TV-Tipp für den 28. Februar: Street Kings

Februar 28, 2015

Pro7, 23.20

Street Kings (USA 2007, Regie: David Ayer)

Drehbuch: James Ellroy, Kurt Wimmer, Jamie Moss

LV: James Ellroy: Watchman/The night Watchman (Originalgeschichte)

Die Story klingt nach einem typischen Ellroy – oder dem typischen Cop-Thriller der Marke „Korrupter Cop sitzt in der Scheiße; entdeckt, (Überraschung!) dass die Polizei korrupt ist und stellt sich auf die Seite der Guten“. Denken Sie nur an die Ellroy-Verfilmung „Dark Blue“ (für die Ayer das Drehbuch schrieb), ersetzen Kurt Russell durch Keanu Reeves, lassen den Rookie Scott Speedman weg und wir haben den nächsten düsteren, bleihaltigen LA-Copthriller.

Ellroys Story ist eine nicht veröffentlichte Originalgeschichte und sollte bereits vor Jahren als „Watchman“ oder auch „The night Watchman“ verfilmt werden. David Fincher, Spike Lee und Oliver Stone waren als Regisseure im Gespräch. Für den Film wurde Ellroys Drehbuch dann von mehreren Autoren (zwei schafften es in die Credits, aber Ayer soll und John Ridley hat vor Jahren an dem Drehbuch gearbeitet) bearbeitet.

Mit Keanu Reeves, Forest Whitaker, Hugh Laurie, Chris Evans, Martha Higareda, Cedric the Entertainer, Amaury Nolasco

Wiederholung: Sonntag, 1. März, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys „Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau“ (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

James Ellroy in der Kriminalakte

Meine Besprechung von David Ayers „End of Watch“ (End of Watch, USA 2012)

Meine Besprechung von David Ayers “Sabotage” (Sabotage, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014)

Bonushinweis

Ellroy - Perfidia - 4

Druckfrisch und schwer in der Hand liegend: die deutsche Übersetzung von „Perfidia“, dem neuen Opus von James Ellroy, das der Auftakt zu einem neuen „L. A. Quartett“ ist, das zeitlich vor seinen bereits in Los Angeles spielenden Romanen, wie „Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“ spielt.
James Ellroy sagt zu seinem neuen Werk: „Besessenheit steht mir gut. Die Liebe zur Sprache definiert mich. Diesbezüglich fordere ich andauernd mein Geburtsrecht ein. Ich bin ein in Los Angeles geborener Amerikaner. Die Geschichte hat mich einmal mehr an meinen Schreibtisch gerufen. Mein Roman heißt “Perfidia“. Der Titel bedeutet auf Spanisch “Verrat“ und verweist auf ein klagendes Lied der späten Dreißigerjahre. Der Roman ist 960 Seiten lang und in jeder Hinsicht groß angelegt. Die Geschichte erstreckt sich vom 6. bis zum 29. Dezember 1941. Männer und Frauen mit großen Seelen geraten in Los Angeles im Monat von Pearl Harbor aneinander. Sie hab en große Überzeugungen, große Träume und ein tief gestörtes Pflichtbewusstsein. Sie arbeiten mit- und gegeneinander, um ein großes Verbrechen aufzuklären , und streben groß und ruchlos nach Liebe. “Perfidia“ ist die Quintessenz dessen, was ich über die Kunst und das Handwerk des Geschichtenerzählens, was ich über Geschichte, über Männer und Frauen weiß, und über die immer wieder drängende Frage, warum Menschen tun , was sie tun. Ich bin in die Vergangenheit hinabgestiegen und mit einem Geschenk für Sie zurückgekehrt. Das ich mit meinen allerbesten Wünschen anzunehmen bitte.
Auf meiner Leseliste für die nächsten Tage steht das gut tausendseitige Werk.

James Ellroy: Perfidia
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2015
960 Seiten
25 Euro

Originalausgabe
Perfidia
Alfred A. Knopf, 2014


DVD-Kritik: Die John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted Man“ mit Philip Seymour Hoffman

Februar 27, 2015

Zwischen den beiden abschließenden „Die Tribute von Panem“-Spektakelfilmen kann man, in aller Ruhe, noch einmal oder – was wahrscheinlich für die meisten gilt – erstmals einen Blick auf die heute als DVD und Blu-ray und als VoD erschienene John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ werfen. Über Philip Seymour Hoffmans letzten wirklich wichtigen Film schrieb ich zum Kinostart:

Auch wenn es noch zwei „Die Tribute von Panem“-Filme mit Philip Seymour Hoffman gibt, ist Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ der letzte richtige Film des am 2. Februar 2014 verstorbenen Charakterschauspielers. Denn in dem Film spielt er, der oft prägnante Nebenrollen hatte und großartige Bösewichter spielte, die Hauptrolle: den deutschen Geheimagenten Günther Bachmann, der in Hamburg eine kleine Agenteneinheit leitet. Im Film wird die Einheit nicht genauer spezifiziert. Im Roman ist es, bitte nicht Lachen, die Spezialeinheit Hintergrund des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz. Bachmann will nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern die Hintermänner des islamistischen Terrors finden. Als Issa Karpov auftaucht, wittert er seine große Chance.
Karpov, ein über den Hafen illegal eingereister Flüchtling mit deutlichen Spuren von Folter an seinem Körper, will an das Geld von seinem Vater, einem Russen, der nach dem Ende der Sowjetunion Geschäfte mit der russischen Mafia machte und vermögend wurde. Das Geld ist bei einer auf Diskretion bedachten Privatbank.
Bachmann glaubt, dass der Halbtschetschene Karpov mit dem Geld den internationalen Terrorismus fördern will.
Auch andere Geheim- und Sicherheitsdienste und die Amerikaner glauben das. Aber die Ansichten, wie man Karpov behandeln soll, gehen auseinander und schnell erleben wir ein Karussell von Geheimdienstintrigen, in die auch eine junge, idealistische Anwältin und ein älterer Bankierssohn, verwickelt werden, während Karpov immer nur die Projektionsfläche der verschiedenen Dienste bleibt. Denn es gibt absolut keinen handfesten Beweis für die Vermutungen der Agenten.
Das alles ist bester le-Carré, der von „Lantana“-Drehbuchautor Andrew Bovell sparsam von 2008 (Prä-NSA, Prä-NSU) in die Gegenwart (Post-NSA, Post-NSU) übertragen wurde. Wahrscheinlich deshalb wirkt die Geschichte, die politischen Hintergründe und die verwandte Technik etwas anachronistisch. Die Schauspieler sind gut. Neben US-Stars wie Hoffman (dem unumstrittenem Zentrum des Films), Rachel McAdams, Willem Dafoe und Robin Wright, spielen auch deutsche Stars, wie Nina Hoss, Daniel Brühl (der zwar viel Screentime, aber nur ungefähr einen Dialogsatz hat), Rainer Bock und Martin Wuttke, mit. Die Bilder (Kamera: Benoit Delhomme) sind, wie bei Corbijn gewohnt, prächtig. Corbijn war vorher ein bekannter Fotograf und so ist auch jedes Bild von „A most wanted man“ geeignet, als Einzelbild gedruckt zu werden. Es gibt auch einen Bildband zum Film.
Aber diese Bilder von Hamburg erinnern in ihrer Stilisierung immer an das Berlin der achtziger Jahre; jedenfalls wie wir es heute von SW-Fotos kennen. Es sieht nie – obwohl ich schon länger nicht mehr in Hamburg war – wie das heutige Hamburg aus.
Außerdem irritiert in der Originalfassung, dass alle Englisch sprechen. Denn es wird eine deutsche Geschichte erzählt wird, die in Deutschland spielt mit deutschen Charakteren, die in der Realität natürlich in ihrer Landessprache sprechen würden. Bis auf die von Robin Wright gespielte CIA-Mitarbeiterin sind die Hauptcharaktere Deutsche, die in den wichtigen Rollen von US-Amerikanern gespielt werden, und alle reden immer Englisch. Deutsch wird höchstens bei der Getränkebestellung gesprochen. Das fühlt sich dann, jedenfalls für uns Deutsche, schon sehr seltsam an.
Corbijn will, wie schon in seinem vorherigen Film „The American“ (mit George Clooney), nicht thrillen. Er inszeniert deshalb diese Episode aus dem Kampf der Geheimdienste, die wie der Roman abrupt endet, in einem getragenen Tempo, in dem jeder Schauspieler seinen langsam gesprochenen Sätzen hinterherlauscht und es meist eine Kunstpause vor dem nächsten Satz gibt. Das ist als Schauspielerkino nicht ohne Reiz, aber es ist auch teilweise genauso spannend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen.
„A most wanted man“ ist ein Agententhriller der im Ränkespiel der Dienste konsequent jeden Thrill vermeidet und so nicht so gut ist, wie er hätte sein können.

