Neu im Kino/Filmkritik: Aus den Akten des DC Universe: Wie Clayface „Clayface“ wurde

Oktober 22, 2026

Ein neuer DC-Film und wieder ein Film aus der Welt der Superhelden, in denen uns erzählt wird, wie einer der Bösewichter aus der Superheldenwelt zum Bösewicht wird. Dieses Mal ist es Clayface. Er ist bis jetzt als Schurke aus diversen Batman-Comics (mit verschiedenen Namen und Biographien) und TV-Serien bekannt.

Sein Kinodebüt hat er jetzt in James Watkins‘ „Clayface“. Mike Flanagan und Hossein Amini schrieben das Drehbuch. Tom Rhys Harries übernahm die Hauptrolle. Er spielt den aufstrebenden Schauspieler Matt Hagens, der im Verlauf des Films zu Clayface wird; – einem Menschen, der sein Gesicht und seine Gestalt verändern kann. Matt wurde gerade für einen wichtigen Preis nominiert, ist bei allen beliebt und anscheinend kurz davor, zum internationalen Superstar zu werden. Und er kommt aus Gotham aus ärmlichen Verhältnissen. Das ist für den Film unwichtig, für die im Film präsentierten Zeitschriftengeschichten über ihn wichtig.

Während der Promotour für seinen neuen Film, trifft er in Gotham in einer Disco auf eine dunkelhaarige Schönheit.

Als er am nächsten Tag im Bett neben ihr erwacht, steht ihr Mann vor ihr: der stadtbekannte, unangreifbare Gangsterboss Markos Szabo (David Dencik). Er verunstaltet Matts Gesicht. Damit ist seine Karriere als Schauspieler vorbei. Seine Agenten lassen ihn fallen. Sein Vermögen schmilzt rapide.

Da erfährt er von einer experimentellen Therapie mit Nanozellen. Dr. Caitlyn Corr (Naomi Ackie) behandelt ihn. Die Narben verschwinden aus Matts Gesicht. Aber wie jedes Wunderheilmittel hat auch diese Therapie ihre Nebenwirkungen.

Außerdem will Matt sich an den Menschen rächen, die ihm Unrecht antaten.

„Clayface“ ist, nach „Superman“ und „Supergirl“, der dritte Film im DC Universe (DCU), das von James Gunn und Peter Safran verantwortet wird. Er gehört außerdem zum, etwas umständlich betitelten „Chapter One: Gods and Monsters films“. Clayface gehört zu den Monstern. Immerhin ermordet der Antiheld während des Films, zunehmend kaltblütig, einige Menschen. Wie es mit ihm im DC Universe weitergeht, ist unklar. Im Moment ist „Clayface“ in jeder Beziehung ein Einzelfilm, für den man absolut nichts über Gotham und die DCU-Welt wissen muss.

Im Gegensatz zu den quietschbunten ersten beiden DCU-Filmen ist „Clayface“ ein Bodyhorrorfilm mit einem für einen Superheldenfilm extrem niedrigen Budget von irgendetwas zwischen 30 und 44 Millionen US-Dollar. Das ist ein Budget, das Experimente erlaubt und immer noch für einen Gewinn an der Kinokasse sorgen sollte. Entsprechend eklig sind viele der Horrorszenen. Es ist auch ein Film ohne große Stars und ohne epische Schlachten. Ein Kampf in einer Disco beeindruckt vor allem dadurch, dass Matt ständig seine Gestalt verändert. Dafür wird er von verschiedenen Schauspielern gespielt.

Diese Gestaltwandler-Fähigkeit ist eine Nebenwirkung der von Corr bei ihm angewandten Therapie, die irgendetwas mit Nanozellen zu tun hat. Es ist auch eine Fähigkeit, deren Wirkungsweise im Film mal so, mal so funktioniert. Einmal kommt sie zufällig, einmal wenn er wütend ist (dann verwandelt sich sein Gesicht in das Gesicht der Person auf die er wütend ist) und dann kann er die Verwandlung steuern. Beispielsweise in der eben erwähnten Disco-Szene. Letztendlich setzen Flanagan, Amini und Watkins Matts Gestaltwandler-Fähigkeit nach Belieben und vollkommen willkürlich ein. Für Spannung sorgt das nicht, weil Matt, wenn er in Gefahr ist, einfach seine Gestalt ändert und so aus jeder brenzligen Situation entkommenn kann.

