Gegen „Die große Hitze“ hilft „Blut Salz Wasser“ und Denise Mina

Mai 25, 2026

Nachdem Diogenes unlängst in vorzüglichen neuen Übersetzungen die Romane von Raymond Chandler noch einmal veröffentlichte und hoffentlich einige Jüngere Chandler und den von ihm erfundenen Privatdetektiv Philip Marlowe entdeckten, gibt es jetzt für sie und langjährige Marlowe-Fans Nachschub. Die Erben von Raymond Chandler beauftragten die Tartan-Noir-Autorin Denise Mina mit dem Schreiben eines Philip-Marlowe-Romans. Das ist schon eine kleine Sensation. Denn seit Chandlers Tod am 26. März 1959 erschienen nur sehr wenige Werke, in denen andere Autoren neue Geschichten mit dem stilbildendem Hardboiled-Privatdetektiv erzählten. Das war bei anderen Autoren, teils aus verschiedenen Gründen, anders. Ace Atkins schrieb zwischen 2012 und 2022 zehn neue Spenser-Romane. Seitdem schreibt Mike Lupica neue Spenser-Romane. Max Allan Collins schrieb seit 2008 sechzehn neue Mike-Hammer-Romane. Er konnte dabei auf Material von Mickey Spillane zurückgreifen. Joe Gores schrieb einen Sam-Spade-Roman. Max Allan Collins unlängst ebenso. Keiner dieser Romane wurde ins Deutsche übersetzt.

Robert B. Parker (der Erfinder von Spenser, einem deutlich von Marlowe und Spade beeinflusstem Privatdetektiv) vollendete 1989 ein Manuskript von Raymond Chandler und schrieb anschließend einen weiteren Marlowe-Roman. Benjamin Black (John Banville) folgte 2014 mit „The Black-Eyed Blonde“ (Die Blonde mit den schwarzen Augen). Und jetzt Denis Mina mit „Die große Hitze“.

1938 erhält Marlowe von dem unglaublich vermögendem, im Sterben liegendem Patriarchen Chadwick Montgomery den Auftrag seine zweiundzwanzigjährige Tochter Chrissie zu suchen. Die Erbin des Ölmoguls verschwand wenige Stunden vor ihrer Verlobungsfeier. Jetzt soll der Privatdetektiv mit festem Tagessatz („Ich kriege vierzig pro Tag, im Voraus, plus Spesen im Nachhinein.“) und Ehrenkodex sie finden.

Wie es sich für einen zünftigen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi gehört, beginnt er sich umzuhören, findet sie und steht schnell tief in der Scheiße.

Schon auf den ersten Seiten herrscht ein wohliges Retro-Gefühl. Man erinnert sich an ähnliche Situationen aus Chandlers Romanen und Kurzgeschichten (die er teils in seinen Romanen recyclte), den guten Verfilmungen (es gibt auch weniger gelungene) – und den vielen, vielen, sehr vielen Marlowe-Kopien in anderen Kurzgeschichten, Romanen, Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen. Marlowe und Dashiell Hammetts Sam Spade wurden seit ihrem ersten Auftritt unzählige Male als Vorbild genommen oder parodiert. Seit Jahhrzehnten sind sie ein fester Teil des popkulturellen Gedächtnisses. Das ist ein Problem, mit dem Denise Mina zu kämpfen hat.

Ein anderes ist Chandlers markante Sprache, die unzählige Male kopiert, nachgeahmt und parodiert wurde. Dieses Problem umgeht Denise Mina, indem sie nicht auf Biegen und Brechen versucht, in mindestens jedem zweiten Satz eine Metapher oder einen absurden, aber einprägsamen und die Situation präzise beschreibenden Vergleich zu bringen.

Sie bringt auch feministische Themen ein und Marlowe arbeitet mit einer Privatdetektivin zusammen. Chandler schrieb seine Geschichten zwischen 1933 und 1958. Vier seiner sieben Romane erschienen zwischen 1939 und 1943. Seitdem veränderte sich einiges.

