Ehe wir dazu kommen, was Dylan Southern und Will Lovelaces „Oasis: Don’t look back in anger“ ist, verrate ich, was der 128-minütige Film nicht ist. Es ist kein Spielfilm, obwohl er irgendwie auf einem Drehbuch von Steven Knight basiert. Steven Knight, der auch einer der Produzenten des Films ist, schrieb die Bücher zu „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“, „Bauernopfer – Spiel der Könige“ und der von ihm erfundenen TV-Serie „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“. Im Moment schreibt er das Buch für den neuen James-Bond-Film. Bei Dokumentarfilmen gibt es eigentlich keinen Drehbuchautor. Wenn doch ein Drehbuchautor genannt wird, ist es normalerweise der Regisseur. Schließlich schreibt die Realität und kein Autor die Geschichte.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch keine Dokumentation eines Konzertes. Es gibt Ausschnitte aus verschiedenen Konzerten. Viele Ausschnitte wurden auf der letzten Tour der Band, der von weit über zwei Millionen Fans besuchten, 41 Konzerte umfassenden „Oasis Live ’25“-Tour, aufgenommen und wild zusammengeschnitten mit Schnipseln von früheren Auftritten. Munter und erkennbar wird durchgehend, auch in den Songs, zwischen verschiedenen Auftritten hin und her geschnitten.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch keine Dokumentation der Tour. Es beginnt konventionell und gelungen mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Band, den Proben vor der Welttour, der damit verbundenen ersten Begegnung seit Jahren zwischen den beiden Brüdern Noel und Liam Gallagher und dem ersten Konzert. Danach vermischt sich alles zu einem Oasis-Best-of, munter collagiert aus den Auftritten der „Oasis Live ’25“-Tour und einigen Schnipseln älterer Auftritte. Eine Chronologie ist nicht mehr vorhanden.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist auch kein Film über die Fans. Zugegeben: Sie haben viel Leinwandzeit. Einige dürfen sogar etwas sagen. Ihre Namen erfahren wir nicht. Letztendlich haben sie, auch wenn ihre Köpfe bei mehreren Songs auftauchen, nicht mehr Individualität als das Publikum bei einem „Rockpalast“-Konzert.
Und es ist auch kein Film über die Versöhnung der Gallagher-Brüder. Dafür wird diesem Aspekt zu wenig Zeit gewidmet. Am Anfang, bei den Proben, fragt Noel sich, ob Liam auftaucht und singen wird. Er kommt, singt und geht. Später laufen sie öfter gemeinsam auf die Bühne. Es gibt einige, kurze Ausschnitte aus einem für den Film gemachtem Interview. Man sieht sie immer nur auf und hinter der Bühne; also bei der Arbeit. Das Privatleben bleibt privat. Die anderen Bandmitglieder bleiben Nebenfiguren.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist von allem etwas und als Fanvideo-Erinnerung an die letzte Tour der Band, auch stimmig, in sich geschlossen – und vollkommen uninteressant. Jedenfalls wenn sich für mehr als einen bunten Bilderbogen aus Konzertschnipseln, Proben- und Backstage-Aufnahmen, anderen Aufnahmen, deren Zusammenhang mit der 41 Konzerte umfassenden „Oasis Live ’25“-Tour bestenfalls rudimentär erahnbar ist, interessiert. Das Regieduo Southern/Lovelace präsentiert viele Statements, die sie über die Bilder legen und die nicht klar bestimmten Personen zugeordnet werden können. Sowieso verzichten die Macher weitgehend auf Texteinblendungen und vollständig auf Namenseinblendungen. Wer die gezeigten Personen nicht kennt, sitzt halt im falschen Film. Und die Brüder Liam und Noel Gallagher geben ein gemeinsames, äußerst entspanntes Interview. Es ist das erste gemeinsame Interview nach über zwanzig Jahren. Das muss genügen. Dazu montieren die Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace wild Bilder, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind. Teils auf Konzerten, teils bei anderen Gelegenheiten. Und so besteht im Film ein Songs aus mehreren Auftritten und vielen Bildern von Fans, die euphorisch der Band zujubeln, und wild über die bekannten Songs verteilt wurden.
