Bekannt ist Colleen Hoover für ihre erfolgreichen Young/New Adult-Liebesromane, von denen inzwischen auch drei fürs Kino verfilmt wurden.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ihr erster Thriller. Ein Kollege, der den Roman gelesen hatte, verriet mir nach der Pressevorführung, dass der Roman sehr frei verfilmt wurde. Die Vorlage gefiel ihm besser.
Hoover, die zu den Produzenten des Films gehört, meint: „It’s still a great reflection of the book.“
Im Film wird die nicht so wahnsinnig erfolgreiche Thrillerautorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) engagiert, der Thriller-Königin Verity Crawford (Anne Hathaway) bei ihrem neuen Buch zu helfen. Verity schreibt sehr erfolgreiche und sehr brutale Thriller, in denen sie sich in die Psyche des Täter hineinversetzt.
Als Lowen bei den Crawfords ankommt, erfährt sie, dass sie Verity nicht beim Schreiben des Buches helfen soll. Sie soll das Buch und die nächsten Bücher ganz allein schreiben. Denn Verity liegt schon einige Zeit vollständig gelähmt im Bett. Wie sie in diesen Zustand kam, wird erst viel später im Film verraten. Warum Veritys Verlag und auch sonst niemand etwas davon weiß, erfahren wir nie.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ein 08/15-Lady-Thriller, der sich banal, jedes Klischee mitnehmend, überraschungsfrei bis zum ebenso überraschungsfreien Ende bewegt. Jeder Satz, jeder Dialog, jede Szene, jede Entwicklung kommt aus dem Klischeebaukasten. Gleiches gilt für die Figuren. Und wer nach Logiklöchern und Unplausibilitäten sucht, wird einen Großkampftag erleben.
Garniert wird die banale Thrillergeschichte, genrekonform und erwartungsgemäß, mit einer Liebesgeschichte. Denn selbstverständlich verlieben sich die Ghostwriterin Lowen und Veritys überaus liebevoller, treusorgender, verständnisvoller und gut aussehender Ehemann und Vater Jeremy (Josh Hartnett) ineinander.
Das ist alles so vorhersehbar und so wirklichkeitsfern, dass es nie spannend wird. Es wird noch nicht einmal interessant. Immerhin ist dieser Romantic-Thriller professionell inszeniert mit guten, aber sträflich unterforderten Schauspielern in nobler Ambiente mit Wald- und Seeblick.
Während des gesamten Films fragte ich mich, was Donald E. Westlake (der Autor der Vorlage für „No other choice“) daraus gemacht hätte. Und schon hatte ich Ideen für mindestens ein Dutzend bessere Filme. Was wäre, wenn…
Verity – Dunkle Geheimnisse(Verity, USA 2026)
Regie: Michael Showalter
Drehbuch: Nick Antosca
LV: Colleen Hoover: Verity, 2018 (Verity)
mit Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner
Maßlos beschreibt Alejandro G. Iñárritus neuen Film „Digger“ wohl am besten. Es ist ein Film, der von allem zu viel hat.
Der Ölmagnat Digger Rockwell (Tom Cruise) ist ein Erzkapitalist aus dem Bilderbuch. Er lebt in einem viel zu großen Palast, schläft in einem viel zu großen Bett, ist vulgär, pubertär, egoistisch, egozentrisch und, nun, das lebendig gewordene Cartoonbild eines mächtigen Kapitalisten. Das passt. Denn „Digger“ ist kein subtiles Drama, in dem die Schauspieler um feinste Nuancen kämpfen, sondern eine Farce auf den Kapitalismus, das US-amerikanische Großmachtdenken und über dumme mächtige Männer, die damit beschäftigt sind, selbstverschuldete Katastrophen zu bekämpfen, bevor sie zu noch größeren Katastrophen werden.
Das muss Digger jetzt tun. Bei Bohrungen in der Nähe des Nordpols, bei denen, auf seinen Befehl hin, jede bestehende und jede denkbare Sicherheitsvorschrift missachtet wurde, löste sich ein riesiger Eisberg. In Rekordgeschwindigkeit treibt er auf Europa zu und er wird den gesamten Kontinent begraben. Nur Digger, so versichern ihm der US-Präsident und seine Minister und Generäle, kann die Katastrophe verhindern.
„The Revenant“-Regisseur Alejandro G. Iñárritu erzählt diese Katastrophengeschichte als sich in wenigen Innenräumen abspielende grelle, aufgrund ihrer Länge zunehmend monoton werdende Farce.
Vor allem die mächtigen Männer sind als debile Idioten hemmungslos überzeichnet. Das führt dazu, dass Tom Cruise sein schauspielerisches Talent, das er hier, nach Jahrzehnten in Mainstream-Blockbuster-Filmen, wieder demonstrieren wollte, nicht ausspielen kann. Digger ist eine eindimensionale Figur, die im Rahmen des präsentiertes Stückes, noch weiter zugespitzt wird. Er ist die überdimensionale Parodie eines skrupellos die Erde ausbeutenden Kapitalisten, der über keinen menschlichen Wesenszug verfügt. Das spielt Cruise in all seinen Übertreibungen gut, aber auch eindimensionaler als die vielen in den vergangenen Jahrzehnten von ihm gespielten Helden. Sein Captain Pete „Maverick“ Mitchell in „Top Gun: Maverick“ ist gegen Digger Rockwell eine subtile Charakterstudie.
