Neu im Kino/Filmkritik: Über den Animationsfilm „Forgotten Island“

Oktober 9, 2026

Die impulsive Jo und die schlaue Raissa sind schon seit Ewigkeiten beste Freundinnen. Aber jetzt ist die Schule zu Ende. Raissa wird am nächsten Tag die Philippinen in Richtung California Institute of Technology verlassen. Sie wurde dort angenommen. Für Jo ist das eine Katastrophe. Ihr Talent liegt im verursachen von Chaos und dabei Spaß zu haben. Aber sie haben noch eine Nacht, die sie gemeinsam am Strand verbringen können.

Plötzlich öffnet sich, vom Meer kommend, ein Portal, das sie zur mythischen Insel Nakali herab zieht. Dort werden sie am nächsten Tag am Strand wach. Sie erinnern sich an nichts. Aber der auf den ersten Blick sympathische Werwolf-Hund Raww, der sich im Verlauf von Joel Crawford und Januel Mercados Animationsfilm „Forgotten Island“ als überaus windiger Geselle entpuppt, kann ihnen helfen. Er verrät ihnen auch, wie sie wieder in ihre Welt zurückkehren können. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: dafür müssen sie Erinnerungen opfern.

Und schon sind wir mitten drin in einer Achterbahnfahrt, die keine Verschnaufpause kennt. Ständig passiert etwas. Es gibt Gags und Überraschungen am laufenden Band. Immer sieht es toll aus. Während des Films lenkt das ziemlich erfolgreich davon ab, dass die Geschichte nicht gut ist. Da werden Figuren von Szene zu Szene mal gut, mal böse; halt gerade so, wie es in dieser Szene überraschender ist. Eine emotionale Bindung des Zuschauers an die Figuren kann so nicht entstehen. Da werden wichtige Punkte galant übergangen. Das beginnt schon mit der Etablierung der Freundschaft zwischen Raissa und Jo. Vor dem Büro des Direktors erzählt Raissa Jo, dass sie sie in der Klasse verteidigte, nachdem die Lehrerin Jo wegen ihres Benehmens zum Direktor schickte. Wie Raissa Jo verteigte, wird nicht gezeigt.

Das geht so weiter. Später wird gesagt, jeder Gegenstand am Freundschaftsband von Jo und Raissa stehe für ein wichtiges Ereignis in ihrer Freundschaft. Gezeigt werden uns diese Ereignisse nicht. So fragen wir uns, warum ein Mixtape im Lauf einer jahrelangen Freundschaft so wichtig sein soll.

Auch bei den anderen Figuren erfahren wir nichts über ihre Erinnerungen. Aber wir sollen glauben, dass der Verlust bestimmter Erinnerungen aus lieben Wesen ganz furchtbar böse Wesen machen kann.

Entsprechend abrupt verlaufen verschiedene Entwicklungen bei den Figuren. Und die Botschaft des Films, die auch etwas mit Freundschaft zu tun hat, kommt ziemlich unvermittelt.

Auf der Plus-Seite des Films steht eindeutig der starke Fokus auf die philippinische Kultur. In diesem Punkt erinnert Crawford und Mercados DreamWorks-Film „Forgotten Island“ an den Disney-Film „Vaiana“ (Moana, USA 2016; 2026 gab es ein überflüssiges Remake). Auch dass Frauen hier in der ersten Reihe stehen, gefällt.

Vollkommen unklar ist, für wenn der Film gemacht wurde. In Deutschland ist „Forgotten Island“ ‚frei ab 12 Jahre‘. Von seiner Machart her ist es ein klassischer Animationsfilm, der in erster Linie Kinder anspricht. Also Menschen bis 12 Jahre. Die in dem Film angesprochenen Themen und wie sie behandelt werden, sind dann eher für die Knapp-Zwanzigjährigen gedacht, die nach dem Abitur überlegen, in welche Stadt sie zum studieren umziehen sollen. Für sie sind die Figuren und die Konflikte dann zu einfach. Außerdem können sie sich einen Film mit ungefähr gleichaltrigen Protagonisten ansehen, die vor den gleichen Fragen stehen.

„Forgotten Island“ ist ein Kinderfilm, der sein Thema als Thema für Erwachsene behandelt.

Forgotten Island (Forgotten Island, USA 2026)

Regie: Joel Crawford, Januel Mercado

Drehbuch: Joel Crawford, Januel Mercado

mit (im Original den Stimmen von) H.E.R., Liza Soberano, Dave Franco, Jenny Slate, Manny Jacinto, Dolly de Leon, Jo Koy, Ronny Chieng, Lea Salonga

(in der deutschen Synchronisation den Stimmen von) Magdalena Höfner, Gabrielle Pietermann, Tim Schwarzmaier, Maximiliane Häcke, Manuel Straube

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Forgotten Island“

Metacritic über „Forgotten Island“

Rotten Tomatoes über „Forgotten Island“

Wikipedia über „Forgotten Island“


Neu im Kino/Filmkritik: Was kann passieren, wenn du „Meeting the Buddha“?

Oktober 9, 2026

Gewalttätige Jugendliche, Konflikte mit den Eltern, Rockmusik, die Anfänge der World Music, stundenlange drogengeschwängerte Sessions, Hippies, esoterische Sinnsuche und das damit verbundene Ausprobieren von Heroin, Haschisch, LSD und was sonst noch die Chemieküche und der Urwald hergaben. So kann man die 60er Jahre beschreiben. Ein für die Sinnsuche beliebtes Reiseziel, selbstverständlich im VW Bulli, waren Indien und die nördlichen Anrainerstaaten.

Einer der Reisenden war der am 19. März 1941 in Hellerup (Dänemark) geborene Ole Nydahl. Zusammen mit seiner Frau Hannah fuhren sie in den späten sechziger Jahren dorthin. Sie kehrten mit Drogen und einem Buch zurück. An der Grenze wurden sie verhafet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Die Zeit in der Isolationshaft verbrachte Ole mit dem Studieren des Buches und Meditieren.

