Neu im Kino/Filmkritik: Über David Lowerys „Mother Mary“

Mai 21, 2026

Künstler! Wenige Tage vor ihrem großen Comeback auf der Bühne wird Pop-Megastar Mother Mary (Anne Hathaway, die aktuell in „Der Teufel trägt Prada 2“ anders mit Bekleidungsfragen beschäftigt ist) von Erschöpfung und Selbstzweifeln geplagt. Nur ein von ihrer ehemaligen Freundin Sam Anselm (Michaela Coel) für den Auftritt geschneidertes Kostüm kann die Show retten. Sam hat auch ihre früheren, inzwischen legendären Bühnenkleider entworfen. Mother Mary fährt zu dem Landsitz der Modedesignerin. Diese ist zuerst wenig begeistert vom Auftauchen ihrer früheren Freundin. Seit ihrer schwierigen Trennung vor zehn Jahren haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Trotzdem stimmt Sam zu, innerhalb eines Tages das Kleid zu kreieren. In ihrem sich in einer Scheune befindendem Atelier beginnen die beiden Frauen mit der Arbeit an dem neuen Kostüm. Dazu gehört für Sam die Aufarbeitung ihrer gemeinsamen Vergangenheit und Trennung und ein Seelenstriptease von Mother Mary, inclusive eines entfesselten Tanzes zu ihrem neuen Song, der nicht zu hören ist. Denn nur wenn Sam die intimsten Geheimnisse und Gefühle der Trägerin ihres Kleides kennt, kann sie für sie ein spektakuläres Kleid entwerfen.

David Lowerys neuer Film „Mother Mary“ ist kein neuer „Ein Gauner & Gentleman“ oder „Peter Pan & Wendy“, sondern etwas für die Fans von seinen Arthaus-Filmen „A Ghost Story“ und „The Green Knight“, die sich an ein deutlich kleineres Publikum richten.

Er konzentriert die Geschichte auf einen Handlungsort, Sams zur Bühne werdendes Atelier, und zwei Schauspielerinnen mit ausdrucksstarken Gesichtern. Die Ausleuchtung, die Kamera und die Inszenierung betonen deren Physiognomie. Manchmal wirken sie wie Liebende, manchmal wie Geister, manchmal wie Dämonen.

Das Gespräch zwischen Sam und Mother Mary beginnt wie ein normales Gespräch zwischen zwei Menschen, die eine intime Beziehung im Graubereich zwischen gemeinsamer Arbeit und Freundschaft hatten, und die jetzt vielleicht wieder zusammen arbeiten. Nach einem interessanten Anfang wird das Zwei-Personen-Stück zu einer abstrus-unverständlichen Therapiesitzung zwischen Seelenstriptease und Séance, garniert mit von Jack Antonoff, Charli XCX und FKA twigs für den Film geschriebenen Songs.

Am Ende bleibt die Frage, was Lowery in seiner assoziativen Collage erzählen wollte. Zu vieles wird nur angedeutet. Zu vieles bleibt unklar. Zu vieles ist auch nach dem Abspann immer noch offen für jede Interpretation. Als auf bedeutungsschwangere und deshalb beeindruckende Bilder bauendes Musikvideo mit ausgedehnten Dialogszenen funktioniert „Mother Mary“ halbwegs.

Ähnlich wie in „The Green Knight“, seiner Interpretation der Geschichte von Sir Gawain, einem Neffen von König Artus, bewunderte ich die Bilder, war aber emotional und auch intellektuell nie gepackt.

Mother Mary (Mother Mary, USA/Deutschland 2026)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery

Musik: Daniel Hart

Songs: Jack Antonoff, Charli XCX, FKA twigs

mit Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Sian Clifford, Atheena Frizzell, FKA twigs, Jessica Brown Findlay

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Mother Mary“

Moviepilot über „Mother Mary“

Metacritic über „Mother Mary“

Rotten Tomatoes über „Mother Mary“

Wikipedia über „Mother Mary“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)

Meine Besprechung von David Lowerys „A Ghost Story“ (A Ghost Story, USA 2017)

Meine Besprechung von David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ (The old man & the gun, USA 2018) (mit Q&A-Clips) und der DVD

Meine Besprechung (kurz) von David Lowerys „The Green Knight“ (The Green Knight, USA 2021)


TV-Tipp für den 24. August: See how they run

August 23, 2025

RTL II, 20.15

See how the run (See how they run, Großbritannien/USA 2022)

Regie: Tom George

Drehbuch: Mark Chappel

London, 1953: im Theater wird der Regisseur von Agatha Christies Theaterstück „Die Mausefalle“ hinterhältig ermordet. Scotland-Yard-Inspector Stoppard (Sam Rockwell) und seine neue Assistentin, Constable Stalker (Saoirse Ronan), ermitteln.

