Der Gott des Gemetzels(Carnage, Frankreich/Deutschland/Polen/Spanien 2011)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Yasmina Reza (nach ihrem Theaterstück)
Der Sohn von Nancy und Alan Cowan hat dem Sohn von Penelope und Michael Longstreet zwei Zähne ausgeschlagen. Die kultivierten Eltern treffen sich, um, ganz zivilisiert, eine Versöhnung zwischen ihnen und ihren elfjährigen Kindern auszuhandeln. Der gute Wille ist vorhanden, aber nachdem Kaffee und Kuchen gereicht werden, eskaliert der Streit. Immer wieder unterbrochen vom ständigen Klingeln des Telefons.
Großartiges Schauspielerkino (wobei Kate Winslet für meinen Geschmack etwas blass bleibt), das vier Menschen in ein New-Yorker-Apartment einsperrt. Wunderschön pointiert, schwarzhumorig und bissig geschrieben und von Roman Polanski in einer weiterer seiner Theaterverfilmungen auf den Punkt inszeniert. Atempausen gibt es nach dem Film.
„‚Der Gott des Gemetzels‘ ist ein böser, vergnüglicher, kaum subtiler und durch und durch bürgerlicher Spaß.“ (Birgit Glombitza, epd Film 11/2011)
mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly
Erster Platz auf der Krimibestenliste im September und Oktober. Das heißt: aus Sicht der die Liste erstellenden Krimikritiker:innen ist Peter Graingers erster DC-Smith-Kriminalroman „Ein unglücklicher Tod“ der Roman, dem sie die meisten Leser wünschen. Aber ist „Ein unglücklicher Tod“ wirklich so gut und hält Peter Grainger das Niveau in seinem zweiten DC-Smith-Roman? Diogenes veröffentlichte wenige Wochen nach „Ein unglücklicher Tod“ „Gnade vor Recht“. Für Dezember ist mit „Nach menschlichem Ermessen“ der dritte Band der inzwischen siebzehn Bände umfassenden Serie angekündigt. Der achtzehnte Band ist für nächstes Jahr angekündigt. Für Nachschub ist also gesorgt.
Robert Partridge, war, als er 2013 in England seinen ersten Kriminalroman „Ein unglücklicher Tod“ (An Accidental Death) im Selbstverlag unter dem Pseudonym Peter Grainger veröffentlichte, dreißig Jahre Lehrer für Englisch und Literatur. Unter seinem richtigen Namen veröffentlichte er drei Romane. Von Anfang an plante er, weil er vom Schreiben leben wollte, eine Serie und regelmäßige Veröffentlichungen. Von allen Genres, die beim Publikum beliebt sind, hatte er die größte Affinität zum Krimi-Genre. Mit dem Erfolg, den er dann beim Publikum hatte, hat er wohl selbst nicht gerechnet. Insgesamt verkauften sich seine Polizeikrimis über eine Million Mal. Inzwischen erscheinen sie nicht mehr im Selbstverlag, sondern in seiner Heimat bei Penguin Random House UK. Im deutschsprachigen Raum erscheinen sie bei Diogenes.
Dort erschien im Sommer „Ein unglücklicher Tod“. Eine Gruppe Jugendlicher verbringt mit all den Dingen, die zu einer jugendlichen Spontanfeier gehören, einen Sommernachmittag am Fluss. Dabei ertrinkt der siebzehnjährige Wayne Fletcher. Er hatte vorher Alkohol und Cannabis zu sich genommen. Nach dem ersten Eindruck handelt es sich um einen tragischen Badeunfall. Eine unglückliche Kombination von Hitze, Drogen und Selbstüberschätzung beim Schwimmen. Bei der Obduktion fällt eine merkwürdige Prellung auf.
Der kurz vor der Pensionierung stehende Smith beginnt, mit seinem sich noch in Ausbildung befindendem Kollegen Chris Waters zu ermitteln. Er befragt die anderen Jugendlichen, erkundet die Gegend und er fragt sich, ob ein sich merkwürdig verhaltender Kanufahrer etwas gesehen hat.
Der zweite DC-Smith-Kriminalroman „Gnade vor Recht“ spielt unmittelbar nach „Ein unglücklicher Tod“. Er enthält auch einige Spoiler zu diesem Roman, die vollumfänglich wahrscheinlich nur von denen verstanden werden, die „Ein unglücklicher Tod“ kennen.