Nach der Haft fuhren er und Hannah in den Tibet. Im Himalaya verbrachten sie über zwei Jahre bei dem 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, dem höchsten Lama der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus. Die Begegnung mit ihm hatte Ole tief beeindruckt. Sie wurden seine Schüler. 1972 beauftragte der 16. Karmapa Ole und Hannah Nydahl mit dem Aufbau religiöser Zentren im Westen. Das taten sie seitdem höchst erfolgreich.

Márta György-Kessler, selbst Buddhistin, langjährige Begleiterin von Lama Ole und Hannah Nydahl und seit 2002 als buddhistische Lehrerin in vielen Ländern tätig, konzentriert sich in ihrem Dokumentarfilm „Meeting the Buddha“ auf Ole Nydahls Leben. Chronologisch, mit spürbarer Sympathie und vollkommen unkritisch erzählt sie, wie aus einem Rabauken und Frauenheld ein Missionar wird und wie er fortan überall die Botschaft des Buddhismus predigte.

Dazu gibt es einige Informationen über den Buddhismus und den 16. und 17. Karmapa, Statements von Vertrauten und viele zeitgenössische Aufnahmen. Meistens Fotografien. Ergänzt werden die Bilder von einigen animierten Teilen. Das ist, weil György-Kessler mit ihren Co-Autoren und Editoren über anderthalb Jahre an der Struktur des Films arbeitete und sie einen zehnstündigen Rohschnitt erstellten, den sie anschließend auf immer noch

epische 151 Minuten kürzten, sehr dicht erzählt.

Wer allerdings auch nur einen milde kritischen Anspruch an den Film erhebt, wer mehr über die Hintergründe des Buddhismus, vor allem seiner Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, erfahren möchte und wer erfahren möchte, warum der Buddhismus im Westen in den vergangenen Jahrzehnten so beliebt wurde, wird enttäuscht sein. Der Buddhismus als Religion erschöpft sich in Lama Ole Nydahls Statements zu einem getätigtem mündlichen Bekenntnis und Meditation. Ole Nydahls schlechte Seiten und seine teils reaktionären politischen Ansichten werden übergangen. Dafür interessiert sich György-Kessler in ihrem Dokumentarfilm überhaupt nicht.

Wer eine gut gemachte Heldenverehrung und einen oberflächlichen Image-Film für den Buddhismus sehen möchte, wird mit „Meeting the Buddha“ gut bedient.

Nydahl starb am 18. Mai 2026 in Immenstadt im Allgäu. Seine Frau Hannah starb bereits 2007. Über sie drehte György-Kessler 2014 den Dokumentarfilm „Hannah – Ein buddhistischer Weg zur Freiheit“. Einiges Material, das für „Hannah“ entstand, verwendete sie jetzt „Meeting the Buddha“.

Meeting the Buddha (Meeting the Buddha, Großbritannien 2025)

Regie: Márta György-Kessler

Drehbuch: Márta György-Kessler, Tobias Dörr, Adam Penny

mit Lama Ole Nydahl, Hannah Nydahl, Rangjung Rigpe Dorje (16. Gyalwa Karmapa), Thaye Dorje (17. Gyalwa Karmapa)

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Meeting the Buddha“

Wikipedia über Lama Ole Nydahl (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Oktober: John Coltrane – Der Atem des Jazz

Oktober 8, 2026

Arte, 23.05

John Coltrane – Der Atem des Jazz (Chasing Trane: The John Coltrane Documentary, USA 2017)

Regie: John Scheinfeld

Drehbuch: John Scheinfeld

TV-Premiere. Spielfilmlanger Dokumentarfilm über den Jazz-Saxophonisten John Coltrane (1926 – 1967). Formal konventionell, aber sehr informativ.

Alternativer deutscher Titel: Chasing Trane

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 20. September 2027 in der Mediathek)

Wikipedia über “Chasing Trane” und John Coltrane (deutsch, englisch)

AllMusic über John Coltrane


Neu im Kino/Filmkritik: Über den südkoreanischen Science-Fiction-Actionfilm „Hope“

Oktober 8, 2026

Darauf war ich nicht vorbereitet.

Das einiges verratende Filmplakat gab es noch nicht. Einen Trailer habe ich mir vorher nicht angesehen. Die nebulöse Synopse, dass Michael Fassbender und Alicia Vikander in einem südkoreanischen Film mitspielen und dass Mubi ihn verleiht, signalisierten einen Slow-Cinema-Kunstfilm. Viel Stille, wenig Bewegung und alles hübsch verrätselt für Interpretationen über die Art der Bedrohung, die ein Dorf mit etwas konfrontiert, das ihre Vorstellungskraft übersteigt.

So beginnt der Film auch. Ein Polizist steht auf einer einsamen Straße zwischen nicht enden wollenden trockenen Feldern vor einen Tierkadaver. Irgendetwas hat das Rind regelrecht zerfetzt und ausgeweitet. Einige jüngere, sich unschuldig gebende Dorfbewohner, die anscheinend auch stadtbekannte Wilderer sind, stehen neben dem Kadaver. Einer sagt, ein Tiger könne für die Verletzung verursacht haben. Ein anderer Dorfbewohner habe ihm etwas von einem seltsamen Tiger erzählt, der durch die Wälder streife.

Bum-seok überzeugt das nicht. Aber eine bessere Erklärung hat der Leiter des in Südkorea in der Nähe der demilitarisierten liegendem Dorf Hope Harbor nicht. Er beginnt mit der Organisation nach der Jagd nach dem Tier.

