Magisch verhext? „Mit Abstand!“. „Die Flüsse von London“ haben jetzt „Wassergras“

Mai 17, 2021

Einmal Gegenwart. Einmal zurück in die Vergangenheit, als Detective Constable Peter Grant noch nicht bei der Londoner Metropolitan Police war und seine Eltern noch nicht wussten, dass sie jemals einen Sohn bekommen würden. Wahrscheinlich, weil sie damals noch nicht geboren waren oder, wenn doch, irgendwo zwischen Kinderspielplatz und Erstem Schuljahr herumtobten.

In „Mit Abstand!“ geht es zurück in das Kriegsjahr 1943 und in den Oktober 1957. Es ist der siebte Comicband mit magischen Abenteuern um Peter Grant. Sein Erfinder Ben Aaronovitch schrieb zuerst Romane um den jungen schwarzen Polizisten. Seinen ersten Auftritt hatte er 2011 in dem Roman „Die Flüsse von London“ (Rivers of London). In dem Fantasy-Kriminalroman trifft er Thomas Nightingale. Nightingale ist kein normaler Polizist, sondern ein Magier und Leiter der „Einheit für spezielle Analysen“ (vulgo: frag nicht und lass uns in Ruhe). Die Einheit kämpft gegen übersinnliche Wesen, Zauberer, Geister undsoweiter. Nightingale, der letzte Zauberer Englands, nimmt Grant unter seine Fittiche und fortan erlebt Zaubererlehrling Grant unglaubliche Abenteuer.

Die Romane sind Beststeller. Seit 2015 erscheinen Comicabenteuer mit Grant und seinen Freunden, die neue Geschichten erzählen. Diese werden normalerweise von Aaronovitch und Andrew Cartmel geschrieben. Bis jetzt stand immer Grant im Mittelpunkt der Geschichten und sie spielten in der Gegenwart.

Durch den Tod von Angus Strallen erinnert sich Nightingale in „Mit Abstand!“ an ihre gemeinsamen Abenteuer. Aber anstatt sie Grant zu erzählen, lässt er ihn ins Archiv gehen.

Das erste Mal begegnen Nightinggale und Angus Strallen sich während des Zweiten Weltkriegs. Nightingale kann mit seinen magischen Kräften einen Flugzeugangriff abwehren.

1957 treffen sie sich wieder. Strallen ist inzwischen Constabulary von Cumberland und Westmoreland. Er hat Professor Uwe Fischer verfolgt. Fischer kämpfte im Krieg auf der Seite der Deutschen. Inzwischen arbeitet er in dem Atomkraftwerk Windscale, hat eine hohe Sicherheitsfreigabe und Strallen hält ihn für einen Serienfrauenmörder. Und einen Zauberer.

In „Wassergras“, dem davor erschienenem“Die Flüsse von London“-Comic, jagen Grant und Nightingale eine Angst und Schrecken verbreitende, geheimnisvolle Drogenhändlerin, die sich Hoodette nennt. Weil sie eine Droge verkauft, die auf magische Weise hergestellt wurde, ist es ein Fall für ihre Einheit. Eine solche Droge hat auch andere Nebenwirkungen als eine normale Droge.

Beide Geschichten sind höchst unterhaltsame Ergänzungen zu den vorherigen Geschichten. In „Mit Abstand!“ ist der historische Hintergrund interessant und, zum tieferen Verständnis der Geschichte, wichtig. Deshalb gibt es im Anhang ausführliche Texte zu Jasper Maskelyne, dem britischen Magier, der Hitlers Armee täuschte (wobei auch auf den umstrittenen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen hingewiesen wird), Bluthunde und deren einzigartige Spürnase, die Atomanlage Windscale (heute Sellafield) und das atomare Wettrüsten in der Nachkriegszeit.

Wassergras“ und „Mit Abstand!“ sind zwei unterhaltsame Fantasy-Comics, denen allerdings die Sprachgewalt der Romane fehlt.

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero/Paulina Vassileva: Die Flüsse von London: Wassergras (Band 6)

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini, 2020

120 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: Water Weed

Titan Comics, 2018

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Brian Williamson/Stefani Renne: Die Flüsse von London: Mit Abstand! (Band 7)

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini, 2021

132 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: Action at Distance

Titan Comics, 2020

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

dtv über Ben Aaronovitch

Blog von Andrew Cartmel

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch) und Andrew Cartmel

Meine Besprechung von Ben Aaronovitchs „Schwarzer Mond über Soho“ (Moon over Soho, 2011)

Mein Besprechung von Ben Aaronivitchs „Geister auf der Metropolitan Line“ (The furthest station, 2017)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerreros „Die Flüsse von London: Autowahn“ (Rivers of London: Body Work, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London – Die Nachthexe (Rivers of London: Night Witch, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Christoper Jones/Marco Leskos „Doctor Who – Der siebte Doctor: Tanz auf dem Vulkan“ (Doctor Who – The Seventh Doctor: Operation Volcano, 2018)


TV-Tipp für den 17. Mai: Systemsprenger

Mai 16, 2021

ZDF, 20.15

Systemsprenger (Deutschland 2019)

Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt

Die neunjährige Benni lebt von Wutausbruch zu Wutausbruch, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zu betreuter Wohnreinrichtung und zurück. Niemand hält es länger mit ihrer Zerstörungswut und ungehemmten Aggression aus. Trotzdem versucht Frau Bafané vom Jugendamt ihr zu helfen. Mit immer neuen Maßnahmen.

