Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Drive my Car“

Die Story von Ryusuke Hamaguchis neuem Film „Drive my Car“ kann schnell nacherzählt werden. Es geht um Yusuke Kafuku. Zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod seiner Frau trauert er immer noch um sie. Da erhält er das Angebot, in Hiroshima für ein Festival Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Eine Bedingung der Organisatoren ist, dass er sich während seines Engagements von einem Chauffeur fahren lässt. Widerwillig akzeptiert er diese Bedingung, die ihn zwingt, sich jeden Tag von seinem Hotel zum Theater und zurück fahren zu lassen. Immerhin ist Misaki Watari eine gute Fahrerin.

Hamaguchi erzählt, nach einer Erzählung von Haruki Murakami, in epischen drei Stunden – wobei die ersten vierzig Minuten ein vor Hiroshima spielender Prolog sind – wie sich Kafuku und Watari langsam öffnen. Denn beide haben den Tod eines für sie wichtigen Menschen nicht überwunden. Aber vor ihrem ersten Gespräch sagt Kafuku, dass diese langen Fahrten zwischen dem Hotel und dem Theater für ihn die Möglichkeit sind, sich das Theaterstück immer wieder anzuhören und so immer tiefer zu verinnerlichen. Deshalb dauert es mehrere Autofahrten und gemeinsam verbrachte Stunden im engen Auto, bis sie beginnen sich zu unterhalten. Wobei ihre Gespräche eher längere Monologe sind.

Gleichzeitig sehen wir die Proben für das Tschechow-Stück, bei dem Kafuku die Rolle von Onkel Wanja mit dem für die Rolle viel zu jungen Takatsuki besetzt. Kafuku glaubt, dass Takatsuki ein Liebhaber seiner Frau gewesen ist.

Auch diese Proben für das Theaterstück beobachtet Regisseur Hamaguchi äußerst geduldig und zurückhaltend. Immer wirkt es, als ob er einen Dokumentarfilm inszeniere und beim Dreh möglichst wenig auffallen wolle. Die Schauspieler spielen extrem zurückhaltend und sie bewegen sich kaum. Das führt dazu, dass „Drive my Car“ oft wie ein bebildertes Hörspiel wirkt. Diese Methode führt dazu, dass wir uns sehr auf den Text einlassen können und müssen. In ihm und nicht in den Bewegungen oder der Mimik der Schauspieler steckt die Wahrheit. Und weil die Schauspieler ihre Texte möglichst ausdruckslos vortragen sollen (das ist auch das Konzept von Hamaguchi bei seiner Tschechow-Inszenierung), ist „Drive my Car“ von einer medidativen Ruhe geprägt.

In Canner erhielt Hamaguchi neben dem Drehbuchpreis auch den FIPRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury.

Drive my Car (Doraibu mai kā, Japan 2021)

Regie: Ryusuke Hamaguchi

Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi, Oe Takamasa

LV: Haruki Murakami: Drive my Car, 2014 (Erzählung, enthalten in „Von Männern, die keine Frauen haben“)

mit Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima, Park Yurim, Jin Daeyeon

Länge: 177 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Drive my Car“

Metacritic über „Drive my Car“

Rotten Tomatoes über „Drive my Car“ (aktueller Frischegrad: 100 %)

Wikipedia über „Drive my Car“ (deutsch, englisch)

Zwei Gespräche mit dem Regisseur Ryusuke Hamaguchi

2 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Drive my Car“

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