TV-Tipp für den 1. März: Der Ghostwriter

Februar 29, 2016

Pro7 Maxx, 20.15

Der Ghostwriter (Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010. Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski

LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)

Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.

Glänzend besetzter, grandioser Paranoia-Thriller, der an Polanskis frühere Filme, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpft. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)

Wiederholung: Mittwoch, 2. März, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Ghostwriter“

Metacritic über “Der Ghostwriter”

Rotten Tomatoes über “Der Ghostwriter”

Wikipedia über “Der Ghostwriter” (deutsch, englisch)

Tagesspiegel: Kurzes Interview mit Robert Harris zum Film (13. Februar 2010)

Die Welt: Interview mit Robert Harris zum Film (12. Februar 2010)

Krimi-Couch über Robert Harris

Wikipedia über Robert Harris (deutsch, englisch)

Drehbuch “The Ghostwriter” (aka The Ghost” von Robert Harris und Roman Polanski (nach dem Roman von Robert Harris)

Die Berlinale-Pressekonferenz zu “Der Ghostwriter” (12. Februar 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


DVD-Kritik: „Lucia – Engel des Todes?“ oder ein Opfer der Justiz?

Februar 29, 2016

Lucia de Berk ist eine engagierte Krankenschwester, die sich mehr als liebevoll um ihre Patienten, oft ältere Menschen und Babys, kümmert und dafür auch ihre Pause und ihren Feierabend etwas später nimmt. Vor allem wenn die Patienten gesundheitliche Probleme haben. Da fällt dem Klinikleiter eine verdächtige Häufung der Todesfälle in der Schicht von Lucia de Berk auf. Die Staatsanwaltschaft ist zunächst skeptisch, aber nachdem die junge Staatsanwältin Judith Jansen ihrer Vorgesetzten eine für einen Prozess überzeugende Indizienbeweisführung liefert, wird Lucia de Berks Leben auf den Kopf gestellt. Ihr übergroßes Engagement während der Arbeit, ihr teils verschlossenes, teils abweisendes Wesen gegenüber ihren Kollegen und ihre Vergangenheit als Prostituierte werden ihr vorgeworfen. Es gibt eine regelrechte Hexenjagd gegen den Engel des Todes. Schon vor der Verurteilung wird sie von der Öffentlichkeit schuldig gesprochen.
Am 24. März 2003 wird sie in Den Haag wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Und damit könnte der wahre Fall, der in „Lucia – Engel des Todes?“ erzählt wird, zu Ende sein.
Aber Lucia de Berk behauptet, dass sie unschuldig sei. Ihr Mann und einige Freunde glauben ihr und kämpfen um eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Ein Verteidiger erkennt in der Anklage und dem Urteil eklatante Fehler. Dennoch sind seine Bemühungen in der Berufungsverhandlung erfolglos. Aber sie kämpfen weiter und am 14. April 2010 wird sie vom Hohen Rat der Niederlande, dem dortigen obersten Gericht, freigesprochen. Ihre Verurteilung war ein offensichtliches Fehlurteil, das durch den Freispruch bereinigt wurde. Die breite niederländische Öffentlichkeit erfuhr davon, obwohl auch der Freispruch durch die Medien ging, anscheinend nichts. Jedenfalls sagen das die Schauspieler im Bonusmaterial zu „Lucia – Engel des Todes?“. Sie hatten zwar von dem Prozess gehört, der damals in den Niederlande wohl von einer regelrechten Hexenjagd begleitet wurde, aber nichts von dem Freispruch.
Paula van der Oest erzählt jetzt in „Lucia – Engel des Todes?“ in ruhigen Bildern die Geschichte des Verfahrens und der Angeklagten Lucia de Berk. Dabei erzählt sie den skandalösen Fall in all seinen Facetten und betont objektiv, was dann auch dazu führt, dass man die Geschichte, milde gelangweilt, wie ein gutes Fernsehspiel verfolgt. Alles ist ausgewogen. Keine Person und keine Institution wird angeklagt. Eine richtige Empörung will sich nicht einstellen.
Außerdem sorgt im Film (keine Ahnung, ob es in der Realität auch so war) die junge Staatsanwältin Judith Jansen, die zuerst die Grundlage für die Anklage liefert, einige Jahre später auch für den Freispruch. Und die Gerichtsverhandlungen erscheinen (vielleicht auch, weil einige Verfahrensabläufe, die jeder Niederländer kennt, hier unbekannt sind) auch eher wie die Parodie eines ordentlichen Gerichtsverfahrens. Denn auch nachdem handfeste Beweise für die Unschuld der Angeklagten vorhanden sind, werden sie ignoriert, weil sie gerade nicht in das Verfahren passen.
In diesen Momenten ahnt man, was man aus de Berks Fall hätte machen können. Aber so ist „Lucia – Engel des Todes?“ nur eine durchaus ehrenwerte, aber nie packende Chronik der Ereignisse.

Lucia - Engel des Todes - BluRay

Lucia – Engel des Todes? (Lucia de B., Niederlande 2014)
Regie: Paula van der Oest
Drehbuch: Moniek Kramer, Tijs van Marle
mit Ariane Schluter, Sallie Harmsen, Fedja Van Huet, Barry Atsma, Annet Malherbe, Maartje Remmers, Lineke Rijxman, Kaltoum Boufangacha, Ad Knippels, Isis Cabolet, Bas Keijzer, Amanda Ooms, Marwan Kenzari, Marcel Musters

Blu-ray
edel
Bild: 1080i50 (16:9)
Ton: Deutsch, Niederländisch (DTS-HD Master Audio 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
(DVD identisch)

Hinweise
Moviepilot über „Lucia – Engel des Todes?“
Rotten Tomatoes über „Lucia – Engel des Todes?“
Wikipedia über „Lucia – Engel des Todes?“ (englisch, niederländisch) und Lucia de Berk (englisch, niederländisch)


TV-Tipp für den 29. Februar: Die NPD – Der falsche Feind?

Februar 29, 2016

ARD, 22.45
Die NPD – Der falsche Feind? (Deutschland 2016, Regie: Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann)
Drehbuch: Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann
45-minütige Doku, die einen Tag bevor am Bundesverfassungsgericht das zweite Verbotsverfahren gegen die NPD beginnt, bringen Heiner Hoffmann und Ulrich Neumann uns auf den neuesten Stand und fragen nach dem Sinn und Unsinn des Verfahrens.
Wiederholung: Dienstag, 1. März, 04.45 Uhr (Taggenau!)
Hinweis
ARD über die Doku (die es dann sicher auch in der Mediathek gibt)


TV-Tipp für den 28. Februar: The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer

Februar 28, 2016

Tele 5, 20.15

The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer (USA 1990, Regie: Dennis Hopper)

Drehbuch: Nona Tyson, Charles Williams

LV: Charles Williams: Hell hath no fury, The Hot Spot, 1953 (Bis dass der Mord euch scheidet, Spiel mit dem Feuer, The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer)

Aus dem Nichts taucht Harry Maddox in einem texanischen Provinzkaff auf. Er will nur die Bank überfallen. Aber nachdem er mit zwei Frauen ein Verhältnis beginnt, gerät sein einfacher Plan aus dem Ruder.