In den folgenden Minuten zeigt Na Hong-jin („The Chaser“, „The Wailing: Die Besessenen“), was dieses sich rasend schnell bewegende Wesen angerichtet hat. Das Dorf sieht aus, als habe ein Wirbelsturm getobt. Das kann kein Tiger und auch keine Horde Tiger gewesen sein.

Im Film vergehen um die fünfzig Minuten, bis Na Hong-jin zum ersten Mal das Wesen in seiner ganzen Pracht zeigt. In dem Moment ist die fast pausenlose Jagd zwischen Menschen und Aliens bereits in vollem Gang. Und bis zum schamlos auf eine Fortsetzung spekulierendem Ende ist „Hope“ ein 158-minütiger Actionritt mit einigen eingestreuten Comedy-Elementen und der Erkenntnis, dass südkoreanische Helden quasi unsterblich sind.

Mit 158 Minuten ist „Hope“ auch zu lang. So zieht sich die Erzählung eines alten Mannes, der im Wald beim Verrichten eines menschlichen Bedürfnisses (das betont er mehrmals) die Aliens entdeckte, ewig hin. So ziehen die Kämpfe zwischen Bum-seok (Hwang Jung-min), seiner überaus taffen neuen Kollegin Sung-ae (Hoyeon), dem einheimischen Jäger Sung-ki (Zo In-sung) und weiteren Menschen und den bis fast zum Schluss anonym bleibenden, ebenfalls fast unbesiegbaren Aliens sich endlos hin. Bum-seok, Sung-ae und Sung-ki kämpfen manchmal zusammen, manchmal getrennt im Wald, auf nicht enden wollenden Straßen und in der zunehmend zerstörten Stadt gegen die Aliens. Im Kampf und beim fotogenen Sterben zwischen Mensch und Alien gibt es immer noch eine weitere abstruse Wendung und noch eine überraschende Auferstehung. Das sorgt für Amüsement und gleichzeitig für eine gewisse Langeweile.

Die Aliens sind anonyme Monster, die töten, weil sie töten. Das ändert sich am Ende, wenn Na Hong-jin in einem zu lang geratenem Infodump, vieles über die Aliens, deren Welt und warum sie auf der Erde sind, verrät. Für diesen Film sind die Informationen unwichtig. Für eine etwaige Fortsetzung nicht.

Am Ende bleibt ein Missverhältnis zwischen Länge, teils klamaukigem Humor, Minimal-Story (eigentlich besteht die Story nur aus weitgehend beliebig aneinandergereihten Actionszenen mit eindimensionalen Figuren) und atemberaubenden, nicht enden wollenden Actionszenen. Nennen wir „Hope“ einen Rohdiamanten.

Hope (호프, Südkorea 2026)

Regie: Na Hong-jin

Drehbuch: Na Hong-jin

mit Hwang Jung-min, Zo In-sung, Hoyeon, Taylor Russell, Cameron Britton, Alicia Vikander, Michael Fassbender

Länge: 158 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Hope“

Metacritic über „Hope“

Rotten Tomatoes über „Hope“

Wikipedia über „Hope“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Andreas Dresen entdeckt „Alte Liebe“

Oktober 8, 2026

Seit vierzig Jahren sind Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) miteinander verheiratet. Die Tochter ist aus dem Haus – und lädt sie zu ihrer dritten Hochzeit ein. Harry genießt inzwischen das Leben als Pensionär zwischen Gartenpflege und Bierkonsum. Lore arbeitet noch in der Bibliothek und organisiert Lesungen mit, unter anderem, Clemens Meyer und Christoph Hein. Aber soll das alles gewesen sein? Und Warum bleibt man nach vierzig Jahren Ehe immer noch zusammen?

Während Andreas Dresen, nach einem von ihm und Laila Stieler geschriebenem Drehbuch, die beiden leise groß aufspielenden Hochkaräter Joachim Król und Dagmar Manzel lustvoll miteinander zanken lässt, wird schnell die tiefe Verbundenheit zwischen ihnen deutlich. Sie gehören zusammen. Damals und heute immer noch.

„Alte Liebe“ ist ein zwischen Küche und kleinem Wohnzimmer spielendes Zwei-Personen-Stück. Das Kammerspiel wirkt dabei nie wie ein irrtümlich ins Kino gekommenes Fernsehspiel, sondern, dank seiner beiden Hauptdarsteller und den Bildern, immer wie ein für die große Leinwand inszenierter Kinofilm.

Für Laila Stieler und Andreas Dresen ist „Alte Liebe“ nach den auf Tatsachen beruhenden Dramen „Gundermann“, „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ und „In Liebe, eure Hilde“ ein kleiner Film. Er ist eine gelungene Entspannungsübung über den Sinn des Lebens und lebenslanger Partnerschaften, wie die zwischen Dresen und Stieler. Sie lernten sich 1985 kennen und arbeiteten bei neun Langfilmen zusammen.

Ihr neuester, gewohnt sehenswerter und gelungener Film richtet sich vor allem an ältere Menschen, die vor den gleichen Fragen wie Harry und Lore stehen.

Alte Liebe (Deutschland 2026)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler, Andreas Dresen

LV: Elke Heidenreich/Bernd Schroeder: Alte Liebe, 2009

mit Dagmar Manzel, Joachim Król, Anna von Seld, Liane Düsterhöft, Christoph Hein, Clemens Meyer

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

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Filmportal über „Alte Liebe“

Moviepilot über „Alte Liebe“

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andres Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Deutschland/Frankreich 2022)

Meine Besprechung von Andres Dresens „In Liebe, eure Hilde“ (Deutschland 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Mit Aaron Sorkin „The Social Reckoning“ erleben

Oktober 8, 2026

Wie kam es, dass das Wall Street Journal die ‚Facebook-Files‘ veröffentlichte?