In „Gnade vor Recht“ stirbt am 6. Dezember Joan Riley in dem noblen Altersheim Rosemary House. Dass alte Menschen im Altersheim sterben, ist nicht ungewöhnlich. In diesem Fall fällt der Gerichtsmedizin allerdings auf, dass Joan Riley an einer Überdosis Morphium starb. Und damit wird der Tod zu einem Fall für DC Smith, der ohne wirkliche Spuren ermitteln muss. Denn seit Rileys Tod ist ein Monat vergangen.
„Ein unglücklicher Tod“ und „Gnade vor Recht“ sind angenehm altmodische Ermittlerkrimis mit angenehm normalen Ermittlern. Peter Graingers DC Smith steht eindeutig in der Traditon klassischer Ermittler wie Colin Dexters Inspector Morse. Smith ist schon seit dreißig Jahren Polizist. Der Witwer könnte problemlos in den Ruhestand gehen. Stattdessen arbeitet er wieder, auf eigenen Wunsch, als Detective Sergeant. In diesem Rang ist er von Verwaltungs- und Führungstätigkeiten befreit. Er kann ermitteln.
Der Fall selbst ist beide Male nicht sonderlich spektakulär. Beide Male beginnen die Ermittlungen eher zufällig, weil bei dem Toten etwas entdeckt wird, das aus einem natürlichen Tod einen potentiellen Mord macht. Beide Male ist die Zahl der Verdächtigen überschaubar und beide Male dürften erfahrene Krimileser schnell eine Idee haben, wer der Täter ist und was sein Motiv ist.
Grainger erzählt dies unaufgeregt, mit dem Blick für Details, spürbarer Sympathie für die Figuren, strikt an dem Fall orientiert und in überschaubarer Länge. Das gilt eindeutig für „Ein unglücklicher Tod“ (272 Seiten) und etwas weniger für „Gnade vor Recht“ (352 Seiten). Denn in seinem zweiten, achtzig Seite längerem Kriminalroman gibt es, neben kurzen Ausflügen in DC Smiths Privatleben (wie es sich für einen klassischen Ermittler gehört, hört er nach Feierabend allein in seiner Wohnung Musik) und die Arbeit in der Polizeistation, zwei private Subplots mit DC Smith und einige Rückblicke auf den ersten DC-Smith-Roman. Trotzdem steht auch hier der Fall und der Tatort, ein nobles Altersheim, seine Bewohner und das Personal, eindeutig im Zentrum der Geschichte.
Zwischen all den durchgeknallten Serienkillerthrillern, banalen Schmunzel- und Regiokrimis sind die beiden jetzt auf Deutsch erschienenen DC-Smith-Kriminalromane Krimi-Graubrot. Und wer schon einmal einen Monat in den USA verbrachte und sich nur von dem dortigen Brot(ersatz) ernähren musste, weiß, wie gut danach eine Scheibe Graubrot schmeckt.
Der Mann aus dem Westen (Man of the West, USA 1958)
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Reginald Rose
LV: Will C. Brown: The Border Jumpers, 1955
1874: Link Jones hat die Verbrecherlaufbahn zugunsten eines bürgerlichen Lebens aufgegeben. Als er während einer eines Zugüberfalls mit zwei Mitreisenden zurückbleibt führt er sie in eine Hütte, in der sie bereits von seinen alten Freunden erwartet werden. Ihr Anführer freut sich, dass das verlorene Schaf wieder zurückgekehrt ist. Aber ist das so?
Als der Film in die Kinos kam, war er bei der Kritik und dem Publikum ein Reinfall. Die französischen Kritiker waren begeistert und heute zählt „Der Mann aus dem Westen“ zu den anerkannten Western-Klassikern.