Schwüler Film Noir mit einem glänzenden Soundtrack (Miles Davis, John Lee Hooker) und grandios aufspielenden Schauspielern. Eine gelungene Liebeserklärung an die Klassiker.

Mit Don Johnson, Virginia Madsen, Jennifer Connelly, Charles Martin Smith, William Sadler, Jerry Hardin

Wiederholung: Montag, 29. Februar, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Hot Spot“

Wikipedia über „The Hot Spot“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Charles Williams

Mysteryfile: Bill Crider über Charles Williams

NoirZine: Ed Lynskey über Charles Williams


TV-Tipp für den 27. Februar: Tatort: Gegenspieler

Februar 27, 2016

HR, 21.40
Tatort: Gegenspieler (Deutschland 1987, Regie: Reinhard Schwabenitzky)
Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter
Der vorbestrafte Jürgen Koch gibt den Überfall auf eine Tankstelle zu. Aber mit der späteren Fahrerflucht will er nichts zu tun haben. Kommissar Lenz sucht den Mörder.
Der letzte Auftritt von Helmut Fischer als Kommissar Lenz ist eine ironisch erzählte Geschichte über einen kleinen Gauner, Gaunereien, einen Mord, Zufälle, Schicksal und einer seiner besten Fälle.
Das Team Schwabenitzky/Miehe/Richter ist auch für den ebenso gelungenen, vorletzten Lenz-Tatort „Die Macht des Schicksals“ verantwortlich.
Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Uschi Wolff, Karl Michael Vogler, Johanna von Koczian, Max Tidof

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lenz

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Lilli Berlin“

Ulf Miehe in der Kriminalakte


„Sicario“ – der grandiose Soundtrack von Jóhann Jóhannsson

Februar 26, 2016

Im Thriller „Sicario“ ist Jóhann Jóhannssons Musik, die unter anderem für den Oscar und den BAFTA-Award nominiert wurde, enorm effektiv, aber funktioniert sie auch ohne die Bilder?
Der Isländer Jóhannson begann im musikalischen Feld zwischen Avantgarde und Neuer Musik, schrieb Musik für das Theater, veröffentlichte seit 2002 mehrere CDs, und schrieb auch etliche Filmmusiken. Denn, abseits der zeitlichen Begrenzung der einzelnen Musikstücke und der dem Film dienenden Funktion, hat man hier als Komponist die absolute Narrenfreiheit. Solange es die Stimmung des Films und der Szene verstärkt, kann man alles ausprobieren und sich aller möglichen Stile und Stilistiken bedienen.
Bekannter bei einem breiten Publikum wurde Jóhannsson mit dem Oscar-nominierten Soundtrack für das Stephen-Hawking-Biopic „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und für das Drama „Prisoners“, seine erste Zusammenarbeit mit Denis Villeneuve, dem Regisseur von „Sicario“. Für seinen Thriller über den Drogenkrieg an der amerikanisch-mexikanischen Grenze wollte Villeneuve eine Musik, die man auch fühlen könne, die sich anhöre wie eine aus dem Untergrund kommende Bedrohung, die die Brutalität und den Verfall unserer Werte und die Traurigkeit Mexikos über seine derzeitige Lage miteinander verbinde und musikalisch erfahrbar mache.
Jóhann Jóhannssons Filmmusik hört sich dann auch wie ein vor sich hin dösendes Monster, mit dem man im gleichen Raum ist und das man unter keinen Umständen wecken will, an. Es ist eine wuchtige Verbindung von Orchester- und elektronischen Klängen zu einer düsteren Ambient-Collage, die fast vollkommen auf herkömmliche Melodien und gänzlich auf folkloristische Elemente verzichtet. Und auch ohne die Bilder ist seine Musik enorm effektiv im Erzeugen eines wohligen Unwohlseins, die vor allem dystopische Bilder heraufbeschwört.
Sicario - Soundtrack
Jóhann Jóhannsson: Sicario (Soundtrack)
Varése Sarabande, 2015
54 Minuten

Hinweise
Homepage von Jóhann Jóhannsson
Wikipedia über Jóhann Jóhannsson (deutsch, englisch)
AllMusic über Jóhann Jóhannsson
Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) (Filmkritik; DVD-Kritik [die DVD enthält auch ein informatives Feature über die Filmmusik)


TV-Tipp für den 26. Februar: Letzte Spur Berlin: Arbeitswut

Februar 26, 2016

ZDF, 21.15
Letzte Spur Berlin: Arbeitswut (Deutschland 2016, Regie: Samira Radsi)
Buch: Marianne Wendt, Christian Schiller
Erfinder: Orkun Ertener
Eigentlich suchen die Polizisten in „Letzte Spur Berlin“ Vermisste. Heute, zum Auftakt der fünften Staffel (bestehend aus zehn 45-minütigen und einem 90-minütigem Fall) gibt es dann den üblichen Geiselnehmerfall, bei dem gerade zufällig ein Teammitglied (Uups, und überzufällig auch der allen noch unbekannte Team-Neuzugang) Geisel wird. Die Macher halten das wohl immer für eine besonders spektakuläre und damit besonders gute Folge. Meistens stimmt das nicht und auch „Arbeitswut“ hätte besser ohne die geiselgenommene Polizistin Mina Amiri (Jasmin Tabatabai) funktioniert. Immerhin wird sie von Jörg Schüttauf geiselgenommen. Er spielt einen Arbeitslosen, der nur mit seiner Sachbearbeiterin sprechen will. Dummerweise erschien sie heute nicht zum Dienst. Amiris Chef, Kommissar Oliver Radek (Hans-Werner Meyer) und ihr Kollege Mark Lohmann (Bert Tischendorf) suchen die Verschwundene und versuchen herauszufinden, warum sie spurlos verschwand.
Der Staffelauftakt ist als Fall eher mau: am Anfang ist die Kamera viel zu hektisch, der Ablauf der Geiselnahme und der Verhandlungen folgt dann mehr dem Willen des Drehbuchautors als einer realen Geiselnahme und erreicht auch nie die Qualität von „Flashpoint“ (wo das Spezialteam über mehrere Staffeln fast nur mit Geiselnahmen beschäftigt war) oder „Without a Trace“ (wo das Spezialteam über mehrere Staffeln spurlos verschwundene Personen suchte). Bei diesen beiden Serien hatte ich immer den Eindruck, dass sie sich, von einigen notwendigen Dramatisierungen (die mit zunehmender Folgenzahl zunahmen), nah an der Wirklichkeit bewegten. Bei „Arbeitswut“ hatte ich nie diesen Eindruck von Wirklichkeitsnähe in der Polizeiarbeit. Auch das Ende der Episode ist schwächer als nötig.
Auf der Haben-Seite steht allerdings ein gut eingespieltes, sympathisches Team, eine wohltuende Konzentration auf den, abseits der geäußerten Bedenken, insgesamt schlüssig aufgebauten Fall (mit einigen treffenden Einblicken in die Arbeit der Arbeitsagentur) und ein durchaus flottes Erzähltempo.
Für Ungeduldige zeigt ZDFneo die Folgen vor dem Freitagtermin bereits dienstags um 21.45 Uhr.
Mit Hans-Werner Meyer, Jasmin Tabatabai, Bert Tischendorf, Josephin Busch, Jörg Schüttauf, Claudia Geisler-Bading, Susanne Bormann, Lina Wendel
Hinweise
ZDF über „Letzte Spur Berlin“
Wikipedia über „Letzte Spur Berlin“


Neu im Kino/Filmkritik: „Spotlight“ deckt auf

Februar 25, 2016

Als die Journalisten des „Spotlight“-Teams der traditionsreichen Tageszeitung „The Boston Globe“ mit ihren Recherchen für ihr neues Thema begannen, wussten sie, wer ihr Gegner sein wird, aber sie wussten nicht, wie groß der Skandal war, den sie aufdecken würden und welche Auswirkungen ihre Reportagen auch über die Stadtgrenze hinaus haben würden. Denn es hat immer wieder Fälle von pädophilen Priestern gegeben. In Boston und auch in anderen Orten. Aber das waren, so sagte die katholische Kirche, Einzelfälle und sie habe sich um diese Geistlichen gekümmert. Künftig würden sie sich nicht mehr an Minderjährigen vergreifen. Das war die offizielle Version, die auch die Mitglieder der Erzdiözese von Boston glaubten.
Aber Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seine ihm untergebenen Kollegen Mike Rezendes (Mark Rufallo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams [meine Besprechung von „True Detective – Staffel 2“ gibt es demnächst]), Matt Carroll (Brian D’Arcy James) und Ben Bradlee Jr. (John Slattery) beginnen 2001 tiefer zu graben. Sie sind das „Spotlight“-Team und damit das Team für investigative Recherchen, die manchmal im Sand verlaufen und oft handfeste Skandale aufdecken. Über den Kindesmissbrauch und den Umgang der in Boston enorm mächtigen katholischen Kirche, die dort ihre größte Erzdiözese in den USA hat, werden sie von dem neuen Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) angesetzt. Er kommt aus Florida vom Miami Herald. Ihm eilt ein Ruf als eiskalter Kosteneinsparer voraus. Außerdem kommt er nicht aus Boston, hat daher keinen Stallgeruch und wird entsprechend skeptisch von den alteingesessenen Journalisten erwartet. Baron meint, dass diese Missbrauchsgeschichte ein Thema für das „Spotlight“-Team und für die „Boston Globe“-Leser sei. Denn über die Hälfte der Leser sind Katholiken.
Wie die Geschichte der Recherche, die mit einer kleinen Notiz auf der Lokalseite begann, endete und welche Auswirkungen sie hatte, haben wir auch hier in Deutschland mitbekommen.
Der „Boston Globe“ veröffentlichte, nachdem wegen 9/11 die Veröffentlichung zunächst verschoben hatte, im Januar 2002 die ersten Rechercheergebnisse. Und damit endet das grandiose Drama „Spotlight“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Boston Globe“ fast 600 Artikel über sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern durch Hunderte von Priestern in Boston und auf der ganzen Welt. Im Dezember 2002 trat Kardinal Law von seinem Amt in der Erzdiözese Boston zurück. Fast 250 Priester dieser Erzdiözese wurden öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In den USA wurden über 6400 Priester wegen sexueller Übergriffe angeklagt – und angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum in Deutschland bis jetzt so wenige Priester wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden.
2003 erhielt das Spotlight-Team den renommierten Pulitzer-Preis für seine investigative Berichterstattung.
Das ist natürlich auch eine Geschichte für einen Film. Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy („Station Agent“, „Win Win“) und Co-Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Inside Wikileaks“) gelingt es in „Spotlight“ diese Geschichte spannend, pointiert und ohne überflüssige Dramatisierungen zu erzählen. Sie konzentrieren sich nämlich einfach auf die reale Geschichte in all ihren unterschiedlichen Facetten und das ist schon, wie wir mit den recherchierenden Journalisten erfahren, skandalös genug. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Journalisten, ihre Arbeit, was diese Recherchen bei ihnen auslösen, in welchem Geflecht unterschiedlicher Interessen sie sich bewegen und mit welchem mächtigen Gegner sie sich anlegen. Denn sie recherchierten nicht über einzelne pädophile Priester, sondern über die konsequente und planmäßige Vertuschung dieser Fälle durch die Vorgesetzten, also die Leitung der Erzdiözese (und vielleicht noch höher in der Hierarchie der katholischen Kirche), über Jahre und, wie man im Lauf des Films mit den Journalisten erfährt, Jahrzehnte.
McCarthy erzählt seine Geschichte in der Tradition großer Journalistenfilme, wie „Die Unbestechlichen“ (über die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein und den Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von Präsident Nixon führte), und des aufklärerischen Kino eines Sidney Lumet, das auf ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und eine unauffällige Kamera setzt. Dass die Sets exakt nachgebildet waren und die Schauspieler sich für die Recherche vorher mit den von ihnen porträtierten Journalisten trafen half. Diesen gefiel, wie sie und ihre Geschichte dargestellt werden.
„Spotlight“ wurde für sechs Oscars nominiert, erhielt bislang fast einhundert Preise und wurde für über einhundert weitere Preise nominiert; was allein schon etwas über die Qualität dieses grandiosen Ensemblestückes aussagt, das auch ein Hohelied auf die alltägliche journalistische Arbeit und auf den investigativen Journalismus ist, der schon immer gelobt, aber wenig geliebt wurde und seitdem in den USA und auch in anderen Ländern (in Deutschland wegen der Kultur des Zeitungsabonnements weniger) viele Tageszeitungen wegen des Internets um ihr Überleben kämpfen und teilweise ihr Erscheinen schon eingestellt haben. „Spotlight“ zeigt, was guter Journalismus leisten kann. Dass es auch ein in jeder Beziehung guter Film ist, hilft natürlich.

