Am 25. Juli 2026 fuhr ein mutmaßlich islamistischer, 21-jähriger Attentäter mit einem Kleintransporter in den Großen Tiergarten, ermordete eine Frau und verletzte 31 Menschen teils schwer.
Zwei Wochen nach dem Anschlag pflanzte der Bezirk Mitte in der Nähe des Tatorts einen Ahornbaum und stellte eine Bank in Regenbogen-Farben auf. „Eine“, weil die Bank seitdem viermal mutwillig zerstört wurde. Auch der Baum wurde zerstört.
Alles wurde wieder aufgebaut und soll auch immer wieder aufgebaut werden.
Eine Idee, die mir gefällt, würde es nicht beim Wiederaufbau der Bank belassen. Stattdessen würde mit jeder Zerstörung der Bank die doppelte Zahl von Bänken in Regenbogen-Farben in Berlin aufgestellt werden. Also:
nach der ersten Zerstörung werden zwei Bänke aufgestellt,
nach der zweiten Zerstörung vier Bänke,
nach der dritten Zerstörung acht Bänke,
nach der vierten Zerstörung sechzehn Bänke,
nach der fünften Zerstörung gabe es schon 32 Bänke.
Barnett Trapp, der Erzähler in Yves Raveys neuem Noir „Nichts als heiße Luft“, hat viel Zeit, die neue Nachbarin zu beobachten. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie will sich scheiden lassen. Der gemeinsame Sohn wohnt bei ihr. Ihr neuer Freund plant schon den Verkauf von Barnetts Haus Seine Firma für Krankentransporte war ein Reinfall. Sein anderes Geschäft, der Verkauf von Restposten, läuft solala. Da ist die verheiratete Sally, die sich nebenan am Swimmingpool räkelt, ein Lichtblick.
Sie beginnen, Zeit miteinander zu verbringen. Eines Tages schlägt sie ihm vor, den Safe ihres Mannes auszuräumen. In ihm lagert er sein Schwarzgeld. Das Schöne bei Schwarzgeld ist, dass der Bestohlene den Diebstahl nicht bei der Polizei melden kann. Trotzdem zögert Barnett.
Sie überredet ihn dann doch und, wie schon der Klappentext verrät und es sich für einen Noir gehört, bekommt Barnett danach ungeahnte Probleme.
Yves Ravey braucht nicht einmal 110 Seiten, um seine bitterböse Geschichte zu erzählen. Er verknappt. Er konzentriert sich auf die entscheidenden Punkte. Trotzdem ziehen sich Barnetts Zögern und die Diskussionen über Sallys abenteuerlich undurchdachten Plänen etwas hin. Sie zögern nur den unvermeidbaren Diebstahl hinaus.
Das gesagt gefällt die Länge, eigentlich Kürze, von „Nichts als heiße Luft“ und dass die Geschichte so eindeutig in der französischen Noir-Tradition steht.
Eigentlich ein François-Ozon-Abend mit einer Doku über „Das Schmuckstück“ Catherine Deneuve
Arte, 20.15
Das Schmuckstück(Potiche, Frankreich 2010)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon (nach dem Bühnenstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy)
In den Siebzigern übernimmt die Frau eines cholerischen Fabrikanten, der aufgrund eines Herzinfarkts unpässlich ist, die Firmenleitung. Sie, die bislang nur das Schmuckstück war, findet Gefallen an ihrer neuen Rolle.
„lustvoll mit Überspitzungen arbeitende Emanzipationskomödie, gestaltet als liebenswürdige Hommage an ‚klassische‘ amerikanische und französische Film-Musicals“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Sergi Lopez
LV: Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1971
François Ozon verfilmt und interpretiert Rainer Werner Fassbinders sehr autobiographisches Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Grandios! Und überaus witzig.
Los Angeles, 2028: die Stadt versinkt in Straßenschlachten. Mitten in dem Chaos verarztet die ‚Schwester‘ im Hotel Artemis Gangster, die sie für ihre Dienste gut bezahlen. Als die Schwester einer verletzten Polizistin hilft, beginnen die Dinge in dem Hotel aus dem Ruder zu laufen.