„’Man of the West’ zählt mit ‚The Naked Spur’ und ‚The Far Country’ zu seinen besten Western und damit zu de Hauptwerken des Genres überhaupt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
„Gary Coopers erste und einzige Begegnung mit dem Meisterregisseur Anthony Mann resultierte folgerichtig in dem ersten und einzigen wirklich großen Western seiner langen Karriere.“ (Homer Dickens: Gary Cooper und seine Filme)
„Mit Anthony Mann entdecken wir den Western als Arithmetik, wie in der ersten Mathematikstunde. Was bedeutet, dass ‚Der Mann aus dem Westen’ der intelligenteste aller Filme ist und zugleich der einfachste.“ (Jean-Luc Godard, Cahiers du Cinéma)
Reginald Rose schrieb auch die Drehbücher für „Die zwölf Geschworenen“ (nach seinem Theaterstück), „Ist das nicht mein Leben?“, „Die Wildgänse kommen“, „Die Seewölfe kommen“, „Das Kommando“ und „Wildgänse II – Sie fliegen wieder“.
Anschließend, um 21.50 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige Doku „Gary Cooper – Der Unwiderstehliche“ (Frankreich 2020).
Mit Gary Cooper, Julie London, Lee J. Cobb, Arthur O’Donnell, Jack Lord
LV: Francis Beeding: The house of Dr. Edwardes, 1927 (Pseudonym von John Leslie Palmer und Hilary Aidan St. George Sanders)
Dr. Edwardes kommt als neuer Direktor in die Psychiatrie. Seine Kollegin Constance Petersen findet heraus, dass der wirkliche Dr. Edwardes ermordet wurde. Der Falsche behauptet, er könne sich an nichts erinnern.
Hitchcock wollte den ersten Film über die Psychoanalyse drehen. Nach eigenen Worten gelang ihm allerdings nur ein Thriller mit einer imposanten, von Salvador Dali gestalteten, Traumsequenz. Kritik und Publikum gefiel der Film.
Danach geht es planerisch bestenfalls halbgelungen (Warum wurde um 20.15 Uhr kein Rossellini-Film gezeigt?) um 22.00 Uhr mit „Legendäre Liebespaare des Kinos: Ingrid Bergman und Roberto Rossellini“ (Frankreich 2018) und um 22.55 Uhr mit der neuen, einstündigen Doku „Roberto Rossellini – Leben ohne Drehbuch“ (Frankreich/Italien/Litauen 2025) weiter.
Mit Ingrid Bergman, Gregory Peck, Michael Chekhov, Rhonda Fleming, Leo G. Carroll, John Emery
Schöne neue Welt: in Johannesburg räumen Polizeiroboter unter den Verbrechern auf. Das Law&Order-Programm läuft etwas aus dem Ruder, als ein Programmierer einem dieser Roboter zu einem denkenden Roboter machen und ein Kleingangsterpaar sich diesen kindlich naiven Roboter schnappt und ihn, uh, erzieht.
Neill Blomkamps „Robocop“-Version, die ohne Not all die politischen, moralischen, gesellschaftskritischen und ethischen Implikationen und Fragen zugunsten einer banalen, mit Filmzitaten, Gewalt und zwiespältigem Humor gewürzten Erziehungsgeschichte links liegen lässt.
Die schon etwas ältere Olga (Teresita Sánchez) lebt in Mexiko-Stadt ein eintöniges Leben zwischen Lebensmitteleinkäufen, Sudoku-Spielen und ihrer Wohnung. Dort kämpft sie – erfolglos – gegen Stubenfliegen. Weil sie Geld braucht, vermietet sie ein Zimmer unter an den aus Oaxaca kommenden Tulio (Hugo Ramirez). Seine Frau liegt todkrank im nahe gelegenem Krankenhaus. Er will bei ihr sein. Er ist höflich, zurückhaltend und bemüht sich alle Bedingungen von Olga zu erfüllen und möglichst wenig aufzufallen. Das liegt auch daran, dass er nicht allein gekommen ist, sondern von seinem abgöttisch geliebtem neunjährigen Sohn Cristian (Bastian Escobar) begleitet wird. Olga hat er nichts von ihm gesagt. Jede Nacht, wenn Olga schläft, bringt er ihn in die Wohnung.
Selbstverständlich entdeckt Olga eines Tages den ihr verschwiegenen Untermieter.
Und ebenso selbstverständlich entwickelt sich eine Beziehung zwischen der mürrischen Frau und dem aufgewecktem Kind. Ein wichtige Rolle spielt dabei ein „Cosmic Defender Pro“-Spielautomat und Cristians Wunsch, seine Mutter im Krankenhaus zu besuchen.
