Neu im Kino/Filmkritik: Hollywood „Babylon“, munter an den Fakten entlang fantasiert

Januar 19, 2023

Für Damien Chazelle war früher vielleicht nicht alles besser, aber in jedem Fall war es aufregender und, nun, in Ermangelung eines besseren Wortes, besser. Das gilt für seine Verklärungen älterer Jazzstile in „Whiplash“ und „La La Land“.

Das gilt jetzt für seine Verklärung der frühen Jahre Hollywoods, als einige Glücksritter aus der Brachlandschaft um Los Angeles Hollywood erschufen. Sein Film beginnt 1926 mit einer riesigen Party, auf der die meisten der für die nächsten drei Stunden wichtigsten Figuren vorgestellt werden. Es sind Manny Torres (Diego Calva), ein junger Mexikaner, der irgendetwas im Filmgeschäft machen will. Staunend sieht er das enthemmte Treiben der oberen Zehntausend auf dieser Party in dem einsam gelegenem Anwesen. Dort lernt Manny die lebhafte Nellie LaRoy (Margot Robbie) kennen. Noch ist sie ein No-Name. Aber das ändert sich schnell. Mit ihrer exaltierten Art und ihrem Stofffetzen von Kleid lenkt sie die Blicke und die Aufmerksamkeit auf sich. Bis sie ein Angebot für eine Rolle in einem Stummfilm erhält. Und er begegnet Jack Conrad (Brad Pitt). Conrad ist ein großer Stummfilmstar mit noch größerem Alkoholkonsum. Frauen tanzen, spärlich bekleidet, orgiastisch zur treibenden Musik der selbstverständlich nur aus schwarzen Musikern bestehenden Jazzband. Zur Band gehört der Trompeter Sidney Palmer (Jovan Adepo), der später beim Film Geld verdient und bei den Dreharbeiten für einen Song ein sehr demütigendes Erlebnis hat. Die große Sensation der Party, die im Film eine gute halbe Stunde dauert, ist ein Elefant, den Manny zu der Party transportierte. Der Vierbeiner hat seinen großen Auftritt, als er in den Saal getrieben wird und alle Blicke auf sich lenkt, während am anderen Ende des Saales die Leiche eines Starlets aus dem Haus getragen wird.

Nach der Party fährt Manny den stockbesoffenen Conrad nach Hause. Dieser verschafft ihm anschließend einen Job und schon sind wir bei dem nächsten großen Set-Piece von Damien Chazelles „Babylon – Rausch der Ekstase“: dem Studiogelände von Kinoscope Pictures. Auf einem riesigen Feld finden parallel die Dreharbeiten für mehrere, vollkommen unterschiedliche Filme statt. Es ist ein einziges organisiertes Chaos. Lärm und Umgebungsgeräusche sind – es werden ja Stummfilme gedreht – kein Problem. Jedes Set hat seine eigene Band. Die größte Band, ein dreißigköpfiges Orchester, spielt für einen Monumentalfilm, bei dem die Statisten eine Schlacht nachstellen. Ein Statist wird dabei von einem Speer durchbohrt. Unfälle passieren halt.

Und so geht es weiter. Chazelle zeigt die Stummfilmjahre als einen einzigen Exzess, in dem ohne Folgen zu befürchten, alles erlaubt und getan wurde. So ist der Tod des Starlets bei der Eröffnungsparty, für die weitere Filmgeschichte unerheblich. Gleiches gilt für den Statisten bei dem Monumentalfilm. Oder all den anderen bizarren Geschichten von Partys und Dreharbeiten. Es geht um einen in einer Toilette fest steckenden Kopf, betrunkene Mutproben mit Schlangen in der Wüste und den für alle enervierenden Dreharbeiten für den Tonfilm. Denn während sie im Stummfilm munter vor sich hin improvisieren und lärmen konnten, müssen sie jetzt alle mucksmäuschenstill sein und Nellie muss ihren Text an präzise festgelegten Punkten in einer bestimmten Lautstärke aufsagen. Da ist das Stöhnen des Kameramanns über die tropische Hitze und den Sauerstoffmangel in seiner Kabine vernachlässigbar.

Babylon“ ist eine eine gute Stunde zu lang geratene Abfolge von zwischen 1926 und 1932 spielenden Anekdoten, die lose zusammengehalten werden durch das wiederholte Auftauchen bekannter Gesichter. Diese Figuren sind, und das fällt spätestens mit dem Beginn des Tonfilms auf, reine Platzhalter.