Die anderen Schauspieler, unter anderem Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg und Jesse Plemons, haben in dieser Farce, weil ihre Auftritte kürzer sind, die besseren Karten.
Die absurd aus dem Ruder laufende Geschichte, die so auch schon vor fünfzig Jahren hätte spielen können, steht in der Tradition von Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, Großbritannien 1964, 102 Minuten, später von Kubrick auf 95 Minuten gekürzt). Dieser Klassiker ist über eine halbe Stunde kürzer als Iñárritus Komödie. Und diese Laufzeit ist ein Problem. Denn „Digger“ hat keine komplexe Geschichte. Er ist nicht subtil, sondern grotesk überzeichnet und eindeutig. Über epische hundertdreißig Minuten wird immer wieder der gleiche Punkt gemacht: Wir werden von größenwahnsinnigen Idioten beherrscht, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten verbringen möchten.
Ein weiteres Problem von „Digger“ ist eine Enthüllung, die ziemlich früh im Film erfolgt und die besser erst im oder kurz vor dem dritten Akt erfolgt wäre.
So läuft „Digger“ wie Diggers Aktionen aus dem Ruder. Während die Trottel aus der Wirtschaft und Politik versuchen, die Welt, die sie gerade zerstören, zu retten, lacht das Publikum über deren Demaskierung.
Digger (Digger, Großbritannien/Mexiko/USA 2026)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone, Sabina Berman (nach einer Geschichte von Sabina Berman, Alejandr G. Iñárritu und Jez Butterworth)
mit Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller, Michael Stuhlbarg, Jesse Plemons, Robert John Burke, Emma D’Arcy
Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.
„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen.
mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero
Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 00.35 Uhr (Taggenau! – Nach „Inglourios Basterds“ um 20.15 Uhr und „Die Christoph Waltz Story“ um 23.30 Uhr)
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Die Bildergeschichte zum Film
Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.
Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.
In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.
„Corpus Delicti“ ist Abiturlektüre, aber all die faulen Schüler, die jetzt denken, das unkonzentrierte Ansehen des Films erspare ihnen das mühame Lesen des Buches, muss ich aus- und nachdrücklich warnen. Denn Lena Stahl, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films, hat mit dem Einverständnis von Juli Zeh den Roman sehr frei bearbeitet. Eigentlich haben Roman und Film bis auf einige Details, Namen und die Idee einer Gesundheitsdiktatur (die für die Geschichte eher unwichtig ist) nichts miteinander zu tun.
Im Buch geht es vor allem um den Prozess gegen die Biologin Mia Holl wegen methodenfeindlichen Umtrieben und anderen Delikten.
Im Film geht es vor allem um den Prozess gegen Mias Bruder. Er soll einen Mord begangen haben. Der Beweis des Staates sind DNA-Spuren am Tatort. Sie beweisen eindeutig seine Schuld. Aber Mia glaubt nicht, dass ihr Bruder der Mörder ist.
Der Film ist, von der Struktur, ein Science-Fiction-Kriminalfilm. Die Vorlage eher ein sehr lose an der Struktur eines Gerichtsverfahrens orientiertes Gedankenspiel, das sich nicht um Spannungsaufbau kümmert. Das Buch beginnt mit dem Urteil gegen Mia Holl. Kurz vor der Buchmitte enthüllt Mia in einem Gespräch mit ihrem Anwalt Rosentreter und dem Journalisten Kramer, die Sache, die die Unschuld ihres Bruders beweisen kann und die im Film die große Enthüllung gegen Ende des Films ist.
Insgesamt ist die Filmgeschichte besser konstruiert und stringenter erzählt als die Romangeschichte. Aber besser ist noch lange nicht gut.
Beide Male spielt die Geschichte in der Mitte des Jahrhunderts in Deutschland in einer Gesundheitsdiktatur. „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloß Abwesenheit von Krankheit. (…) Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern er ist es schon.“ (Zeh: Corpus Delicti, Seite 7/8)
Die Regierung überwacht jede Körperfunktion. Nachbarn und Kollegen helfen dabei. Es ist allerdings auch eine seltsam unterentwickelte Welt. Im Film fliegen immer wieder Drohnen durch das Bild. Es gibt eine in die Straße eingebaute Sperre, die Mias Auto beim Verlassen der Hygienezone automatisch abschaltet. Danach kann sie immer noch zu Fuß weitergehen. Irgendwelche direkten Folgen, wie eine Strafe oder ein Gespräch in der nächsten Polizeistation, scheint der Grenzübertritt nicht zu haben. Den Menschen wurden Chips implantiert, die alle ihre Körperfunktionen überwachen.
