Neu im Kino/Filmkritik: „Staatsschutz“ mit Spoilerwarnung

August 31, 2026

Das Thema ist wichtig. Das gewählte Genre ist gut geeignet, um es zu behandeln. Aber nicht so. Trotz guter Absichten scheitert „Staatsschutz“ auf ganzer Linie.

Es geht um die junge Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan). Nach dem Studium hat sie jetzt eine Stelle in einer kleineren Stadt irgendwo in der ostdeutschen Provinz angenommen. Sie ist am Anfang ihrer Probezeit. Eines Tages wird sie vom Fahrrad gestoßen und ein Molotow-Cocktail auf die geworfen. Ihre Ermittlungen – teils von ihr gegen jede Dienstvorschrift durchgeführt – führen zu einer Verurteilung der Täter. Dabei deckt sie ein rechtsextremes, tief in den Staat hineinreichendes Netzwerk auf.

Soweit die Synopse von Faraz Shariats neuem Film „Staatsschutz“, entstanden nach einem Drehbuch von Claudia Schaefer und den Ko-Autoren Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim. Die Geschichte ist von wahren Vorfällen inspiriert. Es geht um die bundesdeutsche Realität und alles soll nah an der Realität erzählt werden. So weit, so gut.

Für eine fiktionale Geschichte müssen die realen Ereignisse in eine Form gebracht werden. Und hier scheitert „Staatsschutz“. Das beginnt schon mit der Protagonistin. Anstatt einfach eine junge Staatsanwältin zu zeigen, die in einem Fall ermittelt, dabei auf das rechte Netzwerk stößt und gegen zunehmende Widerstände kämpfen muss, ermittelt sie in eigener Sache. Sie ermittelt in einem Fall, in dem sie das Opfer ist. Sie verstößt gegen ungefähr jede Dienstvorschrift und Verhaltensregel. Letztendlich tut sie alles, um den Fall zu sabotieren. Die Gerichtsverhandlung wirkt wie die Adaption einer in einem US-Thriller gesehenen Verhandlung, abzüglich all der Punkte, die die Verteidigung berechtigterweise gegen Kims Anklage vorbrächte.

Etliche Subplots werden nicht weitergeführt. Sie könnten ersatzlos gestrichen werden. Einmal wird Kim von Polizisten in ihrem Auto grundlos angehalten und bedroht. Die Dashcam-Aufnahmen benutzt sie nicht. Im Gefängnis wird sie wahrscheinlich – Shariat deutet es nur an – vergewaltigt. Für die weitere Geschichte ist diese Episode unerheblich. Während ihrer Ermittlungen isoliert Kim sich zunehmend. Das führt dazu, dass sie endlos lange schweigend auf eine fotogen an ihre Fenster geklebte Foto- und Dokumentenwand blickt und ebenso stumm etwas im Computer recherchiert. Was ist nicht erkennbar.

Erkennbar ist, dass jede Drehbuchregel, die aus dieser Langeweile einen in jedem Fall besseren Film gemacht hätte, ignoriert wird. Denn dann würde sie sich mit jemand über ihre Ermittlungen unterhalten. Dann würden nicht nur echte und möglicherweise vorhandene Fotos gezeigt werden, sondern die Verbindungen zwischen Nazis, Polizei und Justiz und das gesellschaftliche Umfeld könnten analysiert werden.

All diese massiven Drehbuchprobleme wären noch akzeptabel, wenn der Film anders enden würde. Das Gerichtsverfahren endet mit einer Verurteilung der Täter. Der Beamte vom Staatsschutz, der die Täter deckte, wird versetzt. Kim wird von ihren Vorgesetzten darauf hingewiesen, dass sie gegen Vorschriften verstieß. Folgen hat es keine. Wenn in dem Moment „Staatsschutz“ enden würde, könnte man sagen: das Justizsystem funktioniert und es ist innerhalb des Systems möglich, Verurteilungen von Rechtsextremisten zu erreichen. Vielleicht fällt die Strafe etwas gering aus, aber die Gesetze sind nun mal so.

Aber „Staatsschutz“ endet nicht in diesem Moment. Kim fährt weiter mit ihrem Auto durch die ostdeutsche Provinz und beginnt offensiv Nazis zu bedrohen. Sie wird zu einer Ein-Frau-Bürgerwehr und der Film endet mit einem, aus heiterem Himmel kommendem Aufruf zur Selbstjustiz.

Damit stellt „Staatsschutz“ sich nicht in die ehrenwerte Tradition aufklärerischer Polit-Thriller, wie „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (um zwei neuere deutsche Bespiele zu nennen), „Spotlight“ und „The Report“ (um zwei ebenfalls neuere US-amerikanische Beispiele zu nennen) und den vielen grandiosen italienischen Polit-Thrillern, die sich mit den Verflechtungen von Mafia und Staat beschäftigen (da müsste ich mindestens ein Dutzend Filme nennen), sondern in die Tradition von Selbstjustiz-Thrillern wie „Ein Mann sieht rot“. Der ist ein erzählerisch ungleich besserer Film.

Staatsschutz (Deutschland 2026)

Regie: Faraz Shariat

Drehbuch: Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi (Ko-Autorin), Jee-Un Kim (Ko-Autorin)

mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kotbong Yang, Kathrin Angerer, Max Krause

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Staatsschutz“

Moviepilot über „Staatsschutz“

Rotten Tomatoes über „Staatsschutz“

Wikipedia über „Staatsschutz“

Berlinale über „Staatsschutz“


TV-Tipp für den 24. Januar: Die Wannseekonferenz

Januar 23, 2022

ZDF, 20.15

Die Wannseekonferenz (Deutschland 2022)

Regie: Matti Geschonneck

Drehbuch: Magnus Vattrodt, Paul Mommertz

TV-Drama über die titelgebende Wannseekonferenz, die vor achtzig Jahren, am 20. Januar 1942 stattfand und auf der „Endlösung der Judenfrage“ besprochen wurde. Es ging um organisatorische Fragen und Zuständigkeiten für die Ermordung von von mehreren Millionen Menschen.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt das ZDF die 45-minütige Doku „Die Wannsekonferenz – Die Dokumentation“ über die historischen Hintergründe des Films.

mit Philipp Hochmair, Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, Matthias Bundschuh, Fabian Busch, Jakob Diehl, Lilli Fichtner, Godehard Giese, Peter Jordan, Arnd Klawitter, Frederic Linkemann, Thomas Loibl, Sascha Nathan, Markus Schleinzer, Simon Schwarz, Rafael Stachowiak

Hinweise

ZDF über die Wannseekonferenz

Wikipedia über die Wannseekonferenz und „Die Wannseekonferenz“ (2022)


TV-Tipp für den 22. Oktober: Es geschah am hellichten Tag

Oktober 21, 2021

One, 21.00

Es geschah am hellichten Tag (Deutschland 1996)

Regie: Nico Hofmann

Drehbuch: Bernd Eichinger, Uwe Wilhelm

LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957

Kommissar Matthäi sucht den Mörder eines neunjährigen Mädchens.

Bernd Eichinger hatte die Idee zur kurzlebigen Reihe „German Classics“. In ihr wurden deutsche Filmklassiker von einer hochkarätigen Besetzung vor und hinter der Kamera für das Fernsehen neu inszeniert. Die Kritikerreaktionen waren gespalten, aber durchaus wohlwollend. Nur SAT 1 stieg nach vier Filmen aus. Deshalb ist „Es geschah am helllichten Tag“ einer der wenigen von einem Privatsender produzierten Filme, die echte Kinoqualitäten haben und nicht durch ein verzweifeltes Schielen auf die Quote alles vermurksen.

Dieses extrem selten gezeigte Remake von „Es geschah am helllichten Tag“ ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das Rühmann/Fröbe-Original wurde kaum aktualisiert und jetzt sehen wir einen filmischen Bastard, der einerseits eindeutig in den Fünfzigern spielt, andererseits aber mit der heutigen Technik arbeitet. Die Inszenierung betont, besonders bei den im Wald spielenden Szenen, das märchenhafte. Gerade wegen der nur halbherzigen Aktualisierung berührt einen Nico Hofmanns Remake nie wirklich. Es bleibt letztendlich Ausstattungskino.

Vier Jahre später inszenierte Sean Penn mit „Das Versprechen“ (The Pledge) den gleichen Stoff wesentlich packender.

Mit Joachim Król, Barbara Rudnik, Axel Milberg, Heino Ferch, Hans-Werner Meyer, Arnd Klawitter, Martin Lüttge, Monika Baumgartner, Michael Mendl, Monica Bleibtreu

Wiederholung: Samstag, 23. Oktober, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Es geschah am hellichten Tag“

Wikipedia über Friedrich Dürrenmatt

Meine Besprechung von Friedrich Dürrenmatts “Die Kriminalromane” (Sammelband)