So berührt der Abstieg von Jake Conrad nicht weiter. Das gleiche gilt letztendlich für das Schicksal von Nellie und Manny. Er besucht 1952 im Epilog, zwanzig Jahre nach den Ereignissen von „Babylon“, wieder Hollywood.

Es gibt, nachdem während der Stummfilmzeit das Organisierte Verbrechen keine Rolle spielte, eine in den frühen Dreißigern spielende Episode um Spielschulden und den Besuch in der Kanalisation von Los Angeles in einer sich über mehrere Etagen erstreckenden Untergrund-Sex-Höhle. Die gesamte Episode wirkt wie ein Outtake aus einem Exploitation-Horrorfilm. Immerhin hat Tobey Maguire hier einen wahrhaft bizarren Auftritt als Gangster und Casinochef.

Der Film selbst ist wie das Blättern in Skandalblättern oder Skandalchroniken, wie Kenneth Angers höchst unterhaltsamer, nicht besonders faktensicherer „Hollywood Babylon“. Sie war 1959 das erste Werk dieser Art und die Blaupause für alle weiteren Skandalchroniken: etwas Klatsch über bekannte Schauspieler, warnende Geschichten über gefallene Starlets, Drogen, Sex, mehr oder weniger rätselhafte Todesfälle (zwischen dummen Zufällen und möglicherweise eiskalt geplanten Morden) und Fotos von Unfällen, verwüsteten Hotelzimmern und nackten Schönheiten.

Mehr ist Chazelles „Babylon“ auch nicht. Außer dass er behauptet, dass die Stummfilmzeit in jeder Beziehung viel besser als alles war, was danach kam.

Dabei wissen wir doch dank James Ellroy, dass es in den Vierzigern und Fünfzigern nicht besser war. Ich sage nur „L. A. Confidential“. Dank Peter Biskind und seinen seitenstarken Büchern über das Hollywoodkino der siebziger, achtziger und neunziger Jahre wissen wir, dass es später nicht schlechter wurde. Mit seinem 1969 spielendem „Once upon a Time in Hollywood“ (ebenfalls mit Margot Robbie und Brad Pitt) quetsche Quentin Tarantino sich dazwischen. Und die Coen-Brüder erzählen in ihrer Komödie „Hail, Caesar!“ von schwierigen Dreharbeiten in den Fünfzigern. Das mag, für alle, die sich nach Chazelles „Babylon“, weiter in mehr oder weniger erfundenen Hollywood-Skandalen suhlen wollen, an Tipps genügen.

Babylon – Rausch der Ekstase (Babylon, USA 2022)

Regie: Damien Chazelle

Drehbuch: Damien Chazelle

mit Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Olivia Hamilton, Tobey Maguire, Max Minghella, Rory Scovel, Katherine Waterston, Flea, Jeff Garlin, Eric Roberts, Ethan Suplee, Samara Weaving, Olivia Wilde, Joe Dallesandro, Marc Platt, Spike Jonze

Länge: 189 Minuten (vier Minuten kürzer als „Avatar: The Way of Water“)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Babylon“

Metacritic über „Babylon“

Rotten Tomatoes über „Babylon“

Wikipedia über „Babylon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „Whiplash“ (Whiplash, USA 2014)

Meine Besprechung von Damien Chazelles „La La Land“ (La La Land, USA 2016)

Meine Besprechung von Damien Chazelle „Aufbruch zum Mond“ (First Man, USA 2018)


TV-Tipp für den 6. September: Nur ein kleiner Gefallen

September 5, 2020

Pro7, 20.15

Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)

Die mondäne, so überhaupt nicht in die Vorstadt passende Emily bittet Stephanie, für einige Stunden auf ihren Sohn aufzupassen. Die mustergültige Vorstadtmom Stephanie tut es: Als Emily ihren Sohn nicht abholt, sondern spurlos verschwindet, beginnt sie sie zu suchen und entdeckt so einige Geheimnisse.