Wow, was für ein Film: dicht inszeniert, nah an der Realität, klar in der Analyse und durchgehend einfache Antworten verweigernd. Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg.

TV-Premiere – und gleich ein dickes Lob an das ZDF für die Uhrzeit (sonst wird so ein Film ja gerne nach Mitternacht versteckt), für die danach folgende haltstündige, den Film vertiefende Doku „Schrei nach Liebe“ (Regie: Liz Wieskerstrauch) und den Mut, einfach mal für einen Abend das heilige Programmschema zu ignorieren. Das heute-journal beginnt deshalb um 22.40 Uhr.

Am Dienstag, den 18. Mai, gibt es um 22.15 Uhr die ebenfalls halbstündige, ebenfalls den Film vertiefende „37°“-Dokumentation „Die Wütenden – Wenn Kinder das System sprengen“ (Regie: Anabel Münstermann, Valerie Henschel).

Mehr zum Film in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan

Hinweise

ZDF über „Systemsprenger“ (bis zum 15. August 2021 in der Mediathek)

Homepage zum Film

Filmportal über „Systemsprenger“

Moviepilot über „Systemsprenger“

Rotten Tomatoes über „Systemsprenger“

Wikipedia über „Systemsprenger“

Berlinale über „Systemsprenger“

Meine Besprechung von Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 16. Mai: Glass

Mai 15, 2021

Pro7, 20.15

Glass (Glass, USA 2019)

Regie: M. Night Shyamalan

Drehbuch: M. Night Shyamalan

In einer psychiatrischen Klinik behandelt Dr. Ellie Staple die gegen ihren Willen inhaftierten ‚Mr. Glass‘ Elijah Prince (Samuel L. Jackson), David Dunn (Bruce Willis; beide bekannt aus „Unbreakable“) und ‚The Beast‘ Kevin Wendell Crumb (James McAvoy, bekannt aus „Split“). Sie glaubt, dass diese Männer nicht über übermenschliche Kräfte verfügen, vulgo keine Superhelden, sondern ganz normal verrückt sind.

TV-Premiere, bestenfalls halb überzeugender Superheldenfilm, der weniger der Abschluss einer Trilogie ist, was wir auch erst beim Start von diesem Film erfahren haben, als der Beginn von irgendeiner neuen Serie, die es jetzt wahrscheinlich doch nicht gibt. Gut so.

Davon abgesehen: McAvoy ist ein Genuss. Samuel L. Jackson gewohnt zuverlässig. Bruce Willis gewohnt lustlos.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit James McAvoy, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Anya Taylor-Joy, Spencer Treat Clark, Charlayne Woodard, Sarah Paulson, Luke Kirby, M. Night Shyamalan

Wiederholung: Montag, 17. Mai, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Glass“

Metacritic über „Glass“

Rotten Tomatoes über „Glass“

Wikipedia über „Glass“ (deutsch, englisch)

Collider über das Ende (Ähem, ja, vor allem bei Wikipedia und Collider: Vorsicht Spoiler! – und auch der jetzt wohl mehr oder weniger offizielle Name der Trilogie ist, wenn man „Glass“ nicht gesehen und ein gutes Gedächtnis hat, ein Spoiler.)

Meine Besprechung von M. Night Shyamalans „After Earth“ (After Earth, USA 2013)

Meine Besprechung von M. Night Shyamalans „Split“ (Split, USA 2017)

Meine Besprechung von M. Night Shyamalans „Glass“ (Glass, USA 2019)


TV-Tipp für den 15. Mai: Border

Mai 14, 2021

One, 22.00

Border (Gräns, Schweden/Dänemark 2018)

Regie: Ali Abbasi

Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (nach der Erzählung „Gräns“ von John Ajvide Lindqvist)

Zollbeamtin Tina kann Gefühle erschnüffeln. Bei der Jagd auf Verbrecher ist dieses Talent ein Vorteil. Als sie bei einer Zollkontrolle Vore trifft, versagt ihr Geruchssinn. Aber sie weiß, dass er etwas verbirgt und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt.

Hochgelobtes genreüberschreitendes Drama. „Das grandiose Drama verwebt sozialen Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie zu einem zwitterhaften Werk, in dem aktuelle gesellschaftliche Debatten um Identitat, Ausgrenzung und Rassismus anklingen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitender Ausnahmefilm.“ (Lexikon des internationalen Films; dort auch in der Liste der 20 besten Kinofilme des Jahres 2019)

mit Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson

Hinweise

Moviepilot über „Border“

Rotten Tomatoes über „Border“

Wikipedia über „Border“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. Mai: Das Fenster zum Hof

Mai 13, 2021

Liebe Stubenhocker, das passiert, wenn ihr zu lange aus dem Hinterhoffenster in andere Wohnungen guckt:

One, 21.00

Das Fenster zum Hof (Rear Window, USA 1954)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Cornell Woolrich: Rear Window, 1942 (Das Fenster zum Hof, Kurzgeschichte)

Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?

Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).

Mehr Hitchcock gibt es um 00.30 Uhr im BR mit „Psycho“, der eindringlichen Warnung vor den Gefahren des Duschens.

Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr

Wiederholung: Samstag, 15. Mai, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Fenster zum Hof“

Wikipedia über „Das Fenster zum Hof“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Wikipedia über Cornell Woolrich (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Cornell Woolrich

Mordlust über Cornell Woolrich

DetNovel (William Marling) über Cornell Woolrich

Meine Besprechung von Robert Siodmaks Cornell-Woolrich-Verfilmung „Zeuge gesucht“ (Phantom Lady, USA 1943)

Cornell Woolrich in der Kriminalakte


TV-Tip für den 13. Mai: Police – Der Bulle von Paris

Mai 12, 2021

Servus TV, 22.30

Police – Der Bulle von Paris (Police, Frankreich 1985)

Regie: Maurice Pialat

Drehbuch: Catherine Breillat, Sylvie Danton, Jacques Fieschi, Maurice Pialat

In dem Pariser Stadtteil Belleville jagt Polizeiinspektor Mangin eine Bande tunesischer Drogenhändler. Auf seiner Jagd verliebt er sich in Noria, die Geliebte von einem Bandenmitglied. Und das ist keine gute Idee.

Hochgelobter düsterer Polizeifilm, der mir vor Ewigkeiten gut gefiel, gerade weil er sich mehr auf die Gefühle und Beziehungen der Hauptfiguren zueinander und die Gegend, in der die Geschichte spielt, konzentriert.

Ein Polizeifilm, der Regeln, Orte und Personen des Genres respektiert, ohne ihren vielfältigen Klischees zu verfallen.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Gérard Depardieu, Sophie Marceau, Richard Anconina, Sandrine Bonnaire, Pascale Rocard

Wiederholung: Freitag, 14. Mai, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

AlloCiné über „Police – Der Bulle von Paris“

Rotten Tomatoes über „Police – Der Bulle von Paris“

Wikipedia über „Police – Der Bulle von Paris“ (deutsch, englisch, französisch)


DVD-Kritik: Schrott mit Bruce Willis: „Cosmic Sin“ und „Hard Kill“

Mai 12, 2021

Seien wir ehrlich: diese Filme sind eine Beleidigung für die Zuschauer. Sie sind auch eine aktive Schändung des Frühwerks von Bruce Willis. Genau, der Bruce Willis, der mit der TV-Serie „Das Modell und der Schnüffler“ bekannt wurde (in den USA mehr als bei uns) und mit „Stirb langsam“ 1988 seinen Durchbruch hatte. Danach war er ein Box-Office-Garant. Seine Filme waren eine kluge Mischung aus Blockbuster-Filmen, guten Actionfilmen (oder Blockbuster mit kleinem Budget), Komödien und kleinen Rollen in Arthaus-Filmen. Nicht jeder dieser Filme ist ein Meisterwerk, aber es ist eine insgesamt überzeugende Mischung. Vor ungefähr zwanzig Jahren gab es einen Bruch. Seitdem spielt er, bis auf wenige, sehr wenige Ausnahmen, erkennbar lustlos in Schrottfilmen mit, deren Existenzberechtigung sich in dem Scheck für Bruce Willis erschöpft. Einen Grund, sich irgendeinen dieser Filme anzusehen, gibt es nicht.

Mit „Cosmic Sin“ und „Hard Kill“, einem Science-Fiction-Actionfilm und einem Actionfilm, erreicht diese Werkphase einen neuen Tiefpunkt. Beide Filme wurden schnell gedreht. Angesichts des Endprodukts stellt sich die Frage, warum sie mehr als einen Tag gebraucht haben. Ein Drehbuch hatten sie offensichtlich nicht. Die Dialoge sind ein Best-of der peinlichsten und abgenutztesten Actionfilm-Phrasen. Fragen nach interner Logik stellen sich nicht. Das ist, als ob man versuchen würde, mit einer Spinne über Quantenphysik reden möchte; – wobei das Gespräch sinnvoll wäre.

Cosmic Sin“ spielt 2524. Es ist eine Zukunft, die eigentlich wie die Gegenwart aussieht (Ja, es wird banaler Middle-of-the-Road-Schmockrock gehört und die Kneipe sieht wie die Spelunke an der Ecke aus. Das ist auch nachvollziehbar. Schließlich gehen wir am liebsten in Lokale, die aussehen, als habe es seit dem Mittelalter keine Umdekorierung gegeben, wir hören am liebsten unverstärkte mittelalterliche Lautenmusik und, nun, es geht doch nichts über die Computertechnik von 1529.). Wenige Minuten nach dem Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies werden James Ford (Bruce Willis), ein degradierter Soldat, und eine Gruppe Soldaten und Wissenschaftler losgeschickt auf den 13368 Lichtjahre entfernten Planeten Ellora. Das geht in der Zukunft schneller als eine heutige Pinkelpause. Hat irgendetwas mit Quantentechnik zu tun. Aber wahrscheinlich hat das Budget nicht für den Bau eines Raumschiffs gereicht.

Keine Stunde nach dem Erstkontakt landen sie auf dem Planeten. Bei der Landung werden sie versprengt und einige sterben (Frag nicht!). Wenige Sekunden später wird fröhlich herumgeballert und die Außerirdischen, die sehr menschlich aussehen, weil sie sich menschlicher Körper bemächtigen (eine sehr budgetschonende Lösung), sind natürlich sehr böse.

Ach, was soll ich sagen: Wenn dieses niedrigst budgetierte Werk eine TV-Serie wäre, wäre es eine extrem kurzlebige Serie, für die der Sender und alle Beteiligten sich schon vor der Ausstrahlung in Grund und Boden schämen würden. Falls sie das in jeder Beziehung schlechte Werk nicht schon vor der Ausstrahlung ins Archiv verbannt hätten.

Außerdem ist „Cosmic Sin“ humorloser reaktionärer Müll, der Geschlechterklischees und Harte-Männer-Klischees reproduziert, die schon vor Jahrzehnten ihr Verfallsdatum deutlich überschritten hatten.

Hard Kill“ ist kein Jota besser. Dieses Mal geht es um eine KI-Software, die in die Hände eines Terroristen fällt, der nur „Der Prediger“ heißt. Um das Programm zu starten, benötigt er ein Passwort, das nur Firmeninhaber Donovan Chalmers (Bruce Willis) kennt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen, außer dass gerade eine Fabrikruine als Drehort zur Verfügung stand, begibt sich Chalmers mit einem seiner Angestellten und einer vierköpfigen Eliteeinheit ehemaliger Soldaten, die schon einmal gegen den Prediger kämpften, in das leer stehende Gebäude. Dort wartet der Bösewicht schon auf sie.

Ab diesem Moment wird fröhlich herumgeballert, gesichtslose Bösewichter sterben und die Schauspieler gehen mit ernster Miene durch die Gänge der verlassenen Fabrik.

Dieses Set-up erinnert natürlich an viele andere Filme, die alle besser sind und hier nicht genannt werden, weil so der Eindruck entstehen könnte, der ambitionslos heruntergekurbelte Schund „Hard Kill“ könnte auf irgendeiner Ebene sinnvoll mit ihnen verglichen werden.

Hard Kill“ und „Cosmic Sin“ sind jenseits aller Rettungsversuche. Sie sind einfach nur schlecht. Es gibt wirklich keinen Grund, sie sich anzusehen.

Nach diesen drei Stunden mit Bruce Willis, der in beiden Filmen zusammen nur wenige Minuten im Bild ist, bleibt immerhin die Erkenntnis, dass er seine Karriere als Schauspieler an den Nagel gehängt hat. Da wird nichts sehenswertes mehr kommen.

Cosmic Sin – Invasion im All (Cosmic Sin, USA 2021)

Regie: Edward Drake

Drehbuch: Edward Drake, Corey Large

mit Frank Grillo, Bruce Willis, Brandon Thomas Lee, Corey Large, CJ Perry, Perry Reeves, Lochlyn Munro, Costas Mandylor

DVD

Dolphin Medien GmbH

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Behind-the-Scenes-Bildergalerie, Wendecover

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Cosmic Sin“

Metacritic über „Cosmic Sin“

Rotten Tomatoes über „Cosmic Sin“

Wikipedia über „Cosmic Sin“ (deutsch, englisch)

Cosmic Sin“ ist auch digital und auf Blu-ray verfügbar.

Hard Kill (Hard Kill, USA 2020)

Regie: Matt Eskandari

Drehbuch: Joe Russo, Chris LaMont (nach einer Geschichte von Clayton Haugen und Nikolai From)

mit Bruce Willis, Jesse Metcalfe, Lala Kent, Texas Battle

DVD

EuroVideo

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Making-of

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hard Kill“ ist digital ab dem 13. Mai, als DVD und Blu-ray ab dem 20. Mai verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Hard Kill“

Metacritic über „Hard Kill“

Rotten Tomatoes über „Hard Kill“

Wikipedia über „Hard Kill“ 


TV-Tipp für den 12. Mai: Der unverhoffte Charme des Geldes

Mai 11, 2021

Arte, 20.15

Der unverhoffte Charme des Geldes (La chute de l’empire américain, Kanada 2018)

Regie: Denys Arcand

Drehbuch: Denys Arcand

In Montreal stolpert Paketfahrer Pierre-Paul Daoust, hochintelligenter, studierter Philosoph, leidenschaftlicher Kaptitalismusgegner und überaus gesetztestreuer Bürger, in einen schief gehenden Überfall. Bevor die Polizei auftaucht, versteckt er die Beute in seinem Laster. Danach steht er vor der Frage, was er mit den Säcken voller Geld machen soll. Eine Escort-Dame, ein vorbestrafter Finanzjongleur und ein Offshore-Banker wollen ihm helfen das Geld zu waschen. Gleichzeitig suchen die Polizei und einige Mafiosi die Beute.

TV-Premiere. Muntere, äußerst philosophische Krimikomödie, die gleichzeitig eine Lehrstunde in der Kunst des Geldwachens ist und eine sehr interessante Antwort auf die Frage gibt, was ein armer, ehrlicher Mann macht, wenn er plötzlich reich ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des humanistischen Verbrecherfilms.

mit Alexandre Landry, Maripier Morin, Rémy Girard, Pierre Curzi, Vincent Leclerc, Louis Morissette, Maxim Roy

Hinweise

Arte über „Der unverhoffte Charme des Geldes“ (online bis zum 10. Juni 2021)

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Der unverhoffte Charme des Geldes“

Metacritic über „Der unverhoffte Charme des Geldes“

Rotten Tomatoes über „Der unverhoffte Charme des Geldes“

Wikipedia über „Der unverhoffte Charme des Geldes“

Meine Besprechung von Denys Arcands „Der unverhoffte Charme des Geldes“ (La chute de l’empire américain, Kanada 2018)


Spider-Man Noir reist von New York über „Berlin bis Babylon“

Mai 11, 2021

Gut, in dem Spielfilm „Spider-Man: Far from Home“ besuchte der Schüler Peter Parker mit seinen Mitschülern Europa und gerät dort in einige Abenteuer, die das Einschreiten von Spider-Man erfordern. Aber normalerweise verlässt Parker seine Heimatstadt nicht. Dort kämpft er gegen Bösewichter. Und das ist in New York ein Full-Time-Job.

Als er in „Berlin bis Babylon“ bei den Ermittlungen in einem Mordfall die Museumskuratorin Dr. Huma Bergmann, – jung, gutaussehend und intelligent – , kennen lernt und die Spur nach Europa führt, zögert er. Er mag die Nazis zwar nicht, aber die bedrohen nicht seine Nachbarschaft, sondern treiben im fernen Europa ihr Unwesen.

Spätestens jetzt ist ein erklärender Einschub nötig. Denn die von Margaret Stohl geschriebene und von Juan Ferreyra formidabel gezeichnete Spider-Man-Geschichte „Berlin bis Babylon“ gehört zur hier auch schon abgefeierten Noir-Reihe von Marvel. In ihr erzählen verschiedene Autoren und Zeichner neue, eigenständige Geschichten mit den bekannten Marvel-Helden. Eine Anknüpfung an die Schwarze Serie, also die Phase Hollywoods, in der Noir-Krimis gedreht wurden, und an die alten Pulps ist explizit erwünscht. Und so spielt „Berlin bis Babylon“ 1939, wenige Tage vor Kriegsausbruch. Peter Parker ist Privatdektiv; so ein richtiger Hardboiled-Dick, der seinen Sam Spade und Philip Marlowe studiert hat. Und die Geschichte wird, bis auf wenige Farbtupfer, in Schwarz-Weiß erzählt. Denn damals beherrschten SW-Filme den Markt.

Nach kurzem Zögern und etwas Zureden – schließlich müssen für den Kampf gegen die Nazis alle Kräfte mobilisiert werden (ich denke da an den Humphrey-Bogart-Film „Agenten der Nacht“ [All through the Night, 1941]) – fliegt Parker mit Huma zunächst nach London. Von da aus geht es weiter nach Berlin zu einem Kurzbesuch auf der Museumsinsel und dann nach Babylon. Auf dem Gebiet der Ausgrabungsstätte Uruk soll seit Jahrhunderten ein Kristall versteckt sein, der in den falschen Händen das Ende von Allem bedeuten würde. Selbstverständlich wollen die Nazis den Stein haben.

Berlin bis Babylon“ orientiert sich kaum am klassischen Noir, sondern mehr an pulpigen Abenteuergeschichten und Serials, in denen der Held durch haarsträubende Abenteuer stolpert und Erholungspausen nur beim Umblättern einer Seite entstehen. In den achtziger Jahren erlebten diese Geschichten mit den „Indiana Jones“-Filmen eine Renaissance. Und ein Indiana-Jones-Abenteuer könnte Peter Parkers Abenteuer auch sein. Auf seiner Suche begegnet Parker auch alten Bekannten, wie den jetzt für die Nazis kämpfenden Electro.

Trotzdem ist dieses „Spider-Man Noir“-Abenteuer perfekt für Neueinsteiger und Pulp-Fans. Da ich mehr ein Pulp- als ein Spider-Man-Fan bin, hoffe ich jetzt natürlich auf das nächste Abenteuer von PI Peter Parker. Gerne wieder gegen böse Nazis.

Margaret Stohl/Juan Ferreyra: Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini, 2021

124 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Spider-Man Noir (2020) # 1 – 5

Marvel, 2020

Hinweise

Wikipedia über Margaret Stohl

Marvel über Spider-Man Noir


Cover der Woche

Mai 11, 2021


TV-Tipp für den 11. Mai: Utopia in Babelsberg – Science Fiction aus der DDR

Mai 10, 2021

RBB, 21.15

Utopia in Babelsberg – Science Fiction aus der DDR (Deutschland 2021)

Regie: Knut Elstermann

Drehbuch: Knut Elstermann

Brandneue 45-minütige, von der Machart konventionelle, kurzweilige und informative Doku über die im Westen ziemlich unbekannten Science-Fiction-Filme der Defa. Es waren wenige. Die Story war oft mau; vor allem weil es in der sozialistischen Utopie keine Konflikte mehr gab und eigentlich alle Probleme gelöst waren und in dieser Utopie Menschen aller Völker und Länder friedlich zusammen arbeiteten. Aber die Tricks überzeugten. Und die Sets sehen auch heute noch gut aus. Schon während der Doku hatte ich Lust, mir diese vergessenen SF-Filme anzusehen. Allein schon wegen der Tricks. Und, zugegeben, dem herrlichen Retro-Gefühl.