Aber gleichzeitig scheint es keine Überwachungskameras zu geben. Eine Drohne verfolgt Mia mit Scheinwerfern durch den Wald. Über irgendeine Art von Wärmebildkameras scheinen die Drohnen nicht zu verfügen.
Und was die Frage der Gesund mit dem Mord zu tun hat, bleibt unklar. Eine profane Datenbank mit der DNA von jedem Bürger hätte es auch getan; – aber dann hätte es die Anklage wahrscheinlich nie gegeben.
Damit kämen wir zum nächsten großen Problem des Film: der Kriminalfall ist hahnebüchen. Moritz soll eine Frau vergewaltigt und erwürgt haben. Sie haben sich über ein Datingportal kennen gelernt. Auf ihrer Leiche wurde seine DNA gefunden. Dieser DNA-Beweis genügt, um ihn zu verhaften und später anzuklagen.
Jeder Anwalt hätte diese Klage in der Luft zerfetzt. Es gibt kein Motiv. Nur die DNA-Spur platziert Moritz am Tatort. Es gibt keine Videoaufnahmen, in denen Moritz auf dem Weg vom und zum Tatort zu sehen ist. Ebenso fehlen Telefondaten oder Bewegungsdaten des Smartphones. Oder des Autos. Oder Zeugen, die Moritz am Tatabend in der Nähe des Tatortes sahen. Auch ein Moritz implantierter Chip war abgeschaltet. Nichts von der ganz normalen Ermittlungsarbeit, die wir aus unzähligen Krimis kennen, wurde gemacht.
Im Film tut der Anwalt Rosentreter es nicht, weil das Anzweifeln des Ergebnis der „Methode“ ein Verstoß gegen die allen ein gesundes Leben garantierende, absolut fehlerfreie „Methode“ wäre.
Stattdessen ermittelt die an die Unschuld ihres Bruders glaubende Mia etwas und trifft den Journalisten Kramer, der im Film als eine Person gezeichnet wird, die gleichzeitig ein systemkritischer und ein konformistischer Journalist und, später, so etwas wie ein Kriminalbeamter ist. Jedenfalls folgt die Polizei seinen Befehlen.
Weil der Staat alles tut, um den wahren Täter zu schützen, glaubt der Verschwörungsthriller-geschulte Zuschauer sofort, dass Moritz ein Bauernopfer ist, dass der wahre Täter eine wichtige Persönlichkeit ist und dass die Enttarnung des wahren Täters eine Staatskrise auslösen könnte.
Das ist im Buch und Film nicht der Fall. Entsprechend enttäuschend gestaltet sich die Auflösung. Regisseurin Lena Stahl behauptet zwar im Film, dass die Enttarnung des Täters die „Methode“ widerlegen würde. Aber das ist Quatsch. Es handelt sich, erstens, um normales wissenschaftliches Arbeiten, das die „Methode“ nicht tangiert. Und zweitens zeigen Mias Enthüllungen, dass die „Methode“ fehlerfrei funktioniert. Der Mensch ist für den Fehler verantwortlich, weil Menschen der „Methode“ (die wir uns wohl als einen riesigen Computer vorstellen müssen) nicht alle Informationen gaben.
Das gesagt sind die „Methode“ und die Gesundheitsdiktatur, der Mordfall und die damit verbundene Verfahren ein riesiger Bohei. Der Mord hat nichts mit der Gesundheit in der Gesundheitsdiktatur zu tun, weil es nur um den Totalitätsanspruch einer Diktatur geht. Wobei die von Juli Zeh im Buch und von Lena Stahl im Film skizzierte Welt sich anscheinend eher an Aldous Huxleys „Brave New World“ und weniger an George Orwells „1984“ orientiert. Das spezifische der Gesundheitsdiktatur beschränkt sich auf ein höflich gesagtes „Santé“ zur Begrüßung, während gut aussehende Menschen bedächtig durch fotogene Räume gehen und, solange sie gesund leben, frei in ihrer Lebensgestaltung sind.
Im Roman gestaltet sich die Geschichte zwischen nebensächlichem Gerichtsverfahren, pointilistisch eingestreuten Erinnerungen, Mias Gesprächen mit ihrer „idealen Geliebten“ in ihrer Wohnung (heute würde sie wohl Alexa heißen) und philosophischen Betrachtungen noch kryptischer.
Corpus Delicti(Deutschland 2026)
Regie: Lena Stahl
Drehbuch: Lena Stahl
LV: Juli Zeh: Corpus Delicti, 2009
mit Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Haley Louise Jones, Imogen Kogge, Leopold Hornung, Agnes Decker
Nach dem Sabbatjahr und den Vorbereitungen für das neue Programm ist Liebeskind jetzt zurück mit einem fulminantem Herbstprogramm. Dazu gehört Kevin Barrys Noir-Western „Das Herz im Winter“.
