Buchbesprechung: John le Carrés letzter Roman: „Silverview“

Das ist er also: der neue Roman von John le Carré. Gleichzeitig – er starb vor einem Jahr am 12. Dezember 2020 – ist es sein letzter Roman und natürlich beeinflusst dieses Wissen die Lektüre und die Rezeption. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich mich den allgemeinen Jubelarien zu seinen vorherigen Büchern nicht so richtig anschließen konnte. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass es in den Besprechungen weniger um sein aktuelles Buch und mehr um seinen Ruf als ‚größter Spionageschriftsteller aller Zeiten‘ ging. Auch „Silverview“ wird allgemein abgefeiert. Und wieder finde ich den Roman nicht so gut. Dabei ist auf den ersten Blick alles drin, was einen le Carré ausmacht. Aber die Story funktioniert nicht. Eigentlich ist es keine Story sondern mehr eine Skizze, bei der fast bis zur letzten Seite unklar ist, was uns le Carré erzählen will.

Im Mittelpunkt stehen drei Männer: Stewart Proctor ist der Chef der Inlandssicherheit. Der Geheimdienstler erhält einen Brief und beschäftigt sich daraufhin mit der Vergangenheit von Edward Avon. Edward war, als er vor Ewigkeiten angeworben wurde und im damals noch bestehendem Ostblock spionierte, ein von seiner Mission überzeugter Geheimagent. Das änderte sich während des Bosnienkrieges. Jetzt lebt er zusammen mit seiner ebenfalls pensionierten Frau Deborah in Silverview, einem Anwesen am Ortsrand eines Küstenstädtchens in East Anglia. Sie war die beste Nahost-Analystin des Geheimdienstes. Sie hat Krebs im Endstadium.

Edward trifft sich öfter mit dem Buchhändler Julian Lawndsley. Der 33-jährige Julian war in London ein erfolgreicher Börsenmakler. Diese Arbeit gab er aus bis nach dem Buchende unbekannten Gründen auf zugunsten des Lebens als schlecht verdienender Buchhändler, der von Büchern keine Ahnung hat. Edward schlägt ihm vor, im Keller seiner Buchhandlung ein besonderes Buchangebot einzurichten. Außerdem ist er, so sagt er, ein Schulfreund von Julians verstorbenem Vater.

Selbstverständlich sind diese beiden Plots – der eine ist Proctors Recherchen in Edward Avons Vergangenheit, der andere ist die beginnende Freundschaft zwischen Edward und Julian – miteinander verknüpft. Aber bis zum Ende laufen sie unverbunden nebeneinander her. Das Ende hinterlässt dann auch einige Fragen.

Le Carré schrieb die Geschichte zwischen 2013 und 2015, war allerdings nicht mit ihr zufrieden und legte sie zur Seite. Sein Sohn Nicholas Cornwell (der unter den Pseudonymen Nick Harkaway und Aidan Truhen Romane veröffentlicht) hat das Manuskript nach dem Tod seines Vaters aus der Schublade geholt und vor der Veröffentlichung um einige wenige Sätze und Absätze ergänzt.

Nach der Lektüre verstehe ich, warum le Carré mit der Geschichte unzufrieden war und sie, so mein Eindruck, nicht fertig schrieb. Der jetzt veröffentlichte Roman wirkt wie ein Fragment, das so wohl niemals für eine Veröffentlchung gedacht war.

Denn die Geschichte funktioniert nicht. Das liegt an ihrer Konstruktion, die lange Zeit beide Handlungsstränge vollkommen unverbunden nebeneinander her laufen lässt. Das liegt an den vielen Lücken, die in einer späteren Fassung geschlossen würden. Dann wüssten wir auch mehr über die Motive der verschiedenen Figuren. In der vorliegenden Fassung sind sie höchstens erahnbar.

Außerdem spielt die Geschichte inzwischen in einer seltsam unbestimmbaren Zeit. Es gibt nämlich keinerlei Hinweise auf das Handlungsjahr. Damit könnte sie, wie le Carrés andere Romane zum Zeitpunkt der Veröffentlichung spielen. Andererseits wirkt vieles so, als würde es in der nahen Vergangenheit spielen. Das betrifft die skizzenhaften Biographien der Figuren und den Umgang mit Computern, der eher zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit verweist. Und auch damals wäre unklar gewesen, welches für England gefährliche Wissen Edward und seine Frau hätten ausplaudern können.

In „Silverview“ wird Edwards Biographie, die an andere le-Carré-Figuren erinnert, auf wenigen Seiten abgehandelt. Dabei hätte sein Leben durchaus die Basis für einen Roman sein können. Der in der Gegenwart spielende Teil, also Edwards Plan, ist nicht mehr als eine hastig auf einen Zettel geschriebene Notiz. Ausformuliert hätte auch das ein guter Spionageroman werden können. Beides hat le Carré in der Vergangenheit schon mehrmals gelungener erzählt. Und so ist le Carrés letzter Roman immer ein Roman, der an seine früheren und besseren Romane erinnert.

John le Carré: Silverview

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2021

256 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Silverview

Viking, PRH, London, 2021

Hinweise

Bookmarks über „Silverview“

Perlentaucher über „Silverview“

Wikipedia über „Silverview“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung von John le Carrés „Federball“ (Agent running in the Field, 2019)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Mein Nachruf auf John le Carré

John le Carré in der Kriminalakte

 

5 Responses to Buchbesprechung: John le Carrés letzter Roman: „Silverview“

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