Neu im Kino/Filmkritik: Über Florian Dietrichs Spielfilmdebüt „Toubab“

September 24, 2021

Kaum aus der Haft entlassen schlägt Babtou bei einer spontanen Willkommensfeier auf einer Kreuzung einen Polizisten zusammen. Der Polizist hatte seinen besten Kumpel Dennis angegriffen. Als Babtou sich schon mental auf seinen nächsten Gefängnisaufenthalt vorbereitet, eröffnen die äußerst unsympathischen Beamten ihm, dass er, obwohl in Deutschland geboren, in den Senegal ausreisen muss. Daher kommt sein Vater und damit ist das nach dem deutschen Gesetz seine Heimat.

Babtou will allerdings nicht ausreisen. Frankfurt am Main ist seine Heimat. Dort will er bleiben. Und die einzige Möglichkeit, wie ihm das gelingen könnte ist, so seine Anwältin, eine in den nächsten Tagen geschlossene Ehe mit einer deutschen Frau.

Dummerweise haben alle Frauen, die der Kleinkriminelle Babtou kennt, so schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht, dass sie ihn unter keinen Umständen heiraten würden. Inzwischen ist aber auch die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt. Deshalb schlägt Babtou Dennis, seinem besten Kumpel seit Kindertagen, vor, dass sie eine Scheinehe eingehen. Schließlich hängen sie sowieso ständig miteinander ab. Außerdem wissen die beiden überzeugten und von sich überzeugten Heteros eigentlich alles übereinander.

Dennis ist einverstanden – und damit für die beiden Jugendfreunde ein wahrer Spießrutenlauf. Sie müssen penetrante Fragen von Beamten der Ausländerbehörde, die sofort eine Scheinehe vermuten, beantworten. Sie müssen zur Tarnung zusammenziehen. Babtous Verbrecherfreunde, alle ausgesprochene Machos, pflegen ihren Hass auf Schwule. Verbal und auch physisch. Und, als seien das noch nicht genug Probleme für die beiden Frankfurter Jungs, ist Dennis‘ Freundin schwanger von Dennis. Währenddessen geht Babtou, wenn er nicht gerade ein Auge auf die Nachbarin wirft, in seiner Rolle als seine Homosexualität offensiv auslebender Homosexueller auf. Als erstes dekoriert er ihre gemeinsame Wohnung mit dem Nippes und den Bildern, die gestrenge Beamte bei Homosexuellen vermuten. Danach muss, wenn sie von bestimmten Personen in der Öffentlichkeit gesehen werden, geknutscht werden.

Toubab“ ist eine angenehme Überraschung in der deutschen Filmlandschaft. Der Film ist eine rotzfreche Komödie, die sich mit aktuellen Problemen beschäftigt und sie niemals sozialarbeiterisch löst. Hier prallen Gegensätze aufeinander, ohne dass gleich eine einfache, alle zufriedenstellende Lösung angeboten wird. Im Gegensatz zu dem tonal anders gelagertem, ansonsten ebenso überzeugendem Ghettodrama „Ein nasser Hund“ basiert „Toubab“ nicht auf einer wahren Geschichte. Die Inspiration waren Theater- und Kunstprojekte, die Florian Dietrich in Wiesbaden im Gefängnis machte. Dabei begegnete er Häfltlingen, die gegen eine Abschiebung kämpften. Sie waren in Deutschland geboren und lebten seitdem in Deutschland. Aber vor dem Gesetz waren sie keine Deutschen, sondern Geduldete, deren Aufenthaltsbewilligung immer wieder verlängert wurde und die jetzt in ihre Heimat abgeschoben werden sollten. Es ist eine Heimat, die sie nicht kennen. Ausgehend von diesen Begegnungen entstnd die Idee, dieses Problem in einem Spielfilm zu verarbeiten. Und zwar nicht als dröges Sozialdrama, sondern als eine Screwball-Comedy, in der Katastrophe auf Katastrophe folgt. Das aus weitgehend unbekannten oder wenig bekannten Schauspielern bestehende Ensemble ist wunderbar stimmig. Das Milieu, in die sich bewegen, ist stimmig geschildert. Die Pointen sitzen. Und die Pointendichte ist hoch in diesem Loblied auf die Freundschaft.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der von Farba Dieng gespielte Babtou, ein großspuriger, aber immer sympathischer Kleingangster, der jede Situation mit einem breiten Grinsen und unerschütterlichem Optimismus meistert. Er wirkt wie die deutsche Ausgabe von Omar Sy oder Jean-Paul Belmondo, der früher auch so liebenswerte Taugenichtse spielte.

