Um alle Missverständnisse über den Wahrheitsgehalt der Geschichte auszuräumen, verrät das Presseheft auf der ersten Seite: „Diese Darstellung von Patricia Highsmith und ihrem Leben ist rein fiktiv.“
Regisseur Anton Corbijn erklärt es genauer: „Highsmith war eine reale Person, und sie zog in ein bunkerartiges Haus in der Schweiz, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Wir zeigen sie am Ende ihres Lebens, was biografisch der Wahrheit entspricht, aber alles andere ist fiktional. Wir spielen also mit dem Verständnis davon, wer sie war, und bauen darauf auf.“
Helen Mirren, die Patricia Highsmith spielt, stimmt ihm zu: „Wir haben keinen Dokumentarfilm über Patricia Highsmith gedreht. Wir drehen nicht einmal ein Dokudrama über sie. Sie ist eine Figur in einer Geschichte, die ein Krimi, ein Thriller, eine psychologische Untersuchung ist – offensichtlich inspiriert von ihrem brillanten Schreibstil. Es ist nicht die wahre Figur, die man da sieht. Ich betrachte es nicht als Imitation, es ist eine fiktive Figur, die von ihr inspiriert ist.“
Und wie alle großen Schriftsteller und Schriftstellerinnen (und Blues-, Jazz- und Rockmusiker; aber deren Geschichten sind andere Geschichten) wissen, sollte eine gute Geschichte niemals über Gebühr von lästigen Fakten gestört werden. Ein Roman, ein Theaterstück, ein Spielfilm ist Fiktion. Und das ist „Ein Talent fürs Morden“. Außerdem ist Corbijns Film ein großer Spaß für Fans von Patricia Highsmith und Tom Ripley, für Krimifans und für die Freunde einer guten schwarzhumorigen, mit Anspielungen und Metaebenen angereicherten Geschichte.
1995 soll der junge Lektor Edward Ridgeway (Alden Ehrenreich) die zurückgezogen in einem Chalet in den Schweizer Alpen lebende Patricia Highsmith (Helen Mirren) überzeugen, noch einen Ripley-Roman zu schreiben. Er hat schon gehört, dass sie schwierig sei. Aber dass sie so schwierig und biestig ist und ihn anscheinend umbringen will, damit hat er nicht gerechnet. Oder spielt sie nur mit ihm?
„Ein Talent fürs Morden“ basiert auf Joanna Murray-Smiths von ihr für den Film kunstvoll erweitertem Zwei-Personen-Theaterstück. Für Fans von Patricia Highsmith und ihrer bekanntesten Figur, dem Mörder Tom Ripley, ist das Ergebnis ein Fest. Gleich ihr erster Roman „Alibi für zwei“/“Zwei Fremde im Zug“ (Strangers on a train, 1950) mit seiner grandiosen Prämisse von einem vertauschten Mord war ein Erfolg. Alfred Hitchcock verfilmte ihn. 1955 erschien ihr erster Ripley-Roman „Nur die Sonne war Zeuge“/“Der talentierte Mr. Ripley“ (The talented Mr Ripley). Die erste Verfilmung von 1960 machte Alain Delon, der Ripley verkörperte, zum Star. 1999 verfilmte Anthony Minghella den Roman wieder. Mit Matt Damon als Ripley. Beide Filme gelten inzwischen als Klassiker. Highsmith hatte damals einen Mörder erfunden, der weiter morden durfte in ihren Romanen und den Verfilmungen. Beispielsweise in „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. Und das sind nur die bekanntesten Ripley-Verfilmungen für das Kino.
Highsmith schrieb fünf Ripley-Romane. Er blieb ihr einziger Seriencharakter.
Nachdem Ridgeway die ersten Stunden und Nacht mit der Hausherrin überlebt, beginnen sie ein Spiel, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion weiter verwischt. Sie erfinden einen neuen Ripley-Roman – und wir sehen Ridgeway als Ripley (Eldenreich in einer Doppelrolle), der die Frau, die er auf der Zugfahrt zu Patricia Highsmith kennen lernte, mit mörderischen Absichten verführt. Sie könnte ein Vermögen erben.