Beim zweiten Ansehen, dieses Mal in der deutschen Fassung, gefiel mir der Film besser. Denn der in der Originalfassung für uns vorhandene und immer irritierende Verfremdungseffekt ist nicht mehr vorhanden. Es ist immer noch eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
Außerdem können unsere deutschen Schauspieler, befreit von den Fesseln schlechter deutscher Drehbücher, endlich einmal ihr Können zeigen.
Das Bonusmaterial, ein fünfzehnminütiges „Making-of“ und das neunminütiges Featurette „Spy Master – John le Carré in Hamburg“ bieten interessante Einblicke in die Hintergründe des Films. Immerhin kommen Anton Corbijn und John le Carré zu Wort.
Corbijn nächster Film „Life“ über einen Fotografen des Life Magazine, der 1955 eine Fotostrecke über den aufstrebenden Schauspieler James Dean machen soll, lief bereits auf der Berlinale. In Deutschland soll der Film am 1. Oktober anlaufen.

A most wanted man - DVD-Cover
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke

DVD
Senator
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Making-of; Featurette: Spy Master – John le Carré in Hamburg
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (Hauptfilm ab 6 Jahren)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most wanted man“
Moviepilot über „A most wanted man“
Metacritic über „A most wanted man“
Rotten Tomatoes über „A most wanted man“
Wikipedia über „A most wanted man“ (deutsch, englisch)

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „A most wanted man“ (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)

John le Carré in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 27. Februar: Der Mann, der niemals lebte

Februar 27, 2015

Pro 7, 20.15

Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, Regie: Ridley Scott)

Drehbuch: William Monahan

LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)

CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.

Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.

David Ignatius gefällt die Verfilmung.

mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong, Oscar Isaac

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mann, der niemals lebte“

The Washington Post über ihren Mitarbeiter David Ignatius

Harper’s Magazine: Sechs Fragen an David Ignatius über seinen Roman „Body of lies“

Hollywood Hills: Interview mit David Ignatius über die Verfilmung (Teil 1, Teil 2)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Der „American Sniper“ Chris Kyle ist ein guter Patriot aus Texas

Februar 26, 2015

In den USA ist „American Sniper“ ein Überraschungserfolg, der auch der erfolgreichste Film von Clint Eastwood sein soll. Jedenfalls brach er in den vergangenen Wochen einige Einspielrekorde und er sorgte in den USA für eine ordentliche Diskussion über die Botschaft des Films. Immerhin steht im Mittelpunkt des Biopics U.S. Navy SEAL Chris Kyle, ein waschechter Texaner, der während vier Kampfeinsätzen als Scharfschütze im Irak 160 Menschen tötete. 160 ist jedenfalls die Zahl der bestätigten Tötungen. Es können aber auch einige Morde mehr gewesen sein.
Für die einen ist Kyle ein Kriegsheld. Für die anderen das Gegenteil. Und Clint Eastwood, der mit „Flags of our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ zwei grandiose Kriegsfilme inszenierte, ist intelligent genug, um kein plattes Hurra-Patriotisches Manifest abzuliefern. Er bringt durchgehend eine Rauhheit in die Geschichte, die ihr gut tut – und die Steven Spielberg, der zuerst die Regie führen sollte, vermieden hätte.
Es gibt auch immer wieder kurze Episoden und Details, die angenehme Widerhaken in diese reaktionäre Geschichte schlagen und die von liberalen Geistern dankbar aufgegriffen werden. Immerhin eröffnen sie die Möglichkeit einer anderen Perspektive.
So wird Kyle von seinem christlichen Vater streng erzogen. Für ihn gibt es nur drei Sorten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hirtenhunde. Die ersten beiden Gruppen verachtet der Vater. Sein Sohn soll mal ein Hirtenhund werden. Er soll seine Familie beschützen und deren Feinde schlagen. Dieses banale und niemals hinterfragte Bild wird dann zum Leitmotiv von Kyles Leben. Er glaubt an Gott, sein Land und seine Familie und bringt alle Bedrohungen für diese einfachen Werte um. Vor allem die Iraker, die für ihn keine Menschen sind. Es werden auch die psychischen Folgen der Kampfeinsätze gezeigt. So ist Kyle, wenn er von einem Einsatz zurückkehrt, mental noch im Kriegsgebiet. Beeindruckend in ihrer Eastwood-typischen Schlichtheit ist, zum Beispiel, diese Szene: Kyle sitzt im Wohnzimmer und starrt auf den Fernseher, in dem gerade ein Action-Film läuft, während seine Frau das Zimmer betritt. Die Kamera bewegt sich durch den Raum hinter Kyle und wir sehen den Fernseher. Er ist schwarz.
Eastwood zeigt auch die physischen Folgen des Irak-Kriegs. Denn viele Veteranen haben nicht nur seelische Probleme, sondern sind Krüppel mit künstlichen Gelenken oder sitzen im Rollstuhl.
Das sind kurze Szenen, die eine andere Lesart ermöglichen. Aber insgesamt erzählt „American Sniper“ die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Chris Kyle, einem Hurra-Patrioten, der immer das Richtige tut. Dessen einfache Weltsicht legt sich über das gesamte Epos, das vor allem von seinen Einsätzen im Irak erzählt. Sein Leben vor dem Militär, seine Ausbildung und seine Auszeiten bei seiner Familie werden knapp abgehandelt. Sein Leben nach dem letzten Irak-Einsatz ebenso und sein Tod mit einer Texttafel. Kyle wurde am 2. Februar 2013 von dem jüngeren Kriegsveteranen Eddie Ray Routh während eines Schießtrainings, das gegen dessen postraumatische Belastungsstörung helfen sollte, erschossen. Anfang der Woche wurde Routh zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt.
Das alles wird von Eastwood gewohnt effizient erzählt. Die Kriegsszenen sind mitreisend und bei der Action verliert man nie den Überblick. Insofern ist „American Sniper“ mit einem gewohnt beeindruckenden Bradley Cooper als Chris Kyle ein gelungener Kriegsfilm.
Es ist aber auch ein Kriegsfilm, der erzählerisch nichts zeigt, was nicht von Kathryn Bigelow in „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ über eine Gruppe von Bombenentschärfern besser und auch pessimistischer gezeigt wurde. Denn „American Sniper“ verklärt einen kaltblütigen Massenmörder zu einem Helden, der keine Reue über seine Taten verspürt und der auch keinerlei Gewissensbisse hat. Für ihn sind die Iraker, gemäß seiner Erziehung, Wölfe, die seine Familie bedrohen. Und Wölfe, die Schafe töten wollen, tötet man halt. Jedenfalls wenn man die Möglichkeit dazu hat.
Außerdem wird konsequent der historische Hintergrund ausgeblendet. Denn der Irakkrieg war „eine völkerrechtswidrige Invasion des Iraks durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs, unterstützt von einer ‚Koalition der Willigen‘.“ (Wikipedia). In „American Sniper“ ist der Krieg gerechtfertigt. Die Motive der Bush-Regierung und der Vorgesetzten werden nie hinterfragt. Dabei hat es schon vor dem Krieg zahllose Diskussionen über die Motive gegeben und danach stellten sich die Kriegsgründe als falsch heraus.
Nur einmal, wenn Kyle im Fernsehen Bilder von den Bombenanschlägen 1998 auf die Botschaften in Tansania und Kenia sieht und sich danach als guter Hütehund beim Militär verpflichtet, wird der „war on terror“, bevor er losging, angesprochen. Dabei sind die Terroristen schon in diesem Moment das moderne Äquivalent zu den Indianern im alten Hollywood-Western oder zu den Deutschen und Japanern im Weltkrieg-II-Propagandakriegsfilm. Gesichtsloses Schlachtvieh. Das ultimative Böse, dessen Vernichtung moralisch gerechtfertigt ist. In „American Sniper“ auch aus dem Hinterhalt.
Und so verschwinden dann die wenigen Ambivalenzen und Widerhaken, die eine andere Lesart ermöglichen, im großen Bild, das eben diese Punkte zugunsten eines Porträts eines Kriegshelden, dessen Handeln und dessen Mythos niemals hinterfragt wird, vernachlässigt.
Eben diese Eindeutigkeiten – die bösen Iraker, die guten Amerikaner, der moralisch integere Kriegsheld aus Texas – dürften dann auch zum Erfolg des konservativen Films beigetragen haben.
„American Sniper“ ist vielleicht Clint Eastwoods erfolgreichster Film, aber es nicht sein bester Film.

