Billiger geht die Rettung der Welt nicht. Mit nur drei Menschenopfern, so behauptet Romain Gavras in seinem neuen Spielfilm „Sacrifice“, kann die Welt gerettet werden.
Das sage eine alte Prophezeiung. Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre fanatisierten Anhänger glauben daran. Sie stürmen eine Charity-Gala, die in Griechenland in einem malerisch abgeschiedenen liegendem alten, teils unterirdischem Steinbruch stattfindet. Dort hoffen sie, ihre Menschenopfer zu finden. Die Gäste der Gala sind eine Mischung aus prominenten Kulturschaffenden und vermögenden Milliardären. Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel, mit Glatze an einen anderen Milliardär erinnernd) stellt seine neueste Erfindung zur Rettung der Welt vor. Wie Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), der sich mit einem ähnlich wirren Auftritt in ein Karrieretief hineinmanövierte, in einer leicht wirren improvisierten Rede ausführt, müsse dafür die Welt noch mehr vernichtet werden.
Danach verschwindet er erst einmal auf die Toilette. Während er durch die Reaktionen auf seinen Auftritt scrollt, nehmen Joan und ihre Gefolgsleute die Gäste als Geisel. Joan beginnt die drei Menschen auszusuchen, die sie für ihre Prophezeiung benötigt: einen Helden, einen Schurken und eine Geliebte. Die Geliebte ist die Musikerin Katie (Ambika Mod), deren Auftritt sie mit ihrer Geiselnahme beendeten. Der Schurke ist, wenig überraschend, Ben Bracken. Fehlt nur noch der Held. Dieser soll durch ein Publikumsvotum herausgefunden werden.
Als Mike den Saal betritt, applaudieren die Charity-Gäste frenetisch. Er ist ihr Held. Er soll für sie in den Tod gehen. Bis Mike, der den Applaus dankbar annimmt, versteht, warum sie ihm applaudieren, ist es schon zu spät.
Zusammen mit den anderen beiden Menschenopfern wird er von Joan in Richtung des kurz vor der Explosion stehenden Vulkans verschleppt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Menschenopfern, die von den Sektenmitgliedern in den Vulkan geschubst werden, darf Mike als Held freiwillig in den Tod springen.
„Sacrifice“ ist eine aus dem Ruder laufende, nicht sonderlich fokussierte, prominent besetzte Kapitalismussatire, in der alle Schauspieler in fotogenen Sets dem Affen ordentlich Zucker geben.
Es geht um die Zerstörung der Umwelt, Kapitalismuskritik, Öko-Terrorismus, durchgeknallte Sekten und abstruse Gedankengebäude zwischen Verschwörungstheorie und Wahnsinn. Vieles wird angesprochen, wenig vertieft.
Das Ergebnis ist kein guter Film, aber ein sympathischer Film. Denn solche Satiren gibt es viel zu selten. Auch wenn vor einigen Tagen die ähnlich gelagerte Satire „Digger“ anlief und sie bislang nicht genug Geld einspielte, um die horrenden Produktionskosten einzuspielen.
Sacrifice(Sacrifice, USA 2026)
Regie: Romain Gavras
Drehbuch: Romain Gavras, Will Arbery
mit Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, John Malkovich, Salma Hayek Pinault, Ambika Mod, Sam Richardson, Yung Lean, Jade Croot, Miriam Silverman, Charli xcx
Um Geheimagenten und ihre Spiele geht es in Steven Soderberghs neuem Film „Black Bag – Doppeltes Spiel“.
Der britische Geheimagent George Woodhouse (Michael Fassbender, bieder mit Michael-Caine/Harry-Palmer-Brille) soll innerhalb einer Woche einen Verräter in den eigenen Reihen finden, der das streng geheime und gefährliche Schadprogramms „Severus“ gestohlen hat. Pikant wird der Auftrag, weil auch seine Frau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett) zu dem Kreis der Verdächtigen gehört und er sie möglicherweise töten muss. Als sein Chef ihn fragt, ob er ein Problem damit habe, verneint Woodhouse. Ob er lügt, wissen wir nach schlanken neunzig Minuten Filmzeit.
Woodhouse kennt auch die anderen vier Verdächtigen. Teils sind er und St. Jean mit ihnen befreundet. Er lädt sie zu einem ersten Abendessen bei ihnen ein.