„Oasis: Don’t look back in anger“ ist ein Film für die Fans der Band, die eine Erinnerung an die Tour wollen, sich darüber freuen, dass die Fans viel öfter als in anderen Konzertfilmen im Bild sind und die Songs – es wird sich, wenig überraschend, auf die zweite „Oasis“-CD „(What’s the Story) Morning Glory?“ konzentriert – auch im Tiefschlaf mitgröhlen können. Für sie wurde der Film gemacht. Sie haben schon vor langem Karten gekauft für eine der wenigen Kinovorstellungen der Tourerinnerung.
Offiziell läuft der Film bis zum 13. September im Kino. Danach ist er noch ohne festes Datum, aber noch in diesem Jahr, auf Disney+ zu finden.
Oasis: Don’t look back in anger (Oasis: Don’t look back in anger, Großbritannien 2026)
Alles ist gutgegangen (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo (Mitarbeit)
LV: Emmanuèle Bernheim: Tout s’est bien passé, 2013 (Alles ist gutgegangen)
Nach einem Schlaganfall will der 84-jährige Kunstsammler und Fabrikant André Bernheim (André Dussollier) sterben. Seine Töchter Emmanuèle (Sophie Marceau) und Pascale (Géraldine Pailhas) helfen ihm dabei.
Auf einem wahren Fall basierendes feinfühliges Drama über Sterbehilfe und Beziehungen.
Berlin wählt: Ihr fragt – Politik antwortet!: Die junge Wahlarena
Am 20. September wählt Berlin sein neues Abgeordnetenhaus (aka Landtag). Das Rennen ist knapp (nach den aktuellen Umfragen wird es eine Dreier-Koalition geben) und es gibt keinen eindeutigen Favoriten.
In der heutigen Wahlarena stehen die Fragen der ErstwählerInnen im Mittelpunkt. Beantwortet werden sie von Niklas Schenker (Die Linke), Klara Schedlich (Bündnis 90/Die Grünen), Tamara Lüdke (SPD), Lucas Schaal (CDU), Alexander Bertram (AfD) und Alina Lindemann (BSW). Sie sind alle jünger und sitzen fast alle derzeit im Abgeordnetenhaus.
Eines Tages ist Rabias Schule geschlossen. Es heißt, ihr Lehrer sei von einem Dschinn besessen. Während ihre Klassenkameraden im ländlichen Pakistan die freie Zeit genießen, will die zehnjährige Rabia herausfinden, warum die Schule geschlossen wirklich geschlossen wurde. Sie glaubt die Geschichte von dem Geist nicht.
Sie hört sich um, besucht die verschiedenen Menschen, die etwas mit der Schließung der Schule zu tun haben oder zu tun haben könnten. Bei ihrer Suche erfährt sie einiges über eine Gesellschaft zwischen Aberglaube, Tradition und Moderne und die alles beherrschenden patriarchalen Strukturen. Es sind Strukturen, die Bildung für Frauen nicht vorsehen.
Diese Suche strukturiert Regisseurin Seemab Gul in ihrem Spielfilmdebüt als klassische Ermittlungsgeschichte mit Rabia als neugieriger Ermittlerin, die auch in eine für sie fremde Welt eintaucht und geduldig eine Spur nach der nächsten verfolgt. Das ist bis zu Beginn des letzten Drittels, also nachdem Rabia das Ergebnis ihrer Recherche und die Erklärung für die Schließung der Schule präsentiert, ein sehr gelungenes, dicht erzähltes Drama, das das mit einer sympathisch-neugierigen Protagonistin tief in eine für uns fremde Welt eintaucht. Danach zerfleddert die Geschichte.
Das macht „Ghost School“ zu einem uneinheitlichem Film.
Drama über ein karrieresüchtiges Fotomodell, das in den Sechzigern in London nach oben will und dafür bedenkenlos Männer verführt, die ihr dabei helfen können.
Damals erhielt Schlesingers SW-Charakterstudie viele Preise und machte Julie Christie zum Star.
1999 wählte das British Film Institute in seiner Liste der besten britischen Filme aller Zeiten „Darling“ auf den 83. Platz.