Matt selbst ist – und das ist ein durchgängiges Problem aller Superbösewichter-Origin-Geschichten – kein sympathischer Charakter. Nicht am Anfang, nicht am Ende und auch nicht dazwischen. Er ist eine eindimensionale Figur, die im Verlauf des Films keine Wandlung erfährt. Er ändert sich nicht. Er ist böse. Er hat keinen moralischen Konflikt. Er fragt sich nie, ob er dieses oder jenes tun soll, ob er etwas lernt aus seinen Erfahrungen und ob er ein besserer Mensch werden möchte. Er fragt sich nie, wie er mit seiner Veränderung umgeht. Darum ging es beispielsweise in „Die Fliege“ (David Cronenberg zeigt in seiner Version, wie ein Mensch und eine Fliege zu einem neuen Wesen werden) oder in Sam Raimis „Darkman“. ‚Clayface‘ Matt Hagens will sich einfach nur rächen an den Menschen, die ihm sein Aussehen, seine Karrieren und sein Geld stahlen. Anfangs geschehen seine Morde eher zufällig, später geplant. Dabei haben Szabos Handlanger ebenfalls den Tod verdient.

Diese Rachegeschichte erzählt James Watkins durchaus effektiv, aber auch strikt entlang der bekannten Storykonventionen.

Clayface (Clayface, Großbritannien/UUSA 2026)

Regie: James Watkins

Drehbuch: Mike Flanagan, Hossein Amini (nach einer Geschichte von Mike Flanagan, basierend auf Figuren aus dem DC-Universum)

mit Tom Rhys Harries, Naomi Ackie, David Dencik, Max Minghella, Eddie Marsan, Nancy Carroll, Joshua James

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Clayface“

Metacritic über „Clayface“

Rotten Tomatoes über „Clayface“

Wikipedia über „Clayface“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Bastille Day“ (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „McMafia – Staffel 1“ (McMafia, Großbritannien 2018)

Meine Besprechung von James Watkins‘ „Speak no evil“ (Speak no evil, USA 2024)

Meine Besprechung von James Gunns „Superman“ (Superman, USA 2025)

Meine Besprechung von Craig Gillespies „Supergirl“ (Supergirl, USA 2026)


TV-Tipp für den 1. Januar: Babylon – Rausch der Ekstase

Dezember 31, 2024

RTL II, 20.15

Babylon – Rausch der Ekstase (Babylon, USA 2022)

Regie: Damien Chazelle

Drehbuch: Damien Chazelle

TV-Premiere – wahrscheinlich massiv gekürzt. Denn der Film ist „frei ab 16 Jahre“. Die Nachtwiederholung sollte ungekürzt sein.

Grandios anfangende, dann zunehmend ziellos vor sich hin mäandernde über dreistündige Liebeserklärung an das klassische Hollywood zwischen Stummfilm und frühem Tonfilm und einem ausführlichen Blick auf damalige Exzesse und Skandale. Mit einigen Auslassungen.

„Babylon – Rausch der Ekstase“ ist das filmische Äquivalent zum Blättern in Skandalblättern oder Skandalchroniken, wie Kenneth Angers „Hollywood Babylon“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Olivia Hamilton, Tobey Maguire, Max Minghella, Rory Scovel, Katherine Waterston, Flea, Jeff Garlin, Eric Roberts, Ethan Suplee, Samara Weaving, Olivia Wilde, Joe Dallesandro, Marc Platt, Spike Jonze

Wiederholung: Donnerstag, 2. Januar, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Babylon“

Metacritic über „Babylon“

Rotten Tomatoes über „Babylon“

Wikipedia über „Babylon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Aufbruch zum Mond“ (First Man, USA 2018)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Babylon – Rausch der Ekstase“ (Babylon, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Hollywood „Babylon“, munter an den Fakten entlang fantasiert

Januar 19, 2023

Für Damien Chazelle war früher vielleicht nicht alles besser, aber in jedem Fall war es aufregender und, nun, in Ermangelung eines besseren Wortes, besser. Das gilt für seine Verklärungen älterer Jazzstile in „Whiplash“ und „La La Land“.