Nun, indem sie einen Journalisten einstellten, der zu spät zum Vorstellungsgespräch kam, weil er das Navi in seinem Leihwagen nicht bedienen konnte. Und wir reden hier nicht von der Steinzeit, sondern von 2019.

Ein Investigativjournalist muss allerdings am Beginn seiner Recherche nicht unbedingt ein Fachmann in dem Gebiet sein, über das er berichtet. Er muss von seiner Redaktion die Zeit für eine umfassende, möglicherweise ins Nichts führende Recherche erhalten. Er muss ein Gespür für eine mögliche Story haben. Er muss hartnäckig sein. Er muss geduldig sein. Er muss nachfragen, nachfragen und nochmal nachfragen, bis er alles verstanden hat. Und er muss mit schwierigen Menschen umgehen können.

Wenn das alles zusammenkommt, können die Journalisten Skandale aufdecken, für Diskussionen sorgen, den Anstoß für Veränderungen geben und die Inspiration für nah an der Wirklichkeit entlang erzählte Spielfilme sein. Genannt seien die Klassiker „Die Unbestechlichen“, „The Insider“, „Spotlight“ und „She said“. „The Social Reckoning“ reiht sich mühelos hier ein.

In seinem neuen Film erzählt Aaron Sorkin nach „The Social Network“ (seiner von David Fincher inszenierten Version der Gründung von Facebook) eine weitere Facebook-Geschichte. Dieses Mal geht es um die ‚Facebook-Files‘, eine Serie von aufsehenerregenden Reportagen, die im September 2021 im Wall Street Journal erschienen. In ihnen wird nachgewiesen, dass Facebook die für die User und die Gesellschaft schädlichen Folgen seiner Veränderungen am Algorithmus kannte und forcierte. So wurden den Usern vermehrt Hass-Postings und einseitige, vor allem reaktionäre, ausländerfeindliche und auf Lügen, falschen, unvollständigen und hoffnungslos verzerrten, Misstrauen erzeugende Posts gezeigt. Sie wurden nach oben gerankt und weitergeleitet.

Denn Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg ging es bei der Installierung der neuen Regeln, wie Meaningful Social Interaction (MSI), und weiteren Änderungen nur um die Steigerung des Umsatzes und des Gewinns der von ihm beherrschten sozialen Netzwerke.

Die Folgen für die seelische Gesundheit von Teenagern interessierten ihn nicht. Auch nicht die Folgen für die Gesellschaft. So war, wie auch Sorkin in „The Social Reckoning“ zeigt, der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 der Höhepunkt und eine unmittelbare Folge der auf Facebook in den Monaten davor und am 6. Januar verbreiteten und gepushten Nachrichten.

Sorkin erzählt in seinem Journalismusfilm diese Geschichte. Als Investigativjournalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) mit seiner Recherche beginnt, stößt er nur auf verschlossene Türen und einen sich hermetisch abschottenden Konzern. Als Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen (Mikey Madison) mit ihren Warnungen bei ihren Vorgesetzten immer wieder ignoriert wird, kontaktiert sie Horwitz. Sie erklärt ihm (und uns) diese streng geschützten Interna. Obwohl sie niemals ihre Identität enthüllen wollte, tut sie dies mit der Veröffentlichung der Artikelserie. Am 5. Oktober 2021 sagt sie vor einem Ausschuss des US-Senats aus.

Während der ganzen Zeit arbeitet Facebook gegen sie – und in einem Subplot zeigt Sorkin den zu keinem normal-menschlichem Gefühl fähigen Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) bei den Vorbereitungen für das Hearing im Senat.

Dieses Mal übernahm Aaron Sorkin auch die Regie. Er schrieb und inszenierte eine packende, dichte, intensive und informative Version der damaligen Ereignisse als klassischen Journalismus-Thriller. Es gelingt ihm, wie in einer gelungenen Zeitungsreportage, das komplexe Material nachvollziehbar aufzubereiten und spannend zu präsentieren.

So reiht sich „The Social Reckoning“ mühelos in Aaron Sorkins beste Arbeiten ein.

Damit sich etwas an der Macht von Facebook, das nach den Enthüllungen von Horwitz und andere Journalisten in Meta umbenannt wurde, und anderen Sozialen Medien ändert, braucht es den Druck der Öffentlichkeit und Politiker, die Gesetze verabschieden, die den Sozialen Medien Grenzen setzen. Filme wie „The Social Reckoning“ können solche Diskussionen anstoßen und die Erinnerung an früher erfolgte Enthüllungen bewahren.

The Social Reckoning (The Social Reckoning, USA 2026)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

mit Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Wunmi Mosaku, Betty Gilpin, Billy Magnussen, Bill Burr

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Social Reckoning“

Metacritic über „The Social Reckoning“

Rotten Tomatoes über „The Social Reckoning“

Wikipedia über „The Social Reckoning“ (deutsch, englisch) und die Facebook Files

The Wall Street Journal: The Facebook File

Meine Besprechung von Aaron Sorkins „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ (Molly’s Game, USA 2017) (mit mehreren Gesprächen mit Aaron Sorkin, Jessica Chastain und Idris Elba über den Film)


TV-Tipp für den 8. Oktober: Hannah Arendt

Oktober 7, 2026

RBB, 20.15

Hannah Arendt (Deutschland 2012)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta

Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.

mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (Schweiz/Österreich/Deutschland/Luxemburg 2023)

Meine Besprechung von Cuini Amelio Ortiz/Peter Altmanns Dokumentarfilm „Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen“ (Italien/USA/Deutschland 2021)


Impressionen aus Berlin

Oktober 7, 2026

entdeckt in der North Side Gallery (mitten in Berlin im Park am Nordbahnhof)


TV-Tipp für den 7. Oktober: Zero Dark Thirty

Oktober 6, 2026

Arte, 22.05

Zero Dark Thirty (Zero Dark Thirty, USA 2012)

Regie: Kathryn Bigelow

Drehbuch: Mark Boal

Kathryn Bigelows nicht unproblematischen Film über die Jagd auf Osama Bin Laden, erzählt aus der Sicht der Geheimdienste mit einer CIA-Analytikerin als Protagonistin.

