehn Jahre später begannen die Dreharbeiten. Ende August 2025 hatte seine Westlake-Verfilmung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Und jetzt läuft sie hier in Deutschland im Kino an.
Wer den Roman, die erste und jetzt die aktuelle Verfilmung kennt, wird viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede erkennen. Jede Version setzt ihre eigenen Akzente, lässt aber die absolut überzeugende und stabile Grundstruktur der von Westlake erfundenen Geschichte intakt. Die Unterschiede beschränken sich vor allem auf Anpassungen an den Handlungsort und die Zeit. So gab es 1997 noch keine Smartphones. Für die Geschichte ist das letztendlich egal. Die Kultur und die Sozialsysteme unterscheiden sich in den einzelnen Ländern. Sie verleihen jeder Version ihre besondere Duftnote.
„No other Choice“ hat nicht die gnadenlos präzise satirische Wucht von Costa-Gavras zweistündiger Version. Das kann einerseits daran liegen, dass uns die europäische Gesellschaft vertrauter als die koreanische Gesellschaft ist und wir deshalb auch subtile Anspielungen besser verstehen, andererseits kann es einfach daran liegen, dass Park sich fast 140 Minuten Zeit nimmt, um die Geschichte zu erzählen, sie gegen Ende etwas konfus wird und er bei Man-sus Morden immer wieder die Comedy-Elemente betont. So ist Man-sus erster Mord keine eiskalt geplante und schnell durchgeführte Tat, sondern eine ausartende Slapstick-Nummer.
Außerdem verfolgt Park die von Man-su erstellte Mordliste nicht so konsequent wie Costa-Gavras und vor allem Westlake, der immer eindeutig sagte, wen Devore jetzt umbringen will. Er studiert die Bewerbungen, plant die Morde sorgfältig (jedenfalls für einen Amateur) und dann folgt ein Mord nach dem anderen. Man-su geht immer etwas trotteliger und spontaner vor.
Das sind allerdings alles nur graduelle Unterschiede, kleine Verschiebungen von Gewichten mal mehr in Richtung Noir, mal mehr in Richtung Kapitalismuskritik, mal mehr in Richtung Slapstick. Die Idee und der Plot der von Westlake ersonnenen Satire sind so stark, dass niemand sie in seiner Version grundlegend veränderte. Immer bleibt der Protagonist ein Serienmörder, dem wir die Daumen drücken. Auch wenn er bei der Wahl seines gut nachvollziebaren Ziels zu den falschen Mitteln greift und er mit seinen Taten das kapitalistische System, das ihn zum Mörder macht, festigt.
P. S.: Am 3. März 2026 läuft im Rahmen der Best-of-Cinema-Reihe Park Chan-wooks „Oldboy“ wieder im Kino.

No other Choice (Eojjeolsuga eobsda, Südkorea 2025)
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Jahnye Lee
LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)
mit Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
internationaler Titel: No other Choice
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Hinweise
Moviepilot über „No other Choice“
Metacritic über „No other Choice“
Rotten Tomatoes über „No other Choice“
Wikipedia über „No other Choice“ (deutsch, englisch)
zu Park Chan-wook
Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)
Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ (The Handmaiden, Südkorea 2016)
zu Donald E. Westlake
Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake
Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake
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Veröffentlicht von AxelB 