In der Doku werden „Der schweigende Stern“ (1960) (läuft am Sonntag, den 16. Mai, um 14.45 Uhr im RBB), „Signale – Ein Weltraumabenteuer“ (1970), „Eolomea – Unheimliche Zeichen aus dem All“ (1972) und „Im Staub der Sterne“ (1976) genauer betrachtet.

Kurz erwähnt werden die Kinderfilme „Unternehmen Proxima Centauri“ (1962, ein Puppenfilm), „Alfons Zitterbacke“ und „Die Sensation des Jahrhunderts“ (1960, ein Trickfilm).

Die Doku ist Teil einer Reihe zum 75. Geburtstag der Defa. Unter dem Titel „DEFA 75“ zeigt der RBB bis zum 17. Mai 2021 über zwanzig Spielfilme, Dokumentationen und Kinder- und Märchenfilmen der Defa. Ab dem 16. Mai präsentieren der MDR und der RBB in der ARD-Mediathek mit über fünfzig Defa-Produktionen einen großen Themenschwerpunkt zu 75 Jahren Defa. Hoffentlich sind auch einige der in „Utopia in Babelsberg“ ausführlich vorgestellten SF-Filme dabei.

Hinweis

Homepage der Defa-Stiftung

RBB über „Utopia in Babelsberg“ und die Defa-Filmreihe

Wikipedia über die Defa (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 10. Mai: Die 317. Sektion

Mai 9, 2021

Arte, 20.15

Die 317. Sektion (La 317e Section, Frankreich 1965)

Regie: Pierre Schoendoerffer

Drehbuch: Pierre Schoendoerffer

LV: Pierre Schoendoerffer: La 317e Section, 1963

Der ehemalige Kriegsberichterstatter Pierre Schoendoerffer erzählt nüchtern eine von ihm selbst erlebte Episode aus dem Indochina-Krieg: Im Mai 1954 soll sich eine Einheit französischer Soldaten von einem Außenposten in Nord-Laos zurückziehen

Extrem selten gezeigter und daher fast unbekannter Kriegsfilm, der seine deutsche Premiere 1968 im ZDF hatte.

Eindrucksvoll als ehrlicher Kriegsfilm, der sich dem Pathos des Heldentums wie der Verzweiflung verweigert.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Jacques Perrin, Bruno Cremer, Pierre Fabre, Manuel Zarbu

Wiederholung: Freitag, 14. Mai, 13.45 Uhr

Hinweise

AlloCiné über „Die 317. Sektion“

Rotten Tomatoes über „Die 317. Sektion“

Wikipedia über „Die 317. Sektion“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 9. Mai: Sophie Scholl – Die letzten Tage

Mai 8, 2021

ARD, 23.50

Sophie Scholl – Die letzten Tage (Deutschland 2005)

Regie: Marc Rothemund

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Das sei Schulfernsehen, sagte Breinersdorfer, als Rothemund ihm vorschlug die letzten Tage der Geschwister Scholl zu verfilmen. Dann vertiefte er sich in die Protokolle der Verhöre und schrieb das Drehbuch zu einem von Kritikern, Kollegen und Publikum hochgelobten Film. Deutlich über eine Million Zuschauer sahen „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in den deutschen Kinos.

Breinersdorfer schrieb anschließend die Drehbücher zu den ebenso sehenswerten, nah an den Fakten entlang erzählten Dramen „Elser“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ über Widerstand und Zivilcourage während der Nazi-Diktatur.

Mit Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Jörg Hube

Hinweise

Filmportal über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

Rotten Tomatoes über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

Wikipedia über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (deutsch, englisch), Sophie Scholl und die Weiße Rose

Bundeszentrale für politische Bildung über Sophie Scholl und die Weiße Rose und den Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Filmheft, undsoweiter)

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Fred und Léonie Breinersdorfers „Das Hurenspiel – Ein Fall für Abel“ (2006)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Deutschland 2016)


TV-Tipp für den 8. Mai: Elser

Mai 7, 2021

One, 21.45

Elser (Deutschland 2015)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer

Packendes Drama über Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag auf Adolf Hitler verübte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Wenn die Anfangszeiten im TV-Programm stimmen, wird eine rabiat auf 90 Minuten gekürzte Fassung des 114-minütigen Films gezeigt. Keine Ahnung warum. Denn die Kinofassung ist perfekt.

mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk

Hinweise

Film-Zeit über „Elser“

Moviepilot über „Elser“

Rotten Tomatoes über „Elser“

Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)


Die Krimibestenliste Mai 2021

Mai 7, 2021

Auch wenn das Wetter eher April (von der Regen-Sonnenschein-Sturm-Hagel-Graupelschauer-Blauer-Himmel-Wechselgeschwindigkeit) oder Februar (eiskalt, wirklich wirklich eiskalt) ist, folgt die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur streng dem Kalender. Da steht: Mai.Für den Fast-schon-Sommermonat empfehlen die Damen und Herren Krimikritiker:innen folgende Lektüre:

1 (-) David Peace: „Tokio, neue Stadt“

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Liebeskind, München 2021

432 Seiten, 24 Euro

2 (8) Simone Buchholz: „River Clyde“

Suhrkamp, Berlin 2021

230 Seiten, 15,95 Euro

3 (-) Colin Niel: „Nur die Tiere“

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Lenos, Basel 2021

286 Seiten, 22 Euro

4 (3) Matthias Wittekindt: „Vor Gericht“

Kampa, Zürich 2021

318 Seiten, 19,90 Euro

5 (2) S. A. Cosby: „Blacktop Wasteland“

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Ars Vivendi, Cadolzburg 2021

320 Seiten, 22 Euro

6 (-) Louisa Luna: „Tote ohne Namen“

Aus dem Englischen von Andrea O‘Brien

Suhrkamp, Berlin 2021

444 Seiten, 15,95 Euro

7 (1) Merle Kröger: „Die Experten“

Suhrkamp, Berlin 2021

688 Seiten, 20 Euro

8 (10) James McBride: „Der heilige King Kong“

Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence

btb, München 2021

448 Seiten, 22 Euro

9 (6) Patrícia Melo: „Gestapelte Frauen“

Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita

Unionsverlag, Zürich 2021

252 Seiten, 22 Euro

10 (-) „Kate Atkinson: Weiter Himmel“

Aus dem Englischen von Anette Gruber

Dumont, Köln 2021

476 Seiten, 24 Euro


TV-Tipp für den 7. Mai: Die Brücke

Mai 6, 2021

3sat, 20.15

Die Brücke (Deutschland 1959)

Regie: Bernhard Wicki

Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier (d. i. Heinz Pauck), Bernhard Wicki

LV: Manfred Gregor: Die Brücke, 1958

In den letzten Kriegstagen erhalten sieben Oberschüler ihre Einberufung. Sie sollen eine militärisch unwichtige Brücke in ihrer Heimat verteidigen.

Klassiker und brutaler Antikriegsfilm

„Heldentum ist nur etwas wert, wenn es für die richtige Sache geschieht. Und für mich, aus meinem persönlichen Schicksal heraus, war die Verteidigung der Brücke nicht erst 1959, sondern auch schon während des Krieges die falsche Sache.

Ich habe in den Jahren sei der ‚Brücke‘ Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie auch aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“ (Bernhard Wicki in Robert Fischer: Bernhard Wicki – Regisseur und Schauspieler, 1994)

mit Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Karl Michael Balzer, Volker Lechtenbrink, Günther Hoffmann, Cordula Trantow, Wolfgang Stumpf, Günter Pfitzmann, Heinz Spitzner, Siegfried Schürenberg, Loriot (Was für eine Besetzung!)

Hinweise

Filmportal über „Die Brücke“

Rotten Tomatoes über „Die Brücke“

Wikipedia über „Die Brücke“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Mai: The Rider

Mai 5, 2021

Vor „Nomadland“ war

RBB, 23.40

The Rider (The Rider (USA 2017)

Regie: Chloé Zhao

Drehbuch: Chloé Zhao

Quasi-dokumentarischer Spielfilm über den jungen Rodeoreiter Brady Blackburn (Brady Jandreau), der nach einem Unfall nicht mehr Rodeo reiten darf und seinen Versuchen, sich damit zu arrangieren.

Chloé Zhao, die vor wenigen Tagen für ihren neuen Film „Nomadland“ unter anderem den Oscar als bester Spiefilm und für die beste Regie erhielt (der deutsche Kinostart ist noch unklar), erzählt in ihrem vorherigen Film mit Laiendarstellern, die sich letztendlich selbst spielen, vom deprimierend trostlosen Leben im US-amerikanischen Hinterland. Da ist, bis auf die leinwandfüllenden Sonnenuntergänge, alles deprimierend trostlos. Vom Mythos des Rodeoreiters, den Sam Peckinpah schon in „Junior Bonner“ entmystifizierte und dem Brady und seine Freunde wie einer Religion anhängen, bleibt nichts mehr übrig.

Dank der Schauspieler, den leinwandfüllenden Bildern, Zhaos geduldigem Einlassen auf die Laiendarsteller und ihr Leben und ihrem sie, ihr Leben und ihre Ansichten nie verurteilendem Blick ist der Neo-Western „The Rider“ ein aufbauender, zutiefst humanistischer Film.

mit Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Tim Jandreau, Lane Scott, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier

Wiederholung: Arte, Mittwoch, 19. Mai, 22.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Rider“

Wikipedia über „The Rider“ (deutsch, englisch)


Ausgezeichnete Bücher: Der Glauser-Gewinner 2021: Tommie Goerz: Meier

Mai 5, 2021

Das also ist nach Ansicht des Syndikats der beste deutschsprachige Kriminalroman des Jahres: ein schlankes hundertsechzigseitiges Buch. Geschrieben von Tommie Goerz, der bereits mehrere Romane mit Kommissar Friedo Behütuns schrieb. „Meier“ heißt das Werk und so heißt auch der Protagonist des waschechten Gangsterkrimis.

Nach zehn Jahren wird Meier wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Er war für einen Mord verurteilt worden, den er nicht begangen hat. Familie, Freunde und Verwandte hat er nicht mehr. Geld auch nicht.

Jetzt will er seine Ruhe haben. Deshalb mietet er ein heruntergekommenes, an einer Bahntrasse liegendes Haus. Alle paar Minuten donnert ein Zug vorbei. Hier hofft er, keinen Kontakt zu seinen Nachbarn zu haben. Das ist ein Irrtum. Die stehen, auf dem zugemüllten Nachbargrundstück und der Straße, beobachten den Neuankömmling und drängen sich ihm auf mit Gefälligkeiten und den Bitten um Gefälligkeiten, wie der Hilfe beim Abholen eines Schrankes aus einem Nachbardorf.

Gleichzeitig überbringt Meier einem tschetschnischen Gangsterboss eine enorm wichtige Zahlenkombination, die ihm im Gefängnis ein Mithäftling anvertraut hat. Und er klaut. Wie das geht, ohne erwischt zu werden, hat er im Knast gelernt. Außerdem hat er die Strafe für diese Taten schon abgesessen.

Und er will sich an den Polizisten rächen, die ihn damals zum Mörder machten.

Als erstes fällt die lakonisch-knappe Sprache auf. Auf den ersten Blick erinnert sie mit ihren kurzen Sätzen und vielen Absätzen an Don Winslow. Aber der schreibt handlungsbetonter und schwarzhumoriger. „Meier“ ist dagegen eher die Studie eines Mannes, der nach einer zehnjährigen Haftstrafe vor dem Nichts steht und aus der Einsamkeit wieder zurück ins Leben findet. Das geschieht vor allem über Beschreibungen, Beobachtungen, Gedanken und zufällige Begegnungen, wie ein Gespräch mit einem Nachbarn, das Treffen mit einer Frau, deren Ente nicht mehr anspringt, oder seine Tage in einer Landkommune, die Probleme mit einem wegen einer benachbarten Kiesgrube absackendem Schuppen hat. Beide Male kann Meier helfen. Erst langsam wird Meiers intelligenter Racheplan offensichtlich und er hat, soviel kann verraten werden, eine gute Chance, umgesetzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen unter Krimifans beliebten Verbrechern, wie Parker, Wyatt und Crissa Stone, muss er sich nicht mit unzuverlässigen Kollegen, Konkurrenten und Störenfrieden, wie korrupten Polizisten, herumschlagen. – Obwohl, die gibt es auch in „Meier“.

Daraus macht Goerz einen literarisch gesättigten, in jeder Beziehung schlanken Gangsterkrimi, der gelungen bekannte Genretopoi in die bundesdeutsche Wirklichkeit überträgt. Auch wenn „Meier“ am Ende vor allem eine Rachegeschichte ist. In jedem Fall ist „Meier“ ein Glauser-Preisträger, den man gelesen haben sollte.

Tommie Goerz: Meier

ars vivendi, 2020

160 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von Tommie Goerz

Wikipedia über Tommie Goerz


TV-Tipp für den 5. Mai: Die schönen Tage

Mai 4, 2021

Arte, 20.15

Die schönen Tage (Les beaux Jours, Frankreich 2013)

Regie: Marion Vernoux

Drehbuch: Marion Vernoux, Fanny Chesnel

LV: Fanny Chesnel: Une jeune fille aux chevaux blancs, 2010

Zu ihrer Pensionierung erhält die immer noch mitten im Leben stehende, verheiratete Zahnärztin Caroline von ihren Töchtern einen Gutschein für den titelgebenden Seniorenclub „Die schönen Tage“. Als sie dorthin geht, lernt sie den zwanzig Jahre jüngeren, überaus charmanten Computerlehrer Julien kennen.

TV-Premiere; keine Ahnung, warum das bei diesem Film, der auch bei uns vor acht Jahren im Kino lief, so lange dauerte.

Die schönen Tage“ ist ein feinfühlig erzähltes Melodrama, das im positiven Sinn an die Filme von Claude Lelouch, Claude Sautet und Francois Truffaut erinnert, die sich auch immer wieder mit den Fallstricken der Liebe beschäftigten.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais, Jean-Francois Stévenin, Fanny Cottencot, Chatherine Lachens

Wiederholung: Freitag, 7. Mai, 13.45 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Die schöne Tage“

Metacritic über „Die schöne Tage“

Rotten Tomatoes über „Die schöne Tage“

AlloCine über „Die schöne Tage“

Wikipedia über „Die schöne Tage“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Marion Vernoux‘ „Die schönen Tage“ (Les beaux Jours, Frankreich 2013)


Cover der Woche

Mai 4, 2021

weil heute Star Wars Day ist: May the Fourth Force be with you!


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