Auf der Berlinale kam „Moscas – Fliegen und andere Gäste“ von Fernando Eimbcke beim Publikum gut an. Der Film, der im Wettbewerb lief, erhielt den Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost und den Preis der Ökumenischen Jury.
Eimbcke erzählt seine handlungsarme, überrraschungsfreie Geschichte über das Leben und Sterben in atmosphärischen SW-Bildern. Er konzentriert sich auf seine drei Hauptfiguren, ihr Leben und wie sie miteinander interagieren. Das Ergebnis überzeugt.
Moscas – Fliegen und andere Gäste (Moscas, Spanien/Mexiko 2026)
Regie: Fernando Eimbcke
Drehbuch: Vanesa Garnica, Fernando Eimbcke
mit Teresita Sánchez, Bastian Escobar, Hugo Ramírez
New York in den späten Siebzigern: FBI-Agent DiMaso will einen korrupten Bürgermeister überführen. Dabei sollen ihm der Betrüger Rosenfeld und seine Geliebte helfen.
Durchaus vergnügliche, aber auch von sich selbst zu sehr überzeugte Mega-Retro-Gaunerkomödie, die auf einem wahren Fall basiert.
mit Christian Bale, Amy Adam, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C. K., Shea Whigham, Elisabeth Rohm, Barry Primus, Robert De Niro
Covid wird in „Die andere Seite“ nicht einmal erwähnt. Und trotzdem ist die Coronavirus-Pandemie, der Umgang mit Infizierten und die Diskussion um eine Impfpflicht ständig präsent. Zu ähnlich sind der reale Coronavirus und der von Mariko Minoguchi erfundene Virus. Das Drehbuch schrieb sie Ende 2022, während der Pandemie.
In ihrem Film sind Infizierte Überträger der Krankheit. Eine der Infizierten ist die Ärztin Hanna (Nina Hoss). Sie lehnt die staatliche Hilfe ab. Stattdessen versteckt sie sich im Wald und lebt von Dingen, die ihnen Freunde vorbeibringen, die sie im Wald und leer stehenden Häusern findet.
Als die Lage für Hanna zunehmend schwierig wird, bricht sie aus Süddeutschland zu Fuß Richtung Süden auf. Dort soll es besser sein.
Die Welt, in der der Film spielt, ist eine merkwürdige Mischung aus fast normalem Alltag, wie wir ihn kennen, mit einigen Straßensperren und der Welt nach einer Zombie-Apokalypse und dem sofortigen spurlosen Verschwinden der Zombies. So bricht Hanna in ein leer stehendes Haus ein, verhält sich dabei, als würde sie in eine potentielle Todesfalle gehen, und bedient sich an den Vorräten in diesem Haus, das aussieht, als hätten die Bewohner es vor einiger Zeit vollkommen überstürzt verlassen. Später trifft sie auf andere Außenseiter, die in ihrem Lager fast normal leben; wenn sie nicht gerade von der Polizei gejagt werden. Das Gerücht, dass es im Süden besser sein soll ist natürlich ein aus anderen Dystopien vertrautes Handlungselement. In diesen Dystopien, wie zuletzt in Ridley Scotts „Das Ende der Sterne“, gibt es kein Radio und kein Fernsehen mehr. Weil es das in „Die andere Seite“ gibt, sollte es halbwegs gesicherte Nachrichten über diesen besseren Ort für die Infizierten geben. So passt in der Welt, in der der Film spielt, vieles nicht zusammen.
Minochis Drama ist keine Auseinandersetzung mit der Coronavirus-Pandemie.
Insofern sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Pandemien zufällig und auch störend. Denn der Film-Virus ist zu nah am Coronavirus. Ständig erinnert er an ihn. Ständig provoziert er nicht zielführende „Das war in der Realität doch anders“-Vergleiche. Ständig weist er, und das ist das größte Problem, darauf hin, dass die Filmgeschichte nicht packt. Denn wenn die Dystopie in sich schlüssig entworfen ist, unterzieht man den Film nicht einem ständigen Realitätsvergleich.
„Die andere Seite“ ist, mit einer großartigen Nina Hoss, die den Film in einer fast stummen Rolle trägt, eine episodisch vor sich hin mäandernde Dystopie, die in einer bestenfalls skizzenhaft gezeichneten Welt spielt und die beliebig aus anderen Dystopien bekannte Episoden aneinanderreiht.