Die Gäste sind Freddie Smalls (Tom Burke), ein ehemaliges hoffnungsvolles Nachwuchstalent mit chaotischem Privatleben, die junge, sexuellen Abenteuern gegenüber sehr aufgeschlossene Kollegin Clarissa Dubose (Marisa Abela), Dr. Zoe Vaughan (Naomie Harris), die Psychiaterin der Belegschaft, die Kraft ihrer Arbeit alle Geheimnisse kennen sollte, und ihr Liebhaber Colonel James Stokes (Regé-Jean Page). Nicht bei dem Abendessen, aber natürlich auch potentiell verdächtig, ist ihr Vorgesetzter Arthur Stieglitz (Pierce Brosnan).
Und schon beginnt das Spiel, in dem jeder jeden betrügt, jeder mindestens fünf Backup-Pläne hat und munter so viele falsche Spuren ausgelegt werden, dass selbst der geneigte Zuschauer sich irgendwann fragt, ob wenigstens der Drehbuchautor – in diesem Fall Blockbuster-Profi David Koepp („Jurassic Park“, „Mission: Impossible“, „Spider-Man“) – den Überblick behalten hat. Das ist in anderen Agententhriller, wie John le Carrés mehrfach verfilmten Agentenroman „Dame, König, As, Spion“, ähnlich schwierig nachzuverfolgen, und führt, kompetent gemacht, zu zwei gelungenen Kinostunden. Wenn es schlecht gemacht ist, ist der Film ein verwirrender, schnell vergessener Langweiler.
Die Möglichkeit, dass „Black Bag – Doppeltes Spiel“ ein Langweiler wird, ist denkbar gering, weil Langweiler sich nicht im Portfolio von David Koepp und Steven Soderbergh befinden. Einige Fehlschlage, erinnert sei an die letzten beiden „Indiana Jones“-Film für die Koepp die Bücher schrieb (einmal allein, einmal mit anderen Autoren), und missglückte Experimente und überflüssige Filme, wie Soderberghs letzten „Magic Mike“-Film, schon.
„Black Bag“ ist jetzt, nach „Kimi“ und „Presence“, in schneller Folge die dritte Zusammenarbeit von Koepp und Soderbergh.
David Koepp schrieb eine verschachtelte Geschichte, in der es nicht auf Schauwerte und Action, sondern auf die Dialoge und das Spiel der Schauspieler ankommt. Die erste Inspiration für „Black Bag“ hatte Koepp in den neunziger Jahren bei seinen Recherchen für „Mission: Impossible“. Als er mit Spionen über ihre Arbeit sprach, erfuhr er auch, wie schwierig für sie ein normales Leben ist: „All der Spionagekram war für sich genommen schon sehr cool. Noch dazu habe ich aber mehr über die Menschen erfahren, als ich je erwartet hätte. Eine Frau hat mir zum Beispiel erzählt, dass ihre Arbeit es ihr unmöglich macht, eine Beziehung zu führen. Eine Zeile im Film geht auf meine Gespräche mit ihr zurück: ‚Wenn man bei allem lügt – wie soll man dann bei irgendetwas die Wahrheit sagen?‘ Denken Sie mal darüber nach. Wenn man zum Beispiel eine heimliche Affäre beginnen möchte, dann könnte das gar nicht einfacher sein. Man sagt ganz einfach: ‚Ich bin jetzt mal für drei Tage weg. Du darfst mich aber nicht fragen, wo ich hingehe, du hast nämlich keine Befugnis dazu.‘“
Ausgehend von Koepps damals gewecktem Interesse an dem Privatleben der Agenten, nehmen die Beziehungen und damit verbundene Beziehungsprobleme einen großen Raum in der Geschichte ein. Ihr Privatleben, Sex und Beziehungen machen sie potentiell erpressbar. Weil sie nur mit ihren Kollegen über ihre Arbeit sprechen können, sind im Geheimdienst Beziehungen zu Kollegen erwünscht, die natürlich wiederum ausgenutzt werden können. Das trifft auf alle Dinnergäste und die beiden Einlader zu.
Soderbergh inszeniert Koepps Geschichte als elegantes Schauspielerkino mit Starbesetzung. Auf den Humor früherer Filme, wie zuletzt in dem Noir-Gangsterkrimi „No Sudden Move“ (mit dem auch für diesen Film passendem Plakat-Untertitel „Vertrauen ist eine Falle“) oder seine zunehmend spaßigen Ocean’s-Filme, vierzichtet er hier. „Black Bag“ ist ein intellektuelles Spiel mir reduziert spielenden Schauspielern, unterkühlt inszeniert in, für mein Gefühl, durchgängig zu dunklen Bildern.
Black Bag – Doppeltes Spiel(Black Bag, USA 2025)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Koepp
mit Michael Fassbender, Cate Blanchett, Tom Burke, Marisa Abela, Regé-Jean Page, Naomie Harris, Kae Alexander, Ambika Mod, Gustaf Skarsgard, Pierce Brosnan