Das Lexikon des Internationalen Films urteilte zum Filmstart: „Formal beachtlicher, in der Darstellung des karrieresüchtigen Luders durch Julie Christie faszinierender Film, der in seiner kritischen Tendenz aber unklar bleibt.“
mit Julie Christie, Laurence Harvey, Dirk Bogarde, Roland Curram, José Luis De Villalonga
Porträt einer dysfunktionalen, zur gehobenen römischen Mittelschicht gehörenden Familie in den siebziger Jahren, das trotzt guter Momente in seine Einzelteile zerfällt.
Es ist ein Biopic, aber weil ja einige darüber gemeckert haben sollen, dass Kritiker in ihren Besprechungen über „Titanic“ verrieten, dass das Schiff untergeht (Uups, das hast du nicht gewusst?), beginne ich mit einer Spoilerwarnung für alle, die nichts über Christy Martin wissen. Wer etwas über sie weiß, wird feststellen, dass ich nicht alles, eigentlich fast nichts, verrate.
Beim Boxen fühlt Christy Martin sich lebendig. Außerdem erhält sie Geld, wenn sie siegt. Für die aus ärmlichen Verhältnissen kommende Tochter eines Bergarbeiters sind das zwei unbestreibare Pluspunkte. Dass Frauenboxen damals – wir reden von den späten achtziger Jahren – nicht ernstgenommen wurde, stört sie nicht. Sie trainiert hart, kämpft sich nach oben, gewinnt im Ring während ihrer professionellen Laufbahn fast alle Kämpfe, ist im April 1996 die erste Boxerin auf dem Cover von „Sports Illustrated“ und das Gesicht des in den neunziger Jahren in den USA zu einem lukrativen Geschäft werdendem Frauenboxen.
In seinem in den USA grandios geflopptem Biopic „That’s why the Lady is a Champ“ (Originaltitel: „Christy“) erzählt David Michôd („War Machine“) ihren Weg von ihrem ersten Kampf 1989 bis 2010, als ihr Ehemann und Trainer sie umbringen will.
Dabei hakt Michôd weitgehend chronologisch die wichtigen Stationen und Begegnungen in ihrem Leben ab. Er spricht vieles an: das Boxgeschäft in all seinen Facetten, Sexismus, Gewalt in der Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, Bigotterie, Spielsucht, gewalttätige und schlechte Familienbeziehungen. In dem Film ist alles drin, weil es Teil von Christy Martins Leben ist.
Was fehlt ist eine über die Chronologie eines Wikipedia-Artikels hinausgehende Struktur. So kämpfte, wie das Tennis-Biopic „Battle of the Sexes“ (USA 2017) eindrucksvoll zeigt, die Tennisspielerin Billie Jean King in den frühen siebziger Jahren um höhere Preisgelder für Tennisspielerinnen. Ihre Preisgelder lagen deutlich unter denen der Männer. Dieser Kampf um gleiche Bezahlung zieht sich durch das gesamte Biopic und macht das überaus pointierte Biopic auch für Menschen, denen Tennis egal ist, sehenswert. In „That’s why the Lady is a Champ“ muss Christy Martin mehrere Kämpfe, beruflich und privat, durchfechten. Aber welches der wichtigste Kampf ist, bleibt lange diffus. Am Ende ist es der Kampf gegen ihren Trainer (der sie zuerst nicht trainieren wollte, weil Frauen nicht boxen können), der später ihr Ehemann und Buchhalter wird, ihr Geld verzockt und immer herrischer wird. Bis er sie umbringen will.
Ben Foster, unter der Maske kaum erkennbar, spielt Christys Mann Jim Martin betont unsympathisch.
Sydney Sweeney spielt Christy Martin mit einem festen Blick auf eine Oscar-Nominierung. Für die Rolle nahm sie einige Pfund zu, trug eine potthässliche Frisur und zog körperverhüllende Klamotten an. Sie tat alles, um im Film möglichst unattraktiv zu erscheinen. Gleichzeitig brüllt sie einen in jeder Sekunde des Biopics an, dass das ihre Oscar-Rolle ist und dass sie fortan nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch als Schauspielerin wahrgenommen werden möchte.