Das gilt jetzt für seine Verklärung der frühen Jahre Hollywoods, als einige Glücksritter aus der Brachlandschaft um Los Angeles Hollywood erschufen. Sein Film beginnt 1926 mit einer riesigen Party, auf der die meisten der für die nächsten drei Stunden wichtigsten Figuren vorgestellt werden. Es sind Manny Torres (Diego Calva), ein junger Mexikaner, der irgendetwas im Filmgeschäft machen will. Staunend sieht er das enthemmte Treiben der oberen Zehntausend auf dieser Party in dem einsam gelegenem Anwesen. Dort lernt Manny die lebhafte Nellie LaRoy (Margot Robbie) kennen. Noch ist sie ein No-Name. Aber das ändert sich schnell. Mit ihrer exaltierten Art und ihrem Stofffetzen von Kleid lenkt sie die Blicke und die Aufmerksamkeit auf sich. Bis sie ein Angebot für eine Rolle in einem Stummfilm erhält. Und er begegnet Jack Conrad (Brad Pitt). Conrad ist ein großer Stummfilmstar mit noch größerem Alkoholkonsum. Frauen tanzen, spärlich bekleidet, orgiastisch zur treibenden Musik der selbstverständlich nur aus schwarzen Musikern bestehenden Jazzband. Zur Band gehört der Trompeter Sidney Palmer (Jovan Adepo), der später beim Film Geld verdient und bei den Dreharbeiten für einen Song ein sehr demütigendes Erlebnis hat. Die große Sensation der Party, die im Film eine gute halbe Stunde dauert, ist ein Elefant, den Manny zu der Party transportierte. Der Vierbeiner hat seinen großen Auftritt, als er in den Saal getrieben wird und alle Blicke auf sich lenkt, während am anderen Ende des Saales die Leiche eines Starlets aus dem Haus getragen wird.

Nach der Party fährt Manny den stockbesoffenen Conrad nach Hause. Dieser verschafft ihm anschließend einen Job und schon sind wir bei dem nächsten großen Set-Piece von Damien Chazelles „Babylon – Rausch der Ekstase“: dem Studiogelände von Kinoscope Pictures. Auf einem riesigen Feld finden parallel die Dreharbeiten für mehrere, vollkommen unterschiedliche Filme statt. Es ist ein einziges organisiertes Chaos. Lärm und Umgebungsgeräusche sind – es werden ja Stummfilme gedreht – kein Problem. Jedes Set hat seine eigene Band. Die größte Band, ein dreißigköpfiges Orchester, spielt für einen Monumentalfilm, bei dem die Statisten eine Schlacht nachstellen. Ein Statist wird dabei von einem Speer durchbohrt. Unfälle passieren halt.

Und so geht es weiter. Chazelle zeigt die Stummfilmjahre als einen einzigen Exzess, in dem ohne Folgen zu befürchten, alles erlaubt und getan wurde. So ist der Tod des Starlets bei der Eröffnungsparty, für die weitere Filmgeschichte unerheblich. Gleiches gilt für den Statisten bei dem Monumentalfilm. Oder all den anderen bizarren Geschichten von Partys und Dreharbeiten. Es geht um einen in einer Toilette fest steckenden Kopf, betrunkene Mutproben mit Schlangen in der Wüste und den für alle enervierenden Dreharbeiten für den Tonfilm. Denn während sie im Stummfilm munter vor sich hin improvisieren und lärmen konnten, müssen sie jetzt alle mucksmäuschenstill sein und Nellie muss ihren Text an präzise festgelegten Punkten in einer bestimmten Lautstärke aufsagen. Da ist das Stöhnen des Kameramanns über die tropische Hitze und den Sauerstoffmangel in seiner Kabine vernachlässigbar.

„Babylon“ ist eine eine gute Stunde zu lang geratene Abfolge von zwischen 1926 und 1932 spielenden Anekdoten, die lose zusammengehalten werden durch das wiederholte Auftauchen bekannter Gesichter. Diese Figuren sind, und das fällt spätestens mit dem Beginn des Tonfilms auf, reine Platzhalter.