Die von ihr erfundene Geschichte wird schnell verwirrend, weil Ich-Erzähler Marlowe die Ereignisse nicht vollständig überblickt und viel passiert. Das kennen wir von Chandler, der auch nicht immer den Durchblick in seinen Geschichten hatte. Aber bei Mina zerplätschert die Geschichte auch. Sie wird langweilig und langatmig. Und am Ende bleiben in einem Roman, der nie eigenständig genug ist, um zu begeistern, eigentlich alle Fragen offen.

Schade.

Fast zeitgleich zur deutschen Ausgabe von „Die große Hitze“ erschien im Unionsverlag die Taschenbuch-Ausgabe von Denise Minas fünftem und letztem Inspector-Morrow-Roman. Die deutsche Erstausgabe von „Blut Salz Wasser“ erschien 2018 im Argument Verlag.

Alex Morrow, Kriminalinspektorin der Polizei von Glasgow, sucht die spurlos verschwundene Wirtschaftskriminelle Roxanna Fuentecilla, die gerade ein mehr oder weniger illegales Millionengeschäft plante. Zur gleichen Zeit irrt der während einer Entführung zum Mörder gewordene Kleinganove Ian Fraser durch die Stadt und Boyd Fraser, der verheiratete, in die Stadt zurückgekehrte Betreiber eines veganen Restaurants, trifft seine ebenfalls nach Jahren in die Stadt zurückgekehrte, sich etwas seltsam verhaltende ehemalige Pfadfinderleiterin Susan Grierson wieder.

Mina erzählt, vor dem Hintergrund des Referendums zur Unabhängigkeit Schottlands, gleichzeitig und sehr detailliert mehrere Plots, die miteinander zusammen hängen. Sie entwirft dabei auf knapp 360 Seiten ein dichtes Geflecht zwischen legalen, halblegalen und vollkommen illegalen Geschäften, die durch den Ausgang des Referendums positiv oder negativ beeinflusst werden (weshalb jeder von ihnen auf einen bestimmten Ausgang des Referendums hinarbeitet). Während jede einzelne Figur nur einen Teil des gesamten Bildes wahrnimmt, bekommt der Leser ein sich langsam vervollständigendes Bild der Ereignisse und Hintergründe. Und weil es sich um einen Noir handelt, siegen am Ende nicht die Guten. Sofern es sie in dieser Welt überhaupt gibt.

Denise Mina: Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman

(übersetzt von Else Laudan)

ariadne/Argument Verlag, 2026

304 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

The second Murderer

Harvill Secker, 2023

Denise Mina: Blut Salz Wasser

(übersetzt von Zoe Beck)

Unionsverlag, 2026

368 Seiten

15 Euro

Deutsche Erstausgabe (immer noch erhältlich für 19 Euro)

ariadne/Argument Verlag, 2018

Originalausgabe

Blood Salt Water

Orion Publishing Group, London, 2015

Hinweise

zu Raymond Chandler

Wikipedia über Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutschenglisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

zu Denise Mina

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Meine Besprechung von Denise Minas „Fester Glaube“ (Confidence, 2022)

Meine Besprechung von Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)


Neu übersetzt: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Roman „Lebwohl, mein Liebling“

Februar 17, 2026

Solche Bücher werden heute nicht mehr geschrieben.“ ist ein oft benutzter dummer Spruch. Und trotzdem stellt sich beim wiederholten Lesen von Raymond Chandlers zweitem Philip-Marlowe-Roman, der jetzt in einer neuen Übersetzung von Melanie Walz bei Diogenes erschien, genau dieses Gefühl ein. Oder wann habt ihr zum letzten Mal in einem neueren Roman solche Sätze gelesen?

