Neu im Kino/Filmkritik: Wie kommt der Dinosaurier zum „The End of Oak Street“?

August 13, 2026

Ein Horrorfilm, ein Neo-Noir und jetzt ein Dinosaurierfilm. Wo ist da, abgesehen von dem Namen des Regisseurs, der gemeinsame Nenner? Alle verraten ein großes Filmwissen. „It Follows“ über einen tödlichen Fluch, der durch Sex weitergegeben wird, gefiel den Horrorfans und den Kritikern. „Under the Silver Lake“ kam beim Kinostart nicht so gut an. Inzwischen wird dieser Zitatfreudige, aus der Zeit gefallene in Los Angeles spielende, sich in der dortigen Kultur suhlende Neo-Noir positiver beurteilt. Sein neuester Film „The End of Oak Street“ ist ein sich etwas seltsam zwischen die Stühle setzender Vorstadt-Dinosaurier-Film. Was wäre, wenn der Jurassic Park nicht auf einer einsamen Insel sondern eines Morgens im Vorgarten einer typischen US-Vorstadt wäre? Und was wäre, wenn eine typische US-amerikanische Kleinfamilie plötzlich gegen Dinosaurier im Vorgarten kämpfen müsste?

David Robert Mitchell, der wie bei seinen vorherigen Filmen auch dieses Mal das Drehbuch schrieb, hält sich nicht mit Erklärungen auf, wie es zu der Zeitreise der Familie Platt, bestehend aus der Hausfrau Denise Platt (Anne Hathaway), ihrem liebevollem Mann Greg (Ewan McGregor) und ihren netten Kinder Brian (Christian Convery) und seiner ältere Schwester Audrey (Maisy Stella), kommt. In der Nacht gibt es plötzlich ein sehr helles Licht. Am nächsten Tag ist die lauschige Vorort ein vom Rest der heutigen Welt abgetrenntes Gebiet mit tropischen Temperaturen und Dinosauriern, aber ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Dieses „Twilight Zone“-Gefühl gibt Mitchell dann schnell zugunsten eines bunten, actionlastigen Siebziger/Achtziger-Jahre-Fantasy-Familienfilms auf. Obwohl der Film 1982 spielt, wirkt er mit den Frisuren und Kleidern seiner Hauptfiguren, der Inneneinrichtung, den kleinen Fernsehern, Denises Polaroid-Kamera und der Abwesenheit von allem, was irgendwie mit Computern und den Achtzigern zu tun hat, wie ein in den Siebzigern spielender Film. In jedem Fall ist es eine Zeit, die heute als gute alte Zeit, in der die US-Gesellschaft noch eine harmonische Gemeinschaft war, verklärt wird.

Mitchell nahm sich für seinen neue Film „The End of Oak Street“ als offensichtliches Vorbild in den siebziger und achtziger Jahren entstandene Fantasy-Filme für die ganze Familie. Auch wenn es bei ihm ab und an etwas drastischer und expliziter zugeht. Er zeigt, wie ein Dinosaurier einem Menschen ein Bein abbeißt. Oder wie zwei Dinosaurier sich einträchtig an ein Haus gelehnt paaren. Das ist ein Moment der Stille, bevor die Menschen wieder schreiend vor Dinosauriern weglaufen.

Die Platts laufen kreuz und quer durch die Oak Street und die anderen Straßen und Abkürzungen in ihrer halb im Wald liegenden Vorstadt. Sie suchen ihren Hund Starbuck und ein Portal, das sie wieder in die Gegenwart zurückbringen soll. Bis auf ein kürzlich mit ihrer Familie in die Nachbarschaft gezogenes Mädchen, treffen sie kaum andere Menschen. Bei der Zeitreise des Ortes in die Vergangenheit scheinen fast alle Nachbarn im Nirgendwo verschwunden zu sein. Die anderen Nachbarn werden sofort zu Dino-Futter oder werfen nur einen kurzen Blick auf die Straße. Letztendlich ist die Oak Street nach der Zeitreise ein seltsam menschenleerer und entsprechend ruhiger Ort.