So berührt der Abstieg von Jake Conrad nicht weiter. Das gleiche gilt letztendlich für das Schicksal von Nellie und Manny. Er besucht 1952 im Epilog, zwanzig Jahre nach den Ereignissen von „Babylon“, wieder Hollywood.

Es gibt, nachdem während der Stummfilmzeit das Organisierte Verbrechen keine Rolle spielte, eine in den frühen Dreißigern spielende Episode um Spielschulden und den Besuch in der Kanalisation von Los Angeles in einer sich über mehrere Etagen erstreckenden Untergrund-Sex-Höhle. Die gesamte Episode wirkt wie ein Outtake aus einem Exploitation-Horrorfilm. Immerhin hat Tobey Maguire hier einen wahrhaft bizarren Auftritt als Gangster und Casinochef.

Der Film selbst ist wie das Blättern in Skandalblättern oder Skandalchroniken, wie Kenneth Angers höchst unterhaltsamer, nicht besonders faktensicherer „Hollywood Babylon“. Sie war 1959 das erste Werk dieser Art und die Blaupause für alle weiteren Skandalchroniken: etwas Klatsch über bekannte Schauspieler, warnende Geschichten über gefallene Starlets, Drogen, Sex, mehr oder weniger rätselhafte Todesfälle (zwischen dummen Zufällen und möglicherweise eiskalt geplanten Morden) und Fotos von Unfällen, verwüsteten Hotelzimmern und nackten Schönheiten.

Mehr ist Chazelles „Babylon“ auch nicht. Außer dass er behauptet, dass die Stummfilmzeit in jeder Beziehung viel besser als alles war, was danach kam.

Dabei wissen wir doch dank James Ellroy, dass es in den Vierzigern und Fünfzigern nicht besser war. Ich sage nur „L. A. Confidential“. Dank Peter Biskind und seinen seitenstarken Büchern über das Hollywoodkino der siebziger, achtziger und neunziger Jahre wissen wir, dass es später nicht schlechter wurde. Mit seinem 1969 spielendem „Once upon a Time in Hollywood“ (ebenfalls mit Margot Robbie und Brad Pitt) quetsche Quentin Tarantino sich dazwischen. Und die Coen-Brüder erzählen in ihrer Komödie „Hail, Caesar!“ von schwierigen Dreharbeiten in den Fünfzigern. Das mag, für alle, die sich nach Chazelles „Babylon“, weiter in mehr oder weniger erfundenen Hollywood-Skandalen suhlen wollen, an Tipps genügen.

Babylon – Rausch der Ekstase (Babylon, USA 2022)

Regie: Damien Chazelle

Drehbuch: Damien Chazelle

mit Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Olivia Hamilton, Tobey Maguire, Max Minghella, Rory Scovel, Katherine Waterston, Flea, Jeff Garlin, Eric Roberts, Ethan Suplee, Samara Weaving, Olivia Wilde, Joe Dallesandro, Marc Platt, Spike Jonze

Länge: 189 Minuten (vier Minuten kürzer als „Avatar: The Way of Water“)

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Babylon“

Metacritic über „Babylon“

Rotten Tomatoes über „Babylon“

Wikipedia über „Babylon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)

Meine Besprechung von Damien Chazelle „Aufbruch zum Mond“ (First Man, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Saw: Spiral“ mordet pervers weiter

September 17, 2021

Der Jigsaw-Killer ist tot. Trotzdem begeht er oder ein Nachahmungstäter jetzt weitere Morde mit perversen Tötungsvorrichtungen. Sein erstes Opfer ist ein Detective, der in einem U-Bahn-Tunnel die Wahl hat, sich entweder die Zunge herauszureißen oder von einer U-Bahn überfahren zu werden. Er behält seine Zunge.

Den Fall übernimmt der mit ihm befreundete Detective Ezekiel ‚Zeke‘ Banks (Chris Rock), Sohn des pensionierten Polizeichefs Marcus Banks (Samuel L. Jackson, gewohnt souverän sein Ding durchziehend).