American Sniper - Plakat

American Sniper (American Sniper, USA 2014)
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Jason Hall
LV: Chris Kyle (zusammen mit Scott McEwen und Jim DeFelice): American Sniper, 2012 (Sniper: 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs packt aus)
mit Bradley Cooper, Sienna Miller, Cole Konis, Ben Reed, Elise Robertson, Keir O’Donnell, Luke Grimes, Eric Close, Sammy Sheik
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „American Sniper“
Moviepilot über „American Sniper“
Metacritic über „American Sniper“
Rotten Tomatoes über „American Sniper“
Wikipedia über „American Sniper“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „American Sniper“

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

DP/30-Interview mit Bradley Cooper über „American Sniper“

Und ein kurzes mit Clint Eastwood


Neu im Kino/Filmkritik: „Als wir träumten“ war die DDR weg und Deutschland ein Land

Februar 26, 2015

Als sie dreizehnjährige Schüler waren, gab es die DDR noch. Kurz darauf ist sie weg und die Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul schlagen sich reichlich ziellos im Nachwende-Leipzig durch. Irgendwo zwischen Abitur und der Zeit davor und danach. Das klingt jetzt etwas unspezifisch, beschreibt aber präzise das Problem von Andreas Dresens neuem Film „Als wir träumten“, der einen Zeitraum von einigen Jahren, wahrscheinlich zwei bis drei Jahre, mit einigen Rückblenden in die DDR, umfasst. Der historische Hintergrund ist so weit in den Hintergrund gerückt, dass der Film fast überall spielen könnte, so lange wir eine Gruppe Jugendlicher haben, die sich mit kleinkriminellen Taten über Wasser halten, zu viele Drogen nehmen und auch ein Lokal betreiben. Weil die Geschichte in den Neunzigern spielt, ist es eine Techno-Disco in einer alten Fabrik. Die Disco interessiert auch eine Nazi-Gang (erkennbar an ihren Frisuren und ihrem Outfit) und einer der Jungs verliebt sich auch in eine Frau, die mit dem Chef der Nazi-Gang, die wohl eher eine stinknormale Verbrecherbande ist, liiert ist.
Weil Dresen diese Episoden mit Zwischentiteln (die eher störend als erhellend sind), einer Erzählerstimme, die lange keinem Charakter zugeordnet werden kann, und betont unchronologisch erzählt, wirkt „Als wir träumten“ immer wie ein Konglomerat aus mäßig interessanten, beliebig austauschbaren Episoden. Denn es werden keine Entwicklungen aufgezeigt, sondern es wird willkürlich zwischen der Gegenwart und der nahen Vergangenheit (erkennbar an dem gleichen Aussehen der fünf Hauptcharaktere) hin und her gesprungen.
Diese erzählerische Entscheidung führt dazu, dass ich immer auf Distanz zu den Charakteren blieb, die mir immer reichlich egal waren, und, aufgrund meines Vorwissens, Lücken ausfüllte. Zum Beispiel über das Erstarken des Rechtsradikalismus in der ehemaligen DDR, über den Zusammenbruch der dortigen Industrie und die gestiegene Arbeitslosigkeit, die Abwesenheit der Eltern, die alles übernehmenden Westler, den Zusammenbruch der bekannten Strukturen, undsoweiter, die alle bestimmte Entwicklungen begünstigten und einiges erklären, aber nicht jeder ostdeutsche Jugendliche wurde zum Verbrecher.
Dieser spartanisch gezeichnete gesellschaftliche Hintergrund – immerhin ist „Als wir träumten“ keine Geschichtsdokumentation – wäre verzeihbar, wenn die Charaktere überzeugen würden.
Allerdings gewinnt kein Charakter echte individuelle Züge. Sie bleiben eindimensional (der Boxer, der Dealer, der Denker) und, im schlechten Sinn, rätselhaft. Obwohl sie zur Schule gehen und irgendwann anscheinend auch das Abitur machen (es wird in einem Nebensatz erwähnt), spielt die Nachwende-Schule im Film absolut keine Rolle. Erwachsene und Auteritätspersonen fehlen ebenso. Sie leben – so können wir uns denken – in einer Käseglocke der Selbstbefriedigung, in der sie einfach die Freiheiten eines neuen Systems wahrnehmen und es keine gefestigten staatlichen Strukturen gibt. Es ist eine Zeit, der Anarchie, in der alles möglich ist und es keine Grenzen gibt. Deshalb können sie auch eine Techno-Disco eröffnen, Drogen nehmen, kleinkrimelle Verbrechen begehen und betrunken in geklauten Autos mit lauter Musik durch die Stadt rasen. Und damit unterscheiden sie sich nicht von irgendwelchen anderen Jugendlichen.
Außerdem liegen diese soziologischen Erklärungen außerhalb des Films, der durch seine Struktur den Zuschauer konsequent auf Distanz hält und über die Motive und Entwicklungen der fünf Jungs rätseln lässt.
So wird einer der Freunde drogensüchtig; was wir dadurch erfahren, dass er am Filmbeginn aus einer Entzugsklinik ausgebrochen ist. Kurz darauf ist er – nach längeren Rückblenden – tot. Der Weg in die Sucht und wie die Freunde auf ihren süchtigen Freund reagieren, sehen wir nicht. Und dass einer der Freunde den Verstorbenen mit Drogen versorgte, erfahren wir erst auf der Beerdigung. Was aber anscheinend keine weiteren Konsequenzen hat.
Ein anderes Mal wird Dani, nach einer längeren Verfolgungsjagd, von den Nazis zusammengeschlagen. Sein Aufenthaltsort wurde ihnen von Rico verraten. Nach einem „Entschuldige, es tut mir leid“ am Krankenhausbett ist die Sache vergessen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, wie sich ein solcher Verrat auf ihre Beziehungen untereinander auswirkt.
Dass Rico von einer Karriere als Boxer träumte, erfahren wir erst gegen Ende, als im Fernsehen einer der 1995er Boxkämpfe von Henry Maske und Graciano Rocchigiani gezeigt wird und Rico sich an seinen letzten Kampf erinnert. Das soll dann wohl ein „Million Dollar Baby“-Moment sein (als Clint Eastwood am Filmanfang einen Boxkampf im Fernsehen beobachtet), ist hier aber grotesk verschenkt, weil uns nichts auf diesen Moment vorbereitet und er auch keine Folgen hat. Denn Ricos glorreiche Boxkarriere ist schon länger vorbei und es hat auch anscheinend keine Konsequenzen für ihn.
Diese Szenen sind allerdings keine Ausreiser, sondern das Ergebnis eines Drehbuchs und einer Regie, die lieber beliebige Momentaufnahmen aus dem Leben der Jugendlichen zeigen. Dabei wäre es interessanter, zu erfahren, wie die Charaktere dorthin gekommen sind. Also, zum Beispiel, wie aus einem normalen Schüler ein Drogenhändler wird und was das für seine Freunde bedeutet.
Deshalb haben auch die Rückblenden in ihre DDR-Schulzeit, als die fünf Freunde dreizehn Jahre alt waren (wie wir Westler aus dem Abspann erfahren, die Ostler haben es an der Uniform erkannt), keine emotionale Wirkung. Es ist ein Blättern in einem Fotoalbum, das eine schön aufgeräumte DDR zeigt, aber nicht erklären kann, warum aus normalen, angepassten Schülern Drifter und Verbrecher werden.
Auch der Titel „Als wir träumten“ kann wohl nur ironisch verstanden werden. Denn Dani, Rico, Mark, Pitbull und Paul haben keine Träume. Sie wollen nirgendwohin. Sie driften einfach durch das Nachwendeleipzig und die Kamera verfolgt sie.
Nein, von Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase, die schon bei „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“ zusammen arbeiteten, wäre wirklich mehr als dieses bestenfalls halbgare, irgendwo im nirgendwo spielende Halbstarken-Jugenddrama zu erwarten gewesen.

Als wir träumten - Plakat

Als wir träumten (Deutschland/Frankreich 2015)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
LV: Clemens Meyer: Als wir träumten, 2006
mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, Chiron Elias Krase, Luna Rösner, Tom von Heymann, Nico Ramon Kleemann, Kilian Enzweiler, Henning Thaddäus Beeck, Ronald Kukulies, Regine Seidler, Roman Weltzien, Clemens Meyer (Polizist auf der Wache)
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Als wir träumten“
Film-Zeit über „Als wir träumten“
Moviepilot über „Als wir träumten“
Wikipedia über „Als wir träumten“ und Clemens Meyer
Berlinale über „Als wir träumten“
Homepage von Clemens Meyer
Perlentaucher über Clemens Meyers „Als wir träumten“

Und noch einige O-Töne: Andreas Dresen über seinen Film

Clemens Meyer über die Verfilmung


TV-Tipp für den 26. Februar: Good Night, and Good Luck – Der Fall McCarthy

Februar 26, 2015

EinsPlus, 23.05

Good Night, and Good Luck (USA 2005, Regie: George Clooney)

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov

In den Fünfzigern veranstaltet US-Senator Joseph McCarthy eine Hetzjagd gegen wenige Kommunisten und viele vermeintliche Kommunisten. 1954 beginnt CBS-Moderator Edward R. Murrow die Politik von McCarthy in seiner Sendung „See it now“ zu hinterfragen. Mit den von ihm präsentierten Reportagen und, später, von ihm gemachten Interviews mit McCarthy trug er zu dessen Sturz bei.

Böswillig gesagt ist “Good Night, and Good Luck” Schulfernsehen, bei dem zuerst die historischen Fakten vermittelt und anschließend die Botschaft hinausposaunt wird. Objektiv gesehen ist Clooneys Film gutes altmodisches Kino mit einer zeitlos aktuellen Botschaft über die Verantwortung der Medien (hier des Fernsehens). Denn selbstverständlich wurde der in dem Film geschilderte wahre Fall des TV-Moderators Edward R. Murrow gegen Senator Joseph McCarthy auch als Diagnose des Verhaltens der US-amerikanischen Medien vor dem Irak-Krieg gesehen und der historisch verbürgte Aufruf von Murrow an seine Kollegen am Ende des historisch genauen Films kritisch gegen die Machthaber zu sein, konnte 2005 nur tagespolitisch verstanden werden. – Und heute denken wir an die NSA, den Whistleblower Edward Snowden und den Journalisten Glenn Greenwald.