Zum Kinostart schrieb ich unter anderem: „Nach dem gelungenen „The Hurt Locker“, der ersten Zusammenarbeit von Mark Boal und Kathryn Bigelow, ist „Zero Dark Thirty“ eine ziemlich herbe Enttäuschung, die unter einem unfokussiertem Drehbuch und der Absicht, den Menschen im Schatten, die Osama bin Laden jagten und töteten ein Denkmal zu setzen, leidet. Für ein solches Heldenporträt muss man nicht gleich den gesamten Film ausschließlich und ohne jegliche Distanz aus der Perspektive der CIA-Agenten und Soldaten erzählen.“

Anschließend, um 00.35 Uhr zeigt Arte die 55-minütige Doku „Kathryn Bigelow – Hollywood unter Adrenalin“ (Frankreich 2023).

mit Jessica Chastain, Jason Clarke, Jennifer Ehle, Fares Fares, James Gandolfini, Kyle Chandler, Harold Perrineau, Reda Kateb, Mark Strong, Edgar Ramirez, Frank Grillo, Mark Valley

Hinweise

Metacritic über „Zero Dark Thirty“

Rotten Tomatoes über „Zero Dark Thirty“

Wikipedia über „Zero Dark Thirty“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ (Zero Dark Thirty, USA 2012)

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Detroit“ (Detroit, USA 2017) und der DVD


Cover der Woche

Oktober 6, 2026


TV-Tipp für den 6. Oktober: Trance – Gefährliche Erinnerung

Oktober 5, 2026

Tele 5, 22.05

Trance – Gefährliche Erinnerung (Trance, Großbritannien 2013)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: Joe Ahearne, John Hodge

Kunstauktionator Simon versteckt während eines Überfalls ein wertvolles Goya-Gemälde. Weil er durch einen Schlag auf den Kopf sein Gedächtnis verloren hat und die Gangster das Gemälde unbedingt wollen, soll eine Hypnotiseurin bei der Wiederbeschaffung helfen.

Nichts, aber auch wirklich nichts ist so, wie es scheint.

Herrlich vertrackter Noir von Danny Boyle, der für meinen Geschmack mit der Zeit schon etwas zu vertrackt wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson, Danny Sapani, Matt Cross, Wahab Sheikh, Mark Poltimore

Wiederholung: Mittwoch, 7. Oktober, 23.50 Uhr

Hinweise

Metacritic über „Trance“

Rotten Tomatoes über „Trance“

Wikipedia über „Trance“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Meine Besprechung von Danny Boyles „T2 Trainspotting“ (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Danny Boyles „28 Years later“ (28 Years later, Großbritannien/USA 2025)


„Barfuss in Scherben“, angezogen auf der Couch Deutschpunk-Songcomics lesend

Oktober 5, 2026

Nachdem sich die vorherigen Songcomic-Bände einzelnen Bands, wie The Go-Betweens, Tocotronic, Fettes Brot, Stereo Total, Fehlfarben (mit ihrer bekanntesten LP „Monarchie und Alltag“), Ton Steine Scherben (mit der Doppel-LP „Keine Macht für Niemand“), widmeten, taucht der neueste Songcomic-Band, wie ein Sampler, in die frühe Geschichte des Deutschpunk ein. Die gute alte Zeit, „als die Welt noch unterging“ (Klappentext; und wem ich das erklären muss, der hat die Zeit zwischen Atomkrieg und Waldsterben nicht erlebt).

Die gewohnt abwechslungsreich gezeichnete Playlist besteht in „Barfuss in Scherben“ aus, in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Rahel Süßkind illustriert „Sense“ von Torpedo Moskau

Marlene Krause zeichnet „Deutschland“ (muss sterben, damit wir leben können) von Slime

Sascha Hommer malt „Meerschweinchen“ von Östro 430

Tine Fetz denkt an „Es brennt“ von Hans-A-Plast

Jens Cornils zeichnet „Bundeswehr“ von Brausepöter

18 Metzger ist mit „Müslibrei“ von Rotzkotz dabei

Antonia Kühn mit „Der große Mafiosi“ von The Wirtschaftswunder (ergänzt um 50 Wege umsonst ins SO 36)

Luka Lenzin taucht irgendwie in die Geschichte von Kleenex (eine der wenigen Frauenpunkbands und dann noch aus der idyllischen Schweiz) ein

Ziska Riemann zeichnet „Satan“ von Schleim-Keim

Helena Baumeister trifft „Lachleute und Nettmenschen von S.Y.P.H.

Gut, ein „Keine Macht für Niemand“ ist da nicht dabei, aber der Song wurde ja schon in dem „Ton Steine Scherben“-Band als Comic verewigt.

Dafür ist Slimes Gassenhauer „Deutschland“ dabei. Nach der unsäglichen, von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sinnfrei angestoßenen Debatte um den Deutschen Buchhandelspreis, ist der Song wieder aktuell und, uh, nachlesenswert. Eine Zeile aus dem Song, verewigt auf dem Haus, in dem eine der ausgezeichneten Buchhandlungen ist, soll (nichts genaues weiß man nicht und Weimer weiß, so sagt er, auch nicht mehr) der Grund für die von Weimer veranlasste Rücknahme der Verleihung an die Buchhandlung gewesen sein. Wenn das nicht der Grund war, war es ein guter Grund, sich den 1981 veröffentlichten Song wieder zu Gemüte zu führen und darüber nachzudenken, wie aktuell er immer noch ist.

