Neu im Kino/Filmkritik: Zum Beispiel „Eo“

Das passt gut: zum Kinostart verkündet die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, dass „Eo“ auf der Oscar-Shortlist für den besten fremdsprachigen Film steht. Neben, unter anderem, „Im Westen nichts Neues“, „Corsage“, „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“, „Close“, „Holy Spider“ und „Die Frau im Nebel“.

Gegen diese starke Konkurrenz hat Jerzy Skolimowskis Esel bestenfalls Außenseiterchancen. Denn „Eo“ ist eine in jeder Beziehung karge Parabel, die sich vor allem an Cineasten richtet. Das beginnt schon mit Skolimowskis Hinweis, dass sein Film eine Hommage an Robert Bressons Klassiker „Zum Beispiel Balthasar“ (Au hasard Balthazar, 1966) ist. Cineasten, Filmkritiker und auch jüngere Regisseure wie Wes Anderson und Richard Linklater feiern den beim breiten Publikum fast unbekannten Film immer wieder ab. In seinem für zahlreiche Interpretationen offenem Film schildert Bresson die Erlebnisse eines Esels.

Auch Jerzy Skolimowski gibt in seinem Film „Eo“ nichts vor. Eos Geschichte beginnt in einem Zirkus in Polen. Er wird von Kassandra gepflegt und geliebt. Als Tierschützer gegen die vermutliche und echte Tierquälerei im Zirkus protestieren, wird er, wie alle Zirkustiere, befreit. In dem Moment beginnt seine Odysee quer durch Europa.

Auf seiner Reise von Polen nach Italien wird er immer wieder herumgestoßen, sieht und erfährt Gewalt und beobachtet das seltsame Verhalten der Menschen. Stumm und mit ausdrucksloser Mine kommentiert er es. Sowieso ist der Film fast ein Stummfilm. Eos Erlebnisse sind zufällige Episoden und Begegnungen. Er will von den Menschen nichts und sie wollen auch nichts von ihm. Es sind Vignetten ohne einen Anfang und ein Ende. Denn Eo stolpert in sie hinein, wird mehr oder weniger involviert und zieht weiter.

Skolimowski schildert dies wundervoll verknappt, pointiert zugespitzt und mit vielen filmischen Anspielungen. So erinnert beispeilsweise der Zirkus am Filmanfang an Federico Fellinis „La Strada – Das Lied der Straße“. Eo ist ein geistiger Verwandter des Stummfilm-Komikers Buster Keaton, der auch niemals eine Mine verzog.

Das ist, auch wegen der filmischen Anspielungen, ein eher intellektueller Spaß. Aber dank des stoischen Hauptdarsteller (genaugenommen wurde Eo von sechs Eseln gespielt) ein großer Spaß. Wenn man sich damit anfreunden kann, die Geschichte eines Esels zu verfolgen und die Welt mit den Augen eines Esels zu sehen. Dabei ist Eo nur ein anderes Wort für Mensch.

Der im Mai 1938 in Łódź geborene ist Jerzy Skolimowski ist ein weltweit bekannter polnischer Regisseur. Nach seinen Anfängen in Polen drehte er schnell auch im Westen Filme. Zu seinen ersten Arbeiten gehört das Drehbuch für Roman Polanskis „Das Messer im Wasser“ (1962). Zu seinen Filmen gehören „Deep End“ (1970), „Der Todesschrei“ (1978), „Schwarzarbeit“ (1982), „Das Feuerschiff“ (1985) und „Essential Killing“ (2010). Skolimowski trat auch als Schauspieler in den Filmen anderer Regisseure auf. So spielt er in dem Marvel-Film „The Avengers“ den KGB-General Georgi Luchkov.

Eo (Eo, Polen/Italien 2022)

Regie: Jerzy Skolimowski

Drehbuch: Ewa Piaskowska, Jerzy Skolimowski

mit Sandra Drzymalska, Tomasz Organek, Mateusz Kosciukiewicz, Lorenzo Zurzolo, Isabelle Huppert

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Eo“

Metacritic über „Eo“

Rotten Tomatoes über „Eo“

Wikipedia über „Eo“ (deutsch, englisch)

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Zum Beispiel „Eo“

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