Er war sehr groß, nicht größer als zwei Meter, nicht breiter als ein Bierlaster.“

Selbst auf der Central Avenue, nicht für unscheinbare Kleidung bekannt, sah er so diskret aus wie eine Tarantel auf einem Babykuchen.“

Eine Hand, in der ich hätte sitzen können, fuhr aus dem Halbdunkel, packte meine Schulter und zerquetschte sie zu Brei. Dann zerrte die Hand mich durch die Tür und hob mich wie ein Spielzeug auf die erste Stufe.“

Und das sind nur einige willkürlich ausgewählte Sätze aus den ersten drei Seiten eines über dreihundertseitigen Kriminalromans.

Diese metaphernreiche Spache, die Chandler oft vorgeworfen und bis weit über den Exzess parodiert wurde, ist heute verschwunden zugunsten von oft nur kryptischen Beschreibungen. Wie die Gegend und die Personen aussehen, wie der Erzähler sie empfindet, kann sich der Leser mehr oder weniger selbst zusammenreimen. Oder auf eine Verfilmung hoffen, die die Bilder zu den Sätzen liefert.

Da sind diese farbenreichen Beschreibungen und Vergleiche eine Wohltat. Schnell entsteht ein Bild von Moose Malloy, einem nach acht Jahren frisch aus dem Gefängnis entlassenem Bankräuber, der seine große, spurlos verschwundene Liebe Velma sucht, und der Bar, die er gerade zerstört. Er bringt auch den Geschäftsführer des Lokals um und verschwindet spurlos. Jedenfalls soweit das für so einen Riesen möglich ist.

Marlowe, der gerade nichts zu tun hat, beginnt in seiner Stadt Los Angeles das Riesenbaby Malloy und die schon vor Jahren verschwundene Velma zu suchen. Kurz darauf ist er mitten in einem – jedenfalls für uns Leser – wundervollem Schlamassel.

Lebwohl, mein Liebling“ wurde zweimal gut verfilmt. 1942 erfolgte im Rahmen der „The Falcon“-Filmserie als „The Falcon Takes Over“ eine erste Verfilmung des Romans, die den Plot in ein anderes fiktionales Universum übertrug. Die erste richtige Verfilmung von „Lebwohl, mein Liebling“ ist auch die erste Verfilmung eines Chandler-Romans in der Philip Marlowe als Philip Marlowe auftrat. Edward Dmytryks „Murder, my Sweet“ war an der Kinokasse erfolgreich, wurde mit den Edgar ausgezeichnet, Raymond Chandler war mit dem Hauptdarsteller Dick Powell als Marlowe zufrieden und, während der Noir in den USA ziemlich bekannt ist, ist er hier fast unbekannt. Die deutsche Premiere war 1972 im Fernsehen. 1988 folgte sogar eine Kinoauswertung.

Die zweite Verfilmung war 1976 von Dick Richards mit Robert Mitchum als Marlowe. „Fahr zur Hölle, Liebling“ gefiel den Fans und lief bis vor einigen Jahren öfter im Fernsehen.

Aktuell scheinen beide Filme nur auf DVD/Blu-ray erhältlich zu sein.

Der immer noch absolut lesenswerte Roman ist dagegen, vorzüglich neu übersetzt und mit einem extra für diese Ausgabe geschriebenem Nachwort, gut erhältlich.

They remain great works of American literature, as readable and enjoyable as when the were first published.“ (Nick Rennison, Hrsg: Bloomsbury Good Reading Guide to Crime Fiction, 2003)

Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling

(übersetzt von Melanie Walz)

(mit einem Nachwort von Paul Ingendaay)

Diogenes, 2026

368 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Farewell, my Lovely

Alfred A. Knopf, New York, 1940

Erste vollständige Übersetzung

Lebwohl, mein Liebling

(übersetzt von Wulf Teichmann)

Diogenes, 1976

Die guten Verfilmungen

Leb wohl, Liebling (Murder, my Sweet, USA 1944)