Brausepöters ebenfalls 1981 veröffentlichten Gedanken über den Musterungsbefehl der „Bundeswehr“ sind für junge Männer heute wieder aktuell. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist und die Bundeswehr heute einige Kampfeinsätze absolviert hat. Jens Cornils schloss seine Arbeit an dem Comic an dem Tag ab, als im Bundestag das neue Wehrdienstgesetz beschlossen wurde.

Insgesamt fällt auf, wie erstaunlich zeitlos die in den Songs angesprochenen Themen, Konflikte und Gefühle sind. Und wie vielfältig die Songs in kurze Comics umgesetzt werden.

Wie auch in den anderen Songcomics-Büchern wird jeder Song, was für stilistische Vielfalt sorgt, von einem anderen Künstler illustriert und es gibt zu den Songs informative Intros von Bandmitgliedern und den Zeichnern der Comics.

Äh, ja, und natürlich ist auch „Barfuss in Scherben“ eine gute Grundlage für eine gute Playlist.

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Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.): Barfuss in Scherben- Ein Deutschpunk-Songcomic

Ventil Verlag, 2026

112 Seiten

25 Euro

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Hinweise

Ventil über den Deutschpunk-Songcomic

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmanns (Hrsg.) „Keine Macht für Niemand – Ein Ton Steine Scherben Songcomic“ (2022)

Meine Besprechung von Michael Büsselbergs (Hrsg.) „Sie wollen uns erzählen – Zehn Tocotronic-Songcomics“ (2020)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Thank you for a lovely day – 11 The Go-Betweens Songcomics“ (2023)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Monarchie und Alltag – Ein Fehlfarben-Songcomic“ (2022)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Ab dafür – 10 Trio-Songcomics“ (2024)

Meine Besprechung von Gunther Buskies/Jonas Engelmann (Hrsg.) „Schwule Mädchen Sondereinheit – 10 Fettes Brot Songcomics“ (2025)


TV-Tipp für den 5. Oktober: Police Python 357

Oktober 4, 2026

Arte, 20.15

Police Python 357 (Police Python 357, Frankreich/Deutschland 1976)

Regie: Alain Corneau

Drehbuch: Daniel Boulanger, Alain Corneau

Die Story erinnert (unhöfliche Leute sagen: der Plot ist abgekupfert) natürlich an den Noir-Klassiker „Spiel mit dem Tod“: Die einsame Polizist Marc Ferrot verliebt sich in Sylvia, die Geliebte seines Vorgesetzten Ganay. Als der eifersüchtige Ganay sie ermordet, setzt er seinen besten Mann darauf an, den Nebenbuhler, der als Mörder hängen soll, zu finden. Erst langsam begreift Ferrot, dass er der gesuchte Nebenbuhler ist und alle Beweise auf ihn als Mörder deuten.

„Geschickt in Szene gesetzter Polizeithriller.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)

„Police Python 357 ist eine stilistische Neuerung im Genre und beschwört zugleich dessen Traditionen. (…) Es ist der melancholische Rückblick des Genres auf seinen mythischen Helden, von dem es weiß, dass er nicht mehr zu retten ist.“ (Georg Seesslen: Copland)

Volle Zustimmung.

Mit Yves Montand, Simone Signoret, Francois Périer, Stefania Sandrelli, Mathieu Carrière, Vadim Glowna, Claude Bertrand

Wiederholung: Montag, 12. Oktober, 21.40 Uhr

Hinweise

Arte über den Film (bis zum 30. November 2026 in der Mediathek)

AlloCiné über „Police Python 357“

Rotten Tomatoes über „Police Python 357“

Wikipedia über „Police Python 357“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Wahl der Waffen“ (Le choix des armes, Frankreich 1981)

Meine Besprechung von Alain Corneaus „Love Crime“ (Crime d’amour, Frankreich 2010)

Mein Nachruf auf Alain Corneau

Alain Corneau in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 4. Oktober: The Social Network

Oktober 3, 2026

Als Vorbereitung für Aaron Sorkins „The Social Reckoning“, der die Geschichte von Facebook weiter erzählt und der am Donnerstag startet (Besprechung folgt):

RTL II, 20.15

The Social Network (The Social Network, USA 2010)

Regie: David Fincher

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)

Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.

Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.

Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer

Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Social Network“

Wikipedia über „The Social Network“ (deutsch, englisch)

Chasing the Frog vergleicht die Fiktion mit den Fakten

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Mezrichs „21“ (Bringing down the House, 2002)

Meine Besprechung von Aaron Sorkins „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ (Molly’s Game, USA 2017) (mit mehreren Gesprächen mit Aaron Sorkin, Jessica Chastain und Idris Elba über den Film)


Die Krimibestenliste Oktober 2026

Oktober 3, 2026

Pünktlich zum Wochenende mit zwei Sonntagen gibt es die monatliche Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur

1 (1) Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod

Aus dem Englischen von Eva Regul

Diogenes

284 Seiten

18 Euro

–

2 (2) Belinda Bauer: Das Ding der Unmöglichkeit

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Antje Kunstmann

400 Seiten

25 Euro

–

3 (3) Mike Nicol: Die Schakalin

Aus dem Englischen von Meredith Barth

btb

511 Seiten

15 Euro

–

4 (5) D. B. John: Red Star Down

Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff

Suhrkamp

717 Seiten

20 Euro

–

5 (-) Yves Ravey: Nichts als heiße Luft

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller

Liebeskind

112 Seiten

20 Euro

–

6 (10) Ron Currie: Die Patin von Maine

Aus dem Englischen von Stephan Glietsch

btb

415 Seiten

17 Euro

–

7 (-) Tana French: Wie ein Fluss in der Nacht

Aus dem Englischen von Henning Ahrens

S. Fischer

560 Seiten

26 Euro

–

8 (-) Melanie Raabe: Daisy

btb

416 Seiten

24 Euro

–

9 (-) Dirk Schmidt: Final Show

Suhrkamp

267 Seiten

17 Euro

–

10 (-) Petra Hartlieb: Buberlpartie

Dumont

384 Seiten

18 Euro

–

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

–

Peter Graingers „Ein unglücklicher Tod“ werde ich demnächst, zusammen mit dem bereits erschienenen zweiten DC-Smith-Krimi „Gnade vor Recht“, besprechen. Am 9. Dezember erscheint „Nach menschlichem Ermessen“, der dritte Fall für DC Smith.