Ezekiel Banks ist der typische Hardboiled-Cop der Dirty-Harry-Schule: ein unangepasster, großmäuliger, sich ständig mit seinen wahlweise inkompetenten oder faulen Kollegen anlegender Einzelgänger, der einen Tobsuchtsanfall bekommt, als ihm ein neuer Partner, der Neuling William Schenk (Max Minghella), zugeteilt wird. Die beiden Polizisten suchen jetzt gemeinsam den Mörder, während dieser munter weitermordet. Dabei tötet er nur, auf denkbar pervesteste Art, Menschen, die den Tod verdient haben. Dieses Mal konzentriert er sich auf korrupte, pflichtvergessene und schlichtweg verbrecherische Polizisten.

„Saw: Spiral“ ist der neunte „Saw“-Film. Darren Lynn Bousman, der bereits den zweiten, dritten und vierten „Saw“-Film inszenierte, übernahm wieder die Regie. Das Drehbuch ist von Josh Stolbert und Pete Goldfinger, den Autoren des vorherigen „Saw“-Films „Jigsaw“. „Saw“-Fan Chris Rock hatte die Idee für den Film mit und er übernahm auch die Hauptrolle. Er spielt Detective Banks allerdings hoffnungslos überdreht. In einem „Saturday Night Live“-Sketch wäre dieses nervige Spiel und die hanebüchenen Dialoge gerade noch akzeptabel. In einem Horrorfilm nicht.

Und selbstverständlich gibt es einige perverse Morde. Das war schon immer das Kennzeichen der „Saw“-Reihe: ein maskierter Mörder, der Jigsaw-Killer, schnappt sich Menschen, die etwas Schlimmes getan haben, sperrt sie in eine Tötungsvorrichtung und stellt sie vor die Wahl, sich selbst zu verstümmeln oder brutal zu sterben. Über die moralischen Implikationen dieses Konzepts und der Taten sollten wir jetzt nicht weiter nachdenken.

Kommen wir gleich zum neuesten „Saw“-Film. Hauptsächlich spult „Saw: Spiral“ das Programm eines klischeebelasteten Cop-Thrillers der Post-Dirty-Harry-Ära in der Billigvariante ab. Da wird munter über Tatorte gelatscht und, ohne Handschuhe, fast immer alles angefasst. Dabei sollte spätestens seit „C. S. I.“ jeder wissen, dass so nur der Tatort verunreinigt und alle Spuren unbrauchbar werden. Da gibt es auf dem Revier die sattsam bekannten Hahnenkämpfe mit Sätzen, die noch nicht einmal in die erste Fassung des Drehbuchs hätten gelangen dürfen. Da wird die belanglose Schnitzeljagd-Story durch vorhersehbare Twists und Jigsaw-Morde vorangetrieben bis zur großen Enttarnung von Täter und Motiv.

„Saw: Spiral“ ist ein belangloses Werk, das in seinen besten Momenten langweilt und in seinen schlechtesten nervt.

Saw: Spiral (Spiral: From the Book of Saw, USA 2021)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Josh Stolberg, Pete Goldfinger

mit Chris Rock, Samuel L. Jackson, Max Minghella, Marisol Nichols

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

–

Zur schnellen Auffrischung: ein Best-of früherer Taten des Jigsaw-Killers

–

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Saw: Spiral“

Metacritic über „Saw: Spiral“

Rotten Tomatoes über „Saw: Spiral“

Wikipedia über „Saw: Spiral“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Lynn Bousmans „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“ (Mother’s Day, USA 2010)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Google-Werbefilm „Prakti.com“