Abgesehen davon ist „Good Night, and Good Luck“ mit seiner eleganten SW-Kamera (Robert Elswit, auch „Michael Clayton“, „There will be Blood“ und, uh, „James Bond – Der Morgen stirbt nie“), dem stimmungsvollen Soundtrack, den pointierten Dialogen und den guten Schauspielern einfach ein Fest für Filmfreunde.

Mit David Strathairn, George Clooney, Patricia Clarkson, Alex Borstein, Robert Downey Jr., Jeff Daniels, Ray Wise, Robert Knepper, Dianne Reeves, Frank Langella

Wiederholung: Freitag, 27. Februar, 03.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über “Good Night, and Good Luck

Rotten Tomatoes über “Good Night, and Good Luck”

Wikipedia über “Good Night, and Good Luck” (deutsch, englisch) und Edward R. Murrow (deutsch, englisch [viel umfangreicher])

The Museum of Broadcast Communication über Edward R. Murrow

PBS über Edward R. Murrow

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)


DVD-Kritik: Zurück in die Achtziger mit „The Executor – Der Vollstrecker“

Februar 25, 2015

Niemand der noch alle Tassen im Schrank hat, wird behaupten, dass „The Executor – Der Vollstrecker“ von Giuliano Carmineo (der hier einmalig als Jules Harrison firmierte und als Anthony Ascott etliche Italo-Western inszenierte) ein guter Film ist. Es ist Bahnhofskinoware (als es diese Kinos noch gab), Exploitation, das in einer Zweit- oder Drittverwertung aktuelle Themen und Kinoerfolge ausbeutet. Mit unbekannten Schauspielern, die teilweise ebenfalls unter amerikanisch klingenden Pseudonymen arbeiten. Und die genau wegen dieser niedrigen Erwartungen oft gar nicht so schlecht sind. Aus heutiger Sicht haben sie auch etwas von einer Zeitkapsel. Denn die Angst vor der globalen Katastrophe und die Folgen der Umweltzerstörung, die damals oben in der öffentlichen Agenda standen, wurden schon seit Langem nicht mehr so explizit und pessimistisch angesprochen wie in diesem 1983 entstandenem Film.
In „The Executor – Der Vollstrecker“ hat die Menschheit vor einigen Jahren die gesamte Umwelt vernichtet. Die Erde ist jetzt ein Wüstenplanet. Skrupellos wird um die letzten Wasserreste gekämpft. Eine friedlich zusammenlebende Gruppe hat in einem Höhlensystem ein Treibhaussystem, das sie mit Nahrung versorgt, eingerichtet. Als deren Quelle versiegt, wollen einige Gruppenmitglieder zu einer Solaranlage fahren, in der sie Wasser vermuten. Ihre Karawane wird von Crazy Bull überfallen. Nur der zehnjährige Tommy überlebt. Er verbündet sich mit Tiger, einem Einzelgänger (jaja, die Italo-Variante von „Mad Max“). Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
Besonders logisch ist die postapokalyptische Welt von „The Executor“ natürlich nicht, aber es ist die damals im Gefolge von „Mad Max II – Der Vollstrecker“ (1981) populäre Welt, die vor allem eine Leistungsschau der Stuntmänner irgendwo in der Wüste ist. Auch in Carnimeos Film sind die Stunts prächtig. Weil es noch keine CGI gab, wurde mit Feuerwerk gezündelt und Autos und Menschen flogen durch die Luft. Das sieht man im heutigen Kino so leider nicht mehr. Die Story selbst ist im Endeffekt die Geschichte eines nicht besonders guten Italo-Western in anderen Kleidern, aber in der vertrauten Wüstenkulisse.
Auf der DVD ist der Film in der ungeschnittenen Fassung enthalten. Deshalb ist ein kurzer Dialog zwischen Tiger und Crazy Bull, in dem es um die Herkunft von Tigers Auto und ihre Beziehung zueinander geht, deutsch untertitelt.
Die Bildqualität ist nicht überragend, aber wahrscheinlich war – immerhin hatte man damals bei diesen Filmen nicht daran gedacht, dass irgendjemand sie sich dreißig Jahre später noch ansehen möchte – nicht mehr drin. Auch beim Ton gibt es, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, ab und an einige Störgeräusche und es gibt nur zwei deutsche Tonspuren. Weil Ascot Elite, die den Film damals im Kino verlieh, normalerweise alle bei ihnen verfügbaren Tonspuren draufpackt, war wohl nur noch diese Tonspur erhalten.
Außerdem gibt es den Trailer, eine Bildergalerie und einen Bildvergleich der Drehorte, der uns vor allem verrät, wo in Spanien gedreht wurde.
Am 2o. März erscheint bei XCess eine limitierte Sonderausgabe des Films auf Blu-ray (mit beiliegender DVD) und einiges an Bonusmaterial, unter anderem ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Torsten „Wortvogel“ Dewi und einem Audiokommentar mit Kai Naumann und Marc Barion. Diese Fassung soll restauriert sein und auch eine englische Tonspur enthalten; wobei der Film nicht auf Englisch gedreht wurde.

Einige zeitgenössische Kritiken
„Den Italienern gebührt zweifellos die Krone, wenn es darum geht, postatomaren Schwachsinn auf Film zu bannen.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films)

„Formal niveaulose und brutale postatomare Endzeitvision mit den üblichen Bandenkriegen, die auch durch den spärlichen Humor nicht erträglicher wird.“ (Lexikon des internationalen Films)

„Die üblichen Ingredenzien von Action und Brutalität in einer Brachialregie sondergleichen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

The Executor - DVD-Cover

The Executor – Der Vollstrecker (Sterminari del Anno 3000, Italien/Spanien 1983)
Regie: Giuliano Carnimeo (als Jules Harrison)
Drehbuch: Elisa Briganti, Dardano Sacchetti, James A. Prich
mit James Clayton, Robert Warner, Alan Collins, Fred Harris, Beryl Cunningham, Luca Venantini

DVD
Ascot Elite (Cinema Treasures)
Bild:1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie, Bildvergleich Drehorte, Wendecover
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Executor – Der Vollstrecker“

Wikipedia über „The Executor – Der Vollstrecker“ und Giuliano Carnimeo


TV-Tipp für den 25. Februar: Das Urteil – Jeder ist käuflich

Februar 25, 2015

Kabel 1, 20.15

Dar Urteil – Jeder ist käuflich (USA 2003, Regie: Gary Fleder)

Drehbuch: Brian Koppelman, David Levien, Rick Cleveland, Matthew Chapman

LV: John Grisham: The runaway jury, 1996 (Das Urteil)

Die Witwe eines bei einem Amoklauf erschossenen Geschäftsmannes verklagt die Waffenhersteller. Die Angeklagten engagieren Rankin Fitch, ihnen die passenden Geschworenen herauszusuchen. Aber der Geschworene Nick Easter spielt sein eigenes Spiel.

Der erste gemeinsame Film der seit Jahrzehnten befreundeten Stars Gene Hackman (in seinem vorletztem Film) und Dustin Hoffman ist ein spannender Verschwörungsthriller über die Käuflichkeit des us-amerikanischen Justizsystems. Während des Drehs bemerkten die Macher, dass sie zwar einen Hackman/Hoffman-Film drehten, aber keine Hackman/Hoffman-Szene hatten. Also wurde die Toiletten-Szene geschrieben.

Das Drehbuch zu dieser gelungenen Grisham-Verfilmung war 2004 für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.

Mit John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz, Bruce Davison, Jennifer Beals

Wiederholung: Donnerstag, 26. Februar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Das Urteil”

Homepage von John Grisham

Wikipedia über John Grisham (deutsch, englisch) und “Das Urteil” (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über John Grisham

John-Grisham-Fanseite

John Grisham in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Gary Fleders „Homefront“ (Homefront, USA 2013)


Cover der Woche

Februar 24, 2015

Göhre - Ritterspiele


TV-Tipp für den 24. Februar: Tatort: Starkbier

Februar 24, 2015

Bayern, 20.15
Tatort: Starkbier (Deutschland 1999, Regie: Peter Fratzscher)
Drehbuch: Michael Wogh
Buch zum Film: Hannsdieter Loy: Tatort: Starkbier (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr), 2010
Großer Auftritt für Carlo Menzinger, der normalerweise für die Herren Batic und Leitmayr die Laufarbeit erledigt. Er will herausfinden wer Meindl, einen Teilhaber der Benedictus-Brauerei, umbrachte. Denn dass der stocknüchterne Meindl sein Auto betrunken in die Isar fuhr, glaubt Menzinger keine Zehntelsekunde und er beginnt bei seinen Spezln mit sehr seltsamen Methoden zu ermitteln.
Vergnüglicher „Tatort“ mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Christoph Gareisen, Marie Munz, Aleksandar Jovanovic, August Schmölzer