Zwiespältiges Regiedebüt von Drehbuchautor Drew Pearce („Iron Man 3“, „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“, „The Fall Guy“): gute Schauspieler, viel fotogene Noir-Stimmung, aber keine fesselnde Geschichte, sondern nur eine Abfolge von Situationen und nicht so wahnsinnig interessanten Gesprächen.
mit Jodie Foster, Sterling K. Brown, Dave Bautista, Sofia Boutella, Jeff Goldblum, Brian Tyreee Henry, Jenny Slate, Zachary Quinto, Charlie Day, Kennth Choi
Die Macht und ihr Preis (Cadaveri eccellenti, Italien/Frankreich 1976)
Regie: Francesco Rosi
Drehbuch: Francesco Rosi, Tonino Guerra, Lino Jannuzi
LV: Leonardo Sciascia: Il contesto – Una parodia, 1971 (Tote Richter reden nicht, Die Macht und ihr Preis, Der Zusammenhang – Eine Parodie)
Inspektor Rogas stößt bei der Suche nach dem Mörder zweier Richter und eines Staatsanwalts auf ein die höchsten Kreise betreffendes Komplott.
Ein starbesetzter Klassiker unter den Polit-Thrillern der Siebziger.
Endlich wieder im Fernsehen. Nach meinen, zugegeben unvollständigen, Aufzeichnungen lief er zuletzt vor fast zwanzig Jahren im Fernsehen. Es scheint auch keine deutschsprachige DVD-Ausgabe zu geben.
Wer danch nicht einschlafen kann und mehr über Lino Ventura wissen möchte, kann sich um 01.55 Uhr die 55-minütige Doku Lino Ventura – Ganove mit Herz“ (Frankreich 2017) ansehen.
Mit Lino Ventura, Alain Cuny, Charles Vanel, Max von Sydow, Fernando Rey, Tino Carraro, Marcel Bozzuffi
Bevor die Erde endgültig unbewohnbar ist, schickt die NASA ein Team, zu dem auch ein Farmer gehört, ins Weltall. Sie sollen auf der anderen Seite eines Wurmlochs eine zweite Erde finden.
Planetenhopping zur Rettung der Welt. Ich war, im Gegensatz zu den meisten Kritikern und Zuschauern, wenig begeistert.
Anschließend zeigt Arte um 22.55 Uhr die 55-minütige Doku „Jessica Chastain“ (Frankreich 2025) und, für die Science-Fiction-Begeisterten, um 23.50 Uhr die 55-minütige Doku „Der Krieg der Welten: Klassiker der Science-Fiction“ (Frankreich 2025) über H. G. Wells‘ Roman und die zahlreichen Interpretationen.
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck, David Gyasi, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Michael Caine, Matt Damon, Wes Bentley, Mackenzie Foy, Topher Grace, David Oyelowo, William Devane
LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)
Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.
Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm
mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen
Bislang kommt Jane Austen in der Kriminalakte nur einmal ausführlicher vor. Im Zusammenhang mit Zombies. Und damit dürfte bewiesen sein, wie nahe wir uns stehen. Der Film „Stolz und Vorurteil & Zombies“ (Pride and Prejudice and Zombies, USA 2016) basiert auf Seth Grahame-Smiths Roman. Er war Teil eines damals beliebten Mash-up von gemeinfreien und immer noch populären Stoffen und einer lose darin eingefügten blutrünstigen Geschichte mit Monstern. Diese Zeit, die für Austen-Fans wahrscheinlich ein einziger Alptraum war, ist anscheinend vorbei.
Dafür werden die bekannt-beliebten Bücher von Jane Austen und Emily Brontë wieder, mehr oder weniger modernisiert, für das Kino interpretiert.
In „Sinn und Sinnlichkeit“ geht es um die um 1800 in England auf dem Land lebenden Dashwood-Schwestern Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne (Esmé Creed-Miles). Nach dem Tod ihres Vaters erfahren sie, dass das Erbe deutlich kleiner als erwartet ist. Eine Heirat könnte ihren Lebensstandard sichern. Dabei müssen die gesellschaftlichen Konventionen beachtet werden. Auch wenn das Herz für einen anderen Mann schlägt. Und auch wer den Roman nicht kennt, weiß schon bei den ersten Begegnungen von Elinor und Marianne mit Edward Ferrars (George MacKay) und John Willoughby (Frank Dillane), wie die Geschichte sich weiter entwickeln wird.