Sowieso sollte man nicht zu sehr über die doch sehr vorhersehbare und einfache Geschichte von „The End of Oak Street“ nachdenken. Mitchell liefert weitgehend anspruchslose familienfreundliche Unterhaltung im Retro-Design mit Spielberg-Touch.

Wer einfach knappe hundert Minuten zusehen möchte, wie eine vierköpfige Familie mit kleinen Problemen beim Zusammenleben und einem Hund, gegen Dinosaurier kämpft, und die Geschichte nicht zu sehr auf Erklärungen und politische Implikationen abklopft, wird sich gut unterhalten fühlen.

The End of Oak Street (The End of Oak Street, USA 2026)

Regie: David Robert Mitchell

Drehbuch: David Robert Mitchell

mit Anne Hathaway, Ewan McGregor, Christian Convery, Maisy Stella, P. J. Byrne, Chris Coy, Jordan Alexa Davis

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The End of Oak Street“

Metacritic über „The End of Oak Street“

Rotten Tomatoes über „The End of Oak Street“

Wikipedia über „The End of Oak Street“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Robert Mitchells „It Follows“ (It Follows, USA 2014)

Meine Besprechung von David Robert Mitchells „Unter the Silver Lake“ (Under the Silver Lake, USA 2018)


TV-Tipp für den 19. März: Under the Silver Lake

März 18, 2026

ZDF, 00.45

Under the Silver Lake (Under the Silver Lake, USA 2018)

Regie: David Robert Mitchell

Drehbuch: David Robert Mitchell

Los Angeles, 2011: Das spurlose Verschwinden seiner neuen Nachbarin Sarah reißt Sam aus seiner Slacker-Lethargie. Er vermutet hinter ihrem Verschwinden ein großes Verbrechen und eine noch größere Verschwörung.

TV-Premiere. Neo-Noir-Komödie, die wie ein in den neunziger Jahren gedrehter Film wirkt, der mindestens zwanzig Jahre zu spät ins Kino kam. Außer Zitaten nichts gewesen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace, Callie Hernandez, Don McMandus, Jeremy Bobb, Riki Lindholme Zosia Mamet, Jimmi Simpson, Grace van Patten

Hinweise

Moviepilot über „Under the Silver Lake“

Metacritic über „Under the Silver Lake“

Rotten Tomatoes über „Under the Silver Lake“

Wikipedia über „Under the Silver Lake“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Robert Mitchells „It Follows“ (It Follows, USA 2014)

Meine Besprechung von David Robert Mitchells „Unter the Silver Lake“ (Under the Silver Lake, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „Under the Silver Lake“?

Dezember 10, 2018

Sam ist ein archetypischer Slacker: er schlurft durch Los Angeles, verbringt viel Zeit in seinem Apartment, aus dem er demnächst wegen ausstehender Mietzahlungen fliegen könnte, und er beobachtet seine Nachbarn. Zum Beispiel die vollbusige Hippie-Braut, die gerne unbekleidet durch ihre Wohnung streift. Sam ist zwar schon über Dreißig, aber er lebt das Leben eines zwanzigjährigen College-Studenten.

Eines Tages lädt ihn die neue Nachbarin Sarah in ihr Apartment ein. Sie haben Sex. Sam verliebt sich in die gutaussehende Nachbarin. Am nächsten Tag ist sie spurlos verschwunden. In der leergeräumten Wohnung findet Sam ein Zeichen und einen Schuhkarton mit Erinnerungsstücken. Er vermutet ein großes Verbrechen und eine noch größere Verschwörung. Er beginnt sie zu suchen und taucht dabei tief in die Mythologie von Los Angeles und unzählige Verschwörungstheorien, die auch in dem titelgebenden Comic angesprochen werden, ein. Er will herausfinden, was „Under the Silver Lake“ ist und, wie jeder gutsortierte Verschwörungstheoretiker hat er die obskursten Comics, Werbung, Karten und jahrzehntealte Cornflakes-Packungen in seinem Apartment.