Hinweise

Homepage von Hannsdieter Loy

Tatort-Fundus über Ivo Batic und Franz Leitmayr

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort“-Romanen „Moltke“ und „Tempelräuber“

Meine Besprechung von Uli Aechtners “Tatort”-Roman “Bevor es dunkel wird”

Meine Besprechung von Susanne Krafts “Tatort”-Roman “Seenot”

Meine Besprechung von Hannsdieter Loys „Tatort: Starkbier (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr)“ (2010)


DVD-Kritik: Die Mo-Hayder-Verfilmung „Die Behandlung“

Februar 23, 2015

Realistisch ist das nicht gerade, aber aus zahlreichen Krimis bekannt: der Ermittler ist persönlich in den Fall involviert – und vor allem in einem Einzelroman oder -film kann das sehr gut funktionieren. In einer Serie eher weniger. Aber letztendlich hängt es natürlich vom Können der Macher ab, eine spannende und mitreisende Geschichte zu erzählen.
Die Mo-Hayder-Verfilmung „Die Behandlung“ setzt sich da zwischen die Stühle. Sie basiert auf ihrem zweiten Jack-Caffery-Roman. Inzwischen hat sie sieben Caffery-Romane veröffentlicht, aber zwischen dem zweiten und dem dritten Carrery-Roman lagen sieben Jahre, in denen sie zwei andere Romane veröffentlichte.
Als eine Familie entführt, gefoltert und nach einigen Tagen aus der Gefangenschaft entkommen kann und ihr Kind kurz darauf tot aufgefunden wird, bemerkt Inspektor Nick Cafmeyer (Geert Van Rampelberg, „Code 37“, „The Broken Circle“) Gemeinsamkeiten zwischen dieser Entführung und der Entführung seines immer noch spurlos verschwundenen Bruders vor vielen Jahren. Damals als Kind beobachtete er die Entführung, aber der Täter, ein Nachbar, wurde nicht verhaftet und er liefert sich immer noch ein Psychoduell mit Cafmeyer, der allein im Haus seiner Eltern wohnt.
Bei seinen Ermittlungen beschreitet Cafmeyer immer wieder eigene Wege, überschreitet auch das Gesetz und hat immer wieder den richtigen Riecher wenn er den „Troll“, wie in Gerüchten ein Kindermörder genannt wird, verfolgt.
Diese erste Verfillmung eines Romans von Mo Hayder ist als atmosphärischer Kriminalfilm, der vor allem auf seine Bilder setzt, durchaus gelungen und auch die Transformation der Geschichte von London nach Belgien funktioniert. Aber bei Belgien muss man, wenn es um Pädophilie und pädophile Netzwerke (die im Film nur angedeutet werden) geht, natürlich an den Belgien erschütternden Fall Dutroux denken, der vor fast zwanzig Jahren auch europaweit für Aufsehen sorgte. Dann ist, wie in diesem Film, in dem auch immer wieder ein größeres Pädophilennetzwerk angedeutet wird, ein verhaltensgestörter Einzeltäter eine milde Enttäuschung.
Letztendlich ist „Die Behandlung“ nicht mehr als ein handelsüblicher Thriller, der aber – wieder einmal – zeigt, dass gute Genreware nicht unbedingt aus Hollywood kommen muss und dass man auch ohne ein extraordinär hohes Budget einen gut aussehenden Film drehen kann.
Das Bonusmaterial ist kurz, aber informativ.

Die Behandlung - DVD-Cover

Die Behandlung (De Behandeling, Belgien 2014)
Regie: Hans Herbots
Drehbuch: Carl Joos
LV: Mo Hayder: The Treatment, 2002 (Die Behandlung)
mit Geert Van Rampelberg, Ina Geerts, Johan van Assche, Laura Verlinden, Dominique Van Malder, Roel Swaenenberg, Kyan Steverlynck, Ingrid De Vos

DVD
Capelight
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Niederländisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Premieren-Featurette, Entfallene Szenen, Trailer, Wendecover
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Behandlung“
Wikipedia über „Die Behandlung“ und Mo Hayder (deutsch, englisch)
Homepage von Mo Hayder

Ein etwas älteres deutsch-englisches Interview mit Mo Hayder


Drehbücher von „American Sniper“ und „Inherent Vice“ sind online

Februar 23, 2015

Vor der Oscar-Verleihung sind jetzt auch die Drehbücher für

„American Sniper“ (von Jason Hall; der Kriegsfilm startet bei uns am Donnerstag und wird dann auch besprochen) und

„Inherent Vice“ (von Paul Thomas Anderson; Besprechung hier)

online. Beide Bücher sind in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ nominiert.

Die anderen nominierten Drehbücher habe ich ja schon verlinkt.

(via Simply Scirpts)


TV-Tipp für den 23. Februar: Good Night, and Good Luck – Der Fall McCarthy

Februar 22, 2015

EinsPlus, 21.45

Good Night, and Good Luck (USA 2005, Regie: George Clooney)

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov

In den Fünfzigern veranstaltet US-Senator Joseph McCarthy eine Hetzjagd gegen wenige Kommunisten und viele vermeintliche Kommunisten. 1954 beginnt CBS-Moderator Edward R. Murrow die Politik von McCarthy in seiner Sendung „See it now“ zu hinterfragen. Mit den von ihm präsentierten Reportagen und, später, von ihm gemachten Interviews mit McCarthy trug er zu dessen Sturz bei.

Böswillig gesagt ist “Good Night, and Good Luck” Schulfernsehen, bei dem zuerst die historischen Fakten vermittelt und anschließend die Botschaft hinausposaunt wird. Objektiv gesehen ist Clooneys Film gutes altmodisches Kino mit einer zeitlos aktuellen Botschaft über die Verantwortung der Medien (hier des Fernsehens). Denn selbstverständlich wurde der in dem Film geschilderte wahre Fall des TV-Moderators Edward R. Murrow gegen Senator Joseph McCarthy auch als Diagnose des Verhaltens der US-amerikanischen Medien vor dem Irak-Krieg gesehen und der historisch verbürgte Aufruf von Murrow an seine Kollegen am Ende des historisch genauen Films kritisch gegen die Machthaber zu sein, konnte 2005 nur tagespolitisch verstanden werden. – Und heute denken wir an die NSA, den Whistleblower Edward Snowden und den Journalisten Glenn Greenwald.

Abgesehen davon ist „Good Night, and Good Luck“ mit seiner eleganten SW-Kamera (Robert Elswit, auch „Michael Clayton“, „There will be Blood“ und, uh, „James Bond – Der Morgen stirbt nie“), dem stimmungsvollen Soundtrack, den pointierten Dialogen und den guten Schauspielern einfach ein Fest für Filmfreunde.

Mit David Strathairn, George Clooney, Patricia Clarkson, Alex Borstein, Robert Downey Jr., Jeff Daniels, Ray Wise, Robert Knepper, Dianne Reeves, Frank Langella

Wiederholung: Dienstag, 24. Februar, 17.15 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über “Good Night, and Good Luck

Rotten Tomatoes über “Good Night, and Good Luck”

Wikipedia über “Good Night, and Good Luck” (deutsch, englisch) und Edward R. Murrow (deutsch, englisch [viel umfangreicher])

The Museum of Broadcast Communication über Edward R. Murrow

PBS über Edward R. Murrow

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Martin Luther King in „Selma“

