Neu im Kino/Filmkritik: „Gentle Monster“: netter Ehemann, liebevoller Vater und möglicherweise „?“

Es wird zwar in allen mir bekannten Besprechungen verraten, aber weil der Trailer es nicht verrät, gibt es eine Spoilerwarnung.

Als eines Tages die Polizei klingelt und beginnt, das Haus von Lucy (Léa Seydoux) und Philip Weiss (Laurence Rupp) zu durchsuchen, bricht Lucys auf den ersten Blick heile Welt zusammen. Die Pianistin lebt mit ihrem Mann, einem Filmemacher, und ihrem gemeinsamen Kind auf dem Land in einem großen, links-bürgerlich verwilderten Villa.

Warum die Polizei ihr Haus durchsuchte, verrät Regisseurin Marie Kreutzer erst einige Minuten später, als Lucy das Polizeigebäude betritt und zur für die Durchsuchung zuständigen Polizistin geht. Elsa Kühn (Jella Haase) arbeitet in der Abteilung Pädakriminalität.

Ihr Mann soll pornographische Bilder von Kindern besitzen.

Während Lucy sich jetzt mühsam durch die verschiedenen Aspekte des Themas quält, fragte ich mich, wie man ein so wichtiges Thema so versemmeln kann. Wobei, das muss ich zugeben, ich mich in den ersten Minuten, wenn Kreutzer impressionistische Bilder vom glücklichen Familienleben zeigt, fragte, welche Geschichte der Film erzählen möchte. Erst nach fünfzehn, zwanzig Minuten, mit der Hausdurchsuchung, gibt es das die Filmgeschichte startende Ereignis.

Während der Hausdurchsuchung verlor „Gentle Monster“ mich endgültig. Die Polizistin erklärt nicht, warum sie das Haus durchsuchen wollen. Philip fragt nicht. Er lässt die Beamten ohne ein Widerwort in das Haus. Die später hinzukommende Lucy nimmt zwar die Polizisten wahr, begibt sich aber erst einmal in die Küche. Als Philip dann jemand anrufen möchte, lässt Elsa ihn telefonieren. Wen er warum anruft, interessiert die Polizistin nicht. Dabei könnte er einen Mittäter warnen.

Niemand von ihnen verhält sich in dem Moment in irgendeiner Beziehung plausibel oder so, wie es nach ihrem vorherigen Verhalten erwartbar wäre. Immerhin kann Philips Verhalten mühelos als umfassendes Schuldeingeständnis verstanden werden.

Auch danach mäandert der enervierend ereignislose, meist sinnfrei zwischen drei Sprachen wechselnde Film vor sich hin. Philip verschwindet aus der Filmgeschichte in eine Arrestzelle. Ab und an wird über ihn und seine möglichen Taten gesprochen. Lucy darf nachdenklich und viel auf ihrem Klavier herumklimpern. Was sie denkt, erfahren wir nicht. Dafür erfahren wir viel, viel zu viel, über das Privatleben der Kommissarin und ihre Probleme mit ihrem zunehmend pflegebürftigem und übergriffigem Vater. Das Thema „sexuelle Gewalt“ und die Frage von Mitwisserschaft und möglicher Mittäterschaft wird hier auch angesprochen, aber die Hauptgeschichte bringt diese Nebengeschichte nicht voran. Man hätte sie ersatzlos streichen können.

Über Pädophilie, kriminelle pädophile Netzwerke und Schutzbehauptungen von Tätern erfahren wir auch einiges. In Nebensätzen und auf die denkbar ungeschickteste Art und Weise. Es ist, als habe Kreutzer einen Drehbuchratgeber gelesen und beschlossen, einfach alles anders zu machen.

Dazu gehört, dass an allen Figuren – obwohl Kreutzer recherchierte und mit dem Fall Florian Teichtmeister (einer der Hauptdarsteller ihres vorherigen Films „Corsage“ wurde nach der Fertigstellung des Films wegen des Besitzes kinderpornographischer Aufnahmen angeklagt und zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt) – die Diskussionen der vergangenen Jahre spurlos vorbeigingen. So sollen wir auch nur eine Zehntelsekunde Philips nicht weiter vertiefte Schutzbehauptung glauben, er habe das Material nur als Recherchematerial für einen Dokumentarfilm gesammelt. Seine nächste Schutzbehauptung ist genauso idiotisch.

Die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich herausstellt, dass ein geliebter Mensch möglicherweise pädophil ist, hätte einen besseren Film als dieses langatmig, konfuse und gänzlich spannungsfreie, hochkarätig besetzte Werk verdient.

Gentle Monster (Deutschland/Frankreich/Österreich 2026)

Regie: Marie Kreutzer

Drehbuch: Marie Kreutzer

mit Léa Seydoux, Jella haase, Laurence Rupp, Malo Blanchet, Catherine Deneuve, Anton Rubtsov, Nils Strunk, Sylvester Groth

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gentle Monster“

Moviepilot über „Gentle Monster“

Metacritic über „Gentle Monster“

Rotten Tomatoes über „Gentle Monster“

Wikipedia über „Gentle Monster“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marie Kreutzers „Corsage“ (Österreich/Luxemburg/Deutschland/Frankreich 2022)

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