Die andere Seite(Deutschland/Österreich 2026)
Regie: Mariko Minoguchi
Drehbuch: Mariko Minoguchi
mit Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
Ein neuer DC-Film und wieder ein Film aus der Welt der Superhelden, in denen uns erzählt wird, wie einer der Bösewichter aus der Superheldenwelt zum Bösewicht wird. Dieses Mal ist es Clayface. Er ist bis jetzt als Schurke aus diversen Batman-Comics (mit verschiedenen Namen und Biographien) und TV-Serien bekannt.
Sein Kinodebüt hat er jetzt in James Watkins‘ „Clayface“. Mike Flanagan und Hossein Amini schrieben das Drehbuch. Tom Rhys Harries übernahm die Hauptrolle. Er spielt den aufstrebenden Schauspieler Matt Hagens, der im Verlauf des Films zu Clayface wird; – einem Menschen, der sein Gesicht und seine Gestalt verändern kann. Matt wurde gerade für einen wichtigen Preis nominiert, ist bei allen beliebt und anscheinend kurz davor, zum internationalen Superstar zu werden. Und er kommt aus Gotham aus ärmlichen Verhältnissen. Das ist für den Film unwichtig, für die im Film präsentierten Zeitschriftengeschichten über ihn wichtig.
Während der Promotour für seinen neuen Film, trifft er in Gotham in einer Disco auf eine dunkelhaarige Schönheit.
Als er am nächsten Tag im Bett neben ihr erwacht, steht ihr Mann vor ihr: der stadtbekannte, unangreifbare Gangsterboss Markos Szabo (David Dencik). Er verunstaltet Matts Gesicht. Damit ist seine Karriere als Schauspieler vorbei. Seine Agenten lassen ihn fallen. Sein Vermögen schmilzt rapide.
Da erfährt er von einer experimentellen Therapie mit Nanozellen. Dr. Caitlyn Corr (Naomi Ackie) behandelt ihn. Die Narben verschwinden aus Matts Gesicht. Aber wie jedes Wunderheilmittel hat auch diese Therapie ihre Nebenwirkungen.
Außerdem will Matt sich an den Menschen rächen, die ihm Unrecht antaten.
„Clayface“ ist, nach „Superman“ und „Supergirl“, der dritte Film im DC Universe (DCU), das von James Gunn und Peter Safran verantwortet wird. Er gehört außerdem zum, etwas umständlich betitelten „Chapter One: Gods and Monsters films“. Clayface gehört zu den Monstern. Immerhin ermordet der Antiheld während des Films, zunehmend kaltblütig, einige Menschen. Wie es mit ihm im DC Universe weitergeht, ist unklar. Im Moment ist „Clayface“ in jeder Beziehung ein Einzelfilm, für den man absolut nichts über Gotham und die DCU-Welt wissen muss.
Im Gegensatz zu den quietschbunten ersten beiden DCU-Filmen ist „Clayface“ ein Bodyhorrorfilm mit einem für einen Superheldenfilm extrem niedrigen Budget von irgendetwas zwischen 30 und 44 Millionen US-Dollar. Das ist ein Budget, das Experimente erlaubt und immer noch für einen Gewinn an der Kinokasse sorgen sollte. Entsprechend eklig sind viele der Horrorszenen. Es ist auch ein Film ohne große Stars und ohne epische Schlachten. Ein Kampf in einer Disco beeindruckt vor allem dadurch, dass Matt ständig seine Gestalt verändert. Dafür wird er von verschiedenen Schauspielern gespielt.
Diese Gestaltwandler-Fähigkeit ist eine Nebenwirkung der von Corr bei ihm angewandten Therapie, die irgendetwas mit Nanozellen zu tun hat. Es ist auch eine Fähigkeit, deren Wirkungsweise im Film mal so, mal so funktioniert. Einmal kommt sie zufällig, einmal wenn er wütend ist (dann verwandelt sich sein Gesicht in das Gesicht der Person auf die er wütend ist) und dann kann er die Verwandlung steuern. Beispielsweise in der eben erwähnten Disco-Szene. Letztendlich setzen Flanagan, Amini und Watkins Matts Gestaltwandler-Fähigkeit nach Belieben und vollkommen willkürlich ein. Für Spannung sorgt das nicht, weil Matt, wenn er in Gefahr ist, einfach seine Gestalt ändert und so aus jeder brenzligen Situation entkommenn kann.
