Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Langzeitreisende unter sich – Über Christopher Nolans Interpretation von Homers „Die Odyssee“

Juli 16, 2026

Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.

Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.

Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.

Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.

Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.

Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.

Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.

Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.

Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.

Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.

Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.

Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.

Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.

Die Odyssee (The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Homer: Odyssee

mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee

Länge: 173 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“. 

Homer: Odyssee

(übersetzt von Karl Ferdinand Lempp)

Insel Verlag, 2026

464 Seiten

18 Euro

Erstausgabe

Insel Verlag, 2009

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Odyssee“

Metacritic über „Die Odyssee“

Rotten Tomatoes über „Die Odyssee“

Wikipedia über „Die Odyssee“ (Epos: deutsch, englisch; Nolan-Verfilmung: deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)

zu Odysseus

Meine Besprechung von Uberto Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ (The Return, Italien/Griechenland/Großbritannien/Frankreich 2024)


TV-Tipp für den 3. Oktober: Oppenheimer

Oktober 2, 2025

Pro7, 20.15 

Oppenheimer (Oppenheimer, USA 2023)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Kai Bird/Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, 2005 (J. Robert Oppenheimer – Die Biographie)

TV-Premiere. Christopher Nolans überzeugendes Biopic über den Physiker J. Robert Oppenheimer, den „Vater der Atombombe“. Keine leichte Kost.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer

Wiederholung: Samstag, 4. Oktober, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Oppenheimer“

Metacritic über „Oppenheimer“

Rotten Tomatoes über „Oppenheimer“

Wikipedia über „Oppenheimer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Dwayne Johnson ist „The Smashing Machine“ Mark Kerr

Oktober 2, 2025

Während des diesjährigen Wettbewerbs bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo „The Smashing Machine“ seine Premiere hatte, wurde sogar gemunkelt, dass Dwayne Johnson den Preis als bester Schauspieler erhalten könnte. Das geschah nicht. Dafür erhielt Benny Safdie den Preis als bester Regisseur für sein Sportlerbiopic.

In dem Biopic erzählt Safdie einige wichtige Jahre in dem Leben von MMA-Kämpfer und UFC-Champion Mark Kerr (Dwayne Johnson). MMA steht für Mixed Martial Arts oder, jedenfalls in den Anfangstagen, Schlagen ohne Regeln.

Der Film beginnt 1997 mit Kerrs erstem MMA-Kampf. Ohne zu Zögern greift er mit maximaler Wucht an. Nach zwei Minuten liegt sein Gegner auf dem Boden.

Nach diesem Auftakt konzentriert der restliche Film sich auf die Jahre 1999 und 2000. Er endet am 1. Mai 2000 mit dem Finalkampf des Pride Grand Prix in Tokio. Das ist eine kurze Spanne im Leben eines Menschen. Es ist also möglich, in die Tiefe zu gehen und einen bestimmten Punkt im Leben der porträtierten Person oder ein Ziel, das sie unbedingt erreichen möchte, genau zu beleuchten.

Dieses Ziel ist, ist in „The Smashing Machine“ über weite Strecken eher unklar. Vieles wird in den zwei Kinostunden angesprochen, aber nur wenig wird konsequent fortgeführt. Es werden viele Kämpfe gezeigt. Ob sie für bestimmte Qualifizierungen wichtig sind, bleibt eher unklar. Meistens gewinnt Kerr. Selten verliert er und das gefällt ihm nicht. Er nimmt Schmerzmittel und wird abhängig von ihnen. Der Sport professionalisiert sich. Es gibt mehr Geld. Die Kampforte werden glamouröser. Es gibt immer mehr Regeln für die Kämpfe. Hinter den Kulissen ändert sich wenig. Hinterzimmer und Gänge, die normalerweise nur vom Personal benutzt werden, bleiben Gänge, die nur vom Personal benutzt werden. Kerr ist befreundet mit MMA-Kämpfer Mark Coleman (Ryan Bader), der auch sein Trainer wird. Kerr heiratet. Wenn er sich mit seiner Freundin Dawn Staples (Emily Blunt) streitet, zertrümmert er eine Tür. Und hat danach ein schlechtes Gewissen.