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Spotlight (Spotlight, USA 2015)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer
mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)


TV-Tipp für den 25. Februar: Thelma & Louise

Februar 25, 2016

3sat, 22.25

Thelma & Louise (USA 1991, Regie: Ridley Scott)

Drehbuch: Callie Khouri

Hausfrau Thelma und ihre Freundin, die Kellnerin Louise, brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. In Notwehr erschießt Louise ihn. Weil ihnen das aber niemand glaubt, fliehen Thelma und Louise nach Mexiko. Verfolgt von der Polizei.

Ein feministisches Roadmovie, ein Kassen- und Kritikererfolg und inzwischen ein Klassiker.

Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.

mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Thelma & Louise“

Wikipedia über „Thelma & Louise“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Thelma & Louise“ (Final shooting script, 5. Juni 1990) von Callie Khouri

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Der Marsianer – Rettet Mark Watney” (The Martian, USA 2015)

Ridley Scott in der Kriminalakte


„Von Mr. Holmes zu Sherlock“, begleitet von seinen Erschaffern und zahlreichen Fans

Februar 24, 2016

Von Mr Holmes zu Sherlock von Mattias Bostroem

Über Sherlock Holmes gibt es einige Biographien. Denn für seine Fans ist der von Sir Arthur Conan Doyle erfundene Detektiv realer als einige im gleichen Haus lebende Nachbarn.
Über Sir Arthur Conan Doyle gibt es selbstverständlich auch einige Biographien.
Und, wo wir gerade dabei sind, über die verschiedenen Inkarnationen von Sherlock Holmes im Film, Radio und anderen Romanen (okay, da könnte es wirklich, wirklich nichts geben. Denn das wäre eine echte Herkules-Arbeit) gibt es auch Bücher.
Aber das Buch, das Mattias Boström schrieb, gab es noch nicht. Sagt er jedenfalls in seinem Vorwort und ich glaube ihm einfach. Denn in „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ zeichnet er die Geschichte von Sherlock Holmes aus dem Blick der Menschen nach, die ihn erfanden (also Sir Arthur Conan Doyle), die ihn zeichneten, die Holmes-Geschichten veröffentlichten und die Sherlock Holmes später im Theater, im Radio und im Film, zuerst im Kino, später auch im Fernsehen, zum Leben erweckten. Und er beschäftigt sich mit den Fans von Sherlock Holmes, die Clubs, wie die Baker Street Irregulars, gründeten und sich intensiv mit ihm beschäftigten. Auch in mehr oder weniger ernst gemeinten wissenschaftlichen Untersuchungen.
Das so entstandene, gut sechshundert Seiten umfassende Werk ist ein umfassender und auch immer interessanter Rundumschlag und Marsch durch die Geschichte von den Anfängen des Detektivs – sein erster Auftritt war 1887 in Beeton’s Christmas Annual in dem Fall „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) – bis zur Gegenwart, der neuesten Inkarnation des Detektivs in der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“, die sich schnell zu einem weltweiten Phänomen entwickelte und das Interesse an dem Detektiv neu entfachte.
Es ist allerdings auch ein arg episodisches Buch, das in Teilen einfach nur Anekdote an Anekdote reiht. Und die Struktur des Buches ist, wenn man es nicht einfach wie einen Roman lesen möchte, arg unglücklich gewählt. Mattias Boström erzählt die Geschichte strikt chronologisch, was „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ immer wieder etwas lexikalisches gibt. Wenn man allerdings etwas finden möchte, ist man in dem Textkonvolut verloren. Da hilft dann auch das Register kaum weiter. Insofern wären mindestens eine Chronik der wichtigsten Ereignisse und aussagekräftige Kapitelüberschriften (und ein Inhaltsverzeichnis, das es jetzt nicht gibt, weil die Kapitel einfach durchnummeriert sind) schon ein Anfang.
Boström beschäftigt sich auch mit den Nachkommen und Erben von Sir Arthur Conan Doyle und ihren Versuchen, die Sherlock-Holmes-Geschichten und die Figur zu Geld zu machen. Immer im Kampf gegen das ablaufende Urheberrecht, schlechte, teils von Sir Arthur Conan Doyle selbst geschlossene, Verträge und ein teils nicht mehr zu klärendes Rechtekuddelmuddel. Diese Abschnitte, gerade weil dieser Teil normalerweise kaum betrachtet wird, ist sehr interessant zu lesen; wobei auch hier Zusammenfassungen besser als die strikt chronologische Erzählweise gewesen wären.
Äußerst interessant sind dabei auch deren und, schon davor, Sir Arthur Conan Doyles Bemühungen um das Urheberrecht durchzusetzen und die verschiedenen mehr oder weniger illegalen Nachdrucke, Holmes-Kopien und -Pastichen einzudämmen, zu lesen. Als Conan Doyle anfing zu Schreiben, gab es so etwas wie das Urheberrecht wie wir es heute kennen noch nicht und auch danach war es sehr lückenhaft. Weil heute der Eindruck vermittelt wird, dass es das Urheberrecht schon seit Ewigkeiten gibt, ist es natürlich sehr erhellend zu lesen, dass vor etwas über hundert Jahren die Situation für die Autoren noch ganz anders war.

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock
(übersetzt von Susanne Dahmann und Hanna Granz)
btb, 2016
608 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Fran Holmes till Sherlock
Piratförlaget, 2013

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitzs „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (GB 2012)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. Februar: Der Swimmingpool

Februar 24, 2016

Arte, 20.15

Der Swimmingpool (Frankreich/Italien 1968, Regie: Jacques Deray)

Drehbuch: Jean-Emmanuel Conil (Pseudonym von Alain Page), Jean-Claude Carrière (Adaption und Dialoge), Jacques Deray (Adaption und Dialoge)

Viel Story hat „Der Swimmingpool“ nicht, aber darum ging es auch nicht. Denn das High Concept hieß: Das ehemalige Liebespaar „Alain Delon und Romy Schneider am Swimmingpool. Und Jane Birkin ist auch dabei.“

Denn der Filmplot ist eine (wenn man mehr als Delon und Schneider leicht bekleidet am Swimmingpool sehen will) arg zähe Dreiecksgeschichte mit Sex und Mord unter der südfranzösischen Sonne. Der Film war ein Kinohit.

mit Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet, Jane Birkin

Hinweise

Arte über die kleine Alain-Delon-Reihe

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Wikipedia über „Der Swimmingpool“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von „Die Abenteurer“ (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon


Cover der Woche

Februar 23, 2016
Das Leben und das Schreiben von Stephen King

Das Leben und das Schreiben von Stephen King


TV-Tipp für den 23. Februar: Westfront 1918

Februar 23, 2016

ZDFkultur, 21.35

Westfront 1918 (Deutschland 1930, Regie: G. W. Pabst)

Drehbuch: Ladislaus Vajda

LV: Ernst Johannsen: Vier von der Infanterie

„Westfront 1918“ zeigt das Schicksal von vier deutschen Infanteristen während der letzten Kriegstage.

Kriegsfilmklassiker, der in einem Atemzug mit „Im Westen nichts Neues“ genannt wird und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ entscheidend beeinflusste. Halt einer der ganz großen Antikriegsfilme, der, nachdem er lange in den Archiven verstaubte, jetzt wieder im TV läuft.

mit Fritz Kampers, Gustav Diessl, Hans Joachim Moebius, Claus Clausen, Gustav Püttjer

Wiederholung: Mittwoch, 24. Februar, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Westfront 1918“

Senses of Cinema über “Westfront 1918”

Turner Classic Movies über “Westfront 1918”

Wikipedia über „Westfront 1918“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück“

Februar 22, 2016

Chile, 11. September 1973: General Augusto Pinochet putscht sich gegen den demokratisch gewählten, sozialistischen Präsident Salvador Allende an die Macht und errichtet eine Militärdiktatur, die erst 1990 endet. Der junge, deutsche, linksgerichtete Fotograf und Politkünstler Daniel (Daniel Brühl) wird verhaftet. Er verschwindet, wie unzählige andere Menschen, spurlos. Seine Freundin, die unpolitische Stewardess Lena (Emma Watson), will ihn finden. Er soll in der Colonia Dignidad, einer von dem deutschen Paul Schäfer (Michael Nyqvist) geleiteten, abgeschottet im Süden Chiles residierenden Sekte, sein. Lena schleust sich als unlängst zum Christentum Bekehrte ein und was sie dort entdeckt, ist eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad, die 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet wurde und in der ein urchristliches Leben geführt werden sollte. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn. Seine guten Verbindungen zur Pinochet-Diktatur und zu wichtigen CDU- und vor allem CSU-Mitgliedern schützen ihn und die weitgehend autark lebende ‚Kolonie der Würde‘ vor staatlichen Eingriffen. Gleichzeitig wurde sie zu einem Foltergefängnis, in dem Regimekritiker illegal gefangen gehalten und ermordet wurden. Schon seit den siebziger Jahren gab es zahlreiche Berichte und Bücher über die Sekte, ihre Verflechtungen mit dem Staat und ihrer absolut unchristlichen Umtriebe. Am 24. Mai 2006 wurde der am 24. April 2010 verstorbene Paul Schäfer wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Heute nennt sich die Colonia Dignidad „Villa Baviera“ (Dorf Bayern – kein Kommentar) und sie ist fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.
Das kann sich durch Florian Gallenbergers Film ändern, der zwar den Pfaden des Polit-Thrillers folgt, über die Sekte und die Pinochet-Diktatur aufklärt und auch die damalige revolutionäre Zeit wieder ins Bewusstsein ruft, aber die faschistische Seite der Colonia Dignidad, die Verbindungen der Sekte nach Deutschland, ihre Menschenversuche und auch ihre Giftgas- und Waffengeschäfte weitgehend ignoriert. Das wäre zwar ein anderer Film, aber so ist „Colonia Dignidad“ vor allem ein Einblick in eine etwas skurrile Sekte, die schon damals in der Vergangenheit lebt und einen Führerkult pflegt, der es dem Führer ermöglicht, Herr über Leben und Tod zu sein. Das ist in seiner Beschreibung eines totalitären Systems, das seine Absichten mit hehren Absichten kaum verhüllt, auch gelungen.
Allerdings bleibt man als Zuschauer immer auf der sicheren Seite. Sympathien und Antipathien sind in Gallenbergers Film eindeutig verteilt. Die beiden Protagonisten Lena und Daniel geraten daher nie auch nur ansatzweise in Versuchung ein Mitglied der Sekte zu werden. Denn die Sekte und ihr Anführer wirken von der ersten Sekunde an so abstoßend, dass niemand dort freiwillig Mitglied werden möchte. Entsprechend rätselhaft ist, weil der historische Hintergrund letztendlich mit bekannten Bildern operierendes Zeitkolorit bleibt, dann auch warum jemals irgendjemand dort Mitglied werden möchte und was die Mitglieder so an ihrem Oberhaupt, das sie eiskalt manipulierte, faszinierte. Immerhin verließen die Sektengründer und die ersten Gemeindemitglieder 1961 Deutschland, weil sie eine kommunistische Invasion befürchteten und der Hitler-Faschismus war in Deutschland noch nicht einmal im Ansatz verarbeitet.
Weniger gelungen ist im Rahmen der einfachen Gut-Böse-Zuschreibung und der historisch verbürgten Beschreibung des Sektenlebens, dann die Filmgeschichte. Also Lenas Versuche ihren Freund Daniel zu befreien und auch Daniels Versuche, aus der Sekte zu fliehen. Beide Erzählstränge plätschern eher so vor sich hin. Anstatt aktiv nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen (wie die Gefangenen in „Gesprengte Ketten“, die schon beim Betreten des Lagers versuchen, aus ihm zu flüchten), warten sie geduldig ab, ob sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt. Damit wird der Konflikt zwischen Freiheit und Unfreiheit weit unter seinen erzählerischen Möglichkeiten verkauft.