Matt selbst ist – und das ist ein durchgängiges Problem aller Superbösewichter-Origin-Geschichten – kein sympathischer Charakter. Nicht am Anfang, nicht am Ende und auch nicht dazwischen. Er ist eine eindimensionale Figur, die im Verlauf des Films keine Wandlung erfährt. Er ändert sich nicht. Er ist böse. Er hat keinen moralischen Konflikt. Er fragt sich nie, ob er dieses oder jenes tun soll, ob er etwas lernt aus seinen Erfahrungen und ob er ein besserer Mensch werden möchte. Er fragt sich nie, wie er mit seiner Veränderung umgeht. Darum ging es beispielsweise in „Die Fliege“ (David Cronenberg zeigt in seiner Version, wie ein Mensch und eine Fliege zu einem neuen Wesen werden) oder in Sam Raimis „Darkman“. ‚Clayface‘ Matt Hagens will sich einfach nur rächen an den Menschen, die ihm sein Aussehen, seine Karrieren und sein Geld stahlen. Anfangs geschehen seine Morde eher zufällig, später geplant. Dabei haben Szabos Handlanger ebenfalls den Tod verdient.
Diese Rachegeschichte erzählt James Watkins durchaus effektiv, aber auch strikt entlang der bekannten Storykonventionen.
Clayface (Clayface, Großbritannien/UUSA 2026)
Regie: James Watkins
Drehbuch: Mike Flanagan, Hossein Amini (nach einer Geschichte von Mike Flanagan, basierend auf Figuren aus dem DC-Universum)
mit Tom Rhys Harries, Naomi Ackie, David Dencik, Max Minghella, Eddie Marsan, Nancy Carroll, Joshua James
Cold War – Der Breitengrad der Liebe(Zimna wojna, Polen/Frankreich/Großbritannien 2018)
Regie: Paweł Pawlikowski
Drehbuch: Paweł Pawlikowski, Janusz Głowacki, Piotr Borkowski
1949 treffen sich in Polen ein Komponist und eine Sängerin. In präzise komponierten SW-Bildern und mit dem Mut zur kunstvollen Lücke erzählt Pawel Pawlikowski ihre problematische, sich über fünfzehn Jahre erstreckende Liebesgeschichte in unter neunzig Minuten.
“Cold War” gewann, unter anderem, den Europäischen Filmpreis 2018 als “Bester europäischer Film” und in Cannes den Preis für die beste Regie.
Aktuell läuft sein neuester Film “Vaterland” erfolgreich im Kino.
mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Agata Kulesza, Borys Szyc, Jeanne Balibar, Cédric Kahn
Am 25. Juli 2026 fuhr ein mutmaßlich islamistischer, 21-jähriger Attentäter mit einem Kleintransporter in den Großen Tiergarten, ermordete eine Frau und verletzte 31 Menschen teils schwer.
Zwei Wochen nach dem Anschlag pflanzte der Bezirk Mitte in der Nähe des Tatorts einen Ahornbaum und stellte eine Bank in Regenbogen-Farben auf. „Eine“, weil die Bank seitdem viermal mutwillig zerstört wurde. Auch der Baum wurde zerstört.
Alles wurde wieder aufgebaut und soll auch immer wieder aufgebaut werden.
Eine Idee, die mir gefällt, würde es nicht beim Wiederaufbau der Bank belassen. Stattdessen würde mit jeder Zerstörung der Bank die doppelte Zahl von Bänken in Regenbogen-Farben in Berlin aufgestellt werden. Also:
nach der ersten Zerstörung werden zwei Bänke aufgestellt,
nach der zweiten Zerstörung vier Bänke,
nach der dritten Zerstörung acht Bänke,
nach der vierten Zerstörung sechzehn Bänke,
nach der fünften Zerstörung gäbe es schon 32 Bänke.