TV-Premiere. Äußerst gelungener Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt. Paul Feig inszenierte hier einen Krimi, der auch Alfred Hitchcock ohne den Schatten eines Zweifels gefallen hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des „Suburban Noir“ (Paul Feig).

mit Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Andrew Rannells, Jean Smart, Bashir Salahuddin, Joshua Satine, Ian Ho, Rupert Friend

Hinweise

Moviepilot über „Nur ein kleiner Gefallen“

Metacritic über „Nur ein kleiner Gefallen“

Rotten Tomatoes über „Nur ein kleiner Gefallen“

Wikipedia über „Nur ein kleiner Gefallen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Nur ein kleiner Gefallen“ (A simple Favor, USA 2018) und der DVD

Meine Besprechung von Paul Feigs „Last Christmas“ (Last Christmas, Großbritannien 2019)


TV-Tipp für den 31. August: The Accountant

August 30, 2020

ZDF, 22.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Wiederholung: Mittwoch, 2. September, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


TV-Tipp für den 10. November: The Accountant

November 9, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


DVD-Kritik: „Nur ein kleiner Gefallen“, etwas penetrante Neugier und einige Verbrechen in der Vorstadt

Mai 1, 2019

Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert über diesen „Suburban Noir“ (Feig über den Film):

Einen solchen Film hätte man von Paul Feig nicht erwartet. Er ist vor allem als Regisseur von enorm erfolgreichen Komödien bekannt. „Brautalarm“, „Taffe Mädels“ (The Heat) „Spy: Susan Cooper Undercover“ und „Ghostbusters“. Immer mit Frauen in den Hauptrollen, immer mit Melissa McCarthy und immer mehr als nur einen Tick über dem Klamauk der meisten improvisationsfreudigen US-Komödien, die Infantilität als Humor verkaufen.

Da ist „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Überraschung. Denn obwohl es einiges zu Lachen gibt, ist der Film mehr ein Neo-Noir als eine Komödie.

Im Mittelpunkt steht Stephanie Smothers (Anna Kendrick). Die allein erziehende Witwe ist eine typische Soccer-Mum, die Kuchen für alle backt, hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe ist und einen Vlog hat, in dem sie Küchentipps gibt und vor laufender Kamera, vor sich hin plappernd, Essen kocht.

Da trifft sie Emily Nelson (Blake Lively, kälter als eiskalt). Ihr Sohn Nicky geht in die gleiche Klasse wie Stephanies Sohn Miles. Emily ist eine für die Vorstadt mehr als mondäne, in New York arbeitende Mode-PR-Chefin, die mit einem erfolgreichen englischen Autor verheiratet ist. Wobei Sean Townsend (Henry Golding) nach seinem gefeierten Debüt kein weiteres Buch mehr schrieb. Inzwischen bestreitet Emily das Familieneinkommen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund findet Emily die unbeholfene und arg naive Stephanie sympathisch. Sie schüttet ihr ihr Herz aus. Auch dass ihr Mann gar nicht so nett sei, wie er auf den ersten Blick erscheine. Die beiden ungleichen Frauen werden beste Freundinnen. Der gewiefte Krimifan vermutet bei dieser Freundschaft selbstverständlich sehr unschöne Hintergedanken von Emily und auch die anderen Schuleltern trauen dieser Freundschaft nicht.

Eines Tages bittet Emily Stephanie um einen Gefallen: sie soll einige Stunden auf ihren Sohn aufpassen. Aber Emily holt Nicky nie ab. Sie verschwindet spurlos.

Stephanie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Emily zu finden. Sie schnüffelt herum, sie ruft ihre Follower auf, ihr bei der Suche nach Emily zu helfen. Sie fragt sich, ob Emily verschwunden ist oder von ihrem Mann Sean umgebracht wurde.

Wir fragen uns, ob Stephanie wirklich so unschuldig ist, wie sie tut. Schließlich ist auch sie immer so nervig überdreht naiv und freundlich, dass sie schon dadurch verdächtig wirkt. Und natürlich wäre Sean ein gut aussehender und vermögender Ehemann, der mit einer liebevollen Ehefrau sicher wieder Bücher schreiben würde.