Under the Silver Lake“ ist der neue Film von David Robert Mitchell. Sein vorheriger Film, der ungewöhnliche Horrorfilm „It follows“, wurde von der Horrorfilmgemeinde und Kritikern euphorisch aufgenommen. Aktuell schwankt seine Bewertung zwischen Kultfilm und künftigem Klassiker. Nach dem auch kommerziellem Erfolg des Horrorfilms ließen die Produzenten Mitchell bei seinem neuen Werk anscheinend freie Hand. Mitchell nutzte sie, um als Filmfan einen Film für andere Filmfans zu inszenieren, die sich gegenseitig erklären können, welche Filme in welcher Sekunde zitiert werden. Es dürfte schwer fallen, mehr als fünf zusammenhängende Filmminuten zu finden, in denen es keinen Verweis auf andere Filme gibt.

Der Neo-Noir ist allerdings auch ein Film, der mit hundertvierzig Minuten deutlich zu lang geraten ist und dem die ordnende Hand eines Produzenten fehlt. „Under the Silver Lake“ wirkt wie ein im jugendlichen Überschwang geschriebenes Drehbuch, in das einfach alles hineingestopft wurde, was einem wichtig ist. Gleichzeitig wirkt der in der Gegenwart spielende Film (bzw. nach den im Film gezeigten TV-Nachrichten 2011) wie ein Drehbuch aus den neunziger Jahren, das mit einigen Handys, Drohnen und Laptops aktualisiert wurde. Damit positioniert sich Mitchells Werk zwischen Slacker-Komödien, „The Big Lebowski“, „Lost Highway“, „Mulholland Drive“, „Maps to the Stars“ (Cronenbergs Hollywood-Portrait mit Geistern) und, obwohl in den siebziger Jahren spielend, „Inherent Vice – Natürliche Mängel“. Alle diese Komödien und Noirs sind deutlich gelungener, weil sie immer etwas über die Entstehungszeit des Films und, wenn der Film in einer anderen Zeit (oder einer anderen Welt) spielt, über diese Zeit und wie wir sie heute sehen, aussagen.

Mitchels sehr stilbewusste Neo-Noir-Komödie erzählt nichts über die Gegenwart, sondern er wirkt wie ein Film aus den Neunzigern, den damals niemand im Kino sah. Das gesamte System an Referenzen verweist noch weiter in die Vergangenheit: ein wenig siebziger Jahre Freizügigkeit (für einen US-Film gibt es viel nackte Haut) und die vierziger und fünfziger Jahre, mit Anspielungen auf den Film Noir, Alfred Hitchcock und Marilyn Monroe. Und wer will, kann mühelos noch etwas „L. A. Confidential“ James Ellroy entdecken, ehe der Film eine Abbiegung zur Underground-Comickultur nimmt.

Under the Silver Lake“ ist eine Zitatsammlung, die letztendlich nie über die Form eines durchaus sympathischen zwanzig Jahre alten Zettelkastens hinauskommt.

Under the Silver Lake (Under the Silver Lake, USA 2018)

Regie: David Robert Mitchell

Drehbuch: David Robert Mitchell

mit Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace, Callie Hernandez, Don McMandus, Jeremy Bobb, Riki Lindholme Zosia Mamet, Jimmi Simpson, Grace van Patten

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Under the Silver Lake“

Metacritic über „Under the Silver Lake“

Rotten Tomatoes über „Under the Silver Lake“

Wikipedia über „Under the Silver Lake“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Robert Mitchells „It Follows“ (It Follows, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Horrorfilm „It follows“