Georgia Oakley erzählt das in ihrem zweiten Spielfilm nach „Blue Jean“ mit Romantik-tauglichen Schauspielern und Schauwerten bei den Landschaften, Häusern, Kostümen und der Ausstattung. Die aus Austens Roman bekannten Konflikte und Liebesverwicklungen sind seit Jahrhunderten erprobt taschentuchgeeignet. Die Dialoge wurden aus dem Buch übernommen.
Trotzdem sprach mich nichts in Oakleys Interpretation der bekannten Geschichte an. Stattdessen fragte ich mich, warum die beiden Schwestern sich so dumm verhalten, sie nicht sofort wissen, welche Beziehungen sie mit welchen Männern eingehen sollen und langweilte mich durch die damaligen Heiratsregeln.
Das war mir durchgehend zu nah an den Schmonzetten, die ich normalerweise meide wie ein Vampir das Tageslicht.
Sinn und Sinnlichkeit(Sense and Sensibility, Großbritannien 2026)
Regie: Georgia Oakley
Drehbuch: Diana Reid
LV: Jane Austen: Sense and Sensibility, 1811 (Gefühl und Verstand; Verstand und Gefühl; Vernunft und Gefühl)
mit Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Fiona Shaw, Bodhi Rae Breathnach, Caitríone Balfe, George MacKay, Frank Dillane, Stacy Martin
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
Ein Pottwal kann, wie Daniel Kraus von Wissenschaftlern erfuhr, einen Menschen verschlucken. Ausgehend von dieser Idee erzählte Kraus in seinem Roman „Whalefall“ eine Geschichte, die unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist. Bis jetzt gibt es noch keinen bestätigten Fall von einem Menschen, der von einem Pottwal verschluckt wurde. Aber wenn das passieren würde, könnte es so oder so ähnlich geschehen.
Jay Gardiner (Austin Abrams) verbrachte das letzte Jahr weitab von seinem Heimatort am College. Jetzt besucht er seine immer noch in Monterey, Kalifornien lebende Mutter.
Vor einem Jahr beendete sein unheilbar an Krebs erkrankter Vater Mitt (Josh Brolin) sein Leben am Monastery Beach. Seine Leiche wurde nie gefunden. Jetzt will Jay sie finden – ein bescheuertes und ziemlich unmögliches Vorhaben – und so den Respekt der lokalen Taucher-Gemeinschaft erlangen. Denn Mitt ist unter ihnen eine Legende. Er will auch seinem toten Vater beweisen, dass er ein guter Taucher ist.
Kurz nach dem Beginn seines eigentlich ungefährlichen Tauchgangs wird Jay von den Tentakeln eines Kalmars erfasst. Kaum hat er sich befreit, werden er und der Kalmar von einem Pottwal verschluckt.
Jay hat nur noch für eine Stunde Sauerstoff. Er beginnt um sein Überleben zu kämpfen. Er muss irgendwie aus dem Bauch des Wals entkommen.
Daniel Kraus hat sich eine spektakuläre Geschichte ausgedacht, die er in dem Roman in extrem kurzen Kapiteln vorantreibt. Für die Verfilmung änderten er und Regisseur Brian Duffield diese Struktur zugunsten längerer Erzählblöcke. Erst am Ende verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit zunehmend.
Dabei wird aus der Survival-Story auch eine Vater-Sohn-Geschichte, in der Jay sich von seinem diktatorischem Über-Vater emanzipieren muss. Mitt war, wie Kraus im Roman schonungslos zeigt, nicht nur ein Mann mit starken Überzeugungen, sondern ein Vater aus der Hölle. Nur seine Meinung zählte. Als Verdiener war er ein Totalausfall. Keine Arbeit behielt er länger und die Jobs wurden immer schlechter. Mitt lebte nur für das Tauchen. Gleichzeitig brachte er Jay alles bei, um diese Situation zu überleben.