Barnett Trapp, der Erzähler in Yves Raveys neuem Noir „Nichts als heiße Luft“, hat viel Zeit, die neue Nachbarin zu beobachten. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie will sich scheiden lassen. Der gemeinsame Sohn wohnt bei ihr. Ihr neuer Freund plant schon den Verkauf von Barnetts Haus Seine Firma für Krankentransporte war ein Reinfall. Sein anderes Geschäft, der Verkauf von Restposten, läuft solala. Da ist die verheiratete Sally, die sich nebenan am Swimmingpool räkelt, ein Lichtblick.
Sie beginnen, Zeit miteinander zu verbringen. Eines Tages schlägt sie ihm vor, den Safe ihres Mannes auszuräumen. In ihm lagert er sein Schwarzgeld. Das Schöne bei Schwarzgeld ist, dass der Bestohlene den Diebstahl nicht bei der Polizei melden kann. Trotzdem zögert Barnett.
Sie überredet ihn dann doch und, wie schon der Klappentext verrät und es sich für einen Noir gehört, bekommt Barnett danach ungeahnte Probleme.
Yves Ravey braucht nicht einmal 110 Seiten, um seine bitterböse Geschichte zu erzählen. Er verknappt. Er konzentriert sich auf die entscheidenden Punkte. Trotzdem ziehen sich Barnetts Zögern und die Diskussionen über Sallys abenteuerlich undurchdachten Plänen etwas hin. Sie zögern nur den unvermeidbaren Diebstahl hinaus.
Das gesagt gefällt die Länge, eigentlich Kürze, von „Nichts als heiße Luft“ und dass die Geschichte so eindeutig in der französischen Noir-Tradition steht.
Eigentlich ein François-Ozon-Abend mit einer Doku über „Das Schmuckstück“ Catherine Deneuve
Arte, 20.15
Das Schmuckstück(Potiche, Frankreich 2010)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon (nach dem Bühnenstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy)
In den Siebzigern übernimmt die Frau eines cholerischen Fabrikanten, der aufgrund eines Herzinfarkts unpässlich ist, die Firmenleitung. Sie, die bislang nur das Schmuckstück war, findet Gefallen an ihrer neuen Rolle.
„lustvoll mit Überspitzungen arbeitende Emanzipationskomödie, gestaltet als liebenswürdige Hommage an ‚klassische‘ amerikanische und französische Film-Musicals“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Sergi Lopez
LV: Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1971
François Ozon verfilmt und interpretiert Rainer Werner Fassbinders sehr autobiographisches Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Grandios! Und überaus witzig.
Los Angeles, 2028: die Stadt versinkt in Straßenschlachten. Mitten in dem Chaos verarztet die ‚Schwester‘ im Hotel Artemis Gangster, die sie für ihre Dienste gut bezahlen. Als die Schwester einer verletzten Polizistin hilft, beginnen die Dinge in dem Hotel aus dem Ruder zu laufen.
Zwiespältiges Regiedebüt von Drehbuchautor Drew Pearce („Iron Man 3“, „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“, „The Fall Guy“): gute Schauspieler, viel fotogene Noir-Stimmung, aber keine fesselnde Geschichte, sondern nur eine Abfolge von Situationen und nicht so wahnsinnig interessanten Gesprächen.
mit Jodie Foster, Sterling K. Brown, Dave Bautista, Sofia Boutella, Jeff Goldblum, Brian Tyreee Henry, Jenny Slate, Zachary Quinto, Charlie Day, Kennth Choi
Die Macht und ihr Preis (Cadaveri eccellenti, Italien/Frankreich 1976)
Regie: Francesco Rosi
Drehbuch: Francesco Rosi, Tonino Guerra, Lino Jannuzi
LV: Leonardo Sciascia: Il contesto – Una parodia, 1971 (Tote Richter reden nicht, Die Macht und ihr Preis, Der Zusammenhang – Eine Parodie)
Inspektor Rogas stößt bei der Suche nach dem Mörder zweier Richter und eines Staatsanwalts auf ein die höchsten Kreise betreffendes Komplott.
Ein starbesetzter Klassiker unter den Polit-Thrillern der Siebziger.
Endlich wieder im Fernsehen. Nach meinen, zugegeben unvollständigen, Aufzeichnungen lief er zuletzt vor fast zwanzig Jahren im Fernsehen. Es scheint auch keine deutschsprachige DVD-Ausgabe zu geben.