Colonia Dignidad - Plakat 4

Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück (Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
mit Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, August Zirner, Martin Wuttke
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Colonia Dignidad“
Moviepilot über „Colonia Dignidad“
Rotten Tomatoes über „Colonia Dignidad“
Wikipedia über „Colonia Dignidad“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 22. Februar: Rette deine Haut, Killer/Der Schocker – Der Preis für ein Leben

Februar 22, 2016

Arte, 20.15
Rette deine Haut, Killer (Frankreich 1981, Regie: Alain Delon)
Drehbuch: Alain Delon, Christopher Frank
LV: Jean-Patrick Manchette: Que d´os, 1976 (Knüppeldick)
Bei der Suche nach einem vermissten blinden Mädchen stößt ein Privatdetektiv in ein Wespennest.
Mit stark reduzierten Erwartungen gerade noch genießbarer Film. Delon folgt in seinem Regiedebüt fast sklavisch genau Manchettes Handlung. Aber die Handlung war bei Manchette nie das wichtigste.
Heute wird anscheinend die Originalfassung gezeigt. Die deutsche Fassung ist um mindestens zehn Minuten gekürzt (hier der Schnittbericht).
Mit Alain Delon, Anne Parillaud, Michel Auclair, Daniel Ceccaldi, Jean-Pierre Darras

Wiederholung: Freitag, 4. März, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über“Rette eine Haut, Killer“ (deutsch, englisch, französisch) und  Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes “Portrait in Noir” (2014)

Meine Besprechung von Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headlines “Fatale” (Fatale, 2014)

Meine Besprechung von Piere Morels Jean-Patrick-Manchette-Verfilmung „The Gunman“ (The Gunman, Großbritannien/Frankreich/Spanien 2015)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte


Arte, 22.00
Der Schocker – Der Preis für ein Leben (Frankreich/Italien 1972, Regie: Alain Jessua)
Drehbuch: Alain Jessua
Hélène Masson (Annie Girardot) begibt sich zur Verjüngungskur in die Privatklinik von Dr. Devilers (Alain Delon). Sie verliebt sich in ihn, entdeckt das Geheimnis seiner Verjüngungskur und gerät in Lebensgefahr.
Einer der wenigen bemerkenswerten Filme in Delons Spätwerk (also dem gesamten Post-Jean-Pierre-Melville-Werk), der heute endlich wieder (?) einmal (?) im TV läuft und bei uns nicht auf DVD veröffentlicht ist.
„Der ungemein spannende Film erhielt ausschließlich positive Kritiken, auch wenn Alain Delon in der Rolle des verrückten Wissenschaftlers manchen Rezensenten zu ‚playboyhaft‘ erschien.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms, 1985/1989)
mit Alain Delon, Annie Girardot, Michel Duchaussoy, Robert Hirsch, Jean-Francois Calvé

Wiederholungen
Freitag, 26. Februar, 16.05 Uhr (VPS 15.55)
Donnerstag, 3. März, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte über die kleine Alain-Delon-Reihe

Wikipedia über „Der Schocker“ (englisch, französisch)

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon

Meine Besprechung von “Der Leopard” (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von “Die Abenteurer” (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. Februar: Monsieur Klein

Februar 21, 2016

Arte, 21.45

Monsieur Klein (Frankreich/Italien 1976, Regie: Joseph Losey)

Drehbuch: Franco Solinas, Fernando Morandi, Joseph Losey

Paris 1942: Robert Klein verdient als Kunsthändler gut an der Not der Juden. Eines Tages liegt vor seiner Haustür ein an ihn adressiertes Exemplar der „Les informations juives“. Klein will herausfinden, warum er die Zeitung zugeschickt bekommen hat. Er erfährt von einem gleichnamigen Juden, der sich anscheinend seiner Identität bemächtigen will.

Kafkaesker Alptraum ohne die Hoffnung auf ein Happy End, von Losey karg und sehr stilbewusst inszeniert. Delons zurückhaltendes Spiel passt perfekt zur Rolle des emotionslosen Mitläufers, der nur an sich denkt und dabei zielsicher ins Verderben läuft.

Delon war für einen Cesar als bester Schauspieler nominiert, Losey erhielt einen für die Regie und der Film gewann den Cesar für bester Film.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte die Dokumentation „Alain Delon, persönlich“ und die Tage einige weitere Delon-Filme, im Rahmen eines Schwerpunktes.

mit Alain Delon, Jeanne Moreau, Michel Lonsdale, Juliet Bertot, Suzanne Flon, Jean Bouise

Wiederholung: Dienstag, 23. Februar, 13.50 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Monsieur Klein“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 20. Februar: Burn after reading

Februar 20, 2016

Vor „Hail, Caesar!“ hieß es bei den Coen-Brüdern

ARD, 23.40

Burn after reading – Wer verbrennt sich hier die Finger? (USA 2008, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

Nach dem düsteren “No Country for old Men” lieferten die Coen-Brüder wieder eine ihrer schwarzhumorigen Komödie à la “Fargo” und “The Big Lebowski” ab. Wenn auch nicht so gelungen kultig.

In „Burn after reading“ will ein CIA-Agent sich für seine Entlassung rächen. Er schreibt seine unverhüllten Memoiren und verliert das sich auf einer CD befindende Manuskript. Es fällt, wenig überraschend, in die Hände eines Fitness-Trainers, der endlich das große Geld machen will. Einige andere Trottel versuchen ebenfalls ihren Schnitt zu machen.

Mit George Clooney, Brad Pitt, Frances McDormand, John Malkovich, Tilda Swinton, Richard Jenkins, David Rasche, J. K. Simmons, Olek Krupa

Wiederholung: Sonntag, 21. Februar, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Burn after reading”

Moviepilot über „Burn after reading“

Metacritic über „Burn after reading“

Rotten Tomatoes über „Burn after reading“

Wikipedia über „Burn after reading“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Hail, Caesar!“ Hail, Joel Coen! Hail, Ethan Coen!

Februar 20, 2016

Nach „A serious Man“, „True Grit“ und „Inside Llewyn Davis“ gönnen sich Joel und Ethan Coen mit „Hail, Caesar!“ eine Auszeit von den schweren und ernsten Stoffen. Ihr neuer Film ist eine leichte Komödie bar jeglichen gesellschaftlichen und auch weitergehenden künstlerischen Anspruchs, der weiter oder tiefer als die glänzende Oberfläche geht. Genau wie für Pedro Almodóvar „Fliegende Liebende“ nach mehreren ernsten Filmen auch nur ein Intermezzo, ein Spaß, eine Entspannungsübung war, in dem er seine altbekannten Themen in altbekannter Weise hübsch aufbereitete, ist auch „Hail, Caesar!“ für die Coens nicht mehr als eine Fingerübung voller Stars und Zitate, die glaubt, auf eine Geschichte verzichten zu können.
Der neue Film der Coen-Brüder entführt in das Hollywood der frühen fünfziger Jahre und erzählt einige Stunden aus dem Leben von Eddie Mannix (Josh Brolin), dem Problemlöser von Capitol Pictures. Nach seiner Beichte, in der der reuige Sünder erzählt, dass er, obwohl er mit dem Rauchen aufgehört hat, geraucht hat, kümmert er sich mitten in der Nacht um ein Starlet, das für verfängliche Fotos posiert. In diesem Moment erscheint Mannix als Bruder von Phil Marlowe. Aber er ist nur der allzuständige Manager, der sich auch um den täglichen Kleinkram kümmert, dabei von den Zwillingsschwestern Thora und Thessaly Thacker (Tilda Swinton in einer Doppelrolle und damit auch mit der doppelten Leinwandpräsenz) als aasige Gesellschaftsreporterinnen (mit realem Vorbild) wegen exklusiver Informationen belästigt wird und die verschiedenen Sets besucht, an denen gerade Filme gedreht werden: ein großes Bibelepos mit Christen und Römern als die Prestigeproduktion des Studios, ein Musical mit einer singenden Wassernixe (keine badende Venus), ein Musical mit stepptanzenden Matrosen, ein Serial-Western mit einem sehr akrobatischen Cowboy und einem Drama, das wie eine missglückte Screwball-Comedy aussieht.
Da verschwindet Baird Whitlock (George Clooney), der Star des Bibelfilms, plötzlich, in einer kurzen Drehpause, spurlos. Mannix glaubt zuerst, dass Whitlock einfach nur eine weitere seiner Kneipentouren unternimmt. Als er die Lösegeldforderung von einer sich „Die Zukunft“ nennenden Gruppe erhält, die behauptet, Whitlock entführt zu haben, beginnt er Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um das Problem zu lösen. Natürlich ohne dass irgendjemand etwas davon erfährt und ohne dass ein Drehtag verloren geht.
Whitlocks Entführer, eine Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren und Statisten, sind allerdings gar nicht so schlimm. Sie parlieren mit Whitlock, der ein wahrer Trottel ist und der seine römische Uniform mit unverkennbarem Glauben an seine eigene Herrlichkeit trägt, über den ausbeuterischen Kapitalismus und die kommunistischen Ideen und reichen Häppchen.
„Hail, Caesar!“ ist eine Aneinanderreihung von Episoden, Anekdoten, Liebeserklärungen an Stars, Filme und Genres und eine einzige große Hommage an das Hollywood-Kino der fünfziger Jahre. Das Kino, das die Coen-Brüder in ihrer Kindheit gerade noch genießen konnten und das während ihrer Jugendjahre endgültig aus den Kinos verschwand und in dem sie jetzt wie in einem Bilderbuch blättern. Für jede Szene, jede Figur, jedes Bild kann mindestens eine filmische oder reale Referenz genannt werden. Was allerdings fehlt, ist eine Geschichte, die dieser Nummernrevue pompös eingeführter und oft lieblos fallengelassener Figuren irgendeine Tiefe oder Bedeutung verleihen könnte.
Denn die fünfziger Jahre waren auch die Jahre des Kommunistenhassers McCarthy und der Berufsverbote für echte und vermeintliche Kommunisten. In „Trumbo“, der am 10. März bei uns anläuft, erzählt Jay Roach, ausgehend von der Biographie des erfolgreichen Drehbuchautoren Dalton Trumbo, davon. Sein sehenswerter Film ist der ernste Gegenentwurf zum eskapistischen „Hail, Caesar!“. Dieser Unterschied fällt besonders bei den Figuren auf, die in beiden Filmen auftreten. In „Hail, Caesar!“ unter falschen Namen. In „Trumbo“ unter ihrem echten Namen, als Kolumnistin Hedda Hopper, Drehbuchautor Dalton Trumbo und seine Freunde, die anderen Autoren und Schauspieler, die sich in ihren Häusern trafen und über sozialistische Ideen und den real existierenden Kapitalismus sprachen, während John Wayne und Ronald Reagan die amerikanischen Werte hochhielten.
Aber diese düstere Realität interessiert die Coen-Brüder überhaupt nicht. „Hail, Caesar!“ ist kein zweiter „Barton Fink“ oder „The Big Lebowski“, sondern eher ein zweites „Burn after Reading“, das dieses Mal in einer Traumwelt spielt, die sich Traumfabrik nennt und in der alles nach einer einzigen großen Inszenierung aussieht und nichts von wirklich existenzieller Bedeutung ist.
Auch wenn die Drehbuchautoren philosophisch über den Kapitalismus und die Religionsgelehrten über die Darstellung von Jesus in „Hail, Caesar!“ parlieren dürfen.

Hail Caesar - Plakat

Hail, Caesar! (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Max Baker, Ralph Fiennes, Heather Goldenhersh, Ian Blackman, Veronica Osorio, Tom Musgrave, David Krumholtz, Tilda Swinton, Fisher Stevens, Patrick Fischler, Fred Melamed, Channing Tatum, Jonah Hill, Frances McDormand, Michael Gambon (Erzähler im Original; in der deutschen Fassung ist Christian Rode der mit pathetischem Ernst die Anekdoten einordnende Erzähler)
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Hail, Caesar!“
Metacritic über „Hail, Caesar!“
Rotten Tomatoes über „Hail, Caesar!“
Wikipedia über „Hail, Caesar!“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Will Smith entdeckt eine „Erschütternde Wahrheit“

Februar 20, 2016

Als die Oscar-Nominierungen veröffentlicht wurden und farbige Künstler wieder einmal nicht beachtet wurden, entspann sich vor allem in den USA eine heftige Diskussion über den Rassismus der preisverleihenden Academy of Motion Picture Arts and Sciences und es wurden auch einige Beispiele für nominierungswürdige Schauspielerleistungen genannt. Will Smiths Porträt von Dr. Bennet Omalu in „Erschütternde Wahrheit“ wurde auch öfter genannt. Dabei empfand ich, was auch an dem nicht wirklich packendem Film liegen kann, seine Leistung jetzt nicht als so herausragend, was auch daran liegen kann, dass der im Zentrum des Films stehende, aus Nigeria kommende Immigrant Dr. Bennet Omalu ein zwar intelligenter, aber sehr höflicher Mensch ist, der, abseits von seiner Arbeit, bei der er nur fehlerfreie Arbeit leisten will, ein allein lebender Mann ist, der nicht auffallen und nur ein vorbildlicher Amerikaner sein will. So ein Charakter hat nicht die großen Gefühlsausbrüche oder egomanisch-größenwahnsinnigen Anwandlungen, die normalerweise mit großen Schauspielleistungen assoziiert werden. Und er musste auch nicht so leiden, wie Leonardo DiCaprio in „The Revenant“, oder, was ja auch gerne ausgezeichnet wird, einen Behinderten spielen. Zur Not tut es auch eine Geschlechtsumwandlung. Omalu ist einfach nur ein ganz normaler, gebildeter Mann, der an die Wissenschaft glaubt und der ein unauffälliges Leben führen möchte.
Er ist in Pittsburgh Gerichtsmediziner, der bei seinen Kollegen durch seine akkurate Arbeit nach Lehrbuch auffällt. Das OP-Besteck wird nach jeder Obduktion weggeworfen. Auf saubere Kleidung wird geachtet. Verunreinigungen könnten das nächste Obduktionsergebnis verfälschen. Und jede Leiche wird auch auf die entlegendsten Todesmöglichkeiten untersucht. Bei seinen Kollegen kommt diese gründliche Arbeit nicht so gut an, aber so stößt der penible Neuropathologe Bennet Omalu im September 2002 bei dem mit fünfzig Jahren, nach einer langen Krankengeschichte, durch einen Herzinfarkt verstorbenen und bei den Fans immer noch hochverehrten Ex-Football-Spieler Mike Webster der Pittsburgh Steelers auf CTE.
CTE (Chronisch-traumatische Enzephalopathie oder Dementia pugilistica) entsteht durch die Erschütterungen des Gehirns, wenn die Spieler mit Geschwindigkeiten aufeinanderprallen, die sonst nur bei einem Autounfall vorkommen. Aber während Normalsterbliche eine solche Gehirnerschütterung selten bis nie erleben, ist sie für Football-Spieler Alltag. Die Krankheit selbst tritt erst Jahre nach der Sportkarriere auf und führt zu einem frühen Tod. Omalu entdeckt bei weiteren jung verstorbenen Spielern CTE, was erst nach ihrem Tod durch eine Obduktion festgestellt werden kann. Als Wissenschaftler weiß er, dass die Krankheit und der frühe Tod der Football-Spieler durch ihre Profisportlerkarriere verursacht wurden. Denn die statistischen Befunde, die Abweichungen von der Norm und die damit zusammenhängenden Wahrscheinlichkeiten sprechen eine klare Sprache.
Omalu geht mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit. Zuerst nur an die wissenschaftliche, später auch an die breitere. Er denkt, dass die National Football League (NFL) sich über seine Erkenntnisse freut. Aber die NFL will von seiner Entdeckung nichts wissen. Stattdessen zweifelt sie seine Forschungsergebnisse an, diskreditiert ihn und versucht seine Existenz zu vernichten.
Denn aus Sicht der NFL stehen die Verletzungen, die Football-Spieler während des Spiels erfahren, in keinem Zusammenhang mit CTE. Die Tabaklobby behauptete, vor einigen Jahren, so etwas ähnliches über die eigentlich ebenso offensichtlichen Gefahren des Rauchens.
Ex-Journalist Peter Landesman (der auch das Drehbuch für den durchwachsenen Thriller „Kill the Messenger“ schrieb) inszenierte diese auf Tatsachen basierende David-gegen-Goliath-Geschichte – auch wenn einige Ereignisse und Konflikte verstärkt und erfunden wurden – strikt entlang der Fakten und der wahren, sich über ein Jahrzehnt erstreckenden Geschichte, in der wir auch einiges über das Privatleben von Omalu erfahren. Allerdings lässt „Erschütternde Wahrheit“, im Gegensatz zum kommende Woche startenden, hochspannenden Journalismus-Thriller „Spotlight“ (über die Recherchen des „Boston Globe“ über pädophile katholische Priester in Boston), eben jene Zuspitzungen und Pointierungen vermissen, die aus „Erschütternde Wahrheit“ mehr als nur eine brave, etwas zu lang geratene Spielfilm-Dokumentation gemacht hätten.
Insofern funktioniert „Erschütternde Wahrheit“ vor allem als filmisches Denkmal für Dr. Bennet Omalu und als Aufruf zur Zivilcourage.

Erschütternde Wahrheit - Plakat

Erschütternde Wahrheit (Concussion, USA 2015)
Regie: Peter Landesman
Drehbuch: Peter Landesman
LV: Jeanne Marie Laskas: Game Brain, 2009 (GQ-Reportage)
mit Will Smith, Alec Baldwin, Gugu Mbatha-Raw, Arliss Howard, Paul Reiser, Luke Wilson, Adewale Akinnuoye-Agbaje, David Morse, Albert Brooks, Eddie Marsan, Hill Harper
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Erschütternde Wahrheit“
Metacritic über „Erschütternde Wahrheit“
Rotten Tomatoes über „Erschütternde Wahrheit“
Wikipedia über „Erschütternde Wahrheit“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood mit der Wahrheits-Spielstand für „Erschütternde Wahrheit“


TV-Tipp für den 19. Februar: Training Day

Februar 19, 2016

RTL II, 22.50

Training Day (USA 2001, Regie: Antoine Fuqua)

Drehbuch: David Ayer

Düsterer Cop-Krimi über Gangkriminalität und ihre Bekämpfung in Los Angeles: Alonzo Harris zeigt Jake Hoyt am ersten Arbeitstag wie die Arbeit eines Undercover-Cop gegen Drogen- und Gangkriminalität abläuft. Dummerweise ist Harris selbst ein Gangster mit Dienstmarke, der nach dem Motto „Nur wenn du selbst wie ein Wolf bist, kannst du einen Wolf fangen“ arbeitet.

„Ein rasant und konsequent inszenierter Film voll Gewalt und Brutalität. Konsumierbar einerseits als zynisches Actionspektakel, das bloß altbekannte Genretypen weiterentwickelt, aber auch verstehbar als Spiegelung und Reflexion aktueller Debatten über Polizeimethoden, moralische Dilemmata und die Durchsetzbarkeit demokratischer Spielregeln gegenüber Clannormen, die sich freilich potenziellen Missverständnissen aussetzt.“ (Multimedia, 13. Dezember 2001)

Denzel Washington erhielt für seine Rolle als Cop Harris den Oscar für die beste Hauptrolle und einige weitere Preise. David Ayer schrieb danach den ähnlich gelagerten Cop-Thriller „Dark Blue“.

Die in „Training Day“ und „Dark Blue“ angesprochenen Themen werden in der grandiosen Cop-Serie „The Shield“ noch konsequenter und pessimistischer durchbuchstabiert.

Mit Denzel Washington, Ethan Hawke, Scott Glenn, Cliff Curtis, Dr. Dre, Snoop Dogg, Tom Berenger, Eva Mendes, Macy Gray

Wiederholung: Sonntag, 21. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Training Day“

Wikipedia über „Training Day“ (deutsch, englisch)

David Ayer: Training Day (Drehbuchfassung vom 18. August 1999)

David Ayer: Training Day (Drehbuchfassung vom April 2001)

IGN: Zehn Fragen an David Ayer

ScreenwritersUtopia: Kurzbio David Ayer (2003)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Southpaw“ (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von David Ayers “End of Watch” (End of Watch, USA 2012)

Meine Besprechung von David Ayers “Sabotage” (Sabotage, USA 2014)

Meine Besprechung von David Ayers „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014)


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