Neu im Kino/Filmkritik: Über Jan Komasas „Good Boy – Wir wollen nur ein Bestes“

Tommy tobt mal wieder durch die Nacht. Der Neunzehnjährige betrinkt sich hemmungslos, uriniert in die Landschaft, pöbelt – und dokumentiert für ein weltweites Publikum mit seinem Smartphone sein gesamtes schlechtes Benehmen. Die Frage bei der Sauttour ist nicht ob, sondern wann der Filmriss kommt.

Als er wach wird, befindet er sich angekettet in einem Keller. Sein ‚Vater‘ erklärt ihm, dass er ihn zu einem besseren Menschen machen werde. Wenn er sich gut benimmt, wird er belohnt werden. Wenn er sich schlecht benimmt, wird er bestraft werden. In den folgenden Tagen besuchen ihn die anderen, von dieser Erziehungsmaßnahme vollkommen unbeeindruckten Familienmitglieder im Keller. Auch die neue Haushaltshilfe, eine illegal Eingewanderte, ruft nicht die Polizei, sondern akzeptiert den im Keller anketteten Mann als Teil der Familie.

Dass Tommy von dieser Erziehungsmaßnahme nicht begeistert ist, ist nachvollziehbar. Aber wie kann er sich dagegen wehren? Und kann er flüchten?

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ ist der neue Film von Jan Komasa. Zu seinen vorherigen hochgelobten Filmen gehören „Corpus Christi“ und „The Change“. Sie regten zum Nachdenken und Diskutieren an. Das gilt auch für „Good Boy“. Die in wenigen Zimmern in einem einsam gelegenem Haus spielende satirische, tiefschwarze Versuchsanordnung über echte und falsche Familien, Zugehörigkeit, Erziehung, Zwang und Freiheit versprüht schnell Michael-Haneke-Vibes. Sozusagen „Funny Games“ andersrum.

Komasa erzählt Tommys Umprogrammierung mit dem distanziert-kühlem Blick eines Verhaltensforschers. Er sieht zu, wie ‚Vater‘ Chris versucht, Tommy vom jugendlichen Rabauken zu einem braven Jungen und wertvollem Mitglied der Gesellschaft umzuerziehen. Das erinnert an Stanley Kubrick „Uhrwerk Orange“ (A Clockwork Orange, 1971). Auch wenn dort die Umprogrammierung anders verlief. In „Good Boy“ versuchen Chris und seine Familie eine Beziehung zu Tommy aufzubauen. Sie bleiben immer höflich. Widerspruch überhören sie, während sie alles nötige tun, um Tommy zu einem wertvollen Mitglied der Familie zu machen. Sie wollen ihn bei sich aufnehmen und sie wollen, dass er freiwillig bei ihnen bleibt.

Im Rahmen dieses satirischen Planspiels definieren sich alle Figuren nur über ihre Handlungen. Entsprechend wenig erfährt man aus Tommys früherem Leben und dem Leben seiner Entführer. Diese bewusst gelassenen Lücken führen im dritten Akt, wenn es zu einigen überraschenden, teils Fragen aufwerfenden Wendungen kommt, zu leichten Problemen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (Good Boy, Polen/Großbritannien 2025)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Bartek Bartosik, Naqqash Khalid

mit Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Kit Rakusen, Monika Frajczyk, Savannah Steyn, Mila Jankowska, Callum Booth-Ford

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

alternativer englischer Titel: Heel

Hinweise

Moviepilot über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Metacritic über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Rotten Tomatoes über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“

Wikipedia über „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)

Meine Besprechung von Jan Komasas „The Change“ (Anniversary, USA 2025)

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