Weil Feig in „Nur ein kleiner Gefallen“ herrlich unbekümmert zwischen Neo-Noir und banaler Krimikomödie pendelt, ist auch lange unklar, wie die Geschichte endet. Denn während in einem Noir alles in schönster Verzweiflung endet und alle Pläne scheitern, endet in einer Krimikomödie alles viel optimistischer. Vor allem in erfolgreichen Serien wie „Monk“, „Psych“ (beides TV, aber auch einige Buchfälle) und den Stephanie-Plum-Krimis von Janet Evanovich (Romane, aber auch ein Kinofilm, der wie der Auftakt zu einer TV-Serie aussieht) endet alles immer harmonisch, bis der Ermittler nächste Woche einen neuen Fall hat. Stephanie Smothers gehört in diesen Krimikosmos. Sie hätte als eine Wiedergängerin von Miss Marple und all den anderen, die Polizei nervenden Ermittler, das Potential für eine nette, beschauliche Krimiserie. So in Richtung „Mord mit Aussicht“ oder flauschigem Regiokrimi, in denen nie etwas wirklich Schlimmes passiert und am Ende die Welt in Ordnung ist.

Aber schon bevor Emily verschwindet, ist klar, dass in „Nur ein kleiner Gefallen“ jeder jeden betrügt, man jedem mühelos die schlimmsten Absichten unterstellen kann und irgendwo vor unseren Augen ein ziemlich gemeiner Betrug oder Mord verborgen ist. Das ist dann, in schönster Neo-Noir-Tradition, ziemlich nah an „Wild Things“. Wenn da nicht die ach so tölpelhafte Stephanie wäre, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.

Nur ein kleiner Gefallen“ ist als Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir ein ziemlicher Spaß, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt.

 

Jetzt ist die auch von Alfred Hitchcock inspirierte Komödie auf DVD (und Blu-ray) mit einer satten Portion Bonusmaterial erschienen. Während, so mein Eindruck, die Zahl von DVDs, die über keinerlei nennenswertes Bonusmaterial verfügen, steigt, gibt es bei „Nur ein kleiner Gefallen“ einen sehr lebhaften, entsprechend kurzweiligen und sehr informativen, deutsch untertitelten Audiokommentar mit Regisseur Paul Feig, Drehbuchautorin Jessica Sharzer, Kameramann John Schwartzman, Kostümbildnerin Renee Ehrlich Kalfus und Produzentin Jessie Henderson und, wenn man den Trailer und den dreiminütigen Gag Reel dazu zählt, über neunzig Minuten Bonusmaterial,

Es gibt mehrere ausführliche Featurettes, ein alternatives Ende (eine Tanznummer wurde gedreht, aber dann als unpassend verworfen) und zehn geschnittene Szenen.

Das sich auf die Dreharbeiten konzentrierende Bonusmaterial ist durchgehend unterhaltsam. Der Informationswert ist allerdings überschaubar. So werden die Interviews zu kurzen Schnipseln zerstückelt. Mit Paul Feig hätte man ruhig ein ausführliches ungeschnittenes Interview führen können. Es gibt auch viele Bilder von den Dreharbeiten, bei denen Paul Feig immer heraussticht. Denn er trägt immer einen Anzug. Für ihn ist das einfach die normaler Arbeitskleidung, in der er sich wohlfühlt.

Und die Noir-Komödie ist natürlich immer noch sehenswert. Inzwischen hat sie auch einige, wenige Preise gewonnen. Besonders gut gefällt mir der Preis der Gay and Lesbian Entertainment Critics Association (GALECA). „Nur ein kleiner Gefallen“ erhielt den Dorian Award als „Campy Flick of the Year“. Das klingt doch nach einer gut abgeschmeckten Empfehlung.

Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)

mit Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Andrew Rannells, Jean Smart, Bashir Salahuddin, Joshua Satine, Ian Ho, Rupert Friend

DVD

Studiocanal

Bild: 2,0:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar, Featurettes: „Gravestone Martinis“, „Suburban Noir: der visuelle Stil von ‚Nur ein kleiner Gefallen‘“, „Tagebuch eines modebewussten Regisseurs“, „Dreiecksbeziehungen“, „Style by Paul“, „Dennis Nylon“, „Nur so ein kleines Playdate“, „Flash Mob: das Making Of“; Alternatives Ende; Geschnittene Szenen; Gag Reel; Trailer; Wendecover

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

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Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Nur ein kleiner Gefallen“ (A simple Favor, USA 2018)


TV-Tipp für den 7. April: The Accountant

April 6, 2019

Pro7, 20.15

The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.

Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.

Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Wiederholung: Montag, 8. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

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Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nur ein kleiner Gefallen“ für eine andere Vorstadt-Mum

November 9, 2018

Einen solchen Film hätte man von Paul Feig nicht erwartet. Er ist vor allem als Regisseur von enorm erfolgreichen Komödien bekannt. „Brautalarm“, „Taffe Mädels“ (The Heat) „Spy: Susan Cooper Undercover“ und „Ghostbusters“. Immer mit Frauen in den Hauptrollen, immer mit Melissa McCarthy und immer mehr als nur einen Tick über dem Klamauk der meisten improvisationsfreudigen US-Komödien, die Infantilität als Humor verkaufen.

Da ist „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Überraschung. Denn obwohl es einiges zu Lachen gibt, ist der Film mehr ein Neo-Noir als eine Komödie.

Im Mittelpunkt steht Stephanie Smothers (Anna Kendrick). Die allein erziehende Witwe ist eine typische Soccer-Mum, die Kuchen für alle backt, hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe ist und einen Vlog hat, in dem sie Küchentipps gibt und vor laufender Kamera, vor sich hin plappernd, Essen kocht.

Da trifft sie Emily Nelson (Blake Lively, kälter als eiskalt). Ihr Sohn Nicky geht in die gleiche Klasse wie Stephanies Sohn Miles. Emily ist eine für die Vorstadt mehr als mondäne, in New York arbeitende Mode-PR-Chefin, die mit einem erfolgreichen englischen Autor verheiratet ist. Wobei Sean Townsend (Henry Golding) nach seinem gefeierten Debüt kein weiteres Buch mehr schrieb. Inzwischen bestreitet Emily das Familieneinkommen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund findet Emiliy die unbeholfene und arg naive Stephanie sympathisch. Sie schüttet ihr ihr Herz aus. Auch dass ihr Mann gar nicht so nett sei, wie er auf den ersten Blick erscheine. Die beiden ungleichen Frauen werden beste Freundinnen. Der gewiefte Krimifan vermutet bei dieser Freundschaft selbstverständlich sehr unschöne Hintergedanken von Emily und auch die anderen Schuleltern trauen dieser Freundschaft nicht.

Eines Tages bittet Emily Stephanie um einen Gefallen: sie soll einige Stunden auf ihren Sohn aufpassen. Aber Emily holt Nicky nie ab. Sie verschwindet spurlos.

Stephanie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Emily zu finden. Sie schnüffelt herum, sie ruft ihre Follower auf, ihr bei der Suche nach Emily zu helfen. Sie fragt sich, ob Emily verschwunden ist oder von ihrem Mann Sean umgebracht wurde.

Wir fragen uns, ob Stephanie wirklich so unschuldig ist, wie sie tut. Schließlich ist auch sie immer so nervig überdreht naiv und freundlich, dass sie schon dadurch verdächtig wirkt. Und natürlich wäre Sean ein gut aussehender und vermögender Ehemann, der mit einer liebevollen Ehefrau sicher wieder Bücher schreiben würde.

Weil Feig in „Nur ein kleiner Gefallen“ herrlich unbekümmert zwischen Neo-Noir und banaler Krimikomödie pendelt, ist auch lange unklar, wie die Geschichte endet. Denn während in einem Noir alles in schönster Verzweiflung endet und alle Pläne scheitern, endet in einer Krimikomödie alles viel optimistischer. Vor allem in erfolgreichen Serien wie „Monk“, „Psych“ (beides TV, aber auch einige Buchfälle) und den Stephanie-Plum-Krimis von Janet Evanovich (Romane, aber auch ein Kinofilm, der wie der Auftakt zu einer TV-Serie aussieht) endet alles immer harmonisch, bis der Ermittler nächste Woche einen neuen Fall hat. Stephanie Smothers gehört in diesen Krimikosmos. Sie hätte als eine Wiedergängerin von Miss Marple und all den anderen, die Polizei nervenden Ermittler, das Potential für eine nette, beschauliche Krimiserie. So in Richtung „Mord mit Aussicht“ oder flauschigem Regiokrimi, in denen nie etwas wirklich Schlimmes passiert und am Ende die Welt in Ordnung ist.

Aber schon bevor Emily verschwindet, ist klar, dass in „Nur ein kleiner Gefallen“ jeder jeden betrügt, man jedem mühelos die schlimmsten Absichten unterstellen kann und irgendwo vor unseren Augen ein ziemlich gemeiner Betrug oder Mord verborgen ist. Das ist dann, in schönster Neo-Noir-Tradition, ziemlich nah an „Wild Things“. Wenn da nicht die ach so tölpelhafte Stephanie wäre, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.