Februar 22, 2015

Ob „Selma“ den Oscar als bester Film des Jahres gegen eine starke Konkurrenz gewinnt, wissen wir in wenigen Stunden. Immerhin sind bei der Academy historische Stoffe beliebt und letztes Jahr gewann das Sklavendrama „12 Years a Slave“. Im Gegensatz zu Steve McQueens formal strengem Film ist Ava DuVernays Film über Martin Luther King und seinen Kampf um das Wahlrecht für Afroamerikaner in Alabama und den USA deutlich gefälliger.
Sie schildert, nach einem Drehbuch von Paul Webb und mit David Oyelowo in der Hauptrolle, in über zwei mitreisenden Stunden, wie Martin Luther King Jr., nach seiner auch heute noch bekannten „I have a Dream“-Rede 1963 in Washington, D. C., und der Verleihung des Friedensnobelpreises am 11. Dezember 1964, mit seinen Kampfgefährten von der Bürgerrechtsbewegung in den ersten Monaten des Jahres 1965 ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt Selma im Bundesstaat Alabama lenkt. Dort sollen ihre nächsten politischen Aktionen für das uneingeschränkte Wahlrecht für alle US-Amerikaner stattfinden.
Denn obwohl Afroamerikaner seit 1870 formal wählen dürfen, sind in Selma nur zwei Prozent der Afroamerikaner als Wähler registriert. Über die Hälfte der dortigen Bevölkerung sind Afroamerikaner. Sie werden durch absurde Tests („Wie heißen die Bezirksrichter?“), eine Kopfsteuer, die sie meist nicht bezahlen können, und einen Fürsprecher, der im Wahlregister eingetragen ist und sich für sie verbürgt, davon abgehalten. In Alabama gab es damals Wahlkreise, in denen in den letzten fünfzig Jahren keine einzige schwarze Person an einer Wahl teilgenommen hatte. Und nur registrierte Wähler dürfen vor Gericht Geschworene sein, was dazu führt, dass vor einem Geschworenengericht Weiße über Schwarze urteilen. Diese Ungerechtigkeit, die durch den rassistischen Polizeichef Jim Clark und den ebenso rassistischen Gouverneur George Wallace noch potenziert wird, ist für King – und das zeigt „Selma“ sehr genau – das ideale Schlachtfeld für seinen friedlichen Kampf. Mit öffentlichen Aktionen, Demonstrationen und Märschen will er das Klima so anheizen, dass US-Präsident Lyndon B. Johnson ein Gesetz unterzeichnet, das den Afroamerikanern das volle Wahlrecht ohne Wenn und Aber zugesteht. Auch wenn King keine Toten einplant, geht er davon aus, dass die Staatsmacht und die Weißen Gewalt anwenden werden. Kings erste Aktion in Selma führt am 2. Februar 1965 zur Verhaftung von ihm und mehreren hundert Menschen, die für das allgemeine Wahlrecht protestierten. Dennoch demonstrieren sie weiter.
Am 18. Februar 1965 wird der 26-jährige Diakon Jimmie Lee Jackson, der seine Mutter und seinen Großvater beschützen will, von State Troopern zusammengeschlagen und erschossen. Sein Tod ist die Initialzündung für den Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama.
Am 7. März 1965, als unter der Führung von John Lewis und Hose Williams, zwei Kampfgefährten von King, der an dem Tag nicht dabei sein kann, der Marsch von Selma nach Montgomery beginnt, werden die sechshundert friedlichen Demonstranten wenige Meter nach dem Beginn ihres Marsches auf der Edmund Pettus Bridge mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die brutale Aktion wird im Fernsehen übertragen und der „Bloody Sunday“ wird zu einem Wendepunkt im Kampf um das Wahlrecht. Denn danach schließen sich auch viele Weiße und Christen aus dem ganzen Land den von King geleiteten Märschen an.
Bei einem zweiten Marsch, am 9. März, kehrt King, obwohl die State Trooper den Weg räumen, auf der Brücke um, weil er eine Falle befürchtet. An dem Abend werden drei weiße Geistliche von Klu-Klux-Klan-Mitgliedern zusammengeschlagen. Einer von ihnen, James Reeb, stirbt kurz darauf an den Verletzungen.
In diesen Tagen erhöht King auch den Druck auf Präsident Johnson, der in dem Film „Selma“ etwas eindimensional als gutwilliger Zauderer gezeigt wird.
Nach einer Gerichtsverhandlung, die den Marsch erlaubt, will Alabama-Gouverneur Wallace den Marsch trotzdem verbieten. Präsident Johnson erläßt eine Verfügung, die die Nationalgarde in Alabama zur Bundessache macht und damit die Möglichkeit eröffnet, dass der friedliche Marsch ohne größere Zusammenstößre gelingen kann. Geschützt durch Bundestruppen gelingt den Demonstranten im dritten Versuch der Marsch von Selma, wo sie am 21. März mit 4000 Demonstranten loslaufen, nach Montgomery, wo sie am 25. März mit fast 25000 Teilnehmern ihr Ziel erreichen und King eine weitere seiner umjubelten Reden hält.
Am 9. August 1965 unterzeichnet Präsident Johnson den Voting Rights Act.
Diese kurze, für die Bürgerrechtsbewegung sehr wichtige Episode zeichnet Ava DuVernay in ihrem Biopic über Martin Luther King nach und, wie bei einigen anderen gelungen Biopics der letzten Jahre, führt diese Konzentration auf einen kurzen Abschnitt im Leben des Porträtierten zu einem vielschichtigen und äußerst gelungenem Porträt, das die übliche Biopic-Falle, nämlich das ganze Leben einer Person in knapp drei Stunden buchhalterisch abzuhandeln, vermeidet.
DuVernay zeichnet stattdessen die Dynamik politischer Prozesse zwischen öffentlichen Aktionen und Verhandlungen in Hinterzimmern genau nach. Dazu gehören auch die politischen Ränkespiele in Washington. Denn in der Politik kommt es nicht nur auf die richtige Meinung und Mehrheiten, sondern auch auf das Ergreifen von günstigen Gelegenheiten an. Dass sie dabei die Politik auf Präsident Johnson, seinen engsten Berater, den Gouverneur von Alabama und FBI-Chef J. Edgar Hoover konzentriert, kann verziehen werden. Vor allem weil diese Personen von Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, Tim Roth und Dylan Baker mit spürbarer Lust an den moralischen Untiefen der Politik und ihrer Charaktere gespielt werden. Denn während Johnson mit King über mögliche Kompromisse verhandelt, wirde King auch vom FBI ständig überwacht (Auszüge aus den Überwachungsprotokollen werden immer wieder eingeblendet) und Hoover schlägt Johnson in einem Nebensatz auch die Ermordung Kings vor. Johnson lehnte nicht empört ab.
Natürlich wird „Selma“ immer wieder pathetisch. Vor allem wenn King als Pfarrer eine seiner Reden hält.
Aber es wird auch der private King gezeigt und dass er Teil einer größeren Bewegung war. Er diskutiert mit seinen Vertrauten und Freunden über die Strategien und Ziele ihrer Aktionen und er ist sich durchaus unsicher, ob er den richtigen Weg beschreitet. In diesen Momenten wird aus der Symbolfigur ein Mensch mit ganz normalen Ängsten und Sorgen.
Und der Blick in die Vergangenheit schärft auch den Blick auf die Gegenwart. Vor einem halben Jahrhundert wurde in den USA um das Wahlrecht und die Gleichberechtigung gekämpft, die heute immer noch nicht erreicht ist. Der Film regt auch zum Nachdenken über die Verhältnisse hier in Deutschland an. Denn die Gastarbeiter und ihre Kinder, wenn sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, dürfen Steuern bezahlen, aber nicht wählen.
Das unterhaltsame und spannende Biopic „Selma“ ist ein Film, nach dem man das Kino klüger verläßt.

Selma - Plakat

Selma (Selma, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Ava DuVernay
Drehbuch: Paul Webb
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Selma“
Moviepilot über „Selma“
Metacritic über „Selma“
Rotten Tomatoes über „Selma“
Wikipedia über „Selma“ (deutsch, englisch) und Martin Luther King (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Selma“ (derzeit nur der Trailer, aber ein ausführlicher Faktencheck müsste die Tage online gehen)

Q&A beim TIFF mit Ava DuVernay und David Oyelowo

DP/30 unterhält sich mit Ava DuVernay

Q&A mit Ava DuVernay, Spencer Averick (Editor) und David Oyelowo


TV-Tipp für den 22. Februar: Im Vorhof der Hölle

Februar 22, 2015

RBB, 23.00

Im Vorhof der Hölle (USA 1990, Regie: Phil Joanou)

Drehbuch: Dennis McIntyre

Terry Noonan kehrt zurück in sein altes Viertel Hell’s Kitchen und trifft sich auch gleich wieder mit seinen alten Gangsterkumpels. Was diese nicht wissen: inzwischen ist Terry bei der Polizei.

Klasse Neo-Noir-Krimi, der damals etwas unterging und, optisch und schauspielerisch brillant, in bekannten Gewässern fischt.

Mit Sean Penn, Gary Oldman, Robin Wright, John Turturro, Burgess Meredith, John C. Reilly

auch bekannt als „Im Vorhof zur Hölle“

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Im Vorhof der Hölle“

Wikipedia über „Im Vorhof der Hölle“ (deutsch, englisch)

The Film Temple über „Im Vorhof der Hölle“

Arte über “Im Vorhof der Hölle”


TV-Tipp für den 21. Februar: Tödliche Entscheidung

Februar 20, 2015

Eins Festival, 22.00

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholung: Sonntag, 22. Februar, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