Regie: Edward Dymtryk

Drehbuch: John Paxton

LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)

mit Dick Powell, Claire Trevor, Anne Shirley, Otto Kruger

Alternativtitel sind in Deutschland „Murder, my Sweet“ und „Mord, mein Liebling“

Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)

Regie: Dick Richards

Drehbuch: David Zelag Goodman

LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)

mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone, Jim Thompson

Hinweise

Wikipedia über „Lebwohl, mein Liebling“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)


TV-Tipp für den 9. Juni: Marlowe

Juni 8, 2025

ZDF, 22.00

Marlowe (Marlowe, Irland/Spanien/Frankreich 2022)

Regie: Neil Jordan

Drehbuch: William Monahan, Neil Jordan

LV: Benjamin Black (Pseudonym von John Banville): The Black-Eyed Blonde, 2014 (Die Blonde mit den schwarzen Augen – Ein Philip-Marlowe-Roman)

Los Angeles, 1939: Privatdetektiv Philip Marlowe (Liam Neeson) wird von einer Frau beauftragt, ihren verschwundenen Liebhaber zu suchen. Bei seiner Suche sticht Marlowe in ein Wespennest.

TV-Premiere. Neil Jordans „Marlowe“ ist eine erstaunlich leblos-museale Angelegenheit, die einfach noch einmal, ohne einen eigenen Gedanken, Chandler bebildert. Von dem Team hätte ich mehr erwartet.

mit Liam Neeson, Diane Kruger, Jessica Lange, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Ian Hart, Colm Meaney, Daniela Melchior, Danny Huston, Alan Cumming

Wiederholung: Mittwoch, 11. Juni, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Marlowe“

Metacritic über „Marlowe“

Rotten Tomatoes über „Marlowe“

Wikipedia über „Marlowe“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Mona Lisa“ (Mona Lisa, Großbritannien 1986)

Meine Besprechung von Neil Jordans „Die Fremde in dir“ (The Brave One, USA 2007)

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)

Meine Besprechung von Benjamin Blacks „Der Lemur“ (The Lemur, 2008)


TV-Tipp für den 16. September: Tote schlafen fest

September 15, 2024

Lief laut meiner nicht hundertprozentig zuverlässigen Buchführung zuletzt 2015:

Arte, 20.15

Tote schlafen fest (The Big Sleep, USA 1946)

Regie: Howard Hawks

Drehbuch: William Faulkner, Leigh Brackett, Jules Furthman

LV: Raymond Chandler: The big sleep, 1939 (Der große Schlaf)

Privatdetektiv Philip Marlowe soll einen Erpresser finden. Zuerst findet er zwei schöne Töchter und viele Leichen.

Unbestritten – neben „Der Malteser Falke“ (der nach meiner Buchführung zuletzt 2010 im TV lief) – der Klassiker unter den Privatdetektiv-Krimis und eines der Meisterwerke des Film Noir.

Im Anschluss, um 22.05 Uhr, läuft „Lauren Bacall – Die diskrete Verführerin“ (Frankreich 2017).

Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Elisha Cook Jr., John Ridgely, Martha Vickers, Dorothy Malone, Charles Waldron, Regis Toomey

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Tote schlafen fest“

Wikipedia über „Tote schlafen fest“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

Meine Besprechung von Leigh Bracketts „Das lange Morgen“ (The Long Tomorrow, 1955)


Cover der Woche

März 21, 2023

Weil am Sonntag der Todestag von Raymond Chandler (23. Juli 1888 in Chicago, Illinois – 26. März 1959 in La Jolla, Kalifornien) ist.

Weil Diogenes seine Bücher in einer vorzüglichen Neuediton in neuen Übersetzung wieder herausbringt. Der bislang letzte Band dieser Neuausgabe ist „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942). In dem Privatdetektivkrimi beauftragt Mrs. Murdock Philip Marlowe mit der Suche nach ihrer Schwiegertochter, einer früheren Nachtclub-Sängerin, und einer wertvollen Goldmünze.