Wie Jay versucht, aus dem Walbauch zu entkommen, schildert Kraus in seinem Roman „Whalefall“ so detailliert und wissenschaftlich abgesichert, dass ich danach nicht nur verstand, was Jay warum machte, sondern auch (in grandioser Selbstüberschätzung) glaubte, jetzt mich selbst aus dem Bauch eines Wals befreien zu können.
Brian Duffields Verfilmung lässt diese Erklärungen weg zugunsten des reinen Terrors, in einem engen Raum eingesperrt zu sein und immer weniger Luft zu haben, und den verzweifelten Versuchen, sich aus dieser Situation zu befreien. Sobald Jay im Bauch des Wals ist, wird „Whalefall“ letztendlich zu einem Stummfilm. Es gibt auch kein erklärendes Voice-Over. Es gibt nur noch eine Mann, der etwas tut – und manchmal, wenn einer seiner Pläne schiefgeht oder der Wal etwas unvorhergesehenes tut, panische Schreckensschreie ausstößt.
In den Rückblenden geht es um Jays Beziehung zu seinem Vater. Dabei ist er im Film sympathischer als im Buch. Er wird zu einem forderndem Lehrer und Naturburschen, der nur das beste für seinen Sohn will.
Das Ergebnis ist ein spannender Survival-Thriller mit einer Vater-Sohn-Emanzipationsgeschichte – und eine Mischung aus tiefen Mitgefühl und Bewunderung für den Hauptdarsteller Austin Abrams. Er verbrachte den größten Teil der Dreharbeiten, nämlich 35 Drehtage, eingezwängt zwischen riesigen Schaumwänden, die die Magenwände des Wals waren, im Wasser und anderen Flüssigkeiten.
Whalefall (Whalefall, USA 2025)
Regie: Brian Duffield
Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus
LV: Daniel Kraus: Whalefall, 2023 (Whalefall)
mit Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd
Billiger geht die Rettung der Welt nicht. Mit nur drei Menschenopfern, so behauptet Romain Gavras in seinem neuen Spielfilm „Sacrifice“, kann die Welt gerettet werden.
Das sage eine alte Prophezeiung. Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre fanatisierten Anhänger glauben daran. Sie stürmen eine Charity-Gala, die in Griechenland in einem malerisch abgeschiedenen liegendem alten, teils unterirdischem Steinbruch stattfindet. Dort hoffen sie, ihre Menschenopfer zu finden. Die Gäste der Gala sind eine Mischung aus prominenten Kulturschaffenden und vermögenden Milliardären. Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel, mit Glatze an einen anderen Milliardär erinnernd) stellt seine neueste Erfindung zur Rettung der Welt vor. Wie Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), der sich mit einem ähnlich wirren Auftritt in ein Karrieretief hineinmanövierte, in einer leicht wirren improvisierten Rede ausführt, müsse dafür die Welt noch mehr vernichtet werden.
Danach verschwindet er erst einmal auf die Toilette. Während er durch die Reaktionen auf seinen Auftritt scrollt, nehmen Joan und ihre Gefolgsleute die Gäste als Geisel. Joan beginnt die drei Menschen auszusuchen, die sie für ihre Prophezeiung benötigt: einen Helden, einen Schurken und eine Geliebte. Die Geliebte ist die Musikerin Katie (Ambika Mod), deren Auftritt sie mit ihrer Geiselnahme beendeten. Der Schurke ist, wenig überraschend, Ben Bracken. Fehlt nur noch der Held. Dieser soll durch ein Publikumsvotum herausgefunden werden.
Als Mike den Saal betritt, applaudieren die Charity-Gäste frenetisch. Er ist ihr Held. Er soll für sie in den Tod gehen. Bis Mike, der den Applaus dankbar annimmt, versteht, warum sie ihm applaudieren, ist es schon zu spät.
Zusammen mit den anderen beiden Menschenopfern wird er von Joan in Richtung des kurz vor der Explosion stehenden Vulkans verschleppt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Menschenopfern, die von den Sektenmitgliedern in den Vulkan geschubst werden, darf Mike als Held freiwillig in den Tod springen.
„Sacrifice“ ist eine aus dem Ruder laufende, nicht sonderlich fokussierte, prominent besetzte Kapitalismussatire, in der alle Schauspieler in fotogenen Sets dem Affen ordentlich Zucker geben.
Es geht um die Zerstörung der Umwelt, Kapitalismuskritik, Öko-Terrorismus, durchgeknallte Sekten und abstruse Gedankengebäude zwischen Verschwörungstheorie und Wahnsinn. Vieles wird angesprochen, wenig vertieft.
Das Ergebnis ist kein guter Film, aber ein sympathischer Film. Denn solche Satiren gibt es viel zu selten. Auch wenn vor einigen Tagen die ähnlich gelagerte Satire „Digger“ anlief und sie bislang nicht genug Geld einspielte, um die horrenden Produktionskosten einzuspielen.
Sacrifice(Sacrifice, USA 2026)
Regie: Romain Gavras
Drehbuch: Romain Gavras, Will Arbery
mit Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, John Malkovich, Salma Hayek Pinault, Ambika Mod, Sam Richardson, Yung Lean, Jade Croot, Miriam Silverman, Charli xcx
Silver Linings (Silver Linings Playbook, USA 2012)
Regie: David O. Russell
Drehbuch: David O. Russell
LV: Matthew Quick: The Silver Linings Playbook, 2008 (Silver Linings)
Pat möchte seine Ex-Freundin zurückerobern. Tiffany soll ihm dabei helfen. Dummerweise leidet der frisch aus der Psychiatrie entlassene, wieder bei seinen Eltern lebende Pat an einer massiven manisch-depressiven Störung und Tiffany ist depressiv und emotional instabil.
Für acht Oscars nominierte schräge romantische Komödie
mit Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, Jacki Weaver, Julia Stiles, Chris Tucker, Shea Whigham
Fast zehn Jahre nach seinem letzten Kinospielfilm „Rückkehr nach Montauk“ und fünf Jahre nach dem Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ kehrt Volker Schlöndorff mit seinem neuen Film „Heimsuchung“ wieder zurück ins Kino. Es handelt sich um eine Literaturverfilmung. Schlöndorff-Fans sagen sich jetzt, womit auch sonst. Schließlich wurde er damit berühmt. Er verfilmte „Der junge Törless“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Die Blechtrommel“, „Die Fälschung“, „Eine Liebe von Swann“, „Die Geschichte der Dienerin“ und „Homo Faber“. Aber in den vergangenen Jahrzehnten verfilmte er, abgesehen von einer Friedrich-Ani-TV-Verfilmung („Der namenlose Tag“) und mehreren Verfilmungen von Theaterstücken, keine Romane. Seine letzte Literaturverfilmung war 1998 „Palmetto – Dumme sterben nicht aus“, die Verfilmung eines Kriminalromans von James Hadley Chase.
Jetzt nahm er sich Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ vor. Ihr 2007 erschienener Roman ist ein Bestseller, Abiturlektüre und in der Guardian-Liste der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts.
Schlöndorff schrieb auch das Drehbuch und erwartungsgemäß handelt sich sich um eine werkgetreue, gewohnt respektvolle filmische Nacherzählung des Romans. In diesem Fall legt sie die Probleme des Romans offen, ist teils gelungener als der Roman und stößt auf ganz eigene filmische Probleme. Ein unbestreitbarer Vorteil des Romans ist dabei seine Länge. Mit 192 Seiten ist er ziemlich kurz.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Grundstück an einem märkischen See. Gedreht wurde am Scharmützelsee und im Einstein-Haus in Caputh (bei Potsdam). Während der Weimarer Republik verkauft ein Bauer es an einen jüdischen Tuchfabrikanten und einen Architekten. Der Fabrikant errichtet ein kleines Badehaus. Der Architekt baut für sich und seine zukünftige Frau ein ansehnliches Haus im Bauhaus-Stil. Nach 1933 erwirbt er von dem Fabrikanten, der mit seiner Familie aus Deutschland flüchten will, das Nachbarhaus. Der Architekt passt sich geschmeidig an den Nationalsozialismus an. Er plant Konzentrationslager. Und er ist tief verärgert über die Ablehnung von Albert Speer.