DVD-Kritik: Die „Wrong Cops“ machen alles richtig richtig falsch

Februar 20, 2015

Die von Quentin Dupieux porträtierten „Wrong Cops“ sind keine falschen Polizisten, sondern echte Gesetzeshüter die einfach alles falsch machen. Sie verkaufen Drogen, elegant getarnt in toten Ratten. Sie nehmen einen Mordfall nicht auf, sondern glauben ungerührt die vollkommen idiotische Geschichte des Zeugen, während sie seinen Kühlschrank inspizieren. Gelangweilt schikanieren sie alle Bürger, denen sie begegnen. Ein Polizist ist busenfixiert. Ein anderer will erotische Bilder von ihm, die in einem Schwulenmagazin erschienen sind, vor seiner Familie verbergen. Ein anderer arbeitet, obwohl er vollkommen untalentiert ist, in erster Linie an seinem großen Durchbruch als Musiker (die Musik ist von Mr. Oizo). Außerdem wird von den Polizisten ein angeschossener Mann, der eigentlich schon lange Tod sein sollte, durch die Geschichte geschleppt. Mal ist er im Kofferraum, mal auf der Rückbank des Autos, mal blutet er auf einer Couch und er hat immer nur einen Wunsch. Er möchte, zur Ablenkung von seinen Schmerzen, Musik hören.
Aber nicht nur die Polizisten sind schräg. Auch alle anderen Charaktere verhalten sich seltsam. So ist ein Plattenproduzent zuerst von der Verkaufsshow des Musikers begeistert. Einen uniformierten Polizisten und einen blutenden Verdächtigen hat er noch nicht gesehen und nur wenige Musiker verstehen so viel von Werbung. Als er erfährt, dass der Polizist ein echter Polizist ist und der andere Mann wirklich verblutet, bedauert er nur, dass jetzt auch der Werbeauftritt des Musikers nicht mehr vorhanden ist. So könne er den schlechten Song überhaupt nicht mehr verkaufen.
Und ein schüchterner Jugendlicher erlebt mit dem Polizisten Duke (der auch mit Drogen in Ratten und, später, Fischen handelt) das verstörendste Erlebnis, das er je hatte. Der Teenager wird von Marylin Manson gespielt.
Das ist unverkennbar die Welt von Quentin Dupieux, der mit „Rubber“ (über einen mörderischen Autoreifen) und „Wrong“ (über die Such nach einem entführten Hund), bereits zweimal beim Fantasy-Filmfest überzeugte. Auch „Wrong Cops“ wurde dort gezeigt und, im Gegensatz zu seinen beiden vorherigen Spielfilmen ist „Wrong Cops“ eine Ansammlung von Sketchen, die man auch in einer anderen Reihenfolge (zum Beispiel chronologisch) hätte zeigen können.
Insofern ist der Film eine Entspannungsübung mit ziemlich seltsamen Polizisten – und einigen alten Bekannten aus den vorherigen Filmen von Dupieux.

Wrong Cops - DVD-Cover

Wrong Cops – Von Bullen und Biestern (Wrong Cops, Frankreich/USA/Russland 2013)
Regie: Quentin Dupieux
Drehbuch: Quentin Dupieux
mit Eric Judor, Steve Little, Mark Burnham, Arden Myrin, Marilyn Manson, Eric Wareheim, Eric Roberts, Ray Wise, Jack Plotnick

DVD
Tiberius Film
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, DD 2.0, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 79 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Wrong Cops“

Metacritic über „Wrong Cops“

Rotten Tomatoes über „Wrong Cops“

Wikipedia über „Wrong Cops“

Meine Besprechung von Quentin Dupieux‘ „Wrong“ (Wrong, Frankreich/USA 2012)


DVD-Kritik: „Night Moves“ mit den Öko-Terroristen von nebenan

Februar 20, 2015

Die DVD-Veröffentlichung von Kelly Reichardts hochgelobtem Thriller „Night Moves“ ist natürlich eine gute Gelegenheit, sich diesen Film noch einmal anzusehen. Zum Kinostart schrieb ich:

Leichte Koste ist „Night Moves“ definitiv nicht und gerade zwischen den vielen schreiend bunten Blockbustern und Feelgood-Movies fällt Kelly Reichardts neuer Film, nach dem Anti-Western „Meek’s Cutoff“, wie ein verschrummelter Bio-Apfel in einem prächtig hergerichteten Buffet auf. Denn in ihrem Film wird kaum geredet, die Farben sind fahl, die Bilder meistens sehr dunkel und schon von der ersten Sekunde schwebt ein Hauch von Fatalismus und Verzweiflung über dem Film. In dem Moment stehen Josh Stamos (Jesse Eisenberg) und Dena Brauer (Dakota Fanning) auf einem Staudamm irgendwo in South Oregon. Es ist nicht unbedingt, die Gegend, die man sich für seinen nächsten Sommerurlaub aussucht. Beide haben ein ökologisches Bewusstsein und sie haben einen Plan; – wobei es lange unklar ist, warum sie das Motorboot „Night Moves“ (nicht benannt nach dem Klassiker von Arthur Penn) kaufen und sich im Wald mit Harmon (Peter Sarsgaard) treffen, der überhaupt nicht von Denas Anwesenheit begeistert ist. Er kennt sie nicht und Josh hat ihm nichts über sie gesagt.
Gemeinsam wollen sie mit dem Boot, das sie mit explosiven Düngermischung präparieren, einen Staudamm in die Luft jagen.
In der ersten Stunde, in der die Vorbereitungen des Trios und der Anschlag (den wir nicht sehen) gezeigt werden, herrscht eine atemlose Thrillerspannung, die in der zweiten Stunde nicht durchgehalten wird. Dann zeigt Reichardts die Rückkehr der drei Feierabend-Terroristen, über die wir fast nichts erfahren, in ihren Alltag und wie das Bündnis zerbricht, weil bei dem Anschlag auch ein unterhalb des Staudamms campierender Mann getötet wurde und damit aus dem politischen Fanal etwas anderes wurde. Wobei wir nicht wirklich erfahren, warum Josh, Dena und Harmon den Anschlag verübten und warum Josh und Dena von Jugendlichen mit Öko-Bewusstsein zu Terroristen wurden. Denn während des gesamten Films sehen wir sie nicht einmal bei einer politischen Handlung, wie beispeilsweise bei einer Demonstration oder einer Diskussion. Über den Anschlag diskutieren sie auch nicht untereinander, weil sie das bereits vor längerem getan haben und nach dem Anschlag können sie mit anderen nicht darüber reden. Stattdessen wird viel geschwiegen.
Wir sehen auch nicht, wie der Staudamm zerstört wird (in dem Moment befinden wir uns mit dem Trio auf der Flucht vom Tatort), welche Zerstörung sie an der Umwelt anrichten und die Ermittlungen der Polizei finden ebenfalls vollkommen im Off statt, weshalb nach der Tat für Josh, Dena und Harmon nur eine abstrakte Entdeckungsgefahr besteht, die auch nicht dadurch größer wird, dass Dena sich der Polizei stellen will. Denn das Hören wir nur von Harmon, der das gegenüber Josh behauptet, damit Josh sich um seine Freundin kümmert.
„Night Moves“ ist ein ziemlich düsteres, pessimistisches, minimalistisches Drama mit eher unsympathischen, introvertierten und schweigsamen Charakteren das aufgeschlossene Zuschauer verlangt, die gerne die Lücken ausfüllen.

Beim zweiten Ansehen fällt dieser erzählerische Bruch zwischen den Vorbereitungen und dem Anschlag und den Auswirkungen des Anschlags wieder negativ auf. Denn während die erste Stunde zielgerichtet auf ein Ende zusteuert, ist die zweite Stunde (die keine volle Stunde ist) von der Leere, der Paranoia und auch dem Stillstand nach dem Anschlag geprägt. Vor allem der schweigsame Josh, der hier eindeutig der zentrale Charakter ist, schweigt fast die ganze Zeit. Über seine Tat kann er mit niemandem reden. In seinem bürgerlichen Leben auf dem Bauernhof, das wir jetzt zum ersten Mal sehen, wartet er auf die Polizei, die vielleicht kommt. Oder auch nicht. Diese bleierne Stimmung wird durch die ambientartige Musik von Jeff Grace, der konsequent jede akustische Zuspitzung vermeidet, noch verstärkt.
Und, auch wenn wir in der zweiten Stunde etwas mehr über Josh erfahren, bleibt er, wie Dena und Harmon, ein Enigma. Sowieso besteht das Trio aus drei Menschen, die keine nennenswerte Vergangenheit und einer Zukunft im Untergrund.
„Night Moves“ ist ein sehenswerter Anti-Thriller, dessen zweite Hälfte nicht die Qualität der ersten Hälfte hat und der sich zu sehr auf eine rein beobachtende Position und Andeutungen zurückzieht, was natürlich bei den Vorbereitungen und der Durchführung eines Anschlags kein Problem ist, aber insgesamt zu einem Problem wird. Denn am Ende hat man mehr Fragen als Antworten über die Charaktere.
Nennenswertes Bonusmaterial gibt es nicht.

Night Moves - Plakat - 4

Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

DVD
MFA Film/Ascot Elite
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer, Wendecover
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

Meine Besprechung von Kelly Reichardts „Night Moves“ (Night Moves, USA 2013 – mit zahlreichen O-Tönen von Kelly Reichardt und den Schauspielern)


Neu im Kino/Filmkritik: „Whiplash“ – oder „Full Metal Jacket“ in der Jazzschule

Februar 20, 2015

Der neunzehnjährige Andrew Neiman (Miles Teller) ist ein begeisterter Schlagzeuger, der seinem Vorbild Buddy Rich (kein Kommentar) nacheifert. Dafür übt er Stunden alleine vor sich hin. Für ihn steht die Musik an erster Stelle und er will unbedingt in die Klasse von Terence Fletcher (J. K. Simmons, grandios) aufgenommen werden. Fletcher ist bekannt als Lehrer, der seine Schüler zu Höchstleistungen animiert. Er ist, so wird uns gesagt, der Beste. Gezeigt wird uns ein Diktator, für den die Ausbildung ein erweitertes Boot Camp ist. Er schlägt und brüllt seine Schüler an. Er schüchtert sie ein. Er quält sie verbal in jeder Minute. Seine Lehrmethoden rechtfertigt er mit den von ihm vermuteten Erfolgen. Wenn die Schüler gut seien, würden sie dank seiner Terror-Ausbildung zu Stars. Wenn nicht, gäben sie halt die Musik auf und uns bleibe ein weiterer mittelmäßiger Musiker erspart. Es gebe sowieso nur noch mittelmäßige Musiker, weil alle dem Dogma der Mittelmäßigkeit gehorchten und keiner mehr Spitzenleistungen fordere. Als Beleg für seine Ausführungen erzählt er immer wieder seine Version eines Auftritts von Charlie Parker bei einer Jam Session, der vom Schlagzeuger rüde unterbrochen wurde. Diese Episode spielte sich allerdings anders ab.
Neiman, der Fletcher wie einen Guru verehrt, will sich unbedingt Fletchers Respekt erspielen.
„Whiplash“ ist ein allgemein abgefeiertes, effizient erzähltes Musikerdrama, das sich immer wieder dramaturgische Freiheiten nimmt, um das Gefühl der Angst zu verdeutlichen. So trommelt Neiman sich die Hände blutig. Er tritt unmittelbar nach einem Autounfall, mit einer blutenden Kopfwunde auf und niemand stört sich an dem Blut in seinem Gesicht. Und am Ende sollen wir glauben, dass eine Big-Band ein niemals gemeinsam geprobtes Stück spielen soll?
Aber viel mehr als diese dramaturgischen Freiheiten, die natürlich die Beziehung von Neiman und Fletcher verdeutlichen, störten mich bei dem Film zwei Dinge.
Erstens wird hier Jazz nur als eine stupid-seelenlose Hochleistungsmusik gezeigt, bei der es nur auf Präzision und Schnelligkeit ankommt. Nie wird deutlich, welche Freiheiten die Jazzmusik bietet und nie wird deutlich, wie schön und befreiend musizieren sein kann. Es wird auch nie gezeigt, dass Improvisationen und die spontane Kommunikation der Musiker untereinander ein wichtiger Bestandteil dieser Musik sind. Denn trotz allem Konkurrenzdruck und Perfektionismus, der an den renommierten Jazzschulen herrscht, geht es auch immer um das Zusammenspielen, das Improvisieren, die Freude an der Musik, das sich selbst ausdrücken in der Musik und das Finden einer eigenen Stimme. In „Whiplash“ ist Jazz dagegen nur schneller-schneller-fehlerfreier.
Zweitens ist der Lehrer – wieder einmal – ein Diktator, der als Schullehrer ein vollkommen ungeeigneter Psychopath ist und dessen Lehrmethode eine absolut keiner Überprüfung standhaltenden Ideologie sind. Denn egal, ob der Schüler weitermacht mit der Musik oder aufhört oder sich sogar umbringt, Fletcher wird am Ende behaupten, dass der Schüler einfach nicht das Material für einen grandiosen Musiker in sich hatte und er das eben mit seiner Ausbildung enthüllt hatte. Seine Ausbildung besteht aus physischem und psychischem Terror. Er beleidigt und brüllt die Schüler an. Er lässt sie nach höchstens zwei Noten abbrechen, weil er gehört hat, was er hören wollte. Er schlägt sie. So will er Neiman beim ersten Vorspielen das richtige Tempo beibringen, indem er ihn im Takt ohrfeigt.
Diese Lehrmethoden haben vielleicht bei der Ausbildung von Soldaten, bei der es darum geht, einen Menschen nach militärischen Interessen zu formen, eine gewisse Rechtfertigung. Immerhin müssen die Soldaten sich im Kampfeinsatz aufeinander verlassen können. Ihr Leben hängt davon ab. Aber schon bei der Resozialisierung von Straffälligen ist diese Erziehungsmethode – höflich formuliert – sehr umstritten und auch nicht so erfolgreich, wie deren Verfechter behaupten.
In der Schule und in der Musik haben solche menschenverachtenden Methoden nichts zu suchen. Denn hier stirbt dagegen niemand, wenn ein Musiker beim Spielen einen Fehler macht.
Fletcher ist kein Lehrer, denn man auf seine Kinder loslassen möchte. Und er ist auch kein Lehrer, der sich für seine Schüler irgendwie interessiert. Er ist ein Sadist, der seinen Sadismus in eine wohl klingende Theorie von der Auslese der Besten kleidet.

Musiker und Jazzlehrer Mark Sherman (u. a. Juilliard School) über den Film
It makes me feel bad that people are being led to believe that trying to get a career in music or jazz … this is what you got to go through. I teach at a place like Juilliard, which is top-tier, and a lot of these kids are under a lot of pressure, yes. But not that kind of pressure. The pressure, ultimately, is the pressure you put on yourself, to survive and succeed in the industry. (…) This type of mental and verbal abuse, borderlining on physical, is taken so seriously that he’d be thrown out of Juilliard and most schools no matter how great he was. If Wynton Marsalis, who’s my boss here at Juilliard, did that — called kids „cocksuckers“ and badgered kids like that — he’d be thrown out.

Whiplash

Whiplash (Whiplash, USA 2014)
Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
mit Miles Teller, J. K. Simmons, Melissa Benoist, Paul Reiser, Austin Stowell, Nate Lang
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Whiplash“
Moviepilot über „Whiplash“
Metacritic über „Whiplash“
Rotten Tomatoes über „Whiplash“
Wikipedia über „Whiplash“ (deutsch, englisch)
Vulture unterhält sich mit Multi-Instrumentalist Mark Sherman, Mitglied der Jazzfakultät der Juilliard School, New Jersey City University, und des New York Jazz Workshop über den Film

Damien Chazelle, Miles Teller und J. K. Simmons sprechen beim TIFF über den Film

DP/30 unterhält sich mit Damien Chazelle


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ gruselt nicht

Februar 20, 2015

Die Vorwürfe gegen zweite Teile sind ja bekannt. Sie erzählen die in sich abgeschlossene Geschichte des ersten Films, der auch nie auf einen zweiten Teil angelegt, aber kommerziell überraschend erfolgreich war, einfach noch einmal. Nur schlechter.
Auch „Die Frau in Schwarz“ war 2012 ein Überraschungserfolg. Er ist ein kleiner, angenehm altmodischer, im 19. Jahrhundert spielender Geisterhorrorfilm mit „Harry Potter“ Daniel Radcliffe in der Hauptrolle. Und am Ende der Susan-Hill-Verfilmung hat man wirklich keine Sehnsucht nach einer Fortsetzung. Immerhin ist die Geschichte des Anwalts, der den Nachlass einer Verstorbenen regeln sollte und von einem Geist verfolgt wurde, zu Ende erzählt.
In „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ kehren wir wieder in das auf einer Insel gelegene, verlassene Eel Marsh House zurück. Aber die Geschichte, für die Susan Hill einen Entwurf schrieb, spielt Jahrzehnte später, während des Zweiten Weltkriegs, und kein Charakter aus dem ersten Film lebt noch. Insofern stellt sich die Frage, ob es sich bei „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ mit einem neuen Drehbuchautor und einem neuen Regisseur um einen dreisten Etikettenschwindel handelt, bei dem Kapital aus dem Ruf von „Die Frau in Schwarz“ geschlagen werden soll oder, was ja auch möglich wäre, ob es sich um einen eigenständigen Horrorfilm handelt, der so ein größeres Publikum findet. Die „Alien“-Filme praktizierten solche Wechsel ja sehr erfolgreich.
Der von „Peaky Blinders“-Regisseur Tom Harper inszenierte Schauerfilm beginnt in London, das jede Nacht von den Deutschen bombardiert wird. Eine Gruppe von acht Schulkindern wird, begleitet von ihren Lehrerinnen, der strengen Jean Hogg und der mitfühlenden Eve Parkins, in das verlassene und ziemlich heruntergekommene Eel Marsh House evakuiert. Das Haus liegt abseits vom Kriegsgeschehen auf einer Insel, die nur bei Ebbe über einen Damm errreicht werden kann. Das auf dem Festland liegende Dorf wurde evakuiert.
Schon bald geschehen, dank der titelgebenden Frau in Schwarz, im Haus unheimliche und tödliche Dinge. Eve Parkins, die selbst von einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit verfolgt wird, versucht die Kinder vor dem Geist zu retten. Und sie verliebt sich in den Royal-Air-Force-Piloten Harry Burnstow, der in der Nähe stationiert ist und auch etwas verschweigt.
„Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ ist ein vorhersehbarer, wenig erschreckender Horrorfilm ohne eine Seele, ohne eine erzählerische Idee und ohne Gefühl für die Regeln einer gelungenen Schauergeschichte. Es ist eine Ansammlung von Einzelteilen, die jedes für sich genommen, einen spannenden Film hätte ergeben können.
Aber so ist es, wieder einmal, eine enttäuschende Fortsetzung, die mit „Die Frau in Schwarz“ außer dem Handlungsort nichts zu tun hat.

Die Frau in Schwarz 2 - Plakat 1

Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes (The Woman in Black 2: Angel of Death, Großbritannien 2014)
Regie: Tom Harper
Drehbuch: Jon Crocker
mit Phoebe Fox, Helen McCrory, Jeremy Irvine, Oaklee Pendergast, Alfie Simmons
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“
Moviepilot über „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“
Metatcritic über „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“
Wikipedia über „Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ 


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