Weil diese Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist.

Weil es einen neuen Marlowe-Spielfilm gibt. Der Film „Marlowe“ basiert basiert auf Benjamin Blacks Roman „Die Blonde mit den schwarzen Augen – Ein Philip-Marlowe-Roman“ (The Black-Eyed Blonde, 2014), William Monahan schrieb das Drehbuch, Co-Autor Neil Jordan inszenierte, Liam Neeson spielt den Detektiv, der Trailer ist ernüchternd und die bisherigen Kritiken sind verheerend. Ein deutscher Starttermin ist noch nicht bekannt.

Weil ich so die TV-Sender auffordern kann, endlich mal wieder einige Chandler-Verfilmungen zu zeigen. So lief „Tote schlafen fest“ mit Humphrey Bogart als Marlowe schon seit Jahren nicht mehr im Fernsehen. Das muss sich ändern! Gerne im Rahmen einer Best-of-Noir-Reihe. Arte, übernehmen Sie!

(Ach, die wahnwitzigen Fieberträume des kleinen Noir-Fans.)

Raymond Chandler: Das hohe Fenster

(übersetzt von Ulrich Blumenbach, mit einem Nachwort von Margaret Atwood)

Diogenes, 2022

320 Seiten

24 Euro

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Die Dame im See“

Wikipedia über Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)


Unsortierte Gedanken zur Neuübersetzung von Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichte „Die Lady im See“

Dezember 29, 2021

Aus mir unbekannten Gründen habe ich Hellmuth Karaseks alte Diogenes-Übersetzung jetzt nicht zur Hand. Dabei habe ich Raymond Chandlers vierten Philip-Marlowe-Krimi „The Lady in the Lake“ vor Ewigkeiten in seiner Übersetzung gelesen. Aber ohne das Buch in Griffnähe zu haben, kann ich die Übersetzungen nicht miteinander vergleichen.

Das gesagt, liest sich Robin Detjes neue Übersetzung sehr gut. Und zwar so gut, dass aus den wenigen Seiten, die ich Lesen wollte, um die Qualität der Übersetzung zu prüfen, eine erneute Lektüre des gesamten Romans wurde; – nun, es gibt schlechtere Methoden, um seine Zeit zu verbringen.

In „Die Lady im See“ soll Philip Marlowe im Auftrag von dem Unternehmer Derace Kingsley dessen seit einem Monat spurlos verschwundene Frau suchen. Zuletzt wurde Crystal Kingsley in dem kleinen Haus, das die Kingleys in den Bergen am Little Fawn Lake haben, gesehen.

Marlowe fährt dorthin und trifft Bill Chess, der dort als Hausmeister seine Invalidenrente aufbessert. Chess erzählt Marlowe, dass er Streit mit seiner Frau hatte. Das war vor einem Monat. Danach verschwanden die beiden Frauen gleichzeitig.

Als die beiden Männer zum See gehen, entdecken sie im See die titelgebende Frau im See. Chess hält die Wasserleiche für seine Frau.

Marlowe beginnt nun auch den Mörder der Wasserleiche zu suchen. Dabei stochert er in der Vergangenheit der beiden Frauen herum und stolpert über die Leiche von Crystal Kingsleys Liebhaber. Er wurde erschossen.

Bei der wiederholten Lektüre fällt auf, wie zeitlos und schnörkellos elegant Raymond Chandlers Sprache ist. Die Story selbst bewegt sich zügig voran und sie wirkt ebenfalls nicht veraltet. Sicher, heute müsste Marlowe keine Münzfernsprecher mit Geld füttern. Er würde mit einem Handy telefonieren. Aber immer noch müsste er mit vielen Verdächtigen, Zeugen und potentiellen Zeugen reden. Immer noch hätte er Ärger mit der Polizei. Er würde zusammengeschlagen werden und er würde auf gutaussehende Frauen treffen, die ihn mit einer Waffe in der Hand begrüßen.

Angenehm ist auch, dass sich der gesamte Roman auf Marlowes Auftrag und seine Jagd nach dem Mörder konzentriert. Über Marlowe selbst und sein Privatleben erfahren wir nichts. Und das ist gut so.

Schlecht ist allerdings die Lösung des Falles. Die zaubert Chandler ziemlich aus dem Hut in einer Mischung aus nicht mit dem Leser geteiltem Wissen und wilden Vermutungen. Echte Beweise hat Marlowe erst durch das anschließende Geständnis des Täters.

The Lady in the Lake“ ist Raymond Chandlers vierter Philip-Marlowe-Roman. Davor schrieb er „The big Sleep“ (1939, Der tiefe Schlaf/Der große Schlaf), „Farewell, my Lovely“ (1940, Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling) und „The high Window“ (1942, Das hohe Fenster). Danach „The little Sister“ (1949, Die kleine Schwester), „The long Good-Bye“ (1953, Der lange Abschied) und „Playback“ (1958, Spiel im Dunkel/Playback). Bis auf „Playback“ sind alle seine Marlowe-Romane Klassiker.

The Lady in the Lake“ wurde mehrmals ins Deutsche übersetzt und als „Einer weiß mehr“, „Die Tote im See“ und jetzt „Die Lady im See“ veröffentlicht.

Neben Dashiell Hammett definierte Raymond Chander das Privatdetektiv-Genre.

Ohne Chandler gäbe es Spenser nicht. 1989 durfte Spenser-Erfinder Robert B. Parker mit „Poodle Springs“ ein von Chandler geschriebenes Fragment fertig schreiben.

Chandlers Roman wurde 1947 von Robert Montgomery als „Die Dame im See“ (Lady in the Lake) verfilmt. Mit etlichen Freiheiten. So wurde die Handlung in die Vorweihnachtszeit verlegt und es gibt eine Rahmengeschichte, in der Marlowe Autor von Pulp-Romanen werden will. Gedreht wurde hauptsächlich in Innenräumen. Es wurde auch weitgehend auf Action verzichtet. Das lag nicht an der Unlust, vor Ort zu drehen, sondern an den technischen Herausforderungen des Films. Denn Montgomery erzählte die Geschichte als Ich-Erzählung. In einem Roman, vor allem in einem Privatdetektiv-Roman, der normalerweise immer in der ersten Person Singular geschrieben ist, funktioniert das problemlos. In einem Film nicht. So erfahren wir nicht, wie der Erzähler auf etwas reagiert. Immer wenn Marlowe sich bewegte, musste die damals noch sehr unhandliche Kamera bewegt werden. Es musste auch geguckt werden, wie man Marlowes Arme richtig im Bild positioniert. Und es gibt, neben den üblichen Gefahren, denen das Gesicht eines Privatdetektivs (hier die Kamera) bei seinen Abenteuern ausgesetzt ist, wie Schläge und Küsse, eine ziemlich spektakulär gefilmte Autoverfolgungsjagd. Denn als Marlowe auf einer einsamen Landstraße von einem anderen Auto verfolgt wird, muss er sich immer wieder umdrehen, damit wir genug mitbekommen, um die Verfolgungsjagd gespannt mitverfolgen zu können.

Insofern ist die Bewältigung der technischen Herausforderungen in „Die Dame im See“ beeindruckend. Ein guter Film ist so allerdings nicht entstanden.

Chandlers Hardboiled-Roman „Die Lady im See“ ist dagegen ein Klassiker, der jetzt in einer neuen Übersetzung wieder entdeckt werden kann.

Raymond Chandler: Die Lady im See

(mit einem Nachwort von Rainer Moritz)

(übersetzt von Robin Detje)

Diogenes, 2021

336 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The Lady in the Lake

A. A. Knopf, 1943

Frühere deutsche Übersetzungen

Einer weiß mehr

(übersetzt von Mary Brand)

Nest 1949

Die Tote im See

(übersetzt von Hellmuth Karasek)

Diogenes, 1976

Die Verfilmung

Die Dame im See (Lady in the Lake, USA 1947)

Regie: Robert Montgomery

Drehbuch: Steve Fisher

mit Robert Montgomery, Lloyd Nolan, Audrey Totter, Tom Tully, Leon Ames, Jayne Meadows

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Die Dame im See“

Wikipedia über „Die Lady im See“ (Roman), „Die Dame im See“ (Film) (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 20. September: Fahr zur Hölle, Liebling

September 19, 2021

Arte, 20.15

Fahr zur Hölle, Liebling (Farewell, My Lovely, USA 1975)

Regie: Dick Richards

Drehbuch: David Zelag Goodman

LV: Raymond Chandler: Farewell, my lovely, 1940 (Lebewohl, mein Liebling/Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling)

Los Angeles, 1941: Der gerade freigelassene Bankräuber Moose Malloy engagiert Philip Marlowe. Der Privatdetektiv soll Malloys Freundin Velma finden. Ein nur scheinbar einfacher Fall.

Dritte, sehr originalgetreue und sehr gelungene Verfilmung des Chandler-Buches. Heute endlich mal wieder im TV.

Mit Robert Mitchum, Charlotte Rampling, John Ireland, Harry Dean Stanton, Anthony Zerbe, Sylvester Stallone (in einer erträglich kurzen Rolle), Jim Thompson (! – der Noir-Autor in einer ganz kleinen, aber wichtigen Rolle)

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Fahr zur Hölle, Liebling“

Wikipedia über „Fahr zur Hölle, Liebling“ (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch) u


TV-Tipp für den 12. Juli: Tote schlafen fest

Juli 12, 2015

Arte, 20.15

Tote schlafen fest (USA 1946, Regie: Howard Hawks)

Drehbuch: William Faulkner, Leigh Brackett, Jules Furthman

LV: Raymond Chandler: The big sleep, 1939 (Der große Schlaf)

Privatdetektiv Philip Marlowe soll einen Erpresser finden. Zuerst findet er zwei schöne Töchter und viele Leichen.

Unbestritten – neben „Der Malteser Falke“ – der Klassiker unter den Privatdetektiv-Krimis und eines der Meisterwerke des Film Noir.

Im Anschluss, um 22.05 Uhr, läuft „Bacall on Bogart“.

Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Elisha Cook Jr.

Wiederholung: Mittwoch, 15. Juli, 13.50 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Tote schlafen fest“

Turner Classic Movies über „Tote schlafen fest“

Thrilling Detective über Raymond Chandler und Philip Marlowe

Wikipedia über Raymond Chandler (deutsch, englisch) und „Tote schlafen fest“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Tote schlafen fest“


TV-Tipp für den 9. März: Der Dritte im Hinterhalt

März 9, 2014

BR, 23.45

Der Dritte im Hinterhalt (USA 1969, R.: Paul Bogart)

Drehbuch: Stirling Silliphant

LV: Raymond Chandler: The little sister, 1949 (Die kleine Schwester)

Im Auftrag einer mysteriösen Blondine soll Marlowe deren Bruder finden.

Ziemlich langweilige Chandler-Verfilmung, aber ein Privatdetektivkrimi mit „Jim Rockford“ kann nicht ganz schlecht sein.

Mit James Garner, Rita Moreno, Jackie Coogan, Bruce Lee (vor allem Stunts)

Hinweise

Thrilling Detective über Raymond Chandler und Philip Marlowe

Wikipedia über Raymond Chandler (deutsch, englisch)

Raymond Chandler in der Kriminalakte