„Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ berichten von mörderischen Geistern

Februar 10, 2021

Als FBI-Agentin Odessa Hardwicke und ihr älterer Partner Walt Leppo den Tatort betreten, sieht das Familienhaus wie nach einem Schlachtfest aus. Überall sind Blut und Leichen. Der Täter ist der ehemalige Stabschef des Gouverneurs von New Jersey. Er kämpft gerade gegen eine seine Existenz bedrohende Korruptionsklage. Jetzt ist er ausgerastet. Als sie ihn verhaften wollen, gibt es ein Getümmel, in dem Odessa ihren Partner erschießt. Er hat, ohne einen ersichtlichen Grund, versucht, die Tochter des Stabschefs zu töten. Anschließend sieht Odessa einen Schatten aus Leppos totem Körper aufsteigen.

Selbstverständlich wird Odessa danach in den Innendienst versetzt. Sie wird beauftragt, das Büro ihres schon seit Ewigkeiten pensionierten Kollegen Earl Solomon auszuräumen. Solomon liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Als sie ihn besucht, kann er mit ihrer Beobachtung etwas anfangen. Er empfiehlt ihr, Hugo Blackwood zu kontaktieren. Mit einem in einer besonderen Weise gefaltetem Brief, den sie in den Briefkasten eines scheinbar verlassenen Hauses in Manhattan werfen soll.

Solomon lernte Blackwood 1962 im Mississippi-Delta bei seinem ersten bedeutenden Fall als FBI-Agent kennen. Solomon sollte in den Südstaaten den Lynchmord an einem Weißen aufklären.

Blackwood reagiert umgehend, um nicht zu sagen mit beängstigender Schnelligkeit, auf Odessas Brief. Er sieht wie ein aus einem anderen Jahrhundert kommender Mann aus. Und, das kann verraten werden, er kommt aus dem 16. Jahrhundert. Er ist ein Geisterjäger, der den Schatten jagt, der aus Leppos Körper entwichen ist. Dieser Geist spring von Körper zu Körper und es gefällt ihm, wenn sein Wirtskörper möglichst spektakulär stirbt.

Der Untertitel „Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ verrät die Absicht von Guillermo del Toro und Chuck Hogan neuem Roman. „Die Schatten“ soll der Auftakt für eine neue Serie sein.

Bereits zwischen 2009 und 2011 schrieben sie gemeinsam die Trilogie „Die Saat – The Strain“. Die Vampirhorrorromane waren die Vorlage für eine Comic- und TV-Serie, in die del Toro und Hogan involviert waren. Ursprünglich hatte del Toro die „The Strain“-Geschichte als TV-Serie geplant.

Diesen Eindruck, also dass auch in diesem Fall die Idee und das Script für eine TV-Serie zu einem Roman umgeschrieben wurden, hatte ich auch bei „Die Schatten“. Der ganze Horrorroman liest sich wie ein Roman zum Film. Es gibt viele kurze Szenen und schnelle Wechsel zwischen Schauplätzen und Zeitebenen. Der Roman spielt gleichzeitig 1582 in Mortlake bei London, 1962 im Mississippi-Delta und, größtenteils, 2019 in Newark, New Jersey. Und, ja, es wäre besser gewesen, zuerst die Ereignisse von 1582, dann die von 1962 und dann die von 2019 zu schildern. Dann wäre allerdings sofort aufgefallen, wie wenig sie miteinander zu tun haben. So hofft man immer noch auf ein großes Finale, das das alte England mit den rassistischen Südstaaten mit den heutigen USA verbindet.

Die Personen sind nur oberflächlich skizziert. Keine hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck oder gewinnt eine größere Individualität. Die Geschichte selbst folgt, wenn wir die umständliche Konstruktion mit den drei parallel geführten Zeitebenen ignorieren, ohne große Überraschungen oder Vertiefungen, der Struktur, die man aus unzähligen TV-Serien kennt. Wobei „Die Schatten“ hier die Funktion eines Pilotepisode hat, in der die Figuren ausführlich vorgestellt werden und das Team für die nächsten Episoden zusammengestellt wird. Dann vielleicht mit einem überzeugenderem ‚Fall der Woche‘.

P. S.: Schönes Cover!

Guilermo del Toro/Chuck Hogan: Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1

(übersetzt von Kristof Kurz)

Heyne, 2021

416 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

The Hollow Ones

Grand Central Publishing, 2020

Hinweise

The Big Thrill: Interview mit Chuck Hogan über „Die Schatten“

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)


Neu im Kino/Filmkritik: „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ kämpfen bis zur letzten Patrone

März 3, 2016

Auch wenn man beim Ansehen von „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ glaubt, ein Remake von „Black Hawk Down“ zu sehen, erzählt Michael Bay eine ganz andere Geschichte als Ridley Scott vor fünfzehn Jahren. Er erzählte von der Gefangennahme eines Warlords und seiner Untergebenen am 3. Oktober 1993 in Mogadischu, Somalia, durch US-Elitesoldaten. Der Einsatz geht schief und es entwickelt sich eine Straßenschlacht, bei der viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten, die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Michael Bay erzählt von einer Nacht in Libyen. Am 11. September 2012 greifen Libyer das US-Generalkonsulat in Bengasi an. Der Angriff entwickelt sich zu einer veritablen Straßenschlacht, weil einige Ex-US-Elitesoldaten, die gerade eine gar nicht so geheime CIA-Basis bewachen, den Botschafter retten wollen. Viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten (Ex und nicht Ex), die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Jedenfalls solange man sich auf die Ausgangslage konzentriert. Aber nicht die Prämisse, sondern die Geschichte und wie sie erzählt wird, macht den Film aus und in beiden Filmen geht es, nach einer arg länglichen Vorstellung der Hauptpersonen, die trotzdem austauschbar und ohne individuelle Züge bleiben, nur noch um die bleihaltige und bombige Schlacht zwischen einigen tapferen Amerikanern, die versuchen ihre Kameraden und Landsleute vor einer Horde gesichtsloser Somalis (in „Black Hawk Down“) oder Libyer (in „13 Hours“) zu retten. Die Angreifer sind zwar mordgierig, aber letztendlich nur Kanonenfutter. Wie wir es aus zahllosen Western kennen, in denen tapfere Cowboys, Siedler und Soldaten die zahlenmäßig überlegenen Indianer, die reihenweise mit Kriegsgeheul in das Mündungsfeuer laufen, abknallen.
Diese Schlacht, die im Film um die zwei Stunden dauert, wird von Michael Bay dann auch kompetent und durchaus spannend als ohrenbetäubendes Action-Feuerwerk mit wenigen ruhigen Minuten erzählt.
Es ist allerdings auch ein Film, der sich nicht für die Gegner und ihre Motive interessiert. Die Libyer sind eine Horde gesichtsloser Angreifer, die auch als Somalis durchgehen könnten (halt wie es früher egal war, ob der Angriff von Apachen oder Comanchen oder irgendwelchen anderen Indianern erfolgte), und die möglichst fotogen in den Kugelhagel unserer Helden laufen und sterben sollen. Der politische Konflikt und die Situation in Libyen wird in einigen Texttafeln angesprochen, die gerade so als Alibi für den Waffenporno durchgehen, der noch im Abspann die tapferen US-Amerikaner feiert. Sie werden, Gefallene und Überlebende, namentlich und mit Bild gezeigt. Die über hundert Libyer, die ebenfalls starben, werden gerade mit einem Halbsatz erwähnt.
„13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ will, und nur ein Narr hätte bei Michael Bay ernsthaft etwas anderes erwartet, nicht mehr als eine pathetische Heldenverklärung von einer Handvoll Söldner sein, die einigen Landleuten das Leben retten.
Am Ende des Films wissen wir deshalb, was in Bengasi geschah. Aber nicht warum.

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13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi, USA 2016)
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Chuck Hogan
LV: Mitchell Zuckoff: Thirteen Hours: The inside account of what really happened in Benghazi, 2014 (13 Hours – Der Insider-Bericht über die wahren Ereignisse in Benghazi)
mit John Krasinski, Pablo Schreiber, Toby Stephens, Freddie Stroma, David Giuntoli, James Badge Dale, David Denman, Dominic Fumusa, Max Martini, Alexia Barlier, David Costabile, Peyman Moaadi, Matt Letscher, Demetrius Grosse
Länge: 145 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „13 Hours“
Metacritic über „13 Hours“
Rotten Tomatoes über „13 Hours“
Wikipedia über „13 Hours“ (englisch)
History vs. Hollywood über „13 Hours“

Meine Besprechung von Michael Bays „Pain & Gain“ (Pain & Gain, USA 2013, ebenfalls mit Mark Wahlberg)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs (Transformers: Age of Extinction, USA 2014)


TV-Tipp für den 6. November: The Town – Stadt ohne Gnade

November 5, 2015

RTL II, 20.15

The Town – Stadt ohne Gnade (USA 2010, Regie: Ben Affleck)

Drehbuch: Ben Affleck, Peter Craig, Aaron Stockard

LV: Chuck Hogan: Prince of Thieves, 2004 (Endspiel)

Bankräuber Doug MacRay überfällt mit drei Freunden eine Bank und verliebt sich anschließend in die Filialleiterin, die sie auf der Flucht als Geisel mitgenommen hatten. Jetzt will er aussteigen. Davor muss er allerdings noch seinen letzten Coup durchführen.

Nach der tollen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone“ blieb Ben Affleck in seiner zweiten Regiearbeit dem Genre und Boston treu. „The Town“ ist gutes altmodisches Erzählkino, bei dem die Story, die Charaktere und ihr Umfeld im Vordergrund stehen. In seinen wenigen Actionszenen und in der Struktur erinnert „The Town“ teilweise an Michael Manns „Heat“ – und das ist durchaus anerkennend gemeint. Ein feiner Gangsterfilm.

Da ist es auch egal, dass die Zahl der Banküberfälle in Boston viel geringer ist, als im Film behauptet wird und dass das Viertel Charlestown in den vergangenen fünfzehn Jahren gentrifiziert wurde. Jetzt sitzen da die anderen Bankräuber.

Chuck Hogan erhielt für seinen Roman „Endspiel“, der Vorlage für „The Town“, den Hammett-Preis und auch Stephen King (ein passionierter Blurber) war begeistert.

Und danach, um 22.35 Uhr, gleich zu 3sat umschalten. Dort läuft „Lawless – Die Gesetzlosen“.

mit Ben Affleck, Rebecca Hall, Jon Hamm, Jeremy Renner, Pete Postlethwaite, Chris Cooper

Wiederholung: Sonntag, 8. November, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Town“

Metacritic über “The Town”

Rotten Tomatoes über “The Town”

Wikipedia über “The Town” (deutsch, englisch)

The Boston Magazine: Interview mit Chuck Hogan (24. August 2010)

The Boston Magazine: Interview mit Chuck Hogan (15. September 2010)

The Boston Phoenix: Eugenia Williamson trifft Chuck Hogan (15. September 2010)

The Boston Globe: Billy Baker über das heutige Charlestown (18. September 2010)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung “Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel” (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012)


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