Bekannt ist Colleen Hoover für ihre erfolgreichen Young/New Adult-Liebesromane, von denen inzwischen auch drei fürs Kino verfilmt wurden.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ihr erster Thriller. Ein Kollege, der den Roman gelesen hatte, verriet mir nach der Pressevorführung, dass der Roman sehr frei verfilmt wurde. Die Vorlage gefiel ihm besser.
Hoover, die zu den Produzenten des Films gehört, meint: „It’s still a great reflection of the book.“
Im Film wird die nicht so wahnsinnig erfolgreiche Thrillerautorin Lowen Ashleigh (Dakota Johnson) engagiert, der Thriller-Königin Verity Crawford (Anne Hathaway) bei ihrem neuen Buch zu helfen. Verity schreibt sehr erfolgreiche und sehr brutale Thriller, in denen sie sich in die Psyche des Täter hineinversetzt.
Als Lowen bei den Crawfords ankommt, erfährt sie, dass sie Verity nicht beim Schreiben des Buches helfen soll. Sie soll das Buch und die nächsten Bücher ganz allein schreiben. Denn Verity liegt schon einige Zeit vollständig gelähmt im Bett. Wie sie in diesen Zustand kam, wird erst viel später im Film verraten. Warum Veritys Verlag und auch sonst niemand etwas davon weiß, erfahren wir nie.
„Verity – Dunkle Geheimnisse“ ist ein 08/15-Lady-Thriller, der sich banal, jedes Klischee mitnehmend, überraschungsfrei bis zum ebenso überraschungsfreien Ende bewegt. Jeder Satz, jeder Dialog, jede Szene, jede Entwicklung kommt aus dem Klischeebaukasten. Gleiches gilt für die Figuren. Und wer nach Logiklöchern und Unplausibilitäten sucht, wird einen Großkampftag erleben.
Garniert wird die banale Thrillergeschichte, genrekonform und erwartungsgemäß, mit einer Liebesgeschichte. Denn selbstverständlich verlieben sich die Ghostwriterin Lowen und Veritys überaus liebevoller, treusorgender, verständnisvoller und gut aussehender Ehemann und Vater Jeremy (Josh Hartnett) ineinander.
Das ist alles so vorhersehbar und so wirklichkeitsfern, dass es nie spannend wird. Es wird noch nicht einmal interessant. Immerhin ist dieser Romantic-Thriller professionell inszeniert mit guten, aber sträflich unterforderten Schauspielern in nobler Ambiente mit Wald- und Seeblick.
Während des gesamten Films fragte ich mich, was Donald E. Westlake (der Autor der Vorlage für „No other choice“) daraus gemacht hätte. Und schon hatte ich Ideen für mindestens ein Dutzend bessere Filme. Was wäre, wenn…
Verity – Dunkle Geheimnisse(Verity, USA 2026)
Regie: Michael Showalter
Drehbuch: Nick Antosca
LV: Colleen Hoover: Verity, 2018 (Verity)
mit Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett, Ismael Cruz Cordova, Brady Wagner
Ein Horrorfilm, ein Neo-Noir und jetzt ein Dinosaurierfilm. Wo ist da, abgesehen von dem Namen des Regisseurs, der gemeinsame Nenner? Alle verraten ein großes Filmwissen. „It Follows“ über einen tödlichen Fluch, der durch Sex weitergegeben wird, gefiel den Horrorfans und den Kritikern. „Under the Silver Lake“ kam beim Kinostart nicht so gut an. Inzwischen wird dieser Zitatfreudige, aus der Zeit gefallene in Los Angeles spielende, sich in der dortigen Kultur suhlende Neo-Noir positiver beurteilt. Sein neuester Film „The End of Oak Street“ ist ein sich etwas seltsam zwischen die Stühle setzender Vorstadt-Dinosaurier-Film. Was wäre, wenn der Jurassic Park nicht auf einer einsamen Insel sondern eines Morgens im Vorgarten einer typischen US-Vorstadt wäre? Und was wäre, wenn eine typische US-amerikanische Kleinfamilie plötzlich gegen Dinosaurier im Vorgarten kämpfen müsste?
David Robert Mitchell, der wie bei seinen vorherigen Filmen auch dieses Mal das Drehbuch schrieb, hält sich nicht mit Erklärungen auf, wie es zu der Zeitreise der Familie Platt, bestehend aus der Hausfrau Denise Platt (Anne Hathaway), ihrem liebevollem Mann Greg (Ewan McGregor) und ihren netten Kinder Brian (Christian Convery) und seiner ältere Schwester Audrey (Maisy Stella), kommt. In der Nacht gibt es plötzlich ein sehr helles Licht. Am nächsten Tag ist die lauschige Vorort ein vom Rest der heutigen Welt abgetrenntes Gebiet mit tropischen Temperaturen und Dinosauriern, aber ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Dieses „Twilight Zone“-Gefühl gibt Mitchell dann schnell zugunsten eines bunten, actionlastigen Siebziger/Achtziger-Jahre-Fantasy-Familienfilms auf. Obwohl der Film 1982 spielt, wirkt er mit den Frisuren und Kleidern seiner Hauptfiguren, der Inneneinrichtung, den kleinen Fernsehern, Denises Polaroid-Kamera und der Abwesenheit von allem, was irgendwie mit Computern und den Achtzigern zu tun hat, wie ein in den Siebzigern spielender Film. In jedem Fall ist es eine Zeit, die heute als gute alte Zeit, in der die US-Gesellschaft noch eine harmonische Gemeinschaft war, verklärt wird.
Mitchell nahm sich für seinen neue Film „The End of Oak Street“ als offensichtliches Vorbild in den siebziger und achtziger Jahren entstandene Fantasy-Filme für die ganze Familie. Auch wenn es bei ihm ab und an etwas drastischer und expliziter zugeht. Er zeigt, wie ein Dinosaurier einem Menschen ein Bein abbeißt. Oder wie zwei Dinosaurier sich einträchtig an ein Haus gelehnt paaren. Das ist ein Moment der Stille, bevor die Menschen wieder schreiend vor Dinosauriern weglaufen.
Die Platts laufen kreuz und quer durch die Oak Street und die anderen Straßen und Abkürzungen in ihrer halb im Wald liegenden Vorstadt. Sie suchen ihren Hund Starbuck und ein Portal, das sie wieder in die Gegenwart zurückbringen soll. Bis auf ein kürzlich mit ihrer Familie in die Nachbarschaft gezogenes Mädchen, treffen sie kaum andere Menschen. Bei der Zeitreise des Ortes in die Vergangenheit scheinen fast alle Nachbarn im Nirgendwo verschwunden zu sein. Die anderen Nachbarn werden sofort zu Dino-Futter oder werfen nur einen kurzen Blick auf die Straße. Letztendlich ist die Oak Street nach der Zeitreise ein seltsam menschenleerer und entsprechend ruhiger Ort.
Sowieso sollte man nicht zu sehr über die doch sehr vorhersehbare und einfache Geschichte von „The End of Oak Street“ nachdenken. Mitchell liefert weitgehend anspruchslose familienfreundliche Unterhaltung im Retro-Design mit Spielberg-Touch.
Wer einfach knappe hundert Minuten zusehen möchte, wie eine vierköpfige Familie mit kleinen Problemen beim Zusammenleben und einem Hund, gegen Dinosaurier kämpft, und die Geschichte nicht zu sehr auf Erklärungen und politische Implikationen abklopft, wird sich gut unterhalten fühlen.
