Neu im Kino/Filmkritik: Andreas Dresen entdeckt „Alte Liebe“

Oktober 8, 2026

Seit vierzig Jahren sind Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) miteinander verheiratet. Die Tochter ist aus dem Haus – und lädt sie zu ihrer dritten Hochzeit ein. Harry genießt inzwischen das Leben als Pensionär zwischen Gartenpflege und Bierkonsum. Lore arbeitet noch in der Bibliothek und organisiert Lesungen mit, unter anderem, Clemens Meyer und Christoph Hein. Aber soll das alles gewesen sein? Und Warum bleibt man nach vierzig Jahren Ehe immer noch zusammen?

Während Andreas Dresen, nach einem von ihm und Laila Stieler geschriebenem Drehbuch, die beiden leise groß aufspielenden Hochkaräter Joachim Król und Dagmar Manzel lustvoll miteinander zanken lässt, wird schnell die tiefe Verbundenheit zwischen ihnen deutlich. Sie gehören zusammen. Damals und heute immer noch.

„Alte Liebe“ ist ein zwischen Küche und kleinem Wohnzimmer spielendes Zwei-Personen-Stück. Das Kammerspiel wirkt dabei nie wie ein irrtümlich ins Kino gekommenes Fernsehspiel, sondern, dank seiner beiden Hauptdarsteller und den Bildern, immer wie ein für die große Leinwand inszenierter Kinofilm.

Für Laila Stieler und Andreas Dresen ist „Alte Liebe“ nach den auf Tatsachen beruhenden Dramen „Gundermann“, „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ und „In Liebe, eure Hilde“ ein kleiner Film. Er ist eine gelungene Entspannungsübung über den Sinn des Lebens und lebenslanger Partnerschaften, wie die zwischen Dresen und Stieler. Sie lernten sich 1985 kennen und arbeiteten bei neun Langfilmen zusammen.

Ihr neuester, gewohnt sehenswerter und gelungener Film richtet sich vor allem an ältere Menschen, die vor den gleichen Fragen wie Harry und Lore stehen.

Alte Liebe (Deutschland 2026)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Laila Stieler, Andreas Dresen

LV: Elke Heidenreich/Bernd Schroeder: Alte Liebe, 2009

mit Dagmar Manzel, Joachim Król, Anna von Seld, Liane Düsterhöft, Christoph Hein, Clemens Meyer

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Alte Liebe“

Moviepilot über „Alte Liebe“

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Andreas Dresens James-Krüss-Verfilmung „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Andres Dresens „Gundermann“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Deutschland/Frankreich 2022)

Meine Besprechung von Andres Dresens „In Liebe, eure Hilde“ (Deutschland 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: „Als wir träumten“ war die DDR weg und Deutschland ein Land

Februar 26, 2015

Als sie dreizehnjährige Schüler waren, gab es die DDR noch. Kurz darauf ist sie weg und die Freunde Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul schlagen sich reichlich ziellos im Nachwende-Leipzig durch. Irgendwo zwischen Abitur und der Zeit davor und danach. Das klingt jetzt etwas unspezifisch, beschreibt aber präzise das Problem von Andreas Dresens neuem Film „Als wir träumten“, der einen Zeitraum von einigen Jahren, wahrscheinlich zwei bis drei Jahre, mit einigen Rückblenden in die DDR, umfasst. Der historische Hintergrund ist so weit in den Hintergrund gerückt, dass der Film fast überall spielen könnte, so lange wir eine Gruppe Jugendlicher haben, die sich mit kleinkriminellen Taten über Wasser halten, zu viele Drogen nehmen und auch ein Lokal betreiben. Weil die Geschichte in den Neunzigern spielt, ist es eine Techno-Disco in einer alten Fabrik. Die Disco interessiert auch eine Nazi-Gang (erkennbar an ihren Frisuren und ihrem Outfit) und einer der Jungs verliebt sich auch in eine Frau, die mit dem Chef der Nazi-Gang, die wohl eher eine stinknormale Verbrecherbande ist, liiert ist.
Weil Dresen diese Episoden mit Zwischentiteln (die eher störend als erhellend sind), einer Erzählerstimme, die lange keinem Charakter zugeordnet werden kann, und betont unchronologisch erzählt, wirkt „Als wir träumten“ immer wie ein Konglomerat aus mäßig interessanten, beliebig austauschbaren Episoden. Denn es werden keine Entwicklungen aufgezeigt, sondern es wird willkürlich zwischen der Gegenwart und der nahen Vergangenheit (erkennbar an dem gleichen Aussehen der fünf Hauptcharaktere) hin und her gesprungen.
Diese erzählerische Entscheidung führt dazu, dass ich immer auf Distanz zu den Charakteren blieb, die mir immer reichlich egal waren, und, aufgrund meines Vorwissens, Lücken ausfüllte. Zum Beispiel über das Erstarken des Rechtsradikalismus in der ehemaligen DDR, über den Zusammenbruch der dortigen Industrie und die gestiegene Arbeitslosigkeit, die Abwesenheit der Eltern, die alles übernehmenden Westler, den Zusammenbruch der bekannten Strukturen, undsoweiter, die alle bestimmte Entwicklungen begünstigten und einiges erklären, aber nicht jeder ostdeutsche Jugendliche wurde zum Verbrecher.
Dieser spartanisch gezeichnete gesellschaftliche Hintergrund – immerhin ist „Als wir träumten“ keine Geschichtsdokumentation – wäre verzeihbar, wenn die Charaktere überzeugen würden.
Allerdings gewinnt kein Charakter echte individuelle Züge. Sie bleiben eindimensional (der Boxer, der Dealer, der Denker) und, im schlechten Sinn, rätselhaft. Obwohl sie zur Schule gehen und irgendwann anscheinend auch das Abitur machen (es wird in einem Nebensatz erwähnt), spielt die Nachwende-Schule im Film absolut keine Rolle. Erwachsene und Auteritätspersonen fehlen ebenso. Sie leben – so können wir uns denken – in einer Käseglocke der Selbstbefriedigung, in der sie einfach die Freiheiten eines neuen Systems wahrnehmen und es keine gefestigten staatlichen Strukturen gibt. Es ist eine Zeit, der Anarchie, in der alles möglich ist und es keine Grenzen gibt. Deshalb können sie auch eine Techno-Disco eröffnen, Drogen nehmen, kleinkrimelle Verbrechen begehen und betrunken in geklauten Autos mit lauter Musik durch die Stadt rasen. Und damit unterscheiden sie sich nicht von irgendwelchen anderen Jugendlichen.
Außerdem liegen diese soziologischen Erklärungen außerhalb des Films, der durch seine Struktur den Zuschauer konsequent auf Distanz hält und über die Motive und Entwicklungen der fünf Jungs rätseln lässt.
So wird einer der Freunde drogensüchtig; was wir dadurch erfahren, dass er am Filmbeginn aus einer Entzugsklinik ausgebrochen ist. Kurz darauf ist er – nach längeren Rückblenden – tot. Der Weg in die Sucht und wie die Freunde auf ihren süchtigen Freund reagieren, sehen wir nicht. Und dass einer der Freunde den Verstorbenen mit Drogen versorgte, erfahren wir erst auf der Beerdigung. Was aber anscheinend keine weiteren Konsequenzen hat.
Ein anderes Mal wird Dani, nach einer längeren Verfolgungsjagd, von den Nazis zusammengeschlagen. Sein Aufenthaltsort wurde ihnen von Rico verraten. Nach einem „Entschuldige, es tut mir leid“ am Krankenhausbett ist die Sache vergessen. Dabei wäre es doch interessant zu erfahren, wie sich ein solcher Verrat auf ihre Beziehungen untereinander auswirkt.
Dass Rico von einer Karriere als Boxer träumte, erfahren wir erst gegen Ende, als im Fernsehen einer der 1995er Boxkämpfe von Henry Maske und Graciano Rocchigiani gezeigt wird und Rico sich an seinen letzten Kampf erinnert. Das soll dann wohl ein „Million Dollar Baby“-Moment sein (als Clint Eastwood am Filmanfang einen Boxkampf im Fernsehen beobachtet), ist hier aber grotesk verschenkt, weil uns nichts auf diesen Moment vorbereitet und er auch keine Folgen hat. Denn Ricos glorreiche Boxkarriere ist schon länger vorbei und es hat auch anscheinend keine Konsequenzen für ihn.
Diese Szenen sind allerdings keine Ausreiser, sondern das Ergebnis eines Drehbuchs und einer Regie, die lieber beliebige Momentaufnahmen aus dem Leben der Jugendlichen zeigen. Dabei wäre es interessanter, zu erfahren, wie die Charaktere dorthin gekommen sind. Also, zum Beispiel, wie aus einem normalen Schüler ein Drogenhändler wird und was das für seine Freunde bedeutet.
Deshalb haben auch die Rückblenden in ihre DDR-Schulzeit, als die fünf Freunde dreizehn Jahre alt waren (wie wir Westler aus dem Abspann erfahren, die Ostler haben es an der Uniform erkannt), keine emotionale Wirkung. Es ist ein Blättern in einem Fotoalbum, das eine schön aufgeräumte DDR zeigt, aber nicht erklären kann, warum aus normalen, angepassten Schülern Drifter und Verbrecher werden.
Auch der Titel „Als wir träumten“ kann wohl nur ironisch verstanden werden. Denn Dani, Rico, Mark, Pitbull und Paul haben keine Träume. Sie wollen nirgendwohin. Sie driften einfach durch das Nachwendeleipzig und die Kamera verfolgt sie.
Nein, von Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase, die schon bei „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“ zusammen arbeiteten, wäre wirklich mehr als dieses bestenfalls halbgare, irgendwo im nirgendwo spielende Halbstarken-Jugenddrama zu erwarten gewesen.

Als wir träumten - Plakat

Als wir träumten (Deutschland/Frankreich 2015)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
LV: Clemens Meyer: Als wir träumten, 2006
mit Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee, Chiron Elias Krase, Luna Rösner, Tom von Heymann, Nico Ramon Kleemann, Kilian Enzweiler, Henning Thaddäus Beeck, Ronald Kukulies, Regine Seidler, Roman Weltzien, Clemens Meyer (Polizist auf der Wache)
Länge: 117 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Als wir träumten“
Film-Zeit über „Als wir träumten“
Moviepilot über „Als wir träumten“
Wikipedia über „Als wir träumten“ und Clemens Meyer
Berlinale über „Als wir träumten“
Homepage von Clemens Meyer
Perlentaucher über Clemens Meyers „Als wir träumten“

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Und noch einige O-Töne: Andreas Dresen über seinen Film

Clemens Meyer über die Verfilmung