In der schwarzhumorigen Krimikomödie gibt es selbstverständlich etliche Anspielungen auf Tom Ripley. Wobei sich wegen der großen Bekanntheit des ersten Ripley-Romans und den allseits bekannten Verfilmungen vor allem auf diesen Ripley-Roman konzentriert wird. Alle anderen Werke und ihr ebenfalls damals unbekannteres, heute bekannteres Privatleben werden dagegen weitgehend und großflächig ignoriert. Schließlich will „Ein Talent fürs Morden“ ein glänzend gespielter und inszenierter Spaß mit dem öffentlichen Image und dem populären Wissen über Patricia Highsmith sein.
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Wer es realistischer will, kann sich den Dokumentarfilm „Loving Highsmith“ (Schweiz/Deutschland 2022) ansehen. Und wer einige Zeit auf der Couch verbringen will, kann einige ihrer bei Diogenes erschienenen Bücher lesen.
Am 18. November erscheint dort als 15. Band der Reihe „Modern Classics“ ihr früher Roman „Salz und sein Preis“ in einer neuen Ausgabe als Hardcover.
Der Roman ist ein untypischer Highsmith-Roman, weil er keine Kriminal- sondern eine Liebesgeschichte erzählt und weil er ursprünglich unter Pseudonym erschien. 1952 wurde er unter dem Autorennamen Claire Morgan veröffentlicht. Highsmith wollte damals nicht als Autorin lesbischer Romane angesehen werden. In „The Price of Salt“, so der Originaltitel, erzählt Highsmith die optimistisch endende Liebesgeschichte zwischen der neunzehnjährigen Verkäuferin Therese Belivet und der dreizehn Jahre älteren, wohlhabenden, eine Tochter habenden, verheirateten, aber getrennt lebenden Carol Aird. Die Paperback-Ausgabe wurde über eine Million mal verkauft.
1990 veröffentlichte Highsmith den Roman unter ihrem Namen als „Carol“. Eine erste Übersetzung (von Kyra Stromberg) erschien 1990 bei Diogenes als „Carol – Roman einer ungewöhnlichen Liebe“. 2005 erschien, ebenfalls bei Diogenes, der Roman in einer neuen Übersetzung (von Melanie Walz) als „Salz und sein Preis“.
2015 kam die von Todd Haynes sensibel inszenierte Verfilmung „Carol“ mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen in die Kinos.
Ein gewöhnlicher Startpunkt ist natürlich einer ihrer Kriminalromane. Es ist egal, mit welchem man beginnt.

Ein Talent fürs Morden (A Talent for Murder, Großbritannien/Schweiz/Italien 2026)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Joanna Murray-Smith (nach ihrem Theaterstück „Switzerland“ [2014])
mit Helen Mirren, Alden Ehrenreich, Olivia Cooke, Juliet Stevenson
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Lektüretipp (erhältlich in dieser Ausgabe ab dem 18. November)

Patricia Highsmith: Salz und sein Preis
(übersetzt von Melanie Walz, mit einem Nachwort von Patricia Highsmith und einem von Antje Rávik Strubel)
Diogenes, 2026
432 Seiten
19 Euro
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Hinweise
Moviepilot über „Ein Talent fürs Morden“
Metacritic über „Ein Talent fürs Morden“
Rotten Tomatoes über „Ein Talent fürs Morden“
Wikipedia über „Ein Talent fürs Morden“ (deutsch, englisch) und über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)
Diogenes über Patricia Highsmith
zu Anton Corbijn
Meine Besprechung von Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) (DVD-Kritik)
Meine Besprechung von Anton Corbiijns „Life“ (Life, Kanada/Deutschland/Österreich 2015)
zu Patricia Highsmith
Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith
Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)
Krimi-Couch über Patricia Highsmith
Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)
Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988)
Veröffentlicht von AxelB 