Yves Raveys „Nichts als heiße Luft“ will in einem Zug lesen und dann besprechen.


TV-Tipp für den 3. Oktober: Marlowe

Oktober 2, 2026

ZDF, 23.35

Marlowe (Marlowe, Irland/Spanien/Frankreich 2022)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: William Monahan, Neil Jordan

LV: Benjamin Black (Pseudonym von John Banville): The Black-Eyed Blonde, 2014 (Die Blonde mit den schwarzen Augen – Ein Philip-Marlowe-Roman)

Los Angeles, 1939: Privatdetektiv Philip Marlowe (Liam Neeson) wird von einer Frau beauftragt, ihren verschwundenen Liebhaber zu suchen. Bei seiner Suche sticht Marlowe in ein Wespennest.

Neil Jordans „Marlowe“ ist eine erstaunlich leblos-museale Angelegenheit, die einfach noch einmal, ohne einen eigenen Gedanken, Chandler bebildert. Von dem Team hätte ich mehr erwartet.

mit Liam Neeson, Diane Kruger, Jessica Lange, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Ian Hart, Colm Meaney, Daniela Melchior, Danny Huston, Alan Cumming

Hinweise

Moviepilot über „Marlowe“

Metacritic über „Marlowe“

Rotten Tomatoes über „Marlowe“

Wikipedia über „Marlowe“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

Meine Besprechung von Denise Minas „Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman“ (The second Murderer, 2023)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Mona Lisa“ (Mona Lisa, Großbritannien 1986)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Die Fremde in dir“ (The Brave One, USA 2007)

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Colleen-Hoover-Verfilmung „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Oktober 2, 2026

Bekannt ist Colleen Hoover für ihre erfolgreichen Young/New Adult-Liebesromane, von denen inzwischen auch drei fürs Kino verfilmt wurden.

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ihr erster Thriller. Ein Kollege, der den Roman gelesen hatte, verriet mir nach der Pressevorführung, dass der Roman sehr frei verfilmt wurde. Die Vorlage gefiel ihm besser.

Hoover, die zu den Produzenten des Films gehört, meint: „It’s still a great reflection of the book.“

Im Film wird die nicht so wahnsinnig erfolgreiche Thrillerautorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) engagiert, der Thriller-Königin Verity Crawford (Anne Hathaway) bei ihrem neuen Buch zu helfen. Verity schreibt sehr erfolgreiche und sehr brutale Thriller, in denen sie sich in die Psyche des Täter hineinversetzt.

Als Lowen bei den Crawfords ankommt, erfährt sie, dass sie Verity nicht beim Schreiben des Buches helfen soll. Sie soll das Buch und die nächsten Bücher ganz allein schreiben. Denn Verity liegt schon einige Zeit vollständig gelähmt im Bett. Wie sie in diesen Zustand kam, wird erst viel später im Film verraten. Warum Veritys Verlag und auch sonst niemand etwas davon weiß, erfahren wir nie.

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ein 08/15-Lady-Thriller, der sich banal, jedes Klischee mitnehmend, überraschungsfrei bis zum ebenso überraschungsfreien Ende bewegt. Jeder Satz, jeder Dialog, jede Szene, jede Entwicklung kommt aus dem Klischeebaukasten. Gleiches gilt für die Figuren. Und wer nach Logiklöchern und Unplausibilitäten sucht, wird einen Großkampftag erleben.

Garniert wird die banale Thrillergeschichte, genrekonform und erwartungsgemäß, mit einer Liebesgeschichte. Denn selbstverständlich verlieben sich die Ghostwriterin Lowen und Veritys überaus liebevoller, treusorgender, verständnisvoller und gut aussehender Ehemann und Vater Jeremy (Josh Hartnett) ineinander.

Das ist alles so vorhersehbar und so wirklichkeitsfern, dass es nie spannend wird. Es wird noch nicht einmal interessant. Immerhin ist dieser Romantic-Thriller professionell inszeniert mit guten, aber sträflich unterforderten Schauspielern in nobler Ambiente mit Wald- und Seeblick.

Während des gesamten Films fragte ich mich, was Donald E. Westlake (der Autor der Vorlage für „No other choice“) daraus gemacht hätte. Und schon hatte ich Ideen für mindestens ein Dutzend bessere Filme. Was wäre, wenn…

Verity – Dunkle Geheimnisse (Verity, USA 2026)

Regie: Michael Showalter

Drehbuch: Nick Antosca

LV: Colleen Hoover: Verity, 2018 (Verity)

mit Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Metacritic über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Rotten Tomatoes über „Verity – Dunkle Geheimnisse“

Wikipedia über „Verity – Dunkle Geheimnisse“ (Buch: deutsch, englisch; Film: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Showalters „Spoiler Alarm“ (Spoiler Alert, USA 2022)

Meine Besprechung von Vanessa Caswills Colleen-Hoover-Verfilmung „Für immer ein Teil von Dir – Reminders of Him“ (Reminders of Him, USA 2026)


Neu im Kino/Filmkritik: Tom Cruise ist „Digger“ und Alejandro G. Iñárritu erzählt seine Geschichte

Oktober 2, 2026

Maßlos beschreibt Alejandro G. Iñárritus neuen Film „Digger“ wohl am besten. Es ist ein Film, der von allem zu viel hat.