Wer danch nicht einschlafen kann und mehr über Lino Ventura wissen möchte, kann sich um 01.55 Uhr die 55-minütige Doku Lino Ventura – Ganove mit Herz“ (Frankreich 2017) ansehen.
Mit Lino Ventura, Alain Cuny, Charles Vanel, Max von Sydow, Fernando Rey, Tino Carraro, Marcel Bozzuffi
Bevor die Erde endgültig unbewohnbar ist, schickt die NASA ein Team, zu dem auch ein Farmer gehört, ins Weltall. Sie sollen auf der anderen Seite eines Wurmlochs eine zweite Erde finden.
Planetenhopping zur Rettung der Welt. Ich war, im Gegensatz zu den meisten Kritikern und Zuschauern, wenig begeistert.
Anschließend zeigt Arte um 22.55 Uhr die 55-minütige Doku „Jessica Chastain“ (Frankreich 2025) und, für die Science-Fiction-Begeisterten, um 23.50 Uhr die 55-minütige Doku „Der Krieg der Welten: Klassiker der Science-Fiction“ (Frankreich 2025) über H. G. Wells‘ Roman und die zahlreichen Interpretationen.
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck, David Gyasi, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Michael Caine, Matt Damon, Wes Bentley, Mackenzie Foy, Topher Grace, David Oyelowo, William Devane
LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)
Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.
Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm
mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen
Bislang kommt Jane Austen in der Kriminalakte nur einmal ausführlicher vor. Im Zusammenhang mit Zombies. Und damit dürfte bewiesen sein, wie nahe wir uns stehen. Der Film „Stolz und Vorurteil & Zombies“ (Pride and Prejudice and Zombies, USA 2016) basiert auf Seth Grahame-Smiths Roman. Er war Teil eines damals beliebten Mash-up von gemeinfreien und immer noch populären Stoffen und einer lose darin eingefügten blutrünstigen Geschichte mit Monstern. Diese Zeit, die für Austen-Fans wahrscheinlich ein einziger Alptraum war, ist anscheinend vorbei.
Dafür werden die bekannt-beliebten Bücher von Jane Austen und Emily Brontë wieder, mehr oder weniger modernisiert, für das Kino interpretiert.
In „Sinn und Sinnlichkeit“ geht es um die um 1800 in England auf dem Land lebenden Dashwood-Schwestern Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne (Esmé Creed-Miles). Nach dem Tod ihres Vaters erfahren sie, dass das Erbe deutlich kleiner als erwartet ist. Eine Heirat könnte ihren Lebensstandard sichern. Dabei müssen die gesellschaftlichen Konventionen beachtet werden. Auch wenn das Herz für einen anderen Mann schlägt. Und auch wer den Roman nicht kennt, weiß schon bei den ersten Begegnungen von Elinor und Marianne mit Edward Ferrars (George MacKay) und John Willoughby (Frank Dillane), wie die Geschichte sich weiter entwickeln wird.
Georgia Oakley erzählt das in ihrem zweiten Spielfilm nach „Blue Jean“ mit Romantik-tauglichen Schauspielern und Schauwerten bei den Landschaften, Häusern, Kostümen und der Ausstattung. Die aus Austens Roman bekannten Konflikte und Liebesverwicklungen sind seit Jahrhunderten erprobt taschentuchgeeignet. Die Dialoge wurden aus dem Buch übernommen.
Trotzdem sprach mich nichts in Oakleys Interpretation der bekannten Geschichte an. Stattdessen fragte ich mich, warum die beiden Schwestern sich so dumm verhalten, sie nicht sofort wissen, welche Beziehungen sie mit welchen Männern eingehen sollen und langweilte mich durch die damaligen Heiratsregeln.
Das war mir durchgehend zu nah an den Schmonzetten, die ich normalerweise meide wie ein Vampir das Tageslicht.
Sinn und Sinnlichkeit(Sense and Sensibility, Großbritannien 2026)
Regie: Georgia Oakley
Drehbuch: Diana Reid
LV: Jane Austen: Sense and Sensibility, 1811 (Gefühl und Verstand; Verstand und Gefühl; Vernunft und Gefühl)
mit Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Fiona Shaw, Bodhi Rae Breathnach, Caitríone Balfe, George MacKay, Frank Dillane, Stacy Martin
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman