USA, achtziger Jahre: die achtzehnjährige Maren reist auf der Suche nach ihrer vor Jahren verschwundenen Mutter quer durch die US-amerikanische Provinz. Begleitet wird sie auf ihrer Reise von Lee. Er ist wie sie ein Eater, also ein Mensch, der hungrig auf Menschenfleisch ist.
Düsterer Hybrid aus Horror-, Liebes- und Roadmovie.
LV: Georges Bayle: Du Raisin dans le Gas-Oil, 1954
Nach einem tödlichen Verkehrsunfall wird LKW-Fahrer Jean Chape von Gangstern verfolgt.
Selten gezeigter, dialogarmer Noir mit zahlreichen atmosphärischen Aufnahmen französischer Landstraßen und den Wohnungen der kleinen Leute. Grangier lässt seinen Figuren, besonders Jean Gabin, viel Zeit, sich in ihrem Umfeld zu präsentieren. Dabei geht die reine Krimihandlung immer wieder etwas verloren, was auch daran liegt, dass Chape nicht weiß, warum die Verbrecher ihn bedrohen und er in erster Linie nur sein ruhiges Leben weiterführen will.
Arte zeigt warhscheinlich, wie bei früheren Ausstrahlungen, die Originalversion. In ihr sind die beim deutschen Kinostart gekürzten Teile untertitelt.
Mit Jean Gabin, Jeanne Moreau, Marcel Bozzuffi, Roger Hanin
Molly’s Game – Alles auf eine Karte(Molly’s Game, USA 2017)
Regie: Aaron Sorkin
Drehbuch: Aaron Sorkin
LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)
In seinem Regiedebüt erzählt der grandiose Drehbuchautor Aaron Sorkins („The Social Network“, „Steve Jobs“, „The West Wing“) die Geschichte von Molly Bloom. Sie organisierte illegale Pokerspiele mit und für vermögende Spieler, die mit entsprechend hohen Einsätzen spielten. Das füllt ihr Bankkonto, führt zu Kontakten mit der Mafia und Problemen mit dem FBI.
Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Tele 5 ein Frühwerk von Aaron Sorkin. Zusammen mit Scott Frank schrieb er das Drehbuch für den Thriller „Malice – Eine Intrige“ (USA 19939
mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene
Geronimo – Eine Legende(Geronimo: An American Legend, USA 1993)
Regie: Walter Hill
Drehbuch: John Milius, Larry Gross
Ein junger West-Point-Absolvent erzählt, wie er die Jagd auf Geronimo erlebte. Der Indianerhäuptling kämpfte mehrere Jahre gegen die US-Armee, bevor er sich 1886 kampflos ergab.
Postmoderner Spät-Western. „Die Geschichte des letzten Indianeraufstands als elegisches Dokudrama: ohne übergroße Helden, ohne mythische Überzeichnung in Bild und Stil. Indianer und Soldaten agieren wie Gezeichnete, die bei allem, was sie tun und wofür sie kämpfen, nur verlieren. (…) Sie ahnen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, und wissen, dass sie dennoch nicht aufgeben dürfen.“ (Norbert Grob: Geronimo, in Bernd Kiefer/Norbert Grob: Filmgenres: Western, 2003)
mit Jason Patric, Robert Duvall, Gene Hackman, Wes Studi, Matt Damon
Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski
LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957
Kamera: Chris Menges
Musik: Hans Zimmer
Ein Polizist sucht nach seiner Pensionierung – zunehmend wahnhaft – einen Kindermörder. Als Beute für den Mörder wählt er ein Kind aus.
Grandiose, ruhige Studie über Alter und Einsamkeit. Penn hielt sich bei seiner Version an Dürrenmatts Buch „Das Versprechen“. Dürrenmatt schrieb es, nachdem er mit dem optimistischen Ende von „Es geschah am hellichten Tag“ (Deutschland 1958) unzufrieden war. Sogar die notorisch schwer zu begeisternde Ponkie schrieb: „Das Vorhersehbare eines Krimiklassikers – und die Brutal-Details eines grausamen Thrillers: ein respektables, aber nicht zwingend nötiges Remake.“ (AZ, 11. 10. 2001)
Mit Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Helen Mirren, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Sam Sheppard, Tom Noonan, Harry Dean Stanton, Aaron Eckhart
Das titelgebende Huhn ist ein echtes Huhn; also genaugenommen acht verschiedene Hennen, die verschiedene besondere Fähigkeiten hatten und sich während der Dreharbeiten die Arbeit teilten. Die in György Pálfis Film vorkommenden Menschen haben nur Nebenrollen und die Tiere sorgten, so Pálfi, „für eine ruhige und fröhliche Drehatmosphäre für das gesamte Team“.
Das titelgebende, namenlose schwarze Huhn wird in Griechenland in einer Hühnerfarm geboren und, weil die Henne nicht ihr vorherbestimmtes Schicksal akzeptiert, büxt sie aus. Sie erkundet die Welt, muss vor größeren Tieren, die sie als Nahrung betrachten, und Autos, die sie beim Überqueren einer Straße überfahren wollen, flüchten. Immer wieder, wenn ihr der Ort nicht gefällt oder die Situation potentiell lebensbedrohlich wird, haut sie ab. Erst in einem heruntergekommenem Restaurant mit Seeblick bleibt sie länger.
Die Erlebnisse des Huhns in diesem Restaurant bestimmen die zweite, deutlich schwächere Hälfte des Films. Aus einem spannenden und witzigem Road-Movie wird ein gewöhnliches Flüchtlingsdrama und ein ebenso gewöhnlicher Gangsterfilm. Der Wirt des Restaurants ist nämlich in kriminelle Machenschaften zwischen Drogen- und Menschenschmuggel verwickelt.
Diese Storyschwächen werden durch die Idee, ein Huhn als Protagonisten einer Geschichte zu wählen, den Mut, die Geschichte mit echten Tieren zu erzählen und dem guten Schnitt, der die erste Hälfte zu einem veritablem Action-Thriller macht, weitgehend wettgemacht.
Lebensansichten eines Huhns (Kota, Deutschland/Griechenland/Ungarn 2025)
Regie: György Pálfi
Drehbuch: György Pálfi, Zsófia Ruttkay
mit den Menschen Ioannis Kokiasmenos, Maria Diakopanagioti, Argyris Pantazaras, Eleni Apostolopoulou, Mahmod Bamerny, Antonis Tsiotsiopoulos, Antonis Kafetzopoulos
und den Hühnern Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra, Anett
Bayleen Bay ist eine typische US-amerikanische Kleinstadt. Brave Kinder, freundliche Nachbarn, saubere Straßen und gepflegte Vorgärten. Als eines Tages ein „Ice Cream Man“ auftaucht und aus seinem Wagen heraus Eis verteilt, ändert sich das radikal. Das Eis macht die Kinder, sobald sie eine bestimmte Melodie hören, zu mordgierigen, seelenlosen Zombies. Fortan bringen sie ihre Eltern und andere Erwachsene auf die denkbar gemeinsten Arten um. Und Regisseur Eli Roth zeigt das ausführlich, ziemlich detailliert und fast immer gut sichtbar im hellen Licht des Tages. Das ist, verglichen mit anderen Horrorfilmen, die so dunkel sind, das oft nur noch erahnbar ist, was zu sehen sein könnte, erfreulich.
…
Das war es dann so ziemlich mit den erfreulichen Dingen in einem überraschend zahmen und sich, trotz seiner kurzen Laufzeit von unter neunzig Minuten, länger anfühlendem Film. Denn „Ice Cream Man“ hat kein Thema und keine größere Zielgruppe. Sie beschränkt sich auf Eli-Roth-Fans und die Ich-sehe-mir-jeden-Film-an-wenn-das-Blut-spritzt-Splatter-Community. In anderen Splatterfilmen sind die Zielgruppe Teenager und Anfang-Zwanzigjährige, die sich auf der Leinwand sehen, und die, meistens, vor Sex vor der Ehe und dem Konsum von Drogen gewarnt werden. In „Ice Cream Man“ könnten es Kinder sein, die vor einem Rattenfänger gewarnt werden. Dafür spräche auch die Wahl der Hauptpersonen. Die Protagonisten sind einige Kinder, vor allem Jared (Charlie Zeltzer), der wegen seiner Laktoseintoleranz kein Eis aß, seine ältere Schwester Lizzie (Sarah Abbott) und ihr etwas dümmlicher Ex-Freund Chris (Dylan Hawco). Die Erwachsenen sind nur austauschbares Schlachtfutter ohne irgendeinen Hauch von Individualität.
Die Kinder hatten wahrscheinlich auch viel Spaß bei den Dreharbeiten. Aber sie dürfen den Film nicht sehen, weil die Altersfreigaben durchgehend deutlich höher sind. In Deutschland ist die Splatter-Komödie FSK-18. Alle Über-12-Jährigen haben kein direktes Identifikationsangbot. Sie wissen, dass sie von Fremden kein kostenloses Eis annehmen sollen. Sie interessieren sich für Sex & Drugs & Rock’n’Roll.
Für eine Horror-Comedy gibt es nicht genug Lacher. Außer man lacht konstant bei den Morden und den vorher erfolgenden Verletzungen, von denen einige im Trailer gezeigt werden. In die steckte Eli Roth eine beträchtliche Fantasie, die er besser in ein gescheites Drehbuch gesteckt hätte.
Neben der Idee, dass Kinder durch Eis zu mordenden Zombies werden, hat er mit dem Eisverkäufer, genaugenommen Eisverschenker (Ari Millen, grandios ohne eine Dialogzeile) und dem Eiswagen einen erinnerungswürdige Bösewicht und ein ebenso erinnerungswürdiges und bedrohliches Gefährt.
Aber ohne ein alles zusammenhaltendes Thema ist „Ice Cream Man“ nur, wenn die Kinder auf dem Schulhof mit den Innereien der Lehrer spielen oder Erwachsene gerade möglichst abstrus töten, eine Abfolge von schön drapierten Horror-Tableaus, ein Best-of der aus Horror- und Splatterfilmen bekannten und angedeuteten Mordmethoden, eine ausdehnte Sammlung von Filmzitaten und viel Leerlauf.
Ice Cream Man (Ice Cream Man, Kanada 2026)
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Noah Belson
mit Ari Millen, Benjamin Byron Davis, Eli Roth, Karen Cliche, Dylan Hawco, Sarah Abbott, Shiloh O’Reilly, Kiori Mirza Waldman, Charlie Zeltzer, Charlie Storey
Abgelegen von jeder Zivilisation liegt das schon vor Ewigkeiten der Natur überlassene Elternhaus von Saga. Objektiv ist das in Finnland im Wald liegende Haus eine Ruine. Der Wald wirkt eher sumpfig-bedrohlich als freundlich-beschützend. Trotzdem ziehen Saga und ihr Mann Jon dort ein. Hier und nicht in London wollen die Finnin und der Brite eine Familie gründen. Sie richten das Holzhaus wohnlich her und bekommen einen Sohn. Aber Saga verhält sich nach der Geburt seltsam. Ihr Kind ebenso.
Ihr Sohn ist ungewöhnlich behaart. Viel mehr sehen wir von ihm nicht. Sein Gesicht sehen wir erst am Ende. Er beißt Saga. Er fügt ihr Quetschungen zu. Es ist, als ob sie ein Monster an ihrer Brust ernähre. Ist er vielleicht ein Troll? Ihr Mann und auch alle anderen Menschen halten Sagas Kind dagegen für ein ganz normales, süßes Baby.
Hannah Bergholms Quasi-Ein-Personenstück „Nightborn“ changiert arg vorhersehbar und unglücklich zwischen Folk-Horror und einer Studie über eine Depression nach der Geburt eines Kindes. Denn Bergholm will sich nicht entscheiden, ob sie eine traditionelle Horrorgeschichte oder die Geschichte einer postpartalen Depression erzählt. Trotz der Kürze ist die sich so entwickelnde Beziehungsgeschichte eine ziemlich zähe Angelegenheit, garniert mit viel Blut und Flüssigkeiten.
Danach erschient „Lamb“ in einem deutlich milderem Licht.
Nightborn (Yön lapsi, Finnland/Litauen/Frankreich/Großbritannien 2026)
Regie: Hanna Bergholm
Drehbuch: Ilja Rautsi, Hanna Bergholm
mit Seidi Haarla, Rupert Grint, Pamela Tola, Pirkko Saisio, Rebecca Lacey, John Thomson
Fotograf Richard Billingham erzählt in seinem präzise fotografiertem Filmdebüt die Geschichte seiner Eltern Ray und Liz, die in Birmingham zur unteren Arbeiterklasse gehören. Es sind deprimierende Bilder aus deinem deprimierendem Leben. Danach möchte man, um sich besser zu fühlen, mindestens ein Feelbad-Movie sehen.
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (Deutschland/Frankreich 2022)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 wird in Pakistan der neunzehnjährige Murat Kurnat verhaftet und nach Guantanamo gebracht. Die Presse nennt ihn „Bremer Taliban“.
Seine Mutter Rabiye Kurnaz will ihren Jungen aus der Gefangenschaft befreien. Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung.
Sehr gelungenes, unterhaltsames, nah an den Fakten entlang erzähltes Drama, mit einer ordentlichen Portion Humor.
Weil das CIA-Biopic so selten gezeigt wird; für Nachteulen zeigt Kabel 1 um 02.10 Uhr Martin Scoreses „Kap der Angst“ (mit Robert De Niro als Bösewicht)
ZDFneo, 22.45
Der gute Hirte (The good Shepherd, USA 2006)
Regie: Robert De Niro
Drehbuch: Eric Roth
Hochkarätig besetztes CIA-Biopic, das die Geschichte des Geheimdienstes zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den sechziger Jahren anhand des Lebens von Edward Wilson von der Spionageabwehr erzählt.
„Der gute Hirte“ war für mehrere renommierte Preise nominiert, wie den Oscar für die Ausstattung, und erhielt auch einige. Hauptsächlich für die Ausstattung und, auf der Berlinale, für das Ensemble.
Auch für den Edgar war Eric Roths Drehbuch nominiert. Den Preis der International Thriller Writers (ITW) als bester Thriller erhielt „Der gute Hirte“.
Und das fand ich dann doch ziemlich rätselhaft. Denn letztendlich ist Robert De Niros Film doch nur gut ausgestattetes, gut besetztes, ziemlich zähes Ausstattungskino.
Mit Matt Damon, Angelina Jolie, Alec Baldwin, Tammy Blanchard, Billy Crudup, Robert De Niro, Keir Dullea, Michael Gambon, Martina Gedeck, William Hurt, Timothy Hutton, Gabriel Macht, Joe Pesci, John Turturro
Better Man – Die Robbie Williams Story (Better Man, Australien/USA 2024)
Regie: Michael Gracey
Drehbuch: Simon Gleeson, Oliver Cole, Michael Gracey
TV-Premiere. Überzeugendes Biopic über Robbie Williams. Das liegt vor allem an der bestehend einfachen, genialen und unglaublich viele typische Biopic-Probleme lösenden Idee, Robbie Williams als im Motion-Capture-Verfahren computergenerierten Schimpansen zu zeigen. Dazu erzählt Williams, sich nicht schonend, seine Geschichte.
Ich bin kein Fan von „Take That“ oder Robbie Williams, aber dieses Musiker-Biopic gefiel mir.
mit Robbie Williams, Jonno Davies, Steve Pemberton, Damon Herriman, Raechelle Banno, Alison Steadman, Kate Mulvany, Frazer Hadfield, Tom Budge, Anthony Hayes, Jake Simmance, Asmara Feik, Carter J. Murphy
Die Unbestechlichen – The Untouchables (The Untouchables, USA 1987)
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Mamet
Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.
„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe
Hätte einer der vielen französischen Unternehmer, denen er in den vierziger Jahren seine damals visionären Erfindungen zeigte, sie gekauft oder ihn angestellt, wäre der polnische Flüchtling Jan Bojarski (Reda Kateb) vielleicht nie zum „Leonardo da Vinci der Geldfälscher” und zum „Cézanne des Falschgeldes” geworden. Schon während des Zweiten Weltkriegs fälscht er in Frankreich Pässe. Später, um seine Familie zu ernähren, französische Geldscheine. Die meiste Zeit seiner Karriere arbeitet er allein. Mit den brachialen Methoden einer Gangsterbande, zu der er in den frühen fünfziger Jahren kurz gehört, ist er nicht einverstanden. Er ist ein Gewalt ablehnender Tüftler.
Fortan stellt er die Blüten im heimischen Keller her. Die Druckplatten, die Farben, das Papier (mit in ganz Frankreich zusammengekauftem OCB-Zigarettenpapier als Grundlage) und die Druckerpresse stellt er in zeitintensiver Heimarbeit selbst her. Anschließend verteilt er die Blüten im ganzen Land. Dabei befolgte er einige Regeln, die seine Entdeckung verhindern sollen und die dazu führen, dass die Polizei vermutet, dass die bewundernswert guten Blüten, die in Details sogar besser als die Originale sind, von einer mehrköpfigen Bande in Umlauf gebracht werden.
Währenddessen jagt ihn Kommissar Mattei (Bastien Bouillon). Er ist von den handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten des Fälschers fasziniert und frustriert, weil er über Jahre, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, keine heiße Spur.
Einmal treffen Bojarski und Mattei, so erzählt Jean-Paul Salomé es in seinem Krimi „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski”, in Vichy in einer Hotelbar aufeinander. Das Gespräch erinnert Krimifans selbstverständlich an das Gespräch zwischen Al Pacino und Robert De Niro in Michael Manns Neo-Noir-Gangsterthrillerklassiker „Heat”. Auch wenn Mattei Bojarski ähnlich obsessiv jagt, ist Salomés Film kein Actionthriller, sondern ein traditionsbewusster Noir, der sich gekonnt in die Tradition des französischen Kriminalfilms der fünfziger und sechziger Jahre stellt. Er hat, passend zur Profession des Protagonisten, einen Blick für Details und viel Geduld beim Erzählen seiner Geschichte. Salomés Fokus beim Erzählen liegt auf den Figuren, ihren Handlungen und Beziehungen.
„Der perfekte Schein” basiert auf der wahren Geschichte von Jan Bojarski (15. Oktober 1912 in Lancut, Österreich-Ungarn – 2. Mai 2003 in Saint-Sauveur, Départment Isere). Im Januar 1964 wurde er durch eine Verkettung von Zufällen verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung wurde er nach 13 Jahren entlassen.
Weil etliche Details in Bojarskis Leben als Verbrecher nicht vollständig geklärt sind, beispielsweise, was seine Frau wusste, nahm Salomé sich Freiheiten. Das Ergebnis ist ein stimmiger Retro-Krimi – mit einem äußerst sympathischem, introvertiertem Verbrecher, der einfach nur ein kleinbürgerlich-gutes Leben für seine Familie und sich will, als Protagonisten.
Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski(L’Affaire Bojarski, Frankreich 2025)
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Jean-Paul Salomé, Bastien Daret, Delphine Gleize (in Zusammenarbeit mit) (nach einer Idee von Marie-Pierre Huster)
mit Reda Kateb, Sara Giraudeau, Bastien Bouillon, Pierre Lottin, Quentin Dolmaire, Victor Poirier, Olivier Loustau
Kingsman: The Golden Circle(Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)
Nachdem Bösewichter die Zentrale der Kingsman zerstörten, müssen die distinguierten britischen Agenten Eggsy und Merlin sich mit ihrer US-amerikanischen Partnerorganisation, den Statesman, deren Zentrale in Kentucky einer Whiskey-Destillerie ist, zusammentun.
Witzige, mit hundertvierzig Minuten zu lang geratene Agentenkomödie, mit einer chaotischen Story und viel Action, die um 20.15 Uhr wahrscheinlich in einer gekürzten Version gezeigt wird.
mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson
2026 sitzt ein Mann in einem großen, im brutalistischen Stil gebautem, mit teuren Kunstwerken dekoriertem Haus in seinem Arbeitszimmer an seinem Laptop. Der ungefähr sechzigjährige Filmregisseur Raùl Rossetti (Leonardo Sbaraglia) schreibt gerade an seinem neuen Drehbuch.
Im Dezember 2004 stürzt sich die Werbefilmregisseurin Elsa (Barbara Lennie) in die Arbeit. Nach einer Panikattacke beginnt sie über ihr Leben nachzudenken. Vor Jahren inszenierte sie zwei Flops, die zu Kultfilmen wurden. Vielleicht könnte sie wieder einen Film drehen. Sie beginnt eine Geschichte zu schreiben.
Elsa existiert nur in der Fantasie von Raùl. Sie, ihr Umfeld und ihre Erlebnisse setzten sich aus den Menschen und deren Erlebnissen zusammen, die der sehr zurückgezogen lebende Regisseur kennt.
Nachdem Pedro Almodóvar in „Leid und Herrlichkeit“ (2019) deutlich gelungener von der Sinnkrise eines Regisseurs erzählte und munter spekuliert wurde, wie nah der Film an Almodóvars Leben ist, treibt er dieses jetzt Spiel weiter voran. Er schichtet mehrmals Metafiktion und Reflektion über Metafiktion auf Metafiktion und Reflektion über Metafiktion. Beginnend mit dem Regisseur, der einen autofiktionalen Text über eine Regisseurin schreibt, die ein Drehbuch schreibt und mit ihren Figuren redet.
Als intellektuelles Spiel und seine Konstruktion offen ausstellendes und ständig thematisierendes Gedankengebäude ist diese Herangehensweise als formales Experiment interessant. Als Film nicht unbedingt.
In diesem Fall ergibt das intellektuelle Spiel mit den verschiedenen Ebenen einen hermetisch abgeschlossener Raum, inszeniert mit starren Einstellungen, wenig Bewegung von der Kamera und den Schauspielern und noch weniger Geschichte. Almodóvar präsentiert vor allem Episoden und reflektierende Gespräche darüber. Wunderschön in ihrer Absurdität ist beispielsweise die Episode, in der eine Ärztin bei ihrer Patientin Elsa einen Mann wiedererkennt, ihn fragt, woher sie ihn kenne und sich anschließend mit ihm sehr interessiert über seine Arbeit unterhält. Überlang sind, nach „Magic Mike“, die Striptease-Szenen. Welche Figur in Elsas Plot welche Figur in Raùls Leben ist, bleibt dabei durchaus offen für Interpretationen. Das liegt auch daran, dass Almodóvar eher wenig über Raùls Leben erzählt und erfundene Geschichten immer wieder verändert werden können. Aber Raúls Assistentin Mónica erkennt sich in der ersten Fassung des von Raùl geschriebenem Drehbuch sofort wieder.
Eigentlich erzählt Almodóvar in seinem neuesten Film „Bitteres Fest“ die Geschichte vor der eigentlichen Filmgeschichte. Er räumt den Schreibtisch auf, ehe er sich an den Computer setzt, „Szene 1“ tippt und beginnt eine Geschichte zu erzählen, die auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick nichts mit ihm zu tun hat.
Das ist, wie gewohnt bei Pedro Almodóvar, fein inszeniert, gut gespielt und auch gut konstruiert in seiner multiplen Verschachtelung zwischen Zeitebenen, Plots und Interpretationsmöglichkeiten. Aber es fehlen die aus seinen früheren Filmen bekannte Lebendigkeit und Lebensfreude. „Bitteres Fest“ überzeugt nur als intellektuelles, sich selbst genügendes, braves Gedankengebäude. Für einen Almodóvar-Film ist das etwas wenig.
Bitteres Fest(Amarga Navidad, Spanien 2026)
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
mit Barbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado, Milena Smit, Quim Gutiérrez, Rossy de Palma, Carmen Machi, Gloria Muñoz, Amaia Romero
Es war einmal; – eigentlich ist es noch nicht so lange her: 2020 inszenierte Cesc Gay, basierend auf seinem Theaterstück, die spanische Komödie „Sentimental“. Seitdem gab es Remakes in Italien, der Schweiz, Frankreich und Südkorea. Und jetzt gibt es ein US-Remake. Olivia Wilde verlegte das spanische Stück, ohne große Änderungen, nach San Francisco.
Wieder geht es um eine nachbarschaftliche Einladung zum Kennenlernen bei einem Abendessen. Angela (Olivia Wilde) hat die neuen Mieter Hawk (Edward Norton) und Pina (Penélope Cruz) eingeladen. Ihr Mann Joe (Seth Rogen) ist nicht begeistert über diese spontane Einladung. Der Musikprofessor hat sich auf einen ruhigen Abend eingestellt. Mit den neuen Mietern, die ihn vor allem mitten in der Nacht mit lauten Geräuschen von ihrem extrem lustvollem Geschlechtsverkehr stören, will er nichts zu tun haben. Jedenfalls nicht heute Abend.
Aber da klingeln sie schon. Das anschließende Gespräch entwickelt sich anders als geplant. Zuerst entschuldigen Pina und Hawk sich für ihren lauten Sex. Sie und einige ihrer Freunde, die teils für den extrem hörbaren Geschlechtsverkehr verantwortlich sind, würden einfach manchmal alles um sich herum vergessen. Notgedrungen erklärt Joe, dass sie das nicht störe. Hawk nennt ihn lächelnd einen Lügner. Munter umkreisen die beiden Ehepaare sich. Während Angela und Hawk schon seit fünfzehn Jahren verheiratet sind und ihre Ehe zu einer öden Zweckgemeinschaft verkommen ist, genießen Hawk und Pina ihre noch junge offene und offen ausgelebte Liebe. Immer geht es bei den Gesprächen um Sex, Beziehungen, Enttäuschungen, emotionale Verletzungen und die Nähe zwischen beiden Wohnungen. Denn man hört nicht nur Geräusche, sondern kann auch in die andere Wohnung blicken. Irgendwann erfährt Joe, dass Hawk so seine nackte Frau ansehen kann und sie es genießt, von ihm angesehen zu werden.
Etwas später fragt der ehemalige, in sich ruhende Feuerwehrmann Hawk, ob sie nicht jetzt sofort alle zusammen Sex haben sollten. Kondome habe er dabei und er freue sich schon auf einen Partnertausch.
Bei Disney heißt es Live-Action-Remake und die Kritiken sind teils desaströs. Ein Grund ist, dass die gut verfügbaren Originale allseits bekannt und beliebt sind. Im Fall von „The Invite“ (und anderer Remakes, bei denen eigentlich nur Schauspieler und Drehort ausgetauscht wurden) sind das Original und die anderen Versionen unbekannter. Da drängt sich dann eher der Vergleich zum Theater auf. Dort ist es normal, wenn ein anderer Regisseur auf einer anderen Bühne mit anderen Schauspielern das gleiche Stück nochmal inszeniert. Es ja auch nicht so, dass man eine Inszenierung, wie einen Film, immer und überall sehen kann.
Außerdem wurden wegen der bekannten Unlust der US-Amerikaner, synchronisierte oder untertitelte Filme anzusehen, schon immer starbesetzte 1-zu-1-Remakes von Filmen gemacht, die in anderen Ländern ein Publikumserfolg waren. Für die Kenner des Originals sind diese Remakes oft in verschiedenen Abstufungen uninteressant.
Das gilt auch für „The Invite“. Die Schauspieler – Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz und Edward Norton – sind gut. Wobei ich mich fragte, warum Seth Rogen und Edward Norton nicht ihre Rollen tauschten. Denn Edward Norton wirkt als sexpositiver Feuerwehrmann nie glaubwürdig.
Die sich in einer Wohnung spielende Geschichte weckt auf den ersten Blick Erinnerungen an Roman Polanskis Theaterverfilmung „Der Gott de Gemetzels“. In diesem Vier-Personenstück eskaliert die gänzlich andere Geschichte allerdings konsequenter und glaubwürdiger.
In „The Invite“, das ebenfalls auf einem Theaterstück basiert, wirkt die Geschichte immer wieder formelhaft. Die Wendungen ergeben sich nicht aus der Geschichte, sondern dem Wunsch des Drehbuchautors, alle zehn Minuten eine überraschende Wendung zu präsentieren.
P. S.: Für nächstes Jahr ist eine niederländisch-belgische Verfilmung des Stücks angekündigt. Irgendetwas muss dieses Gespräch über Sex und Beziehungen haben.
The Invite(The Invite, USA 2026)
Regie: Olivia Wilde
Drehbuch: Will McCormack, Rashida Jones (basierend auf dem Theaterstück „Los vecinos de arriba“ von Cesc Gay)
mit Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton
Being Hipp – First Lady of European Jazz(Deutschland 2025)
Regie: Anna Schmidt
Drehbuch: Anna Schmidt
55-minütige Doku über die in Leipzig geborene Jazz-Pianistin Jutta Hipp (1925 – 2003), die in den 50er Jahren in den USA erfolgreich war und auch auf Blue Note veröffentlichte.
Danach geht’s jazzig weiter mit „Louis Armstrong & His All Stars“ (Friedrichstadtpalast 1965, um 23.35 Uhr), „James ‚Blood‘ Ulmer sowie Barbara Dennerlein“ (Jazzbühne Berlin 1985 und 1988, um 01.25 Uhr) und „Betty Carter & her Trio“ (Jazzbühne Berlin 1985, um 02.50 Uhr).