That’s why the Lady is a Champ (Christy, USA 2025)
Regie: David Michôd
Drehbuch: Mirrah Foulkes, David Michôd (nach einer Geschichte von Katherine Fugate)
mit Sydney Sweeney, Ben Foster, Merritt Wever, Katy O’Brian, Ethan Embry, Jess Gabor, Chad Coleman, Bryan Hibbard, Tony Cavalero, Gilbert Cruz
Es sind nur wenige Tage, ein Besuch in der alten Heimat mit einigen Begegnungen, öffentlichen Auftritten und Erinnerungen. Denn auch wenn nichts „Besonderes“ passiert, ist es eine besondere Reise. 1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, besucht Thomas Mann mit seiner Tochter Erika Deutschland. Den West- und Ostteil des Landes, aus dem der Literaturnobelpreisträger 1933 vor den Nazis zuerst in die Schweiz und 1938 in die USA floh. Von dort aus schrieb er Texte gegen den Faschismus. Jetzt wird er in Deutschland als große Autorität angesehen. Als ein Mann, der für die Deutschen ein moralischer Kompass sein kann. Aber will er das? Wollen die Deutschen hören, was er sagt? Oder wollen sie nicht einfach nur eine Absolution erhalten? Überleben die hohen Erwartungen der Deutschen die Begegnung mit Thomas Mann?
Wer Manns Biographie kennt und wer auch die Biographien von anderen Heimkehrern kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennt (so kehrte Peter Lorre 1950 zurück, drehte den Film „Der Verlorene“, war von der Reaktion des Publikums darauf tief enttäuscht und verließ Deutschland im Dezember 1951 für immer.), weiß, wie absehbar ernüchternd diese Begegnung verläuft. Denn Mann konnte und wollte nicht die erwartete Absolution erteilen.
Pawel Pawlikowski verfilmte jetzt in seinem neuesten Film „Vaterland“ diese Reise fiktionalisiert in SW, im 1.33:1-Format und in langen, kargen Szenen. Es ist der sofort wiedererkennbare Stil, den er in seinen letzten Filmen etablierte und perfektionierte. Das macht „Vaterland“ zu einem cineastischen Genuss und Schauspielerkino. Hanns Zischler und Sandra Hüller übernahmen die Rollen von Thomas Mann und seiner Tochter Erika, die seine Tochter, seine Fahrerin und seine Sekretärin ist. Sie organisiert alles, damit der Großliterat nur noch die Bühne betreten muss.
Die anderen bekannten Schauspieler, unter anderem August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt und Milan Peschel, haben meist nur einen Auftritt. Der ist dafür prägnant.
Die Frage nach Fremdheit und Zugehörigkeit, nach Ansprüchen von Außen und dem Umgang damit, die Pawlikowski vor zerbombter und kaum wiederaufgebauter Kulisse stellt, sind zeitlos aktuell.
Mit insgesamt 82 Minuten ist „Vaterland“, wie Pawlikowskis vorherige hochgelobte Dramen „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ und „Ida“, sehr kurz. Aber es ist genau die Zeit, die der präzise verdichtete, zum Nachdenken anregende Film mit seinen im Gedächtnis bleibenden Bildern braucht.
Celeste (Adria Arjona) war beim Militär und genoss die Ausbildung, die dort Soldaten erhalten, die sich später in Action- und Horrorfilmen gegen skrupellose Bösewichter beweisen müssen. Jetzt lebt sie in der Wüste in einem abgeranztem Trailerpark, kuriert ihre Kriegstraumata aus und arbeitet dort als Mädchen für alles. Sie ist geschieden, aber weil ihr Ex-Mann gerade mit etwas wichtigerem beschäftigt ist, muss sie jetzt außerplanmäßig auf ihre Tochter aufpassen.
In dem Moment weiß sie noch nicht, dass die letzten friedlichen Stunden des Tages sind. In einem nahe gelegenem Militärlabor experiment Dr. Hans Kammler (Dan Stevens) mit Leichenteilen und der DNA von Soldaten herum. Eine Demonstration seiner unbesiegbaren Soldaten auf dem streng gesichtertem Gelände läuft aus dem Ruder. Am Ende sind die Gäste, denen er seine Erfindung vorführen wollte, tot, das geheime Labor zerstört und die drei Super-Soldaten machen sich auf den Weg in Richtung Trailerpark.
Auf dem Weg liegende Gebäude zerstören sie. Menschen töten sie – und wenn doch einmal ein Mensch die Begegnung mit den Super-Soldaten überlebt, ist ein durchgeknallter von der Regierung beauftragter Jäger vor Ort. Er verwischt alle Spuren. Auch wenn er dafür wahrscheinlich ultra-patriotische US-Amerikaner töten muss. Seinen ersten Auftritt im Film hat er als Kunde eines SM-Bordells. Für die Filmgeschichte ist es egal, aber Regisseur Adam Wingard kann in dem Moment etwas nackte Haut und Leder zeigen und so auf die siebziger Jahre mit Filmen wie „Der Nachtportier“ und unzählige schlechtere Folgefilme, anspielen.
Adam Wingard begann vor fast zwanzig Jahren als Teil der Mumblecore-Bewegung. Bekannt wurde er als Horrorfilmregisseur. Zuletzt inszenierte er die Blockbuster „Godzilla vs. Kong“ und „Godzilla x Kong: The New Empire“. Mit „Onslaught“ geht es wieder zurück zu einem deutlich günstigerem Film, der gar nicht das große Publikum ansprechen will und der in der Welt seiner früheren Filme „You’re next“ und „The Guest“ spielt. Der Verleih bewirbt „Onslaught“ als Horror-Actionslasher. Sie hätten ihn auch als Grindhouse-Hommage verkaufen können. Stilistisch und erzählerisch orientiert Wingard sich am Actionfilm der achtziger und auch siebziger Jahre. Da ist der Bösewicht ein durchgeknallter Forscher, der in der Originalfassung deutsch redet (ein Gag, der in der deutschen Fassung nicht funktioniert). Das US-Militär investiert skrupellos in Menschenexperimente und wenn die Supersoldaten sich dann durch das menschenleere Hinterland morden, erinnern sie an Roland Emmerichs „Universal Soldier“. Ein anderer Bezugspunkt ist das Frühwerk von John Carpenter; vor allem „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precinct 13).
Zwischen den Bildern gibt es, auch weil die Super-Soldaten anfangs an Abu-Ghraib-Gefangene erinnern und später, wenn sie bevorzugt im Gegenlicht, aber mit bedrohlich leuchtenden Augen, gezeigt werden, wie Invasoren aussehen, etwas Systemkritik. Eine auch nur irgendwie tiefergehende Analyse findet natürlich nicht statt. Das erwartet niemand ernsthaft und es würde von den liebevoll ausgestatteten blutigen Actionszenen dieses klischeetriefenden B-Movies ablenken.
Das klingt jetzt nach einem großen Spaß für den B-Movie-Fan. Aber Wingard klatscht Szenen, Motive und, zugegeben, gut aussehende Bilder einfach so hintereinander bis er neunzig Filmminuten zusammen hat. Das kann natürlich als Hommage an die 80er-Jahre-B-Actionfilme, die ihre Heimat irgendwo zwischen Autokino und Videothek fanden, verstanden werden. Besser macht es die aus der Zeit gefallene Liebeserklärung „Onslaught“ nicht.
Onslaught (Onslaught, USA 2026)
Regie: Adam Wingard
Drehbuch: Simon Barrett (nach einer Geschichte von Adam Wingard und Simon Barrett)
mit Adria Arjona, Dan Stevens, Alex Pereira, Drew Starkey, Rebecca Hall
Es geht um zwei ziemlich doofe Juwelenräuber, die auf ihrer Flucht notgedrungen (ihr auf einem Behindertenparkplatz abgestelltes Fluchtauto wurde abgeschleppt und die Polizei riegelt das Viertel ab) und zufällig (ein abfahrbereiter Reisebus wartet noch auf einen weiteren Mitreisenden) in einer Behinderten-Reisegruppe untertauchen. Mit ihnen fahren sie für einige Tage in die Berge.
