Gegen „Die große Hitze“ hilft „Blut Salz Wasser“ und Denise Mina

Nachdem Diogenes unlängst in vorzüglichen neuen Übersetzungen die Romane von Raymond Chandler noch einmal veröffentlichte und hoffentlich einige Jüngere Chandler und den von ihm erfundenen Privatdetektiv Philip Marlowe entdeckten, gibt es jetzt für sie und langjährige Marlowe-Fans Nachschub. Die Erben von Raymond Chandler beauftragten die Tartan-Noir-Autorin Denise Mina mit dem Schreiben eines Philip-Marlowe-Romans. Das ist schon eine kleine Sensation. Denn seit Chandlers Tod am 26. März 1959 erschienen nur sehr wenige Werke, in denen andere Autoren neue Geschichten mit dem stilbildendem Hardboiled-Privatdetektiv erzählten. Das war bei anderen Autoren, teils aus verschiedenen Gründen, anders. Ace Atkins schrieb zwischen 2012 und 2022 zehn neue Spenser-Romane. Seitdem schreibt Mike Lupica neue Spenser-Romane. Max Allan Collins schrieb seit 2008 sechzehn neue Mike-Hammer-Romane. Er konnte dabei auf Material von Mickey Spillane zurückgreifen. Joe Gores schrieb einen Sam-Spade-Roman. Max Allan Collins unlängst ebenso. Keiner dieser Romane wurde ins Deutsche übersetzt.

Robert B. Parker (der Erfinder von Spenser, einem deutlich von Marlowe und Spade beeinflusstem Privatdetektiv) vollendete 1989 ein Manuskript von Raymond Chandler und schrieb anschließend einen weiteren Marlowe-Roman. Benjamin Black (John Banville) folgte 2014 mit „The Black-Eyed Blonde“ (Die Blonde mit den schwarzen Augen). Und jetzt Denis Mina mit „Die große Hitze“.

1938 erhält Marlowe von dem unglaublich vermögendem, im Sterben liegendem Patriarchen Chadwick Montgomery den Auftrag seine zweiundzwanzigjährige Tochter Chrissie zu suchen. Die Erbin des Ölmoguls verschwand wenige Stunden vor ihrer Verlobungsfeier. Jetzt soll der Privatdetektiv mit festem Tagessatz („Ich kriege vierzig pro Tag, im Voraus, plus Spesen im Nachhinein.“) und Ehrenkodex sie finden.

Wie es sich für einen zünftigen Hardboiled-Privatdetektiv-Krimi gehört, beginnt er sich umzuhören, findet sie und steht schnell tief in der Scheiße.

Schon auf den ersten Seiten herrscht ein wohliges Retro-Gefühl. Man erinnert sich an ähnliche Situationen aus Chandlers Romanen und Kurzgeschichten (die er teils in seinen Romanen recyclte), den guten Verfilmungen (es gibt auch weniger gelungene) – und den vielen, vielen, sehr vielen Marlowe-Kopien in anderen Kurzgeschichten, Romanen, Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen. Marlowe und Dashiell Hammetts Sam Spade wurden seit ihrem ersten Auftritt unzählige Male als Vorbild genommen oder parodiert. Seit Jahhrzehnten sind sie ein fester Teil des popkulturellen Gedächtnisses. Das ist ein Problem, mit dem Denise Mina zu kämpfen hat.

Ein anderes ist Chandlers markante Sprache, die unzählige Male kopiert, nachgeahmt und parodiert wurde. Dieses Problem umgeht Denise Mina, indem sie nicht auf Biegen und Brechen versucht, in mindestens jedem zweiten Satz eine Metapher oder einen absurden, aber einprägsamen und die Situation präzise beschreibenden Vergleich zu bringen.

Sie bringt auch feministische Themen ein und Marlowe arbeitet mit einer Privatdetektivin zusammen. Chandler schrieb seine Geschichten zwischen 1933 und 1958. Vier seiner sieben Romane erschienen zwischen 1939 und 1943. Seitdem veränderte sich einiges.

Die von ihr erfundene Geschichte wird schnell verwirrend, weil Ich-Erzähler Marlowe die Ereignisse nicht vollständig überblickt und viel passiert. Das kennen wir von Chandler, der auch nicht immer den Durchblick in seinen Geschichten hatte. Aber bei Mina zerplätschert die Geschichte auch. Sie wird langweilig und langatmig. Und am Ende bleiben in einem Roman, der nie eigenständig genug ist, um zu begeistern, eigentlich alle Fragen offen.

Schade.

Fast zeitgleich zur deutschen Ausgabe von „Die große Hitze“ erschien im Unionsverlag die Taschenbuch-Ausgabe von Denise Minas fünftem und letztem Inspector-Morrow-Roman. Die deutsche Erstausgabe von „Blut Salz Wasser“ erschien 2018 im Argument Verlag.

Alex Morrow, Kriminalinspektorin der Polizei von Glasgow, sucht die spurlos verschwundene Wirtschaftskriminelle Roxanna Fuentecilla, die gerade ein mehr oder weniger illegales Millionengeschäft plante. Zur gleichen Zeit irrt der während einer Entführung zum Mörder gewordene Kleinganove Ian Fraser durch die Stadt und Boyd Fraser, der verheiratete, in die Stadt zurückgekehrte Betreiber eines veganen Restaurants, trifft seine ebenfalls nach Jahren in die Stadt zurückgekehrte, sich etwas seltsam verhaltende ehemalige Pfadfinderleiterin Susan Grierson wieder.

Mina erzählt, vor dem Hintergrund des Referendums zur Unabhängigkeit Schottlands, gleichzeitig und sehr detailliert mehrere Plots, die miteinander zusammen hängen. Sie entwirft dabei auf knapp 360 Seiten ein dichtes Geflecht zwischen legalen, halblegalen und vollkommen illegalen Geschäften, die durch den Ausgang des Referendums positiv oder negativ beeinflusst werden (weshalb jeder von ihnen auf einen bestimmten Ausgang des Referendums hinarbeitet). Während jede einzelne Figur nur einen Teil des gesamten Bildes wahrnimmt, bekommt der Leser ein sich langsam vervollständigendes Bild der Ereignisse und Hintergründe. Und weil es sich um einen Noir handelt, siegen am Ende nicht die Guten. Sofern es sie in dieser Welt überhaupt gibt.

Denise Mina: Die große Hitze – Ein Philip-Marlowe-Roman

(übersetzt von Else Laudan)

ariadne/Argument Verlag, 2026

304 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

The second Murderer

Harvill Secker, 2023

Denise Mina: Blut Salz Wasser

(übersetzt von Zoe Beck)

Unionsverlag, 2026

368 Seiten

15 Euro

Deutsche Erstausgabe (immer noch erhältlich für 19 Euro)

ariadne/Argument Verlag, 2018

Originalausgabe

Blood Salt Water

Orion Publishing Group, London, 2015

Hinweise

zu Raymond Chandler

Wikipedia über Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutschenglisch)

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Lebwohl, mein Liebling“ (Farewell, my Lovely, 1940)

Mein Hinweis auf Raymond Chandlers „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942)

Meine Besprechung von Raymond Chandlers „Die Lady im See“ (The Lady in the Lake, 1943)

zu Denise Mina

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Mein Hinweis auf Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Meine Besprechung von Denise Minas „Fester Glaube“ (Confidence, 2022)

Meine Besprechung von Denise Minas „Götter und Tiere“ (Gods and Beasts, 2012)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..