TV-Premiere. Kurzweilige, witzige und bewusst traditionsbewusste Meta-Rätselkrimiunterhaltung mit einem gut aufgelegtem Ensemble und dem Wissen, dass alle die Regeln eines Rätselkrimis kennen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sam Rockwell, Saoirse Ronan, Adrien Brody, Ruth Wilson, David Oyelowo, Reece Shearsmith, Harris Dickinson, Charlie Cooper, Shirley Henderson, Lucian Msamati, Pippa Bennett-Warner, Pearl Chanda, Paul Chahidi, Sian Clifford, Jacob Fortune-Lloyd, Tim Key, Ania Marson

Wiederholung: Montag, 25. August, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „See how they run“

Metacritic über „See how they run“

Rotten Tomatoes über „See how they run“

Wikipedia über „See how they run“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Georges „See how the run“ (See how they run, Großbritannien/USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik (kurz): Über „The Ballad of Wallis Island“

Juli 10, 2025

Nach einem Blick auf sein Bankkonto nimmt Herb McGwyer (Tom Basden) die ungewöhnlich gut dotierte Einladung von Charles (Tim Key) an, auf Wallis Island ein Konzert mit seinen alten Songs zu bestreiten. Erst auf der kleinen, einsam gelegenen Insel mit einem Strand als Schiffsanlegestelle dämmert ihm, dass er nicht vor Menschenmassen, sondern nur vor Charles spielen soll. Außerdem soll er wieder mit seiner früheren Partnerin Nell Mortimer (Carey Mulligan) zusammen singen. Denn der zweifacher Lotto-Gewinner und immer noch trauernde Witwer ist ihr größter Fan und eine Reunion des Indie-Folk-Duos McGwyer-Mortimer ist sein größter Traum. Auch wenn die Reunion nur aus einem Konzert für ihn besteht.

The Ballad of Wallis Island“ ist ein Feelgood-Film mit Musik. Warmherzig, witzig, durchaus kurzweilig, aber auch arg vorhersehbar erzählt James Griffiths die Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei nur vom Alter erwachsene Männer, die lieber weiter in der Vergangenheit leben würden. Gespielt werden sie von den Komikern Tim Key und Tom Basden, die auch das Drehbuch schrieben und dafür ihren Kurzfilm „The One and Only Herb McGwyer Plays Wallis Island“ von 2007 auf Spielfilmlänge ausbauten.

The Ballad of Wallis Island (The Ballad of Wallis Island, Großbritannien 2024)

Regie: James Griffiths

Drehbuch: Tim Key, Tom Basden (basierend auf ihrem Kurzfilm „The One and Only Herb McGwyer Plays Wallis Island“ [2007])

mit Tim Key, Tom Basden, Carey Mulligan, Sian Clifford, Akemnji Ndifornyen

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Ballad of Wallis Island“

Metacritic über „The Ballad of Wallis Island“

Rotten Tomatoes über „The Ballad of Wallis Island“

Wikipedia über „The Ballad of Wallis Island“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Altmodische Rätselkrimiunterhaltung mit „See how they run“

Oktober 27, 2022

Kennst du einen, kennst du alle“ lästert US-Regisseur Leo Köpernick (Adrien Brody) am Anfang von „See how the run“. In Hollywood steht er auf der Schwarzen Liste. In London soll er 1953 Agatha Christies Theaterstück „Die Mausefalle“ verfilmen. Das läuft gerade erfolgreich im Londoner West End. Köpernick führt dann weiter aus, dass selbstverständlich die unsympathischte Person, die mitspielt, ermordet wird, ein Detektiv nacheinander alle Verdächtigen verhört und am Ende wird die Person als Täter enttarnt, die bis dahin die unverdächtigste Person war. Deshalb hat er das Drehbuch nicht gelesen, sondern dem Drehbuchautor sofort die Szenen vorformuliert, die aus der drögen Tätersuche einen spannenden Thriller machen.

Das erklärt Köpernick uns in einer flotten Voice-Over-Montage, in der er uns gleichzeitig die für die spätere Geschichte wichtigen Figuren vorstellt. Sie wurden zur Feier der hundertsten Aufführung des Stückes eingeladen. Dort beginnt er eine Schlägerei mit dem Hauptdarsteller des Stücks. Wenige Minuten später wird unser Erzähler hinter den Kulissen des Theaters ermordet und vom Täter kunstvoll auf der Bühne drapiert.