Nach dem Krieg – inzwischen liegt das Grundstück in der DDR – passt er sich dem neuen System an und muss dann doch Richtung Westen flüchten. Eine systemtreue Schriftstellerin und ihre Familie ziehen ein.
Nach der Wende, während der Film immer mehr zu einer beliebigen Abfolge von Personen wird, wechseln wieder die Bewohner und Eigentümerverhältnisse des Hauses.
Die einzige Person, die immer da ist, ist ein schweigsamer Gärtner, der unbekümmert von den weltpolitischen Umbrüchen seine Arbeit erledigt. Im Roman altert er. Im Film scheint er eine mythische Gestalt zu sein, die nicht altert, immer da ist und nichts sagt.
Erpenbeck erzählt „Heimsuchung“ aus verschiedenen Perspektiven. In jedem Kapitel steht eine andere namenlose Figur im Mittelpunkt. Dazwischen gibt es jedes Mal ein kurzes Kapitel mit dem Gärtnern. Das führt dazu, dass sie in der Chronologie immer wieder um kurze Zeiträume springt, wenn sie beispielsweise zuerst von dem Architekten und anschließend von seinen jüdischen Nachbarn erzählt. Aber letztendlich erzählt sie chronologisch. In einigen wenigen Sätzen verlässt sie das Grundstück. Sie gibt so in einigen Fällen Hinweise auf das weitere Leben der Figuren.
Schlöndorff erzählt „Heimsuchung“, abgesehen von einer geisterhaften Rahmung am Filmanfang und -ende, strikt chronologisch und aus einer Perspektive. Die Enkelin der Schriftstellerin fungiert als Erzählerin, die alle Bewohner des Hauses zu Wort kommen lässt. Die gesamte Geschichte konzentriert sich auf das Haus des Architekten. Die Welt hinter den Grenzen des Grundstücks wird nur sichtbar, wenn sie auf das Grundstück und die dort lebenden Menschen Auswirkungen hat. Über Halbsätze und herumliegende KZ-Baupläne wird manchmal deutlich, wann einzelne Episoden spielen. Vertieft wird das weder im Buch noch im Film. Weltgeschichte ist bestenfalls ein Hintergrundrauschen. Manchmal, wenn sie direkte Auswirkungen auf die zahlreichen Bewohner des Hauses hat, mehr.
Viele der Bewohner des Hauses lernen sich dabei nie kennen, weil sie zu verschiedenen Zeiten im Haus lebten und keinerlei Kontakt zueinander haben. So zerfällt der Film, stärker als der Roman, in eine Abfolge nicht zusammenhängender Episoden. Jeder hat hier sicher seine Lieblingsfigur und Lieblingsepisode. Aber insgesamt ist der erste Teil des Films gelungener als die zweite Hälfte. Im ersten Teil steht der von Lars Eidinger gespielte Architekt im Mittelpunkt. Es geht um den Kauf des Grundstücks, den Bau des Hauses, das Leben in dem Haus während der Weimarer Zeit, der Nazi-Diktatur und den ersten Jahren der DDR. Der Architekt hat Erfolg als Architekt und passt sich den Verhältnissen an. In diesem Teil von „Heimsuchung“ wird eine präzise datierbare, in sich geschlossene größere und mehr in die Tiefe gehende Geschichte erzählt. Danach wird es episodischer, oberflächlicher – und langweiliger. Es ist wie das desinteressierte Blättern in verschiedenen Jahrgängen einer Tageszeitung. Einige Berichte sind länger, andere kürzer und einige berühren einen sofort, wie die Gefühle eines jüdischen Mädchens, das das Haus am See verlassen muss, oder wenn die Frau des Architekten sich während der letzten Kriegstage im geheimen Kleiderschrank des Hauses vor sowjetischen Soldaten versteckt.