Juli 9, 2015

Den meisten Kritikern gefällt David Robert Mitchells Horrorfilm „It Follows“. In Cannes war er für den Critics Week Film Prize nominiert. Letztes Jahr lief er hier auf dem Fantasy Filmfest und es gibt auch wirklich einige Punkte, die für den Film sprechen. Aber insgesamt ist „It Follows“ ein schwacher Horrorfilm der mehr verspricht, als er hält und der wegen seiner langsamen Erzählweise die Lücken in seiner Erzählung schmerzhaft offenbart. Auch weil die Teenager sich nicht besonders schlau verhalten.
Nachdem die 19-jährige Jay Sex mit dem sportlichen Hugh, dem neuen Mädchenschwarm in der Schule, hatte, fesselt er sie und erklärt ihr, dass sie ab jetzt von einem Geist verfolgt werde, den nur sie sehen könne, der seine Gestalt ändern könne (er könne auch die Gestalt von Freunden und Bekannten annehmen) und sie töten wolle. Aber der Geist bewege sich langsam, weshalb ihr normalerweise genug Zeit bleibe, um zu flüchten. Und sie könne ihn loswerden, wenn sie mit einer anderen Person Sex habe. Oh, und sie solle das machen, bevor der Geist sie töte. Denn dann würde er sich auf dem Weg zu ihm machen.
Anschließend haut Hugh ab.
Jay hält es zunächst für einen schlechten Scherz, aber dann sieht sie sich seltsam bewegende Menschen und sie fragt sich, mit ihren Freunden, was sie tun soll.
Sie haben dabei viele Ideen, aber auf die nahe liegenste Idee, nämlich dass Jay einfach Sex mit dem erstbesten Mann haben soll und so den Dämon problemlos weiterzugeben kann, kommen sie nicht. Stattdessen versuchen sie ihn wie einen x-beliebigen Stalker zu bekämpfen, bis sie ihn am Ende in eine vollkommen absurde Falle locken.
Sowieso schöpft „It Follows“ das Potential seiner Prämisse nie aus. Denn natürlich hätte Jay nach der Nacht mit Hugh jeden Grund, um richtig paranoid zu werden. Immerhin könnte der Geist in der Gestalt ihres Vaters oder ihrer Freunde auftauchen. Aber vor ihren Freunden hat sie keine Angst. Ebenso könnte Sex hier facettenreicher als in den üblichen Horrorfilmen, in denen Sex immer mit dem Tod bestraft wird, behandeln. Aber dann hätte Mitchell sich auch genauer mit der Herkunft von seinem Geist und was er will, beschäftigen müssen. Zum Beispiel warum er oft wie die Freundin von Hugh aussieht.
Auf der Habenseite des mit einem kleinen Budget (laut IMDB 2 Millionen) gedrehten Films steht die bewusste Orientierung an älteren Horrorfilmen, die nicht durch Blut, sondern durch Atmosphäre Grusel erzeugten. Deshalb wird auch auf Jump-Scares verzichtet. Die Musik ist im ständigen John-Carpenter-Gedächtnismodus und auch die Stimmung erinnert an Carpenters Frühwerke, die ebenfalls für wenig Geld mit unverbrauchten Schauspielern auf der Straße gedreht wurden. So ist „It Follows“ näher am Independent-Kino als an Found-Footage-Experimenten (mit meist hoffnungslos übertrieben spielenden Schauspielern) und Splatter-Orgien.

It Follows - Plakat
It Follows (It Follows, USA 2014)
Regie: David Robert Mitchell
Drehbuch: David Robert Mitchell
mit Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto, Jake Weary, Olivia Luccardi, Lili Sepe
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (hätte eigentlich mit einer FSK-16 gerechnet)

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „It Follows“
Moviepilot über „It Follows“
Metacritic über „It Follows“
Rotten Tomatoes über „It Follows“
Wikipedia über „It Follows“ (deutsch, englisch)