Während das Original, auch kein Meisterwerk feinsinniger Komödie, sondern eher in Richtung Klamauk gehend, gut für einige herzhafte Lacher ist und der inclusive Cast mit der Lust an Grenzüberschreitungen dem Affen ordentlich Zucker gibt, ist davon im Remake nichts mehr übrig. Marc Rothemund („Wochenendrebellen“, „Ein fast perfekter Antrag“) wiederholt die Witze aus dem Original ohne irgendein Gefühl für Timing oder Pointenaufbau. Die bereits aus anderen Filmen bekannten Schauspielern mit Beeinträchtigungen langweilen. Sie scheinen nur noch ein aus vorherigen Filmen erprobtes Programm abzuspulen. Verantwortlich dafür sind nicht sie, sondern das alle unterfordernde Drehbuch und die Inszenierung.
Anstatt sich dieses durchgehend langweilige, witzlose, gut gemeinte und vollkommen überflüssige Remake anzusehen, sollte man sich das in jeder Beziehung deutlich bessere Original „Was ist schon normal?“ ansehen.
Das gewisse Etwas (Deutschland 2026)
Regie: Marc Rothemund
Drehbuch: Murmel Clausen (basierend auf „Un p’tit truc en plus“ von Artus, Clément Marchand und Milan Mauger)
mit Max von der Groeben, Mala Emde, Florian Lukas, Jasmin Schwiers, Lorenzo Germeno, Frangiskos Kakoulakis, Antonia Riët, Simon Rupp, Natalie Kim Lehmann, Jan Bobke, Ferdinand Kuner, Linn Bade, Timon Heinzl, Luca Davidhaimann, Paul Kögler, Dieter Landuris, Bettina Mittendorfer, Johannes Berzl
James Bond: Spectre (Spectre, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
LV: Charakter von Ian Fleming
James Bond will die geheimnisvolle Verbrecherorganisation Spectre zerstören. Sein Gegner ist dabei Franz Oberhauser. Sie haben sich schon als Kinder gekannt.
Nach dem grandiosen „Skyfall“ enttäuschte „Spectre“, der sich mehr um einen überflüssigen Bohei um den Namen des Bösewichts als um ein schlüssiges Drehbuch kümmert. Am Ende ist „Spectre“ der halbherzige Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
mit Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Naomie Harris, Dave Bautista, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Andrew Scott, Rory Kinnear, Jesper Christensen, Stephanie Sigman
Nach vierzehn Jahren kehrt Hein (Paul Boche) zurück in seine alte Heimat: ein auf einer Nordseeinsel gelegenes, von der Welt abgeschiedenes Dorf. Aber dort erkennt ihn niemand. An Ereignisse, von denen er erzählt, erinnern die Dörfler sich ganz anders. Um Herauszufinden, ob Hein Hein ist, wird ein Dorfgericht abgehalten.
Interessant ist „Der Heimatlose“ nicht wegen seiner Geschichte, sondern wegen seiner Inszenierung. Die Geschichte ist absolut vorhersehbar und insgesamt erschreckend überraschungsfrei. Jedes weitere Wort würde sie vollkommen spoilern.
Aber die Inszenierung. Kai Stänicke lässt sein Spielfilmdebüt in einer absolut künstlichen Welt spielen. Es ist unklar, wann genau die Geschichte spielt. Sie dürfte irgendwann zwischen dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts und den sechziger Jahren spielen; also in einer Zeit, in der die Zeichen der Industrialisierung auch auf einer Insel sichtbar sind, aber die Moderne mit Telefonen und Fernsehern auf dies einsam gelegenen Insel noch nicht angekommen ist. Es wird in einer überdeutlichen und sehr künstlichen Theatersprache gesprochen. Die Geschichte spielt in einer Kulissenwelt. Und das ist wörtlich zu verstehen. Stänicke baute kein Dorf auf, sondern er stellt, wie in einer Kulissenstadt nur einige Kulissen auf. Da besteht ein Haus nur aus der vorderen Fassade. Küche und Schlafzimmer wurden dahinter errichtet, aber ohne Wände. Kein Haus hat ein Dach. Alles wurde am Strand gedreht.