Dieser Beginn bricht schon einmal in zwei Punkten mit den Konventionen des Rätselkrimis. Danach ist das Opfer nicht der Erzähler der Geschichte. Denn er ist, neben Mörder, die einzige Person, die den Täter kennt. Und in einem normalem Agatha-Christie-Rätselkrimi geschieht der Mord erst in der Mitte der Geschichte. Bis dahin konnten alle sich ausreichend verdächtig machen. In Tom Georges Film geschieht er bereits nach wenigen Minuten.

Danach folgt, entsprechend den Konventionen, der Auftritt des Ermittlers, der sich zuerst einmal mit den Verdächtigen, also mit allen Ensemblemitgliedern und den Gästen der Feier, wozu vor allem der Filmproduzent und der Drehbuchautor, gehören, herumärgern muss. Helfen soll Inspector Stoppard (Sam Rockwell) Constable Stalker (Saoirse Ronan), eine junge, sehr ambitionierte Streifenpolizistin, die sich alles notiert. Alles. Auch, dass sie sich nicht alles notieren soll. Denn es könnte später wichtig sein.

Mit Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ und Rian Johnsons „Knives out“ erlebte der Rätselkrimi im Kino als Starkino eine kleine Renaissance. Vom Buchmarkt war er nie ganz verschwunden; auch wenn diese Cozies bei den Hardboiled-Fans nicht allzu beliebt sind. Im Fernsehen hat der traditionelle Rätselkrimi schon seit Ewigkeiten eine zweite Heimat gefunden. Exemplarisch genannt seien die zahlreichen mehr oder weniger direkt auf Agatha-Christie-Figuren, wie Hercule Poirot und Miss Marple, basierenden TV-Serien und unzählige weitere TV-Serien, wie, um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen, „Death in Paradise“, „Father Brown“ und „Monk“.

So vergnüglich diese Rätselkrimi sind, so unfilmisch sind die langwierigen Befragungen der Verdächtigen. Das sagt auch Köpernick uns, bevor er ermordet wird. Deshalb hatte er dem Drehbuchautor Mervyn Cocker-Norris (David Oyelowo) Rückblenden, Texteinblendungen und viel Action am Filmende vorgeschlagen. Cocker-Norris lehnte das empört ab. Er hätte auch die zahlreichen Split Screens, die Tom George oft einsetzt, abgelehnt.

Gefallen hätten ihm dagegen sicher die zahlreichen Anspielungen auf Agatha Christie, ihr Stück „Die Mausefalle“, auf das Theater, Rätsel- und Hollywood-Krimis. Mit Fakten wird dabei eher lässig umgegangen. Das macht aus „See how they run“ schon ab der ersten Minute einen Meta-Krimi, der seinen Spaß mit den Regeln haben will.

Dabei steht Georges Film, nach einem Drehbuch von Mark Chappel, nicht in der Tradition der aktuellen Kino-Wiederbelebungen des Rätselkrimis, sondern in der Tradition damaliger Filme und TV-Filme. Letztendlich ist in dieser Liebeserklärung an den traditionellen Rätselkrimi alles sehr gemütlich inszeniert. Die Dialoge mäandern immer wieder vor sich hin. Die Pointen sind eher harmlos. Die Morde weitgehend unblutig. Und wenn sich alle zum großen Finale im Haus von Agatha Christie versammeln, wird selbstverständlich Tee gereicht.

Die betuliche Rätselkrimikomödie richtet sich primär an den traditionsbewussten Rätselkrimifan, der nicht verunsichert werden möchte, es aber genießt, wenn die Regeln stilbewusst ein wenig durch den Kakao gezogen werden. Genau deshalb könnte „See how they run“ in einigen Jahren einer dieser Filme sein, die regelmäßig, gerne mit einer „Leiche zum Dessert“, im Fernsehen laufen und jedes Mal wohlwollend aufgenommen werden.

P. S.: „Die Mausefalle“ läuft immer noch im West End und der Mörder ist

See how the run (See how they run, Großbritannien/USA 2022)

Regie: Tom George

Drehbuch: Mark Chappel

mit Sam Rockwell, Saoirse Ronan, Adrien Brody, Ruth Wilson, David Oyelowo, Reece Shearsmith, Harris Dickinson, Charlie Cooper, Shirley Henderson, Lucian Msamati, Pippa Bennett-Warner, Pearl Chanda, Paul Chahidi, Sian Clifford, Jacob Fortune-Lloyd, Tim Key, Ania Marson

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „See how they run“

Metacritic über „See how they run“

Rotten Tomatoes über „See how they run“

Wikipedia über „See how they run“ (deutsch, englisch)