The End of Oak Street (The End of Oak Street, USA 2026)
Regie: David Robert Mitchell
Drehbuch: David Robert Mitchell
mit Anne Hathaway, Ewan McGregor, Christian Convery, Maisy Stella, P. J. Byrne, Chris Coy, Jordan Alexa Davis
Das Werk ist – – – nun, auch ohne nur eine Strophe von Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandenem Epos gelesen zu haben, kennen wir die Geschichte von Odysseus. Es gibt mehrere Übersetzungen, kindgerecht gekürzte Versionen, Verfilmungen und viele Filme, die von der Odyssee inspiriert sind. Und wir wissen, was eine Odyssee ist.
Jetzt verfilmte Christopher Nolan das aus vierundzwanzig Gesängen bestehende Epos mit einem Star-Ensemble, modernster Technik und einem Budget, das es ihm ermöglichte, seine Vision so zu verfilmen, wie er es sich wünschte. Der überwältigende Erfolg seines vorherigen Films „Oppenheimer“ war, so gibt Nolan freimütig zu, hilfreich für die Finanzierung des 250 Millionen US-Dollar teuren Films.
Homer erzählt in über zwölftausend Hexameterversen die, nach dem Sieg über Troja, zehn Jahre währende Heimreise von Odysseus (Matt Damon). Auf diese Irrfahrt (nein, ich schreibe jetzt nicht das O-Wort) wird der König von Ithaka von den Göttern Zeus und Poseidon geschickt als Strafe für seine Taten. Odysseus erlebt dabei etliche Abenteuer. Er wird an ungastliche Orte verbannt und jedes Abenteuer, das er überlebt, endet für einige seiner Soldaten tödlich.
Währenddessen wartet seine Frau Penelope (Anne Hathaway) auf der von ihm beherrschten Insel Ithaka auf ihn. Seit Jahren wird der Hof von Freiern, unter anderem dem hinterlistigem Antinoos (Robert Pattinson), belagert. Diese Schmarotzer glauben nicht mehr an eine Rückkehr des nach dem Krieg gegen Troja spurlos verschollenen Odysseus. Sie halten ihn für tot. Sie wollen die Witwe Penelope heiraten und so Herrscher über Ithaka werden. Aber sie zögert und schiebt die Entscheidung, wen sie als ihren neuen Gemahl auserwählen soll hinaus. Sie glaubt nämlich, dass ihr Mann Odysseus zurückkehren wird. Als Odysseus‘ Sohn Telemachos (Tom Holland) erwachsen ist, begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater.
Zwanzig Jahre nach seinem Aufbruch wird Odysseus an die Küste von Ithaka angespült. Er gibt sich als Bettler aus. Bevor er seine Identität enthüllt, will er herausfinden, wie die Machtverhältnisse sind und was er tun muss, um wieder über sein Reich herrschen zu können.
Christopher Nolan nimmt die bekannten Eckpunkte von Homers Geschichte und präsentiert sie in seiner Interpretation.
Sein Odysseus ist kein siegreicher Feldherr, der auf seiner Heimreise fantastische Abenteuer erlebt, sondern ein von Schuldgefühlen geplagter Mann, der durch die Geschichte stolpert. Es ist dabei mehr Getriebener und Herumgestoßener als sein Schicksal beeinflussender Handelnder. Das ist auch schon in Homers Epos so. Aber bei Nolan gibt es letztendlich keine Götter mehr. Bei Homer stritten sie über das Schicksal von Odysseus. Bei Nolan sind sie in einer dystopischen Welt nur noch Randfiguren mit unklarem Einfluss.
Wie Homer erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus mit Zeitsprüngen, Rückblenden, wechselnden Perspektiven und mehreren parallelen Handlungssträngen. Eine Chronologie ist kaum erkennbar. Ebenso wird auf erkennbare und eindeutige Ursache-Wirkungsketten verzichtet. Stattdessen bestimmen Chaos und Zufall das Geschehen und die Abfolge der Ereignisse. In dem Film führt das dazu, dass Odysseus und auch die anderen Figuren immer wieder in Situationen hineingeworfen werden, während sie durch die Landschaft irren und sterben. Die Odyssee wird zu einem planlosem Blättern in einem Tagebuch. Wer Homers Epos kennt, kann die Zusammenhänge erkennen und kennt die Gründe für die Handlungen von Odysseus. Wer das Epos nicht (mehr) kennt, erfährt immer nur Bruchstücke und wird durch die Filmgeschichte gestoßen. Der Krieg um Troja fokussiert sich auf die List mit dem Trojanischen Pferd, das am Anfang am Strand liegt. Es wird von den Trojanern in die Stadt gezogen. In der Nacht steigen aus dem Pferd Männer, die die Trojaner niedermetzeln. Einer der Männer ist Odysseus. Ähnlich kryptisch werden die anderen Abenteuer von Odysseus, wie seine Begegnung mit dem Zyklopen, den verführerisch singenden Sirenen, der Zauberin Circe und Kalypso geschildert.
Dummerweise führt Nolans Interpretation auch dazu, dass Odysseus zu einer ziemlich uninteressanten Figur wird, weil wir die Gründe für seine konkreten Handlungen in einer Situation oft nur erahnen können. Sein Wunsch, nach dem Krieg wieder in seine Heimat zu seiner Frau, seinem Sohn und seinem Reich zurückzukehren, bleibt natürlich nachvollziehbar. Aber es ist ein abstrakter Wunsch; ein Wunsch, den wir rational, aber nicht emotional nachvollziehen können, unter anderem weil die Eheleute durchgehend voneinander getrennt sind, wir nichts über ihre Beziehung vor der durch den Krieg erzwungenen Trennung erfahren und er seinen Sohn nicht kennt. Erst am Ende erklärt er Penelope, wie er seine Odyssee, die eine Strafe für seine kriegsentscheidende List im trojanischen Krieg und dem Sieg über Troja in einem Gemetzel ist, empfindet.
Auch die anderen Figuren sind ähnlich eindimensional und uninteressant.
Die Bilder, vollständig gedreht mit IMAX-Kameras, sollen fantastisch aussehen. Viele Szenen spielen nach Einbruch der Dunkelheit, in Innenräumen und Höhlen. Es sind dunkle Räume, die höchstens mit verschiedenen Arten von Flammen ausgeleuchtet sind. Das sieht manchmal beeindruckend aus. Insgesamt empfand ich sie durchgängig als zu dunkel und unscharf.
Christopher Nolans dreistündige Homer-Interpretation ist ein düsterer Mahlstrom. Die Inszenierung beeindruckt, ohne emotional packend zu sein.
Es kann allerdings sein, dass Nolans „Odyssee“ beim zweiten Sehen besser als beim ersten Sehen funktioniert. Dann weiß man, was passieren wird, man kann sich besser auf den zersplitterten, langsamen Erzählrhythmus und das konsequente Verweigern epischer Blockbuster-Wohlfühlmomenten einlassen.
Die Odyssee(The Odyssey, USA/Großbritannien 2026)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
LV: Homer: Odyssee
mit Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron, Samantha Morton, John Leguizamo, Jon Bernthal, Himesh Patel, Bill Irwin, Elliot Page, Benny Safdie, Corey Hawkins, Mia Goth, Will Yun Lee
Länge: 173 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
Es gibt verschiedene werkgetreue Übersetzungen – und gekürzte Ausgaben. Zu den neueren Übersetzungen gehört die von Karl Ferdinand Lempp (1913 – 1986). Es handelt sich um eine Prosa-Übersetzung der Gesänge. Lempp sagte, er habe sie angefertigt, um seinen Schülern den Zugang zu erleichtern. Für die NZZ ist es „die Nacherzählung einer packenden Abenteuergeschichte für ein Publikum ohne Vorbildung“.