Das verleiht dem „Heimatlosen“ seinen besonderen Touch. In dieser Welt wird dann über Identität, Fremd- und Eigenwahrnehmung, Zugehörigkeit und auch Entfremdung verhandelt.
Allerdings bleibt die Open-Air-Kulisse im Wesentlichen ein Gimmick, der während der Dreharbeiten in der Buchhaltung wahrscheinlich für schlaflose Nächte sorgte. Anstatt in einer ebenso künstlichen Theaterwelt, also auf einer klar erkennbaren Bühne in einem Studio zu drehen, wurde der gesamte Film am Strand gedreht. Jede Drehminute waren die Macher den Unberechenbarkeiten des Wetters ausgesetzt. Jeder Wetterumschwung konnte den Drehplan über den Haufen werfen. Jede Spur von Fahrzeugen und Menschen musste vor dem Dreh aus dem Bild gekehrt werden.
Das Ergebnis ist in seiner Einzigartigkeit ziemlich überzeugend.
Der Heimatlose (Deutschland 2026)
Regie: Kai Stänicke
Drehbuch: Kai Stänicke
mit Paul Boche, Philip Froissant, Emilia Schüle, Stephanie Amarell, Aaron Hilmer, Irene Kleinschmidt, Jeanette Hain, Julika Jenkins, Sebastian Blomberg, Margarita Broich
Früher machten sie in der Experimentalfilmgruppe „Les enfants terrible“ Kunst. Später zerstritten sie sich. Als sie sich jetzt wieder treffen, lädt Charlotte (Lilith Stangenberg) Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) zu einem Urlaub nach Palermo ein. Im Gegensatz zu den völlig verarmten Undergroundkünstlern Helena und Oskar verdient Charlotte als Schauspielerin Geld.
Vor Ort entschließen sie sich, einen Film zu drehen irgendwo im Bermuda-Dreieck von Avantgarde und Dilletantismus. Die kryptische Story über die männermordende Serienmörderin Demenzia ist reinster Pulp – und die Grenze zwischen Film und Realität werden konsequent ignoriert.
Arthaus, Experimentalfilm, Underground, John Waters, Rosa von Praunheim, DIY, gedreht in einer knappen Woche auf Palermo auf Super 8 mit einem erkennbar kleinem Budget, liebenswert amateuhaft, dilettantisch – und dann gibt es immer wieder Bilder, die zeigen, dass Brezel Göring, die überlebende Gründungshälfte von „Stereo Total“, seine Vorbilder und Inspirationsquellen kennt und weiß, was er tut. Die Gaga-Geschichte ist nur ein Abfolge von Sinneseindrücken, kurzen Referenzen an andere Filme und, in der richtigen Stimmung, viel Spaß.
Das ist wirklich ein Film von und für die Community, die sich schon an Brezels Musikvideos erfreute.
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Brezel Göring stellt seinen Film vor:
Mittwoch, 2. September, 20:00 Uhr: BERLIN Galiläa Kirche (Friedrichshain)
Donnerstag, 3. September, 20:30 Uhr: BERLIN Lichtblick
Samstag, 5. September, 20:30 Uhr: BERLIN Kino in der Brotfabrik
Dienstag, 15. September: LANDSHUT Kinoptikum
Mittwoch, 16. September: FRANKFURT DFF Frankfurt
Für immer 16 (Deutschland 2026)
Regie: Brezel Göring
Drehbuch: Brezel Göring (beruhend/basierend/inspiriert von einem Roman von Françoise Cactus)
mit Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Twiggy Glouglou, Anton Garber
Songs of Gastarbeiter – Liebe, D-Mark und Tod (Deutschland 2022)
Regie: Cem Kaya
Drehbuch: Cem Kaya, Mehmet Akif Büyükatalay
„Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ (so der Kinotitel) ist ein fulminanter Überblick über sechzig Jahre Musik- und Integrationsgeschichte, die fast nie von der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Es kann sein, dass eine für das Fernsehen gekürzte Fassung gezeigt wird. Im Kino dauerte die Doku 102 Minuten. Im Fernsehen ist sie als 90-minütiger Film angekündigt.