September 26, 2013

Auf den ersten Blick ist „Prakti.com“, der neue Film von „Real Steel“-Regisseur Shawn Levy eine nette Buddy-Komödie und ein lässiges Coming-of-Age-Drama mit humanistischer Botschaft. Und dass Owen Wilson und Vince Vaughn, der auch das Drehbuch schrieb, die Hauptrollen übernahmen, spricht ebenfalls für den Film. Immerhin sind das zwei sympathische Jungs, mit denen man gerne ein Bier trinkt. Sie spielen Billy (Vince Vaughn) und Nick (Owen Wilson), zwei richtig altmodische Vertreter, deren Firma dummerweise geschlossen wird, weil auch die Geschäfte mit wertvollen Uhren jetzt im Internet erledigt werden. Im Internet sind aber ihre Talente nicht gefragt und nach desaströsen Erfahrungen mit wirklichen Arschloch-Chefs entschließen die beiden Computer-Analphabeten sich, einen Neustart in einem aufstrebendem Unternehmen zu wagen: Google. Denn das Internet ist die Zukunft und Billy und Nick wollen ihre Chance ergreifen. Wider Erwarten erhalten die Mittvierziger die begehrten Praktikumsplätze und befinden sich plötzlich unter einer Horde Jugendlicher, die ihre Kinder sein könnten, die hochintelligent sind, aber über keine Emotionale Intelligenz verfügen, keine Lebenserfahrung haben (Erster Sex? Erstes Besäufnis? Nada.) und sich nur mit Nullen und Einsen auskennen. Damit können unsere beiden Jungs nichts anfangen – und über gut zwei Stunden amüsieren sie sich bei Google, bringen den Kindern etwas bei und formen aus den lebensuntüchtigen Nerds ein lebensfähiges Team.

Das verläuft alles in den bekannten Bahnen, garniert mit einigen netten Witzen und einem Blick in die Welt von Google. Das Unternehmen gewährte den Filmemachern einen Einblick in ihre Arbeit und beriet auch auf fachlicher Ebene. Auf das Drehbuch, so die Filmemacher im Presseheft, nahm der Internetgigant keinen Einfluss. Das war auch nicht nötig. Denn in dem Werbefilm für Google – und mehr ist „Prakti.com“ letztendlich nicht – wird die Google-Ideologie so nett verpackt, dass man kaum bemerkt, wie einem hier eine erzkapitalistische Ideologie verkauft wird, in dem alles zu Geld gemacht wird und nur das Prinzip des Überlebens des Stärkeren propagiert wird.

In „Prakti.com“ muss allerdings niemand mehr vom Manchester-Kapitalismus überzeugt werden. Die Firma mit dem unmenschlichsten Ausleseprinzip (immerhin wird nur ein Praktikantenteam die begehrten Jobs bekommen) soll die menschlichste Firma im ganzen Land sein und alle Menschen wollen verzweifelt die Vorgaben der Gesellschaft erfüllen. Sie stellen sie nicht mehr in Frage, zweifeln nicht an den Werten, sondern arbeiten härter als die Max Weberschen Calvinisten, weil sie nur so dazugehören können. Und der amerikanische Traum verkommt, vollkommen ironiefrei, zum Kampf um einen Arbeitsplatz.

Selten wurde Ideologie so wattig nett verpackt, dass sie auch in einem Werbefilm, der wie eine Gehirnwäsche funktioniert, kaum noch auffällt. Denn am Ende will man gar nicht mehr glauben, dass diese beste aller Firmen auch irgendetwas schlechtes machen kann. Levys Film ist keine Satire, keine Demaskierung von Google, sondern, in den Worten der Macher, eine Sommerkomödie, in der genuine Altruismus von Google und deren ständiges Bemühen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, gezeigt werde.

Und dieses Bemühen kennt nun mal keinen Feierabend und keine Grenze.

Allerdings hat „Prakti.com“, wahrscheinlich unwissentlich, eine sehr subversive Komponente: denn während bei Google der Geist der Effizienz herrscht, wirkt der gesamte Film lässig bis nachlässig vor sich hin improvisiert. Ganz das Gegenteil der Google-Philosophie.

PraktiCom - Poster

Prakti.com – Die klicken nicht richtig (The Internship, USA 2013)

Regie: Shawn Levy

Drehbuch: Vince Vaughn, Jared Stern (nach einer Geschichte von Vince Vaughn)

mit Vince Vaughn, Owen Wilson, Rose Byrne, Aasif Mandvi, Max Minghella, Josh Brener, Dylan O’Brien, Tiya Sircar, Tobit Raphael, Josh Gad, John Goodman

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Prakti.com“

Moviepilot über „Prakti.com“

Metacritic über „Prakti.com“

Rotten Tomatoes über „Prakti.com“

Wikipedia über „Prakti.com“ (deutsch, englisch)