Dank der vielen bekannten Schauspieler, unter anderem Detlev Buck, Lars Eidinger, Susanne Wolff, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Angela Winkler, gewinnen die vielen Figuren auch in kurzen Auftritten Kontur. Trotzdem verfolgt man die Kurzauftritte der Schauspieler und die Ereignisse in dem Haus, vor allem ab den fünfziger Jahren, zunehmend desinteressiert. Zu schnell verschwinden die einzelnen Figuren aus dem Film. Zu wenig erfahren wir über sie und ihr Leben außerhalb des Hauses in der Schule, bei der Arbeit oder in der Freizeit mit Freunden. Zu folgenlos für die weitere Geschichte sind ihre Taten. Normalerweise wissen die neuen Bewohner nichts über die vorherigen Bewohner – und es ist ihnen auch egal.
Hier zeigt sich, wie auch bei „In die Sonne schauen“ und „Here“, dass die Idee, einen nur an einem räumlich sehr begrenzten, austauschbarem Ort spielenden Film, dessen Handlung sich über mehrere Jahrzehnte, teils Jahrhunderte oder, im Fall von „Here“, einen noch längeren Zeitraum erstreckt, auf dem Papier faszinierend, in der filmischen Umsetzung schwierig ist. Der alles zusammenhaltende erzählerische Bogen ist dann so beliebig, dass er kaum bis überhaupt nicht vorhanden ist.
Schlöndorffs „Heimsuchung“ ist eine top besetzte, werkgetreue, gediegene Verfilmung von Erpenbecks Roman.
Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte(Deutschland 2026)
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff
LV: Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, 2007
mit Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting, Maria Matschke Engel, Josefin Platt, David Bennent
Der beste Film aller Zeiten (Competencia oficial, Spanien/Argentinien 2021)
Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn
Drehbuch: Andres Duprat, Gastón Duprat (Co-Autor), Mariano Cohn (Co-Autor)
Ein Konzernchef möchte der Welt etwas Bleibendes hinterlassen. Nämlich den besten Film aller Zeiten. Er kauft die Rechte an dem Roman eines Nobelpreisträgers, engagiert eine bei der Kritik beliebte Regisseurin und zwei Stars. Was kann da schiefgehen?
Köstliche Farce über Künstler, ihre aufgeblasenen und zerbrechlichen Egos und den Dreharbeiten für ein Meisterwerk, das alle Filmpreise erhalten wird. Wenn es denn jemals fertig gestellt wird..
Die Mannschaft eines Geldtransporters will einen Überfall fingieren und mit der Beute (42 Millionen Dollar) verschwinden. Selbstverständlich geht der Plan schief und die Jungs gehen sich gegenseitig an die Gurgel.
Geradliniges B-Movie, das ohne Überraschungen sein Programm abspult und seinen hochkarätigen Cast vollkommen verschenkt. Sogar für die Die-Hard-Heist-Movie-Fans eine enttäuschende Angelegenheit, weil die Diskrepanz zwischen Besetzung, Anspruch und Wirklichkeit zu groß ist.
mit Matt Dillon, Jean Reno, Fred Ward, Columbus Short, Skeet Ulrich, Laurence Fishburne, Amaury Nolasco, Milo Ventimiglia
Am 5. November startet im Kino die Verfilmung von Jörg Maurers zweitem Kommissar-Jennerwein-Kriminalroman. Bis dahin ist noch genug Zeit, um „Hochsaison“ zu lesen. Insgesamt veröffentlichte Maurer seit 2009 sechzehn Romane mit dem Ermittler. 2013 erhielt er den Radio-Bremen-Krimipreis. 2012 und 2013 den MIMI Krimi-Publikumspreis des Deutschen Buchhandels. Die Romane sind millionenfach verkaufte Bestseller.
Und jetzt verfilmte Hannu Salonen „Hochsaison“ mit Florian Brückner als Kommissar Jennerwein in der TV-üblichen Länge von ungefähr neunzig Minuten. Aber, möglicherweise angestachelt vom Erfolg der Eberhofer-Krimikomödien, spendierte RTL ihrer Produkten einen Kinostart. Die Filmkritik zu der sich ziemlich von der Buchvorlage entfernenden Verfilmung gibt es zum Kinostart. Jetzt gibt es die Buchkritik.