Künstler! Wenige Tage vor ihrem großen Comeback auf der Bühne wird Pop-Megastar Mother Mary (Anne Hathaway, die aktuell in „Der Teufel trägt Prada 2“ anders mit Bekleidungsfragen beschäftigt ist) von Erschöpfung und Selbstzweifeln geplagt. Nur ein von ihrer ehemaligen Freundin Sam Anselm (Michaela Coel) für den Auftritt geschneidertes Kostüm kann die Show retten. Sam hat auch ihre früheren, inzwischen legendären Bühnenkleider entworfen. Mother Mary fährt zu dem Landsitz der Modedesignerin. Diese ist zuerst wenig begeistert vom Auftauchen ihrer früheren Freundin. Seit ihrer schwierigen Trennung vor zehn Jahren haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.
Trotzdem stimmt Sam zu, innerhalb eines Tages das Kleid zu kreieren. In ihrem sich in einer Scheune befindendem Atelier beginnen die beiden Frauen mit der Arbeit an dem neuen Kostüm. Dazu gehört für Sam die Aufarbeitung ihrer gemeinsamen Vergangenheit und Trennung und ein Seelenstriptease von Mother Mary, inclusive eines entfesselten Tanzes zu ihrem neuen Song, der nicht zu hören ist. Denn nur wenn Sam die intimsten Geheimnisse und Gefühle der Trägerin ihres Kleides kennt, kann sie für sie ein spektakuläres Kleid entwerfen.
David Lowerys neuer Film „Mother Mary“ ist kein neuer „Ein Gauner & Gentleman“ oder „Peter Pan & Wendy“, sondern etwas für die Fans von seinen Arthaus-Filmen „A Ghost Story“ und „The Green Knight“, die sich an ein deutlich kleineres Publikum richten.
Er konzentriert die Geschichte auf einen Handlungsort, Sams zur Bühne werdendes Atelier, und zwei Schauspielerinnen mit ausdrucksstarken Gesichtern. Die Ausleuchtung, die Kamera und die Inszenierung betonen deren Physiognomie. Manchmal wirken sie wie Liebende, manchmal wie Geister, manchmal wie Dämonen.
Das Gespräch zwischen Sam und Mother Mary beginnt wie ein normales Gespräch zwischen zwei Menschen, die eine intime Beziehung im Graubereich zwischen gemeinsamer Arbeit und Freundschaft hatten, und die jetzt vielleicht wieder zusammen arbeiten. Nach einem interessanten Anfang wird das Zwei-Personen-Stück zu einer abstrus-unverständlichen Therapiesitzung zwischen Seelenstriptease und Séance, garniert mit von Jack Antonoff, Charli XCX und FKA twigs für den Film geschriebenen Songs.
Am Ende bleibt die Frage, was Lowery in seiner assoziativen Collage erzählen wollte. Zu vieles wird nur angedeutet. Zu vieles bleibt unklar. Zu vieles ist auch nach dem Abspann immer noch offen für jede Interpretation. Als auf bedeutungsschwangere und deshalb beeindruckende Bilder bauendes Musikvideo mit ausgedehnten Dialogszenen funktioniert „Mother Mary“ halbwegs.
Ähnlich wie in „The Green Knight“, seiner Interpretation der Geschichte von Sir Gawain, einem Neffen von König Artus, bewunderte ich die Bilder, war aber emotional und auch intellektuell nie gepackt.
Mother Mary (Mother Mary, USA/Deutschland 2026)
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Musik: Daniel Hart
Songs: Jack Antonoff, Charli XCX, FKA twigs
mit Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Sian Clifford, Atheena Frizzell, FKA twigs, Jessica Brown Findlay
Ein Satz für die Fans des ersten Teils, die nichts über den Film wissen wollen (aber in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten jeden Informationskrümel begierig aufsogen und interpretierten): wenn euch „Der Teufel trägt Prada“ gefallen hat, dürfte euch auch „Der Teufel trägt Prada 2“ gefallen.
Nach dem Trailer geht es weiter für die Menschen, die etwas mehr wissen möchten.
Vor zwanzig Jahren war „Der Teufel trägt Prada“ mit Meryl Streep als Miranda Priestly, einem Boss aus der Hölle, ein Überraschungserfolg. Gute Schauspieler, neben Streep sind Anna Hathaway, Emily Blunt, Stanley Tucci und Simon Baker (hier in seiner Vor-“The Mentalist“-Zeit noch ziemlich unbekannt) dabei, flotte Inszenierung, Humor, minimaler Tiefgang zwischen Liebe und Beruf, und Schauwerte. Jedenfalls für den Teil der Bevölkerung, der den Unterschied zwischen Gucci und Prada kennt.
Jetzt kommt die Fortsetzung in die Kinos. Schon während der Dreharbeiten wurde heftig die Werbetrommel gerührt. Anna Hathaway, Meryl Streep, Stanley Tucci und Emily Blunt übernahmen wieder die Hauptrollen. Kenneth Branagh als liebevoller Ehemann von Miranda (wie wir aus dem Film erfahren) und Violonist und Komponist (wie wir aus dem Presseheft erfahren), Justin Theroux, B. J. Novak und Lucy Liu gehören zu den prominenten Neuzugängen. Ihre Rollen sind teils sehr kurz. Auf Empfängen gibt es dazu noch einige Cameos, die hier nicht verraten werden. Die Story wirkt im ersten Moment wie eine neue Geschichte, die sich fundamental von der Geschichte von „Der Teufel trägt Prada“ unterscheidet und gleichzeitig die vertrauten und gelungenen Elemente des ersten Films beibehält. „Der Teufel trägt Prada 2“ behält auch die nicht gelungenen Teile des ersten Films bei. Die Story selbst wiederholt, wie man mit zunehemender Laufzeit bemerkt, mit kleinsten Variationen die Story des erstens Teils, minus der Entwicklungsgeschichte von Andy Sachs. Schließlich kennt sie die Modezeitschrift Runway und die dort arbeitenden Menschen.
Dorthin kehrt die Investigativ-Journalist nach zwanzig Jahren zurück. Gerade hat sie einen Preis für ihre Arbeit bekommen und, wie ihre Kollegen, ihren Job bei der Zeitung verloren. Gleichzeitig wird das Modemagazin Runway heftig für eine Story kritisiert, in der die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Herstellung von Luxuskleidern nicht angesprochen wurden. Andy soll jetzt den, uh, guten Ruf der Zeitschrift wieder herstellen.
Andy nimmt den fabelhaft dotierten Job an und wieder ist Miranda Priesley ihre Chefin. Sie trifft wieder auf Emily Charlton (Emily Blunt), die inzwischen in der Modewelt einen anderen Job und einen vermögenden Freund hat. Bei einer Wohnungsbesichtigung trifft Andy auf einen netten Mann, der zufälligerweise auch der Vermieter der Nobelwohnungen ist (Remember Simon Baker? Nur etwas anders.). Sie muss für Miranda ein Interview mit einer Frau organisieren, die keine Interviews gibt (Remember die Harry-Potter-Episode?). Wieder wählt Nigel Kipling (Stanley Tucci) die Kleider für sie aus. Dazwischen gibt es Bilder von Empfängen und Modeschauen und bedeutungsschwangere Auftritte, Wagenkolonnen und Sonnenbrillen. Dazwischen gibt es, wie schon im ersten Film, einen Kampf um die Zukunft des Modemagazin und um Mirandas Chefposten.
Wie schon im ersten Teil wird jede Spur von Tiefgang vermieden. Wieder wird elliptisch erzählt. Die Figuren, vor allem Andy, simulieren Arbeit ohne zu arbeiten. Irgendwann werden dann Ergebnisse präsentiert.
Das führt dazu, dass man vieles einfach so hinnehmen muss. Andy kann den Ruf des Magazins mit einem Meinungsartikel retten, in dem sie sich für die Arbeit ihres Vorgängers entschuldigt und ankündigt, jetzt werde alles besser. Andy kann das Interview mit der Person, die keine Interviews gibt, organisieren. Miranda ist selbstverständlich immer bestens informiert. Und die Schlacht um die Zukunft des Modemagazins bleibt immer an der Oberfläche.
Das ist alles, wie im ersten „Der Teufel trägt Prada“-Film.
Neu ist, dass Miranda Priestly etwas menschlicher wird. Sie zeigt mehr Gefühle und verändert, notgedrungen, einiges in ihrem Leben. Mehr Tiefe erhält sie aber nicht.
Andy Sachs – und das ist ziemlich nervig – benimmt sich nicht wie eine gestandene Journalistin mit nun über zwanzig Jahren Berufserfahrung, die für ihre Reportagen Journalistenpreise erhielt, sondern wie eine überaus naive und unsichere Berufsanfängerin vor ihrem ersten Job als Teenager in einem Fastfood-Restaurant. Sogar bei ihrem ersten Gespräch vor zwanzig Jahren mit der ihr in dem Moment vollkommen unbekannten Miranda Priestly (eine der ikonischen Szenen des ersten Films) trat sie souveräner auf. Jetzt mutierte sie zum kieksenden Teenager.
„Der Teufel trägt Prada 2“ gehört zu den Fortsetzungen, die wissen, warum der erste Film erfolgreich war und der genau diese Momente nachstellen. Mit kleinen Variationen wird, ohne die Qualität des ersten Films zu erreichen, noch einmal der gleiche Film für die Zielgruppe präsentiert.
Wer dieses Gefühl allumfassender Nostalgie haben will, wird „Der Teufel trägt Prada 2“ lieben.
Der Teufel trägt Prada 2 (The Devil wears Prada, USA 2026)
Regie: David Frankel
Drehbuch: Aline Brosh McKenna (basierend auf von Lauren Weisberger erfundenen Figuren)
mit Meryl Streep, Anne Hathaway, Emily Blunt, Stanley Tucci, Justin Theroux, Lucy Liu, Kenneth Branagh, B.J. Novak, Simone Ashley, Tracie Thoms, Tibor Feldman, Patrick Brammall, Caleb Hearon, Helen J. Shen
Aller Anfang ist schwer. Vor der Karriere als echte Journalistin muss Andy Sachs (Anne Hathaway) sich als zweite Assistentin von Miranda Priestly (Meryl Streep), diktatorische Chefredakteurin des einflussreichen Modemagazins „Runway“, bewähren.
Zwanzig Jahre nach dem Überraschungserfolg startet heute die Fortsetzung im Kino. Was ich von der Fortsetzung halte, verrate ich in meiner Besprechung.
„Der Teufel trägt Prada“ ist eine arg oberflächliche pro-kapitalistische RomCom, flott erzählt, gut gespielt (was bei der Besetzung kein Wunder ist, eher schon ist die Besetzung ein Wunder) und mit einigen guten Gags. Der perfekte Film für die Ladies Night. Die Jungs werden derweil in einen anderen Kinosaal geschickt oder zum Putzen verdonnert.
„Lauren Weisbergers Buch zählt zur sogenannten ‚ChickLit‘ – Literatur, die eigentlich gar keine ist, sondern nur den altbewährten Lore-Roman in hochglanzpolierte Zusammenhänge versetzt. (…)
Der Film ist, was bei solchen Vorlagen selten der Fall ist, besser geraten als das Buch: pointierter, zugespitzter, ambivalenter in der Zeichnung der handelnden Personen.“ (Carmen Böker, Berliner Zeitung, 11. Oktober 2006)
„eine amüsante, letztlich aber bekannte Karikatur von Oberflächenreizen“ (Lexikon des Internationalen Films)
„ein zögerliches Wischiwaschi-Werk“ (Katja Nicodemus, Die Zeit 42/2006, 12. Oktober 2006)
Mit Anne Hathaway, Meryl Streep, Emily Blunt, Stanley Tucci, Adrian Grenier, Simon Baker, Gisele Bündchen, Tracie Thoms, Rich Sommer, James Naughton
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
Bevor die Erde endgültig unbewohnbar ist, schickt die NASA ein Team, zu dem auch ein Farmer gehört, ins Weltall. Sie sollen auf der anderen Seite eines Wurmlochs eine zweite Erde finden.
Planetenhopping zur Rettung der Welt. Ich war, im Gegensatz zu den meisten Kritikern und Zuschauern, wenig begeistert.
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck, David Gyasi, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Michael Caine, Matt Damon, Wes Bentley, Mackenzie Foy, Topher Grace, David Oyelowo, William Devane
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
Wegen eines Sturmtief stellt die Bahn ihren Betrieb ein und verteilt Taxi-Gutscheine an die am Abend in München im Hauptbahnhof gestrandeten Passagiere. Die pensionierte Professorin und verbal rüstige Alt-Prostlerin Marianne (Iris Berben), das zerstrittene Pärchen Tiana (Nilam Farooq), die am nächsten Vormittag eine für ihr Start-Up wichtige Präsentation, und Freund, der tiefenentspannte Schluffi Philipp (Ben Münchow), und die geistig behinderte Susi (Lena Urzendowsky) entern Josephs Taxi. Jeder von ihnen muss aus einem anderen wichtigen Grund am nächsten Tag in Hamburg sein.
Als der notorisch schlecht gelaunte Joseph (Joachim Król) die Taxi-Gutscheine sieht und erfährt, dass er jeden Gutschein einzeln abrechnen kann, ist er bereit von München nach Hamburg zu fahren.
In seinem Feelgood-Film „791 km“ erzählt Tobi Baumann („Faking Hitler“), wie die fünf Menschen, die sich zufällig getroffen haben, sich auf der nächtlichen Fahrt quer durch Deutschland näher kommen. Und wie es das Drehbuch so will, sind sie alle gegensätzliche und sich entsprechnd gut ergänzende Archetypen, die auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft sind. Das ist immer eine Spur zu didaktisch erzählt und zu sehr in Richtung TV-Bildschirm erzählt, um auf der großen Kinoleinwand zu begeistern.
791 km (Deutschland 2023)
Regie: Tobi Baumann
Drehbuch: Gernot Gricksch (nach einer Idee von Tobi Baumann)
mit Iris Berben, Joachim Król, Nilam Farooq, Ben Münchow, Lena Urzendowsky, Langston Uibel, Barbara Philipp, Denis ‚Marschall‘ Ölmez, Götz Otto
In einem Stuhlkreis sitzen Täter und Opfer eines Verbrechens und reden darüber. ‚restorative justice‘ nennt sich die Methode. Es geht um einen formalisierten Prozess des gegenseitigen Verstehens und auch Verzeihens. Sie ähnelt dem bei uns als Täter-Opfer-Ausgleich bekannten Modell.
In seinem Spielfilm „All eure Gesichter“ zeigt Jeanne Herry („In sicheren Händen“) mehrere dieser Prozesse und sie zeigt die Chancen, die diese Methode hat. Sie geht auch auf die Voraussetzungen, aber nicht auf die Beschränkungen ein.
Trotzdem ist „All eure Gesichter“ als karg inszeniertes, sich auf seine Schauspieler, die sich teils im Stuhlkreis, teils direkt gegenüber sitzen, konzentrierendes Dialogdrama sehenswert. Das Kammerspiel für die große Leindwand regt zum Nachdenken über Schuld, Sühne und verschiedene Methoden einer Verarbeitung an.
All eure Gesichter (Je verrai toujours vos visages, Frankreich 2023)
Regie: Jeanne Herry
Drehbuch: Jeanne Herry, Chloé Rudolf
mit Birane Ba, Leïla Bekhti, Dali Benssalah, Elodie Bouchez, Suliane Brahim, Jean-Pierre Darroussin, Adèle Exarchopolous, Gilles Lellouche, Miou-Miou, Denis Podalydès
Massachusetts im Winter 1964: die schüchterne Eileen Dunlop (Thomasin McKenzie) lebt noch bei ihrem Vater, einem jähzornigem Alkoholiker, und arbeitet im Jugendgefängnis als Sekretärin. Ihr triester Alltag verändert sich schlagartig, als die neue Psychologin des Gefängnisses eintrifft. Rebecca Saint John (Anne Hathaway) ist ein Marilyn-Monroe-Lookalike, die sofort allen Männern den Kopf verdreht. Aber dann lädt die Femme Fatale Eileen zu einem Drink ein.
„Eileen“ ist die langweilige Arthaus-Version eines Noirs. Für einen gelungenen Noir entwickelt sich die Geschichte viel zu langsam und nebulös. Ehe dann im dritten Akt plötzlich alles anders wird.
Eileen (Eileen, USA 2023)
Regie: Willliam Oldroyd
Drehbuch: Ottessa Moshfegh, Luke Goebel
LV: Ottessa Moshfegh: Eileen, 2015 (Eileen)
mit Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Owen Teague
In seinem Biopic „Munch“ über den Künstler Edvard Munch (12. Dezember 1863 – 23. Januar 1944) (Ja, das ist der mit dem Bild „Der Schrei“, das die Ghostface-Maske in den „Scream“-Filmen inspirierte.) erzählt Henrik M. Dahlsbakken das schwierige Leben des Künstlers zwischen Alkoholismus, Genie und Wahnsinn nicht chronologisch nach. Er zersplittert es auf mehrere Zeitebenen, zwischen den er kontextlos hin und her springt und er lässt Munch von drei Schauspielern und einer Schauspielerin spielen. Sie spielen ihn als 21-, 29-, 45- und 80-jährigen Mann. Und für jeden Munch-Schauspieler gibt es einen eigenen Stil.
Das Ergebnis ist ein sich experimentell gebendes Biopic, das wenig über den Künstler verrät und einen erstaunlich unberührt lässt.
Munch (Munch, Norwegen 2023)
Regie: Henrik M. Dahlsbakken
Drehbuch: Mattis Herman Nyquist, Gina Cornelia Pedersen, Fredrik Høyer, Eivind Sæther
mit Alfred Ekker Strande, Mattis Herman Nyquist, Ola G. Furuseth, Anne Krigsvoll, Anders Baasmo Christiansen, Lisa Carlehed, Jesper Christensen
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
TV-Premiere zu später Stunde. Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
Seine vorherigen Filme „Die versunkene Stadt Z“ und „Ad Astra“ spielten einmal in der Vergangenheit und einmal in der Zukunft und beide Male nicht in New York, seinem Geburtsort und Handlungsort seiner anderen Filme. Dorthin kehrt James Gray mit seinem neuesten Film zurück und er erzählt einige Wochen aus seiner Kindheit. Dabei ist „Zeiten des Umbruchs“ ein seltsamer Film. Denn obwohl vieles, sehr vieles, eigentlich fast alles auf seinem Leben basiert, wirkt der Film, als ob nichts auf seinem Leben basiere und er eine vollkommen erfundene Geschichte erzählt.
Sie beginnt im Spätsommer 1980. Nach den Sommerferien und wenige Wochen bevor Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt wird, trifft Paul Graff (Banks Repeta) in seiner Klasse auf den Schwarzen Jonathan ‚Johnny‘ Davis (Jaylin Webb). Johnny ist ein Sitzenbleiber, der wenig Interesse am Unterricht hat und bei seiner dementen, armen Großmutter lebt. Der sensible und künstlerisch begabte Paul kommt dagegen aus einer gut situierten jüdischen Familie. Sein Vater (Jeremy Strong) ist, nicht ungewöhnlich für damalige Väter, selten liebevoll, meistens streng und er will, dass sein Sohn es später besser hat als er. Seine Mutter (Anne Hathaway) ist Hauswirtschaftslehrerin und die Präsidentin des Lehrer- und Elternverbands. Im Moment kandidiert sie für einen Platz in der Kreisschulbehörde. Und sie erledigt den Haushalt. Eine gute Beziehung hat Paul zu seinem im Krieg vor den Nazis geflüchteten Großvater (Anthony Hopkins), der ihn aufbaut und fördert.
Paul und Johnny befreunden sich. Sie begehen zunächst kleinere Regelüberschreitungen, später Verbrechen, die sie in erwartbare Schwierigkeiten bringen. Für Johnny enden sie – immerhin ist er ein Schwarzer und arm – mit empfindlichen Strafen. Teils nimmt Johnny auch für Paul die Schuld auf sich, weil er weiß, wie das System funktioniert. In diesem System ist er immer der Schuldige.
Paul wird zur Forest Manor School geschickt. Das ist eine elitäre Privatschule, die von Donald Trumps Vater Fred Trump und seine Tochter Maryanne gefördert wird. Deren Denken beeinflusst, – diese Linie zieht Gray -, damals das Denken der Schüler und heute wichtige Teile der US-amerikanischen Politik.
Die Trump-Familie und zwei Schüler, mit denen Paul sich anfreundet und die sich wie Miniaturausgaben von Donald Trump verhalten, wirken wie Fremdkörper. Sie sind weniger Figuren, die Pauls moralischen Kompass auf die Probe stellen und schärfen, sondern eher Figuren, die Gray eingefügte, um in seinem historischem Film plakativ etwas über die Gegenwart sagen zu können.
Doch Paul interessiert sich, wie jedes Kind, nicht für Politik. Er reagiert höchstens intuitiv darauf. Gleichzeitig ignoriert Gray die Vergangenheit der USA und die Kontinuitäten in der US-Geschichte.
Das gesagt, ist „Zeiten des Umbruchs“ eine sensible, aber auch sehr düstere Coming-of-Age-Geschichte und das sensible Porträt einer Familie. James Gray erzählt gewohnt langsam. Das Zeitkolorit ist ebenso stimmig. „Zeiten des Umbruchs“ wirkt wie ein 1980 entstandener Film.
Doch so eine richtige Begeisterung will sich nicht einstellen. Dafür erzählt Gray zu dstanziert und der Story fehlt insgesamt der Fokus. Die einzelnen Episoden aus dem Leben der quirligen Familie Graff überzeugen, aber es bleibt unklar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Sie endet mit der Wahl von Ronald Reagan zum Präsidenten der USA nicht aufgrund dramaturgischer Notwenigkeiten, sondern weil dann gut zwei Stunden um sind.
Zeiten des Umbruchs (Armageddon Time, USA 2022)
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray
mit Banks Repeta, Anne Hathaway, Jeremy Strong, Jaylin Webb, Anthony Hopkins, Ryan Sell, Tovah Feldshuh, John Diehl, Andrew Polk, Jessica Chastain
In der Einsamkeit der Rocky Mountains verlieben sich 1963, während sie Schafe hüten, die Cowboys Jack Twist und Ennis Del Mar ineinander. Danach schlagen sie getrennte Lebenswege ein, begegnen sich aber immer wieder.
Berührendes, hochgelobtes, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Drama von Ang Lee.
mit Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Randy Quaid, Anne Hathaway, Michelle Williams, Valerie Plance, David Harbour
Zum Kinostart, der pandemiebedingt letztendlich quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, schrieb ich über diesen tollen, auf einem wahren Fall Skandal basierenden Justizthriller, der viele, viele Zuschauer verdient hat:
Die Teflonpfanne – wer keine hat, kennt sie wenigstens vom Namen. Es handelt sich um eine beschichtete Pfanne, mit der man sehr gut kochen kann.
Wenn es da nicht das kleine Problem mit der Beschichtung gäbe, das DuPont lange verschwieg. Bei der Herstellung von Teflon verwendete der Chemiekonzern DuPont Perfluoroctansäure (PFOA). Diese Säure kann unter anderem Krebs verursachen. Sie sollte daher nicht in Kontakt mit Lebensmitteln geraten.
Wie groß die Probleme sind und was sie für die Betroffenen bedeuten, zeigt Todd Haynes in seinem neuesten Film „Vergiftete Wahrheit“. Ursprünglich sollte das packende und absolut sehenswerte Drama bereits im Frühjahr anlaufen. Jetzt läuft das Thrillerdrama einige Monate später an. Aktuell und wichtig ist es immer noch.
Im Mittelpunkt des Films steht der von Mark Ruffalo überzeugend gespielte Anwalt Robert ‚Rob‘ Bilott. Er hat den Aufstieg in die oberen Etagen der renommierten in Cincinnati, Ohio, residierenden Kanzlei Taft Stettinius & Hollister geschafft. Dort ist das Spezialgebiet des Wirtschaftsanwalts die Umweltgesetzgebung. Zu den Mandanten der Kanzlei gehören große Chemiefirmen, wie DuPont.
Die Sommer, die er als Kind und Jugendlicher auf der Farm seiner Großmutter in Parkersburg, West Virginia, verbrachte, sind nur noch eine ferne Erinnerung. Über diesen Teil seines Lebens redet er nicht. Nicht weil er sich dafür schämt (obwohl er als gesellschaftlicher Aufsteiger in dieser Hinsicht einen Minderwertigkeitskomplex hat), sondern weil diese Welt mit der Welt der Kanzlei nichts zu tun hat.
Eines Tages steht im Eingangsbereich der Kanzlei ein Mann, der schon durch seine Kleidung signalisiert, dass er nicht zu den normalen Kunden der Kanzlei gehört. Wilbur Tennant ist ein Farmer aus Parkersburg. Er behauptet, dass DuPont giftige Chemikalien ins Wasser leite und damit seine Kühe vergifte. Er hofft, dass Bilott sich des Falls annimmt. Auf Bilott ist er gekommen, weil bei ihnen in der Provinz sich kein Anwalt mit DuPont anlegen will, Bilott Umweltanwalt ist und er früher öfter auf dem Nachbarhof war. Er also die Gegend und die Menschen kennt und damit vertrauenswürdig ist.
Aus Pflichtgefühl gegenüber seiner Großmutter kehrt Bilott in seine alte Heimat zurück. Eigentlich will er sich nur kurz die Kühe auf dem Hof der Brüder Wilbur und Jim Tennant ansehen und ihnen dann erklären, dass Wilbur Tennants Vermutung, dass seine Kühe von DuPont vergiftet werden, falsch ist.
Damit hätte er schnell seine Pflichten gegenüber seiner Familie erledigt und er könnte wieder in sein Leben zurückkehren.
Aber er sieht bei einem seiner ersten Besuche, wie Tennant einen wild gewordenen Stier erschießen muss. Außerdem hat Tennant auf Video degenerierte und krepierende Kühe aufgenommen. Es sind Bilder, die gut in einen Horrorfilm passen würden. Auch die Landschaft und die Menschen sehen nicht gesund aus.
Diese Beobachtungen beunruhigen ihn. Er will mehr wissen und er kann seinen Chef Tom Terp überzeugen, dass sie den Fall als einen Pro-Bono-Fall übernehmen. Solche Fälle werden von Kanzleien immer wieder übernommen, um ihr soziales Image aufzupolieren.
Bilott beginnt zu recherchieren. Er lässt sich Akten von DuPont bringen. Er klagt auf die Herausgabe von Akten. Er entdeckt eine riesige Gesetzeslücke, die auf den ersten Blick nicht besteht. Die US-Umweltschutzbehörde EPA konzentriert sich bei ihren Genehmigungen und Vorschriften auf neue Chemikalien und unter welchen Bedingungen sie wie zugelassen werden können. Mit älteren Chemikalien, wie der Perfluoroctansäure (PFOA), die seit 1951 eingesetzt wird, wird sich nicht weiter beschäftigt.
Bei seinem Aktenstudium bemerkt Bilott, dass DuPont schon länger von den von PFOA ausgehenden Gefahren wusste. Unklar ist allerdings zunächst, seit wann DuPont von den Gefahren wusste, ob sie danach weiter den mit PFOA angereicherten Schlamm auf einer Deponie lagerte, von der aus die Chemikalien in das Trinkwasser des Ortes gelangten, oder ob sie damit aufhörten.
Im Sommer 1999, ungefähr ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Tennant, hat Bilott genug Material zusammen, für eine Klage gegen DuPont.
Aber damit ist Bilotts Kampf noch lange nicht vorbei. Eigentlich beginnt er erst jetzt. Denn DuPont hat, wie alle Konzerne, viel Geld und Zeit, um gegen unbequeme Kläger vorzugehen. Vor allem wenn es um hohe Forderungen geht und die Klagenden todkrank sind.
„Vergiftete Wahrheit“ gehört in die ehrwürdige Reihe aufklärerischer Dramen wie Michael Manns „Insider“ (wo es um die von der Tabakindustrie geleugnete Gefährlichkeit von Nikotin geht), Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ (wo es ebenfalls um verseuchtes Wasser geht), Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (über die Pentagon-Papiere und was vor Watergate geschah) und, ebenfalls mit Mark Ruffalo, Tom McCarthys „Spotlight“ (über sexuellen Missbrauch von Kindern in der römisch-katholischen Kirche in Boston).
Auch Todd Haynes und den Drehbuchautoren Mario Correa und Matthew Michael Carnahan gelingt es, einen komplexen, sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Fall gekonnt zu verdichten und die verschiedenen Aspekte des Falls verständlich zu präsentieren. Die traditionelle Erzählweise, die sich auf die Geschichte, die Dialoge und die Schauspieler verlässt, hilft dabei.
Für Mark Ruffalo ist der von ihm gespielte Robert Bilott, ein Mann der ohne Anzug nicht leben kann, ein weiteres Highlight seiner Schauspielerkarriere.
2017 erhielt Bilott von der schwedischen Right Livelihood Foundation den Alternativen Nobelpreis. Sein Kampf ist noch lange nicht vorbei.
Nach der zweiten Sichtung dieser David-gegen-Goliath-Geschichte fällt (wieder) auf, wie dicht und klug die Geschichte erzählt wird. Mit einem Helden, der nicht wie Erin Brockovich eine sexy Rampensau ist, sondern ein biederer, konservativer Angestellter, für den in jeder Situation ein unauffälliger Anzug die Kleidung seiner Wahl ist.
Das Bonusmaterial, über vierzig Minuten, besteht aus einer selbstablaufenden Bildergalerie, kurzen Interviews mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins und Todd Haynes und mehreren kurzen Featurettes. Das sind ein Mini-Making-of, „Uncovering Dark Waters“, „The cost of being a hero“ und „The real people“. Die Werbe-Featurettes sind solide gemacht und unterscheiden sich in ihrer Mischung aus Interviewschnipsel und Bildern aus dem Film und von den Dreharbeiten nicht von den Featurettes für irgendeinen anderen Film. Die wahren Hintergründe werden nur in einem Halbsatz angesprochen. Dabei wären gerade hier über den Film hinausgehende vertiefende Informationen zu DuPont, der Teflon-Pfanne, PFOA, den Auswirkungen der benutzten Chemikalien auf Mensch, Tier und Umwelt und Robert Bilotts unermüdlichen Kampf gegen DuPont interessant gewesen.
Vergiftete Wahrheit(Dark Waters, USA 2019)
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Victor Garber, Bill Pullman, Mare Winningham, William Jackson Harper
Es ist nicht das „Nightmare before Christmas“, aber immerhin auch von „Frankenweenie“ Tim Burton
RTL II, 20.15
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
„Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern, und sie üben ganz normale Berufe aus.
Eine echte Hexe hasst Kinder so glühend, dass es zischt, und dieser Hass ist verzehrender und verheerender als alle anderen Gefühle, die ihr euch selbst in euren ärgsten Träumen vorstellen könntet.“
(der Erzähler in Roald Dahl: Hexen hexen)
1983 veröffentlichte Roald Dahl „The Witches“, das bei uns den viel schöneren Titel „Hexen hexen“ hat. Ein Kinderbuch, in dem Junge gegen eine böse Oberhexe kämpft, die alle Kinder in Mäuse verwandeln will.
Das Buch war ein Erfolg. Bereits vor über dreißig Jahren wurde es von Nicolas Roeg mit Anjelica Huston als böser Hexe und Figuren von „Muppets“-Erfinder Jim Henson verfilmt. Roegs in der Gegenwart spielender Film beeindruckt durch Hensons lebensechte Figuren und erstaunt, jedenfalls für einen Kinderfilm, durch mehrere furchterregend orgiastische Hexenszenen, die an entsprechende Orgien-Szenen aus Siebziger-Jahre-Filme erinnern. Und er besitzt eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Da verzeiht man auch das neue Ende.
Jetzt wurde Dahls Buch wieder verfilmt. Dieses Mal von Robert Zemeckis, dem Regisseur von „Zurück in die Zukunft“, „Forrest Gump“, „The Walk“ und, für „Hexen hexen“ besonders wichtig, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, „Der Tod steht ihr gut“, „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“. Auch in seinem neuesten Film verknüpft Zemeckis reale mit animierten Szenen. Wobei es sich, der Zeit folgend, nicht mehr um gezeichnete Szenen oder traditionelle Spezialeffekte, sondern um computergenerierte Animationen handelt. Und das ist eines der Probleme von seinem Film.
Doch beginnen wir mit der Geschichte, die auch in diesem Film Dahls Geschichte ziemlich genau folgt.
„Ginder sind zum Gotzen! Wir werden sie alle verschwinden lassen! Wir werden sie wegpusten vom Angesicht der Erde. Ginder riechen nach Hündegötteln!“
(die Hoch- und Großmeisterhexe in Roald Dahl: Hexen hexen)
1968 verliert in der Nähe von Chicago ein achtjähriger afroamerikanischer Junge bei einem Autounfall seine Eltern. Seine in Demopolis, Alabama, lebende Großmutter nimmt ihn auf. Sie ist eine strenge, aber auch herzensgute Raucherin, die viel über Hexen weiß. Sie entwickelt einen asthmatischen Husten, der sie zu einem Aufenthalt an der Küste bewegt.
Sie steigen im mondänen Grand Orleans Imperial Island Hotel ab. Der Junge stromert durch das Hotel. In einem leeren Ballsaal, in dem die Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmissbrauch ihr Jahrestreffen abhalten will, beginnt er seine beiden Mäuse Kunststücke zu trainieren. Währenddessen stürmen die Kinderschützerinnen in den Saal und beginnen ihr Treffen. Erschrocken bemerkt der Junge, als sie ihre Handschuhe und Schuhe ausziehen und ihre Perücken absetzen, dass diese Damen keine Kinderschützerinnen sind. Sie sind Hexen, die ihre nächsten Aktionen planen.
Die Hoch- und Großmeisterhexe, eine extrem herrische, ungeduldige und bösartige Person, will, dass die Hexen alle Kinder mit einem von ihr gebrautem Elixier in Mäuse verwandeln. Die Wirksamkeit ihres Elixiers demonstriert sie an dem ständig essendem Bruno Jenkins, der sich vor ihren Augen schwuppdiwupp in eine Maus verwandelt.
Als sie kurz vor dem Ende ihrer Versammlung den Jungen entdecken, verwandeln sie ihn ebenfalls in eine Maus, die sie sofort töten wollen. Er kann ihnen entkommen.
Jetzt will er den teuflischen Plan der Oberhexe vereiteln. Seine Großmutter und Bruno Jenkins, wenn er nicht gerade mit Essen beschäftigt ist, sollen ihm helfen.
„Kinder sollten niemals baden. Es ist eine lebensgefährliche Gewohnheit.“
(die Großmutter in Roald Dahl: Hexen hexen)
Soweit die Filmgeschichte. Im Roman ist die Großmutter eine Norwegerin, das Hotel ist in England und der Junge ist ein Weißer. Davon abgesehen veränderten die Macher nicht viel.
Trotzdem ist Robert Zemeckis „Hexen hexen“ eine ziemliche Enttäuschung. Der eine Grund sind die schon erwähnten Spezialeffekte. Bei Roeg waren es liebevoll hergestellte Puppen und traditionelle Spezialeffekte. Bei Zemeckis stammt dagegen alles aus dem Computer und das sieht in diesem Fall, vor allem bei den Hexen, sehr künstlich und wenig furchterregend aus. Das kann auch an dem fehlendem schwarzen Humor liegen.
Das zweite Problem ist das Drehbuch. Es dauert zu lange, bis die Oberhexe auftaucht und die eigentliche Filmgeschichte beginnt. Erst ungefähr in der Filmmitte wird der Junge verwandelt. Entsprechend wenig Zeit bleibt dann für seine Versuche, den teuflischen Plan der Hexe zu vereiteln. Die Figuren sind arg eindimensional gezeichnet. Das durch den Handlungsort und -zeit und die Hautfarbe des Jungen und seiner Großmutter angedeutete Thema ‚Rassismus‘ wird nicht weiterverfolgt.
So ist die neueste Version von „Hexen hexen“ eine seelenlose CGI-Schau mit vielen verpassten Chancen, die niemals auch nur den Hauch des Schreckens von Roegs Version versprüht.
Wenige Wochen vor Zemeckis Version erschien Pénélope Bagieus Comicversion von „Hexen hexen“. Auch sie hält sich an Dahls Geschichte. Aber sie verändert das Geschlecht von Bruno Jenkins. Im Comic ist Bruno Jenkins ein Mädchen, das weniger als Bruno isst (was leicht ist) und schlauer ist. Damit verändert sich auch die Beziehung zwischen ‚Bruno‘ und dem Jungen. Diese behutsame Modernisierung und ihre Zeichnungen machen diese Version zu einem witzigen Lesevergnügen.
Hexen hexen (The Witches, USA 2020)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Kenya Barris, Guillermo del Toro
LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)
mit Jahzir Bruno, Octavia Spencer, Anne Hathaway, Stanley Tucci, Charles Edwards, Morgana Robinson, Codie-Lei Eastick, Chris Rock (im Original eine wichtige Stimme)
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage
Roald Dahl: Hexen hexen
(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)
rowohlt rotfuchs, 2020
240 Seiten
10 Euro
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Deutsche Erstübersetzung 1986
Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde
–
Originalausgabe
The Witches
Jonathan Cape Ltd., London, 1983
–
Der Comic
Pénélope Bagieu: Hexen hexen
(übersetzt von Silv Bannenberg)
Reprodukt,2020
304 Seiten
29 Euro
–
Originalausgabe
Sacrées sorcières
Gallimard Jeunesse, 2020
–
Die erste Verfilmung
Hexen hexen(The Witches, Großbritannien 1989)
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Allan Scott
LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)
mit Anjelica Huston, Mai Zetterling, Jasen Fisher, Rowan Atkinson, Bill Paterson
Die Teflonpfanne – wer keine hat, kennt sie wenigstens vom Namen. Es handelt sich um eine beschichtete Pfanne, mit der man sehr gut kochen kann.
Wenn es da nicht das kleine Problem mit der Beschichtung gäbe, das DuPont lange verschwieg. Bei der Herstellung von Teflon verwendete der Chemiekonzern DuPont Perfluoroctansäure (PFOA). Diese Säure kann unter anderem Krebs verursachen. Sie sollte daher nicht in Kontakt mit Lebensmitteln geraten.
Wie groß die Probleme sind und was sie für die Betroffenen bedeuten, zeigt Todd Haynes in seinem neuesten Film „Vergiftete Wahrheit“. Ursprünglich sollte das packende und absolut sehenswerte Drama bereits im Frühjahr anlaufen. Jetzt läuft das Thrillerdrama einige Monate später an. Aktuell und wichtig ist es immer noch.
Im Mittelpunkt des Films steht der von Mark Ruffalo überzeugend gespielte Anwalt Robert ‚Rob‘ Bilott. Er hat den Aufstieg in die oberen Etagen der renommierten in Cincinnati, Ohio, residierenden Kanzlei Taft Stettinius & Hollister geschafft. Dort ist das Spezialgebiet des Wirtschaftsanwalts die Umweltgesetzgebung. Zu den Mandanten der Kanzlei gehören große Chemiefirmen, wie DuPont.
Die Sommer, die er als Kind und Jugendlicher auf der Farm seiner Großmutter in Parkersburg, West Virginia, verbrachte, sind nur noch eine ferne Erinnerung. Über diesen Teil seines Lebens redet er nicht. Nicht weil er sich dafür schämt (obwohl er als gesellschaftlicher Aufsteiger in dieser Hinsicht einen Minderwertigkeitskomplex hat), sondern weil diese Welt mit der Welt der Kanzlei nichts zu tun hat.
Eines Tages steht im Eingangsbereich der Kanzlei ein Mann, der schon durch seine Kleidung signalisiert, dass er nicht zu den normalen Kunden der Kanzlei gehört. Wilbur Tennant ist ein Farmer aus Parkersburg. Er behauptet, dass DuPont giftige Chemikalien ins Wasser leite und damit seine Kühe vergifte. Er hofft, dass Bilott sich des Falls annimmt. Auf Bilott ist er gekommen, weil bei ihnen in der Provinz sich kein Anwalt mit DuPont anlegen will, Bilott Umweltanwalt ist und er früher öfter auf dem Nachbarhof war. Er also die Gegend und die Menschen kennt und damit vertrauenswürdig ist.
Aus Pflichtgefühl gegenüber seiner Großmutter kehrt Bilott in seine alte Heimat zurück. Eigentlich will er sich nur kurz die Kühe auf dem Hof der Brüder Wilbur und Jim Tennant ansehen und ihnen dann erklären, dass Wilbur Tennants Vermutung, dass seine Kühe von DuPont vergiftet werden, falsch ist.
Damit hätte er schnell seine Pflichten gegenüber seiner Familie erledigt und er könnte wieder in sein Leben zurückkehren.
Aber er sieht bei einem seiner ersten Besuche, wie Tennant einen wild gewordenen Stier erschießen muss. Außerdem hat Tennant auf Video degenerierte und krepierende Kühe aufgenommen. Es sind Bilder, die gut in einen Horrorfilm passen würden. Auch die Landschaft und die Menschen sehen nicht gesund aus.
Diese Beobachtungen beunruhigen ihn. Er will mehr wissen und er kann seinen Chef Tom Terp überzeugen, dass sie den Fall als einen Pro-Bono-Fall übernehmen. Solche Fälle werden von Kanzleien immer wieder übernommen, um ihr soziales Image aufzupolieren.
Bilott beginnt zu recherchieren. Er lässt sich Akten von DuPont bringen. Er klagt auf die Herausgabe von Akten. Er entdeckt eine riesige Gesetzeslücke, die auf den ersten Blick nicht besteht. Die US-Umweltschutzbehörde EPA konzentriert sich bei ihren Genehmigungen und Vorschriften auf neue Chemikalien und unter welchen Bedingungen sie wie zugelassen werden können. Mit älteren Chemikalien, wie der Perfluoroctansäure (PFOA), die seit 1951 eingesetzt wird, wird sich nicht weiter beschäftigt.
Bei seinem Aktenstudium bemerkt Bilott, dass DuPont schon länger von den von PFOA ausgehenden Gefahren wusste. Unklar ist allerdings zunächst, seit wann DuPont von den Gefahren wusste, ob sie danach weiter den mit PFOA angereicherten Schlamm auf einer Deponie lagerte, von der aus die Chemikalien in das Trinkwasser des Ortes gelangten, oder ob sie damit aufhörten.
Im Sommer 1999, ungefähr ein Jahr nach seiner ersten Begegnung mit Tennant, hat Bilott genug Material zusammen, für eine Klage gegen DuPont.
Aber damit ist Bilotts Kampf noch lange nicht vorbei. Eigentlich beginnt er erst jetzt. Denn DuPont hat, wie alle Konzerne, viel Geld und Zeit, um gegen unbequeme Kläger vorzugehen. Vor allem wenn es um hohe Forderungen geht und die Klagenden todkrank sind.
„Vergiftete Wahrheit“ gehört in die ehrwürdige Reihe aufklärerischer Dramen wie Michael Manns „Insider“ (wo es um die von der Tabakindustrie geleugnete Gefährlichkeit von Nikotin geht), Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ (wo es ebenfalls um verseuchtes Wasser geht), Alan J. Pakulas Watergate-Film „Die Unbestechlichen“, Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (über die Pentagon-Papiere und was vor Watergate geschah) und, ebenfalls mit Mark Ruffalo, Tom McCarthys „Spotlight“ (über sexuellen Missbrauch von Kindern in der römisch-katholischen Kirche in Boston).
Auch Todd Haynes und den Drehbuchautoren Mario Correa und Matthew Michael Carnahan gelingt es, einen komplexen, sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Fall gekonnt zu verdichten und die verschiedenen Aspekte des Falls verständlich zu präsentieren. Die traditionelle Erzählweise, die sich auf die Geschichte, die Dialoge und die Schauspieler verlässt, hilft dabei.
Für Mark Ruffalo ist der von ihm gespielte Robert Bilott, ein Mann der ohne Anzug nicht leben kann, ein weiteres Highlight seiner Schauspielerkarriere.
2017 erhielt Bilott von der schwedischen Right Livelihood Foundation den Alternativen Nobelpreis. Sein Kampf ist noch lange nicht vorbei.
Vergiftete Wahrheit(Dark Waters, USA 2019)
Regie: Todd Haynes
Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Victor Garber, Bill Pullman, Mare Winningham, William Jackson Harper
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Eine Expertendiskussion in Hamburg während der Deutschlandpremiere des sehenswerten (Habe ich das schon einmal gesagt?) Justizthrillers