Gaza, 2007: Osama, Inhaber eines Falafel-Geschäfts und Drogenhändler, Yahya, ein bei ihm angestellter Student, und Abou Sami, ein korrupter Polizist, treffen aufeinander und eine eher zufällige Abfolge von Ereignissen entwickelt sich, die zu Osamas Tod, weiteren Toten und der Mitarbeit Yahyas in einem patriotischem, palästinensischem No-Budget-Actionfilm als Hauptdarsteller führen. Anfangs lassen einige atmosphärische Nachtaufnahmen auf einen Noir-Gangsterfilm hoffen.
Diese Hoffnungen erfüllen sich nicht. Formal zerfällt das von den Zwillingsbrüdern Tarzan und Arab Nasser unglaublich dröge erzählte Drama „Once upon a time in Gaza“ in zwei fast vollständig voneinander unabhängige Kurzfilme mit viel Füllmaterial und noch mehr verpassten Gelegenheiten.
Once upon a time in Gaza (Once upon a time in Gaza, Frankreich/Palästina/Deutschland/Portugal/Katar/Jordanien 2025)
Regie: Tarzan Nasser, Arab Nasser
Drehbuch: Tarzan Nasser, Arab Nasser, Amer Nasser, Marie Legrand
Irgendwann…also, nein, die anderen werden natürlich älter, aber man selbst fühlt sich immer noch so jung wie damals. Auch wenn die 21-jährige Tochter jetzt ausziehen will. Und die Ehefrau gleich mit. Hannes Wenger (Sebastian Bezzel), Bestsellerautor, der anscheinend sein Debüt mit abnehmendem Verkaufserfolg immer wieder recycled (Er sollte mal Herrn Fitzek fragen, wie man es anders macht.) ist schockiert. Er hat sich doch, wenn er nicht gerade am Schreibtisch Geschichten erfand, liebevoll um seine Familie gekümmert und in der großen Vorstadtvilla alle umsorgt. Jetzt sitzt er mit seinem Sohn Nick in einer unfreiwilligen Männer-WG.
Diese unfreiwillige WG-Gründung und die sich daraus ergebenden Probleme sind nicht der Beginn eines „Hangover“-ähnlichen Klamauks, sondern ein erstaunlich feinsinniger Film über Beständigkeit, Veränderungen und sanfte Neubeginne.
Die Vorlage für Sönke Wortmanns neue Komödie stammt von Jan Weiler. „Die Ältern“ ist der vierte Band seiner erfolgreichen, teils bereits verfilmten Pubertier-Reihe, in der er die Erlebnisse der Familie Wenger schildert, vor allem wie die Kinder erwachsen werden. Inzwischen steht der Auszug der Kinder auf der Agenda.
Wortmann schildert Hannes Kampf um Beständigkeit in einer sich verändernden Welt wird humorvoll im Heinz-Erhardt-Stil. Dieser zum zustimmenden Schmunzeln anregende, niemanden verletztenden, leicht selbstironische Humor wahrt immer ein bestimmtes Niveau. Die Geschichte, die die einzelnen Erlebnisse von Hannes auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis strukturiert, stößt seine Figuren niemals in existentielle Krisen. Sie geht auch niemals sonderlich in die Tiefe, aber sie ist durchaus geeignet, auch über das eigene wohl situierte Leben und notwendige und nicht notwendige Veränderungen nachzudenken. Also, so Veränderungen, wie einmal ein anderes Restaurant auzuprobieren oder die nächsten Ferien an einem anderen Ort zu verbringen. Oder den Schreibtisch umzuräumen.
Die Ältern(Deutschland 2026)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Jan Weiler, Robert Gold
LV: Jan Weiler: Die Ältern, 2020
mit Sebastian Bezzel, Anna Schudt, Kya-Celina Barucki, Philip Müller, Judith Bohle, Thomas Loibl, Nilma Farooq
TV-Premiere. Hochspannender und, auch für die Menschen, die alle Fakten im Schlaf herunterbeten können, informativer Polit-Thriller über die schwierige Entstehung des „Feinstein-Reports“. 2009 beauftragte die US-Senatorin Dianne Feinstein den Senatsmitarbeiter Daniel J. Jones, einen Bericht über die ‚erweiterten Verhörmethoden‘ (Folter) der CIA nach dem 11. September zu schreiben. Er vertieft sich in die Akten und ist, obwohl die Fakten damals schon bekannt waren, schockiert.
mit Adam Driver, Annette Benning, Ted Levine, Jon Hamm, Sarah Goldberg, Maura Tierney, Michael C. Hall, Douglas Hodge, Fajer Kaisi, Jennifer Morrison, Tim Blake, Corey Stoll, Matthew Rhys
Der Roman ist ein oft verfilmter Klassiker der englischen Literatur. Die letzte bekanntere Verfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (Die Sturmhöhe) ist von 2011. Andrea Arnold machte die Liebesgeschichte zu einen echten Arnold-Film. Die Hauptrollen spielen zwei knapp zwanzigjährige Schauspieler. Sie sind in dem Alter, das die von ihnen gespielten Figuren auch im Buch haben. Catherine stirbt im Roman als 19-jährige. Das ist kein Spoiler. Es wird schon in der Personenübersicht des Romans verraten. Heathcliff wird von einer dunkelhäutigen Person gespielt. Im Roman bleibt seine Herkunft im Dunkeln. Er sei, heißt es im Roman, ein „dunkelhäutiger Zigeuner“ oder ein Inder oder von ähnlich niedrigem gesellschaftlichem Rang. Wir reden hier, wenn wir uns auf die Jahre konzentrieren, in denen der Film spielt, von den Jahren zwischen 1771 und 1784.