Nur ein kleiner Gefallen“ ist als Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir ein ziemlicher Spaß, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt.

Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)

mit Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Andrew Rannells, Jean Smart, Bashir Salahuddin, Joshua Satine, Ian Ho, Rupert Friend

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

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Moviepilot über „Nur ein kleiner Gefallen“

Metacritic über „Nur ein kleiner Gefallen“

Rotten Tomatoes über „Nur ein kleiner Gefallen“

Wikipedia über „Nur ein kleiner Gefallen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Voll Retro, voll gut: das unbekannte Filmplakat


Neu im Kino/Filmkritik: „The Accountant“: Buchhalter, Mathegenie, Killer

Oktober 20, 2016

Christian Wolff (Ben Affleck) ist Chef von „ZZZ Accounting“. Ein Firmenname, der garantiert ganz hinten im Telefonbuch steht. Er ist ein kleiner Kreditberater, der Zahlen und Steuersparmöglichkeiten schneller als ein Computer durchrechnet. Im privaten Umgang ist der Autist eher gehemmt. Der Ordnungsfreak, der jede Aufgabe zu Ende führen muss, lebt alleine.

Er ist auch ein Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle, die in den vergangenen Jahren auf seine analytischen Fähigkeiten zurückgriffen. Denn er versinkt regelrecht in den Zahlen und spürt innerhalb kürzester Zeit die Fehler und die dafür Verantwortlichen auf.

Sein neuester, sogar hundertprozentig legaler Auftrag führt ihn zu Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt.

Dort trifft er Dana Cummings (Anna Kendrick). Ihr fielen in der Buchhaltung seltsame Buchung auf. Sie ist, wie Christian, etwas merkwürdig.

Zur gleichen Zeit erpresst Steuerfahnder Ray King (J. K. Simmons) die junge Analystin Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) den Buchhalter zu finden. In seinem Kopf müssen doch unglaubliche Informationen über das Organisierte Verbrechen, Waffenhändler und andere Verbrecherbanden und Wirtschaftskriminelle sein.

Sei wissen allerdings nicht, dass Christian von seinem strengen Vater, einem Soldaten, eine umfassende militärische Ausbildung erhielt. Christian ist auch ein im Untergrund mit mehreren Tarnidentitäten lebender Elitesoldat ohne Dienstrang, ein Scharfschütze und ein Killer, – was, immerhin will niemand einen Spielfilm sehen, in dem ein Nerd sich zwei Stunden über Zahlenkolonnen beugt, überaus nützliche Fähigkeiten für die hübsch verschachtelte Filmgeschichte sind, in der auch ein geheimnisvoller Killer Christian verfolgt.

Bill Dubuque („Der Richter – Recht oder Ehre“) springt in seinem Drehbuch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her und mit zunehmender Laufzeit fügt sich alles, aber auch wirklich alles, wie bei einem Puzzlespiel, zu einem Bild zusammen. Die Beziehungen zwischen den Charakteren sind vielschichtiger, als es für einen Action-Thriller nötig wäre. Deshalb wirkt der Film gegen Ende etwas überkonstruiert und überladen.

Regisseur Gavin O’Connor („Das Gesetz der Ehre“) setzte diese Geschichte elegant und wuchtig um und es macht schon Spaß, zu sehen, wie sich nacheinander alles etwas intelligenter zusammenfügt als erwartet. Auch wenn einige Überraschungen schon allein aufgrund des Castings keine wirklichen Überraschungen sind und die gesamte Geschichte, wenn man über sie nachdenkt, Humbug ist.

Trotzdem, oder gerade deswegen, ist „The Accountant“ ein angenehm altmodischer Gangsterfilm, der seine Geschichte als absolut glaubwürdige und ernste Geschichte verkauft und in der Ben Affleck etwas von der Einsamkeit des eiskalten Engels umweht. In der Gestalt eines biederen Buchhalters.

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The Accountant (The Accountant, USA 2016)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Accountant“

Metacritic über „The Accountant“

Rotten Tomatoes über „The Accountant“

Wikipedia über „The Accountant“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Ein aktuelles Gespräch mit Gavin O’Connor (maue Tonqualität)

Das schon 2011 geführte DP/30-Gespräch mit Gavin O’Connor

 


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