1891 treffen sich in dem Kaff Butte in Montana. Die Kupfermine sorgt für Arbeit. Die irischen Arbeiter für Umsatz in den Lokalen. Tom Rourke frequentiert diese Lasterhöhlen regelmäßig und ist überall verschuldet. Mit Liebesbriefen, die er für die Arbeiter schreibt, verdient er Geld.
Eines Tages taucht Polly Gillespie auf. Sie ist nach Butte gekommen, um den strenggläubigen fünfundvierzigjährigen Minenaufseher Anthony Harrington zu heiraten. Bis zur Hochzeit kannten sie sich nur aus Liebesbriefen, in denen sie ein geschöntes Bild von sich verbreiteten. Sie ist älter als die behaupteten 27 Jahre und schon lange keine Jungfrau mehr. Trotzdem ist die Prostituierte schockiert von dem Leben, das in Butte vor ihr liegt.
Einzig in Tom Rourke findet sie eine ähnlich gebildete Seele. Sie verbringen Zeit miteinander, verlieben sich und beschließen, gemeinsam die Stadt mit gestohlenen sechshundert Dollar auf einem gestohlenem Pferd Richtung San Franciso zu verlassen.
Während sie noch planlos durch die Wildnis irren, nimmt ein von Harrington für fünftausend Dollar angestiftetes Kopfgeldjägertrio die Verfolgung durch das verschneite Montana auf.
Für einen traditionellen Western, in dem die Geschichte zwischen Verfolgern und Verfolgten pendelt und alles auf die finale Begegnung hinausläuft, interessiert Kevin Barry sich in seinem schnörkellos und knapp erzähltem Western nicht. Er fragt sich eher, wie sehr er diesen bekannten Plot aushöhlen kann. Er lässt seine denkbar unsympathischen Figuren durch eine menschenleere Landschaft irren. Tom und Polly wissen nicht, dass sie verfolgt werden. Sie könnten es ahnen. Aber es kümmert sie nicht. Recht und Gesetz sind ihnen auf ihrem Weg Richtung Westen ebenfalls denkbar egal. Die Kopfgeldjäger sind brutale Gesellen, die für Geld alles tun würden.
Kevin Barry wurde 1969 in Limerick geboren. Der Ire veröffentlichte bislang vier Romane und drei Erzählbände. Für seine Werke erhielt er den International Dublin Literary Award und den Goldsmith Prize und war für den Booker Prize nominiert.
„Das Herz im Winter“ erhielt den HWA Gold Crown Award, war für den Libby Award for Best Historical Fiction nominiert und stand auf der Shortlist für den Walter Scott Prize for Best Historical Novel.
No Country for Old Men (No Country for Old Men, USA 2007)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005 (Kein Land für alte Männer)
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Los Angeles: Prominenten-Limousinen-Chauffeur und gescheiterter Schauspieler Kevin ‚Stretch‘ Brzyzowski (Patrick Wilson) hat finanzielle Probleme. Also nimmt er den fürstlich entlohnte Angebot eines Milliardärs an, erfüllt innerhalb weniger Stunden dessen Wünsche und gerät in Teufels Küche.
Für ein Taschengeld gedrehter, räudiger Spaß mit einigen Cameos, der nie in die Kinos kam.
Ludwig Göransson schrieb die Musik. Es handelt sich um eine seiner frühen Arbeiten.
Es kann sein, dass der FSK-16-Film um 20.15 Uhr in einer gekürzten Fassung bezeigt wird.
mit Patrick Wilson, Chris Pine, Ed Helms, James Badge Dale, Brooklyn Decker, Jessica Alba, Randy Couture, Ray Liotta, David Hasselhoff
Der Gefangene von Alcatraz (Birdman of Alcatraz, USA 1962)
Regie: John Frankenheimer
Drehbuch: Guy Trosper
LV: Thomas E. Gaddis: Birdman of Alcatraz, 1955 (Der Gefangene von Alcatraz)
Frankenheimer inszenierte in einem nüchternen Reportagestil die Lebensgeschichte von Robert F. Stroud, einem Doppelmörder, der sich während seiner Haftzeit charakterlich wandelte und zu einem anerkannten Vogelkundler wurde.
Im Januar 1909 erschoss er in Alaska im Streit einen Menschen, stellte sich danach und wurde zur Höchststrafe, zwölf Jahre Zuchthaus, verurteilt. Später wurde er nach Leavenworth verlegt. Dort brachte er am 26. März 1916 den Wärter Turner (über den gesagt wurde, er habe bereits zwei Häftlinge in Atlanta getötet) um. Innerhalb von vier Tagen kam ein Geschworenengericht zu dem Urteil, dass Stroud des Mordes ersten Grades schuldig sei. Er sollte erhängt werden. Aufgrund von Verfahrensfehlern war allerdings Strouds Berufung erfolgreich und das Todesurteil wurde in Lebenslänglich geändert. In den folgenden Jahren wurde Stroud zu einem zu einem anerkannten Vogelkundler. Im Dezember 1942 wurde Robert Stroud nach Alcatraz verlegt. Er starb im November 1963 im Gefängniskrankenhaus von Springfield, Missouri, im Alter von 74 Jahren.