Toubab (Deutschland 2021)

Regie: Florian Dietrich

Drehbuch: Florian Dietrich, Arne Dechow

mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Michael Maertens, Valerie Koch, Paul Wollin, Burak Yiğit, Nina Gummich, Uwe Preuss, Ibrahima Sanogo, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi, Gerdy Zint, Julia Gräfner, Kwam.E, Tamer Arslan, Christopher Vantis

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Toubab“

Moviepilot über „Toubab“

Wikipedia über „Toubab“


Neu im Kino/Filmkritik: „Atlas“ Rainer Bock trägt schwer an seiner Last

April 26, 2019

Einer muss den Job ja machen: Möbel schleppen. Mal weil die Mieter ausziehen wollen, mal weil sie verstorben sind und mal, weil sie raussaniert werden. Walter Scholl (Rainer Bock) ist so ein Möbelpacker. Ein schweigsamer, älterer Mann, der immer noch für zwei Männer schleppen kann. Gewissensbisse hat er nicht. Bei den Räumungen werden sie schließlich von einem Gerichtsvollzieher begleitet, der bestätigt, dass alles nach Recht und Gesetz vor sich geht. Dass dafür die Gesetze gedehnt werden, ist ihm egal. Auch dass bei der aktuellen Räumung der Mieter die Wohnung nicht verlassen will, sie filmt (gut, da verbirgt Walter sein Gesicht ein wenig), mit der Polizei droht und einem Schreiben wedelt, das die geplante Räumung verhindert, gehört zum unerfreulichen Räumungsalltag.

Bei dieser Räumung glaubt Walter allerdings, dass der erboste Mieter Jan Haller (Albrecht Schuch) sein Sohn ist, den er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat. Vor dreißig Jahren hat er seine Frau und seinen Sohn verlassen, seine Identität gewechselt und ist seitdem untergetaucht. Seitdem lebt er lebt das perfekte unauffällige Leben. Den Grund enthüllt David Nawrath in seinem Kinodebüt „Atlas“ erst spät und er überzeugt nicht.

Und warum Walter in einem dreißigjährigen Mann seinen Sohn erkennen will, wird auch nie plausibel erklärt. Schließlich sieht ein Mittdreißiger anders aus als ein Kind.

Diese Drehbuchschwächen fallen vor allem deshalb auf, weil die Geschichte, trotz einiger pathetischer Momente, erfreulich unlarmoyant und ohne den üblichen Sozialkitsch deutscher Produktionen erzählt wird.

Außerdem spricht Nawrath das wichtige Thema Gentrifizierung an. In den Großstädten stiegen in den letzten Jahren die Mieten so stark an, dass inzwischen über Wohnungsbau, Mietendeckel und Enteignungen diskutiert wird. In Berlin läuft gerade das sehr erfolgreiche Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co enteignen“.

Nawrath beschreibt, wie Mieter vertrieben werden und Geschäftemacher mit Wohnraum viel Geld verdienen. In „Atlas“ ist es der Afsari-Klan, der, vertreten durch ein Familienmitglied in der Räumungsfirma, besonders brachial auftritt. In der Realität sind es oft international verschachtelte Gesellschaften, die durch wohlsituierte Anzugträger und Anwälte repräsentiert werden.

Vor diesem Hintergrund spielt sich die Vater-Sohn-Geschichte ab. Zuerst beobachtet Walter Jan, der wirklich sein Sohn ist. Später hilft er ihm, als dieser nachts von bestellten Schlägern überfallen wird. In dem Moment verlässt Walter endgültig sein zurückgezogenes Leben. Er wird vom scheinbar teilnahmslosen Beobachter zum Handelnden. Und er wird, auch weil Jan ihn zu einem Abendessen bei ihm, seiner Frau und seinem Sohn einlädt, gezwungen, über sein bisheriges Leben nachzudenken.

Weil Walter ein allein lebender, schweigsamer Eigenbrötler ist, geschieht dies vor allem über Walters Handlungen und Rainer Bocks Spiel. Für Bock, der vom Theater kommt, erst spät zum Film kam, seitdem in zahlreichen Nebenrollen, auch in internationalen Produktion wie Steven Spielbergs „Gefährten“, Anton Corbijns „A most wanted man“ und Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“, überzeugte, ist die Rolle von Walter die erste Hauptrolle. Er stemmt den Film, unterstützt von einer Riege deutscher Schauspieler, die ebenfalls als zuverlässige Nebendarsteller bekannt sind.

Atlas“ ist ein stilvoller deutscher Noir, der von den guten Schauspielern und der präzisen Regie über die, zugegeben, wenigen Probleme des Drehbuchs, getragen wird.

Atlas (Deutschland 2018)

Regie: David Nawrath

Drehbuch: David Nawrath, Paul Salisbury

mit Rainer Bock, Albrecht Schuch, Thorsten Merten, Uwe Preuss, Roman Kanonik, Nina Gummich

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Atlas“

Moviepilot über „Atlas“

 


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