Die neueste Brontë-Verfilmung ist von „Promising Young Woman“-Regisseurin Emerald Fennell. Margot Robbie und Jacob Elordi übernahmen die Hauptrollen. Sie spielen das Liebespaar Cathy und Heathcliff. Wie fast alle anderen Verfilmungen konzentriert Fennell sich auf deren Geschichte und ignoriert den umfangreicheren Rest des Romans.
Fennells Film beginnt, nachdem sie eine öffentliche Hinrichtung in drastischen Details und sensationslüsternen Kommentaren zeigt, mit der Ankunft von Heathcliff auf dem Hof der Earnshaws. Er liegt im Moor von Yorkshire. Earnshaw hat den Jungen, über dessen Herkunft nichts bekannt ist, bei einer Reise aufgenommen. Zunächst ist er für Cathy Earnshaw ein Spielkamerad. Später vertieft sich ihre Beziehung. Sie sind ineinander verliebt und würden am liebsten zusammen bleiben.
Trotzdem heiratet sie, gesellschaftlichen Konventionen folgend, den neuen Nachbarn Edgar Linton. Heathcliff verläßt den Hof. Einige Jahre später kehrt er als reicher Mann zurück. Fortan haben, unter Lintons und den Augen des Personals, Cathy und Heathcliff eine seltsam verquere Liebesbeziehung, die mit ihrem Tod endet. Damit endet auch der Film.
Emily Brontës Roman wird immer, so auch im Filmtrailer, als „größten Liebesgeschichte aller Zeiten“ gelabelt. Angesichts der Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff wirkte das schon immer etwas seltsam. In der aktuellen Interpretation ist dieses Labeling noch seltsamer.
Sie sind zwei sehr unsympathische Menschen. Gehässig, rachsüchtig, intrigant, egoistisch. Für eine gute Filmgeschichte ist das kein Problem. Ein Problem ist, dass sie außerdem zwei uninteressante Menschen. Die anderen in der Geschichte vorkommenden Menschen sind, bis auf Edgar Linton, ähnlich uninteressante Grobiane.
Eine Liebesgeschichte erzählt „Wuthering Heights“ nur insofern, dass Cathy und Heathcliff Gefühle füreinander haben. Es ist eine toxische Beziehung, eine extreme Co-Abhängigkeit, die schon für Teenager schwierig gewesen wäre. Für Erwachsene (jedes Bild von Robbie und Elordi zeigt, dass sie schon lange keine Teenager mehr sind) sollte dieses Verhalten direkt zu einer psychiatrischen Behandlung führen.
Das was sie füreinander empfinden ist das Gegenteil von Liebe. Ihre Geschichte ist keine Liebesgeschichte, sondern die Travestie einer Liebesgeschichte. Das ist „Eine fatale Affäre“ im Moor von Yorkshire; wobei unklar ist, wer Täter und wer Opfer ist.
Jedenfalls in dem Teil, den Emerald Fennell in ihrem Film zeigt, der nur einen Bruchteil des Romans verfilmt, vieles weglässt und vieles verändert.
Sie interpretiert dabei die, uh, Liebesgeschichte mit den Gefühlsaufwallungen eines Teenagers. Sie las den Roman zum ersten Mal als Vierzehnjährige. Sie lässt alles weg, was einen Teenager nicht interessiert. Das sind die englische Klassengesellschaft und der Rassismus gegenüber dem Findelkind Heathcliff. Beides verhindert seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Es erklärt auch seinen Hass und Rachsucht gegenüber Linton und der Gesellschaft. Im Film funktioniert diese Erklärung natürlich nicht.
Die Liebe zwischen Cathy und Heathcliff bleibt, ab dem Moment, in dem sie von Robbie und Elordi gespielt werden, reine Behauptung. Als Kinder, gespielt von Charlotte Mellington und Owen Cooper, ist die tiefe Freundschaft glaubwürdiger. Beide sind, wie oben schon angedeutet und wie die Leser des Romans wissen, keine besonders sympathischen Menschen. Sie ist manipulativ. Er ist ein Grobian. Beide sind rachsüchtig und auf sich selbst bezogen.
Alle anderen Figuren sind vernachlässigbare Nebenfiguren. Das gilt auch und vor allem für Heathcliffs Gegner Linton, den Ehemann von Cathy, der anscheinend ein ziemlich netter Kerl ist. Aber mehr als zweieinhalb weitgehend bedeutungslose Szenen hat er nicht.
Wer nach dem Trailer ein kunterbuntes Über-Kitsch-Fest erwartet, wird enttäuscht sein. Diese Bilder, die sich stilistisch an den Cover-Entwürfen für entsprechende für ein jüngeres weibliches Publikum gestaltete Romance-Novellen orientieren (Auch Fennell las den Roman erstmals in einer Ausgabe mit einem solchen Cover. Auf dem sah Heathcliff wie Elordi aus), werden fast vollständig im Trailer gezeigt.
Der Rest des deutlich über zweistündigen Films hat einige eindrucksvolle Bilder, einige könnten sogar aus einem Gothic-Horrorfilm sein, und viele unglaublich dunkle Bilder, in denen kaum erkennbar ist, was gezeigt wird. Es sind sparsam bewegte dunkle Holzschnitzereien. Das Erzähltempo ist langsam. Da sterben sogar in einer Oper die Ariensängerinnen in ihrer großen Sterbeszene schneller.