Bei diesen Kämpfen lernt Kerr, der als strahlender Gewinner eingeführt wird, dann mit Verlusten umzugehen. So ist der erste Kampf, den er verliert, für ihn ein welterschütternder Schock. Es ist etwas eingetreten, was er bis dahin nicht kannte. Und das ist dann auch ungefähr das, was Kerr lernen muss: zu verlieren und damit umzugehen.

Dwayne Johnson spielt Mark Kerr als eine Art übergroßen Teddybär, der im Ring einen brutalen Sport ausübt. Abseits des Rings ist er ein hart trainierender Perfektionist und netter Mensch. Er geht Streit aus dem Weg. Wenn er dann doch mal explodiert, schlägt er nicht seine Freundin, sondern zerstört eine billige Tür und zergeht danach in Selbstmitleid. Das unterscheidet sich nicht so wahnsinnig von Johnsons schauspielerischen Leistungen in anderen Filmen und auch nicht von seinen öffentlichen Auftritten. Außer dass Kerr wie eine mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellte Version von Johnson wirkt.

Regisseur und Drehbuchautor Benny Safdie drehte mit seinem Bruder Josh „Good Time“ und „Der schwarze Diamant“ (Uncut Gems). In seinem stark inszeniertem Solo-Regiedebüt bleibt er dem aus seinen vorherigen Filmen bekannten realistisch-dokumentarischem Stil treu. „The Smashing Machine“ ist durchgehend deutlich näher an New-Hollywood-Dramen und Darren Aronofskys interessanterem „The Wrestler“ als an den gängigen, mit einem strahlenden Sieg des Helden endenden Hollywood-Biopics. Er ist aber auch gleichzeitig überaus konventionell erzählt als Abfolge von Schnappschüssen aus einem Jahr aus dem Leben eines Sportlers.

Für MMA-Fans ist „The Smashing Machine“ ein Rückblick in die Zeit, als der Sport noch nicht das heutige Riesengeschäft war. Alle anderen werden sich fragen, warum über Kerr ein Biopic gemacht wurde; also was seine besondere Leistung für den Sport und darüberhinaus war. Für sie bleibt am Ende nur ein betont freundliches Porträt eines überaus netten Menschen.

The Smashing Machine (The Smashing Machine, USA/Japan/Kanada 2025)

Regie: Benny Safdie

Drehbuch: Benny Safdie

mit Dwayne Johnson, Emily Blunt, Ryan Bader, Bas Rutten, Oleksandr Usyk, Lyndsey Gavin

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Smashing Machine“

Metacritic über „The Smashing Machine“

Rotten Tomatoes über „The Smashing Machine“

Wikipedia über „The Smashing Machine“ (deutsch, englisch) und Mark Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben und Joshua Safdies „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“ (Good Time, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Christopher Nolans „Oppenheimer“

Juli 20, 2023

Ein verfilmter Wikipedia-Artikel – ein gern benutzter Vorwurf gegen Biopics die das Leben der porträtierten Person chronologisch, detailversessen und langweilig abhandeln – ist Christopher Nolans „Oppenheimer“ nicht. Ein guter Film ist das dreistündige Werk auch nicht.

Er erzählt, weitgehend chronologisch und mit vielen Stars (dazu später mehr) einige wichtige Momente aus dem Leben von J. Robert Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“. Cillian Murphy spielt ihn als hageren Kettenraucher. Es geht um seine Jahre als Leiter des Manhattan-Projekts während des Zweiten Weltkriegs. In Los Alamos, New Mexico, leitete er die Forschungen und Entwicklung der Atombombe. Es geht um die Sicherheitsanhörung, in der 1954 über seine Sicherheitsfreigabe, die ihm die Arbeit an geheimen Rüstungsprojekten ermöglicht, verhandelt wurde. Auch seine Zeit als Student und aufstrebender Wissenschaftler werden kurz beleuchtet. Nolan springt dabei, ohne die Zuschauer zu überfordern, in der Chronologie, zwischen Farbe und Schwarz-Weiß und zwischen Oppenheimers Berufs- und Privatleben hin und her. Auf Jahreszahlen und Ortsangaben verzichtet er, aber Oppenheimers Frisur gibt jederzeit deutliche Hinweise auf die Zeit.

Bis auf wenige Momente, in denen Nolan in Oppenheimers Kopf eintaucht, ist das Biopic ein normales Biopic mit sprechenden Männern und noch mehr sprechenden Männern, die anscheinend auf ihren Stühlen festgewachsen sind, und einigen prächtigen Landschaftsaufnahmen von New Mexico mit reitenden Menschen und fotogenen Sonnenauf- und -untergängen. Irgendwann sind die Forscher im Manhattan-Projekt, die wir eigentlich nie bei der Arbeit sehen, soweit, dass sie den Trinity-Test durchführen können. Diese erste Explosion einer Atombombe wurde schon vorher eifrig beworben. Nolan verzichtete auf computergenerierte Bilder. Also musste es eine echte Explosion geben, die im Film, nun, ziemlich wie eine normale Explosion aussieht. Nur, insgesamt, auch durch die Inszenierung, etwas imposanter.

Um die Bilder und die Kameraarbeit wurde vorher ebenfalls ein großes Bohei gemacht. Nolan und sein Kameramann Hoyte van Hoytema (u. a. die Nolan-Filme „Interstellar“, „Dunkirk“ und „Tenet“) drehten mit Großformatkameras und immer mit einer IMAX-Auswertung im Blick. Für die Schwarz-Weiß-Szenen entwickelte Kodak spezielles Filmmaterial. Das sind technische Aspekte, die mit der Qualität des Films letztendlich nichts zu haben.

Bei den Figuren wollte Nolan keine Filmfiguren erfinden, die aus mehreren realen Personen zusammengefügt sind. Dieser Verzicht auf Composite Characters führt dazu, dass er viele, sehr viele Schauspieler für teils nur sehr kurze Auftritte von ein, zwei Szenen engagieren musste. Er besetzte diese teils immer noch sehr bekannten Menschen, wie Niels Bohr und Werner Heisenberg, mit bekannten Schauspielern, die auch in sehr kurzen Auftritten von oft nur ein, zwei Szenen einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Und niemand würde Matt Damon mit Robert Downey Jr. (schwer erkennbar als Lewis Strauss) mit Kenneth Branagh mit Casey Affleck oder mit Matthias Schweighöfer (der in der Originalfassung etwas deutsch reden darf) verwechseln. Das erleichtert etwas die Orientierung im Wust der Kurzauftritte und auch das spätere Gespräch darüber.

Ein großer Teil des Films, mindestens ein Drittel, wahrscheinlich sogar viel mehr Filmzeit, beschäftigt sich mit zwei Anhörungen, die in den Fünfzigern stattfanden. Die eine ist die Sicherheitsanhörung von J. Robert Oppenheimer. In ihr wird 1954 über die Bestätigung seiner Sicherheitsgarantie verhandelt. Es ist, in einem anonymen, winzigem Besprechungszimmer, ein Schauprozess der übelsten Sorte. Ohne Publikum und ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Die andere Anhörung ist 1959 die von Lewis Strauss vor dem US-Senat. Er soll als Handelsminister bestätigt werden. In diesem Teil des Films geht es dann tief in die Hinterzimmer von Washington und die US-amerikanische Paranoia vor dem Kommunismus, die damals zum McCarthyismus führte. In langen Befragungen wird sich auf Details aus Oppenheimers Vergangenheit konzentriert, die ihn als einen Kommunisten überführen sollen. Wann er mal für eine gute Sache Geld spendete oder mit wem er sich irgendwann vor Jahren mal traf.

Nolan inszeniert diesen Reigen sprechender Köpfe, über die wir oft nichts wissen, als eine endlose Abfolge starrer Kameraeinstellungen, die mehr an einen durchschnittlichen TV-Gerichtsfilm als an einen großen Kinofilm erinnert. Wobei sogar jede Gerichtsszene in „Law & Order“ dynamischer inszeniert ist.

Er verzichtet auch auf eine Voice-Over-Kommentar, der Informationen, Hintergründe und Zusammenhänge vermitteln und Lücken der Erzählung ausfüllen könnte. Das muss dann der Wikipedia-Artikel erledigen.

Ärgerlich ist bei einem Film wie „Oppenheimer“, bei dem die Dialoge wichtig sind, Nolans Marotte, die Dialoge bis zur Unverständlichkeit in den restlichen Sound zu mischen. Da wären, wie bei seinem vorherigen Film „Tenet“, Untertitel hilfreich gewesen.

Alles das könnte verziehen werden, wenn Nolan sein Material im Griff hätte. Aber er reiht nur Episoden und Details aus Oppenheimers Leben aneinander. Am Anfang assoziativ und immer wieder in Oppenheimers Kopf, später weitgehend chronologisch und objektiv. Nolan lässt beim Erzählen von Oppeneimer Leben große Lücken. Die größte ist die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Jahren danach, in der Oppenheimer die Entwicklung der Wasserstoffbombe ablehnte. Er zerstritt sich darüber mit Lewis Strauss, dem damaligen Vorsitzenden der Atomenergiebehörde (Atomic Energy Commission, AEC). Strauss diffamierte ihn als möglichen sowjetischen Spion. Das führte zu der von Nolan in epischer Breite gezeigten Sicherheitsanhörung. Interessanter wäre es gewesen, wenn Nolan eben die Geschichte des Konflikts zwischen Oppenheimer und Strauss gezeigt hätte. Er zeigt nur einen kleinen, für sich genommen und ohne Hintergrundwissen kaum verständlichen Ausschnitt.

Die Frauen in Oppenheimers Leben bleiben schmückendes Beiwerk. Sein familiärer Hintergrund, Kindheit und Jugend werden ignoriert. Das wäre kein Problem, wenn Nolan aus Oppenheimers Leben einen wichtigen Abschnitt oder eine wichtige Entwicklung vollständig und nachvollziehbar erzählt hätte. So finden die wichtigsten Entwicklungen immer zwischen den Bildern statt.

Oppenheimer“ ist Christopher Nolans schwächster Film. Nolans Drei-Stunden-Epos wirkt wie eine lieblos auf Spielfilmlänge zusammengeschnittene durchschnittliche TV-Serie.

Oppenheimer (Oppenheimer, USA 2023)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Kai Bird/Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, 2005 (J. Robert Oppenheimer – Die Biographie)

mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer (da könnte man ein Trinkspiel machen)

Länge: 181 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s wegen nackter Tatsachen ein R-Rating. Die sind halt arg prüde.)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Oppenheimer“

Metacritic über „Oppenheimer“

Rotten Tomatoes über „Oppenheimer“

Wikipedia über „Oppenheimer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: „Licorice Pizza“ – ansehen erlaubt

Januar 27, 2022

San Fernando Valley, Sommer 1973: Auf dem Schulhof lernt der Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (die Musikerin Alana Haim) kennen. Sie ist die Assistentin für den Fotografen, der an diesem Fototag Bilder von den Schülern und den Klassen macht. Sie hängt eher gelangweilt herum. Da ist Garys gleichzeitig unverschämt offensives, großkotziges und pubertäres Werben um sie eine willkommene Abwechslung. Sie lässt sich von ihm sogar zu einem Date überreden.

Und das ist der Auftakt für eine deutlich über zweistündige Abfolge von Anekdoten aus diesem Sommer. Gary ist neben der Schule auch ein Schauspieler (zwar noch ganz am Anfang seiner Karriere, aber sehr ambitioniert) und ein Unternehmer. Auch hier steht er noch vor dem großen Durchbruch, aber er ist sehr ambitioniert und von jeder seiner Geschäftsideen hundertfünfzigprozentig überzeugt. Zum Beispiel mit dem Verkauf von Wasserbetten oder, nachdem er erfährt, dass Flippern in Kalifornien legalisiert werden soll, eröffnet er eine Halle mit Flipperautomaten.

Alana ist in diesen Tagen seine Fahrerin und Freundin. Wobei unklar ist, ob sie seine ‚Freundin‘ werden soll oder sein ‚Freund‘ ist. Jedenfalls sind sie, trotz des Altersunterschieds, ziemlich unzertrennlich. Und Paul Thomas Anderson zeigt diesen schüchterne und auch unbeholfene, von großer Unsicherheit gekennzeichnete Umwerben äußerst feinfühlig.

Sie hilft Gary bei seinen Geschäften und fährt auch einmal einen Laster rückwärts die Berge hinunter, weil erstens ihr Kunde, der extrem cholerische Filmproduzent und Barbara-Streisand-Freund Jon Peters (Bradley Cooper), mit dem Aufbau des Wasserbettes unzufrieden ist, und zweitens, während der Ölkrise, der Tank des Wagens leer ist. Aber bergab braucht man kein Benzin, sondern gute Bremsen.

Sie will auch Schauspielerin werden. Gary vermittelt ihr einen Vorsprechtermin. Dabei lernt sie Jack Holden (Sean Penn; Vorbild war William Holden) kennen. Zusammen mit ihm und Rex Blau (Tom Waits; Vorbild war Regisseur Mark Robson [„Erdbeben“]) verbringen sie einen Abend voller Alkohol und männlicher Angeberei. Schließlich beweist Holden sich sturzbetrunken als Motorradfahrer.

Sie wird Freiwillige im Wahlkampfteam des jungen, charismatischen Politiker Joel Wachs (Benny Safdie). Er kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Auch er ist eine reale Figur, die unter ihrem echten Namen auftritt. Das Vorbild für Gary Valentine war der mit Paul Thomas Anderson befreundete Gary Goetzman. Er erzählte ihm Geschichten von seiner Jugend. Heute produziert Goetzman, oft mit Tom Hanks in der Hauptrolle, Filme wie „My Big Fat Greek Wedding – Hochzeit auf griechisch“, „Mamma Mia!“, „Larry Crowne“ und „Ein Hologramm für den König“.

Paul Thomas Anderson taucht in seinem neuen Film „Licorice Pizza“ tief in frühen Siebziger in Kalifornien ein. Eigentlich sieht das Episodendrama wie ein gut fünfzig Jahre alter Dokumentarfilm aus. Die Hauptrollen werden von den Spielfilmdebütanten Cooper Hoffman, Sohn von Philip Seymour Hoffman, und Alana Haim gespielt. Das restliche Ensemble besteht, manchmal in Personalunion, aus Freunden von Anderson, bekannten Schauspielern und der Familie von Alana Haim, die die Familie von Alana Kane spielen.

Die Abfolge der von Anderson erzählten Anekdoten folgt dabei keiner strikten Chronologie oder erzählerischen Notwendigkeit. Deshalb könnte „Licorice Pizza“ problemlos eine halbe Stunde länger oder kürzer sein.

Wenn man auf diese Art von weitgehend plotlosen Erinnerungsfilmen voller warmherziger Nostalgie und in diesem Fall cineastischer Anspielungen steht, dann wird man von „Licorice Pizza“ begeistert sein. Die meisten Kritiker sind es.

Ich halte das Drama für überbewertet; das liegt allerdings daran, dass ich diese Art von Filmen, in denen tagebuchhaft einfach Episoden und Anekdoten aneinandergereiht werden, für schwierig halte und ich vor allem Gary reichlich unsympathisch fand. Er ist in erster Linie kein Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt, sondern ein Schüler, der ständig das nächste große Geschäft wittert und umsetzt. Seine ganze Existenz dreht sich um das Angeben mit seinen Taten und um das Geld verdienen. Er ist ein archetypischer Kapitalist, für den der ständig getragene Anzug die stolz getragene Arbeitskleidung ist. Dabei darf er noch nicht einmal Auto fahren oder Bier trinken. Dieser Gary, der Protagonist, mit dem wir mitfühlen sollen, wirkt die meiste Zeit wie ein schmieriger, ichbezogen-egomanischer Verkäufer. Vor solchen Menschen haben uns unsere Eltern immer gewarnt.

„Licorice Pizza“ ist nicht schlecht. Er hat sogar viele gute Szenen, aber die anderen Filme von Paul Thomas Anderson, zum Bespiel sein ebenfalls in den frühen Siebzigern spielender Privatdetektivkrimi „Inherent Vice – Natürliche Mängel“, sind besser.

Licorice Pizza (Licorice Pizza, USA 2021)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bradley Cooper, Benny Safdie, Tom Waits, Sean Penn, Nate Mann, Will Angarola, Joseph Cross, Maya Rudolph

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Licorice Pizza“

Metacritic über „Licorice Pizza“

Rotten Tomatoes über „Licorice Pizza“

Wikipedia über „Licorice Pizza“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)