Der Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein Erzkapitalist aus dem Bilderbuch. Er lebt in einem viel zu großen Palast, schläft in einem viel zu großen Bett, ist vulgär, pubertär, egoistisch, egozentrisch und, nun, das lebendig gewordene Cartoonbild eines mächtigen Kapitalisten. Das passt. Denn „Digger“ ist kein subtiles Drama, in dem die Schauspieler um feinste Nuancen kämpfen, sondern eine Farce auf den Kapitalismus, das US-amerikanische Großmachtdenken und über dumme mächtige Männer, die damit beschäftigt sind, selbstverschuldete Katastrophen zu bekämpfen, bevor sie zu noch größeren Katastrophen werden.

Das muss Digger jetzt tun. Bei Bohrungen in der Nähe des Nordpols, bei denen, auf seinen Befehl hin, jede bestehende und jede denkbare Sicherheitsvorschrift missachtet wurde, löste sich ein riesiger Eisberg. In Rekordgeschwindigkeit treibt er auf Europa zu und er wird den gesamten Kontinent begraben. Nur Digger, so versichern ihm der US-Präsident und seine Minister und Generäle, kann die Katastrophe verhindern.

„The Revenant“-Regisseur Alejandro G. Iñárritu erzählt diese Katastrophengeschichte als sich in wenigen Innenräumen abspielende grelle, aufgrund ihrer Länge zunehmend monoton werdende Farce.

Vor allem die mächtigen Männer sind als debile Idioten hemmungslos überzeichnet. Das führt dazu, dass Tom Cruise sein schauspielerisches Talent, das er hier, nach Jahrzehnten in Mainstream-Blockbuster-Filmen, wieder demonstrieren wollte, nicht ausspielen kann. Digger ist eine eindimensionale Figur, die im Rahmen des präsentiertes Stückes, noch weiter zugespitzt wird. Er ist die überdimensionale Parodie eines skrupellos die Erde ausbeutenden Kapitalisten, der über keinen menschlichen Wesenszug verfügt. Das spielt Cruise in all seinen Übertreibungen gut, aber auch eindimensionaler als die vielen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm gespielten Helden. Sein Captain Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“ ist gegen Digger Rockwell eine subtile Charakterstudie.

Die anderen Schauspieler, unter anderem Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg und Jesse Plemons, haben in dieser Farce, weil ihre Auftritte kürzer sind, die besseren Karten.

Die absurd aus dem Ruder laufende Geschichte, die so auch schon vor fünfzig Jahren hätte spielen können, steht in der Tradition von Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, Großbritannien 1964, 102 Minuten, später von Kubrick auf 95 Minuten gekürzt). Dieser Klassiker ist über eine halbe Stunde kürzer als Iñárritus Komödie. Und diese Laufzeit ist ein Problem. Denn „Digger“ hat keine komplexe Geschichte. Er ist nicht subtil, sondern grotesk überzeichnet und eindeutig. Über epische hundertdreißig Minuten wird immer wieder der gleiche Punkt gemacht: Wir werden von größenwahnsinnigen Idioten beherrscht, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten verbringen möchten.

Ein weiteres Problem von „Digger“ ist eine Enthüllung, die ziemlich früh im Film erfolgt und die besser erst im oder kurz vor dem dritten Akt erfolgt wäre.

So läuft „Digger“ wie Diggers Aktionen aus dem Ruder. Während die Trottel aus der Wirtschaft und Politik versuchen, die Welt, die sie gerade zerstören, zu retten, lacht das Publikum über deren Demaskierung.

Digger (Digger, Großbritannien/Mexiko/USA 2026)

Regie: Alejandro G. Iñárritu

Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone, Sabina Berman (nach einer Geschichte von Sabina Berman, Alejandr G. Iñárritu und Jez Butterworth)

mit Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Moviepilot über „Digger“

Metacritic über „Digger“

Rotten Tomatoes über „Digger“

Wikipedia über „Digger“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Biutiful“ (Biutiful, Mexiko/USA 2010)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (Birdman, USA 2014)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „The Revenant – Der Rückkehrer (The Revenant, USA 2015)

Meine Besprechung von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)


TV-Tipp für den 2. Oktober: Django Unchained

Oktober 1, 2026

Pro7, 20.15

Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino

Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.

„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen.

Mehr in meiner ausführlichen Filmbesprechung.

mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero

Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 00.35 Uhr (Taggenau! – Nach „Inglourios Basterds“ um 20.15 Uhr und „Die Christoph Waltz Story“ um 23.30 Uhr)

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Die Bildergeschichte zum Film

Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.

Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.

In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.

–

Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained

(übersetzt von Dietmar Schmidt)

Eichborn, 2013

272 Seiten

19,99 Euro

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Originalausgabe

Django Unchained

Vertigo/DC Comics, 2013
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Hinweise

Metacritic über „Django Unchained“

Rotten Tomatoes über „Django Unchained“

Wikipedia über „Django Unchained“ (deutsch, englisch)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (Django Unchained, USA 2012)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ (Kill Bill: The Whole Bloody Affair, USA 2003/2025)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Lena Stahls Juli-Zeh-Verfilmung „Corpus Delicti“

Oktober 1, 2026

„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.

Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.

Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.

Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.

Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.

Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)

Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.

Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.

Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.

Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.

Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.

Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.

Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.

Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.

Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.

Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.

Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.

Corpus Delicti (Deutschland 2026)

Regie: Lena Stahl

Drehbuch: Lena Stahl

LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009

mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Die Vorlage

(in der aktuellen Ausgabe)

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

btb, 2025

272 Seiten

11 Euro

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Originalausgabe

Schöffling & Co., 2009

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Seitdem zahlreiche weitere Auflagen.

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Corpus Delicti“

Moviepilot über „Corpus Delicti“

Wikipedia über „Corpus Delicti“ (Buch: deutsch, englisch, Film)

Perlentaucher über den Roman „Corpus Delicti“

Homepage von Juli Zeh