Inszeniert ist diese Version von „Wuthering Heights“ wie ein altmodischer Kostümfilm, der sich nicht darum kümmert, ob die Kleider und die Ausstattung wirklich in die Zeit passen. Solange es gut aussieht, ist es okay. Auch dass Robbie und Elordi deutlich älter sind, als die Personen, die sie spielen, ist egal. 1940 wurde sich um solche Details auch nicht gekümmert. Heute mutet diese Unbekümmertheit, trotz der Verwendung neuer Songs von Charli XCX, unglaublich altmodisch an. Oder wie die Fantasie einer Vierzehnjährigen, die sich gerade ein altes Hollywood-Melodrama angesehen hat..
Vor allem, wenn man sich an Andrea Arnolds Interpretation erinnert, in der Alter und Hautfarbe von Cathy und Heathcliff mit der des Romans übereinstimmen und deren Gefühle nachvollziehbar sind, ist Emerald Fennells in jeder Beziehung ein ziemlicher Rückschritt weit zurück in die Vergangenheit, in der erstaunlich wenig funktioniert.
P. S.: Der überkorrekte deutsche Titel ist „“Wuthring Heights“ – Sturmhöhe“. Der ebenso überkorrekte Originaltitel „Wuthering Heights“. Aber das sieht einfach zu affig aus. Jedenfalls abseits von dem Filmplakat.
LV: Emily Brontë: Wuthering Heights – A Novel by Ellis Bell, in Three Volumes, 1847 (Die Sturmhöhe)
mit Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver, Martin Clunes, Ewan Mitchell, Charlotte Mellington, Owen Cooper
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
(wer die gesamte Geschichte lesen und erfahren will, warum ein vor fast 180 Jahren erschienener Roman immer noch gelesen, interpretiert und verehrt wird)
Emily Brontë: Die Sturmhöhe
(übersetzt von Grete Rambach)
Insel Verlag, 2025
464 Seiten
16 Euro
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Der Roman erschien und ist erhältlich in verschiedenen Übersetzungen bei verschiedenen Verlagen unter leicht abweichenden Titeln.
Nanni Moretti dreht einen Film mit sich in der Hauptrolle, über einen Regisseur der einen Film dreht, der Nanni Moretti sein könnte. Das ist für langjährige Fans von Nanni Moretti nichts Neues. Seine Spielfilme waren in den vergangenen Jahrzehnten auch immer mehr oder weniger offensichtliche und autobiographische Auseinandersetzungen mit seinem Leben, seinen politischen Ansichten und seinem Heimatland Italien. Wie alle Linksintellektuellen haderte er oft mit den Wahlentscheidungen seiner Landsleute. Und er fährt wieder durch die leeren Straßen Roms. Dieses Mal nicht auf einer Vespa, sondern, ganz im Trend, auf einem E-Scooter.
In diesem Moment kommt Giovanni (so heißt Nanni Moretti in dem Film) zur Ruhe. Dazwischen wird er zur Verzweiflung getrieben von jüngeren Mitarbeitern, die nicht glauben wollen, dass es in Italien Kommunisten gab. Die gibt es ja nur in Russland. Und von deutlich jüngeren Netflix-Angestellten, die seinen Film finanzieren wollen, ihm wiederholt sagen, dass ihre Filme in 190 Länder gezeigt würden, und er dafür in einer bestimmten Minute etwas bestimmtes zeigen müsse und der Film einen What-the-fuck-Moment haben müsse. Das sind Drehbuchregeln, die knallhart mit dem europäischen Kino kollidieren.
Er selbst treibt seine Familie und seine Mitarbeiter mit peinlich zu befolgenden Ritualen halb in den Wahnsinn. Aber trotz aller Schrullen ist er doch ein höchst sympathischer Zeitgenosse.
Auch wenn er sich in die Schlusseinstellung eines Gangster-Thrillers, den seine Frau produziert, einmischt. Diese Gewalttätigkeit verstoße gegen alle filmischen Prinzipien (Endlich hält jemand filmische Reinheitsgebote hoch und glaubt an die Kraft der Kunst!). Er stoppt die gesamten Dreharbeiten, ruft Kollegen an, fragt sie um ihre Meinung. Am Ende sogar Martin Scorsese.
Dazwischen sehen wir den Film, den Giovanni dreht. In dem, bis auf die Teile, die an Giovannis Wünsche angepasst werden, historisch akkuratem Drama geht es um eine Richtungsentscheidung in der Kommunistischen Partei Italiens. 1956 besucht ein aus Ungarn kommender Zirkus eine moderne Betonsiedlung. Als die Sowjetunion in Ungarn einmarschiert und die Artisten um Unterstützung für ihr Land bitten, vertreten der linientreue Redakteur der Parteizeitung und seine Sekretärin gegensätzliche Positionen. Für Giovanni ist sein neuer Film ein politisches Aufklärungswerk. Seine Hauptdarstellerin behauptet dagegen, es handele sich um eine Liebesfilm und sie will die Drehbuchzeilen nicht präzise aufsagen, sondern nachempfinden.
Und es wird mehr gesungen und getanzt als in Morettis anderen Filmen. Das dürfte der größte Unterschied zu seinen früheren Filmen sein.
„Das Beste liegt noch vor uns“ ist ein wundervoll leichter, charmant vor sich hin improvisierter Sommerfilm, der mühelos zwischen den verschiedenen Geschichten hin- und herspringt. Moretti erzählt dies, gewohnt, leicht satirisch, humorvoll, vor positiver Energie strotzend und nie verletzend. Fast drei Jahre nach seiner Internationalen Premiere 2023 in Cannes – in Italien lief die Komödie bereits im April 2023 an – kommt diese überaus vergnügliche und Laune machende Komödie, die auch eine schöne Liebeserklärung an das Kino und die Kinokultur ist, auch bei uns in die Kinos.
Das Beste liegt noch vor uns(Il sol dell’avvenire, Italien 2023)
Davis (Chris Hemsworth) ist ein Profi-Dieb. Er überfällt Juweliere entlang der Highway 101 und wendet dabei keine Gewalt an. Er ist gut vorbereitet und höflich. Ältere Semester werden hier vielleicht an den von George Clooney gespielten, von Elmore Leonard erfundenen charmanten Dieb Jake Foley in „Out of Sight“ denken. Davis bewundert dagegen eher Steve McQueen, den King of Cool, und wie Frank Bullitt (in „Bullitt“) kurvt er durch Kalifornien.
‚Lou‘ Lubesnik (Mark Ruffalo) ist ein LAPD-Kriminalpolizist, der glaubt, dass es einen Dieb gibt, der entlang der Pacific Coast Highway 101 Überfälle begeht und dabei keine für die Polizei verwertbaren Spuren hinterlässt. Obsessiv jagt er ihn. Auch ohne eine ausgeprüfte Leidenschaft für Jazz könnte Lou ein geistiger Bruder von Michael Connelleys LAPD Detective Harry Bosch sein.
Die Konstellation und die parallele Erzählung zwischen dem Verbrecher und dem ihn fanatisch verfolgendem Polizisten erinnert ältere Semester an Michael Manns Meisterwerk „Heat“, auch wenn es in Bart Laytons Thriller „Crime 101“ weniger gewalttätig zugeht. Davis gehört zu den Profigangstern, die ihre Verbrechen gewaltfrei begehen. Dafür ist er zu schlau und plant zu präzise. Aber nicht immer läuft alles nach Plan.
Dritte im Bunde ist Sharon Coombs (Halley Berry). Die Versicherungsagentin muss erkennen, dass sie als Über-Fünfzigjährige nicht weiter befördert, sondern auf das Abstellgleis abgeschoben wird. Ihre Vorgesetzten halten sie für zu alt, um vermögende Kunden mit ihrem Aussehen zu einem Vertragsabschluss zu bringen. Da erhält sie von Davis ein Angebot, das sie zunächst empört ablehnt. Ältere Semester denken hier an „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (The Thomas Crown Affair), ein weiterer Film mit Steve McQueen. Faye Dunaway spielt die den Dieb jagende Versicherungsagentin.
Zwischen ihnen agiert Ormon (Barry Keoghan) als Wild Card. Weil Money (Nick Nolte) glaubt, dass Davis zu alt für das Verbrechergeschäft wird, soll Ormon Davis beschatten. Dummerweise sind Ormons Ambitionen größer als sein kriminelles Talent.
Und wer jetzt glaubt, dass „Crime 101“, der neue Film von Bart Layton („American Animals“), basierend auf einer Steve McQueen gewidmeten Novelle von Don Winslow, eine erschreckend langweilige, vorhersehbare und überaus altmodische, aus vertrauten Versatzstücken lieblos zusammengestückelte Angelegenheit ist, irrt sich gewaltig. „Crime 101“ ist ein ruhig erzählter Thriller, der seine Vorbilder kennt, sie nebenbei zitiert, und ein gelungenes Update liefert. Vor zwanzig, dreißig Jahren wäre der Thriller als zukünftiger Klassiker gehandelt worden und hätte einen kleinen Kult ausgelöst. Heute – keine Ahnung, ob es noch ein Publikum für diese kleinen, erwachsenen Filme gibt, in denen Profis souverän ihr Können demonstrieren und die Hauptpersonen Erwachsene sind, die sich wie Erwachsene verhalten. Die Lösungen für ihre Probleme, wie sie in Konfliktsituationen reagieren und wie sie doch, mehr oder weniger, ans Ziel gelangen, entsprechen ihrem Charakter und sie überraschen. Layton nimmt sich Zeit für seine Figuren und ihre Handlungen. Das macht „Crime 101“ zu einem ziemlich langem Film. Er dauert 141 Minuten. Trotzdem ist er keine Minute zu lang. Die Don-Winslow-Verfilmung ist in jeder Sekunde eine wunderschöne Liebeserklärung an klassische Gangsterthriller und der beste Michael-Mann-Film seit „Collateral“. Damit dürfte klar sein, welche Tradition Laytons Thriller überzeugend fortschreibt.
Crime 101(Crime 101, USA 2026)
Regisseur: Bart Layton
Drehbuch: Bart Layton, Peter Straughan
LV: Don Winslow: Crime 101, 2020 (Novelle, erschienen in Broken, 2020)
mit Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Halle Berry, Barry Keoghan, Nick Nolte, Jennifer Jason Leigh, Monica Barbaro, Corey Hawkins
Länge: 141 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (mit neuem Titel und Cover)
Don Winslow: Crime 101 – Sechs Geschichten
(übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Kerstin Fricke, Peter Friedrich und Joannis Stefanidis)
HarperCollins, 2026
512 Seiten
14 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Broken – Sechs Geschichten
HarperCollins, 2020
–
Originalausgabe
Broken
William Morrow, 2020
–
Druckfrisch
(sechs brandneue Kurzgeschichten, eine mit Boone Daniels. Da freut sich der Don-Winslow-Fan)
Einen großen Plan vom Rest seines Lebens hat niemand von Wolfgang Beckers jungen und überaus sympathischen Protagonisten. Denn das Leben ist eine Baustelle und immer passiert irgendetwas. Zum Beispiel Jans folgenreiche Begegnung mit der Demonstrantin Vera, die gerade vor zwei Zivilpolizisten wegrennt. Danach ist er seinen Job los und schwer verliebt in Vera, die er später zufällig wieder trifft
Wunderschöne Tragikomödie, der Berlin zum unperfekten Sehnsuchtsort machte (Es muss ja nicht immer Seattle, New York, London oder Paris sein.) und zum Kultfilm wurde.
Wolfgang Becker sagte danach „Good bye, Lenin!“, Tom Tykwer ließ Lola durch Berlin rennen und X Filme Creative Pool wurde schnell zu der angesagten deutschen Produktionsgesellschaft.
mit Jürgen Vogel, Christiane Paul, Ricky Tomlinson, Christiana Papamichou, Rebecca Hessing, Armin Rohde, Martina Gedeck, Meret Becker, Andrea Sawatzki
Kommissarin Buchmüller sucht während der Mainzer Fastnacht einen Sexualmörder.
Dritter und letzter Fall von Oberkommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters), der seit seiner Erstausstrahlung jahrzehntelang mehr im TV lief. Offiziell weil er zu schlecht war. Die erste und bislang einzige Wiederholung (so mein Überblick) war am 16. Januar 2016.
Damals gab es von allen Seiten Proteste: die Kritiker fanden ihn nicht gut, es gab zu viel Gewalt (weshalb die Erstausstrahlung auch erst nach 21.00 Uhr war), die Zuschauer protestierten (damals noch per Post) und auch die Karnevalisten beschwerten sich.
mit Nicole Heesters, Dieter Ohlendieck, Henry van Lyck, Jörg Holm, Michael Prelle, Esther Christinat, Rolf Zacher
Bis wir tot sind oder frei(Schweiz/Deutschland 2020)
Regie: Oliver Rihs
Drehbuch: Dave Tucker, Oliver Rihs, Ivan Madeo, Norbert Maass, Oliver Keidel
In den achtziger Jahren ist der Unternehmersohn Walter Stürm in der Schweiz bekannt als Berufsverbrecher und Ausbrecherkönig. Mit seiner neuen Anwältin, Barbara Hug vom Zürcher Anwaltskollektiv, wird er auch zu einer Symbolfigur und Held der linken Szene.
Wie es dazu kam, schildert Oliver Rihs, mit viel Zeitkolorit, in seinem gelungenen, auf wahren Ereignissen basierendem Drama. Hoffentlich zeigt Arte nicht die hochdeutsche Synchronisation sondern die Originalfassung.
Berufsverbrecher Trojan kehrt für einen großen Gemäldediebstahl nach Berlin zurück. In der Hauptstadt, die er viele Jahre mied, trifft er auf alte Bekannte und Feinde. Alte und einige neue.
TV-Premiere. Feiner Neo-Noir-Gangsterthriller für die Fans von Parker und seinen Erben.
Gosford Park (Gosford Park, Großbritannien/Italien/USA/Deutschland 2001)
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Julian Fellowes (nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban)
Auf dem Landsitz Gosford Park trifft sich eine Jagdgesellschaft mit ihrer Dienerschaft. Als der Hausherr ermordet wird, muss ein Inspektor den Mörder suchen.
Sehr gelungene Gesellschaftskomödie mit einem Hauch Agatha Christie und einem „Was? Die ist auch dabei?“-Ensemble.
Der Film erhielt, neben vielen anderen Preisen, den BAFTA als bester Film, eine Golden Globe für die Regie, einen Oscar für das Drehbuch und die Screen Actors Guild zeichnete gleich das gesamte Ensemble aus.
Drehbuchautor Julian Fellowes ist auch der Erfinder von „Downtown Abbey“.
mit Maggie Smith, Michael Gambon, Kristin Scott Thomas, Camilla Rutherford, Charles Dance, Geraldine Somerville, Tom Hollander, Natasha Wightman, Jeremy Northam, Bob Balaban, James Wilby, Claudie Blakley, Laurence Fox, Ryan Phillippe, Stephen Fry, Kelly Macdonald, Clive Owen, Helen Mirren, Eileen Atkins, Emily Watson, Alan Bates, Derek Jacobi, Richard E. Grant
Überzeugendes Biopic über Harvey Milk, der in den siebziger Jahren in San Francisco politisch aktiv und bekannt wurde als erster offen homosexueller Stadtverordneter in den USA. Am 27. November 1978 wurde er in San Francisco von dem Ex-Cop und Ex-Stadtrat Dan White erschossen.
Für das Drehbuch und den Hauptdarsteller gab es einen Oscar. Um nur zwei Preise aus dem Feld der über sechzig gewonnenen Preise und gut hundertfünfzig Nominierungen zu nennen.
mit Sean Penn, James Franco, Diego Luna, Emile Hirsch, Josh Brolin, Lucas Grabeel, Victor Garber, Jeff Koons
Trivia für Berliner: Seit dem 8. Januar 2020 ist die Schule der Jugendstrafanstalt Berlin in Plötzensee nach Helmuth Hübener benannt.
Warum die Schule nach Hübener benannt wurde, erklärt sich aus seinem kurzen Leben.
Helmuth Hübener, geboren am 8. Januar 1925 in Hamburg, hingerichtet am 27. Oktober 1942 in Berlin-Plötzensee im dortigen Gefängnis, begann nach der Mittelschule eine Ausbildung als Verwaltungslehrling in der Hamburger Sozialbehörde, war unpolitisch, ein Mitglied der Hitlerjugend und Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen). Nichts davon würde ihn für diese Ehre qualifizieren, wenn er nicht im Sommer 1941 begonnen hätte, die von ihm im BBC gehörten Nachrichten als Grundlage für antifaschistische und gegen den Krieg gerichtete Flugblätter zu verwenden. Später verteilte er die Flugblätter mit Freunden, die auch Arbeitskollegen waren. Bevor sie im Februar 1942 erwischt wurden, verteilten sie ungefähr sechzig Flugblätter, die jeweils eine Auflage von drei bis fünf Stück hatten.
Hübener wurde zum Tod verurteilt. Als er hingerichtet wurde, war er siebzehn Jahre alt. Der Minderjährige war der jüngste Widerstandskämpfer, an dem ein Todesurteil des Volksgerichtshofes vollzogen wurde. .
Seine drei Mitangeklagten erhielten lange Haftstrafen.
Matt Whitaker schieb und inszenierte jetzt einen Spielfilm über diesen unbekannten Widerstandskämpfer, der in den USA in einer erweiterten Fassung auch als vierteilige Miniserie ausgestrahlt wurde. Er drehte die US-amerikanische Produktion selbstverständlich auf Englisch, ohne bekannte Namen und mit einem überschaubarem Budget.
„Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ ist ein okayer TV-Film. Das ist alles ordentlich gemacht, bieder inszeniert und bei weitem nicht so gut wie Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ (2024), Oliver Hirschbiegels „Elser – Er hätte die Welt verändert“ (2015) oder Marc Rothemunds „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005).
Wahrheit & Verrat – Truth & Treason (Truth & Treason, USA 2025)
Regie: Matt Whitaker
Drehbuch: Matt Whitaker, Ethan Vincent
mit Ewan Horrocks, Rupert Evans, Ferdinand McKay, Daf Thomas, Nye Occomore, Joanna Chrstie, Sean Mahon
Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service, 2012/2013 (Secret Service)
High-Tech-Genie Valentine hat einen teuflischen Plan, um die Weltbevölkerung radikal zu verkleinern. Ein Job für die Kingsman, einer ultrageheimen globalen Agentenorganisation, die ihr Quartier sehr stilbewusst in einem noblen britischen Herenbekleidungsgeschäft hat. Dort ist, nach dem Tod eines Agenten, ein Job vakant. Kingsman Harry Hart schlägt Gary „Eggsy“ Unwin, einen kleinkriminellen Taugenichts aus der Unterschicht, als künftiges Mitglied vor. Man müsse schließlich mit der Zeit gehen.
Grandiose, witzige, äußerst stilbewusste, vespielte und auch sehr brutale Liebeserklärung an die alten James-Bond-Filme, die mit einem ordentlichen Portion Comic-Ästhetik ins 21. Jahrhundert geholt werden.
Über ein Jahr ist Man-su schon arbeitslos. Die finanziellen Ressourcen schwinden unaufhaltsam. Jetzt teilen er und seine Frau sich ein Auto. Außerdem arbeitet sie. Die Kinder müssen auf beliebte Streamingangebote verzichten. Ob sie ihr wunderschönes Haus mit Garten weiterhin behalten können oder in eine Mietwohnung umziehen müssen, ist noch unklar. Dennoch will er seine Familie zusammenhalten, den erreichten Lebensstandard aufrechterhalten und den Schein wahren.
Man-su wurde gleichzeitig mit vielen weiteren verdienten Kollegen aufgrund von Umstrukturierurungen entlassen. Bis dahin war der passionierte Freizeitgärtner, liebevolle Familienvater und gesetztestreue Bürger Man-su fünfundzwanzig Jahre in ein und derselben Papierfabrik in leitender Position angestellt. Papier ist sein Leben. Er will auch unbedingt wieder in einer Papierfabrik arbeiten.
Dummerweise ist die Konkurrenz um die wenigen offenen Stellen groß. Wenn ein Mitbwerber nur etwas besser qualifiziert ist oder etwas umgänglicher ist, bekommt er den Job. Aber, so überlegt Man-su sich, wenn dieser Mitbewerber sich nicht auf die Stelle bewerben kann, steigen seine Chancen. Er könnte bei einem Unfall sterben. Man-su muss nur wissen, wer diese besser qualifizierten Mitbewerber sind und sie dann töten. Weil er ein exzellenter Bewerber ist, ist die Konkurrenz überschaubar.
Der grandiose Krimiautor Donald E. Westlake (er erfand auch den Profidieb Parker und den vom Pech verfolgten Einbrecher John Dortmunder) ersann diese rabenschwarze Kapitalismussatire 1997. In seinem Roman „The Ax“ erzählt er sie in tödlich präziser Konsequenz. Wie ein nur selten manchmal etwas aus dem Takt geratendes Uhrwerk arbeitet Burke Devore (so heißt der Mörder bei Westlake) die Liste seiner Mitbewerber ab. Costa-Gavras verlegte die Geschichte 2005 in seiner Verfilmung „Die Axt“ (alternativer Titel „Jobkiller“) nach Frankreich. Park Chan-wook verlegte sie jetzt nach Südkorea und widmete den Film Costa-Gavras.
Park, der zuerst Westlakes Roman und erst später Costa-Gavras Verfilmung kannte, wollte den Roman schon seit Ewigkeiten verfilmen. 2009 wurde das Projekt erstmals auf dem Busan International Film Festival angekündigt. Seitdem sagte er, wenn er danach gefragt wurde, er arbeite immer noch daran.
Fünfzehn Jahre später begannen die Dreharbeiten. Ende August 2025 hatte seine Westlake-Verfilmung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Und jetzt läuft sie hier in Deutschland im Kino an.
Wer den Roman, die erste und jetzt die aktuelle Verfilmung kennt, wird viele Gemeinsamkeiten und einige Unterschiede erkennen. Jede Version setzt ihre eigenen Akzente, lässt aber die absolut überzeugende und stabile Grundstruktur der von Westlake erfundenen Geschichte intakt. Die Unterschiede beschränken sich vor allem auf Anpassungen an den Handlungsort und die Zeit. So gab es 1997 noch keine Smartphones. Für die Geschichte ist das letztendlich egal. Die Kultur und die Sozialsysteme unterscheiden sich in den einzelnen Ländern. Sie verleihen jeder Version ihre besondere Duftnote.
„No other Choice“ hat nicht die gnadenlos präzise satirische Wucht von Costa-Gavras zweistündiger Version. Das kann einerseits daran liegen, dass uns die europäische Gesellschaft vertrauter als die koreanische Gesellschaft ist und wir deshalb auch subtile Anspielungen besser verstehen, andererseits kann es einfach daran liegen, dass Park sich fast 140 Minuten Zeit nimmt, um die Geschichte zu erzählen, sie gegen Ende etwas konfus wird und er bei Man-sus Morden immer wieder die Comedy-Elemente betont. So ist Man-sus erster Mord keine eiskalt geplante und schnell durchgeführte Tat, sondern eine ausartende Slapstick-Nummer.
Außerdem verfolgt Park die von Man-su erstellte Mordliste nicht so konsequent wie Costa-Gavras und vor allem Westlake, der immer eindeutig sagte, wen Devore jetzt umbringen will. Er studiert die Bewerbungen, plant die Morde sorgfältig (jedenfalls für einen Amateur) und dann folgt ein Mord nach dem anderen. Man-su geht immer etwas trotteliger und spontaner vor.
Das sind allerdings alles nur graduelle Unterschiede, kleine Verschiebungen von Gewichten mal mehr in Richtung Noir, mal mehr in Richtung Kapitalismuskritik, mal mehr in Richtung Slapstick. Die Idee und der Plot der von Westlake ersonnenen Satire sind so stark, dass niemand sie in seiner Version grundlegend veränderte. Immer bleibt der Protagonist ein Serienmörder, dem wir die Daumen drücken. Auch wenn er bei der Wahl seines gut nachvollziebaren Ziels zu den falschen Mitteln greift und er mit seinen Taten das kapitalistische System, das ihn zum Mörder macht, festigt.
P. S.: Am 3. März 2026 läuft im Rahmen der Best-of-Cinema-Reihe Park Chan-wooks „Oldboy“ wieder im Kino.
No other Choice(Eojjeolsuga eobsda, Südkorea 2025)
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook, Lee Kyoung-mi, Don McKellar, Jahnye Lee
LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)
mit Lee Byung-hun, Son Yejin, Park Hee-soon, Lee Sung-min, Yeom Hye-ran, Cha Seung-won
Zwanzig Jahre ist es schon her, dass Christophe Gans mit „Silent Hill“ eine bei Horrorfilmfans und Fans des Computerspiel gut gelittene Adaption des Spiels in die Kinos brachte. Auch finanziell war der Film ein Erfolg. Es folgte eine von einem anderen Regisseur inszenierte Fortsetzung.
Christophe Gans schloss seit der Premiere seines „Silent Hill“-Films einen weiteren von ihm inszenierten „Silent Hill“-Film nie aus. Und er widmete sich auch anderen, teils sehr interessant klingenden Projekten, die sich nie realisierten. So blieb in den vergangenen zwanzig Jahren „Die Schöne und das Biest“ (2014) sein einziger Film.
Da wirkt und ist „Return to Silent Hill“ (welch eindeutig doppeldeutiger Titel) eine Rückkehr zu einem alten Erfolg, der immer noch bekannt ist und fortgesetzt werden kann. „Pakt der Wölfe“, ein früherer, ungleich gelungener Film von Gans, ist zwar immer noch sehenswert, aber nicht wirklich für eine Fortsetzung geeignet. Das geht bei Computerspielen einfacher. Die Welt ist etabliert – und dann schauen wir mal. Insofern ist „Return to Silent Hill“ zwar für Gans eine Rückkehr in die Welt von Silent Hill. Aber mit anderen Figuren und einer gänzlich anderen Geschichte.
Im Mittelpunkt des Horrorfilms steht der junge Maler James Sunderland (Jeremy Irvine). Eines Tages erhält der über den Tod seiner großen Liebe Mary Crane (Hannah Emily Anderson) tiefverzweifelte Mann eine Nachricht von ihr. Sie schreibt ihm, dass sie ihn in ihrem Heimatort Silent Hill erwarte. Vor einiger Zeit lernten sie sich vor der Stadtgrenze von Silent Hill kennen und verliebten sich sofort ineinander.
Sunderland kehrt also nach Silent Hill zurück. Er kennt Silent Hill noch als malerischen Seeort. Das Silent Hill, das er jetzt betritt, ist ein dystopischer Ort. Alles ist grau. Wolken verdecken die Sonne. Asche regnet vom Himmel. Die Gebäude sind komplett verwahrlost. Seltsam verformte und deformierte Gestalten bewegen sich durch die Stadt. Sie scheinen direkt aus dem Inneren der Erde zu kommen. Dort lauert etwas Böses.
Tschernobyl scheint dagegen ein Kurort zu sein.
Sunderland stolpert durch diesen Alptraum. Er fragt sich, was zur Hölle passiert ist, während der gescheite Zuschauer schon sehr schnell eine ziemlich genaue Vorstellung hat. Er weiß auch, ohne dass es ihm in diesem Moment schon gesagt wurde (das wird erst am Ende des Films verraten), was mit Mary geschah.
Dass die Geschichte so vorhersehbar ist, ist in diesem Fall ein Vorteil. Denn Gans‘ „Return to Silent Hill“ funktioniert am Besten als surrealistischer Alptraum, in dem ein Held durch seinen Alptraum stolpert. Er wird mit unerklärlichen Ereignissen konfrontiert. Dämonen poppen auf und verschwinden wieder. Gespielt werden die gruselig aussehenden und sich grotesk bewegenden Gestalten von Tänzern und Akrobaten. Ihre genaue Bedeutung in diesem Alptraum bleibt unklar. Weil wir allerdings eine Idee haben, was mit Mary geschah, haben wir auch eine Interpretationsfolie für all diese Ereignisse in der surrealistischen Welt, die wild aus den Dämonen und Mythen des Abendlandes und mittelalterlichen Vorstellungen des Fegefeuers zusammengestückelt ist.
Früh wird „Return to Silent Hill“ auch zu einer ziemlich gradlinigen Geschichte, die eindeutiger als nötig ist. Denn lange vor dem Ende setzt sich eine Interpretation in diesem ziemlich spaßigen Horrorfilm eindeutig durch.
Gans‘ hat als Vorlage für seinen Film die Geschichte des zweiten „Silent Hill“-Spiels genommen. Dieses Spiel wollte der langjährige Fan der japanischen Survival-Horror-Videospielreihe schon als Basis für seinen ersten „Silent Hill“-Film nehmen. Er nahm dann Abstand davon, weil er die kommierziellen Aussichten als zu gering ansah und annahm, dass das Publikum den Film nicht verstehen würde, weil es absolut nichts über das Spiel und die Welt, in der es spielt, wisse.
Viele Jahre vor „Silent Hill“ arbeitete er an einer Verfilmung des Computerspiels. Er war auch bereit, Regie bei dem zweiten „Silent Hill“-Film zu führen, schrieb Drehbücher für mögliche „Silent Hill“-Filme und will jetzt auch einen dritten „Silent Hill“-Film drehen. Er scheint also die Spiele zu kennen und zu lieben.
Das Spiel kenne ich immer noch nicht. Aber viele Kritiker, denen der Film überwiegend nicht gefällt, und Fans des Spiels sagen, dass es sich um eine sehr schlechte Verfilmung des Spiels handele.
Das mag sein. Allerdings hatte ich nie den Eindruck, dass hier ein (mir unbekanntes) Spiel verfilmt wurde. Abgesehen von Sunderlands Mission, seine totgeglaubte Frau zu finden oder herauszufinden, was mit ihr geschah, gibt es keine eindeutige Spielanweisung. Es gibt keine kleinen Missionen oder Rätsel, die Sunderland auf dem Weg zu seinem Ziel lösen muss. Er stolpert einfach durch die Szenerie. Dabei wehrt er sich intuitiv gegen plötzlich aufpoppende Bedrohungen, die dann wieder verschwinden. Da ist nichts, was irgendwie ‚gespielt‘ werden könnte.
Weil ich „Return to Silent Hill“ als vollkommen eigenständiges Werk wahrnahm, gefiel mir der Film, der nie wie eine Spieleverfilmung wirkte, wirkte. Beim Ansehen des Films fragte ich mich sogar ab und an, wer so ein blödes Spiel spielen möchte mit Nebenfiguren, die kaum eine Funktion haben und einem Rätsel, das so offensichtlich ist, dass man die Lösung sofort errät. Inzwischen weiß ich, dass im Spiel verschiedene Lösungen möglich sind. Dann wird es schon etwas komplexer.
Ich genoss „Return to Silent Hill“ als kompromisslose künstlerische Vision, die sich einen Dreck um die Wünsche des Publikums scherrt und einen scheinbar direkt aus der Hölle kommenden Fiebertraum kredenzt. Nie ist Gans in seinem teilweise erschreckend dilletantisch inzeniertem „Return to Silent Hill“ geordneter oder aufgeräumter als es im Kopf des heftig aus der Spur geratenen Malers James Sunderland aussieht.
Return to Silent Hill(Return to Silent Hill, Großbritannien/USA/Deutschland/Frankreich/Serbien 2025)
Regie: Christophe Gans
Drehbuch: Christophe Gans, Sandra Vo-Anh, William Schneider (basierend auf dem Videospiel von Konami)
mit Jeremy Irvine, Hannah Emily Anderson, Eve Macklin, Evie Templeton, Robert Strange, Pearse Egan, Emily Cardling, Martine Richards, Howard Saddler
Schön schwarzhumorige, auf wahren Ereignissen basierende Satire auf den American Way of Life: White-Trash-Eiskunstläuferin Tonya Harding kämpft um ihren Platz auf dem Siegerpodest. Nicht immer mit legalen Mitteln.
mit Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novakovic, Caitlin Carver, Maizie Smith, Mckenna Grace