Mit Burt Lancaster, Thelma Ritter, Karl Malden, Telly Savalas
„Gomorrha“, Manifest gegen die Mafia (Frankreich 2026)
Regie: Benoît Felici
Drehbuch: Benoît Felici
TV-Premiere. 2006 veröffentlicht der Journalist Roberto Saviano den Roman „Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra“. Der Roman wird ein Bestseller, sorgt für Diskussionen und wird verfilmt. Saviano erhält Todesdrohungen. Seitdem steht er unter Polizeischutz und schreibt weiter gegen das italienische organisierte Verbrechen.
In seiner 55-minütigen Doku erzählt Benoît Felici die Entstehung und die Wirkung des dokumentarischen Romans. Denn Saviano schrieb so nah an der Realität, dass die Verbrecher sich in dem Buch erkannten.
Die ersten Ballrooms entstanden in den USA als Reaktion auf die Ausgrenzung queerer Communities. In Harlem gab es ab den sechziger Jahren eine eigenständige Szene für queere People of Colour. Die Ballrooms sind Wahlfamilie, soziales Netzwerk und kreatives Kollektiv. Sie organisieren sich in ‚Houses‘, die von einer ‚Mother‘ und einem ‚Father‘ geführt werden. Und sie treten in Tanzwettbewerben gegeneinander an.
Seit 2016 gibt es auch in Südostasien solche Ballrooms. Auch dort sind sie Schutz- und Kreativraum. Über mehrere Jahre beobachtete Chan Sze-Wei, selbst Teil der Szene, die dortige Ballroom-Szene. Er konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm „The Beauty of Ballroom“ auf Teddy Ong aus Malaysia, Xyza Ragunjan/Mother Xyza Mizrahi, International Mother des Iconic House of Mizrahi aus den Philippinen und Aurora Sun Labeija, Asian Father des Royal House of Labeija, aus Thailand. Er begleitet sie, redet mit ihnen und ihrem Umfeld und zeigt ausführlich die Veranstaltungen der Häuser.
Das Ergebnis ist ein konventionell gefilmter und mit äußerst unkonventionellen Protagonisten erzählter, faszinierender Einblick in eine fremde Gemeinschaft.
The Beauty of Ballroom (10s across the Borders, Philippinen/Singapur/Deutschland 2025)
Serpico ist ein junger, idealistischer Polizist, der auch gegen die Korruption im System vorgehen will. Seine Kollegen und Vorgesetzten findet das nicht gut.
Grandioser, auf Tatsachen beruhender, vor Ort gedrehter, pessimistischer Cop-Thriller mit Al Pacino
„Die Karriere von Frank Serpico…erlaubt Lumet einen breiten, aber detaillierten Angriff auf die in der Stadt ausgebreitete Korruption und die frustrierenden Mechanismen der Bürokratie bei ihrer Selbstverteidigung, während die emotionalen Kräfte seines Films, dieses Mal, denen des Helden treffend angepasst sind.“ (Richard Combs in Monthly Film Bulletin)
mit Al Pacino, Tony Roberts, John Randolph, Cornelia Sharpe, M. Emmet Walsh, Judd Hirsch, F. Murray Abraham
Jim Parfait, Star der „Gym Queens“, ist wirklich prächtig gebaut (das sehen wir), überaus potent (das sagt er), überaus beliebt als Bodybuilding-Fitness-Influencer (das sagen die Zahlen) und körperfixierter Egozentriker (das zeigt sein Verhalten). Aber jetzt verändert sich sein Körper. Er hat die Heterose. Das ist ein Virus, der schwule Männer zu langweiligen Hetero-Männern macht.
Jim will seine und die Potenz seiner schwulen Freunde retten. Der einzige Mann, der ihm dabei helfen könnte ist der ebenfalls schwule Lucien. Er ist, kurz gesagt, das komplette Gegenteil von Jim.
Gemeinsam macht sich das gegensätzliche Paar quer durch Paris auf die Suche nach dem Gegenmittel gegen die Heterose.
Und ab diesem Moment folgt der Animationsfilm für Erwachsene den Regeln des Buddy-Movies. Ein gegensätzliches Duo kämpft gegen einen durchgeknallten Wissenschaftler, der die Heterose im Labor zusammenpanschte. Auf ihrer Suche nach dem Erfinder des Virus bewegen sie sich durch die vielen zur LGBTQIA+-Szene gehörenden Gruppen und sie treffen auf die Gaystapo, die von Heterose betroffene Männer mit einer Konversionstherapie heilen will.
Sicher, die Witze in „Jim Queen“ sind etwas anders als in anderen Buddy-Komödien. Aber letztendlich vertauschen die Regisseure Nicolas Athané und Marco Ngyuyen nur die Geschlechter. Auf Spielfilmlänge ist das dann, nach der Schule von Ralf König, doch etwas wenig.
Jim Queen (Jim Queen, Belgien/Frankreich 2026)
Regie: Nicolas Athané, Marco Nguyen
Drehbuch: Nicolas Athané, Marco Nguyen, Brice Chefillard, Simon Balteaux
Vom 11. November 2004 bis zum 28. Dezember 2007 moderierte Chris Hansen die Sendung „To Catch a Predator“. Sie wurde von MSNBC im Rahmen der auf True Crime spezialisierten Nachrichtensendung „Dateline NBC” ausgestrahlt. In zwanzig Episoden jagte und überführte er Pädophile. Lockvögel tauschten mit ihnen vor einem Treffen Nachrichten aus. Auf den Treffen überführte Moderator Hansen sie, interviewte sie und übergab sie anschließend der Polizei. Alles wurde aufgenommen und später ausgestrahlt. Das Publikum liebte die Show. Moralische Bedenken wurden ignoriert. Schließlich kocht gegenüber Pädophilen die Volksseele.
Jetzt nahm sich Dokumentarfilmer Lance Oppenheim in seinem Spielfilmdebüt “Primetime”, nach einem Drehbuch von Ajo Singh, dieser Fernsehsendung an. Er erzählt die Geschichte der Show. Irgendwann soll nicht mehr nur den ‚Pädophilen der Woche‘, sondern eine hochstehende, wichtige, prominente Person überführt werden. Er erzählt die Geschichte des Moderators Chris Hansen (Robert Pattinson), der unbedingt ein bekannter Moderator werden will. Aber er hat nicht die Fähigkeiten, um einer der Top-Politik-Journalisten des Landes zu werden. Und er erzählt die Geschichte des Jungschauspielers Dan Plumb (Skyler Gisondo), der unbedingt ein bekannter Schauspieler werden möchte. Aber er hat noch nicht einmal eine Karte der Schauspielgewerkschaft. Als er das Angebot von „To Catch a Predator” annimmt, hat er keine Ahnung, für welche Rolle er sich bewirbt – und dass das definitiv keine Rolle ist, die man später stolz in seinen Lebenslauf eintragen wird. Er soll nämlich einen der Lockvögel spielen.
Das sind jetzt drei verschiedene Geschichten, die Oppenheim irgendwie alle gleichzeitig erzählt. Das tut er, visuell anfangs durchaus interessant, später nervig in einem dunkel-matschigem Retrostil, der nicht die Ästhetik von TV-Bildern aus den nuller Jahren spiegelt. Sie erinnern eher an Live-TV-Bilder aus den achtziger, vielleicht sogar siebziger Jahren.
Er erzählt alles, ohne dass jemals eine eigene Haltung zu der Geschichte erkennbar wird. Es wird auch nicht erkennbar, welche Geschichte ihn am meisten interessierte. So ist „Primetime” eine Mediensatire, die keine Mediensatire ist, ein Drama, das kein Drama ist und eine Charakterstudie ohne Charaktere. Chris Hansen, Dan Plumb und die anderen im Film gezeigten Personen gewinnen dafür zu wenig Tiefe. Sie sind nicht nur unsympathisch, sondern auch uninteressant. Alles ist in diesem nihilstischen Kosmos schmerzhaft offensichtlich. Die Medienkritik bleibt schon im Ansatz stecken. Für eine richtige Medienkritik hätte Oppenheim etwas über die Auswirkung der Sendung und der Diskussion über die Jagd und Bestrafung von mutmaßlichen Sexualstraftätern sagen müssen. Er glorifiziert sie auch nicht als bahnbrechender, für die Entwicklung des Fernsehens und die Behandlung des Themas wichtige Sendung. Er dämonisiert sie in den Bildern. Und Robert Pattinson hat seinen Spaß als sich für einen guten Journalisten haltenden, paranoiden Möchtegern-Dämon. Das ist keine Kritik. Das ist Oberfläche, die immer wieder daran erinnert, wie viel möglich gewesen wäre.
Am Ende kann man „Primetime” als unentschlossenes Noir-Porträt zweier Karrieristen sehen, die über keinen moralischen Kompass verfügen. Sie wollen nur ihr Gesicht im Fernsehen sehen.
Primetime (Primetime, USA 2026)
Regie: Lance Oppenheim
Drehbuch: Ajon Singh
mit Robert Pattinson, Skyler Gisondo, Anna Faris, Merritt Wever, Phoebe Bridgers
Apocalypse Now – Final Cut (Apocalypse Now, USA 1979)
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola
LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)
Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.
Klassiker. Heute im 2019 von Francis Ford Coppola erstellen „Final Cut“. Dafür wurde der Film digital restauriert (das Bild ist toll, aber auf der riesengroßen Kinoleinwand zeigen sich auch die Beschränkungen des Ausgangsmaterials) und er lief sogar im Kino.
Von der Länge liegt der dreistündige Final Cut zwischen der kürzeren 1979er Kinoversion und der längeren Redux-Fassung, die für mich die beste Fassung des Films ist. Danach kommt die Kinoversion (in der Fassung sah ich den Film zum ersten Mal). Der „Final Cut“ ist die schlechteste Fassung.
mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham
In Alaska genießen Ex-Special-Forces-Offizier James Belmont (Brad Pitt) und sein Militärhund Odin die Einsamkeit. Beide sind von ihren gemeinsamen Kriegserlebnissen traumatisiert. Sie suchen Ruhe und Frieden. In der Wildnis begegnen sie fast nie einem anderen Menschen. Und wenn doch handelt sich dabei um einen weiteren Einzelgänger, der mit der restlichen Menschheit ebenfalls wenig bis nichts zu tun haben will.
Als Belmont mit seinem kleinen Wasserflugzeug zu ihrem nächsten Aufenthalt fliegen will, erleidet er einen Herzinfarkt. Sie stürzen ab in einen Fluss. Belmont und Odin können sich aus dem Wasser retten. Belmont holt noch einige Gegenstände aus der Cessna. Nach einem Blick auf die Landkarte plant er ihren mehrtägigen Weg zurück in die Zivilisation. Auch wenn die Zivilisation nur die nächstgelegene, 58 Meilen entfernte Straße ist.
In seinem neuesten Film „Eiserne Wildnis – Heart of the Beast“ erzählt David Ayer eine gradlinige Überlebensgeschichte. Nach einer kurzen Vorstellung der beiden Hauptpersonen – Offizier James Belmont und sein Hund Odin – geht es nur noch, unterbrochen von einigen kurzen, fast kontextlosen Flashbacks auf ihre gemeinsame Einsatzzeit, um ihren Marsch durch die menschenleere Wildnis und den Gefahren, denen sie begegnen. Ayer erzählt das fast wie einen beobachtenden Dokumentarfilm. Nüchtern, ohne Überhöhungen und überflüssige Dramatisierungen.
Das Ergebnis ist ein wohltuend altmodischer Abenteuerfilm. Er erzählt eine Männergeschichte, einen Überlebenskampf mit einem Protagonisten, der nicht an seinem Schicksal verzweifelt, sondern einfach tut, was nötig ist. Damit ähnelt der von Brad Pitt gespielte Ex-Soldat, um zwei aktuellere Beispiele zu nennen, Robert Redford in „All is lost“ (der auf dem Ozean auf einem Segelschiff spielt) oder Liam Neeson in „The Grey“ (der ebenfalls in Alaska spielt und Neesons Flugzeug in einem Wolfsrevier notlandet).
David Ayers „Eiserne Wildnis – Heart of the Beast“ wirkt dagegen am Anfang wie ein dummer Unfall mit einer bewältigbaren Aufgabe für den Protagonisten. Schließlich sollte ein einwöchiger Marsch durch die Wildnis, halbwegs gut ausgerüstet und ausgebildet als Überlebenskämpfer in unwirtlichen Gegenden machbar sein. Auch später, wenn Belmont sich verletzt (und sofort selbst verarztet), bleibt Ayer in seinem Hohelied auf die Freundschaft zwischen Mensch und Tier diesem realistischen Grundton treu.
„Eiserne Wildnis – Heart of the Beast“ wurde in Neuseeland, teils in schwer zugänglichen Gegenden, gedreht. Es handelt sich um das Spielfilmdebüt von Cameron Alexander. Das Drehbuch stand 2017 auf der jährlichen Hollywood Blacklist. Auf der Liste stehen die Drehbücher, die in Hollywood am meisten gemocht werden, aber noch nicht verfilmt sind.
In diesem Fall ist es, auch wenn ich Probleme mit dem Ende habe, gut, dass das Buch verfilmt wurde.
Eiserne Wildnis – Heart of the Beast (Heart of the Beast, USA 2026)
Die Geschichte kennen wir. In der aktuellen Version geht sie so: Im Zug nach Berlin betäubt Max Grundeis den jungen, allein reisenden Emil Tischbein und klaut ihm die über 1000 Euro, die er dabei hat. Emil hat das Geld von seiner Mutter, einer, wie im Roman, alleinerziehenden, selbstständigen Friseuse, bekommen. Er soll es in der Hauptstadt seiner zunehmend hilfsbedürftigen Großmutter geben.
In Berlin angekommen verfolgt Emil den Dieb. Aber wie soll er ihn allein durch die große Stadt verfolgen und überführen können? Weil Emil sich vor einigen Tagen in seinem Heimatdorf an einem Streich, der schiefging, beteiligte, hat er Angst vor der Polizei.
Aber schon kurz nach seiner Ankunft in Berlin im Hauptbahnhof trifft er auf einige andere Kinder, die ihm spontan helfen. Beispielsweise gegen Fahrkartenkontrolleure.
Erich Kästners 1929 erschienener „Roman für Kinder“ war vor fast hundert Jahren ein sofortiger Bestseller. Heute ist der zeitlose Roman immer noch beliebt und, wie eine wiederholte Lektüre zum Filmstart zeigte, immer noch spannend und gut zu lesen. Außerdem kenne ich jetzt die Orte, die Emil in dem Roman besucht. Seit seinem Erscheinen wurde das Kinderbuch mehrfach verfilmt. Legendär und heute wohl ziemlich unbekannt sind die ersten beiden deutschen Verfilmungen. 1931 verfilmte Gerhard Lamprecht nach einem Drehbuch von Billy Wilder das Buch. Fritz Rasp spielte damals den Dieb. 1954 verfilmte Robert A. Stemmle nach seinem Drehbuch die Geschichte.
Jetzt verfilmte David Dietl nach einem Drehbuch von Antonia Scheurlen Emils Abenteuer. Beherzt verlegten sie die Geschichte in die Gegenwart. Und das funktioniert bemerkenswert gut. Der Grundplot – die Jagd von Emil und seinen neu gewonnenen Freunden nach dem Dieb quer durch Berlin – ist unkaputtbar. Die Neuerungen – einige andere Handlungsorte in der Berliner Innenstadt, einige neue Kinder, die benutzte Technik bei der Verbrecherjagd und, gegen Filmende, Grundeis‘ geplanter großer Betrug gegenüber naiven Kleinanlegern – sind gelungen. 2026 sind die Detektive weiblicher und diverser als 1929. Da waren sie ein fast reiner Jungenclub. Das Berlin-Porträt, das, zugegeben an die poppigen BVG-Werbekampagnen erinnert, gefällt. Da wird ganz Berlin zu einem Dorf, durch das Emil und seine neuen Freunde sich lässig bewegen, überall jemand kennen oder schnell kennen lernen und sich gegenseitig helfen. Es geht nichts über die Solidarität der Kinder, die in ihrem Abenteuerspielplatz einen Verbrecher jagen.
„Emil und die Detektive“ ist ein schöner Kinderkrimi für Kinder bis 12. Das gilt für Kästners Roman und Dietls Verfilmung.
Und bei einigen Kindern könnte die Begegnung mit Emil zu einer lebenslangen Leidenschaft für Kriminalgeschichten werden.
Emil und die Detektive (Deutschland 2026)
Regie: David Dietl
Drehbuch: Antonia Scheurlen
LV: Erich Kästner: Emil und die Detektive, 1929
mit Nicholas Jonah Peter, Merlin Sandmeyer, Luise Heyer, Lara Toni Lüdders, Kilian Kasa, Bela Louis Plass, Ai Vy Bui, Camille Moltzen, Ursula Werner
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Die Vorlage
(in der schicken Filmausgabe mit 32 Bildern aus dem Film auf 16 Seiten und, selbstverständlich, den Zeichnungen von Walter Trier)
Der Ghostwriter (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)
Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.
Glänzend besetzter, grandioser Paranoia-Thriller, der an Polanskis frühere Filme, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpft.
mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)
Yoriko Shindo ist ein Schrank. Mühelos verprügelt die zweiundzwanzigjährige Straßenkämpferin in Tokyo ganze Heerscharen von Männern. Für den Yakuza-Boss reicht das Empfehlung. Yoriko soll – letztendlich erpresst er sie zu dieser Bodyguard-Arbeit – auf seine achtzehnjährige extrem behütete Tochter Shoko Naiki aufpassen, sie zur Schule und zurück fahren und jeden verprügeln, der sich ihr nähert.
Das erinnert auf den ersten Seiten etwas an A. J. Quinnells „Man on Fire“ (unter anderem von Tony Scott mit Denzel Washington und Dakota Fanning verfilmt), begibt sich aber schnell auf andere Wege, über die hier nichts verraten werden soll.
In knappen Sätzen treibt Otani die Geschichte auf zwei Zeitebenen voran. Der kleinere Teil spielt in der Gegenwart, der größere spielt 1979. Er erzählt, wie Yoriko und Shoko sich nach einem schweren Start näher kommen. Denn beide Frauen kommen aus vollkommen verschiedenen Welten.
Weil Otani in dem 1979 spielendem Teil nichts erwähnt, was die Geschichte sofort, erkennbar und einfach in einem Jahr verortet (wie erfolgreiche Filme, Hits oder Trends), erfolgt die Verortung in der Vergangenheit nur wegen dem in der Gegenwart spielendem, sich über mehrere Kapitel hinziehenden Epilog.
Akira Otani wurde 1981 in Tokyo geboren. Sie begann als Autorin für Videospiele. Ihr literarisches Debüt war die Kurzgeschichtensammlung „Nobody said we’re perfect“. Sie veröffentliche weitere Kurzgeschichten- und Essaysammlungen und einen Manga. „Die Yakuza-Prinzessin“ ist ihr erster Roman. Und sie ist, was für ihr Werk wichtig ist, lesbisch.
Ihr Roman „Die Yakuza-Prinzessin“ erhielt 2025 den CWA Dagger for Crime Fiction in Translation und beim CrimeFest den Specsavers Debut Crime Novel Award. Außerdem war der Roman Finalist für den Lambda Literary Award for LGBTQ+ Mystery (finalist).
Eine klare Leseempfehlung für einen langen Abend oder einen entspannten Sonntagnachmittag.