Neu im Kino/Filmkritik: „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Deutschlands erste Serienmörderin

15 Menschen ermordete Gesche Gottfried mit ‚Mäusebutter‘, einem Gemisch aus Arsen und Schmalz. Sie gab es ihren Opfern in ihre Mahlzeiten. Im März 1828 wurde sie enttarnt und zum Tod verurteilt. Zu ihrer Hinrichtung am 21. April 1831 erschienen 35.000 Menschen.

Ihre Geschichte, auch weil ihr Motiv immer noch unklar ist, wurde mehrmals interpretiert. Als Theaterstück, Hörspiel, Film, Comic und Oper. Die bekannteste Version dürfte von Rainer Werner Fassbinder stammen. „Bremer Freiheit“ heißt sein Theaterstück, das er auch verfilmte und das später die Grundlage für eine Oper war.

Udo Flohr nahm als Grundlage für sein Spielfilmdebüt das Theaterstück von Peer Meter und die Gerichtsakten. Erzählt wird die Geschichte im Film von Cato Böhmer. Sie ist eine fiktive Figur. 1828 kommt sie als Gerichtprotokollantin nach Bremen. Sie will später Juristin werden. Die ersten Protokolle, die sie für ihren Vorgesetzten, den Untersuchungsrichter Senator Franz Friedrich Droste, anfertigen muss, handeln von den Ermittlungen gegen Gesche Gottfried, die bis dahin eine als Wohltäterin geachtete Witwe war.

Udo Flohr erzählt die Geschichte ruhig und unaufgeregt in der Form einer Chronik, die etwas spröde die verschiedenen Protokolle aneinanderreiht. Das ist dann intellektuell interessant, emotional aber etwas unbefriedigend. Denn an Gottfrieds Täterschaft bestehen keine Zweifel. Es werden nur die Fakten zusammengetragen und sie wird von Senator Droste befragt. In einigen Momenten wird ein Psychoduell zwischen Gottfried und Böhmer angedeutet. Aber auch für Böhmer geht es primär um die intellektuelle Herausforderung, genug Beweise für eine Anklage und Verurteilung zu finden. Warum Gottfried die Morde beging, bleibt auch im Film unklar. Angedeutet wird, dass sie am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und einer Ego-State-Störung litt. Für die Anklage war es wichtiger, zu beweisen, dass sie die Morde begangen hatte.

Ergänzt wird der Kriminalfall von einem Einblick in damaligen politischen und wirtschaftlichen Konflikte in Bremen. Senator Droste forcierte für den Warentransport den Bau einer Eisenbahnstrecke vom Hafen nach Bremen. Diese Idee stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung.

Effigie – Das Gift und die Stadt“ ist ein gelungener Debütfilm, der sich – Udo Flohr ist Jahrgang 1959 und arbeitete vorher unter anderem als Wissenschaftsjournalist – am Fernsehspiel und dem historischen Reenactment orientiert. Formal ist das nicht revolutionär, aber gut strukturiert und entsprechend klar erzählt.

Effigie – Das Gift und die Stadt (Deutschland 2019)

Regie: Udo Flohr

Drehbuch: Peer Meter, Udo Flohr, Antonia Roeller (nach dem Theaterstück von Peer Meter und den Gerichtsakten)

mit Suzan Anbeh, Elisa Thiemann, Christoph Gottschalch, Roland Jankowsky, Uwe Bohm

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Moviepilot über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Rotten Tomatoes über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Wikipedia über „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Gesche Gottfried

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