Während dem von sechsundzwanzigtausend Sportfans besuchtem Neujahrsspringen in einem Kurort in Bayern im Werdenfelser Land verletzt sich der Springer der dänischen Nationalmannschaft schwer. Weil der Unfall etwas seltsam war und ein Zeuge einen Schuss gehört haben will, beginnt Kommissar Hubertus Jennerwein zu ermitteln. Zuerst, nur wenige Buchseiten, Schnee. Schnell werden die ergebnislosen Ermittlungen eingestellt. Als drei Monate später in einem Gipfelbuch ein Bekennerschreiben entdeckt wird, werden sie wieder aufgenommen.
Während Jennerwein zwischen Lokalpolitikern, die ihren Ort als Austragungsort für Olympische Spiele ins Gespräch bringen wollen, Einheimischen und auswärtigen, teils prominenten Besuchern den Täter sucht, weiß der Leser schon von der ersten Seite an mehr.
Denn Jörg Maurer beginnt seinen Alpenkrimi mit einem Brief des in dem Moment noch zukünftigen Täters, der gegenüber der Polizei nebulös viele Verbrechen ankündigt und sie in seinen Bekennerschreiben mit vielen falschen Spuren an der Nase herumführt.
Ausgehend von dieser durchaus vielversprechenden Idee zeigt Maurer dann wenig Interesse an einer stringenten Entwicklung des Falls. Die Geschichte entwickelt sich, zwischen verschiedenen Handlungssträngen wechselnd, äußerst konfus und sprunghaft. Immer wieder poppen neue Figuren überraschend auf. Vieles, wie beispielsweise die Hintergründe zu dem Anschlag auf den Skispringer werden nebenbei und noch bevor Kommissar Jennerwein überhaupt etwas ahnt, verraten. Spannung will sich so nicht einstellen.
Den versprochenen Humor entdeckte ich ebenfalls nicht. Die gut lesbare Geschichte ist bestenfalls humoristisch gefärbt.
Aelita – Der Flug zum Mars (Аэлита, Sowjetunion 1924)
Regie: Jakow Protasanow
Drehbuch: Alexei Faiko, Fjodor Otsep
LV: Alexei Tolstoi: Аэлита, 1922 (Ae͏̈lita – Ein Marsroman, Aelita)
Moskau, 1921: Ingenieur Loss glaubt, Funksignale vom Mars zu empfangen. In seinen Tagträumen (oder doch in der Realität?) reist er zum Mars, trifft die Königin Aelita und entfacht eine Revolution der unterdrückten Arbeiter.
Selten gezeigter Science-Fiction-Klassiker.
Damals beim Publikum beliebter Science-Fiction-Film, der später aufgrund ideologischer Neuausrichtungen in der Sowjetunion eher vergessen wurde. Aber in dem Moment hatte er in westlichen Filmen und Serials wie „Metropolis“, „Flash Gordon“ und „Buck Rogers“ schon Spuren hinterlassen.
Die Musik in der heute gezeigten Fassung ist von der finnischen Band Cleaning Women.
mit Julija Solnzewa, Igor Iljinski, Nikolai Zereteli, Nikolai Batalow, Vera Orlowa, Valentina Kuindschi, Konstantin Eggert, Alexandra Peregonez, Juri Sawadski
Shutter Island, 1954: U. S. Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island herausfinden, wie die Mehrfachmörderin und Patientin Rachel Solando aus dem streng abgesicherten Hospital entkommen konnte. Schnell ist Daniels einer größeren Verschwörung auf der Spur. Aber kann er seinen Sinnen noch trauen?
Und was kann bei dem Team Scorsese/DiCaprio schon schief gehen? Vor allem wenn sie als Spielmaterial einen spannenden Thriller von Dennis Lehane haben.
Nun, entgegen der allgemeinen Euphorie fand ich „Shutter Island“ todsterbenslangweilig und ungefähr so subtil wie Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ (Cape Fear, USA 1991). Lehanes Roman ist dagegen grandios.
Mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas