Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Sacrifice“ für die Rettung der Welt?

Oktober 15, 2026

Billiger geht die Rettung der Welt nicht. Mit nur drei Menschenopfern, so behauptet Romain Gavras in seinem neuen Spielfilm „Sacrifice“, kann die Welt gerettet werden.

Das sage eine alte Prophezeiung. Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre fanatisierten Anhänger glauben daran. Sie stürmen eine Charity-Gala, die in Griechenland in einem malerisch abgeschiedenen liegendem alten, teils unterirdischem Steinbruch stattfindet. Dort hoffen sie, ihre Menschenopfer zu finden. Die Gäste der Gala sind eine Mischung aus prominenten Kulturschaffenden und vermögenden Milliardären. Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel, mit Glatze an einen anderen Milliardär erinnernd) stellt seine neueste Erfindung zur Rettung der Welt vor. Wie Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), der sich mit einem ähnlich wirren Auftritt in ein Karrieretief hineinmanövierte, in einer leicht wirren improvisierten Rede ausführt, müsse dafür die Welt noch mehr vernichtet werden.

Danach verschwindet er erst einmal auf die Toilette. Während er durch die Reaktionen auf seinen Auftritt scrollt, nehmen Joan und ihre Gefolgsleute die Gäste als Geisel. Joan beginnt die drei Menschen auszusuchen, die sie für ihre Prophezeiung benötigt: einen Helden, einen Schurken und eine Geliebte. Die Geliebte ist die Musikerin Katie (Ambika Mod), deren Auftritt sie mit ihrer Geiselnahme beendeten. Der Schurke ist, wenig überraschend, Ben Bracken. Fehlt nur noch der Held. Dieser soll durch ein Publikumsvotum herausgefunden werden.

Als Mike den Saal betritt, applaudieren die Charity-Gäste frenetisch. Er ist ihr Held. Er soll für sie in den Tod gehen. Bis Mike, der den Applaus dankbar annimmt, versteht, warum sie ihm applaudieren, ist es schon zu spät.

Zusammen mit den anderen beiden Menschenopfern wird er von Joan in Richtung des kurz vor der Explosion stehenden Vulkans verschleppt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Menschenopfern, die von den Sektenmitgliedern in den Vulkan geschubst werden, darf Mike als Held freiwillig in den Tod springen.

„Sacrifice“ ist eine aus dem Ruder laufende, nicht sonderlich fokussierte, prominent besetzte Kapitalismussatire, in der alle Schauspieler in fotogenen Sets dem Affen ordentlich Zucker geben.

Es geht um die Zerstörung der Umwelt, Kapitalismuskritik, Öko-Terrorismus, durchgeknallte Sekten und abstruse Gedankengebäude zwischen Verschwörungstheorie und Wahnsinn. Vieles wird angesprochen, wenig vertieft.

Das Ergebnis ist kein guter Film, aber ein sympathischer Film. Denn solche Satiren gibt es viel zu selten. Auch wenn vor einigen Tagen die ähnlich gelagerte Satire „Digger“ anlief und sie bislang nicht genug Geld einspielte, um die horrenden Produktionskosten einzuspielen.

Sacrifice (Sacrifice, USA 2026)

Regie: Romain Gavras

Drehbuch: Romain Gavras, Will Arbery

mit Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, John Malkovich, Salma Hayek Pinault, Ambika Mod, Sam Richardson, Yung Lean, Jade Croot, Miriam Silverman, Charli xcx

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Moviepilot über „Sacrifice“

Metacritic über „Sacrifice“

Rotten Tomatoes über „Sacrifice“

Wikipedia über „Sacrifice“ (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über David Lowerys „Mother Mary“

Mai 21, 2026

Künstler! Wenige Tage vor ihrem großen Comeback auf der Bühne wird Pop-Megastar Mother Mary (Anne Hathaway, die aktuell in „Der Teufel trägt Prada 2“ anders mit Bekleidungsfragen beschäftigt ist) von Erschöpfung und Selbstzweifeln geplagt. Nur ein von ihrer ehemaligen Freundin Sam Anselm (Michaela Coel) für den Auftritt geschneidertes Kostüm kann die Show retten. Sam hat auch ihre früheren, inzwischen legendären Bühnenkleider entworfen. Mother Mary fährt zu dem Landsitz der Modedesignerin. Diese ist zuerst wenig begeistert vom Auftauchen ihrer früheren Freundin. Seit ihrer schwierigen Trennung vor zehn Jahren haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Trotzdem stimmt Sam zu, innerhalb eines Tages das Kleid zu kreieren. In ihrem sich in einer Scheune befindendem Atelier beginnen die beiden Frauen mit der Arbeit an dem neuen Kostüm. Dazu gehört für Sam die Aufarbeitung ihrer gemeinsamen Vergangenheit und Trennung und ein Seelenstriptease von Mother Mary, inclusive eines entfesselten Tanzes zu ihrem neuen Song, der nicht zu hören ist. Denn nur wenn Sam die intimsten Geheimnisse und Gefühle der Trägerin ihres Kleides kennt, kann sie für sie ein spektakuläres Kleid entwerfen.

David Lowerys neuer Film „Mother Mary“ ist kein neuer „Ein Gauner & Gentleman“ oder „Peter Pan & Wendy“, sondern etwas für die Fans von seinen Arthaus-Filmen „A Ghost Story“ und „The Green Knight“, die sich an ein deutlich kleineres Publikum richten.

Er konzentriert die Geschichte auf einen Handlungsort, Sams zur Bühne werdendes Atelier, und zwei Schauspielerinnen mit ausdrucksstarken Gesichtern. Die Ausleuchtung, die Kamera und die Inszenierung betonen deren Physiognomie. Manchmal wirken sie wie Liebende, manchmal wie Geister, manchmal wie Dämonen.

Das Gespräch zwischen Sam und Mother Mary beginnt wie ein normales Gespräch zwischen zwei Menschen, die eine intime Beziehung im Graubereich zwischen gemeinsamer Arbeit und Freundschaft hatten, und die jetzt vielleicht wieder zusammen arbeiten. Nach einem interessanten Anfang wird das Zwei-Personen-Stück zu einer abstrus-unverständlichen Therapiesitzung zwischen Seelenstriptease und Séance, garniert mit von Jack Antonoff, Charli XCX und FKA twigs für den Film geschriebenen Songs.

Am Ende bleibt die Frage, was Lowery in seiner assoziativen Collage erzählen wollte. Zu vieles wird nur angedeutet. Zu vieles bleibt unklar. Zu vieles ist auch nach dem Abspann immer noch offen für jede Interpretation. Als auf bedeutungsschwangere und deshalb beeindruckende Bilder bauendes Musikvideo mit ausgedehnten Dialogszenen funktioniert „Mother Mary“ halbwegs.

Ähnlich wie in „The Green Knight“, seiner Interpretation der Geschichte von Sir Gawain, einem Neffen von König Artus, bewunderte ich die Bilder, war aber emotional und auch intellektuell nie gepackt.

Mother Mary (Mother Mary, USA/Deutschland 2026)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery

Musik: Daniel Hart

Songs: Jack Antonoff, Charli XCX, FKA twigs

mit Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Sian Clifford, Atheena Frizzell, FKA twigs, Jessica Brown Findlay

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Filmportal über „Mother Mary“

Moviepilot über „Mother Mary“

Metacritic über „Mother Mary“

Rotten Tomatoes über „Mother Mary“

Wikipedia über „Mother Mary“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)

Meine Besprechung von David Lowerys „A Ghost Story“ (A Ghost Story, USA 2017)

Meine Besprechung von David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ (The old man & the gun, USA 2018) (mit Q&A-Clips) und der DVD

Meine Besprechung (kurz) von David Lowerys „The Green Knight“ (The Green Knight, USA 2021)